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Der Bauernkrieg  (Fabian Lehr)

Aus ProleWiki


Der Bauernkrieg
Autor*inFabian Lehr
Verfasst in2017
VerlagManifest Verlag
Veröffentlicht12. Oktober 2017
ISBN978-3-96156-026-4


Impressum

Manifest Verlag (Dröge, Kiesel, SAV e.V. GbR) Littenstr, 106/107, 10179 Berlin Telefon: (030) 24 72 38 02

Email: info@manifest-verlag.de

Internet: www.manifest-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Umschlaggestaltung: René Arnsburg, Sebastian Rave

Vorwort

Das frühe 16. Jahrhundert ist eine dramatische Zeit in Deutschland. Die alte Feudalordnung wird morsch und langsam vom modernen Zentralstaat ersetzt. Das Bürgertum steigt auf und Ansätze kapitalistischen Wirtschaftens breiten sich aus. In diese Zeit fällt die Reformation, die die alte Macht der Kirche bröckeln lässt. Aber nicht nur der gegen den sich entwickelnden modernen Staat rebellierende Adel gerät in Bewegung, sondern auch Intellektuelle, die Humanismus und Reformation befördern sowie die bäuerlichen Volksmassen. In verschiedenen Teilen Europas brechen heftige Bauernaufstände aus. Deren Höhepunkt bildet der deutsche Bauernkrieg von 1525. Hier tritt die eindrucksvolle Gestalt Thomas Müntzers, eine Art Anti-Luther, auf die Bühne. Er hat religiös-kommunistische Vorstellungen. Gerade im „Lutherjahr“ 2017, in der uns der Mönch Martin Luther als Vorkämpfer der modernen deutschen Kultur präsentiert wird, ist eine historische Einordnung notwendig. Denn nach seiner anfänglichen Rebellion gegen die Ehrwürdigen der alten Kirche, entwickelte sich Luther zum Scharfmacher gegen die Bauernbewegung. Er machte mit seinen vormaligen Erzfeinden, den katholischen Fürsten, gemeinsame Sache und unterstützte die Niederschlagung der Bauern. Dem entgegen stellten die Bauern zum Teil erstaunlich weitgehende soziale Forderungen auf und mussten sich mit zahlreichen wirklichen und vermeintlichen BündnispartnerInnen anderer Klassen auseinandersetzen. Diese ereignisreiche, faszinierende Epoche wird in diesem Buch nachgezeichnet.

Vorbemerkung des Autors

Fast 500 Jahre ist der große Bauernkrieg nun her. Eine ferne Erinnerung aus einer längst vergangenen Welt, nur noch einigen historisch besonders Interessierten geläufig. Warum soll man sich auch noch mit etwas beschäftigen, das scheinbar gar nichts mehr mit unserem alltäglichen Leben zu tun hat, mit der politischen Wirklichkeit, mit der wir uns heute herumzuschlagen haben? Der erste Grund klingt vielleicht etwas pathetisch: Die Helden von 1525 haben es verdient, in der Erinnerung weiterzuleben und späte Gerechtigkeit zu erfahren. Geschichte wird im Allgemeinen von den Siegern geschrieben, und das sind häufiger die Unterdrücker als die Unterdrückten. Ihre Geschichte ist eine Verleumdung der von Ihnen Geknechteten, ein Spucken auf die Gräber derer, die sie im Leben ausgepresst und erniedrigt haben - umso mehr, wenn die Unterdrückten ihr Schicksal nicht in blinder Ergebung hingenommen, sondern dagegen rebelliert haben und sich dafür in den Chroniken als tollwütige Hunde verewigt finden.

Mögen die revolutionären BäuerInnen von 1525 in den Schulgeschichtsbüchern - so sie denn überhaupt behandelt werden - auch nicht mehr pauschal als die Mordbrennerbanden geschildert werden, als die sie die nach ihrer Niederwerfung geschriebenen Berichte von Adligen und Geistlichen karikieren, so hat sich doch eine subtilere Beleidigung an die Adresse der bäuerlichen Massen der Zeit erhalten: Indem man den Bauernkrieg gar nicht oder nur ganz oberflächlich und die zahllosen kleineren, weniger heftigen Klassenkämpfe am Ausgang des Mittelalters sowieso nicht behandelt oder sie verniedlicht, wird suggeriert, dass es sich bei diesen BäuerInnen um eine dumme, apathische Masse gehandelt habe, ohne kritische Denkfähigkeit, ohne politisches Bewusstsein, ohne Gefühl für die eigene Würde und deren Missachtung und die zwischen Arbeit, Essen, Schlafen und Kirchgang gedankenlos dahinvegetiert habe wie eine Viehherde. Tatsächlich aber sehen wir in diesem dramatischen Frühjahr und Sommer 1525 unter diesen angeblich so stumpfen bäuerlichen Massen einen Ausbruch von Leidenschaft, visionärem Denken und Tapferkeit, einen hunderttausendstimmigen Schrei nach Wahrung ihrer Menschenwürde mehr noch als nach Brot, wie wir ihn so heftig und so flächendeckend in Deutschland seitdem nie wieder gesehen haben, in ganz Europa kaum vor der Französischen Revolution. Sie haben alles gewagt und nichts als den Tod auf dem Schlachtfeld, am Galgen oder auf dem Richtblock gefunden - ihre Henker sollen wenigstens nicht noch den Triumph haben, auch die Erinnerung an die vertilgt zu haben, deren Körper sie vertilgten.

Zweitens kann die Betrachtung ihres Kampfes für uns inspirierend und immer noch lehrreich sein. Sicher, alte Klassen sind unter- und neue aufgegangen in diesen fünfhundert Jahren, und die Klassenkämpfe, in denen wir Stellung werden nehmen müssen, sind andere als die der Bauern von Weinsberg und Frankenhausen. Aber wir können am Beispiel des Bauernkrieges musterhaft lernen, wie eine wirkliche, das ganze Land erfassende und umwälzende Revolution sich entwickelt, wie sie innerhalb von Wochen die politische Reifung der Menschen mehr voranpeitscht als in ruhigen Zeiten in Jahrzehnten, wie in dem Augenblick, in dem die Revolution nicht mehr voranschreitet, sofort die Konterrevolution einsetzt, wie eine noch politisch unerfahrene unterdrückte Klasse viel eher durch ihre übertriebene Gutgläubigkeit als durch übertriebene Grausamkeit gegenüber den Herrschenden alles riskiert. Denn so fremd die Welt des frühen 16. Jahrhunderts uns auch geworden ist, blitzt hier überall die Moderne auf, treten erstmals politische Programme und politische Utopien auf die Bühne der Geschichte, die bis in die Gegenwart wirksam sind.

Schließlich ist die ganze deutsche Geschichte der Neuzeit, damit auch ein guter Teil der ganzen europäischen Geschichte, nicht verständlich ohne nachzuvollziehen, wie hier der politische und soziale Fortschritt in Blut ertränkt wurde, sodass die progressiven Kräfte ermattet zusammensanken, bis sie ein Jahrhundert später der dreißigjährige Krieg - der bei anderem Ausgang des Bauernkrieges kaum hätte entstehen können - endgültig niederwarf.

Prolog: Das heilige Pfeiferhänslein

In den 1470er Jahren lebte auf dem Gebiet des Fürstbischofs von Würzburg ein junger Schafhirte namens Hans Böheim. Er verdiente sich ein kleines Zubrot, indem er abends in den Dörfern, durch die er durchzog, in den Schenken, auf Dorffesten und Hochzeiten Flöte spielte und selbstgedichtete Lieder sang. Die Leute der Gegend mochten das "Pfeiferhänslein" gern, und oft kam eines der Dorfmädchen nachts mit auf seine Weide. Im Jahr 1476 plagte ihn deswegen das schlechte Gewissen und er pilgerte zum Marienbild von Niklashausen, um an diesem in Franken berühmten Wallfahrtsort seine Sünden zu beichten. In der Nacht darauf hatte er eine religiöse Vision, in der er die Jungfrau Maria gesehen haben will und das ganze auf ihn eindringende Leid aller Menschen der Welt. Die Jungfrau, so sagte er, habe ihm befohlen, sein oberflächliches Leben aufzugeben und nur noch dafür zu leben, den Menschen Gerechtigkeit und ein besseres Leben zu schaffen. So verbrannte er seine geliebten Musikinstrumente, die bunten Federn und kleinen Schmuckstücke, die er mit sich trug und begann, den Leuten in den Dörfern Reden darüber zu halten, dass alles ganz anders werden, die Welt völlig umgestaltet werden müsse. Die Gabe, Menschen für sich einzunehmen, hatte er immer besessen, aber nun, da er predigte statt Flöte blies, kamen nicht mehr einige Dutzend, sondern hunderte, bald tausende Menschen, die zig Kilometer weit hinauswanderten, um ihn zu hören. Aber obwohl er sich auch auf die heilige Jungfrau berief, bekamen sie bei ihm ganz andere Dinge zu hören als beim Pfarrer: Alle Menschen seien Brüder und Schwestern, alle gleich und frei, die einander helfen und miteinander teilen sollen. Die Herren haben zu ihrem Reichtum selbst nichts getan, sondern verprassen nur das, was andere für sie erarbeiten - darum soll es keine Herren mehr geben, sondern jeder mit seinen eigenen Händen erarbeiten. Die Schätze der Bischöfe und Klöster sollen ihnen genommen werden, um damit die Armen und Kranken zu versorgen. Die Wälder, Wiesen und Flüsse und alles, was in ihnen sei, gehöre allen Menschen gleichermaßen.

Das waren unerhörte Forderungen, und sie trafen den Nerv der Bauern, Handwerker und entlassenen Soldaten, die es hörten, zuhause in ihren Gemeinden weitererzählten und darüber diskutierten. Bald drang sein Ruf über das Taubertal hinaus, und aus - für die Begriffe und die Transportbedingungen der Zeit - weit entfernten Regionen strömten Neugierige zu ihm, aus Thüringen, Sachsen, Bayern, Württemberg und Hessen. Viele blieben ganz beim Pfeiferhänslein und zogen mit ihm durchs Land. Der bunte Haufen umfasste hunderte, bald tausende Menschen, die alles verkauften, was sie nicht dringend brauchten und gleichmäßig unter sich teilten, einander nur mit "Bruder" und "Schwester" anredeten und nachts auf freiem Feld unter dem Sternenhimmel schliefen. Der Fürstbischof von Würzburg, der gerade inthronisierte Rudolf von Scherenberg, der in diesem schönen, fruchtbaren Ländchen nicht nur als geistlicher Oberhirte, sondern auch als weltlicher Fürst herrschte, schenkte dem anfangs keine große Beachtung. Bald aber nahm die Bewegung einen scharf antiklerikalen Ton, der ihn aufhorchen ließ. In einem Fürstbistum wie Würzburg, wo die Geistlichen gleichzeitig weltliche Herren waren, zeigte sich die Degeneriertheit der hohen Ränge der Kirche besonders scharf. Der Bischof selbst und die ihm unterstehenden Stiftsherren und Äbte pressten die ihnen unterstehenden Bauern mit immer neuen Steuern, Sonderabgaben und Zöllen so erbarmungslos aus, dass selbst in einer so fruchtbaren Gegend oft Hunger herrschte, dazu mussten die Bauern noch an mehreren Tagen pro Woche unbezahlt auf den Feldern der Geistlichen schuften und auch sonst jeden Dienst für sie verrichten. Wer die Rechtmäßigkeit einer neuen Abgabe bestritt, landete schnell als Aufrührer im Kerker. Von dem Geld, das die hohen Geistlichen, die durchweg Söhne namhafter Adelsfamilien waren, aus den Bauern herausgeschunden hatten, führten sie ein verschwenderisches und ausschweifendes Leben, als seien sie kleine Könige und nicht eigentlich durch Gelübde zu Armut und Keuschheit verpflichtet, trugen sündhaft teure, herrlich mit Goldfäden bestickte Brokatgewänder, aßen vielgängige Delikatessenmenüs aus Gold- und Silbergeschirr, betranken sich an teuren Weinen, gaben Kunstwerke in Auftrag und hielten sich oft einen Harem von Prostituierten. Das Pfeiferhänslein, das den zu ihm Kommenden geduldig zuhörte, bekam immer neue erschütternde Geschichten davon zu hören, wie die Pfaffen die armen Leute beraubten, betrogen und demütigten. Seine Reden gegen die Priester und Mönche wurden immer schärfer, er forderte, dass sie ein Dach über dem Kopf, Essen und warme Kleider bekommen sollten, aber nicht mehr, und dass sie dafür arbeiten sollten wie jeder andere - am Ende sollten alle Menschen von allem gleich viel haben. Seine Anhänger verehrten ihn jetzt wie einen heiligen Propheten, und sie sangen gemeinsam den Choral:

Wir wollen es Gott im Himmel klagen, Kyrie eleison,

dass wir die Pfaffen nicht tot solln schlagen, kyrie eleison!

Dazu konnte der Fürstbischof nicht mehr untätig zuschauen. Er schickte Spitzel unter die Anhänger des "Heiligen Jünglings", wie er jetzt genannt wurde, und erfuhr, dass er alle Männer im Juli 1476 dazu aufrief, sich bewaffnet bei ihm zu versammeln und ihre Frauen und Kinder nach hause zu schicken, um zu hören, was die heilige Jungfrau ihnen zu tun befehle. Das wollte der Bischof lieber nicht abwarten. Stattdessen schickte er in der Nacht zum 12. Juli einen Trupp bewaffneter Reiter in das Lager des Pfeiferhänsleins, ließ ihn festnehmen und in die auf einem Berg über Würzburg thronende bischöfliche Festung Marienberg in den Kerker werfen. Ein großer Teil der Anhänger des heiligen Jünglings zerstreute sich am nächsten Tag niedergeschlagen in ihre Dörfer, aber 16 000 zogen mit Sensen, Äxten, Keulen und Messern in der Hand Richtung Würzburg, um ihren Propheten notfalls mit Gewalt zu befreien. Am Fuß der Festung angekommen, ritt der bischöfliche Marschall Georg von Gebsattel zu ihnen herab, um mit ihnen zu reden, stellte sich dabei aber so ungeschickt an, dass die Bauern wütend wurden und Steine nach ihm warfen. Gebsattel flüchtete zurück in die Festung, und der Bischof ließ über die Köpfe der Bauern hinweg einige Kanonenkugeln abfeuern. Dann schickte er einen weiteren Ritter hinunter, den diplomatischer auftretenden Conrad von Hutten. Er redete den Bauern begütigend zu, versicherte, dass die Sache Hans Böheims gewissenhaft geprüft werde und ihm nichts geschehe, wenn er sich nichts habe zuschulden kommen lassen. Die Bauern sollten doch lieber friedlich nach Hause gehen, dann werde ihr Aufruhr vergeben und vergessen sein. Schließlich sei doch auch gerade Heuernte und würden sie auf ihren Höfen gebraucht. Das überzeugte sie, und sie erklärten sich schließlich bereit, umzukehren und nach Hause zu gehen. Aber das alles war nur eine Finte des Bischofs, und sobald der riesige Bauernhaufen sich in lauter isolierte kleine Grüppchen aufgelöst hatte, ließ er seine Panzerreiter ausschwärmen, die die einzelnen Häufchen rasch einholten, hunderte totschlugen, hunderte weitere mit Stricken gefesselt auf die Festung abführten. Es sollte ein Exempel statuiert werden, was mit Bauern passierte, die sich anmaßten, ihre von Gott gegebene Obrigkeit infrage zu stellen.

Dem heiligen Pfeiferhänslein war kein so schneller Tod vergönnt. Eine Woche nach seiner Festnahme zerrte man ihn bei Sonnenaufgang aus dem Kerker, brachte ihn auf eine Wiese außerhalb der Festung und richtete ihm einen Scheiterhaufen auf, in dessen Flammen er langsam erstickte, hoch oben auf dem Berg, damit man den Rauch weithin im Maintal sehen könne.

Die Ordnung war fürs erste wiederhergestellt im Würzburger Land, aber unter der Oberfläche gärte es weiter, und bald zeigte sich, dass das traurige Schicksal des Pfeiferhänsleins nur ein erstes Wetterleuchten neuer Ausbrüche noch ganz anderer Dimensionen war.

Einleitung: Deutschland am Ende des Mittelalters

Eine solche soziale Protestbewegung, die zehntausende auf die Beine brachte, kam nicht aus heiterem Himmel. Im Laufe des Spätmittelalters hatten sich die sozialen Konflikte in Deutschland so zugespitzt, dass viele Zeitgenossen spürten, es müsse irgendeine Explosion, irgendeine große Umwälzung kommen, was sich anfangs in religiösen und esoterischen Formen ausdrückte, in apokalyptischen Visionen und dunklen Prophezeiungen darüber, dass das unterste zuoberst gekehrt und bald alles anders würde. Wie war dieses Land, wie waren die sozialen und politischen Verhältnisse in ihm beschaffen?

Einen Staat Deutschland im modernen Sinne des Wortes gab es nicht. Das heutige Deutschland bildete den Kern des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation", das nach heutigen Grenzen neben Deutschland noch die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Ostfrankreich und die Provence, die Schweiz, Norditalien, Slowenien, Österreich, Tschechien und den Westen Polens umfasste. Viele dieser Gebiete gehörten um 1500 aber nur noch formell zum Reich und waren in Wirklichkeit völlig unabhängig von ihm. So war die Macht der deutschen Kaiser über Italien schon im 13. Jahrhundert erloschen, und im 14. Jahrhundert entstand die Schweiz als Staatenbund einiger Stadtstaaten, die mit der Reichspolitik gar nichts mehr zu schaffen hatten und sich im 15. Jahrhundert beträchtlich ausdehnten. Auch die Zugehörigkeit der Provence zum Reich war rein formell, auch wenn noch 1365 Kaiser Karl IV. in Arles gekrönt wurde. 1481 schied die Provence dann auch offiziell aus dem Reich aus und kam an Frankreich.

Aber auch in seinen deutschsprachigen Kerngebieten war dieses Gebilde weit von einem modernen Nationalstaat entfernt. An seiner Spitze stand ein Kaiser, dessen Amt nicht vererbt wurde, sondern den nach den Bestimmungen der Goldenen Bulle von 1356 die sieben Kurfürsten wählten: Der Erzbischof von Trier, der Erzbischof von Köln, der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der Erzbischof von Mainz. Theoretisch konnten diese Kurfürsten jeden Adligen zum Kaiser wählen, tatsächlich aber wurde seit 1438 bis zum Ende des Reiches fast immer der Kandidat der Adelsdynastie Habsburg gewählt, die das größte Territorium aller deutschen Fürstenhäuser besaßen. Im Gegensatz zu späteren Zeiten, wo das Reich de facto eine habsburgische Erbmonarchie und die Wahl eine reine Zeremonie geworden war, war dieses Vorrecht der Habsburger an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert aber noch nicht selbstverständlich - noch Karl V., der mächtigste aller Habsburgerkaiser, musste 1519 ungeheure Bestechungsgelder an die Kurfürsten zahlen, um gewählt zu werden. Die eigentliche Machtbasis Karls, der gleichzeitig König von Spanien war, lag aber außerhalb des Reiches, in Spanien, dem von Spanien annektierten Königreich Neapel und den riesigen spanischen Eroberungen in Mittel- und Südamerika. Die älteren Besitzungen der Habsburger in Deutschland, die den Großteil des heutigen Österreich sowie ein paar verstreute Gebietsfetzen in Südwestdeutschland umfassten, wirkten dagegen wie ein provinzielles Anhängsel, das Karl, der kaum Deutsch sprach und nur selten im Reich war, von seinem Bruder Ferdinand verwalten ließ. Trotz des hochtrabenden Titels waren die Machtbefugnisse der römisch-deutschen Kaiser im Reich sehr begrenzt. Unumschränkter Herr war er nur in seiner Hausmacht, d.h. den Territorien seiner Familiendynastie - der Rest des Reiches bestand aus hunderten mittleren, kleinen und sehr kleinen Territorien, den sogenannten Reichsständen, die auf ihrem Gebiet weitgehend tun und lassen konnten, was sie wollten und zwischen denen der Kaiser eher als eine Art Moderator denn als Herrscher auftrat.

Das Reich bot einen gewissen gemeinsamen Rechtsrahmen, es gab einen gemeinsamen obersten Gerichtshof des Reiches und ein paar weitere Reichsbehörden, aber ein Beschluss des Reichskammergerichtes war gegen einen Fürsten nur durchsetzbar, wenn der Kaiser mit den Mitteln seiner Hausmacht oder ein anderer mächtiger Reichsfürst bereit waren, ihn durchzusetzen. So etwas wie eine gemeinsame Polizei oder eine gemeinsame Armee gab es nämlich nicht, allenfalls konnte bei einem Angriff von außen ein zeitlich begrenztes Reichsaufgebot aufgestellt werden, das aber meistens militärisch bedeutungslos blieb - Krieg, ob untereinander oder gegen auswärtige Staaten, führten die einzelnen Fürsten mit ihren eigenen Armeen und nicht das Reich insgesamt. Die Reichsstände trafen sich regelmäßig auf den Reichstagen, um unter Vorsitz des Kaisers über die Politik im Reich zu diskutieren, aber dabei handelte es sich eher um eine Fürstenkonferenz als um eine Regierung. Ein bisschen Ähnlichkeit hatte dieses ganze Gebilde mit der heutigen EU, auch wenn von wirtschaftlicher Einigung im spätmittelalterlichen Deutschland keine Spur war: In jedem Fürstentum galten andere Maß- und Gewichtseinheiten, wurden andere Münzen geprägt, und Zölle musste man nicht nur bei der Reise von einem Fürstentum in ein anderes, sondern oft auch mehrmals innerhalb eines einzigen Fürstentums zahlen. Anders als bspw. in Frankreich, England oder Spanien, wo der König im Laufe des Mittelalters gegenüber den regionalen Fürsten immer mächtiger geworden war und es um 1500 schon eine Art zentral verwalteten modernen Staat gab, war die Macht der deutschen Kaiser gegenüber den Fürsten immer schwächer geworden, um am Ende des Mittelalters waren die deutschen Fürstentümer fast schon unabhängige Staaten, die dem Kaiser nur noch auf dem Papier unterstanden. Es würde hier zu weit führen, lange zu erörtern, warum die Entwicklung in Deutschland einen entgegengesetzten Verlauf wie in Westeuropa genommen hat, aber bedeutend waren dafür bspw.: Die Überdehnung des Reiches durch den immer wiederholten Versuch, Italien in der Gewalt der Kaiser zu halten. Die kaiserlose Zeit des 13. Jahrhunderts, als das Reich erst mit Friedrich II. einen Kaiser hatte, der nie in Deutschland anwesend war und stattdessen in Sizilien einen kleinen Musterstaat aufbaute und dann jahrzehntelang gar keinen anerkannten Kaiser mehr, sodass die Adligen ihre Macht massiv ausbauen konnten. Das Wahlkaisertum, das den kontinuierlichen Aufbau einer Zentralmacht schwieriger machte als bspw. in Frankreich, wo die Dynastie der Kapetinger über viele Generationen hinweg eine immer größere Hausmacht anhäufen konnten, die mit dem Zentralstaat identisch war und diesem langsam das Übergewicht über alle Regionalfürsten gab.

Als der deutsche Kaisertitel dann für die Habsburger praktisch erblich wurde, war die Macht der deutschen Territorialfürsten schon so befestigt, dass sie das Reich trotz ihrer starken Hausmacht nicht wesentlich zentralisieren konnten - allerdings haben die Habsburger in den nächsten anderthalb Jahrhunderten noch zwei große, erfolglose Versuche unternommen, Deutschland doch noch in einen von Wien aus verwalteten modernen Zentralstaat zu verwandeln, erst im Schmalkaldischen Krieg und dann noch einmal im Dreißigjährigen Krieg.

Die hunderten Reichsstände, aus denen sich dieses Heilige Römische Reich deutscher Nation nun zusammensetzte, lassen sich im Wesentlichen in drei Gruppen unterteilen. Erstens gab es von Adligen beherrschte Fürstentümer, vom großen und relativ mächtigen Herzogtum bis hin zur winzigen Grafschaft, die kaum aus mehr als ein paar Burgen und Dörfern bestand. Innerhalb dieser Fürstentümer gab es noch einmal eine Menge kleinerer Adliger, die Ritter, die ihrem Fürsten lehenspflichtig waren, d.h. sie hatten zwar ein kleines eigenes Gebiet, dessen Bauern ihre Leibeigenen oder Zinspflichtigen waren, aber sie mussten einen Teil ihrer Einnahmen an den Fürsten abtreten, ihm im Kriegsfall als berittene Soldaten dienen und sich seiner Gesetzgebung fügen. Im Laufe des Spätmittelalters waren die Ritter gegenüber ihren Fürsten in eine immer schwächere Position geraten und kaum noch mehr als ihre lokalen Statthalter.

Zweitens gab es geistliche Fürstentümer, in denen der Bischof oder der Abt eines reichen Klosters gleichzeitig weltlicher Herrscher war. Wie oben erwähnt, waren drei dieser Fürstbischöfe sogar Kurfürsten, die den Kaiser wählen konnten. Diese geistlichen Fürsten stammten durchweg aus bedeutenden Adelsfamilien und lebten eher wie Herzöge denn als Priester. Mit Theologie hatten die meisten von ihnen herzlich wenig zu tun, stattdessen traten sie als Kriegsherren auf, hatten einen eindrucksvollen Hofstaat und führten ein verschwenderisches Leben. Ja, in der Regel waren die geistlichen Fürsten reicher und glanzvoller als die weltlichen, denn als geistliche Herren konnten sie den Bauern nicht nur die normalen Steuern und Abgaben abpressen, sondern dazu noch den Kirchenzehnten. Auch konnten, da sie keine ehelichen, erbberechtigten Kinder haben konnten (Uneheliche dafür umso mehr), ihre Länder nicht zersplittern wie bei den weltlichen Fürsten, die ihr Land oft unter mehreren Söhnen aufteilten. Schließlich konnten sie durch Sündenablässe und Ähnliches noch mehr Geld herbeischaffen. Auch den geistlichen Fürsten unterstanden lehenspflichtige kleinere Adlige.

Drittens gab es die freien Reichsstädte, praktisch Stadtrepubliken, die nur dem Kaiser unterstanden, das heißt unabhängig waren. Die Bürger hatten sich diese Freiheit gegen Adlige und Bischöfe oft in jahrhundertelangen harten Klassenkämpfen erringen müssen, und folglich gab es die meisten freien Reichsstädte dort, wo sich das spätmittelalterliche Bürgertum am stärksten entwickelt hatte, nämlich in Süddeutschland, besonders im heutigen Baden-Württemberg und Bayern. Diese Stadtrepubliken waren keine Demokratien, sondern wurden beherrscht von einem Rat, der sich nur aus den allerreichsten Bürgerfamilien der Stadt zusammensetzte, während die Handwerksgesellen, die kleinen Kaufleute, die städtischen Armen und die Bauern der Umgebung in der Regel kein politisches Mitspracherecht hatten. In vielen freien Reichsstädten gab es einen inneren Rat, der aus den elitärsten Patrizierfamilien gebildet wurde, und einen äußeren Rat, der vor allem aus den auch schon wohlhabenden Handwerksmeistern und Ähnlichem bestand. Das Territorium der freien Reichsstädte umfasste nicht nur das Stadtgebiet selbst, sondern auch Wälder, Äcker, Weideland und eine Reihe Dörfer außerhalb der Stadtmauern, wobei die dortigen Bauern für den Rat genauso als Leibeigene oder Zinspflichtige schuften mussten wie anderswo für einen Fürsten. Die freien Reichsstädte waren die Zentren des aufblühenden Handelskapitalismus, des Finanzwesens, des Handwerks und, dank des in ihnen herrschenden freieren geistigen Klimas, von Kunst und Kultur. Dementsprechend waren fast alle der größten Städte des Reiches freie Reichsstädte, während sich die fürstlichen Landstädte nur kümmerlich entwickelten.

Die Bevölkerung Deutschlands hatte sich im Laufe des 15. Jahrhunderts erst langsam von der furchtbaren Pestepidemie von 1347-49 (Wobei ein Drittel der Bevölkerung Europas gestorben war) erholt und betrug um 1500 etwa 12 Millionen. Italien hatte damals rund 10 Millionen Einwohner, Frankreich etwa 16 Millionen und England lediglich 4 Millionen.

Nur eine kleine Minderheit lebte in Städten, und nach modernen Maßstäben waren diese Städte allesamt sehr klein, oft eher ummauerte Dörfer. Anders als im zentralisierten Frankreich und England, wo es eine das ganze Land beherrschende große Metropole gab - Paris hatte damals immerhin schon 200 000 Einwohner, London 125 000 - hatte sich im zersplitterten Deutschen Reich keine Hauptstadt oder dominante Metropole gebildet. Wien, die Hauptstadt der habsburgischen Ländereien im Reich, war ein Nest von kaum 10 000 Einwohnern. Die größten Städte waren Köln, Prag und Nürnberg mit jeweils etwa 40 000 Einwohnern, ein, zwei Dutzend weitere Städte erreichten 10 000 - 30 000 Einwohner und waren damit regionale Zentren. Aber man darf sich das Leben in diesen Städten nicht wie in einem heutigen Provinzstädtchen gleicher Einwohnerzahl vorstellen. Eine 30- oder 40 000-Einwohnerstadt ist heute nichts Besonderes, damals hingegen war sie der Mittelpunkt einer ganzen Region: Die Bauern des Umlandes strömten dorthin, um ihre Abgaben zu leisten oder Obst und Gemüse zu verkaufen. Die Adligen der Region kamen hin, um dort ihr Geld zu verprassen. Studenten aus ganz Europa kamen in die überall entstehenden neuen Universitäten. Handwerker und Künstler eröffneten dort ihre Werkstätten. Kaufleute aus dem ganzen Reich stellten ihre Waren aus. Entwurzelte aus den Dörfern - Bettler, Straßenmusikanten, Tagelöhner, Prostituierte - gingen in die Städte, um ein paar Krümel vom wachsenden Wohlstand des städtischen Bürgertums aufzufangen. Dazu waren die Städte äußerst dicht bebaut, die Straßen entsprechend voller Leben. Die größeren der freien Reichsstädte Süd- und Mitteldeutschlands hatten eine durchaus großstädtische Atmosphäre.

