Menü aufrufen
Persönliches Menü aufrufen
Nicht angemeldet
Ihre IP-Adresse wird öffentlich sichtbar sein, wenn Sie Änderungen vornehmen.

Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur  (Franz Mehring)

Aus ProleWiki


Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur
Autor*inFranz Mehring
VerlagVerlag Das neue Wort
Veröffentlicht1953
Quellehttps://projekt-gutenberg.org/authors/franz-mehring/books/die-lessing-legende/


Seiner lieben Frau Eva Mehring

der treuen Gefährtin in Arbeit und Kampf

Der Verfasser

Vorworte

zur ersten Auflage von 1893

Die Aufsätze über die Lessing-Legende, die ich vom Januar bis Juni vorigen Jahres im Feuilleton der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe, sind für diese neue Ausgabe sorgfältig durchgesehen, in vielen Einzelheiten ergänzt und vervollständigt, in manchen Abschnitten, so im sechsten, siebenten, neunten Kapitel des ersten, dann auch in den drei letzten Kapiteln des zweiten Teils beträchtlich vermehrt worden. Alle diese Erweiterungen bezwecken, die grundsätzliche Scheidung zwischen dem aufgeklärten Despotismus und der klassischen Literatur im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts noch schärfer durchzuführen, den eigentlichen Nebelkern der Lessing-Legende, namentlich soweit er die Probleme der deutschen Gegenwart verschleiert, noch gründlicher aufzurollen, als in den Blättern einer wissenschaftlichen Wochenschrift aus technischen Gründen möglich war.

Diesem Zwecke soll besonders auch die ausführlichere Schilderung des friderizianischen Staats dienen. Denn je klarer sich dieser Staat als das geschichtliche Erzeugnis eines Klassenkampfes zwischen ostelbischem Fürsten- und Junkertum herausstellt, um so schärfer tritt unsere klassische Literatur als der Emanzipationskampf des deutschen Bürgertums hervor. Sollte ich trotzdem in den betreffenden Abschnitten ausführlicher geworden sein, als sich mit meiner eigentlichen Aufgabe vertrug, so werde ich mich damit trösten, daß heutzutage die friderizianische Legende niemals ganz am unrechten Orte beleuchtet werden kann.

Der Anhang über den historischen Materialismus verdankt seinen Ursprung mancherlei Fragen und Zweifeln, die in freundlichen Zuschriften aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« an mich gelangten. Kundige werden die kleine Arbeit nachsichtig beurteilen; ich habe sie jedenfalls mit lebhafter Freude an der Sache geschrieben. In der Kritik der Lessing-Legende war mir nur selten einmal eine Gelegenheit gegeben, die Schriften von Marx und Engels anzuziehen; gleichwohl, wenn ich diesen oder jenen neuen Gesichtspunkt für das Verständnis der deutschen Geschichte eröffnet haben sollte, so beschränkt sich mein Verdienst auf die rückhaltlose Anwendung der materialistischen Forschungsmethode, die Marx und Engels in so einleuchtender, so klarer, so unwiderleglicher und deshalb so epochemachender Weise entwickelt haben. Es konnte mir nicht anders als sehr willkommen sein, in einer sachlichen Erörterung des historischen Materialismus zugleich eine Schuld persönlichen Dankes abzutragen.

Berlin, im Juni 1893

F. M.

Vorrede zur zweiten Auflage

Vor vierzehn Jahren, vom Januar bis Juni 1892, veröffentlichte ich im Feuilleton der »Neuen Zeit« eine Reihe von Aufsätzen über Lessing. Seit meiner frühen Jugend zählte er zu meinen Lieblingsschriftstellern, doch gehörte es nie zu den Träumen meines Ehrgeizes, über ihn zu schreiben, so eifrig ich alles verfolgte, was über ihn geschrieben wurde.

Ein kaum weniger tiefes Interesse fesselte mich von früher Jugend an den alten Fritz, obschon es weniger freier Wahl als dem Zwange der Umstände entsprang. Aufgewachsen in dem engen geistigen Bannkreise hinterpommerscher Kleinstädte, mußte ich mich allzulange von der lauteren Milch preußischer Vaterlandsliebe nähren, und noch in meinem Abiturientenaufsatz habe ich das famose Thema »Preußens Verdienste um Deutschland« so gläubig behandelt, daß ich die erste Note erhielt.

Darüber vergingen die Jahre und die Jahrzehnte. Ich hatte meinen Lessing anders lesen lernen, wie ich ihn als Knabe las, und ich hatte auch meinen angestammten Friedrich anders schätzen lernen wie auf den Bänken der Schule. Immer aber dachte ich noch nicht daran, weder über den einen zu schreiben noch über den anderen. Ich war endlich als leitender Redakteur der »Berliner Volkszeitung« ganz in die Tagespolitik verschlagen worden, bis ich dann im Jahre 1890 aus dieser Stellung geworfen wurde, weil ich einen Akt sozialer Unterdrückung bekämpft hatte, den ein damaliger Literatursultan an einer wehrlosen Schauspielerin verübte.

In diesen Kämpfen war ich auf Gegner gestoßen, in denen ich eher Bundesgenossen vermutet hätte, auf Anhänger des modernen Naturalismus, wie er sich damals nannte, auf Ästhetiker und Kritiker, die vom rein literarischen Standpunkt aus jenem Literatursultan aufsässig gewesen waren; auf Schüler Scherers, der ja gewissermaßen als wiedergeborener Lessing die falschen Götzen der Literatur entthront und neuen Göttern den Weg gebahnt haben sollte. Inzwischen hatte ich aus Marx gelernt, den Zusammenhang der Dinge tiefer als auf der Oberfläche zu suchen; ich schob deshalb nicht einer verwerflichen Kameraderie in die Schuhe, was am Ende mehr auf dem Gebiete des Intellekts als der Moral liegen konnte, und so benützte ich meine unfreiwillige Muße, diese Dinge eingehender zu studieren, als ich es vermocht hatte, solange ich das zur Zeit des Sozialistengesetzes schärfste Oppositionsblatt leitete.

Über die Resultate, zu denen ich bei diesem Studium nach und nach gelangte, habe ich mich inzwischen oft genug an anderen Orten ausgelassen, namentlich in der »Neuen Zeit«. Ich kann sie hier natürlich nur mit wenigen Worten zusammenfassen. In den siebziger Jähren des vorigen Jahrhunderts schien der große Krach mit der ökonomischen auch die geistige Kraft der deutschen Bourgeoisie gebrochen zu haben; als ein Mann wie Lindau die Literatur der deutschen Reichshauptstadt beherrschte und auf den Berliner Bühnen nur noch der Geschundene Raubritter in den verschiedensten, aber immer gleich barbarisch-geschmacklosen Fassungen aufgeführt wurde, da schien der bürgerlichen Literatur ihr letztes Stündlein geschlagen zu haben. Jedoch eine große Weltperiode stirbt niemals so schnell ab, wie ihre Erben zu hoffen pflegen und vielleicht auch, um sie mit dem gehörigen Nachdruck berennen zu können, hoffen müssen; gerade die Heftigkeit des Angriffs rafft noch einmal alle Kräfte des Widerstands zusammen; als Schiller seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts schrieb, ahnte er auch nicht, daß der absolutistisch-feudale »Naturstaat«, dem er das Horoskop des nahen Untergangs stellte, eine fröhliche Urständ feiern würde. So auch geht es mit dem Kapitalismus nicht so reißend bergab, wie der trotzige Kampfesmut des Proletariats in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und noch lange nachher glaubte. Diese Tatsache ist an und für sich nicht zu bestreiten, so töricht es sein mag, aus ihr zu folgern, daß die langsamere Auflösung überhaupt keine Auflösung mehr sei.

In den achtziger Jahren erholte sich die bürgerliche Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade ökonomisch und demgemäß auch geistig. Auf den verschiedensten Gebieten der wissenschaftlichen Literatur erwachte neues Leben; in der ökonomischen Literatur erschien eine Reihe von Schriften, die mit verhältnismäßig scharfem und tiefem Blick in das Gefüge der modernen Gesellschaft drangen; in der schönen Literatur erschien der Naturalismus. Sicherlich war er ein kräftiger Aufstieg aus dem Sumpfe; die Hauptmann und Holz waren aus ganz anderem Holze geschnitzt als die Lindau und Blumenthal; ebenso waren einst die Schlegel und Tieck von ganz anderem Schlage als die Kotzebue und Nicolai. Eine unaufhaltsam absterbende Gesellschaft sammelte ihre ganze Kraft, um sich am Leben zu erhalten, und es war gewiß die stärkste Kraft, die sie überhaupt noch aufzubieten hatte: eine ungleich stärkere Kraft, als sie im Taumel ihres noch unbedrohten Übermuts aufzubieten für nötig hielt, aber eine lange nicht mehr so starke Kraft, um noch abzuwenden, was nach den ehernen Gesetzen der Geschichte nicht mehr abgewandt werden kann. Hierin wurzelt die innere Verwandtschaft des modernen Naturalismus und der feudalen Romantik, die in dem Auflösungsprozeß der feudalen Gesellschaft eine ähnliche Stellung einnahm; hierin liegt der Grund, weshalb diese beiden Literaturperioden des historischen Verfalls bei aller äußeren Unähnlichkeit doch den gleichen Charakter aufweisen, der je länger je mehr sich auch in den Gesichtszügen abspiegelt, wie neben vielem anderen in letzter Zeit das Überwuchern der Märchendramen und sonst allerhand mystischen Zeuges gezeigt hat und zeigt.

Vom Standpunkt dieser historischen Auffassung wird man wie den Stärken, so auch den Schwächen des modernen Naturalismus durchaus gerecht. Man versteht dann, weshalb er einen so unglaublich engen Gesichtskreis hatte oder hat – je nachdem man ihn noch als lebend betrachten will oder nicht –, denn seinem Schifflein fehlte Kompaß und Segel und Steuer, um das hohe Meer der Geschichte zu befahren. Man versteht dann, weshalb er sich an die sklavische Nachahmung der Natur klammerte, denn er mußte ratlos vor jedem gesellschaftlichen Problem stehen. Man mag dann auch seine Freude an den gräßlichen und häßlichen, niedrigen und widrigen Abfällen der kapitalistischen Gesellschaft als einen Protest anerkennen, den er in seinem dunklen Drange dem öden Geldprotzentum, dem Todfeinde jeder echten Kunst, ins Gesicht warf. Alles das kann man historisch vollkommen würdigen. Jedoch mußte und muß der Protest einsetzen, wenn die verkümmerten Lebensbedingungen, unter denen die Kunst in einer absterbenden Gesellschaft überhaupt nur bestehen kann, als die Lebensmöglichkeiten einer noch nie dagewesenen Kunst angepriesen, wenn die Abwendung von den großen Fragen des historischen Kulturfortschritts als die unerläßliche Voraussetzung der »reinen Kunst« gefeiert, wenn die platte Nachahmung der Natur, die noch jeder schöpferische Künstler verschmäht hat, als weltumwälzendes Kunstprinzip verkündet, wenn die modernen Proletarier der ästhetischen Roheit geziehen werden, weil sie in der Kunst nicht Schmutz und Staub, sondern nach einem treffenden Worte »festlichen Kerzenglanz« sehen wollen, gemäß der natürlichen, das heißt historisch gegebenen Stimmung einer Klasse, die ihres Sieges sicher und ihrer Zukunft froh ist.

Nun wird ja freilich dem modernen Naturalismus ein sozialistischer Zug nachgerühmt, allein was an dieser Behauptung wahr ist, bestätigt eben auch nur seine innere Verwandtschaft mit der Romantik. Den ideologischen Literaturhistorikern hat es schon manches Kopfzerbrechen verursacht, daß die Romantiker mittelalterlich-reaktionär und doch bis zu einem Grade modern-freisinnig waren; vom historisch-materialistischen Standpunkt ergibt es sich sozusagen von selbst, daß eine feudal-romantische Dichterschule in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts nicht ohne einen tüchtigen Zuschuß bürgerlicher Kultur bestehen konnte. Das war schon deshalb eine unbedingte Notwendigkeit, weil die feudale Welt unter dem Angriffe des Bürgertums sich gegen den überlegenen Feind mit den Waffen verteidigen mußte, die sie von ihm entlehnte; ungefähr so, wie sich die Rothäute mit Feuergewehren gegen die Weißen wehrten, was ihr hoffnungsloses Absterben verzögerte, aber nicht aufhielt. Man braucht das Verhältnis zwischen der feudalen Romantik und dem bürgerlichen Emanzipationskampf nur auf die heutigen Zustände zu übertragen, um sofort zu erkennen, was es mit dem sozialistischen Zuge des modernen Naturalismus auf sich hat. Die bürgerlichen Naturalisten sind sozialistisch gesinnt, wie die feudalen Romantiker bürgerlich gesinnt waren, nicht mehr und nicht weniger; hei ihren zahllosen Experimenten halten sie sich mit heiliger Scheu jeder künstlerischen Darstellung fern, die sich auch nur von weitem mit dem proletarischen Emanzipationskampf berühren könnte. Lieber versteigen sie sich in alle mystischen und symbolischen Nebel.

Was von den Dichtern des modernen Naturalismus gilt, das gilt auch von seinen Ästhetikern und Kritikern. Weder großer Fleiß noch auch mancherlei Verdienst läßt sich der Schule Scherers absprechen. Sie hat viel in ästhetisch-philologischer Kleinarbeit geleistet und versteht sich trefflich auf die kritische Analyse von Dichtwerken, soweit es sich um ästhetisch-philologische Gesichtspunkte handelt. Sie hat in siegreicher und gewiß auch dankenswerter Weise wenigstens den intelligenteren Schichten der deutschen Bourgeoisie beizubringen verstanden, daß Anzengruber, Ibsen, Hauptmann Poeten von ganz anderem Wurfe sind als Blumenthal oder Lindau. Insofern haben ihre Arbeiten die bürgerliche Ästhetik und Kritik ungemein erfrischt, die ebenso verkommen war wie die bürgerliche Poesie. Aber ihr Verständnis schwindet, wie mit dem Messer abgeschnitten, wo sich die literarische mit der ökonomischen und politischen, mit der allgemeinen historischen Entwicklung berührt: Will sie Literaturgeschichte schreiben, so fehlt ihrer Darstellung die historische Perspektive und ihren Gestalten das historische Relief. Sie verfällt dann in ein leeres Phrasenwesen, das durch einen peinlichen Stich ins Loyal-Untertänige nichts weniger als verschönert wird.

Die Auffassung, die ich hier in wenigen Sätzen zusammenfasse, hat sich mir im Laufe der Jahre gebildet, und ich habe sie, wie ich schon sagte, in der »Neuen Zeit« nach den verschiedensten Seiten hin ausgeführt.[Anmerkung 1] Zu den ersten Werken aber, an denen sie sich entwickelte, gehörte die Biographie Lessings von Erich Schmidt, deren letzter Band im Jahre 1891 erschien, wo ich das ganze Werk zum ersten Male las. Ich war hier auf einem mir völlig bekannten Boden, gegenüber einem Stoffe, den ich seit Jahren und Jahrzehnten nicht nur erworben, sondern in gewissem Sinne erlebt hatte. So begann ich mit einer Kritik dieses Buches, die sich mir dann unterderhand, da es sich um Fragen handelte, die oft und oft Gegenstände meines Nachdenkens gewesen waren, weit über den Rahmen einer bloßen Rezension ausdehnte, mit der ich anfangs in drei oder vier Nummern der »Neuen Zeit« fertig zu werden hoffte. Und im Niederschreiben der Arbeit tauchten dann immer neue Gesichtspunkte auf, neue oder je nachdem auch alte Gesichtspunkte, das will sagen Gesichtspunkte, über die ich für mich längst ins reine gekommen war, aber von denen ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ihre Klärung für manchen Leser von Interesse sein würde. In der Tat fand die Arbeit von Anfang an lebhaften Beifall; ich wurde von keiner Seite gedrängt, sie abzubrechen, von vielen Seiten aber, sie fortzusetzen. So wurden aus den drei oder vier Aufsätzen etwa zwanzig, und dabei war noch manches unter den Tisch gefallen, was ich einmal in diesem Zusammenhange zu sagen für nötig und nützlich hielt. Das schaltete ich dann noch ein, als aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« das Verlangen nach einer Buchausgabe der Aufsätze laut wurde und Freund Dietz diesem Verlangen in einer starken Auflage nachkam.

So ist dies Buch als eine Improvisation entstanden. Nicht im Sinne einer eilig für Augenblickszwecke zusammengerafften Darstellung; soweit diese Beschuldigung erhoben worden ist, freilich mehr durch heimlichen Literatenklatsch als durch die öffentliche Kritik, die mir zumeist, auch wo sie meiner Methode und meinen Resultaten ablehnend gegenüberstand, die Beherrschung eines umfassenden Stoffes zugestanden hat, darf ich sie mit gutem Gewissen zurückweisen. Was ich in dieser Schrift entwickle, hat die Horazische Quarantäne der neun Jahre dreimal oder noch länger überstanden. Aber sie besitzt in hohem Grade die formellen Mängel einer Improvisation; sie ist eben nicht als Buch entworfen, nicht nach einem systematischen Plane ausgearbeitet worden; sie ist, um ein Lessingisches Wort anzuwenden, ein wenig »Mischmasch«, und ich bin nicht unbescheiden genug, auf das Wort eines bürgerlichen Kritikers zu pochen, der von meiner Arbeit sagte, sie gerate zwar vom Hundertsten ins Tausendste, aber sie habe auch im Hundertsten und im Tausendsten noch etwas zu sagen.

Die neue Auflage, die sich nunmehr notwendig gemacht hat, bot mir die Möglichkeit, die Mängel der Form zu beseitigen. Aber als ich daraufhin das Buch nach mehr als zehn Jahren wieder durchnahm, kam ich sofort zur Einsicht, daß der etwas wild gewachsene Baum entweder so bleiben müsse, wie er ist, oder daß ich einen ganz neuen Baum pflanzen müsse. Mit der Schere ließe er sich nur zu einem kahlen Stumpfe zurechtstutzen, denn das, was auch wohlwollenden Kritikern, die an die herkömmliche Art der Literaturgeschichtschreibung gewöhnt waren, als das »Hundertste und Tausendste« erschien, ist in meinen Augen und nach der historischen Methode, die ich für richtig halte, gerade die Hauptsache. Systematischer ließe es sich freilich entwickeln, aber dann müßte ich das Buch von A bis Z umschreiben, auf die Gefahr hin, es viel umfangreicher, aber deshalb keineswegs inhaltreicher zu machen. Dazu könnte ich mich nur entschließen, wenn ich meine Ausführungen sachlich zu revidieren hätte, allein nach abermaliger sorgfältiger Prüfung des Textes habe ich sachlich nichts daran zu ändern, und um der bloßen Form willen mag ich ein Buch nicht zerstören, das gerade auch in dieser Form nicht nur für mich ein Stück Leben darstellt, sondern auch, wie ich aus zahlreichen Zeugnissen weiß, vielen Lesern lebendig und lieb geworden ist.

Deshalb lasse ich den Text selbst ganz unverändert und beschränke mich darauf, in dieser Vorrede das wenige zu sagen, was ich zu dem gegenwärtigen Stande der Fragen zu sagen habe, die ich in dem Buche behandle.

Zunächst ein kurzes Wort über die öffentliche Kritik, die das Buch erfahren hat. In charakteristischer Weise tritt dabei hervor, was ich oben über die Schule Scherers gesagt habe.

Die »Historische Zeitschrift«, die von Sybel begründet worden ist und unter ihm die friderizianische Legende in erster Reihe gepflegt hat, leitete ihre Anzeige meiner Schrift zwar mit den landesüblichen Scherzen über »sozialdemokratische Wissenschaft« ein – anders als mit einer Spekulation auf die blöden Vorurteile des Philisters bekämpfen die gelehrten Männer der Bourgeoisie nun einmal nicht den historischen Materialismus –, aber sie erkannte dann an, daß meine Schilderung des friderizianischen Staates in allem Tatsächlichen auf gründlichem Studium der besten Hilfsmittel beruhe und auch von den bürgerlichen Historikern mit Nutzen gelesen werden könne. Sie schloß ihre Besprechung mit den Worten: »Unseren entgegengesetzten Standpunkt sowohl bezüglich der Methode wie der Auffassung wollen wir hier nicht begründen; wir wollen vielmehr darauf hinweisen, daß es falsch wäre, dergleichen Bücher einfach zu ignorieren, und daß die historische Wissenschaft aus der unbefangenen Würdigung einer so grundsätzlich verschiedenen Anschauung vom Staate und von den Mächten des geschichtlichen Lebens keinen geringeren Vorteil ziehen wird, als es in ihrer Weise die Nationalökonomie getan hat.« Das ist immerhin eine Kritik, die, ohne dem eigenen Standpunkt etwas zu vergeben, doch dem Gegner gerecht zu werden versucht.

Ganz anders die Schererschen. Zwar wenn Herr Erich Schmidt mich kurzerhand als »Rabulisten« abfertigte, so will ich deshalb nicht mit ihm rechten. Ich habe ihn scharf kritisiert, und es wäre töricht, wenn ich mich darnach über ein scharfes Wort beklagen wollte, das er gegen mich richtet. Genug, daß er mir meine »Rabulisterei« nicht nachgewiesen hat und auch nicht nachweisen kann! Ich habe nichts von dem zurückzunehmen, was ich gegen ihn gesagt habe, aber ich erkenne bereitwillig an, daß sein Werk über Lessing nicht minder alle Vorzüge der Schererschen Schule zeigt als alle ihre Schwächen.

Dagegen sein Famulus Sauer, der ihm bei der Korrektur des ersten Bandes geholfen hat, ein Prager Professor, vermöbelte mich in der »Deutschen Literaturzeitung« zum Gotterbarmen. Ich schenke ihm natürlich die »drollige Weise« und die »einseitige Verbohrtheit«, die er in meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche gefunden haben will; auch daß ich keine Ahnung von der »treibenden Kraft religiöser Ideen« und von der »selbständigen Macht der Poesie« haben soll, nehme ich gern als vernichtendes Donnerwort an. Aber bei den tatsächlichen und speziell literarhistorischen Einwänden, die Herr Sauer gegen meine Darstellung erhebt, will ich ein wenig verweilen, um zu zeigen, daß die Schule Scherers, sobald ihre sterbliche Seite berührt wird, sich genau ebenso als eine mit den traurigsten Waffen kämpfende Literatenclique entpuppt, wie es nur je der »blutige Oskar« und Konsorten getan haben. Herr Sauer schreibt also von mir:

»Er nimmt aus den eifrig durchforschten Quellen nur das heraus, was seine von vornherein feststehende Meinung zu bestätigen vermag, läßt zum Beispiel im Kleistischen Briefwechsel alle Stellen beiseite,, in denen von dem König mit Begeisterung geredet wird, und verschweigt Friedrichs Unterredung mit dem ›Preußen‹ Gottsched, wenn er behauptet, Gleim sei der einzige preußische Dichter, den der König wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. An den Stellen aber, wo Mehring seine Dynamitpatronen triumphierend einsetzt, ist das Gestein ohne Schuld der modernen Lessingforscher seit jeher brüchig und bröcklig gewesen (Verhältnis zu Voltaire, Berufung an die Berliner Bibliothek), und wo er alte Prozesse wiederaufgenommen wissen will, wie den über Simon Lemnius, da spielt ihm seine Verachtung der Büchergelehrsamkeit einen Possen: Er weiß nichts von der neuerlichen Publikation der ›Schutzschrift‹ durch Höfler. (Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, 1892.)«

Um zunächst diesen letzten Punkt zu erledigen, so erfindet Herr Sauer, daß ich den Prozeß über Simon Lemnius wiederaufgenommen wissen wolle. Ich sage im Gegenteil – siehe Seite 315-316 –, dieser Prozeß sei durch Lessing längst entschieden worden, und beklage nur, daß die von Lessing vernichtete Geschichtslüge von der lutherischen Geschichtschreibung, wofür ich Ranke, Köstlin und Heidemann zitiere, wieder an unseren hohen Schulen kolportiert werde. Was haben damit nun die »Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften« und die Publikation der »Schutzschrift« des Lemnius durch Höfler zu tun? Mit demselben Rechte könnte ich Herrn Sauer für einen Ignoranten erklären, weil er nicht wisse, daß die »Schutzschrift« des Lemnius längst in Hansens Pragmatischer Geschichte der Protestanten in Deutschland neu gedruckt worden ist. Das eine wäre eine sinnlose Verdächtigung wie das andere.

Ferner: Allerdings ist es die Schuld der modernen Lessing-Forscher, daß sie das Gestein über Lessings Verhältnis zu Voltaire und Lessings Berufung an die Berliner Bibliothek »brüchig und bröcklig« gelassen haben. Besäßen sie vor dem Manne Lessing eine Spur jener Achtung und vor dem Schriftsteller Lessing eine Spur jener »philologischen Akribie«, womit sie bis zum Überdruß einherprunken, so hätten sie es nicht meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche überlassen dürfen, sondern es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die handgreiflichen Flunkereien K. G. Lessings und Nicolais aus dem Wege zu räumen.

Weiter Gleim und Gottsched! Gegen einen modernen Literaturhistoriker, der sich darüber aufhält, daß Goethe an Lessing, Ramler und Gleim den Einfluß Friedrichs auf die deutsche Literatur entdeckt habe, führe ich Seite 58 f. aus, an diesen dreien sei er menschenmöglicherweise überhaupt nur nachzuweisen, und in diesem Zusammenhange sage ich: »Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.« Dann schildere ich Seite 234 f. Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched, den Friedrich als »sächsischen. Schwan« ansang, und erwähne auch Seite 318, daß Gottsched ein geborener Preuße gewesen sei. Aus alledem fabelt Herr Sauer zusammen, ich hätte Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched verschwiegen, um dem König nachreden zu können, er habe nur mit einem preußischen Dichter gesprochen.

Endlich soll ich in tendenziöser Weise aus dem Kleistischen Briefwechsel alle Stellen verschwiegen haben, in denen von dem König mit Begeisterung geredet werde. Ein Vorwurf, der nur dann etwa einen Sinn haben würde, wenn ich wenigstens eine von den Stellen zitiert hätte, in denen Kleist mit dem Gegenteil von Begeisterung von Friedrich redet. Aber es ist mir nicht eingefallen, auch nur eine dieser Stellen zu zitieren, weil sie für meine Darstellung ohne jeden Belang waren. Ich ziehe Kleists Briefwechsel auf Seite 341 nur an, um Lessings Freundschaft für Kleist zu erklären. Ich sage da, im Felde, wo Lessing ihn kennenlernte, habe sich Kleist als menschenfreundlicher, milder und tapferer Mann bewährt, während er vordem in seiner Potsdamer Friedensgarnison immerhin als ein seltsamer Heiliger erschienen sei: Ich zitiere eine Äußerung Kleists, wonach ihm der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, als eine »Hölle« vorkomme, und füge hinzu: Diese Stimmung sei unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich gewesen. Ist das nun aber nicht wahr? Ein bürgerlicher Literarhistoriker schreibt: »Es war kein idealer Ort, in dem Kleist die besten Jahre seines Lebens verbringen mußte. Von dem Lärm der nahen Hauptstadt abgeschlossen, hatte Potsdam das Aussehen einer großen Kaserne; hier unter den Augen des Königs wurde der Dienst strenge, pedantisch, rücksichtslos gehandhabt ... Solange Friedrich selbst an Ort und Stelle war, konnte an einen noch so kurzen Urlaub nicht gedacht werden. Wie viele Reisepläne Kleists gingen in die Brüche, wie selten riß er sich auf wenige Tage oder Stunden aus dem Gefängnis los! Denn als Gefängnis, gestehen wir es uns offen, hat er Potsdam gefühlt. Seine Briefe sind voll der tiefsten Seufzer und der lautesten Flüche über diese Existenz, sind von der Sehnsucht nach Freiheit getränkt. Ein langweiliges, geisttötendes Garnisonleben« usw. Der so schreibt, ist aber niemand anders als Herr Sauer in der Einleitung zu seiner Ausgabe von Kleists Werken. Freilich läßt er in dieser Einleitung aus feurigem Patriotismus auch ein allgemeines Avancement unter den Hohenzollern eintreten, indem er einen Markgrafen der Nebenlinie Brandenburg-Schwedt zu des »Königs Bruder« und des Königs wirklichen Bruder, den Prinzen von Preußen, zum »Kronprinzen«, zu Friedrichs Sohn ernennt. Aber dieser revolutionäre Umsturz der Genealogie fällt ganz auf Herrn Sauers Kappe; Kleist ist daran völlig unschuldig, und Herr Sauer muß es meiner »einseitigen Verbohrtheit« zugute halten, wenn ich mich zu diesem fanatischen Hohenzollernkultus nicht aufzuschwingen vermag.

Doch nunmehr genug von Herrn Sauers Kritik! Ich würde bei dem Quark um seiner selbst willen nicht einen Augenblick verweilt haben, aber ich mußte in die Einzelheiten eingehen, um dem Leser einmal handgreiflich zu zeigen, welche halb kindischen, halb tückischen »Rabulistereien« die Scherersche Schule allein gegen meine Kritik des Byzantinismus aufzubieten weiß, womit sie die deutsche Literaturgeschichte verseucht.

Ungleich kürzer fasse ich mich mit einem anderen österreichischen Gelehrten, einem sichern Herrn J. E. Wackernell, der sich im »Österreichischen Literaturblatt« als »Universitätsprofessor in Innsbruck« vorführt, um mich abzuschlachten. Es genügt mir, festzustellen, daß dieser scherzhafte Genius das Banner der »Wahrheit« gegen mich entfaltet, erstens weil ich Lessing »zu einem sozialdemokratischen Revolutionär und Materialisten« gemacht, und zweitens weil Marx »bekanntlich« den historischen Materialismus »von den Engländern abgeschrieben« haben soll.

Eine dritte professorale Größe, Herr Werner Sombart in Breslau, orakelt also: »Mehrings historische Mission liegt wesentlich in der Ad-absurdum-Führung (beiläufig reizendes Deutsch) leitender Sätze des marxistischen Systems. Wie die materialistische Geschichtsauffassung nicht verstanden sein will, zeigt seine Lessing-Legende.« Dagegen schrieb mir Engels, der neben Marx den historischen Materialismus begründet hat, als ich ihm mein Buch übersandte: »Ich kann von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der ›Neuen Zeit‹ erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja, ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnd.« Es versteht sich, daß ich mit der Berufung auf Engels auch nicht einen Satz meines Buches vor einer sachlich einschneidenden Kritik sichern will, aber gegenüber einem Fanfaron, dessen sogenannter »Marxismus« darin besteht, daß er die von Marx und Engels endlich ins reine gebrachten Theorien wieder in die plattesten Gemeinplätze der Vulgärökonomie verschleimen will, genügt mir die Berufung auf Engels.

Ungleich anständiger, ehrlicher und sachlicher hat eine Reihe literarischer Wochenschriften und politischer Tagesblätter, die nicht das Glück haben, von Professoren redigiert zu werden, über mein Buch geurteilt. Doch will ich darauf nicht näher eingehen und nur noch kurz erwähnen, daß von sozialistischer Seite zwei schroff ablehnende Kritiken erschienen sind, von Paul Ernst in der »Neuen Zeit« und von Jaurès in seiner Geschichte der Französischen Revolution. Ich habe mich mit beiden schon in der »Neuen Zeit« auseinandergesetzt.[1]

Aber wenn dem auch nicht so wäre, würde ich heute nicht mehr mit ihnen streiten. Paul Ernst hat dem Sozialismus längst den Rücken gekehrt, und Jaurès vertritt in den Fragen, um die es sich hier handelt, den Standpunkt Sybels und Treitschkes, einen Standpunkt, den die bürgerlichen Historiker in Deutschland, soweit sie überhaupt wissenschaftlich arbeiten, längst als gänzlich unhaltbar aufgegeben haben. Sosehr sie sonst unter sich uneinig sind, worauf ich gleich in einem entscheidenden Punkte zurückkomme, so lehnen sie doch einmütig ab, in Friedrich einen »Helden der nationalen Wiedergeburt« zu sehen, der, wie Sybel einmal sagt, die furchtbaren Gefahren des Siebenjährigen Krieges auf sich genommen habe, damit Belgien und infolgedessen das linke Rheinufer nicht französisch werde.

Jaurès würde sicherlich auch die Diskussion mit einem deutschen Parteigenossen ablehnen, der die Auffassung, die Jaurès von der französischen Geschichte hat, kritisieren würde, vom Standpunkt der napoleonischen Legende aus, wie sie einst der brave Thiers vertrat.

Was nun die allgemeine Entwicklung der historischen Probleme anbetrifft, um die es sich in meinem Buche handelt, so kann davon, soweit es auf Lessing ankommt, überhaupt nicht gesprochen werden. Es ist allerdings noch eine neue Biographie Lessings erschienen, von Karl Borinski, aber sie bildet einen gewaltigen Absturz gegen das Werk Erich Schmidts und entzieht sich jeder fruchtbaren Kritik. Mit Lessings Namen wird freilich noch immer der alte Unfug getrieben, aber es steckt immer weniger dahinter, und das bourgeoise Zerrbild Lessings verwittert in einer Weise, die nicht anders als freudig begrüßt werden kann.

Ebenso hat die Auflösung der friderizianischen Legende seit dem Jahre 1892 erfreuliche Fortschritte gemacht. Der patriotische Trödel Sybels, Treitschkes und ähnlicher Historiker ist völlig aufgegeben worden, auch in der großen Biographie Friedrichs, die Reinhold Koser, der Direktor der preußischen Staatsarchive, veröffentlicht hat. Von ihr lag, als ich mein Buch herausgab, nur der Anfang vor, die erste Hälfte des ersten Bandes, und ich habe gelegentlich – siehe Seite 204/205 f. – gegen Koser polemisiert. An ähnlichen Verstößen, wie ich hier gerügt habe, fehlt es auch in den späteren Bänden nicht; selbst das schon von Nicolai beseitigte Histörchen vom »Niedrigerhängen« der Pamphlete, die an den Berliner Straßenecken gegen den König angeschlagen worden sein sollen, wärmt Koser wieder auf, wie denn seine ganze Darstellung in den beschränkten Voraussetzungen preußischer Staatsgesinnung befangen und von diplomatischer Behutsamkeit keineswegs frei ist. Aber sosehr seine historische Auffassung von der meinen abweicht, so hindert mich das natürlich nicht, sondern gebietet mir vielmehr anzuerkennen, daß Köser von seinem Standpunkt aus den Dingen mit subjektiver Wahrhaftigkeit gerecht zu werden sucht und eine Menge patriotischer Märchen, die sich bei Sybel, Treitschke, Freytag, Bernhardi und ähnlichen Historikern finden, rücksichtslos über Bord geworfen hat, so den geweihten Hut und Degen, womit der Papst den österreichischen Feldmarschall Daun für den Überfall bei Hochkirch ausgezeichnet haben soll, so den Briefwechsel zwischen der Kaiserin Maria Theresia und der Marquise Pompadour, so noch manches andere, was der alte Fritz unter richtiger Spekulation auf den beschränkten Untertanenverstand seiner Borussen erfunden hat, um seine Feinde lächerlich zu machen. Für einen geborenen Preußen ist es immer sehr schwer, diesen ganzen Wust loszuwerden, und ich gestehe, daß ich auch noch der friderizianischen Legende allzu große Zugeständnisse gemacht habe, so in dem, was ich über Friedrichs Abscheu vor dem Menschenhandel der deutschen Kleinfürsten gesagt habe. Es ist richtig, daß Friedrich im Herbst 1777 den von England gekauften Landeskindern bei Minden die Weserfahrt sperrte, aber seine Beweggründe beurteilt Koser nüchterner und richtiger als ich, wenn er meint, daß Friedrich die deutschen Werbeplätze, die er selbst brauchte, habe schonen und übrigens den Engländern einen kleinen Schabernack spielen wollen, wie er denn auch den Flußpaß bald wieder freigab, als er politische Rücksichten auf England nehmen mußte.

Am meisten hätte ich gegen Kosers Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft einzuwenden, die offenbar von dem immerhin unbewußten Wunsche beeinflußt ist, dem Märchen von Friedrichs »sozialem Königtum« nicht gar zu hart vor den Kopf zu stoßen. Hier hat der Historiker allerdings mit »brüchigem und bröckligem« Material zu kämpfen, da es keine erschöpfenden und zuverlässigen Quellen gibt, aus den Gründen, die ich Seite 171 angegeben habe. Man kann hier nur mit »ungewissen Ziffern« rechnen, und ich selbst habe meine Aufstellung unter allem Vorbehalt aufgemacht. Kosers und meine Rechnung stimmen darin überein, daß die jährlichen Staatseinnahmen in Friedrichs Spätzeit etwa 22 Millionen betragen haben. Die Höhe des Kriegsschatzes, den Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege gesammelt hat, gibt Koser auf 51 302 010 Taler an, wodurch meine Vermutung bestätigt wird, daß ich ihn mit 40 Millionen zu niedrig geschätzt habe. Dagegen setzt Koser die jährlichen laufenden Ausgaben für das Kriegswesen, die ich nach Boyen und anderen auf 13 Millionen angenommen hatte, auf etwas über 12¼ Millionen herab und ebenso die Kosten des Bayerischen Erbfolgekriegs, die ich nach Preuß auf 29 Millionen beziffert hatte, auf 17 Millionen. Es ist aber nicht ersichtlich, ob er dafür zuverlässigere Belege hat als eine gelegentliche briefliche Äußerung des Königs, der gegenüber Preuß seine Annahme ausdrücklich aufrechterhält.

Die Angabe Retzows, daß der Bau des Neuen Palais alles in allem 22 Millionen gekostet haben soll, habe ich »arg übertrieben« genannt; Koser nennt sie »vielleicht um das Zehnfache« zu hoch, was er jedoch auch nur aus unvollständigen Baurechnungen vermuten kann. Schlimmer ist, daß er überhaupt keine Übersicht über die vielen Millionen zu geben versucht, die Friedrich durch seine despotische Baulust verschwendet hat. Nach einer gelegentlichen Andeutung scheint er sie samt und sonders unter die Ausgaben für Landeskultur zu rechnen, was mindestens für die Pracht- und Prunkbauten in Berlin und Potsdam, wie eben das Neue Palais, in keiner Weise zutrifft. So meint denn Koser, daß der Minister Hertzberg die Gesamtsumme dessen, was der König seit dem Siebenjährigen Kriege an außerordentlichen Unterstützungen aufgewandt habe, auf mehr als 40 Millionen »annahm«, während Preuß, dem ich darin gefolgt bin, aus der »detaillierten Berechnung« desselben Hertzbergs noch nicht 25 Millionen für diesen Zweck herausrechnet.

Eine zuverlässige Übersicht läßt sich heute nicht mehr entwerfen, zumal da auch das unvollständige Material, wonach Hertzberg seinerzeit gearbeitet hat, nicht mehr erhalten ist. Im allgemeinen und unter den kritischen Vorbehalten, die ich in meinem Buche selbst gemacht habe, bin ich der Ansicht, daß die 25 Millionen der historischen Wahrheit näherkommen als die 40 Millionen. Ich habe die abweichenden Ziffern Kosers nicht verschweigen wollen, allein von einer gewissen Tendenz ist seine Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft unmöglich freizusprechen. Immer aber, auch wenn sie vollkommen zutreffend wäre, so würde sie an dem, worauf es mir ankommt, nicht das mindeste ändern. Hätte Friedrich wirklich bei 22 Millionen Jahreseinnahmen im jährlichen Durchschnitt 16 Millionen für Militärzwecke (Heeresetat, Kriegsschatz, Bayerischer Erbfolgekrieg, Subsidien für die russischen Türkenkriege) und lange noch nicht 2 – hauptsächlich in die Taschen der Junker fließende – Millionen für das »Retablissement« des grauenhaft verwüsteten Landes verwandt, so würde das offiziell gepflegte Gerede von seiner »sozialistischen Staatsfürsorge« und seinem »sozialen Königtum« nicht minder ein trostloser Humbug sein.

Wenn es nun ein unzweifelhaftes Verdienst der neueren preußischen Historiker ist, in dem alten patriotischen Gerumpel einigermaßen aufgeräumt zu haben, so sind sie deshalb freilich nicht die preußische Befangenheit los und sehen in dem Aufstieg Preußens die Rettung Deutschlands. Dabei geht es ihnen ganz ähnlich wie seinerzeit den bürgerlichen Aufklärern, die Lessing so bitter verspottet oder im günstigsten Falle auch bemitleidet hat als »ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwand, es neu zu unterbauen, befördern können«. Indem sie die friderizianische Legende zwar von den größten Albernheiten säubern, aber im Kern doch nicht preisgeben wollen, übersehen sie, daß sich dies »abscheuliche Gebäude von Unsinn« nicht neu unterbauen läßt, ohne daß es ihnen über dem Kopfe zusammenbricht. Dadurch, daß die neueren preußischen Historiker einmütig die Mär der Sybel und Treitschke zurückweisen, wonach Friedrich den Siebenjährigen Krieg aus deutschnationalen Gründen begonnen haben soll, sind sie in einen sachlich und noch weit mehr symptomatisch interessanten Streit darüber geraten, weshalb er ihn denn nun eigentlich begonnen habe.

Die einen halten an dem fest, was Friedrich selbst stets behauptet hat: Er habe sich gegen eine übermächtige Koalition wehren müssen, die sich ohne seine Schuld gegen ihn zusammengerottet habe. Zu diesen Historikern gehört Koser. Aber dem widersprechen die diplomatischen Vorspiele des Krieges, über die nunmehr die eingehendsten Aufklärungen vorliegen. Gefährlich wurde die Angriffslust des Wiener und Petersburger Hofes erst dadurch für Friedrich, daß diese Höfe den Pariser Hof für sich gewannen, und Friedrich stieß den Pariser Hof, mit dem er seit sechzehn Jahren verbündet war, gewissermaßen mit Gewalt auf die Seite seiner Gegner, indem er mit England am 16. Januar 1756 die Westminsterkonvention abschloß. Koser begnügt sich damit, diese Konvention eine »falsche Rechnung« zu nennen; Bailleu, ein anderer preußischer Archivbeamter, geht rücksichtsloser ins Zeug und schreibt über die Haltung Friedrichs in den diplomatischen Vorspielen des Siebenjährigen Krieges: »Was die Zeitgenossen an der

Veränderlichkeit und Unzuverlässigkeit der friderizianischen Politik zu tadeln wußten, scheint mir nur zu wohlbegründet ... Sie war argwöhnisch und leichtgläubig, kurzsichtig und überstürzend ... Wo zwei fremde Staatsmänner die Köpfe zusammensteckten, vermutete Friedrich das Werden einer Koalition; wo man von Truppenmärschen hörte, argwöhnte er einen Angriff auf Preußen.« Und ähnlich läßt sich auch Naudé aus, ebenfalls ein preußischer Archivbeamter, der sich eingehend mit der friderizianischen Geschichte beschäftigt hat.

Gegen dies vernichtende Urteil über die friderizianische Diplomatie haben sich nun andere preußische Historiker erhoben, in erster Reihe Max Lehmann und Hans Delbrück. Sie sind dabei vollkommen vor dem Verdacht irgendeiner liebedienerischen Beflissenheit geschützt. Lehmann hat sich durch seine ehrlichen und gründlichen Biographien Scharnhorsts und Steins, Delbrück aber durch seine bedeutende Geschichte der Kriegskunst wirkliche Verdienste um die historische Wissenschaft erworben. Lehmann hat den preußischen König Friedrich Wilhelm III., aus dem Treitschke eine Art von nationalem Heros gemacht hatte, in seiner bodenlosen Nichtigkeit enthüllt, und Delbrück hat einen jahrelangen und schließlich siegreichen Feldzug gegen die selbst von Offizieren des Großen Generalstabs verteidigte Legende geführt, wonach der alte Fritz schon die napoleonische Strategie und Taktik angewandt haben soll. Auch Lehmanns Schrift über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, die im Jahre 1894, bald nach Erscheinen meines Buches, veröffentlicht wurde, richtete sich zunächst gegen die friderizianische Legende der Ranke, Treitschke, Sybel. Lehmann wies nach, daß Friedrich in keiner Weise von deutschnationalen Gesichtspunkten geleitet gewesen sei, als er den Siebenjährigen Krieg begann. Er schrieb: »Während des Krieges wurde Deutschland von Österreich, aber auch von Preußen verleugnet. War es eine Schädigung Deutschlands, daß die Kaiserin, um Schlesien zu bekommen, Ostpreußen den Russen, ansehnliche Stücke der westlichen Marken den Franzosen opfern wollte, so werden wir auch Friedrich nicht loben dürfen, daß er der Annexion Sachsens den Vorzug gab vor der Befestigung seiner Grenzlande im Osten und im Westen.« Die Annexion Sachsens war der Grund, der nach Lehmanns Auffassung den König in den Krieg trieb. Lehmann gibt zu, daß Friedrich bedroht gewesen sei, aber doch nicht so, daß er schon das Schwert hätte ziehen müssen; vielmehr seien »zwei Offensiven aufeinandergestoßen«; Friedrich habe, um Sachsen zu erobern, den Krieg ebenso gewollt wie seine Gegner, um ihm Schlesien abzunehmen; erst durch sein aggressives Vorgehen habe er die europäische Koalition zusammengeschweißt.

Diesen Gedanken hat dann Delbrück aufgenommen, um die »fürchterliche Deklassierung des großen Königs« durch Bailleu, Naudé usw. zu bekämpfen. Er macht ihnen das gefährliche Zugeständnis, daß ihr Urteil »eher zu milde als zu streng« sei, daß der König wie »ein kompletter Narr« gehandelt haben würde, wenn es ihm nur um defensive Zwecke zu tun gewesen sei, und er sucht dann an der Hand der Lehmannschen Hypothese aus dem »unklaren, schwächlichen Sanguiniker« ein »Bild von überwältigend furchtbarer Größe« zu machen: »den Staatsmann, der mit der gesetzlosen Verwogenheit des Genius die Welt, die sich ihm widersetzen will, in Trümmer schlagend, selber willens, eine neue Welt zu schaffen, auf Wegen tiefster Verborgenheit doch gerade auf sein Ziel zuschreitet«, »den großen König in seiner ganzen Majestät und Tragik: wie er, das große Ziel in seiner Notwendigkeit erkannt, mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit darum gerungen und endlich doch ermattet davon hat ablassen müssen, weil der ausgemergelte, aus tausend Wunden blutende Körper seines Volkes gänzlich zusammenzubrechen drohte«. Dazu stimmt es dann freilich nicht recht, daß Friedrich selbst in seinen Schriften über den Krieg immer behauptet hat, er habe nur einen Angriff abwehren wollen; das würde doch gar sehr, um auch ein Bild zu gebrauchen, an den Fuchs erinnern, der einen Sprung nach dem Taubenschlage macht und, wenn er dabei eine gewaltige Tracht Prügel bezieht, nichts getan haben will.

Man sieht jedoch: Wer heute ein »Pamphlet« gegen den König Friedrich schreiben will, wie mir die Sauer und Konsorten nachreden, der hat höchstens die Qual der Wahl. Er kann mit einem Teile der preußischen Historiker den König für einen »kompletten Narren«, oder er kann ihn mit dem anderen Teile für einen ruchlosen Eroberer erklären, der Europa an allen vier Ecken angezündet hat, um Pläne auszuführen, zu deren Ausführung ihm die Macht fehlte. Wäre das eine richtig oder auch das andere, so würde die Auffassung, die dies Buch von Friedrich entwickelt, allerdings grundfalsch sein. Allein ich halte sie vollkommen aufrecht, auch in dem, was ich über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges sage, und will sie hier nur etwas ausführlicher begründen, um zugleich die Ursache aufzudecken, woraus der Streit entstanden ist, der nun schon manches Jahr im Lager der preußischen Historiker tobt.

Um es mit einem Worte vorwegzunehmen, so wurzelt dieser Streit in der Unmöglichkeit, in der sich jeder preußische Historiker befindet, anzuerkennen oder vielmehr – da bei den preußischen Historikern, um die es sich hier handelt, nur von einer objektiven Befangenheit gesprochen werden darf – überhaupt zu erkennen, daß die preußische Macht und Herrlichkeit als Werk der Fremdherrschaft entstanden ist. Friedrich hätte Schlesien nie erobert ohne die französische Hilfe, wie Max Lehmann wiederholt mit Recht hervorgehoben hat, aber die französische Hilfe wurde ihm nicht um seiner schönen Augen willen gewährt, sondern weil ihn die Franzosen als Pfahl im österreichischen Fleische haben, weil sie durch den habsburgisch-hohenzollernschen Dualismus ihre eigene Herrschaft über Deutschland stärken wollten. Sie behandelten den preußischen König als ihren Vasallen, als einen »Filigrankönig«, der von ihren Gnaden existiere, und als sie im Jahre 1756 in einen großen Kolonialkrieg mit England gerieten, verlangten sie von Friedrich, daß er nun als Gegendienst für die Eroberung Schlesiens in ihrem Interesse Hannover besetzen solle, den einzigen Punkt, wo England auf dem Kontinent verwundet werden konnte.

Hierauf konnte und wollte sich Friedrich nicht einlassen. Er hatte zwar nichts dagegen, daß die Franzosen selbst sich Hannovers bemächtigten, und hat sie sogar dazu ermuntert, aber er wußte auch, daß er nicht nur die Engländer, sondern auch die Österreicher und

Russen auf dem Halse haben würde, wenn er dem französischen Wunsche nachgab. Er war längst darüber unterrichtet, daß der österreichische Hof die Rückeroberung Schlesiens plane und an dem russischen Hofe einen Bundesgenossen gewonnen hatte. Beide waren einstweilen lahmgelegt, namentlich durch Mangel an Geld, aber wenn Friedrich durch einen Angriff auf Hannover die englischen Subsidien für sie lockermachte, dann hatte er sie unfehlbar auf dem Halse, und mit welchem Gleichmut ihm dann die Franzosen die ganze Last des kontinentalen Krieges auf dem Nacken gelassen hätten, das konnte er sich nach den fatalen Erinnerungen des Zweiten Schlesischen Krieges von selbst sagen. An der von seinem Standpunkt aus durchaus berechtigten Weigerung, im französischen Interesse sich Hannovers zu bemächtigen, scheiterte die Erneuerung seines im Jahre 1756 ablaufenden Bündnisses mit Frankreich.

Nun aber drohte die Gefahr, die er vermeiden wollte, von einer anderen Seite. Um Hannover vor allen Angriffen zu sichern, hatte England russische Truppenhilfe gewonnen. Kamen aber die Russen nach Deutschland, so war Friedrich mit gutem Grunde eines Angriffs von ihnen gewärtig, und er hatte dann wieder die englisch-österreichisch-russische Koalition gegen sich. Unter diesen Umständen schloß er die Westminsterkonvention, worin sich England und Preußen gegenseitig verpflichteten, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Es ist klar, daß Friedrich sie im Interesse des europäischen Friedens geschlossen hat, wodurch im Grunde schon die Hypothese Lehmanns widerlegt ist, insofern als es dem König in dieser europäischen Verwicklung in der Tat nur auf Frieden angekommen ist. Aber auch die andere Ansicht ist falsch, daß Friedrich bei Abschluß dieser Konvention seine diplomatische Unfähigkeit bewiesen haben soll. Freilich hat die Konvention das Gegenteil des Zweckes erreicht, den sie erreichen sollte, und Friedrich hat sich auch in ihr nicht, sowenig wie sonst irgendwo, als ein übermenschlicher Genius bewährt. Allein als er sie schloß, zeigte er sich als das, was er wirklich gewesen ist: als ein Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in seiner Gescheitheit ebenso wie in seiner Beschränktheit.

Er war vollkommen berechtigt anzunehmen, daß Frankreich ihm die Konvention nicht übelnehmen würde. Sie versperrte den Franzosen allerdings Hannover, aber sie hielt ihnen auch die Russen fern. In der Tat fühlten sich die Franzosen zunächst mehr dadurch verletzt, daß der preußische König, den sie als ihren Vasallen zu betrachten gewohnt waren, die Konvention abgeschlossen hatte, ohne sich mit ihnen vorher zu verständigen, als durch die Konvention selbst. Ihr Kampf mit England ging um die Herrschaft über die Meere, und sie selbst hatten Friedrichs Aufmunterung, Hannover zu besetzen, solange es Zeit war, unbeachtet gelassen. Am allerwenigsten aber konnte Friedrich voraussehen, daß sich Frankreich durch den Ärger über die Westminsterkonvention in ein Bündnis mit seinem alten Feinde Österreich drängen lassen würde. Dies Bündnis widersprach allen Überlieferungen der französischen Politik, und wirklich ist es nur mühsam gegen den zähen Widerstand einer starken Partei am Pariser Hofe abgeschlossen worden. Österreichs Angebot, das damals in seinem Besitz befindliche Belgien an Frankreich abzutreten, hat schließlich entschieden.

Gleichwohl wäre das Bündnis unmöglich gewesen, wenn sich das französische Königtum nicht schon auf einer Stufe des Niederganges befunden hätte, worauf es seine wirklichen Interessen nicht mehr zu erkennen vermochte. Das österreichische Bündnis hat ihm seine völlige Niederlage im Kriege mit England eingetragen; es hat ihm seine amerikanischen Besitzungen gekostet und seine Flotten vernichtet; es hat seine Finanzen völlig zerrüttet und ebenso sein europäisches Ansehen durch die schmählich verlorenen Feldzüge in Deutschland zerstört; es ist ein wesentliches Ferment der Französischen Revolution gewesen, deren Vertreter es als ein nationales Verbrechen gebrandmarkt haben. Wenn sich also Frankreich durch die Westminsterkonvention in das österreichische Bündnis drängen ließ, so ist Ludwig XV. der »komplette Narr« gewesen, nicht aber Friedrich, der die französischen Interessen viel richtiger würdigte als der Pariser Hof, wenn er diese Folge der Westminsterkonvention nicht voraussah.

Friedrichs wirkliche Beschränktheit lag darin, daß er annahm, den russischen Bären durch England fesseln zu können. Das hätte England freilich vermocht, wenn es eine Kriegsflotte in die Ostsee gesandt hätte, aber dazu ist es nicht zu bewegen gewesen, auch nicht, als es sich nach ausgebrochenem Kriege dazu verpflichtet hatte. Die süßen Interessen des Handels standen ihm hoch über den Interessen seines preußischen Verbündeten. Wie ehedem Frankreich, so sah England jetzt auch in Friedrich seinen Vasallen, den es benützte, um nach dem bekannten Worte Pitts Amerika in Deutschland zu erobern, und den es, noch ehe das Kriegswetter ganz ausgetobt hatte, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite warf, so daß Friedrich nach dem Frieden seine europäische Stellung nur noch als Vasall Rußlands, nur dadurch behaupten konnte, daß er dem zarischen Raubgelüste die polnischen und türkischen Kastanien aus dem Feuer holte, daß er die europäische Hegemonie Väterchens anbahnen half, die bis zum heutigen Tage auf dem Nacken des preußischen Staates lastet.

Sobald sich zeigte, daß die Westminsterkonvention die entgegengesetzte Wirkung hatte, als sie nach Friedrichs Absicht haben sollte, daß sie ihm den Krieg bescherte und nicht den Frieden, hat er sich ganz nach seiner sonstigen Art entschlossen, wie er selbst sagte, seinen Feinden lieber zuvorzukommen, als sich von ihnen zuvorkommen zu lassen. Es ist ganz richtig, daß ihm das Feuer im Sommer 1756 noch nicht auf den Nägeln brannte. Zwischen Österreich und Frankreich bestand erst ein Defensivbündnis, und Österreich selbst hatte Rußland aufgefordert, bis zum Frühjahr des nächsten Jahres zu warten, um besser gerüstet und namentlich mit Frankreich enger verbunden zu sein. Allein die russischen Truppen waren im Mai 1756 bereits auf dem Marsche gewesen, und auch Lehmann erkennt an, daß dieser russische Vorstoß die nächste Veranlassung zu den kriegerischen Verwicklungen gewesen ist. Der König stand vor der Wahl, durch diplomatische Verhandlungen den Winter hindurch an der Zerstörung der feindlichen Koalition zu arbeiten, auf die Gefahr bin, damit seinen einzigen wesentlichen Vorteil vor den Gegnern preiszugeben, seine bessere Kriegsrüstung und seine schnellere Kriegsbereitschaft, oder aber diesen Vorzug auszunützen und sofort loszuschlagen, auf die Gefahr hin, dadurch die gegnerische Koalition desto enger zusammenzuschweißen. Wenn er sich für diesen Weg entschied, so hat er von seinem Interessenstandpunkt aus entschieden das klügere Teil erwählt, denn er durfte nicht daran denken, die Feindseligkeit der beiden Kaiserhöfe zu entwaffnen, und ebensowenig war eine vernünftige Aussicht darauf vorhanden, daß er Frankreich wieder von dem österreichischen Bündnis losreißen würde, nachdem es einmal den ersten wenn auch verhältnismäßig noch zaghaften Schritt auf dieser Bahn getan hatte. Friedrich mag ein schlechter Diplomat gewesen sein, aber er war es doch wesentlich nur aus dem Grunde, weil er die Diplomatie für ein schlechtes Geschäft hielt; »Unterhandlungen ohne Waffen sind wie Noten ohne Instrument«, pflegte er zu sagen, und es war gar nicht uneben gedacht, wenn er annahm, daß er nach der Entwaffnung Sachsens und einem tüchtigen Stoße gegen Osterreich den Frieden besser werde erhalten können, als wenn er stillesaß und den sorgsam vorbereiteten Angriff der feindlichen Koalition abwartete.

Kann man ihm also nicht vorwerfen, daß er aus Furcht vor eingebildeten Gefahren voreilig losgebrochen sei, so läßt sich ihm auch nicht nachrühmen – wenn es anders ein Ruhm wäre –, daß er den Krieg begonnen habe, um durch die Eroberung Sachsens aus seinem Staate eine wirkliche Großmacht zu machen. Die Besetzung Sachsens war für ihn eine finanzielle und strategische Notwendigkeit, wenn er den Verteidigungskrieg mit einiger Aussicht auf Erfolg führen wollte; daß er das Land im Glücksfall gern behalten hätte, als er es einmal hatte, daß er bereit war, um diesen Preis Ostpreußen den Russen und seine rheinischen Besitzungen den Franzosen zu überlassen, ist richtig, beweist aber nicht das geringste dafür, daß er je daran gedacht hat, Sachsen durch einen europäischen Krieg zu erobern. Ebensowenig lassen sich in diesem Sinne die Tatsachen verwerten, daß er all sein Lebtag begehrlich nach Sachsen geschielt hat, im Sinne einer »politischen Träumerei«, wie er in seinem politischen Testament von 1752 sagt, oder daß er, nachdem er sich einmal zum Schlagen entschlossen hatte, die ihm augenblicklich drohenden Gefahren übertrieb, wegen des Eindrucks auf die Welt und namentlich wegen des Eindrucks auf den englischen Bundesgenossen, und was sonst Lehmann und Delbrück in diesem Zusammenhange für ihre Hypothese vorgebracht haben. Sie haben aus allen Briefen, Depeschen und Schriften des Königs auch nicht eine Spur von Beweis für ihre Ansicht beizubringen verstanden, und wenn sie sich darauf berufen, daß Friedrich seine Pläne in tiefstes Geheimnis zu hüllen geliebt habe, so gibt es doch keine Handlung Friedrichs, die sich nicht vollkommen erschöpfend aus seiner stets wiederholten Versicherung erklären ließe, er habe den Krieg begonnen, um sich zu verteidigen.

Friedrich war sich über die historischen Bedingungen seiner Existenz viel klarer als die preußischen Historiker von heute. Er hat den Stachel seiner französischen, seiner englischen und – namentlich – seiner russischen Vasallenschaft wohl empfunden, mit einer persönlichen Reizbarkeit, von der nur zu wünschen wäre, daß er sie auf die Bismarck und Bülow vererbt hätte. Aber da er ohne eine Spur nationaler Gesinnung war, so hat er die Schmach der Fremdherrschaft als solche nie empfunden. Die friderizianische Legende, wie sie von Sybel und Treitschke vertreten wurde, machte es sich bequem, indem sie den König einfach als »Helden der nationalen Wiedergeburt« anpinselte; nachdem diese so geschmacklose wie grobe Tünche verwittert ist, haben es die preußischen Historiker schwieriger, solange sie preußische Historiker sind, das heißt solange sie das Borussentum als eine historische Erfrischung und Erneuerung der deutschen Nation betrachten.

In dem Kampfe zwischen einer ehrlichen Forschung und einer unheilbaren Illusion wird ihnen Friedrich bald zum kompletten Narren, bald zum majestätisch tragischen Phantom, während er tatsächlich nichts war als ein dynastischer Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in all seiner Gescheitheit und in all seiner Beschränktheit.

Der ersten Auflage meines Buches hatte ich eine kleine Abhandlung über den historischen Materialismus angehängt, die ich mich nach reiflicher Überlegung nicht entschließen kann nochmals zu veröffentlichen. Nicht als ob ich ihren Inhalt nicht mehr vertreten könnte, sondern im Gegenteil: weil dieser Inhalt inzwischen Gemeingut derer geworden ist, die überhaupt die Kraft und den Willen haben, sich ernsthaft mit dem historischen Materialismus zu beschäftigen. Speziell die Polemik gegen eine längst vergessene Schrift des Herrn Paul Barth, die einen nicht unbeträchtlichen Teil jener Abhandlung füllt, ist heute veraltet; ihr wiederholter Abdruck würde den Eindruck machen, als freute ich mich des Kampfes mit Gespenstern.

Aber auch insoweit ich durch die kleine Arbeit mich als Schüler von Marx und Engels bekennen wollte, habe ich diese Schuld des Dankes, die ich heute so lebhaft empfinde wie vor dreizehn Jahren, inzwischen durch meine Ausgabe aus ihrem und Lassalles literarischem Nachlaß und durch meine »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« in viel gründlicherer und umfassenderer Weise entrichten können.[2]

In diesen Werken findet der Leser ein ungleich reichhaltigeres Material zur Geschichte und zur Kritik des historischen Materialismus, als ich in jener Abhandlung niederlegen konnte, die ich nicht nochmals veröffentlichen will.

Und so kann ich mit dem Wunsche schließen, daß dies Buch in seinem dritten Drucke eine ebenso erfolgreiche Pionierarbeit leisten möge wie in seinen beiden ersten Drucken.

Steglitz-Berlin, im April 1906

F. Mehring

I. Lessing und die Bourgeoisie

Erster Teil. Kritische Geschichte der Lessing-Legende

Unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums hat keiner im Leben tatsächlich ein schwereres, nach seinem Tode anscheinend ein glücklicheres Los gezogen als Lessing. Sein Andenken wird von den bürgerlichen Klassen gepflegt wie eine seltenste Blume im Treibhause. Es gibt zwei wissenschaftliche Ausgaben seiner Werke von hohem Werte; die bahnbrechende von Lachmann erscheint eben in dritter Auflage; die spätere, welche Groß, Redlich, Schöne und andere für den Verlag von Hempel besorgt haben, enthält neben einem sorgfältig geprüften und vermehrten Text eine Fülle erläuternden Stoffs für die Briefe und einen großen Teil der Schriften. Die Zahl populärer Ausgaben ist fast schon nicht mehr zu übersehen.

Dazu kommt eine kleine Bibliothek von Biographien, darunter neben manchem Schunde zwei große, wissenschaftliche Werke, ferner eine populärwissenschaftliche Darstellung, die in neun Auflagen verbreitet ist, endlich zwei englische Biographien, deren jede einen Übersetzer ins Deutsche gefunden hat. Der Schriften aber, die sich teilweise mit Lessing beschäftigen oder einzelne Seiten seines Geistes und Wirkens beleuchten, ist wiederum Legion. Wie sehr Lessing der Held der bürgerlichen Presse ist, braucht nun gar erst nicht hervorgehoben zu werden. Hier darf man wirklich sagen: Lessing und kein Ende! Kurz, vom altkatholischen Bischof Reinkens bis zu den Gelehrten des »Berliner Tageblatts« ist alles ein Herz und eine Seele über »seinen« oder »unsern« Lessing.

Es fehlt freilich auch nicht an abweichenden Stimmen, aber sie fallen nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Das Lessing-Pamphlet von Dühring ist ein nur für den Verfasser bedauerliches Machwerk; es steht noch unter Paul Albrechts auf zehn Bände angelegtem Werke »Lessings Plagiate«, das Lessings Lebensarbeit als einen großen Diebstahl nachweisen will, aber in der Lösung dieser erhebenden Aufgabe wenigstens für den Kleinkram der Lessing-Forschung manchen nützlichen Fingerzeig beibringt. Daneben ist Lessing auch – und mit Recht! – einer gewissen Abart von »Naturalisten« ein Dorn im Auge, jener Abart nämlich, die sich mit Vorliebe in den unsauberen Abfall der kapitalistischen Wirtschaft vergräbt und im Haushalte der heutigen Bourgeoisie die Rolle jener Sklaven spielt, die den Schlemmern des versinkenden Römerreichs nach jedem Gange ein Vomitiv zu reichen hatten, um ihnen für den nächsten Gang einen künstlichen Appetit zu erzeugen. Aber alle diese Anfeindungen Lessings sind einzelne Späne, die den großen Strom des Lessing-Kultus nicht dämmen, sondern von ihm nur fortgeschwemmt werden.

Gälte dieser Kultus dem wahren Lessing, er wäre ein hohes Ehrenzeugnis des heutigen Bürgertums. Denn Lessings Werke bieten nichts, was einen Modegeschmack anziehen könnte; sie bieten selbst nur wenig, was sich die landläufige Bildung einfach anzueignen brauchte, um damit prunken zu können. Lessings Ästhetik und Kunstkritik, seine Philosophie und Theologie sind heute überholt. Überholt, weil er selbst die Bahn brach, worauf andere um so schneller zum Ziele gelangen konnten, aber deshalb nicht weniger überholt. Selbst mit Nathan und Tellheim empfinden wir nicht mehr so wie mit Faust und Tell. Was Goethe von Winckelmann sagt: »Wenn bei sehr vielen Menschen, besonders aber bei Gelehrten, dasjenige, was sie leisten, als die Hauptsache erscheint und der Charakter sich dabei wenig äußert, so tritt im Gegenteil bei Winckelmann der Fall ein, das alles dasjenige, was er hervorbringt, hauptsächlich deswegen merkwürdig und schätzenswert ist, weil sein Charakter sich immer dabei offenbart«, das gilt in noch höherem Grade von Lessing. Unter den geistigen Vorkämpfern des deutschen Bürgertums war Lessing nicht der genialste, aber der freieste und wahrhaftigste und vor allem der bürgerlichste; was immer wieder an seine Schriften fesselt, auch an die totgeborenen oder längst abgestorbenen, ist der Charakter dessen, der sie schrieb. Ehrlichkeit und Mannhaftigkeit, eine unersättliche Begierde des Wissens, die Lust mehr noch am Trachten nach der Wahrheit als an der Wahrheit selbst, die unermüdliche Dialektik, die jede Frage kehrte und wandte, bis ihre geheimsten Falten offenlagen, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie einmal vollbracht war, die großartige Verachtung aller weltlichen Güter, der Haß gegen alle Unterdrücker und die Liebe zu allen Unterdrückten, die unüberwindliche Abneigung gegen die Großen der Welt, die stete Kampfbereitschaft gegen das Unrechte, die immer bescheidene und immer stolze Haltung in dem verzehrenden Kampfe mit dem Elend der politischen und sozialen Zustände – alles das und wie manches andere Erhebende und Erquickende noch! spiegelt sich in Lessings Briefen und Schriften.

Aber man braucht diese Eigenschaften nur aufzuzählen, um zu erkennen, daß Lessings Charakter im schroffsten Gegensatze steht zu dem Charakter der deutschen Bourgeoisie von heute. Zaghaftigkeit und Zweizüngigkeit, eine unersättliche Begierde nach Gewinn, die Lust am Jagen nach Profit und mehr noch am Profite selbst, die geistige Selbstgenügsamkeit, die sich an ein paar Schlagworten als an der irdischen Weisheit letztem Schlusse genügen läßt, der Humbug eines unendlich verzweigten Cliquen- und Reklamewesens, die unglaublichste Überschätzung alles irdischen Tandes, das Ducken nach Oben und das Drücken nach Unten, ein unausrottbarer Byzantinismus, das stete Totschweigen auch des schreiendsten Unrechts, die immer prahlerische und immer schwächliche Haltung in den politischen und sozialen Kämpfen der Gegenwart – das sind ihre kennzeichnenden Eigenschaften. Und so scharf und stechend ist dieser Gegensatz, daß immer noch, wenn der Lessing-Kultus der Bourgeoisie sich in schäumendem Überschwange brechen wollte, bürgerliche Schriftsteller, die ihren Lessing kannten und liebten, in einen Schrei der Entrüstung ausbrachen. So fragte Xanthippus-Sandvoß, als 1886 bei der Eröffnung der sogenannten

Jubiläums-Kunstausstellung in Berlin die »National-Zeitung« den schnöden Byzantinismus von sich gegeben hatte, »Goethe und Lessing« wüßten »von dem gewaltigen und grundlegenden Einflüsse Friedrichs des Großen auf die deutsche Literatur« zu erzählen: »Müssen wir nicht tagtäglich erleben, wie der Name Lessings im Parteihader unnützlich geführt wird? Fühlt man sich nicht hundertmal aufgelegt, im Interesse der Manen des großen Entschlafenen gegen solchen Mißbrauch Protest einzulegen? Ist es nicht widerlich zu sehen ..., wie Leute, die keine Ahnung von dem hohen deutschen Wahrheitssinne des Mannes, die nur Verständnis für die ordinärste Reklame, das verlogenste Selbstlob und für das haben, was Lessingen selber zu allen Zeiten das gleichgültigste von der Welt war, das eigene Fortkommen, wie solche von ihm reden, als sei er von ihren Leuten einer?«[Anmerkung 2]

Und als im Oktober 1890 das Lessing-Denkmal in Berlin enthüllt wurde durch eine bombastische Festrede des Professors Schmidt und unter dem tönenden Posaunenschalle der Bourgeoispresse, da schrieb die »Kreuz-Zeitung« fast noch beißender: »Wenn der Oberpastor Goeze heute auferstände, wir würden ihm zur Seite stehen. Das wäre unser Recht und unsere Pflicht ... Lessings Aufrichtigkeit fechten wir darum nicht an. Sie erhebt ihn turmhoch über die meisten von denen, die sich in seinem Ruhme spiegeln. Professor Schmidt hätte das bedenken sollen, als er gerade jetzt – die Welt weiß, was gemeint ist – von Lessing rühmte, daß er dem deutschen Schriftstellerstande den Nacken gesteift. Was er erreicht, davon hat der Fall Lindau ein erbauliches Beispiel gegeben! ... Lessing hat auf Erden nie das gesehen, was man Glück zu nennen gewohnt ist, aber nach seinem Tode ist es ihm beschieden: Er brauchte den Tag nicht zu erleben, da man ihm ein Denkmal errichtet hat. Wenn er heute in Berlin wirkte, er würde von denselben Leuten wie Luft behandelt werden, die ihm jetzt, da er in Marmor gekleidet auf uns herniederblickt, nicht Weihrauch genug zu streuen wissen.« Es sei genug an diesen bürgerlichen Zeugnissen für die Tatsache, daß der Lessing-Kultus der Bourgeoisie nicht aus der Gleichheit des Charakters erwächst. Wenden wir uns nunmehr der Frage zu, worin er denn sonst wurzelt?

Vornehmlich in zwei Ursachen. Erstens in Lessings Stellung zur Judenfrage seiner Zeit. Zwar war die damalige Judenfrage eine ganz andere, als die heutige Judenfrage ist, und Lessings Judenfreundschaft hat mit dem heutigen Philosemitismus nicht mehr zu schaffen als die Menschenfreundschaft, jene Lieblingsvorstellung unseres humanitären Zeitalters, mit dem Kapitalismus der Gegenwart. Lessing schützte die Juden, wie er allen Unterdrückten und Verfolgten, mochten sie sonst sein, wie sie wollten – und er hat die Schattenseiten des jüdischen Charakters nie verkannt –, nicht bloß mit Redensarten, sondern auch mit Taten beisprang. In dem letzten Briefe, den er, selbst schon todkrank, an Moses Mendelssohn schrieb, empfahl er diesem seinem würdigsten jüdischen Freunde einen andern jüdischen Freund, der sich in unrühmlichster Weise bekanntgemacht hat, als einen »Unglücklichen« mit den Worten: »Es ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer fehlen lassen. Eigentlich heißt er Alexander Daveson, dieser Emigrant; und daß ihm. unsere Leute auf Verhetzung der Ihrigen sehr häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er will von Ihnen nichts, lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt.« Eine solche Gesinnung ist durch eine Welt unterschieden von dem heutigen Philosemitismus. Aber je länger die Leporellolisten wurden, worauf die Antisemiten die »Aussprüche aller großen deutschen Männer von Luther bis auf Bismarck« gegen die Juden ins Feld führten, um so heftiger warfen sich die kapitalistischen Philosemiten der deutschen Bourgeoisie auf den einen Lessing, der darin größer war als alle großen Männer, daß er über dem Unglück und dem Unrecht stets die Schuld vergaß.

Noch bedeutsamer wurde eine andere Quelle des Lessing-Kultus. Die deutsche Bourgeoisie ahnte schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß sie als ein Spätling in die Weltgeschichte getreten sei und aus eigener Kraft niemals die Herrschaft erobern könne. In dem Gothaertum und dem Nationalverein erklärte sie sich bereit, mit den Bajonetten des preußischen Staats zu teilen. Dagegen ahnte der preußische Staat schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß er seine ostelbische Waldursprünglichkeit ein wenig modernisieren müsse, wenn er das westliche und südliche Deutschland wirklich verspeisen wolle. So entstand nach den freundnachbarlichen Mißverständnissen der Konfliktsjahre das Kompromiß von 1866, aus dem das neue Deutsche Reich hervorging. Aber nun galt es für die deutsche Bourgeoisie, ihre reelle Gegenwart mit ihrer ideellen Vergangenheit auszusöhnen, aus dem Zeitalter unserer klassischen Bildung ein Zeitalter Friedrichs des Großen zu machen. Die Aufgabe war verteufelt schwer. Denn gerade die geborenen Preußen unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums, der Altmärker Winckelmann, der Ostpreuße Herder hatten mit einem Fluch und einem Steinwurf ihre Heimat verlassen; Herders »Reich des Pyrrhus« und gar Winckelmanns »Schinder der Völker« spotteten jeder Mohrenwäsche. Der einzige Sündenbock, der diesem ideologischen Bedürfnisse der Bourgeoisie geschlachtet werden konnte, war Lessing. Er, der geborene Sachse, hatte einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner schaffenden Zeit freiwillig in Preußen verlebt; ein halbes Jahrzehnt lang war er der Sekretär eines preußischen Generals gewesen, noch dazu im Siebenjährigen Kriege; er hatte ein preußisches Soldatenstück geschrieben; die Berliner Aufklärer waren seine ältesten Freunde. König Friedrich hatte sich um Lessing zwar nicht gekümmert, oder er hatte ihn gar mißhandelt, allein in der Nacht jener glücklichen Unwissenheit, worin alle Katzen grau sind, waren die »geistesbefreienden« Tendenzen beider Männer doch die gleichen; ja, wenn Lessing wirklich von Friedrich mißhandelt worden war, so gab er dadurch, daß er der »Gerechtigkeit« des Königs in dem »schönsten deutschen Lustspiel« ein »ewiges Denkmal« setzte, nur ein um so leuchtenderes Muster deutscher Untertanentreue.

So entstand der Lessing-Kultus der Bourgeoisie, und aus ihm die Lessing-Legende. Nicht als ob damit gesagt sein sollte, daß diese Legende auf einer absichtlichen und planmäßigen Fälschung beruhte. So entstehen historische Legenden niemals; wenigstens soweit sie eine gewisse Kraft und Zähigkeit entwickeln, sind sie immer nur der ideologische Überbau einer ökonomisch-politischen Entwicklung. Vor einer flachen und rohen Auffassung der Lessing-Legende schützt schon die Tatsache, daß kein Geringerer als Goethe ihren ersten Keim gepflanzt hat, daß revolutionäre Köpfe wie Lassalle ihrem Einfluß bis zu einem gewissen Grade unterlegen sind. Wir sind weit entfernt, den Lessing-Biographen und Lessing-Forschern den Vorwurf der bewußten Fälschung zu machen. Das wäre eine ganz sinnlose Verdächtigung nicht nur gegenüber den Lebenden, sondern namentlich auch gegenüber den Toten, die, wie ein Danzel und ein Lachmann, von dem echtesten und ehrenwertesten Gelehrtenfleiße beseelt gewesen sind. Ja, wir sprechen nicht einmal den armen Schluckern vom »Berliner Tageblatt« und von der »National-Zeitung« den guten Glauben ab, wenn sie sich für Lessinge halten oder sich einbilden, daß Gotthold Ephraim, wie Sandvoß es ausdrückt, »einer von ihren Leuten« gewesen sei. Auch ihnen kommt Lessings schönes Wort zugute, es sei nicht wahr, aus keinem geringeren Grunde, als weil es nicht möglich sei, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe. Aber so scharf immer die subjektive Fälschung ausgeschlossen sein mag, so völlig unbestreitbar ist es, daß die objektive Fälschung der Lessing-Legende das Bild dieses edlen und tapferen Mannes immer mehr zu einer häßlichen Fratze verunstaltet. Ein Revolutionsgenie sei Lessing, so schrieb Gervinus in den dreißiger Jahren.[3]

Und in den sechziger Jahren schrieb Treitschke: ein Reformator, wie der maßvollen Natur des Künstlers geziemt, nicht ein Revolutionär.[4] Und in den neunziger Jahren schreibt Erich Schmidt: kein Reformator, sondern ein Reformer, ein Liberaler, ein »schneidiger, aggressiver Berliner« (Reserveleutnant?).[5] Und sollte nach dreißig Jahren die kapitalistische Gesellschaft noch auf ihren Füßen stehen, so wird der alsdann »aktuellste« Lessing-Forscher wohl erklären: kein Reformer, sondern ein Nichts-als-Freihändler! Das ist so wenig übertrieben, daß der negative Beweis für diese Behauptung sogar schon geliefert und Lessing als Sozialistentöter enthüllt worden ist.[6]

Eine kritische Zergliederung der Lessing-Legende ist der Zweck der vorliegenden Arbeit. Gewiß, es wäre die gründlichste Rettung Lessings aus den Philisternetzen der Bourgeoisie, wenn die strahlende Hoheit seines Lebens und seines Lebenswerks in einer positiven Darstellung widergespiegelt würde. Allein eine solche Darstellung ist erst möglich, wenn das achtzehnte Jahrhundert aus dem ideologischen Fabeln- und Märchenwuste herausgeschält und auf seine ökonomischen Füße gestellt sein wird. Dann wird eine Geschichte unserer klassischen Literatur, die in ihren bürgerlichen Formen nichts als ein verworrenes Durcheinander von mehr oder minder geistreichen Ansichten, Meinungen und Mutmaßungen ist, überhaupt erst möglich sein. Einstweilen muß eine Rettung Lessings in jenem bescheidenen Sinne genügen, den er selbst mit den Worten verband: »Ich kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz, alles das im moralischen Verstande zu tun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildersaal anvertrauet ist, physisch verrichtet.« Immerhin: Da eine Rettung Lessings auch in diesem beschränkten Sinne nicht möglich ist ohne eine Reihe von Abschweifungen in das literarische und soziale, militärische und politische Leben des achtzehnten Jahrhunderts, so gelingt es vielleicht doch, in der kritischen Auflösung des bourgeoisen Lessing-Zerrbildes die allgemeinen Grundzüge des wahren Lessing-Bildes wenigstens durchscheinen zu lassen.

II. Der Keim der Lessing-Legende

Der erste Keim der Lessing-Legende findet sich in Goethes »Sprüchen in Prosa«. Es sind ihrer etwas über tausend; Abfälle aus der Gedankenwerkstatt des alternden und des alten Dichters, Eigenes und Angeeignetes, Ethisches, Kunst, Natur, dem Stoffe nach so verschieden wie dem Werte nach. Manches Tiefsinnige und Weltweite; selbst schon ein Anflug von ökonomischer Dialektik, wie im Spruch 305: »Innungszwang und Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu mäßigen, daß er ohne Untergang der einen Seite sich ins Gleiche stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint es auch nicht zu wollen.« Dann wieder in Spruch 466 das Bekenntnis einer schönen Seele: »So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens«, oder in Spruch 638 der orphisch dunkle Satz: »In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand Vernunft, weil, vis-à-vis des Verstandes, es der Vernunft Höchstes ist, den Verstand unerbittlich zu machen.« Mitten darin aber als Keim der Lessing-Legende der Spruch 514: »Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, daß verdroß die Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.« Wonach denn unsere klassische Literatur nichts anderes wäre als eine Empörung des beschränkten Untertanenverstandes gegen schlechte Behandlung durch den König von Preußen.[Anmerkung 3]

Breiter ausgeführt findet sich derselbe Gedanke im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit«. Die »berühmte Stelle« ist unzählige Male nachgedruckt worden, aber da ihre erschöpfende Kritik die genaue Kenntnis ihres Wortlauts zur Voraussetzung hat, so muß sie hier noch einmal wiedergegeben werden. Goethe schildert den Zustand der deutschen Literatur, wie er ihn im Herbste von 1765 bei seiner Übersiedlung auf die Hochschule von Leipzig als sechzehnjähriger Jüngling vorfand, und schließt diese nach seinem sechzigsten Lebensjahre geschriebene Übersicht wie folgt:

»Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Taten des Siebenjährigen Kriegs in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für einen Mann stehen. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und teilen und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Teilnahme derselben entziehen. In diesem Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopöe besitzen, wozu nicht gerade die Form des epischen Gedichts notwendig ist.

Die Kriegslieder, von Gleim angestimmt, behaupten deswegen einen so hohen Rang unter den deutschen Gedichten, weil sie mit und in der Tat entsprungen sind, und noch überdies, weil an ihnen die glückliche Form, als hätte sie ein Mitstreitender in den höchsten Augenblicken hervorgebracht, uns die vollkommenste Wirksamkeit empfinden läßt.

Ramler singt auf eine andere, höchst würdige Weise die Taten seines Königs. Alle seine Gedichte sind gehaltvoll, beschäftigen uns mit großen, herzerhebenden Gegenständen und behaupten schon dadurch einen unzerstörlichen Wert.

Denn der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst. Man wird zwar nicht leugnen, daß das Genie, das ausgebildete Kunsttalent durch Behandlung aus allem alles machen und den widerspenstigsten Stoff bezwingen könne. Genau besehen entsteht aber alsdann immer mehr ein Kunststück als ein Kunstwerk, welches auf einem würdigen Gegenstande ruhen soll, damit uns zuletzt die Behandlung durch Geschick, Mühe und Fleiß die Würde des Stoffes nur desto glücklicher und herrlicher entgegenbringe.

Die Preußen und mit ihnen das protestantische Deutschland gewannen also für ihre Literatur einen Schatz, welcher der Gegenpartei fehlte und dessen Mangel sie durch keine nachherige Bemühung hat ersetzen können. An dem großen Begriff, den die preußischen Schriftsteller von ihrem König hegen durften, bauten sie sich erst heran, und um desto eifriger, als derjenige, in dessen Namen sie alles taten, ein für allemal nichts von ihnen wissen wollte. Schon früher war durch die französische Kolonie, nachher durch die Vorliebe des Königs für die Bildung dieser Nation und für ihre Finanzanstalten eine Masse französischer Kultur nach Preußen gekommen, welche den Deutschen höchst förderlich ward, indem sie dadurch zu Widerspruch und Widerstreben aufgestachelt wurden; ebenso war die Abneigung Friedrichs gegen das Deutsche für die Bildung des Literarwesens ein Glück. Man tat alles, um sich von dem König bemerken zu machen, nicht etwa um von ihm geachtet, sondern nur beachtet zu werden; aber man tat's auf deutsche Weise, nach innerer Überzeugung, man tat, was man für recht erkannte, und wünschte und wollte, daß der König dieses deutsche Rechte anerkennen und schätzen solle. Dies geschah nicht und konnte nicht geschehen; denn wie kann man von einem König, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzuspät entwickelt und genießbar zu sehen? In Handwerks- und Fabriksachen mochte er wohl sich, besonders aber seinem Volke statt fremder, vortrefflicher Waren sehr mäßige Surrogate aufdrängen; aber hier geht alles geschwinder zur Vollkommenheit, und es braucht kein Menschenleben, um solche Dinge zur Reife zu bringen.

Eines Werks aber, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt muß ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen: Es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm. Lessing, der im Gegensatze von Klopstock und Gleim die persönliche Würde gern wegwarf, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können, gefiel sich in einem zerstreuten Wirtshaus- und Weltleben, da er gegen sein mächtig arbeitendes Innere stets ein gewaltiges Gegengewicht brauchte, und so hatte er sich auch in das Gefolge des Generals Tauentzien begeben. Man erkennt leicht, wie genanntes Stück zwischen Krieg und Frieden, Haß und Neigung erzeugt ist. Diese Produktion war es, die den Blick in eine höhere, bedeutendere Welt aus der literarischen und bürgerlichen, in welcher sich die Dichtkunst bisher bewegt hatte, glücklich eröffnete.

Die gehässige Spannung, in welcher Preußen und Sachsen sich während dieses Krieges gegeneinander befanden, konnte durch die Beendigung desselben nicht aufgehoben werden. Der Sachse fühlte nun erst recht schmerzlich die Wunden, die ihm der überstolz gewordene Preuße geschlagen hatte. Durch den politischen Frieden konnte der Friede zwischen den Gemütern nicht sogleich hergestellt werden. Dieses aber sollte gedachtes Schauspiel im Bilde bewirken. Die Anmut und Liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den Wert, die Würde, den Starrsinn der Preußen, und sowohl an den Hauptpersonen als den Subalternen wird eine glückliche Vereinigung bizarrer und widerstrebender Elemente kunstgemäß dargestellt.«

Soweit die »berühmte Stelle«, das klassische Zeugnis, woraufhin die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker das »Zeitalter Friedrichs des Großen« als fünftes an das Zeitalter des Perikles, des Augustus, der Mediceer und Ludwigs XIV. reihen. Aber es fehlt noch die Nutzanwendung, die aus guten Gründen weggelassen zu werden pflegt. Unmittelbar nach jenen Sätzen fährt nämlich Goethe fort: »Habe ich durch diese kursorischen und desultorischen Bemerkungen über deutsche Literatur meine Leser in einige Verwirrung gesetzt, so ist es mir geglückt, eine Vorstellung von jenem chaotischen Zustande zu geben, in welchem sich mein armes Gehirn befand«, und schildert dann als seine Rettung aus »dieser Not« weiter »diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen ... Alles, was daher von mir bekanntgeworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist.« Wonach denn also »genau besehen« Goethes ganze Dichtung »mehr ein Kunststück« ist, verglichen nämlich mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« von Gedichten, in denen Ramler den König Friedrich besang.

Um aber noch ein wenig mehr Licht auf die »berühmte Stelle« fallen zu lassen, schlagen wir im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit« um fünfzehn Seiten zurück. Hier spricht Goethe von einem gewissen König, der die Stelle eines Dresdener Hofpoeten mit »Würde und Beifall« bekleidete und ein großes Gedicht auf ein Hoflager Augusts des Starken (mit den 354 natürlichen Kindern) verfertigte. Goethe sagt da:

»In allen souveränen Staaten kommt der Gehalt für die Dichtkunst von oben herunter, und vielleicht war das Lustlager von Mühlberg der erste würdige, wo nicht nationelle, doch provinzielle Gegenstand, der vor einem Dichter auftrat. Zwei Könige, die sich in Gegenwart eines großen Heers begrüßen, ihr sämtlicher Hof- und Kriegsstaat um sie her, wohlgehaltene Truppen, ein Scheinkrieg, Feste aller Art: Beschäftigung genug für den äußeren Sinn und überfließender Stoff für schildernde und beschreibende Poesie.

Freilich hatte dieser Gegenstand einen inneren Mangel, eben daß es nur Prunk und Schein war, aus dem keine Tat hervortreten konnte. Niemand außer den Ersten machte sich bemerkbar, und wenn es ja geschehen wäre, durfte der Dichter den einen nicht hervorheben, um andere nicht zu verletzen. Er mußte den Hof- und Staatskalender zu Rate ziehen, und die Zeichnung der Personen lief daher ziemlich trocken ab; ja, schon die Zeitgenossen machten ihm den Vorwurf, er habe die Pferde besser geschildert als die Menschen. Sollte dies aber nicht gerade zu seinem Lobe gereichen, daß er seine Kunst gleich da bewies, wo sich ein Gegenstand für dieselbe darbot? Auch scheint die Hauptschwierigkeit sich ihm bald offenbart zu haben; denn das Gedicht hat sich nicht über den ersten Gesang hinaus erstreckt.«

Und indem Goethe den Zweifel Breitingers erwähnt, ob Königs Gedicht wirklich ein Gedicht sei, fügt er hinzu, daß Breitinger in seiner »Kritischen Dichtkunst«, »von einem falschen Punkte ausgehend, nach beinahe schon durchlaufenem Kreise doch noch auf die Hauptsache stößt und die Darstellung der Sitten, Charaktere,

Leidenschaften, kurz, des inneren Menschen, auf den die Dichtkunst doch wohl vorzüglich angewiesen ist, am Ende seines Buches gleichsam als Zugabe anzuraten sich genötigt findet«. Also auch hier derselbe Widerspruch wie bei der »berühmten Stelle«; der erste würdige Gehalt für die Dichtkunst kommt von den »Königen«, kommt »von oben herunter«, aber die »Hauptsache« ist doch der »innere Mensch«, sind »Sitten, Charaktere, Leidenschaften«.

Aber nicht nur deshalb gleiten die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker über diese »nationelle« Stelle in »Dichtung und Wahrheit« fort. Noch schwerer liegt ihnen das »Lustlager von Mühlberg« im Magen als ein wenn nicht ganz, doch beinahe so würdiger Gegenstand der deutschen Dichtung wie der Siebenjährige Krieg. Das Lager von Radewitz, wie es in den alten Geschichtsbüchern gewöhnlich heißt, gehörte zu den kostspieligsten Sultanslaunen Augusts des Starken; das sächsische Heer von dreißigtausend Mann war zusammengezogen, um einen vollen Monat hindurch – Juni 1750 – einen lustigen Krieg zu führen; die schwelgerische Bewirtung der zahllosen Gäste, von denen der König von Preußen und der Kronprinz Friedrich die vornehmsten waren, verschlang solche Unsummen, daß sie selbst in jener Zeit ein gewisses peinliches Aufsehen erregten. Wenn Goethe in diesem Lustlager einen ersten Sporn der nationalen Poesie erblickte, so sieht es mit dem sei es auch »höheren Lebensgehalte«, den ihr der Siebenjährige Krieg gebracht haben soll, allerdings bedenklich aus.[Anmerkung 4]

Schließlich sei kurz erwähnt, was Goethe über Gleim und Ramler sonst noch in »Dichtung und Wahrheit« zu sagen hat: auf die Beziehungen von Lessings Minna zum Siebenjährigen Kriege müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Zehn Seiten vor der »berühmten Stelle« lesen wir: »Gleim, weitschweifig, behagelich von Natur, wird kaum einmal konzis in den Kriegsliedern. Ramler ist eigentlich mehr Kritiker als Poet.« Drei Seiten weiter wird Gleim mit den Worten gestreift: »Das anakreontische Gegängel ließ unzählige mittelmäßige Köpfe im breiten herumschwanken.« Und endlich, allerdings erst im zehnten Buche, lobt Goethe die schöne Verwendung, die Gleim von seinem reichen Einkommen machte, und fügt hinzu: »Er gewann sich so viele Freunde, Schuldner und Abhängige, daß man ihm seine breite Poesie gern gelten ließ, weil man ihm für die reichlichen Wohltaten nichts zu erwidern vermochte als Duldung seiner Gedichte.« Anderes übergehen wir.[7]

Denn der Leser wird wohl an den vorstehenden Zitaten schon genug haben. Gleichwohl ließen sie sich nicht umgehen, wenn die »berühmte Stelle«, die als ein versteinerndes Dogma die bürgerliche Literaturgeschichte beherrscht, einmal in ihre wirklichen Atome aufgelöst werden soll. Der von Fichte schon geschilderte »reine Leser«, der nicht mehr die Bücher selbst, sondern nur über die Bücher liest, steht heute ja in vollster Pracht; läse unsere bürgerliche Welt ihren Weltdichter wirklich und schwätzte sie nicht bloß nach Anleitung ihrer modischen Literaturhistoriker über ihn, so hätte jenes Dogma niemals entstehen können. Gerade im nächsten Zusammenhange mit der »berühmten Stelle« sagt Goethe selbst, als was er sein »Büchlein« betrachtet wissen will, als ein Stück seiner »Konfession«. Ein mehr als sechzigjähriger Greis erzählt, was ein sechzehnjähriger Jüngling gedacht, gefühlt, geträumt hat. Und wo ihm die »schwankenden Gestalten« wieder nahen, »die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, da fühlt sein Busen sich »jugendlich erschüttert vom Zauberhauch, der ihren Zug umwittert«; wo ihm »die Bilder froher Tage und manche liebe Schatten« aufsteigen, da quillt sein »Büchlein« von lauterer Weisheit, da fallen die tiefsten Blicke in Herz und Welt. Aber ein herzoglich weimarischer Geheimrat kann doch nicht mehr ganz so denken, fühlen und träumen wie der genialste Jüngling des achtzehnten Jahrhunderts; auch ein Goethe lebte nicht ungestraft mehr als ein Menschenalter in dem kleinstädtischen Hofleben einer deutschen Winkelresidenz. Da wird ihm gar manches »bedeutend«, was für sein Geistesleben niemals bedeutend gewesen ist: August der Starke und das Lustlager von Mühlberg, Friedrich der Große und der Siebenjährige Krieg; es fehlt nur noch Napoleon und der russische Feldzug. Oder vielmehr: Sie fehlen nicht. Denn zur Zeit, wo das siebente Buch von »Dichtung und Wahrheit« entstand, im Juli 1812, als sich die napoleonischen Heersäulen auf den Njemen zu wälzten und ganz Europa in der Ahnung eines drohenden Weltuntergangs erbebte, sang Goethe gelassen an »Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät«:

»Nun steht das Reich gesichert wie geründet,

Nun fühlt Er froh im Sohne sich gegründet«,

und als Schlußvers:

»Der alles wollen kann, will auch den Frieden.«[8]

Bei alledem aber: Auch in seinen höfisch-philiströsen Stimmungen blieb Goethe doch noch immer Goethe, war er noch immer ganz etwas anderes, als die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker aus ihm machen möchten. Selbst in der »berühmten Stelle« – eine wie tiefe Menschenkenntnis bekundet er in dem Worte von Lessings Wegwerfen und Wiederaufnehmen der persönlichen Würde! Es gehört zu dem Treffendsten, was je über Lessing gesagt worden ist, und deckt sich in wunderbarer Weise mit einem Gedichte von Lessing, das erst nach Goethes Tode wiederaufgefunden worden ist, mit dem Gedicht Ich, dessen Schlußzeilen lauten:

»Wie lange währt's, so bin ich hin

Und einer Nachwelt untern Füßen;

Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?

