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Der Ausreißer | |
|---|---|
| Autor*in | Lydia Sejfullina |
| Verfasst in | 1925 |
| Verlag | Malik-Verlag A.-G. |
| Quelle | https://projekt-gutenberg.org/authors/lydia-sejfullina/books/der-ausreisser/ |
Der Ausreißer
Malik-Verlag Berlin
Einbandentwurf von John Heartfield
Autorisierte Übersetzung aus dem Russischen von Maria Einstein
November 1925
I.
Er wurde auf der Station gefaßt. Er kaufte Lebensmittel bei den Händlerinnen auf. Er nahm die gewohnte Verhaftung heiter entgegen, zwinkerte dem grauen Mann mit dem Gewehr zu und fragte:
»Wohin führst du mich, Genosse? In die Transporttscheka oder in die Gouvernementstscheka?«
Der Soldat spuckte sogar aus:
»So ein geriebener Bengel! Weiß genau Bescheid!«
Man führte ihn in die Transporttscheka, dann in die Gouvernementstscheka. Dort saß er in Erwartung des Verhörs ruhig auf dem Fußboden. Beim Verhör gab er bereitwillig und guter Dinge Antwort:
»Dein Name?«
»Grigorij Iwanowitsch Peskow.«
»Aus welchem Gouvernement?« Die Stimme des ihn verhörenden Kommandanten klang undeutlich, verächtlich.
»Bin von weit her. Könnte den Weg zurück gar nicht mehr finden. Bin aus Iwanowo-Wosnessensk.«
»Wie bist du nach Sibirien gekommen?«
»Schönes Sibirien das! Bin schon viel weiter gewesen!«
Dabei sah er stolz um sich und musterte die Anwesenden.
»Ja, welcher Teufel hat dich denn aus Iwanowo-Wosnessensk hierhergebracht?«
Er berichtigte gelassen:
»Es war kein Teufel. Es war die Eisenbahn.«
Das lustige Lachen der Soldaten und des Mannes, dessen Feder über das Papier knirschte, beantwortete er, indem er auf den Fußboden spuckte.
»Die Amerikaner haben mich mit der Eisenbahn hergebracht. Sie haben viele Kinder mit Lehrern zur Erholung hierhergeschafft. Wird wohl das amerikanische Rote Kreuz gewesen sein. Mit einem Wort, es waren Amerikaner. Geht mich nichts weiter an. Lenin hat ihnen wohl Geld gegeben und gesagt: ›Füttert die Kinder da ein wenig auf!‹ Nun, und dann kam Koltschak. Manche fuhren weiter, manche starben, ich kam in ein Heim und bin von dort aufs Land geflohen.«
»Was hast du auf dem Lande gemacht?«
»Beim Popen als Knecht gedient. Wenn ich auch mager bin, arbeiten, das kann ich!«
»Hast du auch als Freiwilliger bei Koltschak gedient?«
»Ja. Bin aber bald geflohen.«
»Wie kamst du denn dazu, Freiwilliger zu werden?«
»Als die Roten kamen, flüchteten alle, ich mit. Niemand wollte mich aber haben. Da bin ich unter die Freiwilligen gegangen …«
»Warum bist du vor der roten Armee geflohen? Hattest du Angst?«
»Woher denn Angst! Ich gehöre selbst zur roten Partei. Nur weil alle geflohen sind, bin ich mitgeflohen.«
Die Soldaten fingen wieder an zu lachen. Der Kommandant schrie sie an und befahl:
»Untersucht ihn!«
Ebenso bereitwillig ließ er sich untersuchen, hob die Hände hoch mit gewohnter Bewegung. Die großen, grauen Augen blitzten munter und verschönten wie lichte Sonnenflecken das gelbe, abgezehrte, faltige Kindergesicht, den zerzausten, lausigen Kopf, der die Farbe von schmutzigem Stroh hatte. Im Sack des Jungen fand man einen großen Geldbetrag,
ein Gebetbuch mit versilbertem Deckel, ein Pfund Tee und einige Meter Stoff. Das alles nahm man ihm weg.
»Woher hast du das Geld?«
»Einiges hab ich gestohlen. Einen Teil hab ich mir verdient.«
»Womit verdient?«
»Hab mit Zigarren, Zigaretten gehandelt, hie und da was gestohlen.«
»So ein Frechdachs!« brummte der Kommandant erstaunt. »Wo sind deine Eltern?«
»Vater ist im deutschen Krieg gefallen. Mutter hat andere Kinder gekriegt, fuhr dann irgendwohin, mit dem neuen Mann und den Kindern Brot holen, und mich hatten sie im amerikanischen Zug untergebracht.«
Abermals erwiderte ein blaues Leuchten seiner Augen den trüben Blick des Kommandanten. Der schüttelte den Kopf, wollte schon sagen: »Verlorene Menschenseele«. Doch die leuchtenden Augen Grischkas hielten ihn zurück. Er lächelte, kratzte sich am Kinn.
»Was hast du bei Koltschak getrieben?«
»Nichts. Ließ mich einschreiben und lief dann weg.«
»Also du gehörst der roten Partei an?« erinnerte sich der Kommandant.
»Ja. Erlauben Sie mir eine Zigarette anzustecken?«
»Du müßtest Prügel für dein Rauchen bekommen. Aber rauche nur. Wie alt bist du?«
»Bin am Tage des heiligen Gregors dreizehn geworden.«
»Die Heiligen scheinst du genau zu kennen. Wozu hast du das Gebetbuch mit?
»Der Pope hat darin meinen Vater eingeschrieben. Mein Vater, der im Himmel ist, wird sehen, daß man seiner gedenkt, und wird es dort leichter haben. Mutter hatte vergessen das zu tun, ich aber nicht.«
Der Blick des Kommandanten trübte sich wieder.
»Also Schluß. Wir müssen dich festnehmen.«
»Ins Gefängnis also? Meinetwegen. Das Essen dort ist nicht berühmt. Aber meinetwegen. Werde eben sitzen. Auf Wiedersehen!«
In der Tscheka erinnerte man sich noch lange an Grischka.
Aus dem Gefängnis holte ihn bald die Kommission für minderjährige Rechtsverletzer. In der Kommission gefiel es ihm viel weniger als in der Tscheka. Dort war man lustig, man lachte. Hier aber bedauerten einen alle, auch der Doktor quälte ihn lange.
»Wozu gibt er sich solche Mühe?« wunderte sich Grischka. »Hat meinen Kopf hin und her gemessen, auch die Finger! Wozu braucht er nur mein Maß? …«
Der Doktor hatte ihn auch so häßlich prüfend betrachtet. Vor der Untersuchung wurde Grischka sauber gebadet und gewaschen. Aber der Doktor sah ihn so an, als ob sein Körper noch immer schmutzig sei. Er fragte ihn auch über allerlei Peinliches aus. Das war häßlich von ihm. Grischka hatte viel gesehen und auch selber allerlei Unfug getrieben. Doch darüber brauchte man nicht weiter zu sprechen. Es ekelte ihn, daran zu denken. Er verspürte auch gar keine Lust mehr, wieder so etwas zu machen. Als er vom Doktor herauskam, war sein Gesicht gerötet, die Augen trübe und ohne Glanz. Der Doktor hatte zu viel in ihm herumgewühlt.
Doch abends im Heim für minderjährige Verbrecher gewann er seine Heiterkeit wieder, lobte das Essen.
»Das ist mal was anderes, als das Zeug in der Sowjetküche! Milch! Süßer Brei! Und Fleisch in der Suppe!! Das laß ich mir gefallen!«
Die Nacht war schlimm. Die Jungens kamen nicht zur Ruhe, und der »Lehrer« schrie sie in einem fort an. Irgendwie sah er dem Doktor
ähnlich. Grischka konnte lange nicht einschlafen. Er verstand nicht, warum.
»Was ist mit mir los? Ich bin einfach nicht mehr gewöhnt, auf einem richtigen Kissen zu schlafen. Es stört mich!«
Die ganze Nacht hindurch, halb im Wachen, halb im Schlaf, wurde er von etwas gequält. Er sah die Mutter. Sie kämmte sein Haar und sagte:
»Wachse, Grischenka. Wachse und werde groß, mein Söhnchen! Wenn du groß bist, ruhen wir uns aus. Wirst Geld verdienen, Mutter und Vater versorgen … Du mein Herzenssöhnchen!«
Und sie küßte ihn.
Komisch. Seine Augen waren offen, und oben an der Decke brannte ein Licht. Er wußte, daß dies das Kinderheim war, daß Mutter gar nicht da war. Und doch spurte er ihren Kuß an seiner Wange und hatte Lust zu weinen. Er hüstelte wie ein Erwachsener, hielt das Weinen zurück und drehte sich auf die andere Seite … Bald sah er wieder den Doktor. Erinnerte sich an Weiber. Wieder erfaßte ihn Ekel. Wieder preßte etwas seine Brust zusammen. Er wollte beten, doch er konnte sich nicht mehr an das »Vaterunser« erinnern. Ein anderes Gebet aber kannte er nicht. So quälte er sich die ganze Nacht.
Ein Tag folgte dem anderen. Ein ganz gutes Leben hier, aber sehr langweilig. Morgens erhielt man Frühstück und wurde dann in den großen Saal geführt. Dort wurde vorgelesen. Doch immer langweiliges Zeug. Von einem guten Jungen und einem bösen … Am liebsten hätte er dem guten Jungen einen tüchtigen Stoß versetzt! Dann kamen allerlei Lehrerinnen:
»Kinder, wir machen jetzt ein Spiel und wollen dazu singen! Stellt euch im Kreise auf!«
Und man stellte sich zusammen mit den Mädchen im Saal auf. Die Mädchen tun schön und singen immer dasselbe: Vom Tannenbaum, vom Häschen, vom Laib Brot. Und dann machen sie noch so und dann wieder so mit den Händen, neigen den Kopf auf die eine, dann auf die andere Seite:
»Dort am Abhang, wo die Weiden sich wiegen …«
Zuerst reizte ihn dieses Treiben zum Lachen, dann ärgerte es ihn. Sein Kopf ist doch nicht aus Pappe! Man wackelt und wackelt mit dem Kopf und kriegt es bald satt! Am liebsten sang er noch die »Internationale« mit. Ein schönes, unverständliches Wort: Internationale! Ein Wort für Erwachsene, was anderes als der ewige Tannenbaum!
»Wacht auf, Verdammte dieser Erde!«
Das klang schön. Manchmal hätte er Lust gehabt, ganz allein für sich die Internationale zu singen. Doch manchmal kam ihm auch das langweilig vor. Wegen der »Internationale« hatte er dem Dreckkerl George die Schnauze vollgehauen. Dieser George, das ist so ein Bourgeoissöhnchen, dem irgendeine Tante immer schöne Kuchen bringt. George sagte einmal zu Grischka:
»Du mußt statt ›Wacht auf, Verdammte dieser Erde‹ ›Wach auf, verdammte Judenbrut‹ singen.«
Grischka aber gehörte der roten Partei an. Er wußte, die Juden sind auch Menschen. Damit beschimpfte man die Sowjetregierung, nur um sie zu ärgern. Das ließ er sich nicht gefallen und haute darum dem George die Schnauze voll. Seitdem wurde ihm das Heim noch unerträglicher: Er war für die Sowjetregierung eingetreten, und trotzdem schimpften ihn deswegen die ältere Tante, Sina und Konstantin Stepanytsch aus und nannten ihn »einen kleinen Verbrecher«. Und als im Heim Wäsche verschwand, wurde er mit noch zwei anderen, weil sie alle früher Diebe waren, ins Verhör genommen.
»Diese Dummköpfe! Hab ich nötig, hier zu stehlen? Bekomme ja gutes Essen! Was ist dabei, wenn wir früher gestohlen haben? Jeder wird stehlen, wenn sein Bauch leer ist. Wenn ich einmal von hier fortmache, dann stehle ich wieder!«
Der Gedanke wuchs: Fliehen! Weil es hier so langweilig ist! –… Man hatte ihnen versprochen, sie ein Handwerk zu lehren. Doch man tat es nicht. Man sagte, es fehle an Handwerkszeug. Er aber hatte es satt, immer und immer wieder ›Applikationen‹ aus Papier auszuschneiden. Einmal schnitt er eine große Menge solcher ›Applikationen‹ aus, klebte sie in der Toilette an die Wand und schrieb mit Bleistift darunter:
»Dieser Anblick gibt frischen Mut, wenn der Mensch sich erleichtern tut. Grigorij Peskow«.
Sonst war seine Schrift schlecht und schief, diesmal aber waren ihm die Buchstaben gut gelungen. Seitdem liebten ihn die Erzieher nicht mehr. Als ob ihm das nicht ganz gleich wäre! Dieser rothaarige Konstantin Stepanytsch hatte nur Interesse für Guitarre und Photographieren. Er hatte sie alle aufgenommen, der rote Teufel. Er darf die Kinder nicht hauen, doch er sticht einen mit den Augen, wie mit Schlangenbissen,
und sieht einen immer so an, als wollte er einen beriechen: »Was für einer bist du?« Er selber raucht im Zimmer zum offenen Fenster hinaus. Den Kindern aber sagt er:
»Ein rechter Kerl raucht nicht.«
Grischka kümmert sich einen Dreck um's Rauchen! Er hat auch schon lange nicht mehr geraucht, hat es sich abgewöhnt und spürt keine Lust mehr dazu. Wenn aber Konstantin Stepanytsch das ewige Lied vom Rauchen beginnt und nicht aufhören will, zu schnüffeln und auszufragen: »Wer hat hier geraucht?« dann überkommt ihn die Lust, nun gerade eine Zigarette anzustecken. Und Tante Sina, die alle Kinder »Herzchen« nennt und ihnen den Kopf streichelt! So eine klebrige Person! Hat gar keine Lust dazu und streichelt doch! Und setzt einem mit ihren langen Reden zu:
»Das ist nicht schön, mein Herzchen! Man hat dich hier fein untergebracht, gibt dir gut zu essen und zu trinken, und du mußt dankbar sein, mein Lieber. Die Knöpfchen muß man alle schließen und das Haar ordentlich kämmen. Du bist ja schon groß. Möchtest du nicht, daß ich dir was vorlese? Willst du nicht etwas malen?«
So eine honigsüße Hexe! Und dann noch die
ewigen Enqueten, mit denen sie einen quält! Jeden Tag soll man da schreiben, was man liebt, was man nicht liebt, was man möchte, welches Buch einem gefällt. Das letztemal brachte Grischka Tante Sina bei so einer Gelegenheit in große Wut. Er wollte keine Fragen beantworten und schrieb:
»Keen Enketten hab ich gern und wünsche nicht.«
Sie wurde ganz weiß im Gesicht, lächelte leise, spitzte die Lippen und sagte mit dünner Stimme:
»Dich lieb ich gar nicht. Du bist ein ungehorsamer Junge.«
Seinetwegen brauchte sie ihn nicht zu lieben. Mag sie ihren George lieben. Der kämmt sich ordentlich das Haar, zieht saubere Linien aufs Papier, beantwortet alle Fragen. Doch kaum dreht ihm Tante Sina den Rücken, macht er gleich was sehr Unanständiges hinter ihr her. Die Mädchen sind alle dreckig. Sie haben von Tante Sina gelernt, mit dünnen Stimmchen zu sprechen und immer schön zu tun. Im geheimen aber treiben sie schmutzige Sachen mit den Jungen. Nur Manjka aus dem Bergwerk geht noch an. Sie singt traurige Lieder und liest gern Bücher. Doch sie ist blaß wie Wachs und
hustet ununterbrochen. Ist kränklich. Grischka sprach auch mit ihr nicht. Er hatte die Mädchen genügend kennengelernt und liebt sie nicht. Grischka liebt keinen Menschen. Alles ist ihm zuwider: Die Schlafstube, wo auf jedem Bett die gleiche Decke liegt, das Eßzimmer mit den neuen Tischen aus frischem Holz. Fliehen!