In diesen Städten hatte sich im Verlauf des Mittelalters eine neue Klasse gebildet, die immer mächtiger wurde und sich inzwischen oft gegen Adel und Klerus durchsetzen konnte: Das Bürgertum und mit ihm die kapitalistische Wirtschaft. Industriekapitalismus gab es noch nicht, sondern erst Handels- und Finanzkapitalismus sowie in bescheidenem Umfang Anfänge von Manufaktur- und Verlagswesen. Vorherrschend waren kapitalistische Wirtschaftsformen und moderne Geldwirtschaft nur in den verstreuten städtischen Inseln, während die BäuerInnen auf dem Land einen großen Teil ihrer Erzeugnisse ohne Gegenleistung an Adel und Klerus abgeben und den Großteil des Restes für ihre eigene Ernährung und als Saatgut verwenden mussten. Verkaufen konnten sie nur kleine Ernteüberschüsse, hatten somit nur wenig Geld, kauften oder verkauften wenig und hatten nur geringen Anteil an den sich bildenden kapitalistischen Wirtschaftsformen. ProletarierInnen im modernen Sinne, also lohnabhängig Beschäftigte, die nichts außer ihrer Arbeitskraft verkaufen konnten und gar keine eigenen Produktionsmittel besaßen, gab es im spätmittelalterlichen Deutschland durchaus schon, aber sie waren noch eine sehr kleine Gruppe in einigen städtischen Erwerbszweigen, vor allem aber im Bergbau, der damals in Deutschland höher entwickelt war als irgendwo auf der Welt. In den Bergwerken Mitteldeutschlands sehen wir schon um 1500 kapitalistische Unternehmer, die Arbeiter beschäftigen, die ausschließlich als Lohnarbeiter lebten und sich nicht nur ein Zubrot verdienten wie viele Bauern, die ein paar Monate pro Jahr als Hilfsarbeiter in die Stadt gingen.

Innerhalb des Bürgertums gab es große soziale und ökonomische Unterschiede. Da gab es zum einen die schwerreichen Patrizierfamilien, die großen Bankiers und Großkaufleute, die, wie die Fugger und Welser in Augsburg und Nürnberg, riesige Vermögen anhäuften und in den Reichsstädten wie urbane Fürsten auftraten. Die Fugger hatten 1519 Karl V. die von ihm zur Kaiserwahl benötigten enormen Bestechungsgelder geliehen und sich damit quasi einen eigenen Kaiser gekauft, der ihnen in politischen Angelegenheiten immer wohlwollend beistand. In Augsburg nahmen sie eine ähnliche Stellung ein wie zur gleichen Zeit die Medici in der Stadtrepublik Florenz: Offiziell nur eine Bürgerfamilie unter anderen, bestimmten sie tatsächlich das ganze Geschehen in der Republik. Sie trieben, um die Sympathien der städtischen Armen zu gewinnen, etwas paternalistische Sozialpolitik und gründeten mit der Augsburger Fuggerei die erste Sozialwohnsiedlung Deutschlands, in der Arme für einen symbolisch geringen Mietpreis eine Wohnung bekamen. Wie die Medici gaben sie große Summen als Mäzene für die Förderung von Kunst und Kultur aus und statteten Augsburg mit prachtvollen Renaissancebauten, Brunnen und Statuen aus. Und wie die Medici versuchten sie, ihre inoffizielle Herrscherstellung in eine offizielle umzuwandeln und erbliche Herzöge zu werden, was ihnen im Gegensatz zu ersteren aber nicht gelang. Die mit den Fuggern konkurrierenden, in Augsburg und Nürnberg ansässigen Welser besaßen im 16. Jahrhundert Venezuela als Privatkolonie ihrer Familie und verdienten enorme Summen mit dem Verkauf von Sklaven, Gold, Edelhölzern und Gewürzen aus ihrer Kolonie sowie mit ihren Zuckerplantagen in der Karibik und auf Madeira. Neben diesen international agierenden, millionenschweren Großbürgern erschienen die Adligen wie bemitleidenswerte provinzielle arme Schlucker.

Den größeren Teilen des städtischen Bürgertums machten Handwerksmeister aus - Waffenschmiede und Kanonengießer, Gold- und Silberschmiede, Graveure, Uhrmacher, Schneider, Bildhauer, Maler usw. (Skulptur und Malerei galten damals als Handwerk). Sie waren in Zünften organisiert, die nur eine streng begrenzte Zahl zur Ausübung eines Handwerks auf dem Gebiet einer Reichsstadt zuließen, sie damit vor Konkurrenz schützten, die Preise hoch hielten und garantierten, dass jemand, der es mal zum Handwerksmeister gebracht hatte, sein ganzes Leben lang ein wohlhabender Mann in gesicherter sozialer Stellung blieb. Mit dem Wachstum der Städte und dem rasch zunehmenden Reichtum der Stadtbevölkerung waren die Handwerke und Kunsthandwerke immer vielfältiger und raffinierter geworden, und wer das Geld dazu hatte, konnte sich in den Städten mit immer schöneren und kunstvolleren Luxusartikeln eindecken.

Schließlich gab es die aufkommenden modernen freien Berufe - Ärzte, Anwälte, Professoren, Verleger und Buchhändler, in Ansätzen auch schon so etwas wie moderne Intellektuelle (In Ulrich von Hutten werden wir noch einem prominenten Beispiel begegnen). Und dann war da noch das zahlreiche städtische Kleinbürgertum, bspw. Handwerksgesellen, Kneipen- und Herbergswirte oder Bordellbetreiber (Die Prostitution war im späten Mittelalter enorm verbreitet, da es für viele Mädchen aus verarmten Bauernfamilien keine andere Einkommensmöglichkeit gab, als in die Städte zu gehen und sich dort zu prostituieren). Trotz aller Unterschiede und trotz aller oft heftigen Konflikte zwischen Patriziern einerseits, Mittel- und Kleinbürgern andererseits besaß dieses Bürgertum ein gemeinsames Standesbewusstsein, das sich im Konflikt mit Adel und Klerus entwickelte, die gierig auf die blühenden freien Reichsstädte schielten und sie sich mit ihren sprudelnden Einnahmequellen untertänig machen wollten (Wo das gelang, sägten sie sich den Ast, auf dem sie saßen, allerdings schnell selbst ab, denn unter der fürstlichen Willkürwirtschaft verödeten die Handelsstädte rasch).

Durch das Geld dieses wachsenden Bürgertums, das sich als kulturell führende Klasse in Szene setzte, während bisher fast nur die Kirche Aufträge an Künstler vergeben hatte, gediehen Kunst und Kultur im Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts überreichlich, die Spätgotik erlebte eine herrliche Spätblüte. Die Zentren dieser kulturellen Blüte waren vor allem Schwaben und Franken. Kaum ein größeres Dorf dieser Gegenden, in dem man nicht noch heute eine der wundervollen spätgotischen Kirchen des 15. und 16. Jahrhunderts sieht, mit ihren reich geschmückten Portalen und filigranen Türmen, den komplexen Netz- und Sterngewölben im Inneren, mit schönen Wandmalereien, bunten Glasfenstern, kunstvollen Heiligenfiguren und an den Wänden den Grabdenkmälern der Bürger und Ritter der Gegend. In den reichen Handelsstädten baute das wohlhabende Bürgertum auf eigene Kosten neue Großkirchen auf dem letzten Stand von Technik und Kunst, um demonstrativ zu zeigen, wer hier den Ton angab. Einige davon, wie das im späten 14. Jahrhundert begonnene Ulmer Münster, stellten in ihren Dimensionen die Kathedralen der Bischöfe in den Schatten. Während die Früh- und Hochgotik erst mit hundertjähriger Verspätung aus Frankreich nach Deutschland gekommen und nur zögerlich angenommen wurde, entwickelten sich in der Spätgotik jetzt spezifische deutsche Regionalstile, und die süddeutschen Hallenkirchen des 14. und 15. Jahrhunderts gehören zum Schönsten, was die gotische Kunst überhaupt geschaffen hat. Auch Malerei und Bildhauerei nehmen jetzt einen ungeheuren Aufschwung, und die städtischen Ateliers produzieren Gemälde und Skulpturen in einer bisher ungekannten Menge - bis heute sind die Regionalmuseen Süd- und Mitteldeutschlands, Österreichs und der Schweiz voll von den Heiligenfiguren und Tafelgemälden der Zeit von etwa 1420-1530, und obwohl sie von teils Dutzenden Gesellen in einer Werkstatt unter Anleitung des Meisters hergestellte Massenprodukte wurden, war ihr künstlerisches Niveau durchweg sehr hoch. Würzburg, Nürnberg, Augsburg und Ulm waren die wichtigsten Zentren dieser Kunst. Mit Bildhauern wie Tilman Riemenschneider in Würzburg und Malern wie Albrecht Dürer in Nürnberg treten in Süddeutschland Künstler auf, die sich vor der gleichzeitigen Renaissancekunst in Nord- und Mittelitalien nicht verstecken müssen. Auch Luxuskleidung, Goldschmiedearbeiten, Möbel, Teppiche und teures Geschirr erreichen ein immer höheres Niveau, und die noch zahlreich in den Museen ausgestellten goldenen und silbernen Prunkbecher, Pokale, Prunkuhren usw. aus den Werkstätten von Nürnberg, Augsburg und Ulm sind wahre Kunstwerke.

In der Literatur werden erstmals deutschsprachige Texte in großer Zahl vertrieben, Gedichte, Schwänke und volkstümliche Versromane, aber auch schöne Liedersammlungen mit Text und Melodie in Notenschrift. Der 1452 von Johannes Gutenberg in Mainz erfundene Buchdruck mit beweglichen Lettern breitete sich rasch aus, und im 16. Jahrhundert wurden in Deutschland schon etwa 100 000 Titel aufgelegt, die meisten davon in Deutsch und nicht mehr auf Latein. Abgesehen von Norditalien gab es nirgends mehr Verlage, Druckereien und Buchhandlungen als in Deutschland. Es war jetzt möglich, Flugschriften zu aktuellen politischen Themen und sogar schon eine Art regelmäßiger Zeitungen herauszugeben, die eine den ganzen deutschen Sprachraum umfassende öffentliche Meinung schufen und zu einer enormen Politisierung der Bevölkerung führten, was für die Reformation und den Bauernkrieg entscheidend sein sollte. In jedem Dorf gab es jemanden, der lesen konnte und den anderen die neuen Flugschriften und Broschüren vorlas, und noch im abgelegensten Dorf diskutierten die BäuerInnen jetzt über Politik und Religion.

Neben diesem Aufschwung des Bürgertums befanden sich die meisten Adligen und Geistlichen auf einem absteigenden Ast. Zwar konnten sich einige Dutzend bedeutendere Regionalfürsten auf Kosten der kaiserlichen Macht konsolidieren und auf ihrem Territorium einen zentralisierten Staat mit zunehmend modernen Zügen aufbauen, aber das implizierte die fortschreitende Entmachtung der ihnen als Vasallen unterstehenden Ritter und kleinen Grafen. Die Fürsten versuchten, die kleinen reichsunmittelbaren Ritter- und Grafschaften, d.h. die eigene Reichsstände waren, zu schlucken, und die schon als Vasallen auf ihrem Gebiet Befindlichen zu ihren lokalen Beamten zu degradieren. Viele Ritter und kleine Grafen hassten die großen Fürsten, die ihre alte Freiheit beschnitten und sie ins Korsett der strengen Ordnung des modernen Staates hineinzwangen. Ein prominentes Beispiel für diesen Typus von Ritter, der von der guten alten Zeit träumt, als sie noch rauhe, keinem als dem Kaiser Verantwortliche Herren waren, die sich nach Herzenslust befehden durften, war Götz von Berlichingen, der im Bauernkrieg noch eine Rolle spielen wird und uns eine farbige Autobiographie hinterlassen hat. Aber es brauchte gar nicht erst die Fürsten, um diese kleinen Adligen herunterzubringen, im Spätmittelalter ging es mit ihnen ökonomisch steil bergab. Das hatte verschiedene Gründe. Zum einen erforderte der technische Fortschritt im Kriegswesen enorme Extraausgaben. Im Zeitalter von Büchsen und Kanonen mussten die Ritter die Befestigungen ihrer Burgen extrem verstärken, wenn sie noch irgendeinen militärischen Wert haben sollten. Auch ihre Panzerung musste drastisch verstärkt werden, um noch etwas Schutz vor Kugeln zu bieten: Während die Ritter im Hochmittelalter kaum mehr als einen Helm, ein leichtes Kettenhemd und ein Lederwams zu ihrem Schutz trugen, so mussten die Ritter des 15. und 16. Jahrhunderts ihren ganzen Körper und oft den ihrer Pferde mit massiven Stahlplatten ummanteln, die sie so unbeweglich machten, dass sie beim Sturz von ihrem Pferd hilflos waren wie auf dem Rücken liegende Käfer - die so martialisch aussehenden Ganzkörperpanzer dieser Zeit sind heute noch Blickfang auf den der Öffentlichkeit geöffneten Schlössern und in den Museen, aber sie zeigen den Untergang des Rittertums an und nicht seine Blüte. Das alles kostete sehr, sehr viel Geld, bei Einnahmen, die nicht wesentlich stiegen. Die neue militärische Situation bedeutete auch einen rapiden Prestigeverlust der Ritter: Während die adligen Reiter früher sich als Elite fühlten, die Könige des Schlachtfeldes waren, so konnte sie jetzt jeder Fußknappe aus dem Bauernaufgebot mit einer Büchse oder Armbrust und ohne besondere militärische Ausbildung leicht niederschießen (Weswegen die Armbrust auch als "unritterliche" Waffe verpönt war). Die aus den Rittern gebildete schwere Reiterei entschied um 1500 immer noch die meisten Schlachten, aber ihre Bedeutung sank, und es kam vor, dass reine Infanterieheere wie die der schweizerischen Eidgenossen berittene Adelsheere vernichtend schlugen die Ritter verloren somit ihren eigentlichen, militärischen Existenzgrund.

Zu alledem kam das vor ihnen Augen stehende Beispiel der im Luxus schwelgenden städtischen Großbürger, die ausgedehnten neuen Luxusindustrien. Was irgendsoein städtischer Bankier oder Kaufmann in seinem Stadtpalais sich leisten konnte, das musste der standesbewusste Ritter, der verächtlich auf den städtischen Krämer herabblickte, erst recht haben. Nur: Der städtische Krämer konnte sich das leisten, der auf seiner Burg sitzende Ritter meistens nicht. Und so verschuldete er sich über beide Ohren bei den städtischen Bankhäusern, um sich auch Seidengewänder, Gold- und Silbergeschirr, Elfenbeinstatuetten, silberne Uhren und individuelle Prunkwaffen mit Golddekor zu kaufen, all diese verlockenden schönen Dinge, die es im Früh- und Hochmittelalter noch kaum gegeben hatte. Um ihre finanzielle Situation noch irgendwie in den Griff zu bekommen, mussten die Ritter immer neue Steuern und Sonderabgaben erfinden, die ihre BäuerInnen ihnen zahlen sollten, oft warfen sie sie auch unter irgendeinem Vorwand in den Kerker und zwangen dann seine Familie, ihn gegen ein schweres Lösegeld freizukaufen. Den Handel hemmten sie durch immer neue Zölle für durch ihr Gebiet ziehende Kaufleute, um auch da noch ein paar Gulden mehr herauszupressen. Viele Ritter wurden als Raubritter auch einfach ganz ordinäre Straßenräuber, die davon lebten, mit der Waffe in der Hand Reisende auf den Landstraßen auszuplündern und die von ihren Burgen aus ganze Regionen tyrannisierten. Auch das Fehdewesen, also der kleine Privatkrieg gegen andere Ritter oder gegen Reichsstädte, nahm ihm 15. Jahrhundert massiv zu. Unter irgendeinem albernen Vorwand wurde ein Rechtsstreit mit einer der wohlhabenden Städte der Gegend konstruiert, und der Ritter zog dann mit einer Schar angeworbener Söldner durch ihr Gebiet, um sich "sein Recht zu verschaffen", indem er ihre Händler und Bauern ausraubte. Die Ritter wurden oft eine richtige Landplage, und unter den städtischen Patriziern war die Ehrfurcht vor dem Adel so geschwunden, dass sie sie als Gesindel betrachteten und sie gerne als gewöhnliche Verbrecher festgenommen und aufgehängt hätten. Dazu trug auch die notorische Unfähigkeit der kleinen Adligen bei, mit Geld umzugehen, was sie zu schlechten, unzuverlässigen Schuldnern machten: Das geliehene Geld investierten sie nicht, sondern verprassten es meistens für Luxusausgaben, und wenn das Geld wieder ausging, bettelten sie um neuen Kredit, zogen auf Raubzug oder quetschten ihre Bauern noch ein bisschen mehr aus. Schließlich sank die Stellung der Ritter auch dadurch, dass ihre Fürsten sie nun kaum noch als Berater und Hofbeamte an sich heranzogen das erledigten jetzt bürgerliche Fachleute, die an einer der neuen Universitäten studiert hatten, wozu sich kaum ein Ritter hergab.

Mochte er noch so stolz auftreten, es zeichnete sich ab, dass die Gesellschaft, wenn sie sich weiterentwickeln wollte, dieses Geschwür, zu dem der kleine Adel geworden war, loswerden musste. Die Landesfürsten erließen schon strenge Fehdeverbote, um dem ritterlichen Unwesen Schranken zu setzen.

Unterdessen litten die BäuerInnen, die ja die überwältigende Bevölkerungsmehrheit bildeten, sowohl an den aufsteigenden wie den absteigenden Kräften der Gesellschaft. Obwohl durch modernere Pflüge und rationellere Feldbewirtschaftung die landwirtschaftliche Produktivität im Spätmittelalter erheblich gestiegen war, ging es den meisten BäuerInnen immer schlechter, denn von allen Seiten wurden sie immer intensiver geschröpft und ausgenommen. Zunächst mussten sie Reichssteuern an die kaiserliche Gewalt zahlen. Dann mussten sie den Kirchenzehnten an die Geistlichen leisten und ihnen unentgeltlich einen erheblichen Teil ihrer Ernte abgeben.

Dann kamen die Steuern an den Landesfürsten, der für den Aufbau des modernen Staates mit einer wachsenden Bürokratie sowie für einen repräsentativen Hofstaat immer mehr Geld brauchte. Schließlich die Auspressung durch ihren lokalen Herrn, deren Geldnöte oben geschildert sind. Überall in Deutschland nahm die Steuer- und Abgabenlast der BäuerInnen im 15. und frühen 16. Jahrhundert dramatisch zu, sodass sie oft in den fruchtbarsten Landstrichen Hunger litten und gerade genug zum Überleben hatten, in schlechten Jahren vom Hungertod bedroht waren. Noch dazu mussten sie ja nicht nur Steuern und Abgaben leisten, mussten sie es nicht nur hinnehmen, dass ihr Herr sich beim Tod eines Familienvaters ungeniert als Haupt- oder Alleinerbe einsetzte und der Familie den Besitz des Verstorbenen wegnahm, mussten sie nicht nur immer neue Sondergelder zahlen - Sondersteuern für die Hochzeit, für die Thronbesteigung eines neuen Fürsten und für hundert andere Gelegenheiten. Nicht nur mussten sie es dulden, dass ihre Herren sie mit gefälschten Gewichten betrogen und noch mehr abnahmen, als sie ihnen durch die horrenden Abgabenlasten ohnehin schon schuldeten. Nein, sie mussten auch mehrere Tage pro Wochen umsonst auf den Feldern ihrer Herrn schuften, während ihre eigene Ernte vielleicht gerade auf arbeitende Hände wartete. Und nicht nur das: So weit hatten die Adligen und Geistlichen (Die ja, wie schon geschildert, oft selbst Feudalherren waren) es getrieben, dass die BäuerInnen ihnen jeden denkbaren Knechtsdienst leisten mussten, ohne Lohn natürlich: Holz hacken, Reparaturen durchführen, Scheunen bauen, Wege graben, in den herrschaftlichen Gebäuden putzen. Mehr noch als die materielle Bedrängnis nagte an den BäuerInnen oft der Verlust ihrer Würde, wenn sie wie willenloses Vieh behandelt wurden. In einer kleinen Grafschaft bestand der Funke, der das Fass ihrer Empörung zur Explosion brachte, darin, dass eine verzogene Prinzessin in harter Arbeit ergraute Bauern dazu zwang, an ihren seltenen freien Tagen in den Wald zu ziehen, um dort auf dem Boden kriechend Schneckenhäuser für sie zu sammeln, aus denen sie Schmuck basteln wollte. Hier war die unsichtbare Linie überschritten, bei der die Bauern sich sagten: Das lassen wir uns nicht mehr gefallen. Unter den reichen Bürgern und Adligen wuchs die Verachtung für die Bauern in dem Maße, wie sie sie mehr und mehr ausnahmen. Es erschienen jetzt Spottgedichte- und karikaturen auf die Bauern, in denen sie als rohes, tierhaft triebgesteuertes Gesindel ausgelacht wurden, und tatsächlich sprachen die Adligen der Zeit über ihre Bauern durchweg wie über Nutzvieh eher wie über Menschen. Wenn im Bauernkrieg der rohe Klassenhass der Bauern mit solcher Macht wie eine Naturgewalt ausbrach, so bekamen die Adligen und Geistlichen nur die Quittung für ihr Verhalten gegenüber den Bauern.

Auch ihr rechtlicher Status verschlimmerte sich zunehmend. Hatte es im Hochmittelalter noch sehr viele freie Bauern gegeben, die eigenständige Grundbesitzer waren, die keine Frondienste leisten und allenfalls ein paar geringe Steuern zahlen mussten, so wurden im Spätmittelalter immer mehr Bauern Leibeigene oder hörige Zinspflichtige, die sich von Leibeigenen nicht sehr unterschieden. Die Fürsten, Bischöfe und Äbte erfanden immer neue Frondienste und fälschten, oft sehr plump, immer neue Urkunden, die angeblich aus alter Vergangenheit stammen und ganz neue Dienste und Abgaben unter dem Hinweis verlangten, dass das nur das althergebrachte Recht sei, das ihre Vorväter treu beachtet hätten. Die Bauern erinnerten sich wohl, dass ihre Väter und Großväter noch viel weniger Dienste, noch viel weniger Abgaben hatten leisten müssen als sie, aber gegen so ein Stück Papier, das die Gesetzlichkeit des Ganzen verbürgte, waren sie machtlos. Sie konnten es nicht lesen, und wenn doch, waren sie, die nie eine Schule besucht oder Geschichte gelernt hatten, unfähig, noch so grobschlächtige Fälschungen zu erkennen. Ihren Fürsten gerichtlich zu verklagen war für die Hörigen in der Regel unmöglich, und wenn es doch einmal dazu kam, entschieden die Gerichte zuverlässig nahezu immer zugunsten der Reichen und Mächtigen, zumal die Bauern sich keine Anwälte leisten konnten, während die Fürsten und Bischöfe sich von ihren im römischen Recht geschulten Hofjuristen für jede noch so dreiste Betrügerei ein eindrucksvolles juristisches Gutachten in ihrem Sinne zusammenschreiben ließen. So verloren immer mehr Bauern ihre früheren Freiheiten, und in den lateinischen Urkunden der Zeit nennen die Chronisten aus den Klöstern die ihnen unterstehenden Leibeigenen oft ganz treffend einfach "servus = Sklave". Die Bauern fühlten den Betrug, konnten sich aber nicht gegen ihn wehren, und so war bei Ausbruch der Bauernaufstände ihre erste Forderung immer die Wiederherstellung des alten Rechts vor den adligen und geistlichen Übergriffen der letzten 50-100 Jahre.

Die geistlichen Herren trieben es eher noch schlimmer als die weltlichen, hier war der Betrug noch dreister und mit widerwärtigen pastoralen Moralsentenzen übertüncht. Wie die Ritter, so verloren auch die Mönche und mittleren Geistlichen mehr und mehr ihre soziale Funktion, seitdem das städtische Bürgertum sie kulturell und intellektuell weit überflügelt hatte und die Klöster ihre Funktion als einzige Stätten höherer Bildung verloren. Stattdessen wurden die Klöster jetzt von Nichtstuern aus besseren Familien bewohnte Anstalten zur Ausquetschung der arbeitenden Bevölkerung der Region, die keinen nachvollziehbaren Sinn mehr hatten außer Geld, Geld und noch mehr Geld für das Wohlleben der Mönche und Prälaten herbeizuschaffen, die in offener Verhöhnung ihres Armuts- und Keuschheitsgelübdes zechten und prassten wie nur irgendein weltlicher Fürst. Der bäuerliche Hass auf die Mönche und Bischöfe war in der Regel noch viel stärker als gegen den Adel, und in der ganzen populären Literatur des späten Mittelalters erscheinen Pfaffen fast ausnahmslos nur als gehässige Karikaturen, als Fresser, Säufer, Lügner, Betrüger und Vergewaltiger, vor denen man Frau und Kinder in Sicherheit bringen muss. Die den einfachen Leuten gepredigte Theologie war dabei recht schlicht: Seid eurem Herrn immer gehorsam und gebt vor allem fleißig das Geld heraus, das er von euch wünscht, wenn ihr euer Seelenheil retten und in den Himmel kommen wollt. Was man nicht durch Abgaben aus ihnen herauspressen konnte, versuchte man durch Schüren von dumpfem Aberglauben zu gewinnen. Das Ablassunwesen kommt damals auf, als man gegen schweres Geld von umherziehenden, schillernde Werbereden haltenden Verkäufern Papierstücke kaufen konnte, die einem Verwandten Linderung seiner Qualen im Fegefeuer bringen sollten. Das damit eingenommene Geld - sehr viel Geld - ging teils nach Rom, damit der Papst davon seine Privatkriege mit den italienischen Fürsten führen und sich einen neuen, herrlichen Dom bauen konnte, teils an die lokalen deutschen Bischöfe und Äbte, die sich davon Brokatgewänder, exotische Gewürze, Goldgeschirr und Mätressen leisteten. Auch der Verkauf gefälschter Reliquien und massenproduzierter wundertätiger Heiligenbilder war sehr beliebt und besserte die Kasse auf. Der Abscheu über diese Praktiken der Kirche war so allgemein, dass er auch das Bürgertum erfasste und den Wunsch nährte, die deutsche Kirche von Rom zu trennen und grundlegend zu reformieren. Sehr verschieden von den hohen Prälaten waren die einfachen Dorfpfarrer, die meistens sehr arm waren, das alltägliche Leben und die Not der einfachen Leute kannten und mit ihnen Sympathie hatten. Sehr viele von ihnen schlossen sich den Sozialprotesten der Zeit an, und wir werden noch sehen, wie viele Anführer und Ideologen des Bauernkrieges aus der niederen Geistlichkeit kamen.

So geduldig die BäuerInnen auch lange gewesen waren, ihre Leidensfähigkeit erreichte an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert Grenzen. Überall gärte es, wuchs die Unzufriedenheit und der Widerstandsgeist, der nur auf eine günstige Gelegenheit zum offenen Ausbruch wartete. An solchen Gelegenheiten sollte es nicht mangeln.

Das Gewitter rollt heran: Der Bundschuh und der arme Konrad

Zu den üblichen Finanztricks der Fürsten zur Aufbesserung ihrer Kasse gehörte die massenhafte Prägung minderwertiger Münzen mit verringertem Edelmetallgehalt, die sie als vollwertig unter ihren Untertanen in Umlauf brachten, um somit ihre Schulden wegzuinflationieren. Diese Praktiken führten zu regelmäßigen starken Teuerungen, die die Bauern hart trafen, denn sie hatten ja kein regelmäßiges Geldeinkommen, das an die Inflation hätte angepasst werden können, sondern mussten von den kleinen Ersparnissen zehren, die sie durch den Verkauf ihrer Ernteüberschüsse im Vorjahr erzielt hatten und die nun rapide an Wert verloren (Sofern sie überhaupt ein bisschen Geld zurücklegen konnten und die Abgaben an Adel und Klerus nicht gleich alles auffraßen). Anfang der 1490er Jahre wütete in Mitteleuropa eine besonders schlimme Teuerungswelle, die nicht nur einen heftigen Bauernaufstand in den Niederlanden auslöste, der vom Herzog von Sachsen militärisch niedergeschlagen wurde, sondern gaben auch den Anstoß für den ersten Aufstandsversuch des berühmten Bundschuh.

"Bundschuh" die Bewegung hatte ihren Namen von den hohen Riemenschuhen, die die Bauern trugen, in Abgrenzung von den Lederstiefeln der Ritter. Wenn die Bewegung um das Pfeiferhänslein oder der holländische Bauernaufstand Massenmobilisierungen ohne klares politisches Bewusstsein, ohne militärischen und organisatorischen Plan waren, so der Bundschuh das genaue Gegenteil: Eine hochorganisierte, disziplinierte Verschwörergruppe mit präzisen militärischen Planungen und ausformulierten politischen Forderungen, aber ohne hinter ihm stehende Massen. Der Bundschuh trat erstmals 1493 im Umland der kleinen elsässischen Stadt Schlettstadt auf. Die meisten der Verschwörer waren Bauern, aber es schlossen sich ihnen auch städtische Arme an, und sogar einige Stadtbürger und niedrige Adlige sympathisierten mit ihnen. Die Forderungen, die sie proklamieren wollten, waren noch relativ gemäßigt und sollten das bestehende feudale Gesellschaftssystem nicht umstürzen, sondern nur seine schlimmsten Auswüchse beseitigen: Schuldenerlass, Abschaffung einer Reihe besonders willkürlicher neuerer Feudalabgaben, Abschaffung der zuverlässig immer gegen die Armen entscheidenden geistlichen- und Reichsgerichte und stattdessen demokratisch gewählte Gerichte für jede Gemeinde, Beschränkung der Geistlichen auf ein Amt mit bescheidenem Einkommen (Es kam oft vor, dass höhere Geistliche zig verschiedene Ämter auf sich vereinigten und deren addierte Einkommen einstrichen, ohne ihre Amtspflichten tatsächlich zu beachten), Bewilligung neuer Steuern und Abgaben durch die Gemeinden.

Der Plan für die Entfachung des Aufstandes, in dem diese Forderungen durchgesetzt werden sollten, war akribisch ausgearbeitet und sollte mit einem Angriff auf Schlettstadt beginnen, von WO aus die Bewegung sich ins Land ausbreiten sollte. Aber trotz harter Strafandrohungen gegen Verräter sickerten Nachrichten von den Vorbereitungen an die Behörden durch, die sofort reagierten: Dutzende Verschworene wurden verhaftet, einige hingerichtet, vielen als abschreckendes Mahnzeichen einige Finger abgehackt. Noch Jahre später kam es vor, dass Reisende sich in den Schenken über Männer mit fehlenden Fingern wunderten und die Ortsansässigen ihnen leise zuflüsterten: "Das ist noch vom Bundschuh."