Weiß ich nur, wer ich bin.«

Und ferner: Wenn man liest, daß Goethe dem Dresdener Hofpoeten die glücklichere Schilderung der Gäule als der Menschen »gerade zum Lobe« anrechnet, wenn man liest, daß Goethe den preußischen König verteidigt, weil Friedrich, wie man heute sagen würde, den nationalen Gedanken in Gestalt schofler Fabrikware – »billig und schlecht« heißt's ja wohl heutzutage – noch geehrt, aber die deutsche Literatur nicht einmal dieser Pflege für wert erachtet, sondern die Deutschen rein als Kanaillen behandelt habe, damit sie aus lauter Widerspruchsgeist große Denker und Dichter würden, wenn man dies alles mit einfachem, gesundem Menschenverstande liest und dann einen Blick auf den alexandrinischen Notenkram und die byzantinischen Kommentare wirft, die über die »berühmte Stelle« aufgehäuft sind, möchte man dann nicht mit dem alten Baron im Münchhausen sagen: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Das ist ja die blanke, pure Gottessatire?« Aber so sind unsere Schulmeister. Statt wenigstens so viel zu sehen, daß Goethe sowohl von dem Lustlager von Mühlberg wie von dem Siebenjährigen Kriege auf die »Sitten, Leidenschaften, Charaktere« des »inneren Menschen«, der »bürgerlichen Welt« als die »Hauptsache« der damaligen Dichtung im allgemeinen und seiner Dichtung im besonderen zurückkehrt, daß er also von unserer klassischen Literatur nach einigen krausen Schnörkeln eben das sagt, was Schiller schon in die Worte gekleidet hatte: Selbst erschuf sie sich den Wert, statt den höchsten Ruhmestitel des deutschen Bürgertums hervorzuheben und unsertwegen auch mit ihm zu prahlen, den Ruhmestitel, daß die bürgerlichen Klassen des achtzehnten Jahrhunderts, so gedrückt und geschunden, so verarmt und verzopft sie in Deutschland waren, doch noch Kerle wie Lessing, Herder, Goethe, Schiller und wie viele andere noch! aus sich hervorgebracht haben, statt dessen hängen sich unsere literarischen Schulmeister an das Zöpfchen von Goethe, um sich von da an den Zopf Friedrichs schwingen und an diesem ihre loyalen Turnkünste zeigen zu können.

Und wenn ihnen ja eine Ahnung aufdämmert, daß sie sich auf einem Holzwege befinden, so verlaufen sie sich erst recht. So orakelt Herr Grisebach in seiner Biographie Bürgers, mit dem staatlichen Aufblühen Preußens unter Friedrich dem Großen hebe naturgemäß auch eine neue Epoche der deutschen Literatur an; er zitiert dann einige Sätze aus der »berühmten Stelle«, fügt aber hinzu: »Nur hätte Goethe nicht Gleims und Ramlers politische Reimereien sowie den als Dichter so unglaublich überschätzten Lessing, der sich selbst weit richtiger taxierte, als Beweis des Neuen anführen sollen.« Schade, daß Herr Grisebach nicht mehr den alten Olympier selbst deshalb stellen konnte. Auf diesen vorwitzigen Einwand würde Goethe wohl aus seiner »bedeutenden« Redeweise gefallen und mit dem Gemeinplatze herausgefahren sein: Mein Lieber, woher nehmen und nicht stehlen?[Anmerkung 5]

Denn wenn schon ein Einfluß Friedrichs und des Siebenjährigen Krieges auf die deutsche Literatur nachgewiesen werden soll, so hat Goethe allerdings dasjenige herausgegriffen, was menschenmöglicherweise in diesem Sinne verwertet werden kann; Lessings Minna verherrlicht den Siebenjährigen Krieg zwar nicht und gewinnt auch nicht ihren »höheren Lebensgehalt« aus ihm, aber sie bezieht sich wenigstens auf ihn. Ramler war zwar schon vor sechzig Jahren, wie damals Platen von ihm sang, »längst in Gott verstorben«, aber als er lebte, besang er allerdings den König Friedrich. Und endlich zeichnen sich Gleims Kriegslieder vor seiner sonstigen läppischen Poesie bis zu einem gewissen Grade immerhin aus. Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Nachdem er ihn bald ein halbes Jahrhundert angesungen hatte, wurde ihm das Glück kurz vor Friedrichs Ende noch zuteil, und Gleims poetischer Bericht darüber möge hier eine Stelle finden:

»Der König und Gleim

zu Potsdam, den 22. Dezember 1785

Wie heißt der Domdechant? v. Hardenberg.

Macht der auch Verse? Mehr als ich!

Macht er sie auch so gut als Er?

Ich glaube nein: Man schmeichelt sich

Am liebsten selbst.

Da hat Er recht! die Brüder

Im heiligen Apoll, die harmonieren nicht.

Wir harmonieren sehr, denn er macht Kirchenlieder,

Ich nicht, und keiner spricht

Von seinen Versen.

Das ist besser,

Als wenn ihr's tätet! Aber sagt:

Ist Wieland groß, ist Klopstock größer?

Der, Sire! wäre stolz, der's zu entscheiden wagt.

Er ist nicht stolz? Ich bin's in diesem Augenblick,

Sonst eben nicht.

Er geht nach Halberstadt zurück,

Ins hochgelobte Mutterland?

Ja, Ihro Majestät!

Grüß Er den Domdechant!«[9]

Das wäre so die einzige Stelle, worauf sich ein literarisches Zeitalter »Friedrichs des Großen« bauen ließe. Aber ach! sie ist bei den bürgerlich-preußischen Literarhistorikern gar nicht »berühmt«.

III. Heine, Gervinus, Danzel über Lessing

Seit dem Erscheinen von »Dichtung und Wahrheit« (im Jahre 1815) ist kaum eine Arbeit über Lessing veröffentlicht worden, in welche die »berühmte Stelle« nicht mehr oder weniger ihre verdüsternden Schatten geworfen hätte. Mit einer allerdings glänzenden Ausnahme: Heinrich Heine bedurfte dieses verzerrenden Spiegels nicht, um zu erkennen, wer Lessing war und was sein Wirken für das deutsche Volk bedeutete. Ebendeshalb gehört das, was er über Lessing zu sagen hatte, eigentlich nicht in die Geschichte der Lessing-Legende. Gleichwohl muß es an dieser Stelle berührt werden. Denn soweit ab sich die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker von Heines richtiger Spur entfernt haben, sowenig verschmähen sie es, einzelne Prachtworte von Heine über Lessing sich anzueignen und als Fettaugen in ihre mageren Brühen zu verpflanzen. So das Wort von Lessings Witz, der kein kleines französisches Windhündchen sei, das seinem eigenen Schatten nachlaufe, sondern vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spiele, ehe er sie würge; so den noch berühmteren Vergleich von den winzigen Schriftstellerlein, die Lessing mit dem geistreichsten Spotte, mit dem köstlichsten Humor gleichsam umsponnen habe und in seinen Werken nun für ewige Zeiten erhalte wie Insekten, die sich in einem Stück Bernstein verfangen.

Nicht aber in diesen einzelnen Worten, so blendend und so wahr sie namentlich auch sind, liegt die Bedeutung dessen, was Heine über Lessing zu sagen hat. Und wenn sie aus dem Zusammenhange gerissen werden, so daß der Schein entsteht, als habe Heine nur über die literarische Kunst Lessings ein paar vortreffliche Beobachtungen gemacht, so ist das freilich auch ein Stück Lessing-Legende. Herrn Erich Schmidts kahle und schiefe Bemerkung: »Selbst ein Spötter wie Heine wird pathetisch, wenn er Luther und Lessing nennt, unsern Stolz und unsere Wonne«, macht gleichmäßig aus Heine wie aus Lessing einen »toten Hund«. Die Aufsätze »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland« sind vielmehr eine geschichtsphilosophische Leistung voll so genialer Rück- und Vorblicke, wie ihrer im Jahre 1834 eben nur Heinrich Heine fähig war. Heine erkennt in unserer klassischen Literatur den beginnenden Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen in Deutschland, der sich wegen der »bleiern deutschesten Schlafsucht« oder mit andern Worten: der ökonomischen und politischen Rückständigkeit dieser Klassen, wegen der »brutalen Ruhe in ganz Germanien« erst durch ihre geistig vorgeschrittensten Elemente in den Ätherhöhen der Idee vollziehen konnte. »Der einsamste Autor, der in irgendeinem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm Teil an dieser Bewegung; fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale Bedeutung und sprach sie aus in seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemuscheln, welche wir zuweilen als Zierat auf unsere Kamine stellen und die, wenn sie auch noch so weit vom Meer entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küsten heranwogen.« Und was noch weit mehr ist: Obgleich gerade, als diese Zeilen geschrieben wurden, das deutsche Bürgertum seine Lenden zu gürten schien, um auf politischem Gebiete nachzuholen, was seine großen Denker und Dichter auf geistigem Gebiete längst vollbracht hatten, so blickte Heine ihm doch schon in Herz und Nieren. Und da sah er, daß der »Freiheitssinn« im Gegensatze zu der klassischen Epoche »unter den Gelehrten, Dichtern und sonstigen Literaten viel minder« als »in der großen, aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten sich ausspricht« oder, wie er es in einem zehn Jahre später geschriebenen Nachtrage zu diesen Aufsätzen ausdrückt, daß »der Kommunismus sich durch ganz Deutschland verbreitet« und daß »die Proletarier in ihrem Ankampfe gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister, die großen Philosophen, als Führer besitzen«. So Heine 1834 und 1844![Anmerkung 6]

Es ist richtig: Der Nebel ideologischer Auffassung liegt auch noch über Heines Darstellung, wie es für seine Zeit ja auch gar nicht anders sein konnte, aber er wird überall von dichterischen Seherblicken wie von leuchtenden Sonnenstrahlen zerteilt. Und so feiert Heine in Lessing nicht sowohl den Dichter, den Gelehrten, den Kritiker, als den Charakter, den Mann, den Bahnbrecher und den Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen. Die Kunst war für Lessing eine Tribüne, worauf er zum Volke sprach. Seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, die große Art seines Seins stießen unversöhnlich zusammen mit der Philisterhaftigkeit, mit der lächelnden Schlechtigkeit und der prunkenden Gemeinheit seiner Umgebung; er stand in schauriger Einsamkeit unter seinen Zeitgenossen, von denen ihn einige liebten, aber keiner verstand; sein Ekel an der Wirklichkeit der deutschen Dinge trieb ihn ins Schauspielhaus oder gar ins Spielhaus. Sein ganzes Leben war Kampf, und alle seine Schriften haben eine soziale Bedeutung. In solchen Sätzen schimmert die Bedeutung von Lessings Lebenswerke nicht als einer ästhetischen oder künstlerischen, einer philosophischen oder theologischen, sondern einer sozialen Tat hervor, und eben dies erklärt die echte Wärme des Tones, womit Heine vor allen andern Trägern unserer klassischen Literatur gerade von Lessing spricht.

Einer oberflächlichen Betrachtung mag diese Wärme freilich als »pathetisch« erscheinen. Es ist ja keine Frage: Als Dichter steht Lessing hinter Goethe und Schiller, als Kunstforscher hinter Winckelmann, als Philosoph hinter Kant, als Psycholog hinter Herder, als Philolog hinter Reiske oder Ruhnken zurück. Auch bezeichnet es mehr das Schwert als den Mann, mehr die Form als das Wesen seines Geistes, wenn Macaulay ihn den »ersten Kritiker Europas« nennt. Denn die Kritik war nur das Werkzeug, womit Lessing in den weitesten Bereichen des deutschen Geisteslebens aufräumte. Was er zur tatsächlichen Geltung bringen wollte, das war jenes bürgerliche Selbstbewußtsein, welches er in ungleich höherem Grade besaß als seine Mitlebenden und namentlich auch seine Mitstrebenden, ja in weit höherem Grade, als es die bürgerlichen Klassen nach ihm in hundert Jahren irgend zu erreichen gewußt haben. Er hat als ein einzelner den trägen Widerstand der ökonomisch und politisch gebundenen Masse nicht überwunden, nicht überwinden können; von seinen Jünglingsjahren an warf er sich ruhelos umher, bald hinter den Kulissen, bald als »Zeitungsschreiber bei einem Buchführer«, bald im Kriegslager, bald im Buchladen und dann wieder hinter den Kulissen, ohne sich eine bürgerlich unabhängige Stellung gründen zu können. Bis ihn dann endlich, als er eben den deutschen Staub von seinen Füßen zu schütteln und als ein hungernder Derwisch in die Ferne zu schweifen gedachte, das Unglück einer geliebten Frau in den hölzernen Käfig trieb, den ihm ein ehrgeiziger Duodezdespot in seiner Bibliothek geöffnet hatte. Und das Martyrium seines letzten Lebensjahrzehnts – wie sticht es, erhebend zugleich und erschütternd, von der dämmernden Behaglichkeit ab, in der an einem anderen Duodezhöflein Herder vergrämelte und Goethe verphilisterte! Lessing hatte den deutschen Philister ganz und gar ausgezogen; das gibt ihm die einzige Stellung in unserer klassischen Literatur, und insofern war er der verwegenste Revolutionär, den die bürgerliche Welt in Deutschland hervorgebracht hat bis auf die Börne und Heine, die Marx und Engels, die auch erst im Auslande das werden konnten, was sie geworden sind.

Und so erklärt es sich leicht, daß ein wenigstens in den allgemeinsten Zügen zutreffendes Bild seines Wesens in den einzigen großen Versuch fiel, den die bürgerliche Wissenschaft gemacht hat, um den ideellen Gehalt der klassischen Literatur in die politischen Kämpfe ihrer Klasse aufzunehmen: in die »Geschichte der deutschen Dichtung« von Gervinus, deren erster Band ein Jahr nach jenen Aufsätzen von Heine erschien. Gervinus wollte den Zusammenhang der klassischen Dichtung mit dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben nachweisen; er suchte zu schildern, wie unsere großen Dichterwerke »aus der Zeit, aus deren Ideen, Bestrebungen und Schicksalen« entstanden seien, und er beabsichtigte damit, »den übungsbedürftigen und schafflustigen Geist des Volkes aus den Regionen der Ideen und Ideale auf das praktische, politische Gebiet überzuführen«. Und wenn ihm oft – es muß hier dahingestellt bleiben, ob mit Recht oder Unrecht – der Vorwurf gemacht worden ist, daß er den Lorbeerkranz Goethes und Schillers allzu einseitig zerzaust habe, so ist er in richtigem Instinkte seinem Lessing mit geringerem Verständnisse, aber kaum mit geringerer Liebe zugetan als Heine. Lessing ist ihm »der eigentliche Beschwörer des jungen Geistes, der Deutschland erneute«; Lessing stellt »in allen Teilen« den revolutionären Charakter der klassischen Literatur dar, und wie treffend wird der Kampf seines Lebens noch von Gervinus geschildert in den Worten: »Wenn man seinem unsteten Leben folgt, so schlösse man leicht auf einen unruhigen Menschen, dem es nirgends wohl war als auf der Straße, aber sieht man näher zu, so war das Ganze seiner menschlichen Charakterbildung notwendig in dieser Eigenheit bedingt, und durch alle seine Kreuz- und Querzüge schlingt sich ein roter Faden hindurch. Es ist die ewige Widersetzlichkeit gegen den faulen Schlendrian der deutschen Kleinmeisterei und die Armseligkeit des deutschen Gelehrtenlebens, das fortwährende Ringen eines freien Geistes gegen die vielfachen Hemmnisse der herkömmlichen Verhältnisse und Bildung.« Es sei gestattet, gleich danebenzustellen, was Herr Erich Schmidt über das gleiche Problem zu sagen hat. Zunächst orakelt er von Lessings »dämonischer(!) Rastlosigkeit«. Dann behauptet er, Lessing sei durch das »Elend« des »innerlich heruntergekommenen« Vaters der »seinem Leben und Wirken eigentümlichen Hast in die Arme« geworfen, »welche in keiner Lage, an keinem Orte, bei keiner Beschäftigung ruhig und geduldig verweilen mag«. Endlich wird als Ursache dafür, daß Lessing »nie bei der Stange« blieb, angegeben seine »Unfähigkeit, eine umfassende Arbeit reinlich abzuschließen«. Ja, für die sauberen Herren, die mit ihren dicken Folianten voll Loyalität und Patriotismus niemals den richtigen Ab- und Anschluß verfehlen, war Lessing ein ganz unreinlicher Trödelhans.[Anmerkung 7]

Mag nun aber auch gegenüber den heutigen Literarhistorikern Gervinus wie ein Riese dastehen, so ist seine Würdigung Lessings doch schon ein beträchtlicher Rückschritt hinter die Auffassung Heines. In Gervinus steckte ein gutes Stück Philister; er überhäufte Börne und Heine mit gehässigen Schmähungen, um sich selbst auf den Atta Troll der Gesinnung und Sittlichkeit hinauszuspielen.[10]

So trägt er in Lessing manches hinein, wovon dessen freie Seele nichts gewußt hat; der kriegerische Ton der Literaturbriefe, ihr eroberndes Ungestüm soll von den Einwirkungen des Siebenjährigen Krieges »nicht frei« sein! In diesem Zusammenhange wird denn auch Goethes »berühmte Stelle« angezogen und die »schlagartige Wirkung« jenes Krieges auf das geistige Leben in Deutschland gepriesen. Ja, in einem umfangreichen Kapitel schildert Gervinus »Preußens Teilnahme an der poetischen Literatur«, wobei Gleim und Ramler als Chorführer mit einem höchst seltsamen Gefolge fragwürdiger Gestalten aufmarschieren. Gleichwohl ist das bürgerliche Bewußtsein in Gervinus doch noch trotz aller philisterhaften und professoralen Verschnörkelung viel zu lebendig, als daß er nicht gelegentlich wieder mit den Geständnissen herausplatzen sollte, in Wahrheit habe Ramler von den Gaben der Muse nichts besessen, Gleim sei ein guter Mann gewesen, aber auch nicht mehr, und es sei ein Spott, zu sehen, wie der »ruhmreiche Schlesische Krieg« nichts Wichtigeres hervorgerufen habe als die sogenannte Bardendichtung, die Gervinus mit Recht bedeutungslos und hohl nennt. An diesem Zwiespalte, der schon durch seine Literaturgeschichte geht und ihn die Gestalt Lessings schließlich doch nur wie in einem Zwielicht erkennen läßt, ist Gervinus selbst untergegangen. Er hatte zuviel bürgerlichen Idealismus, um nach der großen Enttäuschung von 1848 wie sein Freund Mathy im Bank- und Börsenspiele sich zu trösten, und zuviel bürgerliches Selbstbewußtsein, um wie sein Freund Dahlmann auf die Manteuffelei das geflügelte Wort der »rettenden Tat« zu prägen; er sagte vielmehr der Monarchie um ihrer gehäuften Sünden willen ab und hoffte offen auf den »Medeenkessel der Revolution«, worin allein sich die Glieder Europas verjüngen könnten. So trafen ihn die Kriege von 1866 und 1870 allerdings mit »schlagartiger Wirkung«, und seine ohnmächtigen Proteste, wunderliche Mischungen von bürgerlicher Beschränktheit und Ehrbarkeit, machten ihn zum Spotte der Bismärckischen Troßbuben, die an dem sterbenden Manne eine mehr als grausame Rache für das nahmen, womit er sich an Börne und Heine vergangen hatte.[Anmerkung 8]

Als Gervinus über Lessing schrieb, gab es noch keine Lessing-Forschung im engeren Sinne des Worts. Karl Gotthelf Lessing war als Biograph ebenso liederlich und zerfahren wie als Herausgeber, und sein Schalten mit dem Erbe Gotthold Ephraims erschien bereits den Zeitgenossen so abstoßend, daß die »Xenien« ihre Geißel über den »lieblosen Bruder« schwangen.[Anmerkung 9]

Erst in den Jahren 1838 bis 1840 besorgte Lachmann seine wissenschaftliche Ausgabe von Lessings Werken, die auch oder vielmehr gerade von denen, welche sie in Einzelheiten zu verbessern und zu vermehren verstanden haben, stets als ein Meister- und Musterwerk gefeiert worden ist. Auf diesem Grunde erwuchs dann die erste wissenschaftliche Lessing-Biographie, deren erster Band mit einer Widmung an Lachmann 1850 von Danzel herausgegeben wurde. Sie steht in einem gewollten Gegensatze zu der historischen Auffassung von Gervinus. Danzel war ein deutscher Gelehrter der alten guten Art, anspruchslos, bescheiden, formlos, so arm, daß er sich als Privatdozent in Leipzig den Lebensunterhalt durch das Übersetzen französischer Schmöker erwerben mußte, und dabei von einem so eisernen Fleiße, daß er bei seinem im dreiunddreißigsten Lebensjahre an der Schwindsucht erfolgten Tode außer einer Reihe kleinerer Schriften zwei große literargeschichtliche Werke hinterließ, eins über »Gottsched und seine Zeit« und dann die Lessing-Biographie, deren zweiten Band auszuarbeiten ihm leider nicht mehr vergönnt war. Herr Erich Schmidt hat die Güte, aus seinen »glücklicheren Tagen« auf das »entbehrungsreiche Streben« Danzels »mit Wehmut« zurückzuschauen, und wir würden diese edelmütige Regung zu schätzen wissen, wenn wir anders sicher wären, daß Literarhistoriker, die in einer Lessing-Biographie, wie Danzel es getan hat, den Siebenjährigen Krieg bei seinem richtigen Namen eine dynastische Rauferei um eine Provinz nennen, heute »glücklichere Tage« im Sinne des Herrn Schmidt sehen würden. Doch dies nebenbei.

Was Gervinus über Danzels »Mangel an historischem Sinn« sagt, hat eine gewisse Berechtigung. Sicherlich ist ein bestimmtes Geisteswerk bis auf seinen letzten Grund nur zu erklären aus den politischen und sozialen Zuständen, in denen sein Verfasser lebte. Vorausgesetzt, daß man die Fähigkeit und den Willen hat, diesen Zuständen auf den Grund zu gehen. Fehlt diese Voraussetzung oder ist sie in zu beschränktem Maße vorhanden, so wird aus der literarischen Geschichte mehr oder weniger eine literarische Legende, und dieser »historischen« Methode ist denn allerdings die philosophische Methode Danzels vorzuziehen, der ursprünglich Hegelianer war und auf metaphysisch-spekulativem Wege das Leben und Wirken Lessings als einen Teil der deutschen Geistesgeschichte zu verstehen suchte. Er gibt zwar nur bedingte Wahrheit, aber immer doch Wahrheit. Wenn er beispielsweise ausführt, daß Lessing einen eigenen Standpunkt mit Hilfe der englischen Literatur gewonnen habe, aber hinzufügt, es heiße die Sache auf den Kopf stellen, wenn man dabei »gemeiniglich vor allen Dingen« an Shakespeare denke, Shakespeare komme darin gerade zuallerletzt an die Reihe, so ist die Bemerkung unzweifelhaft richtig, und sie trägt unendlich viel mehr zur Erkenntnis von Lessings Geiste bei als das landläufige »nationale« Schlagwort, daß Lessing die französische Fremdherrschaft über den deutschen Geist vernichtet und an dem »stammverwandten« Genius Shakespeares die deutsche Literatur genährt habe. Aber erklären kann Danzel den Grund der von ihm erkannten Tatsache nicht, und so räsoniert er eine ziemliche Ecke ins Feld hinein über »normannische Ritterlichkeit und sächsische Kernhaftigkeit« sowie darüber, daß auch von der antiken Literatur erst die jüngeren und dann die älteren Schriftsteller als Muster betrachtet worden seien, was alles dem »gebildeten« Leser von heute freilich viel abstruser vorkommen mag als ein »runder Paragraph« aus der eleganten und nationalen Feder des Herrn Erich Schmidt.

In dem Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnis, das der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels entfließt, ist nun sofort zu erkennen, weshalb Lessing als der erste bürgerliche Schriftsteller in Deutschland sich einen selbständigen Standpunkt durch die Hilfe der englischen, und zwar der zeitgenössischen englischen Literatur erworben hat. Denn die bürgerlichen Klassen in Deutschland besaßen noch kein Leben, worauf eine literarische Darstellung fußen konnte, was Lessing, wenn er es bei reiferem Alter nicht schon von selbst erkannte, jedenfalls bei einem Blick in seine eigene Jugendpoesie erkennen mußte. Er mußte sich also an ausländische Muster anlehnen, und da bot sich ihm in verhältnismäßig reichster Entwicklung das Leben und die Literatur der bürgerlichen Klassen in England. Er schöpfte demgemäß für sein erstes selbständiges Dichtwerk, die Miß Sara Sampson, die Motive halb aus einem bürgerlichen Roman von Richardson und halb aus einem bürgerlichen Drama von Lillo; an Shakespeare kam er aber gerade zuallerletzt, nicht aus einer ästhetischen Geschmacksverirrung, sondern weil Shakespeare – aus Gründen, die sich wiederum erklären aus dessen sozialer Stellung als Schauspieler und Schauspieldichter in einer Zeit, wo das Theater von den bürgerlichen Klassen heftig verfolgt wurde – mit den Vertretern dieser Klassen verzweifelt wenig Federlesens macht. Ein soziales Moment also erklärt Lessings Anlehnung an bestimmte englische Muster, und eben dieses Moment erklärt auch seine Stellung zur französischen Literatur. Es ist fast unbegreiflich, wie Lessing immer wieder zum Typus eines Franzosenhassers gemacht werden kann gegenüber der Tatsache, daß er selbst dem Franzosen Diderot den stärksten Einfluß auf die Bildung seines Geschmacks eingeräumt hat. Er haßte und vernichtete kritisch das Muster der französischen Poesie, aber nicht weil es französisch war, sondern insoweit er darin ein falsches, höfisches, entartetes und den Geschmack des deutschen Bürgertums verseuchendes Muster sah; der bürgerlichen Literatur der Franzosen, die ihm darin allein eine Quelle zweiter Hand war, daß sie sich auch erst aus dem englischen Einfluß ableitete, stand er deshalb nicht weniger wahlverwandt gegenüber. Am klarsten tritt dies Verhältnis hervor, wo sich in einer Person das vereinte, was Lessing an der französischen Literatur bekämpfte und liebte. So scharf er die höfische Dichtung Voltaires zerfleischte und sosehr er geneigt war, der Person Voltaires eher zuviel als zuwenig zu tun, so willig ist er diesem großen Schriftsteller überall da gefolgt, wo Voltaire den bürgerlichen Klassen vorankämpfte.

Überhaupt ist Lessings ganzer nationaler Standpunkt nur aus seiner sozialen Stellung zu verstehen. Wenn Treitschke erklärt, daß Lessing auf einem Gebiete »jene ärmeren Geister« – nämlich: die beiden berühmten Männer Gleim und Ramler – »um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe«, so ist das falsch. Denn Lessing hat, so namentlich in der Hamburgischen Dramaturgie, über die deutsche Zerrissenheit mit einer Tiefe und Wärme der Empfindung gesprochen, welche Gleim und Ramler, die in dem Anreimen ihres angestammten Teilfürsten ihre höchste Beseligung fanden, nicht einmal zu ahnen vermochten. Und wenn Herr Erich Schmidt »das Heil der deutschen Dichtung und des gesamten geistigen Lebens an die Fahne des aufsteigenden preußischen Staats geheftet« sein und demgemäß Lessing von Sachsen nach Preußen übersiedeln läßt, so ist das wiederum falsch. Denn von einer derartigen »Liebe des Vaterlandes« hatte Lessing, der weder Sachse noch Preuße sein wollte, »keinen Begriff«, und sie schien ihm »aufs höchste eine heroische Schwachheit«, die er recht gern entbehrte. Mit einem Worte: Lessing empfand auch in dieser Frage als der rechte Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, deren elende Zustände sich mit der deutschen Zerrissenheit gegenseitig bedingten und denen erst die nationale Einheit eine große Zukunft verhieß.

Um nun aber, auf die Lessing-Biographie von Danzel zurückzukommen, so wird die Erläuterung dieses einen Gesichtspunktes schon zur Genüge zeigen, was es mit ihrem »Mangel an historischem Sinn« auf sich hat. Er ist gewiß vorhanden, doch fragt es sich, ob er bei der besonderen Ausbildung des »historischen Sinnes« in der seitherigen Lessing-Forschung nicht in einen Vorzug umgeschlagen ist. Bei der Erläuterung der urkundlichen Tatsachen gerät Danzel oft auf spekulative Irrwege, aber die Tatsachen selbst hat er sorgfältig gesammelt und gesichtet, und er teilt sie so unbefangen und voraussetzungslos, so ohne allen preußischen oder sächsischen oder lippe-detmoldischer Patriotismus mit, daß sein Buch als wissenschaftliches Quellwerk in der Lessing-Literatur noch nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. An Goethes »berühmter Stelle« wagt Danzel zwar nicht schweigend vorüberzugehen, aber er fertigt sie doch mit einer halb ironischen Verbeugung ab und huldigt sonst von sich aus in keiner Weise der »historischen« Auffassung, daß die deutsche Kultur und Literatur ohne den Siebenjährigen Krieg noch bei Gottsched und Bodmer stünde. Sehr zu bedauern ist nur, daß der zweite Band, den Guhrauer nach den Vorarbeiten Danzels abgefaßt hat, nicht auf der Höhe des ersten steht. Er ist nicht allein viel flüchtiger zusammengestellt, was sich vielleicht daraus erklärt, daß Guhrauer gleichfalls über der Arbeit starb, sondern er macht auch der Lessing-Legende manches bedenkliche Zugeständnis.

Das Lessing-Buch von Stahr

Bücher haben ihre Schicksale – und es trifft sich wohl, daß sie bedeutender werden durch die von ihnen erlebte, als durch die von ihnen erzählte Geschichte. Dies gilt namentlich von der Lessing-Biographie, die Adolf Stahr im Herbste des Jahres 1858 veröffentlichte. Als literarische Leistung hat sie keinen besonderen Wert; sie steht mit beiden Füßen auf dem Boden der Forschungen von Danzel und Guhrauer, und es ist schwer abzusehen, womit Stahr die »nahezu« zwanzig Jahre ausgefüllt hat, die er an die »Vorarbeiten« gewandt haben will. Aber während das Werk von Danzel-Guhrauer ein Menschenalter brauchte, um eine zweite Auflage zu erleben, die beiläufig jetzt nach weiteren zehn Jahren nur noch im Ramsch vertrieben wird, hat das Buch von Stahr nicht weniger als neun Auflagen erlebt. Auf seiner Darstellung beruht vornehmlich das Lessing-Bild, das dem »gebildeten« Deutschen vorschwebt. Vor allem aber hat es drei sehr fürnehme Paten, keine geringeren als Johann Jacoby, Ferdinand Lassalle und Franz Ziegler. Jacoby hat aus seiner Feder ein ganzes Kapitel beigesteuert (Lessing als Philosoph); Lassalle hat das Buch von Stahr in einem umfangreichen Aufsatze sehr anerkennend besprochen, und wenn Ziegler sich unseres Wissens öffentlich nicht darüber ausgelassen hat, so ergibt sich doch aus seinen Reden und Schriften, namentlich aber auch aus seinem Briefwechsel, daß er gewissermaßen das geistige Verbindungsglied zwischen dem Lessing-Buche von Stahr und dem Lessing-Aufsatze von Lassalle darstellt.

Es ist sehr leicht, über das Buch von Stahr von oben herab abzusprechen, wie es den neueren Lessing-Forschern (Groß, Boxberger, v. Maltzahn, Erich Schmidt usw.) durchweg beliebt. Ein wenig schwieriger ist es, seinen historischen Ort zu bestimmen. Mag man immerhin die neun Auflagen seiner geschickten »Dünnflüssigkeit« zuschreiben, wie Herr Erich Schmidt tut – und er kennt ja den Magen seiner Bourgeoisie –, so ist damit doch noch gar nichts gesagt über das unzweifelhaft hohe Interesse, das Männer wie Jacoby, Lassalle und Ziegler der Arbeit Stahrs geschenkt haben. Und nun gar über Lassalles Lessing-Aufsatz als über eine »Tirade« wegzugleiten, die »nur wegen des Verfassers genannt« sei, ist einfach eine Hochnäsigkeit des Herrn Schmidt, die hoffentlich nicht einmal seinen Studenten imponiert. Gerade wenn man die Lessing-Legende kritisch auflösen will, muß man sich mit den Schwächen des Lessing-Buchs von Stahr und auch des Lessing-Aufsatzes von Lassalle viel gründlicher und viel schärfer auseinandersetzen, als die Schmidt und Genossen tun, aber für diese Auseinandersetzung ist es unerläßlich, zunächst die relative Bedeutung des Buches von Stahr klarzustellen. Freilich ist das Verfahren der neueren Lessing-Forscher gar sehr begreiflich, denn eben jene Schwächen wollen sie erhalten und steigern, während ihnen diese relative Bedeutung ein Dorn im Auge ist.

Um es kurz zu sagen: Das Buch von Stahr erschien zugleich mit dem Beginne der Neuen Ära und wurde ein Banner für die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen. War es wirklich ein Zufall, daß Stahr just damals mit seinen »Vorarbeiten« am Rande war, so hat er jedenfalls doch auch mit einem gar nicht unebenen Instinkte begriffen, was die Glocke in jenem Augenblicke geschlagen hatte. Sein Buch ist durchweg in einem agitatorischen und deklamatorischen Tone geschrieben, der etwas gar zu viel von dem hohen Pathos des sittlich entrüsteten Spießbürgers an sich hat, aber der nach dem dumpfen Schweigen einer zehnjährigen Reaktionszeit doch immer wie das Schmettern einer sei es auch etwas heiseren Trompete klingen mochte. Stahr gab einer schon verbreiteten Stimmung einen in seiner Weise beredten Ausdruck. Die erwachende Kampflust der bürgerlichen Klassen lenkte ihre Blicke unwillkürlich zurück auf ihren ersten und kühnsten Vorkämpfer; ein gar nicht bedeutender Literat fand dazumal das gute Wort: Auf Lessing zurückgehen heißt fortschreiten. Man darf vor allem den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Bürgertum nicht übersehen. Der Volkswirtschaftliche Kongreß mit seiner weder Haut noch Fleisch noch Knochen verschonenden Manchesterei hatte sich eben erst aufgetan. Noch war der bürgerliche Idealismus nicht erloschen, noch gab es eine philosophische Bildung, noch war der Gegensatz zu den arbeitenden Klassen mehr verschleiert. Waldeck, Ziegler, Jacoby, Rodbertus, v. Kirchmann, ja damals auch noch Schulze-Delitzsch hatten ein größeres oder geringeres Verständnis für soziale Fragen; sie haßten den Militär- und Polizeistaat unbedingt und nicht bloß mit dem zärtlichen Schmollen des heutigen Freisinns, das sofort in weitherzige Nachsicht übergeht, sobald dieser Staat seine Krallen ausschließlich gegen die arbeitenden Klassen kehrt. Unter dem nachwirkenden Einflusse der klassischen Philosophie hatten jene Männer einen überaus hohen Begriff vom Staat, aber es war einzig der demokratische Staat, von dem sie die Lösung umfassender Kulturaufgaben erwarteten. Sie erkannten oder empfanden wenigstens, daß die Bewegung von 1848 an der schwächlichen Haltung der bürgerlichen Klassen gescheitert war, aber sie hofften, daß diesen Klassen durch die zehnjährige Pferdekur der Manteuffelei das Rückgrat genügend gesteift worden sei für einen zweiten Gang mit dem Absolutismus und dem Feudalismus.

Wir wissen heute, daß der zweite Gang noch kläglicher ausfallen sollte, als der erste Gang ausgefallen war. Wir wissen heute, wie bald jene Männer durch die persönlich tief unter ihnen stehenden und in der Tat überaus mittelmäßigen Größen des Volkswirtschaftlichen Kongresses überrannt wurden, einfach weil hinter diesen die Wucht der kapitalistischen Interessen stand, hinter jenen aber nur ein schwacher Hauch, die Abendröte der bürgerlichen Bildung. Indessen wie wenig diese Schattierung für den großen Gang der Dinge bedeuten mochte, sosehr gehört sie wie beiläufig in eine Biographie Lassalles, so namentlich in die Geschichte der Lessing-Legende. Ein Blick auf den Mann, in dem sie sich am eigentümlichsten und kräftigsten ausprägt, erklärt leicht den Grund dieses Zusammenhanges.

Franz Ziegler war ein ausgezeichneter Organisator, vielleicht das größte Verwaltungstalent, das der preußische Staat zu seiner Zeit besaß. Dabei ein Mann von tiefer und vielseitiger Bildung, ein gewiegter Kenner der klassischen Literatur, auch selbst ein Dichter, dessen Novellen nur deshalb einer frühzeitigen Vergessenheit verfallen sind, weil zu ihrem Genuß und Verständnis eine der »gebildeten« Bourgeoisie längst abhanden gekommene literarische Feinschmeckerei gehört. Lassalle sagte seinem Freunde eine Alkibiadesnatur nach, die ihn gehindert habe, sich selbst auszunützen, und ähnlich urteilte Guido Weiß, daß Ziegler das Leben in Süß und Sauer durchzukosten verstanden habe. Aristokrat nicht von Geburt – denn er war als das dreizehnte Kind eines märkischen Hungerpastors geboren –, aber seiner Bildung und seinen Neigungen nach, ein Liebling Friedrich Wilhelms IV., ein stets begehrter und hochwillkommener Gast in den Offizierkasinos der Garde und auf den Landsitzen des brandenburgischen Adels, wurde Ziegler zum Demokraten durch die soziale Frage.

In noch jungen Jahren war er zum Oberbürgermeister der alten Kur- und Hauptstadt Brandenburg gewählt worden, deren durch Cliquen- und Nepotenwirtschaft völlig zerrüttete Verhältnisse es wiederherzustellen galt. Es war immerhin eine große Verwaltung; zur Stadt gehörten sieben Rittergüter, neun Kämmereidörfer, sechzehntausend Morgen Forst, ein Grundbesitz, dessen Wert damals bereits in die Millionen stieg. Ziegler beseitigte mit durchgreifender Energie die vorhandenen Mißbräuche, und zuerst dadurch erregte er den Haß der eng versippten Geschlechter, die das städtische Vermögen auszubeuten gewohnt waren. Aber dieser Haß wurde unversöhnlich, als Ziegler seine Fürsorge dem städtischen Proletariat zuwandte. Wie das so kam, hat er selbst einmal einem Arbeiterverein erzählt. Nach einem guten Diner ging er im städtischen Forste spazieren, als er eine Frau beim Holzdiebstahle traf. Längst erbittert über die liederliche Forstverwaltung, verhaftete er die Diebin, um sie dem nächsten Förster zu übergeben. Die Frau bat sehr, sie gehen zu lassen; Ziegler schlug es ab. Sie bat dann, wenigstens ihren Jungen aus dem nahen Graben holen zu dürfen. Auch das schlug Ziegler ab; der Junge könne allein nach der Stadt finden; er sähe ja ihre Türme. Ach, sagte die Frau, das ist es ja eben, er sieht nicht. Nun wurde der blinde Knabe herbeigeholt, und von Mitleid ergriffen, geleitete Ziegler die Frau mit dem Jungen und dem gestohlenen Holzbündel durch die Tore der Stadt in ihre Wohnung. Hier fand er, daß die Frau noch einen Sohn hatte, der im sechzehnten Jahre stand und Tuchschererlehrling war. Als solcher verdiente er wöchentlich 25 Silbergroschen (2,50 Mark), und von diesem Lohne lebte die ganze Familie. Kartoffelsuppe mit Lorbeerblättern, die der Frau geschenkt wurden, und etwas ranzige Butter bildeten die gewöhnliche Nahrung. Ein Freisinniger von heute würde sich mit der wohlwollenden Mahnung entfernt haben, daß der Tuchschererlehrling ein »Kapitälchen sparen« müsse; Ziegler aber fragte sich: »Was hast denn du getan für die Menschheit gegenüber dieser am Hungertuche nagenden Familie?« Nach seiner praktischen Art griff er sofort zu, um der Not des städtischen Proletariats zu steuern, baute ein Kranken-, ein Waisenhaus, erhöhte die Fonds der Armenkasse um das Dreifache. Aber er war viel zu einsichtig, um in einer verbesserten Armenpflege mehr als ein dürftiges Palliativmittel zu sehen; er führte als einzige Gemeindesteuer die progressive Einkommensteuer ein, ließ alle Einkommen unter hundert Talern frei, von da begann die Steuer mit 1 Prozent vom Einkommen und stieg progressiv bis zum Satze von 4 Prozent. Und hätte es in seiner Macht gelegen, so würde er auch das allgemeine Stimmrecht als Gemeindewahlsystem eingeführt haben; er vertrat es schon in den vierziger Jahren gerade um seines proletarischen Charakters willen; war ihm doch die Demokratie nur »eine Magd im Dienste der sozialen Frage«. Es kennzeichnet den Mann, daß er, kurz vor Toresschluß noch in die Nationalversammlung von 1848 gewählt, seinen Platz neben Jacoby und Waldeck nahm, obgleich der Staatsstreich kaum eine Frage von wenigen Tagen war. Die darnach hereinbrechende Reaktion bot dann der Bourgeoisie der Stadt Brandenburg die längst ersehnte Gelegenheit, ihren wütenden Haß an Ziegler zu kühlen. Er hatte einige Drucksachen der. Nationalversammlung über die Steuerverweigerungsfrage an seine Wahlmänner geschickt und| sollte dadurch Hochverrat begangen haben. In einem Gerichtsverfahren, das ein wahrer Hohn auf die klarsten Vorschriften des Gesetzes war, wurde er durch sorgsam ausgewählte, nicht sowohl von politischem als sozialem Haß erfüllte Geschworene für schuldig erkannt und vom Gerichtshofe »wegen intendierten Aufruhrs zu sechs Monaten Festung, Verlust der Nationalkokarde und Entsetzung vom Amte des Oberbürgermeisters« verurteilt. Der Verlust der preußischen Kokarde, der heute einen fast spaßhaften Klang hat, war damals eine schimpfliche Ehrenstrafe und hinderte den Verurteilten lange Jahre, sich wieder eine bürgerliche Existenz zu gründen.[Anmerkung 10]

Nicht im Gegensatze zu den sozialen Anschauungen Zieglers, sondern im Einklange mit ihnen stand sein Begriff vom Staate. Der Staat war ihm, wie Lassalle sich einmal ausdrückte, das »Vestafeuer der Zivilisation«; nur daß für Ziegler der Staat immer ein bestimmter Staat war, der Staat der Intelligenz, der Staat Friedrichs, der historische preußische Staat. In diesem Punkte teilte er die Ansicht seines Alters- und Studiengenossen Ruge, bekannte auch er: »Absolute Monarchie und absoluter Staat sollte man nie verwechseln; letzterer ist vielmehr die Wahrheit und das Ziel der ersteren«, und: »Preußen ist gegenwärtig der Staat, auf den alles ankommt.«[11]

Nicht sowohl aus der Französischen Revolution, die der Bourgeoisie zur Herrschaft verholfen hatte, als aus dem aufgeklärten Despotismus Friedrichs leitete Ziegler seine Ideale her. Stein und Hardenberg waren seine Muster, ja selbst das Allgemeine Landrecht war ihm eine Art geistiger Amme, nicht zwar in seinen feudalen Elementen, die Ziegler vielmehr mit grimmiger Energie bekämpft hat, aber doch in seinen absolutistisch-zentralistischen Tendenzen, in denen auch Tocqueville eine Annäherung an den Sozialismus entdecken wollte.[12]

Und weil ohne das Heer ein »wahrhaft souveräner und welthistorischer Staat« nicht denkbar war, so ist Ziegler in entscheidenden Augenblicken stets für das Heer eingetreten. So bekämpfte er in der Nationalversammlung von 1848 den Antrag, das Heer vom Eide an den König zu entbinden, mit dem geflügelten Worte: »Die Disziplin ist die Mutter der Siege«; so rief er im Frühling von 1866 seinen Wählern in Breslau das noch bekanntere Wort zu: »Das Herz der Demokratie ist da, wo die Fahnen des Landes wehen.« Aber deshalb war Ziegler weder ein Militärfanatiker noch auch in der konstitutionellen Militärfrage zu irgendwelchen Zugeständnissen geneigt. Im Gegenteil! Er bekämpfte 1866 tapfer die Bildung der Nationalliberalen Partei, die sich gar zu gern auf seine Breslauer Rede als auf ihren Eierstock berufen hätte, und er bekämpfte auch schon 1861 die Bildung der Fortschrittspartei als ein die Reinheit der demokratischen Grundsätze trübendes Kompromiß. Er verweigerte lange seine Unterschrift unter das fortschrittliche Programm, hielt auch Waldeck davon zurück, und wenn beide schließlich durch die Logik der Tatsachen in die Reihen der nach Lage der damaligen ökonomischen Verhältnisse einzig möglichen bürgerlichen Oppositionspartei gedrängt wurden, so hat wenigstens Ziegler bis an sein Lebensende niemals aufgehört, über die »Höllenerfindung Fortschrittspartei«, diese »Olla potrida aller Prinzipien« zu schelten. Das Heer sollte eben nicht der »Monarchie«, sondern des »Staates« sein, und sein Ideal des Staates war das demokratische.

Nach den Arbeiten von Marx und Engels ist es leicht, den Grundfehler in dieser Geschichtsauffassung zu entdecken. Er liegt in der idealistischen, auf Hegel zurückführenden Auffassung des Staats als der maßgebenden Urform der menschlichen Entwicklung. Aber wenngleich Marx schon 1844 in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« in Anknüpfung an Hegels Rechtsphilosophie nachgewiesen hatte, daß nicht der von Hegel als »Krönung des Gebäudes« dargestellte Staat, sondern die von ihm so stiefmütterlich behandelte »bürgerliche Gesellschaft« den Schlüssel zum Verständnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses enthalte, und wenngleich im »Kommunistischen Manifest« schon die Grundlinien der materialistischen Geschichtsauffassung gezogen worden waren, so beherrschte 1858 doch noch die ideologisch-hegelianische Auffassung des Staats die besten Köpfe des Bürgertums. Huldigte ihr doch auch Lassalle, obschon in viel freierer und tieferer Weise als selbst Ziegler. Und so war es eine sehr natürliche und ganz unvermeidliche Schlußfolgerung, daß, wenn die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen einerseits auf Lessing als ihren ersten Vorkämpfer zurückgriffen, sie andererseits ihm einen Vertreter des »absoluten Staats« zur Seite stellten und diesen Vertreter im Könige Friedrich fanden, der zuerst die dynastische Eigensucht unter das Staatsinteresse gebeugt haben sollte (der Fürst ist der erste Diener des Staats) und dessen diplomatisch-kriegerischen Erfolge sowie freigeistige Richtung obendrein einen blendenden Gegensatz zu der überall in Europa blamierten und dazu vermuckerten Reaktion der fünfziger Jahre bildeten. Damit trat die Lessing-Legende in eine neue Gestalt. Aus der etwas kindlichen Anschauung, als ob Lessing an der Verachtung Friedrichs gleichsam zum Denker und Dichter erwachsen sei, entwickelte sie sich zu der Auffassung, daß, wie Stahr sagt, der König Friedrich als »Mitstreiter und Mitarbeiter seines großen Zeitgenossen« dastehe oder daß der König und Lessing, wie Lassalle meint, die deutschen »Revolutionäre« des achtzehnten Jahrhunderts gewesen seien.

Man darf an den Aufsatz Lassalles keinen zu strengen Maßstab anlegen. Der Verfasser selbst hat ihn ein paar Jahre im Pulte behalten und ihn, obgleich er schon im November 1858 geschrieben war, doch erst im Jahrgange 1861 der »Demokratischen Studien« veröffentlicht. Ein Mann wie Lassalle konnte sich über die Schwächen von Stahrs Arbeit unmöglich täuschen; was ihn aber offenbar daran erfreut hat und auch erfreuen mußte, weil es ein wesentliches Verdienst darstellte, das war die politische Spitze, die Stahr seinem Stoffe gegeben hatte. In der Tat dreht sich hierum der ganze Aufsatz Lassalles. Er findet, daß Stahrs Buch »dreimal zur Zeit« kommt; »die dramatische Situation von heute sei der von damals wieder äußerst ähnlich geworden«; Lessings Wirken sei »nichts als Politik« gewesen; mit Recht sieht er auch eine »unendliche Überlegenheit« von Stahrs Arbeit über das Werk von Danzel-Guhrauer darin, daß Stahr das »kämpfende Heldenleben« Lessings namentlich in der Wolfenbütteler Zeit wieder zu Ehren gebracht habe, nachdem zwar nicht Danzel, aber allerdings Guhrauer allerlei vertuschende Schleier darüber zu breiten versucht hatte. Sehen wir zunächst von dem »Revolutionär« Friedrich ab, auf den wir eingehend zurückkommen müssen, so läßt sich ein wirklicher Tadel gegen Lassalles Lessing-Aufsatz nur insofern aussprechen, als er gar zu reichliches Lob über Stahr ergießt. Indessen auch darüber wird man milder urteilen, wenn man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Lessings und Lassalles Berliner Leben erwägt. Beide lebten in einer ihnen geistig nicht gerade ebenbürtigen Umgebung, aber so, wie die Dinge einmal lagen, war es immerhin die beste Gesellschaft, welche sie finden konnten. Und wenn es nicht recht lassallisch war, daß Lassalle die Schrift von Stahr allzusehr lobte, so war es auch nicht gerade lessingisch, wenn Lessing hundert Jahre früher einen »Elenden« abstrafen wollte, »der sich unterstanden hatte, unserem lieben Ramler eine kleine Nachlässigkeit aufzumutzen«. Das ist eine gutmütige Lässigkeit, wie sie auch den Größten mal mit unterläuft, und nun gar in der Berliner Luft. Es kommt auf die Dauer und das Wesen der Dinge an, und da gilt von Lassalle, was Fichte von Lessing schreibt: »Unser Held (Nicolai) hatte, mit jenen, Mendelssohn und Lessing, vereinigt, einen kritischen Feldzug getan, entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, zum Beispiel dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein großer Mitkämpfer wurde allmählich inne, daß dies ein schlechtes Geschäft sei und daß er es nicht in der besten Gesellschaft betreibe. Er zog sich zurück.«[13]

Und wenn Lassalle auch sicherlich dabei nicht an Lessing dachte, so trat jene Ähnlichkeit der Situation doch um so schärfer hervor, als er an Feuerbach schrieb: »Die Fortschrittler sind politische Rationalisten der seichtesten Sorte.«[14]

Es stellte sich allzubald heraus, daß jene bürgerliche Garde von 1848, jene ideologisch-hegelianischen Bekenner des Staates und seiner sittlichen Zwecke nichts als eine Handvoll Führer ohne Heer waren. Die ökonomische Entwicklung war schon so weit gediehen, daß die große Masse der bürgerlichen Klassen unter dem frei entfalteten, höchstens noch mit einigen ideologischen Bändern geschmückten Banner des Kapitalismus, die manchesterlichen Heiligenbilder voran, marschieren wollte. Die Gründung der Fortschrittspartei war von Ziegler ganz richtig beurteilt worden. Nichts verkehrter als die Behauptung der Bourgeoisie, daß Lassalle erst mit ihr gegangen und ihr dann, in seinem persönlichen Ehrgeiz verletzt, in den Rücken gefallen sei und so ihren Sieg verhindert habe. Sie hat gar kein Recht, Vorwürfe an Lassalle zu richten, dessen Haltung ihr gegenüber prinzipiell und taktisch gleich richtig war. Seine freundlich zuwartende Haltung rechtfertigte sich, solange die arbeitenden Klassen noch in politischem Schlummer lagen und die bürgerliche Opposition ihm in Männern wie Ziegler gegenübertrat, die grundsätzlich ein demokratisches Programm verfochten, entschlossene Vorkämpfer des allgemeinen Stimmrechts waren und für die Bedürfnisse der arbeitenden Klassen einen immerhin weiten Blick hatten. Aber als der Einfluß dieser Männer auf die bürgerlichen Klassen durch das überwuchernde Manchestertum mehr oder minder geschwächt wurde, als die ersten Zeichen einer proletarischen Bewegung hervortraten, da brauchte Lassalle mit dem Losschlagen um so weniger zu zögern, als der Sieg der Bourgeoisie über den Absolutismus und den Feudalismus längst unmöglich geworden war. Beredte Zeugnisse dafür gibt der vertraute Briefwechsel Zieglers mit seinem Jugendfreund Ritter, mit Arnold Ruge und namentlich mit Frau Fanny Lewald-Stahr, der Gattin des Lessing-Biographen.

Lassalle und Ziegler standen sich außerordentlich nahe. Lassalle blickte zu dem um mehr als zwanzig Jahre älteren Manne mit einem gewissen, bei ihm sehr seltenen Gefühle von Pietät empor; er bewunderte seine praktischen Organisationstalente und empfahl ihn seinen Breslauer Landsleuten in fast überschwenglichen Worten zur Wahl ins Abgeordnetenhaus; er warb förmlich um seine Freundschaft in den Versen:

»Einen aber gebraucht auch der Stärkste, ihn zu verstehen,

Und du fandest in mir den, der dich liebt und begreift.«

Ziegler aber erwiderte diese Freundschaft in vollstem Maße. Er zitterte um den Freund, als Lassalle seine Agitation begann, denn er wußte aus seinem zerbrochenen Leben, was der Haß einer in ihren materiellen Interessen verletzten Bourgeoisie bedeutete. Aber er dachte viel zu groß von ihm, um ihn durch weibische Klagen zurückzuhalten; er hat bekanntlich das Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins entworfen, und einige Wochen, nachdem Lassalle das »Offene Antwortschreiben« erlassen hatte, sandte er ihm zum Geburtstage einen Pokal mit einem Sonette, das also schloß:

»Nimm diesen Kelch, und siehst du, daß dein Mühen

Vergeblich ist, und will dein Herz verbluten,

Setz ihn zum letzten Trunke an die Lippe.

Gedenke mein – Statt langsam zu verglühen,

Trink prometheisch trotzend Lebensgluten,

Und wirf mit ihm ins Meer dich von der Klippe.«

Ein prophetisch Wort für Lassalle, ein prophetisch Wort auch für Ziegler! Denn sein Los war das »langsame Verglühen«, und wie traurig ist die einst so hell lodernde Flamme erloschen!

Im Anfang September 1864 schrieb Ziegler an Ritter: »Der größte philosophische Kopf und unbestritten einer der größten Gelehrten, Lassalle, suchte bei mir Ruhe vor sich selbst ... Ich schreibe unter dem erschütternden Eindruck von seinem Tode. Ha! diese Mittelmäßigen jubeln, diese Juliane, die er gegeißelt; die Myrmidonen tanzen auf dem Grabe des Achilles ... Es ist aus, er ist tot, er war mir Bibliothek, Anreger, Tröster, es ist aus. Mich hat kein Mensch so geliebt wie dieser. Er war ein bildschöner, feuriger, genialer Mensch mit tausend Fehlern, ja Lastern, aber er war ein ganzer Mensch.« Und gleichzeitig schrieb Ziegler an Ruge: »Das allerschlimmste ist, daß in Deutschland das unseligste Manchestertum aufgeschossen ist. Jeder zurückgekommene Kaufmann, jeder verrottete Schiffbrüchige, jeder Kommis usw. schafft sich ein sogenanntes nationalökonomisches Kompendium an, lernt daraus einige Stichwörter, tritt in den nationalökonomischen Verein, macht die Wanderreisen mit, sucht eine Stellung bei irgendeiner Versicherungsanstalt, Bank, Eisenbahn zu erhaschen, nennt sich nun Volkswirt und präsentiert sich als solcher zur Kandidatur, wobei er predigt, daß in heutiger Zeit alle Politik dummes Zeug sei, daß mit der Pflege der materiellen Interessen die Freiheit von selbst käme, daß der Staat eine Schimäre wäre, daß es nur ein Handelsgebiet gäbe, das die Menschen realiter zusammenbände usw. Und so tritt er in die Kammer, wo eine freie Fraktion aus allen Parteien besteht, die oft den Ausschlag gibt und alle Parteidisziplin aufgelöst hat. Warum nicht? Soll es nicht eine volkswirtschaftliche Partei geben so gut wie eine katholische? Allem diesem Unwesen hat die Bildung der Progressistenpartei das Siegel aufgedrückt ... Nun sind alle Prinzipien so tief vergraben, es ist solche Verwirrung der Geister eingetreten, daß eine Entwirrung fürs erste unmöglich ist. Alles jagt nach materieller Gewalt, das heißt nach Reichtum. Zu kolossaler Höhe stapelt er sich auf, mit Leichtigkeit wird er errungen, und der Erfolg ist ein Amnestiedekret gegen jede Untersuchung.« Und so noch eine ganze Strecke weiter.

Am häufigsten schüttete Ziegler sein Herz in den Briefen an Frau Lewald-Stahr aus, doch müssen hier wenige Proben genügen. Über die Matadore des Volkswirtschaftlichen Kongresses schreibt er ähnlich wie an Ruge: »Seit zehn Jahren warnen Waldeck und ich vor diesen sogenannten ›Volkswirten‹, die sich aus verlaufenen Kaufleuten, verunglückten Literaten, gewissenlosen Gründern von Aktiengesellschaften und schopenhauerschen Philosophen hauptsächlich rekrutieren. Sie sind die Pioniere der raubsüchtigen Bourgeoisie.« Dann im Januar 1865 über eine gerichtliche Verurteilung Jacobys: »Armer, idealer Jacoby! ... Glauben Sie mir, daß, müßte ich sechs Monate sitzen, die Freude unter meinen Freunden allgemein wäre, und ich fürchte, so bescheiden anschließend sich auch Jacoby benommen, auch nicht viel Trauer um ihn ist.« Und im Januar 1866 über den Obertribunalsbeschluß in Sachen der parlamentarischen Redefreiheit: »Sie sind der einzige Depositar meiner Schmerzen. Gestern abend war Parteiversammlung; ich laufe dahin, weil ich denke, die Versammlung erfüllt, erregt zu finden von dem Tribunalsbeschluß. Entweder diese Leute sind alte Römer, von einem Gleichmut, an den Roms Senat nicht heranreicht, oder sie sind Gott weiß was. Man verhandelte ruhig über die Interpellation Wachsmuth, über die Interpellation Bonin usw. und rettete, bei brennendem Hause, nicht die Bilder der Laren, sondern ein paar alte schmutzige Unterhosen.« Und im August 1866 nach der Adreßdebatte: »Als Jacoby heute alle Ehren und Siege als nichtig darstellte, weil sie nicht im Geiste der Freiheit gewonnen, rief mir N., der hinter mir sitzt, zu: Welch maßlose Eitelkeit! Und K., der vor mir saß, drehte sich zu mir mit den Worten: Er ruiniert sich für immer! Wie dieser kleine, gebrechliche Mann weitersprach, immer ruhig, gemessen und im Tone, als diktiere er sein Testament, lief es mir über die Haut. Denn er kam mir vor wie der Prophet auf den Trümmern von Jerusalem, der alles zusammengestürzt und nichtig sieht, nur nicht den ewigen Gott, den er Wahrheit und Freiheit nennt ... Wie heute die kurze Adreßdebatte schon andeutet, wird Geldbewilligung, Indemnität und alles andere kopfüber vorwärtsgehen, und die loyalen Purzelbäume will ich nicht mitmachen. Die königliche Gnade, vereint mit dem momentanen Beifall des Volkes, werden die Segel schwellen, bis das Schifflein wieder auf der Klippe der Reaktion sitzt.« Und an dieser scheiterte denn auch der »einzige Depositar seiner Schmerzen«. Am 3. November 1870 schreibt Ziegler an Fanny Stahr: »Ich kann es nicht zum Haß auf das französische Volk bringen. Es ist ja mitten in der Revolutionsarbeit, die es für uns alle vollbringt. Heruntergebracht durch eine Reihe nichtswürdiger Könige, jetzt zwanzig Jahre gedrückt durch einen Zuchthäusler, der sich mit einer Räuberbande verbunden, die man Militär nennt, verraten, verlassen von allen, kämpft das Volk noch mit unendlicher Bravour durch seine bewaffneten Bürger. Und das Volk nennen Sie verlumpt? Fänden Sie wohl in Deutschland hunderttausend solcher Lumpen, die sich, ohne höhere Order, auf eigene Hand schlagen?« In demselben Monat sollte Ziegler durch die Eugen Richter und Genossen zu einer Felonie an Jacoby verlockt werden; man wollte diesen bei den Landtagswahlen von 1870 für seine sozialpolitischen Ketzereien strafen und Ziegler in dem Berliner Wahlkreise wählen, den Jacoby bis dahin vertreten hatte. Allein in stolz-verächtlichen Worten lehnte Ziegler ab, an eine Stelle zu treten, wo »dieser große Bürger« nicht mehr genehm sei; ein freisinniger und protestantenvereinlicher Prediger übernahm dann die traurige Rolle. Ziegler aber wurde mehr und mehr ein stiller Mann; er hat nicht, wie Jacoby, seinen ausdrücklichen Übertritt zur sozialdemokratischen Partei vollzogen; er fühlte sich abgehetzt, alt, matt, müde bis in den Tod. Aber daß er nur noch in den arbeitenden Klassen die Rettung der Nation sah, wissen alle, die ihn in seinen letzten Lebensjahren gekannt haben, wissen namentlich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten, die mit ihm im Reichstage saßen.

Doch was hat dies mit der Lessing-Legende zu tun? Nicht weniger als alles. Denn es enthält ein gutes Stück ihrer Geschichte. Während die drei Männer, die das Lessing-Buch von Stahr aus der Taufe hoben, weil sie in den bürgerlichen Klassen noch lessingischen Geist erwecken zu können hofften, nach Erkenntnis ihres Irrtums sich den arbeitenden Klassen zuwandten, blieb das Buch selbst in den Händen der Bourgeoisie. Und wie hat sie damit gewüstet! Stahr selbst zwar, der ursprünglich ein Junghegelianer und eifriger Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher war, aber der gleich Ruge den Sozialismus haßte und diesen abgeschmackten Haß auch in Lessings freie Seele hineindichtete, wahrte wenigstens noch leidlich den äußeren Anstand, wie tief er auch persönlich in dem literarischen Koteriewesen der Bourgeoisie versank. Er ließ es dabei bewenden, daß er sich in der ersten Auflage Jacobys Mitarbeiterschaft gerühmt und zum Danke dafür Jacobys Namen auf das Widmungsblatt gesetzt hatte. Seine Witwe aber wütete mit loyaler Feder in dem Buche, und auf dem ersten Blatte lesen wir heute zum schnöden Gedächtnis des literarischen Byzantinismus: Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck gewidmet. Das Buch, das einst den Schatten Lessings beschwor, um die bürgerlichen Klassen zum politischen Kampf zu spornen, ist heute gut genug als geistige Stallfütterung für eine träge verkommende und jeden lessingischen Luftzug des Gedankens scheuende Bourgeoisie.

Ehe wir indessen diese Entwicklung weiterverfolgen, ist es notwendig, jene zweite Gestalt der Lessing-Legende auf ihren sachlichen Gehalt zu prüfen.

V. König Friedrich und Lessing

Um den König Friedrich als einen Geistes- und Gesinnungsgenossen der bürgerlichen Klassiker und insbesondere Lessings erscheinen zu lassen, werden zunächst einige Sätze von ihm ins Treffen geführt, die als geflügelte Worte etwa so lauten. Erstens: Der Fürst ist der erste Diener des Staats. Zweitens: Ich will ein König der Armen sein. Drittens: Gazetten dürfen nicht genieret werden. Viertens: In meinen Staaten kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Da nun diese Grundsätze einerseits mit der ganzen Regierung des Königs in mehr oder minder schreiendem Widerspruche stehen, andererseits von ihm kurz vor oder gleich nach seiner Thronbesteigung geäußert worden sind, also zu einer Zeit, wo sich der furchtbare Druck löste, unter dem ihn sein Vater von Kindesbeinen an gehalten hatte, so könnte man versucht sein, sie für Ausflüsse des berufenen Kronprinzenliberalismus zu halten. Und in der Tat hält sie Carlyle dafür, der bei allem Heroenkultus doch praktischer Engländer genug ist, um von jener »hübschen Sprache« Friedrichs zu sagen: »Sie erregte bei der damaligen Welt eine Bewunderung, welche uns, die wir so lange daran und das, was gewöhnlich daraus wird, gewöhnt sind, nicht sogleich begreiflich ist.« Carlyle ließ sich in den fünfziger Jahren offenbar wenig davon träumen, daß diese unbegreifliche Bewunderung in den neunziger Jahren erst recht zur Pflicht jedes patriotischen Deutschen gemacht werden würde.

Gleichwohl ist die Auffassung Carlyles unzulässig. Sie wäre nämlich für die bürgerlich-preußischen Geschichtschreiber noch viel zu günstig, für Friedrich selbst aber viel zu ungünstig. Es ist kaum nötig zu sagen, daß die wissenschaftliche Geschichtsforschung mit den preußenfeindlichen Mythologen ebensowenig zu schaffen hat wie mit den preußenfreundlichen; in Friedrich den Quell alles Bösen zu sehen, ist der entgegengesetzte Pol derselben Verkehrtheit, die in seiner Person den Quell alles Guten erblickt. Wer die Geschichte dieses Fürsten nach wissenschaftlichen Grundsätzen studiert, wird als seine namhafteste Begabung und als die wesentlichste Ursache seiner Erfolge eine Eigenschaft entdecken, die gerade den Vertretern der materialistischen Geschichtsauffassung in gewissem Sinne sympathisch sein muß, nämlich eine vollkommene Klarheit darüber, daß er in dieser Welt auch nicht einen Schritt weiter machen könne, als die ökonomischen Bedingungen gestatteten, unter denen er lebte und regierte. Nicht zwar, als ob seine ökonomischen Einsichten über seine Zeit hinausgegangen wären: Sie blieben vielmehr weit hinter ihr zurück und waren nichts weniger als genial. Nicht auch, als ob er sich über seine ökonomischen Daseinsbedingungen niemals getäuscht hätte: Er hat es oft genug getan und hat dann auch regelmäßig schwer dafür büßen müssen. Aber wie er im Siebenjährigen Kriege seinem stets verzagten Bruder Heinrich schrieb, daß derjenige siegen werde, der den letzten Taler in der Tasche haben werde, wie er die Finanzen die »Nerven« des Staats nannte und sie in seiner Beschreibung des preußischen Staats allem anderen, selbst dem Heere, voranstellte, so hat er vom ersten bis zum letzten Tage seiner Regierung an jener grundlegenden Erkenntnis festgehalten, und es ist schwer zu sagen, an welchem dieser beiden Tage sie bemerkenswerter war: ob am ersten, da er, ein noch nicht dreißigjähriger Mann, in einem Augenblick aus einem gedrückten Sklaven ein unumschränkter Despot wurde, oder am letzten, da er nach allen seinen Erfolgen und nach der nahezu fünfzigjährigen Gewöhnung an eine despotische Herrschaft sich doch nicht darüber täuschte, was er konnte und was er nicht konnte.

Demgemäß wollte er mit dem Satze, daß der Fürst der erste Diener des Staats sei, sich weder einem Ideal unterwerfen, noch auch wollte er damit, wie G. Kolb meint, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und eine wohlfeile Popularität erhaschen. Es war ihm einfach um eine freiere Verfügung über die ökonomischen Machtmittel des Landes zu tun. Denn jener Satz, der beiläufig zuerst vom Kaiser Tiberius geäußert worden ist, enthält nicht eine Beschränkung, sondern eine Erweiterung des Absolutismus. Diese höchst einfache Erkenntnis ist für den beschränkten Untertanenverstand von heute ein eleusinisches Geheimnis geworden, aber die einsichtigen Zeitgenossen Friedrichs besaßen sie deshalb nicht weniger. So schreibt Heinse in seinem »Ardinghello«: »Wie ist einer Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn über sich kennt, der sich nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keine annimmt, nach Willkür ohne Gesetz straft?« In der Tat – wenn Ludwig XIV. sagte: Der Staat bin ich, so war damit doch immer mindestens eine moralische Verantwortlichkeit des Fürsten für den Staat anerkannt, und Ludwig XVI. hat diese Verantwortlichkeit ja auch praktisch erproben müssen. Aber wenn der Fürst sich nur zum Diener, aber zum ersten Diener des Staats macht, so heißt das in einem absolutistischen Staate: Jede Verantwortlichkeit in die leere Luft blasen. Denn man kann sich doch unmöglich zum Sklaven seines Eigentums machen, und wie sehr Friedrich den »Staat« als sein Eigentum betrachtete, geht aus seinem Testamente hervor, worin er neben seinem »Gold- und Silbergeschirr, Bibliothek, Bildergalerie usw.« auch das »Königreich Preußen« wie den ersten besten Meierhof seinem Neffen vermacht.

Friedrich verfolgte sehr praktische Zwecke mit der Behauptung, daß er der erste Diener des Staates sei. Er hat ihn etwa sechsmal aufgestellt, zuerst in seinem Anti-Macchiavell noch als Kronprinz. Er leitet ihn hier ein mit der Ausführung, daß es zwei Arten von Fürsten gebe: solche, die alles mit eigenen Augen sehen, die selbst ihre Staaten regieren, und solche, die sich auf die Redlichkeit ihrer Minister verlassen, die sich von dem regieren lassen, der über ihren Sinn Macht gewonnen habe. Jene sind unumschränkte Herren, gleichsam die Seelen ihrer Staaten, sie sind die ersten Wärter der Justiz, die Oberbefehlshaber der Streitmacht, die Leiter der Finanzverwaltung, kurzum, die ersten Diener des Staats; ihnen will Friedrich nacheifern. Mit diesen spielt er handgreiflich auf seinen Vater an, der in Friedrichs Jugendtragödie das blindwütende Werkzeug der österreichischen Parteigänger Grumbkow und Seckendorff gewesen war. Und überhaupt, ein wie wunderlicher Tyrann Friedrich Wilhelm I. gewesen sein mochte, so hatte er doch der von ihm begünstigten und eigentlich überhaupt erst geschaffenen Beamtenklasse einen mehr oder minder starken Anteil an der Regierung eingeräumt, den Friedrich als das letzte Hindernis eines aufgeklärten Despotismus verabscheute und demgemäß zu beseitigen trachtete. Ob ihm das wirklich gelang, und ob nicht doch der Vater der aufgeklärtere Despot von beiden war, das ist eine Frage, über die wir uns weiterhin noch verbreiten müssen. Hier kommt es nur darauf an, was Friedrich beabsichtigte. Er strebte darnach, alle Beamte zu willenlosen Vollstreckern seines despotischen Willens zu machen, und der Satz vom Fürsten als dem ersten Diener des Staats war der Gedanke zu seiner Tat. Er ist sich darin stets treu geblieben. Vierzig Jahre nach dem Anti-Macchiavell schreibt er, daß der Herrscher zwar ein »Mensch« sei »wie der geringste seiner Untertanen«, aber zugleich »der erste Richter, der erste Finanzmann, der erste Minister der Gesellschaft«. Als solcher habe er das gleiche Interesse mit dem Volke, was man von einer Aristokratie der Generale und Minister, denen er sich überlasse, keineswegs behaupten könne.[Anmerkung 11]

Friedrich hat denn auch ganz ohne das höhere Beamtentum regiert; er sah die Minister amtlich überhaupt nur einmal im Jahre bei der sogenannten »Ministerrevue« im Juni; er verfügte alle Regierungshandlungen selbständig von seinem Kabinett aus, wobei ihm zur Erledigung des Lese- und Schreibewerks drei sogenannte Kabinettsekretäre dienten, die er fast durchweg aus subalternen Schreibern wählte und zu einem Leben von mönchischer Einsamkeit verdammte oder gar, wie ein fremder Diplomat sagte, als Staatsgefangene bewachen ließ.

Etwas anders steht es mit dem »Könige der Armen«, denn eine urkundliche Bezeugung dieses geflügelten Worts liegt überhaupt nicht vor. Es ist auch nicht an dem, was Herr v. Treitschke versichert: »Die menschlichste der Königspflichten, die Beschützung der Armen und Bedrängten, war für die Hohenzollern ein Gebot der Selbsterhaltung; sie führten mit Stolz den Namen ›Könige der Bettler‹, den ihnen Frankreichs Hohn ersann.«[15]

Jene »menschlichste der Königspflichten« war für Friedrich, der bekanntlich nicht die »Armen und Bedrängten«, sondern die Reichen und die Bedrängenden, das will sagen die Klasse der junkerlichen Großgrundbesitzer, mit unaufhörlichen Unterstützungen aus der Staatskasse und den ausschweifendsten Vorrechten überschüttete, überhaupt kein Begriff, und nun gar »Frankreichs Hohn« hat mit der Sache aber auch wirklich gar nichts zu tun. Sie hängt vielmehr so zusammen, daß Friedrich einige Monate vor seiner Thronbesteigung an der Tafel des Herzogs von Braunschweig in Berlin die Äußerung tat: »Wenn ich dereinst auf den Thron gelange, so werde ich ein wahrer König der Bettler sein.«[Anmerkung 12]

Womit er entweder wirklich einen gewissen Weg mit einem guten Vorsatze pflasterte, oder aber – was wahrscheinlicher ist – der das Volk ausbeutelnden Finanzkunst seines Vaters einen Stich versetzen wollte. In diesem Sinne faßte der Vater selbst die Äußerung auf, als sie ihm hinterbracht wurde; sie erregte in ihm den letzten Wutanfall gegen den Sohn. Sollte sie übrigens so gemeint gewesen sein, so ist sie praktisch gleichfalls ohne allen Belang geblieben, denn Friedrich ließ es bei der Finanzmethode Friedrich Wilhelms I. bewenden, nur daß er sie nach dem Siebenjährigen Kriege noch unendlich viel drückender machte.

Kommen die Gazetten, die nicht genieret werden sollen. Hierbei spielte sich ein kleines Intermezzo der auswärtigen Politik ab; Friedrich wollte sich eine Waffe mehr gegen die anderen europäischen Mächte sichern. Dieser Zusammenhang geht unzweideutig aus der urkundlichen Quelle des geflügelten Worts hervor, einem Schreiben des Kabinettsministers Grafen Podewils vom 5. Juni 1740, dem sechsten Regierungstage Friedrichs. Es lautet: »Se. Königl. Majestät haben mir nach aufgehobener Tafel allergnädigst anbefohlen, des Königl. Etats- und Kriegsministers Herrn v. Thulemeyer Exzellenz in Höchstdero Namen zu eröffnen, daß dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden soll, in dem Artikel von Berlin von Demjenigen, was anitzo hierselbst vorgeht, zu schreiben, was er will, ohne daß solches zensirt werden soll, wie Höchstderoselben Worte waren, weil solches Dieselben divertire, dagegen aber auch sodann fremde Ministri sich nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen hin und wieder Passagen anzutreffen, so ihnen mißfallen könnten. Ich nahm mir zwar die Freiheit, darauf zu regeriren, daß der ...sche Hof« (vermutlich ist zu ergänzen: der österreichische) »über dieses Sujet sehr pointilleux wäre, Se. Maj. erwiderten aber, daß Gazetten, wenn sie interessant sein sollten, nicht genirt werden müßten.«[16]

Es handelte sich also bei dieser glorreichen »Preßfreiheit« um nichts als um einen alten und freilich ewig neuen diplomatischen Kniff, um die Möglichkeit, auswärtigen Mächten allerlei unangenehme Dinge sagen und dabei doch die Hände in Unschuld waschen zu können. Daneben blieb das strenge, von Friedrich immer wieder – so am 21. März 1741 und am 7. Juni 1746 – eingeschärfte Verbot bestehen, daß »in publicis nichts ohne höhere Erlaubnis gedruckt werden dürfe«; jede Kritik der Regierung und Verwaltung, ja »jede Erörterung der öffentlichen Verhältnisse galt für durchaus unstatthaft« (Preuß). In dem politischen Teile der damaligen Berliner Zeitungen findet man nichts als Nachrichten von Feuersbrünsten, Erdbeben, Mißgeburten, wie eine Algierische Schebecke ein Maltesisches Schiff genommen, und dergleichen mehr.

Denn auch über den »Artikel von Berlin« wurde schon im Dezember 1740 die Zensur wieder verhängt, angeblich wegen »Mißbrauchs der Freiheit«, tatsächlich wohl, weil Friedrich, als er Berlin verließ, um in Schlesien einzufallen, die Waffe, die er selbst nicht mehr führen konnte, in den damaligen Zeitläuften nicht andern Händen überlassen mochte. Aber gleichviel, ob dem so oder anders war: In jedem Falle hatte die ganze Herrlichkeit von sogenannter »Preßfreiheit« gerade nur ein halbes Jahr gedauert, was am Ende auch noch das Beste an ihr war. Grundsätzlich hat sich Friedrich stets als ein Gegner der Preßfreiheit, als ein Anhänger der Zensur bekannt, selbst an Stellen, an denen er sonst gern seine freisinnigste Seite herauskehrte, wie in seinem literarischen Briefwechsel mit französischen Schriftstellern. So schreibt er am 7. April 1772 an d'Alembert, man müsse in den Büchern alles unterdrücken, was die allgemeine Sicherheit und das Wohl der Gesellschaft gefährde, welche die Verspottung nicht ertrage. Es ist auch wohl kaum nötig zu sagen, daß die Anekdote von der Karikatur auf den König, die Friedrich »niedriger hängen« ließ, damit sie bequemer gesehen werden könne, nach Nicolais Zeugnis eine »leere Sage« ist, ein »Stadthistörchen, wie dergleichen bei Hunderten in Berlin und in allen andern großen Städten« umzugehen pflegen.[17]

Am Abend seines Lebens, in einer Kabinettsorder vom 14. Oktober 1780, huldigte der König dann noch der Preßfreiheit in seiner besonderen Weise, indem er den Kriegsdienst als Strafe »wegen unbefugter Schriftstellerei, Aufwiegelung der Untertanen und dabei verwirkter grober Plackereien« verhängte.

Tatsächlich aber gibt es keinen klassischeren Zeugen gegen das friderizianische Preßsystem als gerade Lessing. In der bittersten Armut seiner jungen Jahre war es ihm nicht gut genug, eine politische Zeitung in Berlin zu redigieren unter einer jede selbständige Äußerung unterdrückenden Zensur, und in seinen reiferen Jahren hat er bekanntlich die »Berlinische Freiheit zu denken und zu schreiben« mit bitteren Worten beschränkt »einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will, und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen«.

Man darf nicht übersehen, daß dabei der Nachdruck noch obendrein auf den »Sottisen« ruht. Herr Erich Schmidt macht ein großes Aufheben davon, daß Friedrich den »anrüchigen«, den »verachteten« Freigeist Edelmann ruhig in Berlin habe leben und sterben lassen. Das ist auch ganz richtig; nur hätte Herr Schmidt doch lieber einem ehrlichen Manne nicht noch nach dem Tode die Ehre abschneiden sollen, um eine Gloriole um Friedrichs sogenannte »Toleranz« zu weben. »Anrüchig« und »verachtet« war Edelmann höchstens bei den Zeloten des Berliner Aufklärichts, sonst war er, wie Geiger ihn treffend nennt, ein »Aufklärer vor der Aufklärungszeit«, ein gar nicht unwürdiger Vorläufer von Reimarus und in gewissem Sinne selbst von Lessing. Die »verächtlichen Anspielungen«, die Lessing nach Herrn Schmidt auf Edelmann gemacht haben soll, beschränken sich in der Tat darauf, daß der blutjunge Lessing in einem Brief an seinen Vater beiläufig sagt, gegen Lamettrie sei Edelmann noch ein Heiliger: In reiferen Jahren kann Lessing unmöglich »verächtlich« von einem Manne gedacht haben, der trotz mancher Schwarmgeisterei unerschrocken in Spinoza seinen Meister pries, der alle geoffenbarten Religionen für unmöglich erklärte, aber die Stifter von Religionen gegen den Vorwurf des Betruges verwahrte, der in dem Vorworte seines bedeutendsten, 1747 erschienenen Werks höchst lessingisch schrieb, nicht Frevel oder Mutwille drücke ihm die Feder in die Hand, sondern die Liebe zur Wahrheit, ob er schon wisse, daß denen, die die Wahrheit geigten, der Fiedelbogen um den Kopf geschlagen zu werden pflege.

Die Duldung, die Friedrich dem verfolgten Manne gewährte, hatte nun aber auch sehr ihre zwei Seiten. Der König scheint ihn für einen harmlosen Schwärmer genommen zu haben; er hat ihn persönlich nicht behelligt, obgleich er ihm eine ausdrückliche Zusicherung seines Schutzes versagt haben soll.[Anmerkung 13]

Aber sonst gab er ihn seinen Verfolgern einfach preis. Der Propst Süßmilch nämlich, ein Mitglied der Akademie und ein auf dem Gebiete der Bevölkerungsstatistik sonst nicht unverdienter Schriftsteller, fiel in einer wütenden Schmähschrift – »halb Denunziation, halb Schimpfwörterlexikon« nennt sie Geiger – über den »berüchtigten Edelmann« her, und als ein anderes Mitglied der Akademie, der Chemiker Pott, sich in einer anonymen Gegenschrift Edelmanns annahm, schickte der König den Drucker dieser Schrift, den jungen Rüdiger, einen Freund Lessings, für sechs Monate auf die Festung nach Spandau, weil er, wie Sulzer an Gleim schrieb, die »christliche Religion und ihre Herolde angegriffen« hatte. Obendrein erklärte Friedrich in einem besonderen Edikte vom 14. April 1748, er werde in ähnlichen Fällen keine Begnadigung eintreten lassen. Im Jahre 1743 hatte er bereits ein paar rationalistische Abhandlungen des Gottschedianers Gebhardi verbieten lassen, und als dann der Gottschedianer Mylius, der bekannte Jugendfreund Lessings, in einer von ihm herausgegebenen Wochenschrift die Berliner Schulmeister beleidigt haben sollte, erschien »wegen verschiedener skandaleuser, teils wider die Religion, teils wider die Sitten anlaufender Bücher und Schriften« das allgemeine Zensuredikt vom 11. Mai 1749, das auch die theologischen Schriften einer Zensur unterwarf und den – Propst Süßmilch zum theologischen Zensor bestellte. Dies Edikt blieb bis zu Friedrichs Tode in Gültigkeit. Bekanntlich wurde dann auch den Fragmenten eines Ungenannten, als Lessing sie in Berlin herausgeben wollte, von der theologischen Zensur das Plazet verweigert, nicht zwar von dem inzwischen gestorbenen Süßmilch, aber von Teller, dem »aufgeklärtesten« der Berliner Theologen, der obendrein, als Lessing in Braunschweig wegen der Anti-Goeze gemaßregelt wurde, aus freien Stücken diese fliegenden Blätter einer klassischen Polemik für »nicht zensierbar« in Berlin erklärte. Man sieht also, daß man die »Sottisen gegen die Religion«, auf die Lessing die Berlinische Gedanken- und Redefreiheit beschränkte, im sottisenhaftesten Sinne des Worts nehmen muß: Ernsthafte Untersuchung religiöser Grundsätze, selbst wenn sie von Gottscheds bescheidenem Standpunkt ausging, wurde unter Friedrich gar sehr »geniert«.

Damit sind wir zur Religionspolitik Friedrichs und zu dem berühmtesten seiner geflügelten Worte gelangt. In dem Satze: »Alle Religionen müssen toleriert und jeder muß nach seiner Fasson selig werden«, erblickt Stahr den »Grundgedanken des Nathan«, und wer weiß wie viele haben ihm diese Weisheit gläubig nachgebetet. Man könnte sich wundern, daß Stahr und seine Gefolgschaft nicht lieber eine andere, zu gleicher Zeit von Friedrich über die gleiche Frage erlassene Kabinettsorder anziehen, die der Parabel von den drei Ringen noch viel näherkommt. Auf das Ansuchen eines Katholiken nämlich um das Bürgerrecht in Frankfurt a. O. antwortete Friedrich: »Alle Religionen sind gleich gut, wenn nur die Leute, so sie profitiren, ehrliche Leute sein, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peupliren, so wollen wir sie mosqueen und Kirchen bauen.«[18]

Da wäre ja schon so etwas wie die drei Ringe, aber – der verzweifelte Satz »und wollten das Land peupliren« hindert die Entwicklung dieser Kabinettsorder zu einer patriotischen Fabel. Friedrich wollte sein armes und dünn bevölkertes Land »peupliren«, um Rekruten für sein Heer und Steuern für seine Kassen zu bekommen, und da waren ihm Christen, Türken, Heiden und – wenigstens für den finanziellen Zweck – auch Juden höchst willkommen; er gewährte ihnen ohne weiteres öffentliche Anerkennung ihres Gottesdienstes und Schutz der Glaubensfreiheit. Aber deshalb hat er all sein Lebtag an eine Gleichstellung der religiösen Bekenntnisse im bürgerlichen Leben auch nicht im Traume gedacht; nichts hat ihm durch seine ganze Regierungszeit ferner gelegen, als den Juden, den Heiden, den Mohammedaner dem Christen, ja auch nur den Katholiken dem Protestanten gleichzustellen, wie es Locke in seinem Buche über die Toleranz und nach ihm die ganze bürgerliche Aufklärung verlangte. Man kann sogar nicht behaupten, daß sein persönlich freigeistiger Standpunkt bei der Bevölkerungspolitik irgendwie ins Spiel gekommen ist. Denn daß einerseits er selbst den Nutzen der Konfessionen für seine besondere Regierungskunst gar wohl zu erkennen wußte, andererseits aber schon sein strenggläubiger Vater »jeden nach seiner Fasson selig werden ließ«, beweist gerade die Entstehungsgeschichte dieses geflügelten Wortes.

Die protestantische Geistlichkeit hielt nämlich die Thronbesteigung Friedrichs für eine passende Gelegenheit, um mit den von Friedrich Wilhelm I. für Soldatenkinder eingerichteten römisch-katholischen Schulen aufzuräumen. Sie erbat vom Könige die Beseitigung dieser Schulen, indem sie sich auf einen Bericht des Generalfiskals Uhden berief, der ihre geistlichen Lehrer einer unerlaubten Propaganda bezichtigte. Friedrich schrieb aber an den Rand der Eingabe: »Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden, und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein Jeder nach seiner Faßon Selich werden.«[19]

Dieser »Grundgedanke des Nathan« besteht also in der Aufrechterhaltung einer Einrichtung, die Friedrich Wilhelm I. getroffen hatte. Das heißt: ein Fürst von dem beschränktesten Kirchenglauben, der selbst vor argen Mißhandlungen seines ältesten Sohns, eben des späteren Königs Friedrich, nicht zurückscheute, weil dieser über irgendeinen subtilen Lehrbegriff des Calvinismus anders dachte, als er nach dem väterlichen Willen denken sollte.[Anmerkung 14]

Trotzdem richtete aber Friedrich Wilhelm I. nicht allein römisch-katholische Schulen für Soldatenkinder ein, sondern unterhielt in der Stadt Brandenburg auch einen russischen Popen für die russischen Soldaten seines Heeres; ja, er gestattete diesen, wo immer sie standen und auf die Gefahr der sonst wie die Pest gescheuten Desertion hin zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse die Reise nach Brandenburg, die denn auch wirklich einmal von zwanzig kostspielig erworbenen Russen aus dem in Halle garnisonierenden Regimente des alten Dessauers zur Desertion benutzt wurde.[20]

Es ist darnach kaum noch nötig, ausdrücklich auszusprechen, daß, was Stahr und seine Nachbeter für den »Grundgedanken des Nathan« halten, nichts anderes als das erste Gebot des preußischen Militärstaats war.

Die an sich schon schwierige und umständliche Werbung ausländischer Rekruten wäre ganz unmöglich geworden, wenn der Widerstand der Regierungen und der Bevölkerungen noch in dem Widerstande der Kirchen einen Rückhalt gefunden hätte. Für Preußen fiel dieser Umstand um so schwerer ins Gewicht, als es sein hauptsächlichstes Werbegebiet in den geistlichen Staaten des südlichen und westlichen Deutschlands hatte, während es doch für die römische Kurie der ausgeprägteste Ketzerstaat war, nicht zwar, wie es liebedienerische Geschichtsschreiber darstellen, wegen der ausgeprägten »protestantischen Gesinnung der Hohenzollern«, wohl aber, weil das eigentliche Königreich Preußen, die heutige Provinz Ostpreußen, säkularisiertes Ordensland, ein der katholischen Kirche geraubtes Besitztum war. Der Militärstaat Preußen hatte den dringlichsten Anlaß, die katholische Kirche wie ein rohes Ei zu behandeln; für ihn handelte es sich dabei einfach um Sein oder Nichtsein. Friedrich war sich darüber vollkommen klar. Wie er die katholischen Soldatenschulen vor protestantischen Anfeindungen schützte, so verbot er den protestantischen Feldpredigern in ihrer Vokation jeden Angriff auf den Katholizismus, so sorgte er in den Dienstreglements der einzelnen Regimenter für den regelmäßigen Gottesdienst der katholischen Soldaten, so ordnete er an, daß in den Feldlazaretten immer auch ein katholischer Geistlicher zugegen sein müsse, um den Angehörigen seiner Konfession mit religiösem Troste beistehen zu können, so ließ er im Jahre 1751 den »Heiligen Vater« durch Algarotti wissen, daß die Katholiken in seinen Staaten nicht nur geduldet, sondern sogar beschützt würden.

Dazu kam noch ein sehr wichtiger Gesichtspunkt der Militärpolitik, der den König vollends bewegen mußte, jeden nach seiner Fasson selig werden zu lassen. In den Söldnerheeren war trotz der äußersten Wachsamkeit und der blutigsten Kriegsartikel die Desertion niemals auszurotten.[Anmerkung 15]

Gegen ein so hartnäckiges Übel waren denn auch religiöse Mittel nicht zu verachten; in den Dienstreglements wurde befohlen, daß die »Bursche Gott fürchten«, daß sie sonntäglich zweimal in die Kirche geführt werden und »allezeit stille mit Andacht Gottes Wort hören« sollten. Allein, wenn dadurch ein Erfolg erzielt werden sollte, so mußte den »Burschen« namentlich die »Heiligkeit« des Fahneneids durch einen Geistlichen ihrer »Fasson« eingepaukt werden. In dieser Beziehung ist es bezeichnend sowohl, daß Friedrich von allen Geistlichen am höchsten die Jesuiten mit ihrer strammen Disziplin schätzte, als auch wie er an einem Priester dieses Ordens einen Zweifel an der »Heiligkeit« des Fahneneides strafte. »Ich habe in allen Rücksichten nie bessere Priester als die Jesuiten gefunden«, ließ Friedrich dem Papste Clemens XIV. nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch seinen römischen Geschäftsträger sagen, und er behielt die Jesuiten ohne ihr Ordensgewand als »Priester des königlichen Schulinstituts« in seinen Landen bei, was die liberalen Jesuitenfresser und Kulturpauker von heute ja wohl »friderizianische Tradition« nennen. Aber als ein wiederergriffener Deserteur aussagte, der Jesuitenpater Faulhaber in Glatz habe ihm auf seine Anfrage in der Beichte erklärt, die Desertion sei zwar eine große Sünde, aber doch keine Sünde, die niemals vergeben werden könne, da ließ Friedrich diesen Priester ohne Verhör und Urteil, ja auf seinen ausdrücklichen Befehl ohne Beichte neben einem schon seit einem halben Jahre faulenden Deserteur an dem Spionengalgen hängen.[Anmerkung 16]

Verächtlicher in Glimpf wie in Schimpf behandelte Friedrich die evangelischen Geistlichen. Er benutzte sie, wie die katholischen, für seine Militär- und Schulzwecke, um Heer und Volk in Demut, Gehorsam und Unwissenheit zu erhalten, aber er schätzte die Erfolge ihrer Wirksamkeit viel geringer ein, und wenn diese jämmerlich besoldeten Leute einmal eine kleine Gehaltserhöhung oder sonstige Aufbesserung ihrer Lage verlangten, so pflegte er sie mit einer Anweisung auf den »Duhm von Neuen Jerusallem« oder einem Hinweise auf die »Apostelen«, die auch umsonst gepredigt hätten, kurzum, mit Scherzen abzuspeisen, die Lessing dann jawohl mit Recht »Sottisen gegen die Religion« genannt hat.

So bietet die Religionspolitik Friedrichs äußerlich ein widerspruchvolles Bild, innerlich hängt sie aber in vollkommen logischer Weise mit den damaligen Existenzmöglichkeiten des preußischen Staats zusammen. Die Entstehung dieses Staats setzte ihn in den schroffsten Gegensatz zu der katholischen Kirche, und so ließ Friedrich zu den bürgerlichen Staats-, ja auch zu den wichtigsten Gemeindeämtern nur Protestanten zu. Aber die Erhaltung des Staats zwang ihm eine Bevölkerungs- und Militärpolitik auf, deren erste Voraussetzung die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, ja bis zu einem gewissen Grade die Bevorzugung der katholischen Kirche war. Und als Stützen seines Despotismus waren ihm die Jesuiten lieber als jede andere Priesterschaft. In alles das aber spricht seine persönliche Freigeisterei auch nicht das leiseste Wörtlein mit hinein.

Das alles nun aber – was hat es mit Nathan, was hat Friedrich mit Lessing zu schaffen? Ungefähr ebensoviel oder sogar noch viel weniger als Kaiser Wilhelm II. mit Lassalle und Marx. In einem immerhin beschränkten Sinne tritt eine gewisse Analogie zwischen den Anfängen Friedrichs und des gegenwärtigen Kaisers hervor. Der Fürst ist der erste Diener des Staats: Entlassung Bismarcks. Roi des gueux: Februarerlasse. Gazetten dürfen nicht genieret werden: Aufhebung des Sozialistengesetzes. Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden: Preußischer Volksschulgesetzentwurf. Friedlich-schiedliche Trennung der Konfessionen, aber jeder Konfession in ihrem Bereiche die geistige Herrschaft über die Volksmasse: Das ist echt friderizianische Politik. Aber sieht man hievon und auch von dem ersten Punkte ab, so wird man anerkennen müssen, daß die Februarerlasse und die Aufhebung des Sozialistengesetzes sich zu dem Tafelwitze von dem roi des gueux und der Nachtischrede von den nicht zu genierenden Gazetten, was die Antriebe und die Zwecke der beiden Fürsten anbetrifft, verhalten wie der Chimborasso zum Kreuzberge. Gleichwohl – wer heute den Kaiser Wilhelm II. einen »Mitarbeiter und Mitstreiter seiner großen Zeitgenossen« Lassalle und Marx nennen wollte, würde der Pflege eines Irrenarztes anvertraut werden, vorausgesetzt, daß er nicht wegen Majestätsbeleidigung die vier Wände einer Festungszelle beschreien müßte.

Aber es ist nicht nur ebenso widersinnig, sondern – wegen des eben hervorgehobenen Unterschieds – noch viel widersinniger, Friedrich und Lessing als Geistes- und Gesinnungsgenossen hinzustellen. Sie hatten nicht nur nichts miteinander gemein, sondern sie vertraten die denkbar schärfsten Gegensätze ihrer Zeit, und zwar – als die begabtesten Vertreter ihrer Klassen – in denkbar schärfster Weise. Friedrich verachtete aus tiefster Seele die »Roture«, deren Vorkämpfer Lessing war, und stieß eigenhändig mit seinem Krückstocke jeden Bürgerlichen aus den Reihen seiner Offiziere. Lessing aber erblickte voll herbster Abneigung und Mißachtung und in völliger Übereinstimmung mit seinen Geistesgenossen, den geborenen Preußen Herder und Winckelmann, in dem friderizianischen Staate das »sklavischste Land in Europa«.