Das Kinderheim war in einem Kloster untergebracht. Vor dem Tor hielt ein Soldat Wache. Grischka dachte: Stimmt! Wir sind Rechtsverletzer! So steht es über uns geschrieben: ›Minderjährige Rechtsverletzer‹. –… Das klingt fein. Einfach heißt es: ›Diebe, Zuchthäusler‹, aber gebildet heißt es: ›Rechts-ver-le-tzer‹!
Der Name klang ebenso schön wie ›Internationale‹. Grischka war auf den Namen und auf die Wache vor dem Tor stolz gewesen. Doch jetzt störte ihn die Wache, da er fliehen wollte.
Der Frühling nahte. Wenn Grischka ins Freie kam, übermannte ihn Sehnsucht. Seine Nüstern bewegten sich wie bei einem Hund, und er bekam Lust, wie ein Vogel zu fliegen. Die Sonne wurde gütiger, wärmte mild. Der Schnee wurde weich. Das Wasser in dem schmalen Graben war nur noch mit einer ganz dünnen Eiskruste
bedeckt. Die Schlitten knirschten nicht mehr über dem Schnee, sondern lärmten holperig. Die Pferdehufe klangen nicht mehr »tuk-tuk«, sondern »tschwak-tschwak« … Die Zweige der Bäume waren nackt und dünn. Im Herbst waren sie von toten Blättern, im Winter von Schnee beschwert. Jetzt hatten sie alles von sich geworfen, wurden leicht, beschwingt, wie nach einer langen, gut überstandenen Krankheit, sogen wonnig die Luft ein, baten den Himmel um Wasser. Die Jungen freuten sich des Frühlings, lärmten und schrien den ganzen Tag im Klosterhof. Wenn man nur fliehen könnte! Wenn man doch wenigstens draußen im Hof spielen könnte, wie man Lust hat! Aber so immer Reigen mit den Lehrern aufführen, danke!
Im Klosterhof wohnten Nonnen. Man hatte ihnen einen Teil der Räume weggenommen, sie aber noch nicht ausquartiert. Morgens und abends läutete traurig die Glocke. Schwarze Schatten tauchten dann aus den Winkeln hervor und bewegten sich leicht und gemessen, als ob sie schwömmen, der Kirche zu. Die Kirche stand an dem einen Hofende; ihr Hauptportal führte auf die Straße. Wenn die jungen und alten Nonnen in die Kirche gingen, sahen sie
wie leblose Gestalten aus. Ganz anders waren sie am Tage, wenn sie geschäftig hin und her über den Hof und in die Bäckerei liefen. Da waren sie lebendige Frauen, die sich mit den Jungens zankten, kreischten. Den Kindern machte es Spaß, sie zu necken. Sie spuckten in den Brunnen. Einmal hatten sie die Kirchentüre aufgemacht und hineingeschrien:
»Lenin, Trotzki, Sownarkom!«
Die Nonnen beklagten sich beim Gouvernementskommissariat für Volksbildung. Seitdem führten die Kinder mit ihnen offenen Krieg. Das machte das Leben lustiger.
II.
Immer gieriger trank der Frühling den Schnee. Die Türe der Kirche stand offen. Die sonndurchtränkte Luft brachte Frische in das düstere Kirchengewölbe. Wenn sie aus der Kirche wieder herauskam, brachte sie die klagenden Gebete der Menschen mit, denn es waren die großen Fasten. Die Menschen weinten vor den himmlischen Toren, in die man keinen Einlaß fand. Immer öfter huschten die Nonnen wie Schatten zur Kirche. Immer längere Stunden schrien sie zu Gott im Taumel der Buße. Und diese geräuschlosen, schwarzen Schatten auf dem
lichten Antlitz des Frühlings, die feierlichen Betgesänge, der aufwühlende Lärm des Frühlings auf der Straße, das alles brachte Grischka aus dem Gleichgewicht. Zwar waren die Erzieher mit ihm zufrieden, denn er ließ gehorsam alle Lernstunden über sich ergehen und verhielt sich ruhig. In solchen Stunden waren seine Augen ganz leer. Grischka zog sich immer mehr auf sich selbst zurück. Nachts wachte er auf und dachte an die Freiheit. Fliehen war schwer. Sechs der älteren Jungen hatten die Äbtissin bestohlen und waren geflohen. Doch sie wurden gefaßt. Bei der Festnahme leisteten sie Widerstand. Es waren große Bengel, denen schon der Schnurrbart wuchs. Man steckte sie in ein Konzentrationslager, wo sie arbeiten mußten. Man begann das Kinderheim strenger zu bewachen. Man verstärkte die Wachen durch einen Agenten der Tscheka und vermehrte die Zahl der Erzieher. Doch ein Zufall kam Grischka zu Hilfe.
Der Krieg zwischen den Kindern und Nonnen wurde immer erbitterter. Die Zusammenstöße brachten Leben in den traurigen Lauf der Tage. Damit füllten die Kinder ihr Leben in diesem Gefängnis aus, in dem man zu viel Muße hatte und sehr gutes Essen bekam. Eines Tages wurden
fünfzig neue Kinder aus dem Gefängnis ins Heim gebracht. Die Nonnen mußten ausquartiert werden. Man machte für sie ein großes, zweistöckiges Haus frei, jenseits des Flusses, an der Peripherie der Stadt. Man forderte sie auf, umzusiedeln. Die Nonnen nahmen den behördlichen Beschluß gehorsam entgegen. Doch im geheimen beklagten sie sich bitter.
Jeden Morgen hielt irgendein Bauernwagen in einiger Entfernung von der Klostermauer an. Manchmal waren es zwei, drei Wagen. Mit schuldbewußter Miene schritten Bauern oder ihre Frauen zum Klostertor, verhandelten demütig bittend mit der Wache, schlüpften dann in den Hof. Dort vernahmen sie das Echo eines neuen, ihnen unbekannten Lebens. In der Luft schwirrten die Worte ›Genosse‹, ›Rechtsverletzer‹, ›Kinderheim‹. Das altbekannte Klosterleben hielt sich in der Tiefe des Hofes versteckt. Um zu den kleinen Nonnenhäuschen zu gelangen, die dort standen, mußte man an lärmenden und auch an schweigsamen Kindern vorbei, in deren Augen eine Frage stand. Bei den Nonnen wurde man von Heiligenbildern und von dünnen, gerührten Stimmen empfangen. Vor diesen Besuchern, die ihre heimlichen Gaben mitbrachten, schütteten die Nonnen
ihr Herz aus. Seit der Revolution bezeichnete sich die Äbtissin in allen offiziellen Schriftstücken als »Vorsteherin der klösterlichen Arbeitsgemeinschaft, die demütige Eulalia«. In der Kirche vor der versammelten Gemeinde der Gläubigen predigte sie politische Demut, da »jede Regierung von Gott eingesetzt sei«. Doch jetzt riß auch ihr die Geduld. Sie klagte ihrem weltlichen Bekannten, Herrn Astafjew, dem früheren Besitzer zweier Kinos, der dem Kloster große Schenkungen zu machen pflegte und auch jetzt, obwohl im Gouvernementsverband angestellt, das Kloster nicht vergaß:
»Man jagt uns aus dem Hause Gottes.«
Durch alle Familien, in denen man Gott noch nicht vergessen hatte, eilten Gerüchte:
»Die Nonnen werden ausquartiert!«
»Das Kloster soll ein Theater werden.«
»Man nimmt die kostbaren Rahmen von den Heiligenbildern ab.«
»Man hat die Gefäße aus dem Tabernakel in die Gouvernementstscheka gebracht …«
»Die Äbtissin hat man in der Tscheka gefoltert.«
Aus den Häusern gelangten diese Gerüchte auf den Markt. Der Markt fand auf dem Platz neben dem Kloster statt. Am Tage der Übersiedlung
hörten die Markthändlerinnen nicht auf, sich zu bekreuzigen. Eine war von dem bevorstehenden Ereignis so in Anspruch genommen, daß ein Käufer sie um dreitausend Rubel betrog. Sie bejammerte die Nonnen, wehklagte, und weibische, kreischende, sinnlose Schimpfereien mischten sich in ihre frommen Betrachtungen.
»Himmlische Mutter Gottes! Heilige Jungfrau Maria! … Der Teufel soll ihn holen! … Wirft mir das Geld zu und macht sich aus dem Staube! Verfluchter Kommunist! … Judenbrut! … Heiliger Nikolaus … Die christlichen Gebete passen ihnen nicht! … Wie Teufel fürchten sie den Weihrauch! … Die Bräute Christi … Unsere lieben Mütter … wohin sollen sie jetzt! Diese Räuber, dieses Antichristenpack … Was sagt man da? … Ich seh mich um, der Mensch ist verschwunden … Noch eben war er da … Na, warte! Ich hab mir deine Fratze genau gemerkt … Wenn ich dich kriege …«
Die Bauern hielten ihre Zungen mehr im Zaum, doch auch sie verließen den Platz nicht, obwohl der Markt zu Ende war. Sie rückten mit ihren Pferden und Wagen näher an die Klostermauer heran.
Die Wagen für die Nonnen waren vorgefahren. Das große Tor wurde geöffnet. Die Wache stellte sich davor. Eine bunte, wogende Menge strömte herbei. Mutter Eulalia schritt aus dem Tor, unter ihrer Nonnenhaube hervor scharf um sich blickend, groß und stolz. Vor dem Tor blieb sie stehen, wandte sich ohne Hast dem Heiligenbilde zu, das über dem Tore hing, und verneigte sich davor tief bis zur Erde. Die Frauen in der Menge begannen zu schluchzen. Bevor die Äbtissin in den Wagen stieg, verneigte sie sich wieder nach allen vier Himmelsrichtungen. Ihr Gesicht blieb streng, als wäre sie von einem Heiligenbild herabgestiegen. Wie schwarze Schatten folgten ihr die Nonnen und machten ihr alles genau nach. Die in der blauen Frühlingsluft scharf umrissenen Gestalten weckten Trauer ringsum. Eine Frau stürzte zu den Nonnen hin, laut schreiend:
»Ihr, unsere lieben Mütter! Unsere Fürbitterinnen! Vergebt uns um Christi willen!«
Eine andere Frau folgte ihrem Beispiel, schrie noch lauter:
»Wohin jagt man euch aus dem Gotteshaus?«
Eine dritte warf sich zu Boden, direkt vor die Füße der Pferde am Wagen der Äbtissin. Der
Hahn, den sie in der Hand hielt, benutzte die Gelegenheit und lief davon.
»Seid uns nicht böse! Verklagt uns nicht beim Herrgott!«
Die drei Frauen heulten herzzerreißend. Ihnen gesellten sich andere zu. Das Geheul lockte Passanten an. Ein berittener Soldat mit einem Bündel in der Hand hielt sein Pferd im vollen Galopp an und erstarrte in Neugier. Die Händlerin Filatowa überließ ihren Kuchenstand seinem Schicksal und stürzte zu dem Soldaten:
»Warum beschimpft ihr den christlichen Glauben? Ihr werdet eure Strafe bekommen! Wartet nur, die Strafe wird kommen!«
Das Geheul der Weiber brachte Unruhe in die Menge. Die Männer brummen:
»Wir lassen das Kloster nicht zerstören!«
»Wem haben die Nonnen geschadet? Wem haben sie was getan?«
Der bewegliche, grauhaarige Lehrer der früheren Kirchenschule, der auch Kirchenvorstand war, tauchte neben den Bauernwagen auf. Seine zitternde, alte Stimme schrie:
»Wo bleibt denn die Gewissensfreiheit? Wo bleibt die von der Regierung proklamierte Gewissensfreiheit?«
Mitgerissen, schrie die Menge:
»Das Recht wird mit Füßen getreten!«
»Man muß eine Klage an Lenin schicken!«
»Das ist ja nur die Willkür der hiesigen Behörden!«
»Diese Gotteslästerer: In der jüdischen Synagoge haben sie niemand einquartiert! Aber im rechtgläubigen Kloster haben sie Strolche untergebracht! Sonst nirgends! Nur im rechtgläubigen!«
Unterdessen schaute schon eine lärmende Schar dieser »Strolche« aus dem Hof heraus. Mit geweiteten Augen starrten sie auf die Menge, genossen lustig die Skandalszenen, liefen vor den Füßen der Erwachsenen wie kleine Hunde hin und her. Grischka vergaß seine Traurigkeit und die Gedanken an Flucht. Seine grauen Augen leuchteten, sein Kopf wackelte vor Begeisterung.
»Komisch, das! … Die Weiber heulen … Die Bauern haben rote Gesichter … Und die Nonnen … Wie aufgezogene Puppen! Verneigen sich rechts, verneigen sich links. Und haben die Lippen zusammengepreßt. Sind böse!«
Tief zog er Luft in die Lungen und rief lustig und frech hinter der Äbtissin her:
»Du dreckige Hexe mit deinem schwarzen Schwanz!«
Die Weiber antworteten mit wildem Geschrei:
»Dieser kleine Strolch beschimpft unsere Mutter!«
»Beleidigt unsere Fürbitterin!«
Man hätte Grischka zertreten. Doch der Soldat faßte ihn am Kragen und schmiß ihn zurück an die Klostermauer. Er selbst kam erst jetzt zur klaren Besinnung. Bis dahin war er vom Anblick der tobenden Menge so gefesselt, daß er alles vergaß. Auch der andere Soldat griff ein. Er rief in den Hof:
»Telephoniert in die Stadt! Man soll Polizei herschicken!«
Doch in der Stadt hatte man von dem Vorfall schon gehört. Aus allen Richtungen kamen Berittene dahergesprengt.