Aber der Bundschuh, von dessen Führern viele ins Ausland fliehen konnten, ließ sich von diesem Rückschlag nicht entmutigen und trat wenige Jahre später wieder auf den Plan. Das Haupt der Bewegung war Joß Fritz aus dem Bistum Speyer, ein leibeigener Bauer des Bischofs, der aber lesen und schreiben gelernt und sich mit den umlaufenden politischen und religiösen Reformideen beschäftigt hatte. Als Söldner war er der drückenden Enge des bäuerlichen Lebens entkommen, hatte einiges von der Welt gesehen und einen weiteren Horizont entwickelt, als es für einen Bauern der Zeit üblich war. Als er 1501 aus dem Militärdienst ausschied und in seine Heimat zurückkehrte, fand er das Bistum Speyer in einem bedrückenden Zustand wieder: Eine Seuche (Die häufigen verheerenden Infektionskrankheiten, die zahllosen durch Unterernährung und schlimme hygienische Lebensbedingungen geschwächten Bauern den Tod brachten, wurden pauschal als "Pest" bezeichnet) und eine die Ernte verderbende Dürre hatten das Land ins Elend gestürzt, und der Bischof ließ trotzdem die erdrückenden Steuern und Abgaben erbarmungslos eintreiben. Wer nichts mehr zahlen konnte, wurde in den Kerker gesteckt oder seiner verbliebenden Habe beraubt. Unter diesen Bedingungen nahmen die Ideen von Joß Fritz revolutionären Charakter an, und der Plan, den er den Bauern in den Dörfern entwarf, ging viel weiter als die Forderungen der ersten Bundschuhverschwörung. Sein Programm war im Wesentlichen das der bürgerlichen Revolution, wie sie viel später in England und Frankreich vollzogen wurde: Die Leibeigenschaft und Hörigkeit der Bauern sollte vollständig abgeschafft werden, alle Privilegien des Adels verschwinden. Die Kleinstaaterei, in der hunderte Winkelfürsten ihre Untertanen schikanierten, sollte verschwinden und Deutschland eine geeinte konstitutionelle Monarchie werden, mit einem Kaiser an der Spitze, dessen Machtbefugnisse von einer demokratisch gewählten Volksversammlung begrenzt wurden. Die von den Bauern bearbeiteten Äcker sollten in ihren Besitz übergehen und jeder frei über seine Arbeitskraft und sein Eigentum verfügen dürfen. Wälder, Wiesen und Gewässer sollten wieder Gemeineigentum aller werden. Die Geistlichen sollten wieder zu einfachen Priestern werden, die jede politische Macht verlieren und nur ein für ihren Lebensunterhalt ausreichendes Gehalt bekommen sollten. Die fürstlichen Söldnerheere sollten aufgelöst und durch ein Volksheer des Reiches ersetzt werden.

Während viele unzufriedene Bauern sich noch Illusionen darüber hingaben, dass man Adel und Klerus durch gutes Zureden und auf gesetzlich-reformerischem Wege zur Aufgabe ihrer Privilegien bringen könne, war Fritz politisch fortgeschrittener und erkannte, dass es zur Realisierung dieser Forderungen keinen anderen Weg als den der bewaffneten Revolution gab.

Beim Aufbau seiner Geheimorganisation wurde Fritz von vielen Veteranen des ersten Bundschuh unterstützt, und bald gab es in der ganzen Region lokale, miteinander koordinierte Verschwörerzirkel, die offensichtlich in verschiedene Konspirationsgrade unterteilt waren: Einen inneren Kern der ganz eingeweihten Führer des Aufstandes und einen größeren Kreis von HelferInnen und SympathisantInnen, wobei Fritz besonders die aus der in starre Kasten getrennten Gesellschaft Ausgestoßene als Agenten nutzte das städtische Lumpenproletariat, besonders aber die damals sehr zahlreichen Bettler, die teils zunftähnlich organisiert waren und von regionalen "Bettlerkönigen" geleitet wurden. Mit diesen schloss Fritz Bündnisse, versprach ihnen bei Gelingen des Aufstandes hohe Geldbelohnungen und brachte sie dafür dazu, Nachrichten zwischen den verschiedenen Gruppen zu übermitteln und sich als Kundschafter im Land umzusehen. Im Frühjahr 1502 gehörten dem Geheimbund bereits nicht nur 7000 Männer an, sondern auch 400 Frauen, deren doppelt unterdrückten Status Fritz erkannt hatte und der sich darum bemühte, sie zu politisieren. Auch 500 entlassene Söldner mit militärischer Erfahrung gehörten dem Bund an, und sogar einige unter der wachsenden Macht der Fürsten leidende Ritter wollten sich ihm anschließen, wobei Fritz jeden abwies, der noch selbst Leibeigene hielt.

Sein militärischer Plan war gut durchdacht: Erst sollten die Verschworenen die bischöfliche Festung Bruchsal im Handstreich einnehmen, die dortigen Stadtsoldaten zum Anschluss bewegen und sich mit den in der Stadt lagernden Waffen ausrüsten. Dann sollten sie den Rhein überqueren,

die Hauptstadt Speyer erobern und von da aus das ganze Bistum unter ihre Kontrolle bringen, den Aufstand unter Mitwirkung der Schlettstädter Veteranen des ersten Bundschuh ins Elsass und die Markgrafschaft Baden tragen und, wenn sie sich dort einmal konsolidiert hätten, mit vereinten Kräften ganz Deutschland zur Revolution aufstacheln. Der Eröffnungsschlag gegen Bruchsal sollte am 22. April 1502 erfolgen.

Aber wieder scheiterte das Unternehmen kurz vor dem angesetzten Termin durch Verrat. Zwei Verschworene gingen nach Speyer, deckten dem Bischof die ganze Verschwörung auf und nannten die Namen der wichtigsten Führer. Der Bischof, unterstützt vom alarmierten Markgrafen von Baden, nahm sofort eine Reihe Hauptleute fest und entlockte ihnen unter der Folter die Namen zahlreicher weiterer Verschwörer. Hunderte wurden festgenommen, zehn enthauptet, einige weitere gevierteilt und ihre Leichen zur Abschreckung an den Landstraßen aufgehängt. Jeder, der in die Verschwörung involviert war, verlor seinen gesamten Besitz an den Bischof, der Geld für seine luxuriöse Hofhaltung brauchte. Wieder, wie schon 1493 in Schlettstadt, wurde den Verschwörern, die man nicht hinrichtete, der Finger abgehackt, mit dem sie auf den Bund geschworen hatte, um diese aufrührerischen Elemente leicht kenntlich zu machen. Der Verräter, der den Bischof gewarnt hatte, bekam zur Belohnung ein reichliches Geldgeschenk und einen Ehrenposten als Gerichtsbeisitzer in Speyer.

Joß Fritz gelang es, rechtzeitig aus dem Bistum zu fliehen und ins Breisgau zu gelangen, wo er unter falscher Identität lebte und sogar von Balthasar von Blumeneck, einem kleinen Adligen in der Nähe von Freiburg, als Feldhüter angestellt wurde. Aber Fritz blieb auch hier nicht lange ruhig. Er nahm heimlich Verbindung mit anderen Unzufriedenen der Gegend auf und baute zusammen mit seiner Frau Else einen neuen Geheimbund auf - 1513 rumorte es wieder in Süddeutschland. Sein Programm der Abschaffung von Adel und Klerus und der Begründung eines politisch geeinten Staates freier und gleicher BürgerInnen blieb in seinen wesentlichen Zügen dasselbe, wurde aber um etliche sozialpolitische Forderungen ergänzt. So sollte es eine generelle Entschuldung aller Bauern geben, der maximale Zinssatz sollte auf 5% begrenzt werden (Wucherzinsen von 20-30% waren damals nicht unüblich), und die beschlagnahmten Güter der Geistlichen sollten zur Versorgung der Armen dienen. Die Verschwörer trafen sich nachts auf der Hartmatte, einer abgelegenen Waldlichtung, besprachen dort ihre Pläne und wählten die militärischen Führer für den Aufstand. Diesmal sollte es mit der Einnahme des wohlhabenden, für damalige Verhältnisse recht großen Freiburg losgehen und von dort Schwaben, Baden, das Elsass und das Bistum Speyer in Aufruhr versetzt werden. Jetzt brauchten sie nur noch eine Feldfahne, und Fritz wandte sich an einen Freiburger Maler, der allerdings entsetzt ablehnte, als Fritz ihm eröffnete, dass er die Flagge mit einem Bundschuh bemalen lassen wolle der Begriff "Bundschuh" war schon zum Synonym für gewaltsamen Aufruhr geworden, und an manchen Orten lief es den Adligen und Geistlichen kalt den Rücken hinunter, wenn sie ihre Bauern nach irgendeiner neuen Schikane vom Bundschuh murmeln hörten. Fritz ging in die freie Reichsstadt Heilbronn, wo ihn niemand kannte, und beauftragte dort einen anderen Maler. Auch der war skeptisch, als er einen Bundschuh malen sollte, aber Fritz, der einiges schauspielerisches Talent besaß, imitierte Schweizer Dialekt und meinte, er sei der Sohn eines schweizerischen Gastwirtes, der von Schuhmachern abstamme und deswegen einen Bundschuh im

Familienwappen führe. Der Maler glaubte ihm die Geschichte, und mit der neuen Bundschuhfahne kehrte er ins Breisgau zurück - doch als er dort ankam, war auch der dritte Bundschuh bereits verraten. Zwei Verschworene hatten einen Bauern zum Eintritt in die Verschwörung zu überreden versucht und ihn, als er davon nichts wissen wollte, so sehr bedrängt, dass er zum örtlichen Pfarrer lief und ihm die Geschichte erzählte. Der Pfarrer gab die Information sofort an die Behörden weiter, die bald die ganze Verschwörung aufdeckten. 200 bewaffnete Reiter schwärmten aus Freiburg aus, nahmen die Hauptleute fest, wieder gab es Enthauptungen und Vierteilungen, wieder wurden dutzende Schwurfinger abgehackt, zig andere enteignet und des Landes verwiesen. Und wieder gelang es Joß Fritz, der zu einem in Flugblättern und Liedern gefeierten Volkshelden unter den Armen wurde, unterzutauchen und seinen Verfolgern zu entkommen.

Aber es verging lediglich ein Jahr, bevor wieder große Unruhen ausbrachen, diesmal im Herzogtum Württemberg. An der Spitze Württembergs, einem der größeren Fürstentümer Süddeutschlands, stand der damals 27- jährige Herzog Ulrich, der schon als Kind zum Herzog geworden war. Unter zerrütteten Familienverhältnissen ohne jede regelmäßige Bildung und Erziehung aufgewachsen wurde Ulrich, der jede willkürliche kindliche Laune tyrannisch ausleben konnte, ein brutaler, unberechenbarer Choleriker, der sich um Regierungsgeschäfte kaum kümmerte und sich zu einem maßlosen Prasser und Alkoholiker entwickelte. Als Jugendlicher hatten die Vorzüge des Herzogseins für ihn vor allem darin bestanden, sich jederzeit mit jeder Delikatesse vollstopfen zu können, die er bei seinen Höflingen bestellte, und war stark fettleibig geworden. Eines Tages aber bemerkte er, als er beim Kloster Maulbronn ein Bad nahm, die hämischen Blicke seiner Begleiter, und er beschloss abzunehmen, was er dann auch erfolgreich tat, vor allem durch tägliche stundenlange Reit- und Jagdausflüge, bei denen er mit seinem Gefolge bedenkenlos die Felder niederritt, von deren Ernte die Bauern leben mussten. Das Jagdfieber packte ihn so, dass er gewaltige Reh- und Wildschweinbestände heranfüttern ließ, die die Äcker und Gärten der Bauern wegfraßen, wogegen diese nichts unternehmen durften: Wer das Wild, das seine Ernte fraß, schoss oder auch nur von seinem Feld verscheuchte, musste mit harter Bestrafung rechnen. Als er 1511 die mit dem Kaiser verwandte bayerische Prinzessin Sabina heiratete, ließ er in seiner Stuttgarter Residenz eine exorbitante Prunkhochzeit mit 7000 adligen Gästen veranstalten, für deren Versorgung ein komplettes Jahreseinkommen des Herzogtums verschleudert wurde. Aus Repräsentationsgründen zahlte er ungeheure Summen an Adlige aus berühmten Fürstenfamilien, als Dienstleute an seinen Hof zu kommen, und für seinen hemmungslosen Lebensstil gingen weitere riesige Beträge drauf. Um die zerrütteten Staatsfinanzen einigermaßen zu konsolidieren, dachte er sich immer neue Sondersteuern und Abgaben für seine Untertanen aus, die in einem so fruchtbaren Land bald zu den ärmsten und gedrücktesten Deutschlands gehörten. Der Hass auf den Herzog wurde allgemein, und sogar der Kaiser rügte ihn öffentlich, als ihm zu Ohren kam, dass Ulrich seine Frau im Suff regelmäßig wild prügelte, sie zu absonderlichen Sexualpraktiken zwang und misshandelte und demütigte, wenn sie sich weigerte dass ein Provinzfürst so mit einer Kaisernichte umsprang, ging doch etwas zu weit.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war Ulrichs Versuch, mit gefälschten Gewichten die indirekten Steuern hochzutreiben, nachdem die direkten Steuern schon so hoch waren, dass kaum noch eine Steigerung möglich war. Die neuen Gewichte, mit denen Lebensmittel abgewogen werden musste, trugen die alten Pfundbezeichnungen, wogen aber nur noch zwei Drittel davon. Wer also den vollen Preis für ein Pfund Getreide oder Fleisch zahlte, bekam nur zwei Drittel davon, der Rest der Summe waren indirekte Steuern, die in die Kasse des Herzogs flossen.

Der Widerstand begann in humoristischer Form. Im Remstal zogen die Bauern in die städtischen Verwaltungsgebäude, nahmen dort die neuen Gewichte an sich und brachten sie ans Ufer des Flusses, wo sie vor der versammelten Dorfgemeinde ein Gottesgericht über die Gewichte abhalten wollten. Bei den Hexenprozessen des späten Mittelalters warf man der Hexerei verdächtigte Frauen oft ins Wasser, um zu prüfen, ob sie wirklich Hexen seien: Ertranken sie, waren sie unschuldig. Blieben sie oben schwimmen, mussten sie Hexen sein. Das machten sie jetzt mit den Gewichten: Wenn der Herzog im Recht sei, dann sollen die Gewichte oben schwimmen. Haben aber die Bauern recht, so sollen sie untergehen. Natürlich versanken die metallenen Gewichte immer im Wasser, unter großem Gelächter der ZuschauerInnen. Dieses Schauspiel wiederholten sie in der ganzen Gegend, und aus den spontanen Unmutsdemonstrationen, die es auslöste, kristallisierten sich schließlich politische Widerstandspläne heraus. Sie beschlossen, dass die Bauern sich bewaffnen, das städtische Bürgertum auf ihre Seite ziehen und die Willkür des Herzogs bändigen mussten. Zuerst zogen sie, mittlerweile dreitausend Mann stark, nach Schorndorf und forderten die Stadt auf, auf ihre Seite zu treten. Der herzogliche Statthalter kam zu ihnen heraus, redete ihnen gut zu, bewirtete sie mit Brot und Wein und erklärte, dass der Herzog gerade zu Besuch beim Landgrafen von Hessen sei, sich aber sicher ihre Beschwerden anhören werde, wenn er wieder zurück sei. Sie sollten in zwei Wochen wiederkommen, dann könne man alles mit dem Herzog besprechen und sicher zu einer vernünftigen Lösung kommen. Die Bauern erklärten sich dazu bereit und gingen vorerst wieder friedlich nach hause.

Ulrich wurde von seinen Räten sofort nach Württemberg zurückgerufen. Am liebsten hätte er den Aufruhr militärisch niedergeschlagen, aber kein Bankier war bereit, dem halbbankrotten Herzog Geld für einen solchen Feldzug zu leihen. Also musste Ulrich vorerst nachgeben, erklärte die neuen indirekten Steuern für aufgehoben und versprach, einen Landtag einzuberufen, auf dem die Bauern ihre Beschwerden vorbringen könnten. Die Bauern waren zufrieden und bereiteten sich auf den Landtag vor. Zu ihrer Bewegung, die man den "armen Konrad" nannte (Was sprichwörtlich war für den armen Mann), bekannten sich neben Bauern auch zahlreiche städtische Bürger, die das wirtschaftlich verantwortungslose Willkürregiment des Herzogs als Hindernis für die freie Entfaltung von Handel und Finanz betrachteten. Aus ganz Württemberg strömten Bauern in die Kanzlei des Armen Konrad im Haus des Schorndorfer Messerschmieds Kaspar Pregizer, wo juristisch gebildete Bürger ihre Beschwerden aufnahmen und in schriftliche Form brachten. Die Bürgerlichen im Armen Konrad, wie der Jurist Ulrich Entenmair, drangen vor allem auf eine verantwortlichere Wirtschaftspolitik des Herzogs und größere Autonomie für die Städte, während die bäuerliche Fraktion, deren prominentester Sprecher ein Würtinger Bauer namens Singerhans war, nicht nur die den Bauern akut auf den Nägeln brennenden Themen pochte - Schluss mit dem herzoglichen Jagd- und Wildhegeunwesen, das die Felder zerstörte, Rückführung der Wälder, Wiesen und Gewässer in Gemeineigentum sondern auch politische Ideen des Bundschuh wiederaufgriff: Ende des Feudalsystems mit seinen unzähligen adligen Herren und Schaffung eines geeinten Staates unter kaiserlicher Regierung.

Da brachte ein Überfall auf den Singerhans durch den herzoglichen Forstmeister die Situation zur Eskalation, insbesondere, als das Gerücht aufkam, dass der Herzog an den Grenzen fremde Truppen zusammenziehe, um die Bauern mit Gewalt niederzuwerfen. Die Bauern bewaffneten sich und sammelten sich in bald tausende Mann starken Heerhaufen. Viele Städte öffneten ihnen die Tore und nahmen auf ihren Mauern bäuerliche Garnisonen auf, in anderen Städten putschte das Bürgertum selbst gegen die herzogliche Gewalt. Und unter der niederen Geistlichkeit machte sich eine Art Befreiungstheologie breit, die erklärte, dass die Willkür und die Räubereien der Adligen und hohen Geistlichen gegen die Gebote Christi seien und die Bauern sich mit Gewalt zur Wehr setzen sollten, um das göttliche Recht wiederherzustellen. Eine besonders entschlossene revolutionäre Zelle bildete sich in Markgröningen unter dem Pfarrer Dr. Reinhard Gaislin, dessen aufstachelnde Predigten schon den späteren Predigten Thomas Müntzers ähnelten. Bald trugen die Bauern einen auf eine Stange gespießten Bundschuh als Feldzeichen. Manche Städte stellten Truppen aus ihren Bürgern auf, andere wollten nur friedliche Verhandlungen mit dem Herzog.

So war die Atmosphäre zum Zerreißen gespannt, als der vom Herzog einberufene Landtag in Stuttgart begann und die Delegierten ihre Forderungen unterbreiteten: Entmachtung der verhassten bisherigen Räte des Herzogs. Kontrolle seiner Macht durch ein aus niederem Adel, städtischem Bürgertum und den Dorfgemeinden zusammengesetztes Gremium, in dem Ritter und Bürger allerdings die Stimmenmehrheit haben

sollten. Aufstellung eines festen Jahresbudgets für die Privatausgaben des Herzogs und Besteuerung seines persönlichen Grundbesitzes. Aufhebung der Steuerfreiheit für Kirchenbesitz und Verstaatlichung dessen, was über das zur Versorgung der Geistlichkeit notwendige Maß hinausging. Einberufung eines Untersuchungsausschusses über die bisherige Misswirtschaft der herzöglichen Regierung.

Diese Forderungen verschlugem dem Herzog die Sprache, und draußen vor der Stadt sammelten sich Heerhaufen bewaffneter Bauern, um den Forderungen ihrer Delegierten Nachdruck zu verleihen. Ulrich floh aus dem unruhigen Stuttgart ins erzkonservative Landstädtchen Tübingen, wohin er den Landtag bestellte, um ohne Aufruhr durch bewaffnete Bauern- und Plebejermassen weitertagen zu können. Die überwiegend aus dem städtischen Bürgertum stammenden Delegierten gaben einen ersten Beweis ihres Mangels an Rückgrat und politischer Reife, folgten der Aufforderung und ließen sich vom Herzog so weit herunterverhandeln, dass sie schließlich einwilligten, gegen ein paar unbedeutende Konzessionen, deren Einhaltung sich nicht kontrollieren ließ, die Bezahlung seiner immensen Schulden zu übernehmen. Die Zeche dafür würden die Bauern zahlen müssen. Die meisten Bauernhaufen fanden sich mit dem Tübinger Vertrag resigniert ab und gingen nach Hause - nicht aber die Remstaler Bauern, von denen der Aufruhr ausgegangen war. Ulrich forderte sie auf, sich unbewaffnet vor der Stadt Schorndorf zu versammeln, wo er mit ihnen sprechen wolle. Sie erschienen, aber nicht unbewaffnet, sondern mit Spießen, Keulen und Schwertern in der Hand, siebentausend Mann stark. Der Herzog, der damit nicht gerechnet hatte, führte nur ein kleines Gefolge von achtzig Panzerreitern mit sich. Dass er seinen Marschall Konrad von Thumb mitbrachte, den sie für die Misswirtschaft in erster Linie verantwortlich machten, machte die Bauern besonders wütend. Sie weigerten sich, den Tübinger Vertrag anzuerkennen, und der Herzog, in den viele noch Illusionen gesetzt hatten, er meine es eigentlich gut mit ihnen und werde nur von schlechten Ratgebern verdorben, fuhr sie in herrischem, verachtungsvollem Ton an, gefälligst zu gehorchen. Sein Marschall rief den Bauern zu, jeder, der sich zu seinem rechtmäßigen Herrn bekenne, solle zu ihm treten. Nicht ein einziger der siebentausend trat hervor. Stattdessen riefen sie dem Herzog Beschimpfungen zu und hielten ihm vor, wie er sie jahrelang betrogen und ausgeraubt habe. Als Ulrichs Gefolge Anstalten machte, die Bauern anzugreifen, zielte einer von ihnen mit seiner Hakenbüchse auf den Herzog, und die Umstehenden riefen ihm zu: "Schieß doch auf ihn! Schieß doch auf den Lumpen!" Aber Ulrich, der den Ernst der Lage begriff, hatte sich mit seinen Reitern zur Flucht gewandt und war entkommen. Die Stadt Schorndorf, wohin er fliehen wollte, war zu den Bauern übergetreten und hielt dem Herzog die Tore verschlossen, sodass er auf sein Stuttgarter Schloss umkehren musste.

Wieder scharten sich um die Remstaler zigtausende bewaffnete Bauern aus ganz Württemberg, und ein Versuch, Stuttgart zu erobern, scheiterte nur knapp. Schließlich legte sich die erste Wut wieder, und Ulrich konnte sie zu einem Vertrag bewegen, nach dem sie vorerst wieder nach Hause gehen sollten, während er versprach, einen neuen Landtag einzuberufen, in dem noch einmal all ihre Klagen diskutiert werden sollten. Aber daran dachte der Herzog gar nicht, denn mittlerweile waren große Truppenverbände der benachbarten Fürsten gekommen, die fürchteten, dass der Württemberger Aufruhr sich aufs ganze Land ausdehnen könnte und ihn deswegen im Keim ersticken wollten. Erneut bildeten sich bewaffnete Bauernhaufen, die sich

aber nicht zu einem einzigen großen Heer vereinigten, und die Übermacht der fremden Truppen zwang einen der isolierten Haufen nach dem anderen zur Kapitulation. 1600 am Aufruhr Beteiligte wurden in den Kerker gesteckt und gefoltert, in jedem besonders beteiligten Ort fanden öffentliche Hinrichtungen von dutzenden Rebellen statt. Die Ruhe in Württemberg war unter Strömen von Blut wiederhergestellt, und im Land kursierte der Vers:

Ich bin jung und nicht alt,

gerade, hübsch und wohlgestalt,

groß genug und kein Zwerg,

Herzog und Henker von Württemberg.

Zur rechtzeitigen Aufspürung künftiger Unruhen richtete Ulrich im Land den ersten modernen Geheimdienst Deutschlands ein, der überallhin seine Spitzel aussandte, um jede öffentliche Unmutsregung sofort zu denunzieren.

Und der schwäbische Bund, der lockere Zusammenschluss der süddeutschen Fürstentümer und freien Reichsstädte, schwor, mit vereinten Kräften jeden Bauernaufstand niederzuschlagen, der sich in einem der Mitgliedsstaaten regen sollte. Bald sollte das bitter nötig werden.

Bauernkriege außerhalb Deutschlands, die Reformation und die Rebellion der Ritter

Kurz nach Niederschlagung des armen Konrad in Württemberg vollzogen zwei Bewegungen am Rande des Reiches bzw. außerhalb seiner Grenzen den Schritt zum offenen militärischen Aufstand der Bauern, der in Württemberg noch nicht ganz erreicht wurde.

Noch 1514 wurde Ungarn von einer gewaltigen revolutionären Bewegung erschüttert. In dem vom sich rapide ausdehnenden Osmanischen Reich bedrohten Land war in diesem Jahr vom Papst ein neuer Kreuzzug gegen die

Türken ausgerufen worden - eine Idee, die der ungarische König Vladislav II. gerne aufgriff, erstens, weil sein schwaches Reich sich tatsächlich in äußerster Bedrohung durch die osmanische Expansion befand, zweitens, weil das ein probates Mittel war, die im Land gärenden sozialen Unruhen umzuleiten. Ähnlich wie in Deutschland waren auch in Ungarn die Befugnisse der königlichen Zentralgewalt schwach und lag die reale Macht im Land bei den Regionalfürsten und ihren adligen Vasallen - dieselbe Vielzahl an adligen und geistlichen Herren, von denen jeder seinen Anteil aus den Bauern herauspressen wollte, führte zur selben Verschlechterung ihrer ökonomischen und sozialen Lage: Wie in Deutschland wurden auch in Ungarn die meisten Bauern zu Leibeigenen herabgedrückt, die aufs Blut ausgebeutet wurden, nur dass ihre Lage infolge der unfruchtbareren Böden und des niedrigeren landwirtschaftlichen Entwicklungsstandes in Ungarn eher noch schlimmer war als die der deutschen Leibeigenen. Wer aber an einem Kreuzzug teilnahm, wurde dadurch zum freien Mann und hatte noch dazu die Aussicht, durch Kriegsbeute zu ein bisschen Wohlstand zu gelangen, das er als Bauer niemals hätte erreichen können. So strömten 100 000 leibeigene Bauern auf eigene Faust zu den Sammelstellen des Kreuzzugsheeres. Zu dessen Oberbefehlshaber ernannte Kardinal Tamas Bakocz den erst für seine militärischen Leistungen in den bisherigen Abwehrkriegen gegen die Osmanen geadelten György Dozsa.

Aber der Versuch, die sozialen Spannungen durch einen Krieg nach außen zu richten, schlug ins Gegenteil um. Die Adligen, die durchaus nicht von solchem Kreuzzugseifer gepackt waren, dass sie ihre Leibeigenen herzugeben bereit waren, die ihnen ihren Reichtum erarbeiteten, hielten Bauern, die ins Kreuzzugsheer gehen wollten, zurück und führten sie gewaltsam wieder auf ihren Hof, weigerten sich, das Heer mit Lebensmitteln zu unterstützen und straften jeden Bauern hart, der verdächtig war, sich zum Kreuzzug davonstehlen zu wollen. Das Kreuzzugsheer, das ja fast nur aus Bauern bestand, solidarisierte sich mit seinen Klassengenossen, drehte um und zog jetzt nicht gegen die Osmanen - sondern gegen den ungarischen Adel. György Dozsa wurde der militärische Führer, der Pfarrer Lörincz Meszaros der wichtigste Ideologe der Revolution, die die Forderungen aufgriff, die zuvor in den deutschen Bauernaufständen formuliert worden waren: Abschaffung aller Privilegien des Adels und aller Feudallasten, Reduktion der Stellung der Geistlichen auf die bescheidener Priester ohne weltliche Macht, Entmachtung der Regionalfürsten und Schaffung eines geeinten Staates. Dieses Bauernheer, das nun gegen den ungarischen Adel marschierte, war etwas anderes als die spontan gebildeten Bauernhaufen in Deutschland, es waren richtige Soldaten, die ironischerweise von der herrschenden Obrigkeit selbst für einen Krieg gedrillt und militärisch bewaffnet worden war, nur dass diese Kriegsmaschinerie sich jetzt in ein Instrument der sozialen Revolution verwandelte.

Das bäuerliche Revolutionsheer stürmte und verbrannte eine Adelsburg nach der anderen, richtete die gefangengenommenen Adligen hin und kam schließlich vor Pest an (Pest und Buda sind heute zu Budapest vereint), das sie aber nicht eroberten. Stattdessen teilte Dozsa sein Heer: Eine Heeresabteilung sollte auf dem Rakosfeld bleiben, um Pest zu beobachten, der Rest wurde aufgeteilt, um die Revolution in allen Provinzen auszubreiten. Dozsa selbst zog mit einer Abteilung nach Szegedin, um diese wichtige Stadt zu belagern.

Inzwischen hatte sich der Adel aber vom ersten Schock erholt und wichtige Erfolge erzielt: Der Fürst von Siebenbürgen, Johann Zapolya, nahm sich der Sache seiner adligen Klassengenossen an und zog ihnen mit einem starken Heer zur Hilfe, und bei Pest besiegten sie das dort lagernde Bauernkorps, nachdem dessen bürgerliche Teile nach einigem Schwanken zur Adelspartei übergelaufen waren (Wie in Deutschland schlossen sich den aufständischen Bauern zuerst Teile des städtischen Bürgertums an, und wie dort verrieten sie sie wieder, sobald die Revolution sich radikalisierte). Eine grausame Repression mit zahllosen Hinrichtungen unter den Bauern folgte.