VI. Der brandenburgisch-preußische Staat

In viel ernsterer und tieferer Weise als Stahr zieht Lassalle die Parallele zwischen Friedrich und Lessing. Er hebt ausdrücklich den schroffen Gegensatz hervor, der zwischen ihnen nach Bildung und Geschmack, nach Neigung und Richtung bestand, und er meint nur, daß sie »einen und denselben Zeitgedanken in der so verschiedenen Sphäre ihrer Tätigkeit verwirklicht« haben. Dieser Zeitgedanke soll darin bestehen, eine versteinerte Wirklichkeit zu neuem Leben, zu neuem Recht erweckt zu haben. Der Kampf um Schlesien war nach Lassalle »kein Krieg im gewöhnlichen Sinne, in dem es sich nur um die gleichgültige Frage handelte, ob ein Landstrich diesem oder jenem Fürsten gehören solle, er war eine – Insurrektion, welche der Marquis von Brandenburg gegen die Kaiserfamilie, gegen alle Formen und Überlieferungen des deutschen Reiches, ja gegen den einmütigen Willen des europäischen Kontinents unternahm, eine Insurrektion, die er durchkämpfte wie ein echter, auf sich gestellter Revolutionär, das Gift in der Tasche«. Bloß von dieser insurrektionellen Bedeutung seines Kampfes aus lasse sich der Zauber begreifen, den die Erhebung Friedrichs auch außerhalb seiner Staaten und trotz der Greuel und Lasten des Krieges ausgeübt habe. Ebendaher seien auch die Reformen Friedrichs im Innern entsprungen; wenn die zum Bewußtsein gekommene Überlegenheit des Subjekts über die Welt seiner Überlieferungen zum Prinzipe proklamiert worden sei, auf welchem das Bestehen des Staates nach außen beruhte, so mußte sie sich auch nun von selbst in dem Innern des Staates und der Verwaltung durchführen. Aber, so fährt Lassalle dann weiter fort, alles Revolutionieren in der äußeren Wirklichkeit bleibe selbst äußerlich und verlaufe im Sande, wenn es dem Geiste nicht gelinge, ebensosehr mit der historisch überlieferten Welt des geistigen Innern fertig zu werden, sein neues Prinzip durch alle ihre Instanzen und Gebiete durchzuführen und sie von neuem aus ihm aufzubauen. Und hiezu habe die Geschichte Lessing erfunden, worauf Lassalle zur nähern Würdigung Lessings übergeht.

Es ist leicht zu erkennen, daß der Vergleich, den Lassalle zwischen Friedrich und Lessing zieht, aus seiner ideologisch-hegelianischen Geschichtsauffassung entspringt. Diese Auffassung erwuchs ihm aus tiefen und umfassenden Arbeiten; man darf sagen, daß sie das bestimmende Moment seines Geistes war, daß sie seine geschichtliche Wirksamkeit ebenso kräftigte und stärkte wie auch wieder beschränkte und schwächte. Ohne den felsenfesten Glauben an die Macht der Idee als die oberste Lenkerin der menschlichen Geschicke würde Lassalle nicht die gewaltigen Leistungen vollbracht haben, die er tatsächlich vollbracht hat, würde aus seinen Reden und Schriften nicht jenes Feuer schlagen, das auch da noch erleuchtet und erwärmt, wo man mit dem Inhalt nicht mehr einverstanden sein kann. Aber die ideologische Geschichtsauffassung selbst ist, in erster Reihe durch die Arbeiten von Marx, lange überholt worden, und vieles, was Lassalle aus ihr heraus dargelegt hat, bedarf der sachlichen Ergänzung und Richtigstellung. Nur daß man, wenn die Sache nicht um der Person willen vernachlässigt werden darf, um der Sache willen nicht der Person zu nahe trete. Es ist heute ebenso leicht, einzelne Irrtümer Lassalles klarzustellen, wie es vor dreißig Jahren schwer war, auf der geistigen Höhe Lassalles zu stehen. Nicht mit Unrecht zog ihn das Gefühl einer inneren Wahlverwandtschaft zu Männern wie Hutten und Lessing; er gehört in die Reihe jener großen Anreger, Befreier, Kämpfer, denen der Kampf auch wohl einmal das Ziel des Kampfes war und denen gerade Lessing manch tiefes Wort kongenialen Verständnisses gewidmet hat. So jenem spanischen Gelehrten, »der über die Grenzen seines Jahrhunderts hinausdachte und kühn genug war, neue Wege zu bahnen«; man werde auch von seinen Irrtümern nicht anders als gut urteilen können; er vergleiche ihn übrigens einem mutigen Pferde, das niemals mehr Feuer aus den Steinen schlage, als wenn es stolpere.

So auch wird man durch Lassalles Wort von der »revolutionären Insurrektion« Friedrichs und durch das, was er sonst über diesen König äußert, auf einen ungleich größeren Zusammenhang der Lessing-Legende geführt als selbst durch die »berühmte Stelle« Goethes, geschweige denn ihre sonstigen Bestandteile. Es ist notwendig, wenigstens in den allgemeinsten Umrissen den Charakter des brandenburgisch-preußischen Staates festzustellen und einige Blicke auf Friedrichs Rechtspflege und Verwaltung, seine Diplomatie und Kriegführung zu werfen, um aus alledem ein Urteil darüber zu gewinnen, ob seiner Wirksamkeit ein »revolutionäres« Element beizumessen ist, ob er irgendwie und irgendwo »neues Leben, neues Recht« angebahnt hat.

Lassalle meint, Friedrich habe in »revolutionärem« Entschlusse die versteinerten Ordnungen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zertrümmert, und er fügt hinzu, daß der Kaiser nach dem Hubertusburger Frieden im Jahre 1763 der Sache nach ganz ebensogut hätte die Krone niederlegen können, wie er es bei Stiftung des Rheinbundes im Jahre 1806 wirklich tat. Das ist nicht falsch, aber auch nicht so richtig, als wenn man sagt, Kaiser und Reich seien tatsächlich schon 1648 abgedankt worden. Denn der Westfälische Friedensschluß verkündete »der deutschen Stände Libertät«, die Landeshoheit der deutschen Teilfürsten, und das war um so entscheidender, als der Dreißigjährige Krieg an dem Versuche des damaligen Kaisers entbrannt war, ein einheitliches Reich wiederherzustellen. Wollte man die Worte pressen, so ließe sich sogar behaupten, gerade Friedrichs Politik habe der Reichsverfassung wieder eine Art gespenstigen Lebens eingehaucht. Er führte namentlich den zweiten Krieg um Schlesien angeblich für Kaiser und Reich gegen den Despotismus Österreichs, für den rechtmäßig gewählten Kaiser Karl VII. gegen die Rebellion der Königin von Ungarn, und die Bemühungen um den Fürstenbund, die seine letzten Lebensjahre erfüllten, gingen vom Boden der Reichsverfassung aus. Immerhin hieße das mehr auf die Form als auf die Sache sehen. Es beweist nur so viel, daß Friedrichs dynastische Politik auch mit so schemenhaften Faktoren, wie Kaiser und Reich damals waren, trefflich zu rechnen wußte: Ihrem Wesen könnte sie deshalb doch diese Schemen noch schemenhafter gemacht haben. Und das hat sie freilich auch getan, nur nicht durch einen »revolutionären« Entschluß, sondern auf dem Wege einer geschichtlichen Entwicklung, die tief in die Jahrhunderte zurückgreift.

Es ist ein bürgerlicher Schriftsteller, der in einer Schilderung der Hansa schreibt: »Auf keinem Gebiete irdischer Interessen wird der Unterschied zwischen Oberdeutschen und Niederdeutschen so bemerkbar als in der Tätigkeit, welche nationale Schranken mehr als jede andere zerbricht. Mittelmeer und Nordmeer, Landhandel und Seehandel, Fabrikant und Kaufmann, Goldwährung und Silberwährung stehen im Verkehre der Ober- und Niederdeutschen gegeneinander.«[21]

Dieser Unterschied verhinderte, daß in Deutschland wie in Frankreich, England, Spanien aus dem Verfalle des feudalen Reichs ein nationaler Staat entstand. Sobald sich aus der mittelalterlichen Naturalwirtschaft Gewerbe, Handel und Verkehr, kurz, die ersten Anfänge der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln begannen, verhinderte der Widerstreit der ökonomischen Interessen in Deutschland, was ihre Übereinstimmung in jenen andern Ländern verursachte. Will man äußerlich mit einer Jahreszahl den Beginn der Entwicklung bezeichnen, deren letzte Etappen die Jahre 1648, 1763 und 1806 waren, so bietet sich das Jahr 1273 dar. Die Wahl des kleinen Grafen Rudolf von Habsburg zum deutschen Kaiser offenbarte zuerst, daß die deutsche Monarchie eine schattenhafte Existenz zu führen begann. Es genügt darauf hinzuweisen, daß Rudolf bei seiner Wahl im kirchlichen Banne lag, weil er mit seinen Spießgesellen das Magdalenenkloster in Basel angezündet und ausgeraubt hatte. Er war die Puppe der großen Teilfürsten, die ihm nur unter ihrer Vormundschaft die Krone überließen und die ihm nur auf Kosten eines ihnen selbst zu übermächtig gewordenen Genossen, des Königs Ottokar von Böhmen, die Gründung einer sehr unsicheren Hausmacht gestatteten. Wenn Rudolf trotzdem der Ahnherr eines mächtigen Fürstengeschlechts wurde und seine Hausmacht sich zu einem Weltreich auswuchs, worin die Sonne nicht unterging, so geschah es zunächst, weil er und sein Nachfolger sich zu Fähnrichen und Vorkämpfern der päpstlichen Universalmonarchie machten. Das wurde die unverbrüchliche Politik des Hauses Habsburg; Rudolf strafte die Fürsten mit derselben Waffe, womit sie seine mächtigen Vorgänger auf dem Throne so oft gestraft hatten. Gleich nach seiner Wahl unterwarf er sich demütig der Kirche, nach deren irdischen Gütern er in seinen proletarischen Umständen gar zu unehrerbietiges Verlangen getragen hatte. Aus der unbedingten Unterwerfung unter den Papst gewann er aber nicht nur moralische, sondern auch und namentlich ökonomische Macht. Auf Halbpart begünstigte er die Ausbeutung der deutschen Nation durch die römische Kurie; mit eigener Hand schützte er auf einem Fürstenkonvent in Würzburg einen päpstlichen Legaten, dem die schmählichsten Wucherpraktiken nachgewiesen worden waren.

Allein diese Wucherpraktiken zehrten an den Wurzeln der päpstlichen Weltmonarchie. Sie wurde um so überflüssiger, je mehr sich die Warenproduktion und der Welthandel und in deren Gefolge die weltlichen Wissenschaften entwickelten. Aber je überflüssiger sie wurde, um so höher steigerte sie ihre Ansprüche, um so rücksichtsloser beutete sie die Nationen aus. Eine Auseinandersetzung mit Rom wurde für alle europäischen Völker eine Notwendigkeit. Es erübrigt, hier zu verfolgen, wie sie sich je nach dem von den einzelnen Völkern erreichten Höhegrade der ökonomischen Entwicklung sonst in Europa vollzog.[Anmerkung 17]

Für Deutschland war diese Auseinandersetzung bei dem Widerstreite der ökonomischen Interessen, der das Land teilte, nur so möglich, daß der eine Teil um jeden Preis an Rom festhalten, ebendeshalb aber der andere Teil sich um jeden Preis von Rom losreißen mußte.

Zwar konnte es einige Jahre so scheinen, als habe Deutschland in dem Kampfe gegen Rom das Band gefunden, das alle Teile des Landes und alle Klassen des Volkes zu einer nationalen Einheit zusammenschließen würde. Die päpstliche Ausbeutung und Plünderung war so unerträglich geworden, daß Bauern, Bürger, Ritter, Fürsten gemeinsame Sache gegen sie machten. Ja, bis tief in die katholische Geistlichkeit hinein regte sich das Verlangen nach Abschüttelung des römischen Jochs, und selbst der habsburgische Kaiser Maximilian sah in Luther einen Mann, den man im Notfall immerhin gebrauchen könne. Allein dies gemeinsame Ziel war nur ein negatives; sobald es erreicht war, mußten die positiven Gegensätze auf ökonomischem und sozialem Gebiete um so schroffer hervortreten. Und so geschah es. Die Niederlage der Bauern, an denen Luther schmählichen Verrat übte und in deren Blute seine fürstlichen Beschützer mit erbarmungsloser Grausamkeit wateten, brach der reformatorischen Bewegung das Rückgrat. Die Fürsten blieben als Sieger auf dem sozialen Kriegsschauplatze. Das war eine historische Notwendigkeit, denn die Fürsten vertraten die Zentralisation des modernen Staats, soweit sie unter den ökonomischen Verhältnissen Deutschlands überhaupt möglich war. Nur daß es deshalb keineswegs das war, was man heutzutage Gedanken- und Geistes- und Gewissensfreiheit, Kulturfortschritt und so weiter zu nennen beliebt. Was die römische Kirche im sinkenden Mittelalter für Armen- und Krankenpflege, für Unterricht und Wissenschaft getan hatte, war herzlich wenig, aber es war doch immer noch mehr, als wenn die Fürsten das Kirchengut durch die Gurgel jagten oder an ihre Dirnen verschwendeten. Die protestantische Lehre selbst aber versteinerte als Spiegelbild dieses Duodezdespotismus zum Dogma vom göttlichen Rechte der Fürsten, von ihrer Allmacht und ihrer Allweisheit, vom unbedingten Gehorsam der Untertanen, kurzum, zu einem Dogma, wie es auf deutschem Boden niemals erhört und vor allem auch niemals von der katholischen Kirche gelehrt worden war.

Aller Scharfsinn der ideologischen Geschichtsschreibung scheitert an der Frage, wieso es kam, daß die revolutionäre Bewegung gegen die Weltmacht des Mittelalters gerade in dem Lande, wo sie den höchsten Aufschwung zu nehmen schien, in die traurigste Reaktion umschlug, weshalb gerade in Deutschland, um mit Lassalle zu sprechen, die »geistige Freiheit« nur dadurch erreicht werden konnte, daß ihr »bis auf die letzte Spur alles nationale Dasein, alle politische Freiheit, Einheit und Größe mindestens auf drei Jahrhunderte von Grund aus zum Opfer gebracht wurde«, worauf dann natürlich auch die »geistige Freiheit gar bald in jenes widerliche konfessionelle Pfaffengezänk verkümmern mußte, welches das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert erfüllte«. Der ideologische Streit der katholischen und der protestantischen Geschichtsschreiber darüber geht schon ins vierte Jahrhundert und ist doch nicht weiter gelangt wie am ersten Tage. Und auch am Jüngsten Tage wird er nicht weiter gelangt sein, wenn man sich hüben und drüben nicht endlich zur Erkenntnis aufschwingt, daß in dem Kampfe der religiösen Weltanschauungen sich die jeweiligen ökonomischen Klassenkämpfe widerspiegeln. Katholizismus und Feudalismus waren im Mittelalter ein und dasselbe; der entstehende Kapitalismus konnte diesen nicht bezwingen, ohne jenen niederzuwerfen; die Städte mußten mit den Pfaffen abrechnen, wenn sie den Junkern den Daumen aufs Auge drücken wollten. Die ökonomisch hochentwickelten Städte des südlichen Frankreichs waren schon im dreizehnten Jahrhundert die ersten Stätten der protestantischen Ketzereien; mit dem Seherblicke des Dichters feiert Nikolaus Lenau die Albigenser als die rechten Ahnen der »Stürmer der Bastille und so weiter«. Wie die Albigenser waren später die Hugenotten die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, und der Franzose Calvin gab der protestantischen Ketzerei die dogmatische Fassung, die dem revolutionären Bürgertum als siegreiches Banner gegen die habsburgisch-päpstliche Weltmonarchie dienen konnte und gedient hat.

Vor allem in den »germanischen Ländern« Holland und England, während im eigenen Deutschland der Deutsche Luther nur eine dogmatische Fassung der protestantischen Ketzerei fertigbrachte, die wie ein fürchterlicher Alp durch mehrere Jahrhunderte auf der geistigen Entwicklung der Nation gelastet hat. Nach der ideologischen Geschichtstheorie müßte der Grund dieses weltweiten Unterschieds in der Verschiedenheit der großen Männer Calvin und Luther oder, wie man es wohl ausgedrückt hat, darin liegen, daß Calvin eine freiere, Luther eine strengere Anschauung vom Protestantismus hatte. So daß, wenn Calvin in Wittenberg und Luther in Genf gelebt hätte, die Geschichte des modernen Europa einen ganz anderen Verlauf genommen haben würde. Zum Unglück für diese geistreiche Auffassung war nun aber, Person an Person gemessen, Calvin womöglich noch beschränkter und unduldsamer als Luther, der solche Dinge wie den Scheiterhaufen des Servet immerhin nicht auf seinem Konto hat. Aber der historische Luther war in Genf so unmöglich wie der historische Calvin in Wittenberg. Die reiche Handelsstadt Genf hätte die bischöfliche Gewalt eines weltlichen Fürsten sowenig ertragen, wie in dem »alten Dorfe Wittenberg«, das nach Luthers Zeugnis in termino civilitatis, an der Grenze der Zivilisation lag, eine demokratische Kirchenverfassung möglich gewesen wäre. Am schärfsten trat der Gegensatz natürlich in der hauptsächlichsten Streitfrage zwischen Calvin und Luther hervor, in dem Abendmahlsstreite, den die aufklärerische Sekte der ideologischen Geschichtschreibung – ihre anspruchsvollste, aber keineswegs ihre tiefsinnigste Sekte! – als einen sinnlosen Streit um leere Worte aufzufassen geneigt ist. Luthers Einsetzungsworte ließen den Priester das Brot und den Wein in Fleisch und Blut Christi verwandeln; sie machten also aus dem Geistlichen den Schöpfer des Gottes und somit aus dem bischöflichen Landesherrn den Oberpapst von lauter kleinen Päpstlein. Aber jenes revolutionäre Bürgertum, dessen religiöser Wortführer Calvin war, dachte schon, was Lessing später sagte, daß nämlich die vielen kleinen Päpste unerträglicher seien als der eine große Papst, und so ließen sie es bei dem Abendmahle als einer bloßen Erinnerungsfeier an Jesu Opfertod bewenden.

Mit andern Worten: Calvinismus und Luthertum waren die verschiedenen religiösen Widerspiegelungen verschiedener ökonomischer Zustände des Bürgertums. In jenem siegten seine ökonomisch schon entwickelten, in diesem blieben seine erst halbentwickelten Elemente stecken. In Deutschland war aber nicht nur durch den Widerstreit der ökonomischen Interessen zwischen den einzelnen Teilen des Landes die Entwicklung der bürgerlichen Klassen gehemmt worden, sondern die großen ökonomischen Umwälzungen des sechzehnten Jahrhunderts stürzten die deutschen Städte sogar von der schon erreichten Höhe. Die Seeherrschaft der Hansa, die das nördliche Deutschland überhaupt erst aus der mittelalterlichen Barbarei gerissen hatte, ging unaufhaltsam verloren. Die Konkurrenz der durch ausgedehnte Schiffahrt und bedeutenden Fischfang mächtigen Holländer, die ökonomische Erstarkung der skandinavischen Länder, deren Handel die Hansa mehr oder weniger monopolisiert hatte, die Beseitigung der hansischen Handelsprivilegien in England durch die Königin Elisabeth, diese und andere sich wechselseitig fördernden Umstände führten den Untergang des mächtigen Städtebundes herbei. Aus dem Verkehre mit dem europäischen Nordosten wurden die niederdeutschen Städte durch die Engländer und Holländer fast völlig verdrängt; vom Handel mit England blieb ihnen nur ein sehr kleiner Teil; im Handel mit Spanien und Portugal ließen die Holländer sie kaum aufkommen; vom Verkehr mit beiden Indien und mit der Levante waren sie völlig ausgeschlossen. Ebenso hatte der Handel der oberdeutschen Städte infolge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, die Umschiffung des Vorgebirgs der Guten Hoffnung durch die Portugiesen und den durch beide Tatsachen verursachten Niedergang des Handels der italienischen Städte schon gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts seine Bedeutung großenteils verloren. Und je mehr das Anwachsen des Kapitalismus zur Ausdehnung seiner Märkte, das heißt zu den großen geographischen Entdeckungen des Reformationszeitalters führte, je schneller der Welthandel vom »Mittel- und Nordmeer« an die Gestade des Atlantischen Ozeans übersiedelte, um so mehr versiegten die Quellen des Wohlstandes für das nördliche wie für das südliche Deutschland, um so tiefer sanken die bürgerlichen Klassen des deutschen Volks.

Der Niedergang der deutschen Städte war aber auch der Niedergang der deutschen Reformation. In den entscheidenden Tagen des Bauernkrieges vermochten sich die Städte nur zu einer halben und zweideutigen Haltung aufzuschwingen, und darnach hatten die Fürsten das Heft in der Hand. Sehr mit Recht hat Engels eine Parallele zwischen dem deutschen Bürgertum von 1525 und 1848 gezogen, beide Male unterlag es halb aus Mangel an revolutionärem Mut gegen den Feudalismus, halb aus Überfluß an reaktionärer Angst vor dem Proletariat. Wir möchten nur noch auf ein zeitgenössisches Zeugnis hinweisen, auf einen Brief Wilibald Pirckheimers, des berühmten Patriziers von Nürnberg, der wohl als der klassische Vertreter des deutschen Bürgertums im Reformationszeitalter betrachtet werden kann. Kurz vor seinem 1530 erfolgten Tode schrieb er, er sei anfänglich gut lutherisch gewesen, aber im Vergleiche mit den evangelischen Buben erscheine die römische Büberei noch fromm. Die habe nur mit Gleisnerei und List betrogen, während die jetzigen offen und ungescheut ein schändlich Leben führten. Der gemeine Mann sei durch dieses Evangelium also unterrichtet, daß er nicht anders gedenke, denn wie eine gemeine Teilung geschehen möge; und wo die große Strafe nicht wäre, würde sich bald eine gemeine Beute erheben, wie an vielen Orten auch schon geschehen sei. Das schreibe er jedoch nicht darum, daß er des Papstes und seiner Pfaffen und Mönche Wesen loben könnte oder möchte, vielmehr wisse er, daß es in viel Weg sträflich sei und einer Besserung bedürfe. Doch seien die Papisten zum mindesten unter ihnen selbst eins: Dagegen seien die, so sich evangelisch nennen, mit dem höchsten untereinander uneins und in Sekten zerteilt; die müßten ihren Lauf haben wie die schwärmenden Bauern, bis sie zuletzt gar verwüten.[22]

Man sieht: Das »Teilen« und die »Spaltungen« der Sozialdemokratie sind eine alte Geschichte, doch darf man deshalb den alten Pirckheimer nicht auf eine Stufe mit den kapitalistischen Soldschreibern von heute stellen. Er war ein sehr gebildeter Mann, und seine halb reuige Rückkehr zum Papsttum hatte doch auch noch einen tieferen Sinn als die gemeine Philisterangst vor dem »Teilen«. Es geschah nicht oder doch nicht nur durch jesuitische Gewalt und List, es war auch nicht »Reaktion« im landläufigen Sinne der protestantischen Geschichtsschreiber, wenn sich der kultiviertere und reichere Westen und Süden frühzeitig wieder der alten Kirche zuwandten, wenn Salzburg, Bamberg und Würzburg, Trier, Köln und Paderborn, selbst Fulda und das Eichsfeld mitten im Frieden wieder katholisch wurden. Nicht allein stand der verjüngte Katholizismus hoch über dem schnell erstarrten Luthertum, sondern der Bruch mit Rom bedeutete auch den Bruch mit den damals noch entwickeltsten Ländern Europas, mit Italien, Frankreich, Spanien. Von ihnen hingen die ökonomischen Interessen der oberdeutschen Städte ab, und wenn ihr Handel gerade durch den Verfall des italienischen Handels den Todesstoß empfangen hatte, so pflegt sich der Ertrinkende erst recht krampfhaft an die Planken des Schiffes zu klammern, mit dem er gescheitert ist.

Dagegen blieb der Protestantismus im nördlichen und östlichen Deutschland vorherrschend. Diese Landesteile waren verhältnismäßig spät in den römisch-christlichen Kulturkreis getreten; sie hatten von Rom immer nur Übles, immer nur die raffinierteste und schamloseste Plünderung erfahren; ihre wirtschaftlichen Beziehungen liefen nicht nach dem südlichen und westlichen, sondern nach dem nördlichen und östlichen Europa hin. Jene Spaltung der ökonomischen Interessen, die das nördliche vom südlichen Deutschland schied, mußte sich auch in der religiösen Widerspiegelung dieser Interessen geltend machen. Aber der deutsche Protestantismus mußte auch ein ganz anderer werden wie der französische, holländische, schweizerische, wenn der ökonomische Schwerpunkt sich von den Märkten der Städte an die Höfe der Fürsten verschob. Zwar bestand an und für sich eine starke Interessengemeinschaft zwischen Bürger- und Fürstentum; wenn die kapitalistische Produktionsweise den nationalen Staat erzeugte, so war der nationale Staat zunächst nur möglich in der Form der absoluten Monarchie. Überall, wo ein einheitlicher, nationaler Wirtschaftsbetrieb entstand, waren die Monarchen sich ihres Ursprungs wohl bewußt: Sie beförderten die wirtschaftlichen Interessen des Landes, den Ackerbau und das Handwerk, den Handel und die Industrie. Gerade daran ging die Hansa zugrunde, daß die erstarkenden fürstlichen Gewalten im nördlichen und östlichen Europa die ökonomischen Interessen ihrer Gewerbe und Handel treibenden Klassen mit schroffer Rücksichtslosigkeit vertraten. Aber in Deutschland kam es eben nicht zu einem einheitlichen Nationalstaate, sondern nur zu einer großen Zahl von Teilstaaten und, wie Lassalle seinen Franz von Sickingen sagen läßt: Durch solche Landparzellen kann die Zugluft der Geschichte nicht streichen. Die deutschen Teilfürsten waren mehr große Grundbesitzer der feudalen als absolute Monarchen der kapitalistischen Zeit; sie sahen in den Städten nicht die Quellen ihrer Macht, sondern die ehrgeizigen und gefährlichen Nebenbuhler des Junkertums; in größerem Stile als die Stegreifritter der Landstraße, aber ganz aus dem gleichen Geiste heraus suchten sie die Hennen zu schlachten, welche die goldenen Eier legten. Sobald in diesem Kampfe der Verfall der Städte den Sieg der Fürsten entschied, mußte der deutsche Protestantismus aus dem ideologischen Bekenntnis des revolutionären Bürgertums in das ideologische Bekenntnis eines verächtlichen und verhängnisvollen Duodezdespotismus umschlagen. Durch die schnelle Verarmung des Volkes wurde Deutschland das sprichwörtliche Land der Knechtseligkeit.

Es soll schwer sein, in der ganzen Weltgeschichte eine Klasse aufzufinden, die durch so lange Zeit so arm an Geist und Kraft und so überschwenglich reich an menschlicher Verworfenheit gewesen ist wie die deutschen Fürsten vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert. Man darf nur nicht die Verantwortung für diese betrübende Tatsache auf die einzelnen Fürstengeschlechter wälzen; vielmehr muß die bürgerliche Geschichtsschreibung, wenn sie gerecht sein will, rückhaltlos anerkennen, daß es nicht anders gewesen wäre, wenn auf den Thronen der deutschen Teilfürsten etwa die Häupter der Familien Müller und Schulze gesessen hätten. Es waren die ökonomischen Lebensbedingungen der deutschen Fürstenklasse, die aus ihr in jenen Jahrhunderten ein so groteskes Zerrbild machten. Fehlte ihr die Grundlage, welche die fürstliche Macht in ökonomisch entwickelten Ländern besaß, so konnte sie nur bestehen durch fortlaufenden Verrat an ihrem Lande, an ihrem Volke und nicht zuletzt auch, was namentlich von den protestantischen Fürsten gilt, an ihrem Glauben. Da die Fürsten von dem Gewerbe der Untertanen nicht leben konnten, lebten sie von ihrem Blute; aus dem Handel mit Menschen gewannen sie, was ihnen der Handel mit Produkten nicht abwerfen konnte. Der Ausfuhrhandel war nach und nach fast auf einen einzigen bedeutenden Artikel herabgesunken. Die deutsche Leinwand, ein Produkt der ländlichen Industrie, wurde so gut und billig hergestellt, daß mehrere andere europäische Länder sie nicht entbehren konnten. Ihr Absatz wurde besonders im siebenzehnten Jahrhundert gefördert durch die Erweiterung des Kolonialhandels der Engländer, der Franzosen und der Spanier. Nach England, Frankreich und der Pyrenäischen Halbinsel gingen namentlich aus Niedersachsen über Hamburg und Bremen bedeutende Mengen leinener Gewebe, während der Leinenabsatz aus Westfalen nach Holland und von Schwaben nach Italien ebenfalls nicht unerheblich war. Indessen das war bis auf die Ausfuhr einiger Metallwaren auch alles, und die Menge ausländischer Erzeugnisse, die für den Erlös dieser Ausfuhr gekauft werden konnte, reichte für den Bedarf des fürstlichen Luxus bei weitem nicht hin. Die deutschen Fürsten brauchten noch andere Zahlungsmittel und fanden sie in den Subsidien, für welche sie ihre landesherrlichen Rechte, vor allem die Verfügung über Fleisch und Blut ihrer Untertanen, an die Interessen des Auslands verkauften. Gülich berechnet, daß allein von 1750 bis 1815 von Frankreich 35 und von England 311 Millionen Taler an deutsche Fürsten gezahlt wurden, Summen, die es überhaupt erst verständlich machen, wie so viele Teilfürsten eines so verarmten Landes, wie Deutschland war, mit der prunkhaften Verschwendung der französischen Könige wetteifern konnten.[23]

Eine Fürstenklasse, deren ökonomische Grundlage der fortlaufende Verrat an ihren ideellen Fürstenpflichten war, mußte natürlich die Brutstätte aller menschlichen Laster werden. Schon im fünfzehnten Jahrhundert war das Sündenregister der deutschen Fürsten unerschöpflich. Und die deutschen Fürsten des sechzehnten Jahrhunderts muß selbst Treitschke eine »verkommene Generation« nennen. Bei der Kaiserwahl von 1519 verkauften sämtliche Kurfürsten ihre Stimmen, mit einziger Ausnahme Friedrichs von Sachsen, der durch den Segen seiner Bergwerke eine seit der Entdeckung der Neuen Welt freilich schon prekär gewordene ökonomische Unabhängigkeit genoß; besondern Skandal erregten der Kurfürst von Brandenburg und sein Bruder, der Kurfürst von Mainz, durch die fröhliche Unbefangenheit, womit sie im Aufstriche je nach den steigenden Geboten ihre Stimmen bald an den französischen, bald an den spanischen Bewerber um die deutsche Kaiserkrone losschlugen. Aber Kaiserwahlen waren Festtagsschmäuse für diese Handelsleute; der alltägliche Schacher ging um das Blut ihrer Untertanen. Es ist anzuerkennen, daß sie dabei jedes ideologische Mäntelchen verschmähten. Ohne Zweifel neigte sich die große Mehrheit der weltlichen Fürsten dem Protestantismus zu, vor allem, weil er ihnen die reichen Kirchengüter einzuheimsen gestattete und weil sich die lutherische Lehre je länger je mehr zu einer himmlischen Verklärung ihres sehr irdischen Duodezdespotismus gestaltete. Aber weder diese noch die katholischen »Bekenner« und »Betefürsten« ließen sich in dem süßen Handel mit ihrer Menschenware durch ihre religiösen Bekenntnisse beirren; jede derartige Zumutung würden sie als einen wahrhaft gotteslästerlichen Eingriff in ihre göttlichen Gerechtsame zurückgewiesen haben. In den Hugenottenkriegen kämpften deutsche Lansquenets und Reitres hüben wie drüben und in jedem Lager der Franzosen deutsche Katholiken und Protestanten bunt durcheinander; der Badener, die Rheingrafen, viele andere protestantischen Fürsten standen im Lager der Liga gegen die Hugenotten. Der protestantische Erich von Braunschweig führte seine Truppen zu Alba, um die holländischen »Sakramentsschänder« zu züchtigen. Im Schmalkaldischen

Kriege standen Moritz von Sachsen und die beiden Markgrafen von Brandenburg, Joachim II. und Hans, nicht zu ihren evangelischen Bundesgenossen, sondern auf habsburgisch-päpstlicher Seite. Und so weiter bis zu dem niederträchtigen Menschenschacher, den deutsche Fürsten gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit England trieben und den wir weiterhin noch näher beleuchten müssen.

Nichts begreiflicher, als daß die habsburgisch-päpstliche Weltmacht immer von neuem versuchte, dies Nest ruppiger Zaunkönige auszunehmen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wiederherzustellen. Aber auch nichts begreiflicher, als daß alle diese Versuche nicht nur fehlschlugen, sondern das Gegenteil des erstrebten Erfolges erzielten. Trübselig wie das deutsche Fürstentum war, wurzelte es doch in den ökonomischen Zuständen des Landes, und die Feinde Deutschlands streckten schützend ihre Hand über den permanenten Landesverrat seiner Fürsten. Der gewaltigste jener Versuche, der Dreißigjährige Krieg, endete mit der verbrieften Landeshoheit der deutschen Fürsten unter völkerrechtlicher Garantie Frankreichs und Schwedens: Damit hatte die ökonomische Zerrissenheit Deutschlands, die es zum Spiel ausländischer Interessen machte, ihren politischen Ausdruck gefunden. In dem Kriege selbst spielten die protestantischen Fürsten eine mehr oder minder klägliche Rolle, der Kurfürst von Brandenburg eine so feige und zweideutige, daß ihn selbst, wieviel das immer sagen will, die hohenzollernschen Geschichtsschreiber preisgeben. Gleichwohl scheiterte das habsburgische Kaisertum daran, wieder vereinigen zu wollen, was die ökonomische Entwicklung zerrissen hatte, und aus dem ärmsten Winkel des protestantischen Deutschlands erwuchs ihm nunmehr ein Gegner, der ihm bald gefährlicher werden sollte als Frankreich und Schweden, als die ausländischen Beschützer der deutschen Kleinstaaten.

Dieser Gegner war der brandenburgisch-preußische Staat. Mit dem Dreißigjährigen Kriege begann er ebenso über das nördliche Deutschland emporzuwachsen, wie Österreich über dem südlichen Deutschland stand; damals schon sagte ein habsburgischer Minister, der Brandenburger werde der werden, den das »lutherische Geschmeiß« ersehne. Wie wurde das nun aber? Die landläufige Antwort ist: als ein Werk der Hohenzollern. Männer machen die Geschichte, ruft Herr von Treitschke, ohne die Hohenzollern ist der preußische Staat undenkbar, und er redet dann auch von der »Herrschgier eines Fürstenhauses, dessen Glieder zumeist mit beispielloser Unfähigkeit geschlagen waren«, womit er die Habsburger meint. Diese kritische Analyse des österreichisch-preußischen Dualismus blendet durch ihre Einfachheit, und sie wäre gewiß sehr befriedigend, wenn anders Schmeicheleien und Schimpfereien in die wissenschaftliche Geschichtsschreibung gehörten. Andere wohlgesinnte Geschichtsschreiber sagen: Als Vorkämpfer des protestantischen Gedankens hat Preußen die deutsche Hegemonie errungen. Allein wir haben bereits gesehen, sowohl was es mit dem »protestantischen Gedanken« auf sich hatte als auch weshalb der preußische Staat jeden nach seiner Fasson selig werden ließ. Näher kommen der Wahrheit schon die kühnen Geister, die sich zu der Erkenntnis aufschwingen: Preußen hat als Militärstaat das deutsche Reich nach und nach erobert. Nur daß damit die Frage zwar näher erläutert, aber noch keineswegs beantwortet ist, denn Militärstaat war Österreich auch; Militärstaaten waren oder wurden im siebzehnten Jahrhundert alle europäischen Staaten, und selbst die kleinsten Winkelstaaten wurden wenigstens Militärspielschachteln. Der Absolutismus war undenkbar ohne ein Heer. Die erste Form des modernen Militarismus waren die geworbenen Haufen der Landsknechte, aber diese Form starb schon im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts ab. Der Dreißigjährige Krieg hatte nicht zuletzt deshalb so lange gewährt und so furchtbare Verwüstungen angerichtet, bis ihm nicht sowohl der Sieg der einen und der anderen Partei als die allgemeine Erschöpfung ein Ziel setzte, weil keine der hadernden Parteien wegen des unzulänglichen Kriegsmaterials entscheidende Schläge führen konnte. Die Heere waren zu klein und vor allem zu wenig dauerhaft; bei jeder Stockung der Soldzahlung – und die kriegführenden Staaten befanden sich sehr bald alle in der ärgsten Finanzklemme – drohten sie auseinanderzulaufen und liefen auch wirklich auseinander; hatte das eine Heer an der Isar oder am Rheine gesiegt, so rottete sich schon wieder ein Feindesheer an der Elbe oder der Oder zusammen; die höchste Kunst des Feldherrn bestand in einer sozusagen demagogischen Fähigkeit, möglichst viel Futter für Pulver möglichst sicher an die Fahne zu fesseln, und wie gefährlich diese Demagogie für die Fürsten selbst werden konnte, zeigte das Beispiel Wallensteins. Aus diesen Erfahrungen und Lehren, entstand das stehende Söldnerheer, für welches das durch den Krieg erzeugte Lumpenproletariat gleich den nötigen Rohstoff lieferte.

Also nicht darin unterschied sich der brandenburgisch-preußische Staat von den übrigen Staaten, daß er überhaupt ein Militärstaat wurde, sondern nur dadurch, daß er gewissermaßen zum Militärstaat unter den Militärstaaten erwuchs, und diese Entwicklung ergab sich aus den ökonomischen Zuständen der Landesteile, aus denen er bestand. Die Ursachen der ostelbischen Kolonisation, die sich in der zweiten Hälfte des Mittelalters vollzog, können hier nicht dargelegt werden, ebensowenig die verschiedenen Formen, welche sie in Brandenburg, Pommern, Schlesien und Preußen annahm: Genug, die Mark Brandenburg, das Stammland des preußischen Staats, war ursprünglich eine Militärkolonie gewesen. Die Grundlage aller Besitzverhältnisse bildete damals die Rücksicht auf den Krieg; alle Grundstücke waren für diesen Zweck von Anfang her pflichtig; es wurde für sie gezinst oder Lehndienst geleistet. Für den Lehndienst zog ein zahlreicher, aus unfreien Ministerialen bestehender Militärstand zu; seine Bestimmung war in erster Reihe der Kriegsdienst und keineswegs der Ackerbau; das Lehngut sollte die Mannschaft unterhalten, und nur so viele Hufen sollten zinsfrei sein, als zur Erhaltung der lehnmäßigen Ausrüstung nötig wären; im Jahre 1280 wurde festgesetzt, daß der Ritter sechs Hufen unter dem Pfluge frei haben solle, aber für jede Hufe darüber zinsen müsse. Allein diese Einrichtung verfiel sehr schnell. Die bewaffnete Macht wurde eine ökonomische Klasse, die ihr öffentliches Amt zu einer Quelle sozialen Eigennutzes machte; die unfreie Kriegerkaste warf sich ebenso zum Herrn über den Markgrafen wie über die freien Bauern auf, die neben, nicht unter ihnen saßen und die gerade über die Elbe gewandert waren, um den Bedrückungen der Gutsherren im eigentlichen Reiche zu entgehen.

In dem märkischen Landbuche von 1375 finden sich schon Rittergüter von 10, 20, 25 Freihufen, die doch nur ein Lehnpferd zu leisten haben; es gibt Rittergüter von mehr als 6 Freihufen, die nur ½, ¼, 1/8 Lehnpferd leisten; drei Ritter in Wilmersdorf bei Berlin haben 10, 8, 3 Freihufen und leisten jeder nur ein halbes Viertelpferd. Statt der 4000 Ritter, die im fünfzehnten Jahrhundert in den Marken aufsaßen, kamen im sechzehnten nur noch 600; statt der vollen Lanze, dem Ritter mit zwei oder drei Knappen, einem Schützen, ein paar Knechten kamen »Einspänner«; endlich schickte der Vasall gar, statt selbst zu erscheinen, »einen Kutscher, Vogt, Fischer oder dergleichen schlimm und unversucht Lumpengesindel«, wie es in einem kurfürstlichen Erlasse von 1610, also am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges heißt. War dieser Verfall der Landesverteidigung schon nicht möglich ohne Schuld der Landesherren, die sich die Dienstpflicht der Mannschaft abkaufen, abschmeicheln, abtrotzen ließen, so trugen die Markgrafen, die askanischen, bayerischen, luxemburgischen wie hohenzollernschen, noch größere Schuld an dem Untergange der freien Bauernschaft. Sie belehnten die Ritter gegen Geld und Gunst mit dem Hufenzinse, den Hand- und Spanndiensten, kurzum, den Gefällen, die ihnen als Landesherren von den Bauern zustanden; sie bahnten der »Gutsherrlichkeit« den Weg, indem sie aus der dinglichen Pflicht gegen den Landesherrn, die durch die Dorfobrigkeit, den Lehnschulzen, wahrgenommen worden war, eine Art von persönlicher Abhängigkeit gegen Personen machten, die nicht zum Dorfe gehörten; sie verkauften den Rittern die höhere und niedere Gerichtsbarkeit über die Dörfer; sie duldeten, daß die Ritter neben den ihnen verkauften Abgaben und Diensten der Bauern noch eine Fülle anderer Abgaben, Dienste und Pflichten einführten; um den Rittern diese Fronden dauernd zu sichern, nahmen die Markgrafen schließlich den Bauern die Freizügigkeit und erklärten sie als »zur Hufe geboren«. Und als dann mit der wirtschaftlichen Umwälzung des Reformationszeitalters die feudale Ordnung zerfiel, der »gemeine Mann von Adel« sich auf sein Gut setzte und den Ackerbau als ein Gewerbe betrieb, da gestattete ihm Kurfürst Joachim II. sogar gegen bare Vergütung, die Bauernhöfe zu »legen«, den Schulzenhof, die Schäferei, Bauern- und Kossätenstellen zum Rittergute zu schlagen oder auch für seine Söhne in ebenso viele Rittergüter zu verwandeln, für die sich die Steuerfreiheit von selbst verstand. Im Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte sich in der Mark schon ein förmliches Schlachtschitzenwesen entwickelt.[24]

Diese verhängnisvolle Sozialpolitik übte aber noch einen weiteren Rückschlag auf die militärischen Verhältnisse des Landes. Der sogenannte »Landesausschuß«, der neben den Lehnpferden als Kriegsmacht bestand, das Aufgebot des zwanzigsten Mannes aus der Bevölkerung für den Kriegsfall, war gleichfalls verfallen; ein amtlicher Entwurf zu einer neuen Wehrordnung spricht mit trockenen Worten aus, die Bauern seien zwar kriegstüchtiger als die Bürger, aber sie seien mit Fronden überlastet, und überdem sei es bedenklich, ihnen Mittel in die Hand zu geben, durch die sie sich aus ihrer Dienstbarkeit befreien könnten.[Anmerkung 18]

In der Tat fürchtete man diese Möglichkeit so, daß man trotz der Zweifel an der Kriegstüchtigkeit der städtischen Bevölkerung doch aus ihr den »Landesausschuß« zu bilden und durch einige Übungen für den Wachtdienst tauglich zu machen versuchte. Allein es geschah, wie man befürchtet hatte, und der landesfürstliche Beutezug, mit dem die ersten Hohenzollern im fünfzehnten Jahrhundert die märkischen Städte bis auf den letzten Groschen ausgepumpt hatten, trug seine Früchte. Sogar die Berliner Bürger weigerten sich des Kriegsdienstes; in einer schriftlichen Beschwerde vom 17. November 1610 erklärten sie, einige von ihnen hätte man beim Üben so gedrillt, daß sie den Tod davon gehabt, auch sei das Schießen sehr gefährlich, denn es erschrecke die schwangeren Weiber, und was dieser heroischen Protestgründe mehr waren. Kaum ein anderer deutscher Teilstaat hatte am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges eine so verfallene Heeresverfassung wie die Mark Brandenburg; höchstens in dem andern Hauptbestandteile des damaligen brandenburgisch-preußischen Staats, in dem Herzogtum Preußen, der jetzigen Provinz Ostpreußen, sah es noch anarchischer aus, denn hier stand die fürstliche Gewalt überhaupt erst auf sehr schwankenden Füßen, abhängig, wie sie war, nicht nur von den junkerlichen Ständen, sondern auch von dem polnischen Lehnsherrn. So mußte denn der Hohenzollernstaat in erster Reihe die Zeche der dreißig Jahre zahlen. Bei seiner fast völligen Wehrlosigkeit verheerte die Kriegsfurie seine einzelnen Teile in entsetzlicher Weise, drückte sie auf einen Zustand der Barbarei herab, den man sich nach den zeitgenössischen Schilderungen nicht gräßlich genug vorstellen kann. Die armen, kleinen und wenig zahlreichen Städte des Gebietes waren vollends verkommen und zerstört, die Oder- und Weichselmündungen befanden sich in den Händen der Schweden und Polen. Die arg gelichtete bäuerliche Bevölkerung vegetierte in mehr tierischen als menschlichen Verhältnissen. Man muß diese ökonomischen Zustände genau ins Auge fassen, um zu verstehen, wie aus ihnen der preußische Staat entstehen konnte, einerseits der schroffst ausgebildete Militärstaat, andererseits, wie Lessing sagt, das »sklavischste Land in Europa«. Eins bedingt das andere als Ursache und Wirkung, denn wenn im Schatten der preußischen Militärdespotie nur die Sklaverei gedeihen konnte, so konnte die preußische Militärdespotie doch auch nur in einem Teile von Deutschland entstehen, wo Bildung und Kultur, Wissenschaft und Wohlstand bis auf die letzte Spur verschwunden waren und die Masse der Bevölkerung in jahrhundertelanger Sklaverei jeden selbständigen Willen verloren hatte.

Es ist selbstverständlich eine patriotische Fabel, wenn die bürgerlich-preußischen Geschichtsbücher die Sache so darstellen, als ob Kurfürst Friedrich Wilhelm, der acht Jahre vor dem Westfälischen Frieden zur Regierung gekommen war, kraft seiner Genialität ein Heer erschaffen und die Junkerherrschaft gebrochen habe, worauf dann alles weitere von selbst gefolgt sei.

Seitdem die Hohenzollern ins Land gekommen waren, hatte der Klassenkampf zwischen Fürsten- und Junkertum in verschiedenen Formen, aber auf die Dauer immer zum Vorteil der Junker getobt. Es war ein gar sehr oberflächlicher Erfolg gewesen, als der erste Hohenzoller mit Hilfe der märkischen Städte und einiger benachbarten Fürsten die Burgen der Quitzows brach. So gewöhnliche Strauchdiebe und Strolche wie die Quitzows und ihre Raubgesellen genügten nicht einmal den bescheidenen Anforderungen, die ihre Zeit an die Vertreter herrschender Klassen stellte; ihre eigenen Genossen gaben sie preis, wie heute die Börse jeden preisgibt, der Taschentücher stiehlt statt mit Millionen spekuliert. Aber um so nachdrücklicher zwang der märkische Adel die neuen Landesherren, seine ausbeutenden und unterdrückenden Klasseninteressen gegenüber den Städten und namentlich gegenüber den Bauern in gesetzlichen Formen zu vertreten. Unter dem Dutzend hohenzollernscher Kurfürsten gibt es nicht einen, der sich der Bauern gegen die Junker angenommen, gibt es kaum einen, der die Bauern nicht noch tiefer, als es seine Vorgänger schon getan hatten, unter das Joch der Junker gebeugt hätte. Damit waren aber die Junker erst recht Herren im Lande, und eben ihrer Übermacht und der Schwäche der landesfürstlichen Gewalt, namentlich von der Mitte des sechzehnten bis zur Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, war die geringe Entwicklung des brandenburgischen Heerwesens zu danken. Denn der Militarismus entwickelte sich historisch im gleichen Schritte mit dem Absolutismus.

Wollte der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der von 1640 bis 1688 regierte, überhaupt nach dem Dreißigjährigen Kriege als Fürst bestehen, so bedurfte er freilich eines Heeres. Aber nicht minder zweifellos war, daß er ohne die Junker, geschweige denn wider sie, auch nicht eine Kompanie dauernd unter Waffen halten konnte. Von seinen Domänen bezog er im Anfange seiner Regierung nach einer Berechnung von Riedel und Krug etwa 40 000 Taler, und diese Summe reichte nicht einmal für die Kosten seines verschwenderischen Hofhalts hin. Ohne Steuern kein stehendes Heer und ohne die Stände keine Steuern. Nun hatte der Kurfürst ganz und gar kein Mittel, die märkischen Stände zur Bewilligung der Steuern zu zwingen. Er war allerdings ein rücksichtslos durchgreifender, wenn auch nach dem Zeugnis der fremden Diplomaten, die mit ihm verkehrten, nur mäßig begabter Despot; Rücksichten auf Gesetze, Rechte, Verträge kümmerten ihn wenig, wo es die Verfolgung seiner dynastischen Interessen galt; er hat später, als er in der Mark festen Fuß gefaßt hatte und über ein stehendes Heer gebot, nach erlangter Souveränität über das Herzogtum Preußen den Widerstand der dortigen Stände mit blutiger und widerrechtlicher Gewalttat gebrochen. Aber gleich nach dem Dreißigjährigen Kriege besaß er durchaus kein Machtmittel, die Stände zur Bewilligung von Steuern zu zwingen, und daß sie um seiner schönen Augen und des Gemeinwohles willen ihm den miles perpetuus nicht bewilligen würden, das wußte er so gut, wie sie es wußten, und wenn er es nicht gewußt hätte, so hätte er sich aus den Schicksalen seiner Vorfahren darüber belehren können.

Es konnte sich deshalb nur darum handeln, ob die Junker selbst ein Interesse an der Errichtung eines stehenden Heeres hatten. Und ein solches Interesse hatten sie allerdings aus verschiedenen Gründen. Zunächst mußte ihnen als herrschender Klasse an der Erhaltung des Staats gelegen sein; sie durften es nicht darauf ankommen lassen, daß dieses für sie so idyllische Gemeinwesen eines schönen Tages von den Polen oder Schweden verschluckt würde.

Dann aber war die bäuerliche Bevölkerung durch den Dreißigjährigen Krieg in eine gewisse Gärung geraten. Mit Recht sieht Kautsky eine weitere Ursache für die lange Dauer des Krieges darin, daß seit dem großen Bauernkriege ein massenhaftes bäuerliches Proletariat in Deutschland vorhanden war, daß dies Proletariat nicht wie in andern Ländern durch die Industrie und die Kolonien aufgesogen wurde, daß es somit ein reiches Werbegebiet für Soldtruppen bot, daß endlich der Krieg selbst neues Bauernelend schuf, somit neues Proletariat und neue Söldner lieferte, bis er endlich an der allgemeinen Erschöpfung starb. Galt dies im allgemeinen von ganz Deutschland, so galt es besonders von der Mark Brandenburg, wo der Krieg am ärgsten gehaust hatte. Was noch von Bauern übrig war, hatte Waffen führen gelernt oder trug gar noch Waffen; auf den wüsten Hofstellen siedelten sich entlassene Soldaten an, und »wer eine Kriegsfeder am Hute getragen hatte, der sträubte sich gegen die harten Lasten eines Hörigen«.[25]

Wie schwer dieser Umstand für die ostelbischen Junker ins Gewicht fiel, beweisen die immer wiederholten strengen Verbote des Waffentragens untertäniger Leute, beweist noch mehr die für das benachbarte Schlesien erlassene landesherrliche Verordnung, daß, wer unter der Fahne gestanden hatte, für seine Person der Untertanenpflichten ledig sein solle. Aber je mehr die Not der Zeit das Herrenrecht erschütterte, um so mehr bemühten sich die Junker um seine straffe Wiederaufrichtung. Im Kriege war die bäuerliche Bevölkerung vielfach durcheinandergelaufen; Untertanen hatten eigenmächtig ihre Wohnsitze verlassen und sich auf fremdem Grunde angesiedelt; ihre alten Herren beanspruchten das Recht, sie wie Sklaven zurückzufordern und wenn nötig mit Gewalt zurückzuholen; es ist oft unter dem heftigsten Widerstande geschehen. Der Mangel an Arbeitskräften machte sich auch sonst den Gutsherren in empfindlicher Weise geltend; es fehlte an Gesinde, und was etwa noch da war, besaß die Keckheit, menschenwürdige Behandlung und Nahrung zu verlangen. Allen Dorfinsassen wurde verboten, Kammern an ledige Männer und Frauen zu vermieten; alle solche Inlieger mußten angezeigt werden und wurden in das Gefängnis gesteckt, bis sie sich entschlossen, Dienstboten zu werden. Aber es scheint, daß sich der für die junkerlichen Dienste notwendige Menschenbedarf schwer decken ließ; Kost und Lohn waren eine Zeitlang nach dem Kriege besser, als in den folgenden Jahrhunderten und als sie vor dem Kriege gewesen waren; man begreift leicht, daß die herzbrechenden Klagen der Junker über das boshafte und mutwillige Gesinde einige Jahrzehnte nach dem Kriege kein Ende nehmen wollten.

Endlich gab es nach dem Kriege ein massenhaftes Lumpenproletariat in der Mark Brandenburg. Verlumpte Kriegsknechte, jeder Arbeit entwöhnt, Vagabunden, Zigeuner zogen haufenweise »fechtend« und »gartend«. umher; sie waren eine schwere Plage, namentlich für das platte Land; die geringste Weigerung, ihre Fäuste zu füllen, machte die Bettler zu Räubern. Aber noch lästiger vielleicht war für den märkischen Adel ein anderes Lumpenproletariat, das aus seinem eigenen Schoße aufwucherte. Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie hoch vor dem Kriege das märkische Krautjunkertum ins Kraut geschossen war; es saßen ihrer oft mehrere auf einem; mäßigen Dorfe; ihre Güter waren vielfach nicht größer als Bauernhöfe. So war ein großer Teil von ihnen durch den Krieg besitzlos geworden. Diese sogenannten »Krippenreiter« trieben sich auch in ganzen Gesellschaften, koppelweise, wie man sich damals ausdrückte, im Lande umher, um bei den adligen begüterten Genossen, im Notfall auch bei Bürgern und Bauern zu schmarotzen. Auch sie waren geneigt, bei der geringsten Weigerung vom Betteln zum Rauben überzugehen, aber es kam wohl vor, daß sie sich bei untertänigen Leuten auch einen Buckel voll Prügel holten, was dann ja allerdings eine höchst frevelhafte Umwälzung der gottgewollten Ordnung war. Genug, dem Adel mußte sehr viel an der »standesgemäßen« Versorgung dieser »Edelsten und Besten« liegen, und wenn die »Gartbrüder« sich trefflich zu Soldaten eigneten, so waren die »Krippenreiter« ihre »geborenen« Offiziere.

Dies waren im allgemeinen die Zustände, die den märkischen Junkern von ihrem Klassenstandpunkte aus die Errichtung eines stehenden Heeres als notwendig erscheinen ließen. So bewilligten sie dem Kurfürsten das Heer, aber natürlich nur unter den Bedingungen, die ihren Klasseninteressen entsprachen. Sie bedangen sich zunächst die umfassendste »Gutsherrlichkeit« aus, so wie sie »herkömmlich« war, also die landesherrliche Bestätigung eines unbeschränkten Verfügungsrechts über die Bauern; »in der verzweifelten Lage zu Anfang seiner Regierung (im Landtagsrezesse von 1653) kaufte der Kurfürst dem privilegierten Adel die Möglichkeit einer festen, höheren Politik, den miles perpetuus, gleichsam damit ab, daß er ihm die Bauern preisgab, ihm in unterster Instanz ein unbedingtes Herrenrecht zugestand«.[26]

Nicht nur die »herkömmlichen«, das heißt tatsächlich, ja in einem Teile der Mark sogar gesetzlich ungemessenen Dienste, Fronden und Lasten der Bauern, sondern auch Patronat, Patrimonialgerichtsbarkeit, Polizei standen den Junkern zu; die »unterste Instanz« war in Wirklichkeit die alleinige Instanz, denn wo sollte ein Bauer selbst gegen das schnödeste Unrecht, das ihm ein Junker zufügte, Recht finden? Der Kurfürst für seinen Teil dachte nur daran, die paar Mauselöcher, durch die ein Bauer in besondern Glücksfällen sich trotzdem noch einem allzu wüterischen Junker oder gar dem Dienstverhältnis überhaupt hätte entziehen können, sorgfältig zu verstopfen. In den erneuerten Bauern-, Gesinde-, Hirten- und Schäferordnungen, die er während seiner langen Regierung für die einzelnen Landesteile erließ, bestätigte er immer zuerst den Landtagsrezeß von 1653, um ihn dann nie zu mildern, sondern stets im gutsherrlichen Sinne zu verbessern. Er verbot wiederholt, fremde Untertanen aufzunehmen, gab den alten Herren wiederholt das Recht, Entlaufene ohne Rücksicht auf Verjährung zurückzufordern. Heruntergekommene Bauern, denen der Gutsherr die Hilfe zur Wiederherstellung ihres Hofes versagt, dürfen doch nicht wegziehen, sondern müssen wenigstens mit ihrer Person dienen. Hausleute, die drei Jahre an einem Orte gesessen haben, können darnach festgehalten werden, ja auch ihre Kinder werden untertänig, selbst wenn sie vor der Untertänigkeit der Eltern geboren worden sind. Und so weiter. »Nichts würde irriger sein, als wenn man den großen Kurfürsten für einen sogenannten Bauernfreund halten wollte«, sagt Roscher. Wirklich? Aber die heute blühende Schule der preußischen Geschichtsschreiber erklärt den »großen Kurfürsten« ja auch nicht für einen »sogenannten«, sondern für einen wirklichen Bauernfreund. Leben wir doch auch heute noch in dem segensreichen Schatten seiner weisen Bauernpolitik, denn die junkerlichen Vorrechte des Landtagsrezesses von 1653 sind erst sehr allmählich und unvollständig, vielfach auch mehr der Form als dem Wesen nach, teils 1808, teils 1848, teils in der Kreisordnung der siebenziger und teils in der Landgemeindeordnung der neunziger Jahre abgetragen worden.

Ferner aber sicherte sich der »gemeine Mann von Adel« bei Errichtung des stehenden Heeres die ausschließliche oder doch so gut wie ausschließliche Besetzung der Offiziersstellen. Bürgerliche Landsknechtsführer, die im Dreißigjährigen Kriege militärischen Ruf erlangt hatten, mußten freilich mit verwandt werden, aber es war damals schon Sitte, daß sie durch Verleihung des Adels der Kameradschaft der »Krippenreiter« würdig gemacht wurden, deren militärische Fähigkeiten sie ergänzen sollten. In welchem Umfange dies junkerliche Vorrecht heute noch besteht, ist bekannt. In seinem ersten Ursprunge war es nicht nur eine politische Sicherheitsmaßregel, sondern auch eine ökonomische Staatshilfe ersten Ranges für ein »üppig wucherndes, zahlreiches, scheußliches Krautjunkergeschlecht«.[Anmerkung 19]

Wie sehr der preußische Adel, namentlich des achtzehnten Jahrhunderts, das Heer auswucherte, werden wir weiterhin noch sehen.

Endlich aber, wenn die Stände für so große Vorteile ihr Steuerbewilligungsrecht mehr oder weniger illusorisch machten, indem sie ein für allemal die Summen für ein stehendes Heer bewilligten, so sorgten sie wenigstens dafür, daß daraus für den Adel keine unliebsamen Konsequenzen gezogen werden konnten. Sie sicherten den Gütern und den Personen des Adels das gesetzliche Recht der Steuerfreiheit, das einmal zur Zeit der mittelalterlichen Lehnverfassung in gewisser Beschränkung einen Sinn gehabt hatte, aber längst zum gehässigsten Vorrecht geworden war. Gleichwohl hat auch dieses Vorrecht bis in die erste, ja zu einem erheblichen Teile bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts fortgedauert und ist dann erst gegen schweres Geld aus den Taschen der plebejischen Steuerzahler abgelöst worden.

Unter solchen Bedingungen – Bedingungen, die durchweg auf eine militärische, ökonomische und politische Befestigung der Junkerherrschaft hinausliefen – bewilligten die Stände dem Landesherrn die »Kontribution«, unter welchem Namen die Geld- und Naturallieferungen begriffen wurden, welche die bäuerliche und städtische Bevölkerung für das stehende Heer zu leisten hatte. Sie war nach den Grundstücken, besonders nach den Häusern verteilt und in dem verarmten Lande, das durch die unaufhörlichen Kriege des Kurfürsten immer von neuem verwüstet wurde, natürlich schwer aufzubringen, so gering auch nach unsern heutigen Begriffen der damalige Militäretat war. Der Kurfürst trieb sie aber unbarmherzig ein; in Berlin rollte der Exekutionswagen unaufhörlich durch die Straßen. So erklärten die Stände im Jahre 1667, das Land gehe auf diese Weise seinem völligen Ruin entgegen. Der Kurfürst erkannte an, daß er mit »Winseln und jammerlichen Klagden« aus dem ganzen Lande überschüttet würde, aber mindestens 300 000 Taler müsse er jährlich für sein Heer haben; er schlug vor, es mit einer andern Steuer zu versuchen, mit der Akzise, einer auf Genuß- und Lebensmittel gelegten Verbrauchssteuer, der jeder Einwohner des Landes unterworfen sein solle. Es war ein Versuch, den Adel wenigstens für seine Personen der Steuerpflicht zu unterwerfen, aber dieser etwas plumpen Pfiffigkeit erwiesen sich die Junker sofort gewachsen. Sie erklärten, daß sie alsdann von ihren Vorrechten nichts als den bloßen Namen behalten würden und »ihre Kinder nicht mehr in adligen Tugenden und guten Künsten aufziehen« könnten. Der Kurfürst hatte nicht die Macht, einen aus so ehrwürdigen Motiven entsprungenen Widerstand zu brechen, und es blieb bei der Kontribution für die bäuerliche Bevölkerung. Dagegen ergriffen die Städte mit Begierde den Vorschlag des Kurfürsten, der für sie eine Abwälzung der Steuern von der besitzenden auf die besitzlose Klasse bedeutete, und die Akzise wurde die städtische Heeressteuer.

Diese Anfänge des brandenburgisch-preußischen Militärstaats wurden unter dem Könige Friedrich Wilhelm I., der von 1713 bis 1740 regierte, ausgebaut und dauernd befestigt. Unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinem Sohne, der als Kurfürst Friedrich III. von 1688 bis 1701, als König Friedrich I. von 1701 bis 1713 lebte, stand das stehende Heer sozusagen erst auf einem Fuße. Die ewige Geldnot machte in Friedenszeiten umfassende Entlassungen der Söldner notwendig, und die verschwenderische Hofhaltung beider Fürsten, namentlich aber des neugebackenen Königs, verschlang die Subsidien, die nach der edlen Sitte der deutschen Teilfürsten vom Auslande für die Vermietung des Heeres an ausländische Interessen einkamen. Friedrich I. hat während seiner Regierungszeit nicht weniger als 14 Millionen Taler solcher Subsidien erhalten und in der unsinnigsten Weise verschwendet. Er war ein schwacher und unfähiger Mann, von dem sein Enkel, der König Friedrich II., stets mit der größten Verachtung spricht; sein fürstliches Klassenbewußtsein erschöpfte sich in den äußerlichsten Nichtigkeiten der höfischen Etikette, und so mußte er die Puppe eines schmarotzenden Hofadels werden. Aber wie gern auch das Junkertum die verbrecherische Leichtfertigkeit dieses Fürsten für sich ausbeutete, so vernachlässigte es doch mit richtigem Klasseninstinkte die Grundlage seiner Macht nicht; immerhin wurden auch unter Friedrich I. von den auf 4 Millionen Taler gestiegenen Staatseinkünften 2½ Millionen für das Heer verwandt.

In seinem Sohne kam nun aber ein Fürst auf den Thron, der das Joch des Junkertums, dessen Stacheln er als Kronprinz schon schmerzlich empfunden hatte, abzuschütteln gedachte. Ein ungeschlachter Tyrann, wie Friedrich Wilhelm I. war, wird er doch von dem freisinnigsten Staatsmanne, den Preußen je gehabt hat, von Schön, der »größte innere König« dieses Landes genannt. Der König wußte nicht oft genug zu wiederholen: »Wir sind doch Herr und König und tun, was wir wollen«, aber daneben nannte er sich auch wohl einen »guten Republikaner«. Er prügelte jeden Bürgersmann, der sich von ungefähr in den Bereich seines Stockes verirrte, aber am kräftigsten prügelte er seinen adelsstolzen Thronfolger! weil er »hoffährtig, recht bauernstolz ist, mit keinem Menschen spricht, als mit welche, und nit popular und affabel ist«. Die Lösung dieser anscheinenden Widersprüche ergibt sich aus dem fürstlichen Klassenbewußtsein dieses Königs, für das der Junker nicht mehr war als der Bürger und der Bauer, aber der Bürger und der Bauer auch nicht mehr als ein Sklave des Monarchen. Über die Gleichheit aller Untertanen vor seinem Stocke dachte er allerdings äußerst republikanisch. Er hat den Kampf mit dem Junkertum so kräftig aufgenommen wie weder vor noch nach ihm ein Hohenzoller, und in dieser Beziehung darf er wohl der »größte innere König« des preußischen Staats genannt werden. Aber ebendeshalb war er auch der ausgeprägteste Soldatenkönig dieses Militärstaats, denn erst, wenn er das Heer den Junkern entriß, konnte er daran denken, ihre politische Herrschaft niederzuwerfen.

Hieraus ergibt sich nun aber schon, daß es eine leere Schmeichelei ist, wenn die preußischen Historiker diesem Könige nachsagen, er habe gleichsam in genialer Vorahnung den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht aus seinem Busen geschöpft, oder wie es Treitschke in seiner pomphaften Weise ausdrückt: »Ahnungslos brach sein in der Beschränktheit gewaltiger Geist die Bahn für eine strenge, dem Bürgersinn des Altertums verwandte Staatsgesinnung ... Das Kantonreglement von 1733 verkündete die Regel der allgemeinen Dienstpflicht.« Dies Reglement hat nie bestanden; es ist die reine Legende, obschon anerkannt werden muß, daß diese preußische Legende einen anständigeren Ursprung hat als ihre zahllosen Geschwister. Der geniale Bauernsohn Scharnhorst hat sie im Jahre 1810 erfunden, um dem beschränkten Könige Friedrich Wilhelm III., den die gründliche Pädagogik Napoleons noch immer nicht von seinen despotisch-feudalen Schrullen bekehrt hatte, durch das »glorreiche« Vorbild eines »glorreichen« Vorfahren die Zustimmung zur allgemeinen Wehrpflicht zu entreißen, ebenso wie damals Gneisenau eine alte Vorschrift des deutschen Ritterordens, die den Offizieren das Prügeln der Söldner verbot, entdecken oder auch erfinden mußte, ehe ihm der König gestattete, die scheußlichen Soldatenmißhandlungen zu bekämpfen. Es liegt im Wesen des Militarismus, immer weiter um sich zu greifen, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war er schon so weit gediehen, daß die freiwilligen Werbungen für die stehenden Heere nicht mehr ausreichten, auch nicht, soweit sie tatsächlich gewaltsame Pressungen waren; man mußte zu einem geregelten System der Aushebung unter den Landeskindern übergehen. Das geschah überall auf dem Kontinente, aber nirgends fand diese Neuerung einen stärkeren Widerstand als gerade bei dem Könige Friedrich Wilhelm I., der bei seinem Regierungsantritt sofort die letzten Reste der Landmiliz beseitigte und streng verbot, die Worte Miliz und Militär überhaupt auf die preußische Soldateska anzuwenden. Er wollte ein Söldnerheer im schärfsten Sinne des Worts haben, ein Heer, das nur an die Person des Fürsten gebunden war, und er hatte dazu seine sehr guten Gründe. Denn er wollte durch das Heer die Macht des Junkertums brechen, und solange die Junker wie eine Mauer zwischen ihm und der bäuerlichen, das heißt der großen Mehrheit der Bevölkerung standen, konnte er gar nicht an ein geregeltes Aushebungssystem unter den Landeskindern denken, am wenigsten für den Zweck, den er verfolgte.

Wenn daher der König sofort nach seinem Regierungsantritte den schmarotzenden Hofadel zum Teufel jagte, dagegen das Heer von 38 Bataillonen und 53 Schwadronen auf 66 Bataillone und 114 Schwadronen vermehrte, so konnte er die nötigen Rekruten nur durch Kauf oder, was sich durch größere Wohlfeilheit empfahl, durch Raub von Menschen zu bekommen hoffen. Gerade unter diesem Fürsten, dem angeblichen Schöpfer der allgemeinen Wehrpflicht, nahm die »ausländische Werbung«, das heißt der systematische Menschenraub in denjenigen deutschen Staaten, deren Fürsten schwächer waren als der König von Preußen, jene scheußliche Ausdehnung und Form an, deren dunkle Schatten selbst noch in den patriotischen Anekdotenbüchern erkennbar sind. Hier mag es genügen, ein urkundliches Zeugnis anzuführen, einen Erlaß der hannoverschen Regierung vom 14. Dezember 1731 gegen die preußischen Werber, worin verordnet wird, »solche Werber ohne Ansehen von Stand und Würden sogleich zu arretieren und, wenn sie sich in starker Zahl einfinden, durch Läutung der Sturmglocken zu verfolgen, auch Miliz aufzubieten, wenn solche sich in der Nähe befindet. Sie sollen als Straßen- und Menschenräuber, Störer des Landfriedens und Verletzer der Landesfreiheit traktiert und, wenn sie schuldig befunden werden, am Leben gestraft werden. Sollten sie sich aber zur Wehr setzen, so soll man sie totschlagen oder niederschießen.« Und ein nicht minder grelles Schlaglicht auf den Menschenraub im Innern des preußischen Staats wirft der Stoßseufzer des Generalauditeurs Katsch, daß bei den Werbungen wenigstens das viele Blutvergießen vermieden werden möge. Aber im eigenen Lande konnte der König den Menschenraub nicht entfernt so lange betreiben wie im Auslande; der Wille des Despoten zersprang wie Glas an der Macht der ökonomischen Verhältnisse. Die junge Mannschaft entwich, wo sie konnte, über die Grenzen; es mangelte überall an Arbeitskräften; die königlichen Behörden erklärten, daß der Ertrag der Kontribution und der Akzise unaufhörlich abnehme; die Städte lärmten, das Kommerzium floriere nicht mehr, und was am wichtigsten war: Die Junker bewaffneten ihre Hörigen und schickten die königlichen Werber mit blutigen Köpfen heim. Schon im Jahre 1714, kaum ein Jahr nach seinem Regierungsantritte, muß der König alle gewaltsame Werbung öffentlich verbieten; nur auf sehr unköniglichen Schleichwegen wagt er sie noch zu betreiben, indem er seinen Werbern »möglichste Listigkeit« empfiehlt oder die Vermeidung »großer Gewalttätigkeiten«, wegen deren »Klagen einkommen« könnten. Ja noch mehr: Nach weiteren drei Jahren muß er selbst schon »Exemtionen« von der Werbung verfügen; Wollarbeiter, Handwerker, Manufakturiers, Kinder von Beamten und wohlhabenden Leuten, überhaupt im allgemeinen die Bevölkerung der Städte und namentlich der größeren Städte, der Sammelbecken des Kapitals, sollen nicht »enrolliert« werden dürfen.

Der Umschwung erklärt sich daraus, daß den Junkern auf ihre Weise gelang, was dem König auf seine Weise mißlungen war. Gegen eine Vermehrung des Heeres hatten sie ganz und gar nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß dabei ihr Klasseninteresse gewahrt blieb. Jede neue Kompanie bedeutete für sie gewissermaßen ein neues Rittergut, ein oft noch einträglicheres, als ihre väterlichen Sandbüchsen in der Mark und in Pommern sein mochten. Der Kompaniechef war »Unternehmer an der Spitze einer Waffengenossenschaft«. Von dem Pauschquantum an Unteroffizier- und Gemeinensold, das ihm die königliche Kriegskasse zahlte, hatte er die Leute zu unterhalten; ferner durfte er einen Teil der Kompanie während eines Teils des Jahres beurlauben, um durch die so ersparte Löhnung das nötige Werbegeld für den Ersatz der Mannschaft zu gewinnen, die durch Desertion und Tod abging; was er durch geriebene Wirtschaft von dem Pauschquantum ersparte, das fiel in seine Tasche. Es war, auch wenn es dabei ohne alle Gaunereien abging, immer schon eine stattliche Jahresrente von ein paar Tausend Talern. Eine starke Vermehrung des Heeres bedeutete also für die Junker eine starke Vermehrung ihrer Sinekuren, und da griffen sie mit allen zehn Fingern zu. Nur mußte die Sache auf ihre Weise gemacht werden, so daß der politische und ökonomische Profit ihnen ungeschmälert in die Tasche fiel. Sie konnten ihre Hörigen gegen den König bewaffnen; aber der König konnte nicht die Hörigen gegen die Junker bewaffnen: Sie hatten seine große, lärmende Werbung durchkreuzt, aber er konnte nicht ihre kleine, stille Werbung verhindern. Die Junker fingen an, Landeskinder einzustellen, das heranwachsende Geschlecht, soweit es kräftigen Leibes schien, schon von früh an zu »enrollieren«, in die Aushebungslisten einzutragen. Die bäuerlichen Rekruten waren von Kindesbeinen an die Fuchtel der Junker gewöhnt; sie erhielten kein Handgeld: Sie desertierten immerhin seltener als Ausländer, und wenn ja einer desertierte, so war er leicht durch einen andern seinesgleichen ersetzt. Freilich verloren die Junker dadurch einen Teil der ländlichen Arbeitskräfte, aber diesem Schaden ließ sich abhelfen, sogar mit wachsendem Profit; das Beurlaubungssystem brauchte nur auf einen immer größeren Teil des Jahres und einen immer größeren Teil der Kompanie angewandt zu werden; dann hatten die Junker-Landwirte ihre Hörigen wieder, und die Junker-Kompaniechefs steckten um so reichlicher ersparten Sold in die Tasche. Endlich aber waren diese Soldaten weit anspruchsloser als das fahrende Gesindel, das sich sonst anwerben ließ; sie konnten bei den Lieferungen an Geld, Kleidung, Nahrung, die der Kompaniechef ihnen zu machen hatte, um so leichter übers Ohr gehauen werden, was denn auch noch eine Menge kleiner, aber zusammengerechnet doch auch wieder recht erklecklicher Schwänzelpfennige ergab.

Darnach ist es klar, was jene »Exemtionen« in der »Enrollierung« bedeuteten, die Friedrich Wilhelm I. Hals über Kopf verfügen mußte, nachdem er eben erst selbst die gewaltsamste Werbung im ganzen Lande zu treiben versucht hatte. Er mußte die Gewerbe und Handel treibende Klasse, die städtische Bevölkerung überhaupt, ferner was er an Beamten, an Geistlichen, an Lehrern brauchte usw. vor den gierigen Griffen der Junker schützen. Er war aus der Offensive vollständig in die Defensive zurückgeworfen worden. Er konnte froh sein, wenn die Junker seine »Exemtionen« respektierten, aber sonst mußte er ihr eigenmächtiges Vorgehen bestätigen, indem er das Land in bestimmte Kantonierungsbezirke für die einzelnen Regimenter einteilte, wofür er freilich, falls er etwa darnach gegeizt haben sollte, heute den Vorzug genießt, von den Lesern des Herrn v. Treitschke als dritter Bahnbrecher der allgemeinen Wehrpflicht neben Macchiavell und Spinoza bewundert zu werden. Er mußte durch den grausamsten Drill der Truppen, durch die schärfste Aufsicht über die Offiziere die Schlagfertigkeit des Heeres aufrechtzuerhalten suchen, die unausgesetzt durch die ausbeuterischen Tendenzen der Junker-Offiziere erschüttert wurde. Die Kabinettsordern des Königs zeugen von diesem fortwährenden Ringen. So verbietet er bei schwerer Strafe, in den Beurlaubungen eine gewisse Grenze zu überschreiten; so richtet er, um die volle Etatstärke der Kompanie wenigstens für einen Teil des Jahres zu sichern, eine regelmäßig wiederkehrende Übungsperiode, die sogenannte Exerzierzeit von April bis Juni, ein; so beschwert er sich, daß die Kompaniechefs den Soldaten für zwei Groschen ankreiden, was ihnen selbst nur einen Groschen koste; so verbietet er ihnen auch, das Guthaben, das etwa durch Desertion oder Tod eines Soldaten verlorengehe, solidarisch auf die ganze Kompanie zu verteilen und zur Abtragung gar die neu eingestellten Rekruten heranzuziehen. Man begreift nunmehr die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für ein reines Söldnerheer auch vom rein militärischen Gesichtspunkte aus; ohne die geworbenen Ausländer, die natürlich nicht einen Augenblick von der Fahne entlassen werden durften und in dem menschenarmen Lande immer doch noch mindestens die Hälfte der Truppen bildeten, hätte er das preußische Heer nicht auf die von ihm und seinem Freunde, dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, tatsächlich erreichte Höhe der Ausbildung bringen können. Aber auch an diesem Kerne des Heeres zehrte die junkerliche Ausbeutung; wenigstens innerhalb der Garnisonmauern begann sie auch Ausländer zu beurlauben, und gegen Ende seiner Regierung mußte Friedrich Wilhelm I. den Soldaten der Berliner Garnison untersagen, zu handeln und zu hausieren, Hökerei und Handwerk zu treiben.[Anmerkung 20]

Wie bei der Rekrutierung, so entspann sich auch bei der Finanzierung des Heeres ein Klassenscharmützel zwischen dem König und den Junkern. Wenn Preußen, das dem Flächeninhalte nach die zehnte, der Bevölkerungsziffer nach gar erst die dreizehnte Stelle unter den europäischen Staaten einnahm, die vierte Kriegsmacht des Erdteils spielen wollte (mit 80 000 Mann gegen 160 000 französische, 150 000 russische und 100 000 österreichische Truppen, wobei zu bemerken ist, daß diese Zahlen, wenigstens in Rußland und in Österreich, bei weitem nicht so fraglos waren wie in Preußen), so mußten natürlich die Kriegsgefälle, die Kontribution und die Akzise aufs äußerste angespannt oder, wie man das in Preußen zu nennen beliebt, »reformiert« werden. In der Tat steigerte Friedrich Wilhelm die Staatseinkünfte auf sieben Millionen Taler, von denen gegen sechs Millionen auf das Heer verwandt wurden. Hiergegen hatten die Junker als gegen eine Vermehrung ihrer Sinekuren natürlich auch gar nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber um so heftiger sträubten sie sich gegen die Absicht des Königs, sie selbst wenigstens einigermaßen zur Steuer heranzuziehen, eine Absicht, die um so anerkennenswerter war, als Friedrich Wilhelm I. keine Blutprofite aus der Vermietung seiner Truppen an ausländische Mächte gezogen hat. Aber den Junkern hat er nur eine winzige Steuer aufzuerlegen vermocht, die sogenannten Lehnpferdegelder. Er bot ihnen die Aufhebung des nexus feudalis, die rechtliche Ablösung des Vasallendienstes, gegen eine jährliche Abgabe von vierzig Talern für jedes bisher im Kriegsfalle zu stellende Ritterpferd an. Aber da der Vasallendienst längst verfallen war und die Junker ihre Lehngüter tatsächlich als Erbgüter besaßen, so erhoben sie ein Zetermordio über die Absicht des Königs, gingen bis vor Kaiser und Reich und fügten sich erst nach vieljährigem Streite der winzigen Last. Denn diese Steuer wurde bei ihrer Repartierung keineswegs »reformiert«; es wurde nicht, wie es ursprünglich gemeint war, auf je sechs Hufen ein Ritterpferd gerechnet, sondern es blieb bei der Verteilung, die sich in dem schon geschilderten Verfalle des rittermäßigen Lehndienstes herausgebildet hatte. So daß wohl einige Rittergüter mehr als ein Pferd, viele andere dagegen nur ein halbes oder nur einen Fuß, ja sogar nur einen halben oder einen viertel Fuß zu dem jährlichen Kanon von je vierzig Talern auf ein ganzes Pferd abzulösen hatten.

So gering dieser Erfolg war, so war er doch alles, was der König den Junkern an Steuern aufzuerlegen vermochte. Alles oder so gut wie alles. Denn die berühmte Geschichte mit dem Felsen von Erz, als den dieser König die Souveränität gegenüber den Herren Junkern aufgerichtet haben soll, hatte in Wirklichkeit bei weitem nicht den heroischen Verlauf wie in den patriotischen Anekdotenbüchern. Der ganze Handel bezog sich zunächst allein auf Ostpreußen. Hier hatte einerseits der Adel unter dem deutschen Ritterorden und dann unter der polnischen Fremdherrschaft sich nicht die Steuerfreiheit zu erobern vermocht wie in der Mark Brandenburg unter den Hohenzollern, andererseits aber hatte der Kurfürst Friedrich Wilhelm den staatsrechtlichen Widerstand der preußischen Stände gegen seine Souveränität zwar durch rechtlose Gewalttat gebrochen, aber dadurch keineswegs die ökonomische Obmacht des Adels vernichtet. Die Veranlagung und Verteilung der verschiedenen Steuern, deren vornehmlichste ein Horn- und Klauenschoß war, blieb den Ständen. Nun riß bald eine bodenlose Wirtschaft ein; Bestechungen der ständischen Steuerbeamten und zahllose Steuerdefraudationen waren an der Tagesordnung; Tausende von Hufen wurden in den Steuerkatastern unterschlagen; um dem Horn- und Klauenschoße zu entgehen, hielt der Adel kein Vieh mehr und überspannte die Frondienste in so unerträglicher Weise, daß eine ununterbrochene Flucht der Hörigen nach Polen stattfand. Trotzdem bestand diese Raubwirtschaft jahrzehntelang und würde vermutlich auch noch weiter fortbestanden haben, wenn sie nicht dem großen Adel ein Übergewicht über den kleinen gegeben und so einen Interessengegensatz innerhalb des Junkertums selbst geschaffen hätte. Von 1690 bis 1714 waren vierzig arme Junker von ihren reicheren Klassengenossen ausgekauft worden, und hierauf fußend verlangte Graf Truchseß von Waldburg als Fürsprecher des kleinen Adels vom Könige die Umwandlung der verschiedenen Steuern in einen festen, nach der Größe der Besitzung abgestuften Generalhufenschoß.

Hierauf ging der König begreiflicherweise begierig ein und setzte unter dem Vorsitze des Grafen Truchseß eine Kommission ein, die nach dessen Plänen die neue Steuer veranlagen und ausschreiben sollte. Natürlich widersetzte sich der große Adel und sandte eine Deputation von vier Mitgliedern nach Berlin, die gegen die Einsetzung der Kommission protestierte und die Einberufung eines allgemeinen Landtags zur Beratung der Steuerfrage verlangte. Auf ihr Anliegen verfügte der König nun zwar: »Die Hubenkommission soll seinen Fortgang haben, ich komme zu meinem Zweck und stabilire die Souveränetät und setze die Krone fest wie Rocher de Bronce und lasse den Herren Junkern den Wind von Landtag.« Indessen mündlich gab er den ständischen Abgesandten doch die beruhigende Erklärung, daß er die Steuer nicht einführen werde, wofern sie ein Ruin des Adels sein sollte, und daß der Adel immer in gerechtsamen Sachen einen Rekurs an ihm finden würde; vor allem aber ließ er den Abgesandten bei ihrer Abreise trotz seines Geizes 5500 Taler Diäten überreichen, »vor ihre Mühe, das sie zu Hause was versäumt haben«, was denn einer Bestechung so ähnlich sah wie ein Ei dem anderen. Es kam dann auch nur noch ein Protest des Feldmarschalls Dohna, in dem der neue Schoß als Ruin des ganzen Landes erklärt wurde, worauf der König antwortete: »Curios, tout le pays cera Ruiné, Nihil Kredo, aber das Kredo, das den Junkers Ihre Ottorität Niposwollam wird ruiniret werden, trux soll seine Verantwortung einschicken. Die Stände sollen steuern, da bleibe ich biß an mein sehlich Ende.« Der König, oder vielmehr trux, Graf Truchseß, hat denn auch den Generalhufenschoß für den ostpreußischen Adel durchgesetzt. Aber man sieht, daß es mit dem vielgepriesenen »Stabiliren der Souveränetät« nicht so gar weit her war. Die kleinen Junker in Ostpreußen regelten mit Hilfe des Königs die in diesem Landesteile von alters her bestehende gesetzliche Steuerpflicht des Adels so, daß sie von ihren ökonomisch stärkeren Klassengenossen nicht mehr erdrückt werden konnten: Das ist alles. Weder hat Friedrich Wilhelm I. – von den geringfügigen Lehnpferdegeldern abgesehen – die Steuerfreiheit des Adels in irgendeinem andern Landesteile anzutasten gewagt, noch auch hat er die ostpreußischen Junker stärker herangezogen, als es eben dem trux, das heißt dem kleinen Adel beliebte und dem großen Adel eben noch erträglich sein mochte. Nach einer amtlichen, von dem Präsidenten der Oberrechenkammer verfaßten Denkschrift aus der Zeit Friedrichs II. zahlte der ostpreußische Junker von der Hufe nach Magdeburgischem Maß (die Hufe zu dreißig Magdeburgischen Morgen) noch nicht zwei, der brandenburgische Bauer aber von demselben Flächenmaße über acht Taler Kontribution, wozu dann noch kommt, daß der jährliche Kanon an Lehnpferdegeldern für die ostpreußischen Rittergüter auf zehn Taler herabgesetzt worden war.[Anmerkung 21]

So fiel die Erhöhung der Steuern, welche die Verstärkung des Heeres notwendig machte, mit fast ausschließlicher Wucht auf die bäuerliche und städtische Bevölkerung. Und wie die Kontribution für jene auf eine erdrückende Höhe stieg, so wuchs sich für diese die Akzise zu jenem Weichselzopf von Steuern aus, der hier mit Schmollers Worten gezeichnet werden mag: »Wir können die brandenburgisch-preußische Akzise als ein System von Steuern bezeichnen, das, ausschließlich auf die Städte beschränkt, neben einer mäßigen Grund-, Gewerbe- und Kopfsteuer wesentlich indirekte Steuern, und zwar solche auf Getränke, Getreide, Fleisch, Viktualien und Kaufmannswaren, umfaßte. Die Erhebung fand in verschiedener Weise, teils beim Einbringen in die Stadt, teils bei der Produktion, teils beim Verkaufe statt. Die einzelnen Steuersätze waren relativ sehr niedrig, aber dafür um so zahlreicher auf möglichst viele Artikel und Waren ausgedehnt.« Zur Erhebung dieser umfassenden Steuern war nun aber auch eine geschulte Bürokratie notwendig, und so stellte Friedrich Wilhelm I. die neue Staatsverwaltung her, wie sie im wesentlichen bis 1806 bestanden hat und in ihren Grundzügen noch heute besteht. Die besondere schöpferische Genialität, die er dabei bewiesen haben soll, ist schwer zu erkennen, denn die bürgerliche Verwaltung ergab sich von selbst aus den Lebensbedingungen dieses Militärstaats. Als unterste Stufe die Kriegs- und Steuerräte in den Städten, die Landräte auf dem platten Lande, darüber die Kriegs- und Domänenkammern, was heute die Bezirksregierungen sind, und als oberste Spitze das Generaloberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektorium, das heutige Ministerium – die Namen dieser Behörden sagen zumeist schon, um was es sich handelte: um die Erhebung und Verwaltung der Staatseinkünfte, der Domänengefälle einer-, der Kriegsgefälle, Kontribution und Akzise andererseits für militärische Zwecke. Alle andern Zweige der innern Verwaltung, Ackerbau, Gewerbe, Handel, Verkehr, Kirchen- und Schulsachen, Rechtspflege usw., kamen höchstens insoweit in Betracht, als sich dabei eine Aussicht eröffnete, die Finanzen steigern und das Heer vermehren zu können. Sie entstanden erst aus der Finanzverwaltung, wie denn Schmoller sagt, daß vornehmlich an der Akzise das preußische Beamtentum erwachsen sei.

Anzuerkennen ist immerhin, daß der König auch auf diesem Gebiete den Kampf mit dem Junkertum aufnahm. Er beförderte möglichst viele bürgerliche Elemente in die höheren und höchsten Beamtenstellen; er suchte namentlich das Landratsamt, den praktisch wichtigsten Posten der ganzen Verwaltung, den Junkern zu entreißen. Neuere preußische Historiker haben dies Amt in seiner eigentümlich preußischen Form als den letzten Rest altgermanischer Freiheit zu verklären gesucht; Friedrich Wilhelm I. dagegen sah – und darin kann man ihm nur beistimmen – in dem Rechte der kreiseingesessenen Gutsbesitzer, aus ihrer eigenen Mitte den obersten Verwaltungsbeamten des Kreises vorzuschlagen, nichts als einen Hebel mehr für die Herrschaft der Junker, die auf diese Weise ihr Klassenregiment über die bäuerliche Bevölkerung stärken und mit dem Schimmer staatlicher Autorität bekleiden, der Krone aber desto trotziger entgegentreten konnten. Allzuweit ist der König aber auch in diesem Strauße mit den Junkern nicht gekommen; er hat bei der Ernennung der Landräte das ständische Vorschlagsrecht häufig nach der persönlichen, aber nie nach der prinzipiellen Seite hin durchbrochen; er hat gar manches Mal den Kandidaten der Junker durch einen ihm genehmeren Kandidaten ersetzt, aber seinen Kandidaten doch immer auch aus den kreiseingesessenen Junkern genommen.[27]

Der König verstand recht gut, welche Waffe er sich in dem Beamtentum gegen die Junker schmieden konnte; in einer Instruktion an seinen Sohn spricht er offen aus, ein Beamter, der dem Könige treu dienen wolle, werde viele gegen sich haben, besonders den ganzen Adel; dieser alte Gegensatz ist ja noch zu unserer Zeit in dem sprühenden Hasse des Junkers Bismarck gegen die Bürokratie zu lebendigem Ausdruck gekommen. Aber Friedrich Wilhelm I. stumpfte die Waffe, die er sich in der Bürokratie gegen die Junker schmieden konnte und auch zu schmieden begann, selber ab, indem er zugunsten seiner Rekrutenkasse einen schlecht oder gar nicht verhüllten Ämterkauf trieb. Es kommt doch wesentlich auf dasselbe hinaus, wenn des Königs Entscheid in einzelnen Fällen bei Besetzung von Beamtenstellen lautete: »wer das meiste giebt«, oder wenn in einer allgemeinen königlichen Instruktion für das Generaldirektorium dieser Grundsatz dahin gemildert wird, »wer am habilesten ist und am meisten giebet«. Alle Ämter, auch die richterlichen, waren nur durch eine Abfindung mit der Rekrutenkasse zu erlangen; damit war den schlimmsten Mißbräuchen Tor und Tür geöffnet, und die Junker wußten ihren Vorteil gar wohl zu benutzen; der König muß immer wieder die Klage erheben, daß die Beamten »mit dem Adel eine Bande, und, was das allerärgste ist, Partie wider uns selbst machen«.

Dies war denn so in allgemeinen Zügen die Magna Charta des preußischen Militärstaats, deren Wortlaut teils in vermoderten Scharteken vergraben, teils niemals niedergeschrieben worden ist, aber deren Wirksamkeit sich dauerhafter erwiesen hat als jenes »Blatt Papier«, das sich vorwitzigerweise zwischen »unsern Herrn Gott im Himmel und dieses Land schob«. Der preußische Staat war nur als preußisches Heer möglich; so bedangen es seine ökonomischen Grundlagen. Das Heer war der Staat; »in Preußen wurde konsequent von den Zeiten des großen Kurfürsten bis zum Tode Friedrichs des Großen jede Vermehrung der Einkünfte zur Vergrößerung der Armee verwendet, und die Einkünfte wurden vorzugsweise gesteigert, um die Armee vermehren zu können«.[28]

Die ökonomischen Grundlagen des Heeres bildeten die preußische Verfassung, über deren Schranken kein preußischer König, so absolut regieren und so genial er sich gebärden mochte, auch nur den kleinsten »revolutionären« Sprung wagen durfte, geschweige denn, daß er mit dem Heere »revolutionäre Insurrektionen« machen konnte. Was Lassalle so nennt, war die Eroberung eines Landstrichs, die der preußische Militarismus um Lebens oder Sterbens willen machen mußte; darüber war sich schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm klar, sobald er nur erst ein kleines preußisches Heer auf den Beinen hatte. Der von ihm eigenhändig niedergeschriebene Plan zur Erwerbung Schlesiens ist inzwischen durch Ranke aus dem hohenzollernschen Hausarchive veröffentlicht worden; bis auf Stunde und Minute (»demnach nun weltkundig ist, auf was schwachen fußen das Hauß Osterreich bestehet, und das zu befahren, das selbiges Hauß durch absterben, undt nicht Hinterlassung einiger Erben abgehen mochte«[29]) ist hier der Einfall in Schlesien vorhergesehen, den der mehr als zwanzig Jahre später geborene Friedrich II. mehr als fünfzig Jahre später unternahm. Womit allein denn schon die Insurrektion und Revolution beseitigt sein dürfte.

VII. Friedrichs aufgeklärter Despotismus

Friedrich II. regierte von 1740 bis 1786. Sein aufgeklärter Despotismus gilt als die höchste Form des modernen Absolutismus und zwar in beiderlei Sinn des Wortes: sowohl nach der Unbeschränktheit der fürstlichen Macht hin als auch nach der Verwendung dieser Macht für die Wohlfahrt des Volkes. Die eine wie die andere Behauptung bedarf aber der Einschränkung durch den Satz: innerhalb der Grenzen, die durch die ökonomischen Grundlagen dieses Despotismus gegeben waren. Die preußenfreundlichen Mythologen täten nachgerade wohl daran, sich endlich zu dieser wissenschaftlichen Auffassung zu bekehren; denn in dem holden Streite mit ihren preußenfeindlichen Gegenfüßlern müssen sie hundert Niederlagen gegen einen Sieg davontragen, wenn auf Grund der Einbildung gekämpft wird, daß die Macht Friedrichs unbeschränkt und daß es seine Pflicht gewesen sei, diese Macht im Interesse der Volksmasse zu handhaben.