»Auseinandergehn! … Auseinandergehn! …«
»Bürger! Wer nicht zum Kloster gehört, zurücktreten! … Zurück!«
Eine Nonne schrie durchdringend auf und fiel zu Boden. Ein Berittener stürzte ihr zu Hilfe.
»Helft der Mutter in den Wagen! … Faßt sie unter! So! Legt sie hin! Vorsicht! … Bürgerin Äbtissin, steigen Sie bitte ein! Helft der Bürgerin einsteigen!! So, so!«
Ein Glaser, der eingeklemmt in der Menge stand und die Sache komisch fand, lachte laut auf:
»Siehste wohl? Der Soldat macht der Nonne den Hof!«
Das Lachen steckte auch andere an:
»Hahaha! Auch die Nonnen lassen sich gerne den Hof machen …«
»Möchten auch tänzeln und scharwenzeln! Hahaha!«
»Verdammte Biester! Mit euren losen Zungen! Unsere Mütterchen! Unsere Fürbitterinnen!«
»Hihihi! Tantchen, heul' mir noch was vor für'n Groschen! Kriegst einen Zehnrubelsowjetschein!«
»Lästerer! Verfluchte!«
»Wollen Sie sich nicht etwas anständiger ausdrücken? Gehn wir, Manja!«
»Hiiii! Gehn wir, Manja! Hat 'nen Glockenrock angezogen und will das gnädige Fräulein spielen! … Die feine Dame!«
»Schau, die Nonnen verladen jetzt ihr Eigentum.«
»Was die für ein Gepäck haben! Und nennen sich arm!«
»Schau nur die Riesenkisten an!«
»Man hat bei der Äbtissin im Keller einen Topf voll Gold gefunden!«
»Hundert Meter Stoff!«
»Das wollen Märtyrerinnen sein? Man setzt
sie doch nicht auf die Straße! Beten und fasten können sie auch im neuen Hause! Nicht wahr, Wassja?«
»Ich bin Kommunist. Ich finde die Anordnungen des Exekutivkomitees ganz richtig!«
»Ich bin nicht Kommunist, aber ich begreife wohl! Man muß die Kinder irgendwo unterbringen. Das versteht sich von selbst!«
»Natürlich! Soll man die Kinder zugrunde gehn lassen? Die Nonnen wollen Dienerinnen und jegliche Bequemlichkeit haben. Sollen deswegen die Kinder auf der Straße bleiben?«
»Und die Waisen? Soll man die etwa ins Wasser werfen?«
»Auseinandergehn! … Zurück, Bürger! Zurück!«
Die Nonnen schürzten ihre Röcke und luden geschäftig ihr Gepäck auf die Wagen. Ihre Ähnlichkeit mit Heiligenbildern war dahin. Ein Brummen ging noch durch die Menge, doch in ihren Gesprächen war nichts mehr von einem Mitgefühl mit den Nonnen zu merken. Grischka löste sich leise von der Mauer und verschwand in der Menge.
III.
Einmal auf einer Station hatte ein Bauer von seinem Leben erzählt, in wieviel verschiedenen Städten er sich herumgetrieben hatte. Und hatte gesagt: »Bin unter einem unruhigen Planeten geboren!« Damals lachte Grischka über diesen Ausdruck. Er lachte, weil die anderen lachten, verstand ihn aber nicht. Jetzt erinnerte er sich an diese Worte und wandte sie auf sich an:
»Ich bin unter einem unruhigen Planeten geboren.«
Die Kinder im Heim bekommen jetzt ihre Brote zum Tee, er aber zieht durch die Straßen und hört auf das Knurren in seinem Bauch. Zurück ins Heim, dazu hat er keine Lust. Aber sein Bauch benimmt sich sehr unvernünftig! Ein, zwei Tage ertrug er den Hunger mit Geduld, dann war es zu quälend. Ihre Vorräte waren alle dahin! Alles war verzehrt. Sie hielten sich zu sechs auf dem Friedhof versteckt. Grischka hatte fünf Mann ausfindig gemacht, die zusammen mit dem Kutscher die Vorratskammer der Abteilung für Volksbildung ausgeräumt hatten und von der Aufnahmestelle entflohen waren. Der Friedhof diente ihnen als Unterkunft für die Nacht. Die fünf anderen
hatten Geld gehabt, Grischka selbst verkaufte sein Hemd und seine Hose. Den guten Mantel aus dem Heim tauschte er gegen einen viel schlechteren um und bekam etwas Geld darauf bezahlt. Jetzt war aber das ganze Geld fürs Essen ausgegeben. Am Tage konnten sie ohne Furcht in der Stadt betteln. Wer sollte ihn auch suchen? Jeden Tag wurden neue Kinder ins Heim gebracht.
Nur wenn man zufällig auf einen bösen Menschen stößt, –… der läßt nicht locker:
»Wer bist du? Woher bist du?«
Ein guter Mensch geht seines Weges, denkt an seine eigenen Geschäfte und schaut Grischka gar nicht an …
Heute war ein schlimmer Tag. Grischka hatte lange vor der Sowjetküche gestanden, doch niemand hatte ihm eine Karte gegeben. Sonst erlaubte man ihm, wenn er keine Karte hatte, in der Kinderküche die Reste von den Tellern zu essen. Heute aber jagte man ihn davon. Man erwartete irgendeine Revision.
Grischka versuchte es in einem Hause:
»Geben Sie mir was um Christi willen! … Mein Vater ist gefallen, meine Mutter im Krankenhaus am Typhus gestorben.«
Doch man jagte ihn davon.
»Geh, bettle bei deinen Kommissaren! Die haben eure Brut angepflanzt. Die sollen euch auch ernähren.«
Diese Worte kamen Grischka merkwürdig vor:
Haben denn die Kommissare uns gepflanzt? Unsere Mütter und Väter haben uns in die Welt gesetzt und den Kommissaren die Sorge um uns überlassen. Aber was soll man mit Dummköpfen sprechen! –… Sein Hunger ist aber groß, und die Küchen werden bald geschlossen. So eine Lage!
Vor Ärger gab er einem Baschkirenjungen, der auch vor der Küche stand, eine Ohrfeige. Doch der war geschickt und boxte Grischka in den Bauch. Grischka stöhnte, holte Atem und ging weiter.
»Genosse … geben Sie mir 'ne Kleinigkeit, um Brot zu kaufen …«
»Mach, daß du weiterkommst! Vor dem Bettelpack kann man sich kaum mehr helfen!«
»Schau einer den feinen Herrn an mit der Mappe! Schmutziger Geizhals! Fettwanst!«
Grischka sah einen Jungen, der mit Zigaretten handelte, ging auf ihn zu:
»Was kostet das Stück?«
»Mach, daß du weiterkommst! Die Zigaretten sind nicht für so einen wie du.«
Grischka kniff die Augen zusammen.
»Tu dich nicht so! Vielleicht habe ich sogar zehntausend Rubel!«
»Quatschkopf! Zeig doch die zehntausend Rubel!«
»So siehst du aus! Ich habe vielleicht schon mehr Geld gesehen als du.«
»Gesehen vielleicht! Gehabt hast du keins. Mach, daß du weiterkommst, sonst hau ich dir eine!«
»Na los doch!«
»Nimm dich in acht!«
»Na los doch endlich!«
»Nimm dich ja in acht!«
Sie standen mitten auf dem Trottoir, bereit, aufeinander loszuspringen. Da trat eine Dame dazwischen:
»Was ist? Womit handelst du, Junge?«
Der Junge hatte die Schachtel mit den Zigaretten offen in der Hand und sagte dummerweise:
»Beste Sorte. Wieviel gefällig? Zehn Stück?«
Die Dame faßte ihn am Ärmel:
»Komm mit zur Miliz! Hast du nichts von dem Verbot der Kinderspekulation gelesen?
Bist du Analphabet? Komm, wir wollen deine Eltern ausfindig machen!«
Der Junge sträubte sich, doch sie zog ihn mit. Grischka gab schleunigst Fersengeld. Fast wäre er mit reingefallen! Ein Glück nur, daß die Dame nicht so gerissen war, sonst hätte sie auch ihn gefaßt! Das war ein böser Tag! …
Der Abend nahte. Der Himmel wurde düster, grau. Nur ein lustiger Rosastreifen war noch zu sehen. Doch auch der wärmte nicht mehr. Die Menschen eilten in ihre Häuser. Der Wind wurde grimmiger.
Grischka konnte vor Hunger kaum noch gehen. Doch es war nichts zu machen. Er schleppte sich zum Friedhof. Der lag zwischen Stadt und Bahnhof. Er war von einer Mauer umgeben, doch das Tor schloß nicht. Die Bäume knarrten im Winde. Der Schnee war noch nicht ganz geschmolzen, denn nachts war es noch kalt. Doch in ihrer Höhle, die sich in einer Mauerecke befand, war es nicht so kalt. Zweimal hatten sie sogar gewagt, ein Feuer anzuzünden. Doch das durfte man nicht oft machen, das hätte sie verraten können.
Traurig seufzend langte Grischka bei den Seinen an. Da erwartete ihn eine Freude. Die Kinder hatten Lebensmittel aufgetrieben und
auch für Grischka was übriggelassen. Die zwei Mädchen begannen vor Sattheit sogar ein Lied zu singen. Die vier Jungen aber tauschten gegenseitig die Erlebnisse des Tages aus. Sie mußten in der Höhle dicht beieinander sitzen. Es war eng darin, dafür aber war es um so wärmer, und man brauchte sich nachts nicht so zu fürchten. Der Friedhof jagt einem Gruseln ein des Nachts. Wenn der Wind rauscht und es ganz dunkel ist, dann geht es noch. Wenn aber der Mond vom Himmel herabstarrt und alles ganz still ist, dann wird es unheimlich. Weit in der Ferne, wo die Lebenden sind, bellen Hunde. Der Friedhof aber ist still, ein richtiges Grab. Es scheint ihnen dann, als ob sich jemand in der Nähe versteckt hätte; er hat die Lippen fest zusammengepreßt, um nicht zu atmen, und starrt sie an. Wenn sie dann den Kopf aus ihrer Höhle herausstecken, sehen sie die vom Mond beschienenen Kreuze. Wie erstarrt stehen sie und die Denksteine da, wie auf der Lauer und drohend. Heute ist die Nacht dunkel und windig. Der Wind weht etwas vom lebendigen Leben der Stadt herüber. Der sommersprossige Wasjka, wenn er satt ist, erzählt immer Geschichten. So auch heute. Die Mädchen wurden still und lauschten.
Die Jungens hatten davon gesprochen, daß manchmal Lebende begraben würden. Darüber wußte Wasjka eine Geschichte:
»Ich will euch, Kameraden, eine Sache erzählen. Es geschah in einer Stadt … Da war so ein Fräulein. Die hatte das Gymnasium oder vielleicht das Realgymnasium besucht … Eines Tages kommt sie nach Hause, macht ›Oh‹ und ›Ah‹ und verdreht die Augen und so weiter … ›Ach, Papa! Ach, Mama! Ich sterbe!‹ Man sieht sich nicht um und bums, schon liegt sie auf der Erde. Mama stürzt zu ihr, Papa stürzt zu ihr, doch sie weiß nur eins zu sagen: ›Ich sterbe!‹ Natürlich schickte man sofort nach dem Doktor. ›So und so, Herr Doktor, sie stirbt‹. Der Doktor versucht sie zu retten, gibt ihr Limonade und Schokolade, doch sie hat nur eine Antwort: ›Ich sterbe!‹ Bums, sie hört auf zu atmen. Da fuhr der Doktor natürlich weg. Die Mutter heulte, heulte und legte sie dann in den Sarg. Und sie wurde begraben. Natürlich auf dem Friedhof. Sie lag dann, lag dann –… und begann sich zu bewegen. Der Friedhofswärter hört, im Grab bewegt sich was. Er lauschte, lauschte und lief dann zu den Eltern des Fräuleins. Die riefen Leute zusammen, gruben das Grab wieder auf, doch das Fräulein war schon zum zweitenmal
tot. Aber man sah, sie hatte sich im Grab bewegt. Ein Bein hatte sie unter das andere geschoben. Der Doktor sagte da, sie wäre im lethargischen Zustand gewesen. Man hat darüber sogar in der Zeitung geschrieben. Ich hab damals meine Mutter und meinen Vater gebeten: Laßt mich nicht begraben, eh ich nicht durch und durch verwest und verfault bin. Soo –….«
Die Kinder lauschten mit verhaltenem Atem. Als er fertig war, heulte die dämliche Polka los:
»Angst!«
Grischka suchte sie zu beruhigen:
»Dumme Gans, was heulst du? Wasjka hat ja nur geschwindelt.«
Wasjka aber beteuerte:
»Mein Wort drauf! Stand alles in der Zeitung geschrieben! Sie hat das Gymnasium oder das Realgymnasium besucht.«
Petjka, ebenso alt wie Grischka, doch herrschsüchtig und streng, schrie sie an:
»Heul nur so, dumme Ziege. Wenn der Wächter dich hört und herkommt, wirst du noch ganz anders heulen. Und du, Wasjka, hör auf mit deinem blöden Geschwätz!«
Wasjka wurde wütend:
»Geschwätz? Stand alles in der Zeitung. Ich
hau dir eine runter, dann glaubst du mir schon!«
In diesem Augenblick knallte es im Walde: Bum! Bum! Gleich hinter dem Friedhof begann der Wald.
Die Kinder wurden still.
»Es wird geschossen«, flüsterte Anjutka.
Sie sagte das leise, doch ohne Angst in der Stimme. Alle hatten sie schon mehr als einmal schießen hören.
Grischka zog im Dunkeln wichtig die Augenbrauen zusammen.
»Das sind Erschießungen von Konterrevolutionären.«
»Weshalb?« piepste Polka mit dünner, ängstlicher Stimme.