Dozsa hatte inzwischen die Belagerung von Szegedin aufgegeben, stattdessen ein Adelsheer unter Batori Istvan besiegt und die Festung Csanad erobert, wo er den Bischof und den königlichen Schatzmeister Teleki hinrichten ließ. Von diesem Erfolg beflügelt, gingen die Bauern in ihrem Programm noch weiter, proklamierten die ungarische Republik (Der König hatte sich von Beginn des Aufstandes an entschieden auf die Seite des Adels gestellt und verhinderte damit alle Illusionen darüber, es mit den Bauern eigentlich gut zu meinen und nur schlecht beraten zu werden, wie die im deutschen Bauernkrieg häufig vorkommen sollten) und zogen gegen die befestigte Stadt Temesvar, wohin sich Batori Istvan mit dem Rest seines Adelsheeres zurückgezogen hatte. Während der Belagerung der Festung aber wurden die restlichen Bauernverbände in Oberungarn besiegt und marschierte Zapolya mit der siebenbürgischen Armee gegen Dozsa. Am 15. Juli 1514 fand vor Temesvar die Entscheidungsschlacht statt, in der das Bauernheer sich erbittert mit großer Tapferkeit verteidigte und dem Adelsheer schwere Verluste zufügte, letztlich aber doch von der Übermacht besiegt wurde. Dozsa wurde gefangengenommen und auf bestialische Weise hingerichtet: Die Adligen bauten einen eisernen Thron, den sie glühend erhitzten, auf den man ihn festschnallte und unter entsetzlichen Qualen sterben ließ. Um ihn als "Bauernkönig" zu verhöhnen, wurde ihm dazu noch eine ebenfalls glühende Eisenkrone auf den Kopf gedrückt. Einige seiner Hauptleute führte man zu Dozsa und forderte sie auf, sein langsam verbrennendes Fleisch zu essen, wenn sie ihr Leben retten wollten. Einige weigerten sich und wurden dafür sofort enthauptet, die anderen knieten neben Dozsa nieder, rissen mit den Zähnen Stücke seines Fleisches heraus und schluckten sie unter, während Dozsa noch lebte und alles mit ansah.

Damit endete der ungarische Bauernkrieg nach rund 60 000 Toten, und Zapolya versprachen die dankbaren Adligen, ihn für seine Heldentaten bei der nächsten ungarischen Königswahl zu unterstützen.

Ein Jahr später, im Sommer 1515, brach der Aufstand wieder aus, diesmal ein gutes Stück näher an Deutschland, nämlich im Herzogtum Krain (Ungefähr das heutige Slowenien), dem südöstlichsten Fürstentum des Reiches. Das Herzogtum Krain gehörte seit 1335 zum Besitz der Habsburger, was sicher ein Stück dazu beitrug, dass der Aufstand in Krain gleich mit größerer Wucht ausbrach als zuvor die deutschen Bauernaufstände - denn während die Untertanen der deutschen Regionalfürsten sich noch einbilden konnten, dass es ja noch einen fernen, gütigen Kaiser gebe, mit dessen Hilfe man vielleicht auf friedlichem Wege eine Besserung der Zustände erreichen könne, so lebten die Krainer Bauern unter der direkten Herrschaft der kaiserlichen Familie und wurden von ihr ganz unmittelbar unterdrückt und ausgebeutet. Irgendwelche Hoffnungen auf eine Reichsreform unter Mithilfe des Kaisers sind hier nie aufgekommen. Dazu kam, dass die soziale Unterdrückung der Bauern hier auch noch die Dimension nationaler Unterdrückung aufwies, denn während die BäuerInnen fast alle slawische Dialekte sprechende SlowenInnen waren, handelte es sich bei den sie ausbeutenden Rittern, hohen Geistlichen und kaiserlichen Beamten durchweg um Deutsche. Ebenso war die Minderheit des wohlhabenden städtischen Bürgertums überwiegend deutschsprachig, und anders als in Süddeutschland und Ungarn kam es hier zu keinerlei Solidarisierung zwischen aufständischen Bauern und Bürgertum. Lediglich rund um die kleine Stadt Gottschee (Heute Kocevje) gab es eine größere Population deutschsprachiger Bauern, die hier im 14. Jahrhundert angesiedelt worden waren, um das Land durch ihre landwirtschaftlichen und handwerklichen Kenntnisse zu entwickeln. Diese Gottscheer Bauern lasen die deutschsprachigen Flugblätter aus Süddeutschland, kannten die Geschichte des Bundschuh und des armen Konrad und wurden von ihnen inspiriert.

Von diesen Gottscheer Bauern ging die Bewegung dann auch aus. Sie versammelten sich, um Delegierte zu wählen, die dem kaiserlichen Landvogt ihre Beschwerden über die immer weiter wachsende Ausbeutung durch die Adligen vortragen und ihn davon überzeugen sollten, dass ihre Situation unerträglich geworden war und etwas getan werden müsse. Diese Delegierten kamen unbewaffnet beim Landvogt Georg von Thurn an, sprachen ruhig und sachlich über ihre bedrückte Lage und teilten ihm die Änderungswünsche der Bauern mit. Während sie noch ihren Vortrag hielten, gab der Landvogt seinen Wachleuten einen Wink, sie alle festzunehmen, führte sie in den Schlosshof, ließ drei von ihnen den Kopf abschlagen und die anderen davonjagen, um allen davon zu erzählen, was mit Bauern passierte, die frech gegen ihre rechtmäßige Obrigkeit würden.

Die Wirkung dieses Terroraktes war nicht ganz die vom Landvogt beabsichtigte: Die Empörung setzte das ganze Herzogtum Krain in Brand, und die deutschsprachigen Gottscheer Bauern vereinigten sich mit den slowenischen Bauern, die wohl die deutschen Reichen und Adeligen hassten, nicht aber ihre ebenso armen deutschsprachigen Klassengenossen. Rasch standen 90 000 Bauern in Waffen. Als erstes stürmten sie das Schloss des Landvogtes und schlugen als Vergeltung für den Mord an den Delegierten den Landvogt tot sowie seinen Stellvertreter Gregor Stersen sowie die gesamte Garnison des Schlosses.

In Krain stellten die Bauern keine Forderungen an den Adel, formulierten kein politisches Programm, stattdessen führten sie einen kompromisslosen Vernichtungskrieg gegen die Adligen. Die Schlösser Neudeck, Zobelsberg, Rudolfseck, Sauenstein, Maichau, Bulliggratz und viele weitere wurden erobert, ausgeplündert, dann in Brand gesetzt und schließlich noch die ausgebrannten Trümmer abgerissen - alle Spuren der adeligen Herrschaft sollten verschwinden. Das große Adelsgeschlecht von Mündorf wurde komplett ausgerottet, in allen eroberten Schlössern die männlichen Adligen und ihre Gefolgsleute hingerichtet.

Bald griff der Aufstand auch auf Kärnten und die Steiermark über, wo die Bauern allerdings kein vereintes Heer bildeten, sondern isolierte Grüppchen, die von einer kleinen Adelsstreitmacht von nur fünfhundert Mann wieder zur Räson gebracht wurden - nach Krain traute sich dieses Adelsheer allerdings nicht herein.

Kaiser Maximilian, dessen Familie ja sowohl Krain als auch die Steiermark gehörten, empfing eine Delegation der Gottscheer Bauern und machte ein paar vage Versprechungen, für eine Beseitigung der schlimmsten Missstände zu sorgen, woraufhin sich ein Teil der aufständischen Bauern zerstreute. Darauf hatte Maximilian gehofft, und nun ernannte er den steirischen Landeshauptmann Sigismund von Dietrichstein zum Oberbefehlshaber eines neu aufzustellenden Heeres zur Niederwerfung des Aufstandes, für dessen Anwerbung der Kaiser reichlich Geld zur Verfügung stellte. Dietrichstein stellte eine Armee von 2500 Söldern zu Fuß, 850 Panzerreitern und etwas Artillerie auf und zog mit dieser den rebellischen Bauern zahlenmäßig weit unterlegenen, an Ausrüstung und militärischer Schulung aber haushoch überlegenen Truppe von Graz aus ins Herzogtum Krain.

Dietrichstein besiegte ohne Mühe ein paar zerstreute kleine Bauernabteilungen, eher er bei der Stadt Rann (Heute Brezice) auf die Hauptmacht der Bauern stieß, die den Ort belagert hatten. Zur Rettung der Stadt kam er allerdings zu spät: Die Bauern hatten Stadt und Schloss Rann bereits erobert, den kaiserlichen Schlosshauptmann Kiß Marco und seine Soldaten mit Hacken und Rechen zerstückelt und die Stadt in Brand gesetzt. In die sich zum Plündern und Feiern zerstreute Masse der Bauern ohne jede militärische Ordnung stieß nun genau in diesem Moment überraschend das Heer Dietrichsteins und richtete, ohne auf ernsthaften Widerstand zu stoßen, ein Massaker unter den Bauern an. Viele wurden erschlagen, viele flohen panisch und versteckten sich in den Wäldern und Bergen. Hunderte Bauern wurden als Gefangene nach Graz abgeführt, wo man 161 von ihnen öffentlich enthauptete. Der Bauernaufstand in Krain war grausam beendet.

In Deutschland selbst blieb es noch neun Jahre ruhig, bis dort der größte und dramatischste aller Bauernkriege des 16. Jahrhunderts ausbrechen sollte, aber es war eine gespannte Ruhe, eine gewittrige Schwüle, aus der 1517 und 1522 zwei grelle Blitze aufzuckten.

Der erste dieser Blitze war 1517 der berühmte Thesenanschlag Martin Luthers an der Schlosskirche von Wittenberg, mit dem die Reformation begann. Luthers

Vater hatte es vom Bauern zum Bergwerksbesitzer gebracht, war also einer der aufkommenden modernen kapitalistischen Unternehmer, die Lohnarbeiter für sich arbeiten ließen. Diese Herkunft aus dem aufstrebenden städtischen Bürgertum hat ihn tief geprägt, und es war kein Zufall, dass er eine Theologie formulierte, die am ehesten die Interessen dieses Bürgertums vertrat und von diesem auch als ihren Interessen gemäße Religion verstanden und aufgegriffen wurde. Sein Jurastudium an der Erfurter Universität brach Luther nach einem religiösen Erweckungserlebnis sehr zum Unmut seines Vaters ab und wurde Mönch im Erfurter Augustinerkloster. Auf einer Dienstreise, die er für den Orden nach Rom unternahm, entwickelte sich seine tiefe Empörung gegen den verschwenderischen Luxus des Papsthofes und damit seine Opposition gegen die Kirche in ihrer bestehenden Form. Es würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen, eine detaillierte Darstellung der Vorgeschichte und der theologischen Auseinandersetzungen der Reformation zu geben, deshalb seien hier nur einige grobe Züge skizziert, die für die bald darauffolgende Explosion der sozialen Konflikte wichtig wurden. Luthers Kritik an der katholischen Kirche war an sich sehr zahm, unvergleichlich milder als die radikale Befreiungstheologie, die Hus in Böhmen, Wyclif in England oder auch schon Prediger wie Gaislin während des armen Konrad in Deutschland gepredigt hatten. In seinen berühmten 95 Thesen werden die katholische Kirche und ihre Macht nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern nur einige ihrer krassesten Auswüchse kritisiert. Sogar der abscheuliche Ablasshandel wird nicht generell verworfen, sondern nur dessen exzessive Form, wie sie beispielhaft bei Johann Tetzel auftrat, dem damals durchs Land ziehenden Ablasshändler, der den Bauern seine Ablassbriefe in reißerischen Marketingshows andrehte und die Einnahmen an den Erzbischof von Mainz ablieferte, der davon zum Teil seine luxuriöse Hofhaltung finanzierte, einen weiteren Teil zur Finanzierung des neuen Petersdoms an den Papst nach Rom weiterschickte.

Erst die unerwartet heftige Reaktion der Geistlichkeit auf Luthers Provokation trieb ihn in eine wachsende Radikalität hinein, in der er sich schließlich sogar dazu verstieg, die gewaltsame Vernichtung des Klerus zu fordern und schließlich den gänzlichen Bruch mit der katholischen Kirche zu vollziehen und ein neues reformiertes Christentum aufzubauen. Die BäuerInnen, die den Klerus als ihren schlimmsten Ausbeuter hassten, begegneten Luther zunächst mit größten Sympathien, aber diese Sympathie beruhte von Anfang an auf einem Missverständnis: Luther hatte niemals gegen die Kirche als die Bauern auspressenden Feudalherrn gekämpft, sondern zum einen gegen einen theologischen Feind, vor allem aber als gegen ein Hindernis der Entwicklung des Bürgertums - mit den adligen Unterdrückern der Bauern hatte Luther nie ein Problem. Die Verachtung gegen den Klerus war unter den städtischen Bürgern allgemein: Diese nutzlose Klasse aus zigtausenden prassenden und schlemmenden Nichtstuern, die nur die Produktion anderer aussaugten, aber selbst nichts mehr zur ökonomischen Entwicklung beitrugen, mussten der aufkommenden bürgerlich-kapitalistischen Wirtschaftsethik ein Dorn im Auge sein. Die riesigen geistlichen Güter sollten dem Bürgertum zugute kommen, die Mönche auf die Straße geworfen werden, um zum Arbeiten gezwungen zu sein. Im Laufe der Reformation schlossen sich auch viele Fürsten der Bewegung an, die sich davon zweierlei versprachen: Erstens durch Beschlagnahme der enormen geistlichen Ländereien, Gebäude und Geldvermögen in ihrem Gebiet ihre Macht zu vergrößern, zweitens neben dem weltlichen auch der geistliche Herr ihrer Untertanen zu werden, indem sie evangelische Landeskirchen mit ihnen an der Spitze gründeten und die bisher von Rom aus kommandierten Priester zu ihren Beamten machten, die der Bevölkerung die Religion des bedingungslosen Gehorsams gegen die Staatsmacht predigten. Das Luthertum war eine perfekt zum sich herausbildenden absolutistischen Fürstentum passende Religion, so wie der von Calvin begründete radikalere Calvinismus die Vorherrschaft in vom Handelskapital beherrschten Gegenden wie der Schweiz und den Niederlanden die Oberhand gewann. In kurzer Zeit spaltete sich, von Luthers Beispiel beflügelt, ein erheblicher Teil der Priester von der katholischen Kirche ab und wurde reformiert, wobei es innerhalb des reformierten Lagers gewaltige theologische und politische Unterschiede gab, die die verschiedenen Klassen spiegelten, deren Interessen sie vertraten. Luther und die ihm Nahestehenden wie Melanchthon (Eigentlich Schwarzerd mit Nachnamen, aber unter den humanistisch gebildeten Intellektuellen der Zeit war es eine verbreitete Schrulle, seinen Nachnamen ins Griechische zu übersetzen) wollten nur die katholische Kirche beseitigt, an den sozialen und ökonomischen Verhältnissen der Zeit aber nichts Nennenswertes verändert wissen. Ein junger Adliger, der mit der Reformation sympathisierte, schrieb Luther einmal einen Brief, in dem er darüber berichtete, dass es ihn mit Sorge um sein Seelenheil erfülle, als Lehensherr von seinen Bauern Abgaben und Frondienste zu verlangen und bat Luther um seine Meinung, wie er darüber denke. Der antwortete ihm, er solle nur unbesorgt sein: Den gemeinen Pöbel müssen man tüchtig schinden und niederhalten, damit er gar nicht erst dazu komme, über seine Lage nachzudenken und Dummheiten zu machen. Andere wie Andreas Karlstadt hatten vage sozialreformerische Ideen, forderten die ihnen anhängenden Theologiestudenten auf, die akademische Eitelkeit aufzugeben und ein Handwerk zu lernen oder Ackerbau zu treiben, lehnten aber den politischen oder gar militärischen Kampf für ihre egalitär angehauchten Utopien ab und hofften auf eine moralische Wandlung der Menschen. Und schließlich gab es eine quasi befreiungstheologische revolutionäre Linke unter den reformierten Pfarrern, unter denen bald Thomas Müntzer, die größte Gestalt des ganzen Bauernkrieges, als der feurigste und radikalste Kopf hervorragen sollte. Diese revolutionären Geistlichen wollten nicht Fürsten, Professoren und großbürgerliche Stadträte in gelehrten Disputen überzeugen, sondern sprachen in einfacher, leidenschaftlicher Sprache zu den Bauern und städtischen Armen, denen sie in mitreißenden Ansprachen verkündeten, dass die Adligen, Geistlichen und reichen Bürger die von Christus aufgestellten Gebote der Brüderlichkeit und Gerechtigkeit mit Füßen treten und man diese Tyrannen und Ausbeuter alle mit Gewalt zum Teufel jagen müsse, um eine egalitäre Gesellschaft gleicher und freier Menschen aufzubauen.

Die Samen dafür hatte Luther ungewollt selbst säen helfen. Seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche machte die Evangelien auf einmal allen verständlich, während deren Lektüre bisher das Privileg der Geistlichen und einiger Gelehrter war. Sie entdeckten, dass das Christentum, das man ihnen bisher gepredigt hatte, eine Entstellung der Bibel im Interesse der Reichen und Mächtigen war, dass man sie mit dem angeblichen Wort Gottes über Jahrhunderte hinweg belogen hatten. Ein Bauer, der durch reformierte Priester den wahren Inhalt der Evangelien gehört hatte, rief wutentbrannt aus: "Was haben die Pfaffen uns die ganze Zeit beschissen und betrogen! Die Buben müsste man alle totschlagen." Sie entdeckten nun, dass man der Bibel mühelos mindestens genauso viele Zitate zur Begründung einer egalitären Gesellschaft entnehmen kann wie zur Begründung der adligen Tyrannei, und das taten sie dann und griffen Adel und Klerus mit dem Evangelium an. Zweitens hatte Luther, besonders in seiner berühmten Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" vehement die geistige und religiöse Freiheit verteidigt - davon, diese Freiheit aufs Soziale und Politische auszudehnen hatte er dagegen nichts wissen wollen. Die Bauern dagegen und die mit ihnen sympathisierenden revolutionären Prediger - mittlerweile zogen viele Bauern selbst als radikale Volksprediger durchs Land - gingen von der Freiheit in Glaubensfragen ganz selbstverständlich zur Freiheit in politischen und sozialen Fragen weiter.

Unter der Oberfläche brodelte ab 1517 die Radikalisierung der Bauern und städtischen Armen durch fortschrittliche Prediger, aber es sollte noch 7-8 Jahre dauern, ehe es zur Explosion an. Vorerst richtete sich die Aufmerksamkeit 1522 auf ein anderes Krisensymptom der maroden Reichsordnung: Die Rebellion der Ritter unter Franz von Sickingen. Wie in der Einleitung geschildert, gehörten die Ritter zu den Verlierern der politischen und ökonomischen Entwicklung. Verarmend und zunehmend vom Bürgertum einerseits, den ihre Macht ausbauenden Regionalfürsten andererseits an die Wand gedrängt, degenerierten sie mehr und mehr entweder zu ordinären Räubern oder zu bloßen privilegierten Lokalbeamten der größeren Fürsten. Viele Ritter sehnten sich nach der "guten alten Zeit", als sie noch freie Herren waren, und den Grund für die Zersplittertheit und außenpolitische Schwäche des Reiches sahen sie in ihrem Niedergang. Die ritterliche Oppositionsbewegung gegen die Fürsten fand ein militärisches Haupt in Franz von Sickingen und ein ideologisches in Ulrich von Hutten, der zu den ersten Deutsch schreibenden politischen Publizisten im modernen Sinne gehörte. Ihr Programm bestand in der Entmachtung der regionalen Fürsten und der Aufrichtung einer Art Ritterrepublik unter kaiserlicher Oberhoheit. Aber diese "Adelsdemokratie", die in Polen tatsächlich realisiert wurde und den kompletten inneren und äußeren Zerfall des Landes bewirkte, wäre gegenüber den bestehenden Verhältnissen ein massiver Rückschritt und kein Fortschritt gewesen, hätte verhindert, dass wenigstens in regionalem Maßstab handlungsfähige moderne Staaten entstanden und den Partikularismus des Reiches verschärft. Sickingens Revolte der Ritter war ein tief reaktionäres Unternehmen - und so völlig anachronistisch, dass er bei niemandem Unterstützung fand. Der Klerus blieb gleichgültig. Die Bauern standen ihm ablehnend gegenüber, denn von Abschaffung der Feudallasten und der Leibeigenschaft stand nichts in Sickingens und Huttens Programm. Das städtische Bürgertum war offen feindlich, denn nichts widersprach den Interessen des aufsteigenden Handelskapitals stärker als die weitere politische und ökonomische Aufsplitterung des Landes. So blieb der Aufstand ein isoliertes letztes Aufbäumen einer untergehenden Klasse, und selbst die meisten Ritter fanden sich lieber damit ab, Höflinge ihres Fürsten zu werden statt sich an einem solchen Wahnsinnsunternehmen zu beteiligen. Auch der Versuch, den prominenten Luther als populären Propagandisten zu gewinnen, scheiterte. Sickingens Rebellion begann militärisch planlos und brach sehr schnell zusammen. Nach einem erfolglosen Angriff auf das Fürstbistum Trier, bei dem er nirgends revolutionäre Sympathien auslöste wie erhofft, musste sich Sickingen in seine Festung bei Landstuhl in der Pfalz zurückziehen, wo er von einer überwältigend übermächtigen Armee der verbündeten Fürsten der Region belagert wurde. Sickingen wurde von einer Kanonenkugel getroffen und schwer verletzt, kurz darauf ergab sich die Festung und Sickingen starb an seiner Verwundung. Ein Jahr später starb auch sein Propagandist Ulrich von Hutten im schweizerischen Exil.

Mit dem Scheitern des reaktionären Ritteraufstandes war die Bühne nun frei für den Entscheidungskampf um den sozialen Fortschritt, um das Ende des Feudalwesens: Zwei Jahre später brach der große deutsche Bauernkrieg aus.

Der Krieg beginnt

Der Bauernkrieg brach in Süddeutschland aus und sollte seinen Schwerpunkt auch durchweg in Franken und besonders in Schwaben haben. Hier, wo der Bundschuh und der arme Konrad ihre Spuren hinterlassen hatten, brachen zwischen 1518 und 1524 fast jedes Jahr kleinere Bauernrevolten aus, die aber immer isoliert blieben und leicht zersprengt werden konnten. Im Spätsommer 1524 aber breite sich ein Bauernaufstand in der Grafschaft Stühlingen im Schwarzwald rasant aus, und nach einem halben Jahr standen zwei Drittel Mitteleuropas in Brand. Die Erhebung begann ähnlich wie viele regionale Erhebungen zuvor: Die Bauern in Stühlingen verweigerten die weitere Leistung ihrer Feudaldienste- und abgaben, sammelten sich in bewaffneten Haufen und stellten die schon vom Bundschuh bekannten Forderungen Abschaffung der Feudallasten und Adelsprivilegien, Beschneidung der Macht des Klerus, ein geeinter Staat unter dem Kaiser ohne regionale und lokale adlige Herren. Der Glaube daran, dass der ferne, sagenhaft verklärte Kaiser, der ja außerhalb seiner Hausmacht kaum als wirklicher Herrscher auftrat, auf der Seite der Armen und Unterdrückten stünde und nur von den Fürsten daran gehindert werde, für ihre Interessen zu sorgen, war zu Beginn der Bewegung stark, und erst im Laufe des Aufstandes begriffen immer mehr von ihnen, dass der Kaiser ebenso ihr Feind ist wie die kleineren Adligen.

Es war kein Zufall, dass der Ausbruch ausgerechnet hier begann. Die Schweiz war nicht weit, dieser aus dem Reich de facto ausgeschiedene Bundesstaat, der durch einen Bauernaufstand gegen die adligen Herren begonnen hatte und in dem zwar das Bürgertum das Heft übernommen und eine neue Aristokratie begründet hatte, in dem die Bauern aber trotzdem noch viel größere Freiheiten genossen als im Reich. Dieses Vorbild wirkte stark nach Süddeutschland hinein, nicht zuletzt durch die zahlreichen Agitatoren vergangener Aufstände, die in der Schweiz Asyl gefunden hatten und bei Beginn des Bauernkrieges nach Deutschland zurückkehrten.

Der Funke, der den Aufruhr in Stühlingen zur Explosion brachte, war an sich unbedeutend, aber von starkem Symbolgehalt: Die Gräfin zwang ihre bis aufs Blut ausgebeuteten Bauern, an ihren seltenen freien Tagen in den Wald zu gehen und auf dem Boden kriechend Schneckenhäuser für sie zu sammeln, die sie zum Basteln benutzen wollte. Die Bauern weigerten sich und entgegneten: Gar nichts tun wir mehr für euch.

An die Spitze der Bewegung stellten sich der Bauer Hans Müller aus Bulgenbach und der revolutionäre reformierte Prediger Balthasar Hubmaier, ein Freund Thomas Müntzers - eine im ganzen Bauernkrieg häufige Konstellation. Es wurde schon geschildert, dass die einfachen Dorfpfarrer, die selbst arme Leute waren, von den Bauern kaum jemals mit dem Hass bedacht wurden, die sie Bischöfen und Mönchen entgegenbrachten, und viele von ihnen radikalisierten sich und wurden Wortführer der rebellierenden Bauern, die sie lehrten, ihre Forderungen durch Bibelzitate als göttliches Recht zu verkünden.

Müller und Hubmaier hatten sich zusammengefunden, als Müller am 24. August 1524 an der Spitze von 1200 bewaffneten Bauern ins nahe Städtchen Waldshut einzog, wo Hubmaier als Prediger wirkte. Waldshut gehörte zu den verstreuten habsburgischen Besitzungen in Südwestdeutschland, wo die reformierten Geistlichen hart verfolgt wurden. Die Waldshuter Bürger waren erbittert über diese Unterdrückung ihres geschätzten Geistlichen und solidarisierten sich sofort mit den heranziehenden Bauern. Die Bauern und die reformierten Bürger gründeten die evangelische Brüderschaft mit dem oben skizzierten revolutionären antifeudalen Programm. Mehrere hundert Freiwillige aus der Schweiz zogen ihnen mit Geld und Waffen zu, und rasch erfasste der so erfolgreich begonnene Aufruhr die ganze Region. Noch ein weiterer Umstand hatte an der Explosion mitgewirkt: Thomas Müntzer und sein Mitstreiter Heinrich Pfeifer - ihre Geschichte wird noch ausführlich geschildert werden - waren aus Thüringen zu einer Agitationsreise ins gärende Süddeutschland gekommen, und wo sie ihre mitreißenden Reden hielten, schlug die latente Unzufriedenheit der Bauern in kämpferischen Widerstandsgeist um.

Den süddeutschen Adel trafen die sich so rasant ausbreitenden Bauernunruhen zu einem besonders ungünstigen Moment, denn die meisten ihrer Truppen standen in Italien, wo der Kaiser mit dem französischen König um die Vorherrschaft über das Land kämpfte. Der primäre Feind, mit dem die Bauern es zu tun hatten, war der schwäbische Bund, der Zusammenschluss der meisten süddeutschen Fürstentümer und freien Reichsstädte, dessen Sinn militärischer Koordination der einzelnen Mitgliedsstaaten beim Ausbruch von Bauerununruhen bestand. Der schwäbische Bund hatte unter seinem militärischen Oberkommandierenden, Truchsess Georg von Waldburg, gerade keine bedeutenden Streitkräfte unter Waffen und traute sich nicht zu, die immer weiter anschwellende Zahl bewaffneter rebellischer Bauern anzugreifen, ehe er nicht weitere Rüstungen durchgeführt hätte. Also griff er zum Trick, den die Herren in früheren Aufständen schon angewandt hatten und im großen Bauernkrieg mit besonderer Perfidie handhaben sollten: Die naiven, politisch noch unreifen Bauern durch ein paar begütigende Worte und scheinbare Zugeständnisse zum Niederlegen der Waffen bewegen und dann mit voller Wucht über sie herfallen und sie hart züchtigen, sobald man genug Truppen gesammelt hätte. Dazu kam, dass der Schweizer Kanton Schaffhausen drohte, auf Seite der Bauern in den Krieg einzutreten, wenn der schwäbische Bund den Klettgau und Hegau verwüsten sollte, wo er eigene Besitzungen hatte.

Also beschlossen die Adligen, den Bauern anzubieten, einen unabhängigen Vermittlungsausschuss einzuberufen, der ihre Beschwerden prüfen sollte, wenn sie dafür die Waffen niederlegten und nach hause gingen - sie willigten ein und formulierten für das Landgericht Stockach, wo die Sache verhandelt werden sollte, 16 recht gemäßigte Artikel, in denen nur die Beseitigung der ärgsten Bedrückungen und Ungerechtigkeiten verlangt wurde, aber kein grundlegender Umsturz des feudalen Systems.

Die Adligen hatten eine Atempause gewonnen, waren aber so unklug, die Bauern zu provozieren, indem sie verlangten, bis zum Entscheid des Landgerichtes sollten alle Feudalabgaben- und dienste unvermindert weitergeleistet werden. Die Bauern lehnten das empört ab, erhoben sich wieder und mit ihnen diesmal der Großteil der Bauernschaft in ganz Württemberg und Breisgau. Die Vermittlung durch das Stockacher Landgericht war eine einzige Farce: Die "Vermittler", fast alle selbst Adlige, kamen mehr oder weniger zum Schluss, dass die Adligen in allen Punkten Recht hatten und die Bauern verbrecherische Aufrührer seien. Unterdessen hatten die Rüstungen des Adels Fortschritte gemacht: Erzherzog Ferdinand, der Bruder Kaiser Karls V. und Verwalter der deutschen Besitzungen der Habsburger, nahm beim Bankhaus Welser einen enormen Kredit auf, um eine Armee aufzustellen, und der schwäbische Bund trieb seine Mitglieder an, in drei Rüstungsphasen ein großes Bundesheer zu rekrutieren.