Es ist richtig: Die Schranken des Despotismus, die beispielsweise in Frankreich und Österreich durch den Hof und die Kirche errichtet waren, bestanden für Friedrich nicht. Aber um so fester steckte er in dem eisernen Hemde des auf feudaler Grundlage, erwachsenen Militarismus. Sein beweglicher und lebendiger, obschon etwas flacher Geist war für literarische und philosophische Arbeiten wie geschaffen; Friedrich artete mehr nach der Mutter als nach dem Vater, war mehr Welfe als Hohenzoller, wie denn namentlich in seinen jungen Jahren die fremden Gesandten den »hannöverschen Typus« an ihm hervorheben. Unter den Welfen waren aber literarische Neigungen schon seit dem Mittelalter erblich; am Hofe Heinrichs des Löwen dichteten Vorläufer der höfischen mittelalterlichen Poesie; Herzog Heinrich Julius von Braunschweig, der Zeitgenosse Shakespeares, hielt an seinem Hofe eine Truppe englischer Schauspieler und schrieb selbst Theaterstücke; Herzog August gründete die Wolfenbütteler Bibliothek; Herzog Anton Ulrich dichtete Kirchenlieder und Romane; dann lebte Leibniz im Schutze des Welfenhauses, und Friedrichs Großmutter, die Königin Sophie Charlotte, im guten und schlimmen eine echte Welfin, zog ihn vorübergehend auch nach Berlin. Im Vorbeigehen lohnt es sich auch vielleicht zu bemerken, daß sich unter Friedrichs Urgroßmüttern ein französisches Edelfräulein befand, Eleonore d'Olbreuze, die Gemahlin eines welfischen Herzogs, die einige Tropfen frischen und munteren Blutes in das alte Geschlecht gesprengt hatte. Der schier unnatürliche Haß, mit dem Friedrich und sein Vater einander betrachteten, ein Haß, der sich dann zwischen Friedrich und seinem durchaus nach dem Vater artenden Bruder August Wilhelm, dem Stammvater der späteren Könige, wiederholte und hier in dem Tode des Bruders tragisch endete wie dort in der Enthauptung von Friedrichs Freunde Katte, läßt sich kaum anders als auf physiologische Ursachen zurückführen, sowenig damit auf den verleumderischen Hofklatsch über Friedrichs Mutter, dem selbst sein Vater zeitweise zugänglich war, irgend angespielt werden soll. Die wiederholten Heiraten zwischen Hohenzollern und Welfen ließen nur Friedrich, wie seine Schwester Wilhelmine und seinen Bruder Heinrich, stark auf den welfischen Typus zurückschlagen. Friedrichs Ehrgeiz strebte in erster Reihe nach dem Lorbeer des Dichters und Schriftstellers; als Mensch hat er sein ganzes Leben darnach gerungen; lieber wollte er Racines »Athalie« gedichtet als den Siebenjährigen Krieg geführt haben. Aber als König war er sich auch sein ganzes Leben darüber klar, unter welchen Bedingungen er überhaupt nur regieren könne. So führte er jenes Doppelleben, das einen manchmal schier unglaublichen Widerspruch zwischen seinen Taten und seinen Worten aufweist, das ihm so oft den scheinbar unwiderleglichen Vorwurf der Heuchelei eingetragen hat und das von seinen Bewunderern nicht minder oft durch die unwürdigsten Sophismen erläutert worden ist. Und doch hat Lessing schon den Sinn dieses Lebens treffend gezeichnet in den von Herrn Erich Schmidt und anderen für byzantinische Zwecke mißbrauchten Worten: »Wenn ich mich recht untersuche, so beneide ich alle itzt regierenden Könige in Europa, den einzigen König von Preußen ausgenommen, der es einzig mit der Tat beweist, Königswürde sei eine glorreiche Sklaverei.« In der Tat erkannte Friedrich von Anfang an, daß gemäß der preußischen Verfassung jeder preußische König unweigerlich den alten Kurs zu segeln hat, und darin, daß er auch nicht einmal versuchte, wider den Stachel zu löcken, obgleich ihm nach Anlagen und Neigungen eine solche Versuchung unter allen preußischen Königen weitaus am nächsten lag, wurzelt sein Anspruch auf historische Bedeutung oder – wenn denn einmal das Wort gebraucht werden soll – auf historische Größe.

Aber eben weil dazu ein nicht gewöhnlicher Charakter und ein nicht gewöhnlicher Geist gehörten, liegt es von vornherein auf der Hand, daß jene »Reformen Friedrichs im Innern«, von denen Lassalle spricht, niemals bestanden haben und niemals auch nur geplant worden sind. Friedrichs Thronbesteigung wurde ein Tag der Enttäuschungen, wie einer der schmerzlich Enttäuschten selber schrieb. Der von seinem Vater so arg mißhandelte »Querpfeifer und Poet«, der seine Uniform einen »Sterbekittel« genannt hatte, erließ das kurze und bündige Regierungsprogramm: Alles bleibt auf dem Fuße, auf dem mein Väter es eingerichtet hat; nur das Heer will ich um soundso viel Bataillone und Schwadronen vermehren. Die Mittel dazu gewann Friedrich zunächst durch die Auflösung des Riesenregiments, das sein Vater in einer närrischen Liebhaberei aus menschlichen, durch greuliche Gewalttaten und um wahnsinnige Summen aus allen Enden der Welt herbeigeschafften Kolossen zusammengesetzt hatte. Sonst änderte Friedrich aber nichts oder doch nichts Wesentliches an den Einrichtungen Friedrich Wilhelms I., weil er trotz aller philosophischen und poetischen Schwärmerei und trotz des schroffsten persönlichen Gegensatzes zu seinem Vater sehr wohl wußte, daß er nichts daran ändern konnte, daß der preußische Staat so bestehen mußte, wie er bestand, oder überhaupt nicht bestehen konnte.

Eine einzige wichtige Änderung scheint Friedrich nun aber doch an dem bisherigen Regierungssystem vorgenommen zu haben, nämlich die schon erwähnte Steigerung der fürstlichen Machtvollkommenheit, die in dem geflügelten Worte von dem Fürsten als dem ersten Diener des Staats ihren ideologischen Ausdruck gefunden hat. Da hat anscheinend doch der überlegene Wille eines kräftigen Herrschers einen tiefen Schnitt in die auf ökonomischen Grundlagen beruhende Verfassung des Staats getan. Allein dieser Schein trügt vollständig. Es vollzog sich hier ein ähnlicher Prozeß wie hundert Jahre vorher unter Friedrichs Urgroßvater. Damals verzichteten die Junker scheinbar auf ihre politischen Vorrechte, indem sie die Errichtung des fürstlichen Absolutismus durch das stehende Heer und die ständige Steuer zugaben, aber was sie in ihren verfallenen Ständetagen preisgegeben hatten, gewannen sie zehnfach durch die ökonomischen, sozialen und militärischen Vorrechte wieder, die ihnen der Absolutismus einräumen mußte, ehe sie ihm ihren Segen gaben. In ganz ähnlicher Weise regierte Friedrich II. mit einigen subalternen Schreibern aus seinem Kabinett den Staat, während tatsächlich unter seiner Regierung jenes Adelsregiment aufwucherte, das bei Jena ein schmachvolles, aber hundertfach verdientes wenn auch leider noch immer nicht endgültig besiegeltes Schicksal ereilt hat.

Die ideologische Geschichtsschreibung ist bisher unfähig gewesen, die Aufklärung des friderizianischen Despotismus zu analysieren; sie hat nur verstanden, mit preisenden oder scheltenden, mit schmeichelnden oder schimpfenden, aber stets ganz allgemeinen und leeren Redensarten darüber hinwegzutappen. Aber von der materialistischen Geschichtsauffassung wissen wir, daß die »Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen« ist. Das hatte Friedrich Wilhelm I. auf seine Weise ganz gut begriffen, Friedrich II. aber begriff es nicht. Wenn man unter aufgeklärtem Despotismus das Verständnis für die historische Möglichkeit und damit auch für die historische Berechtigung des Despotismus versteht, so war Friedrich Wilhelm I. ein sehr viel aufgeklärterer Despot als sein Sohn. Indem er der herrschenden Klasse des Junkertums, so gut er es vermochte, den Boden streitig machte, indem er sich ein fürstliches Heer, ein fürstliches Beamtentum zu schaffen suchte, indem er möglichst viel bürgerliche Elemente in die Staatsverwaltung zog, vertrat er den Despotismus, der nach den allgemeinen Zeitverhältnissen möglich und über die feudale Wirtschaft des Mittelalters hinaus ein historischer Fortschritt war. Friedrich dagegen besaß zwar jenes welfische Herrscherbewußtsein, das dem hohenzollernschen, wie alte und neue Beispiele zeigen, noch überlegen ist, aber von dem fürstlichen Klassenbewußtsein seines Vaters hatte er viel zuwenig. Friedrich Wilhelm I. witterte mit gutem Klasseninstinkte in der »Hoffart« seines Sohnes eine schwere Gefahr für den fürstlichen Despotismus; sie verhieß dem Junkerregimente, das er selbst auszurotten getrachtet hatte, eine neue Blüte. Selbst in seiner Küstriner Gefangenschaft, in einem Leben voll der schwersten Demütigungen, machte Friedrich ungezogene Bemerkungen darüber, daß adlige Landräte an den bürgerlichen Kammerdirektor Hille als an ihren Vorgesetzten berichten mußten, worauf Hille mit treffender Ironie erwiderte, die Welt sei allerdings auf den Kopf gestellt, wie könnten sonst Fürsten, die nicht recht klug wären oder sich nur mit Tand abgäben, vernünftigen Leuten Befehle erteilen? Die derbe Lektion fruchtete so wenig wie die Schläge des Vaters. Friedrich hat nie begriffen, daß die despotische Macht, die sein Vorgänger ihm vererbte, im Kampfe gegen das Junkertum erobert war und also auch nur im Kampfe gegen das Junkertum erhalten oder gar gesteigert werden konnte.

Dies in der Tat ist der springende Punkt, aus dem sich der Despotismus Friedrichs erklärt, soweit er sich von dem Despotismus seines Vaters unterschied. So töricht war der König nicht, den Selbstherrscher in dem Sinne spielen zu wollen, in dem er ihn nach den heutigen Bewunderern seines aufgeklärten Despotismus gespielt haben soll; um sich mit einem sic volo sic jubeo über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinwegzusetzen, dazu war er viel zu einsichtig. Wollte er den ersten Diener des Staats vorstellen, wollte er sich unabhängig machen von dem Mitraten und Mittaten des Beamtentums, so mußte er den Adel bei seiner gnädigen Laune erhalten. Das wußte und berücksichtigte er sehr gut. Er überhäufte den Adel in sehr unphilosophischer Weise mit allen erdenklichen Begünstigungen und Vorrechten; er förderte die Junkerherrlichkeit in einer Weise, die seinem Vater ganz fremd gewesen war. Während Friedrich Wilhelm die Tüchtigkeit der Beamten an ihrer Widerstandskraft gegen die junkerlichen Interessen abmaß, empfahl Friedrich dem Generaldirektorium als den Hauptzweck der staatlichen Verwaltung die Erhaltung des Adels. Während Friedrich Wilhelm das Landratsamt den Junkern zu entreißen bemüht war, machte Friedrich das ständische Vorschlagsrecht nicht nur zu einem wirklichen Wahlrecht, indem er seine Bestätigung immer unweigerlich gab, sondern er schloß noch obendrein die Domänen, die Amtsstädte, die Güter in städtischem Besitze von der Wahl der Landräte aus. Und so in allem. Friedrich Wilhelm suchte den Klassenkampf mit dem Adel, Friedrich wich ihm aus. Was jener erkämpfen wollte, das wollte dieser erkaufen. Aber der Vater verstand viel besser, worauf es im Widerstreite der sozialen Interessen ankommt, als der Sohn. Mochte Friedrich Wilhelm im Kriege gegen das Junkertum verhältnismäßig wenig erreichen, es war tatsächlich viel mehr als das verhältnismäßig Große, das der berühmteste Selbstherrscher des achtzehnten Jahrhunderts erreicht zu haben schien. Die Steigerung der Souveränität, die Friedrich dem Adel abkaufen wollte, war ebendeshalb ein leerer Dunst. Er gab das Wesen der Macht hin für ihren Schein. Es kam hinzu oder vielmehr: Es hing mit der Verschiedenheit in dem fürstlichen Klassenbewußtsein der beiden Könige zusammen, daß Friedrich Wilhelm, der über wenig mehr als zwei Millionen Einwohner herrschte, täglich fünf bis sechs Stunden mit seinen Kabinettsräten, mit dem Generaldirektorium arbeitete; Friedrich II. aber, unter dem die Bevölkerungsziffer auf sechs Millionen anwuchs, machte täglich – mit Ausnahme der militärischen Revuen – alles in anderthalb Stunden ab, ohne die Minister zu hören, ja mit geflissentlicher Mißachtung und Mißhandlung des Beamtentums. Menschlich mag es sehr wohl zu verstehen sein, daß ein geistig angeregter Mann sich möglichst schnell aus dem eintönigen und traurigen Räderwerk dieses Staatswesens zu seinen Dichtern, Musikern und Philosophen flüchtete; politisch ist es aber klar, daß Friedrich, der auf diese Weise das ganze staatliche Getriebe bis auf die kleinste Einzelheit zu übersehen und zu leiten glaubte, tatsächlich gar wenig übersah und leitete. Die wirkliche Regierung fiel dem Adel um so sicherer zu, als Friedrich ihm auch, abermals in scharfem Gegensatze zu seinem Vater, alle maßgebenden Stellen der bürgerlichen Verwaltung eingeräumt hatte. Der glänzende Schein seines aufgeklärten Despotismus verhüllte einzig ein wucherisches Junkerregiment. So setzt die Dialektik der ökonomischen Entwicklung, je »genialer« sie mißachtet wird, sich um so rücksichtsloser und verhängnisvoller durch.

Nach alledem kann von »Friedrichs Reformen im Innern« so wenig gesprochen werden, daß im Gegenteile unter seiner Regierung der preußische Militärstaat schon von der Höhe herabsank, die er unter Friedrich Wilhelm erreicht hatte. Als Friedrich den Thron bestieg, hatte er sich mit allerlei literarischen und philosophischen Fragen befaßt, aber seine staats- und volkswirtschaftlichen Kenntnisse waren selbst für den Maßstab seiner Zeit sehr lückenhaft und unvollständig; die patriotische Fabel von dem praktischen Kursus, den er während seiner Küstriner Gefangenschaft in diesen Dingen gemacht haben soll, ist gegenüber den urkundlichen Zeugnissen selbst von den loyalen Geschichtsschreibern aufgegeben worden. Den Kleinbetrieb der Verwaltung, den er nach dem Willen seines Vaters in Küstrin lernen sollte, hat er nicht gelernt, nicht einmal lernen wollen; darüber sind die Klagen der Küstriner Behörden unerschöpflich, und der Kammerdirektor Hille tröstete sich mit der Hoffnung, daß er als Regent sich um die kleinen Einzelheiten nicht kümmern werde.[30]

Aber bekanntlich kümmerte sich Friedrich als erster Diener des Staats um jeden Quark, und dazu verknöcherte die Art seines Selbstherrschertums noch die sehr unreifen Ansichten, mit denen er die Regierung angetreten hatte. Mit Recht hebt ein bürgerlicher Ökonom hervor, daß Friedrich, wie er selbst und seine Dienerschaft im Jahre 1786 nicht anders gekleidet gingen wie im Jahre 1740, so auch in anderen »wichtigeren Dingen zeitlebens bei den Anschauungen beharrte, die er als Kronprinz gewonnen hatte«.[31]

In den zwölfhundert Kabinettsordern, deren Wortlaut Preuß in den Urkundenbüchern zu Friedrichs Lebensgeschichte veröffentlicht, kann man von Jahr zu Jahr verfolgen, wie der König nicht eigentlich beschränkter – denn die Beschränktheit blieb immer dieselbe –, wohl aber eigensinniger und höhnischer gegen die fortschreitende Erkenntnis der Zeit wurde, und der vielgepriesene »Geist« dieser Verordnungen besteht tatsächlich nur in bald guten, bald schlechten, aber immer gleich peinlichen Witzen, worüber schon Lessing das erschöpfende Urteil gefällt hat: »Gott hat keinen Witz, und die Könige sollten auch keinen haben, denn hat ein König Witz, wer steht uns für die Gefahr, daß er deswegen einen ungerechten Ausspruch tut, weil er einen witzigen Einfall dabei anbringen kann?« Dieser Gefahr ist Friedrich immer wieder erlegen, und nicht zum wenigsten deshalb ging bei seinem Tode ein frohes Aufatmen durch die ganze Bevölkerung, weil sein Despotismus, wie in den Grundsätzen beschränkt und zäh, so in ihrer Handhabung launenhaft und willkürlich war. Goethe hörte bei einem Besuche in Berlin »über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde räsonieren«; schade, daß er nicht ein paar Jahre unter dem Zepter Friedrichs lebte, um zu einem gründlichen Verständnisse dessen zu gelangen, was es mit den »Lumpenhunden« einer- und den »großen Menschen« andererseits auf sich hat.

In erster Reihe das Heer, das Rückgrat des Militärstaats, verfiel unter Friedrich. Es ist lehrreich zu sehen, wie es ihm auch hier im Gegensatze zu seinem Vater mehr auf den Schein als das Wesen der Macht ankam. Während Friedrich Wilhelm I. die ökonomische Ausbeutung des Heeres durch die Junker nach Kräften hinderte, aber die Offiziere als seine Kameraden behandelte und den kameradschaftlichen Geist unter ihnen pflegte, ließ sein Sohn dem ausbeuterischen Treiben der Junker die Zügel schießen, während er sich nach dem Satze: Teile und herrsche! über die Offiziere als unnahbarer Kriegsherr aufzuschwingen und sie in jeder Weise zu schikanieren suchte. Gleich nach seiner Thronbesteigung stellte Friedrich dem Feldmarschalle seines Vaters, dem Fürsten von Dessau, einen andern Feldmarschall in dem Grafen Schwerin entgegen, und indem er bald den einen, bald den andern vorzog, bald den einen, bald den andern zurücksetzte, verhetzte er sie mit so glücklichem Erfolge, daß sich durch das ganze Offizierkorps eine anhaltinische und eine schwerinische Partei bildete, die dann auch nach dem Tode ihrer Häupter sich zu befehden fortfuhren. Ein ähnlicher Zwiespalt wie an der Spitze des ganzen Heeres wiederholte sich an der Spitze jedes einzelnen Regiments, indem Friedrich die Beziehungen zwischen Chef und Kommandeur in »einer nicht genau bestimmten Mischung von Subordinations- und sogenannt kollegialischem Verhältnisse« beließ.[32]

Bekannt ist der eifersüchtige Neid, womit Friedrich im Kriege jeden General verfolgte, der ihn selbst verdunkelte oder auch nur zu verdunkeln schien; wie oft haben Schwerin und Seydlitz seine »Ungnade« erfahren müssen! Aber die Verehrer des Königs tun ihm zuviel, wenn sie als eine Schwäche seines persönlichen Charakters zu beschönigen suchen, was tatsächlich nur eine Schwäche seiner sozialen Stellung war. Friedrich war durchaus kein miles gloriosus; in seinen Schriften spricht er mit anständiger Bescheidenheit von seinen kriegerischen Erfolgen, mit anständiger Offenheit von den Mißgriffen seiner Feldherrnlaufbahn. Aber er glaubte den unumschränkten Kriegsherrn nur so spielen zu können, daß er keinen Junker zu einer überragenden Stellung im Heere kommen ließ. Nach dem Siebenjährigen Kriege ernannte er überhaupt keinen Feldmarschall mehr und kaum zwei oder drei Generale; bei seinem Tode war unter den aktiven Offizieren des Heeres nur ein einziger, auch schon halb abgedankter General, der alte Tauentzien, Lessings bekannter Freund.

Während der König aber auf diese Weise die militärische Tüchtigkeit des Offizierkorps verringerte, ließ er seiner ökonomischen Entartung den freisten Spielraum. Er verstand nicht seines Vaters Meinung, daß des Königs Kriegsknecht es besser haben müsse als des Gutsherrn Ackerknecht; er gestattete dem Offizier, den Kriegsknecht auszubeuten, wie nur immer der Junker den Ackerknecht ausbeuten mochte. In der ersten Hälfte von Friedrichs Regierung hielt die alte Überlieferung, die ewige Kriegsnot, vielleicht auch die frischere Kraft des Königs das Gefüge des Heeres noch einigermaßen aufrecht trotz aller Mißbräuche, die auch damals schon eingerissen waren. Nachdem aber der Siebenjährige Krieg das alte Heer verschlungen hatte, wußte Friedrich nur ein neues Heer zu schaffen, das schon bei der ersten Probe; im Bayerischen Erbfolgekriege von 1778, vollständig versagte. In dem einen Feldzuge verlor es mehr Mannschaften durch Desertion als im ganzen Siebenjährigen Kriege. Friedrich war überrascht, aber er wurde keineswegs durch den argen Mißerfolg belehrt. Er war wohl flink bei der Hand mit dem Kassieren einzelner Offiziere, aber er änderte nichts an seinem falschen System. Während schon zu seiner Zeit scharfsichtige Beobachter erkannten, daß dies Heer verfallen mußte, weil es mehr und mehr von einer bevorzugten Klasse ausgebeutet wurde, warf Friedrich die bürgerlichen Offiziere, die er in den letzten Notjahren des Siebenjährigen Krieges hatte ernennen müssen, nach dem Frieden trotz aller Verdienste einfach aufs Pflaster und füllte die Lücken lieber durch adelige Abenteurer aus der Fremde, denn er sah nun einmal »den ersten Schritt zum Verfalle des Staats« in der Anstellung bürgerlicher Offiziere.[33]

Hier aber lag die Wurzel des Übels. Die Kompaniewirtschaft der Junker, die Friedrich Wilhelm möglichst in Schranken zu halten suchte, nahm unter Friedrich zunächst folgende Gestalt an. Der König zahlte Jahr für Jahr die Monatslöhnung von drei Taler fünf Groschen auf den Gemeinen für die gesamte Kopf stärke der Kompanie. Die Exerzierzeit war aber schon von drei Monaten auf zwei zusammengeschrumpft; während zehn Monaten des Jahres durften die Hauptleute 50 bis 60 von den etwa 70 Inländern der Kompanie beurlauben und den entsprechenden Betrag der Gesamtlöhnung in die Tasche stecken. Dafür waren sie verpflichtet, den Bestand der Ausländer, 50 bis 60 Mann auf die Kompanie, vollständig zu erhalten, und zwar in bestimmten Größen – nicht unter fünf Fuß zehn Zoll. Im allgemeinen rechnete man den jährlichen Abgang von Ausländern bei einer Kompanie auf vier Mann, zu deren Ersatz ungefähr 500 Taler nötig waren. Ferner hatten die Kompaniechefs für die Instandhaltung der gelieferten und den Ersatz der fehlenden kleinen Montierungsstücke zu sorgen. Immer aber blieb ihnen ein bedeutender Reingewinn.[Anmerkung 22]

Die Beschaffung der großen Montierungsstücke (Rock, Hose, Weste, Hut oder Mütze, Strümpfe und Reiterstiefel) besorgte die Kleiderkasse des Regiments, für die jedem Unteroffizier und Gemeinen ein Teil der Löhnung abgezogen wurde; von dem monatlichen Solde gingen ein Taler fünf Groschen für Kleider und sonstige Regimentsunkosten drauf.

Diese Kompaniewirtschaft rührte im wesentlichen noch aus Friedrich Wilhelms Zeit her, sosehr sie unter Friedrich auch schon dadurch verschlechtert worden war, daß jedes Gegengewicht gegen die durch diese ganze Wirtschaft immer wieder angereizte Ausbeutungslust der Junker fehlte. Nach dem Siebenjährigen Kriege entschloß sich der König aber zu einer »Reform«, die dem Fasse den Boden ausschlug. Er entzog nämlich einem großen Teil der Regimenter, besonders denen, die im Kriege seine Unzufriedenheit erregt hatten, die eigene Werbung. Er ließ den betreffenden Kompaniechefs etwa noch 30 oder 20 oder auch nur 10 Beurlaubte zugute kommen, den Rest nahm er auf eigene Rechnung, wofür aus der sogenannten »großen Werbung«, die er selbst betrieb, die abgehenden Ausländer ersetzt wurden.

Zunächst ergab sich daraus eine erhebliche Verschlechterung des Menschenmaterials. Bei der eigenen Werbung hatten die Kompaniechefs immerhin ein gewisses Interesse, auf einen möglichst starken und zuverlässigen Menschenschlag zu sehen; je weniger Abgang von Ausländern sie hatten, um so größer war ihr Profit. Des Königs Werbeoffiziere hatten gerade im Gegenteile das Interesse, den verrufensten Menschenkehricht aus aller Herren Länder aufzutreiben, denn der war am billigsten zu haben, und je billiger sie warben, um so mehr profitierten sie an den Werbegeldern. »Es gibt Offiziers, die den Menschenhandel so gut verstehen wie die Juden, welche den Engländern und Franzosen ihre Sklaven für die Kolonien liefern«, schrieb der preußische Leutnant Rahmel, nachdem er in den amerikanischen Dienst übergetreten war. Boyen aber schreibt von den Ergebnissen der »großen Werbung«, man könne ohne Übertreibung sagen, daß von den jährlich in die Armee eintretenden ausländischen Rekruten höchstens die Hälfte leichtsinnige, aber nicht durchaus verdorbene Menschen waren, während die andere Hälfte aus nichtsnutzigen Wesen bestand, die das Desertieren aus einem Dienste in den andern, um sich im neuen Handgeld berauschen zu können, zum Gewerbe ihres Lebens machten, in der Zwischenzeit aber durch Betrug und Diebstahl sich eine Zulage in ihrer Garnison zu erhaschen suchten.[Anmerkung 23]

Um dies Gesindel, dessen unausgesetzte Exzesse den Soldatenstand in den übelsten Ruf brachten, einigermaßen bändigen und an die Fahne fesseln zu können, war die gewaltsamste Behandlung notwendig, und diese wirkte dann wieder im höchsten Grade demoralisierend auf die besseren Elemente der Truppe zurück. Um nur eins zu erwähnen: Man legte den schlechten Soldaten, namentlich zur Überwachung während der Nacht, zu einem guten ins Zimmer; gelang dem schlechten dennoch die Desertion, so mußte der gute unbarmherzig Spießruten laufen. Die Soldatenmißhandlungen stiegen ins Unerträgliche; die »abscheulichen Stubenexekutionen« gewannen damals zuerst ihren unheimlichen Ruf; Selbstmord und Wahnsinn rafften die noch nicht jeden Ehrgefühls baren Rekruten dahin.[Anmerkung 24]

Und mit alledem noch nicht genug. Die inländische Rekrutierung verdarb auf diese Weise auch vollständig. Der Kriegsdienst war die entehrendste und peinvollste Strafe in preußischen Landen geworden und wurde zuletzt vom Könige auch als solche verhängt, so über Preßvergehen, wie wir schon gesehen haben. Die natürliche Folge davon war, daß alle Bevölkerungsklassen, die überhaupt noch etwas zu verlieren hatten, vom Kriegsdienste »eximiert« werden mußten. Man durfte gar nicht daran denken, den höherentwickelten westlichen Landesteilen mit der Kantonpflicht zu nahen, eine ökonomische Notwendigkeit, deren bitteren Beigeschmack sich Friedrich durch die Behauptung versüßte, daß der rheinisch-westfälischen Bevölkerung »Treue und Ausdauer im militärischen Dienstverhältnis fehle«. Aber auch in den ostelbischen Provinzen reichten die »Exemtionen« herab bis auf die Arbeiter, die »nützliche Gewerbe trieben«. Für die Enrollierung blieb nur übrig einerseits landstreicherisches und verbrecherisches Gesindel, andererseits die – ärmste Armut, der jedes Mittel zur Flucht und zum Widerstande fehlte, es sei denn, daß die einen sich den Daumen verstümmelten, was den König zu besonderen verbietenden Edikten veranlaßte, oder daß die anderen sich für Schinder- und Scharfrichterknechte ausgaben, welche erdichtete Infamie sie im Bayerischen Erbfolgekriege aber auch nicht vor Aufnahme in die Freikorps schützte. Treffend nennt Boyen die Rekrutierung unter Friedrich eine »an der Armut ausgeübte Gewalttat«.

Ferner aber hatte die »Reform« des Königs noch eine andere verhängnisvolle Seite. Wenn er die Einkünfte der Junker-Offiziere durch die »große Werbung« schmälerte, so waren diese braven Patrioten keineswegs geneigt, sich ihren Profit schmälern zu lassen. Für das, was ihnen der Kriegsherr nahm, erholten sie sich an dem Kriegsknechte. Die Kompaniechefs bewirtschafteten ihre Aushebungsbezirke wie eine Art Eigentum; das Grauen der Bevölkerung vor dem Kriegsdienste gab ihnen trotz aller »Exemtionen« willkommenen Anlaß zu allerlei Erpressungen; mit barem Gelde mußten sich die Kantonisten, auch wenn sie gar nicht zum Kriegsdienste herangezogen werden durften, die Erlaubnis zur bürgerlichen Niederlassung und zur Verheiratung einhandeln. Dann aber wurde eine neue Form der Beurlaubung erfunden. Der König hatte 1763 bestimmt, daß wenigstens 76 sogenannte Diensttuer auf die Kompanie beständig bei den Fahnen bleiben sollten, aber bald mußte er nachgeben, daß auch von diesen 76 noch 26 Mann als Freiwächter, das heißt, da es sich zumeist um Ausländer handelte, innerhalb der Garnisonmauern beurlaubt werden konnten. Aus den 26 machten die Hauptleute aber oft 40 und noch mehr, so daß für zehn Monate des Jahres höchstens 50 bis 40 Mann auf die Kompanie bei den Fahnen standen; der Sold der Freiwächter, die selber sehen mochten, wo sie Beschäftigung fanden, fiel in die Tasche der Hauptleute. In dasselbe Gebiet gehört es auch, daß die inländischen Rekruten, die bei ihrem Eintritt in das Heer zunächst ein Jahr unter den Waffen bleiben sollten, schon nach einmaliger Exerzierzeit ohne jede Rücksicht auf ihre militärische Ausbildung beurlaubt wurden. Weiter wurden die Kleiderkassen wahre Goldgruben für die Junker-Offiziere. Sie verschlechterten die Montierungsstücke, um in ihren eigenen Geldbeutel zu wirtschaften. Sie kürzten den Schnitt der Röcke, wodurch eine bedeutende Anzahl Ellen des Zeuges gespart wurden. Die Weste der Soldaten wurde nach und nach von der junkerlichen Profitwut ganz verspeist; man begann damit, ihre Ärmel abzuschneiden und endete damit, sie durch einen zwischen den vorderen Rockklappen angenähten Lappen zu markieren. Ein leckeres Gericht für die Hauptleute war auch das Schuhzeug der Mannschaft; »wenn Dido«, so schreibt der schon erwähnte Leutnant Rahmel, »aus einer Kuhhaut den Platz zur Erbauung einer Stadt schnitt, so wollen die Kapitäns aus den Schuhsohlen ihrer Kompanie den Plan zu ein paar Rittergütern schneiden«. Anderes, beispielsweise wie bei der Lieferung der Fourage für die Kavallerie die Bauern übers Ohr gehauen wurden, wie in den Listen gestorbene Soldaten als lebend fortgeführt, wie bei den Revuen die Lazarette ausgeleert wurden, um die Rotten zu füllen, und sonstige Einzelheiten dieses höchst raffiniert ausgebildeten Gaunersystems übergehen wir; die angeführten Tatsachen genügen zur Erklärung dafür, daß Boyen die Offiziere dieses friderizianischen Heeres nicht mehr Soldaten, sondern »wuchernde Krämer« nennt.

All dem Unwesen sah der König ruhig zu. Höchstens daß er mal eine Order gegen das Überhandnehmen der Freiwächter erließ, aber wenn sie nicht half, so gab er sich auch zufrieden. In dem Heere selbst fehlte jede Kontrolle, denn auch wenn der Hauptmann zum Obersten oder General aufrückte, behielt er eine Kompanie; diesen Fleischtopf nahm er bis zu den höchsten Chargen mit, und da somit alle höheren Offiziere Krähen waren, so hackte keiner dem andern die Augen aus. Was dabei aus dem kriegerischen Geiste dieser Offiziere wurde, liegt auf der Hand. Die preußischen Historiker pflegen, wenn sie das friderizianische Heer feiern, als drastischen Gegensatz die Kriegsknechte des Bischofs von Hildesheim anzuführen, an deren Hüten geschrieben stand: Gib Friede, Herr, in unsern Tagen! Nun, an den Hüten der preußischen Hauptleute und Obersten war das freilich nicht zu lesen, aber um so breiter stand das friderizianische Offizierkorps nach dem Siebenjährigen Kriege auf diesem frommen Wunsche. Denn da die »wuchernden Krämer« nur im Frieden ausbeuten konnten, so begreift man leicht, wie anfeuernd der Krieg auf den »Heldengeist« dieses »Heldenheeres« wirkte. Erst die ökonomischen Voraussetzungen des friderizianischen Heeres erklären die ganze Schmach von 1806, erklären den feigen Verrat der Junker-Offiziere, erklären das frohe Aufatmen, womit viele Tausende von Soldaten nach der Niederlage die Fahnen verließen, erklären endlich die ingrimmige Freude der Bevölkerung über die zermalmenden Schläge, mit denen die »Federbüsche« für den scheußlichen Wucher von Jahrzehnten gestraft worden waren. Aber es ist fraglich, ob das Heer zur Zeit von Jena noch ganz so schlecht war wie in den letzten Jahrzehnten des Königs Friedrich. Denn etwas von dem Hauche der Französischen Revolution war doch über die Elbe gedrungen, und einzelne Offiziere wie Scharnhorst, Blücher, Gneisenau, auch tüchtige Junker wie Yorck hatten gar manches an der Heeresverfassung gebessert.

Während nun aber Friedrich in der Militärverwaltung den junkerlichen Offizieren völlig freie Hand ließ, führte er in der Zivilverwaltung einen wahrhaft selbstmörderischen Krieg gegen das Beamtentum, in dem sein Vater sich eine Stütze der königlichen Gewalt gegenüber den Junkern zu sichern gesucht hatte. Auch die Bürokratie wurde wenigstens in ihren maßgebenden Stellen von bürgerlichen Elementen gereinigt; während seiner ganzen Regierung hat Friedrich nur einen bürgerlichen Minister ernannt. Ebenso gehörten die Landes- und Provinzialkollegien dem Adel; einzig als Präsidenten der Oberrechenkammer bevorzugte der König, bezeichnend genug, Bürgerliche. Immerhin hatte sich ein gewisses Klassen- und Pflichtbewußtsein in der Bürokratie erhalten, und es gereichte dem Generaldirektorium zur Ehre, als es sich nach dem Siebenjährigen Kriege der Absicht des Königs, für militärische Zwecke den jährlichen Steuerertrag um zwei Millionen Taler zu erhöhen, entschieden widersetzte und jede weitere Belastung des Volkes für unmöglich erklärte. Man muß sich nur die damaligen Zustände des Landes vergegenwärtigen, die Schmoller folgendermaßen schildert: »Zu Ende des Krieges waren die preußischen Provinzen in einem entsetzlichen Zustande; die Menschen-, Vieh-, Kapitalverluste waren übermäßig; ein Drittel der Berliner lebte von Armenunterstützung; in der Neumark gab es notorisch fast kein Vieh mehr; Tausende von Häusern und Hütten waren niedergebrannt; eine volkswirtschaftliche Krise der schlimmsten Art folgte dem Frieden und dauerte noch mehrere Jahre.« Somit war das Generaldirektorium in seinem guten Rechte, wenn es dem bis auf den Tod erschöpften Lande zu den schon bestehenden schweren Lasten nicht noch neue Steuern auferlegt wissen wollte. Vielleicht war das Verständnis der Bürokratie für die Leiden der Bevölkerung auch dadurch geschärft worden, daß die Beamten während der letzten vier Kriegsjahre statt ihrer Gehälter sogenannte »Kassenscheine« erhalten hatten, die beim Wechsler nur mit vier Fünftel Verlust untergebracht werden konnten und die nach dem Frieden von den königlichen Kassen mit dem schlechten Kriegsgelde, also mit ungeheurem Kursverlust, eingelöst wurden.

Statt nun aber auf den pflicht- und sachgemäßen Einspruch des Generaldirektoriums zu hören, benützte der König die willkommene Gelegenheit, dem preußischen Beamtentum einen letzten, vernichtenden Schlag zu versetzen. Er ließ aus Frankreich einen Haufen von Steuer- und Zollbeamten kommen, »eine Bande unwissender Spitzbuben«, wie Hamann sagte; »Sansfassons und Raubmarquis, die man zur Ferme kommen ließ«, wie Bürger in einer Ballade sang; »lauter Schurkenzeug«, wie der König selbst nach fast zwanzigjähriger Bekanntschaft sie nannte. Ihnen übertrug er die Verwaltung der Akzise und der Zölle, denn aus den direkten Steuern war – wir werden gleich sehen, weshalb nicht – nichts mehr herauszupressen. Wie das so in Preußen alte Sitte ist, wurde die Erhöhung der Steuerlast abermals als eine »Reform« der Steuern ausposaunt. Der König sagte dem Franzosen de Launay, dem Leiter der neuen »Generaladministration der königlichen Gefälle«, die im Volksmunde den kürzeren Namen der Regie erhielt: »Nehmen Sie nur von denen, die bezahlen können; ich gebe sie Ihnen preis.« In einem Briefe an Launay nannte er sich den Anwalt der Arbeiter und Soldaten, deren Vorteile er bei der Steuerverwaltung wahrzunehmen habe, und in einem öffentlichen Patente erläuterte er die »Reform« der Steuern dahin, daß »die Reichen mit ihrem Überfluß in gewisser Weise zur Entlastung der Armen beitragen und daß zwischen beiden ein gerechtes und verständiges Verhältnis besteht«. Dies sind die Sätze, auf denen die schöne Legende des friderizianischen »Sozialismus« beruht. Schade nur, daß die Apostel dieser Legende sich an der Bewunderung von Friedrichs Worten genügen lassen und stets hinzuzufügen vergessen, daß seine Taten über seine Worte dahinjagten wie ein Regiment schwerer Kavallerie über den Töpfermarkt.

Beispielsweise hatte der »Anwalt der Arbeiter und Soldaten« mit Worten die denkbar höchste Steigerung der Weinsteuer befürwortet, denn »so was bezahlt der Arme nicht«, dagegen eine Herabsetzung der Branntweinsteuer verlangt und höchstens eine kleine Steigerung der Biersteuer zugelassen. Dagegen verfügte der König mit Taten eine kleine Erhöhung der Weinsteuer, eine Steigerung der Branntweinsteuer mindestens um die Hälfte und die Verdoppelung der Biersteuer. In Wirklichkeit brachte die Regie den Volksmassen einzig eine teilweise Ermäßigung der Brotsteuer; dagegen erhöhte sie in mehr oder minder erheblichem Maße die Steuern auf Fleisch und Getränke, fügte sie zu dem drückenden Salzmonopol ein ebenso drückendes Tabak- und Kaffeemonopol, unterwarf sie überhaupt alles, was der Mensch zum Leben und Sterben braucht, der Akzise, so daß beispielsweise das Verzeichnis der Akzisegegenstände für Berlin 107 Folioseiten umfaßte, deren jede durchschnittlich 30 bis 40 Artikel enthielt. Befreit von allen diesen Lasten blieb nach wie vor die reichste Klasse der Bevölkerung, nämlich der Adel. Zwar wollten die »Sansfassons und Raubmarquis«, die es sich nicht vergebens hatten sagen lassen, daß ihnen die wohlhabenden Klassen preisgegeben seien, und denen ohnehin in beklagenswerter Weise das historische Verständnis für die durch Lug und Trug ergatterte Steuerfreiheit der Junker fehlte, auch dem Adel ihre Schröpfköpfe ansetzen, aber hier legte der König ein sehr entschiedenes Veto ein. Nominell war zwar das platte Land überhaupt von der Akzise frei, aber da ebendeshalb der Betrieb von Handwerk und Industrie mit wenigen Ausnahmen auf dem Lande verboten war, so mußte die ländliche Bevölkerung, was sie an Kleidung und Nahrung, an Arbeitswerkzeugen und Genußmitteln nicht selbst produzierte, aus den Städten entnehmen und in dem Preise, den sie dort entrichtete, auch die Verbrauchssteuer mit bezahlen. Hier also mußte die »gesetzliche« Steuerfreiheit des Landadels gegen die Gelüste der Regie noch besonders verpanzert werden, und so verfügte Friedrich, daß, was die Junker an Bier, Wein und sonstigen steuerpflichtigen Gegenständen auf ihre Güter einführten, von der Akzise völlig befreit sein solle. Dagegen mußte der Bauer in dem Pfluge, mit dem er arbeitete, in dem Rocke, mit dem er zur Kirche ging, in dem Glase Bier oder der Pfeife Tabak, mit denen er auf Augenblicke seine nagenden Sorgen betäubte, auch noch zur Akzise mitsteuern.

Trotz alledem erreichte der König seinen Zweck nicht; die Regie hat ihm die jährlichen Mehreinkünfte nicht in dem ersehnten Maße gebracht. Nach den günstigsten Berechnungen hat sie in den 21 Jahren ihres Bestehens etwa ebenso viele Millionen Mehrertrag abgeworfen, nach den wahrscheinlichsten noch erheblich weniger, etwa 700 000 bis 800 000 Taler fürs Jahr. Und mit Recht hat schon der alte loyale Preuß hervorgehoben, daß diese höheren Einnahmen in der langen, nur durch ein Kriegsjahr unterbrochenen Friedenszeit von 1766 bis 1787 »durch erhöheten Wohlstand und vermehrte Bevölkerung bei redlicher Verwaltung« gleichfalls erzielt worden wäre. Die Ursachen des Mißlingens liegen auch auf der Hand. Die Kosten der Akzise- und Zollverwaltung stiegen durch die Regie von 300 000 auf 800 000 Taler; außerdem waren die französischen Beamten durch Tantiemen beteiligt, und die meisten wirtschafteten daneben in ihre Taschen. Dazu kam, daß eine so drückende und raffinierte Besteuerung ununterbrochene Defraudationen erzeugte. Zwar bedrohte der König die Hinterziehungen der Akzise mit sehr schweren Strafen, und zu ihrer Verhütung entstand ein wahrhaft scheußliches Denunziations- und Spioniersystem, aber das alles half, wie immer in solchen Fällen, wenig oder nichts. Die Masse der Bevölkerung stand eben hinter den Schmugglern, und von Gewissensbedenken brauchte sie sich um so weniger plagen zu lassen, als der Schmuggel, soweit es sich um die Einschwärzung preußischer Waren durch die Zollschranken der benachbarten Gebiete handelte, keinen eifrigeren Beschützer besaß als den König. Unter diesen Umständen war es noch eine Art grönländischen Sonnenscheins, daß wenigstens das Haupt der französischen Beamten gerade kein »unwissender Spitzbube« war. Nicht als ob Launay irgendwelche Anwandlungen von sentimentalem Mitleid mit der so arg ausgebeutelten Bevölkerung gehabt hätte, aber von den technischen Möglichkeiten der Volksauspressung hatte er richtigere Begriffe als Friedrich. Er ließ sich eine fast unumschränkte Vollmacht über die Akzise- und Zollverwaltung sowie über ihre Beamten geben; er nahm für sich und drei ihm anfangs beigeordnete Regisseure Jahresgehälter von je 15 000 Taler an, während der ihnen anfangs zum Scheine vorgesetzte Minister v. Horst nur 4000 Taler bezog. Aber als der König für die Berechnung der Tantiemen ihm und seinen Genossen 25 Prozent von dem Überschusse anbot, den sie über den Reinertrag der Akzise im Etatsjahre 1764/1765 erzielen würden, hob Launay hervor, daß dieser Ertrag wegen der Nachwirkungen des Krieges mit noch nicht ganz 3½ Millionen Talern nicht normalmäßig sei; er ließ als Norm erst den Reinertrag von 1765/1766 mit etwas über 4½ Millionen gelten, und von dem über diese Summe zu erzielenden Überschusse beanspruchte er auch nur 5 Prozent Tantiemen. Launay setzte auch durch, daß wenigstens die unteren Stellen der Regieverwaltung mit preußischen Beamten besetzt wurden, während der König die einheimischen Beamten hermetisch von der Regieverwaltung ausgeschlossen wissen wollte.[Anmerkung 25]

Gegen die ganze fürchterliche Plackerei der Regie, die Friedrich mit Stolz »mein Werk« zu nennen pflegte, machte die preußische Bürokratie nun aber noch einen pflicht- und sachgemäßen Vorstoß. Die ungeheuerliche Mehrbelastung des Massenverzehrs verursachte in dem dünn bevölkerten Lande, in dem die Arbeitskräfte sehr gesucht waren, eine Steigerung des Arbeitslohnes. Darüber erhoben die Kapitalisten das unvermeidliche Lamento, und der König forderte von dem Generaldirektorium amtliche Auskunft über die Gründe der »noch immer fortdauernden Klagen derer Fabricanten und Kaufleute«. In einer »Pflichtmäßigen Anzeige« wies darauf diese Behörde die »Behinderungen im Commercio in denen Königlichen Landen« nach; in der ruhigsten und sachlichsten Weise entwickelte sie die Schädlichkeit der Regie, hob sie die »verschiedenen im Lande eingeführten Monopolia, insonderheit den allergrößten Bedruck aus der General-Tabaks-Verpachtung«, als »dem allgemeinen Commercio höchst schädlich« hervor, erklärte sie die Steigerung des Arbeitslohns aus der höheren Belastung der Getränke, des Fleisches usw. Kaum aber hatte der König diese Eingabe am 2. Oktober 1766 erhalten, als er eigenhändig auf ihrem Rande verfügte: »Ich erstaune über der impertinenten Relation so sie mir schicken, ich entschuldige die Ministres mit ihre Ignorence, aber die Malice und die corruption des Concipienten muß exemplarich bestraffet werden sonsten bringe ich die Canaillen niemahls in der Subordination.« Am nächsten Tage erfolgte dann auch schon die Kabinettsorder, worin Se. K. M. dero General-Directorio bekanntmachen, »wie allerhöchst Dieselbe den Geheimen Finanzrath Ursinus cassiret und nach Spandau zur Festung bringen lassen«, und worin allen denjenigen, die sich auf den Wegen des Ursinus betreten lassen, angedroht wird, daß »Se. K. M. selbige, es mögen Räthe oder Ministres sein, ohne alle Umstände arretiren und auf Zeit Lebens werden zur Festung bringen lassen«. Mit dieser Gewalttat war der preußischen Bürokratie für Friedrichs Regierungszeit das Rückgrat gebrochen.

Wir haben die beiden großen Eingriffe des Königs in die Finanz- und Militärverfassung des Staats etwas ausführlicher geschildert, sowohl weil sie am klarsten zeigen, was es mit dem aufgeklärten Despotismus dieses Fürsten auf sich hat, als auch weil sich an ihnen das Wesen der großen Männer studieren läßt, die regelmäßig das größte Unheil anrichten, wenn sie anfangen, die »Geschichte zu machen«. Wir haben aber schon gesehen, daß Friedrich im allgemeinen viel vernünftiger war als seine Bewunderer und daß er sich gar wohl in die ökonomischen Lebensbedingungen zu finden wußte, die ihm gegeben waren. Diesen Bedingungen entsprach es durchaus, daß er in seiner Wirtschaftspolitik einem platten Merkantilismus huldigte. Die merkantilistische Theorie war das ideologische Wirtschaftssystem des fürstlichen Absolutismus, der sich aus dem Warenhandel und der Warenproduktion entwickelt hatte. Die ökonomischen Zustände, welche sie widerspiegelte, ergaben ihre einseitige Betonung des Handels und der Verarbeitungsgewerbe, ihre Überschätzung der Bevölkerungsdichtigkeit und des baren Geldes als der Ware aller Waren und endlich ihre Forderung, daß die neuentstandene Staatsgewalt alles zu fördern habe, woraus und weswegen sie entstanden sei: also Handel und Gewerbe, die Vermehrung der Volkszahl und der Geldmasse. Aber der Hammer schlägt nicht nur den Amboß, sondern der Amboß schlägt auch den Hammer; die Praxis erzeugt immer erst die Theorie, aber die Theorie gestaltet dann auch die Praxis. Das Merkantilsystem wurde für den Absolutismus ein Hebel seiner dynastischen Interessen: Es ermöglichte ihm das Sophisma, wonach Geldbesitz und Reichtum einer Nation ein und dasselbe seien, und damit hatte er gewonnen Spiel für die fiskalische Ausbeutung des Volkes. Je mehr Geld die Fürsten für ihre Heere und Höfe ins Land ziehen und im Lande behalten konnten, um so reicher wurde das Volk, und auch die sinnloseste Verschwendung war unbedenklich, »wenn das Geld nur im Lande blieb«.

Überall wo der Warenhandel und die Warenproduktion sich naturwüchsig in bedeutendem Umfange entwickelt hatten, so beispielsweise in Frankreich, konnte das Merkantilsystem nicht so leicht entarten, weil die Praxis unausgesetzt die Theorie im Zaume hielt; Colbert, der bedeutendste Staatsmann des Merkantilismus, wußte gar wohl, daß es »im Staate nichts Köstlicheres als die Arbeit der Menschen« gäbe, und eine Glanzseite seiner Verwaltung war der Bau von Landstraßen, um den Verkehr zu fördern. In Deutschland dagegen hatte der Absolutismus mehr einen feudalen als einen kapitalistischen Ursprung, und so konnte oder mußte aus der ökonomischen Vernunft der merkantilistischen Theorie um so leichter eine absolutistische Unvernunft werden. Friedrich verfocht die »ebenso einleuchtende wie wahre« Ansicht: »Nimmt man alle Tage Geld aus einem Beutel und steckt nichts dagegen wieder hinein, so wird er bald leer werden«, was denn eben die platteste Auffassung des Merkantilismus war, und er ließ die Landstraßen verfallen, damit ausländische Reisende um so länger aufgehalten würden und um soviel mehr Geld im Lande verbrauchten. Noch weit bezeichnender als der Vergleich zwischen Colbert und Friedrich ist der Briefwechsel, den der König im Jahre 1765 mit der Kurfürstin-Regentin Maria Antonia von Sachsen wegen der gegenseitigen Handelssperre führte. Sachsen war unter den deutschen Teilstaaten der ökonomisch entwickeltste; die Leipziger Kaufleute verlangten schon den ganz freien Handel, und so schrieb die Kurfürstin an Friedrich: »Unser großes Prinzip ist die Freiheit des Handels und die Reziprozität der Vorteile.« Aber Friedrich weiß darauf nichts zu erwidern als einige sentimentale Phrasen über die schlimmen Seiten von Gold und Silber, die leider notwendige Übel geworden seien. Und solche Notwendigkeit lege die Pflicht auf, diese an sich gemeinen und verächtlichen Metalle zu suchen. Er blieb der Ansicht seines Launay, daß die Schädigung des Auslands der Vorteil des Vaterlandes sei, eine Ansicht, die freilich auch noch Voltaire vertreten hatte, aber die Mirabeau doch schon »monströs und eines Staatsmanns im elften Jahrhundert würdig« nennt.

Gerade im brandenburgisch-preußischen Staat war der Merkantilismus nicht aus der ökonomischen Entwicklung erwachsen, sondern wurde die ökonomische Entwicklung nach den merkantilistischen Lehren zu leiten gesucht. Als der Merkantilismus im westlichen Europa längst in voller Blüte stand, gab die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm kurz vor seinem Tode die erste namhafte Gelegenheit, große Kapitalien ins Land zu ziehen. Nicht ein religiöser, sondern ein ökonomischer Beweggrund veranlaßte ihn, die vertriebenen Glaubensgenossen in seine Staaten zu laden. Er hatte schon vorher einzelne kleine Versuche mit einer Seifen- und einer Zuckersiederei, mit einer Porzellanbäckerei gemacht, aber die ersten Fabriken und Manufakturen in größerem Umfange datieren erst aus der Zeit der französischen Einwanderung. Indessen auf diesem agrarisch-feudalen Boden mit seinen verkümmerten Kleinstädten blieben sie ein künstliches Gewächs, das im Treibhause der merkantilistischen Lehren mühsam gepflegt werden mußte. Es stimmte äußerlich vortrefflich mit diesen Lehren, daß der wachsende Militärstaat nach immer mehr Geld und Menschen schrie, aber dieser Militärstaat verschlang den Zuwachs an Geld und Menschen, den das Merkantilsystem für die Belebung von Handel und Industrie forderte, für seine Kanonen und seine Rekruten. Für Handel und Industrie blieb wenig oder nichts übrig, während gerade für sie, wenn sie in dem ungünstigen Boden der ostelbischen Landschaften gedeihen sollten, viel oder alles hätte aufgewandt werden sollen. Um aber die künstliche Pflanze dennoch am Leben zu erhalten, schenkte ihr der preußische Absolutismus seine liebevolle Sorgfalt in allerlei schönen Dingen, die ihn nichts kosteten: in Monopolen und Privilegien, in Aus- und Einfuhrverboten, in Lohn- und Preistaxen, in technischen Betriebsvorschriften, kurz, in jenem verworrenen Chaos eines entarteten und seinem ursprünglichen Sinne gänzlich entfremdeten Merkantilismus, das in Mirabeau einen so beredten Ankläger gefunden hat. Er kann es nicht bitter genug tadeln, daß der König im Jahre 1766 die Einfuhr von nicht weniger als 490 Artikeln einfach verbot oder im Jahre 1774 auf die Ausfuhr der Wolle Todesstrafe setzte, aber er übersah, daß dieser besondere Merkantilismus eben die ideologische Wirtschaftsform dieses besonderen Militärstaats war und sein mußte. Friedrichs ökonomische Einsichten und Kenntnisse hätten ungleich bedeutender sein können, als sie waren, und es wäre doch nicht anders gewesen. So viel sah der König schon ein, daß die feinere Gewebeindustrie der Höhepunkt der damaligen ökonomischen Entwicklung war – sie war für das achtzehnte Jahrhundert, was die Eisen- und Kohlenindustrie für das neunzehnte Jahrhundert ist –, und er handelte im eigentlichen Geiste des Merkantilsystems, wenn er gleich nach seinem Regierungsantritt im Generaldirektorium ein eigenes Kommerzien- und Manufakturdepartement einrichtete, dem er besonders anbefahl, eine neue Industrie der seidenen Zeuge, der französischen Gold- und Silberstoffe usw. einzuführen. Aber während Frankreich und England die größten Opfer für ihre Seidenindustrie brachten, hat Friedrich während seiner ganzen Regierung nur etwa zwei Millionen Taler auf dies verzärtelte Lieblingskind gewandt.[34]

Er gab ihm wenig zu essen und zu trinken; dafür hütete er um so ängstlicher seinen dünnen Lebensfaden, indem er es in fest geschlossenen Räumen auf Schritt und Tritt gängelte. Bei dieser ihm so ans Herz gewachsenen, schließlich aber doch abgestorbenen Industrie ist es klar, daß der König nicht mehr tat, weil er nicht mehr tun wollte, sondern weil er nicht mehr tun konnte. Die Mittel fehlten ihm mehr als die Einsicht. In dem feudalen Militärstaate Preußen mußte der Merkantilismus ebenso auf die mittelalterlichen Bann- und Zwangsrechte zurückschlagen, wie er sich in dem bürgerlichen Industrielande England zum Freihandel entwickeln mußte.

Im Grunde tut die friderizianische Legende dem Könige bitteres Unrecht, wenn sie an allen zehn Fingern die bei alledem unzähligen Millionen aufzählt, die er namentlich nach dem Siebenjährigen Kriege in »landesväterlicher Fürsorge« für die Hebung der allgemeinen Wohlfahrt ausgegeben haben soll. Hätte der König wirklich die freie Verfügung über so bedeutende Mittel gehabt, wie er angeblich mit verschwenderischer Hand ausgestreut hat, so wäre seine Wirtschaftspolitik von dem Vorwurfe ungewöhnlicher Beschränktheit schwer freizusprechen. Tatsächlich hat er aber in den 23 Jahren von 1763 bis 1786 nach der Berechnung des Ministers v. Hertzberg, des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, nicht mehr als 24 399 838 Taler für jenen Zweck ausgegeben. Wir sagen: des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, denn wenngleich Hertzberg der bedeutendste und erfahrenste Minister in Friedrichs Spätzeit war, so gehörte es doch zu den unverbrüchlichen Grundsätzen des ersten Dieners des Staats, daß kein Minister eine volle Einsicht in die Lage des Staatshaushaltes gewinnen durfte. Alle Überschüsse der jährlichen Staatseinkünfte über die etatsmäßigen Ausgaben sowie gewisse Regalien und Steuern flossen in die sogenannte Dispositionskasse, die der König allein mit einigen untergeordneten Werkzeugen verwaltete. Eine ziffernmäßig genaue Übersicht der friderizianischen Finanzwirtschaft ist dadurch sehr erschwert, wenn nicht ganz unmöglich gemacht; allein die Frage, auf die es uns hier allein ankommt, die Frage nach den Aufwendungen dieses aufgeklärten Despoten für das, was seine Bewunderer seine »sozialistische Staatshilfe« nennen, läßt sich wenigstens für die Zeit nach Einführung der Regie, also für die letzten zwanzig Jahre Friedrichs, wenn nicht mit absoluter, so doch mit relativer Sicherheit beantworten.

Er selbst gibt die jährlichen Staatseinkünfte für diese Zeit auf 21 700 000 Taler an. Sie werden von keiner Seite höher, von den meisten sonst sachkundigen Urteilern wie Boyen, Krug und Riedel usw. erheblich niedriger geschätzt. Jedenfalls sind sie erst in den letzten Jahren des Königs so hoch gestiegen, der starken Akziseausfälle in den Hungerjahren 1770 und 1771, in dem Kriegsjahre 1778 nicht erst zu gedenken. Lassen wir es aber bei der von Friedrich angegebenen Ziffer für den ganzen Zeitraum bewenden! Von diesen Einkünften rechnet er 5 700 000 Taler als Überschuß, den er für den Kriegsschatz, Festungsbauten, Landesverbesserungen oder sonstige außergewöhnliche Ausgaben verwenden konnte. Diese Summe ist wieder denkbar hoch gegriffen. Denn 16 Millionen beanspruchte der regelmäßige Etat mindestens. Das Heer kostete jährlich 13 Millionen, die Hofstaatskasse, was wir heute Zivilliste nennen, erhielt 492 000, und die Regieverwaltung verschlang 800 000 Taler, so daß für die ganze übrige Staatsverwaltung nur rund 1 700 000 Taler übrigblieben, eine fast unglaublich niedrige Summe, selbst wenn man die miserable Besoldung der deutschen Beamten in gebührenden Anschlag bringt. Auf keinen Fall hat Friedrich mehr als die von ihm selbst angegebenen 5 700 000 Taler Überschuß gehabt. Dagegen ist seine Angabe, daß er davon regelmäßig 2 Millionen in den Kriegsschatz gelegt habe, nichts weniger als zweifelsfrei. Da er vor dem Jahre 1766 nicht wohl mit der Bildung eines neuen Schatzes beginnen konnte, so hätten bei seinem Tode 40 Millionen darin sein müssen; alle sonstigen Berechnungen, soweit sie auch von 55 Millionen (Krug und Riedel) bis 76 Millionen (Lombard) auseinandergehen, stimmen darin überein, daß der König einen beträchtlich größeren Schatz hinterlassen hat, als nach seiner eigenen Angabe hätte erwartet werden dürfen. Lassen wir es indessen bei seinen 2 Millionen auf das Jahr bewenden!

Dann blieben ihm jährlich noch 3 700 000 Taler für außergewöhnliche Ausgaben, auf 20 Jahre gerechnet also 74 Millionen Taler. Nun hat er in dieser Zeit rund 8 Millionen für den Bau von Festungen, für Artillerie usw. verwandt; der Bayerische Erbfolgekrieg kostete 29 Millionen; endlich zahlte Friedrich 3 Millionen Subsidien an die Kaiserin Katharina für ihre Türkenkriege. Das sind im ganzen 40 Millionen. Ferner aber hatte der König, obgleich er persönlich aller höfischen Verschwendung abgeneigt war und nach einer Versicherung seines Testaments für seine Person nie mehr als 220 000 Taler jährlich verbrauchte, doch einzelne sehr kostspielige Liebhabereien. In seinem Nachlasse fanden sich 130 mit Brillanten und andern kostbaren Steinen besetzte Dosen, die einen Gesamtwert von gegen 1½ Millionen darstellten. Viel schwerer noch fiel ins Gewicht, daß er in reichlichem Maße die Bauwut aller Despoten teilte. Die eine Tatsache, daß er gleich nach dem Kriege, mitten in dem fürchterlichsten Elend des Landes, den ebenso kostspieligen wie zwecklosen Bau des Neuen Palais in Potsdam begann, sollte ehrliche Leute schon hindern, den Mund gar zu voll zu nehmen von seiner »landesväterlichen Fürsorge«. Nach Retzow kostete dieser Bau 11 Millionen und ebensoviel seine innere Ausstattung.[35]

Nehmen wir indessen an, daß Retzow, der dem Könige nicht wohlgesinnt war, arg übertrieben hat, so gibt doch ein unterrichteter und wohlgesinnter Zeuge, ein Baumeister Friedrichs, die Summe dessen, was allein in und bei Potsdam verbaut worden ist, auf mehr als 10½ Millionen an.[36]

Es mag nun ganz unberechnet bleiben, was Friedrich für Bauten in Breslau, Königsberg, Berlin (die Bibliothek, die großen Kirchen auf dem Gendarmenmarkte, mehrere Brückenkolonnaden und anderes mehr) aufgewandt hat: Mangers 10½ und die für Dosen verausgabten 1½ Millionen ergeben weitere 12 Millionen, die von den 74 Millionen abzuziehen sind, über die Friedrich in den letzten zwanzig Jahren seiner Regierung für außergewöhnliche Ausgaben verfügt hat. Es bleiben also für Hebung des Volkswohlstandes nur 22 Millionen übrig, und um überhaupt auf Hertzbergs Ziffer zu kommen, muß man die gegen 2½ Millionen einrechnen, die Friedrich nach seiner Angabe gleich beim Friedensschlusse von Hubertusburg von den für den nächsten Feldzug bereitliegenden Geldern für die notdürftigste Wiederherstellung des Landes aufgewandt hat.

Es sei nochmals hervorgehoben, daß diese Ziffern keinen absoluten Wert haben sollen. Um ein möglichst erschöpfendes und zutreffendes Bild der friderizianischen Finanzwirtschaft zu geben, wäre bei der verwickelten Kassenführung des Königs und den höchst tendenziösen Darstellungen, die darüber veröffentlicht worden sind, ein eigenes Buch notwendig. Für unsern Zweck: nämlich festzustellen, welche Summe Friedrich günstigstenfalls für Landesverbesserungen verbraucht haben kann, war es aber erlaubt, auch mit ungewissen Ziffern zu rechnen, wenn wir unter den abweichenden Angaben immer die höchsten für seine gesamten Einkünfte und immer die niedrigsten für seine sonstigen Ausgaben einstellten. Dies haben wir durchweg getan, auch wenn wir in einem besonderen Falle es einmal nicht getan zu haben scheinen. So haben wir uns nicht entschließen können, die etatsmäßigen Heereskosten Friedrichs von den 13 Millionen, die ältere und unbefangene Schriftsteller mit großer Übereinstimmung angeben, auf die 12 100 978 Taler herabzusetzen, die ein neuerer Historiker berechnet. Indessen dieser Historiker berechnet auch den hinterlassenen Kriegsschatz des Königs auf 63 Millionen, während wir dafür nach Friedrichs Angaben nur 40 Millionen angesetzt haben. Ein leichtes Rechenexempel ergibt, daß wir somit die Gesamtausgaben für Kriegsheer und Kriegsschatz noch immer niedriger eingeschätzt haben als jener Historiker. Und so darf man denn mit aller unter den obwaltenden Umständen erreichbaren Sicherheit sagen, daß Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege für die Bevölkerung des preußischen Staates an Geschenken, Erlassen, Unterstützungen, Vergütigungen und industriellen Unternehmungen im günstigsten und leider nicht einmal wahrscheinlichen Falle die rund 24 bis 25 Millionen Taler verbraucht hat, die Hertzberg berechnet.

Die Summe selbst beträgt gerade den fünften Teil der Brandschatzungen allein in barem Gelde, die das Land im Kriege an die auswärtigen Feinde zu zahlen gehabt hatte. Das wäre nicht viel, aber es wäre immerhin etwas. Leider verdunkelt die Art, wie diese Summe auf die verschiedenen Klassen der Bevölkerung verwandt wurde, gar sehr den Schein des patriarchalischen Wohllebens, den sie etwa noch auszustrahlen scheint. Die Städte und die städtische Industrie erhielten davon wenig genug, die Bauern noch viel weniger, den Löwenanteil aber die Junker. Gegenüber den 25000 Talern, die Friedrich den westfälischen Städten nach dem Friedensschlusse zum Wiederaufbau ihrer Häuser und Straßen schenkte, oder selbst den 100 000 Talern, die Frankfurt a. O., die bedeutendste Handelsstadt der Mark, zu gleicher Zeit und zu gleichem Zwecke erhielt, scheffeln gleich ganz anders die mehr als 2½ Millionen, die allein für den Adel Pommerns und der Neumark, zweier ungefähr den sechsten Teil des Staatsgebiets umfassender Provinzen, nach dem Siebenjährigen Kriege aufgewandt wurden, teils als Geschenke zur Bezahlung seiner Schulden, teils als Meliorationskapitalien für seine Güter. Diese Kapitalien waren unkündbar, und wenn sie mit 1 bis 2 Prozent verzinst werden mußten, so waren »die Interessen« zu »Pensionen für arme Offizierswitwen und vom Adel« bestimmt. Wir gehen indes auf diese Verhältnisse nicht näher ein und verweilen lieber etwas ausführlicher bei dem, was Friedrich für die große Masse der arbeitenden Bevölkerung, nämlich für die Bauern, getan hat. Einesteils fällt damit das schärfste Licht auf Friedrichs »landesväterliche Fürsorge«, andererseits sind wir gerade über diese Frage durch eine ganz unanfechtbare Urkunde ausführlich unterrichtet.

Einer der wenigen deutschen Beamten, die Friedrichs Vertrauen bis an ihren Tod genossen, war Johann Rembert Roden. Ein guter Organisator, hatte er sich in dem Hauptquartiere des Herzogs Ferdinand von Braunschweig ausgezeichnet und war von diesem nach dem Kriege an den König empfohlen worden. Friedrich benutzte ihn vielfach bei der Wiederherstellung des Landes, übertrug ihm namentlich auch die Organisation von Westpreußen nach der ersten Teilung Polens im Jahre 1772 und machte ihn dann zum Präsidenten der Oberrechenkammer. Als solcher erhielt Roden 1774 den Auftrag, durch eine Reihe von Vorträgen den Thronfolger in die Finanzverwaltung des preußischen Staates einzuweihen, und er übergab dann zum Schlüsse seines Unterrichts dem Prinzen eine »Kurzgefaßte Nachricht von dem Finanzwesen«. Diese lehrreiche, überall aktenmäßig begründete Urkunde ist glücklicherweise schon durch den alten Preuß, der noch nicht wie die heutigen, mit dem Zutritte zu den Archiven begnadigten Forscher vom Apfel der Erkenntnis gegessen hatte, unverstümmelt ans Tageslicht gezogen worden.[37]

Sie ist nicht frei von großen Lücken, denn Roden gleitet über die Akziseverfassung mit wenigen Sätzen hinweg; das Schicksal des Geheimen Finanzrates Ursinus mußte ihm warnend vor Augen schweben. Um so ausführlicher und gründlicher handelt er von der Kontributionsverfassung, das heißt von der direkten Steuer, welche die bäuerliche Bevölkerung aufzubringen hatte, und dabei wirft er Schlaglichter auf die Lage dieser Bevölkerung, die von größtem Interesse sind.

Die Kontribution war nach der Ertragsfähigkeit der einzelnen Ländereien umgelegt, so zwar, daß sie einen bestimmten Teil dessen betrug, was der Bauer für seinen eigenen Bedarf und für den Verkauf erntete. Dieser bestimmte Teil war nicht in allen Provinzen ganz gleich bemessen; in der Mark und in Westpreußen belief er sich auf 33½, in Schlesien auf 34, in Pommern auf 42½ Prozent, in andern Landesteilen noch höher. Roden erläutert die Art dieser Steuer an einem Bauer im Dorfe Tempelhof bei Berlin, der von jeder Hufe zu 30 Magdeburgischen Morgen 8 Taler 3 Groschen Kontribution zu zahlen hatte (der Taler wurde damals zu 24 Groschen berechnet; nach heutigem Gelde betrug der Groschen also 12½ Pfennig). Nun konnte der Bauer außer dem eigenen Verbrauch aber nur 15 Scheffel von dem Ertrage der Hufe verkaufen, welche, zu 18 Groschen gerechnet, ihm 9 Taler 18 Groschen eintrugen. Nach eingehender Darlegung dieser Verhältnisse fährt Roden dann wörtlich fort:

»Der Bauer behielte also von seinem Gewinste auf einer Hufe, nach Abzug der bezahlten Kontribution, nur 1 Taler 15 Groschen übrig, wovon er seine übrigen Prästanda unmöglich leisten kann. Diese sind:

Dem Erb- oder Gerichtsherrn (ist er königlich, dem Amte, gehört er dem Edelmann, demselben) Zins und Dienste, wenigstens per Hufe 8 Tlr. – Gr. – Pf.
Dem Priester Dezem 1 Scheffel Korn à – Tlr. 18 Gr. – Pf.
Dem Küster ¾ Scheffel à. – Tlr. 12 Gr. 6 Pf.
Dem Schmied 1 Scheffel à – Tlr. 18 Gr. – Pf.
Hufen- und Giebelschoß – Tlr. 15 Gr. – Pf.
Marschfuhrengelder – Tlr. 12 Gr. – Pf.
Kriegswehr zur Magazinkasse – Tlr. 12 Gr. – Pf.
___________________
Summa. 11 Tlr. 16 Gr. 6 Pf.
Er hat nun von der Ernte übrig 1 Tlr. 15 Gr. – Pf.
fehlen ihm also 10 Tlr. 1 Gr. 6 Pf.

Ferner hat der Bauer zu prästieren die Feuersozietätsgelder, die Vorspannfuhren, die Bau- und Krepel-, auch Nachbarfuhren, die Dorfauflagen und andere Vorfälle mehr, das Gesindelohn, da er besonders Knechte wegen der vielen Hofedienste halten muß, so ihm zur größten Last gereichen: zu welchem Ende er auch mehr Pferde halten muß, weswegen die Einschränkung dieser Dienste eine vortreffliche Sache wäre.«

Wir unterbrechen hier Roden für einen Augenblick, um zu bemerken, daß unter den »andern Vorfällen mehr« sich auch noch sehr drückende Lasten befanden: so die Grasung der Kavalleriepferde auf den Wiesen der Dorfgemeinden während der Monate Juni bis September, in denen der Reiter eine brutale Herrschaft im Hause des Bauern führte; ferner für die anderen Monate des Jahres die Lieferung der Fourage, die zwar zu einem geringen Preise bezahlt, aber oft viele Meilen herangefahren und, wenn sie ohne weitere Scherereien abgenommen werden sollte, mit einem tüchtigen Überschuß zugunsten des Rittmeisters beladen sein mußte, endlich auch der schon erwähnte indirekte Beitrag der Bauern zur städtischen Akzise. Roden fährt dann fort:

»Der Bauer würde, nach diesen angeführten Umständen, nicht bestehen können, wenn er sich nicht auf eine andere Art soutenierte, z. B. daß er auf eine Hufe fast 1/3 mehr aussäet, als ihm zur Kontribution angeschlagen, daß er aus dem Viehstand Geld erwirbt und sich sonst durchzubringen sucht. Aber er muß allen Fleiß anwenden und sich kümmerlich behelfen, wenn er sich ehrlich ernähren und durchbringen will, zumal wenn er sonst nichts anderes als sein eigenes Wohnhaus und Hofgebäude, so er noch selbsten in Würden unterhalten muß, nebst dem dazugehörigen Acker im Vermögen hat. Er kann daher keine Unglücksfälle, als Mißwachs, Hagelschaden, Mäusefraß, Überschwemmungen usw., übertragen, daferne ihm nicht alsdann durch Remission unter die Arme gegriffen wird, um ihn noch in etwas zu unterhalten. In ordinären Fällen wird ihm aus der Kreiskasse geholfen, in extraordinären aber tritt der Landesherr zu und läßt die Gelder bar an den Kreis übermachen oder auch Brot- und Saatkorn in natura geben.«

Man sieht darnach, was es mit den so viel gepriesenen Steuererlassen, Geldvorschüssen, Kornlieferungen, wodurch Friedrich angeblich den Bauernstand in die Höhe gebracht haben soll, tatsächlich auf sich gehabt hat. Sie waren einzig dazu bestimmt, den Bauer, ohne den freilich weder der König noch der Junker leben konnte, auf der schmalen Grenze zwischen Hungerleben und Hungertod zu erhalten. Von hier aus fällt denn auch das richtige Licht auf die gleichfalls viel gepriesenen Kornmagazine Friedrichs, die »Blüte friderizianischer Wirtschaftspolitik«, in der er »seinem Ideale des allgemeinen Hausvaters am nächsten komme«, wie selbst ziemlich unbefangene Forscher sagen. Friedrich verbot die Ausfuhr des Getreides, um seinen Preis möglichst niedrig zu halten; in einer seiner Instruktionen an das Generaldirektorium verlangt er, daß der Preis des Scheffels Roggen immer zwischen 18 Groschen und 1 Taler festgehalten werde. Das geschah, um für sein Heer billiges Brot und für den Kriegsfall gefüllte Magazine zu haben, aber wenn er diese Magazine nun auch benutzte, um der bäuerlichen Bevölkerung Brot- und Saatkorn zu liefern, sobald ihr Hungerleben durch irgendein unglückliches Naturereignis in den Hungertod umzuschlagen drohte, so läßt sich dieser »Sozialismus« am Ende noch mit gemäßigter Hochachtung bewundern.

Man würde übrigens irren, wenn man in dem Bauern aus Tempelhof bei Berlin, den Roden schildert, den elendesten Typus des friderizianischen Bauern sehen wollte. In der Mark war der Prozentsatz der Kontribution noch am niedrigsten bemessen; wo er, wie in Friedrichs westfälischen Besitzungen, auf mehr als 50 Prozent stieg, verschlechterte sich entsprechend die Lage der bäuerlichen Bevölkerung. Roden schreibt darüber:

»Die Kontributionsprinzipia sind im Mindenschen so angelegt, daß zuvörderst die sämtlichen Ländereien, Gärten und Wiesen durch diverse vereidete Taxatoren nach dem jährlichen Ertrage abgeschätzt sind; darnach ist die Kontribution dergestalt ausgemittelt, daß von jedem Taler Ertrag jährlich an Kontribution 13 Groschen bezahlt wird. Die Hufe à 30 Morgen Magdeburgisch kommt im Durchschnitt der Totalité auf 19 Taler 5 Groschen ½ Pfennige, obgleich viel schlecht Land vorhanden: Solchergestalt hat der Landmann noch 11 Groschen pro Taler übrig. Davon soll er sich und seine Familie unterhalten, die Haushaltung führen, Gesindelohn geben, dem Erb- oder Gutsherrn sein Pacht zahlen und die übrigen Lasten tragen, so schlechterdings unmöglich wäre, wenn der Bauer sich sonst nicht durchzuhelfen suchte. Im Minden- und Ravensbergischen ist er mit Frau, Kindern und Gesinde, sobald er nur vom Ackerbau eine Zeit oder gar nur Stunden übrig hat, zumal im Herbst bei den langen Abenden und den Winter hindurch, mit Garnspinnen zu Leinwand beschäftigt, und damit sucht er sich zu ernähren; sonst müßte er davonlaufen, indem es dort viele Bauernhöfe gibt, die mehr Abgaben haben, als die Höfe auch in den besten Jahren aufbringen können.«

So der kundigste Verwaltungsbeamte des friderizianischen Staats in offiziellster Urkunde, in dem Berichte, durch den er auf Befehl des Königs den Thronfolger in das Finanzwesen der Monarchie einweihen sollte.

Wir wollen um der Gerechtigkeit willen aus Rodens Darstellung nicht unerwähnt lassen, daß Friedrich wenigstens in den beiden von ihm eroberten Provinzen, in Schlesien und Westpreußen, den Adel zur Kontribution heranzog; hier standen ihm die Junker nicht mit altererbter Macht gegenüber, und er mußte sie wegen ihrer Anhänglichkeit an Österreich und Polen scharf im Zügel halten. Aber auch auf diesem verhältnismäßig lichtesten Gebiete der friderizianischen Steuerpolitik ist ihre Tendenz nicht, wie sie selbst behauptete, Entlastung des Armen auf Kosten des Reichen, sondern Belastung des Armen zugunsten des Reichen. So zahlte in Westpreußen – unter fast durchgängigem Wegfalle der Lehnpferdegelder – der evangelische Edelmann 20, der katholische – Grundgedanke des Nathan? – 25, der Bauer aber 33½ Prozent Kontribution. Und ähnlich in Schlesien.[Anmerkung 26]

Stellt man nun aber jenen erdrückenden Belastungen der Bauern die ängstliche Sorgfalt gegenüber, womit Friedrich im allgemeinen die Steuerfreiheit des Adels beschützte, so kann man die edle Dreistigkeit jener Hofgeschichtsschreiber bewundern, die von dem »Bauernkönige« Friedrich schwatzen und die Hohenzollern durch Beschützung des kleinen Mannes groß werden lassen, so kann man den herrlichen Wert jener »Schulreform« ermessen, die nach diesem Leitmotive den Geschichtsunterricht an den deutschen Schulen klittern will. Da sollten wir »gemütvollen« und »tiefsinnigen« Deutschen uns doch nur ja vor den »leichtfertigen« und »oberflächlichen« Franzosen verkriechen! Denen konnte Marx schon im Jahre 1869 nachrühmen, daß sie der napoleonischen Legende mit allen Waffen der Forschung, der Kritik, der Satire, des Witzes den Garaus gemacht haben, und was ist die napoleonische Legende doch für ein ander Ding als die friderizianische! Der napoleonische Staat besteht in allem wesentlichen, in der Heeresverfassung, in der inneren Verwaltung, im Finanz-, Justiz-, Unterrichtswesen noch fort, wie der erste Konsul ihn im Jahre 1804 begründet hat – natürlich nicht als großer Mann, sondern als Erbe des Konvents –, und eine bürgerliche Verfassung, die drei Dynastien, drei Invasionen und selbst drei Revolutionen überstanden hat, kann denn doch eher schon zum Heroenkultus des Mannes führen, auf dessen Namen sie nun einmal getauft ist. Aber der friderizianische Staat, der bei Jena in tausend Stücke zerschmettert wurde unter der stürmischen Zustimmung der bürgerlichen und arbeitenden Klassen, die in ihm zu leben verurteilt waren, und eine feudal-militärische Verfassung, deren wüste Trümmer wie ein betäubender Alp auf allem gesunden Leben der Gegenwart lasten, dürfen sich immer noch, ja je länger je unbeschämter in einer Legende spiegeln, deren schüchterne Kritik im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte schon als Hochverrat und Majestätsverbrechen gilt.

Friedrich selbst darf natürlich dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Er ist ganz unschuldig an der kecksten Unwahrheit dieses Jahrhunderts, dem sogenannten »sozialen Königtum«, und er würde den Humbug nicht einmal verstehen, wenn er seine wohlgesinnten Geschichtsschreiber von heute lesen könnte. Was ihm als »monarchische Sozialpolitik« angerechnet wird, war einzig durch militärpolitische Gesichtspunkte bestimmt. An sich zwar gehörte es zu den Aufgaben des absoluten Königtums, die Leibeigenschaft der Bauern zu beseitigen, nicht aus Humanität, die ihm ganz fremd war und auch ganz fremd sein mußte, sondern aus fürstlichem Klasseninteresse. Die Leibeigenschaft stand wie eine Mauer zwischen dem Despoten und der Mehrheit der Bevölkerung; solange sie währte, hatte der Junker über die Bauern zu verfügen und der König höchstens insoweit, als es ihm der Junker gestattete. Wir haben gesehen, wie sich seit der Entwicklung des stehenden Heeres dieser Interessengegensatz zwischen dem Könige und dem Junkertum bildete und verschärfte; schon die beiden ersten preußischen Könige rüttelten an der Leibeigenschaft, und namentlich Friedrich Wilhelm I. erklärte, »was es denn vor eine edle Sache sei, wenn die Unterthanen statt der Leibeigenschaft sich der Freiheit rühmen«. Er war denn freilich auch wohl ehrlich genug, den Kabinettsordern, worin er den Behörden die »Konservation« der »Untertanen« empfahl, die Worte hinzuzufügen: »Damit der Landesherr seine Steuern erhalte«, was bei der höchst merkwürdigen Ausbildung der alten deutschen Sprache im neuen deutschen Reiche heute zu lesen ist: »Soziales Königtum der Hohenzollern«. Friedrich selbst spricht in seinen Schriften mit lebhaftestem Abscheu von der Leibeigenschaft als einem »barbarischen Gebrauch«, einer »abscheulichen Einrichtung«, aber er bekennt auch offen, daß es nicht in seinem guten Willen liege, damit aufzuräumen. Daraus läßt sich ihm gewiß kein Vorwurf machen. Er konnte wirklich nicht, auch wenn er wollte, die Leibeigenschaft abschaffen. Sie war die ökonomische Zelle der Gesellschaft, deren politischer Repräsentant der preußische Militärstaat war, und der »erste Diener« dieses Staats konnte ihr ebensowenig anhaben, als etwa die Zinne eines Turms auf den verwegenen Einfall geraten kann, die Mauer umzustürzen, worauf sie ruht.

Ergibt sich diese Auffassung von selbst aus der ganzen Lage, so fügt es sich glücklich, daß sie sich sogar urkundlich bestätigen läßt.

Einmal nämlich siegte der despotische Größenwahn über Friedrichs nüchternen Sinn, und am 25. Mai 1765 dekretierte er von Kolberg aus: »Sollen absolut, und ohne das geringste Raisonniren, alle Leibeigenschaften, sowohl in Königlichen, Adligen, als Stadteigentumsdörfern, von Stund an gänzlich abgeschafft werden, und alle diejenigen, so sich dagegen opponiren würden, soweit möglich mit Güte, in deren Entstehung aber mit force dahin gebracht werden, daß diese von Sr. K. M. festgesetzte Idee zum Nutzen der ganzen Provinz ins Werk gerichtet werde.« Darauf versammelten sich am 29. Juni die vorpommerschen Landstände in Demmin und richteten eine Promemoria an den König, worin sie sich halb als gekränkte Unschuld und verkannte Wohltäter der Bauern aufspielten, halb aber mit »Depeuplierung des Landes und Desertion vom Militär« drohten, »weil kein Bauer imstande ist, den Hof, das Zuchtvieh und Ackergerät zu bezahlen, keiner aber auf den Fall, es ihm umsonst zu lassen, schuldig, folglich ein jeder sich anderswohin zu begeben bedacht sein würde«. So dummdreist diese Drohung war – denn der Junker hatte gar kein Recht auf den Hof des Bauern, und was half ihm der Hof, wenn kein Bauer da war, ihn zu bewirtschaften? –, so genügte sie doch vollkommen, den König lahmzulegen. Weder Gewalt noch Recht konnten ihm helfen, denn das Heer befehligten die Junker, und in den Gerichtshöfen sprachen sie Recht. Er gab also klein bei, sosehr es sonst unter seinen Grundsätzen obenan stand, um seiner despotischen Unfehlbarkeit willen niemals einen Befehl zurückzunehmen.

So mußte sich Friedrich denn darauf beschränken, in einem fortdauernden Kleinkriege seine militärpolitischen Interessen möglichst gegenüber dem gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse zu wahren. Es gibt eine große Anzahl von Kabinettsordern, worin er diesem Ziele nachstrebt. Er kämpfte gegen das Bauernlegen, die »Abmeierung der Bauern«, und bemühte sich, den Bauern das Eigentums- und Erbrecht an ihren Schollen zu sichern. Man kann sogar anerkennen, daß er in dieser Beziehung weiter blickte als der heutige Militärstaat. Wenn dieser in erstaunlicher Seelenruhe es ruhig mit ansieht, wie in weiten Fabrikdistrikten die Masse der arbeitenden Bevölkerung verkrüppelt, so eiferte Friedrich sehr häufig gegen die gesundheitsschädlichen Mißhandlungen der Bauern durch die Junker und die Domänenpächter. Wenn der heutige Militärstaat sich hartnäckig weigert, die unmäßige Arbeitszeit durch einen gesetzlichen Normalarbeitstag zu beschränken, weil er in seiner überstiegenen Weisheit davon eine Schädigung der Industrie befürchtet, so war sich Friedrich schon im Jahre 1748 darüber klar, wie er in einer Instruktion an das Generaldirektorium sagte, daß »bei den schweren und ganz unerträglichen Diensten mehrenteils vor den Gutsherrn wenig Nutzen, vor den Bauersmann aber sein gänzlicher Verderb augenscheinlich herauskommt«. Der König verlangt deshalb eine »serieuse Untersuchung, ob nicht sowohl Amts- als auch Städte- und adlige Unterthanen von diesem dem Bauer so gar ruineusen Umstände in gewisse Maße befreiet und die Sache dergestalt eingerichtet werden könne, daß, anstatt daß der Bauer jetzo die ganze Woche hindurch dienen muß, derselbe die Woche über nicht mehr als drei oder vier Tage zu Hofe dienen dürfe. Es wird dieses zwar anfangs etwas Geschrei geben, allein da es vor dem gemeinen Mann nicht auszustehen ist, wenn er wöchentlich fünf Tage oder gar sechs Tage dienen soll, die Arbeit an sich auch bei denen elenden Umständen, worin er dadurch gesetzt wird, von ihm sehr schlecht verrichtet werden muß, so muß darunter einmal durchgegriffen werden, und werden alle vernünftigen Gutsherrn sich hoffentlich wohl accomodiren, in diese Veränderung derer Diensttage ohne Schwierigkeit zu willigen, um so mehr, da sie in der That ersehen werden, daß, wenn der Bauer sich nur erst ein wenig wieder erholt hat, er in denen wenigen Tagen ebensoviel und vielleicht noch mehr und besser arbeiten wird, als er vorhin in denen vielen Tagen gethan hat.« Eine hausbackene, aber treffliche Wahrheit, die der »geniale« Herr Bismarck bekanntlich nie begreifen konnte und die der neue Kurs im deutschen Reiche bekanntlich auch noch immer nicht begreifen zu können scheint.

Wie vernünftig nun aber diese und ähnliche Instruktionen Friedrichs nicht nur klingen, sondern auch sind, so darf man dabei doch mehrerlei nicht übersehen. Erstens daß der König nicht für den Bauer gegen den Junker, sondern gegen den Junker um den Bauer kämpft. Er wollte eine andere Verteilung des aus dem Bauern gezapften Mehrwerts, eine für ihn günstigere und deshalb für das Junkertum ungünstigere, aber wenn der Proletarier etwa seinen Lohn auf Kosten des Mehrwerts zu steigern gedachte, so war Friedrich immer auf Seite der möglichst erschöpfenden Ausbeutung. So bedrohte er in der Gesindeordnung sowohl die Empfänger als unter Umständen auch die Geber eines die Taxe überschreitenden Lohns mit Zuchthausstrafe, wogegen »es sich von selbst versteht«, daß ein unter der Taxe bleibender Lohn erlaubt ist. Und wenn gar die Bauern unruhig wurden über die »unerträglichen Dienste« und »ruineusen Umstände«, dann wußte Friedrich auch nichts anderes, als was große Männer unter solchen Umständen immer nur wissen, also was Luther im sechzehnten und Bismarck im neunzehnten Jahrhundert wußte. Als ein Jahr vor Friedrichs Tode die schlesischen Arbeiter zu murren begannen, schrieb der König an den schlesischen Provinzialminister v. Hoym: »Das mehrste zur Beruhigung der Leute wird beitragen, da sie doch im Gebirge meistens evangelisch sind, wenn die Prediger ihnen zureden und alles ordentlich erklären ... Sodann müssen auch die Schulzen, besonders da im Gebirge, scharf vigiliren, wenn sich etwa fremdes Gesindel sehen läßt, das Zusammenkünfte hält und dem gemeinen Volk allerhand Dinge in den Kopf setzt; diese müssen sie auf der Spur verfolgen und sobald sie den geringsten Unrath merken, sie sogleich bei den Ohren nehmen und an die Gerichte abliefern.« Die Order ist, wie gesagt, im Jahre 1785 erlassen. Sonst könnte man fast meinen, sie stamme aus dem Jahre 1878, wo auch erst die Religion dem Volke erhalten werden sollte und dann das Sozialistengesetz auf dem Fuße hinterdreinmarschiert kam.

Zweitens aber hat Friedrich mit jenem Kleinkriege nicht viel erreicht. Am ehesten noch etwas in den beiden eroberten Provinzen Schlesien und Westpreußen, wo der König leichteres Spiel mit den Junkern hatte. So zwang er die schlesischen Grundherren zur Wiederherstellung der bäuerlichen Hütten und Scheunen, zur Ausstattung der Bauerngüter mit Vieh und Gerät. Aber sein eigenes Interesse, die Sorgen um seine Kassen und seine Rekruten, war auch hier die Grenze, die er nicht überschritt. Zudem liegt auf der Hand, wie wenig damit gesagt, geschweige denn getan war, wenn er den schlesischen Bauern das Recht gewährte, sich über strenge körperliche Züchtigung bei den Regierungen zu beschweren, oder wenn er in Westpreußen die »polnische Sklaverei«, den »harten, polnischen Fuß« auf die »preußische Landesart« gemildert wissen wollte. Die ehrlicheren bürgerlichen Historiker machen dann auch kein Hehl aus der Erfolglosigkeit dieser Bemühungen. »Die alten Verhältnisse blieben ... Bei dem allen blieb der Landmann gebunden, scholleigen der Masse nach« (Preuß); »praktisch hat dies alles fast gar keine Frucht getragen: nicht einmal auf den Domänen, wo der Erfolg doch so leicht gewesen wäre« (Roscher). Als der König vierzehn Tage vor seinem Tode bei dem Kammerpräsidenten von Königsberg anfragte, ob »nicht alle Bauern in Meinen Ämtern aus der Leibeigenschaft« gesetzet werden können, schrieb er selbst das treffendste Urteil über seine Bauernpolitik.

Drittens und letztens aber – selbst wenn man Friedrichs angebliche Verdienste um die Bauernbefreiung so hoch schätzen wollte wie die preußischen Byzantiner, so würden diese Verdienste dennoch mehr als aufgewogen durch Friedrichs Gemeinteilungsgesetze, die Aufteilung der Gemeinweiden, die seltsamerweise auch von den besseren bürgerlichen Historikern, so von Freytag und Roscher, als eine Art sozialer Reform aufgefaßt werden, tatsächlich aber nach einem Worte von Rudolf Meyer darauf hinausliefen, daß die Gemeinweiden »meist den großen Gütern zugeschlagen und damit die kleinen Leute, wenn auch teilweise gegen Entschädigung, der freien Viehweide beraubt, teilweise proletarisiert und somit für den Gutsgesindedienst adaptiert wurden«. Dies »eifrige Wegräumen aller solchen Beschränkungen des freien Grundeigentums, die mit dem mittelalterlichen Gemeindewesen zusammenhängen«, lief in der Tat auf die Proletarisierung der bäuerlichen Bevölkerung hinaus, und wenn Roscher darin die helle Seite des »Januskopfes« sieht, den Friedrichs agrarische Sozialpolitik biete, so mag man sich nicht leicht einen zu dunklen Begriff von dessen dunkler Seite machen.[Anmerkung 27]

Unter solchen Umständen ist der Verfall des preußischen Ackerbaus unter Friedrich, den sogar die patriotischen Geschichtsschreiber anerkennen, leicht zu erklären – trotz der reichen Geldspenden, die er für die »notleidende Landwirtschaft«, will sagen die Junker, stets bei der Hand hatte, und auch trotz seiner so viel gepriesenen »Kolonisationen«. An sich waren seine Landesmeliorationen, die Verwaltung der Netze und der Warthe, die Urbarmachung des Drömlings und des Oderbruchs sowie vieler kleinerer Sumpfstrecken in Pommern, in der Mark, im Magdeburgischen gewiß der beste Teil seiner Wirtschaftspolitik, und wohl mochte der König mit berechtigtem Selbstgefühle sagen, hier habe er im Frieden eine neue Provinz erobert. Allein es ist eine tragikomische Entstellung der Sachlage, wenn dabei seine Bewunderer in seine Seele das faustische Sehnen dichten, auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen. Da klingt es viel prosaischer, ist aber viel richtiger, wenn Roden schreibt: »Sr. K. M. allergnädigste Intention gehet dahin, daß, wenn bei den Städten oder denen von Adel wüste Gründe und Brücher vorhanden, diese aber nicht im Stande wären, solche urbar zu machen, alsdann der Landesherr zutreten, solche auf Höchstdero Kosten urbar machen, Häuser bauen und solche mit Familien besetzen lassen müßte; die Revenuen blieben zwar der Stadt und dem von Adel, das Land würde aber doch dadurch immer mehr und mehr peuplieret und per indirectum profitierten doch die Königlichen Kassen und der Staat davon.« Den Hauptvorteil zog »der von Adel«, denn gegen den adligen Landbesitz war der städtische kaum zu rechnen. Mit der Ansetzung der Kolonisten hatte der König wenig Glück. Er nahm dazu nicht etwa die jüngeren Söhne der heimischen Bauern, wie schon zeitgenössische Schriftsteller rieten, sondern suchte in der einseitigen Bevölkerungspolitik seines Merkantilismus möglichst viel fremdes Volk ins Land zu ziehen. Da aber sein Despotismus im Reiche und im Auslande durchaus keines einladenden Rufes genoß, so mußte er den Einwanderern die größten Vorrechte in Sachen der bäuerlichen, militärischen und steuerlichen Lasten versprechen, ohne doch viel anderes zu bekommen als verlorenes Gesindel. Statt wirklicher Bauern kamen, wie er einmal sagt, »Perruquiers und Commedianten« oder, wie er ein andermal klagt, »Barbiere, Destillateure, Viktualienhändler, Apotheker, Köche, Kuchenbäcker, Glücksbudner«; ein drittes Mal suchte er gar die türkischen Tataren anzulocken unter dem Versprechen, ihnen Moscheen zu bauen. Über die Kolonien in Ostfriesland schreibt der alte Schlosser: »Gesindel aller Art strömte herbei, der Verfasser dieser Schrift selbst hat gesehen, wie unsicher dadurch die an sich unzugänglichen Gegenden wurden, wie des kargen Königs Geld dabei verschwendet ward und wie die Bewohner seiner kostspieligen Anlagen schon nach zwanzig Jahren durch Elend, Trägheit, Schmutz, Bettelei, Raub und Mord ein Schrecken der alten Einwohner geworden waren.«[38]

Die 300000 Kolonisten, die Friedrich angesetzt haben soll, waren also eine sehr zweifelhafte Vermehrung der Bevölkerung, und der an sich wohlgemeinte Versuch des Königs, die durch die Leibeigenschaft »faule und schläfrige Art des Landmanns durch neues Blut zu korrigieren und dem Lande ein Exempel besserer Wirtschaft zu geben«, verdient nicht ganz die Lobeshymnen der patriotischen Historiker.

Am schärfsten tritt die Kurzsichtigkeit von Friedrichs innerer Politik auf solchen Gebieten hervor, auf denen man gerade von ihm, dem Philosophen und Poeten, ein besseres Verständnis seiner Pflichten hätte erwarten sollen. Sein Vater war ein banausischer Verächter von Bildung und Wissenschaft, aber er hatte doch eine Ahnung davon, daß geistige Kenntnisse zur Hebung des Wohlstandes und damit zur Stärkung der Finanzen beitragen. Er gründete Militär- und Volksschulen; er führte die allgemeine Schulpflicht wenigstens auf dem Papier ein. Das wurde unter Friedrich anders und viel schlechter. Er kümmerte sich um die Volksschulen sehr wenig, so gut wie gar nicht, oder um das Ding beim richtigen Namen zu nennen: Er schlug sie einfach tot. Kurz vor dem Hubertusburger Frieden sandte er aus Sachsen, dem in seiner Art klassischen Lande des deutschen Schulwesens, acht Schullehrer nach Preußen, von denen vier in der Kurmark und vier in Hinterpommern angestellt wurden, aber dann verfügte der König, daß seine invaliden Soldaten die Schullehrerstellen erhalten sollten, so daß, »war der Vorgänger ein nur nicht ganz unwissender Mann, die Schüler unterrichteter waren als der in Waffen ergraute Lehrer«. Was alles den modernen Byzantinismus nicht gehindert hat, in Friedrich den »Heros der Aufklärung auf dem Gebiete des Schulwesens« zu feiern.[Anmerkung 28]

Allerdings machte der König auf diesem Gebiete keinen Unterschied zwischen seinen glücklichen Untertanen. Um die Hochschulen stand es ebenso elend wie um die Volksschulen. Man braucht nur einen Blick auf die kläglichen Etats der vier Landesuniversitäten zu werfen. Duisburg hatte 5678, Königsberg 6920, Frankfurt a. O. 12648 und Halle 18116 Taler Einkünfte. Die Besoldungen der Professoren waren jammervoll, die wissenschaftlichen Institute fast durchweg im tiefsten Verfalle.[Anmerkung 29]

Von dem einzigen Manne ersten Ranges unter den preußischen Universitätslehrern, von Kant in Königsberg, hat Friedrich nichts gewußt, wobei immerhin nicht vergessen werden darf, daß Kants epochemachendes Hauptwerk erst 1781 erschien und erst 1789, nach dem Tode Friedrichs, allgemein bekannt wurde. Dagegen würden wir von dem einzigen Universitätslehrer, dem Friedrich eine ansehnliche, ja glänzende Stellung gab, nichts mehr wissen, wenn Lessing diesem Geheimbderat Klotz in Halle als einem Kabalenmacher und Nichtswisser ersten Ranges nicht eine unerfreuliche Unsterblichkeit beschert hätte. Und dabei mußten sich die preußischen Untertanen an jenen vier verfallenen Quellen wissenschaftlicher Erkenntnis genügen lassen; nach wiederholten Verfügungen Friedrichs sollte das Studieren auf nichtpreußischen Universitäten, und wenn es nur ein Vierteljahr gedauert hatte, mit lebenslänglicher Ausschließung von allen Kirchen- und Zivilämtern, bei Adeligen sogar noch mit Einziehung des Vermögens bestraft werden.