Petjka antwortete:
»So'ne dumme Gans! Wieviel mal hat man dir gesagt: Weil sie gegen die Sowjetregierung sind!«
Der schweigsame Antropka bewegte sich auf seinem Platz:
»Ich fürchte mich, wenn man auf Menschen schießt. Das tut weh.«
Wieder scholl es aus dem Walde: Bum! Sie wurden ganz still, lauschten gespannt. Sie fürchteten die Toten, doch den Tod selbst
kannten sie noch nicht. Die Qualen der Menschen, auf die geschossen wurde, schreckten sie nicht. Nur Antropka zitterte. Er hatte den Krieg in seinem Heimatdorf erlebt. Sein Herz zog sich zusammen. Mit den Tränen kämpfend, sagte er leise und traurig:
»Hätte man sie doch nur mit Gefängnis bestraft!«
Petjka spuckte verächtlich aus:
»Und wenn es ein gemeiner Schuft ist, der selber viele getötet hat? Was soll man mit ihm machen?«
»Ins Gefängnis …«
»Aus dem Gefängnis wird er aber entlaufen und wieder welche töten.«
»Man kann ihn von Soldaten bewachen lassen, dann wird er nicht entlaufen …«
»Er wird aber auch die Soldaten töten.«
»Er hat doch keinen Revolver. Er kann nicht töten.«
Petjka dachte nach und sagte:
»Du bist dumm, Antropka!«
Grischka sagte nichts, dachte:
»Wenn man auf einen schießt, kneift er dann die Augen zusammen?«
Dann sah er deutlich: Ja, er kneift die Augen zusammen! Da verkrampfte sich sein Herz.
Die Schüsse verstummten. Die Kinder warteten lange, ob nicht neue kämen. Doch sie hörten nichts mehr. Der Schlaf kam, schloß ihre Augen, vertrieb die Gedanken. Nur Antropka wimmerte leise im Schlaf.
Am nächsten Morgen schien die warme Sonne. Die Kinder wurden wieder lebendig und froh. Zusammen mit dem Dunkel der Nacht war auch die drückende Angst verschwunden. Sie spielten hinter der Friedhofsmauer Gouvernementstscheka und Erschießungen. Petjka war Vorsitzender der Tscheka. Er tat, als halte er in einer Hand einen Revolver und schieße mit der anderen aus einem Maschinengewehr. Poljka und Anjutka wurden zur Erschießung geführt. Antropka und Grischka spielten die schießenden Soldaten. Grischka kommandierte lustig:
»Kneift die Augen zu! Kneift die Augen zu!«
In den lauten Kinderstimmen klang weder Hohn noch Angst noch Zorn. Die Kinder reproduzierten in ihrer Einfalt das Leben der Erwachsenen. Die Sonne wurde immer wärmer. In dieser Wärme schien eine Verheißung zu liegen: Einmal werden die Kinder ein neues Spiel ausdenken, dieses vergessen.
Das war ein guter Tag. Man feierte die Pariser
Kommune. In der Kinderküche gab es zu essen ohne Karten. Die Friedhofsbewohner brauchten nicht lange anzustehen und bekamen satt zu essen. Dann gingen sie zusammen mit der Menge, die rote Fahnen trug, durch die Straßen. Auf den Plätzen waren hohe, mit rotem Stoff bezogene Kisten aufgestellt. Auf den Kisten standen kommunistische Redner, die mit den Händen fuchtelten und laut etwas von der Pariser Kommune schrien. Einer davon gefiel Grischka am besten. Es war ein großer Mann mit langem Haar und lauter, weittragender Stimme. Er lief auf seiner Kiste auf und ab, schüttelte die Haare, schlug plötzlich mit der Faust auf den Rand der Kiste und brüllte:
»Mützen ab! Ich werde von den Märtyrern der Kommune sprechen!«
Er hatte diese Worte so deutlich und wuchtig herausgeschrien, daß Grischka sie behalten konnte. Er schrie dann selber in der Menge:
»Mützen ab! Ich werde von den Märtyrern der Kommune sprechen!«
Eine Frau, durch sein Brüllen belästigt, gab ihm eine Ohrfeige:
»So'n Ferkel! Brüllt wie besessen! Hat keine Ahnung, was das für eine Kommune ist, und macht so ein Geschrei!«
Grischka streichelte seinen Kopf an der Stelle, wo die Ohrfeige ihn getroffen hatte, und rannte lustig weiter. Er soll keine Ahnung von der Kommune haben? Er weiß schon Bescheid! Eine Kommune, das ist bei den Kommunisten, und die Pariser Kommune … Es gibt so 'ne Stadt. Die liegt irgendwo hinter Moskau. Er hatte schon im Kinderheim gehört: »Paris ist eine große Stadt. Siehst du sie, bist du einfach platt!« Nein, Grischka weiß Bescheid! Und wieder rief er in wirbelnder Begeisterung: »Mützen ab!«
Die Menge blieb wieder stehen. Eine Rednerin, –… war es eine einfache Frau oder eine hochwohlgeborene Dame? –… schrie mit dünner Stimme von einer Kiste herab. Man konnte ihre Worte nicht verstehen, doch sah sie komisch aus. Sie sprach mit so viel Eifer. Grischka ahmte auch sie nach. Mit dünner, piepsender Stimme machte er: »Tii-tii«. Und ging weiter. Ein Betrunkener sprang aus der Menge. Er hatte einen guten Mantel an. Seine Mütze mit Ohrenklappen saß schief. An der Brust flatterte eine große, rote Schleife. Er war mager, klein und schielte. Er schrie und fuchtelte mit den Händen:
»Genossen, ich ersuche euch, das Kapital zu stürzen!«
Eine Frau, die anscheinend zu ihm gehörte, faßte ihn am Mantel, doch er wehrte sich, wollte immer wieder zur Rednertribüne:
»Ich bitte euch inständigst, stürzt das Kapital!«
Zwei berittene Soldaten kamen auf ihn zu, faßten ihn an den Armen. Die Menge lachte:
»Da hast du den Sturz des Kapitals.«
»Womit hat er sich nur so vollgesoffen?« fragte voller Neid eine heisere Baßstimme.
Diese Szene gab Grischka neuen Anlaß zur Freude. Er rannte zum Friedhof mit dem lauten Ruf:
»Genossen, ich ersuche euch, das Kapital zu stürzen!«
Eines Nachts wurde der Friedhof umringt. Man fahndete nach irgendeinem großen Verbrecher, fand aber bloß Grischkas Kommune. In der gespenstigen Morgendämmerung schritten die minderjährigen Rechtsverletzer stolpernd, halb schlafend, auf dem bekannten Wege dahin. Die müden Rotarmisten schimpften, schlugen sie aber nicht.
IV.
Als sie die Nacht abgesessen hatten, wurden sie wieder in die Abteilung für Volksbildung geführt. Im ganzen waren es fünfzehn Kinder.
Drei Milizsoldaten begleiteten sie. Der älteste hustete den ganzen Weg, spuckte und machte den Kindern Vorhaltungen:
»Was sollen aus euch für Menschen werden, wenn ihr von Kind auf mit der Polizei zu tun habt! Ihr seid ja wie Spreu, mit einem Wort. Wozu haben euch bloß eure Mütter geboren? Pfui Teufel! Und du, Baschkirenjunge, winsle nicht so! Ruhe!«
Der schlitzäugige Baschkirenjunge verstand nicht Russisch. Er winselte und wollte davonlaufen. Der pockennarbige Milizsoldat drohte ihm mit dem Gewehr, faßte ihn dann an seinem langen Hemd und zog ihn so mit sich. Die Mütze des Jungen war in den Schmutz gefallen. Der älteste der Soldaten hob sie auf und setzte sie ihm auf den Kopf. Der Junge suchte sich zu befreien und schrie. Das gelbe Gesichtchen mit den starken Backenknochen blieb unbeweglich, der Schrei war monoton winselnd.
»Iga kajtyrga tyleem!« (Ich will nach Haus!)
Der Milizsoldat antwortete ihm:
»Kajtyrga, kajtyrga! Meinst wohl Katorga! Na, ja. Euer Leben und unser Leben, das ist ja Katorga! Hat dir das Geschick ein Katorgaleben bestimmt, kannst du nichts dagegen
machen, ob du winselst oder nicht. Ihr seid ja wie Spreu! Ruhe mit deinem Gewinsel!«
Doch der Baschkirenjunge hörte nicht auf und winselte weiter, wie ein junges Hündchen, das von Menschen getreten wird. Die Passanten sahen sich nach den Kindern um. Ein grauhaariger Herr, dessen Mantelkragen trotz des warmen Tages hochgeschlagen war, blieb stehen. Er schüttelte den Kopf und sagte laut:
»Eine Schande das! Kleine Kinder mit Gewehren bewachen! Den kleinen Baschkiren hat man wohl verprügelt!«
Der Soldat fuhr ihn an:
»Wenn du so 'n gutes Herz hast, dann nimm doch den Jungen zu dir ins Haus. Jeden Tag holen wir Kinder von der Straße. Ihr wollt ein gutes Herz haben, zu essen aber gebt ihr ihnen nichts!«
Der Herr beruhigte sich nicht. Die Kinder schleppten sich weiter.
In der Volksbildungsabteilung angelangt, wurden sie in das Zimmer für Angelegenheiten Minderjähriger geführt. Dort hockten schon welche auf dem Fußboden. Der alte Kanzleivorsteher saß ganz in seine Papiere vergraben. Er blätterte fieberhaft in allerlei Schriftstücken und ließ fortwährend bald das eine bald das
andere zu Boden fallen. Ein Fräulein mit einer gebrannten Locke an der Stirn kramte im Schrank. Ein anderes Fräulein, etwas älter, mit einem Zwicker auf der Nase, sah ärgerlich aus und zupfte ungeduldig an der Zwickerschnur.
»Ich überweise sie alle der Gouvernementstscheka. Sollen die sehen, wo sie sie unter bringen! Was ist das?«
In der Türe erschien eine Anzahl neuer Kinder in verschiedenstem Aufzug: In vom Staat gelieferten Kleidern, in bloßer Unterwäsche oder in Lumpen.
Man überwies Grischka und seine Kameraden der Aufnahmestelle für verirrte Kinder. Dort aber antwortete man:
»Wir haben keinen Platz mehr. Können sie nicht aufnehmen.«
Man brachte sie zurück. Der ältere Begleitsoldat spuckte aus und ging weg. Die zwei anderen drehten sich Zigaretten und hockten sich auf die Erde hin, um auszuruhen. Grischka wurde es schlecht vor Hunger, von der schweren Luft in der Stube, besonders aber vor drückender Langeweile. Er setzte sich auch zu Boden, starrte mit trüben Augen die Decke an, preßte die Lippen fest zusammen. Sein Gesicht bekam einen traurigen, alten Ausdruck. Da trat ein
Mann ins Zimmer, mit langer Nase und dünnen Lippen. Den nach oben spitz zulaufenden Kopf bedeckte eine flache Mütze bis fast an die Augen. Er trat fest auf, als ob er mit jedem Schritt den Boden einstampfen wolle. Davon waren seine Schuhe so ausgetreten, daß sie Tierpfoten ähnlich sahen. Gleich beim Eintreten ließ er sich auf einen Stuhl fallen, und der Stuhl schien unter seiner Last in den Boden zu sinken.
»Na, was treibt ihr da? Immer noch Schriftstücke über Schriftstücke? All die Papierchen gehören in den Ofen! Warum heulst du, du Baschkurdistan? Möchtest Autonomie haben?«
Er kniff die Augen fast ganz zusammen, verzog die dünnen Lippen und schien sich über alles lustig zu machen. Wenn er sprach, rieb er die Handflächen aneinander, zog den Körper ein, streichelte seine Knie. Keinen Augenblick blieb er ruhig sitzen, als ob jedes seiner Gelenke Bewegung und Arbeit verlange.
»Warten Sie, Genosse Martynow«, sagte das ältere Fräulein mit jammernder Stimme. »Sie machen immer so viel Lärm! Ich weiß sowieso nicht, wo mir der Kopf steht! Wo soll ich nur die Kinder unterbringen?«
»Sollen Abtritte reinigen, Erde graben …
Es wird sich immer was finden. He du, Baschkire! Willst du noch lange winseln?«
Er ahmte den Jungen geschickt nach:
»I–…hi–…hi–…hi!«
Der Baschkirenjunge trocknete die Tränen. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Er hörte auf zu weinen.
»Also wie steht's, Fräulein? Immer Schriftstücke, Instruktionen, Enqueten …!«
Wieder rieb er seine Handflächen aneinander.
»Zehn von den Lumpenkerlchen hier nehme ich mit. Zehn kann ich unterbringen.«
»Das ist schön, Genosse Martynow!« erwiderte das Fräulein voller Freude. »Wir suchen gleich welche für Sie aus. Die Personalien von einzelnen sind schon genau festgestellt …«
»Ich such mir selber meine Kinder aus. Hab mein eigenes System.«
Er drehte sich mitsamt dem Stuhl zu den Kindern um, sah mit durchdringendem Blick auf den großen, weißhaarigen Jungen:
»He du, Weißhaariger! Kannst du gut stehlen?
Der Junge wurde rot, verlegen;
»Ich habe nichts verbrochen. Das war Fedjka Pjatakow. Der hat gestohlen. Ich aber …«
»Schwindeln kannst du gut. Prügelst du dich
gerne? Machst du's mit dem Messer oder nur mit den Fäusten?«
»Nein, ich prügle mich nicht.«
»Prügelst dich nicht? Dann bist du dumm. Und du! Warum siehst du so grün aus?«
Das galt Grischka.
Grischka sah den Mann, wie er so mit dem Stuhle hin- und herrutschte und die Hände schnell aneinander rieb. Er lachte und sagte sich:
›So einen lebhaften Affen hab ich einmal in einer Menagerie gesehen. Der sah ganz ähnlich aus. Hatte auch so lange Arme und so 'n bewegliches Kinn.‹
»Was kommt dir denn so komisch vor? Warum bist du so grün im Gesicht?«
Grischka schnaufte durch die Nase und sagte:
»Da soll man nicht grün werden. Seit dem Morgen nichts gegessen, nichts getrunken.«
»Bist du denn nicht gewöhnt, ohne Essen auszukommen?«
»Man gewöhnt sich schon dran, aber der Bauch tut einem weh.«
»Bist du aus dem Gefängnis entlaufen?«
»Nein. Ich bin minderjährig. Ich bin aus dem Kloster entlaufen.«
»Die wollten aus dir wohl einen Mönch machen? Freundchen, das ist kein Kloster,
das nennt sich me-di-ko-pä-da-go-gi-sche Kolonie! Was die Teufel alles ausdenken! Warum bist du weggelaufen?«
»So. Hatte keine Lust mehr!«
Das ältere Fräulein schnitt ein gelehrtes Gesicht:
»Ein erblich Belasteter … Wandertrieb … offenbar!«
»Siehste wohl, du gehörst zu einer Kategorie! Die sind klug! Wie heißt du?«
»Grigorij Peskow.«
»So! Nun also, Grigorij Peskow! Im Gefängnis, sagst du, hast du noch nicht gesessen?«
»Doch. Ich saß schon. Schon oft. Doch jetzt ist es verboten. Jetzt hat man ›minderjährige Rechtsverletzer‹ ausgedacht!«
Der Mann lachte leise in sich hinein und hatte kein Affengesicht mehr, sondern ein Menschengesicht.