Aber auch der Schwarzwälder Bauernhaufen unter Hans Müller bekam Unterstützung von unerwarteter Seite, nämlich von Herzog Ulrich von Württemberg, der bereits als Henker des armen Konrad auf der Bühne erschienen ist. Kurz nach Niederwerfung der Bauernunruhen hatte Ulrich durch die willkürliche Hinrichtung von Beratern und Überfälle gegen freie Reichsstädte die Reichsacht auf sich gezogen und war von einem vereinten Fürstenheer aus dem Land verjagt worden, woraufhin Württemberg für einige Jahre unter habsburgische Verwaltung kam. Ulrich hatte sich in die ihm verbliebene kleine Grafschaft Mömpelgard im Elsass zurückgezogen und abenteuerliche, aber erfolglose Intrigen zur Wiedergewinnung seines Herzogtums gesponnen. Als nun die Bauern sich erhoben, sah er das als günstige Gelegenheit, sich mit ihnen zu verbünden und als Gegenleistung für das Zugeständnis künftiger Erleichterungen ihrer Lage an ihrer Spitze in Württemberg einzumarschieren. Finanziell unterstützt wurde Ulrich dabei vom französischen König, der dem Haus Habsburg, mit dem er in Italien kämpfte, gerne eins auswischen wollte. Aber Ulrichs Zug nach Württemberg scheiterte kläglich: Die Bauern, die sich seines Verhaltens im armen Konrad noch gut erinnerten, leisteten ihm keine aktive Hilfe, sein Angriff auf Stuttgart scheiterte, und schließlich stellte auch der französische König seine Finanzhilfen ein. Nach wenigen Wochen war der Spuk im Februar 1525 zu Ende (Viel später sollte es ihm übrigens doch noch gelingen, wieder nach Württemberg zurückzukehren, wo er bis zu seinem Tod 1550 als Herzog regierte und zwar die Reformation einführte, seine Untertanen aber weiter plagte und ausbeutete wie eh und je).

Schnell bildeten sich weitere große Bauernhaufen: Rund um Ulm, einer wichtigen Handelsstadt und Hauptsitz des schwäbischen Bundes, der unter roter Fahne marschierende Baltringer Haufen. Rund um den Bodensee der Seehaufen. Im Allgäu der Unterallgäuer Haufen. An den Ufern der Donau im schwäbisch-bayerischen Grenzgebiet schließlich der Leipheimer Haufen, der ebenfalls von einem Bauern und einem Pfarrer geführt wurde, Ulrich Schön und Jakob Wehe. Anfang März standen 40 000 Bauern unter Waffen. Truchsess Georg von Waldburg hatte dem nicht viel entgegenzusetzen, und hätten die Bauernhaufen vereint zugeschlagen, wäre der schwäbische Bund verloren gewesen. Aber es zeigte sich schon das Übel, an dem der Bauernkrieg schließlich scheitern sollte das provinziell begrenzte Denken der einzelnen Heerführer, die nicht über den Horizont ihrer Region hinauskamen, während der Adel mit ausgeprägtem Klassenbewusstsein landesweit kooperierte. Mit ihren lokalen Adligen wurde die Übermacht der Bauernhaufen überall leicht fertig, aber sobald sie ihre Gegend von Adel und Klerus befreit hatten, begnügten sie sich mit defensiv-abwartender Haltung und dachten nicht daran, sich zu einer großen Armee zu vereinen, um dem schwäbischen Bund den Garaus zu machen. So konnten die Adligen unbehelligt rüsten und einen Haufen nach dem anderen angreifen, nachdem sie die anderen durch Verträge und Versprechungen eine Weile beruhigt hatten. Schon während der Invasion Ulrichs von Württemberg hätten sie sich gar nicht mit dem Herzog verbünden müssen, um seinen Angriff zu nutzen, den schwäbischen Bund an einer anderen Front zu attackieren. Stattdessen sahen sie passiv zu, wie der Truchsess erst Ulrich besiegte und sich dann gegen die Bauern wandte.

Noch aber stand alles unter dem Bann der sich rasant ausbreitenden Bewegung, die bald in ganz Süd- und Mitteldeutschland die berühmten Zwölf Artikel als Grundlage ihrer Forderungen proklamierte: Die Geistlichen sollen in den Gemeinden gewählt und bei Fehlverhalten abgesetzt werden, ihr Gehalt auf das zum Lebensunterhalt notwendige begrenzt und der Rest der bisherigen Abgaben an den Klerus für öffentliche Zwecke verwendet werden, Abschaffung der Leibeigenschaft und der drückendsten Feudalabgaben, Reduktion der Steuern, Rückgabe der von den Herren konfiszierten Wälder, Weiden und Gewässer in Gemeinbesitz. Radikale war der "Artikelbrief" der revolutionären, müntzerischen Fraktion, als dessen Autor manchmal auch Müntzer selbst genannt wird. Darin wird die vollständige Beseitigung des Adels gefordert, die Vernichtung aller Klöster und Schlösser und die Ächtung aller Bauern, die sich dem Bündnis nicht anschließen. Obwohl in den meisten Gegenden die Bauern sich weiterhin auf die etwas gemäßigteren zwölf Artikel beriefen, verhielten sie sich, von der revolutionären Praxis radikalisiert, bald nach den Bestimmungen des Artikelbriefes.

Als der schwäbische Bund wieder einmal eine von ihm beschworene Waffenruhe gebrochen hatte, gaben die Bauern ihre bisherige diplomatische Haltung endgültig auf und proklamierten den erbarmungslosen Krieg gegen Adel und Klerus. In den letzten März- und den ersten Apriltagen brach überall in Süddeutschland der Krieg aus, nun auch im Odenwald, in Franken und in weiten Teilen Bayerns. Die Gleichzeitigkeit des Ausbruchs zeigt, dass die Bauern sich über weite Distanzen miteinander abgesprochen haben mussten und dass offenkundig eine große, rege Untergrundorganisation existierte, die die Revolution nach Art des Bundschuh vorbereitete, nur dass der Funke diesmal zündete. Der Himmel über Deutschland färbte sich rot von den Flammen von weit über 1000 brennenden Schlössern und Klöstern, und die Schlossherren hatten die Wahl, auf die zwölf Artikel zu schwören und die Bauern zu unterstützen, in die nächste befestigte Stadt zu fliehen oder totgeschlagen zu werden. Fast überall wurden die Klöster mit noch größerer Wut geplündert und zerstört als die Adelssitze, und aus den geistlichen Reichtümern wurde der Krieg finanziert. Unter hunderten anderen Schlössern eroberten die Bauern auch die Festung Hohenstaufen, aus der die Kaiserdynastie der Staufer hervorgegangen war, und nachdem sie die mächtige Festung eingenommen und die Besatzung getötet hatten, leuchtete die in Flammen lodernde, auf einem hohen Berggipfel gelegene Kaiserburg in der Nacht weit ins Land hinein als drohende Fackel auf.

Besondere Radikalität entwickelte der aus der Vereinigung der Odenwälder und Neckartaler Bauern gebildete helle Haufen, deren Führer der gegen seine Klasse rebellierende Adlige Wendel Hipler, der Wirt Georg Metzler sowie Jakob Rohrbach aus Böckingen bei Heilbronn waren, ebenfalls ein Wirt und von allen "Jäcklein" genannt, der von der "Schwarzen Hofmännin" begleitet und beraten wurde, deren Mann von einem lokaligen Adligen eingekerkert worden war und die mit ihrem fanatischen Hass auf Adel, Klerus und reiches Bürgertum die Entschlossenheit des hellen Haufens anstachelte. Unterstützung bekamen sie vom schwarzen Haufen Florian Geyers, ebenfalls eines zu ihnen übergelaufenen Ritters, der eine Eliteeinheit des Bauernkrieges bildete, die überwiegend aus kampferfahrenen Truppen bestand und die höchste Schlagkraft aller Bauernverbände aufwies.

Gegen diesen Bauernhaufen, der Klöster und Schlösser plündernd und niederbrennend durch Württemberg zog, eröffnete nun der württembergische Vogt Ludwig von Helfenstein den Kampf. Er tötete alle aufständischen Bauern, die ihm in die Hände fielen, kündigte grausame Vergeltung für alle an der Rebellion Beteiligten an und legte sich mit seinen Truppen in die befestigte Stadt Weinsberg, um von dort die weiteren Schritte zu planen. Dort griff ihn nun der helle Haufen an, erbittert über die Nachricht, dass der Leipheimer Haufen vom Truchsess besiegt und ihr revolutionärer Prediger Wehe hingerichtet worden war. In völliger Verkennung seiner Lage drohte Helfenstein den Bauern der Umgebung an, ihre Dörfer niederzubrennen und sie entsetzlich zu strafen, wenn sie nicht friedlich nach hause gingen, erreichte damit aber nur, dass sie sich in ihrer Empörung durchweg dem heranziehenden hellen Haufen anschlossen. Helfenstein, der sich mit seiner Frau, einer unehelichen Tochter Kaiser Maximilians I., in der Burg verschanzt hatte, verachtete die Bauern viel zu sehr, als dass er ihnen die Erstürmung einer starken Festung zugetraut hätte. Als Unterhändler des Haufens ans Stadttor kamen und die Aufforderung aussprachen, sich zu ergeben, wenn sie ihr Leben behalten wollten, ließ er das Feuer auf sie eröffnen, wobei einer der Unterhändler schwer verletzt wurde. Mit Bauerngesindel hatte ein Adliger nicht anders zu diskutieren als durch Kugeln. Obwohl sie von den Mauern aus unter heftigen Beschuss genommen wurden, stürmten die Bauern unter Jäcklein Rohrbach tapfer und diszipliniert gegen die Stadtmauern an, während der schwarze Haufen Florian Geyers von der anderen Seite das Schloss angriff. Geyers hervorragende Truppe hatte das Schloss bald erobert, die Besatzung umgebracht und die Fahne der Bauern auf den Türmen gehisst. Als die Verteidiger der Stadt, die noch gegen den Ansturm Jäcklein Rohrbachs kämpften, das sahen, gerieten ihre Reihen in Verwirrung, die Stadttore wurden von den Bauern eingerammt, und zu tausenden ergossen sie sich in die Stadt, schlugen nieder, was noch Widerstand leistete, woraufhin die Verteidiger bald kapitulieren mussten.

Den Bürgern der Stadt, so verkündeten sie, solle nichts geschehen, wenn sie friedlich in ihre Häuser gingen, die Ritter aber müssten alle sterben. Die Bitte, wenigstens ihren Kommandanten, den Grafen von Helfenstein am Leben zu lassen, wurde abgelehnt. Der Graf, den das Grausen packte, flüchtete mit einigen Rittern zur Kirche, wo einige Adlige sich im Kirchenschiff und den Grüften versteckten, andere verbargen sich in einem Geheimgang des Kirchturms. Die in der Kirche und in den Grüften wurden von den Bauern ohne weitere Formalitäten zusammengetrieben und erschlagen, da entdeckten sie unter Siegesgebrüll auch den Geheimgang im Turm, in den sich Helfenstein und seine letzten Ritter geflüchtet hatten. Während die Bauern sich die schmale Wendeltreppe hochkämpften, schrie Graf Helfenstein von der Turmspitze aus in Todesangst nach unten, dass er 30 000 Gulden zahle, wenn man ihn am Leben lasse, eine ungeheure Summe. Zur Antwort riefen die Bauern herauf: "Und wenn du uns auch eine Tonne Gold geben wolltest, der Graf und alle Ritter müssen sterben!". Jetzt waren sie bis zum Grafen vorgedrungen, warfen einige Ritter gleich vom Turm aus hinab in den Tod und führten Helfenstein und den Rest nach unten ab, wobei sie auf dem Weg von den umstehenden Bauern bespuckt, beschimpft und geschlagen wurden. Die Bauern verkündeten, dass jeder Bürger drakonisch bestraft würde, der einen Ritter bei sich verstecke, und sogleich lieferten die verschreckten Bürger noch eine Reihe Adliger ab, die mit den schon Gefangenen zusammengeführt wurden. Nachdem die Häuser der Geistlichen, des Bürgermeister und der Beamten geplündert und verwüstet waren, führten die Bauern ihre Gefangenen auf eine Wiese vor der Stadt, wo ihre Hinrichtung vollzogen werden sollte. Als Hinrichtungsart wählten sie nicht die Enthauptung, die als soldatischer Tod galt, sondern den Spießrutenlauf, der zur Hinrichtung besonders ehrloser Krimineller angewandt wurde: Der Veurteilte musste solange durch eine Gasse aus auf ihn einstechenden Spießträgern laufen, bis er tot zusammensank. Da kam die Frau des Grafen weinend heran und bat knieend um das Leben ihres Mannes. So hatten sich die Umstände gewandelt: Die Kaisetochter lag nun auf Knieen vor dem Böckinger Kneipenwirt und flehte ihn um Gnade an. Aber niemanden rührte ihre Klage, niemand hatte Mitleid mit dem hundertfachen Bauernmörder Helfenstein, der angekündigt hatte, sie alle nach ihrer Niederwerfung zu foltern und umzubringen und der in diesem Moment für sie die ganze verhasste Adelspest verkörperte. Helfenstein selbst bot noch einmal eine riesige Summe für sein Leben, und wieder lehnte man ab und trieb ihn schließlich in die Spieße, wo er unter dem Todestanz, den sein ehemaliger Hofmusiker Melchior Nonnenmacher für ihn spielte, schnell tot zusammenfiel, so wütend wurden ihm die Stiche und Hiebe ausgeteilt. Auch alle anderen gefangenen Adligen wurden auf diese Weise hingerichtet. Die "schwarze Hofmännin", Rohrbachs Begleiterin, schnitt der Leiche des Grafen den Bauch auf, schmierte sich mit seinem herauslaufenden Körperfett die Schuhe ein und rief ihm Verwünschungen ins Grab nach. Jäcklein Rohrbach legte sich den Koller des Grafen um, trat damit zur Gräfin und fragte: "Frau, wie gefall ich euch jetzt?" Dann wurde die Kaisertochter nackt ausgezogen, auf einen Mistwagen gepackt und unter Spott und Hohn aus der Stadt herausgeschickt.

Das Blutgericht von Weinsberg war eine Lektion für den Adel, die saß: Sofort unterwarfen sich die Adligen der Region, schworen auf die zwölf Artikel und sandten den Bauern Waffen und Lebensmittel.

Unmittelbar nach dem Weinsberger Blutgericht spaltete sich der helle Haufen, der mit Unterstützung des Schwarzen Haufens Florian Geyers bisher das militärisch stärkste Kontingent der Bauern gewesen war. Ursache dafür war der politisch ambivalente Charakter des ganzen Aufstandes, dessen innere Konflikte sich hier beispielhaft entfalteten, sobald die unmittelbare Bedrohung durch die Truppen des Adels in der Region ausgeschaltet war. Die große Masse der Aufständischen waren leibeigene Bauern oder solche, deren Lebensbedingungen von Leibeigenschaft nicht weit entfernt waren. Aber ihnen hatten sich auch eine Menge städtischer Bürger sowie sogar einige gegen ihre Klasse rebellierende Ritter angeschlossen (Wie eben Florian Geyer, der den Krieg allerdings in einer sehr viel ehrenhafteren Form durchmachte als die meisten seiner schwankenden Klassengenossen im Heer der Bauern), und durch ihre höhere Bildung und Redegewandtheit hatten sie es überproportional oft geschafft, an die Spitze der Bewegung zu gelangen. In vielen süd- und mitteldeutschen Städten hatte der Aufstand der Bauern die städtischen KleinbürgerInnen und Armen zur Revolte gegen die von den großbürgerlichen Patriziern beherrschten Stadträte ermuntert, und vielerorts wurden die alten aristokratischen Räte durch weitaus demokratischere kleinbürgerliche und (lumpen)proletarische ersetzt. Diese neuen, progressiveren Stadtregierungen solidarisierten sich zwar mit den rebellierenden Bauern und unterstützten sie oft mit Geld, Waffen und Lebensmitteln, schlossen sich aber kaum jemals ganz der Radikalität ihrer Forderungen an, beruhte doch der Wohlstand der freien Reichsstädte erheblich auf der Ausbeutung der bäuerlichen Bevölkerung der Umgebung durch die Stadt. Auch beurteilten viele von ihnen die Siegesaussichten der Bauern skeptisch und wollten sie sich durch ihre offene Unterstützung nicht völlig kompromittieren, aus Angst, dann beim erwarteten konterrevolutionären Terror der siegreichen Fürsten ebenfalls dranzukommen.

Dieses unsichere Schwanken zwischen revolutionärem Aufbruch in den Städten und Unsicherheit im Umgang mit den Bauernheeren kann man beispielhaft in Rothenburg, Nördlingen und Heilbronn studieren. In der bedeutenden freien Reichsstadt Heilbronn war nach Beginn des Bauernkrieges eine Stadtrevolte ausgebrochen, die von den Bäckergesellen ausging und die Entmachtung der patrizischen Räte verlangte. Der Prediger Johann Lachmann konnte einen Kompromiss aushandeln, der den fortschrittlichen Kräften Aufwind gab, ohne sie wirklich an die Macht zu bringen. Der patrizische Rat, bedrängt gleichzeitig durch den hellen Haufen, der vor den Stadttoren umherzog und schon das Karmeliterkloster niedergebrannt hatte sowie das aufständische Kleinbürgertum im Inneren, ging einen schmalen Grat des vorsichtigen Taktierens gegenüber den Bauern und erklärte sich schließlich bereit, ihnen freiwillig die Tore zu öffnen - ein zweites Weinsberg in größerem Maßstab wollte man nicht werden. Tatsächlich verhielten sich die Bauern diszipliniert und beschränkten sich darauf, die Gebäude des besonders verhassten Deutschen Ordens zu verwüsten sowie den Geistlichen Geldforderungen abzuverlangen. Heilbronn war damit die größte und wichtigste Stadt, die den aufständischen Bauern direkt zur Verfügung stand, und doch war der alte Rat immer noch im Amt und versuchte, Distanz zu wahren. Als die Bauern die Stadt schließlich zwangen, ein Kontingent Hilfstruppen aufzustellen, kam der Rat dieser Forderung zwar schließlich nach, bat aber, sie nicht unter Heilbronner Stadtflagge marschieren zu lassen, aus Angst, dass die Fürsten die Stadt später strafen würden, wenn sie offiziell Truppen beigesteuert hätte. Aber die Bauern beharrten darauf, dass die Heilbronner unter der offiziellen Stadtflagge mit ihnen marschieren müssten. Übrigens waren die Sorgen der Heilbronner Bürger nicht ganz unberechtigt: Nach der Niederlage der Bauern ließen die Truppen des schwäbischen Bundes tatsächlich mehrere Dutzend Heilbronner Bürger hinrichten, verbannen oder zu Geldstrafen verurteilen. Sogar der sehr gemäßigter Prediger Lachmann, dessen Vermittlung den alten Rat davor bewahrt hatte, von der städtischen Revolte weggefegt zu werden, wurde vor Gericht gestellt, aber nicht verurteilt.

Im hellen Haufen hatten sich nun nach Weinsberg die gemäßigten Kräfte gegen die von Jäcklein Rohrbach und Florian Geyer repräsentierten Radikalen durchgesetzt. Während Geyer und Rohrbach das ganze feudale Gesellschaftssystem zerstören und einen kompromisslosen Vernichtungskrieg gegen Adel und Geistlichkeit führen wollten, glaubten die von Wendel Hipler (Einem ehemaligen Berater der Grafen von Hohenlohe, der nach einem Zerwürfnis mit seinem Herrn zu den Bauern übergegangen war) repräsentierten Gemäßigten, dass man eher versuchen sollte, Ritter, kleine Fürsten und städtische Patrizier für ihre Sache zu gewinnen, um auf einer breiteren Basis weniger kühne Reformen umzusetzen. Geyers schwarzer Haufen verließ daraufhin den hellen Haufen, mit dessen Zielen er sich nicht mehr identifizieren konnte, ebenso Jäcklein Rohrbach, der sich mit rund 200 anderen Radikalen dem württembergischen Haufen unter Matern Feuerbacher anschloss.

Die große Mehrheit der Bauern war den Gemäßigten unter Hipler treu geblieben und erklärte sich einverstanden, den Ritter Götz von Berlichingen zu ihrem militärischen Anführer zu nehmen, der übrigens vergeblich versucht hatte, ins konterrevolutionäre Heer des Truchsess Georg von Waldburg aufgenommen zu werden, sich gegen die Übernahme des Kommandos bei den Bauern anfangs heftig sträubte und später die erste günstige Gelegenheit nutzte, sie zu verraten. Wendel Hipler, der ein zögerlicher, unentschlossener Mensch und gewiss vom Temperament her kein Revolutionär, aber ein kluger Kopf mit einigem politischen Sachverstand war, erkannte, dass die Schwäche der Bauern in ihrer provinziellen Beschränktheit bestand und berief nach Heilbronn Delegierte aller aufständischen Bauernhaufen Deutschlands ein, um der Bewegung eine gemeinsame politische Führung und ein gemeinsames politisches Programm zu geben. Auf diesem Konvent setzten sich die gemäßigten bürgerlichen Elemente durch und verabschiedeten im Mai folgende vierzehn Grundsätze für eine gesamtdeutsche Verfassung:

  1. Alle Geistlichen Deutschlands werden reformiert, enteignet und nur noch mit einem zum Lebensunterhalt ausreichenden Gehalt besoldet.
  2. Alle Fürsten werden reformiert und angehalten, allen Klassen gleiches und schnelles Recht zu verschaffen sowie für die Armen zu sorgen.
  3. Alle Städte werden reformiert. Sie dürfen ihren Bauern keine neuen Abgaben auferlegen und alle bisherigen Abgaben müssen gegen eine Abschlagszahlung ablösbar sein statt lebenslang geleistet werden zu müssen wie bisher.
  4. Kein in römischem Recht geschulter Jurist darf bei Gericht zugelassen werden (Der Rückgriff auf das römische Recht des spätantiken Kaiserreiches war von den Fürsten des beginnenden Absolutismus benutzt worden, um das vorherrschende alte germanische Recht auszuhebeln, das den Bauern viel größere Freiheiten zugestand. Daher waren das römische Recht und die in ihm geschulten Juristen bei den Bauern äußerst verhasst)
  5. Kein Geistlicher darf ein weltliches Amt bekleiden oder als Berater von Fürsten und Reichsstädten fungieren.
  6. Es ist ein gesamtdeutscher oberster Gerichtshof einzurichten sowie 64 Freigerichte, 16 Landgerichte und 4 Hofgerichte in ganz Deutschland mit Beisitzern aus allen Klassen.
  7. Alle Zölle innerhalb Deutschlands werden aufgehoben, ausgenommen diejenigen, die zur Instandhaltung von Brücken und Straßen unbedingt notwendig sind.
  8. Die Benutzung aller Straßen ist frei (Bisher mussten Kaufleute für die Benutzung der Landstraßen Wegegeld zahlen).
  9. Keine direkten Steuern außer alle zehn Jahre eine Steuer für die kaiserliche Zentralgewalt.
  10. Eine einheitliche Währung für ganz Deutschland.
  11. Gleiche Maße und Gewichte für ganz Deutschland.
  12. Staatliche Beschränkung der zulässigen Zinssätze der Bankiers.
  13. Alle Adligen, die Vasallen eines Geistlichen sind, werden von ihrer Lehenspflicht entbunden.
  14. Aufhebung aller Bündnisse der regionalen Fürsten untereinander, stattdessen einheitliche kaiserliche Polizei im ganzen Land.

Man sieht, dass das revolutionäre Feuer der Bauern aus diesem Verfassungsentwurf verschwunden ist. Von der Beseitigung von Adel und Klerus und der Aufrichtung einer klassenlosen Republik, wie sie Müntzer in Thüringen predigte, ist hier keine Rede mehr. Stattdessen werden die Bedürfnisse des aufstrebenden Bürgertums in den Vordergrund gestellt, das eine konstitutionelle einheitliche Monarchie wünscht, in der ein großer Binnenmarkt, Vereinheitlichung von Währung und Maßeinheiten sowie allgemeine Rechtssicherheit herrschen, um die Ausbreitung von Handel und Gewerbe sicherzustellen. Für die Bauern bleibt kaum mehr übrig als die Beseitigung einiger besonders schlimmer Missstände, ein paar vage Versprechungen, für ihr Wohl zu sorgen sowie

allenfalls noch die Perspektive, sie aus Leibeigenen in kleine kapitalistische Warenproduzenten zu verwandeln: Der Gedanke, die Dorfgemeinschaft aufzulösen und die Frondienste nicht einfach abzuschaffen, sondern sich die Bauern gegen große Geldbeträge freikaufen zu lassen, nimmt genau die Form vorweg, wie sich in Frankreich die Girondisten die Bauernbefreiung um 1790 vorstellten und wie sie in Preußen und Russland im 19. Jahrhundert verwirklicht wurde. Für die Entwicklung des Kapitalismus war das eine hervorragende Lösung: Die Adligen wurden mit dem Verzicht auf die ökonomisch überholte Leibeigenschaft durch einen saftigen Batzen Bargeld ausgesöhnt und hatten damit zugleich genug Startkapital, um von Feudalherrschaft nahtlos zu kapitalistischem Unternehmertum übergehen zu können. Die Bauern wiederum wurden gespalten in die Minderheit derjenigen, die sich freikaufen und zu kapitalistischen Kleinunternehmern machen konnten und die Mehrheit derjenigen, die durch den Wegfall der Dorfgemeinschaft verelendeten und als Lohnarbeiter in die neuen kapitalistischen Betriebe strömen mussten.

Dieses Heilbronner Programm war somit zwar offener Verrat an den revolutionären, egalitären Hoffnungen der Bauern, gleichzeitig aber eine geniale, um Jahrhunderte über ihre Zeit voraus greifende Vorwegnahme des modernen bürgerlich-kapitalistischen Nationalstaates. Die 1525 in Heilbronn formulierten Forderungen wurden erstmals erst in den 1790er Jahren in Frankreich realisiert und im Rest Europas erst im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts umgesetzt. Es ist frappierend, dass in der Revolution von 1848 im Paulskirchenparlament oft Forderungen diskutiert werden, die einfach wie eine Wiederholung der Forderungen ihrer drei Jahrhunderte zurückliegenden Vorläufer in Heilbronn wirken. Hätte sich eine solche Verfassung 1525 in ganz Deutschland durchgesetzt, wäre man nahtlos von der feudalen in die kapitalistische Ausbeutung übergegangen, und doch wäre Deutschland gerade dadurch das politisch fortgeschrittenste Land der damaligen Welt geworden.

Aber dazu sollte es nicht kommen. Einerseits, weil das Bürgertum in seiner ökonomischen wie intellektuellen Entwicklung zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch nicht annähernd weit genug war, ein solches Programm adaptieren und gegen den beginnenden fürstlichen Absolutismus durchfechten zu können. Andererseits, weil die Konterrevolution in Form des schwäbischen Bundes mittlerweile militärisch das Heft übernommen hatte und an eine wie auch immer geartete Reichsreform nicht mehr zu denken war. Als das Heilbronner Programm verabschiedet wurde, erlitten die süddeutschen Bauern gerade ihre entscheidenden Niederlagen, und kurz darauf mussten die Heilbronner Delegierten selbst eilig die Flucht ergreifen, wenn sie dem einsetzenden erbarmungslosen weißen Terror entkommen wollten. Daher nach dem Vorgriff auf die Heilbronner Beratungen noch einmal eine kurze Rekapitulation der militärischen Lage. In den ersten beiden Aprilwochen hatten sich in ganz Süddeutschland zehntausende bewaffnete Bauern in regionalen Haufen organisiert, deren wichtigste der Baltringer Haufen, der Allgäuer Haufen, der Seehaufen, der Württemberger Haufen und der Odenwälder helle Haufen waren. Die Konterrevolution organisierte sich dagegen in Form des schwäbischen Bundes, des militärischen Bündnisses der süddeutschen Fürsten und Reichsstädte, deren Oberbefehlshaber, Truchsess Georg von Waldburg, mit den Finanzmitteln des Bundes sowie durch üppige Unterstützungen der Großbankhäuser Fugger und Welser eine starke Söldnerarmee angeworben hatte. Den durch das Land ziehenden, hunderte Schlösser und Klöster niederbrennenden und Adlige tötenden Bauernhaufen hatte der schwäbische Bund in der Rekrutierungsphase seiner Armee noch nicht viel entgegenzusetzen, sodass er ihre politische Naivität nutzte, mehrere Haufen durch Verhandlungen und leere Versprechungen zu neutralisieren. Erst als er ein starkes Heer zusammenhatte, gab er das diplomatische Gerede auf und ging in die Offensive. Zuerst ging es gegen den Baltringer Haufen, den der Truchsess am 14. April in der Schlacht von Wurzen vernichtend schlug. Nach dem Sieg wurden mehrere hundert gefangene Bauern vom Adelsheer ermordet, und die übertriebenen Gerüchte von angeblich 7000 ermordeten Bauern erbitterten den weiter nördlich stehenden hellen Haufen unter Jäcklein Rohrbach so sehr, dass er beschloss, Vergeltung am Adel zu üben und das oben beschriebene Weinsberger Blutgericht abhielt. Auch der Leipheimer Haufen wurde vom Heer des schwäbischen Bundes mühelos geschlagen und seine Anführer hingerichtet, darunter auch der revolutionäre Pfarrer Jakob Wehe, ihr wichtigster Ideologe, der noch auf dem Gang zur Hinrichtung fest beteuerte, nicht Aufruhr, sondern nichts anderes als die göttliche Gerechtigkeit gepredigt zu haben.

Nach Weinsberg, als der ganze Adel der Region sich in panischem Schrecken unterwarf, hatten sich die gemäßigten Kräfte im hellen Haufen durchgesetzt und den Ritter Götz von Berlichingen als Hauptmann angenommen, was zur Abspaltung der radikalen Revolutionsfraktion um Jäcklein Rohrbach und Florian Geyer führte. Sie gaben ihren bisherigen Vernichtungskrieg gegen den Adel auf und verzichteten auf das Niederbrennen der Schlösser, wenn deren Herren auf die zwölf Artikel der Bauern zu schwören bereit waren und versprachen, ihre Privilegien aufzugeben. Natürlich leisteten alle Adligen diesen Schwur, wenn vor ihrer Burg tausende bewaffneter Bauern auftauchten, und natürlich verrieten sie die Bauern später sofort wieder, sobald die Truppen des schwäbischen Bundes da waren. Der helle Haufen, der sich jetzt vor allem mit der Plünderung von Klöstern beschäftigte, durchlief nach Aufgabe des revolutionären Programms eine zunehmende Demoralisierung, die sich besonders krass in einer fatalen militärischen Entscheidung zeigte: Wendel Hipler schlug vor, erstens in großer Zahl kriegserfahrene Söldner anzuwerben (Genug Geld dafür hatte man nach den umfassenden Plünderungen ja, und wenn sie ordentlich bezahlt wurden, würden die meisten der aus Bauernfamilien stammenden Landsknechte lieber für die Bauern als für die Fürsten gekämpft haben, was sich auch darin zeigt, dass die Landsknechte in Fürstendienst immer wieder Befehle verweigerten, oft desertierten und nur gegen enorme Sondergelder bereit waren, gegen die Bauern zu kämpfen) und zweitens die bäuerlichen Truppen nicht dauernd auswechseln wie bisher, sondern ein diszipliniertes Heer mit festem Personalbestand aufbauen, das durch zunehmende Kriegserfahrung und ständige Übungen immer schlagkräftiger würde. Aber beide Vorschläge wurden abgelehnt, denn viele Bauern sahen den Krieg inzwischen nur noch als Beutezug, bei dem sie beim Plündern die Konkurrenz der überlegenen Landsknechte fürchteten und die, sobald ihre Taschen voll waren, die Freiheit haben wollten, jederzeit wieder nach Hause gehen zu können. Eine dem schwäbischen Bund militärische gewachsene Armee konnte somit natürlich nicht gebildet werden. Hans Berlin, ein Heilbronner Ratsherr, der sich dem hellen Haufen halb gezwungen angeschlossen hatte, versuchte zu dieser Zeit, ihrem politischen Programm noch den letzten Hauch revolutionärer Kraft zu nehmen, indem er eine "Erläuterung" zu den bereits relativ gemäßigten zwölf Artikeln der Bauern verfasste, in der alles gestrichen wurde, was nach ernsthaftem Umsturz der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse aussah. Das ging dann doch zu weit - die Bauern empörten sich heftig gegen dieses Manöver, und Berlins Erläuterung wurde begraben.