Es gibt nur ein einziges Gebiet der inneren Verwaltung, auf dem Friedrich wirklich reformiert oder doch zu reformieren versucht hat, und es ist ein vor allem wichtiges Gebiet: nämlich die Rechtspflege. Er beseitigte gleich nach seinem Regierungsantritte die Folter; ferner hob er, wie für andere Beamte, so namentlich auch für die richterlichen, die »Infamie« des Ämterkaufs auf, obschon er an einer Besoldungssteuer festhielt; er verfügte auch, daß alle Sporteln der Gerichte nicht dem einzelnen Richter, der sie veranlaßt hatte, sondern einer gemeinsamen Kasse zufließen sollten. Ferner sorgte er für ein beschleunigtes Gerichtsverfahren mit der Maßgabe, daß gemeiniglich jeder Prozeß im Laufe eines Jahres zum rechtskräftigen Abschlusse gebracht sein müsse. Endlich wollte er auch die Unabhängigkeit der Gerichte verbürgen; er sprach sich wiederholt gegen jede Kabinettsjustiz aus. Aber freilich hatten auch hier die Dinge keineswegs jenes ideale Aussehen, das ihnen die französische Fabel von dem Müller in Sanssouci scheinbar gegeben hat. Friedrich schrieb wohl: Die Gesetze müssen sprechen und der Souverän muß schweigen, aber er handelte allzuoft nach dem umgekehrten Grundsatze. Als Philosoph sah er in der Wahrung des Rechts die stärkste Wurzel der fürstlichen Souveränität, aber als König glaubte er ebendeshalb überall eingreifen zu müssen, wo ihm die Gerichte das Recht nicht richtig zu handhaben schienen, womit dann die Kabinettsjustiz seines Vaters glücklich wiederhergestellt war.

Es liegt im Wesen des aufgeklärten Despotismus, daß der aufgeklärte Despot sich auch dann oder vielmehr dann erst recht in einem verderblichen Kreise herumbewegt, wenn er wirklich einmal einen Kulturfortschritt anbahnen will. Friedrich haßte die »Justiz nach der alten Leier«, die nach seiner triftigen Behauptung immer den reichen Leuten geholfen hatte, die halb verkäufliche, halb versimpelte Justiz seines Vaters, der die Richterstellen teils nach den Einzahlungen in die Rekrutenkasse vergab, teils nach dem Grundsatze, daß Bewerber von »Kop« der Verwaltung, »dume Teuffel« aber der Justiz überwiesen werden sollten. Friedrich empfand auch ganz richtig, daß eine herkulische Arbeit zu vollbringen, ein wahrer Augiasstall zu reinigen sei, wenn er eine »prompte und unparteiische, kurze und solide Justiz administrirt« haben wollte. Aber die Schlußfolgerung, die er daraus zog und vom Standpunkt des aufgeklärten Despotismus nicht mit Unrecht zog, daß er nämlich »sich selbst darein meliren«, daß er selbst auf dem Posten sein und jeden Augenblick dreinfahren müsse, wenn die Kabale sich einzuschleichen drohe, führte notgedrungen wiederum zu der verderblichen Kabinettsjustiz.

Man kann es dem König nicht eigentlich zum Vorwurfe machen, daß er es in erster Instanz bei der Patrimonialgerichtsbarkeit bewenden ließ, der Gerichtsbarkeit der Junker über die Bauern, bei welcher nach einem zeitgenössischen Worte »der Stock die Gelehrsamkeit ersetzte«. Denn daran konnte er aus schon entwickelten Gründen beim besten Willen nichts ändern. Aber Friedrich hat auch in den landesherrlichen Gerichten der oberen Instanzen niemals für eine unabhängige Justiz gesorgt; er hat stets den Grundsatz zurückgewiesen, daß Richter nicht durch königliche Machtsprüche, sondern nur kraft eines richterlichen Urteils abgesetzt werden könnten. So fegte Cocceji, des Königs rechte Hand in Justizsachen, einmal das ganze Kammergericht bis auf zwei Räte aus, darunter Männer, die seit Jahrzehnten unverweislich ihre Pflicht erfüllt hatten, ohne jedes Urteil, ja ohne jede Anklage, nur um die erledigten Stellen mit seinen Kreaturen zu besetzen. Friedrichs gesunder Widerwille gegen jede Justizverschleppung machte es nach und nach bei ihm zur fixen Idee, daß die Beendigung jedes Prozesses im Laufe eines Jahres der Inbegriff nicht nur einer »kurzen«, sondern auch »soliden« Justiz sei; die Prozeßordnung, die Cocceji entwerfen mußte, nennt sich schon in ihrem Titel »das Projekt des Codicis Fridericiani Marchici, nach welchem alle Prozesse in einem Jahr durch alle Instanzen zu Ende gebracht werden sollen und müssen«. Um dieses Ziel zu erreichen, umging Friedrich die ordentlichen Gerichte und setzte Immediat-Kommissionen ein; »mit wahrem Vergnügen« stellt er in einer Kabinettsorder vom 11. Mai 1747 fest, daß eine solche Kommission unter Coccejis Vorsitz binnen Jahresfrist am Hofgericht in Stettin 1600 und am Hofgericht in Köslin 720 Prozesse »abgetan« hat. Wie es bei dieser summarischen Justiz herging, sagt erschöpfend das lakonische Wort des Justizministers Jarriges: »Marsch! was fällt, das fällt.« Nicht ohne Grund sah Friedrich eine Ursache der Prozeßverschleppung in der damaligen Advokatur, die von seinem Vater grausam verfolgt worden war und infolgedessen zweifelhafte Subjekte reichlich genug in ihren Reihen hatte. Aber es trug gewiß nicht zur Hebung dieses Berufs bei, daß Friedrich neben mancher verständigeren Anordnung als Hauptmittel der Besserung die Kassation fortdauernd über dem Haupte jedes Advokaten schweben ließ; fehlten andere Gründe, so wurden des abschreckenden Beispiels wegen von Zeit zu Zeit einige beseitigt. So im Jahre 1775 ihrer sieben.

Der König hielt sich für den obersten Richter, der nur wegen der praktischen Unmöglichkeit, jeden einzelnen Rechtsfall selbst zu entscheiden, einen Teil seiner richterlichen Gewalt auf andere übertragen habe, und in seinem königlichen Willen sah er die Quelle, welche die dürre Heide des geschriebenen und überlieferten Rechts gewissermaßen erst befruchtete. Vor allem auf dem Gebiete des Kriminalrechts suchte er diese Auffassung, soweit als nur immer möglich war, praktisch durchzuführen. In allen wichtigeren Fällen mußten die Erkenntnisse durch landesherrliche Gerichte gefällt und, wenn es sich um bedeutendere Strafen handelte, vom Landesherrn bestätigt werden. Sträflinge durften auf den Festungen nur auf Grund einer königlichen Order angenommen werden. Friedrich ließ hieran nie etwas ändern; er glaubte so die Untertanen am besten vor Unterdrückung gesichert; er wollte sich auch wohl vorbehalten, die scheußlichen Strafen der Karolina, die noch immer das preußische Strafrecht war, zu mildern. Aber der Justizminister v. Arnim, der als Chef des Kriminaldepartements die genaueste Sachkenntnis gewonnen hatte und übrigens den König lebhaft bewunderte, hat gleich nach dessen Tode in einer ausführlichen Schrift dargetan, wie wenig auf diesem Wege erreicht wurde. Indem der König sich an keine Grundsätze binden wollte, verfiel er in Launen, und gemeiniglich verschlimmerte er das Übel, das er beseitigen wollte.

Sogleich bei seiner berühmtesten Justizreform: der Aufhebung der Folter. Die Tortur war nicht in dem Sinne eine sinn- und zwecklose Grausamkeit, daß sie von bösen oder dummen Menschen erfunden worden war und von einsichtigen oder guten Menschen einfach aufgehoben zu werden brauchte. Sie bildete vielmehr die Spitze des damaligen Kriminalprozesses, der die gesetzliche Strafe nicht ohne Eingeständnis des Angeklagten verhängen durfte und deshalb die Folter anwenden mußte, um einem nach der Überzeugung des Gerichtshofes sonst überführten Verbrecher auch das zur Verurteilung notwendige Geständnis zu entreißen. Deshalb hatte selbst Thomasius die Tortur nicht unbedingt zu verwerfen gewagt, und wenn Friedrich wirklich mit der barbarischen Gewohnheit brechen wollte, so mußte er eben den Kriminalprozeß gesetzlich reformieren. Aber daran dachte er nicht im entferntesten; er entschied von Fall zu Fall, sicher, daß er in jedem Falle das Rechte treffen werde. Ein aufsehenerregender Fall, in dem die Unschuld des Angeklagten gerade noch entdeckt wurde, als er schon auf die Folter gebracht werden sollte, veranlaßte ihn zur Anweisung an die Gerichte, nicht mehr auf Tortur zu erkennen. Dann aber verfügte der König in einem anderen Falle, in dem die Verurteilung eines zweifellos schuldigen Verbrechers an dessen Leugnen zu scheitern drohte, das mangelnde Geständnis durch – Prügel zu erzwingen. Damit war denn die Tortur in einer neuen und gefährlicheren Form wiederhergestellt. Sie hatte früher nur auf Grund eines förmlichen Erkenntnisses landesherrlicher Gerichte angewandt werden dürfen, während nunmehr jedem Untersuchungsrichter gestattet war, nach Herzenslust zu prügeln; »die Inquirenten bedurften dazu keiner höhern Ermächtigung und wandten das erwünschte Mittel so energisch an, daß man bald einige eklatante Justizmorde zu beklagen hatte«.[39]

Mit dem Willen des Königs als höchstem Gesetz hat es seine eigentümliche Bewandtnis. Entweder rüttelt er in eitlem Fürwitz an dem organischen Zusammenhange der historischen Entwicklung, und dann scheitert er oder zerstört, wo er schaffen möchte. Oder aber er begnügt sich mit dem Spielraume, den jeweilig die fürstliche Klasse hat, und dann erweist er sich keineswegs als Kind einer überirdischen Weisheit, sondern als das sehr irdische Erzeugnis von Klasseninteressen. Wer daran zweifelt, daß die geistigen Lebensformen durch die materiellen Lebensverhältnisse bestimmt werden, mag nur einmal Friedrichs Strafrechtspflege studieren; das Beispiel ist um so beweiskräftiger, als es dem Könige mit seiner Justizreform bitterer Ernst war, als er auf keinem Gebiete so kräftig wie auf diesem seine philosophischen Anschauungen in seinem fürstlichen Handwerke zu verwirklichen strebte. Sein Moral- und Strafkodex in Sachen der sogenannten fleischlichen Verbrechen spiegelt mit fast grotesker Schärfe seine Bevölkerungspolitik wider. Er verbot die Kirchenbuße gefallener Mädchen und untersagte jedem, ihnen wegen ihres Fehltritts Vorwürfe zu machen. Er gestattete zwar, daß, wenn einer in puncto sexti sich vergangen hatte, zwei Prediger ihm den begangenen Fehler zu Gemüte führen könnten, aber er fügte hinzu, »ohne zu poltern oder zu schelten«, und keiner der Geistlichen dürfe davon etwas verlauten lassen bei Strafe der Kassation; es müsse alles wie in der Beichte gesprochen angesehen werden. Er begnadigte gänzlich in Fällen von Blutschande, die dennoch vor die Gerichte gelangt waren, oder, was noch bezeichnender ist, als sich ein Ehemann bei Lebzeiten der Ehefrau mit der Tochter vergangen hatte, lehnte er die Begnadigung mit der Begründung ab: »Das ist zu gropf.« Er gewann dadurch überhaupt eine so weitherzige Ansicht von den fleischlichen Verbrechen, daß er das über einen Kavalleristen wegen Sodomiterei gefällte Todesurteil mit der klassischen Randschrift kassierte: »Der Kerl ist ein Schwein; er soll zur Infanterie.« Er beseitigte die Todesstrafe, die auf Abtreibung der Leibesfrucht gesetzt war, damit die Mutter durch spätere Fortpflanzung ihr Verbrechen wieder gutmachen könne. Er ließ die Bigamie nicht nur ungestraft, sondern erkannte sie rechtlich an, wie beispielsweise beim General Favrat. Friedrich selbst hatte bekanntlich schon an einer Frau zuviel, und es wäre lächerlich, seine juridische und moralische Weitherzigkeit in geschlechtlichen Dingen einer persönlichen Lasterhaftigkeit zuzurechnen.[Anmerkung 30]

In schroffem Gegensatze zu dieser Weitherzigkeit und doch in vollkommenem Einklänge mit ihr stand die barbarische Grausamkeit der friderizianischen Rechtspflege, soweit es sich nicht um die Lieferung, sondern um die Trainierung des Menschenmaterials für despotische Zwecke handelte. Bei militärischen und politischen Verbrechen, mochten sie auch nur »Verbrechen« nach der damaligen Staatsräson sein, schreckte Friedrich vor keiner noch so brutalen Verletzung der Rechtsformen, vor keiner noch so entsetzlichen Strafe zurück. Da betrachtete er sich als unbeschränkten Herrn über Freiheit und Leben seiner Untertanen; da verhängte er Freiheits- und Lebensstrafen, wenn es ihm paßte, aus eigener Machtvollkommenheit und verschärfte ins Ungeheuerliche die richterlichen Urteile, die seiner Bestätigung bedurften. Er schlug es rundweg ab, wenn ihn einmal ein Oberst bei stark mildernden Umständen eines einzelnen Falles um eine Milderung der blutigen Kriegsartikel bat; er ließ den Geheimrat Ferber ohne Urteil und Recht wegen Verbreitung angeblich landesverräterischer Nachrichten in Spandau enthaupten und seinen Kopf auf einen Pfahl stecken. Namentlich mit den wachsenden Jahren des Königs nahm seine Kabinettsjustiz sehr überhand. Um ihr einigermaßen zu steuern, vermied das Kammergericht nach Möglichkeit, auf Festungsstrafe zu erkennen; in einem Falle konnte es einen offenbaren Justizmord, auf den es nach Befehl des Königs erkennen sollte, nur dadurch hindern, daß es die Erledigung des Verfahrens bis über den Tod Friedrichs verschleppte.

In der Sache des Müllers Arnold, dem bekanntesten Falle der friderizianischen Kabinettsjustiz, spielten verschiedene Gesichtspunkte durcheinander. Eine Justiz, die das Recht des Bauern rücksichtslos gegen den Junker zu wahren schien, war ein treffliches Anziehungsmittel für bäuerliche Ansiedler aus der Fremde, und sie war auch ein derber Denkzettel für die gar zu patriarchalische Gerichtsbarkeit der Junker. Aber Friedrich wurde dabei doch in sehr empfindlicher Weise an die Grenzen seiner Macht erinnert. Er bog das Recht, um in einem einzelnen Falle einem einzelnen Bauern zu helfen, aber als nunmehr Schwärme von Bauern das Schloß umlagerten und zu den Fenstern des Königs gerichtliche Urteile emporhoben, durch die sie viel schlimmeres Unrecht erfahren haben wollten als der Müller Arnold, da konnte er ihnen nicht helfen. Dazu wirkte noch ein militärpolitischer Gesichtspunkt in dieser berühmten Affäre mit. Der Müller Arnold hatte seine Beschwerden auf militärischem Wege zu den Ohren des Königs zu bringen gewußt, und Friedrich hatte irgendeinen unwissenden Kriegsknecht von Obersten mit der Untersuchung der Angelegenheit betraut. Auf dessen Bericht hin kassierte er die Richter des Kammergerichts, die gegen den Müller entschieden hatten, in schimpflichster Weise und schrieb an den Minister v. Zedlitz, der sich weigerte, dem Gewaltakte hilfreiche Hand zu leisten: »Das Federzeug verstehet nichts. Wenn Soldaten etwas untersuchen und dazu Order kriegen, so gehen sie den geraden Weg und auf den Grund der Sache. Allein ihr könnt das nur gewiß sein, daß ich einem ehrlichen Offizier, der Ehre im Leibe hat, mehr glaube als allen euren Advokaten und Richtern.«[Anmerkung 31]

So haben wir denn den aufgeklärten Despotismus Friedrichs nach seinem innern Zusammenhange, seinen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in großen Umrissen geschildert. Ließ sich dabei eine gewisse Ausführlichkeit nicht vermeiden, so können wir uns über die Moral von der Geschichte um so kürzer fassen. Es hieße Wasser in die Spree tragen, wenn wir noch nachweisen wollten, daß dieser aufgeklärte Despotismus mit dem Zeitalter der deutschen Humanität, dem Lessing die erste Bahn brach, schlechterdings gar nichts zu tun hat. An einem Dornstrauche können keine Feigen wachsen.

Es bleibt noch übrig, die Diplomatie und die Kriegführung Friedrichs auf den gleichen Gesichtspunkt zu untersuchen.

VIII. Friedrichs Diplomatie und Kriegführung

Die auswärtige Politik des preußischen Militärstaats war durch seine Lebensbedingungen gegeben. Er konnte dauernd nicht bestehen, solange er sich, von ein paar Landparzellen am Rhein abgesehen, einzig auf die voneinander getrennten Landschaften Brandenburg und Ostpreußen stützte, von denen Ostpreußen zudem noch unter polnischer Lehnshoheit stand. Diese abzuschütteln, sich zwischen Polen und Schweden eine unabhängige Stellung zu sichern und den Zankapfel beider Mächte, die Herrschaft über die Ostsee, selbst an sich zu reißen, durch die Erwerbung der anderen ostelbischen Kolonisationen, namentlich Pommerns und Schlesiens, mit deren Besitze das ganze handelspolitische Gebiet der Oder unter preußische Hoheit kam, ein ökonomisch und politisch abgerundetes Gemeinwesen herzustellen – das war zunächst die auswärtige Politik des preußischen Militärstaats, die von selbst gegeben war und sich gewissermaßen auch von selbst durchsetzte. Die größere oder geringere »Genialität« der einzelnen Fürsten hatte dabei nur insofern mitzusprechen, als sie ihnen eine größere oder geringere Einsicht in den notwendigen Gang der Dinge ermöglichte und somit die Wahl gewährte, sich nach dem lateinischen Worte von den Geschicken leiten oder schleppen zu lassen.

Wir haben gesehen, daß schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm den Plan zur Erwerbung Schlesiens entworfen und das Erlöschen des habsburgischen Mannesstammes als den Zeitpunkt angegeben hatte, wo diese Eroberung ins Werk zu setzen sei. Er selbst erwarb zunächst die Souveränität des Herzogtums Preußen, auf welche sein Nachfolger, Friedrich I., dann die Königswürde gründete. Für diesen Zweck warf sich der Kurfürst in den polnisch-schwedischen Kriegen um die Ostsee bald auf die eine, bald auf die andere Seite, mit einer Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel, die sogar den brandenburgischen Hofgeschichtsschreibern ein leises Schaudern einflößt. Es gelang dem Kurfürsten ferner, den größeren, aber hafenarmen Teil von Pommern an sich zu bringen; dagegen blieben Vorpommern und Stettin in den Händen der Schweden. Zweimal glaubte der Kurfürst auch diesen Teil von Pommern in der Hand zu haben; zweimal, im Westfälischen Frieden und im Frieden von St. Germain, mußte er zu seinem bittersten Verdrusse darauf verzichten. Schon im Jahre 1646 erklärte er, von der Oder könne und werde er ohne den Ruin seines Hauses nicht abstehen, und er kämpfte Schritt um Schritt um die Odermündungen. Aber wie er, so wußten auch seine Gegner, wessen der brandenburgisch-preußische Staat bedurfte. So unanfechtbar die Erbansprüche des Kurfürsten auf das ganze Pommern waren: Frankreich, Österreich, Schweden widersetzten sich ihnen gleichmäßig. Ehe sie dem Kurfürsten einen beherrschenden Platz an der Ostsee einräumten, stopften sie ihm lieber den Mund durch die Bistümer Kammin, Halberstadt, Minden und die Anwartschaft auf das Erzbistum Magdeburg, das heißt durch einen Besitz, der sowohl an Umfang wie an Kultur dem vorenthaltenen Teile von Pommern weit überlegen war.[40]

Gleichwohl unterzeichnete der Kurfürst den westfälischen Friedensvertrag mit dem Stoßseufzer, daß er wünschte, nie schreiben gelernt zu haben. Erst seinem Enkel, dem Könige Friedrich Wilhelm I., gelang es, aus dem Schiffbruche des schwedischen Karl XII. Stettin und die Odermündungen sowie ein Stück von Vorpommern zu erwerben.

Der habsburgische Mannesstamm erlosch im Jahre 1740, wenige Monate nachdem Friedrich II. die Regierung angetreten hatte. Es war nun weder ein genialer Gedanke noch eine revolutionäre Insurrektion, sondern einfach die unverbrüchliche Politik des preußischen Militärstaats, die den König veranlaßte, sofort in Schlesien einzufallen, sogar noch ehe Maria Theresia seine Vorschläge zu einer friedlichen Einigung über die brandenburgischen Erbansprüche auf einzelne Teile dieser Landschaft abgelehnt hatte. Von diesen Erbansprüchen spricht Friedrich verständigerweise immer mit Ironie; er wollte einzig eine niemals wiederkehrende Gelegenheit benützen, um den preußischen Staat so abzurunden, daß sein Heer mit der wachsenden Militärmacht der großen Staaten einigermaßen Schritt halten konnte. Er wußte sehr gut, daß seine Erbansprüche in Wien nicht imponieren würden, und er machte sie allein aus taktischen Gründen geltend, teils um seiner Eroberungspolitik einen »rechtlichen« Anstrich zu geben, teils um den Bedenken des Marschalls Schwerin und des Ministers Podewils gerecht zu werden; deshalb sind auch nicht viele Worte darüber zu verlieren, daß er Schlesien besetzte, noch ehe er eine endgültige Absage aus Wien empfangen hatte. Aber freilich sind diese »friedlichen« Verhandlungen ein schlagender Beweis mehr gegen die revolutionäre Insurrektion; wäre Maria Theresia auf Friedrichs Angebote (Unterstützung durch Geld und Waffen gegen ihre sonstigen Feinde und die brandenburgische Kurstimme für die Wahl ihres Gemahls zum römischen Kaiser) eingegangen und hätte sie dafür auch nur Niederschlesien abgetreten, so würde Friedrich die »habsburgische Fremdherrschaft« und wie die schönen Schlagworte von heute sonst noch lauten, nach Kräften gestützt haben. Abgewiesen in Wien, mußte er sich zum Kriege entschließen, der nun aber auch weder eine »revolutionäre Insurrektion« noch eine »patriotische Reichsreform« werden konnte. Denn wenn das habsburgische Kaisertum von Papstes Gnaden ein Schatten war, so stellte das wittelsbachische Kaisertum von Frankreichs Gnaden, dessen Banner Friedrich nunmehr angeblich trug, höchstens eines Schattens Schatten dar. Dagegen war das Bündnis mit Frankreich gegen das habsburgische Kaisertum altbrandenburgische Hauspolitik; hatte doch Kurfürst Joachim I. 1519 dem französischen Könige Franz I., Kurfürst Friedrich Wilhelm 1679 dem französischen Könige Ludwig XIV. die deutsche Krone vertragsmäßig versprochen.[41]

Zu alledem kommt noch die merkwürdige Tatsache, daß nicht eigentlich Friedrich Schlesien eroberte, sondern sein Vater, jener kaiser- und reichsfromme Fürst, der lange Jahre zum Gespötte von ganz Europa durch den kaiserlichen Gesandten Seckendorff am Gängelbande geführt worden war. Aus der von ihm sehr ungeschickt eingeleiteten Schlacht bei Mollwitz floh Friedrich verzagt und vorzeitig nach einigen erfolgreichen Angriffen der österreichischen auf die preußische Reiterei, aber das preußische, von Friedrich Wilhelm I. und dem Fürsten von Dessau gedrillte Fußvolk stand wie eine Mauer und entschied ohne sonderlichen Einfluß einer höheren Führung den Sieg. Ebenso unglücklich war Friedrichs erstes Auftreten als Diplomat. In dem Vertrage von Kleinschnellendorf verriet er seinen französischen Bundesgenossen an Österreich, gestattete er dem österreichischen Heere, »um die Schlüssel einer einzigen, im Grunde nicht widerstandsfähigen Festung«[42] sich auf seine französischen Verbündeten zu stürzen, die ihm, wie er selbst in seinen Denkwürdigkeiten bekennt, keinen Anlaß zu einem Bruche gegeben hatten. Über die Moral der Sache sind wieder nicht viele Worte zu verlieren; Frankreich und Preußen hatten das gleiche Interesse, Österreich zu schwächen, aber nur so weit, daß der eigene Bundesgenosse dadurch nicht zu stark wurde; es ist schwer zu sagen, ob Friedrich die Franzosen öfter in die Patsche gebracht hat oder sie ihn, wie denn das Gezeter der Zeitgenossen über Friedrichs »Treulosigkeit« gemeiniglich nicht sittliche Entrüstung, sondern nur der Schmerzensschrei eines geprellten Schelms war, über den anderthalb Schelme gekommen waren. Friedrich kannte schon Goethes geflügeltes Wort; er umschreibt es in einem Briefe an Podewils mit dem Satze: »Wenn düpiert werden muß, so seien wir denn Schelme (fourbes).« Aber der Vertrag von Kleinschnellendorf war eine Schelmerei, bei welcher Friedrich düpiert wurde, während er düpieren wollte, und ein Diplomat kann kein schlechteres Geschäft machen, als wenn er einen Bundesgenossen verrät, mit kaum nennenswertem Gewinne für sich, aber mit dem größten Gewinne für den gemeinsamen Gegner. Damals erwarb sich Friedrich den durch seine spätere Diplomatie nicht mehr gerechtfertigten Vorwurf, daß er den kleinsten Gewinn des Augenblicks den größten Vorteilen der Zukunft vorziehe. Eher schon erklärte sich die zweite Preisgabe seiner Bundesgenossen, als Friedrich den Sonderfrieden von Breslau schloß, worin ihm Maria Theresia, namentlich auf Betrieb der englischen Diplomatie, Schlesien abtrat, um den gefährlichsten Feind zunächst loszuwerden und gegenüber ihren sonstigen Gegnern freiere Hand zu bekommen, das heißt also: mit stillen Vorbehalten für die Zukunft.

Diese Vorbehalte lagen so sehr in der Luft, daß es sich abermals leicht erklärt, wenn Friedrich 1744, als im währenden Österreichischen Erbfolgekriege die Erfolge Maria Theresias gegenüber Frankreich und dem wittelsbachischen Schattenkaiser gar hoch gestiegen waren, ein neues Bündnis mit Frankreich schloß und als deutscher Reichsstand seine »Hilfsvölker« dem in seiner Ehre und Würde schwer verletzten Kaiser zuführte. Nur verfiel er auch diesmal einem schweren diplomatischen Fehler, indem er sich im geheimen ein gutes Stück von dem Königreich Böhmen, das er für den Kaiser zu erobern gedachte, für den preußischen Staat ausbedang. Das Geheimnis wurde bald ruchbar und stellte den König moralisch-politisch bloß um einer ganz illusionären Aussicht willen. Hier lag einer der Fälle vor, in denen sich Friedrich in der Tat über seine Machtmittel getäuscht hat. Denn so leicht sich Schlesien bei seiner geographischen Lage und seinen ökonomischen Lebensbedingungen dem preußischen Staate einverleiben ließ, so unlösbar war diese Aufgabe auch nur für einen Teil von Böhmen. Mit der Eroberung dieses Königreichs machte Friedrich denn auch sehr bittere Erfahrungen. Diesmal ließen seine französischen Bundesgenossen ihn im Stich, und der alte Marschall Traun, den Friedrich dann selbst stets mit erfreulicher Ehrlichkeit als seinen Lehrer in der Kriegskunst gepriesen hat, manövrierte ihn unter nahezu völliger Auflösung des preußischen Heeres über die schlesische Grenze zurück. Der Winter von 1744 bis 1745 war eine überaus schwere Zeit für Friedrich; wie er in ihr nach dem Zeugnisse der fremden Gesandten äußerlich zum Manne reifte, so machte er sich innerlich von allen Illusionen frei, mit denen ihn auf dem Gebiete der auswärtigen Politik bisweilen wohl Ehrgeiz, Ruhmbegierde oder, wie er sich gelegentlich ausdrückte, ein »geheimer Instinkt« genarrt hatten. Obgleich er im Jahre 1745 in einer ganzen Reihe von Schlachten und Treffen (Hohenfriedberg, Soor, Katholisch-Hennersdorf, Kesselsdorf) die Österreicher und die Sachsen mit seinem wiederhergestellten Heere schlug, so erbot er sich am Jahresschlusse doch, unter schmerzlichem Erstaunen Frankreichs, unter anfangs ungläubigem, dann freudigem Erstaunen Österreichs, zu einem zweiten Sonderfrieden, wofern ihm der Besitz Schlesiens bestätigt würde. Und nach Erfüllung dieser Bedingung kehrte er in seine Staaten zurück, entschlossen, sein Lebtag »keine Katze mehr anzugreifen«.

Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß es dem Könige voller Ernst mit diesem Entschlusse war. Zwar ist, als elf Jahre später der Siebenjährige Krieg ausbrach, sofort der Vorwurf gegen ihn erhoben worden, daß er in ehrgeiziger und mutwilliger Absicht wieder zu den Waffen gegriffen habe, und diese Anklage scheint um so schwerer ins Gewicht zu fallen, als sie zuerst von Friedrichs eigenen Brüdern erhoben wurde und unter der Mehrzahl seiner Generale und Minister heimliche Zustimmung fand. Auch erscheint sein plötzlicher Überfall Sachsens und die rücksichtslose Knebelung dieses Landes als ein ruchloser Landfriedensbruch. Allein der König entschloß sich zu dem Gewaltschritt höchst ungern und erst unter dem unerbittlichen Zwange der Umstände. Durch den Verrat österreichischer und sächsischer Beamten war er seit mehreren Jahren urkundlich auf dem laufenden erhalten worden über Verhandlungen zwischen Österreich, Sachsen und Rußland, die dahin abzielten, ihn zu überfallen und die aufstrebende Macht des preußischen Staats zu brechen. Die Tatsache dieser Verhandlungen ist und war schon damals unbestreitbar, aber die preußischen Prinzen meinten, das alles hätte noch gar sehr in der Luft geschwebt und wäre ohne das unzeitige Losbrechen des Königs möglicherweise in leeren Dunst zerflossen. Möglicherweise allerdings, und dieser Möglichkeit trug Friedrich auch alle Rechnung, indem er die österreichisch-sächsisch-russischen Verhandlungen jahrelang mit gespannter Aufmerksamkeit, aber sonst in unbeweglicher Ruhe verfolgte. Indessen es gab auch die entgegengesetzte Möglichkeit, die Friedrich nicht zur Gewißheit werden lassen durfte, wenn er nicht in die furchtbarste Pressung geraten wollte. Und diese Möglichkeit wuchs zur Gewißheit heran, als der ökonomische Interessengegensatz Englands und Frankreichs in den nordamerikanischen Kolonien in offenen Krieg ausbrach und damit auch ein Krieg im Innern Deutschlands entschieden war, denn ein Angriff Frankreichs auf Hannover als die wundeste Stelle Englands verstand sich von selbst. Das französisch-preußische Bündnis lief im Juni 1756 ab, und Friedrichs Versuche, es zu erneuern, waren gescheitert. Nicht wegen der freundlichen Gesinnung, die Maria Theresia, und wegen der unfreundlichen Gesinnung, die Friedrich der Pompadour bezeigt hatten, denn dergleichen Dinge spielten selbst in dem absolutistischen Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts für die großen politischen Entscheidungen höchstens in ganz nebensächlicher Weise, oder, wie es in der Sprache der Gerichte heißt, als »adminikulierendes Beiwerk« mit.[Anmerkung 32]

Sondern beide Teile hatten bei dem Bündnisse ihre Rechnung nicht gefunden, und wenn die am französischen Hofe immer noch mächtige Partei, die getreu den Überlieferungen Richelieus und .Mazarins in der deutschen Zerrissenheit eine Quelle der französischen Macht sah und somit an dem preußischen, gegen das habsburgische Kaisertum gerichteten Bündnisse festhalten wollte, nochmals die Sendung eines Unterhändlers nach Berlin durchsetzte, so hatte dieser, ein Herzog von Nivernois, doch so viel zu verlangen und so wenig zu bieten, daß Friedrich sich unmöglich auf den Handel einlassen konnte. Der Herzog bot beispielsweise für die preußische Waffenhilfe in dem drohenden Kriege mit England die Insel Tobago, worauf Friedrich mit berechtigtem Spotte erwiderte: »Die Insel Tobago? Sie meinen wohl die Insel Barataria, für die ich aber nicht den Sancho Pansa machen kann.« Damals kannte nämlich die preußische Politik noch nicht jene großmäuligen Fanfaronaden des Herrn Bismarck, wonach das Flaggenhissen auf irgendeinem tropischen Sand- oder Sumpfflecken stets eine nationale Großtat ist.

Genug: Um nicht einer völligen Isolierung zu verfallen, schloß Friedrich am 16. Januar 1756 mit England die Neutralitätskonvention von Westminster ab, eine gegenseitige Übereinkunft, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Als Gegenschlag folgte am 1. Mai desselben Jahres das französisch-österreichische Schutzbündnis, und Österreich begann mit großen Rüstungen. Nunmehr richtete Friedrich zweimal eine diplomatische Anfrage nach Wien, einmal nach dem Zwecke dieser Rüstungen und dann darnach, ob er für dies und das folgende Jahr vor jedem österreichischen Angriffe sicher sei. Beide Male erhielt er ausweichende, nichtssagende, ja geradezu höhnische Antworten, und jetzt durfte er bei dem eigentümlichen Wesen des preußischen Militärstaats keinen Augenblick länger zögern. Nach einem treffenden Vergleiche von Carlyle besaß er ein ungleich kürzeres Schwert als Frankreich und Österreich, aber er brachte es dreimal so schnell aus der Scheide wie diese Großmächte, und er konnte schlechterdings nicht warten, bis dieser sein gewichtiger, aber auch einziger Vorzug vor seinen ihm sonst in jedem Betrachte überlegenen Gegnern illusorisch geworden war. Von seinem und seines Staates Interessenstandpunkte aus, und der ist doch für seine subjektive Beurteilung entscheidend, könnte man eher sagen, daß er schon zu lange gezögert hatte und daß er sich mindestens die zweite Anfrage nach Wien hätte sparen können. Vielleicht hätte er es auch getan, wenn ihm am Beginn des Feldzugs zu einer möglichst späten Jahreszeit nicht auch aus dem gewichtigen Grunde gelegen gewesen wäre, kein französisches Heer mehr in diesem Jahre auf deutschem Boden erscheinen zu sehen. Jedenfalls entstand seinem Plane, durch schnelle Schläge die gefährlichsten und nächsten Gegner, die Sachsen und Österreicher, so weit zu betäuben, daß sie sich gern zu dauerndem Frieden entschlössen, dadurch das erste Hindernis, daß Sachsen noch im letzten Augenblicke seine Truppen in das Felsenlager von Pirna zusammenziehen konnte.

Ein preußischer Eroberungskrieg war der Siebenjährige Krieg somit nicht, aber was war er dann? Die bürgerlich-preußischen Geschichtsschreiber antworten: eine Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges, ein Religionskrieg, die endgültige Rettung der deutschen Geistesfreiheit, die erste Begründung des deutschen Nationalstaats und wie die herrlichen Schlagworte alle lauten. Lassen wir die Tiraden ohne jeden greifbaren Inhalt beiseite und halten wir uns an den Religionskrieg, bei dem sich ungefähr etwas denken läßt. Es scheint ja auch auf flacher Hand zu liegen. Nach der Gruppierung der Mächte im Österreichischen Erbfolgekriege und den ersten Schlesischen Kriegen: Frankreich-Preußen hier, England-Österreich dort; nach diesen »weltlichen« Kriegen, in denen die Konfessionen bunt gemischt sind, nunmehr der »Religionskrieg«, der die Konfessionen streng scheidet: die katholischen Mächte Frankreich und Österreich mit dem segnenden Papste im Hintergrunde gegen die protestantischen Mächte England und Preußen; dort Finsternis, Mittelalter, Geistesknechtschaft, hier Licht, Zukunft, Geistesfreiheit; dort romanische Entartung oder slawische Barbarei, hier Zivilisation unter dem Zeichen des Germanentums. Schade nur, daß der Krieg nicht entstand aus einem Glaubens-, sondern aus einem Handelsgegensatze zwischen England und Frankreich; schade nur, daß er endete mit der politischen Hegemonie eines wirklichen Barbarenstaats über den einen der Freiheits- und Lichtkämpfer, und zwar einer Hegemonie, die der andere der Freiheits- und Lichtkämpfer wieder aus – handelspolitischen Rücksichten verschuldet hat.

Im Vertrage von Westminster, welcher der schon erwähnten Neutralitätskonvention ein Jahr später folgte, hatte England neben der Zahlung von Subsidien an Preußen versprochen, eine Flotte in die Ostsee zu senden, acht Linienschiffe und mehrere Fregatten und wenn nötig auch noch mehr Fahrzeuge. Die Bestimmung war klar und unzweideutig, ebenso ihr Zweck; die englische Flotte in der Ostsee hätte Ostpreußen und Pommern für Friedrich erhalten; sie hätte vor allem durch Sperrung der russischen Häfen, durch Vernichtung des russischen Handels diesem Barbarenstaate die Einmischung in die europäischen Händel verleidet. England hat aber nie daran gedacht, auch nur ein bewaffnetes Boot in die Ostsee zu senden; ja, es beließ sogar während des ganzen Krieges eine Gesandtschaft in Petersburg. Nicht das Interesse des protestantischen Bundesgenossen entschied, sondern das Interesse des englischen Handels. England besaß damals noch kein indisches Reich; seine nordamerikanischen Kolonien waren noch wenig angebaut und bevölkert; so durfte kein englischer Minister den Ostseehandel antasten. Als Pitt das Ruder ausschließlich in die Hand bekam, machte er dem Könige von Preußen auch gar kein Hehl daraus, daß Friedrich nie darauf rechnen dürfe, jene Bestimmung des Vertrags von Westminster ausgeführt zu sehen; alle Begeisterung der englischen Nation für die protestantische Sache im allgemeinen und für Friedrich im besonderen ändere gar nichts an der Tatsache, daß jedes Ministerium, welches eine Kriegsflotte in die Ostsee sende, sofort die Stimmenmehrheit im Parlamente verlieren würde. Kluge Staatsmänner wissen recht gut, daß die ökonomischen Tatsachen die Welt regieren, und unter sich machen sie auch gar kein Hehl daraus. Die ideologische Einkleidung überlassen sie den staatsmännischen Geschichtsschreibern, an denen es zum Heile der aufgeklärten und noch aufzuklärenden Menschheit ja auch noch in keinem Volke gefehlt hat.

Jenes handelspolitische Interesse der englischen Nation gab dem Siebenjährigen Kriege die entscheidende Wendung. Gefeit gegen jeden Angriff, konnte das russische Zarentum seine wüsten Eroberungs- und Raubinstinkte nach Gefallen austoben. Es hat sich denn auch dreimal den Luxus gegönnt, seine Stellung im Siebenjährigen Kriege zu ändern. Die erste und längste Zeit hindurch kämpfte das russische Heer gegen Preußen, heimste die Provinz Ostpreußen gänzlich ein, verwüstete in bestialischer Weise Pommern und die Mark, schlug fast immer die preußischen Truppen in vernichtenden Niederlagen, denn auch die Schlacht von Zorndorf war mehr ein unentschiedener Zusammenstoß als ein Sieg Friedrichs, kurzum, drängte den preußischen Staat bis an den Rand des Abgrunds, soweit getreu dem vom russischen Senat schon im Jahre 1753 zu einer »beständigen Staatsmaxime« erhobenen Beschlusse, sich nicht allein allem ferneren Anwachsen der preußischen Macht zu widersetzen, sondern auch die erste bequeme Gelegenheit zu ergreifen, um das Haus Brandenburg durch eine überwiegende Macht zu unterdrücken und in seinen vorigen mittelmäßigen Zustand zu versetzen. Offenbar schoß aber diese Maxime, die unter dem Einflusse der veralkoholisierten und wüterischen Zarin Elisabeth beschlossen worden war, weit über das Ziel hinaus; nicht die politische Vernichtung, sondern die politische Beherrschung des preußischen Staats war russisches Interesse; Preußen durfte kein Nebenbuhler Rußlands, es mußte sein Vasall werden, aber es mußte daneben doch immer ein Pfahl im Fleische Österreichs bleiben; so geboten es die russischen Eroberungszwecke, mochten sie sich nun auf Polen, die Türkei oder auf Deutschland selbst richten. Es ist auch sehr genau zu verfolgen, wie die russischen Generale sich ganz im Widerspruche mit dem Willen der Zarin immer davor hüten, dem preußischen Heere den letzten Gnadenstoß zu geben, was ihnen beispielsweise nach der Schlacht bei Kunersdorf ein leichtes gewesen wäre. Nach dem plötzlichen Tode der Zarin Elisabeth folgte dann das preußisch-russische Bündnis, das nichts als eine närrische Laune des närrischen Peter III. war. Einen armseligen Tritagonisten nennt ihn Lessing, ausersehen, in der Larve eines Gottes den ungeschickten Knoten eines blutigen Schauspiels zu zerschneiden. Aber entwirrt hat diesen Knoten erst Katharina II. Als sie ihren Gemahl Peter in bübischer Weise ermordet und ohne eine Spur von Recht den russischen Thron bestiegen hatte, begriff diese gescheite Person sofort das russische Interesse; durch ihre Neutralität ließ sie den Siebenjährigen Krieg an allgemeiner Erschöpfung sterben und pflückte dann seine Frucht in dem preußisch-russischen Bündnisse vom 14. April 1764, in dessen geheimen Artikeln schon die Teilung Polens angebahnt wurde. König Friedrich, der keineswegs eine bismärckische Hornhaut gegenüber russischen Unverschämtheiten besaß, fühlte sich als russischer Satrap im Innersten gedemütigt, aber er konnte dieser »furchtbaren Macht« nicht widerstehen; er mußte durch seine Subsidien die Türkenkriege Katharinas unterstützen; er mußte bei der ersten Teilung Polens den größten Teil des Hasses auf sich nehmen und durfte nur den kleinsten Teil der Beute davontragen; er mußte mitsamt Österreich 1779 im Teschener Frieden, der den Bayrischen Erbfolgekrieg beschloß, Rußland als »Garanten des Westfälischen Friedens« anerkennen.

Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges in der Tat, aber in gar sehr anderem Sinne, als die preußischen Mythologen meinen! Wie der Dreißigjährige, so endete der Siebenjährige Krieg mit dem Scheitern des Versuchs, Deutschland unter die Herrschaft des habsburgisch-päpstlichen Kaisertums zu bringen. Wie der Dreißigjährige, so erstarb auch der Siebenjährige Krieg an der allgemeinen Erschöpfung: Die Verwüstung Deutschlands nach dem einen wie dem andern war – so bezeugt wenigstens König Friedrich – gleich groß. Wie der Dreißigjährige Krieg mit der »Garantie des Westfälischen Friedens« durch Frankreich und Schweden, das heißt mit dem Rechte zur beliebigen Einmischung in die deutschen Verhältnisse, das heißt mit der Fremdherrschaft zweier Kulturvölker schloß, so der Siebenjährige Krieg mit der »Garantie des Westfälischen Friedens« durch Rußland, mit der Fremdherrschaft eines Barbarenstaats, deren unheilvolle Folgen bis heute noch nicht überwunden sind, wie denn ihre Überwindung überhaupt erst erhofft werden kann, seitdem die deutsche Arbeiterklasse zum politischen Bewußtsein erwacht ist.

Merkwürdig bei alledem, wie durch ebendiesen Siebenjährigen Krieg der »erste höhere Lebensgehalt« in das geistige Leben des deutschen Volkes gekommen sein soll!

IX. Zur Psychologie des Siebenjährigen Krieges

Man sagt nun aber wohl: Mag es mit dem Ergebnisse des Siebenjährigen Krieges stehen wie immer, der Krieg als solcher, die Tatsache, daß ein deutscher Fürst sich mit fast übermenschlichem Genie sieben Jahre gegen eine Welt von Feinden aufrechterhielt, alle die Reichsfeinde, die so lange auf deutschem Boden gehaust hatten, die Russen und die Ungarn, die Franzosen und die Schweden aufs Haupt schlug, diese Tatsache entzündete von neuem den nationalen Geist des deutschen Volkes oder doch seiner protestantischen Mehrheit. Und in der Tat möchte eine derartige Ansicht noch dem Worte Goethes von dem »höheren Lebensgehalte« am nächsten kommen. Es fragt sich nur, ob die Zeitgenossen die Sache ebenso angesehen, ob die »patriotischen Kriegstaten« Friedrichs ihnen den nationalen Geist eingeflößt haben, aus dem unsere klassische Dichtung entsprossen sein soll.

Dem Könige selbst würde diese Auffassung, wenn er sie lesen könnte, ungefähr so verständlich sein wie die Sprache der Irokesen. Seine vorzüglichste Eigenschaft, die ernste und nüchterne Auffassung der Dinge, hat ihn stets vor allen Prahlereien bewahrt; er wollte nicht mehr sein als ein Feldherr seiner Zeit, und er ist auch nicht mehr gewesen. Zwar haben jene ideologischen Überschwenglichkeiten neuerdings auch in der preußischen Militärliteratur einen starken Widerhall gefunden; seit zehn Jahren tobt in ihr, nicht gerade zum Ruhm des klassischen Militärstaates, eine heftige Fehde darüber, ob Friedrich kraft einer genialen, seine Zeit um fünfzig oder hundert Jahre überflügelnden Voraussicht die napoleonische Strategie angewandt habe, die in der schnellen Zertrümmerung des feindlichen Heeres durch die Schlacht ihr erstes und einziges Ziel erblickt, oder ob er den Krieg seines Jahrhunderts geführt habe, jenen bedächtigen, langsamen, methodischen Krieg, der sich dadurch gegenüber dem Feinde in Vorteil zu setzen suchte, daß er ihm die für die Unterhaltung seiner Heere bestimmten Magazine zerstörte, daß er ihm diesen Landstrich oder jene Festung wegnahm, daß er ihn durch allerlei künstliche Manöver, durch »Ombragen«, »Jalousien«, »Diversionen« aus dem Felde bringen wollte, daß er die Schlacht nur als äußerstes Mittel betrachtete, sozusagen als einen Notbehelf, der erst im Falle der Not anzuwenden war oder etwa noch, wenn ein sehr großer Vorteil auf sehr sicherem Wege erreicht werden konnte. Nun bedarf es keines langen Nachdenkens, um zu erkennen, welche Ansicht die richtige ist. Die napoleonische Strategie beruht auf dem Volksheere, der Tirailleurtaktik und dem Requisitionssystem; sie hat zur Voraussetzung Massenarmeen, die sich schnell vorwärtsbewegen, die tiraillieren, das heißt auf jedem Gelände schlagen, und requirieren, das heißt durch Beschaffung der Lebensmittel unmittelbar von der Bevölkerung sich selbst verpflegen können. Das Heer des vorigen Jahrhunderts war dagegen ein Söldnerheer, das als solches an die Lineartaktik und an die Magazinverpflegung gebunden war. Es konnte wegen der Kostspieligkeit der Werbung über eine gewisse Zahl nicht hinauswachsen. Es konnte nur in starren Linien, das heißt zusammengehalten durch den Stock und die drohende Kugel der Offiziere, an den Feind gebracht werden, und es konnte somit fast nur auf freier Ebene schlagen, gewissermaßen als eine mechanische Schießmaschine, wie denn die Schnelligkeit des Massenfeuers, die Friedrich zuletzt auf sechs Schuß in der Minute und ein nochmaliges Laden zum siebenten Schusse brachte, ein Hauptziel der militärischen Ausbildung war. Es mußte endlich in den Lagern streng bewacht und demgemäß vom Kriegsherrn verpflegt werden; seine Bewegung war an die Magazine und die Bäckerei gebunden und somit seine Bewegungsfreiheit eine sehr beschränkte. Hätte Friedrich es mit der napoleonischen Strategie versucht und hätte er seine Söldner tiraillieren lassen, so wäre ihm an demselben Tage sein Heer nach allen vier Windrichtungen entlaufen. Oder hätte er seine Söldner gar requirieren lassen, so hätte sich nach dem drastischen Ausdrucke eines neueren Militärhistorikers wenigstens ein Teil seines Heeres ohne weiteres in eine Räuberbande verwandelt.[Anmerkung 33]

Fast größer noch als die praktische war für Friedrich die psychologische Unmöglichkeit der napoleonischen Strategie. Er konnte nicht einmal im Traume darauf verfallen, sowenig wie etwa darauf, eine Feldeisenbahn oder einen Feldtelegrafen anzulegen. Auch das größte Kriegsgenie kann keine neue Strategie erfinden, die in letzter Instanz immer durch die ökonomische Entwicklung bestimmt wird. Die napoleonische Strategie heißt nicht so, weil sie von Napoleon erfunden wurde, sondern weil sie in den napoleonischen Kriegen zur höchsten Vollendung gelangte. Sie entstand ganz von selbst in dem amerikanischen Unabhängigkeitskriege. In ihm traten den englischen Söldnerheeren Rebellenhaufen gegenüber, die für ihre eigensten Interessen fochten, also nicht desertierten wie geworbene Truppen, die nicht exerzieren, aber desto besser aus ihren gezogenen Büchsen schießen konnten, die deshalb den Engländern nicht in Linie und auf freier Flur entgegentraten, sondern in aufgelösten Schützenschwärmen und in den deckenden Wäldern. Es ist schon ein sehr hohes Lob für Friedrich, wenn man sagt, daß er den amerikanischen Krieg genau verfolgte, um aus ihm zu lernen. Zwar klingt es noch recht ironisch, wenn er am 5. November 1777 an seinen Bruder Heinrich schreibt: »Wir beobachten die Washington, die Howe, die Bourgogne, die Carleton, um von ihnen diese große Kriegskunst zu lernen, die man nie erschöpft, um über ihre Torheiten zu lachen und um zu billigen; was sie gemäß den Regeln tun.« Aber die Unfehlbarkeit dieser »Regeln« scheint ihm doch zweifelhaft geworden, und die »Torheiten« der Washington scheinen ihm doch einigermaßen eingeleuchtet zu haben, denn kurz vor seinem Tode befahl er noch, einige Bataillone leichter Infanterie aus Landeskindern zu bilden, »Leute, die um sich wissen«, die das Terrain benützen lernen, die eine beweglichere und freiere, kurz, eine mehr jägermäßige Ausbildung erhalten sollten.[43]

Damit war Friedrich den gelehrten Kriegstheoretikern seiner Zeit und allen seinen Offizieren schon weit voraus. Die verstanden die neue Strategie noch nicht einmal, als sie schon handgreiflich mit ihr zu tun hatten, als in den französischen Revolutionskriegen der neunziger Jahre zusammengeraffte Bauernhaufen ihre sozialen Interessen gegen die mit den österreichisch-preußischen Söldnerheeren zurückkehrenden Emigranten in ähnlicher Weise verteidigten, wie die amerikanischen Farmer und Jäger gegen die englischen Söldner gekämpft hatten. Goethe erkannte mit dichterischem Seherblicke die Zeichen der Zeit, als er nach der Kanonade von Valmy den preußischen Offizieren sagte: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen.« Aber seine Hörer verstanden ihn nicht, und das mag man ihnen auch nicht so sehr verdenken, denn Goethe selbst empfand wohl, aber erkannte nicht, was er sagte; wie hätte er sonst zwanzig Jahre später in dem Siebenjährigen Kriege einen »neuen höheren Lebensgehalt« entdecken können! Allein selbst gehäufte Erfahrungen belehrten die preußischen Offiziere nicht; die Söldnerheere blieben den französischen Freiwilligen auf lange hinaus noch in jedem Zusammenstoße taktisch überlegen, und doch war Frankreich nicht zu besiegen. An dieser Tatsache ließ sich nicht rütteln, indessen ihre Gründe vermochte man nicht zu entdecken; man behandelte sie schließlich als einen sinnlosen Unfug, der aller bewährten Kriegskunst spotte, aber wohl oder übel anerkannt werden müsse. So riet ein namhafter General der friderizianischen Schule, der Fürst von Hohenlohe-Ingelfingen, im Jahre 1794 zum Frieden mit Frankreich; von der Fortsetzung des Krieges sei ein günstiges Ergebnis nicht zu erwarten, da man »mit Narren eben niemals fertig« werde. Und ganz ähnlich äußerte sich gleichzeitig eine österreichische offizielle Denkschrift, »nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge« seien die Franzosen besiegt, aber sie brächen immer wieder mit »fürchterlicher Gewalt« wie ein »reißender Strom« hervor. Ja, noch in den Kriegen von 1813 bis 1815 stand unter den Generalen der europäischen Koalition – neben dem früh gefallenen Scharnhorst – nur Gneisenau auf der vollen Höhe der napoleonischen Strategie; er hatte deshalb namentlich mit seinen preußischen Unterbefehlshabern, den Bülow und Yorck, die heftigsten Kämpfe zu bestehen, und ebenso war er den verbündeten Monarchen, deren militärische Ratgeber. Knesebeck auf preußischer, Duka und Langenau auf österreichischer Seite, noch ganz in den militärischen Anschauungen des achtzehnten Jahrhunderts wurzelten, ein Dorn im Auge; in höfischen Kreisen spottete man über ihn und seinen Stab wohl als über Wallensteins Lager. Selbst bei Waterloo kam die Lineartaktik im englischen Heere noch zur praktischen Anwendung, ganz logischerweise, denn dies Heer bestand aus geworbenen Söldnern. Aber es wäre ohne die rechtzeitige Ankunft der Preußen unter Blücher und Gneisenau eben auch verloren gewesen. Dem preußischen Heere ging die napoleonische Strategie erst Jahrzehnte später in Fleisch und Blut über durch die klassischen Schriften von Clausewitz, und ein preußischer General hat auf das törichte Gerede von dem preußischen Schulmeister, der bei Königgrätz gesiegt habe, treffend geantwortet: »Jawohl, der Schulmeister heißt Clausewitz.«[Anmerkung 34]

Mit dem »Genie« der Feldherren ist es überhaupt so eine eigene Sache. In seiner Schrift gegen Dühring legt Engels dar, wie sich bei St. Privat, wo zwei Heere mit wesentlich denselben taktischen Formationen kämpften, unter dem furchtbaren Feuer der Chassepots die reglementsmäßige Kompaniekolonne auf deutscher Seite in einen dichten Schützenschwarm auflöste und im Bereiche des feindlichen Gewehrfeuers der Laufschritt die einzige Bewegungsart des Soldaten wurde. Er fährt dann fort: »Der Soldat war wieder einmal gescheiter gewesen als der Offizier; die einzige Gefechtsform, die bisher im Feuer des Hinterladers sich bewährt, hatte er instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens der Führung durch.«[44]

Das klingt sehr respektwidrig, aber mit ein bißchen andern Worten, und sicherlich ohne jedes Plagiat an Engels, sagt es der preußische Generalstab auch, wenn er durch den Mund eines seiner begabtesten Angehörigen über die französischen Revolutionskriege des vorigen Jahrhunderts ausführt: »Es ist ganz zutreffend, daß das Tiraillieren bei den damaligen Franzosen in keiner Weise durch das Reglement vorgeschrieben war, denn dies war in allen wesentlichen Zügen dasselbe wie das preußische. Das zerstreute Gefecht der Franzosen war nicht verordnet, sondern geworden; man hatte aus der Not eine Tugend gemacht, und diese wurde, weil sie den realen Verhältnissen entsprach, eine Macht.« Der Satz von Marx: Nicht das Bewußtsein der Menschen bestimmt ihr Sein, sondern umgekehrt ihr Sein bestimmt ihr Bewußtsein,[45] tritt auf dem Gebiete der Kriegsgeschichte in besonders klares Licht. Je kräftiger und unmittelbarer die Berührung mit dem Sein ist, um so klarer und schneller entwickelt sich das Bewußtsein. Im Kriege wird der Soldat gemeiniglich viel schneller als der Offizier empfinden das, was ist, und instinktiv danach handeln, und das höchste »Genie« des Feldherrn besteht darin, das instinktmäßige Handeln der Soldaten nach seinen inneren Gründen zu erkennen und gemäß dieser Erkenntnis entschlossen zu handeln. Wie schwer das selbst für sehr namhafte Generale noch immer ist, kann man aus den Berichten und Denkwürdigkeiten von Carnot, Dumouriez, Hoche, Gouvion St. Cyr und anderen Offizieren erkennen, welche die Freiwilligen der französischen Republik zu organisieren und ins Feld zu führen hatten. Nach diesen Zeugnissen, die dann so eifrig ausgebeutet worden sind, um das volkstümliche Element der Landwehr trotz 1813 und 1814 möglichst aus dem preußischen Heere auszuscheiden, waren die Freiwilligen nicht viel mehr als Falstaffs Steifleinene, und doch scheiterten die österreichischen und preußischen Mustertruppen an dem Damm, den ihnen angeblich so verwahrloste Scharen entgegenwarfen.

Alle Kriegsgeschichte wird erst verständlich, wenn man sie auf ihre ökonomischen Grundlagen zurückführt. Sie verflüchtigt sich dagegen in einen historischen Roman, wenn man das größere oder geringere »Genie« der Feldherren zu ihrem bewegenden Hebel machen will. Die gebildeteren Generale des achtzehnten Jahrhunderts wußten recht gut, welch herrliche Sache die Volksbewaffnung sei. Der Graf zur Lippe, der Marschall von Sachsen haben es offen ausgesprochen, auch Friedrich schon als Kronprinz in seinem Anti-Macchiavell. Er führt da aus: Die Römer kannten die Desertion nicht, ohne die heutzutage kein Heer denkbar ist. Sie kämpften für ihren Herd, für alles, was ihnen das teuerste war; so dachten sie nicht daran, den großen Zweck durch schnödes Davonlaufen zu vereiteln. Aber bei unsern Völkern ist das ganz anders. Bürger und Bauern unterhalten zwar das Heer, aber sie ziehen nicht selbst zu Felde, die Soldaten müssen aus der Hefe des Volkes genommen und durch die härteste Gewalt an die Fahne gefesselt werden. Nenne man es »Genie«, daß Friedrich und andere Kriegsmänner seiner Zeit die ganze Gebrechlichkeit der Söldnerheere durchschauten, aber dies »Genie« änderte nichts an der Strategie und Taktik des Söldnerkrieges und hatte nicht einmal so viel theoretische Bedeutung, daß die gelehrten Strategen der großen Militärmächte die Volksbewaffnung verstanden, als sie ihnen leibhaftig und in einem sehr fühlbaren Lehrkursus entgegentrat.

Mit der Umwälzung der ökonomischen Zustände wälzt sich auch die Heeresverfassung um, und es liegt in der Natur der Dinge, daß sich die Praxis der Masse sehr viel schneller in die veränderten Verhältnisse schickt als die Theorie der einzelnen. Deshalb lernen die Offiziere an den Soldaten, nicht aber die Soldaten an den Offizieren. Amerikanische und französische Bauern haben die Strategie des neunzehnten Jahrhunderts erfunden, und es hatte schon seinen guten Sinn, wenn der alte Ziegler einmal in einer Militärdebatte des deutschen Reichstags sagte: Die sogenannten Sachverständigen haben sich immer blamiert. Sie haben sich immer blamiert, wo das militärische Sachverständnis sich über die Konsequenzen der ökonomischen Entwicklung hinwegsetzen wollte. Friedrich erzielte seine Erfolge, weil er sich in das Söldnerheer als das zu seiner Zeit einzig mögliche fügte, obgleich er die Vorzüge des Volksheeres wohl erkannte; die sachverständigsten Offiziere seines Heeres haben dann aber nach seinem Tode, unbeschadet ihrer persönlichen Begabung für den Kriegsdienst, die verschiedensten Schicksale gehabt, je nachdem sie ihr Sachverständnis den veränderten ökonomischen Zuständen anzupassen wußten oder nicht, je nachdem sie von den Soldaten lernen konnten oder nicht.

In Friedrichs späterer Zeit gehörten zu den bedeutendsten Offizieren seines Stabes der Kapitän v. Steuben und der Major v. Berenhorst.

Beide erfuhren die »Ungnade« des gegen geistig hervorragende Offiziere immer mißtrauischen Königs und verließen das preußische Heer. Steuben ging nach Amerika, wo er sich bekanntlich große Verdienste um die militärische Organisation der Rebellen erworben hat. Hier sagte er schon 1793 einem deutschen Besucher, dem Militärschriftsteller v. Bülow, die französischen Freiwilligen, über deren Untüchtigkeit ihre eigenen Generale gleichzeitig nicht genug klagen konnten, führten denselben Krieg wie die amerikanischen Farmer, und sie würden ebenso unüberwindlich sein. Berenhorst trat nicht wieder in militärische Dienste, aber er schrieb seine berühmten Betrachtungen über die Kriegskunst, worin er das friderizianische Heer einer scharfen, von der Nachwelt durchaus bestätigten Kritik unterwarf. Er sagte von Friedrich sehr treffend: »Wohl verstand er die Maschine zu gebrauchen, minder wohl, sie zu zimmern«; er geißelte »die äußerste Grobheit, Härte und Dienstsklaverei«, »die Mikrologie und den Minutismus der Paradekünste«. Und dieser scharfsichtige Beobachter verstand doch so wenig, worauf es ankam, daß er noch zwei Jahre nach der Schlacht von Jena schreiben konnte, der »Genius der Taktik« müsse ein »höheres Hilfsmittel« erfinden, um die napoleonische Kriegführung lahmzulegen.

Schärfer noch spiegelt sich unsere Auffassung in den Lebensläufen zweier berühmter Generale wider. Hat das preußische Heer je einen genialen Feldherrn und Organisator besessen, der sich ganz aus eigener Kraft und durch alle junkerlichen Kabalen hindurch, trotz seiner bäuerlichen Abstammung zu den höchsten Militärstellen emporschwang, aber dabei immer ein Herz fürs Volk betätigte und sich von allem schnauzbärtigen Wesen frei hielt, so war es Scharnhorst. In dem Jahrzehnte vor Jena arbeitete er mit äußerster Anstrengung an der Reform des preußischen Heeres, aber mitten in diesem Heere lebend blieb er trotz allen theoretischen Studierens der napoleonischen Feldzüge in der friderizianischen Strategie befangen. Erst in dem Herbstfeldzuge von 1806, als er die französischen Truppen selbst manövrieren sah, in den letzten Schachzügen vor der Schlacht von Jena, die er als Generalstabschef des preußischen Oberbefehlshabers zu leiten hatte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er suchte die überlegene Kriegführung der Franzosen sofort nachzuahmen, aber bei der Beschaffenheit des preußischen Heeres natürlich ohne Erfolg. Kein militärisches »Genie« vermochte die zerschmetternde Niederlage des preußischen Heeres abzuwenden. Allein Scharnhorsts wirkliches Genie betätigte sich nunmehr darin, daß er den wirklichen Zusammenhang der Dinge erkannte und mit gar keinem »Genie« rechnete, sondern in sieben Jahren fast übermenschlicher Kämpfe gegen den unglaublich beschränkten König und gegen die unglaublich eigensüchtige Junkerklasse das preußische Heer auf diejenigen ökonomischen Grundlagen stellte, die diesem Heere einen erfolgreichen Kampf mit dem französischen Heer ermöglichten. Scharnhorst wie seine Freunde Gneisenau, Boyen, Grolman forderten die Befreiung der Bauern mindestens ebenso energisch wie Stein, Schön, Hardenberg.

Aber auf der schmachvollen Flucht nach Jena zeichnete sich der Oberst Yorck mit seinem Jägerregimente durch glückliche Gefechte bei Altenzaun und Wahren aus; es waren die einzigen kleinen Erfolge, die das preußische Heer in dem ganzen Feldzuge davontrug. Yorck schlug die französischen Abteilungen, die ihn verfolgten, mit ihrer eigenen Tirailleurtaktik. Nun war Yorck aber in allem das gerade Gegenteil von Scharnhorst: ein Offizier der alten Schule, der das friderizianische Heer am liebsten bis auf den letzten Gamaschenknopf erhalten hätte, ein finsterer, gallsüchtiger Anhänger der eisernsten Disziplin, ein kassubischer Junker voll der borniertesten Klassenvorurteile. Allein er hatte sich in jenen Bataillonen leichter Infanterie heraufgedient, die Friedrich noch kurz vor seinem Tode zu errichten befahl, und wenn diese Bataillone auch im allgemeinen sich nicht den Existenzbedingungen des preußischen Heeres entziehen konnten und demgemäß bald dieselben steifgedrillten Linientruppen wurden wie alle anderen Bataillone, so gab es doch ein Regiment im Heere, das auf annähernd ähnlichen ökonomischen Grundlagen stand wie das französische Heer; eben das Jägerregiment, zu dessen Obersten Yorck einige Jahre vor Jena ernannt worden war. Das Regiment war von Friedrich in den Schlesischen Kriegen gebildet worden, um doch eine bewegliche Truppe gegen die Kroaten und Panduren des österreichischen Heeres zu haben; für diesen Zweck durfte es begreiflicherweise nicht aus fremdländischen Söldnern und hörigen Bauern, sondern mußte aus Leuten gebildet werden, die ihr persönliches Interesse an die Fahne fesselte. So wurde es aus lauter gelernten Jägern rekrutiert, aus Söhnen von Ober- und Unterförstern und andern Beamten, die mit dem Dienst im Regimente sich eine Anwartschaft auf eine Versorgung in der Försterei erwarben. Solchen Leuten konnte der Parademarsch nicht eingeprügelt werden: Sie durften sogar bei den Revuen vor dem Könige in bequemen Haufen vorbeimarschieren. In währender Friedenszeit war das Regiment, das im Kriege sehr gute Dienste getan hatte, dadurch zum Spott aller friderizianischen Gamaschenknöpfe geworden: »einen alten barocken Giebel« nannten sie es, der in dem prächtigen Bau dieses prächtigen Heeres stehengeblieben sei. Das Regiment war eine militärische Kuriosität geworden, und Yorck übernahm nur mit größtem Widerstreben das Kommando. Aber da er bei alledem ein ehrgeiziger und fähiger Offizier war, so stieß ihn die praktische Erfahrung des täglichen Dienstes darauf, daß er aus dieser Truppe nur etwas machen könne, wenn er sie mit Achtung behandle und in der zerstreuten Gefechtsform ausbilde. Das gesellschaftliche Sein der Soldaten bestimmte das militärische Bewußtsein des Offiziers. Und dies Bewußtsein erlosch sofort wieder, als Yorck durch die Erfolge von Altenzaun und Wahren schnell auf eine so hohe Stelle in der militärischen Hierarchie gehoben wurde, daß er bei der Reform des Heeres ein Wort mitsprechen konnte. Da floß er vor Gift und Galle über; da denunzierte er so hämisch beim Könige, daß Scharnhorst in ein lebensgefährliches Nervenfieber verfiel; da jubelte er bei der auf Napoleons Befehl erfolgten Entlassung Steins, nun sei ein unsinniger Kopf zertreten und das übrige Natterngeschmeiß werde sich wohl in seinem eigenen Gift auflösen. Ja, noch in den Feldzügen von 1813 und 1814 stellte Yorck als Korpsführer aus seinen ideologischen und theoretischen Vorstellungen heraus der napoleonischen Kriegführung Gneisenaus die schwersten Hemmnisse entgegen, während doch wieder das Sein der Landwehren, die er befehligte, sein militärisches Bewußtsein so bestimmte, daß Blücher von ihm rühmen durfte, keiner sei so schwer ins Feuer zu bringen wie der Yorck, aber wenn er einmal darin sei, beiße auch keiner so an wie er.

Diese wenigen Beispiele, die sich aus der preußischen wie aus aller Kriegsgeschichte beliebig vermehren ließen, werden für den Zweck genügen, für den sie angeführt sind. Es war außerordentlich viel, daß Friedrich aus dem theoretischen Studium des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs die bevorstehende Umwälzung der Kriegführung ahnte und ihr durch einen schüchternen Versuch entgegenzukommen gedachte, aber es war deshalb auch eine praktische und psychologische Unmöglichkeit, daß er in seinen Söldnerkriegen die napoleonische Strategie und Taktik vorwegnahm. Bei Lichte besehen ist die ideologische Geschichtsschreibung für niemanden gefährlicher als gerade für die großen Männer, welche sie über alles menschliche Maß hinaus aufzublähen sucht. In dem Streite über Friedrichs Strategie ist richtig gesagt worden, daß seine Feldzüge, wenn man sie an dem Maßstabe der napoleonischen Strategie mißt, gar sehr stümperhaft bestehen. Auch hier liegt Friedrichs wirkliche Bedeutung gerade darin, daß er sich völlig klarzumachen verstand, was er durfte und was er nicht durfte, was er konnte und was er nicht konnte; in gewissem Sinne muß man sogar sagen, daß die furchtbare Last der sieben Jahre deshalb auf ihn fiel, weil er ganz gegen seine Absicht einen Erfolg napoleonischen Schlages davongetragen hatte, der, mit napoleonischen Mitteln ausgebeutet, den Krieg mit einem Schlage beendet haben würde, aber der, da Friedrich eben keine napoleonischen Schläge führen konnte, zu einem verhängnisvollen Rückschläge für ihn selbst werden mußte. Sein Feldzugsplan von 1756 wurde in erster Reihe zwar dadurch gekreuzt, daß es dem sächsischen Heere mit knapper Not noch gelang, sich in dem Felsenlager von Pirna zusammenzuziehen, mit dessen Aushungerung Friedrich eine für ihn kostbare Zeit verlieren mußte, aber in entscheidender Weise scheiterte er daran, daß Friedrich am 6. Mai 1757 das österreichische Heer in betäubender Weise schlug und zu zwei Dritteln in die Festung Prag warf. Österreich schien nunmehr allerdings wehrlos. Prag mußte fallen, und dann lag der Weg nach Wien offen bis auf ein schwaches, unter Daun heranziehendes Ersatzheer. Aber als Friedrich diesem Heere mit einem Teile der Prager Belagerungstruppen entgegenzog, erlitt er am 18. Juni bei Kolin eine schwere Niederlage, die ihn zum sofortigen Rückzüge aus Böhmen, also zur völligen Preisgabe seiner bei Prag errungenen Erfolge zwang.

Über die Schlacht von Kolin ist nun eine ganze Literatur entstanden, um zu beweisen, daß Friedrich, wenn General Manstein nicht diesen und der Prinz Moritz von Dessau nicht jenen Fehler begangen hätte, die Schlacht gewonnen haben und nach dem unter dieser Voraussetzung nicht mehr aufzuhaltenden Falle von Prag sofort nach Wien marschiert sein würde, um auf den Wällen der österreichischen Hauptstadt den Frieden zu diktieren. Indessen Clausewitz hat diese Literatur schon mit einem einzigen Federstriche beseitigt, indem er ausführte, daß Friedrich, wenn er nicht schon bei Kolin gescheitert wäre, zu einem späteren Zeitpunkt hätte scheitern müssen, denn nach der Art der damaligen Kriegsverfassung und nach dem Umfange seiner Kriegsmittel sei es unmöglich gewesen, daß er die österreichische Hauptstadt eroberte oder gar den österreichischen Staat niederwarf. Die Richtigkeit dieser Bemerkung leuchtet so ein, daß auch die Friedrich-Mythologen sie anerkennen müssen; nur wenden sie ein, wenn Friedrich bei Kolin gesiegt hätte, so würden die Österreicher so erstarrt gewesen sein, daß sie sofort Frieden geschlossen hätten. Allein wenn man sich auf diese luftige Beweisführung überhaupt einlassen will, so muß man vielmehr voraussetzen, daß die Größe des preußischen Erfolges in Wien nicht ent-, sondern ermutigt haben würde. So klug waren Maria Theresia und Kaunitz auch, um den König in seinem eigenen Fette ersticken zu lassen. Indem die Friedrich-Mythologen ihrem Helden Übermenschliches andichten, machen sie ihn aber wieder viel kleiner, als er war. Friedrichs eigentlicher Feldzugsplan, der eben durch den Übererfolg bei Prag vereitelt wurde, ist neuerdings aus den englischen. Archiven, aus den Papieren des bei Friedrich beglaubigten Diplomaten Mitchell bekannt geworden; er zielt einfach darauf ab, noch im Herbste von 1756 Sachsen und ein Stück von Böhmen in Pfandbesitz zu nehmen, und er beruht auf der psychologisch durchaus annehmbaren Hoffnung, die Österreicher und Sachsen würden dann doch wohl von dem für sie nunmehr um so schwierigeren Spiele abstehen. Dieser bescheidene Plan macht der klaren Einsicht des Königs in seine Lage ebenso große Ehre, wie ihn die Unterstellung, als ob er in napoleonischer Weise habe schlagen und siegen wollen, zum reinen Don Quijote stempelt.

Mit der Schlacht von Kolin war Friedrich in die Defensive zurückgeworfen worden. Freilich noch nicht ganz. Nach den Siegen bei Roßbach und Leuthen versuchte er im Frühjahre von 1758 noch einen Vorstoß nach Mähren, um sich in der Festung Olmütz ein für den Frieden zu verwertendes Pfandobjekt zu sichern, allein Daun und Laudon zwangen ihn, die Belagerung aufzuheben und manöverierten ihn aus Mähren hinaus. Der Rest des Siebenjährigen Krieges war nun nichts als ein wüstes Kriegsgetobe in Sachsen und Schlesien, in der Mark und in Pommern; er entbehrte selbst jenes Scheins von dramatisch-heldenmäßiger Spannung, der dem Jahre 1757 noch anhaftet. Was Friedrich in den folgenden Jahren mit steifem Nacken und, wie Lassalle sagt, »das Gift in der Tasche«, ertragen hat, das ist aller Achtung wert, und es würde auch aller Bewunderung wert sein, wenn der Preis des Kampfes ein menschlicher Kulturfortschritt und nicht bloß die Stärkung des kulturfeindlichen Militarismus gewesen wäre. Allein die Friedrich-Mythologen tun der wirklichen Bedeutung des Königs abermals schweren Abbruch, wenn sie ihn als überwältigenden Genius und die feindlichen Feldherren, ja Friedrichs eigene Generale als mehr oder weniger unfähige Leute hinstellen. Was wäre es dann für eine große Kunst gewesen, die Daun und Laudon zu besiegen? In Wirklichkeit konnten sich diese österreichischen Feldherren mit Friedrich gar wohl messen; sie standen ihm nicht eigentlich in der individuellen Begabung als vielmehr in einer anderen Beziehung nach, die Clausewitz sehr gut mit den Worten schildert: »Die Feldherren, welche Friedrich dem Großen gegenüberstanden, wären Männer, die im Auftrage handelten und ebendeswegen Männer, in welchen die Behutsamkeit ein vorherrschender Charakterzug war; ihr Gegner war, um es kurz zu sagen, der Kriegsgott selbst.« Damit ist der springende Punkt getroffen, das Stückchen Wahrheit, aus dem die Legende von Friedrichs napoleonischer Kriegführung erwachsen ist.

Es war ein Unterschied nicht in der Art, aber im Grade. Friedrich führte den Krieg, wie ihn jeder Feldherr des vorigen Jahrhunderts führen mußte, aber er führte ihn kühner als andere Feldherren, weil er unumschränkter über die Kriegsmittel verfügte. Unumschränkter sowohl in militärischer wie in moralischer Beziehung. Friedrich war an keine Befehle gebunden, und er hatte keine Verantwortung zu fürchten. Ob er rein vom militärischen Standpunkt aus der bedeutendste Feldherr auch nur seiner Zeit gewesen ist, das ist noch sehr die Frage. Nach dem Zeugnisse seines Adjutanten Berenhorst war er in der Schlacht stets unruhig und verlegen, ganz zu geschweigen der hämischen Bemerkung, in der sich der sehr unliebenswürdige Prinz Heinrich an seiner Tafel in Rheinsberg zu gefallen pflegte: »Mein Bruder hatte eigentlich keine Courage.« Daun und Laudon haben dem Könige manche schwere Schlappe beigebracht, die er gar wohl hätte vermeiden können; der erste Feldzugsplan zum Siebenjährigen Kriege rührte von Schwerin und Winterfeldt her; die Schlachten bei Roßbach und Zorndorf hat Seydlitz gewonnen; so gleichmäßig glückliche Feldzüge wie Herzog Ferdinand von Braunschweig und sein Geheimsekretär Westphalen im westlichen Deutschland gegen die Franzosen hat Friedrich trotz sehr viel günstigerer Verhältnisse nicht geführt.[Anmerkung 35]

Freilich, Prag und Leuthen waren sein Eigentum, aber Kolin und Kunersdorf waren es auch. Nur wer die Verantwortung für diese zerschmetternden Niederlagen nicht zu fürchten hatte, durfte das Glück der Schlachten auf jene zerschmetternden Stöße versuchen. Das ist es, was Clausewitz mit dem »Kriegsgotte« meint. Oder, um diesen mythologischen Vergleich mehr in die Sprache unserer kapitalistischen Zeit zu übersetzen: Friedrich war der Chef, der selbst an der Börse spekulierte, während die Daun und Laudon nur die Prokuristen waren, die immer bei ihrem Chef anfragen mußten, ehe sie das Vermögen des Hauses auf eine Karte setzten. Bei dem damaligen Zustande der Verkehrsmittel erhielten sie dann gewöhnlich erst nach Wochen eine Antwort, die zu der inzwischen völlig veränderten Lage zu passen pflegte wie die Faust aufs Auge. Worin aber die Daun und Laudon dem Könige selbst nachstanden, darin waren sie wieder den preußischen Generalen überlegen, die denn auch regelmäßig das Spiel verloren, sobald sie auf eigene Verantwortung schlagen sollten – mit einziger Ausnahme der Schlacht bei Freiberg, die Prinz Heinrich nach Napoleons Urteil auch verloren haben würde, wenn er statt der elenden Reichstruppen ein wirkliches Heer vor sich gehabt hätte. Die preußischen Generale durften nur bei »risque ihres Kopfes« eine Festung oder eine Schlacht verlieren, was sie begreiflicherweise nicht heldenmütiger, sondern behutsamer machte, während Maria Theresia über Niederlagen ihrer Generale nachsichtiger zu urteilen pflegte, bei ihrer Machtstellung freilich auch nachsichtiger urteilen konnte.

Übrigens ist der eben angezogene kapitalistische Vergleich für die Kriege des vorigen Jahrhunderts nicht gar so unpassend, wie er auf den ersten Anblick erscheinen könnte. Ihrer Form nach Kabinettskriege, waren diese Kriege ihrem Wesen nach Handelskriege, wie denn die handelspolitischen Gesichtspunkte, die den Ursprung und den Verlauf des Siebenjährigen Krieges bestimmt haben, schon angedeutet worden sind. Das Wesen dieser Kriege prägte aber auch der Art der Kriegführung ihren Stempel auf. Sie war sozusagen ein finanziell-kalkulatorisches .Geschäft. Man kannte ungefähr die Geldmittel, den Schatz, den Kredit seines Gegners; man kannte die Größe seines Heeres. Bedeutende Vermehrungen der finanziellen wie der militärischen Mittel waren im Augenblicke des Krieges ausgeschlossen. Das Soldatenmaterial war überall so ziemlich dasselbe; auch mußte es überall in gleicher Weise verwandt werden, das heißt mit großer Vorsicht, denn wenn das Heer zertrümmert wurde, so war kein neues zu beschaffen, und außer dem Heere gab es nichts. Nichts oder doch fast nichts. Denn kostbarer als der letzte Soldat war am Ende noch der letzte Taler, für den man einen neuen Soldaten werben konnte. So beruhte der Erfolg dieser Kriege wesentlich auf einem genauen und sicheren Voranschlage des Kriegsetats, und in diesem Zusammenhange tritt Friedrichs schon erwähntes Wort von dem letzten Taler als dem entscheidenden Faktor des Sieges erst in sein volles Licht. Es war für die damalige Zeit so richtig, daß es selbst dann galt, wenn dieser letzte Taler – wie in Friedrichs Falle – ein falscher Taler war. Nicht kraft seiner Siege hielt der König den Siebenjährigen Krieg durch, denn in den beiden letzten Jahren hat er überhaupt keine Schlachten geschlagen, und über die von 1758 bis 1760 gelieferten Schlachten sprechen seine Schriften in einer seine Anbeter beschämenden Bescheidenheit fast mit entschuldigenden Worten. Vielmehr: Er rettete sich und seine Krone durch die äußerste Erschöpfung des eigenen Landes, die fürchterliche Aussaugung Sachsens, die englischen Subsidien und die – Münzverschlechterung.

Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges in der Tat! Die Kipper und Wipper des siebzehnten Jahrhunderts feierten eine fröhliche Urständ, so sehr Friedrich für seine Person diese alte Fürstenindustrie verachtete. Er schämte sich ihrer wirklich und ließ seine falschen Münzen unter polnisch-sächsischem Stempel schlagen, wie denn die »polnischen Achtgroschenstücke« bis zur Einführung der deutschen Reichsmünze eine Plage der preußischen Bevölkerung geblieben sind, oder er kaufte ein paar Brüder von Gottes Gnaden wie den Fürsten von Anhalt-Bernburg, um mit ihrem landesväterlichen Antlitze seine Blechkappen und Grünjacken zu schmücken. Aber es half alles nichts, Geld, Geld und abermals Geld war nach Montecuccolis treffendem Worte nun einmal der Nerv der damaligen Kriegführung. Und es ist doch auch nicht zu übersehen, daß Friedrich nicht erst in der Not zu seiner »Industrie« griff, wie er sie verschämt nennt. Schon vor dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges schloß der König mit den drei Münzjuden Hertz Moses Gumpertz, Moses Isaak und Daniel Itzig einen Kontrakt wegen Ausprägung von Landesscheidemünze, um den Krieg mit geringerem Aufwände von edlem Metall im Auslande zu führen. Mit der wachsenden Not wurde das Geld nur immer schlechter, und deshalb hat sich vorwiegend an Veitel Ephraim, den letzten Münzjuden Friedrichs, der Fluch und der Haß des Volkes geheftet. Sehr unerfreulich war auch, daß Friedrich seine Söldner und seine Untertanen in schlechtem Gelde zahlte, aber selbst in gutem Gelde bezahlt sein wollte; auf diese Weise zog er alles gute Geld aus dem Lande, um es in schlechtes auszumünzen; erst als das gute Geld überhaupt verschwunden war, gestattete er im Jahre 1760, daß die königlichen Kassen »bloß aus Gnaden« auch schlechtes Geld annehmen dürften. Das stärkste Stück war aber, daß Friedrich die bei den Gerichten in gutem Gelde niedergelegten Summen einziehen und nach Beendigung der Prozesse den Parteien in schlechtem Gelde zurückzahlen ließ; wenn die in ihrem Vertrauen auf preußische Justiz so schmählich Geprellten darüber sich beschwerten, so mußten alle Instanzen sich anstellen, als verstünden sie die Beschwerden gar nicht.[46]

Nun ist klar, daß die Kriege des vorigen Jahrhunderts, wie sie jedes moralische Machtmittel verschmähten, auch keine moralischen Einwirkungen auf den Geist der Völker ausüben und keinen nationalen Geist erwecken konnten. Sie konnten es sowenig, wie die Gumpertz, Isaak, Itzig und Veitel Ephraim die Vorläufer der Lessing, Herder, Goethe und Schiller waren. Bei alledem müssen wir aber noch zwei Behauptungen prüfen, die neuerdings von patriotischen Geschichtsschreibern geltend gemacht worden sind, um dem Siebenjährigen Kriege, es koste was es wolle, den Charakter eines nationalen Volkskriegs zu retten. Da sollen zuerst die Freibataillone und namentlich die von Friedrich aufgebotene Landmiliz der erste Keim der späteren Landwehr gewesen sein. Man braucht sich aber nur einen Augenblick in Friedrichs Lage zu versetzen, um sofort zu erkennen, daß dem Könige nichts mehr am Herzen liegen mußte, als dem Kriege den Charakter eines Kabinetts- und Söldnerkrieges zu erhalten, daß ihm nichts verhaßter sein mußte als ein Aufgebot der Massen. Denn dann wäre er nicht nur militärisch der unendlich überlegenen Volkszahl der gegnerischen Mächte nicht entfernt gewachsen gewesen, sondern er hätte die bewaffneten Bauern seines eigenen Landes mehr fürchten müssen als alle Mächte der Welt. Und so vollständig ausgeschlossen nach der damaligen Kriegsverfassung ein Aufgebot der Massen eigentlich war, so hat Friedrich doch sorgfältig jeden Funken ausgetreten, der nach dieser Richtung hätte zünden können. Es kam ja vor, daß die Bauern hie und da zu ihren Heugabeln oder Sensen griffen, nicht aus Begeisterung für Friedrich und seine Junker, sondern um ihr bißchen Hab und Gut vor den Plünderungen, ihre Weiber und Kinder vor den Schändungen der ins Land gefallenen feindlichen Söldner zu schützen. Aber dann befahl der König sofort, die Landleute sollten sich bei ihrem Erbe halten und nicht in den Krieg mischen, sonst würde er sie als Rebellen behandeln, und den Bewohnern Ostfrieslands, die sich den eingedrungenen Franzosen widersetzt hatten und nun erst recht mitgenommen worden waren, antwortete er höhnisch auf ihre Klagen, er würde es geradeso wie die Franzosen gemacht haben. Selbst den Bürgern von Berlin mußte der Präsident Kircheisen bei schwerer Strafe verbieten, zu den Waffen zu greifen, als die Stadt im Jahre 1757 von den Österreichern zeitweilig besetzt wurde. Friedrich vermied mit der peinlichsten Sorgfalt alles, was dem Kriege einen »höheren«, einen »nationalen Lebensgehalt« hätte geben können, und das mußte er auch tun, wenn er sein Ziel nicht ein für allemal verloren geben wollte.

Daraus ergibt sich schon von selbst, daß es mit den Freibataillonen und der Landmiliz, die Friedrich im Siebenjährigen Kriege errichtete, eine ganz andere Bewandtnis gehabt haben muß, als neuere preußische Historiker behaupten. Diese Truppen kämpften nicht aus Begeisterung für König und Vaterland, sie waren nicht bessere Elemente als die gewöhnlichen Söldner, sondern gerade im Gegenteil: Sie bestanden aus dem Abhube des soldatischen Materials, den Friedrich überhaupt erst im äußersten Notfalle für militärische Zwecke benutzen mochte. In seinen Grundsätzen der Taktik sagt er »von denen Frey-Bataillons«, sie sollten beim Angriff auf verschanzte Stellungen in das erste Treffen gestellt werden und müßten gerade auf den Feind losgehen, »um dessen Feuer auf sich zu lenken und vielleicht eine Unordnung unter dessen Truppen zu veranlassen. Allemahl soll es hierbei feststehen, daß hinter die Frey-Bataillons reguläre Infanterie gestellt werde, die sie, durch die Furcht vor dem Bayonnett, zu einer hitzigen und nachdrücklichen Attaque zwinge«. Und Friedrich sagt weiter: »Bei den Affaires de Plaine« müssen die Frey-Bataillons zu äußerst an den Flügel, der refüsirt wird, gestellt werden, allwo sie die Bagage decken können.« Diese königlichen Vorschriften für die Bestimmung der Freibataillone enthalten zugleich die erschöpfendste und vernichtendste Kritik der Truppe. Friedrich hatte bei Kolin und auch sonst erfahren, wie verheerend die vorzügliche Artillerie der Österreicher aus verschanzten Stellungen die starren Linien seiner angreifenden Infanterie niederwarf; da sollen nun mit den Spitzen der Bajonette die Freibataillone vorangetrieben werden, rein als Kanonenfutter, um der regulären Infanterie einen möglichst gedeckten Angriff zu sichern, wobei dann »vielleicht« auch der Vorteil abfiel, daß diese verzweifelten Elemente in ihrer verzweifelten Lage dem Feinde einigen Schaden zufügten. Auf ebenem Gelände dagegen, wo die preußische Infanterie ihre volle Kraft entfalten konnte, werden die Freibataillone möglichst weit vom Schuß auf den ungefährlichsten Posten gestellt, wo sie keinen Schaden anrichten und durch Deckung der Bagage am Ende noch etwas nützen konnten. Sie waren einfach das unbrauchbarste Element des Heeres und bestanden denn auch nach allen über sie erhaltenen Nachrichten aus dem Abschaume der Menschheit.

Ein moralisch besseres, aber militärisch womöglich noch schlechteres Urteil verdient die Landmiliz. Friedrich befahl ihre Errichtung, als er nach den schweren Verlusten von Prag und Kolin die regulären Truppen aus der Mark und Pommern an sich ziehen mußte, aber diese Provinzen doch nicht ganz ohne militärischen Widerstand den anrückenden Russen und Schweden preisgeben mochte. Sie sollte von verabschiedeten Offizieren befehligt werden, und zu ihrer Unterhaltung wurde dem Lande zu allem andern eine Landmilizsteuer sowie eine Landmilizakzise auferlegt. Von dem Heere unterschied sich diese Truppe aber, um den Ausdruck noch einmal zu gebrauchen, nicht in der Art, sondern nur im Grade. Sie wurde ebenso rekrutiert und exerziert wie das Heer: Nur das Material war sehr viel schlechter. Es bestand aus den in die Städte geflohenen Bauern, verarmten Bürgern, die sonst dem Hungertode verfallen wären, Kriegsgefangenen, invaliden Soldaten und Kantonisten, die zum Heeresdienste bestimmt, aber noch nicht in das Heer eingetreten waren und auf diese Weise vor der Verschleppung durch die Feinde gesichert werden sollten. Ihre militärische Wirksamkeit ist immer von geringem Belange gewesen, und jedenfalls hatte sie mit einer Volksbewaffnung geradesowenig zu schaffen wie das friderizianische Heer überhaupt.[Anmerkung 36]

Die zweite Behauptung, durch die der »nationale Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges schlechterdings noch gerettet werden soll, läuft darauf hinaus, daß der Krieg die protestantische Geistesfreiheit usw. gerettet habe. Was es tatsächlich mit dieser Behauptung auf sich hat, haben wir zwar schon gesehen, aber man sagt auch hier: Sei dem so oder anders, die Welt sah doch nun einmal in Friedrich den Helden des Protestantismus, und bewußt oder unbewußt war er es auch. So viel ist nun gewiß richtig, daß der König die Religion als einen immerhin wichtigen Posten in seine militärischen Berechnungen einzustellen wußte. Aber man frage nur nicht: Wie? In seinen Generalprinzipien vom Kriege, der Instruktionsschrift, die er allen seinen Generalen für den Kriegsfall zur strengen Befolgung übergab, sagt er:

»Wenn der Krieg in einem neutralen Lande geführt wird, so – kommt es nur darauf an, wer von beyden die Freundschafft und das Vertrauen der Landeseinwohner gewinnen kann. Man hält strenge Disziplin ... Man beschuldigt den Feind von den allerschlimmsten Absichten, so er gegen das Land hege. Ist solches protestantisch, wie in Sachsen, so spielet man die Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion; ist das Land Catholisch, so spricht man von nichts als Tolerance. Was euch hierin noch übrigbleibt, ist der Fanatismus. Wenn man ein Volck wegen seiner Gewissens-Freiheit animiren, auch ihm beybringen kann, daß es von den Pfaffen und Devoten bedrücket wird, so kann man sicher auf dieses Volck rechnen; das heißt eigentlich, Himmel und Hölle vor euer Interesse bewegen.«

Ist es nun klar, daß Friedrichs arglose Seele weder bewußt noch unbewußt etwas von jenem Heldentum der »protestantischen Geistesfreiheit« geahnt hat, das er im Siebenjährigen Kriege bewährt haben soll? Aber – die Welt hatte sich angeblich darauf kapriziert, ein solches Heldentum in ihm zu erkennen, und so wirft denn die patriotische Zauberlaterne immer von neuem das Bild des österreichischen Marschalls mit dem geweihten Hut und Degen an die Wand. Indessen auch damit hat es eine gar eigene Bewandtnis. Friedrich hat sich zeitweise allerdings sehr bemüht, nicht nur vor Sachsen, sondern vor ganz Deutschland die »Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion« zu spielen oder, wie er an anderer Stelle sagt, »diejenigen in Wut entbrennen zu lassen, die auch nur noch eine schwache Neigung für Martin Luther haben«; er hat zu diesem Behufe durch den Marquis d'Argens eine Anzahl gefälschter Schriftstücke anfertigen lassen, so namentlich jenes päpstliche Breve, womit der Papst dem Marschall Daun als Belohnung für den Überfall von Hochkirch einen geweihten Hut und Degen verliehen haben sollte, und er hat auch sonst den ihm gar nicht unebenbürtigen Gegner in sehr unköniglicher Weise als den »Mann mit der geweihten Mütze« zu verhöhnen gesucht.[Anmerkung 37]

Allein dieser No-Popery-Spektakel war nicht auf die Nation, sondern auf die kleineren deutschen Höfe, und zwar nicht allein die protestantischen berechnet. Unzweifelhaft spielte auf österreichischer Seite in dem Siebenjährigen Kriege eine gewisse wenn auch abgeschwächte und beschränkte Tendenz mit, die habsburgisch-päpstliche Herrschaft doch noch über ganz Deutschland auszudehnen; die französischen Diplomaten an den deutschen Höfen erklärten in ihren Berichten nach Versailles, auch die katholischen Reichsstände wären um die »deutsche Libertät« besorgt, und es sei dringend notwendig, durch öffentliche Erklärungen diese Besorgnisse zu zerstreuen. Die österreichische Regierung verwahrte sich denn auch wiederholt gegen den Verdacht, als ob sie den westfälischen Friedensvertrag zu verletzen beabsichtige, indessen dieser Verdacht wuchs gewissermaßen von selber aus der Lage der Dinge hervor, und es war ein geschickter diplomatischer Schachzug Friedrichs, ihn nach Kräften zu nähren. Er tat es auch nicht ohne Erfolg. Am Reichstage zu Regensburg verhinderte die Gesamtheit der protestantischen Reichsstände durch einen eigenen Beschluß, daß die vom Wiener Hofe beabsichtigte Reichsacht über ihn verhängt wurde, und wenn die »Reichsexekutionsarmee« noch viel elender ausfiel, als sie nach der verkommenen Reichsverfassung ohnehin ausgefallen wäre, so war es, weil die meisten Reichsstände, katholische wie protestantische, widerwillig und zögernd ihre schlecht ausgerüsteten Truppen stellten. Insofern hatte Friedrich allen Grund, dem Marquis d'Argens zu schreiben, daß dessen antipapistische Fälscherkunststücke ihm eine gewonnene Schlacht wert seien; nur daß er dabei einzig an die moralische Einwirkung auf die Höfe, aber keineswegs auf die Nation dachte. Auch blieb dieser Erfolg in bestimmten Grenzen. Denn die kleinen deutschen Höfe waren viel zu ängstlich, als daß sie es zu einem selbständigen Entschlusse hätten bringen können; einige von ihnen, die gar zu dicht unter dem Griffe Friedrichs lagen, verbanden das Angenehme mit dem Sicheren, indem sie ihre Landeskinder als Hilfsvölker an England, das der Form nach nur mit Frankreich, aber nicht mit Österreich oder dem deutschen Reiche im Kriege lag, verkauften und vermieteten, in welchem Menschenschacher hoffentlich nicht auch noch ein »höherer Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges enthalten sein soll.