»Hören Sie, Genossin Schidlowskaja! Jetzt hat man ›minderjährige Rechtsverletzer‹ ausgedacht! Hahaha! Willst du Abtritte reinigen?«
»Das stinkt! Aber wenn es sein soll …«
»Nun also. Ich nehm dich mit.«
»Wohin?«
»Wirst schon sehen!«
»Wenn es aber langweilig ist, lauf ich weg.
Auch wenn eine Wache da ist, lauf ich weg«, rief Grischka erbittert und frech.
»Wir haben keine Wache. Lauf nur weg. Wenn du nichts taugst, werfen wir dich von selber raus, geben dir einen Tritt in den Hintern. Taugenichtse können wir nicht brauchen! –… Den also nehm ich mit.«
Dann fragte er die anderen Kinder aus. Die zahmen und freundlichen waren nicht sein Fall. Er wählte drei Mädchen, und sieben Jungen, darunter den kleinen Baschkiren, aus.
»In drei Tagen kommt ihr alle zur Bahn. Morgen wartet ihr hier auf mich. Wollen irgendwas zum Anziehen für euch ausfindig machen.«
»Aber für die drei Tage muß doch irgendwie gesorgt werden, Genosse Martynow. Die Kinder müssen doch irgendeine Aufsicht haben!«
»Natürlich! Wir stellen eben eine französische Gouvernante für sie an. Parlez-vous français, Grigorij Peskow?«
Fast alle Kinder, sogar der Baschkirenjunge, lachten laut auf, denn Martynow hatte dabei ein gar zu komisches Gesicht geschnitten.
»Sie machen immer Scherze, Genosse Martynow. Das geht einem allmählich auf die Nerven.
Verstehen Sie denn nicht, daß das alles belastete Kinder …«
»Ich verstehe sehr gut! Das Volkskommissariat für Aufklärung hat es in seinen Instruktionen ganz genau auseinandergesetzt! Aber, Fräulein, die Kinder müssen zu essen und zu arbeiten kriegen, müssen tüchtig an die Arbeit ran! Für die, die ich mir ausgesucht habe, heißt es nun, Lebensmittel bekommen.«
»Aber das geht doch nicht so! Man muß sie doch wenigstens alle eintragen! Man muß eine Unterkunft für die drei Tage finden! Eine Wache anfordern, die sie hinbegleitet!«
»Tragen Sie meinetwegen die Kinder in Ihre Papiere ein, wenn Sie so gerne schreiben wollen. Eine Wache ist nicht nötig. Ich nehme die Kinder zu mir. Also los! Wir wollen Lebensmittel holen!«
»Sie werden ihnen weglaufen!«
»Um so schlimmer für sie! Dann kommen sie wieder in das medikopädagogische Kloster! Machen Sie also die Liste fertig. Kinder, ich komme euch gleich holen. Ich seh mich inzwischen nach Lebensmitteln um.«
Er fuhr mit der Hand über Grischkas Kopf und ging weg. Dem wurde ganz froh zumute.
Die große Hand hatte seinen Kopf so zärtlich berührt. Und Grischka dachte:
»Tüchtiger Kerl das!«
Keines der zehn Kinder lief weg. Nicht drei Tage, sondern eine volle Woche brachten sie mit Martynow in seinem Zimmerchen zu, zum großen Schmerz der Zimmerwirtin. Deren Seufzer bekamen sie nur am ersten Tag zu hören, als sie abends ankamen. An den folgenden Tagen kehrten sie erst sehr spät zurück und gingen gleich zu Bett. Den ganzen Tag jagten sie auf Martynows Geheiß von einem Ende der Stadt zum andern, um dies und jenes zu bekommen. An einer Stelle schaffte er Geschirr heran, an einer zweiten Stoff, an einer dritten Graupen. Dann wurden Kisten mit Glas in den Güterwagen verladen. Sie fuhren auch mit dem Kutscher Nikolai in ein Dorf, um Kühe zu holen. Wie ein fürsorglicher Wirt sammelte Martynow alles Mögliche für die Kolonie. Er fand Zugang zu Quellen, die anderen verschlossen waren. Im Interesse der Kinder führte er dem Vorsitzenden der Tscheka die Uhr aus, die in seinem Arbeitszimmer an der Wand hing. Das alles vollbrachte er, die Hände reibend und vor sich hin lächelnd. In einem fort rief er den Kindern zu:
»Schlaft nicht, ihr Kerle! Macht, daß ihr vorwärts kommt! Du, Baschkurdistan hol jetzt Wasser mit Nikolai! Das Vieh muß zu trinken bekommen!«
Und der kleine Baschkire verstand den Sinn der russischen Worte, weil sie von so lebhaften Gesten begleitet waren. Wie der Wind flog er über den Hof, seine lustigen Kehllaute ausstoßend.
Grischka lebte auf. Hauptsache, es war unterhaltend. Was bekam er nicht alles an einem Tage zu sehen.
Die Erde war schon fast trocken. Die Bäume dufteten süß, berauschend.
Die Sonne wärmte fast den ganzen Tag. Wenn es regnete, war es ein fröhlicher Regen, der alles sauber wusch, und dessen Spuren die Sonne sofort auftrocknete.
Wie leicht fühlte man sich! Martynow führte sie gleich am ersten Tage, nachdem sie die Abteilung für Volksbildung verlassen hatten, zum Friseur. Man rasierte ihnen allen, sogar den Mädchen, die Köpfe bis auf die nackte Haut. Dann wuschen sie sich in der Badeanstalt und bekamen ganz kurze Höschen. Auch die Mädchen bekamen solche Höschen. Anfangs war es ein wenig komisch. Doch man gewöhnte
sich schnell daran. In dieser leichten Kleidung mußte man flink sein, ob man wollte oder nicht. Die Hosen reichten nur bis zu den Knien, die Hemden hatten keine Kragen, keine Ärmel.
Die ganze Fahrt bis zur Kolonie war für Grischka der erste wunderbare Traum, den er erlebte.
Man reiste in zwei Güterwagen, hatte magere Kühe und Pferde mit im Wagen. Auf den Stationen besorgte man das Vieh, brachte Wasser heran. Die Beine breit gespreizt, pumpte Martynow Wasser, schrie dann und wann die Kinder an. Während der Fahrt ließ er sie von ihrem Leben erzählen. Er fragte sie nicht aus, doch die Kinder stritten sich förmlich darum, von sich sprechen zu dürfen. Zu Grischka sagte er:
»Hast keine Eltern, gut so, mein Freund. Die Eltern sind eine überflüssige Sache! Die Mutter nimmt ihr Söhnchen unter die Schürze, zittert darum, und so wird aus ihm ein Taugenichts. Sie haben dich geboren, das genügt. Lebe selbst!«
»So? Der Milizsoldat sagte aber, wir seien Dung!«
»Dung ist was Gutes! Ohne Dung gibt es kein gutes Brot. Also, meine guten Freunde, auf der nächsten Station werden die Kühe gemolken.
Dann trinken wir Milch. Milch ist doch was Feines!«
Er aß kein Fleisch und verspottete die Kinder:
»Na, schmeckt der Nero gut? Wohl bekomm's, das Hundefleisch!«
Grischka kreischte vor Vergnügen:
»Das ist Rindfleisch, kein Hundefleisch!«
»Ganz egal! Das ist alles Nero! Milch, das ist was Feines! Das schmeckt, Freunde!«
In dem einen Güterwagen hatte Martynow die Aufsicht, im anderen der Kutscher Nikolai. Darin bestand die ganze Bewachung. Die Kinder lösten sich ab. Einmal fuhr der eine Teil mit Martynow, dann der andere. Die Kinder setzten selber die Ordnung fest, nach der sie abwechselten, lagen in den Wagen auf duftendem Heu und sangen Lieder. Jeder sang, was er konnte und wozu er Lust hatte. Am schönsten sang der Baschkirenjunge. Die Worte seiner Lieder waren unverständlich. Man konnte sie nicht behalten. Es klang wie
»Ei din bindi dindi bindi
Ei din bindi dindi bindi.«
Komisch! Fünfmal mußte er dasselbe singen. Die Kinder baten darum. Er schloß die Augen, saß mit gekreuzten Beinen da, wiegte sich und
sang. Das klang so schön! Grischka hätte jedes dieser Lieder noch fünfmal hören mögen.
Durch die weitgeöffneten Türen des Wagens stürmte der freie, duftende Steppenwind herein und brachte überschwängliche Freude mit. Grischka sandte seine Begeisterung in die Steppe hinaus, schrie, lärmte, sprang wie besessen herum. Seinetwegen allein raste dieser Zug! Seinetwegen pfiff betäubend die Lokomotive! Zum erstenmal in seinem Leben spürte Grischka: Alles ist mein, mir, Grischka! Durch die geöffnete Türe schrie er aus vollen Lungen:
»Uhuhuhuhu!«
Abends, wenn es kühl wurde, bekam man Lust, leise zu sein. Man trank Milch. Warme, dampfende Milch, die sie selbst gemolken hatten! Wie die schmeckte! Das ist nicht zu schildern! Kann man denn den ersten wunderbaren Traum des Lebens schildern? Kann man denn schildern, wie sie abends die Pferde aus dem Güterwagen herausführten, wie sie sie selber vor die Wagen spannten? Wie sie nachts durch den unbekannten Wald fuhren? Und wie der Wald sie mit seinem unheimlichen Zauber umfing? Das war ein Märchen!
V.
Mit lauter Stimme fragte Grischka über den See hinweg die Berge:
»Was essen die Studenten?«
Die Berge antworteten:
»Ente-en!«
Grischka lachte:
»Wie fein können die Felsen sprechen!«
Und wieder brüllte er, nachdem er die Lungen mit Luft gefüllt hatte:
»Ist der Herr zu Haus?«
Die Berge antworteten mit Schallen und Donnern:
»Aus!«
»Das nennt man ein Echo. Fein das!«
Überall zucken hier lebendige Adern. Grischkas Stimme bekommt auf alles Antwort. Ganz anders als in der Stadt; dort bellen zwar die Hunde, auch aber schweigend beißen sie dann. Seine, Grischkas Menschenstimme war in der Stadt stets ohne Antwort geblieben.
Schön ist es, auf Felsen zu stehen! Noch glüht die Sonne nicht, aber der Stein ist noch warm. Er hat die Wärme von gestern in der Nacht nicht ganz verausgabt.
Die Wellen stürmen gegen den Felsen, rufen eintönig:
»Huuu!«
Eine große Welle wächst immer höher, wird immer dreister, deckt mit ihrer Stimme alle anderen zu, zerschellt dann am Stein.
»Huuu.«
Und ergießt sich über Grischkas Füße. Seine Füße sind von Gebüschen und Steinen ganz wund. Wenn die Sonne auf die blutigen Kratzer scheint, schmerzt es. Doch schön ist es trotz alledem.
»Komm nur näher, Wasser! Wasche mir die Füße!«
Er wirft die kurze Hose ab. An heißen Tagen tragen die Jungen kein Hemd. Er geht ins Wasser, das Wasser umfängt ihn, schmiegt sich an ihn, und er hat wieder Lust laut zu schreien, mit den Wellen, mit dem Himmel, mit den Bergen, mit den Vögeln und Tieren und Menschen zu sprechen:
»Ho! ho! ho!«
Vom Berge rufen ihm Kinderstimmen zu:
He, Grischka Peskow! Was schreist du so?«
Nackt bis zum Gürtel, in kurzen Hosen, rasen drei Jungen den Berg herab. Unter ihren Füßen rollen Steine polternd über den steilen Abhang:
Vorne rennt Taitschinow, der Baschkirenjunge,
mit dem zusammen Grischka hierher gekommen ist.
Er hält den Kopf auf eine Seite geneigt und wiehert wie ein Pferd. Mit tierisch leichtem Satz springt er vom letzten Felsvorsprung aufs Ufer und steht neben Grischka.
»Bald wird Horn blasen. Warum du weggelaufen? Wenn nicht arbeiten, nicht zu essen kriegen!«
»Hab ich etwa nicht gearbeitet? Du Mohamed verfluchter! Ich habe früher als die anderen angefangen, habe Wasser getragen, Milch in die Kannen umgeschüttet! Hast wohl keine Augen? Kannst nicht sehen?«
»Na, ist gut, ist gut. Möchte sehen, wie du kopfüber ins Wasser springst! Mach es doch mal!«
Er selbst lief schon ins Wasser, kreischend vor Lust. Grischka folgte seiner Bitte, lief aus dem Wasser auf den Sand, stellte sich auf die Hände, mit dem Kopf nach unten, drehte sich geschwind in der Luft um und stürzte sich kopfüber ins Wasser.
Taitschinow war maßlos begeistert:
»Er taucht mit dem Kopf nach unten! Hoo!«
Der blauäugige, kleine Pole Woizechowski tauchte auch mit dem Kopf nach unten. Sein
zierlicher, doch kräftiger, kleiner Körper blitzte weiß auf in der Luft.
Der Ukrainer Nadtotschi prustete im Wasser. Er rief mit tiefer Stimme:
»Oho! Ist das ein schöner See! Der schönste auf der Welt!«
Der See ist wirklich schön! Heute ist er blau und heiter. Manchmal aber stellt er sich schon am frühen Morgen auf die Hinterbeine, wütet, spuckt weißen Schaum, wird grau und grollt. Sein Grollen ist wie das Grollen des Meeres. Ist er aber ruhig, dann kann man das Leben in seinem Innern bis auf den Grund beobachten. Einmal waren welche mit Apparaten da. Die maßen den See hin und her, nahmen die Kinder der Reihe nach in ihrem Boot mit auf ihre Fahrten. Sie sprachen untereinander in gelehrten Ausdrücken und sagten, das Wasser des Sees sei radioaktiv.
Stolz wiederholten die Kinder:
»Das Wasser unseres Sees ist radioaktiv.«
Der See war sehr groß. Wenn man, aus dem Wald herauskommend, ihn erblickte, fühlte man sich mit einem Male wie befreit. An seinen Ufern bäumen sich steil gegen den Himmel hohe, bewaldete Berge. Sie drohen mit ihren Wolken, doch sie beengen den See
nicht. Der durchsichtige See atmet frei, mitten im gebirgigen Walddickicht. Und der Wald freut sich über den See. Seine Birken winken ihm zu. Die Tannen und Fichten spenden ihm harzigen Duft. Im Walde stehen einzelne Häuser verborgen, die als Sommerwohnungen dienen. Manche dieser Häuser haben sich ganz nahe an das Ufer vorgewagt. Auf einem Uferabhang sieht man sieben solcher Häuser. Das ist die Kinderkolonie, die sich abseits vom Dorfe und von den anderen Häusern niedergelassen hat.