Der helle Haufen zog nun nach Würzburg, wo eine der entscheidenden Schlachten des Bauernkrieges stattfinden sollte. In Würzburg war das Bürgertum die treibende Kraft des Aufstandes. Der Fürstbischof, einer der mächtigsten geistlichen Fürsten Deutschlands, hatte nach und nach die Autonomierechte des städtischen Bürgertums ausgeschaltet und ein despotisches Regime errichtet, das den Widerstand der Bürger provozierte, die die fürstliche Willkürherrschaft abschütteln und freie Reichsstadt werden wollten. Als in der Stadt ein Aufruhr ausbrach und die Häuser der Geistlichen geplündert wurden, zog der Bischof Truppen zusammen, um seine Hauptstadt militärisch zu züchtigen. Aber die Bürger hatten schon Türme und Tore besetzt und eigene Milizen aufgestellt, sodass der Bischof sich nach vergeblichen diplomatischen Täuschungsmanövern gezwungen sah, nach Heidelberg zu fliehen und dort darauf zu warten, dass der schwäbische Bund in seinem Fürstentum die Ordnung wiederherstellte. Ermuntert davon, erhoben sich auch in Franken die Bauern, plünderten und verbrannten auch hier die Klöster und Schlösser und verbündeten sich mit dem aufständischen Würzburger Bürgertum. Unterstützung fanden sie auch von einigen kleineren adligen Vasallen des Bischofs, die darauf spekulierten, ihrer Lehenspflicht entbunden und unabhängige Kleinfürsten zu werden, wenn das Fürstbistum zusammenbrach. Der Bischof war zwar geflohen, aber er hatte eine große Garnison auf seinem Regierungssitz auf dem Frauenberg zurückgelassen, der gewaltigen Burg, die auf einem Berg über Würzburg thront und wo ein halbes Jahrhundert zuvor das Pfeiferhänslein verbrannt worden war. Es war eine der stärksten Festungen Deutschlands, und mit Lebensmittelvorräten für mehrere Monate konnte sich die Garnison auch gegen eine große zahlenmäßige Übermacht der Bauern verteidigen. Aber dieses Bastille des geistlichen Fürstentums hatte so großen Symbolcharakter, dass bald alle bedeutenden Bauernverbände der Region auf Würzburg zogen, und bald trafen Florian Geyer mit seinem schwarzen Haufen, der neugebildete fränkische Tauberhaufen und schließlich der helle Haufen, nun unter Götz von Berlichingen, in Würzburg ein. Unterstützt von den Würzburger Bürgern (Darunter auch Tilman Riemenschneider, der bedeutendste deutsche Bildhauer seiner Zeit, der sich rückhaltlos mit den aufständischen Bauern solidarisierte und der dafür später eingekerkert und gefoltert wurde und bis zu seinem Tod nie wieder einen bedeutenden Auftrag erhielt), die die Festung von der Stadt aus unter Artilleriebeschuss nahmen, setzten die Bauern zu mehreren mit großer Tapferkeit und Disziplin geführten Sturmangriffen an, die aber unter hohen Verlusten an den hervorragenden Befestigungsanlagen scheiterten. Das wochenlange untätige Herumsitzen am Fuße der Festung entmutigte die Bauern zunehmend, und tausende liefen auseinander. Um den gänzlichen Zerfall der Truppe abzuwenden, beschloss Wendel Hipler, nur 4000 Mann zur Aufrechterhaltung der Belagerung in Würzburg zu lassen und mit dem größeren Teil der Kräfte ins Neckartal zu ziehen, um dort den Aufstand neu anzufachen. Zudem sollten alle Bauernhauptleute, die bisher nur ein Viertel der kriegsfähigen Männer ihrer Gemeinden bewaffnet hatten, jetzt eine totale Mobilmachung gegen den drohend heranziehenden Truchsess durchführen und jeden männlichen Bauern einziehen, der kampffähig war. Aber der Verräter Götz von Berlichingen sabotierte die Versuche, ein geeintes schlagkräftiges Heer zu bilden, und stattdessen zersplitterten sich die bäuerlichen Kräfte immer mehr.

Währenddessen hatten die Truppen des schwäbischen Bundes auch den Württemberger Haufen besiegt, dem sich Jäcklein Rohrbach nach seiner Abspaltung vom hellen Haufen angeschlossen hatte. Die Entscheidungsschlacht fand am 12. Mai vor Böblingen statt, dessen relativ progressiver Stadtrat sich den Bauern angeschlossen und auf die zwölf Artikel geschworen hatte. Das Bauernheer war mit 15 000 Mann dem Heer des Truchsess zahlenmäßig leicht überlegen, aber dieser war mit seiner starken Artillerie und rund 3500 schweren Panzerreitern dennoch militärisch klar überlegen. Trotzdem sah er sich gezwungen, sie mit List zu überwältigen und überfiel die Bauern in einem Überraschungsangriff während eines von ihm selbst vorgeschlagenen und von den Bauern angenommenen Waffenstillstandes. Die überraschten Bauern reagierten schnell, nahmen eine strategisch gut gewählte Schlachtformation ein und leisteten den. Bundestruppen stundenlangen erbitterten Widerstand, bei dem mehrere tausend Soldaten des Adelsheeres den Tod fanden - mit dem Massaker von Wurzach, bei dem die Bauern fast widerstandslos niedergemetzelt worden waren, war der verzweifelte Kampf von Böblingen nicht vergleichbar. Der Widerstand der Bauern war so erfolgreich, dass der Truchsess sich nur durch einen weiteren Verrat zu helfen wusste: Er schickte Unterhändler in die Stadt Böblingen im Rücken des Bauernheeres und konnte sie dazu überreden, Büchsenschützen des Bundes aufzunehmen, die sich auf den Stadtmauern postierten und das Bauernheer nun von hinten unter schweres Feuer nahmen, während gleichzeitig die Artillerie des Bundes sich an einer günstigeren Stellung postiert hatte und die Bauern unter vernichtenden Beschuss nahm. Von zwei Seiten unter Feuer genommen, geriet die Schlachtformation der Bauern in Unordnung, und ein Angriff der schweren Kavallerie des Truchsessen brachte sie endgültig zum Zusammenbruch. Aus der Schlacht wurde ein Gemetzel. Die adligen Reiter, von denen viele Verwandte in Weinsberg verloren hatten und die von leidenschaftlichem Hass auf die Bauern durchdrungen waren, massakrierten eine nicht genau zu ermittelnde Zahl fliehender und um Gnade flehender Bauern, die in die hunderte bis tausende gehen dürfte. Insgesamt wird die Zahl der Toten in der Schlacht von Böblingen mit bis zu knapp 10 000 angegeben.

Schrecklich war die Rache, die der Truchsess und seine Armee für Weinsberg nahmen. Jäcklein Rohrbach wurde gefangengenommen und ebenso wie Melchior Nonnenmacher, der ehemalige Hofmusikant des Grafen von Helfenstein, der ihm bei seiner Hinrichtung den Todestanz aufgespielt hatte, auf eine besonders bestialische Weise hingerichtet: Sie wurden auf einer Wiese am Neckarufer in eisernen Ketten an einem Baum festgebunden, aber so, dass sie einen Bewegungsradius von ein paar Metern hatten und sich um den Baum herumbewegen konnten. Dann schichtete man um sie herum Holz auf und zündete es an, aber in einer solchen Entfernung, dass sie nicht gleich getötet, sondern durch die Hitzeentwicklung langsam und qualvoll gebraten wurden, während sie schreiend und wimmernd um den Baum tanzten und sprangen. Der Truchsess und seine Ritter hatten es sich auf der Wiese bequem gemacht und vergnügten sich bei Bier und Wein an diesem erhebenden Schauspiel.

Dann zogen die Truppen des Bundes nach Weinsberg, das - obwohl seine Bürger GEGEN die Bauern gekämpft hatten - als Ort der tiefsten Erniedrigung des Adels niedergebrannt und dessen ganze Bevölkerung vertrieben wurde. Ebenso hielten sie es in der ganzen Umgebung, wo sie Dörfer verbrannten, die besonders in den Aufstand involviert gewesen waren, oft die ganze Bevölkerung abschlachteten und hunderte versprengte Bauern folterten und ermordeten. Der beginnende weiße Terror des Truchsessen zog eine Schneise der Verwüstung durch diese schöne und fruchtbare Gegend, deren Landstraßen bald gesäumt waren von an den Ästen baumelnden aufgehängten Bauern. Das Bürgertum der Reichsstädte in der Region, das auf die zwölf Artikel geschworen und die Bauern unterstützt hatte, beeilte sich jetzt, dem Truchsessen demütige Unterwerfungsbotschaften zu schicken, in denen sie beteuerten, nur mit Gewalt zu scheinbarer Unterstützung der kriminellen Aufrührer gezwungen worden zu sein, besonders Heilbronn, das die dort tagenden Bauerndelegierten des Verfassungskonventes sofort auseinanderjagte.

In diesem Moment, gegen Ende Mai 1525, traf endlich der von Würzburg abgezogene helle Haufen ein, die einzige bedeutende militärische Kraft, die dem Truchsessen hier noch Widerstand leistete. Aber als die Bauern erfuhren, dass inzwischen viele ihrer Heimatdörfer dem Truchsessen wieder die Treue geschworen, andere zerstört und ihre Familien ermordet worden waren, suchten tausende verzweifelt und hoffnungslos das Weite. Die geplante Vereinigung mit dem 5000 Mann starken fränkischen. Haufen schlug fehl, wahrscheinlich durch den Verrat Götz von Berlichingens, der sich nur noch möglichst schnell aus dem sinkenden Schiff retten wollte und durch unsinnige Zickzackmärsche die Vereinigung beider Haufen verzögerte, bis es zu spät war. Nur noch die 2000 entschlossensten und opfermutigsten Bauern trafen am 2. Juni bei Krautheim auf die Hauptstreitmacht des Truchsessen mit 8000 Mann, 32 Kanonen und mehreren tausend schweren Panzerreitern. Die Niederlage war unter diesen Umständen unvermeidlich.

Wie erbittert sie sich aber gewehrt hatten, zeigen die Opferzahlen: Von den 300 Königshofenern bspw. fielen 285 in der Schlacht, und von den 15 Überlebenden wurden unmittelbar danach noch vier enthauptet. Wieder folgten zahllose wilde Hinrichtungen, wieder wurden die Dörfer am Weg geplündert und verbrannt, wieder wurde von den Truppen des Bundes gefoltert, vergewaltigt und massakriert.

Wenige Tage zuvor hatte der Markgraf Kasimir von Ansbach, der bisher den Bauern vorgespielt hatte, auf ihrer Seite zu stehen, nach der Nachricht von der Böblinger Schlacht die Maske fallen lassen und ließ die Bauern niedermetzeln, die auf seinem Gebiet geistliche Güter plünderten und verwüsteten, wozu er sie selbst angestiftet hatte in der Hoffnung, ihren Hass ganz auf den Klerus konzentrieren und selbst ungeschoren davonkommen zu können. Allerdings erhoben sich jetzt noch viel mehr Bauern, besiegten seine Truppen am 29. Mai bei Windsheim und machten sich an die Verfolgung des Markgrafen selbst, als sie Hilferufe des bedrängten Odenwälder Haufens erreichten und sie ihren Haufen spalteten. Eine Abteilung wurde vom Truchsessen in einen Hinterhalt gelockt und vernichtet, der andere Teil zog schließlich nach Würzburg, um an der Belagerung des Frauenbergs teilzunehmen.

Florian Geyers schwarzer Haufen, eine kleine, aber die militärisch disziplinierteste Truppe der Bauern, wollte ihnen zu Hilfe eilen, kam aber zu spät an, als ihre erste Abteilung schon vernichtet war. Das Fürstenheer des Pfalzgrafen Ludwig ging nun zum Sturm auf den isolierten schwarzen Haufen über, der hoffnungslos unterlegen war, aber sich trotzdem in der Gewissheit, dass kaum jemand von ihnen überleben würde, in Schlachtformation aufstellte und ihm eines der erbittertsten Gefechte des Krieges lieferte. Erst baute die schwarze Schar auf offenem Feld eine Wagenburg auf, wo sie sich verteidigte, bis es gar nicht mehr ging und die Übermacht sie erdrückte. Die auf 600 Mann zusammengeschmolzene Schar warf sich dann ins befestigte Dorf Ingolstadt (Nicht zu verwechseln mit der Großstadt Ingolstadt). 200 Mann verschanzten sich auf dem Kirchhof und dem Turm der Kirche, von wo sie die Bundestruppen unter Beschuss nahmen und ihnen schwere Verluste zufügten, bis diese Brandsätze warfen und die Kirche in Flammen setzten - aber sogar aus den Flammen heraus schossen sie noch weiter auf die Angreifer, bis sie schließlich alle erstickt waren. Kein einziger dieser 200 überlebte.

Die anderen 400 hatten die Mauern der Ingolstädter Burg besetzt, wo sie den Angriff der rund 10.000 Mann Bundestruppen erwarteten. Ihr erster Sturm wurde zurückgeschlagen, wobei über 100 Soldaten des Fürstenheeres getötet wurden, darunter etliche Adlige. Die Artillerie des Bundes schoss nun die Mauern in Stücke, und das Bundesheer stürmte zum zweiten mal die verwüsteten Befestigungen. Aber die Überlebenden der schwarzen Schar, denen inzwischen die Munition für ihre Büchsen ausging, schlug auch diesen zweiten Sturm mit Schwertern und Spießen zurück. Wieder setzte die Artillerie ein und traf nun viele der im Burghof Stehenden, ehe der dritte Sturm einsetzte, und erst dieser brach endlich den Widerstand. 50 aus der schwarzen Schar allerdings hatten sich in den Schlosskeller zurückgezogen und stachen und schossen noch von unten heraus auf die Bundestruppen, die schließlich brennende Strohbündel und Pulverladungen in den Keller warfen, sodass bis auf drei Mann alle in der Explosion getötet wurden. Florian Geyer gelang mit knapp 200 Überlebenden die Flucht, und die ganze Nacht hindurch führten sie Guerilla-Attacken auf isolierte Teile des Bundesheeres durch. Wie Florian Geyer starb, ist nicht ganz klar: In manchen Quellen heißt es, er sei am 9. Juni von den Bundestruppen aufgespürt worden und im Kampf gegen sie gefallen, in anderen, er habe sich zum Bruder seiner Verlobten geflohen, einem Ritter, der Geyer ermordete, um sich damit beim schwäbischen Bund in ein günstiges Licht zu rücken, nachdem er verdächtigt worden war, mit den Bauern zu sympathisieren.

Der gaildorf-hallische Haufen, immerhin 7000 Mann stark, löste sich unter dem niederschmetternden Eindruck so vieler Niederlagen kampflos auf.

Das einzige große Widerstandsnest der Bauern in Franken war nun Würzburg, wo noch immer 5000 Bewaffnete den Frauenberg belagerten. Aber das Würzburger Bürgertum verriet sie, unterwarf sich dem Truchsessen und versprach, die Anführer auszuliefern und wieder treu zu seinem Bischof zu stehen. Am 8. Juni marschierten die Truppen des Truchsessen widerstandslos in Würzburg ein und veranstalteten als erstes eine öffentliche Massenhinrichtung, bei der 81 Bauern enthauptet wurden. Ein junger Bauer, den man unter das Schwert des Scharfrichters führte, rief unmittelbar vor seinem Tod noch aus: "Jetzt soll ich schon sterben und habe mich in meinem Leben noch kaum zweimal an Brot satt gegessen." Anderen wurden die Finger abgehackt, andere aus dem Land verjagt. Auch Markgraf Kasimir fühlte jetzt den Moment gekommen, Strafgericht unter seinen Bauern zu halten, ließ zahllose hinrichten, noch viel mehr verstümmeln. Da viele der aufständischen Bauern ihn zu Beginn des Aufstandes mit dem Wort verjagt hatten, sie wollten ihn nie wieder sehen, ließ er ihnen die Augen ausstechen und bemerkte zynisch, dass ihr Wunsch nun erfüllt sei und sie ihn nie wieder sehen würde. Noch Jahre nach dem Krieg waren die Landstraßen der Gegend voller blinder Bettler mit leeren Augenhöhlen, die um ein Almosen baten und den Markgrafen verfluchten. Auch Wendel Hipler wurde gefangengenommen und vom pfälzischen Kurfürsten in Heidelberg eingekerkert, wo er 1526 noch vor Eröffnung seines Prozesses an den elenden Haftbedingungen starb.

Die siegreichen Fürsten zogen jetzt mordend und plündernd mit ihren Truppen durch das besiegte Land, brannten zahlreiche Dörfer nieder, zerstörten die Felder der Bauern, trieben ihr Vieh auseinander, hängten hunderte auf. Allein der aus dem Heidelberger Exil zurückgekehrte Bischof ließ in seinem Blutrausch als gütiger christlicher Seelenhirte 270 Bauern hinrichten und hunderte verstümmeln, auspeitschen oder halbtot prügeln. Wenige Tage später wurden auch in der Pfalz die aufständischen Bauern in der Schlacht von Pfeddersheim vom pfälzischen Kurfürsten Ludwig V. sowie vom Erzbischof von Trier besiegt, wobei 8000 Bauern abgeschlachtet wurden und der Erzbischof eigenhändig verwundete und um Gnade bittende Bauern mit dem Schwert erschlug und die Soldaten anheizte, nur kein Pardon zu geben und auf die am Boden Liegenden tüchtig dreinzuschlagen. Überall in Süddeutschland vollzog sich in den Städten und Dörfern die Rache der Adligen im Kleinen, wurden in jedem Ort die Rädelsführer umgebracht, weiteren die Finger abgehackt, andere ins Exil getrieben oder enteignet. In den süddeutschen Zentren des Bauernkrieges war der Aufstand damit in Blut ertränkt und die alte "Ordnung" wiederhergestellt.

Die große Schwäche der Bauernheere bestand, wie bereits erwähnt, in ihrer regionalen Zersplitterung, während der Adel über Landesgrenzen hinweg vereint rüstete und kämpfte und somit jedem einzelnen Haufen gewachsen war, wo er gegen eine vereinte Bauernarmee chancenlos gewesen wäre. Dieser Charakter des Krieges macht es notwendig, den süddeutschen Hauptkriegsschauplatz getrennt von den isolierten Nebenkriegsschauplätzen außerhalb des schwäbisch-fränkischen Kerngebietes zu behandeln. Ein solcher Nebenkriegsschauplatz war bspw. das Allgäu, wo es dem Schwäbischen Bund und seinem Truchsessen Georg von Waldburg gelang, einen der militärisch stärksten Bauernhaufen mit vielen kampferfahrenen Landsknechten in ihren Reihen durch Verhandlungen zu paralysieren, indem er ihnen immer wieder vage Versprechungen machte, wenn sie sich ruhig hielten. Als die Hauptkräfte der Bauern in Schwaben und Franken besiegt waren, konnte der Schwäbische Bund das Allgäu leicht befrieden.

Ein weiterer Brennpunkt waren das Elsass und Lothringen. Im Elsass, das ja bereits ein Zentrum der Bundschuhverschwörungen vor Beginn des Bauernkrieges gewesen war, hatten die damals noch durchweg deutschsprachigen Bauern sich gleich nach Eintreffen der ersten Flugblätter und Manifeste aus Süddeutschland erhoben und es in ihrem Krieg gegen Adel und Klerus um ein Haar geschafft, die große, bedeutende freie Reichsstadt Straßburg für sich zu gewinnen. Bald hatte der Aufstand auch auf die französischsprachigen BäuerInnen Lothringens übergegriffen, woraufhin Herzog Anton von Lothringen ein überwältigend starkes Heer zusammenzog, dessen Kavallerie aus der Blüte des französischen Rittertums bestand, das eine solche Bewegung im Keim ersticken wollte, bevor sie auf ganz Frankreich übergriff, wo sich die ökonomische und rechtliche Situation der BäuerInnen seit dem 15. Jahrhundert ebenfalls deutlich verschlechtert hatte, wenn auch nicht so dramatisch wie in Deutschland. Die Adelsarmee des Herzogs schlug die verstreuten, schlecht organisierten lothringischen und elsässischen Bauernhaufen mühelos, und die Besiegten erklärten sich gegen Antons Zusage, sie danach ohne Strafe nach Hause gehen zu lassen, bereit, ins elsässische Städtchen Zabern (Heute Saverne) zu kommen und dort ihre Waffen abzuliefern. Aber sobald sie entwaffnet waren, stürzten sich die Ritter auf die nun wehrlosen Bauern und richteten eines der schrecklichsten Massaker des ganzen Krieges an, in dem 18 000 Bauern niedergemetzelt wurden. Es dauerte lange, die zum Massengrab gewordene kleine Stadt von Blut und Leichen zu reinigen. Herzog Anton, der offenbar auf den Geschmack gekommen war, bot daraufhin dem Schwäbischen Bund an, mit seinem französischen Ritterheer den Rhein zu überqueren und in Süddeutschland aus dem Weg zu räumen, was es noch an bäuerlichem Widerstand geben mochte. Das Angebot wurde dankend abgelehnt - selbst die auch nicht gerade zimperlichen süddeutschen Fürsten, die ihre eigenen Bauern gerade blutig unterworfen hatten, wollten ihre Länder nicht so einem Inferno aussetzen.

Ein dritter Nebenkriegsschauplatz schließlich Thüringen - der dortige Bauernkrieg war zwar militärisch zweitrangig, aber von politisch umso größerer Bedeutung, stand doch an seiner Spitze die wahrscheinlich bedeutendste, revolutionärste Persönlichkeit des ganzen Krieges: Thomas Müntzer.

1489 wurde Müntzer in Stolberg im Harz geboren, und wenige Jahre später soll der Legende nach, die darin eine frühe Wurzel seines Tyrannenhasses sehen will, sein Vater vom Grafen von Stolberg willkürlich hingerichtet worden sein. Aber in Müntzers erhaltenen Schriften gibt es keinen Hinweis auf ein so prägendes Erlebnis, von dem er wohl erzählt haben würde. Sein Theologiestudium absolvierte er wahrscheinlich in Wittenberg und Leipzig und nahm daraufhin eine Stelle als Lateinlehrer in der Schule von Aschersleben und danach in Halle an, das damals zum Herrschaftsbereich des Magdeburger Erzbischofs Ernst II. gehörte (Der Erzbischof von Magdeburg war einer der reichsten und mächtigsten geistlichen Fürsten Deutschlands). Schon damals gründete Müntzer einen Geheimbund, der das Ziel hatte, den Bischof zu stürzen und die Geistlichkeit im Land zu reformieren, aber bald wirkungslos einging. 1515 wurde er Propst in einem Nonnenkloster und ignorierte schon damals die erstarrten Formen der katholischen Messe und ebenso viele Kernsätze der katholischen Theologie. In den Jahren darauf wurde er Lehrer im Braunschweiger Martinigymnasium und Beichtvater in einem anderen Nonnenkloster, eher er 1520 eine Stelle als Prediger an der Zwickauer Marienkirche bekam. Hier zeigte er sich bald als einer der radikalsten unter den überall in Deutschland aufkommenden reformierten Predigern, donnerte von der Kanzel aus gegen Gier, Verlogenheit und Faulheit des Klerus und forderte die völlige Vernichtung der Kirche als Institution sowie einen grundlegenden politischen Umschwung, in dem die Adelsvorrechte beseitigt und die Interessen der Armen verwirklicht werden sollten.

Anfangs war Müntzer noch ein großer Bewunderer Martin Luthers, dem er zutraute, die religiöse und politische Revolution einzuleiten, von der er träumte. Schnell aber wurde ihm klar, dass es mit Luthers revolutionärer Energie nicht weit her war und er von einer grundlegenden Überwindung der Kirche nichts wissen wollte und von einer politisch-sozialen Revolution erst recht nicht. Darüber hinaus wuchsen in Müntzer, der sich in dieser Zeit wieder in tiefgehende theologische Studien stürzte, die Zweifel daran, ob man nicht nur die Kirche als Institution, sondern die christliche Religion insgesamt hinter sich lassen müsse, zumindest in dieser Form. Müntzers skeptische Überlegungen näherten sich stark dem Atheismus an: Woher können wir denn eigentlich wissen, dass Christus und die Apostel in göttlicher Mission handelten? Nur, weil sie das in den Evangelien von sich selbst behaupten? Oder aufgrund von Wundern, deren Existenz auch nur von ihnen selbst behauptet wird? Wie kann man die Bibel überhaupt als ein göttliches Buch betrachten, wenn diese angebliche göttliche Herkunft nur auf den puren Behauptungen ihrer eigenen Helden beruht? Die Muslime hätten schließlich auch ein heiliges Buch, von dessen göttlichem Ursprung sie genauso überzeugt seien wie die ChristInnen von dem der Bibel - woher können wir wissen, dass der Koran falsch, die Bibel aber wahr sei?

Müntzer kam zum Schluss, dass man die Bibel nicht als Offenbarung Gottes betrachten könne, sondern mit Hilfe unserer eigenen Vernunft das aus ihr entnehmen müsse, was als moralische Maxime wertvoll sein könne. Der "heilige Geist" - das sei nichts Metaphysisches, sondern der menschliche Verstand, und das Paradies, das er verwirklichen müsse, kein jenseitiges, von dem wir nichts wissen, sondern ein irdisches, nämlich eine gerechte und soziale Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, unter denen es keine Rangunterschiede, keine Herrschenden und keine Beherrschten gibt und in der alles allen gemeinsam gehört. Trotzdem spricht Müntzer später als Revolutionsführer immer wieder davon, das "wahre Christentum" erkämpfen zu wollen, davon, die "Gottlosen" zu bestrafen, und seine Schriften und Briefe sind übersät mit Bibelzitaten. Müntzer wusste, dass die BäuerInnen, die ihr ganzes Leben von den Priestern indoktriniert worden waren, überwiegend tief religiös waren sie verabscheuten den hohen Klerus, der durch ihre gnadenlose Ausbeutung ein üppiges Luxusleben führte und sein Armuts- und Keuschheitsgebot verhöhnte, aber waren von der Existenz des christlichen Gottes fest überzeugt sowie davon, dass das echte Christentum im Sinne Jesu etwas ganz anderes und Besseres sei als dessen Schändung durch Bischöfe und Prälaten. Als die Bauern zu Beginn des 16. Jahrhunderts zu politischem Bewusstsein erwachten, formulierten sie ihre Klagen und Wünsche, ihre Hoffnungen und Ängste intuitiv in der religiösen Sprache, an die sie gewöhnt waren, und sobald sie die ins Deutsche übersetzte, von reformierten Predigern verbreitete Bibel kennenlernten, untermauerten sie ihre politischen und sozialen Forderungen mit Bibelstellen. Müntzer griff diese revolutionäre Verwendung der Bibel auf, ohne sich für metaphysische Spitzfindigkeiten zu interessieren. Als er später, als er und der konservative Luther sich schon entzweit hatten, von Luther zu einer theologischen Disputation an der Universität aufgefordert wurde, zeigte das nur, wie wenig Luther ihn verstand: Vor Universitätsprofessoren, Fürsten und reichen Bürgern zu beweisen, dass seine Bibelinterpretation die subtilere und raffiniertere sei, interessierte Müntzer überhaupt nicht - ihn interessierte, ob seine Lehre die revolutionäre Energie der

BäuerInnen und der städtischen Armen anfachte. Die Adligen und Reichen waren für ihn "feindliche Mächte, welche dem Gottesreich auf Erden, dem ewigen Evangelium, dem Heile entgegen seien, es hemmen, die Menschheit ihrem Eigennutze, ihren Wollüsten, ihren Launen opfern, sie auf jede Art missbrauchen und in der Entwicklung ihrer Kräfte, im Genuss ihres menschlichen Daseins hindern."

Als Müntzer nun 1520 als Prediger nach Zwickau kam und die Armen die Kirche bei seinen Predigten bis zum Bersten füllten (Müntzer gehörte zu den ersten reformierten Predigern, die den Gottesdienst vollständig auf Deutsch abhielten und jeden Rest der lateinischen katholischen Liturgie beseitigten), fand er einen ersten Verbündeten in der in Mitteldeutschland aktiven Sekte der Wiedertäufer, die in Zwickau eine bedeutende Gemeinde besaßen. Ihren Namen hatten sie davon, dass sie die Taufe von Säuglingen ablehnten und meinten, dass nur ein Erwachsener im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte freiwillig entschließen könne, Christ zu werden, weshalb ihre Mitglieder ein zweites mal als Erwachsene getauft wurden. Sie lehnten jede institutionalisierte Geistlichkeit ab und glaubten, dass jeder Mensch gleichermaßen eine individuelle Beziehung zu Gott herstellen und von ihm predigen könne, glaubten, göttliche Visionen zu haben und steigerten sich oft in eine ekstatische Trance hinein, in der sie in Zungen sprachen. Obwohl sie die bestehende Kirche als korrupt und verdorben entschieden ablehnten, waren sie ansonsten friedliche, harmlose Leute. Müntzer konnte mit ihrer exzentrischen Religiosität an sich wenig anfangen, aber er erkannte den darin liegenden Kern: Es war eine Kirche einfacher, armer Leute, die die degenerierte Amtskirche und die ganze von ihr repräsentierte Gesellschaftsordnung ablehnten und ein wahrhaftigeres Christentum wie auch eine gerechtere und egalitärere Gesellschaft wollten. Alle Mitglieder ihrer Sekte stammten aus den unteren Schichten: Kleine Handwerker, Gelegenheitsarbeiter sowie die ArbeiterInnen aus den Bergwerken der Region. Diese Bergarbeiter, deren Lebensbedingungen schon durchaus denen moderner ProletarierInnen entsprachen, bildeten später den fanatischsten Kern von Müntzers AnhängerInnen. Müntzer solidarisierte sich in seinen Predigten mit diesen vom städtischen Bürgertum ausgelachten und drangsalierten religiösen Schwärmern und lobte ihren Wortführer Niklas Storch, einen Tuchmacher. Als sie, davon ermutigt, darangingen, in der Stadt eine Reformation nach ihren Vorstellungen einzuleiten, schritt der großbürgerliche Stadtrat gegen sie ein und erlegte ihnen Predigt- und Versammlungsverbot auf. Als sie sich daran nicht hielten, sondern im Gegenteil auf ihren Zusammenkünften immer schärfere, Müntzer entlehnte politische und soziale Forderungen stellten, ließ der Rat eine Reihe von ihnen inhaftieren, und die meisten anderen verließen die Stadt.