Dieser Krieg war ein Krieg wie alle Kriege des achtzehnten Jahrhunderts, die gemäß ihren ökonomisch-militärischen Möglichkeiten die bürgerliche Bevölkerung im Grunde gar nichts angingen. Und eben dies war die allgemeine Auffassung der Zeitgenossen auch vom Siebenjährigen Kriege. Unter seinem Eindrucke schrieb Friedrich: »Der friedliche Bürger soll es gar nicht merken, wenn die Nation sich schlägt.« Lessing aber schrieb in dem ersten Literaturbriefe: »Lieber will ich Sie und mich mit dem süßen Traume unterhalten, daß in unseren gesitteteren Zeiten der Krieg nichts als ein blutiger Prozeß unter unabhängigen Häuptern ist, der alle übrigen Stände ungestöret läßt und auf die Wissenschaften weiter keinen Einfluß hat, als daß er neue Xenophons, neue Polybe erwecket.« Und Clausewitz schreibt über die Kriege des achtzehnten Jahrhunderts: »Der Krieg wurde nicht bloß seinen Mitteln, sondern auch seinem Ziele nach immer mehr auf das Heer selbst beschränkt. Das Heer mit seinen Festungen und einigen eingerichteten Stellungen machte einen Staat im Staate aus, innerhalb dessen sich das kriegerische Element langsam verzehrte. Ganz Europa freute sich dieser Richtung und hielt sie für eine notwendige Folge des fortschreitenden Geistes. Obgleich hierin ein Irrtum lag, ... so hatte allerdings diese Veränderung eine wohltätige Wirkung für die Völker, nur ist nicht zu verkennen, daß sie den Krieg noch mehr zu einem bloßen Geschäfte der Regierung machte und dem Interesse des Volkes noch mehr entfremdete.« Das sind gleich drei klassische Zeugnisse auf einmal, aber es seien ihnen auch noch einige bezeichnende Tatsachen hinzugefügt!

Als Friedrich sich in einem Winterquartiere zu Leipzig mit Gottsched über deutsche Literatur unterhalten hatte, richtete er eine französische Ode an den »sächsischen Schwan«, und Gottsched antwortete öffentlich in einem überschwenglichen Huldigungsgedichte, das mit den Worten schloß: »Und dein Bewunderer bleibt der deine.« Über diese Albernheit hat Lessing weidlich gespottet, aber niemand hat zu jener Zeit das geringste Arg darin gefunden, daß ein kurfürstlich sächsischer Professor in solcher Weise den Eroberer seines Landes, den Todfeind seines Landesherrn, öffentlich anschmeichelte; was heute als eine landesverräterische Infamie erscheinen würde, erschien damals als ganz natürlich oder wurde höchstens wegen seiner ästhetischen Geschmacklosigkeit verlacht; so sehr betrachtete sich die bürgerliche Bevölkerung als außerhalb des Kriegszustandes. Sehr lehrreich ist auch der Briefwechsel, den der in Leipzig lebende Lessing im Jahre 1757 mit seinen Berliner Freunden Moses Mendelssohn und Nicolai führte. Das Jahr 1757 war das einzige des Siebenjährigen Krieges, das eine gewisse Heldenverehrung hervorrufen zu können schien. Die Schlacht bei Prag als die gewaltigste des Jahrhunderts; dann der jähe Glücksumschlag von Kolin; endlich aus dem tiefsten Falle wieder ein schnelles Aufsteigen in dem lustigen Siege von Roßbach und dem glänzenden Siege bei Leuthen! Was mögen darüber wohl Friedrichs Geistesverwandter und Mitrevolutionär Lessing und der brandenburgisch-preußische Patriot Nicolai in ihren Briefen vor lauter Herzenslust geschwatzt haben! Nun – gar nichts, sozusagen. Man findet in ihrem Briefwechsel aus dem Jahre 1757 weitläufige Erörterungen über die Theorie der Tragödie, allerlei Tüfteleien über grammatikalische Unklarheiten in Klopstocks Messias, Beratungen über Druck und Verlag der Bibliothek der schönen Wissenschaften, welche die Preußen Mendelssohn und Nicolai endlich bei einem sächsischen Verleger unterbringen – aber vom Kriege? Sozusagen nichts; es sei denn, daß man Lessings Mitteilung, der Dichter Ewald von Kleist sei als Major zu einem in Leipzig garnisonierenden Infanterieregiment kommandiert worden, oder die Neckerei von Moses, Lessing sei wohl zum Schutze für die Kurmark angeworben worden, da er so lange auf Antwort warten lasse, für etwas nehmen will.

Immerhin, wenn Lessing und Moses, die für jene Zeit zu den vorgeschrittensten Elementen der bürgerlichen Bevölkerung in Deutschland gehörten, im allgemeinen noch dem Kriege gleichgültig gegenüberstehen, so bricht doch in ihnen schon die Erkenntnis jenes »Irrtums« durch, von dem Clausewitz spricht; nur nach einer ganz anderen Richtung hin, als die Theorie des »höheren Lebensgehalts« erwarten lassen sollte. In der oben angeführten Äußerung Lessings von dem »süßen Traum« leuchtet bereits ein Zweifel hervor, der in den unmittelbar vorhergehenden Sätzen noch klarer hervortritt. Sie lauten: »Der Friede wird ohne sie (die Musen) wiederkommen; ein trauriger Friede, von dem einzigen melancholischen Vergnügen begleitet, über verlorene Güter zu weinen. Ich rufe Ihren Blick aus dieser finstern Aussicht zurück. Man muß einem Soldaten sein unentbehrliches Geschäft durch die bejammernswürdigen Folgen desselben nicht verleiden.« Und ganz ähnlich schreibt Moses an Lessing im Jahre 1757, indem er ihn bittet, Leipzig als einen Ort der Unruhe, der Betrübnis und der allgemeinen Verzweiflung zu verlassen: »Kommen Sie zu uns, wir wollen in unserm einsamen Gartenhause vergessen, daß die Leidenschaften der Menschen den Erdball verwüsten. Wie leicht wird es uns sein, die nichtswürdigen Streitigkeiten der Habsucht zu vergessen, wenn wir unsern Streit über die wichtigsten Materien, den wir schriftlich angefangen, mündlich fortsetzen werden!«[47]

Merkwürdig, daß diese Wortführer der bürgerlichen Klassen bei einem kritischen Blick auf den Siebenjährigen Krieg nicht von Sympathie, sondern von Antipathie überfließen! Merkwürdig oder vielmehr nicht merkwürdig! Denn jene Vorstellung, daß der Krieg die bürgerliche Bevölkerung nichts angehe, war doch nur möglich, weil und solange diese Bevölkerung allen Selbstbewußtseins entbehrte; mit diesem Selbstbewußtsein mußte sofort die Erkenntnis erwachen, daß sie allein die Kosten des Krieges zu tragen habe und daß jene »wohltätige Wirkung«, die eine »notwendige Folge des fortschreitenden Geistes« zu sein schien, gerade um den Preis jedes »höheren Lehensgehalts« erkauft wurde. Der Siebenjährige Krieg konnte die bürgerliche Bevölkerung noch gleichgültig lassen und ließ sie noch gleichgültig, aber soweit er etwa eine Empfindung in ihr erweckte, war es eine Empfindung des Abscheus, nicht eine Empfindung des bürgerlichen Selbstbewußtseins oder des nationalen Stolzes. Diese Empfindung konnten die bürgerlichen Zeitgenossen aus dem Siebenjährigen Kriege ebensowenig schöpfen, wie Friedrich den Krieg nach der napoleonischen Strategie führen konnte. Selbst die bloße Vorstellung eines solchen Zusammenhanges war nicht eher möglich, als bis die amerikanischen und französischen Revolutionskämpfe dem Kriege eine ganz andere Form und einen ganz anderen Inhalt gegeben hatten, und in der Tat hat Goethe erst unter dem frischen Eindruck des napoleonischen Kriegszeitalters dem Siebenjährigen Kriege eine Bedeutung untergelegt, die Friedrichs Kriege für die bürgerlichen Zeitgenossen nicht hatten und schlechterdings nicht haben konnten.

Soviel zur historischen Kritik der Lessing-Legende in ihrer zweiten und zugleich auch noch in ihrer ersten Gestalt. War es notwendig, etwas weit auszuholen, um so verjährten und versteinerten Irrtümern, die unter dem Schutze so großer Namen stehen, auf den Grund zu gelangen, so wird sich die dritte Gestalt der Lessing-Legende desto schneller erörtern lassen, die byzantinische Knechtsgestalt nämlich, welche sie im neuen Deutschen Reich angenommen hat.

X. Scherer und Erich Schmidt über Lessing

Die Lessing-Legende in ihrer dritten Gestalt hat zwei typische Werke aufzuweisen: Scherers »Geschichte der deutschen Literatur« und Erich Schmidts Lessing-Biographie.

Alle sonstigen Erzeugnisse der seit 1870 in tropischer Fülle aufgewucherten Lessing-Literatur können hier übergangen werden. Es wäre unbillig, den Bearbeitern der Hempel-Ausgabe einzelne loyale Kopfsprünge aufzumutzen; sie haben sich durch philologischen Kärrnerfleiß um Lessings Werke verdient gemacht und damit das sicherste Gegengift gegen die dauernde Verseuchung von Lessings Wirksamkeit geschaffen. Die beiden englischen Lessing-Biographien (von Sime und Zimmern) besitzen keinen selbständigen Wert; eine ganz traurige Zusammenstoppelung ist Lessings Leben von Düntzer. Der Verfasser teilt an der Spitze seiner Vorrede mit, daß Herr C. R. Lessing »hochverdient« um seine Arbeit sei, und jede Seite der geschmacklosen Kompilation bestätigt diese Mitarbeiterschaft. Herr C. R. Lessing, der gegenwärtige Besitzer der »Vossischen Zeitung«, ist ein Kapitalist von gewöhnlichem Schlage, aber von ungewöhnlichem Reichtum, der heute eine Protzenausgabe des Nathan veranstaltet und morgen einen Tintenkuli wegen jüdischer Abstammung aufs Pflaster wirft, bei der einen wie bei der anderen Huldigung an den berühmten Großohm umtost von dem rauschenden Beifalle der kapitalistischen Lessing-Korybanten. Es lohnt so wenig, dies abstoßende Bild näher auszumalen, wie mit den Liliputern des Lessing-Humbugs anzubinden, den Gelehrten der »Vossischen Zeitung«, der »National-Zeitung«, des »Berliner Tageblattes« und anderer Kapitalistenblätter. Bei Scherer und Erich Schmidt steht wenigstens eine alexandrinische Gelehrsamkeit hinter der byzantinischen Gesinnung, und ihre Mißhandlung Lessings wie unserer klassischen Literatur überhaupt beansprucht deshalb eine gewisse kulturgeschichtliche Bedeutung, weil Scherer bis zu seinem vor einigen Jahren erfolgten Tode Professor der Literaturgeschichte an der Berliner Hochschule war und Erich Schmidt sein Nachfolger geworden ist.

Scherer ist von Lessing schon vorausgeahnt worden, und zwar, als Lessing schrieb: »Gott weiß, ob die guten schwäbischen Kaiser um die damalige deutsche Poesie im geringsten mehr Verdienst haben als der itzige König von Preußen um die gegenwärtige. Gleichwohl will ich nicht darauf schwören, daß nicht einmal ein Schmeichler kommen sollte, welcher die gegenwärtige Epoche der deutschen Literatur die Epoche Friedrichs des Großen zu nennen für gut findet.« Dieser »Schmeichler« ist Scherer. Auf etwa 130 Seiten seines Werkes behandelt er das »Zeitalter Friedrichs des Großen«, von Gottsched und Gellert bis auf Herder und Goethe, Lessing mitten darunter mit etwa 50 Seiten.[48]

Zwar kennt Scherer die »Warnungstafel« Lessings, aber sie »schreckt ihn gar nicht«. Natürlich nicht; wie sollte Scherer auch nicht die übermenschliche Courage besitzen, dem toten Lessing eine blutige Beleidigung zuzufügen, die sich der lebende Lessing schon so derbe verbeten hatte? Es ist wahr: Scherer bringt auch eine Art von Begründung für seine Auffassung bei, sogar unter ausdrücklichem Verzicht auf Goethes »berühmte Stelle«; er meint, die Tatsachen selbst redeten eine so deutliche Sprache, der literarische Aufschwung hinge mit dem politischen zusammen. Grundsätzlich schimmert hier eine richtige Ansicht durch. Wenn man die Literaturgeschichte eines Zeitalters erzählen will, ohne die ökonomische und politische Geschichte desselben Zeitalters zu kennen, so verfällt man günstigenfalles in eine ästhetisch-philologische Kannegießerei. Unzählige Literaturgeschichten bezeugen es und ganz besonders auch die Literaturgeschichte Scherers. Denn jener scheinbare Anflug von besserer Einsicht ist bei ihm nichts als eine höfische Redewendung, um den König Friedrich als die geistig bahnbrechende Größe in unsere klassische Literatur einzuschmuggeln. Er vernachlässigt sonst in der unglaublichsten Weise den Zusammenhang zwischen Literatur und Politik. Er bekommt es sogar fertig, über Luther und Hutten zu orakeln, ohne die Stellung dieser Männer zu den politischen und sozialen Fragen ihrer Zeit auch nur anzudeuten. »Die Reformation war zunächst Luther. Sein Wille, seine geistige Richtung entschied.« Luther hatte »aus inneren Kämpfen die Kraft gezogen, sich dem Papste und der alten Kirche entgegenzuwerfen und die Nation mit sich fortzureißen«. Welch tiefsinnige Auffassung der Reformationsgeschichte! Selbst ein bürgerlicher Gelehrter wie Roscher fordert: Um zu erkennen, wes Geistes die einzelnen Männer des deutschen Reformationszeitalters gewesen seien, müsse man ihre Stellung zum Bauernkriege prüfen. Und was sagt Scherer über Luthers Verhalten zu den Bauern? Man höre: »Der hochgestiegene Bauernsohn gab den Bauern die göttlichen Wahrheiten hin.« Wie gnädig, wie herablassend, wie idyllisch! Von Luthers Verrat an den Bauern, der wie die politische und soziale so auch die literarische Wirksamkeit des Reformators in entscheidender Weise beeinflußte, weiß Scherer nichts oder will er nichts wissen.

So wenig begreift er von dem inneren Zusammenhange zwischen den literarischen und den ökonomisch-politischen Zuständen, aber sowie der brandenburgisch-preußische Staat in Sicht kommt – hilf Himmel! da muß schon eine Phrase herhalten, gleichsam ein Stückchen Seife, mit dem der byzantinische Schaum geschlagen werden kann. »Alle preußischen Regenten seit dem großen Kurfürsten hatten ein Verhältnis zur deutschen Bildung; alle haben sie irgendwie direkt oder indirekt gefördert.« Wirklich? Beispielsweise auch jener Friedrich Wilhelm I., der die Einkünfte der Berliner Akademie zu Besoldungen für seine Hofnarren bestimmte, der die Universitätsprofessoren zu Frankfurt a. O. in der schnödesten Weise verhöhnte, der einen Lehrer, welcher dem Kronprinzen Friedrich die Goldene Bulle erklärte, mit den Worten durchprügelte: »Warte, Schurke, ich werde Ihn beauream bullam«, der, wie selbst Treitschke zugibt, für alles ideale Schaffen nur den Spott des Barbaren hatte? Auch dieser; Scherer »läßt die Tatsachen selbst so deutlich reden«. Friedrich Wilhelm I. haßte, wie alle Bildung, so auch die französische Bildung. Dies ist die »Tatsache«, und sie »redet«: »Die Hauptmächte der deutschen Erziehung seit der Reformation und Renaissance, das biblische Christentum und die antike Literatur, konnten daher auf die jungen Preußen mehr unmittelbar einwirken als auf die übrigen Deutschen«, und »es war daher kein Zufall, daß an der Universität Halle die poetische Richtung zuerst hervortrat, welche nachher der Preuße Klopstock auf ihren Gipfel brachte, daß Winckelmann aus Preußen stammte und daß Lessing in Berlin den entscheidenden Anstoß erhielt.« So wird Literaturgeschichte im neuen Deutschen Reiche geschrieben!

Verweilen wir indessen einen Augenblick bei dem byzantinischen Geschwafel! Die Universität Halle bekam das väterliche Zepter Friedrich Wilhelms I. fühlbar zu schmecken, als der König ihrem damals berühmtesten Lehrer, dem Philosophen Wolff, bei Strafe des Stranges befahl, binnen achtundvierzig Stunden die sämtlichen königlichen Lande zu räumen. Es geschah, weil einige professorale Neidhämmel, namentlich der Theologe Lange, dem Könige hatten einblasen lassen, Wolff predige den Fatalismus; wenn nach Wolffs Lehre ein langer Grenadier aus Potsdam desertiere, so habe das Fatum es so haben wollen, und der Deserteur dürfe nicht bestraft werden, weil er dem Fatum nicht habe widerstehen können. Diese landesväterliche Aufmunterung der Wissenschaften »redete so deutlich«, daß sie die Hallische Dichterschule erzeugte. »Es war daher kein Zufall«, weder daß der einzige Unsterbliche dieser Schule ein Sohn jenes Denunzianten Lange war, noch daß seine Unsterblichkeit aus der antiken Literatur entsprang, welcher Friedrich Wilhelm I. die »mehr unmittelbare« Einwirkung auf die »jungen Preußen« gesichert hatte. Siehe Lessings Vademecum für Herrn Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, wodurch dieser Übersetzer des Horaz unsterblich wurde wie das Insekt im Bernstein.

An dem von Apollo geschundenen Marsyas entzündete sich – nach Scherer – der »Preuße« Klopstock. Der »Preuße«, wahrhaftig! Klopstock war in Quedlinburg geboren, und Quedlinburg war von 937 bis 1803 ein reichsunmittelbares Frauenstift. Seine Bildung und Erziehung erhielt Klopstock auf der sächsischen Gelehrtenschule Pforta und der sächsischen Universität Leipzig; der König von Dänemark gewährte diesem deutschen Dichter dann die nötige. Muße zur Vollendung des Messias; Klopstock lebte zumeist in Kopenhagen und Hamburg, zeitweise auch in Zürich und Karlsruhe, wo ihm der Markgraf von Baden ein wohlwollender Beschützer war. Klopstocks Beziehungen zu Preußen beschränkten sich darauf, daß er die Ausländerei Friedrichs II., des, wie er sagte, »Fremdlings im Heimischen« bitter verspottete und daß er sich von den Habsburgern noch weit eher eine Förderung der deutschen Literatur versprach als von den Hohenzollern. Aber Scherer sagt doch, daß Klopstock ein »Preuße« war, und Scherer ist ein ehrenwerter Mann. Nun, die Sache hängt so zusammen, daß Preußen die Schirmvogtei über das Frauenstift Quedlinburg, einige zwanzig Jahre vor Klopstocks Geburt und unter heftigem Widerstreben der Quedlinburger, von Sachsen für 300 000 Taler kaufte und daß Quedlinburg dann im Todesjahre Klopstocks, als der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 die große Heimramschung der geistlichen Gebiete vollzog, an den preußischen Staat fiel. Als Säugling und Klippschüler hat Klopstock wohl einmal die Söldner Friedrich Wilhelms I. in Quedlinburg exerzieren oder auch Spießruten laufen sehen, und so kam er ganz unvermerkt in das »biblische Christentum« und die »antike Literatur« hinein, wodurch wir Deutsche dann wieder – welch unerforschliche, aber von Scherer durch und durch erforschte Fügung des Himmels! – zu einer klassischen Literatur kamen, wir wußten nicht wie. Schade, ewig schade, daß der unglückliche Klopstock selbst nie erfahren hat, welche segensreichen Mächte über seinem ahnungslosen Haupte walteten! Als er längst ein berühmter Dichter war, durfte er sich in seinem Vaterhause nur heimlich aufhalten, weil die preußischen Werber ihm nachstellten, und mit Mühe entging sein väterliches Erbe der Beschlagnahme durch den preußischen Militärfiskus.

Aber Winckelmann »stammte aus Preußen«, wie Scherer behauptet. Und das stimmt. Winckelmann war ein Schusterssohn aus Stendal, wo ihm sogar im Schatten einer gotischen Kirche eine Bildsäule errichtet worden ist, beiläufig ein so geschmackloses Denkmal, wie es der kultivierte Europäer höchstens seinem Todfeinde wünschen mag. Aber ach! für Scherer ist es wieder schade, daß Winckelmann, der es am Ende doch auch wissen mußte, seine preußische Abstammung nicht bloß nicht für »keinen Zufall«, sondern gerade im Gegenteil für den ärgerlichsten und unbegreiflichsten Zufall von der Welt hielt. Als er den märkischen Staub von den Pantoffeln schütteln durfte, schrieb er: »Ich habe viel leiden müssen und werde stets einen Widerwillen gegen mein Vaterland behalten.« Und ferner: »Mein Vaterland vergesse ich gern ... Mein Vaterland ist Sachsen; ich erkenne kein anderes und ist kein Tropfen preußischen Blutes in mir.« Statt Preußen schreibt er oft kurzweg »Das despotische Land«, und zwar »drückt auf ihm der größte Despotismus, der je gedacht ist. Ich gedenke mit Schaudern an dieses Land.« Wenn Winckelmann befürchtet, daß ein alter Freund von ihm nicht mehr am Leben sei, so fügt er hinzu: »Es wäre sein Bestes für ihn und alle diejenigen, welche in diesem unglücklichen Lande eine schwere und erstickende Luft schöpfen.« Er meint, ein freier Schweizer müsse dies Land ärger als Sibirien verwünschen. »Es schaudert mich«, ruft er in einem Briefe an Usteri vom 15. Januar 1763, »die Haut vom Wirbel bis zur Zehe, wenn ich an den preußischen Despotismus und den Schinder der Völker denke, welcher das von der Natur selbst vermaledeite und mit lybischem Sande bedeckte Land zum Abscheu der Menschen machen und mit ewigem Fluche belegen wird. Lieber ein beschnittener Türke als ein Preuße.« Und so ins Endlose.[Anmerkung 38]

Soviel zur Kritik dessen, was Scherer über Friedrich Wilhelm I. als geistigen Ahnherrn unserer klassischen Literatur beibringt; auf den »entscheidenden Anstoß«, den Lessing in Berlin erhalten haben soll, müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Dagegen ist schon durch unsere bisherige Darstellung im wesentlichen erledigt worden, was Scherer als die Ruhmestitel Friedrichs II. in Sachen der deutschen Bildung anführt: seinen kirchlichen Liberalismus, seine patriotischen Kriegstaten, seine lebendige Teilnahme an literarischer Kultur und sein ruhmvolles Beispiel, das ihm unter den deutschen Fürsten Schüler und Anhänger wie Karl August von Weimar erweckt habe. Auch sind diese vier Punkte bereits von Xanthippus-Sandvoß in ausgezeichneter Weise beleuchtet worden. Nur über den »kirchlichen Liberalismus« noch ein kurzes Wort! Für die Person des Königs war dieser »kirchliche Liberalismus«, wie Herr Sandvoß treffend hervorhebt, einfach der Atheismus; für seine Politik aber war er ein durch feudal-militärische Bedürfnisse geregelter Konfessionalismus, der da, wo er frei ausgreifen konnte, mit dem extremsten Ultramontanismus um die Palme der Unduldsamkeit rang. Man entsinnt sich noch des fürchterlichen Lärms, der sich jüngst über den Vorschlag eines ultramontanen Blattes erhob, wonach die Universitätsprofessoren auf die Glaubensbekenntnisse ihrer entsprechenden Konfessionen verpflichtet werden sollten; nun, dieser Vorschlag war noch recht »liberal«, verglichen mit der Tatsache, daß zu Friedrichs Zeit die evangelische Konfession in dem Professoreid von allen vier Fakultäten beschworen werden mußte. Gewiß ein famoser »kirchlicher Liberalismus«, aus dem – so will es Scherer – unsere klassische Literatur erwachsen ist!

Am unerträglichsten werden Scherer und sein würdiger Nachfolger Erich Schmidt, wenn sie aus Lessing einen Karriereschnaufer des heutigen Schlages machen wollen. Über die flüchtige Berührung, in die Lessing persönlich mit Voltaire gekommen ist oder gekommen sein soll, schreibt Scherer: »Ungeheurer Vorteil für den jungen Anfänger! Tischgenosse des ersten Schriftstellers im damaligen Europa; Gast des Freundes des Königs von Preußen: Welche Aussichten auf Belehrung und Förderung, auf Protektion und Empfehlung!« Jawohl, und welche Dreistigkeit, in die Seele eines Lessing »Aussichten auf Protektion und Empfehlung« hineinlesen zu wollen! Herr Erich Schmidt aber orakelt bei demselben Anlasse: »Kein Zweifel, daß manchmal eine kühne Hoffnung, im Gefolge Voltaires die Aufmerksamkeit des Monarchen auf sich zu lenken, der Seele Lessings nicht fernblieb, denn von Friedrich beachtet zu werden, war die Sehnsucht aller deutschen Schriftsteller, auch derer, die sich scheinbar so stolz in ihre christlich-germanische Tugend hüllten.« Nun, das ist doch noch eine Unverschämtheit, die sich gewaschen hat. Wir können erst in dem zweiten Teile dieser Darstellung die urkundlichen Beweise für die herbe Verachtung beibringen, womit Lessing in der nationalen Gesinnung, die ihm als einem Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen eignete, auf die französische Bildung des Königs herabsah, aber hier ist schon der Ort, festzustellen, daß Herr Erich Schmidt für die Behauptung, die er »keinem Zweifel« unterworfen sein läßt, auch nicht den Schatten eines Buchstabens als Beweis beibringen kann. Nicht den Schatten eines Buchstabens! Aber damit noch nicht zufrieden, fährt Herr Erich Schmidt fort: »Und Lessings Vertrauen mochte sicherer scheinen als die Bemühungen der Hallenser um die Fürsprache des dichtenden Generals Stille.« So kommt Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, doch noch zu den Ehren, um die ihn Lessings Vademecum schnöderweise gebracht hat; der brave Patriot bemühte sich doch nur um die Gunst eines preußischen Generals, während Lessing einem französischen Schöngeiste nachlief, weil es ihm »sicherer scheinen mochte«. Dieser Lessing, aber nun ist er auch erkannt! Herr Erich Schmidt schreibt weiter: »Ebensowenig wird es ein Irrtum sein, Lessings Anlauf zu einem französischen Lustspiele, dem Palaion, für eine leise Frage an Voltaire und den König zu erklären.« Ebensowenig! Zu einer Zeit, wo der junge Lessing viel mit einem französischen Sprachlehrer verkehrte, um sich in der französischen Sprache auszubilden, hat er einige Szenen in französischer Sprache geschrieben, genau sechs kleine Druckseiten, die dann über ein Menschenalter später in seinem Nachlasse gefunden worden sind. Und darum Kriecher und Streber! An einer anderen Stelle sagt Herr Erich Schmidt, Lessing habe sich in Berlin nach »hohen Gönnern umgeschaut«. Oho – doch wir haben schon einen starken Ausdruck über Herrn Erich Schmidt gebraucht, und an dem mag es genug sein.[Anmerkung 39]

Was nun aber die »christlich-germanische Tugend« anbelangt, so sollte Herr Erich Schmidt doch lieber in seinen eigenen Busen greifen. Indem er Lessings Rettungen des Horaz bespricht, sagt er: »Die Freunde der Dichter mögen hoffen, daß nach Archilochos, Alkaios, Horatius auch der Freischärler Herwegh, auf dem noch immer der Mythus von dem bergenden Spritzleder lastet, seinen Retter finde.« Was soll das nun wohl heißen? Der »Mythus von dem bergenden Spritzleder« ist mindestens ein halb Dutzend Mal so bündig widerlegt worden, wie eine niederträchtige, rein aus der Luft gegriffene Tendenzlüge nur immer widerlegt werden kann. Und das scheint auch Herr Erich Schmidt zu wissen, denn er spricht von einem »Mythus«. Aber wo kann denn noch eine elende Lüge »lasten«, wenn sie soundso oft widerlegt ist? Etwa auf »hohen Gönnern«? Und deshalb schleift wohl Herrn Erich Schmidts »christlich-germanische Tugend« den traurigen Schwindel bei den Haaren in eine Lessing-Biographie? Er macht zwar aus Lessing einen frommen Knecht Fridolin, aber es ist so verteufelt schwer, diesen Mohren weißzuwaschen, und so erklärt der Lessing-Biograph zu aller Sicherheit mit dem gegen Herwegh gezielten Fußtritte:

»So wisset denn, daß ich Hans Schnock, der Schreiner, bin, Kein böser Low' fürwahr, noch eines Löwen Weib.«

Werfen wir aber noch einen Blick in den zweiten Band des Herrn Erich Schmidt! Hier dichtet er das ergreifende Martyrium Lessings in Wolfenbüttel zu einer Nörgelei des beschränkten Untertanenverstandes gegen einen großartigen und wohlwollenden Herrscher um. Im Anfang des Jahres 1773 versprach der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig aus freien Stücken, Lessings bis dahin kümmerlich besoldete Stellung aufzubessern, wenn Lessing sich dauernd »in braunschweigischen Diensten fixieren« wolle. Lessing, der sich inzwischen mit Eva König verlobt hatte und die Verbindung mit der geliebten Frau nicht schnell genug beeilen konnte, übernahm die Verpflichtung, und nun – tat der edle Erbprinz, als wüßte er von gar nichts. Er schwieg Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Man muß in Lessings Briefen nachlesen, wie ihm diese fürstliche Tücke das Leben in dem einsamen Wolfenbüttel vergällte; nichts erschütternder als die wilden Schmerzensschreie, die sich trotz aller männlichen Selbstbeherrschung immer wieder aus seinem stolzen Herzen rangen. Und dann höre man Herrn Erich Schmidt von oben herab tadeln, daß Lessing »aller kaltblütigen Überlegung beraubt wurde«. »Alles verzerrte sich ihm.« »So wühlte er sich in die blinde Wut gegen einen Fürsten hinein, dessen Verbrechen darin bestand, daß er zu früh gesprochen und nun weder die freie Hand noch die Aufrichtigkeit hatte, um Lessings fieberhafte Ungeduld durch ein Ja oder ein Nein zu befriedigen.« »Fieberhafte Ungeduld« ist gut als wohlmeinender Tadel für die Gefühle eines starken Mannes, der, durch eine große Liebe an einen öden Felsen gekettet, drei oder vier Jahre lang Tag für Tag den Geier an seinem Herzen fressen fühlt. Und was war der Grund davon, daß der »Fürst« »weder die freie Hand noch die Aufrichtigkeit« hatte? Herr Erich Schmidt enthüllt als diesen Grund »die stolze Zurückhaltung des nur mit der Finanzreform beschäftigten Erbprinzen«. Oder, wie er an einer anderen Stelle sagte: »Lessing kämpfte mit Schulden; auch der Erbprinz stemmte sich gegen die Lawine der Geldnot.«

Der Vater des Erbprinzen, Herzog Karl, hatte die braunschweigischen Finanzen gänzlich zerrüttet. Er war »ohne ängstliche Sparsamkeit«, wie Herr Erich Schmidt sagt; »Herzog Karl mit seinem leichten sinnlichen Naturell freute sich, auf dem Thron all die pedantischen Fesseln einer engherzigen Jugendbildung abzustreifen und seinem Impresario Niccolini übermäßige Mittel zur Verfügung zu stellen.« Ein anderer bürgerlicher Geschichtsschreiber, der übrigens mit dem ideologischen Poltern seines wohlfeilen Radikalismus sonst gar nicht unser Mann ist, nämlich J. Scherr, schreibt über den gleichen Fall: »Herzog Karl von Braunschweig verstand ganz vortrefflich die Alchimie, das Blut seiner Untertanen in Gold zu verwandeln. Er hatte es auch sehr nötig, falls er, obgleich nur Herr über 60 Quadratmeilen und 150 000 Untertanen, auf dem Fuße eines Sultans von Babylon leben wollte. Und er wollte und tat so. Seinem Theaterdirektor und Oberkuppler, dem italischen Gauner Niccolini, gab er einen jährlichen Gehalt von 30 000 Talern, dem Gotthold Ephraim Lessing, Bibliothekar in Wolfenbüttel, gab er 600 Taler jährlich.«[49]

Am Rande des Bankerotts mußte der Herzog im Jahre 1773 die Regierung dem Erbprinzen überlassen, der sich, wie Herr Erich Schmidt rühmt, nunmehr in »stolzer Zurückhaltung« »nur« mit der »Finanzreform« beschäftigte.

»Nur« – in der Tat! »Ohne eine Phrase zu verlieren« – so stürmt Herr Erich Schmidt in die Saiten –, »übte der Erbprinz für seine Person eine ihm unnatürliche Ökonomie«, und also enthielt er auch, selbst ein Büßer, dem Bibliothekar in Wolfenbüttel die 200 Taler Gehaltsaufbesserung vor, denn um eines solchen Bettels willen wurde Lessing von dem ausgezeichneten Fürsten jahrelang auf die Folter gespannt. Aber wenn nicht für seine Person, für wen unterhielt dann der Erbprinz den Harem, in dem die Gräfin Branconi und das Fräulein v. Hertefeld als Favoritsultaninnen glänzten?[Anmerkung 40]

Auch aus diesem Schmutze sproßt die Loyalität des Herrn Erich Schmidt wie eine reine Lilie hervor; er schreibt: Der Erbprinz »hielt sich Mätressen, die seine Sinne, nie seinen Kopf und sein Herz beherrschten«. Und zwanzig Zeilen weiter: »Er legte mit ungeheurer Selbstbeherrschung seine Leidenschaften wie Hunde an die Kette.« Herr Erich Schmidt meint damit, daß der einundsiebzigjährige Greis noch 1806 als preußischer Oberfeldherr eine französische Buhldirne mit auf das Schlachtfeld von Jena schleppte. Patriotische preußische Offiziere waren damals allgemein der Überzeugung, daß diese Beischläferin die Pläne und Entschließungen des Herzogs ihren anrückenden Landsleuten verraten habe.[50]

Aber offenbar haben sie sich dabei von ihrem nur zu berechtigten Zorne zuweit reißen lassen. Denn die Schelmin hätte mehr geben müssen, als sie kriegen konnte, wenn sie bei Jena »Pläne und Entschließungen« ihres Liebhabers hätte verraten wollen. Und nun gar Herrn Erich Schmidts Enthüllungen aus den braunschweigischen Haremsgeheimnissen entlasten den Herzog und seine Dirne vollständig.

Wo bleibt denn nun aber die »Finanzreform«, die den damaligen Erbprinzen »nur« beschäftigte, so daß Lessing darüber sterben und verderben konnte? Sie war ein ganz einfaches Handelsgeschäft; der Erbprinz war nächst dem Landgrafen von Hessen unter den deutschen Kleinfürsten der betriebsamste Händler in Menschenfleisch. Er verschacherte an England und Holland viele Tausende von Landeskindern um schweres Geld. War diese Tatsache Herrn Erich Schmidt bekannt? Als ob sie es einem so sorgfältigen »Philologen« nicht wäre! Und gleichwohl –? Spaß für einen neu-reichsdeutschen Byzantiner! Der Erbprinz »beugte seinen Stolz zur Vermietung braunschweigischer Truppen« und noch dazu, »ohne eine Phrase zu verlieren«. Dieser Haß gegen die »Phrase« ist etwas auffallend bei einem Schriftsteller, der einen so gedunsenen und geschwollenen, so überladenen und vor lauter Phrasenhaftigkeit manchmal gar nicht verständlichen Stil besitzt wie Herr Erich Schmidt, aber man bedenke auch, wie viele »Phrasen« über den Menschenschacher der deutschen Kleinfürsten gemacht worden sind. König Friedrich erklärte, von solchen verkauften Truppen, die sein Gebiet berührten, würde er Viehzölle erheben lassen, denn hier seien vernünftige Menschen als Tiere verschachert; ja, als einmal wirklich ein von seinen Ansbacher Verwandten verhandelter Transport über die preußischen Grenzen kam, ließ er Kanonen gegen die Menschenhändler auffahren, so daß sie einen Umweg nehmen mußten. Schiller aber läßt die verkauften Landeskinder am Stadttore rufen: »Es leb' unser Landesvater. Am Jüngsten Gerichte sind wir wieder da!« So »wühlten sich« König Friedrich und Schiller mit ihren »Phrasen« »in die blinde Wut gegen einen Fürsten, dessen Verbrechen« nunmehr glücklich von dem besonnenen Reichspatrioten Erich Schmidt aus der Welt erklärt worden ist. Ein Glück bei alledem, daß unsereinem die göttliche Grobheit eines Lassalle nicht erlaubt ist, denn gegen diesen Erich war jener Julian noch ein Held an Charakter und Geist.[51]

Selbstverständlich soll den Scherer und Erich Schmidt damit nicht mehr getan werden, als sie verdienen. Ihre alexandrinische Gelehrsamkeit bleibt ihnen unangefochten. Haben sie wirklich den ganzen Praß von Büchern gelesen, den sie in ihren »Anmerkungen« anführen, so könnte man sogar mit Lessing auf die Besorgnis verfallen, daß sie für ihren gesunden Verstand schon viel zuviel gelesen haben. Nichts dankenswerter als die philologische Arbeit an den Werken unserer klassischen Literatur, solange sie sich in ihren Schranken hält oder doch nur gelegentlich einmal darüber hinausschweift! Aber von einem Biographen Lessings oder einem Geschichtsschreiber der deutschen Literatur ist etwas anderes und auch wohl etwas Besseres zu verlangen, als daß sie zehnmal schon umgekehrte Stäubchen noch zum elften Male umzukehren verstehen. Über diesen tausend und aber tausend Quisquilien verlieren sie jeden Blick für das Ganze der Erscheinung, und wenn sie über Lessing absprechen wollen, so sollten sie doch wirklich erst beherzigt haben, was Lessing über die »selbstdenkenden Köpfe« und die »siebenmal sieben Stäubchen aus der Literaturgeschichte« sagt. Allein, das wäre noch das wenigste. Weit schlimmer ist es, daß sie ohne jede Kenntnis der gleichzeitigen ökonomischen und politischen Zustände schreiben. Damit reißen sie die Pflanzen aus ihrem mütterlichen Boden und legen sie zwischen die löschpapiernen Seiten ihrer Herbarien. Mögen sie nun noch so sorgsam die einzelnen Blätter bis auf die letzte Zacke beschreiben: Duft und Farbe sind unwiederbringlich dahin. Der ärgste Frevel solcher Literarhistoriker aber ist es, wenn sie, sei es in einem dumpfen Gefühle ihrer verhängnisvollen Einseitigkeit, sei es aus anderen, aber wahrhaftig nicht achtbareren Gründen, die Gegenstände ihrer Darstellung in ein politisch-soziales Licht rücken wollen und sie deshalb mit den politischen und sozialen Vorurteilen aufschminken, die ihnen selbst geläufig sind und die »hohen Gönnern« angenehm in die Ohren klingen. Dann entsteht ein wahrer Greuel der Verwüstung.

Nunmehr wird sich auch leicht erklären, weshalb wir mit der Lessing-Legende in ihrer dritten und letzten Gestalt schnell fertig zu werden versprachen. Es hatte einen Zweck, die sachlichen Irrtümer über Lessing, denen Goethe und Gervinus und Lassalle verfallen sind, ausführlich zu erörtern, denn dabei konnte das sachliche Verständnis gefördert werden. Es hat aber gar keinen Zweck, aus den tendenziösen Darstellungen von Scherer und Erich Schmidt noch mehr Proben zu geben, als wir schon gegeben haben. Das Ergebnis bliebe immer dasselbe: Lessing wird in dem Prokrustesbette der heute für die bürgerliche Welt »maßgehenden« Tendenzen bald so, bald so gereckt. Wer sich überhaupt überzeugen lassen will, ist durch die bisherigen Proben wohl überzeugt worden, wer sich nicht überzeugen lassen will, wird durch zehnmal zahlreichere Proben auch nicht überzeugt werden. In keinem Falle spränge dabei etwas für die sachliche Förderung des Lessing-Problems heraus. So schließen wir denn den ersten Teil unserer Arbeit, der eine kritische Geschichte der Lessing-Legende geben und zugleich den allgemeinen historischen Hintergrund zeichnen sollte, von dem sich das Bild Lessings abhebt. In dem zweiten Teile wird unsere Aufgabe sein, dies Bild selbst von den Entstellungen und Verunzierungen der Legende zu befreien und es soweit möglich in seiner wirklichen Gestalt wiederherzustellen. Es mag sein, daß wir bisher schon diesen oder jenen spezielleren Punkt berührt haben, wie wir auch nicht dafür stehen können, daß wir nicht fortan noch diese oder jene allgemeinere Frage berühren müssen. Aber der Leser wird, wie wir hoffen, nachsichtig urteilen, wenn sich ein seit bald hundert Jahren so verfitztes Knäuel, wie die Lessing-Legende ist, nicht immer an einem ganz glatten Faden aufwickeln läßt.

Zweiter Teil. Lessing und die Lessing-Legende

I. Lessing und der sächsische Kurstaat

Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 zu Kamenz in der oberen Lausitz geboren. Die Lausitz ist altslawisches Gebiet, und die deutsche Kolonisation hat einen nicht unbeträchtlichen Prozentsatz der alten Bewohner verschont; auf den etwa hundert Quadratmeilen der oberen Lausitz werden noch heute weit über vierhundert wendische Dörfer gezählt. Lessing ist denn auch vom Panslawismus beansprucht worden, und selbst um seinen Namen hat sich ein erbitterter etymologischer Streit entsponnen, indem die einen die Stammsilbe Less als das slawische Wort für Wald ansprachen, die anderen aber auf die deutsche Endung ing pochten.

Der an sich schon abgeschmackte Zank entbehrt obendrein jedes tatsächlichen Anhalts. Sowohl weil der Stammbaum Lessings bis ins Ende des sechzehnten Jahrhunderts eine Reihe deutscher Beamter und Prediger aufweist, als auch weil der Großvater Lessings erst in die Lausitz eingewandert ist, nachdem diese Landschaft schon mehrere Jahrzehnte dem sächsischen Staatsverbande eingefügt worden war. Hierin allein liegt ein für den historischen Lessing maßgebender Gesichtspunkt. Es ist nicht unrichtig, wenn Herr Erich Schmidt sagt, Lessing wurzele minder tief im lausitzischen als Goethe im fränkischen und Schiller im schwäbischen Boden, aber es ist ebenso geschmacklos wie schief, wenn er Lessing einen »entlaufenen Sachsen« nennt, und nun gar einen Sachsen, der zur preußischen Herrlichkeit entläuft. Lessing war so wenig Preuße oder Sachse, wie er Lausitzer war, aber wohl trifft der Geschichtsschreiber des sächsischen Staates zum Ziele, wenn er sagt, daß Einflüsse von Sachsen her »den Entwicklungsgang dieses selbständigsten aller Geister bestimmt haben«.[52]

Man muß sich dabei aber vor dem ideologischen Schlagworte hüten, daß Lessing ein »zweiter Luther« gewesen sei. Ein starker Anklang daran findet sich sogar bei Heine und Lassalle; ja, Lessing selbst hat sich einmal in seinen theologischen Kämpfen mit der lutherischen Orthodoxie auf Luther selbst berufen. Allein wenn er damit nicht etwa nur eine jener »Evolutionen« machte, durch die er den hamburgischen Hauptpastor zu necken liebte, so hat er in merkwürdiger Weise gezeigt, daß sich auch die klarsten Köpfe im unklaren über die Beweggründe befinden können, die im letzten Grunde ihr Handeln bestimmen. Tatsächlich hat Lessing vom Anfang bis zum Ende seiner Laufbahn, von den Lemnius-Briefen bis zu den Anti-Goezes, seine stärksten Schläge gegen Luther und das Luthertum geführt, und dem war nicht nur so, sondern dem mußte auch so sein. Indem Luther der fürstlichen, Lessing aber der bürgerlichen Klasse vorkämpfte, vertraten beide Männer die stärksten Gegensätze, welche die deutsche Geschichte vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert kennt. Lessing war so wenig ein Luther auf höherer Stufenleiter, daß Goeze, Luthers echter Nachfahr, ihn vielmehr mit Recht als den richtigen Anti-Luther taxierte. Besteht doch nach Lassalles treffendem Epigramm das ganze Unrecht der Goezes von damals und heute darin – recht zu haben!

Trotzdem hat Luthers und Lessings Landsmannschaft einen tieferen Zusammenhang. In jenem Teile Deutschlands, der durch ökonomische Gründe gezwungen war, sich der habsburgisch-päpstlichen Herrschaft zu entreißen, war Sachsen weitaus das ökonomisch entwickeltste und demgemäß auch das kultivierteste Land. Der Ertrag der sächsischen Bergwerke verlieh den sächsischen Fürsten in dem Beginne der kapitalistischen Entwicklung ein gewaltiges Übergewicht; unter den deutschen Teilfürsten gab es in den ersten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts keinen mächtigeren als den Kurfürsten Friedrich von Sachsen. Die Warenproduktion nahm in Sachsen einen schnellen Aufschwung; die große Handelsstraße aus dem Süden in den Norden Europas lief über Erfurt. Um den Besitz dieses wichtigen Stapelplatzes, der in jener Zeit zugleich die bedeutendste deutsche Universität beherbergte und der vornehmste Sitz des deutschen Humanismus war, entbrannte die lutherische Bewegung. Die Stadt Erfurt, die ihrerseits nach einer reichsunmittelbaren Stellung strebte, war ein alter Zankapfel zwischen Kur-Mainz und Kur-Sachsen; als der Hohenzoller Albrecht zum Erzbischofe von Mainz gewählt worden war,, entzündete sich der Streit von neuem. Unter diesen Umständen erschien es allerdings als eine unbillige Zumutung, daß Kurfürst Friedrich den Kommissar Albrechts, den Dominikaner Tetzel, in seinem Lande sollte den Ablaßschacher treiben lassen, dessen halber Ertrag zur Deckung der 25 000 Dukaten bestimmt war, die Albrecht für die Bestätigung seiner Wahl zum Erzbischofe von Mainz an Rom zu zahlen hatte.

Kurfürst Friedrich war ein friedliebender Herr. Und mehr noch: Er war ein äußerst bigotter Katholik; er war so gläubig, wie sein Gegner Albrecht ungläubig war. Das höchste Ziel seines Ehrgeizes bestand darin, die goldene Rose vom Papste zu erhalten; er unternahm eine Pilgerfahrt nach Jerusalem; er hatte mit ungeheuren Summen 5005 fragwürdige Heiligenknochen für die Schloßkirche in Wittenberg, eben die, an deren Türen Luther seine Ablaßthesen schlug, in aller Welt zusammengekauft und ließ sie alljährlich an einem bestimmten Tage zur Anbetung für das Volk ausstellen: ja, als Luther, kurz ehe er seine Thesen veröffentlichte, gegen den Ablaß gepredigt hatte, »verdiente er damit schlechte Gnade« bei dem Kurfürsten, der von solchen Predigten die Anziehungskraft seiner Reliquien gefährdet sah. Allein in Geldsachen hörte dazumal schon die Gemütlichkeit auf. Der Kurfürst hatte längst mit Unwillen bemerkt, daß sich die römischen Ablaßkrämer wie ein Immenschwarm und allerdings aus sehr guten Gründen in seinem Lande zu sammeln pflegten, und wieviel Geld er immer für die Knochen toter Heiliger aufwenden mochte, sowenig war er geneigt, mit den Mitteln seines Landes der römischen Kirche in dem Erzbischof Albrecht einen lebenden Heiligen zu schenken, der ihm das reiche Erfurt aus den Händen zu. reißen gedachte. So ließ er Luther gewähren, nicht als einen »Mann Gottes«, sondern als ein finanzpolitisches Werkzeug! Nichts ist haltloser, als in den Ablaßthesen Luthers eine »weltgeschichtliche Tat« zu sehen und von ihnen den Anfang der Reformationsgeschichte zu datieren. Die antirömische Bewegung war schon seit Jahrzehnten.in allen. Klassen des deutschen Volkes vorhanden, und die Bekämpfung der kirchlichen Mißbrauche hatte auch schon literarisch, beispielsweise, in den Schriften der Humanisten, einen viel schärferen Ausdruck gefunden als in Luthers ziemlich zahmen, nicht einmal den. Ablaß selbst, sondern nur seinen »Mißbrauch« tadelnden Sätzen. Auch ist es ganz falsch zu sagen, die humanistische Bildung sei Kaviar fürs Volk; gewesen, Luther aber habe in derber, volkstümlicher Weise den Stier an den Hörnern gepackt. Denn Luthers Thesen waren gleichfalls lateinisch und noch dazu absichtlich in jener schnörkelhaften Rätselschrift der scholastischen Theologie abgefaßt, die den Massen erst recht unverständlich war; Luther selbst hat oft genug seine Verwunderung darüber ausgesprochen, daß sein Auftreten so große Wirkungen gehabt habe. Was er nicht begriff und was die bürgerliche Geschichtsschreibung sich nur aus allerlei ideologischen Hirngespinsten! zu erklären weiß, ergibt sich sehr einfach aus der ökonomischen Lage der Dinge. Wenn unter den geistigen Führern der reformatorischen Bewegung der geistig beschränkteste auf dem Plane, blieb, die geistig bedeutenderen aber, die Hutten, die Münzer, die Wendel Hipler, untergingen, so geschah es, weil hinter jenem die ökonomisch mächtigste Potenz, das Fürstentum, stand, während hinter diesen die Ritterschaft, das Proletariat, die Bauern und die Städte standen, das heißt: Klassen, die als solche entweder schon im absteigenden oder erst im aufsteigenden Ast ihrer ökonomischen Entwicklung waren und die bei dem inneren Widerstreit ihrer ökonomischen Interessen sich auch zu keiner gemeinsamen Aktion gegen die Fürsten einigen konnten. Es tut nichts zur Sache, daß Luther als der Vorkämpfer der mächtigsten Klasse zeitweise, solange es sich nämlich um die Abwehr der allen Klassen verhaßten römischen Ausbeutung handelte, auch allen Klassen vorzukämpfen schien und daß er demgemäß seine historische Rolle lange nicht begriff. Nach dem Aufstande der Ritter und namentlich nach dem Bauernkriege hat er sie sehr gut verstanden, wie neben unzähligen anderen Zeugnissen schon sein herrlicher Satz zeigt: »Daß zwei und fünf gleich sieben sind, das kannst du fassen mit der Vernunft; wenn aber die Obrigkeit sagt, zwei und fünf sind acht, so mußt du es glauben, wider dein Wissen und Fühlen.«

Mit seinem wirklichen Ruhme – dem Ruhm, als armer und unbekannter Mönch die ausbeuterischen Laster der römischen Kirche erkannt und bekämpft zu haben – stand Luther unter dem proletarischen Teile der damaligen Geistlichkeit weder allein noch in erster Reihe; viele dieser kleinen Priester haben den Haß gegen Rom und die Treue gegen ihre Klasse ehrenvoll mit ihrem Tod auf dem Schlachtfelde oder auf dem Blutgerüste besiegelt. Als »hochgestiegener Bauernsohn« aber, als »Führer der Nation« war Luther der große Mann landesüblichen Schlages: Der Träger der geschichtlichen Entwicklung machte den Versuch, sich zu ihrem Herrn aufzuwerten, und wurde zu ihrem Hemmschuh, soweit seine Macht reichte, darüber hinaus aber zu ihrem Spott. Luther konnte die neue Kirche nach den Bedürfnissen des deutschen Duodezdespotismus zuschneiden; er konnte die sehr weltlichen Landesherren zu obersten Bischöfen ihrer Gebiete machen und ihnen die Verfügung über das Kirchen- und Klostergut zusprechen; er konnte in dem Abendmahlsstreite mit verbissenem Trotz an der Formel festhalten, die den Priester zum Schöpfer des Gottes macht, und so an die Stelle des einen Papstes unzählige Päpstlein setzen, aber er konnte dies alles nur als fanatischer Fürstendiener, nur als Ideolog jenes unaufhaltsamen Verfalls, der durch die dem Welthandel neu eröffneten Bahnen über Deutschland kam, nur um den Preis, daß sein Name schon um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts das Sinnbild der beschränktesten Reaktion wurde. Und das Einmaleins auf dem Altare der Fürstenfürchtigkeit schlachten konnte er am Ende doch nicht. Wenigstens in Sachsen nicht. Wie die hohe ökonomische Entwicklung dieses Landes das wirksamste Mittel zu Luthers Erhöhung gewesen war, so setzte sie der von Luther getragenen Fürstenvollmacht wiederum gewisse Grenzen. In einem noch halbbarbarischen Lande wie der Mark Brandenburg, wo nach dem Zeugnis des Abtes Trittheim ein gebildeter Mann so selten war wie ein weißer Rabe, mochte Kurfürst Joachim II. einen halben Übertritt zur Reformation vollziehen, um das gesamte Kirchengut bis auf die letzte Kirchenmaus zu verprassen; in einem kultivierten Lande wie Sachsen war dies summarische Verfahren unmöglich. Hier mußte ein mehr oder minder großer Teil der Beute für die Befriedigung der Kulturaufgaben verwandt werden, für die bis dahin die katholische Kirche schlecht oder recht gesorgt hatte. So entstanden die sächsischen Schulen zu Annaberg und Freiberg, zu Dresden und Leipzig, zu Naumburg und Merseburg, alle in ihrer Art berühmt, als die berühmtesten aber die aus Klöstern entstandenen sogenannten Fürstenschulen von Grimma, Meißen und Pforta. In Brandenburg war zwar auch bei der »Kirchenvisitation«, das heißt bei der Einheimsung des Kirchen- und Klosterguts in den landesherrlichen Säckel, das eine Kloster Lehnin als eine Art Stiftsschule verschont worden, aber bereits nach zwei oder drei Jahren überkam den Kurfürsten die Reue. Er untersagte nach dem Tode des alten Abtes eine Neuwahl, worauf zehn Mönche die Schädlichkeit des Klosterlebens erkannten und, mit Kleidung und Geld »mehr als verhofft« versehen, das Kloster verließen. Zwei andere Mönche waren etwas begriffsstutziger, doch half eine mehrtägige Gefangenschaft im Schlosse zu Potsdam auch ihnen zur richtigen Erkenntnis. Sie entsagten allen Ansprüchen, und der Kurfürst zog die Klostergüter und Kirchenschätze für sich ein.[53]

Anders in Sachsen. Hier entstand und dauerte ein für deutsche Verhältnisse klassisches Schulwesen. Freilich sank es auch mit seiner Ursache, mit der ökonomischen Blüte Sachsens; je unaufhaltsamer durch den Ausschluß Deutschlands vom Welthandel, durch die Entdeckung unerschöpflicher Gold- und Silberquellen in der Neuen Welt, durch den Dreißigjährigen Krieg usw. die bürgerlichen Klassen in Sachsen wie im ganzen Deutschland ökonomisch verkamen und dadurch dem traurigsten Servilismus verfielen, um so fanatischer pflegten die sächsischen Schulen, vor allen die Universitäten Leipzig und Wittenberg, das ideologische Spiegelbild so jammervoller Zustände, jenes starre und verknöcherte Luthertum, in dessen Schatten eine freie wissenschaftliche Forschung unmöglich gedeihen konnte. Aber trotz alledem war Sachsen dem übrigen Deutschland an Bildung und Wohlstand noch immer überlegen. Politisch entnervt, wie die Bevölkerung sein mochte, blieb sie ökonomisch doch noch widerstandsfähig genug, um sich der Einführung des aussaugenden Militärsystems zu widersetzen, das über die bürgerliche und bäuerliche Bevölkerung in Preußen widerstandslos verhängt worden war. Im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer war das sächsische Heer dreimal so klein und kostete dreimal sowenig wie das preußische Heer; es bestand durchweg aus Landeskindern, übrigens sehr braven und zuverlässigen Soldaten, wie Friedrich II. oft zu seinem Schaden erfahren mußte, sowohl in der Schlacht als auch wenn er gefangene Sachsen in preußische Uniformen stecken ließ. Und ferner: Wie erblindete Spiegel auch die sächsischen Schulen geworden waren, so vermochten sie doch allein die ersten Reflexe einer neuen Bildung aufzufangen, die vom Auslande in das verwüstete Deutschland zurückstrahlte.

Lassalle hat die Behauptung Julian Schmidts, wonach Deutschland durch den Dreißigjährigen Krieg einstweilen aus der Reihe der europäischen Kulturvölker gestrichen worden sein sollte, mit derben Worten zurückgewiesen und die in der Tat staunenswerte Fülle bedeutender Köpfe aufgezählt, die Deutschland trotz alledem in und nach jenem Kriege aufgebracht hat. Diese Beweisführung ist vollkommen zutreffend gegenüber einem von platter Unwissenheit eingegebenen Schlagworte, aber man darf sie nicht dahin erweitern wollen, daß Deutschland im siebzehnten Jahrhundert in gleicher Reihe mit den anderen europäischen Kulturvölkern marschiert sei. Ein großer, wenn nicht der größte Teil jener guten Köpfe mußte ins Ausland gehen, für immer oder doch zeitweise, um den nötigen Spielraum für ihre Talente zu gewinnen; die aber in der Heimat blieben, waren als gelehrige Schüler größerer Vorbilder, wie es Christian Thomasius, einer der bedeutendsten von ihnen, offen aussprach, geistig vom Ausland abhängig. Die Tatsache erklärt sich wieder aus dem ökonomischen Verfalle Deutschlands. Der gewaltige Aufschwung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen, der das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert auszeichnet, war das Ergebnis eines mehr und mehr die Erde umspannenden Weltverkehrs; einen naturwüchsigen Ursprung konnte er nur in den Völkern haben, die an diesem Verkehr einen hervorragenden Anteil hatten, vor allem also in England und in den Niederlanden. Seine Voraussetzung war eine hohe Blüte der bürgerlichen Klassen, wie seine Folge die Erweckung dieser Klassen zu politischem Selbstbewußtsein war. In Deutschland aber gab es seit der Übersiedlung des Handels vom Mittelmeer an den Atlantischen Ozean keine bürgerlichen Klassen als selbständige Macht; die regierenden Klassen in Deutschland waren die Fürsten, und die konnten denn freilich keine nationale Wissenschaft produzieren. Was für eine Rasse diese Klasse überhaupt war, das hat ein genauer Kenner der deutschen Höfe, der Graf Manteuffel, in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts so geschildert: »Deutschland wimmelt von Fürsten, von denen drei Viertel kaum gesunden Menschenverstand haben und die Schmach und Geißel der Menschheit sind. So klein ihre Länder, so bilden sie sich doch ein, die Menschheit sei für sie gemacht, um ihren Albernheiten als Gegenstand zu dienen. Ihre oft sehr zweideutige Geburt als Zentrum allen Verdienstes betrachtend, halten sie die Mühe, ihren Geist oder ihr Herz zu bilden, für überflüssig oder unter ihrer Würde. Wenn man sie handeln sieht, sollte man glauben, sie wären nur da, um ihre Mitmenschen zu vertieren (abrutir), indem sie durch die Verkehrtheiten ihrer Handlungen alle Grundsätze zerstören, ohne die der Mensch nicht wert ist, ein Vernunftwesen zu heißen.«[Anmerkung 41]

So ein geschmeidiger Höfling über diese angenehme Sorte von herrschender Klasse, deren nationales Bewußtsein denn in der Tat in nichts anderem bestand, als dem Könige von Frankreich, dem mächtigsten Selbstherrscher des Kontinents, abzugucken, wie er sich räusperte und wie er spuckte.

Glaubt man den »nationalen« Bramarbassen, die im heutigen Deutschland das große Wort führen, so ist die deutsche Ausländerei des siebzehnten und des achtzehnten Jahrhunderts ein Ding, an das der richtige Patriot nicht ohne Entsetzen und Schaudern denken darf. Die wissenschaftliche Auffassung, die in dem Geistesleben der Völker nichts als die ideelle Widerspiegelung von Klassenkämpfen sieht, hat dabei aber zwei ganz verschiedene Dinge zu unterscheiden. Die Ausländerei der Fürsten- und Adelsklasse war allerdings eine brutale Verleugnung auch des bescheidensten Nationalbewußtseins; sie war eine aus den schnödesten Interessen des Duodezdespotismus hervorgegangene Äfferei, die für immer einen Schandfleck der deutschen Geschichte bilden wird. Aber diese schamlose Ausländerei hat zu ihrer Verurteilung nicht erst auf die »nationalen« Bramarbasse von heute warten müssen, sie ist schon vollauf durch ernste Zeitgenossen gebrandmarkt worden; von den Klopstock und Lessing, und wie vielen anderen noch! im achtzehnten Jahrhundert zu geschweigen, so sang Logau im siebzehnten Jahrhundert:

»Diener tragen insgemein ihrer Herren Liverey. Soll's denn sein, daß Frankreich Herr, Deutschland aber Diener sei? Freies Deutschland, schäm dich doch dieser schnöden Knechterei!«

Ein ganz anderes und geradezu das entgegengesetzte Urteil erheischt die Ausländerei der deutschen Gelehrten. Sie war der erste Versuch aufgeweckter bürgerlicher Elemente, ihre Klasse aus einem bodenlosen Sumpfe zu ziehen. Es gab kein anderes Mittel für diesen Zweck; die Früchte, die das heimatliche Gewächs des orthodoxen Luthertums trug, waren eitel Asche und Staub. Aber es ist ein schwieriges und undankbares Geschäft, einem abgestorbenen Stamme, der aus seinen Wurzeln keine Nahrung mehr zieht, neues Leben einzuhauchen, indem man ihm Zweige von fremden Stämmen einpflanzt. Erst als sich in dem Stamme selbst wieder einiges Leben regte, als die bürgerlichen Klassen in Deutschland sich ökonomisch ein wenig zu erheben begannen, also etwa seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, begannen die fremden Zweige mit dem heimischen Stamme zu verwachsen. Bis dahin blieb den deutschen Gelehrten nichts übrig, als ihre geistige Nahrung oder gar ihre Heimat im Auslande zu suchen. Und zwar um so mehr, als die in Deutschland herrschende Fürstenklasse die deutsche Bildung entweder mit feindseligen oder mit ganz gleichgültigen Blicken oder aber mit einem sehr zweideutigen Interesse betrachtete, mit dem Interesse nämlich, sie ihrem Duodezdespotismus nützlich zu machen. Sie ließ die deutschen Gelehrten entweder verhungern oder jagte sie über die Grenze oder zog sie an ihre Höfe, und es ist schwer zu sagen, welcher dieser drei Fälle den also Behandelten verhängnisvoller wurde. Unter diesem Gesichtspunkte begreift es sich aber leicht, weshalb die deutschen Gelehrten, die in ihrem Vaterlande blieben, nach Seiten des Charakters mehr oder minder seltsame Heilige wurden, weshalb überhaupt die deutsche »Aufklärung« jenen halben und zweideutigen Charakter bekam, der einem Manne wie Lessing ein Greuel war. Die englische und die französische Philosophie wurzelten in den bürgerlichen Klassen des englischen und des französischen Volkes; dieser Ursprung war ihnen zugleich Schranke und Schutz. Die deutsche »Aufklärung« aber schwebte wurzellos in der freien Luft; nichts hinderte sie, so weit zu gehen, wie »das Licht der Vernunft« leuchtete, aber nichts schützte sie auch, wenn ein Strahl dieses Lichts den Kehricht der Fürstenhöfe gar zu grell beleuchtete; daher jene heuchlerische Mischung von überlegenem Lächeln und frommem Entsetzen, womit die deutschen »Aufklärer« der englischen und französischen »Materialisten und Naturalisten, Atheisten und Spinozisten« zu spotten glaubten und nur ihrer seihst spotteten, sie wußten nicht wie. Ganz hat die bürgerliche Wissenschaft in Deutschland diese häßliche Schwäche ja niemals abgestreift, einfach weil die bürgerlichen Klassen in Deutschland sich niemals auf ihre eigenen Füße zu stellen gewagt haben. Und seitdem die deutsche Bourgeoisie sich unter die preußischen Bajonette geflüchtet hat, ist jene Schwäche vielleicht in ärgerer Form wieder aufgelebt, als sie jemals früher besaß. Denn es will uns beispielsweise verzeihlicher bedünken, wenn Leibniz neben seinen unsterblichen Verdiensten auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften auch die Schwäche hatte, einem »hohen Gönner« durch seine Monadenlehre die Gegenwart Gottes im Abendmahl auf physikalischem Wege beweisen zu wollen, als wenn die Scherer und Erich Schmidt ohne alle unsterblichen Verdienste die deutsche Geistesgeschichte mit dem preußischen Korporalstocke zu einem unförmlichen Götzenbilde zurechthämmern möchten.

Unter solchen Umständen mußte Sachsen das Vorland für das geistige Wiedererwachen des deutschen Bürgertums werden. Die sächsischen Schulen waren die einzigen oder doch die geeignetsten Organe, womit die bürgerliche Bildung des Auslandes ergriffen werden konnte. Mochten sie durch das orthodoxe Luthertum noch so sehr heruntergebracht sein, mochten die alten Sprachen an ihnen nur noch gelehrt werden, um das Klauben am Buchstaben der Bibel zu ermöglichen, so waren diese Sprachen deshalb nicht weniger der Schlüssel zur Schatzkammer der europäischen Wissenschaft, und vom Ende des siebzehnten bis tief in das achtzehnte Jahrhundert hinein sind die weitaus meisten Träger der deutschen Geistesgeschichte geborene Sachsen gewesen oder doch aus den sächsischen Schulen hervorgegangen. Von Leibniz, Pufendorf und Thomasius bis zu Geliert, Klopstock, Lessing. Ja fast noch weiter hinaus! Mit Goethes und Schillers Eintritt in die sächsische Kultur begann eine neue Epoche in dem Leben dieser Süddeutschen; auch lag Weimar nicht im preußischen Militär-, sondern im sächsischen Kulturkreise, und Karl August war kein Hohenzoller, sondern ein Wettiner.

Doch das greift schon über den Rahmen dieser Darstellung hinaus. Dagegen gehört zu unserer Aufgabe ein kurzes Wort über den sozialen Fortschritt, der durch jene beiden Reihen von Namen gekennzeichnet wird. Leibniz, Pufendorf und Thomasius standen bereits auf bürgerlichem Boden. Es war im Interesse der bürgerlichen Klassen, wenn sie die weltliche Wissenschaft aus den Fesseln der Theologie zu erlösen trachteten. Es war in demselben Interesse, wenn der philosophische Optimismus von Leibniz, wieviel sich sonst immer gegen ihn einwenden ließ, die orthodoxe Vorstellung von der Erde als einem Jammer- und Tränental erschütterte. Es war weiter in demselben Interesse, wenn Pufendorf und Thomasius die Ableitung aller bürgerlichen Gesellschaften aus einem Vertrage und das Recht des einzelnen zum Widerstand gegen offenbares Unrecht lehrten, wenn sie den göttlichen Ursprung der Fürstengewalt leugneten und ihren Beifall den in den Niederlanden gegen den Despotismus Jakobs II. erschienenen Schriften spendeten, wenn Thomasius die deutsche Sprache in die Hörsäle der Hochschulen zurückführte. Aber die Bestrebungen dieser Männer fanden in den bürgerlichen Klassen weder eine Stütze noch einen Widerhall. Leibniz war gerade in seinen bleibenden Leistungen mehr ein europäischer als ein deutscher Gelehrter; Pufendorf und Thomasius aber bekannten selbst, ihre Ideen aus Hugo Grotius und Hobbes geschöpft zu haben. Sie alle waren noch vollständig auf die Höfe angewiesen. Leibniz geriet schon zu seiner Zeit in den bösen Ruf, alles beweisen zu können, was Fürsten wünschten; Pufendorf endete als schwedischer und brandenburgischer Hofgeschichtsschreiber; Thomasius hat in seiner späteren Zeit als königlich-preußischer Professor in Halle dem fürstlichen Despotismus die unglaublichsten Zugeständnisse gemacht.

Dagegen standen um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Geliert, Klopstock, Lessing nicht bloß auf bürgerlichem Boden, sondern sie wurzelten schon darin. Geliert war immerhin ein sehr bescheidenes Licht gegen die anderen beiden, aber sein Fabelbuch sammelte die bürgerlichen Klassen zum ersten Male um eine literarische Standarte, und wie devot Geliert für seine Person war, ein erstes leises soziales Grollen des bürgerlichen Selbstbewußtseins klang und klingt doch durch seine harmlosen Reime. Ungleich schroffer und stolzer lebte dies Bewußtsein in Klopstock, dem späteren Sänger der Französischen Revolution, und vor allem in Lessing, der die Fessel jedes höfischen oder staatlichen Amtes verschmähte und in sozialer Freiheit seinem schriftstellerischen Berufe zu leben versuchte. Es war für Deutschland ein unerhörtes Wagnis, und der tragische Ausgang sollte lehren, daß die bürgerlichen Klassen für die Kühnheit ihres Vorkämpfers nicht reif waren, aber dies halb nachlässige, halb trotzige Selbstvertrauen machte den ganzen Lessing aus, gleichviel, ob er als zwanzigjähriger Jüngling schrieb: »Was tut mir das, ob ich in der Fülle lebe oder nicht, wenn ich nur lebe«, oder als fünfzigjähriger Mann: »Ich bin zu stolz, mich unglücklich zu denken, knirsche eins mit den Zähnen und lasse den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen; g'nug; daß ich ihn nicht! selbst umstürzen will!« Es war der schroffste Gegensatz zu der ängstlich-gierigen Philistersorge um eine »Bedienung«, die in den Briefwechseln der Zeit ihren Spuk treibt, und etwas von diesem franken und freien Wesen hat Lessing wohl durch die Schule empfangen. Er besuchte die Fürstenschule in Meißen von 1741 bis 1746! Diese Gelehrtenschulen waren damals bereits etwas aufgetaut von dem orthodoxen Luthertum; weniger durch die Schulfron gekettet als zürn regen Privatstudium angeleitet, im ständigen Verkehre mit hundert und mehr Mitschülern, hat Lessings geselliger und streitbarer, reger und selbständiger Geist in Meißen unzweifelhaft eine wohltätige Zucht erfahren. Wohl suchte er mit Erfolg die vorgeschriebene Schulzeit um ein Jahr abzukürzen, und wohl spottete er später über die Pedanterie einzelner Lehrer, deren Streben weniger dahin ginge, »vernünftige Menschen als tüchtige Fürstenschüler zu bilden«, aber er rühmte oft von der St. Afra, daß er es ihr zu danken habe, wenn ihm »etwas Gelehrsamkeit und Gründlichkeit zuteil geworden sei«, und in einer fast wehmütigen Stimmung, wie sie ihn selten anwandelte, schrieb er mitten im Kampfe des Lebens: »Theophrast, Plautus und Terenz waren meine Welt, die ich in dem engen Bezirke einer klostermäßigen Schule mit aller Bequemlichkeit studierte. Wie gerne wünschte ich mir diese Jahre zurück, die einzigen, in welchen ich glücklich gelebt habe!«

So Lessing. Wie anders aber fielen die Lose eines Mannes, der mit Lessing in Anlagen und Neigungen so manche Ähnlichkeit hatte, dessen Name so oft mit dem seinen zusammen genannt werden sollte, fielen die Lose Winckelmanns! Mehr als drei Jahrzehnte irrte dieser Unglückliche, »das Land der Griechen mit der Seele suchend«, durch die Wüste der brandenburgischen Barbarei; als Schüler und als Lehrer geplagt von einem heißen und niemals gestillten Wissenshunger; immer auf der Landstraße, um hier einen Brocken Griechisch zu erhaschen und dort einen alten Lateiner zu exzerpieren; in anderthalb Tagen elf Meilen auf grundlosen Wegen marschierend, um sich irgendeinen Schmöker zu leihen, den er dann, nachdem er sich den Tag über mit rohen und störrischen Kindern geplagt hatte, in der Nacht studierte; jahrelang mit zwei oder drei Stunden Schlaf sich begnügend; zu allem Überflusse noch von den Schikanen und Drohungen eines bösartigen Pfaffen verfolgt, denn in diesen Staaten konnte jeder nach seiner Fasson selig werden; endlich schon in dumpfer Resignation verzweifelnd, als ihm ein Zufall die Tür nach Sachsen öffnete. Was Wunder, daß er, aufjubelnd wie ein von allen Höllenqualen Erlöster, den preußischen Staub von seinen Pantoffeln schüttelte! Aber als er mit einunddreißig Jahren in Sachsen ein neues Leben begann, stand er mit dem wüsten Chaos seiner wild zusammengerafften Kenntnisse schwerlich über dem Lessing, der mit siebzehn Jahren die Universität Leipzig bezog. In dem Kulturlande Sachsen wandte sich Winckelmanns Schicksal freilich schnell zum Guten, ja zum Glänzenden, aber die traurige Verwüstung seiner Jugend hat ihn doch gehindert, mehr als ein Spätling der Humanisten zu werden, und Lessing wußte wohl, weshalb er, selbst am Hungertuche nagend, über Winckelmann schrieb: »Niemand kann den Mann höher schätzen als ich, aber dennoch möchte ich ebenso ungern Winckelmann sein, als ich oft Lessing bin.«

Man wird jetzt aber verstehen, wie verlockend Winckelmanns Schicksal auf Lessing wirken mußte, so daß er flugs seiner sächsischen Heimat »entlief«, um in Berlin den »entscheidenden Anstoß« zu erhalten.

II. Lessing und die Universität Leipzig

In den Jahren 1746 bis 1748 studierte Lessing auf der Universität Leipzig. Im Jahre 1754 aber schrieb er an Michaelis, man setze ihn in große Verlegenheit, wenn man ihn frage, was er studiert habe. Er ist niemals das gewesen, was man ein »liederliches Genie« zu nennen pflegt, obschon er immer das Gegenteil eines Philisters war. Als blutarmer Jüngling bereits fand er es »ärgerlich«, so viele Poeten und Poetlein »so bitter, so ausschweifend, so verzweifelnd über ihre in Vergleichung anderer noch sehr erträgliche Armut wimmern« zu hören. Ihm war diese faule und feige Sentimentalität, die« gemeiniglich, so stark sie bis auf diesen Tag in der deutschen Literatur und Literaturgeschichte gewuchert hat, ein ideologisches Mäntelchen für die Faulheit und Feigheit der bürgerlichen Klassen gewesen ist, völlig fremd. Eine echte Kämpfernatur scheut Entbehrung und Not nicht, wenn sie nur den Kampf findet; nach mehrmonatlichem Büffeln entdeckte der achtzehnjährige Lessing, »die Bücher würden ihn wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen«, und er entschloß sich, »ebensoviel in der Welt und in dem Umgange der Menschen zu studieren als in Büchern«. Nichts fesselnder als die Art, in der Lessing zwei Jahre später, als sein Entschluß zunächst mit einem großen Krach geendet hatte, ihn dennoch vor seinen erbitterten Eltern verteidigt. Er schreibt: »Ich wagte mich von meiner Stube unter meinesgleichen. Guter Gott, was vor eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und anderen gewahr! Eine bäuersche Schüchternheit, ein verwilderter und ungebauter Körper, eine gänzliche Unwissenheit in

Sitten und Umgange, verhaßte Mienen, aus welchen jedermann seine Verachtung zu lesen glaubte, das waren die guten Eigenschaften, die mir bei meiner eigenen Beurteilung übrigblieben. Ich empfand eine Scham, die ich niemals empfunden hatte. Und die Wirkung derselben war, mich hierinne zu bessern, es koste was es wolle. Sie wissen selbst, wie ich es anfing. Ich lernte tanzen, fechten, voltigieren. Ich will in diesem Briefe meine Fehler aufrichtig bekennen; ich kann auch also das Gute von mir «sagen. Ich kam in diesen Übungen so weit, daß mich diejenigen selbst, die mir in voraus alle Geschicklichkeit darinnen absprechen wollten, einigermaßen bewunderten. Dieser gute Anfang ermunterte mich heftig. Mein Körper war ein wenig geschickter geworden, und ich suchte Gesellschaft, um nun auch leben zu lernen.« So will Lessing seinen »ganzen Lebenslauf auf Universitäten abmalen«, und einen wie zweifelhaften Genuß dies Gemälde seinen ängstlichen Eltern bereitet haben mag: Uns kann darnach die Frage, was er studiert hat, nicht mehr in große Verlegenheit setzen. Er wollte auf der Universität leben lernen, und seitdem es für Hutten eine Lust war, in dem Deutschland des sechzehnten Jahrhunderts zu leben, hatte kein Deutscher wieder einen so einfachen Entschluß mit so instinktiver Klarheit und Sicherheit gefaßt wie Lessing.

Leipzig war damals aber nicht nur die geeignetste, sondern geradezu die einzige deutsche Stadt, wo ein Sprößling der bürgerlichen Klassen eine Handvoll Lebensluft schöpfen konnte. Zwar die preußischen Geschichtsschreiber wissen es wieder einmal besser; um nur einen herauszugreifen, so erzählt Treitschke, die Hohenzollern seien »von alters her«, obendrein noch »nach gutem deutschen Fürstenbrauche«, für die »idealen Aufgaben des Staatslebens treu besorgt gewesen«, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts hätte »Deutschlands wiedererwachende Kunst und Wissenschaft in dem rauhen Brandenburg ihre Heimat« gefunden. »Die vier reformatorischen Denker des Zeitalters, Leibniz, Pufendorf, Thomasius, Spener, wandten sich dem preußischen Staate zu. Die neue Friedrichs-Universität zu Halle ward die Zufluchtstätte freier Forschung, übernahm für einige Jahrzehnte die Führung der protestantischen

Wissenschaft.« Nun ist es vollkommen richtig, daß um die Wende des Jahrhunderts das verknöcherte Luthertum in Sachsen noch mächtig genug war, jene vier Männer aus dem Lande zu beißen, von denen beiläufig der Pietist Spener sich den Ruhmestitel eines »reformatorischen Denkers« unbekannt wo erworben hat. Aber es ist vollkommen unrichtig, zu sagen, daß sich die Viere von dem »Idealismus« des preußischen Staats angezogen gefühlt hätten wie das Eisen vom Magnet. Leibniz hat sich an dem, wie er sich unehrerbietig genug ausdrückte, »liederlichen« Hofe von Berlin überhaupt nur zeitweise aufgehalten, auf Veranlassung seiner welfischen Gönnerin Sophie Charlotte, die ihrerseits auch nur mit mäßiger Befriedigung die Rolle der ersten preußischen Königin spielte. Pufendorf lebte an zehn Jahre in der Pfalz und an zwanzig Jahre in Schweden, ehe er am Abend seines Lebens nach Berlin berufen wurde, um gegen das artige Honorar von zehntausend Talern ein offiziöses Geschichtswerk über den Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu schreiben. Immerhin muß es als ein bescheidenes Verdienst des »rauhen Brandenburg« um die »wiedererwachende Kunst und Wissenschaft« betrachtet werden, daß Pufendorf nach vollbrachter Arbeit sein Honorar mit Mühe und Not in einzelnen Raten erhielt und daß der bei seinem Tode noch ausstehende beträchtliche Rest seiner in großer Dürftigkeit lebenden Witwe vorenthalten wurde, sosehr der verschwenderische Hof Friedrichs I. das Land aussog und ungeheure Summen an allerlei Abenteurer und Gauner verschwendete.[54]

Des weiteren war die Universität Halle weder eine »Zufluchtstätte freier Forschung«, noch sollte sie es sein. Sie wurde 1694 vornehmlich aus zwei Ursachen gegründet. Erstens mußte der brandenburgische Militärstaat aus schon entwickelten Gründen eine gewisse Duldung der Konfessionen beobachten und konnte so »sektiererische und gegen andersdenkende Bürger kriegerische« Geistliche nicht gebrauchen, wie sie auf den altlutherischen Universitäten Leipzig und Wittenberg gebildet wurden. Diesen sächsischen Hochschulen sollte in dem preußischen Halle ein militärfrommes Luthertum auf die Nase gesetzt werden. Ferner aber brauchte jener sich eben als ein Königreich entpuppender Militärstaat nachgerade ein besonderes Staatsrecht, die juristische Kodifikation seiner ökonomischen Lebensbedingungen drängte um so mehr, als auf den deutschen Universitäten noch ein ideologisches Schattenbild von Kaiser- und Reichsrecht umherspukte, mit dem die künftigen preußischen Beamten doch lieber erst gar nicht bekannt wurden. Ermöglicht aber wurde die Gründung der Universität Halle durch die Aufnahme des Christian Thomasius und der Pietisten in Preußen. Nur daß diese Aufnahme mit »freier Forschung« und dergleichen schönen Dingen wirklich auch gar nichts zu tun hatte. Der Pietismus war nichts als die religiöse Widerspiegelung des grauenvollen Elends, das der Dreißigjährige Krieg über die Nation gebracht hatte; durch ihn erklärten sich die bürgerlichen Klassen vor aller Welt für bankerott, sie wollten gar nichts mehr mit der Erde, sondern nur noch etwas mit dem Himmel zu tun haben. Insofern trat der Pietismus in einen gewissen Gegensatz zu dem Luthertum, das den bürgerlichen Klassen wenigstens noch die eine irdische Aufgabe zuwies, ein Fußschemel der fürstlichen Herrlichkeit zu sein. Allein sobald die bürgerlichen Klassen sich wieder ein wenig auf Erden umzusehen begannen, mußte der Pietismus ein fast noch beschränkterer Gegner dieser »freien Forschung« und in weiterer Folge – da er trotz seiner Verhimmelung nun doch einmal nicht über die Blitze des Himmels verfügen konnte – ein fast noch devoterer Fürstenknecht werden, als die lutherische Orthodoxie jemals gewesen war. Dieser bedingte Gegensatz zum Luthertum erklärt sowohl das zeitweilige Bündnis des Pietismus mit dem Aufklärer Thomasius wie auch die. Berufung beider sonst sehr verschiedener Parteien an die Universität Halle. Denn der frische und kecke Kampf, den der junge Thomasius in Leipzig gegen die pedantischen Perücken einer versteinerten Gelehrsamkeit geführt hatte, empfahl ihn in Berlin nicht im entferntesten. Ein ganz anderer Anlaß lenkte die Aufmerksamkeit des preußischen Hofes auf ihn. Der lutherische Herzog von Sachsen-Zeitz hatte eine reformierte Gemahlin genommen, die verwitwete Herzogin von Mecklenburg-Güstrow, eine Schwester des Kurfürsten (späteren Königs) Friedrich von Brandenburg, mit der Zustimmung ihrer, aber gegen den Wunsch seiner Familie. Nun waren aber auch die lutherischen Zionswächter im Preußischen und im Sächsischen über die konfessionell gemischte Ehe in höchste Aufregung geraten, was dem preußischen Hofe ebenso unwillkommen war wie dem sächsischen Hofe willkommen. In Preußen nahm die Sache ein schnelles Ende, indem der Kurfürst Friedrich den lutherischen Propst Müller in Magdeburg, der gegen die Ehe verschiedener Glaubensgenossen als unchristlich geschrieben hatte, und zwar ohne jene fürstliche Ehe selbst anzugreifen, einfach in der Festung Spandau eintürmen ließ! In Sachsen dagegen fuhr Thomasius den lutherischen Eiferern in die Parade, indem er die angefochtene Ehe als göttlichem und menschlichem Rechte gemäß erklärte. Darauf verbot ihm der Kurfürst von Sachsen bei zweihundert Talern Strafe Vorlesungen und Schriftstellerei, und nunmehr begab sich Thomasius nach Berlin, wo er als Verfechter eines hohenzollernschen Hausinteresses günstig aufgenommen und in Halle als freundnachbarlicher Konkurrent seiner ehemaligen Leipziger Kollegen angesiedelt wurde.[Anmerkung 42]

Begreiflicherweise konnte die neue Universität Halle nur bestehen, indem sie sich den Lebensbedingungen des preußischen Militärstaats anpaßte. Es war noch das beiläufigste Item, daß der alte Dessauer mit seinem Regimente in Halle lag und in seinem Zentaurenhasse gegen Bildung und Wissenschaft Professoren und Studenten nach Möglichkeit kujonierte.[Anmerkung 43]

Schwerer als diese äußeren Bedrängnisse fiel der geistige Verfall ins Gewicht, dem Thomasius und die Pietisten in einem so banausischen Lande unterlagen, wie damals Preußen war. Thomasius gab in Halle die Monatsschrift auf, womit er in Leipzig so treffliche Streiche geführt hatte, dagegen entwickelte er in seiner »Hofphilosophie« sehr unphilosophische Grundsätze über das äußere Fortkommen im Leben und die Protektion der Vornehmen. Er lehrte in einem Gutachten der Hallischen Juristenfakultät: »Das odium in concubinas« muß bei großen Fürsten und Herren zessieren, indem diese allein Gott von ihren Handlungen Rechenschaft geben müssen, hier nächst eine concubina etwas von dem splendeur ihres Amanten zu überkommen scheint.« Er nannte es »unverschämt«, wenn die Geistlichen auch gegenüber Fürsten ihr Recht, zu binden und zu lösen, geltend machen wollten, und erkannte gegen die braunschweigischen Hofprediger, die einer Prinzessin hartnäckig abrieten, zum Zweck einer österreichischen Heirat katholisch zu werden, »wegen solcher Auflehnung wider den Landesherrn als Bischof« auf Kerker und Landesverweisung. Ja, Thomasius sprach sogar über seine Vertreibung aus Sachsen ein rechtfertigendes Urteil, indem er ausführte: Ein Fürst, obwohl es ihm nicht zustehe, einen Ketzer mit weltlicher Strafe zu belegen, könne doch einem solchen Menschen anbefehlen, das Land zu verlassen, nicht anders, wie ein Hausvater einem Knechte, der ihm nicht anstehe, weil er sich etwa in seinen Humor nicht schicke, aufsagen könne. Ob Thomasius an der denunziatorischen Intrige beteiligt gewesen ist, die zur Vertreibung des Philosophen Wolff aus Preußen führte, muß dahingestellt bleiben; Wolff selbst behauptet es, doch kann sein Zeugnis allein nicht entscheiden; jedenfalls hat Thomasius zu dem rohen Gewaltakte geschwiegen. Dagegen waren die Pietisten in erster Reihe an der jammervollen Machenschaft beteiligt, und der Pietist Francke pries die Flucht Wolffs und seiner hochschwangeren Frau auf der Kanzel als ein gerechtes Strafgericht Gottes.

Überhaupt ist dieser Wolffische Handel in vielfacher Beziehung sehr lehrreich für die damaligen Zustände im Preußischen. Wolff war ein seichter Modephilosoph, der in seiner »Moralphilosophie« ähnliche duckmäuserische Ansichten vertrat wie Thomasius in seiner »Hofphilosophie«, indessen er hatte in jener sich mählich aus dem theologischen Joche loslösenden Zeit großen Zulauf. Aus Angst um die galoppierende Schwindsucht ihrer Kollegiengelder ließen die Theologen in Halle dann dem Könige Friedrich Wilhelm I. den schon erwähnten Humbug einblasen, nach Wolffs Grundsätzen dürften Deserteure nicht bestraft werden. Die sofortige Vertreibung Wolffs durch den König befriedigte nun zwar die milden Gemüter der theologischen Denunzianten, aber in weit geringerem Grade ihre hungrigen Geldbeutel, denn der Besuch einer unter so milden Himmelsstrichen gelegenen Universität nahm sofort ab. Auch der König merkte zu seinem Schrecken diese Folge seines Befehls an dem sinkenden Ertrage der Akzise.[Anmerkung 44]

Er war nun offenbar der ja auch ganz plausiblen Meinung, daß es schwieriger sei; ohne Geld Rekruten zu werben, als geworbene Rekruten trotz Wolffs Philosophie unter der Fuchtel zu halten. So befahl er denn den Kandidaten der Theologie, die eben erst bei Karrenstrafe verbotenen Schriften von Wolff eifrig zu studieren, und bemühte sich auf alle Weise, Wolff wieder ins Land zu locken. Wolff scheute als gebranntes Kind aber das Feuer, und sein Gönner Manteuffel, dessen Rat er sich erbat, wußte ihm auch nur, zu antworten: »Jeder Untertan in diesem Lande, wes Standes er immer sei, wird als ein geborner Sklave betrachtet, über den der Herr nach Gutdünken verfügen kann. Alle Welt ist überzeugt, daß man alle Gelehrten verjagen und alle Universitäten zerstören würde, wenn man sich davon Profit verspräche. Man liebt die Gelehrten nur soweit, als sie zur Vermehrung der Akziseeinkünfte dienen können.« Wolff kam erst nach der Thronbesteigung Friedrichs II. zurück, um nunmehr zu zeigen, daß er der beste Bruder auch nicht war. Als die Universität Halle im Jahre 1745 um Abschaffung der Komödianten gebeten hatte, weil sich die Studenten im Theater zu prügeln pflegten, verfügte der Philosoph von Sanssouci: »Da ist das geistliche Muckerpack schuldt daran, sie Sollen spillen und Hr. Francke es war der jüngere Francke) oder wie der Schurke heisset, Sol darbei Seindt, umb die Studenten wegen seiner Närischen Vorstehlung eine öffentliche Reparation zu thun, und mihr Sol der atest vom Comedianten geschicket werden, das er dargewesen ist.« Und also geschah es. Es ging nun das Gerede, der akademische Senat wolle gegen diese Unbill protestieren. Aber auf eine Anfrage des Grafen Manteuffel erklärte Wolff, davon wisse er nichts, und in keinem Falle werde er sich an einem solchen Proteste beteiligen.

Erwägt man, daß Halle, auch nach Lessings Ansicht, immerhin die beste der preußischen Universitäten war und daß die Wolffiade sich beinahe noch als ein ehrwürdiger Geisteskampf ausnimmt, verglichen mit den Narrenspossen, die Friedrich Wilhelm I. mit den Professoren in Frankfurt a. O. trieb, so tritt die Bedeutung Leipzigs für das Wiedererwachen des bürgerlichen Selbstbewußtseins erst in das rechte Licht. Die Stadt hatte sich als erster Handelsplatz des Reichs eine fast republikanische Unabhängigkeit errungen; sie durfte mit keiner Garnison belegt werden; ihr reger Meßverkehr gab ihrer Bürgerschaft einen helleren und weiteren Blick, als er dem deutschen Pfahlbürgertum der damaligen Zeit sonst eigen war und eigen sein konnte. Von dieser verhältnismäßig hohen ökonomischen Entwicklung zogen die geistigen Interessen den entsprechenden Gewinn. Schon als Sitz des deutschen Buchhandels war Leipzig zugleich eine intellektuelle und ökonomische Macht. Aber, auch die Universität Leipzig stand weitaus an der Spitze der deutschen Hochschulen. Sie hatte sich die Unabhängigkeit einer mittelalterlichen Korporation zwar mit ihren Schatten-, aber auch mit ihren Lichtseiten erhalten. Mochte sie gelegentlich auch unter fürstlicher Willkür leiden, so waren ihre Lehrer doch viel zu gewichtige Männer und standen viel zu fest in ihren Schuhen, als daß der Dresdener Hof sie nach preußischem Vorbilde wie Schalksnarren hätte behandeln dürfen. Auch gebietet die Gerechtigkeit anzuerkennen, daß den Wettinern die Neigung dazu im allgemeinen fernlag. Nicht zwar, als oh wir uns in die intimen Streitigkeiten zwischen den preußischen und sächsischen Geschichtsschreibern mischen wollten; wir stehen nicht auf dem Standpunkte, daß Fürstengeschlechter die Geschichte machen, sondern wir meinen, daß diesen Geschlechtern ihre historische Rolle von der geschichtlichen Entwicklung vorgeschrieben wird. Ist dem aber so, dann läßt sich nicht verkennen, daß den Wettinern auf dein Gebiete der Kultur eine immerhin erfreulichere Rolle zugefallen war als den Hohenzollern auf dem Gebiete des Militarismus. Durch die Reihe jener vererbte sich seit der Reformation ein gewisses Interesse an der Kunst, durch die Reihe dieser ein großes Interesse an der Soldateska! Weder jenes noch dieses war freie Wahl, sondern eine Folge der Verschiedenheit, die zwischen den von den Hohenzollern und den Wettinern regierten Ländern bestand. Als Herrscher von Sachsen würden die Hohenzollern einige Vorliebe für die Kunst, als Herrscher von Brandenburg die Wettiner innige Zärtlichkeit für den Militarismus bekundet haben. Diese Sachlage ist so einfach und so klar; sie entbehrt zudem so sehr jeder allgemeinen Bedeutung, daß wir sie gar nicht berührt haben würden, wenn nicht auch in diesem Punkte die Lessing-Legende richtigzustellen wäre. Allen Respekt vor der sittlichen Entrüstung über die Verschwendung der sächsischen Auguste, aber die Wohlfeilheit hat auch nie zu den Tugenden des preußischen Militarismus gehört, und vielleicht ist die Dresdener Gemäldegalerie ein ebenso wirksamer Hebel deutscher Kultur gewesen wie der Stock, mit dem die preußischen Friedriche ihre Soldaten drillten.[Anmerkung 45]

Genug, Leipzig war ein Ort, wo man, wie Lessing seiner Mutter schrieb, »die ganze Welt im Kleinen sehen« konnte. Oder wie wir heute sagen möchten: die ganze bürgerliche Welt auf dem höchsten Punkt ihrer damaligen Entwicklung. Mit ihrem geistigen Gehalte mußten sich die Klopstock und die Lessing erst durchdringen, wenn sie wirkliche Führer der bürgerlichen Klassen werden wollten, wie sie es denn geworden sind. Beide lebten gleichzeitig in Leipzig, ohne sich zu berühren. Möglich, daß nur ein Zufall sie voneinander fernhielt, aber dann gilt von diesem Zufalle Wallensteins Wort:

»Es gibt keinen Zufall! Und was ein blindes Ohngefähr uns dünkt, Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.«

Jeder von beiden, Klopstock wie Lessing, lebte in Kreisen, die sich nicht schnitten. Klopstock war mit einem fertigen Lebensplane von der Schule gekommen; er warf, wie Danzel mit einem allzu harten, aber nicht völlig unwahren Worte sagt, der Nation die ganze Unreife seiner zwanzigjährigen Primanerexistenz ins Gesicht; in einem Sinne war er früh fertig, in einem andern Sinne ist er niemals fertig geworden; als Jüngling schon gewann er glänzenden Ruhm, den er dann ein langes Leben hindurch nur langsam erbleichen sah. Wie hoch stehen die ersten Gesänge des Messias über den hölzernen Theaterstücken, mit denen Lessing begann, aber wie schnell und wie weit ist Klopstock hinter Lessing zurückgeblieben! Der Grund ihrer verschiedenen Schicksale liegt nicht in der verschiedenen Art ihrer Begabung, denn die hätte sie nicht [zu] hindern brauchen, auf verschiedenen Gebieten in gleicher Höhe zu marschieren, sondern in der verschiedenen Stärke ihres Klassenbewußtseins. So frisch und keck auch Klopstock in das Leben sah, sowenig es ihm an bürgerlichem und nationalem Stolze fehlte, so blieb er doch noch immer in dem deutschen Philistertum stecken. Es war in jedem Sinne eine Schulaufgabe, ein ganzes Leben an ein religiöses Epos zu setzen, und nur ein verkümmertes, den Schein für das Wesen nehmendes Klassenbewußtsein konnte ihn auf das Muster Miltons führen. Freilich war Milton auch ein Herold der bürgerlichen Klassen, aber den englischen Puritanern war die Religion die ideologische Widerspiegelung gewaltiger Klassensiege, während sie den bürgerlichen Klassen in Deutschland nichts als das ideologische Symbol eines Despotismus sein konnte, dem eben diese Klassen seit zwei Jahrhunderten ihre politisch-soziale Vernichtung verdankten. So wurde Miltons Epos ein unsterbliches Gedicht, während Klopstocks Messiade nach der ersten aufflammenden Begeisterung über das dichterische Talent, das aus ihr sprach und das wohl als schönes Pfand wiederauflebender Bürgerkraft gelten konnte, einer schnellen Vergessenheit anheimfiel. Klopstock hat nach diesem ersten großen Mißgriffe niemals wieder die rechte Fühlung mit seiner Klasse gewonnen. Zwar ist es sehr töricht, wenn Scherer ihn rüffelt; weil er nicht den König Friedrich, sondern Hermann den Cherusker und Heinrich den Vogler als nationale Helden gefeiert habe, denn Friedrich war im günstigsten Falle ein Vertreter der nationalen Zweiheit, während Hermann und Heinrich immerhin Vertreter der nationalen Einheit waren. Aber diese geschichtlichen Gestalten konnten den aufstrebenden bürgerlichen Klassen nicht mehr als blutlose Schemen sein, und aus dem Leben dieser Klassen selbst hat Klopstock nie seine dichterischen Stoffe entnommen. Nur der Greis hat noch einmal in den Oden auf die Französische Revolution ein beredtes Zeugnis für seinen sozialen Ursprung abgelegt.