Am Ufer, das den Kolonisten gehört, geht es lustig zu. Im Hafen schaukeln vier Boote. Das schönste von ihnen ist das weiße Segelboot »Diana«. Auf zwei hohen Stangen ist ein Stück weiße Leinewand angebracht, darauf steht weithin sichtbar geschrieben:
»Durch Arbeit und Wissen wird das wilde Element besiegt.«
Grischka gefiel diese Aufschrift sehr. Kehrte er mit dem Boot in den Hafen zurück, schrie er laut:
»Das wilde Element wird besiegt!«
Das war ein so herrliches Wort! Element! Er konnte es sich kaum erklären, aber wenn er es hörte, bekam er Sehnsucht, ein Held zu
sein. Das Element! Auch der See ist ein Element! Darum rauscht er ewig!
Dicht am Wasser hat sich der Uferrand mit einer bunten Borte geschmückt: Runde graue und weiße Steinchen, von der Sonne vergoldeter Sand … An einer Uferstelle ist aus dem Walde ein dicker, alter Baumstumpf hervorgetreten. Die Kinder haben den Kopf eines alten Mannes mit roter Mütze darauf gemalt. Dieser Stumpf schaut einen an wie ein lebendiges Greisengesicht, nur daß sein weißer Bart nicht wackelt. Sonst sieht er wie lebendig aus! Dort starrt er vom Ufer herüber!
Auf dem steilen Ufer steht nacktbeinig Martynow, ein Waldtier, doch ohne Pelz. Wie die Kinder hat auch er eine kurze Hose an, dazu ein Netzhemd bis zum Gürtel. Er geht und seine Füße drücken die Steine in den Boden. Schon von weitem hörte man seine brummende Stimme:
»He da! Barfüßige Internationale! Genug geplätschert: Es ist Zeit, die anderen zu wecken. Schnell! Bei mir heißt's Hm!«
Die vier Jungens riefen alle durcheinander:
»Hm! Hm! Hm! Sergej Michalytsch! Hm!«
Keiner in der Kolonie wußte, was dieser Laut ›Hm‹ bedeutete. Er wurde von Martynow
als Lob, aber auch als Tadel angewandt. Er bedeutete: schnell, flink; alles, was man wollte. Grischka hatte von ihm diesen Laut nur in der Kolonie gehört. In der Stadt gebrauchte ihn Martynow nicht. Nur zu Haus, in der Kolonie, bediente er sich seiner.
Grischka kam als erster in die Küche gerannt. Er und seine Gruppe hatten heute Küchendienst, im ganzen acht Kinder. Auf der Terrasse schnitten jetzt die vier Mädchen das Brot in Portionen. Heute wird's ein feines Mittagessen geben! Gestern hatten sie sich verabredet, Grießbrei auf eine neue Art, mit Steckrüben, zu kochen. Die Gruppen, die Küchendienst hatten, bemühten sich um die Wette, bei der Zubereitung des Essens einander zu übertreffen. Brotbacken verstanden sie noch nicht. Dazu war eine Bäckerin da. Alles andere aber machten die Kinder selbst. Gestern abend hatten sie einen Berg Brennholz gehackt. Grischka hatte tüchtig drauflos gearbeitet. Martynow sah das, schnitt ein zufriedenes Gesicht, rieb die Hände aneinander:
»Aha, Peskow –… hm!«
Den ganzen Abend freute sich Grischka über dieses Lob. –…
Jetzt war alles fertig, die Milch, das kochende
Wasser. Das Brot lag schon geordnet da für die Kinder.
Gedehnt und befehlend sang das Horn:
»Tu–…ru–…tu!«
Bald war das Ufer besät mit Kindern. Da konnte man allerlei Stimmen hören, allerlei Köpfe, blaue Augen, schwarze Augen, graue Augen sehen. Die Kinder wuschen sich, plätscherten im Wasser, wälzten sich im Sand. Die Knaben hatten ihren eigenen Badeplatz. Die Mädchen badeten im Hafen. Sie quietschten mit dünnen, hohen Stimmen. Sie hatten kurzgeschnittenes Haar, leichte, ungehemmte Bewegungen und sahen darum fast wie Knaben aus.
Zum zweiten Mal tönte das Horn.
Der Kinderlärm flutete vom Ufer zu den Häusern hin. Die ärmellosen Blusen der Mädchen schimmerten weiß. Die nackten Oberkörper der Jungen waren goldigbraun von der Sonne gefärbt. Wie im Sturmangriff raste alles auf die Terrasse, auf der gegessen wurde.
Ein winziges, schwarzhaariges Mädchen rief:
»Küchendienst, Tee trinken!«
Grischka, in einem grauen Küchenkittel, schrie über die Terrasse:
»Hallo! Ich hab ein Gedicht gemacht! Hört zu!
Das Horn ruft:
He! He! –… Zum Tee!«
Nadtotschi mit seiner Baßstimme:
»Nicht Tee, Kaffee!«
Auch Martynow war schon da. Er schnitt eine Grimasse und sang mit tiefer Stimme wie der Diakon in der Kirche:
»Ohne Tee leb ich gut, Kaffee macht mir frischen Mut! Ihr Herren Grafen möchtet wohl Kaffee haben? He?«
Ein Lachen überspülte die Terrasse wie eine Welle. Doch Martynow war schon im Hof neben dem Speicher:
»Wer hat hier die Sättel durcheinander geworfen? Hm! Ihr Schlafmützen, soll man für euch noch Bediente anstellen? Petrucha Fedjadtin, hast du gestern Abend die Pferde auf die Nachtweide geritten? Habt wohl wieder Rennen veranstaltet?«
Mit gespreizten Beinen stand er da, wie in die Erde hinein gewachsen. Neben ihm stand mit zusammengepreßten Lippen der Wirtschaftsverwalter und klagte:
»Sie wollen keine Pferdeknechte anstellen, Sergej Michalytsch! Nikolai ist aber immer unterwegs. Verstehen denn Kinder mit Pferden
umzugehen? Sie werden alle zugrunde richten! Das sind mir Pferdeknechte!«
»Jetzt taugen sie 'nen Dreck! Aber sie werden ihre Arbeit schon lernen! Peskow, was rennst du wie'n Besessener mit dem kochenden Wasser? Siehst du denn nicht, daß das Wasser aus dem Schnabel läuft? Hm!«
Aber Peskow sah gerade Anna Sergejewna. Sie ging vorbei, groß, blond, still. Beim Anblick der Kinder zog sich einer ihrer Mundwinkel in die Höhe. Das war ihr Lächeln.
Früher hatte Grischka nichts und niemand geliebt. Alle waren ihm damals gleichgültig, alles ließ ihn kalt. Doch in der Kolonie gewann er alle lieb, am meisten Anna Sergejewna. Sie war für ihn die Sonne. Berge, See, Wald, das alles ist schön, doch die Sonne ist am schönsten. Warum war sie die Sonne für ihn? Einfach so. Er wußte es nicht. Aber wenn er sie sah, wurde alles um ihn herum herrlich. Hatte er ihr einmal in der Küche zu helfen, so trug er die Schüssel mit dem Spülwasser wie ein Heiligtum vor sich hin. Martynow fiel das mehrmals auf. Er dachte: »Der Bengel wird groß!« Und brummte ärgerlich: »Hm!«
Doch bald wurde ihm klar: Für Grischka war Frühling gekommen, ein gesunder, reiner
Frühling. Grischkas Augen waren nicht unruhig, unstet, waren nicht benommen, verschleiert. Alle Spuren seiner früheren Erlebnisse waren abgeheilt, wie Schuppen abgefallen. Er wurde gesund, heiter.
Martynow beobachtete auch die anderen Kinder scharf. Manchmal wurden zärtliche Blicke mit den Mädchen gewechselt. Den Jungen Lysjajew neckten die Kinder von wegen der großen Njura. Doch hinter diesen Scherzen verbargen sich keine dumpfen, frühreifen Begierden. Umgang mit Mädchen wurde etwas Gewohntes. Von einer zufälligen Berührung mit einem Mädchen wurde man nicht wie von glühendem Eisen verbrannt. Hier geschah nie, was sich in den städtischen Kinderheimen fast jeden Tag zutrug. Martynow wunderte sich manchmal selber:
»Da sieht man den Einfluß der freien Natur und der Arbeit. Die Kinder sind hier geheilt. Der Schmutz der Stadt ist von ihnen abgegangen, als habe die Natur sie rein gewaschen. Sie wachsen gesund und kräftig heran!«
Er schnitt ein Gesicht, schlug sich mit der Hand aufs Knie und schmunzelte fröhlich:
»Die werden einmal einen guten Nachwuchs geben!«
Auf der Terrasse herrschte Lärm. Da war die ganze Kolonie beisammen, die Kinder, die Erzieher, der Kutscher, die Bäckerin, die Waschfrau, die Näherin. Die Erwachsenen verschwanden in dieser Menge von Kindern; sie waren nur neun Mann auf eine Kolonie von hundert Kindern.
Nach dem Tee zerstreute man sich gruppenweise. Ein Teil ging in den Wald, Pilze sammeln für den Winter. Das Pferd zog langsam den Wagen auf der Straße. Die Kinder schlugen Purzelbäume im Gras. Der dünne, schlanke, leichte Tatarenjunge zeigte den Weg zur Pilzstelle. Er war der beste Läufer in der Kolonie, kannte alle Stellen im Walde. Einmal ging man in den Wald, um dort, sieben Kilometer von der Kolonie entfernt, zu übernachten, doch als man ankam, sah man, daß man die Schlafdecken zu Hause vergessen hatte. Der Baschkirenjunge rannte nach Haus, holte die Decken. Den Tag darauf marschierte er unermüdlich dem Jäger durch den Wald nach. Er ging, als habe er Flügel am Rücken, die ihn trugen. Plötzlich blieb er stehen und schrie:
»Halt! Die Stelle!«
Man ging an die Arbeit.
Eine andere Kindergruppe fuhr singend mit dem Boot weg, um grellrote Vogelbeeren am anderen Ufer zu pflücken. Noch waren die Beeren vom Frost nicht beschädigt. Sie wurden zum Trocknen gesammelt.
Heute rauscht der See an den Ufern. In der Mitte ist er spiegelglatt. Ein herrlicher Tag!
Grischka befand sich bei der dritten Gruppe, bei den ganz großen Kindern. Mit Gesang gingen sie auf die Farm, die drei Kilometer entfernt lag. Bei ihnen war Martynow. Er hatte dieses Haus für die Kolonie erobert. Es war fast ein richtiges Gut. Gebaut wurde da. Die Kolonisten errichteten Pferdeställe, gruben Kuhlen, fuhren Bretter, schleppten und zerschlugen Steine. Sie arbeiteten hartnäckig. Ihre Füße und Hände waren bis aufs Blut zerschunden, doch das hemmte die Fröhlichkeit nicht. Martynow hatte sich in den Kopf gesetzt, dort eine Kraftstation für den Winter einzurichten.
In der Volksbildungsabteilung machte man sich lustig über ihn:
»Wollen Sie etwa Ihre Kolonie elektrifizieren?«
Er lächelte, rieb die Hände und sagte unbeirrt:
»Ja. Ich werde dort im Winter eine elektrische Maschine aufstellen.«
Man lachte ihn aus. Doch bald verschaffte er sich wirklich in der Gouvernementsstadt eine solche Maschine.
In der Volksbildungsabteilung wunderte man sich nicht wenig:
»So ein Bursche!«
Die Kinder meinten stolz:
»Martynow, der ist hm!«
Und als Martynow den Kindern erzählte, wie die Kolonie die ganze Gegend mit Licht versehen, wie sie drei, zehn, zwanzig neue Kolonien erstehen lassen werde, glaubten sie ihm. Sie hatten eine neue Art zu lachen bekommen. Sie lernten lachen vor Freude.
Grischka dachte:
»Ich habe allerlei Menschen gesehen. So einen nie! Das ist ein Kerl!«
In der Kolonie gab es verschiedene Kinder. Solche, deren Eltern ganz arm waren, solche, die man aus den Bergwerken geholt hatte, Waisen aus Kinderheimen und Rechtsverletzer wie Grischka. Nur Kranke und Schwächliche fanden keine Aufnahme bei Martynow.
»Das ist Sentimentalität! Die Erde muß gesäubert werden. Die Kranken sollen aussterben. Gibt es einen Bissen, dann hat der Gesunde Anrecht darauf. Den Gesunden die Bahn! Gebt
mir Diebe, Verbrecher! Wenn ihr Körper nur gesund ist, dann werden rechte Menschen aus ihnen!«
Doch nicht alle wurden rechte Menschen. Bei manchem war die Verkommenheit zu tief im Innern verwurzelt. Solche fühlten sich unglücklich in dieser Atmosphäre ständiger Arbeit. Sie hielten mit den anderen nicht Schritt, sahen unzufrieden aus. Martynow schnitt eine Grimasse und schickte sie zurück in die Stadt.
Auch viele Erzieher jagte er davon.
Da war einmal ein blondes, hübsches, zartes Fräulein angekommen. Sie sollte die Kinder im Zeichnen unterrichten, malte immer Blumen und band ihr Tüchlein jeden Tag anders um den Kopf.
Einmal nach dem Bad band sie das Tüchlein so, daß sie einem Heiligenbild ähnlich sah.
Grischka merkte das sofort und fing an zu singen wie in der Kirche:
»Heilige Jungfrau Maria.«
Seitdem nannte man sie die »heilige Jungfrau.« Zog sie die übliche Kleidung der Kolonie an, eine weite Hose und ein Hemd, dann baumelte stets noch eine goldene Kette um ihren Hals oder irgendein Band um ihren Arm. Die Kinder fanden sie komisch. Traf man Anstalten,
irgendwohin zu fahren, hörte sie nicht auf, ängstlich zu fragen:
»Wird es auch nicht regnen?«
Taitschinow schrie:
»Huu! Schrecklich! Wirst aufweichen!«
Sie konnte nicht lange marschieren, fühlte sich bald überanstrengt. Einmal, als sie müde wurde, bat sie die Kinder, sie zu tragen. Die hatten nichts dagegen einzuwenden. Sie verflochten die Hände zu einer Bank, und ließen sie darauf sitzen. So saß sie da und spendete lächelnde Grimmassen wie Geschenke nach allen Richtungen. Das sah Martynow. Er brüllte:
»Nikolai! Morgen früh schaffst du Klawdia Petrowna auf die Station. Sie muß eiligst in die Stadt!«
Und sie kam weg.