Auch Thomas Müntzer verließ Ende 1521 Zwickau, wo er nicht mehr ungehindert sprechen konnte. In einem Flugblatt der aufgeschreckten Bürger gegen Müntzer hieß es von ihm: Er sei "ein blutdürstiger Mann, dessen Herz nach Blutvergießen stehe. Man solle aufsehen, was der gelbe Bösewicht mit seinem Schwärmgeist für ein Spiel anrichten wolle."

Er ging zuerst in die böhmische Hauptstadt Prag, damals die größte Stadt Deutschlands. Dabei leitete ihn nicht zuletzt die Sympathie für die Hussitenbewegung, die sich im 15. Jahrhundert unter den böhmischen BäuerInnen ausgebreitet hatte, nachdem ihr radikaler Vordenker Jan Hus unter der Versicherung freien Geleits 1415 auf das Konzil von Konstanz gelockt und, dort angekommen, gleich verhaftet und verbrannt worden war. Der hussitische Bauernaufstand war eine sowohl religiöse und soziale Bewegung gegen den Klerus, seine Lehre und seine weltliche Stellung als auch ein Aufstand gegen ihre nationale Unterdrückung gewesen, denn die fast durchweg Tschechisch sprechende Landbevölkerung wurde ausgebeutet und gedrückt von einem aus Deutschen bestehenden Adel sowie dem deutschen Bürgertum in den größeren Städten. Die reiche, bürgerliche Metropole Prag war eine deutschsprachige Insel innerhalb einer tschechischsprachigen bäuerlichen Region. Dementsprechend stieß eine von Müntzer, der kein Tschechisch sprach, auf Deutsch verfasste Flugschrift, in der er die Erben der Hussiten grüßte und zum Kampf gegen Priester und Tyrannen aufrief, auf wenig Resonanz. Ihre einzige Folge war, dass der Prager Stadtrat Müntzer erst unter Beobachtung stellte und dann des Landes verwies.

Müntzers Wanderung führte ihn weiter nach Allstedt, das im Gebiet der sächsischen Kurfürsten lag und wo er Ende 1522 Prediger wurde und wieder Massen von ArbeiterInnen und leibeigenen BäuerInnen der ganzen Region in seine immer revolutionärer werdenden Predigten zog. Dort konnten sie Dinge hören wie: "Sagt doch der Herr, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Was sollt ihr aber mit demselben machen? Nichts anderes denn die Bösen, die das Evangelium verhindern, wegtun und absondern, wollt ihr anders Diener Gottes sein. Christus hat mit großem Ernst befohlen: Nehmt meine Feinde und erwürget sie vor meinen Augen! Warum? Ei darum, dass sie Christo sein Regiment verdorben haben. Die, welche Gottes Offenbarung zuwider sind, soll man wegtun, ohne alle Gnade, wie Hiskias, Josias, Daniel und Elias die Baalspfaffen verstöret haben[...]Man muss das Unkraut ausraufen aus dem Weingarten Gottes in der Zeit der Ernte. Gott hat gesagt: Ihr sollt euch nicht erbarmen über die Abgöttischen, zerbrecht ihre Altäre, zerschmeißt ihre Bilder und verbrennet sie, auf dass ich nicht mit euch zürne."

Die Gebote des Evangeliums - das bedeutete für Müntzer die Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft gleicher und freier, miteinander solidarischer Brüder und Schwestern, und die Feinde dieses Evangeliums die alten Geistlichen, die Adligen und Reichen. Nicht der Buchstabe der Bibel sei ernstzunehmen, sondern der von Christus verkündete Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit. Was Müntzer vortrug, war keine Theologie, sondern die politische Revolution in religiöser Sprache. Um diese Botschaft zu verbreiten, gründete er in Allstedt eine Geheimgesellschaft, die Abgesandte nach ganz Deutschland ausschwärmen ließ, um die Samen für den großen Aufstand zu säen, dazu ließ er revolutionäre Traktate drucken und überall verbreiten.

Bald erregte eine seiner feurigen Predigten gegen die Götzendienerei der verkommenen alten Kirche seine ZuhörerInnen so sehr, dass sie danach zur außerhalb der Stadt gelegenen Marienkapelle von Mellenbach zogen, sie in Brand setzten und die Heiligenfiguren in Stücke schlugen. Dieser Aufruhr schlug so hohe Wellen, dass die beiden sächsischen Fürsten Friedrich und Johann selbst nach Allstedt kamen und Müntzer ins Schloss riefen, damit er ihnen dort seine Lehre auseinandersetze. Dort bekamen sie eine Predigt zu hören, wie sie vielleicht noch nie einem Fürsten gehalten worden war. Müntzer erklärte, dass die Fürsten nur dann ein Recht zu leben hätten, wenn sie ihre Macht dazu nutzten, die göttliche Gerechtigkeit herzustellen und die Tyrannen und Schinder der Armen zu strafen. Wenn sie das nicht täten, sei es gut und richtig, wenn die Menschen ihre Fürsten töten und selbst für Gerechtigkeit sorgen. Die großen Herren seien die Wurzel aller Räuberei und aller Verbrechen, sie bestehlen in großem Umfang die Masse der Arbeitenden und würden diese grausam bestrafen, wenn sie sich ihrerseits auch nur am geringsten Eigentum vergriffen, und die verlogenen Pfaffen würden all das segnen und rechtfertigen. Er schloss seine Predigt mit den Worten: "Die Herren machen das selber, dass ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es in die Länge gut werden? Ach, liebe Herren, wie hübsch wird der Herr unter die alten Töpfe schmeißen mit einer eisernen Stange! So ich das sage, werde ich aufrührerisch sein. Wohl hin!"

Die von dieser Predigt benommenen Fürsten ließen Müntzer nicht gleich bestrafen, verwiesen aber seinen Verleger des Landes, nachdem er seine Predigt als Flugschrift gedruckt hatte und verboten Müntzer selbst, irgendetwas zu veröffentlichen, ehe es die Zensur der sächsischen Regierung passiert habe. Daran dachte er aber gar nicht, sondern ließ seine nächste aufrührerische Schrift außerhalb des Landes in der freien Reichsstadt Mühlhausen publizieren und verkündete darin: "Die ganze Welt muss einen großen Stoß aushalten; es wird ein solch Spiel angehen, dass die Gottlosen vom Stuhl gestürzt, die Niedrigen aber erhöhet werden."

An diesem Punkt kam es schließlich zur offenen Konfrontation zwischen Luther und Müntzer. Müntzer warf Luther vollkommen richtig vor, dass er die Kirche dem verkommenen Papsttum nur entrissen habe, um sie den Fürsten in die Hände zu geben und aus den Priestern ideologische Instrumente der Unterdrückung der Armen durch die Adligen zu machen - eine korrekte Prognose der Entwicklung, die der Klerus in den lutherischen Staaten nahm, wo die Priester zu besoldeten Staatsbeamten wurden, die die Lehre von Gehorsam und Maulhalten gegenüber der Obrigkeit von jeder Kanzel herab verkündeten. Luthers Kritik richte sich nur gegen die Tyrannei der Geistlichen, während er mit der mindestens genauso schlimmen Tyrannei der Adligen und Fürsten kein Problem habe - auch das eine völlig zutreffende Kritik. Müntzer meinte: "Wenn die Lutherischen nichts anderes ausrichten wollten, als dass sie Mönche und Pfaffen ärgerten, so hätten sie es besser gleich gelassen." In beißendem Spott schrieb Müntzer über den "neuen Papst zu Wittenberg", der die Fürsten seine früheren radikalen Eskapaden vergessen lassen wolle, indem er ihnen fette Kirchengüter verschaffe.

Luther war nicht nur über die persönlichen Angriffe Müntzers erbittert, sondern fürchtete auch, dass das Aufkommen einer politisch revolutionären Reformation ihn selbst diskreditieren könnte, nachdem es ihm einmal gelungen war, seine gemäßigte, "unpolitische" Reformation dem adligen und großbürgerlichen Establishment schmackhaft zu machen. Also beeilte er sich, einen offenen "Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührerischen Geist" zu veröffentlichen, in dem er Müntzer beschimpfte und versicherte, dass die wahre Reformation an den bestehenden Herrschafts- und Besitzverhältnissen nichts auszusetzen habe und man diese wahre und gute Reformation nicht mit fanatischen Verwirrten wie den Müntzerschen Aufrührern verwechseln dürfe, und überhaupt seien Ruhe, Ordnung und Gehorsam schöne und heilige Dinge.

Nun machte auch die sächsische Regierung Ernst und traf Vorbereitungen, Müntzer des Landes zu verweisen oder sogar verhaften zu lassen, aber Müntzer kam ihnen zuvor, indem er Allstedt von sich aus verließ und in die freie Reichsstadt Mühlhausen ging, wo ihn Luther bereits denunziert hatte: In einem Brief an den Stadtrat von Mühlhausen warnte er vor dem gefährlichen Aufrührer, führte seine bisherigen Schandtaten auf und empfahl, ihn gleich wieder auszuweisen.

Mühlhausen in Thüringen ist heute eine unbedeutende Kleinstadt, aber im 15. und 16. Jahrhundert war die freie Reichsstadt neben Erfurt die größte und reichste Stadt Mitteldeutschlands und ein überregional bedeutendes Handels- und Gewerbezentrum, dessen Herrschaft zwanzig Dörfer der Umgebung unterstanden. Die große Zahl prachtvoller spätgotischer Kirchen in der Stadt zeugt noch heute von dieser Blütezeit Mühlhausens im Spätmittelalter. Als Müntzer nach Mühlhausen kam, brodelte es bereits in der Stadt. Ein Mühlhauser Bürger namens Heinrich Pfeiffer, ein früherer Mönch, war nach Luthers Vorbild aus dem Kloster ausgetreten und trat als reformierter Prediger auf, zunächst im Eichsfeld. Aber dieses Gebiet unterstand der Herrschaft des Erzbischofs von Mainz, der auf seinem Territorium alle reformatorischen Bestrebungen hart unterdrückte, sodass Pfeiffer in seine Vaterstadt zurückkehrte, wo er scharfe antiklerikale Predigten hielt, die vor allem bei den städtischen Armen Anklang fanden. Der großbürgerliche Stadtrat forderte den Unruhestifter aufs Rathaus - er kam der Aufforderung nach, aber zusammen mit einer solchen Masse drohender AnhängerInnen, dass der Rat nichts gegen ihn zu beschließen wagte und Pfeiffer weiter ungehindert sprechen konnte.

Wie in den meisten freien Reichsstädten wurde auch Mühlhausen von einem elitären Stadtrat beherrscht, der sich ausschließlich aus den reichsten Patrizierfamilien zusammensetzte und ihre Mitglieder nur aus ihren eigenen Reihen erneuerte, vor allem Großhändler und Bankiers. Unter den rund 12 000 Einwohnern der Stadt besaßen im Grunde nur die 96 patrizischen Großbürger irgendwelche politischen Rechte, die restliche Bevölkerung war ihrer Willkür unterworfen. Als sich die Reformation regte, fürchteten diese Patrizier nicht ohne Grund, dass ein religiöser Umsturz revolutionäre Energien entfesseln könnte, die auch zur politischen Revolte führen, und so kämpften sie gegen die Reform in Mühlhausen an. Pfeiffer wagten sie zwar nicht auszuweisen oder festzunehmen, aber sie verbannten ihn aus seiner bisherigen Wirkungsstätte, der innerstädtischen Marienkirche, in die Vorstadtkirche St. Nikolai. Das war ein fataler Fehler: Während in der Innenstadt vor allem gemäßigtes Bürgertum lebte, strömten in der Vorstadt nun die dort lebenden ArbeiterInnen und Armen in seine Predigten, die gleich viel leidenschaftlicher Feuer fingen. Pfeiffer, der nicht die Konsequenz Müntzers besaß, entwarf eine Reform des Stadtrates, wonach die Oligarchie der Großbürger ausgeweitet werden sollte auf das mittlere Bürgertum, dessen Interessen von einem Achterausschuss im Stadtrat vertreten werden sollten aber um auch nur dieser sehr gemäßigten Forderung Nachdruck zu verleihen, brauchte er die Mobilisierung der armen Schichten aus den Vorstädten, die für ihn auf die Straße gingen. Dieses mal setzte der alte patrizische Rat sich noch durch: Pfeiffer wurde aus der Stadt ausgewiesen. Aber schon Ende 1523 konnte er wieder zurückkehren und fand Unterstützung durch eine Reihe radikaler Prediger wie Johann Laue, der einen Bildersturm in den Mühlhauser Kirchen inszenierte, bei dem die Heiligenfiguren zerschlagen und die Altarbilder verbrannt wurden.

Pfeiffer wurde in dieser Atmosphäre kühner und stellte nun weitergehende politische Forderungen: Der Klerus solle weitgehend enteignet und besteuert werden wie alle anderen, Adlige sollen ihre Vorrechte verlieren, alle in den letzten 200 Jahren eingeführten Feudalleistungen abgeschafft werden. Gewässer, Weiden und Wälder sollen Gemeineigentum werden, niemand mehr für etwas anderes außer einem Kriminalverbrechen vor Gericht gestellt werden können und auch in diesem Fall nur milde, humane Strafen verhängt werden. Der Stadtrat schließlich solle nach allgemeinem Wahlrecht gewählt werden und jederzeit absetzbar sein, außerdem solle ein Gemeindeausschuss die Arbeit des Rates ständig überwachen. Dieses allgemein- demokratische Programm war zunächst vom Proletariat der Vorstädte bis zum gehobenen Bürgertum der Innenstadt für alle akzeptabel, und so konnte ein breites Bündnis die winzige patrizische Herrenschicht im August 1524 zur Annahme ihrer Forderungen zwingen. Um diese Zeit kam Thomas Müntzer in Mühlhausen an, zunächst begrüßt von Pfeiffer, der hoffte, dass der berühmte, leidenschaftliche Volksagitator seine Anhängerschaft mehren und seine Stellung festigen würde. Aber Müntzer ging über das kleinbürgerliche Programm Pfeiffers weit hinaus und predigte die radikale soziale Revolution der Bauern und städtischen Armen. Unter den leibeigenen Bauern außerhalb Mühlhausens, die der Stadt gehörten sowie in den armen Vorstädten rumorte es bald so bedrohlich, dass die bürgerliche Reformfraktion und die bäuerlich-proletarische Revolutionsfraktion sich trennten und Müntzer aus Mühlhausen wieder ausgewiesen wurde und bald nach ihm auch der gemäßigte Pfeiffer, der sich durch seine Sympathien für Müntzer verdächtig gemacht hatte. Müntzer trat nun seine bereits erwähnte Agitationsreise durch Süddeutschland an, die wohl nicht wenig zum koordinierten Ausbruch des offenen Krieges in Schwaben und Franken im Frühjahr 1525 beitrug und wo er eventuell den "Artikelbrief" zu den zwölf Geboten der Bauernheere verfasste.

Im Dezember 1524 kehrte der von Müntzer radikalisierte Pfeiffer nach Mühlhausen zurück und wenig später, als es in ganz Deutschland schon summte und gärte und eine bevorstehende große Explosion sich abzeichnete, kam auch Müntzer selbst zurück. Um Pfeiffer sammelte sich vor allem das Kleinbürgertum, so die vom Kürschner Rothe geführten Handwerker, um Müntzer die Bauern der Umgebung und die Arbeiter der Vorstädte, wobei sich um ihn herum eine so entschlossene Garde revolutionärer BäuerInnen und städtischer Armer sammelte, dass er unter ihrem Schutz das Redeverbot des Stadtrates ignorieren und weitere Brandreden halten konnte. Der beunruhigte Stadtrat ließen nun die Stadttore sperren und die Mauern militärisch bewachen, um zu verhindern, dass weitere unzufriedene BäuerInnen in die Stadt strömten. Aber es war zu spät: Die revolutionäre Partei war innerhalb der Stadt so stark geworden, dass sie ungehindert Kirchen plündern konnten, nachts durch die Straßen zogen und den Patriziern vor den Fenstern ihrer Palais ihren baldigen Tod ankündigten. Einige Patrizierfamilien packten in Panik ihre Koffer und flohen aus der Stadt, die anderen mussten sich, um ihr Leben zu retten, unterwerfen und ihr Amt niederlegen. Ein neuer, überwiegend kleinbürgerlicher Rat wurde gewählt und die Reformation in Mühlhausen eingeführt. Müntzer bekleidete offiziell kein politisches Amt, aber er bekam das Recht, jede Ratssitzung zu besuchen und übte durch seine enorme moralische Autorität darauf hin, die Bewegung voranzutreiben. Zwei Wochen nach dem Sieg der Mühlhauser Stadtrevolte brach in Süddeutschland der große Bauernkrieg aus.

Die praktischen Maßnahmen, die Müntzer gegenüber dem progressiven neuen Stadtrat Mühlhausens im Frühjahr 1525 durchsetzen konnte, waren eher symbolischer Art als dass sie eine wirkliche soziale Revolution bedeutet hätten: Die Reichen wurden hoch besteuert und auf ihre Kosten erhielten die Obdachlosen der Stadt eine Wohnung, die Armen kostenlose Lebensmittel und Kleidung. Die Klöster wurden aufgelöst und aller geistlicher Besitz eingezogen und zur Finanzierung von Sozialleistungen verwendet. Demonstrativ wurden die prunkvollen liturgischen Gewänder der hohen Priester zu schönen bunten Kleidern umgearbeitet, die man kostenlos an Mädchen aus armen Familien verteilte.

Das alles waren gute Maßnahmen, die ihrer Zeit weit vorausgriffen, aber doch viel weniger als das, was Müntzer sich in seinen Visionen einer völlig umgewandelten Gesellschaft, in der die göttliche Gerechtigkeit herrsche, vorgestellt hatte. Zwischen ihm mit seinen Ideen von der klassenlosen gesamtdeutschen Republik und der von Pfeiffer repräsentierten kleinbürgerlichen Fraktion taten sich bald Differenzen auf. Während Pfeiffer in lokalpatriotischer Borniertheit sich wenig um das kümmerte, was außerhalb Mühlhausens geschah und damit zufrieden war, die politischen Verhältnisse in seiner Heimatstadt etwas demokratisiert zu haben, begriff Müntzer intuitiv, dass eine Revolution selbst bescheidene bisherige Errungenschaften nur verteidigen kann, wenn sie sowohl qualitativ als auch räumlich voranschreitet. Er sah, dass die alten Kräfte wieder die Oberhand gewinnen würden, wenn man bei "maßvollen" Reformen stehenbliebe, und dass die Revolution nur als gesamtdeutsche Revolution siegen konnte, aber unterliegen musste, wenn ihre besten Kräfte in anderen Regionen von der Reaktion geschlagen wurden - und dass die siegreiche Konterrevolution zwischen gemäßigteren und radikaleren Revolutionären keinen Unterschied machen würde, sobald sie erst einmal wieder fest im Sattel saß.

Aber während schon die bloß bürgerlich- demokratische Revolution, wie sie auf dem Heilbronner Verfassungskonvent diskutiert wurde, den Verhältnissen im Deutschland des 16. Jahrhunderts weit vorausgriff, waren die kommunistischen Ideen Müntzers erst recht völlig utopisch: Weder bestanden die ökonomischen Voraussetzungen für eine sozialistische Wirtschaft, noch gab es eine Klasse, die psychologisch reif für ihn gewesen wäre. Friedrich Engels schrieb über diese Situation, in der Müntzer sich befand:

"Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert. Was er tun kann, hängt nicht von seinem Willen ab, sondern von der Höhe, auf die der Gegensatz der verschiedenen Klassen getrieben ist, und von dem Entwicklungsgrad der materiellen Existenzbedingungen, der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, auf dem der jedesmalige Entwicklungsgrad der Klassengegensätze beruht[...] Er findet sich so notwendigerweise in einem unlösbaren Dilemma: Was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei, und was er tun soll, ist nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist[...] Müntzer selbst scheint die weite Kluft zwischen seinen Theorien und der unmittelbar vorliegenden Wirklichkeit gefühlt zu haben, eine Kluft, die ihm um so weniger verborgen bleiben konnte, je verzerrter seine genialen Anschauungen sich in den rohen Köpfen der Masse seiner Anhänger widerspiegeln mussten."

Aus Ungeduld darüber, dass die Bewegung nicht so schnell voranschritt, nicht so tief ging und sich nicht so weit ausbreitete, wie er es gehofft hatte, steigerte sich Müntzer, der mit seinen Mitstreitern in einer Art revolutionärer Kommune im enteigneten Johanniterkloster in einer spartanischen kleinen Kammer lebte, in einen immer glühenderen Fanatismus, warf in immer schnellerem Takt leidenschaftliche revolutionäre Broschüren und Flugblätter ins Land hinaus, um die sich nun auch in Hessen, Thüringen und Sachsen regenden BäuerInnen zu Energie und Härte anzuspornen. Die Feindschaft zwischen Luther und Müntzer steigerte sich in dieser Zeit in tiefen beiderseitigen Hass.

Luther, der inzwischen eine wohlhabende, von Fürsten und Patriziern hofierte Autoritätsperson von imposanter Leibesfülle geworden war und fand, dass nach Überführung des Kirchenbesitzes von Rom in die Hände der Landesfürsten eigentlich alles zum Besten bestellt sei in der Welt, hatte bei Ausbruch der Aufstände in Süddeutschland zunächst eine laue, unentschlossene Mittelposition eingenommen und bemerkt, dass die Adligen zwar schon etwas hart gegenüber ihren Leibeigenen gewesen und nicht ganz unschuldig an den Revolten seien, andererseits aber gewaltsamer Aufruhr gegen die rechtmäßige Obrigkeit niemals zu entschuldigen sei und die Bauern ihre Klagen auf friedlichem, gerichtlichem Wege vorbringen sollten, d.h. sich weiterhin betrügen lassen sollten wie hundertmal zuvor. Als der Kampf der Bauern gegen Adel und Klerus sich aber radikalisierte und Berichte vom Weinsberger Blutgericht zu ihm kamen, wanderte Luther innerhalb weniger Wochen auf die extreme Rechte und wurde der wildeste Ideologie der Konterrevolution überhaupt.

Müntzer beschimpfte er nun als den "Erzteufel von Mühlhausen", und in seiner Schrift "Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern" rief er den Adel auf, die aufständischen Bauern ohne Gnade abzuschlachten. Selbst der Kampf gegen die katholische Kirche müsse zurückgestellt werden, neben der Notwendigkeit der Niederschlagung der sozialen Revolution wurde der Konflikt zwischen katholischem und reformiertem Establishment für Luther zu einer vernachlässigbaren Familienstreitigkeit. Luther stachelte die Fürsten und Ritter an, mit den Bauern folgendermaßen zu verfahren:

"Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muss! Darum, liebe Herren, steche, schlage, würge sie, wer da kann"

Würde man beim Niedermetzeln der Revolutionäre selbst den Tod finden, sei das auch nicht schlimm, käme man für diese glorreiche Heldentat doch stracks in den Himmel:

"bleibst du darüber tot, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr überkommen."

Den Charakter der Bauern skizzierte Luther folgendermaßen:

"Der weise Mann sagt: Cibus, onus et virga asino - in einen Bauern gehört Haberstroh, sie hören nicht das Wort und sind unsinnig, so müssen sie die virgam, die Büchse hören, und geschieht ihnen recht. Bitten sollen wir für sie, dass sie gehorchen; wo nicht, so gilt's hier nicht viel Erbarmens. Lasset nur die Büchsen unter sie sausen, sie machen's sonst tausendmal ärger."

Sogar die katholischen Fürsten in Süddeutschland johlten Luther jetzt als ihrem Mann zu, der in kernigen Worten aussprach, was doch mal gesagt werden musste über ihre ruhmreiche Ermordung zehntausender Aufständischer in Schwaben und Franken, ihre heldenhafte Verwüstung hunderter Dörfer und die glorreichen Massenhinrichtungen in jeder zurückeroberten Stadt. Anders reagierten die Bauern auf seinen endgültigen Wechsel zur extremsten Konterrevolution. Als er ihnen in Orlamünde eine Ansprache über die Segnungen von Ruhe, Ordnung und Gehorsam halten wollte, wurde er von der Dorfbevölkerung so empfangen, wie er es verdiente: Mit Buhrufen und Steinwürfen, sodass er eilig die Flucht antreten musste.

Während Luther von den Fürsten beklatscht und von den Bauern mit Steinen beworfen wurde, sammelten sich unter der Flagge Müntzers die entschlossensten BäuerInnen in Hessen und Thüringen, wo nun auch zu Dutzenden die Schlösser und Klöster in Flammen aufgingen und bald zehntausende Bauern unter Waffen standen, während eine städtische Revolte in Erfurt, der neben Mühlhausen wichtigsten Stadt Mitteldeutschlands, daran scheiterte, dass ein sehr angesehener, gemäßigter Prediger die Aufständischen zur Niederlegung der Waffen überreden konnte. Müntzer war dabei allgemein als Führer der Bewegung in Mitteldeutschland anerkannt und konnte ein Heer von rund 8000 Bauern unter seinem Kommando sammeln, mit dem er ins Land hinauszog, um die Revolution überall auszubreiten. Als er zur Unterstützung der aufständischen Kräfte in Frankenhausen aus Mühlhausen auszog, hinderte der kleinbürgerlich dominierte neue Mühlhauser Stadtrat ihn daran zwar nicht, leistete ihm aber auch keine aktive Unterstützung: Sie wollten die Reformen in Mühlhausen selbst verteidigen, aber keine waghalsigen revolutionären Abenteuer unternehmen. Immerhin konnte Müntzer allerdings in der Stadt neue Geschütze gießen lassen und einige Freiwillig rekrutieren. In einem weiteren Aufruf stachelte er die Bauern zur Entschlossenheit auf und dazu, mit den Adligen keine Kompromisse abzuschließen, sondern ihnen einen Vernichtungskrieg zu bereiten:

"Das ganze Deutsch- Französisch- und Welschland ist erregt. Der Meister will ein Spiel machen, die Bösewichter müssen dran. Zu Fulda haben sie in der Osterwoche vier Stiftskirchen verwüstet. Die Bauern im Klettgau, im Hegau und Schwarzwald sind auf, dreißigtausend Mann stark, und wird der Haufe je länger je größer. Allein das ist meine Sorge, dass die närrischen Menschen sich verwilligen in einen falschen Vertrag, darum, dass sie den Schaden noch nicht erkennen. Wo eurer nur drei sind, die in Gott gelassen, allein seinen Namen und seine Ehre suchen, werdet ihr Hunderttausende nicht fürchten. Nur dran, dran, dran! Es ist Zeit. Die Bösewichter sind verzagt wie die Hunde. Reget an in Dörfern und Städten und sonderlich die Berggesellen mit andern guten Burschen.[...] Dran, dran dran! weil das Feuer heiß ist. Lasset euer Schwert nicht kalt werden von Blut."

Aber während Müntzer nach Frankenhausen zog, hatte der Adel der Region schon mobilisiert: Von Western her marschierte die Armee des Landgrafen von Hessen gegen ihn auf, von Osten kam die Armee der Kurfürsten von Sachsen, und Graf Ernst von Mansfeld wütete mit seiner Streitmacht ohnehin schon gegen seine rebellischen Untertanen, zu deren Hilfe Müntzer aufbrach. Ihm muss klar gewesen sein, dass seine Lage militärisch aussichtslos war: Jede einzelne dieser drei Armeen war seinem schlecht bewaffneten, kaum ausgebildeten, desorganisierten Bauernhaufen dramatisch überlegen, und gegen das Bündnis der bald vereinigten Armeen konnte es keine Hoffnung geben. Müntzer besaß kaum Artillerie, gar keine Kavallerie, und anders als in den süddeutschen Bauernheeren gab es bei ihm nahezu keine kriegserfahrenen Leute. Rastlos schrieb er an die Städte der Umgebung, ihm Truppen, Waffen und Geschütze zu liefern, so an das mächtige Erfurt, wo ein gemäßigt bürgerlicher Rat herrschte, aber vergeblich: Die städtischen Bürger, die den Adel schon als Sieger sahen, wollten sich nicht in letzter Minute durch Unterstützung Müntzers kompromittieren. Aber Müntzer unterwarf sich nicht reumütig dem Adel, sondern schickte an die vereinten Fürsten im Gegenteil Briefe voller wilder Beschimpfungen, in denen er ihnen ankündigte, sie bald für ihre Tyrannei zu strafen so bspw. an den Grafen von Mansfeld:

"Die gestrackt Kraft, feste Furcht Gottes und der beständige Grund seines gerechten Willens sei mit dir, Bruder Ernst. Ich, Thomas Müntzer, etwan Pfarrherr zu Allstedt, vermahne dich zum überflüssigen Anregen, daß du um des lebendigen Gottes Namen willen deines tyrannischen Wütens wollest müßig sein und nicht länger den Grimm Gottes über dich erbittern. Du hast die Christen angefangen zu martern.[...]. Du hast die Christen unterstanden zu vertilgen. Sag an, du elender, dürftiger Madensack, wer hat dich zu einem Fürsten des Volks gemacht, welchs Gott mit seinem teuren Blut erworben hat? [...] Und sollst dich auch entschuldigen deiner offenbarlichen Tyrannei, auch ansagen, wer dich doch also torstlich gemacht, daß du allen Christen zu Nachteil unterm christlichen Namen willst ein solcher heidenischer Böswicht sein. Würdest du außen bleiben und dich aufgelegter Sache nicht entledigen, so will ich's ausschreien vor aller Welt, daß alle Brüder ihr Blut getrost sollen wagen wie etwan wider den Türken. Da sollst du verfolgt und ausgerottet werden, denn es wird ein jeder viel emsiger sein, die da an dir Ablaß verdienen, dann vorzeiten der Papst gegeben. Wir wissen nichts anders an dir zu bekommen. Es will keine Scham in dich. Gott hat dich verstockt wie den Pharaonem, auch wie die Könige, welche Gott wollt vertilgen (Josua 5. und am 11.). Sei es Gott immer geklaget, daß die Welt deine grobe, büffelwütige Tyrannei nicht eher erkannt, wie hast du doch solchen merklichen unerstattlichen Schaden getan, wie mag man sich anderst denn Gott selbern über dich erbarmen? Kurzum, du bist durch Gottes kräftige Gewalt der Verderbung überantwortet. Wirst du dich nicht demütigen vor den Kleinen, so wird dir ein ewige Schande für der ganzen Christenheit auf den Hals fallen und wirst des Teufels Marterer werden.