Wie ganz anders Lessing! Er kam ohne jeden fertigen Lebensplan auf die Universität, und es scheint fast, als ob er wirklich die ersten paar Monate auf einen ehrsamen Theologen losgebüffelt hätte. Aber das großstädtische Treiben weckte sein Klassenbewußtsein, und alles, womit er es nähren konnte, sog er mit klammernden Organen aus dem Leben der Stadt, in der damals das bürgerliche Leben des Reichs die verhältnismäßig höchste Entwicklung erreicht hatte. Kein Zweifel, daß Lessing nach seinen Anlagen weit mehr zum Gelehrten als zum Dichter geschaffen war! Er seihst hat sich in der Hamburgischen Dramaturgie mit bescheiden-stolzen Worten den Namen eines Dichters abgesprochen, und niemand hätte so aberweise sein sollen, dies Bekenntnis anzufechten. Wer mag heute noch die kleine Poesie seiner jungen Jahre lesen, das »anakreontische Gegängel«, worin er mit einem Gleim um die Wette »kinderte«; die Sinngedichte, in denen das meiste und oft auch das Beste fremden Mustern entlehnt ist; die Bruchstücke von Lehrgedichten, die nach Form und Inhalt schwerfällig, aber nicht schwer, seicht, aber nicht klar sind. Es ist wahr: Die Zeit war noch so geistig arm, daß sogar diese dürftigen Versuche ihrem Verfasser den Ruf eines namhaften Dichters eintrugen, aber er selbst hat nicht über seine frühesten Schaffensjahre hinaus seine Kraft an solchem Quarke verdorben.

Vielmehr alles, was ihn auszeichnete, wies ihn auf die gelehrte Laufbahn hin: sein scharfer und tiefer Verstand, die kühne und rasche Beweglichkeit seines Geistes, seine dialektische und kritische Begabung, die nie verhehlte Freude auch an dem Kleinkrame, dem Handwerkszeuge der wissenschaftlichen Forschung, das unverkennbare Behagen an oft noch mehr gewagten als scharfsinnigen Konjekturen. Trotzdem war er ebenso schnell wie über das Pastorieren über das Professorieren hinaus; er hat schon in Leipzig jenen Abscheu gegen die zünftige Gelehrsamkeit eingesogen, der ihm all sein Lebtag treu geblieben ist. Von der Gelehrsamkeit ging er zur Dichtkunst über; von einem Gebiete, auf das ihn alles zu locken, auf ein Gebiet, von dem ihn alles zu schrecken schien. Aber was den Schein einer verhängnisvollen Selbsttäuschung trug, das war tatsächlich ein unbeirrbarer Klasseninstinkt. Die Universität Leipzig bot dem jungen Lessing zwar mehr, als ihm jede andere deutsche Hochschule geboten haben würde, und was er ihren frischeren Kräften, den Philologen Ernesti und Christ, dem Mathematiker Kästner verdankte, ist in seiner späteren Entwicklung wohl erkennbar. Aber es war doch nur wenig im Verhältnis zu dem, was ihm das Leben selbst bot. Auch an dieser Universität herrschte noch eine verstaubte und vertrocknete Gelehrsamkeit vor; das Joch des Luthertums war erschüttert, aber nicht gebrochen; ein widerwärtiges Cliquen- und Nepotenwesen wucherte unter der pedantischen Steifheit der ellenhohen Perücken. Das Katheder war, alles in allem, ebenso eine Vorburg des fürstlichen Despotismus wie die Kanzel. Nicht in Lessing allein dämmerte damals die Erkenntnis auf, daß die von den herrschenden Klassen bevorrechteten Genossenschaften der Gelehrsamkeit niemals die geistigen Führer der unterdrückten Klassen sein können; fast alle, sagt Voltaire, welche die Wissenschaften auf neue Wege gebracht haben, waren Privatgelehrte, die fern von Ehrsucht und Stellen, fern von Akademien, Höfen und der großen Welt auf ihrem Zimmer ihren Gedanken nachhingen. Auf dem Gebiete der Philosophie und Theologie, der Rechts- und Staatswissenschaft lagen die Fußangeln des fürstlichen Despotismus; unter seinem bleiernen Joche war längst alles politische Leben erstickt; die schöne Literatur bot einstweilen den einzigen Kampfplatz, auf dem die bürgerlichen Klassen um ihre soziale Emanzipation ringen konnten.

Auch sie hatte in Leipzig ihren Mittelpunkt; Lessing selbst sagt später einmal, nirgend lerne es sich so leicht wie auf dieser Akademie, ein Schriftsteller zu werden. Ihn selbst aber leitete auf literarischem Gebiete sein Klassenbewußtsein sofort wieder auf den entscheidenden Punkt. Seine lyrischen Sachen blieben beiläufige und schnell vergessene Abfälle; das Theater aber nahm den ganzen Menschen in Beschlag und hat ihn nie wieder losgelassen. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, konnte sich die bürgerliche Welt mit dem Scheine des Lebens entfalten; hier konnte sie vor allem Volke die Fragen erörtern, die ihr Inneres bewegten; die Schaubühne war Kanzel und Katheder zugleich für die bürgerlichen Klassen. Sie wurde beides vor allem für Lessing. Er war an sich dramatischer Dichter so wenig wie Dichter überhaupt. Von seinen zahllosen dramatischen Plänen ist wenig vollendet worden, und dies wenige reifte erst im Laufe von Jahren, ja, wie Emilia Galotti und Nathan, erst im Laufe von Jahrzehnten. Das Studium seiner Entwürfe zeigt, wie wahr er seine dramatische Tätigkeit schildert, wenn er an der schon erwähnten Stelle der Dramaturgie schreibt: »Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen emporschießt. Ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir herauspressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrießlich geworden, wenn ich zum Nachteile der Kritik etwas las oder hörte; sie soll das Genie ersticken, und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem Genie sehr nahekommt.« Nicht ein poetischer, sondern ein sozialer Instinkt trieb den jungen Lessing auf die Bühne, wie denn der todesmatte Kämpfer, dem jeder andere Kampfplatz verschlossen worden war, zur Bühne als seiner »alten Kanzel« seine letzte Zuflucht nahm.

So lernte Lessing in Leipzig leben. Derweil Klopstock in poetischen Visionen den Himmel geöffnet sah und in einem engen Kreise gleichgesinnter Genossen sich schon einen ersten Anflug hohenpriesterlicher Würde zulegte, verarbeitete Lessing alles, was ihm Leben und Wissenschaft entgegenwarf, zu einer Komödie und tummelte sich munter unter dem leichten Völkchen der Bühne. Auch darin ist er ein richtiger sozialer Rebeller gewesen, daß er mit den Parias der Gesellschaft von damals, Juden, Schauspielern und Soldaten, allemal am liebsten verkehrte. Aber so schwach, wie das Klassenbewußtsein des Bürgertums noch war, so leicht gezimmert, war auch noch das Brettergerüst seiner Szene. Die Bühne der Neuberin, an der Lessing dichten und leben lernte, brach zusammen und begrub den jungen Kämpfer unter ihren Trümmern. Lessing floh vor seinen Gläubigern aus Leipzig, zur selben Zeit, als Klopstocks Messias wie ein heller Morgenstern am geistigen Horizonte der bürgerlichen Klassen aufstieg.

III. Berlin im achtzehnten Jahrhundert

Nach seiner Flucht aus Leipzig wandte sich Lessing zunächst nach Wittenberg, der anderen sächsischen Universität, wo er im August 1748 als Student der Medizin eingeschrieben wurde. Es scheint indes, daß seine Gläubiger ihn auch hierher verfolgt haben; jedenfalls siedelte er noch vor Schluß des Jahres nach Berlin über. Er vollzog damit aber keineswegs eine »Option für Preußen«, einen »entscheidenden, tief begründeten Schritt«, wie Herr Erich Schmidt unter gewaltigem Aufwande patriotischer Redensarten behauptet. Vielmehr vertrieb ihn aus Sachsen seine finanzielle Misere, und wenn er von nun an auf eigenen Füßen stehen wollte, was um so mehr seine Absicht war, als er der Armut seiner Eltern weitere Opfer für seine Universitätsstudien nicht zumuten mochte, so mußte er sein Heil in einer großen Stadt versuchen. Denn wenn überhaupt, so konnte er nur in einer solchen auf literarische Anknüpfungspunkte hoffen. Für diesen Zweck lag ihm aber Berlin am nächsten, namentlich auch deshalb, weil sein Jugendfreund und Vetter Mylius eben aus Leipzig nach Berlin übergesiedelt war, um die Redaktion der »Berlinischen privilegierten Zeitung« zu übernehmen, derselben Zeitung, die heute unter dem Namen der »Vossischen Zeitung« bekannt ist und der Kürze wegen gleich so genannt werden mag.

Sonst freilich konnte sich Berlin mit Leipzig in keiner Weise messen, es sei denn an Einwohnerzahl, die bei Lessings Einzug in die preußische Hauptstadt sich bereits auf mehr als hunderttausend Köpfe belief. Berlin und Leipzig vertraten mit in erster Reihe zwei sehr voneinander verschiedene Kategorien deutscher Städte. Eine unparteiische Zeugin, Lady Montague, 1716 durch Deutschland reiste, vergleicht die Handelsstädte wie Leipzig mit holländischen Hausfrauen, die von einem gewissen sauberen und soliden Wohlstande umgeben seien, während sie als gemeinsamen Charakterzug der Residenzstädte wie Berlin eine gewisse schäbige Eleganz, eine aufgeputzte Unsauberkeit und Armut, namentlich in den höheren Klassen, nennt. Nach ihrem Ausdrucke glichen diese Städte geschminkten und frisierten Freudenmädchen mit Bändern in den Haaren und Silbertressen auf den Schuhen, aber in zerrissenen Unterröcken. Das Urteil klingt hart, doch ist es nach allen sonstigen Zeugnissen nicht ungerecht. Derartige Städte waren meist künstliche, parasitische Schöpfungen, bestimmt, der fürstlichen Allmacht einen prunkenden Hintergrund zu geben, jeder kommunalen Selbständigkeit entkleidet, überfüllt mit kriechenden Höflingen, servilen Beamten, brutalen Soldaten, ausländischen Abenteurern, im günstigsten Falle noch ausgestattet mit allerlei Privilegien, die eine künstliche Gewerbe- und Handelstätigkeit hervorrufen sollten, aber natürlich nur in mehr oder minder beschränktem Maße hervorrufen konnten, womit dann die Abhängigkeit der Bürgerschaft vom Hofe noch verstärkt wurde. Diese Städte waren Mikrokosmen des deutschen Elends, dessen verheerende Folgen nirgends so traurig hervortraten wie in ihnen.

Kaum irgendwo in Deutschland aber sah es mit dem Städtewesen so übel aus wie im Preußischen. Wir haben schon bemerkt, daß der preußische Absolutismus nicht in derselben Weise entstanden war wie der Absolutismus in ökonomisch vorgeschrittenen Ländern: nicht durch die Entwicklung des Warenhandels und der Warenproduktion, nicht durch die Stütze, die er an den Städten gegen den Adel gewann, und nicht durch den Schutz, den er den Städten gegen den Adel gewährte. Er ist immer, auch in seinen scheinbar glänzendsten Zeiten, abhängig gewesen von den feudalen Junkern. Vielleicht hatte die Armut des Landes und die Ungunst der geographischen Lage die märkischen Städte im Ausgange des Mittelalters nicht in dem Maße erstarken lassen, daß die zur Herrschaft gelangten Hohenzollern mit ihrer Hilfe die Macht der Junker hätten brechen können. Aber es ist auch gar kein ernsthafter Versuch dazu gemacht worden, es sei denn, daß man das sehr vorübergehende Bündnis, das der erste Hohenzoller mit den Städten schloß, um die Quitzows niederzuwerfen, als solchen Versuch betrachten will. Jedenfalls schor bereits der zweite Hohenzoller auf Halbpart mit dem Adel die märkischen Städte, namentlich die Schwesterstädte Berlin-Kölln, bis aufs nackte Leben. Patriotische Geschichtsschreiber nennen das »die trotzigen Städte in die wohltätige Zucht des Staatsgedankens nehmen«, aber die aus dem Jahre 1448 erhaltenen, leider nur spärlichen Urkunden geben ein etwas abweichendes Bild des Hergangs.

Nämlich der Kurfürst Friedrich II. benützte einen Zwist zwischen den Geschlechtern und den Zünften von Berlin-Kölln, um sich zum Schiedsrichter aufzuwerfen und eine Zwingburg am Saume der Stadt anzulegen, dasselbe Gebäude, das Herr Eugen Richter mit untertänigstem Bückling als das »altehrwürdige Hohenzollernschloß« preist. Die Berliner von dazumal erstarben nicht ganz in so loyaler Ehrfurcht; Geschlechter wie Zünfte rochen den Braten, noch ehe er gar war; sie vereinigten sich und verschanzten die Städte durch einen Blockzaun gegen die entstehende Burg; sie vertrieben die Bauleute des Kurfürsten sowie die Richter und Zöllner, die er ihnen auf den Hals gesetzt hatte, sie riefen die anderen märkischen Städte zu gemeinsamem Widerstande gegen den drohenden Schlag auf. Aber ehe dieser Widerstand organisiert werden konnte, fielen Kurfürst und Junker mit gewaffneter Hand über Berlin-Kölln her und warfen die Städte vollständig nieder. Der Kurfürst machte seinen Hofrichter zum Bürgermeister, und die Stellen der Ratmannen besetzte er zum Hohn für die Bürgerschaft mit seinen reisigen Knechten. Die Gerichte, Mühlen, Zölle und Landgüter der Stadt wurden dem Küchenmeister des Kurfürsten als Lehen übergeben; das heißt: Sie dienten fortan dazu, den gesamten kurfürstlichen Hofhalt zu unterhalten. Die Patrizier der Städte mußten ihre Lehen, selbst das Leibgedinge ihrer Frauen an den Kurfürsten übergeben, und von ihrem »fahrenden Gute« hatten sie ungeheure Strafgelder zu zahlen. In der Zeit vom 12. September bis zum 14. Oktober 1448 erschienen sie Mann für Mann »in dem kleinen Stüblein über dem Torhause zu Spandau« und haben, wie es in den Protokollen heißt, »ir liep und alle ir gut in mynes gnedigen heren hand gesetzet und gegeben«. An barem Geld allein zahlten die Schum, die Blankenfelde, die Brackow, die Ryke je 3000, die Stroband, die Wyns je 2000 rheinische Gulden und so weiter herab nach dem Besitze der einzelnen Familien bis auf je 1000 oder 700 Gulden. Erwägt man, daß der rheinische Gulden damals den Wert von zwei Talern und nach heutigem Geldwerte mindestens den Wert von zwanzig Mark hatte, so ist leicht zu ersehen, daß sich die »wohltätige Zucht des Staatsgedankens« in diesem eigentümlichen Falle wirklich nur als vollständige Vermögenskonfiskation bewährt hat. Minder offen, aber nicht minder gründlich bluteten die andern märkischen Städte, und dafür, daß sie sich von so erschöpfenden Aderlässen nicht wieder erholten, sorgten die Nachfolger des »eisernen Friedrich«. Um nur noch ein Beispiel anzuführen, so gab der sittenlose und verschwenderische Kurfürst Joachim II., als ihm das nötige Metall zur Ausprägung neuer Münzen fehlte, seinem Hofjuden Lippold eine Vollmacht, bei achtzehn reichen Bürgern einen »Einfall« zu tun und ihnen das vorgefundene Gold und Silber abzunehmen. In dankbarer Erinnerung an diesen »Einfall« hat denn auch die freisinnige Stadtverwaltung von Berlin vor einigen Jahren den andern »Einfall« gehabt, aus der Tasche der städtischen Steuerzahler zehntausend Mark für ein Standbild dieses Joachim zu spenden.

Nach dem Dreißigjährigen Kriege nahm die hohenzollernsche Städtepolitik nicht sowohl ein anderes Wesen als andere Formen an. Mit dem einfachen Ausschöpfen der bürgerlichen Säckel war es vorbei, weil in diesen Säckeln überhaupt nichts mehr zu finden war; Berlin ging aus den Verheerungen jenes Krieges als ein elendes Nest baufälliger Hütten hervor mit ein paar Tausend Einwohnern, die nichts mehr zu brechen und zu beißen hatten. Der militärische Absolutismus brauchte nun aber Geld, viel Geld; er mußte ausländische Kapitalien und Kapitalisten heranziehen; so sorgte er in seiner Weise für die »Peuplierung« der Städte und die Förderung der städtischen Industrie. Er setzte dafür alle möglichen Hebel an, gebrauchte dazu alle möglichen Mittel, mitunter nicht üble, oft aber auch sehr gewagte. Nützlich, namentlich in wirtschaftlicher Beziehung, war die Aufnahme der französischen, böhmischen, salzburgischen aus ihrer Heimat vertriebenen Protestanten, aber daneben lockte die verschwenderische Hofhaltung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, und mehr noch seines Sohnes, des Königs Friedrich I., allerlei zweifelhaftes Volk nach der preußischen Hauptstadt. Unter Friedrich Wilhelm I. hörte dieses Zugmittel zwar auf zu wirken; vielmehr wurde die Bürgerschaft unter einem so scharfen Drucke gehalten, daß sie sich den harmlosesten Lebensgenuß höchstens auf die Gefahr königlicher Stockprügel gönnen durfte. Allein in seiner besonderen Weise sorgte der wunderliche Tyrann doch auch für die Erweiterung seiner Residenz; er befahl wohlhabenden Leuten oder solchen, die er dafür ansah, ohne weiteres den Bau von Häusern in Berlin, deren Fundamentierung in dem sumpfigen Boden nicht selten das ganze Vermögen ihrer glücklichen Besitzer kostete. Was immer für die Städte geschah, das geschah nicht um der Städte willen, sondern im Interesse des militärischen Absolutismus, der denn auch alsbald wieder die Henne zu schlachten begann, ehe sie noch die goldenen Eier legen konnte. Friedrich Wilhelm I. nahm den Städten das Kämmereiwesen ab und stellte es unter seine Steuerräte mit dem Befehle, den Städten nur das Notdürftigste zu lassen und den Überschuß an die königlichen Kassen abzuführen. Vermutlich ist es dies »Verdienst um das Bürgertum«, das ihn nach Herrn Schäffles glaubwürdiger Versicherung befähigte, den Thron als einen Felsen von Erz zu errichten.[55]

Friedrich II. führte das schöne Prinzip seines Vaters noch strenger durch: Die städtische Verwaltung wurde zu einer königlichen; die Kriegs- und Domänenkammern verfügten über das städtische Eigentum nach ihrem Belieben und ernannten die Magistrate; als ein General seinen invaliden Regimentspauker zum Bürgermeister einer Stadt empfohlen hatte, antwortete ihm der König, zuvor müßten die gedienten Unteroffiziere in diesen Ämtern versorgt werden. Was aber Berlin im besonderen angeht, so schlug Friedrich sozusagen einen mittleren Weg zwischen den Methoden seiner Vorgänger ein; unter ihm wurde die preußische Hauptstadt ein zwar nicht lustiges, aber dafür liederliches Gefängnis.

Der Zeugnisse für diese Tatsache gibt es so viele und – trotz ihres sehr verschiedenen Ursprungs – so übereinstimmende, daß wir uns genügen lassen können, gerade nur ein halbes Dutzend beizubringen. Der englische Gesandte, Sir Charles Hanbury Williams, schrieb 1750 aus Berlin über Friedrich: »Es ist gar nicht zu glauben, wie dieser pater patriae sich um seine Untertanen sorgt ... Er läßt ihnen in der Tat keine andere Freiheit als die des Denkens. Der Zwang geht durch alle Stände, und Mißtrauen drückt sich auf jedem Gesichte aus. Ich denke, Hamlet sagt irgendwo: Dänemark ist ein Gefängnis; das ganze preußische Gebiet ist ein solches im buchstäblichen Sinne des Worts.« Sein Nachfolger, Lord Malmesbury, schrieb im Jahre 1772: »Berlin ist eine Stadt, wo es weder einen ehrlichen Mann noch eine keusche Frau gibt. Eine totale Sittenverderbnis beherrscht beide Geschlechter aller Klassen, wozu noch die Dürftigkeit kommt, die notwendigerweise teils durch die von dem jetzigen Könige ausgehenden Bedrückungen, teils durch die Liebe zum Luxus, die sie seinem Großvater abgelernt haben, herbeigeführt worden ist. Die Männer sind fortwährend beschäftigt, mit beschränkten Mitteln ein sehr ausschweifendes Leben zu führen. Die Frauen sind Harpyen, denen Zartgefühl und wahre Liebe unbekannt sind und die sich jedem preisgeben, der sie bezahlt.« Der italienische Dichter Alfieri, der im Jahre 1770 Preußen besuchte, erklärte in seiner Selbstbiographie, Berlin sei ihm vorgekommen wie » eine große Kaserne, welche Abscheu einflößt«, und der ganze preußische Staat »mit seinen vielen Tausend bezahlter Satelliten wie eine ungeheuere, ununterbrochene Wachtstube«. Georg Forster ließ sich 1779 nach einem längeren Aufenthalte in Berlin brieflich gegen Jacobi also aus: »Ich habe mich in meinen mitgebrachten Begriffen von dieser großen Stadt sehr geirrt. Berlin ist gewiß eine der schönsten Städte in Europa. Aber die Bewohner! Gastfreiheit und geschmackvoller Genuß des Lebens ausgeartet in Üppigkeit, Prasserei, ich möchte sagen Gefräßigkeit ... Die Frauen allgemein verderbt.« Der zarte Frühlingssänger Kleist plauderte 1751 in einem Briefe an seinen Freund Gleim: »Sie wissen doch schon die Aventure des Markgrafen Heinrich. Er hat seine Gemahlin auf seine Güter geschickt und will sich von ihr separieren, weil er den Prinzen von Holstein bei ihr im Bette getroffen hat ... Der Markgraf hätte wohl besser getan, wenn er den Handel verschwiegen hätte, statt daß er jetzt ganz Berlin und die halbe Welt von sich sprechen macht. Überdem sollte man eine so natürliche Sache nicht so übelnehmen, zumalen wenn man selber nicht so glaubensfest ist wie der Markgraf. Der Ekel ist doch ganz unausbleiblich in der Ehe, und alle Männer und Frauen sind durch ihre Vorstellungen von anderen liebenswürdigen Vorwürfen nezessitieret, untreu zu sein. Wie kann das bestraft werden, wozu man gezwungen ist?« Gleim aber meldete 1746 über eine Redoute, die er mit Kleist besucht hatte, an Uz: »Wir tanzten, aber ich für mein Teil war gar nicht zufrieden, daß ich nicht durch die Larve hindurch sehen konnte, ob ich mit einer Prinzessin oder mit einer Hure tanzte. Es geht in der Tat bei dieser Lustbarkeit ein bißchen zu unordentlich her, als daß sie mir gefallen sollte. Auf dem adligen Platze ist man zu blöde, und auf dem bürgerlichen findet man kein sprödes Mädchen. Anakreons Maskeraden sind artiger gewesen. Es sind wenig Erfindungen und fast gar keine Scherze bei den hiesigen. Die grobe Wollust hat allenthalben die Oberhand.« So der eine preußische Barde, den nur seine »Blödigkeit« verkennen ließ, daß es auf dem »adeligen Platze« ebenso aussah wie auf dem bürgerlichen. Der andere preußische Barde aber, nämlich Ramler, der als Lehrer am Kadettenkorps angestellt war, schrieb an seinen Bundes- und Liedesbruder, er sei krank, weil er zu arm sei, eine Mätresse zu unterhalten.[Anmerkung 46]

Ein erklärendes Licht auf die sittlichen Zustände Berlins wirft die damalige soziale Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Zahlen, die wir darüber haben auffinden können, rühren allerdings erst aus den siebziger Jahren her, doch dürfte der Unterschied zu den fünfziger Jahren nur ein quantitativer, nicht ein qualitativer sein. Ende der siebziger Jahre lebten in Berlin

Männer 20 755
Frauen und Witwen 25 996
Söhne 16 919
Töchter 21 582
Gesellen und Handlungsdiener 5 588
Lehrjungen 2 410
Diener und Knechte 5 027
Mägde 10 078
Garnison 32 564
_______
138 719

Das Übergewicht der männlichen über die weibliche, der unverheirateten über die verheiratete Bevölkerung springt in die Augen. Ackerbau trieben 85 Personen; in den vier Hauptzweigen der Weberei, der damaligen Hauptindustrie (Seide-, Linnen-, Woll- und Baumwollmanufaktur), belief sich die Zahl der arbeitenden Stühle auf 6 168 mit über 7 000 Arbeitern. Sie lieferten jährlich für 3 774 000 Taler Ware, wovon ins Ausland für 817 000 Taler gingen. Die Arbeitslöhne betrugen 2 117 000 (auf die Person 278) Taler. Andere fabrikmäßige Manufakturen beschäftigten zu gleicher Zeit 2530 Arbeiter mit einem Arbeitsverdienste von 438 000 (auf die Person 249) Talern. Sie produzierten einen Wert von 1 367 000 Talern, wovon für 522 000 Taler ins Ausland abgesetzt wurden. Die Gesamtsumme der in allen Erwerbszweigen zusammen angesetzten Arbeiter belief sich auf 10 113, die Summe der Arbeitslöhne auf 2 600 000, der produzierten Werte auf 6 Millionen, der Ausfuhr auf 1 720 000 Taler. Im Jahre 1785 zeigte sich in allen diesen Ansätzen eine Verminderung von zehn bis zwölf Prozent, ein Beweis mehr für die Behauptung Mirabeaus, daß Gewerbe und Handel im preußischen Staate flau, künstlich erzeugt und ohne nachhaltige Grundlage seien.[Anmerkung 47]

Wenn nun aber schon eine durch allerlei Monopole und Privilegien herangezüchtete Gewerbe- und Handelstätigkeit eine sehr unsichere Grundlage für bürgerliche Unabhängigkeit ist, so kam in diesem Falle noch der erschwerende Umstand hinzu, daß die kapitalistischen Unternehmer sich ganz überwiegend aus Franzosen, Juden und wenn nicht Polen, so doch Tschechen rekrutierten. Die französische Kolonie belief sich auf 5346, die böhmische auf 1125, die Judenschaft auf 4245 Köpfe. Industriell und intellektuell der Sauerteig der Bevölkerung, waren diese Schichten moralisch und politisch, um mit Herrn Mommsen zu sprechen, Elemente der Dekomposition. Vor allem die Franzosen und die Juden. Diese »Nation« – denn so, nicht »Konfession«, nannte sie sich damals selbst – konnte nach ihrer jahrhundertelangen Unterdrückung und ihrer gewaltsamen Beschränkung auf den Geldhandel unmöglich aus Engeln des Lichts bestehen und bestand in ihrer Masse auch wirklich nicht daraus, und was die französischen Einwanderer anbetrifft, so waren sie nach vielen Klagen der Zeitgenossen eben auch keine Tugendhelden.[Anmerkung 48]

Doch auch davon abgesehen, so bildeten diese fremdländischen Kolonien gewissermaßen Staaten im Staate; sie besaßen ihre besonderen Behörden, ihre besonderen Rechte, ihre besonderen Lasten; sie gehörten sozusagen mit Haut und Haaren dem Könige, von dessen Gnade sie vieles zu hoffen und von dessen Ungnade sie alles zu fürchten hatten, und dies Gefühl einer unbedingten Abhängigkeit durchdrang sie um so mehr, als sie von der deutschen Bevölkerung durch starke Interessengegensätze getrennt waren. Dagegen machte es keinen besonderen Unterschied, daß die Franzosen vom Könige mehr gehätschelt, die Juden mehr gestriegelt und in der Tat eher als finanzielles Melkvieh denn als Menschen behandelt wurden. Nach dem »Revidirten Generalprivilegium und Reglement vor die Judenschaft in Preußen« von 1750 sollte die Zahl der Juden beschränkt bleiben, für Berlin beispielsweise auf 152 Familien; sobald die für jeden Ort bestimmte Ziffer überschritten war, sollte der Überschuß durch die Ausweisung der ärmsten und unsittlichsten Juden aus dem Lande wieder beseitigt werden; der König selbst ließ sich die betreffenden Tabellen im Anfange jeden Jahres zur Prüfung vorlegen. Allein da er »denen Juden den Schutz hauptsächlich deßhalb gestattete, um Handel, Commerce, Manufakturen, Fabriquen und dergleichen« zu betreiben, so verhalf er ihnen zu einer ökonomischen Macht, deren Konsequenzen er sich nicht entziehen konnte. Die Schutzjuden Abraham Markus, Veitel Ephraim und Daniel Itzig erhielten schon 1761 »die Freiheit eines christlichen Banquiers bei rechtlichen Angelegenheiten vor und außer Gericht«, während die Masse der Judenschaft trotz aller gesetzlichen Beschränkungen immer stärker anwuchs.[Anmerkung 49]

Genug, während Franzosen und Juden ökonomisch die Herrschaft über und intellektuell einen wohltätig aufrüttelnden Einfluß auf die einheimische Bevölkerung gewannen, blieben sie politisch noch abhängiger als diese von jeder Laune des fürstlichen Despotismus, und das eigentümliche Verhältnis hat eine bis auf diesen Tag fühlbare Nachwirkung in den. bürgerlichen Klassen von Berlin gehabt. Von ihm rührt einerseits jener behende Mutterwitz her, der über Gott, König und die Welt die kecksten und schlagendsten Worte findet, andererseits aber auch jene unausrottbare Ehrfurcht vor jeder am Horizont aufblinkenden Helmspitze eines Schutzmannes. Erst seitdem es in Berlin eine selbständig erwachsene Arbeiterklasse gibt, hat sie das Gute mit dem Besseren zu verbinden verstanden. Die Arbeiter eroberten am 18. März 1848 Berlin, während die Bürgerwehr dem wieder einziehenden Heere des Staatsstreichs allein den »passiven Widerstand« und eine Fülle beißender Witze über den alten Wrangel entgegenzusetzen wußte. Man sieht aber, wie unrecht die Reaktion daran tat, Franzosen, Juden und Polen als die Urheber des 18. März anzuklagen; sie hat vielmehr allen Anlaß, den Franzosen, Juden und wenn nicht Polen, so doch Tschechen ihren Dank dafür abzustatten, daß die Bürgerschaft von Berlin den Revolutionär immer nur in Schlafrock und Pantoffeln gespielt hat.

So mußten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bürgerliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit in Berlin ebenso unbekannte Begriffe wie Tatsachen sein. Städtische Behörden als solche gab es nicht; der königliche Despotismus herrschte über der Stadt unumschränkt, bis ins Kleine und Kleinliche sich einmischend; was er dennoch vielleicht noch ungehudelt ließ, das hudelten der bürokratische und der militärische Despotismus, den die 2986 Beamten und die Offiziere der über 30 000 Mann starken Garnison ausübten. Von einem geistigen Leben kann da kaum gesprochen werden. Es würde so lächerlich sein, die paar kleinen Winkelblätter mit den Leipziger »Acta Eruditorum« in einem Atem zu nennen, wie die paar verkommenen Gymnasien mit den sächsischen Fürstenschulen auf eine Stufe zu stellen. Der gelehrteste Mann der Spreestadt, ihr »griechisches Orakel«, war der Rektor Damm vom Köllnischen Gymnasium; zu ihm pilgerte Winckelmann, um Griechisch zu lernen; bei ihm nahmen Mendelssohn und Nicolai noch als erwachsene Männer Unterricht im Griechischen. Er haftete aber nur am Wortverstande und übersetzte den Homer »in das abscheulichste Rotwelsch, durch das jemals ein Pedant sich an der deutschen Sprache vergangen hat« (Justi). Seine Übersetzung des Neuen Testaments brachte ihn gar in den Verdacht ketzerischer Meinungen. Anfeindungen des Pöbels verdüsterten das Leben des braven Mannes, und seine Schule verfiel gänzlich.

Ein Theater gab es in Berlin zur Zeit von Lessings Übersiedlung nicht, es sei denn, daß gelegentlich einmal eine wandernde Truppe ihre kümmerliche Schaubude aufschlug. Ebenso fehlte, wie selbstverständlich, die Universität. Dagegen hatte Friedrich II. die von Leibniz unter seinem Großvater gestiftete, von seinem Vater verhöhnte und zerstörte Akademie der Wissenschaften wiederhergestellt. Sie war durchweg französiert, und auch die von ihren deutschen Mitgliedern verfaßten Abhandlungen mußten in die fremde Sprache übertragen werden. Ihre vier Klassen beschäftigten sich mit Physik, Mathematik, Philosophie und Philologie; alle anderen Fächer der Wissenschaften, so die geoffenbarte Theologie, aber auch alles, was sich auf bürgerliche Rechte und staatliche Verfassung bezog, war ausgeschlossen. Anfangs leitete sie der Franzose Maupertuis, später bekümmerte sich der König selbst sehr viel um ihre Verwaltung und tat mit ihrer Mitgliedschaft, wie Sulzer an Gleim schrieb, »beinahe rarer als mit seinem gelben Bande«. Es steckte aber nichts Rares dahinter. Da die Wissenschaft nur im Schatten des königlichen Despotismus gedeihen konnte, so gedieh die Akademie der Wissenschaften nur zu einer kümmerlichen und verkümmerten Pflanzung. Die bürgerliche Literaturgeschichte bringt nach ihrer üblichen Weise den wirklichen Sachverhalt in hoffnungslose Verwirrung, wenn sie den König Friedrich wegen seiner Verachtung der deutschen Literatur mit loyalem Schmerze tadelt, aber ihn wegen seiner Verehrung der französischen Literatur doch als einen Pfleger literarischer Kultur im allgemeinen feiert. Vielmehr: Wenn Friedrich die deutsche Literatur verachtete, so war das kein Tadel für ihn und ein Glück für sie; seine Vorliebe für die französische Literatur aber entwickelte sich nach den Bedingungen seines despotischen Regiments zu einer wahren Satire auf literarische Kultur.

Goethe sagt in der »berühmten Stelle« sehr treffend: »Wie kann man von einem Könige, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzu spät entwickelt und genießbar zu sehen?« Bis zum Siebenjährigen Kriege, bei dessen Beginne Friedrich vierundvierzig Jahre zählte, hatte die deutsche Literatur nichts aufzuweisen, was sich auch nur einigermaßen mit der französischen Literatur messen konnte, als etwa Gellerts Fabeln und Klopstocks Messias. Jene verstand und lobte der König, als er sie im Kriege kennenlernte; diesen hätte er weder verstanden noch gelobt, wenn er ihn kennengelernt hätte. Sulzer wollte ihn durch Voltaire mit dem Gedichte bekanntmachen, doch Voltaire erwiderte auf die Zumutung: Ich kenne den Messias, den Sohn des ewigen Vaters und den Bruder des heiligen Geistes, und ich bin sein ergebenster Diener, aber ein Profaner wie ich darf nicht das Weihrauchfaß vor ihm schwingen. Ähnlich würde der König selbst über den Messias geurteilt haben. Nach dem Siebenjährigen Kriege lagen in Lessings Laokooii und in Winckelmanns Schriften zwar literarische Leistungen ersten Ranges vor, aber damals war der König schon ein geistig gebrochener Mann, und vor allen Dingen machten ein paar Schwalben noch keinen Sommer. Lessing selbst schrieb 1769 in der Hamburgischen Dramaturgie: »Kräfte und Nerven, Mark und Knochen mangeln unserer schönen Literatur noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein Mann, der im Denken geübt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er zu seiner Erholung und Stärkung einmal außer dem einförmigen ekeln Zirkel seiner alltäglichen Beschäftigungen denken will.« Gerade die literarischen Anlagen und Neigungen Friedrichs mußten ihn zu einer schroffen Ablehnung der deutschen Literatur führen. Er schätzte Leibniz, dessen französische Schriften er kannte; er sprach von Thomasius mit großer Achtung, wenn auch kaum mit eindringender Kenntnis; er ließ sich die Werke Wolffs ins Französische übersetzen, aber die deutsche Literatur als solche hielt er nicht nur [für] barbarisch, sondern in seinen geistigen Entwicklungsjahren war sie es auch. Man vergleiche nur ihre damals verhältnismäßig hervorragendsten und lobenswertesten Leistungen mit entsprechenden Erscheinungen der französischen Literatur; das Deutsch von Thomasius mit dem Französisch von Montesquieu; die ledernen Folianten von Bünau und Mascov über die deutsche Reichsgeschichte mit Voltaires Geschichtswerk über Ludwig XIV., und man wird dann dem Könige aus seiner Verachtung der deutschen Literatur keinen persönlichen Vorwurf machen.

War diese Verachtung für den Verächter aber kein Tadel, so war sie für die Verachtete ein Glück. Friedrich hat noch kurz vor seinem Tode zu Mirabeau gesagt: »Was hätte ich zugunsten der deutschen Schriftsteller tun können, das der Wohltat gleichgekommen wäre, die ich ihnen erwies, indem ich sie gehen ließ?« Die Frage klingt zwar mehr nach Mirabeau als nach Friedrich, aber wenn sie von dem Könige herrührt, so ist sie in tieferem Sinne wahr, als er immer gemeint haben mag. Hätte der König auch nur geahnt, daß die aufsteigende deutsche Literatur den sozialen Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen ankündige, so hätte er ihre Werke durch die Hand des Henkers verbrennen lassen. Aber auch so, wie er die Frage gemeint hat, trifft sie den Nagel auf den Kopf. Es war ein höchst berechtigtes Klassenbewußtsein, das die Bahnbrecher unserer klassischen Literatur in Friedrichs Verachtung des deutschen Geistes eine nationale Schmach empfinden ließ, aber Lessing erwies sich auch hier als der klarste Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, indem er über der Empfindung dieser nationalen Schmach keineswegs den Blick für die sozialen Gefahren des fürstlichen Mäzenatentums verlor, während Klopstock im Schutze eines dänischen Königs und Winckelmann im Schutze eines römischen Kardinals auf den »Fremdling im Heimischen« und den »Schinder der Völker« schalten. Freilich sah Lessing in Berlin auch aus nächster Nähe, wohin es unter dem Schutze eines despotischen Mäzens mit der literarischen Kultur kommen muß.

Ohne Zweifel war Friedrichs Wertschätzung der französischen Literatur eine aufrichtige und verständnisvolle; in Maupertuis, in Lamettrie und nun gar in Voltaire zog er Männer von hoher geistiger Bedeutung an seinen Hof. Ganz besonders der Schutz, den Lamettrie als sein Leibarzt genoß, und der schöne Nachruf, den der König dem verrufenen Materialisten im Jahre 1751 widmete, zeigen Friedrich auf einer Höhe philosophischen Verständnisses, die gleichzeitig vielleicht kein anderer Deutscher besaß, auch der junge Lessing nicht, der sich dazumal mit einem mehr frommen als weisen Ungestüm gegen Lamettrie erhitzte. Wir heben dieses Verdienst Friedrichs um so lieber hervor, als ihm von Nicolai bis Schlosser und Carlyle wegen seiner Beziehungen zu Lamettrie allerlei Sottisen gesagt worden sind, wie denn auch Herr Erich Schmidt an dem französischen Arzte als »frechen« und »kalten Materialismus« verdonnert, was sein Bundesbruder Scherer eben an Friedrich als »kirchlichen Liberalismus« verherrlicht hatte.[56]

Allein bis in seine Akademie und seine Tafelrunde verfolgten den Menschen Friedrich die Konsequenzen seines Königtums. Wenn Herr Erich Schmidt sagt, daß Friedrich sich seinen Freunden gegenüber »nie mit vornehmem Purpur gönnerhaft behängt« habe, so will der Lessing-Biograph damit nur einen schlagenden Beweis für Lessings Behauptung liefern, daß es frostige Scherze gibt, die dem Hörer gleich das kalte Fieber zuziehen können. Die alten, untertänig ersterbenden, aber den modernen Byzantinern an Wahrheitsliebe weit überlegenen Hofgeschichtsschreiber wußten es besser. Einer von ihnen weist darauf hin, wie viele von Friedrichs französischen Freunden es nicht einmal ein Jahr in seiner Nähe aushielten, und sagt im besonderen von Algarotti: »Im Dienste des Königs war er gebunden, und er konnte ohne Urlaub nicht von Potsdam nach Berlin gehen. In der Entfernung war gegenseitige Zärtlichkeit.«[Anmerkung 50]

Um es mit einem Worte zu sagen: Friedrich betrachtete seine französischen Gelehrten als Hofnarren, und selbst Voltaire, die »verführerischeste Kreatur« unter ihnen, nannte er ganz unverhohlen so. Sie waren zu seiner persönlichen Zerstreuung da, und wenn diese Zerstreuung auch hoch über den Amüsements anderer Fürsten stehen mochte, so war sie deshalb noch lange keine literarische Kultur. Am wenigsten konnte die Akademie der Wissenschaften als Organ einer solchen Kultur gelten. Alles, was die Leipziger Perücken an Pufendorf und Thomasius gesündigt haben mögen, war fast ein Kinderspiel gegen den moralischen Meuchelmord, womit die Berliner Akademie den holländischen Professor König, einen Freund Lessings, abtun wollte, weil er gegen gewisse physikalische Behauptungen ihres Präsidenten Maupertuis einen ganz bescheidenen und ehrerbietigen Widerspruch erhoben hatte. Voltaire allerdings sprang dem Gefährdeten bei, zu seiner Ehre, aber auch zu seinem Unheil, denn der König ließ seine Streitschrift gegen Maupertuis durch Henkershand auf dem Gendarmenmarkte verbrennen und schrieb ihm so ausfallende Briefe, daß Voltaire sich zur Rückkehr nach Frankreich entschloß. Auf der Heimreise erlebte er dann noch in Frankfurt a. M. mit dem preußischen Residenten jene berufenen Abenteuer, durch deren abschreckende Erinnerung zwanzig Jahre später der alte Goethe seinen Sohn vor der Übersiedlung an den Hof von Weimar warnte.

Dies waren in großen Zügen die politischen, sozialen, literarischen Zustände der preußischen Hauptstadt zur Zeit, als Lessing in ihr lebte.

IV. Lessing in Berlin und in Wittenberg

Zunächst führte der junge Lessing in Berlin das Leben eines literarischen Tagelöhners. Er ordnete die Bibliothek des alten Rüdiger, dem die »Vossische Zeitung« gehörte; er übersetzte allerlei aus dem Französischen; er hatte diese oder jene »Kondition« bei einem Baron v. d. Goltz, einem Herrn v. Röder. Aber in dem Ringen um die Notdurft des Lebens wurde ihm das Brot nicht zum Steine. Es war ihm wirklich nicht zuzutrauen, wie er später einmal seinen Eltern schrieb, »als hätte er sein Studieren am Nagel gehangen und wolle sich bloß elenden Beschäftigungen de pane lucrando widmen«, und gegen den Abend seines Lebens konnte er seinem Bruder sagen, er sei schon in sehr elenden Umständen gewesen, aber doch noch nie in solchen, wo er im eigentlichen Verstande um Brot geschrieben habe. Solche »Nichtswürdigkeiten« galten ihm nie mehr, als sie wert sind, und immer strebte er in »sein Gleis zu kommen«. Dies Geleise war der Kampf für die Emanzipation der bürgerlichen Klassen. Soweit es in Berlin möglich war, hielt Lessing seine Verbindung mit dem Theater aufrecht, arbeitete seine Komödien aus, vertrieb sie an die Bühnen in Hannover und Wien, veröffentlichte Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters, für die er in Stuttgart einen Verleger suchte und fand.

Und zugleich suchte Lessings immer reger Geist in dem sandigen Boden von Berlin den Flecken fruchtbarer Erde, wo er etwa doch frische Wurzeln schlagen könnte. Er mußte nun einmal in der Welt und im Umgange der Menschen leben, und es ist anziehend zu untersuchen, wie sein untrüglicher Klasseninstinkt in derselben Mahlzeit Gift und Nahrung zu scheiden wußte. Die französische Kultur trat ihm in Berlin als ein Zerrbild entgegen, sozusagen als die Kehrseite einer gewirkten Tapete. Indessen während die einen dies Zerrbild gläubig bewunderten und die anderen höchstens heimlich darüber schimpften, spottete Lessing dreist über das wirre Durcheinander bunter Fäden, aber er drehte zugleich die Tapete um und zeigte, daß auf ihrer richtigen Seite für die bürgerlichen Klassen gar viel zu lernen sei: Er bekämpfte die französische Literatenwirtschaft Friedrichs mit dem gesunden Hasse der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, einem Hasse, der deshalb nicht weniger die sittlichste aller Empfindungen ist, weil ihn die Unterdrücker, heute noch mehr als damals, für die unsittlichste, für einen giftigen und ohnmächtigen Neid, auszugeben belieben, wie denn Herr Erich Schmidt von Lessings »scharfäugigem Neid« gegenüber den französischen Hofliteraten spricht. Aber Lessing verkannte deshalb nicht die damalige Überlegenheit der französischen über die deutsche Kultur, und wenn er in Berlin einen »entscheidenden Anstoß« erhielt, so war es nicht von dem Könige Friedrich oder seiner Hauptstadt, sondern von zwei französischen Schriftstellern, deren einer in der Tafelrunde von Sanssouci saß: von Bayle und von Voltaire.

Voltaire war um mindestens eine, Bayle reichlich um zwei Generationen älter als Lessing. Dieser Unterschied der Zeiten bewirkte, daß Lessing beiden Franzosen an Klarheit und Schärfe des bürgerlichen Klassenbewußtseins überlegen war, sosehr sie ihn an Vielseitigkeit der Begabung und tiefgreifender Einwirkung auf das achtzehnte Jahrhundert übertreffen mochten. Lessing stand der Kirche und ihrem Glauben viel ferner als Bayle; er hat der Orthodoxie andere Tänze aufgeführt wie dieser, von dem Feuerbach sagt: »So umflattern die Zweifel und Einwürfe Bayles wie kleine Tagvögel, angreifend, aber sogleich wieder zurückfliehend, keck und furchtsam zugleich, die Nachteule der Orthodoxie.« Und noch weniger hat sich Lessing je an die Höfe gedrängt wie Voltaire. Aber er hat von beiden Männern außerordentlich viel gelernt: an positivem Wissen nicht nur, sondern mehr noch in der Führung des Kampfes gegen die Welt erstarrter Vorurteile, die mit unsichtbaren Ketten alle Tatkraft der bürgerlichen Klassen gebunden hielten. Von Bayle und Voltaire lernte Lessing sein Schwert so blank und scharf schleifen, so leicht und sicher führen. Bayle, der »Universalkritiker seiner Zeit«, wie ihn Feuerbach, der »erste Journalist aller Zeiten«, wie ihn Justi nennt, war ihm dabei die wähl verwandtere Natur. Bayle lebte lieber in dem bürgerlichen Holland als in dem höfischen Paris, und wie Lessing niemals das »Professorieren« ausstehen konnte, so schrieb Bayle an einen Freund: »Ich bin kein besonderer Freund von den Streitigkeiten, den Ränken, den Entre-Mangeries professorales (gegenseitigen Professoren-Fressereien), die auf allen unseren Akademien herrschen.« Pastor Lange, der geschundene Marsyas von Laublingen, höhnte und stöhnte, daß Lessing seine ganze Gelehrsamkeit aus Bayle habe, und völlig unrecht hatte er nicht, denn er war das Opfer einer Kritik, die sich an Bayle geschult hatte.[Anmerkung 51]

Bayle war über vierzig Jahre tot, als Lessing sich in seine Werke zu vertiefen begann. Dagegen lebte Lessing mit Voltaire einige Jahre am selben Orte zur selben Zeit, nicht ohne die mannigfachste geistige und vielleicht auch nicht ohne jede persönliche Berührung. Lessing hat des »Herrn von Voltaire kleinere historische Schriften« mit beflissener Sorgfalt ins Deutsche übertragen und spricht wiederholt mit höchster Bewunderung von ihm, dagegen hat er gleichzeitig seine schärfsten Epigramme gegen Voltaire geschnellt. Ihn meint Lessing, wenn er den reichen Dichter Semir verhöhnt, der ein Geizhals ist, »weil nach des Schicksals ew'gem Schluß ein jeder Dichter darben muß«, ihn auch, wenn er von »Frankreichs Witzigstem« spricht, den »der schlaueste Hebräer in Berlin« prellen wollte, aber nicht prellen konnte, weil »Herr V** war ein größrer Schelm als er«, ihn endlich in der blutigen Satire auf die Katzbalgereien der französischen Hofliteraten, wo Voltaire auf Arnauds Betreiben vom Könige berufen wird und, als er kommt:

»Was, ruft er, Arnaud hier? Wenn mich der König liebt,

So weiß ich, daß er stracks dem Schurken Abschied gibt.«

Die bürgerlichen Historiker erklären diese scheinbaren Widersprüche mit Friedrichs Urteil über Voltaire: ein schlechter Kerl, aber ein himmlisches Talent. Indessen das heißt die Frage nicht beantworten, sondern umgehen, ganz abgesehen davon, daß es mit dem »schlechten Kerl« doch auch so seine eigene Bewandtnis hat: Man braucht nur Friedrichs Alter in Sanssouci mit Voltaires Alter in Ferney zu vergleichen, um zu erkennen, wer von beiden »edel, hilfreich und gut« in Goethes Sinne gewesen ist. Lessing selbst aber gibt die Lösung jener scheinbaren Widersprüche in der Grabschrift, die er nach einem Vierteljahrhundert dem eben verblichenen Voltaire setzte:

»Hier liegt ? wenn man euch glauben wollte,

Ihr frommen Herrn! ? der längst hier liegen sollte.

Der liebe Gott verzeih' aus Gnade

Ihm seine Henriade

Und seine Trauerspiele

Und seiner Versehen viele;

Denn was er sonst ans Licht gebracht,

Das hat er ziemlich gut gemacht.«

In diesem abschließenden Worte über Voltaire unterscheidet Lessing nicht zwischen dem großen Talent und dem schlechten Charakter, sondern zwischen dem höfischen Dichter und dem bürgerlichen Schriftsteller, und eben dieser soziale Gesichtspunkt bestimmte auch schon seine Stellung zu Voltaire im Jahre 1750. Er geißelte den von höfischen Lastern angesteckten Höfling, aber er lernte von dem historischen und philosophischen Schriftsteller, in dem jener dritte Stand, der schon alles war, seinen beredtesten Herold gefunden hatte.

Lessing und Voltaire – dies Kapitel gehört zu den düstersten Abschnitten der Lessing-Legende. An einer Szene, die beide Männer in ihrem sozialen Gegensatze zeigt, gehen alle bürgerlichen Literarhistoriker mit stumpfen Sinnen vorüber, dagegen beuten sie eine handgreifliche Flause von Lessings Bruder Karl Gotthelf zu den abenteuerlichsten und für Gotthold Ephraim nicht eben schmeichelhaften Phantasien aus. Jene Szene spielte sich in der Nacht des 25. August 1750 auf dem Schloßplatze von Berlin ab. Friedrich gab dort zu Ehren seiner Schwester von Bayreuth ein sogenanntes Karussell, ein Ringelrennen von Prinzen und Hofleuten, die in vier Quadrillen als Griechen, Römer, Karthager und Perser gegeneinander ritten und mit ihren Speeren nach Ringen stachen, im Schimmer von vierzigtausend Lampen, mit lärmender Janitscharenmusik und unter Aufwand von viel Schneiderpracht; die kostspieligste Mummerei, die der König sich je gestattet hat, obgleich nicht sowohl für ihn kostspielig als für die Teilnehmer, die aus eigener Tasche ihre Ausstattung besorgen, und für die Zuschauer, die den Augen- und Ohrenschmaus mit schwerem Gelde bezahlen mußten: Der König wohnte selbst dem Feste bei, und seine Schwester Amalie verteilte als Göttin der Schönheit die Preise. In der Hofloge saß auch Voltaire; »er sah bescheiden aus«, sagt sein späterer Sekretär Collini, »aber die Freude strahlte aus seinen Augen«. Und alsbald schlug er, so schreibt sein Biograph Strauß, gleichsam die Denkmünze für das Fest in dem Epigramm, das, freilich in seiner französischen Originalprägung ganz anders blank erscheint als in dem deutschen Abguß, worin wir es geben müssen:

»Nie war in Rom und in Athen

Ein Festspiel, dessen Glanz vor diesem nicht erbleichte;

Mit Paris' Zügen war der Sohn des Mars zu sehn,

Und Venus, die den Apfel reichte.«

So Strauß, aber weder er noch ein anderer bürgerlicher Historiker hat die epigrammatische Denkmünze entdeckt, die Lessing auf dasselbe Fest schlug, obwohl sie offen in seinen Werken vorliegt. Hier ist sie.

»Auf ein Karussell

Freund, gestern war ich – wo? – Wo alle Menschen waren.

Da sah ich für mein bares Geld

So manchen Prinz, so manchen Held,

Nach Opernart geputzt, als Führer fremder Scharen.

Da sah ich manche flinke Speere

Auf mancher zugerittnen Mähre

Durch eben nicht den kleinsten Ring,

Der unter tausend Sonnen hing,

(O schade, daß es Lampen waren!)

Oft, sag' ich, durch den Ring

Und öfter noch darneben fahren.

Da sah ich – ach, was sah ich nicht,

Da sah ich, daß beim Licht

Kristalle Diamanten waren;

Da sah ich, ach, du glaubst es nicht,

Wie viele Wunder ich gesehen!

Was war nicht prächtig, groß und königlich?

Kurz, dir die Wahrheit zu gestehen,

Mein halber Taler dauert mich.«

Das ist eine hinlänglich trotzige Sprache in einer allgemein schweifwedelnden Zeit, und dieser junge Proletarier soll karriereschnaufend hinter Voltaire hergelaufen sein, um in den höfischen Literatenschweif des Königs zu gelangen?[57]

Die preußische Mythologie will es so, und Herr Erich Schmidt ist ihr Prophet. Und da muß nun ein alter Humbug aushelfen, der in diesem Jahre gerade sein hundertjähriges Jubiläum feiert. K. G. Lessing erzählt nämlich in der Biographie seines Bruders, Gotthold Ephraim sei durch seinen Freund, den französischen Sprachlehrer Richier de Louvain, an Voltaire empfohlen worden, und fährt dann fort: »Die Veranlassung dazu war, daß Voltaire einen deutschen Übersetzer zu jenen Memorialen suchte, welche er gegen den Juden Hirsch, mit dem er in den bekannten Prozeß verwickelt war, für das Kammergericht verfertigte. Voltaire lud ihn alle Tage zu sich zu Tische, sprach auch von Literatur und Wissenschaften, doch immer in so zurückhaltendem und ernstem Tone, daß den Tischgenossen wenig Spielraum ihres Witzes blieb.« Diese zwei Sätze sind, seitdem sie vor hundert Jahren veröffentlicht wurden, unzählige Male, bald gegen Lessing, bald gegen Voltaire, bald gegen beide ausgebeutet worden, am tollsten von Herrn Erich Schmidt, indem er schreibt: »Wenn der König diesen gierigen Intriganten« – das soll nämlich Voltaire sein! – »nach wie vor an seine Tafel zog, warum sollte ein junger, armer Literat während des schmählichen Prozesses und seiner Nachwirkungen nicht den Tisch des größten, mächtigsten Schriftstellers teilen? ... Man wird keinen Stein auf ihn werfen, weil Neugier und Ehrgeiz, die Hauptmächte seiner Brust, ihn zu Voltaire zogen, auch um den Preis, der Dolmetsch schofler Akten zu sein ... Man meint es mit Augen zu sehen, wie der nach Auszeichnung lechzende Jüngling gespannt lauschend dem dürren Weisen gegenübersaß, der gelegentlich aus der Zurückhaltung des vornehmen Mannes heraustrat und dem jungen Schreiber einige literarische Brocken zum Nachtisch spendete.« Folgen die schon in dem ersten Teile dieser Darstellung gekennzeichneten Elendigkeiten über Lessings angebliches Strebertum.

Darnach ist es wohl an der Zeit, die Schwindelblase einmal aufzustechen. Über Voltaires Judenprozeß können wir uns hier nicht näher verbreiten, so wünschenswert es wäre, daß er endlich einmal eine unbefangenere Darstellung fände, als er bisher, selbst durch Garlyle und Strauß, gefunden hat. Schön war er gewiß nicht, obwohl im schlimmsten Falle nicht häßlicher, als was die kapitalistische Presse heutzutage an »Edelsten und Besten« der Nation eine »korrekte Gründung« zu nennen pflegt, wobei wir nicht einmal mit einrechnen wollen, daß Voltaires Habsucht denn doch etwas anderes war als die hungrige Profitwut unserer Tage. Ihm war das Geld nicht Zweck, sondern Mittel; »nicht leicht«, sagt Goethe mit treffender Milde, »hat jemand sich so abhängig gemacht, um unabhängig zu sein«. Aber jedenfalls hat Lessing mit der ganzen Geschichte auch nicht das geringste zu tun. Schon die einzige, anscheinend aktenmäßige Angabe in den oben angeführten Sätzen seines brüderlichen Biographen, daß nämlich der Prozeß vor dem Kammergericht geführt worden sei, ist unwahr. Und diese Unwahrheit ist um so bezeichnender für ihren Urheber, als K. G. Lessing in seinem weiteren Geschwätze über Voltaires Schlechtigkeit sich auf Kleins aktenmäßige Darstellung des Prozesses bezieht und Klein gerade seitenlang ausführt, daß der Prozeß nicht vor dem Kammergerichte, sondern vor einer sogenannten »Immediat-Kommission« geführt worden ist, was schon den Zeitgenossen peinlich auffiel.[Anmerkung 52]

Weiter aber springt aus psychologischen Gründen die Sinnlosigkeit der ganzen Fabel in die Augen. Voltaire, in dessen Vorzimmer sich »Prinzen, Marschälle, Staatsminister, fremde Minister, Herren vom ersten Range« drängten, Voltaire, für den es sich bei dem Prozesse moralisch um Kopf und Kragen handelte, soll einen jungen, damals ganz unbekannten »Kandidaten der Medizin« in seinen vertraulichen Verkehr gezogen, ihn hinter die Kulissen des Prozesses haben blicken lassen, nur weil er einen Übersetzer seiner »schoflen Akten« brauchte! Und Lessing soll sich zum Übersetzer dieser »schoflen Akten« hergegeben haben, nur um die Beine unter Voltaires Tisch strecken zu können, und er soll dann, dreimal »schofel«, die beißendsten Epigramme auf den Prozeß hinter Voltaires Rücken gemacht haben! Nein, es war Friedrichs Art, Voltaire einen alten Affen, einen Lumpenkerl, einen Schuft und so weiter zu nennen und ihm dann doch wieder die Hand zu küssen, aber in Lessings Wesen lag diese doppelte moralische Buchführung gar nicht, und wenn er ihrer überführt werden soll, so sind bessere Beweise notwendig als das leichtfertige Gerede eines albernen Patrons, wie K. G. Lessing war.

Glücklicherweise läßt sich der Gegenbeweis aber nicht nur auf psychologischem Wege führen. Die für den Prozeß niedergesetzte Immediat-Kommission bestand aus den drei ersten preußischen Juristen (Cocceji, Jarriges und Löper); alle drei waren der französischen Sprache mächtig und einer von ihnen sogar ein geborener Franzose, wie denn auch der letzte Entscheid des Gerichts, ein Vergleich zwischen Voltaire und Hirsch, in französischer Sprache ausgefertigt worden ist. Hätte also Voltaire selbst den Prozeß führen wollen, so hätte er seine »Memorialen« um so mehr französisch einreichen können, als auch der Jude Hirsch diese Sprache geläufig handhabte. Aber Voltaire führte den Prozeß gar nicht selbst, sondern ließ ihn durch einen Advokaten, den Hofrat Bell, führen, und diesen instruierte er, soweit er es schriftlich tat, wie die Akten ergeben, weder in deutscher noch in französischer, sondern in lateinischer Sprache. Was soll denn nun eigentlich Lessing übersetzt haben? Der Advokat mußte von Amts wegen Latein verstehen, und Voltaire verstand es auch. Lessing schrieb freilich, wie aus einem etwa gleichzeitigen Briefe an seinen Vater hervorgeht, ein viel besseres Latein als Voltaire, aber dies ist nur ein Grund mehr, daß er die lateinischen Instruktionen für Voltaires Advokaten nicht geschrieben haben kann. Genug: Zu Ehren all der bürgerlichen Literaturforscher, die seit einem Jahrhundert über Lessings Mitwirkung an Voltaires Judenprozeß ihre moralischen Betrachtungen in die Welt gesetzt und sich dabei in der ehrbarsten Weise auf Kleins Annalen als eine Nebenquelle ihrer Wissenschaft berufen haben, muß man annehmen, daß es ihnen niemals der Mühe wert gewesen ist, diesen alten Tröster aufzuschlagen, denn sonst würden sie bei ihrer viel gefeierten »philologischen Akribie« sofort die Flunkerei ihrer Hauptquelle, nämlich K. G. Lessings, erkannt haben.

Ob sonst eine persönliche Berührung zwischen Lessing und Voltaire stattgefunden hat, läßt sich nicht mehr feststellen; erwähnt hat weder der eine noch der andere eine solche.

Dafür spricht bis zu einem gewissen Grade der Umstand, daß Lessing für seine Übersetzung von Voltaires historischen Schriften nach eigenem Zeugnis »eins der mit der Feder verbesserten Exemplare« benutzt hat; dagegen die Tatsache, daß ein Brief Voltaires vom 1. Januar 1752 an den inzwischen aus Berlin verschwundenen Lessing nach Inhalt und Ton auf keine frühere Bekanntschaft hindeutet, eher auf das Gegenteil.[Anmerkung 53]

Veranlaßt war dieser Brief durch eine, gelinde gesagt, sträfliche Bummelei Lessings, der von seinem schon erwähnten Freunde Richier de Louvain die Aushängebogen von Voltaires großem Geschichtswerke über Ludwig XIV. unter dem Versprechen strengster Diskretion und alsbaldiger Zurückgabe erhalten, aber die Bogen sowohl dritten Personen gezeigt als auch bei seiner Abreise nach Wittenberg mitgenommen hatte. Lessing brachte dadurch seinen Freund in ein schlimmes Gedränge und sich selbst in einen peinlichen Verdacht. Voltaire kannte den deutschen Nachdruck aus trübseligen Erfahrungen, und er hatte allen Anlaß; sein Eigentum in einem spitzen Briefe zurückzufordern; sehr glaublich ist es nicht, daß Lessing sich einer lateinischen Antwort gerühmt haben soll, die Voltaire nicht hinter den Spiegel gesteckt haben werde. Es kann den bürgerlichen Literarhistorikern überlassen bleiben, auch bei diesem Anlasse der angeblichen Bosheit Voltaires eins auszuwischen und sich zu trösten, daß der Kritiker Lessing es ihm um so gründlicher eingetränkt habe; deshalb trägt Lessing nicht weniger die alleinige Schuld an diesem unerfreulichen Zwischenfalle, und da er noch ein Jahr später in der »Vossischen Zeitung« mit lebhafter Bewunderung von Voltaire spricht, so verdient er am Ende auch nicht den zweifelhaften Ruhm, aus Verdruß über eine verdiente Beschämung seine Rezensentenfeder in Gift und Galle getaucht zu haben.

Seit dem Februar 1751 hatte Lessing die Redaktion des »gelehrten Artikels« bei der »Vossischen Zeitung« übernommen. Die politische Tätigkeit für dies Blatt war ihm wegen der friderizianischen, jedes freie Wort würgenden Zensur stets zuwider gewesen, aber literarisch hat er bis zum Herbste von 1755 daran gearbeitet, und offenbar nicht ungern. In Ermanglung von Besserem war ihm ein dürftiges Winkelblatt gut genug als aufmunternde Peitsche für die faule Philisterwelt, und auch darin erwuchs ihm aus der Not eine Tugend, daß seine einsame Stimme aus der literarischen Wüste von Berlin um so kräftiger ertönte. Wenn er gleichwohl Ende 1751 seine Arbeit für die Zeitung auf einige Monate unterbrach, um nach Wittenberg zu übersiedeln, so nennt er selbst als Grund dieser vorübergehenden Ortsveränderung in einem Briefe »hundert kleine Zufälle, die zu klein sind, als daß ich Sie damit martern wollte«. Indessen die hundert kleinen Zufälle scheinen im wesentlichen auf einen kleinen Zufall hinauszulaufen: Lessing promovierte in Wittenberg. Er wurde aus dem »Kandidaten der Medizin« ein Magister der freien Künste. Er machte den Pedanten und Perücken dies Zugeständnis oder vielmehr: Er mußte es gern oder ungern machen, und unsere Zeit, die den greulichen Zopf noch immer nicht abgeschnitten hat, darf ihn deshalb am wenigsten tadeln. Lessing hat seine akademische Würde mit derselben souveränen Verachtung behandelt wie die höfische Würde des Hofrats, die ihm zwanzig Jahre später wider seinen Willen ins Haus geflogen kam.

Kurz, wie Lessings Aufenthalt in Wittenberg sein mochte, war er doch lang genug, ihm Händel mit der theologischen Garde der Lutherstadt zu machen. Und zwar, keineswegs religiöse, sondern soziale Händel. Wie Lessing in den französischen Hofliteraten von Berlin die ideologische Vorhut des friderizianischen, so sah er in der lutherischen Orthodoxie von Wittenberg den ideologischen Ausdruck des sächsischen Despotismus. Sie war es auch wirklich, und zwar nicht etwa weniger, sondern nur um so mehr, weil die Wettiner inzwischen wegen der polnischen Königskrone zum Katholizismus übergetreten waren. Der Übertritt zwang die sächsischen Fürsten erst recht, das stärkste Werkzeug ihres einheimischen Despotismus sorgfältig zu schonen. So war denn die schwarze Schar in Wittenberg eben über einen aus ihrer eigenen Mitte mit Krallen und Schnäbeln hergefallen, weil er dem damaligen Papste ein paar Schriften eingesandt und ein freundliches Dankschreiben erhalten hatte, weil er, wie Lessing es ausdrückt, »einige Schritte von Luthers Grabe sich nicht zu sagen gescheut hatte, daß der jetzige Papst ein gelehrter und vernünftiger Mann sei«. Lessing verspottete die frommen Eiferer in dem bekannten Epigramm:

»Er hat den Papst gelobt. Und wir, zu Luthers Ehre,

Wir sollten ihn nicht schelten?

Den Papst, den Papst gelobt? Wenn's noch der Teufel wäre,

So ließen wir es gelten.«

Aber das war nur ein leichtes Vorpostengefecht. Lessing studierte zugleich auf der Wittenberger Universitätsbibliothek die Reformationsgeschichte und fand hier den Stoff zu den Lemnius-Briefen, seiner ersten Prosaschrift, die in ihrer Art klassisch war. Diese Briefe sind mit einem frischen und kecken Witze geschrieben, der den Meistern Bayle und Voltaire alle Ehre macht und vor allem: Sie fassen den Stier bei den Hörnern und überführen den abgöttisch verehrten Luther der sozialen Unterdrückung.

Simon Lemnius war ein harmloser, humanistischer Poet, der 1538 in Wittenberg ein Büchlein lateinischer Epigramme herausgegeben und darin auch den Hohenzollern Albrecht, den Kurfürsten von Mainz, als Gönner der Humanisten verherrlicht hatte. Erster geistlicher Fürst des Reiches, war Albrecht doch ein sehr nachsichtiger Gegner der Reformation; er trug auf zwei Schultern und spielte wohl mit dem Gedanken einer deutschen Nationalkirche, deren Primas er gern geworden wäre; auch konnte er bei seinem leichtfertigen und verschwenderischen Lebenswandel die großen Summen nicht entbehren, um die er die Freiheit der protestantischen Religionsübung an die Angehörigen seines Erzstifts zu verhandeln pflegte. Hutten stand noch in Albrechts Diensten, als er bereits die heftigsten Streitschriften gegen Rom gerichtet hatte; zu Luthers Hochzeit hatte Albrecht – der Kardinal der katholischen Kirche zur ehelichen Verbindung eines Mönchs und einer Nonne! – zwanzig Goldgulden geschickt; er hatte endlich noch im Jahre 1532 die Widmung von Melanchthons Kommentar zum Römerbriefe angenommen und seinen Dank mit dreißig Goldgulden sowie einem Becher abgestattet. Was Wunder also, daß Lemnius kein Arg hatte, wenn er nach Humanistenart dem Gönner der Humanisten einigen Weihrauch streute; hatte doch auch Melanchthon seine Epigramme die Zensur passieren lassen. Kaum aber las Luther das Büchlein, als er in berserkerhaften Zorn gegen den Dichter geriet. Dieweil der »Schandpoetaster« einen Heiligen aus dem Teufel macht, so schrie er von der Kanzel, »ist mir's nicht zu leiden, daß Solches öffentlich und durch den Druck geschehe in dieser Kirche, Schule und Stadt, weil derselbige Sch...bischof ein falscher, verlogener Mann ist«. Zugleich ließ er dem Lemnius durch den akademischen Senat zunächst Arrest ankündigen, und, als Lemnius nunmehr floh – »ein aufgebrachter Luther war alles zu tun vermögend«, erläutert Lessing –, an die Kirchentür anschlagen, »der flüchtige Bube, wenn man ihn bekommen hätte, würde nach allen Rechten billig den Kopf verloren haben«. Die Epigramme des Lemnius aber wurden verbrannt. Der Poet ließ sie nun in der Schweiz, wohin er geflüchtet war, von neuem auflegen und fügte eine Reihe unzüchtiger Schmähungen gegen Luther und andere Reformatoren bei. An der Hand dieser Zoten – dem Gerechten muß alles zum besten dienen – haben dann die protestantischen Geschichtsschreiber ihren teuren Gottesmann zu retten gesucht, und zwar durch eine ebenso einfache wie geniale Umkehrung von Ursache und Wirkung: Sie behaupten, Lemnius habe mit den Zoten begonnen und darüber sei Luther in eine sehr berechtigte Entrüstung geraten.

Diese Geschichtsklitterung deckt nun Lessing in seinen acht Lemnius-Briefen, nicht ohne ein paar beiläufige Irrtümer, aber im wesentlichen vollkommen zutreffend, auf. Er weist nach, daß die ursprünglichen Epigramme des Lemnius nur den einen Fehler hatten, gar zu beziehungs- und salzlos zu sein, daß sie ganz unschuldige Stilübungen waren und daß Luthers Wut allein durch das Lob Albrechts erregt wurde. Mit schöner Wärme tritt Lessing gegen den rohen Verfolger für den unschuldig Verfolgten ein; er geißelt Luthers »Niederträchtigkeiten«, seine »blinde Hitze«, auch Melanchthons Feigheit. Nicht die Dogmen der lutherischen Kirche greift Lessing an, wie immer er sonst für seine Person dazu stehen möchte, sondern das Luthertum als Organ der sozialen Unterdrückung. Man sage nicht: Was kommt denn viel darauf an, ob Luther einmal einem vergessenen Poetlein zuviel getan hat! So zu denken, war Lessings Art gar nicht; er war ein Vorläufer jenes französischen Revolutionärs, der soziale Unterdrückung schon für vorhanden erklärte, wenn auch nur ein Individuum unterdrückt werde; ja, Lessing hat diesen Gedanken schon zehn Jahre vor der Französischen Revolution ausgesprochen, als er in seinen Freimaurergesprächen sagte, jede Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden

müssen, sei Bemäntelung der Tyrannei. Und wie richtig ihn sein Klasseninstinkt leitete, als er in dem Falle des Lemnius einen Typus für die Unterdrückungs- und Verfolgungssucht des Luthertums darstellte, das hat ihm inzwischen die lutherische Geschichtsschreibung selbst bestätigt.

Man sollte nämlich meinen, daß nach Lessings erschöpfender Darstellung kein deutscher Historiker mehr den Lemnius verleumden werde, um Luthers »Niederträchtigkeiten« zu verdecken. Sehen wir aber einmal zu! Ranke schreibt: »Bei der würdigen Stellung, welche die klassischen Studien einnahmen, konnte sich das tumultuarische, händelsuchende Treiben der früheren Poetenschulen nicht mehr halten. Das Schicksal des Simon Lemnius, der es unter den Augen Luthers fortsetzen wollte und. darüber verjagt ward, ist für die Richtung überhaupt bezeichnend.« Da ist also schon der alte Humbug, wenn auch noch in diplomatisch-vorsichtiger Verkleidung. Offener geht Konsistorialrat Köstlin, der Luther-Biograph, ins Zeug, wenn er Lessings Darstellung mit priesterlicher Salbung für »ungenügend, teilweise unrichtig« erklärt, Lemnius einen »würdigen Kotdichter« nennt und als die Ursache von Luthers Vorgehen »einen Sturm bei der Universität und in der Stadt« angibt, weil die Epigramme des Lemnius »sich verletzend gegen Wittenberger Persönlichkeiten richteten«, eine Behauptung, die Lessing in bündigster Weise widerlegt hat. Immerhin erwähnt Köstlin nachträglich noch Luthers maßlosen, durch das »überschwengliche Lob« Albrechts erregten Zorn. Dagegen läßt sich der neueste Geschichtsschreiber des Falles, Professor Heidemann, der beiläufig an dem ältesten Gymnasium der deutschen Hauptstadt sei es Geschichte, sei es Religion lehrt, folgendermaßen aus: »Ein Magister Lemnius hatte Luthers Person und häusliches Leben durch Veröffentlichung unsauberer Epigramme angegriffen und Luther dadurch zu einer heftigen Erwiderung gereizt.« Womit die durch Lessing vernichtete Geschichtslüge wieder in volle Ehren eingesetzt ist.[58]

Darnach könnte man fragen: Wozu hat Lessing eigentlich gelebt, wenn das von ihm ausgereutete Unkraut an unseren hohen Schulen wieder in so üppigen Halmen steht? Nun, mindestens dazu, uns über das Wesen der Geschichtslüge aufzuklären. Er selbst scheint sie aus der Erbsünde der menschlichen Natur abzuleiten, denn in seiner Wittenberger Zeit schreibt er einmal: »Wann wird man aufhören, einen ehrlichen Mann der Nachwelt mit einem Schandflecke abzumalen, den ihm die Gelehrtesten längst abgewischt haben? Doch was pflanzt man lieber fort als Beschuldigungen?« Aus seinen eigenen Schicksalen aber kann man lernen, daß die Geschichtslüge ein Werkzeug der sozialen Unterdrückung und als solche unbesiegbar ist, solange soziale Unterdrückung besteht. Unbesiegbar sogar für die glänzenden Geisteswaffen eines Lessing, der, wenn er sich gar zu mausig macht, eben auch nur in das Grabtuch der Lessing-Legende geschnürt wird.

V. Lessings literarische Anfänge

Gegen Ende des Jahres 1752 kehrte Lessing aus Wittenberg nach Berlin zurück, um seine Tätigkeit an dem »gelehrten Artikel« der »Vossischen Zeitung« fortzusetzen und eine Sammlung seiner Aufsätze, Gedichte und Schauspiele zu veranstalten, die nach und nach bis zum Jahre 1755 in sechs Duodezbänden erschien. Obwohl von Lessings damaligen Leistungen heute weniges noch lesbar ist, so brachen sie doch zu ihrer Zeit der deutschen Literatur eine neue Bahn. Sie halfen ihr aus dem hoffnungslosen Kreise des Gegensatzes zwischen Leipzig und Zürich, zwischen Gottsched und Bodmer-Breitinger heraus.

Über diesen Gegensatz ist in der bürgerlichen Literaturgeschichte unendlich viel geredet worden, ohne daß jemals sein wirklicher Kernpunkt ins richtige Licht gestellt worden wäre. Gottsched war angeblich der Popanz, vor dem sich alle frischen Kräfte der Literatur bekreuzigten, während die Züricher bei großen Schwächen denn doch den Klopstock und Lessing die Wege gebahnt haben sollen. Es half wenig, daß Danzel bis zu einem gewissen Grade eine Rettung Gottscheds versuchte, daß er ihn einen Vorläufer der neuen Zeit nannte, sosehr er auch als ein Sündenbock der alten Zeit behandelt worden sei, daß Schlosser bei allzu bitterer Beurteilung seiner Person ihn doch neben Thomasius stellte. Herr Erich Schmidt weiß es besser; er sagt mit seiner glücklichen Begabung, die Dinge immer gerade auf den Kopf zu stellen, von Gottsched: »Ihm war bestimmt, abzuschließen, nicht zu eröffnen.« Und doch hat Gottsched die Epoche unserer klassischen Literatur eröffnet, und allerdings gehört er in eine Reihe mit Leibniz, Pufendorf, Thomasius, sei es auch in wohlbemessenem Abstande.[59]

Gottsched war ein geborener Preuße, er stammte aus Königsberg. Aber selbst seine bescheidenen Talente konnten in diesem banausischen Lande nicht gedeihen; er floh vor den Werbern Friedrich Wilhelms I., und es gab keine andere Stadt im deutschen Reiche, wo er sich eine literarische Stellung machen konnte, als Leipzig. Hier bemühte er sich als Universitätsprofessor mit großer Energie um literarische Reformen, und wenn es ihm zur Ehre gereicht, daß er von diesen Bemühungen sagen durfte: »Es ist auf die gemeinsame Ehre von ganz Deutschland damit abgezielet«, so gereicht es ihm nicht zur Schande, daß er bei der unsagbaren Verkommenheit der deutschen Literatur sozusagen mit dem Abc, mit Reinigung der Sprache, mit dürren Regeln, mit fremdländischen Mustern beginnen mußte. Es spricht nur für seinen Fleiß, daß er sich schnell emporarbeitete, und es spricht nur gegen die Armseligkeit der deutschen Zustände, daß ihm bei seinen nicht mehr als mittelmäßigen Gaben eine kritische Diktatur zufiel, die ihn verderben mußte, wie jede Diktatur jeden Menschen verdirbt. Lange Zeit teilten Bodmer und Breitinger seine Bestrebungen; sie waren eben auch keine schöpferischen Genies, am wenigsten Bodmer, der anspruchsvollere, aber unbegabtere von beiden. Nicht auf literarischem, sondern auf politisch-sozialem Gebiete entbrannte der Krieg zwischen Leipzig und Zürich, wenn er selbstverständlich auch in der ideologischen Verkleidung von allerlei ästhetischen und literarischen Streitfragen geführt wurde.

Zürich war die erste Stadt der Schweiz, wie Leipzig die erste Stadt des deutschen Reiches war. Aber die Schweiz war eine Republik, und in Deutschland herrschte der fürstliche Despotismus. In ihrer schulmäßigen Weise suchten deshalb Bodmer und Breitinger ihr dichterisches Muster in Milton, Gottsched aber in Corneille und Racine. In dem höfischen Servilismus blieb der deutsche Literaturpapst allerdings ertrunken. Auf der Leipziger Universitätsbibliothek befindet sich sein nachgelassener Briefwechsel, 4700 Briefe in 22 Folianten, und Danzel, der das Kreuz auf sieb, genommen hat, ihn durchzusehen, sagt davon: »Es ist unglaublich, aber wahr, daß in allen diesen Bänden kaum eine oder zwei Äußerungen politischer Art vorkommen.« Nur freilich, daß Danzel gerecht genug ist, hinzuzufügen: »Der ärgste Servilismus wird als etwas betrachtet, was sich ganz von selbst versteht.«[60]

Und er verstand sich damals von selbst; auch Leibniz, Pufendorf, Thomasius waren von ihm nicht frei. Und wenn wir wenigstens heute davon als von einer Pest der Vergangenheit sprechen könnten! Aber Gottscheds Lobgesänge auf August den Starken waren an sich nicht schlimmer, dagegen, gemessen am Unterschiede der Zeiten, viel, weniger schlimm, als wenn heutige Literaturpäpste mit untertänigen Kratzfüßen ein literarisches Zeitalter Friedrichs des Großen aus dem Boden kratzen wollen.

Immerhin könnte es darnach scheinen, als ob die Schweizer einen freieren und weiteren Blick gehabt hätten als die Leipziger. Allein ihre Bewunderung Miltons war rein schulmäßig, war auf die oberflächlichsten Analogien gegründet. Das orthodoxe Christentum in diesen engen, kleinen Republiken, die wie Zürich verphilistert oder wie Bern verliederlicht waren, hatte gar nichts gemein mit dem revolutionären Ungestüm der englischen Puritaner, dagegen war es Geschwisterkind mit der lutherischen Orthodoxie, durch die in Deutschland der Despotismus regierte. Und hier offenbart sich ein anderer Unterschied zwischen den Leipzigern und den Zürichern, bei dem Gottsched zu seinem Rechte kommt. Verkümmert und verschrumpft, wie sein bürgerliches Klassenbewußtsein noch sein mochte, war es doch stark genug, um wenigstens gegen die ideologische Geißel der fürstlichen Tyrannei zu rebellieren. Gottsched übersetzte Bayle und machte für Voltaire eifrige Propaganda. Er legte das Schwergewicht seiner literarischen Reformen nicht in gottselige Gedichte, sondern auf des Teufels Kanzel, um im damaligen orthodoxen Jargon zu sprechen. Man sage nicht, Gottscheds Interesse für die Bühne sei nur eine Folge seiner Bewunderung für die höfische Dramatik der Franzosen gewesen. Denn er arbeitete nicht für Hofbühnen, sondern er machte verrufene Proletarier, wandernde Truppen, wie die Neuberin und ihre Gesellschaft, zu Sendboten seiner dramaturgischen Bestrebungen, was in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts für eine akademische Perücke ein ganz achtungswertes Stück gesellschaftlicher Revolution war. Auf diesen Wegen kam Gottsched aber mit den großen Strömungen des europäischen Geisteslebens in viel nähere Berührung, als Bodmer und Breitinger je gekommen sind.

Man muß auch anscheinend rein ästhetische und literarhistorische Fragen auf ihren politischen und sozialen Untergrund prüfen, wenn man sie richtig verstehen will. Erst aus der eben über den Streit der Leipziger und der Züricher entwickelten Auffassung versteht man, weshalb Klopstock sich um den besten Teil seiner Wirksamkeit brachte, indem er dem Rate der Züricher Kunstrichter folgte und sein Leben an ein religiöses Epos setzte; versteht man, weshalb diese Philister vor Entsetzen auf den Rücken fielen, als sie ihren gefeierten Sänger nach Zürich einluden und in ihm nicht einen vermuckerten Kopfhänger, sondern einen frischen, lebenslustigen, revolutionär gestimmten Jüngling fanden. Man versteht dann aber auch den viel schärferen Klasseninstinkt, mit dem Lessing nicht den Faden Bodmers, sondern den Faden Gottscheds weiterspann. Das klingt paradox, sintemalen die bürgerliche Literaturgeschichte von wenig Dingen mit so großem Pathos zu erzählen weiß wie von Gottscheds Hinrichtung durch Lessing. Doch hat wenigstens Danzel hierauf schon mit dem hübschen Vergleiche geantwortet, daß Lessing gerade darum Gottscheds Verdienste übersehen habe, »weil er gänzlich auf ihm ruhte und von ihm lebte, so, wie es ja auch lange gewährt hat, bis die Naturwissenschaft die Luft, welche wir einatmen, im Ernste einer gründlichen Untersuchung zu unterwerfen sich entschlossen hat«. Lessing ist gegen Gottsched, der ihm näherstand, viel härter gewesen als gegen die Schweizer, die ihm fernerstanden. Dagegen hat Gottsched den mitunter wirklich ungerechten Angriffen Lessings eine große Zurückhaltung entgegengesetzt, während Bodmer für viel gelindere Kritiken Lessings sich in giftiger Weise gerächt und sein Berliner Busenfreund, der Professor Sulzer vom Joachimsthalschen Gymnasium, sich immer als ein rechter Neidhammel gegen Lessing erwiesen hat.

Aber auch diese Beziehungen sind leicht zu verstehen unter dem schon angedeuteten sozialen Gesichtspunkte. Lessing folgte nicht nur Gottsched, sondern er ging zugleich weit über ihn hinaus, indem er das höfische, knechtische, servile Element in Gottscheds Taten und Theorien vom bürgerlichen Standpunkte aus rücksichtslos bekämpfte. Lessing hieb den »großen Duns« in die Pfanne, weil dieser das Banner des fürstlichen Despotismus trug. Nichts bezeichnender dafür als gleich der erste Schlag, den er gegen Gottsched führte, die Rezension über Gottscheds Gedichte in der »Vossischen Zeitung« vom 27. März 1751. Hier ihre Hauptsätze: »Allen nach Standesgebühr höchst- und hochzuehrenden Liebhabern, Gönnern und Beförderern einer echten deutschen Poeterei kündigen und preisen wir folgendes Werk an ... Der erste Teil ist alt und nur die Ordnung ist neu, welche den schärfsten Hofetiketten Ehre machen würde ... Der andere Teil ist größtenteils neu und mit eben der Rangordnung ausgeschmückt, welche bei dem ersten so vorzüglich angebracht ist; so daß nämlich alle Gedichte auf hohe Häupter und fürstliche Personen in das erste Buch, die auf gräfliche, adelige und solche, die ihnen gewissermaßen gleichkommen, ins zweite, alle freundschaftlichen Lieder aber ins dritte Buch gekommen sind ... Diese Gedichte kosten in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam zwei Taler und vier Groschen. Mit zwei Talern bezahlt man das Lächerliche und mit vier Groschen ohngefähr das Nützliche.« So springt der soziale Gegensatz klar hervor, und aus ihm, aus der endlich erwachenden Empörung der bürgerlichen Klassen über ihre Selbsterniedrigung, erklärt sich die manchmal grausame Heftigkeit, womit Lessing gegen Gottsched vorging, erklärt sich die Zurückhaltung Gottscheds, die, wenn sie wirklich nach der Vermutung seines närrischen Schildknappen Schönaich aus Angst entstanden wäre, doch eben auch in dieser Angst nur ein wirkliches Verständnis für Lessings höhere Ziele bekundet haben würde, erklärt sich endlich der verbissene Grimm der Schweizer, die sich mit einem Male auf den Sand gesetzt fühlten, als Lessing durch die Beseitigung des fürstendienerischen Elements aus Gottscheds Bestrebungen den von diesem angebahnten geistigen Zusammenhang mit den bürgerlichen Klassenkämpfen der westeuropäischen Kulturvölker wirklich gewann. Gewiß: Lessing hat Gottsched überwunden, aber nur indem er dessen Bestrebungen läuterte, reinigte, steigerte, und die Legende, als ob Gottsched erst »abgeschlossen« hätte, ehe Lessing anfing, steht am wenigsten den Leuten zu Gesichte, die unsere klassische Literatur »allen nach Standesgebühr höchst- und hochzuehrenden Liebhabern, Gönnern und Beförderern einer echten deutschen Poeterei« unterschieben möchten.

Wie nun Lessing unter den Flügeln des Gottschedianers Mylius begann und sich allmählich bis zur Miß Sara Sampson entwickelte, das ist aus den sechs Duodezbändchen seiner gesammelten Schriften und daneben aus seinen Kritiken in der »Vossischen Zeitung« anziehend zu verfolgen. Wir sehen dabei billig von seiner Jugendlyrik ab, die höchstens in einigen meist schon erwähnten Epigrammen in den Kampf seines Lebens eingegriffen hat. Es kann Herrn Erich Schmidt überlassen bleiben, aus diesem schulmäßigen Lehrgedicht ein »vollwichtiges« Zeugnis von Lessings Abneigung gegen seinen »Landesvater und den Dresdener Hof« oder aus jenem »anakreontischen Gegängel« einen »erlebten« Herzenskonflikt herauszuspintisieren.[Anmerkung 54]

Auch kann desselben Herrn Begeisterung über ein paar Reimzeilen, die Lessing in seinen Berliner Anfängen einmal unter ein Bild Friedrichs gesetzt hat (Wer kennt ihn nicht?. Die hohe Miene spricht dem Denkenden. Der Denkende allein kann Philosoph, kann Held, kann beides sein), nicht weiter stören; sie besagen sowenig wie die paar sogar nach Herrn Schmidt »frostigen« Oden, womit Lessing als Redakteur einer »königlich privilegierten« Zeitung den König zum Anfange des Jahres und zu seinem Geburtstage nun einmal begrüßen mußte. Endlich mag auch Herrn Schmidts berauschende Behauptung: »Der sächsische Pastorssohn war in Berlin religiös und politisch ein Liberaler geworden«, auf sich beruhen bleiben; will man einmal dem etwas kindlichen Vergnügen huldigen, moderne Parteibezeichnungen in jene Zeit zurückzutragen, so liegt es auf der Hand, daß der junge Lessing nicht so etwas wie Lasker oder Eugen Richter war, sondern als erster kühner Führer einer revolutionär aufstrebenden Klasse etwa das sein mochte, was eine Reihe von Jahrzehnten später unter gänzlich veränderten Verhältnissen der junge Lassalle oder der junge Marx waren.

Nicht in Lessings Lyrik, die bei einer so durchaus unlyrischen Natur wie der seinen kaum mehr als die bekannte Jugendsünde begabter Menschen war, sondern in seinen Prosaschriften und seinen Theaterstücken kommt das wahre Wesen des Mannes zum beredten Ausdruck. Seine »Briefe«, seine »Rettungen«, seine Kritiken in der »Vossischen Zeitung« sind ein unaufhörliches Scharmützel mit den halb gefährlichen, halb lächerlichen Vorurteilen, denen seine Klasse noch blind anhing. Am liebsten reitet er aus gegen die lutherische Orthodoxie; neben dem Simon Lemnius rettet er noch ein paar verschollene Gelehrte und den alten Heiden Horaz vor ihren Verleumdungen; Klopstocks seraphische Verstiegenheit wird scharf von seiner dichterischen Größe gesondert und dem Trosse himmlischer Sänger, die hinter dem Messias einhertrollen wollten, mit treffenden Worten die Tür gewiesen. Niemals ein Streit um Dogmen, aber stets ein Kampf gegen Unterdrückung oder gegen eine ziellose Schwärmerei, welche die bürgerlichen Klassen ihren wirklichen Interessen abwendig machen mußte. Überall eine frei menschliche Auffassung, die bei dem noch erstarrten bürgerlichen Leben in Deutschland ihre Nahrung aus den Werken der Alten und den bürgerlichen Schriftstellern der Nachbarvölker sog. Diese ersten Prosaschriften Lessings verraten nicht nur den geistigen Einfluß Bayles und Voltaires; sie nehmen auch schon bestimmte Stellung zu Montesquieu, Lamettrie, Rousseau und Diderot.

Zwar wird Montesquieu, soweit wir sehen, in Lessings Schriften nirgends erwähnt, auch in den späteren nicht. Aber im Januar 1753 bespricht Lessing in der »Vossischen Zeitung« ein im Haag anonym erschienenes französisches Werk über den Geist der Nationen, und dabei führt er aus: »Eigentlich zu reden, hat man keine andere als physikalische Ursachen, warum die Nationen an Leidenschaften, Talenten und körperlichen Geschicklichkeiten so verschieden sind; denn was man moralische Ursachen nennt, sind nichts als Folgen der physikalischen. Die Erziehung, die Regierungsform, die Religion zu den Ursachen dieser Verschiedenheit zu machen, zeigt deutlich, daß man es entweder schlecht überlegt hat oder einer von denjenigen Gelehrten ist, die zum Unglück in Ländern geboren sind, von welchen man vorgibt, daß sie den Wissenschaften weniger günstig als etwa Frankreich und England wären und also sich selbst Unrecht zu tun glauben, wenn sie den Einfluß des Klimas auf die Fälligkeit des Geistes zugeben wollten.« Das ist aber ein lebhafter Nachklang aus Montesquieus ein paar Jahre vorher in Genf erschienenem »Geist der Gesetze«, und das eifrige Bekenntnis zu dieser für ihre Zeit epochemachenden, aber in dem deutschen Bürgertum sonst spurlos verhallenden Auffassung war für den blutjungen Kritiker des Berliner Philisterblatts aller Ehren wert. Lessing hatte schon in Wittenberg des Spaniers Huarte »Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften« übersetzt; ein Werk aus dem sechzehnten Jahrhundert, voll der absonderlichsten Schrullen, aber nicht ohne manche Ahnungen einer materialistischen Weltanschauung, in denen der Übersetzer »neue Wege« erkannte, die den Verfasser »über die Grenzen seines Jahrhunderts« hinausgeführt hätten, und noch in seiner letzten Schrift, den Freimaurergesprächen, kehrt Lessing zu der Ableitung der moralischen aus physikalischen Ursachen zurück.