Bis zum Mittagessen wurde an verschiedenen Stellen gearbeitet, nach dem Mittagessen in der Kolonie. Einer wusch sich seine Wäsche, der andere räumte den Hof auf, andere wieder halfen den Zimmerleuten bei der Arbeit. Darnach ging man auch in die Bibliothek, las Bücher. Doch es gab nicht viele. Bücher zogen nicht an. Die gedruckten Worte schienen den Kindern tot. Viel lieber sahen sie sich Bilder an oder spielten Schach und Dame. Dann spielten
sie bis zum Eintritt der Dunkelheit neben dem »Haus der Kultur«. So hieß das Haus, in dem sich die Bibliothek und der Sitzungssaal befanden. Man spielte Fußball und andere Knabenspiele. Nach dem Abendbrot unterhielt man sich mit Gesang, oder man erzählte sich Geschichten. Manchmal tanzte man. Man sang die Internationale, die Grischka so gern hatte, und russische Volkslieder.
Einer der Erzieher hatte eine gute Stimme, und Njura hatte eine kräftige Stimme. Sie sangen herrlich zusammen! Grischka kitzelte es im Hals, und Ameisen liefen seinen Körper entlang, wenn er diesen Gesang hörte. Die Geschichten waren manchmal schön, manchmal auch nicht. Niemand wurde gezwungen, zuzuhören. Eine Erzählung hatte Grischka am liebsten: Wie ein ganzer Staat, von Hunger getrieben, in ein neues Land umsiedelte, wie er sich in hohen Bergen niederließ und es unter ihnen einen Schützen gab. Er schoß seinem eigenen Sohn den Apfel vom Kopf. Er hieß Wilhelm Teil. Hätte ich den Apfel nicht getroffen, sagte er dann, so hatte ich noch einen Pfeil für dich. Das heißt, für den Regierenden, den Zaren.«
Grischka schien es, als ob dies alles in den
Bergen, wo die Kolonie lag, sich zugetragen hätte. Auch ein See war hier. Alles so ähnlich! –… Manchmal wurde laut vorgelesen. Die Geschichte von Taras Bulba war sehr schön.
Doch Grischka las nicht gerne selbst, ebenso wenig wie die anderen. Das Buch wurde vom unmittelbaren, greifbaren Leben verdrängt. Die Zeit nach dem Abendbrot verstrich so schnell wie ein Augenblick, und obwohl man nach dem langen Arbeitstage müde war, hatte man keine Lust auseinander zu gehen, wenn Martynow rief: »Ins Bett«. Doch er, lächelnd und händereibend, jagte sie alle aus dem »Haus der Kultur«. Die Kinder zerstreuten sich in ihre Häuschen, fielen gleich ins Bett, und der Schlaf kam sofort, leicht, ungestört von traurigen Visionen. Zuerst trieben die Jungen beim Schlafengehen allerhand Unfug, doch bald merkte Grischka nichts mehr davon. Da man sich am Tage müde gearbeitet hatte, wirkte das Bett beruhigend.
Der Sommer reihte einen Tag an den anderen wie die Perlen einer Kette. Das Ende dieser Kette war nicht mehr weit. Die Kraft der Sonne begann nachzulassen. Sie begann zu kränkeln. Sie wärmte eine Weile und versteckte sich dann hinter Wolken, um auszuruhen.
Glänzende Fäden zogen sich von Baum zu Baum. Vor ihrem Tode schmückten die Blätter sich golden.
Martynows Kolonie wurde bekannt. Man kam aus der Stadt, um sie anzusehen. Man lobte sie nicht.
Eine Kommission sagte:
»Die Bildungsarbeit ist zu gering. Es wird zu viel körperliche Arbeit geleistet. Das ist in diesem Alter schädlich.«
Martynow zuckte mit den Schultern, rieb die Hände, lachte:
»Sie möchten die Kinder nur zum Schein arbeiten lassen! Machen Sie, daß Sie weiter kommen! Wir haben unseren eigenen Bildungsgang. Kommt der Winter, dann werden die Kinder an die Bücher gehen. Jetzt haben sie dazu keine Zeit. Sie müssen arbeiten, um im Winter nicht zu krepieren. Ihr werdet im Winter die Kinderheime schließen müssen. Wir aber werden durchhalten. Habt ihr Kranke bei mir gesehen? Hm!«
Eine hagere, rothaarige Frau kam aus Moskau. Sie war zur Erholung hergesandt, hatte aber auch einige Aufträge zu erledigen. In alles steckte sie ihre Nase, verzog den Mund:
»Hier gibt es moralisch Minderwertige.
Warum widmet man sich ihnen nicht besonders?«
Martynow schlug sich auf die Schenkel, lachte:
»Schreiben Sie doch ein Buch darüber. Das könnte uns an einem gewissem Ort für gewisse Zwecke nützlich sein. Sie verstehen?«
Plötzlich wurde er wütend:
»Ich habe Diebe aus der Stadt mitgebracht. Wo haben wir hier auch nur ein Schloß? Bloß an den Speichern im Freien! Wer verwahrt die Schlüssel zu den Speichern? Eben diese Diebe! Was ist bei uns je gestohlen worden? Über Nacht bleibt eine Unmenge Stoff in der Nähstube offen liegen! Ist je was gestohlen worden? Weder Tür noch Tor wird je geschlossen. Die ganze Bewachung hat das kleine Hündchen Michrjutka … Wir haben da einen ›Rechtsverletzer‹ Grigorij Peskow. Er hat ganz Sibirien durchwandert, hat das ganze Lexikon der gemeinsten Ausdrücke und Worte durchstudiert. Sehen Sie sich diesen Jungen jetzt an! Um ihn hab' ich keine Angst mehr, nicht mal, wenn er wieder in eure dreckigen Kinderheime geraten sollte. Unter meinen Jungen sind viele ›Rechtsverletzer‹. Zeigen Sie mir, welche das sind! Versuchen Sie mal, das herauszufinden! Das würde Ihnen schwer fallen. Jawohl! Hm!«
Die Frau aus Moskau zuckte mit den Schultern:
»Sie sind gegen die Eltern sehr grob! Die armen Mütter kommen, um ihre Kinder zu sehen. Sie aber jagen sie nach einem Tag fort!«
Martynow schlug sich fröhlich auf die Schenkel, gab das ohne weiteres zu.
»Das stimmt. Ich liebe die Mütter nicht. Sie vergeuden hier nur ihre Zeit! Die Kinder haben keine Zeit zu vergeuden. Sie haben auch gar keine Lust, mit ihren Müttern herumzusitzen und Zärtlichkeiten auszutauschen: ›Ach Söhnchen! … Ach Mütterchen!‹ Das kann man sich leisten, wenn man ein Parasitenleben führt. Jetzt heißt es aber arbeiten, sein nacktes Leben retten! Hm!«
Die Frau machte einen bösen Mund, reiste bald ab, denn man hatte auch sie zur Arbeit heranziehen wollen. –…
Die Häuser der Abteilung für Volksgesundheit lagen eine halbe Werst von der Kolonie entfernt. Man schickte Sowjetbeamte dorthin zur Erholung. Um sich zu zerstreuen, suchten die Sowjetdamen, von ihren Herren begleitet, die Kinderkolonie auf. Martynow ließ es sich einmal, zweimal gefallen. Aber eines Tages stürzte er in seinem weißen Kittel
mit der Kochkelle aus der Küche (er hatte an diesem Tage Küchendienst) und ging auf die Besucher los:
»Unsere Kolonie ist keine Promenade! Meine Damen, wollen Sie Geschirr abwaschen? Nein? Dann machen Sie, daß sie fortkommen! Schert euch weg! Wir haben hier keinen Platz für Müßiggänger! Verklagen Sie mich nur bei Ihrer Behörde. Bitte, schicken Sie nur ein Telegramm an den Sowjet der Volkskommissare. Da ist die Türe!«
Die Besucher ergriffen eiligst die Flucht.
Später malten die Kinder ein Bild: Den Gitterzaun der Kolonie, im Zaun eine Türe, Martynow in der Gestalt eines Bären, brüllend, daneben der kleine Hund Michrjutka, bellend. Und sie schrieben darunter:
»Suchen Sie zur Promenade andre Pfade!«
Martynow selbst war meist wegen allerlei Besorgungen unterwegs. Er las keine Bücher, erzählte keine Geschichten. Er hatte keine Zeit dazu. Er besorgte dies und jenes in der Kolonie und fuhr in die Stadt Mehl holen. Dann mußte er Holz heranschaffen, alles Mögliche heranschaffen für sein Ameisenreich. Er forderte hermetisch schließende Ofentüren, denn die Kolonie mußte sich für den Winter wappnen.
Die Ofentüren wurden nicht geliefert. Martynow ging mit Nikolai in die leer stehenden Häuser der Abteilung für Volksgesundheit und schraubte dort die Türen von den Öfen ab. Die Verwaltung der Beamtenerholungsstätte beklagte sich bei der Gouvernementsbehörde: Zwar ständen die Häuser leer, aber die Verwaltung hätte gerade die Absicht gehabt, sie instand zu setzen. Diese Absicht bestand aber schon seit über einem Jahr.
Martynow bekam ein amtliches Schriftstück aus der Stadt.
»Hm!«
Und riß es in Fetzen. Was konnte man gegen ihn ausrichten?
Schon hatte der Herbst seinen Faden bis zur Mitte gesponnen. Die Birken waren nackt. Der Wald rauschte dumpf, düster. Der Himmel machte ein böses Gesicht. Der See war nicht mehr blau, sondern schwarz und stürmte heulend gegen das Ufer. Die Vögel flogen weg. Ein Wolf zeigte sich in den Äckern. In den Häusern begann man die Öfen zu heizen. Die Jungens zogen lange Hosen an, die Mädchen Röcke. Die Beamtenerholungsstätte leerte sich. Von den Bergen blies ein wütender Wind, sauste pfeifend durch die leerstehenden Häuser,
riß ungestüm an den Dächern der Kinderkolonie.
Der Herbst brachte nicht nur Regen und Düsterkeit, auch der Hunger rückte heran. Martynow kam ärgerlich aus der Stadt zurück, streichelte die Herzen seiner Kinder nicht mit dem Wörtchen »hm«, sondern schimpfte.
In der Versammlung erklärte er den Kindern:
»Der Mehlvorrat muß für den ganzen Monat reichen.«
Die Wirtschaftskommission nahm genau die Vorräte auf und setzte die Ration fest: Dreiviertel Pfund Brot. Fleisch gab es nicht mehr. Man half sich mit Fisch aus dem See. Die Kinder hatten es schwer. Arbeit lastete auf ihnen. Man pflügte gerade den Acker um, doch es war zu wenig Ackerfeld da. Man mußte Waldgrundstücke urbar machen. Die Arbeit auf der Farm näherte sich ihrem Ende. Ein Techniker kam, um die elektrischen Anlagen zu machen. Da wurden die Kinder so froh, daß sie ihre Müdigkeit vergaßen.
Grischka hatte vor kurzem von Amerika gehört. Jetzt leuchteten seine Augen:
»Kameraden, die Farm, das ist unsere Neue Welt. Das ist Amerika. Und unsere alte Kolonie ist Europa.«
Den Kindern gefiel dieser Einfall sehr. »Los von Europa! Wer übernachtet heute in Amerika? Wer ist an der Reihe?«
Einzelne Gruppen blieben abwechselnd mit dem Techniker nachts in der Farm. Abends wurden Schlafdecken gesteppt. Diese Arbeit machten Jungen wie Mädchen. Man mußte sich beeilen. Die Watte für die Decken wurde zu spät geliefert. Zwar wurde eine zweite Näherin angestellt, doch die Näherinnen fertigten Mäntel für die Kinder an.
Der Wind, der von den Bergen kam, wurde immer wütender. Wild schlug er an die Fenster, heulte in den Schornsteinen, kältete die Öfen schnell aus. Man mußte viel Holz hacken und anfahren. Bald würden hohe Schneehaufen den Zugang zum Walde versperren.
Das Dörfchen lag nahe bei der Kolonie. Seit dem Herbst sah es dort ganz traurig aus. Schon im Sommer war das Brot knapp. Man half sich mit Beeren, Pilzen, mit Kartoffeln. Die Kartoffelernte war schlecht. Man begann das Brot mit Rinde zu mischen. Wie Spatzen auf der Suche nach Brotkrumen liefen ganze Schwärme hungernder Kinder in die Kolonie. Im Dorf war wohl ein Kinderheim, aber die Kinder
gingen dort zugrunde. Schon im Sommer wurden sie viel schlechter ernährt als die in der Kolonie. Jetzt sah ihnen der Tod aus den Augen. Jungens aus dem Kinderheim wurden von dem Wirtschaftsverwalter der Beamtenerholungsstätte abgefaßt, als sie Fleisch bei ihm stehlen wollten.
Martynow erzählte es seinen Kindern.
Grischka war außer sich. Seine Augen weiteten sich, er flehte:
»Nehmen wir sie doch bei uns auf!«
Die Versammlung beschloß, das Kinderheim als einen Teil der Kolonie zu betrachten. Es hieß nun, mit dem Brotvorrat auch für sie haushalten. Das ergab eine Ration von einem halben Pfund! Die Kolonisten waren noch schlechte Landwirte, verstanden noch nicht richtig zu wirtschaften. Die Sommervorräte waren aufgegessen. Von den Pilzen war nur wenig übrig. Die Kartoffeln wurden zu spät ausgegraben. Die Hälfte davon stahlen die Bauern. Der Ertrag des Gemüsegartens war gering. Aus der Stadt kam nichts an. Die Wangen der Kinder wurden welk und hohl. Sie wurden schneller müde, gingen früher zu Bett. Doch klang Kinderlachen noch oft in der Kolonie.
Martynow lächelte noch immer, kommandierte:
»Schnürt eure Gürtel fester zusammen! Zieht die Bäuche ein! Hm!«
Doch immer seltener schnitt er Gesichter und fuhr immer häufiger zur Eisenbahnstation. Eines Nachts stürmte der See ganz besonders. Heulend schleuderte er seine Wellen gegen die Steine, schäumte auf in Wut und donnerte brausend:
»Huu … Huu … Huu …!«
Der Wind riß an den Wänden, als ob er alles zerschmettern wolle, tobte lärmend im Schornstein. Wurde er ruhiger, dann hörte man Geheul wie von Tieren. Waren es Wölfe oder hungrige Hunde? Das elektrische Licht war noch nicht angelegt. An die Scheiben drückte sich die dunkle Nacht und hüllte die Häuser in unheimliche Finsternis. Die Kinder konnten nicht einschlafen. Ein Gespräch kam nicht in Gang. Sie lauschten dem Krachen der Wände, dem Geheul des Sees. Es schien, als wollte er die Berge zerschmettern, als schleudere er Flüche auf die ganze Gegend.