Daß du auch wissest, daß wir's gestrackten Befehl haben, sage ich: Der ewige lebendige Gott hat's geheißen, dich von dem Stuhl mit Gewalt, uns gegeben zu stoßen; dann du bist der Christenheit nichts nutze. Du bist ein schädlicher Staupbesem der Freunde Gottes. Gott hat von dir und von deinesgleichen gesaget Hesekiel am 34. und am 39., Danielis 7., Michaä 3. Abdias der Prophet saget, dein Nest muß zerrissen und zerschmettert werden.

Wir wollen dein Antwort noch heute haben oder dich im Namen Gottes der Scharen heimsuchen, da wiß dich nach zu richten. Wir werden unverzüglich tun, was uns Gott befohlen hat. Tu auch du dein Bestes. Ich fahr daher.

Gegeben zu Frankenhausen freitags nach Jubilate, anno domini 1525 Thomas Müntzer mit dem Schwert Gedeonis"

Aber die Stimmung im Bauernheer war gedrückt, als die überwältigend starke Armee des Adels sie erreichte und sich am 15. Mai 1525 bei Frankenhausen zur Schlacht aufstellte. Es machten sich defätistische Stimmen breit, die dafür plädierten, kampflos aufzugeben und die einigen Widerhall fanden. Aber Müntzer konnte die Disziplin einigermaßen wiederherstellen, indem er die beiden Wortführer der Kapitulationsbefürworter, einen ehemaligen Ritter und einen Pfarrer, enthaupten ließ. Dann hielt er eine letzte Ansprache, in der er noch einmal betonte, dass sie einen gerechten und notwendigen Kampf gegen die Tyrannen führten, die "in lasterhafter Pracht der Armen Schweiß und Blut verzehren" und die nach Gottes Willen ausgerottet werden müssten. Er schloss seine Rede mit dem Appell: "Lasset euch nicht erschrecken das schwache Fleisch und greift die Feinde kühnlich an. Ihr dürft das Geschütz nicht fürchten" - und in diesem Moment tauchte am Himmel ein Regenbogen auf, was er als gutes Zeichen deutete, führten doch auch die aufständischen Bauern eine Fahne in den Farben des Regenbogens: "Ihr sehet, dass Gott auf unserer Seite ist, denn er gibt uns jetzt ein Zeichen am Himmel. Sehet den Regenbogen da droben; er bedeutet, dass Gott uns, die wir den Regenbogen im Banner führen, helfen will, und droht den mörderischen Fürsten Gericht und Strafe. Er will nicht, dass ihr Frieden mit den Gottlosen machen sollt. Fechtet unerschrocken und tröstet euch göttlicher Hilfe!"

Kaum hatte Müntzer geendet, als auch schon die ersten Kanonenkugeln des Adelsheeres Tod und Verwüstung in die Bauernhaufen schossen und die Panzerreiter des Adelsheeres zum Angriff vorstürmten. Müntzer war ein fanatischer Revolutionsführer, aber kein Feldherr. Er besaß keinerlei militärische Erfahrung und wusste nicht, wie man ein Heer positioniert und eine Schlacht führt. Die vom Sturmangriff des Adelsheeres überwältigten Bauern stoben bald in wilder Flucht auseinander und leisteten kaum irgendwo organisierten Widerstand. Bald waren alle Geschütze Müntzers erobert, das Bauernheer zerschlagen und lagen sechstausend Bauern tot auf dem Schlachtfeld, während das Adelsheer kaum Verluste erlitt. Sie stürmten nun auch die Stadt Frankenhausen selbst, wo sie alles plünderten und verwüsteten, was nicht niet- und nagelfest war und ein Blutbad unter der Bevölkerung anrichteten. 300 gefangene Bauern wurden ohne Prozess vor dem Rathaus enthauptet, ebenso viele städtische Würdenträger, die mit dem Aufstand sympathisiert hatten.

Müntzer, der in der Schlacht verwundet worden war, gelang es, sich auf den Dachboden eines Hauses zu flüchten, wo er von einem Ritter des Adelsheeres namens Otto von Ebbe nicht gleich erkannt, dann aber durch in seinen Sachen gefundene Briefe überführt wurde. Man brachte ihn ins Lager der Fürsten, wo man ihn mit der Frage empfing, warum er das arme Volk zu einem solchen Abenteuer verführt und in ein solches Blutbad gestürzt habe. Er antwortete unerschrocken, dass es richtig und notwendig gewesen sei, die Fürsten zu strafen und er die Bauern nicht verführt, sondern sie selbst diese Notwendigkeit erkannt und sich erhoben hätten. Der nicht sonderlich intelligente, 21-jährige hessische Landgraf Philipp brachte ihm gegenüber Luthers Argumente vor, wonach Ordnung und Gehorsam heilige, gottgewollte Dinge seien. Als es Müntzer offensichtlich zu dumm war, auf solche Kindereien zu antworten, brüstete Philipp sich damit, den wortgewaltigen Revolutionsführer niederdisputiert zu haben.

Unterdessen verübten die siegreichen Fürsten in der ganzen Region dieselben Vergeltungsmassaker, Plünderungen und Brandschatzungen wie ihre süddeutschen Kollegen vom Schwäbischen Bund.

Müntzer wurde dann zur Folter abgeführt, wo die Fürsten sich als Zuschauer an seinen Leiden weideten und ihn verhöhnten, als er vor Schmerzen aufschrie: "Ja, Thomas, tut dir dieses wehe, so bedenk auch, dass es den armen Leuten nicht wohlgetan hat, die heute deinetwegen niedergemacht worden sind." Unter dem Grafen von Mansfeld, dem man Müntzer übergeben hatte, wurde er noch mehrere Tage lang weitergequält, machte aber auch unter der grausamsten Folter keine Geständnisse, die andere belastet hätten. In seinem Abschiedsbrief distanzierte er sich nicht von seinem Wirken und bat lediglich darum, seine Frau nicht für ihn büßen zu lassen und ihr das Häuschen zu lassen, in dem sie lebte. Am 27. Mai wurde er schließlich zur Enthauptung aus dem Kerker geholt und riet den Fürsten noch, eifrig in der Bibel zu lesen, denn dort "werden sie Beispiele genug finden, was Tyrannen für ein Ende nehmen, und darin mögen sie sich wohl spiegeln." Im Moment darauf fiel sein Kopf.

Pfeiffer und die anderen Führer der Mühlhauser Revolte wurden am selben Tag hingerichtet, Mühlhausen selbst musste schwere Strafzahlungen leisten, verlor seine Freiheit und wurde dem Kommando der siegreichen Fürsten unterstellt, womit seine Blütezeit endete. Der Bauernkrieg in Thüringen war vorbei.

Finale in Österreich

Im Fürstbistum Salzburg war es schon seit Langem unruhig. Die Situation war ähnlich wie in Würzburg: Der Fürstbischof versuchte, sein Territorium in einen einheitlich verwalteten absolutistischen Staat umzuwandeln, während das Bürgertum der Hauptstadt seine bisherigen Freiheiten und Privilegien bewahren wollte. Schon 1510 hatte der Salzburger Stadtrat den Plan gefasst, die Herrschaft des Bischofs ganz abzuschütteln und aus Salzburg eine freie Reichsstadt zu machen. Erzbischof Leonhard hatte davon allerdings Wind bekommen, lud den Bürgermeister und zwanzig bürgerliche Honoratioren zu einem Festessen ins Schloss ein und ließ sie sofort nach ihrer Ankunft verhaften. Eigentlich hatte er alle hinrichten lassen wollen, aber als seine Räte ihn warnten, er würde damit einen Aufstand auslösen, veurteilte er sie nur zu einer hohen Geldstrafe. Für einige kam das zu spät: In ihren leichten Festkleidern in einer eisigen Winternacht in offenem Wagen in den Kerker gebracht, holten sie sich eine Lungenentzündung und starben. Zur Strafe für die Umsturzpläne des Bürgertums entzog der Bischof der Stadt ihre wichtigsten Privilegien, so wurde der Bürgermeister fortan nicht mehr gewählt, sondern vom Bischof ernannt, und der Stadtrat durfte sich nur noch mit seiner Billigung versammeln.

1519 bestieg Matthäus Lang den Salzburger Bischofsthron, unter dem bald wieder Unruhen ausbrachen. Lang, der einen exorbitant ausschweifenden Lebensstil pflegte, stürzte das Land in astronomische Schulden und musste, um seine Gläubiger einigermaßen zufriedenzustellen, erdrückende neue Steuern einführen und insbesondere die ihm unterstehenden BäuerInnen bis aufs Letzte auspressen. 1522 kam es zum Konflikt mit dem Bürgertum der Hauptstadt, das nicht nur seine alten Freiheiten zurückgewinnen und sich gegen neue Steuern wehren, sondern auch die Reformation in Salzburg durchsetzen wollte. Die BäuerInnen und BergarbeiterInnen der Gegend verbündeten sich mit der Stadt, und 1524 kam es zur offenen Konfrontation, die damit endete, dass der Bischof seine eigene Hauptstadt mit Artillerie bombardieren und von einem Söldnerheer zurückerobern ließ. Der Stadt wurden nun noch die letzten politischen Rechte entzogen und die reformierten Prediger im Land erbarmungslos verfolgt.

Lange hielt diese Ruhe aber nicht: Als im Frühjahr 1525 der Bauernkrieg in Süddeutschland begann, erhoben sich auch in Salzburg die Bauern und Bergarbeiter, zogen bewaffnet nach Salzburg, befreiten die Stadt vom Bischof und belagerten ihn selbst, der sich auf seine über der Stadt thronende Festung Hohensalzburg geflüchtet hatte. Auch in der Steiermark, in Kärnten und Oberösterreich erhoben sich tausende bewaffnete Bauern, auch hier brannten bald Schlösser und Klöster, wenn die Bewegung auch keinen so heftigen Verlauf nahm wie in Schwaben und Franken. Der österreichische Erzherzog, der Bruder Kaiser Karls V., der für diesen die Besitzungen der Habsburger im deutschen Reich verwaltete, griff zum altbewährten Trick, den auch schon der Schwäbische Bund erfolgreich angewandt hatte: Er lenkte scheinbar ein, versprach, eine Versammlung einzuberufen, in der die Anliegen der BäuerInnen vernünftig diskutiert werden sollten und wo er alle Missstände beheben wolle. Die naiven BäuerInnen glaubten ihm und legten die Waffen vorerst nieder - eine Atempause, die der Erzherzog sofort nutzte, um tschechische, kroatische und ungarische Söldner anzuwerben, mit ihnen in Österreich einzufallen, die Dörfer der Aufständischen niederzubrennen und die Anführer hinzurichten. Es gibt grauenvolle Berichte von den Massakern der erzherzöglichen Truppen: Aufgegriffene Bauern wurden gevierteilt, lebendig auf Lanzen aufgespießt, BäuerInnen wurden vergewaltigt, ehe man ihnen die Brüste abschnitt und sie verbluten ließ. Kommandiert wurden sie von Siegmund von Dietrichstein, der sich schon bei der Niederschlagung des slowenischen Bauernaufstandes 1515 durch exzessive Grausamkeit ausgezeichnet hatte.

Dietrichsteins Versuch, die österreichischen BäuerInnen durch einen solchen Schock zum Gehorsam zu zwingen, schlug allerdings ins Gegenteil um: Als sich die Berichte über den Wortbruch und die Verbrechen der Habsburger verbreiteten, erhoben sie sich mit doppelter Erbitterung erneut. Dietrichstein hatte sein Lager in der kleinen Stadt Schladming bezogen, wo er seine Truppen ausruhen ließ, ehe er von seiner ruhmreichen Mordexpedition zurückkehren wollte. Aber inzwischen hatten sich die Bergarbeiter der Region mit den aufständischen Bauern Salzburgs und der Steiermark zu einer vereinten Armee zusammengeschlossen und überfielen die Armee Dietrichsteins in der Nacht vom 2. auf den 3. Juli, als diese sich gerade einem Saufgelage hingab und keinerlei Verteidigungsmaßnahmen getroffen hatte. Eigentlich hatten die Bauern nur einen kurzen Guerrilla- Angriff durchführen wollen, als sie aber sahen, wie völlig überrumpelt das Ritterheer war, stürmten sie das Lager mit ihrer ganzen Macht und errangen den größten Sieg, der den Aufständischen im ganzen Bauernkrieg gelang: 3000 Soldaten des Adelsheeres wurden getötet (Darunter ein großer Teil des kärntischen und steirischen Adels), der Rest floh in wilder Panik. Dietrichstein selbst und seine adligen Offiziere wurden gefangengenommen. Besonders erbittert waren die Bauern darüber, dass der Erzherzog sie von fremden Söldnern überfallen ließ, und so wurden 40 tschechische und kroatische Ritter sofort enthauptet.

Als man darüber beriet, was mit Siegmund von Dietrichstein selbst passieren sollte, trat ein Bergarbeiter vor und sagte: "Dieser gegenwärtige Dietrichstein, das schielende Hurenkind, hat im vorigen Bauernbund uns Brüder am meisten verfolgt, vertreiben, spießen und mit Rossen zerreißen lassen; ist auch an des Wölfel von der Heft Tod, dass er gespießt wurde, Ursache gewesen. So hat er auch jetzt unsere Brüder und Hauptleute zu Irming spießen lassen und war der Meinung, uns alle auch zu spießen; er hat dazu Wagen voll Spieße mitgebracht; seine Ratzen [Ritter] unsere Schwestern, unsere Frauen zerhauen, zerstückeln lassen. Wir müssen bedenken, wo er so, als wir ihn haben, uns in seiner Gewalt hätte, wie er mit uns umgehen würde[...] So habe ich meine Klage genugsam bewiesen und spreche zu Recht, dass er auch gespießt werde; und welcher dieser Meinung ist, reck eine Hand auf!" Und 4000 Hände erhoben sich. Es kam zu einem Streit zwischen der Masse der Aufständischen, die Dietrichstein hinrichten wollten, und ihren Hauptleuten, die ihn als Pfand benutzen wollten, dem Erzherzog günstige Friedensbedingungen abzupressen. Die Hauptleute setzten sich schließlich durch, Dietrichstein blieb am Leben und wurde bald freigelassen. Und tatsächlich wirkte das Blutgericht von Schladming ähnlich prompt wie das von Weinsberg: Sofort erklärte sich der Erzherzog bereit, alle Reformforderungen der Aufständischen zu erfüllen, woraufhin sie sich zerstreuten. Aber wie immer in einer solchen Situation brach der Adel seine Eide, sobald die Bauern die Waffen niedergelegt hatten, und mit frisch angeworbenen Söldnern stellte der Erzherzog die alte Ordnung wieder her.

Gegen Salzburg, wo Erzbischof Lang noch immer auf seiner Festung von den Aufständischen belagert wurde, marschierte nun ein 10 000 Mann starkes Heer des Herzogs von Bayern heran, der sich mit dem Bischof verbündet hatte, um ein Übergreifen der Bewegung auf Bayern zu verhindern. Beim Heranrücken dieses überwältigenden Truppenaufgebots erklärten sich die Aufständischen bereit, die Waffen niederzulegen und einen Vertrag mit dem Erzbischof abzuschließen, in dem einige sehr gemäßigte Forderungen pro forma anerkannt wurden.

Im Spätsommer 1525 waren die Bauernaufstände überall niedergeschlagen: In Schwaben, im Allgäu, im Schwarzwald, im Elsass, in Franken, in Salzburg, in Österreich, in der Pfalz, in Thüringen, in Sachsen und Hessen. Friedhofsruhe lag über dem ganzen Reich. Aber in Österreich, dessen Bauern gerade erst so blutig unterworfen worden waren, provozierten die Adligen noch einmal ein heftiges Wiederaufflackern des Krieges. Erzherzog Ferdinand beauftragte seinen Feldherrn Niklas Salm, mit einer Söldnerarmee in der Steiermark einzufallen und an den nun Wehrlosen Rache für das Blutgericht von Schladming zu nehmen. Im Herbst 1525 wurde die Stadt Schladming überfallen und in Brand gesteckt, die fliehenden Einwohner in die Flammen zurückgejagt oder erschlagen. Rund um die Stadt wurden willkürlich hunderte BäuerInnen aufgegriffen und an den Bäumen am Straßenrand aufgehängt.

Besonders heftig flackerte daraufhin die bäuerliche Revolution in Tirol wieder auf. In Tirol, das im späten 14. Jahrhundert unter habsburgische Herrschaft geraten war, unterschied sich die soziale Situation der BäuerInnen erheblich von der in den schwäbischen und fränkischen Aufstandszentren. Während dort fast alle BäuerInnen zu Leibeigenen oder Zinspflichtigen mit einem ähnlichen Status geworden waren, gab es im wesentlich niedriger entwickelten Tirol noch sehr viele freie Bauern, wie sie im Hochmittelalter in ganz Deutschland der Normalfall gewesen waren. In der Einleitung ist erläutert worden, wie die beginnenden frühkapitalistischen Verhältnisse aus den Feudalherren Warenproduzenten machten, die aus ihren Bauern möglichst viele Geldabgaben und einen möglichst großen Anteil der Ernte abpressen wollten, die man nun über weite Strecken auf den städtischen Märkten verkaufen konnte. Dementsprechend wurde die Situation der BäuerInnen umso schneller umso schlimmer, je weiter die frühkapitalistischen Verhältnisse entwickelt waren. In Schwaben und Franken, den damals fortgeschrittensten Regionen des Reiches, erging es den Bauern am Schlimmsten. Im Spätmittelalter, mit dem kräftigen Anstieg der modernen Geldwirtschaft, der Warenproduktion und dem Aufkommen ausgedehnter Luxusindustrien, zogen die Feudalherren die Lebensmittel der Bauern primär nicht mehr zum Eigenkonsum ein, sondern zum Verkauf auf den städtischen Märkten, sie wurden also auf ihren Gütern zu Warenproduzenten, die möglichst viel Profit erwirtschaften wollten und aus ihren Bauern immer mehr herauspressten (Was ja vor Aufkommen der modernen Geldwirtschaft und des ausgedehnten Handels eher sinnlos gewesen wäre, da man mit riesigen Getreidemengen, die man nicht konsumieren konnte, auch nicht viel anfangen konnte).

In der wenig entwickelten, abgelegenen Gebirgsgegend Tirol hingegen, wo es kaum richtige Städte und kaum ein entwickeltes Bürgertum gab, hatten sich hochmittelalterliche Verhältnisse bis ins 16. Jahrhundert konserviert und waren Leibeigene noch selten. Aber die habsburgischen Landesherren, die in ihren Territorien langsam einen modernen Zentralstaat zu etablieren begannen, zogen die Steuerlasten immer weiter hoch, und auch die lokalen Adligen und Klöster fingen an, ihre BäuerInnen durch fingierte Dokumente und manipulierte Prozesse zu Leibeigenen oder Zinspflichtigen zu degradieren. Während sich also in Südwestdeutschland leibeigene Bauern gegen ihre schon unerträgliche Situation erhoben, so kämpften in Tirol freie Bauern dagegen an, auf dasselbe Niveau heruntergedrückt zu werden. An die Spitze ihrer Bewegung stellte sich der von Thomas Müntzers Ideen beeinflusste Michael Geismaier, neben Florian Geyer das größte militärische Talent der Aufständischen im ganzen Krieg. Im Sommer 1525 hatte er noch einen gemäßigten Ton angeschlagen und dem Erzherzog vorgeschlagen, mit Billigung der Aufständischen die geistlichen Güter einzuziehen und den Klerus abzuschaffen und im Gegenzug dafür Tirol eine Verfassung und eine gewählte Volksvertretung zu geben. Anfang 1526 veröffentlichte er ein weitaus schärferes Programm, das nicht nur antiklerikale Maßnahmen forderte, sondern auch viele Feudalleistungen beseitigen und ein staatliches Sozialsystem verlangte. Aber Geismaier blieb politisch provinzieller und rückständiger als Müntzer: Während Müntzer eine gesamtdeutsche klassenlose Republik schaffen wollte, interessierte sich Geismaier nicht für das, was außerhalb Tirols geschah, wollte er den Adel erhalten und nahm seine Bewegung teils sogar entschieden reaktionären Charakter an, wenn er bspw. proklamierte, die Städte beseitigen zu wollen, damit es nur noch von Ackerbau lebende Dörfer gebe wie im Frühmittelalter.

Aber Geismaier hätte sich politisch durchaus noch weiterentwickeln können, denn im Laufe des Aufstandes, als Tirol das letzte bäuerliche Widerstandsnest war, strömten Vordenker und Hauptleute der geschlagenen Bauernhaufen aus ganz Deutschland, die den konterrevolutionären Terror irgendwie überlebt hatten, nach Tirol, in der Hoffnung, dass die Revolution in ganz Deutschland vielleicht noch einmal neu angefacht werden könnte, wenn sie hier einen entscheidenden Sieg errang. Finanzielle Unterstützung soll Geismaier auch von Frankreich und der Republik Venedig bekommen haben, die jede Gelegenheit nutzten, das bedrohlich stark werdende Haus Habsburg zu schwächen und eine seiner Provinzen zu destabilisieren. In den schwer zugänglichen Bergen führte Geismaier mit seinen Leuten einen glänzend organisierten Guerillakrieg und fügte den Adelstruppen schwere Verluste zu, indem er sie überfallartig in engen Schluchten angriff, wo die Überlegenheit der Ritter durch Artillerie und Kavallerie nicht zum Zug kommen konnte. Mehrere Rittertrupps wurden komplett aufgerieben, tausende fielen, und viele Adlige wurden nach der Gefangennahme enthauptet. Aber mittlerweile hatten sich Erzherzog Ferdinand, der bayerische Herzog und der Schwäbische Bund mit ihren vereinten Truppen gemeinsam auf diesen letzten Aufstandsherd geworfen, und gegen diese erdrückende Übermacht konnte Geismaiers Truppe sich auf die Dauer mit noch so großer Tapferkeit nicht verteidigen. Als der Großteil der Bauern entmutigt nach Hause ging, entschloss sich Geismaier, sich mit dem verbliebenen Kern seiner zusammengeschmolzenen Truppe in einem abenteuerlichen Marsch in die Republik Venedig durchzuschlagen, wo er als Held empfangen und auf Staatskosten in einem Palast in Padua einquartiert wurde und Pläne schmiedete, wie er, vielleicht mit venezianischer Hilfe, den Aufstand wieder nach Österreich tragen könne. Aber als Venedig 1529 mit den Habsburgern Frieden schloss, zerschlugen sich all diese Ideen, und um ganz sicherzugehen, dass diese potentielle Gefahr ausgeschaltet war, ließen die Habsburger ihn 1532 auf venezianischem Territorium von zwei Auftragsmördern umbringen.

Der letzte Funke des großen Bauernkrieges war erloschen.

Bilanz des Krieges

Als sich über Deutschland Kirchhofsruhe senkte, waren über 100 000 BäuerInnen tot, gestorben auf den Schlachtfeldern, unter dem Richtschwert des Henkers oder als Vergeltungsmaßnahme an irgendeiner Landstraße aufgehängt. Hunderte Dörfer waren dem Erdboden gleichgemacht worden, Felder niedergebrannt, alte, bedeutende Städte hatten ihre Freiheiten verloren und waren zu fürstlichen Landstädten degradiert. Nicht nur die egalitären, protokommunistischen Visionen der BäuerInnen und frühen ArbeiterInnen, am Leuchtendsten verkörpert in der Gestalt Thomas Müntzers, waren gescheitert, auch die Emanzipation des städtischen Bürgertums im Streben nach einem bürgerlich dominierten modernen Nationalstaat, wie er auf dem Heilbronner Verfassungskonvent entworfen wurde, hatte einen vernichtenden Schlag bekommen. Die Gelegenheit, die in ganz Deutschland tief erschütterte katholische Kirche in einem Rutsch zu beseitigen, wurde vertan, die Fürsten konnten den erschütterten Katholizismus mit Feuer und Schwert wieder installieren, und das Reich spaltete sich in eine katholische und eine protestantische Hälfte, die sich lauernd gegenüberlagen und sich bald in furchtbaren Kriegen zerfleischen sollten. Die ökonomische Lage der BäuerInnen konnte sich nicht mehr viel verschlechtern, denn sie waren 1525 schon so tief niedergedrückt, dass ihre Feudalherren sie kaum noch stärker belasten konnten, ohne sie ganz zugrundezurichten und sich damit ihrer eigenen Einnahmequellen zu berauben. Der alte Morast ging weiter wie zuvor, die Bauern resignierten und das Bürgertum duckte sich unter die Fürsten, entsetzt vom üblen Ausgang, das sein Abenteuer genommen hatte. Die Geschichte Deutschlands zwischen dem Bauernkrieg und dem Dreißigjährigen Krieg ist eine Geschichte des Verfalls, der Verarmung, der Provinzialisierung, des Einschlafens der modernen bürgerlichen Entwicklung, die in Westeuropa bald zur Hochblüte gelangen sollte. Der Versuch, die Kleinstaaterei auf revolutionärem Weg von unten zu überwinden, war gescheitert, nun sollten die Habsburger bald versuchen, sie auf autoritärem Weg von oben zu beseitigen vom Bauernkrieg führt eine direkte Linie erst zum Schmalkaldischen, dann zum Dreißigjährigen Krieg, der den endgültigen Kollaps Deutschlands und sein faktisches Ausscheiden aus der Weltgeschichte für rund zwei Jahrhundert bedeuten sollte.

Die Revolution war gescheitert, weil es keine Klasse gab, die fähig gewesen wäre, die historische Aufgabe der Überwindung des Feudalismus konsequent zu bewältigen. Die BäuerInnen waren tapfer und voller revolutionärer Energie, aber durch ihre ganzen Lebensverhältnisse war ihr politischer Horizont beschränkt, sie konnten kaum über ihre engere Region hinausdenken oder sich ein positives Programm für die Zukunft geben. Hatten sie sich in einer Region vom Adel befreit, waren sie zufrieden und warteten ab, bis der über Ländergrenzen hinweg vereint handelnde Adel die anderen Aufstandsherde erstickte und dann zu ihnen zurückkam, um sie ihrerseits niederzuwerfen. Dazu waren sie, gerade erst zu politischem Bewusstsein erwacht, in politischen Dingen noch so naiv und gutgläubig, dass es dem gerisseneren Adel mühelos gelang, sie zu betrügen, durch falsche Versprechungen ruhigzuhalten und sich dann auf sie zu stürzen, wenn seine Position sich verbessert hatte. Die ideologische Führung der Bewegung musste also auf das städtische Bürgertum übergehen, das sich zwar an den Kämpfen selbst nur sehr zaghaft beteiligte, aber ein starkes Eigeninteresse hatte, sich ökonomisch und politisch von Adel und Klerus zu emanzipieren. Doch dieses Bürgertum war abgesehen von einigen süddeutschen Zentren noch schwach, der überregionale Handel noch so wenig entwickelt, dass nur eine Minderheit dieser frühen Bourgeoisie ein überregionales Klassenbewusstsein entwickelte und sich entschieden mit den Bauern verbündete. Wir haben gesehen, wie zögerlich und schwankend das städtische Bürgertum fast immer blieb, wie schnell es zu den Fürsten überlief, sobald sich deren Sieg abzeichnete und wie selten die freien Reichsstädte sich in Kämpfe einmischten, die sich nicht in ihrer unmittelbaren Umgebung abspielten. Das frühe Proletariat schließlich, wie wir es in den Bergwerksarbeitern finden, die den fanatischsten Kern von Müntzers Garde bildeten und die später in Österreich am Energischsten kämpften, waren noch eine winzige Gruppe, und von einem entwickelten proletarischen Klassenbewusstsein konnte gar keine Rede sein.

So zuckten die Flammen des Aufstandes überall heftig auf und erloschen bald wieder in ihrer Isolierung. Die elementare Gewalt der Revolution zeigt, wie dringend die Probleme waren, die die verrottete gesellschaftliche Ordnung aufwarf - und ihr furchtbares Scheitern, dass es noch keine Kraft gab, die sie lösen konnte. Deutschland fand auch in den kommenden Jahrzehnten keine Lösung, sondern versank immer tiefer im Morast, bis die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges das Land endgültig ins Koma versetzte - das Wort aus dem kommunistischen Manifest, wonach ein Klassenkampf, in dem sich keine der beteiligten Klassen voll durchsetzen kann, schließlich mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen endet, erwies sich als allzu wahr. Aber die Impulse, die der Bauernkrieg gegeben hatte, blieben spürbar, und seine um Jahrhunderte vorausgreifenden Ideen lebendig, um immer wieder hervorzubrechen. Der auf dem Heilbronner Verfassungskonvent formulierte Gedanke des zentralistischen bürgerlichen Nationalstaates setzte sich in den kommenden Jahrhunderten in ganz Europa, dann praktisch in der ganzen Welt durch. Und die urwüchsigen kommunistischen Ideen, zu deren Wortführer sich Thomas Müntzer machte, weisen heute noch den fortschrittlichen Kräften den Weg in die Zukunft, nur dass sie heute keine Utopie mehr sind, sondern ein verwirklichbares Programm, für das man kämpfen kann und muss, wenn der Verteidigungskampf des anachronistisch gewordenen globalen Kapitalismus nicht ebenfalls zu einem neuen jahrzehnte- und jahrhundertelangen Siechtum, zu einem globalen Dreißigjährigen Krieg - und dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen enden soll.