Grischka schüttelte den Kopf:
»Das wilde Element!«
Doch er dachte nicht mehr daran, ein Held
zu werden. Die Kolonie schien ihm so klein, so zerbrechlich, so verlassen. Ganz allein waren sie in diesen Bergen. Draußen weinte jemand, drohte, führte heulende Grabgesänge auf. Warum war heute allen so unheimlich zu Mute? Taitschinow sagte gedrückt:
»Der Tod geht nahe herum.«
Die Eingangstür wurde zugeschlagen. Alle zuckten auf. Woizechowski schrie entsetzt auf. Doch die schweren Schritte beruhigten sie.
Voller Freude rief Grischka:
»Sergej Michalytsch?«
»Ich bin's.«
Er trat in die Schlafstube. Grischka schlief neben der Türe. Martynow setzte sich wuchtig auf sein Bett.
»Schlaft ihr noch nicht? Habt euch wohl bis jetzt unterhalten! Hm!«
Das Unheimliche war von Grischka gewichen. Auch die anderen Jungen wurden lebhaft in ihren Betten.
»Wir schlafen sofort ein! Ich, Peskow, übernehme die Verantwortung. In einer Minute schläft alles!«
Martynow sagte müde:
»Unsere Sache steht schlecht, Grigorij Peskow!«
»Was ist los?«
Taitschinow stürzte aus dem Bett zu Martynow. Alle richteten sich auf:
»Ein Telegramm aus der Gouvernementsstadt. Man fordert, daß ich euch in den städtischen Kinderheimen abliefere. Lebensmittel werden uns nicht bewilligt. Und selbst können wir uns nicht durchhelfen. Hm!«
Grischka rief verzweifelt:
»Sergej Michalytsch, lieber krepiere ich hier. Dorthin geh ich nicht. Deshalb war es uns den ganzen Abend so unheimlich!«
Er begann zu zittern und fiel mit dem Kopf auf Martynows Kniee. Martynow liebkoste die Kinder nie. Wenn er sah, daß die Mädchen sich küßten, brummte er ärgerlich:
»Sentimente!«
Doch jetzt umarmte er Grischka, drückte ihn an sich und bebte, bewegte sich unruhig hin und her auf dem Bett.
Die Kinder sprachen durcheinander:
»Wozu in die Stadt? Krepieren kann man auch hier!«
»Wir werden eben Baumrinde essen!«
»Werden wir dort was Besseres bekommen?«
»Wasjka, gib acht! Die Kolonie soll gesprengt werden, und du machst Dummheiten!«
»Sergej Michalytsch! Lassen Sie das nicht zu, daß die Kolonie kaputt geht!«
Alle Kinder riefen durcheinander:
»Wir bleiben hier! Wir gehen nirgendswohin!«
»Ja, ja, Freunde! Auch die Mädchen … Die haben geweint, haben gesagt, sie wollen hier bleiben. Wir müssen über die Sache nachdenken! Hm! Ihr wißt ja, Kinder. Das Essen ist sehr knapp. Wenn wir auch nicht sterben, auf den Hund werden wir aber kommen.«
Natotschi brummte beruhigend mit seiner Baßstimme:
»Wir werden schon bis zum Frühling durchhalten. Haben doch eigenes Feld!«
Grischka klammerte sich an Martynows Hand:
»Sergej Michalytsch, ich will gerne nur jeden zweiten Tag essen. Der Schlag soll mich treffen, wenn ich jeden Tag essen werde!«
Seine Stimme klang jetzt nicht mehr kindlich. Als sei er mit einem Mal ein Erwachsener geworden, sagte er voller Schmerz:
»Laß uns nicht wieder unter die Rechtsverletzer.«
Martynow schaute in seine Augen und spürte darin einen furchtbaren, menschlichen Schmerz. Er zuckte auf, schnitt ein Gesicht und sagte:
»Ich geb euch nicht weg.«
[Verlagswerbung]
Textproben
Neue russische Erzähler
Lydia Sejfullina
Wirinea
Von der Vorkriegszeit bis in die dramatische jüngste Vergangenheit führt der Roman dieser russischen Bäuerin, die das Leid verkörpert, das in verbitterten Todesmut umschlägt
Textprobe: Umfang 243 Seiten
»Du bist aber großartig! Hast wohl viel Geld verdient? Das Mädchen in die Lehre schicken! Wenn es wenigstens ein Knabe wäre, was für einen Sinn soll es aber für ein Mädchen haben?! Ob du sie nun etwas lernen läßt oder nicht, sie wird sich schließlich doch einem Mann fügen müssen und nicht selbständig bleiben.«
»Das will ich machen, wie ich es selbst für richtig halte. Wie ich will, so werde ich's halten. Sag' nun von dir selbst: hast du keine Lust, zu mir zu kommen? Ist es denn besser, sich so herumzutreiben?«
Wirka runzelte ärgerlich die Brauen.
»Es zieht mich nicht besonders zu dir hin, denn die Kost bei dir wird nicht übermäßig fett sein. Ich hab' schon was von der Welt gesehen und weiß wohl, daß du mich nicht nur zur Verrichtung der Tagarbeit zu dir in die Hütte nehmen willst. Wirst gewiß auch des
Nachts verlangen, daß ich dich beglücke. Ich mach' das aber, wann ich mag, für ein Stück Brot aber, oder für Geschenke kann man mich nicht dazu kriegen. Ich werde nicht zu dir kommen. Such' dir eine andere!«
Sie rückte das Tragjoch auf ihren Schultern zurecht und ging weiter.
»Warte einmal!«
»Nun, was willst du noch? Ich sagte dir doch, ich habe keine Lust.«
Pawel zögerte einen Augenblick, blickte sie an und sagte mit schlichter, angenehmer Stimme:
»Ganz umsonst wendest du alles zu deinem Nachteil, Bäuerin. ›Wo es besser ist –… will ich nicht hin, ich will ins Allerschlimmste untertauchen‹, so sagst du dir. Ich habe alles über dich gehört. Ich habe keine Lust, viel Worte zu machen, das aber sag' ich dir: du bist ein arbeitsames Weib, bist noch nicht vollständig verludert. Komm' zu mir und übernimm die Frauenarbeit. Umsonst werde ich dich nicht füttern: denn ich bin kein Kaufmann und auch kein gnädiger Herr. Wenn du aber arbeitest, so werde ich dir reichlich von dem zu essen geben, was ich auch für mich selbst verdienen werde. Was das Belästigen, das nächtliche Geschäft anbelangt, so will ich kein Gelübde
leisten. Ich bin noch jung, du bist jung, wir werden dicht beieinander leben, wie sollte man da nicht in Leidenschaft geraten? Doch das sage ich dir, Gewalt werde ich dir nicht antun. Wenn du nicht magst, –… so magst du es bleiben lassen. Doch auch das will ich offen sagen, daß du, solange du in meiner Hütte leben wirst, auch mit anderen Männern nicht sündigen darfst. Dann sollst du keusch leben und für dein Seelenheil sorgen. Was mich anbelangt, so werde ich dir keinen Zwang antun.«
»Eigenes Laster riecht nicht, fremdes stinkt.«
»Das ist nun einmal so. Mit etwas anderem bin ich nicht einverstanden. Wenn du's nicht aushältst, so kannst du fortgehen, du bist nicht an mich gebunden. Immerhin wirst du dich wenigsten erholen. Und auch ich kann unter keinen Umständen ohne Weib sein. Du bist zu den Kindern freundlich, ich habe es selbst gesehen. Schlag' es also nicht geradewegs ab. Überlege es dir heute, und morgen kannst du mir es sagen.«
Wirka schüttelte den Kopf und sagte dann leise:
»Die Leute werden dich auslachen. Es war hier viel Gerede über mich.«
»Das kommt daher, weil du selbst am allermeisten von dir redest. Wenn du erst eine Zeitlang
ruhig bei mir gelebt haben wirst, so werden auch die Leute sich ruhiger zu dir verhalten. Wenn ich dich ansehe, so möcht' ich meinen, daß du eigentlich mehr von deiner Sünde redest, als du wirklich sündigst. Hast du dich viel mit Männern herumgetrieben?«
»Nein! Nur mit einem Flüchtling, um die Leute zu ärgern, doch habe ich ihn nicht an mich herangelassen. Mit dem Schmied aber habe ich es gehabt, das ist wahr. Doch habe ich mich oft schamlos benommen, habe mich betrunken auf der Straße herumgewälzt und vor den Leuten mit den Mannsbildern schlimmen Unfug getrieben. Aber du fragst mich aus wie der Pope in der Beichte? Pfui! Und ich schwatze auch drauf los … Scher dich fort von mir, du zärtlicher Köter! Du willst ja auch nur dasselbe von mir wie alle die andern, machst aber erst noch soviel Redensarten. Pfui! Pfui! Pfui! Die Erde soll dich verschlingen, du verfluchter Kerl. Der schlimmste Schuft bist du unter allen Schuften!«
Schnellfüßig ging sie den steilen Pfad vom Flüßchen hinauf, spürte die Last der vollen Eimer nicht. Das Herz klopfte ihr in der Brust, und Tränen, die nur selten in Wirkas Augen traten, verschleierten ihr den Blick.
Auch in der Nacht noch weinte sie.
Neue russische Erzähler
Marietta Schaginian
Abenteuer einer Dame
Eine russische Aristokratin schildert in diesem Roman die Abenteuer, die sie während des Krieges und der Revolution in den verschiedensten Ländern Europas durchlebte. Ein künstlerisch und historisch wertvolles Kulturdokument
Textprobe: Umfang 224 Seiten
Wir hielten uns in Rom nicht länger auf. Wie an einen Traum erinnere ich mich an den dreitägigen Aufenthalt in Neapel, an das schmutzige Städtchen Brindisi, an den bespuckten Hafen, der nach Knoblauch und Teer stank. Die See war stahlblau, stürmisch, mit weißen Wellenkämmen. Der griechische Dampfer, der nach dem Piräus ging, wäre fast bei Archipelagos gescheitert. Wir wurden so geschüttelt, daß meine sieben Koffer wie Billardkugeln umherkollerten. Babette lag in der Kajüte und verfluchte Griechenland und die Griechen. In den Pausen zwischen den Anfällen der Seekrankheit schrie sie:
»Wenn ich Diplomat wäre, ich hätte es diesen Kanaillen, Bestien, Dieben, Koofmichen schon gezeigt! Sie verlangen Geld für die Table d'hote
und lassen das Diner durch Läuten anmelden während eines solchen Wellenganges! Daß ihnen doch die Eingeweide eintrockneten, diesen Marinaden, diesen Schuften, daß doch … Geht doch zu Tisch!«
»Aber, Mütterchen, Warwara Sergejewna, es hat ja noch gar nicht geläutet!«
»Schadet nichts! Setzt euch vor dem Läuten hin! Eßt die Horsd'oeuvre, diese Marinaden! Sagt nur, daß ihr, be –… ach! –… vollmächtigt seid, für das Gezahlte –… ach! –… zu essen …«
Die unglückliche Babette mußte sich aus dem Fenster hinauslehnen, von wo ein durchdringender Geruch von Salz, Jod und Dampf hereinkam.
»So ist die Gnädige immer«, flüsterte mir Pawla Pawlowna mit tiefer Baßstimme zu, als wir zum Speisesalon hinaufstiegen. »Sie lebt nur von ihrer Phantasie. Es peinigt sie, daß sie für ihr Geld nichts essen kann. Eine andere würde ruhig verzichten, Warwara Sergejewna aber nimmt es sich sehr zu Herzen.«
An uns vorbei zogen die von Menschen und Göttern verlassenen Gipfel der griechischen Gebirgswelt. Der erste Schnee bedeckte ihre Spitzen, die den weiten, blauen Himmel schroff wie ein Schrei durchdrangen. Nun hatten wir den Boden der Antike betreten.
Neue russische Erzähler
Alexandra Kollontay
Wege der Liebe
3 Erzählungen
Textprobe: Umfang 420 Seiten
Er war ein ›großes Tier‹ geworden, die Gouvernementszeitungen zeigten seine Ankunft an.
Ich wußte, daß er in derselben Stadt weilte, und wie früher versetzte mich schon dieser Gedanke in Erregung und duldete keine ruhige Arbeit. Aber ich mied ihn. Ich wünschte keine neue Begegnung. Doch kam die Polizei mir auf die Spur. Die Kameraden warnten mich. Ich mußte mich schleunigst retten, wenigstens bis zum Morgen einen sicheren Unterschlupf finden, weniger um meinetwillen als wegen der Papiere, die ich bei mir hatte und nicht verbrennen wollte. Ich kam auf den Gedanken, zu M. zu gehen. In seiner Fabrikwohnung, wo er als Ehrengast lebte, war ich geborgen. Und ich ging zu ihm. Der Diener meldete mich. Ich nannte meinen früheren Namen. M. trat aufrichtig erfreut zu mir heraus. Als wir aber allein waren, und ich ihm den Grund meines Besuches sagte, verlor er den Kopf, bekam Angst, und sah mich gar
nicht mehr freundschaftlich an. Keine Spur früherer Liebe lag in seinem Blick.
Als zwei völlig fremde Menschen standen wir uns gegenüber und müssen uns wohl beide gefragt haben: Ist es wirklich möglich, daß wir einander einmal lieben konnten? vor Sehnsucht nacheinander vergehen wollten? Mir schien, als stehe nicht M. vor mir, sondern ein entfernter Verwandter von ihm. Irgendeine Ähnlichkeit mit dem Gesicht, das ich geliebt hatte, war vorhanden, aber sonst –… ein absolut uninteressanter, fremder Herr.
Ich bedauerte, daß ich gekommen war, aber der Papiere wegen beschloß ich, fest zu bleiben, möge der Bourgeois innerlich über mich schimpfen und Angst ausstehen. Es schadet ihm nicht. Er wird etwas Fett verlieren.
Er bemühte sich seinerseits, mir höflich zu verstehen zu geben, daß meine Anwesenheit ihm äußerst ungelegen sei; ich tat als verstünde ich das nicht und berief mich auf die Rechte der alten Freundschaft.
Es blieb ihm nichts übrig, als mich für die Nacht zu beherbergen. Aber, mein Gott, ich kann mir denken, wie schlecht M. diese Nacht geschlafen hat. Ich habe ausgezeichnet geschlafen.
Druck von J. B. Hirschfeld (Arno Pries) in Leipzig