Freilich – gerade als rüstigster Vertreter des deutschen Bürgertums konnte Lessing sich dem geistigen Bannkreise dieser Klasse nicht völlig entziehen. Dem konsequenten Materialismus Lamettries stand er verständnislos gegenüber, und seine verächtlichen Bemerkungen über das »Uhrwerk« zeigen ihn auf einem recht trivialen Wege, auch wenn man seinen gesunden Klassenhaß gegen den französischen Hofliteraten in gebührenden Anschlag bringt. Nur darf ihm dieser Mangel an Verständnis nicht eigentlich als persönliche Schuld angerechnet werden; war doch erst ein volles Jahrhundert später die ökonomische Entwicklung Deutschlands so weit gediehen, daß sich der naturwissenschaftliche Materialismus als ihre ideologische Begleiterscheinung einstellen konnte. Auch Rousseaus Rede gegen die Künste und Wissenschaften verstand Lessing nicht in ihrem tieferen historischen Zusammenhange, und wie sollte er auch? Auf dem deutschen Bürgertum lastete nicht wie auf dem französischen eine verknöcherte Zivilisation, sondern eine verknöcherte Barbarei, und jenes konnte nur gerade erst durch Kunst und Wissenschaft um seine soziale Emanzipation ringen. Immerhin wirft Lessing dem paradoxen Tadel Rousseaus, daß die kriegerischen Eigenschaften vor den Künsten und Wissenschaften verschwänden, das gute Wort entgegen: »Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir uns untereinander umbringen sollen?« Dagegen begrüßte Lessing in Diderot den wahlverwandten Geist, den dritten Franzosen, der auf ihn noch einen großen, fast überschwenglich anerkannten Einfluß gewinnen sollte. Er nennt ihn einen von den Weltweisen, die sich mehr Mühe geben, Wolken zu machen, als sie zu zerstreuen. »Überall wo sie ihre Augen hinfallen lassen, erzittern die Stützen der bekanntesten Wahrheiten ... Sie führen in Gängen voll Nacht zum glänzenden Throne der Wahrheit, wenn Schullehrer in Gängen voll eingebildeten Lichts zum düsteren Throne der Lügen leiten. Gesetzt auch, ein solcher Weltweiser wagt es, Meinungen zu bestreiten, welche wir geheiligt haben, der Schade ist klein. Seine Träume oder Wahrheiten, wie man sie nennen will, werden der Gesellschaft ebensowenig Schaden tun, als vielen Schaden ihr diejenigen tun, welche die Denkungsart aller Menschen unter das Joch der ihrigen bringen wollen.« In geistiger Führung mit solchen Geistern durfte Lessing wohl über die deutschen »Schullehrer« seine kritische Geißel schwingen, und schwerer noch als auf den Magister von Leipzig fiel sie auf einen »alten Schulknaben«, der zu den Fahnen der Schweizer schwor und sozusagen auch ein Schützling König Friedrichs war.

Die Übersetzung des Horaz, die Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, zur Ostermesse des Jahres 1752 herausgab, ist ein sprechendes Zeugnis für die Verkommenheit der damaligen deutschen Literatur, namentlich wenn man erwägt, daß ihr Verfasser ein gefeierter Dichter der schweizerischen Richtung war und neun Jahre an der Übersetzung gearbeitet hatte. Sprache, Versmaß, Verständnis des Originals, alles steht auf gleich tiefer Stufe, und obendrein die schuljungenhaften Schnitzer fast auf jeder Seite! Dabei hatte ein Professor der Ästhetik, Meier in Halle, die Korrektur besorgt, und General Stille, ein Tafelgenosse des Königs Friedrich und ein selbst in deutscher Sprache dichtender Beschützer von Lange, hatte sich, wie Gleim an Kleist schreibt, die Mühe genommen, die »übersetzten Horazischen Oden Stück für Stück durchzugehen und genau zu kritisieren«; ja, auch Gleim scheint mitgeholfen zu haben, denn er wundert sich schon im Jahre 1748, »mit welcher Richtigkeit General Stille bisher getadelt hat«.[Anmerkung 55]

Stille hatte denn auch wohl veranlaßt, daß Lange die Übersetzung dem Könige widmete und ein anerkennendes Dankschreiben erhielt, worin Friedrich erklärt, daß ihm die »dadurch bezeigte devote attention zu gnädigstem Gefallen gereichet« und daß er nicht zweifele, »es werde Eure wohlgeratene Arbeit der Schuljugend bei Lesung dieses lebhaften Autoris in der Tat nützlich sein«. Lessing kannte alle diese Umstände; ja, als er, entsetzt über das jammervolle Machwerk, eine Kritik darüber schreiben wollte, warnte ihn ein Professor Nicolai, der in der Sache mit Lessing völlig übereinstimmte, noch ausdrücklich: »öffentlich wollte ich es niemand raten, Herrn Lange anzugreifen, der etwa noch Hoffnung haben könnte, im Preußischen sein Glück zu finden. Herr Lange kann viel bei Hofe durch gewisse Mittel ausrichten.« Vermutlich fühlte sich Lessing nunmehr um so mehr angetrieben, in einem seiner »Briefe« die schlimmsten Böcke Langes aufzustechen; auf wen alle losschlugen, der hatte vor ihm Friede, wie er einmal schrieb, aber wen alle aus höfischen Karriererücksichten verschonten, der hatte von ihm sicherlich den Krieg. Und als Lange nun gar nach der Art solcher hochnäsiger Ignoranten den Charakter seines Kritikers in hämischer Weise anzutasten wagte, da stiftete ihm Lessing das Vademecum, die erste jener klassischen Streitschriften, die immer mustergültig bleiben werden für den Kampf der Männer gegen die Buben – trotz oder auch wegen der wehleidigen Versicherung der bürgerlichen Literarhistoriker, daß Lessing diesem armen Lange oder jenem armen Klotz zuviel getan habe.

Schärfer aber noch als in Lessings Prosaschriften spiegelt sich in seinen Theaterstücken die allmähliche Entwicklung seines Geistes wider. Wir sehen auch hier von einigen ganz unreifen Schularbeiten ab, die er selbst schon von der ersten Sammlung seiner Schriften ausschloß, ebenso von ein paar Übersetzungen und den beiden in je vier Heften erschienenen Zeitschriften, den schon erwähnten Beiträgen und der »Theatralischen Bibliothek«, in denen Lessing tastende Vorstudien zur Hamburgischen Dramaturgie machte. Aber sein »Junger Gelehrter«, sein »Freigeist«, seine »Juden« stehen einerseits noch ganz auf Gottschedischem Boden, während sie andererseits schon ein neues Leben aus der veralteten Form hervorbrechen lassen. Auf der einen Seite – ein sklavisches Festhalten an den drei Einheiten, eine grobe und lose Verwicklung, hölzerne Figuren, die nach der Schablone der französischen und italienischen Komödie mit unbehilflichem Messer geschnitzt sind; auf der anderen Seite aber – wie grausam wird im »Jungen Gelehrten« die aberwitzige Schulweisheit verhöhnt, die sich in überstiegenem Stumpfsinne vom wirklichen Leben abwendet; wie arg muß sich im »Freigeist« die höfische Freigeisterei beschämen lassen, die nach dem bekannten Worte sogar eines Voltaire »Schuster und Köchinnen« nicht aufklären, sondern die Kanaille dem Aberglauben überlassen will, und wie glücklich wird die Beschämung des Freigeistes nur so weit getrieben, daß der Orthodoxie daraus keinerlei Triumph erwächst; wie tapfer gehen die »Juden« ins Zeug gegen die »schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, das ein Christ nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann«. Ja, in seinem Henzi-Fragment von 1749 griff Lessing schon mitten in das politische Leben der Gegenwart hinein. Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit hatte die »Vossische Zeitung« in jenem Jahre ausführliche Berichte über die Verschwörung gebracht, die Henzi, ein demokratischer Patriot, in Bern gegen ein verrottetes Oligarchenregiment angestiftet hatte, um dann, zu früh in seinen Anschlägen entdeckt, auf der Folter und dem Schafotte das Opfer einer nichtswürdigen Klassenjustiz zu werden. Nach diesem Stoffe griff Lessing für ein Trauerspiel, wovon er anderthalb Akte vollendete, und noch spürt man zwischen den steifen Alexandrinern etwas von dem Feuer, mit dem ihn ein solcher Held erfüllte. Herr Erich Schmidt rennt offene Türen ein mit seiner pathetischen Deklamation gegen Danzel, der in Lessings Henzi-Fragment Anklänge an Shakespeares »Julius Cäsar« gefunden hatte. Mag Danzel sich ein wenig überschwenglich ausgedrückt haben: In der Sache hat er und hat nach ihm Stahr völlig recht mit dem Hinweise darauf, wie bedeutsam das kräftige und rasche Eingreifen dieses tragischen Stoffs in jener Zeit gewesen sei, zumal für einen zwanzigjährigen Jüngling. Was soll's mit Herrn Erich Schmidts breitspurigem Nachweise, daß, ästhetisch genommen, das Henzi-Fragment so unreif ist wie – Tragödienversuche zwanzigjähriger Jünglinge im allgemeinen zu sein pflegen? Das brauchen wir nicht erst zu lernen, aber die berühmte »genetische Methode« sollte über die Stellung des Henzi-Fragments in Lessings geistiger Entwicklung doch mindestens so viel zu sagen wissen wie Danzel und Stahr. Freilich – wie kam Lessing auch dazu, sich für einen demokratischen Helden zu begeistern, statt in anakreontischen Liedern »erlebte Konflikte« zu schildern, die es noch lohnt, mit akademischer Brille zu studieren?

Einen entscheidenden und großen Schritt über seine dramatischen Jugendversuche hinaus tat Lessing mit seiner Miß Sara Sampson, einem bürgerlichen Trauerspiele, das er im Anfange des Jahres 1755 in einem Gartenhause bei Potsdam schrieb. Er war sich der Größe dieses Wurfes wohl bewußt; es galt den bürgerlichen Klassen in Deutschland eine neue Tribüne zu eröffnen. Bisher waren sie nur in der Komödie zu Worte gekommen, mehr oder minder als lächerliche Personen, als Träger mehr oder minder abgeschmackter Laster, bestenfalls als Schattenbilder stelzbeiniger Tugenden, um die Laster durch einen kontrastierenden Hintergrund desto schärfer hervorzuheben. Die Tragödie blieb den Fürsten und Helden vorbehalten; nur sie waren der edlen, hohen, zarten Empfindungen, nur sie der erhabenen, starken, wilden Leidenschaften des tragischen Dramas fähig. So wurde das bürgerliche Trauerspiel eine Etappe im Emanzipationskampfe der bürgerlichen Klassen, und genauso verstand es Lessing. Kurz vor der Abfassung der Sara schrieb er in seiner »Theatralischen Bibliothek« über die Ausbildung dieser dramatischen Gattung gerade in England; es war, wie er sagt, dem Engländer »ärgerlich, gekrönten Häuptern viel vorauszulassen; er glaubte bei sich zu fühlen, daß gewaltsame Leidenschaften und erhabene Gedanken nicht mehr für sie als für einen aus seinen Mitteln wären«. Aus seinen Mitteln, so wörtlich; man sieht, daß Lessing auch schon mit dem Milieu zu operieren wußte. Und in seiner epigrammatischen Weise fügt er hinzu: »Dieses ist vielleicht nur ein leerer Gedanke, aber genug, daß es doch wenigstens ein Gedanke ist!« Allerdings ein leerer Gedanke, wenn man die Entstehung des bürgerlichen Trauerspiels aus dem bewußten Ärger der Engländer über den Vorsprung der Großen ableiten wollte, aber gewiß ein Gedanke – und zwar ein Gedanke, wie ihn in jener Zeit nur Lessing haben konnte –, wenn man im bürgerlichen Trauerspiele die ideologische Widerspiegelung des erwachten bürgerlichen Klassenbewußtseins erblickt. Und vollends ein Gedanke, soweit es auf die Absichten und Zwecke Lessings bei Abfassung seiner Sara ankommt. Sie ist sowenig wie irgendein anderes seiner Dramen das Erzeugnis eines dichterischen, unbewußt schaffenden Genius, aber sie ist mit höchstem Verstände gearbeitet worden. Geschmiedet nach englischen Vorbildern, sagten die Gegner und Neider Lessings schon bei seinen Lebzeiten. Jawohl, geschmiedet, aber geschmiedet als eine Waffe des Klassenkampfes. Und das Verdienst Lessings um diese Waffe ist um so größer, als er sie gleich auf dem rechten Amboß schmiedete; die bürgerliche Aufklärung nahm in diesem Falle nicht den üblichen Weg von England über Frankreich nach Deutschland, sondern Lessing schöpfte an der unmittelbaren Quelle; er suchte und fand seinen Stoff in dem einzigen Lande, dessen bürgerliche Klassen bereits zu ökonomischer und politischer Selbständigkeit gediehen waren. In Frankreich erschienen Diderots bürgerliche Dramen erst einige Jahre nach der Sara, die Diderot selbst seinen Landsleuten mit hohem Lobe bekanntmachte. Und auf die deutschen Zeitgenossen wirkte Lessings Trauerspiel mit der Gewalt nicht einer poetischen, sondern sozialen Offenbarung; bei der ersten Aufführung in Frankfurt a. O., zu der Lessing selbst hinüberreiste, saßen die Zuhörer, wie Ramler an Gleim berichtete, dreieinhalb Stunden stille wie Statuen und weinten.

Mit einer rein ästhetischen Beurteilung wird man auch diesem Geisteswerke Lessings nicht entfernt gerecht. Da begreift man seine Wirkung schlechterdings nicht, denn es strotzt von psychologischen Unmöglichkeiten oder doch Unwahrscheinlichkeiten; eine bleierne Langeweile scheint sich von Szene zu Szene fortzuschleppen, und kaum an diesem oder jenem Höhepunkte der Handlung vermag man sich seine ehemals zündende Wirkung mühsam vorzustellen. Für die Bühne ist es längst verloren, und auch beim Lesen würgt man sich nur schwer durch. Aber gerade weil es kinderleicht ist, sollte man es auch Kindern überlassen, historische Geistestaten als Schulübungen zu behandeln und nach den Regeln eines ästhetischen Kanons durchzukorrigieren. Die Sara wurde bald durch ihre ungleich stattlicheren Schwestern Minna und Emilia verdrängt, aber diese unterschieden sich von ihr immerhin nicht so stark, wie die Sara sich von dem – Nichts unterschied, das vor ihr war. Da sie die erste war, so war sie die schwächste, aber ihre Wirkung die mächtigste. Und ebensowenig wie die historische Bedeutung eines einzelnen Kunstwerkes sollte man die historische Bedeutung einer bestimmten Kunstgattung nach allgemeinen Schulregeln aburteilen. Lassalle hat schon davor gewarnt, bei Lessings und Diderots bürgerlichem Drama an die geistlose Versumpfung zu denken, in die dieser Begriff zu Ifflands Zeit verfallen war. Aber Ifflands bürgerliches Drama war noch ein ehrwürdiger Geistesheros gegen das bürgerliche Drama der Lindau, Lubliner, Wichert, das seit Jahrzehnten die deutschen Bühnen beherrscht. Kurzum: Jede bürgerliche Klasse hat das bürgerliche Drama, das sie zur Zeit verdient.

Mit der Miß Sara Sampson hatte Lessing einen ersten Höhepunkt seiner literarischen Laufbahn erreicht. Er gedachte nunmehr eine längere Pause zu machen und wieder mehr unter Menschen, mehr im Umgange der Welt zu leben als unter Büchern, aber nicht sofort und in ganz anderer Weise, als er gemeint hatte, erfüllte sich ihm dieser Wunsch.

VI. Lessing im Siebenjährigen Kriege

Als der Frühlingssänger Kleist, um preußische Rekruten zu werben, nach Zürich kam, schrieb er begeistert an seinen Gleim über den Ort, der »unvergleichlich« sei nicht nur wegen seiner »uniquen« Lage, sondern auch wegen der »guten und aufgeweckten Menschen«. »Statt daß man in dem großen Berlin kaum drei bis vier Leute von Genie und Geschmack antrifft, trifft man in dem kleinen Zürich mehr als zwanzig bis dreißig derselben an.« Er setzt hinzu: »Es sind zwar nicht alle Ramlers«, und kennzeichnet damit den Höhepunkt dessen, was 1755 in Berlin Genie und Geschmack war.

Und eben die gleiche Empfindung einer trostlosen Öde mag Lessings Entschluß gereift haben, Berlin zu verlassen. Er hatte die wenigen Funken aus dem Kiesel geschlagen, die etwa darin schlummerten, und vielleicht mochte der Druck und Zwang des preußischen Lebens sein bürgerliches Klassenbewußtsein geschärft, die geistige Wüste von Berlin die seinem beweglichen Geiste immer naheliegende Gefahr der Zerstreuung ein wenig gemindert haben. An diesem »entscheidenden Anstoße« mag sich der patriotische Stolz erfreuen, aber mehr soll er uns doch lieber nicht aufreden wollen. Eine der Ähnlichkeiten zwischen Lessing und Marx besteht darin, daß sie, in ihren öffentlichen Kämpfen von einer Rücksichtslosigkeit, die den feigen Zeitgenossen unheimlich erschien, eine tiefe Bescheidenheit besaßen, die sie höchst ungern von ihren eigenen Personen sprechen ließ; selbst aus den vertrauten Briefen Lessings ist selten ein Aufschluß über die Beweggründe seiner persönlichen Entschlüsse zu gewinnen. Um so deutlicher sprechen dann freilich seine Werke, und – der Verfasser der Miß Sara Sampson stand auf einer Höhe, die ihm das Berliner Leben ekel, schal und unersprießlich erscheinen lassen mußte. Was konnten dem zum Manne herangereiften Jünglinge die vierthalb »Genies« von Berlin bieten? Zwar dieser weltfreudige Mensch hungerte so nach Menschen, daß er aus jedem Menschen noch etwas zu machen suchte; so aus dem hämischen Schwachkopfe Sulzer, den er lieber »inkonsequent« als »falsch« nennen wollte, so aus dem trockenen Versdrechsler Ramler, dem er beim Becher, wie Ramler selbst bezeugt, ein »gelinder, nachgebender, lustiger Gesellschafter« war. Aber was konnten sie ihm für den Kampf seines Lebens sein, sie und selbst die beiden jungen Berliner, in denen Lessing sozusagen seine Schüler erblicken durfte?

Sozusagen – denn nur eine in den allgemeinsten und dünnsten Kategorien geistiger Begriffe sich umtreibende Geschichtsbetrachtung kann Moses Mendelssohn und Nicolai in einem Atem mit Lessing nennen. Diese Männer mag Herr Erich Schmidt, wenn er sonst will, die »religiös und politisch Liberalen«, die Lasker und Eugen Richter ihrer Zeit nennen, aber ebendeshalb trennte sie eine Welt von Lessing. Moses ist immerhin eine gute Strecke mit ihm gegangen, etwa bis in die Tage des Laokoon, zu dem er manches beigesteuert hat; er war ein bescheidenes Licht, aber ein guter Mensch von rührender Anhänglichkeit, dem im buchstäblichen Sinne des Worts das Herz brach, als er – in seiner glücklichen Blindheit erst einige Jahre nach Lessings Tode – endlich entdeckte, wie weit sich sein bewunderter Freund schon lange vor seinem Tode von ihm entfernt hatte. Alle Achtung vor dem, was Moses für die Emanzipation seiner »Nation« getan oder doch zu tun versucht hat, denn die Unduldsamkeit der Juden selbst setzte ihm nicht weniger zu als der friderizianische Despotismus. Nur daß er auch in diesen Emanzipatiorisbestrebungen, abgesehen von dem ungleich beschränkteren Schauplatze, in Halbheit und Zaghaftigkeit weit hinter Lessing zurückblieb! Er war nicht ein Freier durch und durch wie Lessing, sondern ein frei Gewordener, dem noch bei jedem Schritte die zerbrochene Kette mit verräterischem Klirren nachschleifte. Eine Art Lasker in der Tat: frei von den Lastern seiner »Nation«, aber voll von befangener Selbstgefälligkeit über diese Freiheit. Ein sehr idealisierter Lasker bei alledem, denn wenn beide kein Geld mehr auf Pfänder liehen, so eiferte Moses deshalb um so mehr gegen die Ephraim und Itzig, die großen Wucherer der damaligen Zeit, während Lasker aus seiner Enthaltsamkeit einen wehmütigen Glanz der Entsagung über die verrufensten Gründerhäuser der Gegenwart zu verbreiten suchte. Politisch ähnelten sich beide mit ihrer halben und schwankenden Opposition gegen den Despotismus, aber mit seiner kauderwelschen Philosophie stand Lasker wieder tief unter Moses, der ein sauberer Popularphilosoph der Leibniz-Wolffischen Schule war. In ihre Gewebe eingesponnen, stand er dem Leben viel ferner als sein großer Freund, dagegen als Lessing – welch ein Streber! – mit dem 1754 veröffentlichten Schriftchen »Pope ein Metaphysiker!« der friderizianischen Akademie eine schallende Ohrfeige für eine alberne Preisfrage erteilte, durch die Maupertuis dem Deutschen Leibniz einen neidischen Seitenhieb zu versetzen gedachte, da hat Moses ihm den philosophischen Stoff geliefert.

Noch viel weniger als Moses darf Nicolai im Gefolge von Lessing erscheinen. Seiner eigenen Berufung haben die »Xenien« von Goethe und Schiller schon die treffende Abfertigung entgegengesetzt:

»Nenne Lessing nur nicht! Der Gute hat vieles gelitten,

Und in des Märtyrers Kranz warst du ein schrecklicher Dorn.«

Nur in seinen ersten Anfängen hat Nicolai eine gewisse Anregung von Lessing erhalten, aber in dem harten und trockenen Boden seines Geistes wucherte der empfangene Keim höchstens zu einem verkrüppelten Unterholz auf. Wie das Zerrbild dem Bilde; so gleicht Nicolai im besten Falle dem wirklichen Lessing, wenngleich er dem Lessing der bürgerlichen Literaturgeschichte zum Muster gesessen zu haben scheint. Sein »gnadenhungriges« Rufen nach Fürstengunst verspottete schon Herder. Verbohrter Preuße, sah Nicolai in der Idee eines deutschen Nationalgeistes ein »politisches Unding«, und einen »hämischen Parteizweck«. Er war der erste Eingeborene des Berliner Philistertums, der es zu literarisch-politischem Einflüsse brachte, und wie seine beschränkte und verkümmerte Sonderart sich aus dem mütterlichen Boden erklärt, so hat sie ausdörrend auf diesen Boden zurückgewirkt, über den die Lessing und die Fichte und die Hegel nach Lassalles treffendem Ausdrucke in der Tat wie die Kraniche dahingeflogen sind. Betriebsam und rührig in seiner Art, wollte Nicolai, wie sein bewundertes Vorbild Friedrich, gern erobernd in Deutschland vordringen, aber was in Deutschland Geist und Kraft und Leben besaß, schlug mit Händen und Füßen gegen den bösen Nickel aus. So Herder und Goethe und Schiller, so Kant und Fichte und Schelling, so die beiden Schlegel und Tieck. Wie Herr Erich Schmidt mit einem ganz guten Worte sagt: Auf Nicolai regneten »Prügel von allen Seiten«. In diesem erquicklichen Umstände wie in vielem sehr Unerquicklichem: in dem schäbigen Angeifern alles Bedeutenden, Großen, Neuen, in der verbohrten Unduldsamkeit eines faulen und feigen Aufklärichts, in dem Cliquen- und Koteriemachen, war Nicolai der Eugen Richter seiner Zeit; Jedennoch darf man nicht übersehen, daß die kapitalistische Korruption damals ein Embryo war gegen den Riesen von heute, und wenn Nicolais spießbürgerliche Ehrbarkeit die Saaten seines Geistes in hohes Unkraut geschossen sehen könnte, so würde er vielleicht doch zum ersten Male an seiner Unfehlbarkeit zweifeln. Aber deshalb hängt alles geistige Bourgeoisgewächs, das in Berlin mit »seinem« Lessing prahlt, nicht weniger an Nickels Rockschößen, wie denn nicht Gotthold Ephraim, sondern Karl Gotthelf Lessing, der Großvater der »Vossischen. Zeitung«, sein wirklicher Geistesverwandter war.

Nach alledem begreift sich, daß der Boden Berlins unter Lessings Füßen brannte, als er sich zu einer selbständigen Stellung im deutschen Geistesleben emporgearbeitet hatte. Er kehrte nach Leipzig zurück mit dem lebhaften Wunsche, die große Welt kennenzulernen, und das Glück schien ihm günstig, als der junge Winkler, ein reicher Patrizier von Leipzig, ihn auf mehrere Jahre zu seinem Begleiter auf einer Reise durch Europa wählte. Sie brachen im Mai 1756 auf, aber in Amsterdam, von wo sie im September nach England gehen wollten, traf sie die Nachricht vom Ausbruche des Siebenjährigen Krieges, und besorgt um seine Schätze eilte Winkler nach Leipzig zurück. Lessing scheint das Mißgeschick schwer empfunden zu haben, aber vielleicht ersparte die große Enttäuschung ihm eine größere, denn zum Begleiter eines eigensinnigen Geldprotzen taugte er nun schon gar nicht, und sehr bald nach der Rückkehr überwarf er sich völlig mit Winkler.

Auf Lessings Stellung zum Siebenjährigen Kriege sind bereits in dem ersten Teile dieser Darstellung einige Streiflichter gefallen. Dieser Kabinettskrieg ging die bürgerlichen Klassen als solche nichts an, und Lessing war am wenigsten geneigt, sich als Partei in den »blutigen Prozeß zwischen unabhängigen Häuptern« zu mischen. Aber sein Klassenbewußtsein war schon viel zu sehr entwickelt, um nicht zu erkennen, daß die bürgerlichen Klassen die Zeche des Krieges zu zahlen hatten, und so haßte er den Krieg als ein unseliges Ding, das die Musen verscheucht, und in einem Lande, wo sie nicht recht viele, recht feurige Freunde haben, auf sehr lange Zeit verscheucht. Dieser bürgerliche Standpunkt war aber zugleich der nationale, der deutsche, und diejenigen bürgerlichen Historiker, die von rechts bis links, von Scherer bis Scherr, Lessings Mangel an Patriotismus und Vaterlandsliebe beklagen, weil ihn einmal das wütende Geheule des würdigen Gleim gegen Deutsche, mit denen der König von Preußen zufällig Krieg führte, ernstlich verdroß, sollten billigerweise mindestens doch auch den schon ein Jahr früher geschriebenen Brief Lessings erwähnen, worin er Gleim beschwor, bei der Besetzung Halberstadts durch französische Truppen ja den Stolz und die Würde eines Deutschen zu zeigen. »Und von Voltaire selbst müssen Sie tun, als ob Sie weiter nichts als seine dummen Streiche und Betrügereien gehört hätten. Das soll wenigstens meine Rolle sein, die ich mit jedem nicht ganz unwissenden Franzosen spielen will, der etwa nach Leipzig kommen sollte.«[Anmerkung 56]

Nicht als ob wir es sozusagen als eine Schande von Lessing abwehren wollten, daß er nach dem Lobe eines eifrigen Patrioten nicht geizte, des Patrioten nämlich, der ihn vergessen lehrte, daß er ein Weltbürger sein sollte. Man kann vielmehr nicht ohne Schaudern an die – glücklicherweise unmögliche – Möglichkeit denken, daß die Lessing, Schiller, Goethe nicht »Weltbürger« nach ihrer Art, sondern »Patrioten« nach dem Schlage der Gleim und Ramler geworden wären. Aber es ist allerdings notwendig, sowohl aus Gründen der historischen Gerechtigkeit als zur Abwehr einer politischen Brunnenvergiftung, die Tatsache festzustellen, daß die Männer unserer klassischen Literatur als Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen durchaus vom national-deutschen Standpunkte ausgingen, und erst nachdem sich diese Klassen als zu verelendet erwiesen hatten, um den fürstlichen Despotismus zu brechen, allein im Interesse des Bürgertums lieber mit Lessing »Weltbürger« oder mit Schiller »Zeitgenosse aller Zeiten« als habsburgisch oder hohenzollerisch, welfisch oder wettinisch abgestempelte Winkelpatrioten wurden. Gerade Goethe, der in einer schwachen Greisenstunde die »berühmte Stelle« mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« der Gleim und Ramler schrieb, hat jene Entwicklung schlagend gekennzeichnet in dem bekannten, so oft mißverstandenen und selbst von einem demokratisch sich gebärdenden Historiker wie Scherr als »traurige Verirrung der Wolkenkuckucksheimerei« beschimpften Distichon:

»Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens:

Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«

Und wie fern die Masse der bürgerlichen Klassen dem nationalen Gedanken noch stand, beweist die von Lessing selbst hervorgehobene Tatsache, daß er zur Zeit des Siebenjährigen Krieges in Leipzig für einen Erzpreußen und in Berlin für einen Erzsachsen gehalten wurde, weil er keines von beidem, sondern ein Deutscher war.

Lessing hat in diesem Kriege dreimal den Aufenthalt gewechselt. Zunächst blieb er von Oktober 1756 bis zum Mai 1758 in Leipzig, obschon hier nichts mehr für ihn zu suchen war. Sowohl deshalb nicht, weil Friedrich die reiche Stadt mit eiserner Faust an der Gurgel gepackt hatte und die Musen gänzlich aus ihr entflohen waren, als auch weil Lessing, »der doch Winklers Brot aß«, wie Herr Erich Schmidt mit dem ernsten Stirnrunzeln des sittlich entrüsteten Bourgeois bemerkt, in die Jammerschreie der Leipziger Kapitalisten über die ihren Geldsäcken von preußischer Seite angesetzten Schröpfköpfe nicht mit der gehörigen Andacht einstimmte. Friedrich war nun doch einmal nur einem gegen ihn selbst geplanten und in erster Reihe von dem sächsischen Minister. Brühl betriebenen Überfalle zuvorgekommen, und an jenem feinen Verständnis für die kapitalistischen Interessen, das heutzutage den »wahren« Freiheitskämpfer macht, hat es dem unglücklichen Lessing leider immer gefehlt.[Anmerkung 57]

Als »Erzpreuße« verketzert, kam er in freundlichen Verkehr mit preußischen Offizieren, an deren einem, dem Major von Kleist, er den vielleicht geliebtesten Freund seines Lebens gewann. Durch ihn lernte er auch den Obersten von Tauentzien kennen, als dessen Sekretär Lessing dann die vielleicht glücklichste Zeit seines Lebens verlebt hat; auch diesem alten Haudegen, dem er geistig freilich nicht so nahestehen konnte wie dem Frühlingssänger Kleist, hat er zeitlebens eine große Anhänglichkeit bewahrt.

Auf den ersten Blick scheint es ein Widerspruch zu sein, daß ein Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen in so freundliche und nahe Beziehungen zu ein paar hinterpommerschen Junkern und friderizianischen Offizieren treten konnte, und es hieße diesen Widerspruch mehr umgehen als lösen, wenn man sagen wollte, es habe sich nur um rein persönliche Beziehungen gehandelt. Kein Zweifel, daß Lessing gern in soldatischen Kreisen verkehrte und in seinen besten dramatischen Werken mit Vorliebe soldatische Charaktere schilderte: von Philotas ganz abgesehen, so denke man nur an Tellheim, Paul Werner, Just in der Minna, an Odoardo Galotti in der Emilia, an Saladin und den Tempelherrn im Nathan. Man muß auch hier auf den sozialen Untergrund der Dinge zurückgehen, um sie richtig zu verstehen. In jener unglaublich verphilisterten Zeit war der Soldatenstand der einzige, in dem sich wenigstens zu Kriegszeiten individuelle Selbständigkeit und Tüchtigkeit entfalten konnte, so, wie Schiller in dem Reiterliede des Wallenstein singt:

»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,

Da wird das Herz noch gewogen,

Da tritt kein anderer für ihn ein,

Auf sich selber steht er da ganz allein.«

Und das Schlußwort dieses Liedes, recht aus Lessings Seele gesprochen:

»Und setzet ihr nicht das Leben ein,

Nie wird euch das Leben gewonnen sein«,

atmet eine Gesinnung, die zur Zeit des Siebenjährigen Krieges nur im Kriegslager, nicht in den bürgerlichen Klassen lebte. Dazu kam. daß der Militarismus als selbständiger Gegensatz zur bürgerlichen Kultur sich noch nicht entfaltet hatte, solange die Heere als Privateigentum und die Kriege als Privatindustrie der Fürsten galten. Und wie mit dem friderizianischen Offizier, so mochte Lessing auch mit dem hinterpommerschen Junker gut auskommen. Der hinterpommersche Adel, sehr im Gegensatze zu dem vorpommerschen arm und frugal, mehr Bauer als Junker, mit seinen Hintersassen mehr patriarchalisch hausend, als sie rücksichtslos ausbeutend, war die übelste Rasse nicht; er besaß mehr die Tugenden als die Laster einer herrschenden Klasse; dem von den Berliner Spießern gelangweilten und von den Leipziger Geldprotzen gepeinigten Lessing mußte so ein Kleist oder Tauentzien aus der Kassubei, die nichts als ihre Ehre, ihren Degen und ihr Treben besaßen, die ihr Leben täglich in die Schanze schlugen und lieber ihren Degen zerbrachen, als ihre Ehre befleckten, eine gar willkommene Erscheinung sein. Die Dinge lagen nun einmal so in Deutschland, daß ein kräftiger und männlicher Charakter, wie Lessing war, in den herrschenden Klassen viel eher seinesgleichen fand als in den beherrschten. Es wäre sehr ungerecht, zu verkennen, daß der Siebenjährige Krieg das beste Blatt in der Geschichte der preußischen Junker ist; ihrer viertausend blieben auf den Schlachtfeldern. Gewiß im Kampfe für ihre Klasseninteressen, aber das deutsche Bürgertum brachte es ja nicht einmal entfernt zu einer gleichen Aufopferung für seine Klasseninteressen. Und dank der elenden Verseuchung der deutschen Bourgeoisie liegen die Dinge heute auch noch so. Die hinterpommerschen Junker der »Kreuz-Zeitung« stehen an ehrlichem Kampfesmut und ritterlicher Gesinnung turmhoch über den kapitalistischen Soldschreibern der Freisinnigen oder der »Vossischen Zeitung«; wer die preußische Literatur einigermaßen kennt, der weiß auch, daß die Offiziere, die daran mitgearbeitet haben, wenigstens die begabteren von ihnen, ungleich ehrlicher und freimütiger beispielsweise über den friderizianischen Staat schreiben wie die bürgerlichen Literaten vom Schlage des Herrn Schmidt, und man braucht nur ein Jahr zurück, an die Krisis des preußischen Volksschulgesetzes, zu denken, um sofort zu erkennen, daß sich dabei der Junker Zedlitz als ein Mann, der Bourgeois Miquel aber als ein älteres Mitglied des zarteren Geschlechts benommen hat. Der seichte, an die oberflächlichsten Schlagworte gekettete Liberalismus, der in der deutschen Presse das große Wort führt, versteht diesen Zusammenhang nicht; ja, er darf ihn nicht einmal verstehen, wenn er sein kümmerliches Dasein nicht selbst aufgeben will, und aus diesem Selbsterhaltungstriebe erklärt sich einigermaßen jene sonst unerklärliche Meisterschaft im persönlichen Niederhetzen, Niederlügen und Niederverleumden politischer Gegner, die Herrn Eugen Richter und ähnliches Gelichter auszeichnet und die sich aus guten Gründen mit der kläglichsten Feigheit im Kampfe der Klassen zu paaren pflegt. Lessing ist diesem scheußlichen Unwesen, soweit er es in seinen ersten, noch verhältnismäßig schüchternen Anfängen kennengelernt hat, stets rücksichtslos entgegengetreten; in seiner späteren Predigt über zwei Texte, von der uns leider nur ein kleines, aber köstliches Bruchstück erhalten ist, führt er den Gedanken aus, daß man eine Klasse grundsätzlich bekämpfen und hassen, aber ihre würdigen Glieder deshalb nicht weniger, ja deshalb erst recht lieben und schätzen könne, wie sie verdienen. Gehandelt hat er immer nach diesem Grundsatze, der sich für jeden ehrlichen Kämpfer schon deshalb von selbst versteht, weil er in dem Begriffe eines ehrlichen Kampfes enthalten ist. Und Lessing hat sich den Teufel an das gekehrt, was die Leipziger Geldsäcke über seinen Verkehr mit dem preußischen Offizier Kleist und später die Berliner Aufklärer über seinen Verkehr mit dem Hauptpastor Goeze hinter seinem Rücken zischelten.

Seine Freundschaft für Kleist versteht man noch besser, wenn man in Kleists Briefwechsel verfolgt, wie der »Dichter und Soldat« im Felde, wo ihn Lessing kennenlernte, ein ganz anderer Mann wird. In seiner Potsdamer Friedensgarnison erscheint er immerhin als ein seltsamer Heiliger: mit »Mädchens spielend«, mit seinem Gleim läppisch tändelnd, mittelmäßige Verse spinnend, von den Kameraden wegen seiner poetischen Neigungen verspottet, unter der launenhaften Ungnade des Königs seufzend, verfällt er bald in »Melancholie«, bald will er dies »in Vergleichung anderer ganz elende Land verlassen«. Schon der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, ist ihm »eine Hölle, und sollte ich auch hier indessen Generalfeldmarschall werden, dafür mich doch der Himmel wohl bewahren wird«. Diese Stimmung war unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich, aber sie besserte sich zusehends, als Kleist eine Kompanie und damit ein. ausbeutungswürdiges Vermögensobjekt erhielt. Auf der lukrativen Werbung trieb er in Zürich, der »uniquen« Stadt, den Menschenhandel so arg, daß er bei Nacht und Nebel vor den ihm aufpassenden Behörden fliehen mußte, wofür er sich dann [durch] geistlosgrobe, mit seinen tändelnden Liederchen in gar seltsamem Gegensatze stehende Epigramme auf die Schweiz und die Schweizer rächte. Aber im Kriege fallen die Schlacken seines Wesens ab. Wieder leidet er unter Friedrichs Willkür; aus seinem alten, angesehenen Regimente wird er in ein sächsisches Infanterieregiment versetzt, das bei Pirna gefangen war und nun preußische Dienste tun muß; er kommt »hinter die Mauer« nach Leipzig. Aber als Vorsteher des Lazaretts, bei den ihm aufgetragenen Kontributionen im Sächsischen erweist er sich als ein menschenfreundlicher und milder Mann, der jede persönliche Bereicherung verschmäht. In seinem einzigen Kriegsliede, das mehr kriegerischen und mehr menschlichen Geist atmet als Gleims gesamte Grenadierpoesie, ruft er dem preußischen Heere zu:

»Nur schone wie bisher im Laufe großer Taten

Den Landmann, der dein Feind nicht ist!

Hilf seiner Not, wenn du von Not entfernet bist!

Das Rauben überlaß den Feigen und Kroaten!«

und wie er es sich in diesem Liede gewünscht hatte:

»Auch ich, ich werde noch – vergönn es mir, o Himmel! –

Einher vor wenig Helden ziehn.

Ich seh' dich, stolzer Feind, den kleinen Haufen fliehn

Und find' Ehr' oder Tod im rasenden Getümmel«,

findet er bei Kunersdorf einen so tapferen Tod, daß ihn selbst die russischen Barbaren mit hohen Ehren bestatten. Lessing hat ihn mit wildem Schmerze betrauert.

Ganz anderer Art als Lessings Freundschaft mit Kleist war seine Freundschaft mit Gleim. Jede Faser Lessings mußte sich gegen den kindisch süßlichen Ton sträuben, worin Gleim mit seinen »allerliebsten Engeln« von Freunden umging, aber um Kleists willen hat er den bei aller Albernheit doch auch sehr gutmütigen Mann gern ertragen, heiter neckend mit dem Schreibseligen verkehrt, ihn wie ein großes Kind behandelt. Bald sucht Lessing dem Schwächling das Rückgrat zu steifen, indem er ihn zu einer männlichen Haltung gegenüber den Franzosen in Halberstadt ermahnt oder ihn anfleht, den Schmerz über Kleists Tod nicht durch elende Reime zu entweihen; bald streichelt er ihn ein wenig, nennt ihn einen Äschylos, spricht von seinem »großen König«. Bei alledem war es doch mehr als Ironie, wenn Lessing Gleims Grenadierlieder mit einem heute nicht mehr verständlichen Lobe zum Drucke beförderte. Man muß nur richtig verstehen, was Lessing mit diesem Lobe ins Auge faßte. Nicht etwa die Begeisterung für die »nationale« Sache Friedrichs. Der König selbst würde, wenn er Gleims Grenadierlieder gekannt oder ihnen gar irgendeine Wirkung auf die Bevölkerung zugetraut hätte, den Poeten vermutlich auf die Festung geschickt haben. Was er an ihnen etwa noch verstanden und gewürdigt hätte, nämlich das tobende Geschimpfe auf die Feinde – ein wüterisches Gedicht des Pastors zu Laublingen, das die Zensur beanstandet hatte, gab Friedrich auf ein alleruntertänigstes Schreiben Langes frei –, gerade das war für Lessing ein Greuel; was aber ihm an den Grenadierliedern gefiel, der festere, männlichere, selbstbewußtere Ton, den Gleim anschlug, das wäre dem König ein Greuel gewesen, der, wir wissen aus welchen Gründen, dem Kriege schlechterdings den Charakter eines Kabinetts- und Söldnerkrieges erhalten mußte. Über diese Sachlage mochte sich ein verworrener Kopf wie Gleim täuschen, der heute den Tyrtäos nachahmte wie gestern den Anakreon, aber Lessing konnte natürlich nicht in eine solche Torheit verfallen, und er verbat sich ausdrücklich jedes Interesse des Königs für die Grenadierlieder. In der Vorrede, die er ihnen mitgab, sagt er, wer die kostbaren Überbleibsel der alten nordischen Heldenlieder kenne, wer das jüngere Geschlecht von Barden aus dem schwäbischen Zeitalter seiner Aufmerksamkeit wertschätze, ihre naive Sprache, ihre »ursprünglich deutsche Denkungsart« studiert habe, der werde den neuen preußischen Barden zu beurteilen wissen, und unmittelbar darauf heißt es wörtlich: »Andere Beurteiler, besonders wenn sie von derjenigen Klasse sind, welchen die französische Poesie alles in allem ist, wollte ich wohl für ihn verbeten haben.« Deutlicher ließ sich unter der friderizianischen Zensur doch nicht reden, aber unsere bürgerlichen Literarhistoriker sind taub für diesen überlegenen Spott, und Lessing muß noch immer als preußischen Chauvinismus abbüßen, was für ihn nur die etwas überschwengliche, aber deshalb erst recht begreifliche Freude an einem in der deutschen Literatur einmal durchbrechenden frischeren, kräftigeren und männlicheren Tone war.

Literarisch hat Lessing in dieser Leipziger Zeit viel angefangen, namentlich auf dramatischem Gebiete, aber nichts vollendet. Zwei »Odengerippe« an Kleist und Gleim gehören zu jenen müßigen Stilübungen, wie sie wohl im poetischen Wetteifer unter Freunden entstehen; mit Recht hat Lessing es bei den Entwürfen in Prosa gelassen. Nicht weniger erfreulich, wenn auch aus einem ganz anderen Grunde, ist der gleiche Umstand bei einer Ode an Mäzen, deren markige Prosa durch die Umwandlung in irgendeinen bei Lessing doch immer holperigen Rhythmus nur verloren haben würde. Hier ihre kernigsten Sätze:

»Wer ist's in unsern eisernen Tagen, hier in einem Lande, deren Einwohner von innen noch immer die alten Barbaren sind, wer ist es, der einen Funken von deiner Menschenliebe, von deinem tugendhaften Ehrgeize, die Lieblinge der Musen zu schützen, in sich hege? Wie habe ich mich nicht nach nur einem schwachen Abdrucke von dir umgesehen! mit den Augen eines Bedürftigen umgesehen! Was für scharfsichtige Augen! Endlich bin ich des Suchens müde geworden und will über die Afterkopien ein bitteres Lachen ausschütten.– Dort, der Regent, ernährt eine Menge schöner Geister und braucht sie des Abends, wenn er sich von den Sorgen des Staats durch Schwänke erholen will, zu seinen lustigen Räten. Wieviel fehlt ihm, ein Mäzen zu sein. Nimmermehr werde ich mich fähig fühlen, eine so niedrige Rolle zu spielen, und wenn auch Ordensbänder zu gewinnen stünden. Ein König mag immerhin über mich herrschen; er sei mächtiger, aber besser dünke er sich nicht. Er kann mir keine so starke Gnadengelder geben, daß ich sie für wert halten sollte, Niederträchtigkeiten darum zu begehen.«

Mit stärkeren und treueren Strichen konnte Lessing seinen Gegensatz zur Tafelrunde von Sanssouci nicht zeichnen, und doch soll er hinter Friedrich und Voltaire dreingelaufen sein![Anmerkung 58]

Kleists Freundschaft war es vornehmlich, die Lessings Aufenthalt in dem verwüsteten Leipzig verlängerte, wo sonst nichts für ihn zu brechen und zu beißen war. Als Kleist ins Feld gerufen wurde, ging Lessing »nicht nach Berlin, sondern zu meinen guten Freunden, die in Berlin sind«. Ihm blieb keine Wahl, und er mußte es gern oder ungern nochmals mit Ramler, Moses, Nicolai versuchen. Etwa dritthalb Jahre hielt er den schließlich scheiternden Versuch aus, vom Mai 1758 bis Ende 1760. Es ist die Zeit der Fabeln, des Philotas, der Literaturbriefe, die Zeit immerhin eines gewissen Stillstandes gegenüber der mit der Miß Sara Sampson erreichten Höhe. Nicht deshalb, weil die schon von Herder berichtigten und ergänzten, dann von Jakob Grimm noch viel stärker erschütterten Abhandlungen Lessings über die Fabel den Begriff dieser Dichtungsart falsch oder unzureichend erörtern! Lessings Ästhetik ist ebenso wie seine Dramatik, seine Philosophie, seine Theologie durchaus bestimmt durch das sozial-politische Moment seines Lebenskampfes; er hat dem Äsop und Phädrus nur das abgesehen, was sich zu einer scharfen Waffe gegen die Laster und Torheiten seiner Zeit zuschleifen ließ, und wenn seine Fabeln das naive Element der alten Tierfabel vermissen lassen, so sind ihre vorteilhaftesten Seiten, wie Herder schon bemerkte, »eine schöne Bemerkung, ein allerliebster Einfall, eine neue vortreffliche Wendung, ein überraschender Sprung, der munterste Dialog«. Diese Fabeln sind ein fortlaufendes Kleingewehrfeuer, nicht zuletzt auch gegen den friderizianischen Despotismus. Wie ergötzlich wird Friedrichs Bevormundungssucht verspottet in dem »Geschenke der Feien«, wo die eine »einem jungen Prinzen, der in der Folge einer der größten Regenten seines Landes ward«, den scharfsichtigen Blick des Adlers schenkt, dem in seinem weiten Reiche auch die kleinsten Mücken nicht entgehen, die andere aber als »weise Einschränkung« die »edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen«, hinzufügt. Und dann die Moral des Dichters: »Viele würden weit größere Könige gewesen sein, wenn sie sich weniger mit ihrem durchdringenden Verstande bis zu den kleinsten Angelegenheiten hätten erniedrigen wollen.« Oder wie keck weiß Lessing eine dem heutigen Philister noch unfaßbare Wahrheit zu enthüllen, wenn er in der alten Fabel von den Fröschen, die einen König haben wollten, gegenüber anderen Auslegern »zwei weit größere und kühnere Wahrheiten entdeckt, 1. die Torheit, überhaupt einen König zu haben, 2. die Torheit, nicht mit einem schläfrigen, untätigen Könige zufrieden zu sein, einen großen, anschlägigen Kopf auf den Thron zu wünschen«.

Sonach – groß genug ist Lessing auch in diesem kleinen Genre, aber er selbst war für dies kleine Genre zu groß, und von ihm als Fabeldichter gilt ein wenig, was er später von einer Schauspielerin sagte: »Ich möchte nicht alles machen, was ich vortrefflich machen könnte.« Und so ist auch das Trauerspiel Philotas nur ein kleines Nebenwerk, eine Freundesgabe für Kleist. Wie Kleist nach Lessings Meinung aus übertriebenem Heroismus den Tod suchte, so tötet der gefangene Königssohn Philotas, der gegen den gleichfalls gefangenen Sohn des feindlichen Königs Aridäus ausgetauscht werden soll, sich selbst, um die gleichschwebende Waage zugunsten seines Vaters zu senken. Herr Erich Schmidt versichert, das Stück atme den »aufopfernden Geist der in Waffen starrenden Gegenwart«. Hören wir diesen Geist ein wenig atmen! Es ist der siebente Auftritt; König Aridäus, ein so gütiger und milder Mann, wie Maria Theresia eine gütige und milde Frau war, meldet dem gefangenen Philotas, die Boten an seinen Vater seien auf den schnellsten Pferden abgegangen; in wenigen Stunden könne die Auswechslung der gefangenen Königssöhne erfolgen. Davon hofft der gute Aridäus auch »sonst glückliche Folgen«; liebenswürdige Kinder seien schon oft Mittelspersonen zwischen veruneinigten Vätern geworden, und er seufzt »Unseliger Krieg!« Unmittelbar darauf geht der Dialog weiter wie folgt:

»

Philotas: Jawohl, unseliger Krieg! – Und wehe seinem Urheber!

Aridäus: Prinz! Prinz! erinnere dich, daß dein Vater das Schwert zuerst gezogen. Ich mag in deine Verwünschung nicht einstimmen. Er hatte sich übereilt, er war zu argwöhnisch –

Philotas: Nun ja; mein Vater hat das Schwert zuerst gezogen. Aber entsteht die Feuersbrunst erst dann, wenn die lichte Flamme durch das Dach schlägt? ... Bedenke, welch eine stolze, verächtliche Antwort du ihm erteiltest, als er ? doch du sollst mich nicht zwingen; ich will nicht davon

sprechen! ... Nur dem untrüglichen Auge der Götter erscheinen wir, wie wir sind; nur das kann uns richten. Die Götter aber sprechen ihr Urteil durch das Schwert des Tapfersten. Laß uns den blutigen Spruch aushören! ...

Aridäus: Prinz, ich höre dich mit Erstaunen ? mit Erstaunen, Prinz, und nicht ohne Jammer! – Dich hat das Schicksal zur Krone bestimmt, dich! – Dir will es die Glückseligkeit eines ganzen, mächtigen, edeln Volks anvertrauen, dir! – Welch eine schreckliche Zukunft enthüllt sich mir! Du wirst dein Volk mit Lorbeeren und Elend überhäufen. Du wirst mehr Siege als glückliche Untertanen zählen. – Wohl mir, daß meine Tage in die deinigen nicht reichen werden! Aber wehe meinem Sohne, meinem redlichen Sohne! Du wirst es ihm schwerlich vergönnen, den Harnisch abzulegen –

Philotas: Beruhige den Vater, o König! Ich werde deinem Sohne weit mehr vergönnen, weit mehr!

Aridäus: Weit mehr? Erkläre dich –

Philotas: Habe ich ein Rätsel gesprochen? – Ich wollte, nur sagen: Die Frucht ist oft ganz anders, als die Blüte sie verspricht. Ein weibischer Prinz, hat mich die Geschichte gelehrt, ward oft ein kriegerischer König. Könnte mit mir nicht das Gegenteil sich zutragen? Oder vielleicht war auch dieses meine Meinung, daß ich noch einen weiten und gefährlichen Weg zum Throne habe. Wer weiß, ob die Götter mich ihn vollenden lassen? – Und laß mich ihn nicht vollenden, Vater der Götter und Menschen, wenn du in der Zukunft mich als einen Verschwender des Kostbarsten, was du mir anvertraut, des Blutes meiner Untertanen siehst!«

Kann man deutlicher und gerechter sprechen, als Lessing hier spricht? Deutlicher über den »weibischen Prinzen«, aus dem ein »kriegerischer König« ward? Gerechter über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, aber auch über den völkerfeindlichen Charakter der erobernden Militärkönige? Herr Erich Schmidt aber weiß es natürlich besser. Nach ihm ist Aridäus König Friedrich, und der Protest gegen die »Lorbeeren und das Elend« eines Despotismus, der »mehr Siege als glückliche Untertanen zählt«, erinnert ihn daran, »wie Friedrich II. einen Karl von Schweden nicht bewundern konnte«. Ja, diesen Byzantinern soll mal einer beikommen!

Neben den Fabeln und dem Philotas arbeitete Lessing in den Jahren 1758 bis 1760 an einer kritischen Zeitschrift, den »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Sie erschien im Verlage von Nicolai, und dieser Biedermann hat späterhin auch einige dreiste Versuche gemacht, sich als ihren geistigen Urheber aufzuspielen. Doch unterliegt es gar keinem Zweifel, daß Lessing den Gedanken der Zeitschrift zuerst gefaßt hat und ihre Seele gewesen ist, solange sie das war, was sie sein sollte: ein ehrliches, kritisches Organ im Gegensatze zu den seichten und auf den gegenseitigen Komplimentierton gestimmten Journalen der Zeit, wie deren eines, die »Bibliothek der schönen Wissenschaften«, von Moses und Nicolai bisher in Leipzig herausgegeben worden war. Beide beteiligten sich an den Literaturbriefen, Moses für die Kritik der philosophischen Schriften, Nicolai ausdrücklich als Lückenbüßer, aber Lessing zog seine Hand von diesem Pfluge zurück, als er entdeckte, daß damit nach Nicolais würdiger Absicht das Feld einer Berliner Literaturclique beackert werden sollte. Und diese Entdeckung machte er sehr früh. Nur die beiden ersten Bände zeigen das ursprüngliche Verhältnis, 44 Briefe von Lessing, 15 von Moses, 1 von Nicolai; dann schrumpft Lessings Teilnahme schnell zusammen, bis sie im siebenten Bande ganz erlischt; er hat dann nur noch 1765 den dreiundzwanzigsten und letzten Band mit einem Briefe beschlossen.

Die Literaturbriefe öffneten dem jungen Herder in den livländischen Hinterwäldern eine neue Welt, aber Goethe und Fichte haben sehr abfällig über sie geurteilt, und eine literarhistorische Bedeutung kann nur ihren ersten Bänden nachgesagt werden. Indessen stehen auch die Beiträge Lessings nicht auf der entsprechenden Höhe über seinen »Briefen« von 1752. Sie räumen gründlich mit einigen schlechten Reimern und Übersetzern auf, aber die kritische Behandlung der damaligen literarischen Größen spinnt nur alte Fäden weiter und nicht immer in der glücklichsten Weise. Gottsched wird noch heftiger, aber nicht gerechter als bisher angegriffen; Klopstocks Odendichtung kommt gar zu schlecht weg, verglichen mit Gleims Kriegspoesie oder Gerstenbergs anakreontischen Tändeleien, und gegen Wieland findet sich gar ein persönlicher Ausfall, wie ihn Lessing später an Klotz so scharf verurteilen sollte. Ganz ungestraft konnte selbst ein Lessing nicht unter den Berliner Philistern leben. Aber einiges aus dem Kampfe seines Lebens ist auch in diesen Blättern enthalten; man muß es nur nicht mit der ästhetischen Brille suchen wollen.

Wieviel Schütteln des Kopfes hat beispielsweise Lessings Satz hervorgerufen, daß der Name eines wahren Geschichtsschreibers nur demjenigen zukommt, der die Geschichte seiner Zeiten und seines Landes beschreibt! Lessing hat damit aber nicht entfernt eine allgemeine Theorie aufstellen wollen, sondern er spricht einfach als ein scharfsichtiger Vertreter des deutschen Bürgertums, der einerseits Voltaires Geschichtswerke und deren gewaltige Wirkung, andererseits die damals berühmtesten deutschen Geschichtsschreiber vor Augen hatte, von denen Bünau mit seiner Kaiser- und. Reichshistorie bis zum Jahre 918, Mascov aber mit seiner Geschichte der Deutschen bis zum Anfange der fränkischen Monarchie glücklich bis zum Ausgange der Merowinger gelangte. Winckelmann, der zeitweise Hilfsarbeiter von Bünau war, entschuldigte später von Rom aus seine Unkenntnis der ersten Lessingschen Schriften mit den Worten: »Da mein Gehirn mit alten fränkischen Chroniken und Leben der Heiligen angefüllt war.« Gegen diese Entfremdung von den bürgerlichen Interessen der Gegenwart erklärt sich Lessing mit jenem paradoxen Satze; und eben dieser Gesichtspunkt beherrscht den umfangreichsten und wichtigsten Teil seiner Literaturbriefe: die Polemik gegen Klopstock und Wieland. Klopstock gab mit Cramer zusammen in Kopenhagen den »Nordischen Aufseher« heraus, eine nach englischem Muster moralisierende Wochenschrift, worin unter anderem gelehrt wurde, daß man ohne Religion kein rechtschaffener Mann sein könne, während Wieland aus Zürich, wo er unter Bodmers Hände geraten und fromm geworden war, »Empfindungen eines Christen« in die Welt sandte, die neben seraphisch verhimmelnden Gefühlen die weltliche Dichtung in der knabenhaftesten Weise verunglimpften. Das eine wie das andere war für Lessing ein Greuel. Niemand hatte bis dahin die Orthodoxie schärfer angegriffen als er, aber nicht die Orthodoxie als eine bestimmte religiöse Richtung, sondern als ein Organ der sozialen Unterdrückung; jetzt nahm er sogar die Partei der Orthodoxie als einer bestimmten religiösen Richtung, insoweit als eine faule und feige Aufklärung sich über sie zu erheben behauptete, aber die soziale Unterdrückung mindestens ebenso munter handhabte. In den »Empfindungen eines Christen« fiel Wieland über Uz »mit so frommer Galle, mit einem so pietistischen Stolze auf den moralischen Charakter desselben her, brauchte so hämische Waffen, verriet so viel Haß, einen so verabscheuungswürdigen Verfolgungsgeist, daß einen ehrlichen Mann Schauder und Entsetzen darüber befallen mußte«. Und indem Lessing gegen den »Nordischen Aufseher« ausführt: »Die Orthodoxie ist ein Gespötte geworden; man begnügt sich mit einer lieblichen Quintessenz, die man aus dem Christentum gezogen hat, und weichet allem Verdachte der Freidenkerei aus, wenn man von der Religion nur fein enthusiastisch zu schwatzen weiß«, weist er in einer längeren Folge von Briefen sowohl die Halbheit und Zweideutigkeit dieser »lieblichen Quintessenz« gegenüber der Orthodoxie als auch die Sinnlosigkeit der anmaßlichen Behauptung nach, die keinen Mann ohne Religion als rechtschaffen gelten lassen will.

Klopstock und Wieland waren zu tüchtige Naturen, um bei aller augenblicklichen Verstimmung nicht Lessings Kritik zu beherzigen; namentlich von Wieland darf man sagen, daß sie ihn auf den richtigen Weg geleitet hat. Wie aber in unseren Tagen die Arbeiterklasse sich der Liebäugelei mit der Orthodoxie schuldig gemacht haben sollte, weil sie nicht umhinkonnte, die »liebliche Quintessenz vom Christentum«, womit die freisinnigen Nicolaiten das preußische Volksschulgesetz bekämpften, abgeschmackt zu finden, so erboste sich Ehren-Nicolai über Lessings angebliches Eintreten für die Orthodoxie. Es scheint, daß er sich sogar erdreistet hat, als Verleger in Lessings Beiträge für die Literaturbriefe unterdrückend dreinzufahren; mindestens hat er sie nach Lessings Tode in einer hämisch verstümmelten Ausgabe veröffentlicht. Unter der Kontrolle eines bornierten Verlegers zu schreiben, war Lessing nun aber der letzte Mann, und ebensowenig konnte er daran denken, sich den immer dreisteren Ansprüchen der Berliner Clique zu fügen. In seinen Abhandlungen über die Fabel hatte er die Fabeln von Lafontaine und die Fabeltheorie von Batteux kritisiert; nun erhob der edle Ramler ein großes Geschrei, daß Lessing »durch Unterdrückung sich Luft schaffen und Platz machen wolle«, weil – Ramler den Batteux übersetzt und Gleim Fabeln nach dem Muster von Lafontaine gemacht hatte. Gleim beging dazu noch die unglaubliche Sottise, den Philotas in preußische Grenadierverse umzudichten. Dazu mußte der »Erzsachse« jeden Tag »tausend ausschweifende Reden hören«; als Lessing, der die Herausgabe von Gleims Grenadierliedern in Berlin besorgte, den guten Geschmack hatte, die gröbsten Unflätigkeiten zu streichen, schrieb Ramler an Gleim, daß »unser sächsischer Freund« es »doch lieber sehen würde, wenn die Flüche auf die Türken und Persianer gingen als auf seinen Prinzen und seines Prinzen alliierte Kaiserin«. Sulzer wieder bewies auf andere Weise sein wohlwollendes Gemüt gegen Lessing. Die Geschichte hat zwar nicht mehr unmittelbar Lessings Abgang von Berlin beeinflußt, aber sie kennzeichnet jenes Cliquenwesen, das ihn von dannen trieb. Der Propst Süßmilch, dessen literarische Fähigkeit denn doch groß genug war, um Lessings Wert wenigstens zu ahnen, beantragte als Mitglied der Akademie, ihn zum auswärtigen Mitgliede dieser Körperschaft zu wählen. Aber Sulzer widersprach, weil ihm diese Ehre für Lessing zu hoch erschien. Eine »wunderliche Ehre«, wie sogar Ramler an seinen Gleim schrieb; sie wurde gleichzeitig an drei Italiener, einen Franzosen, einen Holländer, einen Schweizer und einen Deutschen erteilt, einen Rat Huber in Kassel, dessen Name an erster Stelle der Liste erschien, während Lessing trotz Sulzers Widerspruch gerade noch an letzter Stelle durchschlüpfte. Lessing wurde von dem Humbug um so peinlicher berührt, als die Akademie die wahrhaft phänomenale, selbst von Nicolai getadelte Unverschämtheit hatte, ihre Ernennungen mit der Begründung zu veröffentlichen, daß sie auf »wiederholtes Ansuchen der Beteiligten«, die schon »seit geraumer Zeit« darum gebeten hätten, erfolgt seien. Am leidlichsten fuhr Lessing noch immer mit dem guten Moses, aber der quälte ihn wieder mit seiner selbstgefälligen Schulmeisterei über Dinge, denen Lessing entwachsen war, sosehr sie für Moses ein großer Fortschritt sein mochten. Moses war stolz darauf, sich aus der Hefe des jüdischen Schachers zur Ehrbarkeit des deutschen Philisters emporgearbeitet zu haben, allein Lessing hatte den deutschen Philister selbst schon ganz und gar ausgezogen. Mit seinen großen Schwächen denn freilich auch seine kleinen Tugenden. Ordnungsliebe und Pünktlichkeit in den Angelegenheiten des bürgerlichen Lebens ist niemals Lessings Vorzug gewesen, aber um so mehr mußte es ihn verdrießen, sich darüber gerade von Moses, der den großen Kampf seines Lebens so gar wenig begriff, hofmeistern zu lassen.

Nichts begreiflicher daher, als daß Lessing sich aus all diesen kleinlichen und peinlichen Verhältnissen im November von 1760 durch einen kühnen Entschluß zu seinem »alten, ehrlichen Tauentzien« in das Kriegslager von Breslau rettete.

VII. Breslauer Meisterwerke

In Breslau hat Lessing bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges und noch ein paar Jahre länger gelebt. Es ist die Zeit seines Lebens, über die wir am spärlichsten, durch ein paar Briefe an ihn und von ihm, durch die dürftigen Mitteilungen dieses oder jenes Breslauer Freundes unterrichtet sind. Auch hat er in fünf Jahren nichts veröffentlicht; er wollte sich »eine Zeitlang als ein häßlicher Wurm einspinnen, um wieder als ein glänzender Vogel ans Licht kommen zu können«. So seltsam es erscheint, daß dieser durch und durch bürgerlich gesinnte Mensch sich mitten in das friderizianische Heer stürzte, so begreiflich wird es durch die Unnatur der deutschen Zustände. Simson hatte keinen anderen Zufluchtsort mehr vor den Philistern. In dem ersten Briefe, den Lessing aus Breslau an Ramler richtete, sagt er zur Rechtfertigung seines polnischen Abschieds – er hatte nicht einmal seiner Wirtin gekündigt, geschweige sonst einer Menschenseele seine Absicht verraten – in Form eines Monologs: »Freilich ist es wahr, daß dich eigentlich nichts aus Berlin trieb, daß du die Freunde hier nicht findest, die du da verlassen; daß du weniger Zeit haben wirst, zu studieren. Aber war nicht alles dein freier Wille? Warst du nicht Berlins satt? Glaubtest du nicht, daß deine Freunde deiner satt sein möchten? Daß es bald wieder einmal Zeit sei, mehr unter Menschen als unter Büchern zu leben? Daß man nicht nur den Kopf, sondern nach dem dreißigsten Jahre auch den Beutel zu füllen bedacht sein müsse?« Mit diesem haushälterischen Beweggrunde war es wohl am wenigsten weit her. Lessing war sein Lebtag kein Spartopf, obschon die Pietät gegen seine Eltern, die den Lebensberuf ihres Ältesten darin sahen, daß alle nachgeborenen Söhne des Kamenzer Pfarrhauses, gut ein halbes Dutzend, aus seiner Tasche zu ehrsamen Pastoren und Rektoren erzogen würden, ihn auf den elenden Gelderwerb ein gewisses Augenmerk zu richten zwang. »Ich bin kein Wirt. Die Wahrheit zu sagen, mag ich auch keiner sein«, schreibt er bald nachher an Ramler. Aber er war Berlins satt, und wenn er höflicherweise nur sagt, daß seine dortigen Freunde auch seiner satt sein müßten, so war er ihrer um so satter. Mit ihnen unter Büchern zu hausen und über diese Bücher die kritische Geißel von – Nicolai zu schwingen, das war nach Fichtes derbem, aber wahrem Ausdrucke ein schlechtes, nicht in der besten Gesellschaft betriebenes Geschäft, und deshalb zog Lessing sich zurück.

Je weniger sichere Zeugnisse über Lessings Breslauer Zeit nun aber vorliegen, um so mehr hat sich der Klatsch daran geheftet, der in Goethes »zerstreutem Welt- und Wirtshausleben« noch nachklingt. Es ist vollkommen glaublich, daß Lessing das eine Mal, da es ihm so gut werden sollte, nicht in der erstickenden Luft der Philister zu atmen, das Leben wacker durchgekostet hat. Auch seine Lust am Spiele, über die Moses und Genossen am meisten zeterten, erklärt sich aus seinem überquellenden Lebensdrange. »Wenn ich kaltblütig spielte, würde ich gar nicht spielen«, soll er nach seinem brüderlichen Biographen in der Breslauer Zeit gesagt haben; »ich spiele aber aus Grunde so leidenschaftlich. Die heftige Bewegung setzt meine stockende Maschine in Tätigkeit und bringt die Säfte in Umlauf; sie befreit mich von einer körperlichen Angst, die ich zuweilen leide.« Und hiermit steht Lessings spätere Äußerung nicht in Widerspruch, sondern in vollkommenem Einklänge: »Ich werde nicht eher spielen, als bis ich niemanden finden kann, der mir umsonst Gesellschaft leistet. Das Spiel soll den Mangel der Unterredung ersetzen. Es kann daher nur denen erlaubt sein, die Karten beständig in Händen zu haben, die nichts als das Wetter in ihrem Munde haben.« Lessing spielte nicht um des Gewinnes willen, sondern das drückende Gefühl der geistigen Vereinsamung, das Bedürfnis nach Anregung und Spannung des Geistes trieb ihn an den Spieltisch. Aber deshalb war die Breslauer Zeit Lessings nicht minder nach Fichtes Wort »die eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes«, nach seinem eigenen Ausdrucke der Anfang »der ernstlichen Epoche seines Lebens«. Seine »durchaus heterogenen Amtsgeschäfte glitten bei ihm nur auf der Oberfläche dahin«. Auch von ihnen wissen wir wenig; die paar erhaltenen Briefe, die Lessing als Gouvernementssekretär verfaßt hat, handeln von Tauentziens Tafelgeldern, von Auswechselung der Kriegsgefangenen und dergleichen mehr. Unglaubwürdig ist Nicolais zu Ehren Friedrichs aufgestellte Behauptung, daß Lessing die Schließung der Münzkontrakte mit dem Wucherer Ephraim zu besorgen hatte.[61]

Tauentzien hatte zwar seit dem Jahre 1760 die Münzangelegenheiten unter sich, aber die Münzverschlechterung war zu sehr die hauptsächlichste Hilfsquelle des Königs, als daß er nicht selbst alles darüber verfügt hätte. Indessen auch wenn Tauentzien noch etwas mitzureden gehabt haben sollte, so wäre das gleiche sicherlich einem Beamten von der Stellung eines Gouvernementssekretärs unmöglich gewesen, ganz abgesehen davon, daß Lessing bei seiner kindlichen Unbeholfenheit in allen kapitalistischen Dingen von dem geriebenen Münzjuden nach allen Regeln der Kunst übers Ohr gehauen worden wäre. Feststeht, daß er bei diesen traurigen Händeln, in denen er schlimmstenfalls nur äußerliche Beihilfe geleistet haben kann, nicht den geringsten unsauberen Gewinn gesucht oder gefunden hat.

Anfangs hat Lessing wohl einmal geklagt, daß »unbedeutende Beschäftigungen mehr ermüden als das anstrengendste Studieren«, aber er hat dann auch wieder die heitersten Briefe aus Breslau geschrieben und sich selbst bezeugt, er sei dort in einem Train zu arbeiten gewesen wie selten. Und gegen gelegentliche Äußerungen des Unmuts legen die großen Werke der Breslauer Periode das schlagendste Zeugnis ab: Der Lessing des Laokoon und der Minna, ist ein anderer Mann als der Lessing der Fabeln und der Literaturbriefe. Zwar ist Laokoon erst 1766, Minna von Barnhelm gar erst 1767 veröffentlicht, aber beide Werke sind in Breslau empfangen worden. In beiden herrscht eine sonnige Stimmung, die wir so weder vor- noch nachher bei Lessing treffen, in beiden entfaltet sich eine Klarheit und Kraft des Gedankens, eine dialektische Meisterschaft der Sprache, die Deutschland bis dahin auch nicht entfernt gekannt hatte und die Lessing selbst wohl noch oft erreichen, aber niemals mehr übertreffen sollte.

Namentlich die Komödie wurzelt ganz und gar in Lessings Breslauer Leben. Aus ihm heraus wird sie überhaupt erst verständlich. Wir überlassen es den philologischen Kleinkrämern der bürgerlichen Literaturgeschichte, im einzelnen nachzuweisen, wo Lessing, für diesen dramatischen Bau nach einem seiner eigenen Vergleiche den Kalk gelöscht und die Steine gebrochen habe; er war nun einmal kein schöpferischer Dichter, und wer auf die Jagd nach seinen »Plagiaten« gehen will, weil er aus mancherlei Metall die Schwerter zu schmieden pflegte, mit denen er seine Schlachten schlug, der soll in diesem harmlosen Vergnügen nicht weiter gestört werden. Näher führt es schon zum Ziele, wenn man den Fortschritt der Minna über die Sara festzustellen sucht. Früher als irgendein Franzose hatte Lessing das bürgerliche Trauerspiel der Engländer sozusagen entdeckt, aber er war auch noch ganz in den Banden seiner unmittelbaren Nachahmung hängengeblieben. Inzwischen hatte Diderot diese dramatische Richtung sowohl nationalisiert als auch weitergebildet; er wies zuerst darauf hin, daß die ernsten wenn auch nicht tragischen Konflikte ehrenhafter Charaktere in den Verhältnissen des bürgerlichen Lebens eine neue und reiche Fundgrube dramatischer Stoffe seien. Lessing wurde nun wieder durch die Praxis wie durch die Theorie Diderots lebhaft angeregt; schon 1760 hatte er das »Theater des Herrn Diderot«, den Natürlichen Sohn und den Hausvater nebst der Abhandlung über die dramatische Dichtkunst in zwei Bänden übersetzt. So lehnt sich die Minna ästhetisch an ein französisches Muster, während sie ihre »Plagiate« vielfach englischen Lustspielen entlehnt oder entlehnen soll. Gleichwohl ist die Minna ein durch und durch deutsches Stück. Denn was kann deutscher sein, als daß die klassische Komödie unseres bürgerlichen Lebens ein – Soldatenstück ist?

Dieser Gesichtspunkt ist nach einem Worte Lessings nicht bloß satirisch, sondern treffend. Er trifft das innerste Wesen der Minna. Nur darf man ihn sich von den bürgerlichen Literarhistorikern nicht dahin verpopanzen lassen, daß die Minna den König Friedrich oder den Siebenjährigen Krieg verherrlichen soll. Wir haben gesehen, daß Goethe in einer schwachen Stunde auf diese wunderliche Vorstellung verfallen ist, aber derselbe Goethe hat doch auch wieder an Lessing beklagt, »daß dieser außerordentliche Mensch in einer so erbärmlichen Zeit leben mußte, die ihm keine besseren Stoffe gab, als in seinen Stücken verarbeitet sind, daß er in seiner Minna von Barnhelm an den Händeln der Sachsen und Preußen teilnehmen mußte, weil er nichts Besseres fand«.[62]

Aber damit fährt Lessing abermals zu schlecht; etwas ungleich Besseres als die Händel der Sachsen und Preußen oder gar die Verherrlichung Friedrichs wußte er in seiner Minna denn doch zu finden. Zwang ihn die Erbärmlichkeit der deutschen Zustände, ins soldatische Leben zu greifen, wenn er ernste Konflikte ehrenhafter Charaktere schildern wollte, so wußte er diesem Leben trotzdem die soziale Seite abzugewinnen und auch hier den Kampf gegen soziale Unterdrückung aufzunehmen. Lessings Lustspiel ist so wenig eine Verherrlichung Friedrichs, daß es seinen Despotismus vielmehr da geißelt, wo er am sterblichsten war.

Es liegt im Wesen des Despotismus überhaupt, für jeden unüberwindlichen Widerstand seiner Willkürherrschaft sich durch boshafte Quälereien an den einzelnen Trägern dieses Widerstandes zu rächen. Ins Friderizianische übersetzt heißt das: Je weniger der König an den ökonomischen Grundlagen des preußischen Heeres rütteln konnte, je höher er die adlige Offizierskaste stellen und je sorgfältiger er sie schonen mußte, um so mehr peinigte und quälte er die einzelnen Offiziere. Seine Leistungsfähigkeit in dieser Beziehung erscheint nahezu unglaublich, wenn man seine militärischen Kabinettsordern mustert; um nur eins anzuführen: Wenn er einem Offizier den am liebsten immer verweigerten Urlaub wegen schwerer Krankheit schlechterdings bewilligen mußte, so befriedigte er seine despotische Laune wenigstens dadurch, daß er ihm eine andere Kur verordnete oder ein anderes Bad vorschrieb, als der Arzt getan hatte.[Anmerkung 59]

Oder er jagte ihn einfach aus dem Dienste, wie denn bei jedem geringsten Anlasse, ja bei jeder üblen Stimmung des Königs, namentlich aber bei jeder Revue der einzelne Offizier niemals vor der sofortigen Kassation sicher war. Und wer einmal kasiert war, kam so gut wie niemals wieder ins Heer; es gehörte zu den unverbrüchlichsten Grundsätzen des friderizianischen Despotismus, daß der König nie irren könne, und an der praktischen Betätigung dieses Grundsatzes hat Friedrich auch in den nicht ganz seltenen Fällen festgehalten, in denen er selbst sein Unrecht nachträglich, erkannte. »Meine Armee ist kein Bordell«, war seine stehende Antwort auf alle Gesuche kassierter Offiziere um Wiedereintritt ins Heer, und seine Abweisungen pflegten in demselben Mäße höhnischer zu werden, in welchem, wie bei der Verabschiedung von Blücher und Yorck, das persönliche Ehr- und Rechtsgefühl der einzelnen Offiziere die Ursache ihrer Kassation gewesen war.

Niemals aber hat der König die preußischen Offiziere raffinierter gequält als vor und nach dem Frieden von Hubertusburg, also gerade als Lessing in dem Heere lebte. Der König hielt im Winter von 1761 auf 1762 sein Winterquartier in Breslau, in mönchischer Einsamkeit, in düsterer Verzweiflung, denn der letzte Hoffnungsschimmer schien erloschen. Da brachte der Tod der Zarin Elisabeth im Januar 1762 die Erlösung. Aber das Gefühl der Erleichterung paarte sich in dem Könige mit einem Gefühl der Beschämung darüber, daß nicht seine Kraft, sondern der Zufall, der einem – Narren auf den russischen Thron geholfen hatte, sein Retter geworden war.

In psychologisch leicht verständlicher Rückwirkung kehrte er, soweit seine Macht reichte, den Despoten und Eroberer um so rauher heraus. Er verdarb den abgehetzten Truppen die Erholung der Winterquartiere durch die überflüssigsten Paradekünste; er entzog den Offizieren die sogenannten Douceurgelder, die tatsächlich kein Geschenk, sondern eine meist unentbehrliche Hilfe waren, sich für den neuen Feldzug zu equipieren; er legte der schon bis auf den letzten Groschen ausgepumpten Stadt Leipzig so ungeheuerliche Kontributionen auf, daß der mit ihrer Eintreibung beauftragte Major und Flügeladjutant v. Dyherrn sich zu ernsten Gegenvorstellungen verpflichtet fühlte und, als diese nichts halfen, nur den Frieden abwartete, um dem Könige seinen Degen vor die Füße zu werfen. Als aber im Februar 1763 der Friede geschlossen war, verhängte der König ein anderes Gericht über das Heer. Er jagte alle Truppenteile auseinander, die er im Frieden nicht mehr brauchen konnte, und er warf alle bürgerlichen Offiziere, wie sehr er gerade ihrem Mute und ihrer Treue die Erhaltung seiner Krone verdankte, unbarmherzig aufs Pflaster, um an ihre Stelle ausländische Abenteurer von Adel zu setzen, mochte dieser Adel auch so zweifelhaft sein wie der Adel – Riccauts de la Marliniere.[Anmerkung 60]

Mitten in diesen Verhältnissen lebte Lessing, und aus ihnen heraus schrieb er seine Minna von Barnhelm. Es ist recht in der wortklaubenden Kleinmeisterei der bürgerlichen Literaturgeschichte, wenn Herr Erich Schmidt ganz ins Blaue hinein andeutet, daß ein Major Marschall v. Biberstein, der wegen seiner Fertigkeit im Pistolenschießen den Namen Tell von seinen Kameraden erhalten und den niederlausitzischen Ständen eine ihnen auferlegte Kontribution aus seiner Tasche vorgestreckt haben soll, zum Tellheim gesessen habe. Friedrichs Kontributionen waren auch gerade so bescheiden bemessen, daß irgendein armer Teufel von Major nur in die Tasche zu greifen brauchte, um sie bar auf den Tisch zu zahlen. Eher schon läßt es sich hören, daß manche Züge von Kleist auf Tellheim übergegangen sind. Aber man braucht nur die drei Dutzend Kabinettsordern Friedrichs an Dyherrn wegen der Leipziger Kontribution zu lesen, um das Bild Tellheims vor sich zu sehen. Nicht als ob wir damit in den gleichen Fehler wie die bürgerlichen Historiker verfallen und etwa sagen wollten, gerade dieser Fall habe Lessings dramatischen Trieb angeregt. Nein, die Dyherrn und Kleist waren keineswegs weiße Raben unter den preußischen Offizieren des Siebenjährigen Krieges; mehr als einer, ein Marwitz, ein Saldern, hat sich lieber kassieren lassen, als einen königlichen Befehl ausgeführt, der ihm wider Ehre und Reputation ging. Wenn Lessing durch das Elend der deutschen Zustände dazu verdammt war, seine bürgerliche Komödie als Soldatenstück zu schreiben, so hat er doch nicht irgendeinen sagenhaften »Tell« verherrlicht, sondern jenen gar nicht militärischen, sondern sehr bürgerlichen Geist, der auch dem fürstlichen Despotismus in die Zähne hinein unbeugsam an seinem Rechtsbewußtsein festhält.

In diesem Geiste denkt und handelt Tellheim. Ihm sind »die Großen sehr entbehrlich«; »die Dienste der Großen sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten«; er tut »für die Großen aus Neigung wenig, aus Pflicht nicht viel mehr, sondern alles der eigenen Ehre wegen«. Er kann es höchstens nicht »bereuen, Soldat geworden zu sein«; »ich ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht, für welche politischen Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden, tüchtigen Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraut zu machen und Kälte und Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen Beschäftigung ein Handwerk zu machen.« Soldat sein um des Soldatentums willen, das ist »wie ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts«. Gewiß: In Tellheim ist der friderizianische Offizier, ist selbst ein Kleist sehr idealisiert; ein gutes Stück Lessing steckt mit darin. Aber er ist eine fertige und geschlossene Gestalt, wie sie noch kein Deutscher auf die Bretter zu stellen gewußt hatte, und was ist das da groß, wenn Lessing in der Fabel seines Lustspiels auch diesen oder jenen kleinen Zug fremden Mustern entlehnt hat?

Und haben denn die bürgerlichen Literarhistoriker die Fabel der Minna überhaupt verstanden? Auf schattenhafte Analogien hin suchen sie ihren Ursprung in Shakespeare, in den spanischen Mantel- und Degenstücken, ja im Plautus, und doch – das Gute lag für diese Patrioten so nahe! Die Fabel der Minna ist nämlich nichts anderes als eine schneidende Satire auf das friderizianische Regiment. Tellheim ist als Major nach dem Friedensschluß abgedankt und obendrein in eine peinliche Untersuchung gezogen worden. Er hatte von einigen thüringischen Ämtern eine Kontribution mit äußerster Strenge bar einzutreiben und, da sie nicht zahlen konnten, die Summe aus eigener Tasche gegen einen Wechsel vorgestreckt. Bei Zeichnung des Friedens wollte er den Wechsel »unter die zu ratihabierenden Schulden eintragen lassen«, aber »man« erklärte das Papier für ein Geschenk der Stände, weil Tellheim sich mit ihnen auf die niedrigste, eben noch vom Könige gestattete Summe der Kontribution vereinbart hatte. Indessen »man«, nämlich Friedrich, erfährt durch seinen Bruder, daß Tellheim »mehr als unschuldig« ist; er benachrichtigt ihn, daß die Hofstaatskasse Order hat, den bewußten Wechsel auszuliefern und die getanen Vorschüsse zu bezahlen; er fordert ihn auf, wieder Dienste zu nehmen. Lessing konnte die wirklichen Praktiken des friderizianischen Regiments nicht grimmiger verspotten als durch eine so harmlose Idylle. Die »zu ratihabierenden Schulden«, nachdem Friedrich, wie er selbst viel zu niedrig berechnet, während der sieben Jahre fünfzig Millionen Taler aus Sachsen gepreßt hatte, von denen natürlich nicht ein Pfennig »ratihabiert« wurde; die Bezahlung der »getanen Vorschüsse« aus der Hofstaatskasse, derweil Friedrich jedes Gesuch um Ersatz von Kriegsschäden mit der stereotypen, landbekannten Redensart abzulehnen pflegte, nächstens würde der Petent wohl auch seinen Schaden von der Sintflut her ersetzt haben wollen; endlich die freiwillige Aufforderung des Königs an einen abgedankten Offizier, wieder ins Heer zu treten! »Schlichte Beredsamkeit, gegen die alle Ramlerschen Rodomontaden leerer Schall sind«, findet Herr Erich Schmidt zu Ehren Friedrichs in der Minna. Ja, sehr schlicht, aber auch sehr beredt!

Friedrich Schlegel hat bereits darauf hingewiesen, wie sehr die Charaktere in der Minna »lessingisieren«. Das Wort gilt nicht minder von der Emilia und vom Nathan; Lessing war als Dramatiker höchster Verstand; ihm fehlte die dichterische Phantasie, aus der sich Gestalt auf Gestalt löst und unabhängig von ihrem Schöpfer lebt. Wie der Held, so ist auch die Heldin seines Lustspiels mit seinem Geiste getauft, und die, wie Goethe sagt, »Subalternen« plaudern ganz mit dem Witze ihres Dichters. Aber es ist ein gutes Wort, daß der Zorn den Dichter macht, und wie Lessing in der Emilia einen Winkeldespoten und dessen Höfling, im Nathan einen orthodoxen Eiferer ohne ein Äderchen seines eigenen Geistes zu klassischen Gestalten schuf, so hat er auch in der Minna zwei verächtliche Typen des friderizianischen Despotismus unsterblich gemacht: den windigen Abenteurer von ausländischem Adeligen, um dessentwillen bürgerliches Blut vom deutschen Landesvater gemißhandelt wurde, und ferner den Spion von Wirt. Denn die Wirte, Traiteurs und Eigentümer der Gasthäuser in den großen Städten waren Friedrichs Spitzel, denen er den ganzen oder halben Mietzins zahlte, wofür sie täglich von allen Gesprächen und Zusammenkünften in ihren Räumen und von verdächtigen Persönlichkeiten möglichst auch »einen verläßlichen Protokollauszug« der »bey sich habenden Briefschaften« der Polizei einzureichen hatten. Unsere braven »Naturalisten« werden uns hoffentlich bald die Ihring-Mahlow und Naporra auf die Bühne bringen; mit bloßen Großmäuligkeiten über Lessing als »pseudopoetischen Kompilator« und »plagiatsüchtigen Literaturheros« ist am Ende doch auch noch kein neues Weltalter der deutschen Dichtung eröffnet.

Die Zeitgenossen verstanden natürlich das Lustspiel anders, als die bürgerlichen Literarhistoriker es heute auslegen möchten. Nicolai beklagte als »preußischer Untertan« die »vielen Stiche gegen die preußische Regierung«, aber als Döbbelin 1768 die Minna in Berlin auf die Bühne brachte, wurde sie zehnmal hintereinander unter lautem Jubel gespielt. In Hamburg widersetzte sich der preußische Resident Hecht anfangs der Aufführung, und Herr Erich Schmidt schilt ihn deshalb einen »beschränkten Mann«. Ein Glück wenigstens, daß König Friedrich noch viel beschränkter war! Denn hätte er die Minna gelesen oder hätte er gar verstanden, was damit erreicht war, so hätte er ihr dieselbe »schlichte Beredsamkeit« gewidmet wie dem Akakia Voltaires: Er hätte sie auf dem Gendarmenmarkte durch Henkershand verbrennen lassen.

Wie Minna von Barnhelm, so darf auch Laokoon als eine Frucht von Lessings Breslauer Leben betrachtet werden. Er ist Bruchstück geblieben wie die meisten Prosaschriften Lessings, denn diesem beweglichen und ruhelosen Geiste war es versagt, in selbstzufriedener Genügsamkeit sich in sich selbst zu bespiegeln, wenn die ihn umgebende Welt sich seinem Rufe versagte. Lieber ließ er seine Waffen verrosten, als daß er nur mit ihnen spielte. Er hatte allen Grund, zu klagen, daß niemand entdecke, wohinaus er mit dem Laokoon wolle, auch der einzige nicht, um den es ihn der Mühe lohne, mit seinem Krame ganz an den Tag zu kommen.

Dieser einzige war Herder, und es trifft sich, daß der Herder-Biograph kürzer und treffender als alle Lessing-Biographen über den Laokoon urteilt, wenn er sagt, Lessings praktischer Hauptzweck bei der Festsetzung seines Kanons: Handlung ist das eigentliche Wesen der Poesie, sei dahin gegangen, der toten Schilderungssucht der mehr beschreibenden als schildernden, mehr schildernden und bildernden als wirklich lebendig machenden und eindringlich bildgebenden Poesie, der die Zeitgenossen sich überließen, den Todesstreich zu versetzen.[63]

In diesem anscheinend rein ästhetischen und kunstkritischen Werke kämpfte Lessing wie überall für die sozialen Interessen der bürgerlichen Klassen. Konnten diese Klassen ihre Ansprüche zunächst nur auf literarischem Gebiete erheben, so war es nachgerade die höchste Zeit, daß sie endlich kräftigere und männlichere Töne anschlugen, als bis dahin selbst von verhältnismäßig noch so kräftigen und männlichen Dichtern wie Haller und Kleist angeschlagen worden waren. Mit dem Ansingen der farbigen Alpenkräuter und der heiligen Waldesschatten wurde der bürgerliche Schlendrian erst recht eingelullt. Es kam hinzu, daß die Theorie der Schweizer die malende Naturbeschreibung recht eigentlich als das Hauptziel der Dichtung hingestellt hatte und daß auch die seherische Begeisterung, womit Winckelmann die bildende Kunst des Altertums wiederentdeckte und feierte, das deutsche Bürgertum auf einen Irrweg zu locken drohte. Denn was war damit groß anzufangen, solange es diesseits der Alpen antike Originale fast gar nicht und Gipse nicht viel mehr gab?

Vor allen diesen Irrlichtern warnte Lessing in seiner Abhandlung »Über die Grenzen der Malerei und Poesie«, in seinem Laokoon. Goethe sagt, man müsse Jüngling sein, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wirkung diese meisterhafte Schrift ausübte, indem sie »uns aus der Region eines kümmerlichen Anschauens in die freien Gefilde des Gedankens hinriß«. »Die Herrlichkeit solcher Haupt- und Grundbegriffe erscheint nur dem Gemüt, auf welches sie ihre unendliche Wirksamkeit ausüben, erscheint nur der Zeit, in welcher sie ersehnt im rechten Augenblick hervortreten.« Aber wenn wir unter dem eben entwickelten sozialen Gesichtspunkte den Laokoon lesen, so spüren wir doch noch etwas von seiner »Herrlichkeit«. Es liegt wie Morgensonnenschein auf diesen Blättern; so beredt und so beschwingt entwickeln sich die Gedanken, bekämpfen und widerlegen, ergänzen und unterstützen sie sich untereinander. Nirgends ein toter Punkt, überall rasches und volles Leben. Und wie der Inhalt, so die Form. Lessings Stil hat im Laokoon an Geschmeidigkeit und Kraft noch gewonnen, dagegen an Hagerkeit viel verloren; der Gedanke reift und sättigt ihn, und die durchsichtige Klarheit dieser Sprache zeigt ohne Hülle die unverstümmelte Hoheit des Gedankens.

So der Laokoon als soziale Tat. Als kunstkritischer Kanon erheischt er ein anderes Urteil. Was ihn dort erhebt, muß ihn hier erniedrigen. Es lag schon in der ganzen Tendenz des Torsos, daß er die bildende Kunst gegenüber der Dichtkunst etwas in den Schatten stellen mußte. Aber Lessings Verhältnis zur bildenden Kunst war überhaupt ein ziemlich frostiges. Wenn Winckelmann bei der ersten Lesung des Laokoon sagte: »Lessing schreibt, wie man geschrieben zu haben wünschen möchte«, aber sich später dahin ausließ: »Dieser Mensch hat so wenig Kenntnis, daß ihn keine Antwort bedeuten würde, und es würde leichter sein, einen gesunden Verstand aus der Uckermark zu überführen als einen Universitätswitz, der mit Paradoxen sich hervortun will«, so ist die grobe Äußerung von kleinlichem Neide zwar stark gefärbt, aber doch nicht schlechthin erfunden. Lessing selbst war sich, wie schon der Kunsthistoriker Rumohr bemerkt hat, wohl bewußt, »daß seine Kunstschriften überall nur aus Aufwallungen der Mißbilligung oder des Widerwillens gegen bestimmte Einseitigkeiten oder Verkehrtheiten seiner Zeitgenossen, durchaus nicht aus einem positiven Berufe zur Kunst entstanden waren«. Und zutreffend sagt Justi: »Viele Tatsachen in seinem Leben führen auf die Annahme, daß die Betrachtung von Werken bildender Kunst weder zu seinen Bedürfnissen gehörte noch ihm besonderen Genuß gewährte, ja ihn nur ästhetisch beschäftigt hat.« Und es wird sich auch nicht viel dagegen einwenden lassen, wenn Justi meint, Lessing wäre in Italien, wohin er wiederholt strebte, »vielleicht vor Langerweile gestorben«. Wenigstens kann der Leser des Tagebuchs, das Lessing über seine spätere italienische Reise geführt hat, vor Langerweile sterben. Es ist wahr: Er trat sie äußerlich unter sehr ungünstigen Umständen an, aber bei einem irgend ursprünglichen Interesse an der bildenden Kunst wäre er doch nicht so ganz schweigsam an ihren italienischen Schätzen vorübergegangen, hätte er wenigstens mit einer Silbe verraten, daß er im Vatikan vor jenem antiken Bildwerke gestanden habe, das seiner berühmtesten Kunstschrift den Namen gegeben hat.

Wird somit der Laokoon als kunstkritischer Kanon den bildenden Künsten nicht gerecht, verkümmern seine Kunstprinzipien der Geschichts-, der Landschafts-, der Bildnismalerei gar sehr das Leben, so tun sie doch auch der Poesie zuviel und entvölkern in bedenklicher Weise den Parnaß. Wenn Handlung das Wesen der Poesie sein soll, so ist die ganze Lyrik zur Tür hinausgewiesen. Als Anwalt der Dichtkunst trat der junge Herder in seinem Kritischen Wäldchen über den Laokoon mit dem kecken Schlachtrufe auf: »Ich leugne Herrn Lessing viel und in seinem Grunde alles!« Zwar bekannte Herder, auch er hasse nichts so sehr als tote, stillstehende Schilderungssucht, aber als das eigentliche Wesen der Poesie erklärte er nicht Handlung, sondern Kraft. »Kraft, die zwar durch das Ohr geht, aber unmittelbar auf die Seele wirkt; Kraft, die dem Innern der Worte anklebt, die Zauberkraft, die auf meine Seele durch die Phantasie und Erinnerung wirkt.« Er verwarf die einseitige Bezugnahme Lessings auf Homer und die einseitige Auslegung Homers durch Lessing. Er tadelte den übertriebenen Gräzismus Lessings wie auch Winckelmanns. Lessings Behauptung, nur die Griechen hätten jenes schöne Gleichgewicht von Empfindung und Tapferkeit gekannt, das die homerischen Helden auszeichne, beseitigte er durch die schlagende Bemerkung, jenes Gleichgewicht eigne nicht einer einzelnen Nation, sondern jeder Nation auf gleicher Kulturstufe. Und wenn Winckelmann freilich schon eine historische Entwicklung des griechischen Schönheitsideals versucht hatte, so warf ihm Herder ein, daß er sich gar zu sehr auf klimatische, auf »Einflüsse des .Himmels« beschränkt und die bei dem allmählichen Werden des Ideals mitwirkenden politischen und religiösen Faktoren übersehen habe. Aber im allgemeinen hielt sich Herder viel näher an Winckelmann als an Lessing; wohinaus dieser wollte, hatte er eben nicht verstanden, und so vielfach treffend seine Kritik des Laokoon war, so sah sie wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Um den Laokoon gruppieren sich zuerst Gegensätze, die auf lange Jahrzehnte hinaus das deutsche Geistesleben beherrschen sollten. Lessing hätte nicht Winckelmanns Kunstgeschichte und noch weniger Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit schreiben können, aber weder Herder noch Winckelmann hatten eine Ahnung von dem edlen und stolzen Klassenbewußtsein, das in Lessings Schriften und namentlich auch im Laokoon lebte. Als Klient eines römischen Kardinals höhnte Winckelmann in gar unwürdiger Weise über Lessing als einen angeblichen »jungen Bärenführer«, und wenn Herder in seinem ersten Kritischen Wäldchen nicht unebenbürtig neben Lessing trat, so führte er in seinem zweiten und dritten einen unwahrhaftigen und zweideutigen Krieg gegen einen elenden Gegner, denselben Kabalenmacher Klotz, den Lessing mit ein paar schnellen und sicheren Streichen erlegte. Es ist der Gegensatz zwischen der historischen und der politischen Weltanschauung, der sich hier ankündigt, ein Gegensatz vielleicht weniger als ein Übergewicht, das die Historie über die Politik davontragen sollte. Herder, nicht Lessing, gewann den entscheidenden Einfluß auf den jungen Goethe, und wieder Goethe riß Schiller, dessen revolutionäre Jugenddramen sich stark an Lessing anlehnten, in seine Bahnen. Nicht zwar, als ob diese Entwicklung von einzelnen Personen abhängig gewesen wäre: Sie wurde vielmehr dadurch verschuldet, daß sich die bürgerlichen Klassen nicht auf die Höhe ihres Vorkämpfers Lessing zu schwingen verstanden, daß Lessing zu jener »schaurigen Einsamkeit« emporgewachsen war, worin er von nun an unter seinen Zeitgenossen leben sollte, daß der Nachwuchs des Bürgertums, soweit er nach geistiger Nahrung lechzte, in der Vergangenheit suchen mußte, was ihm die Gegenwart ein für allemal versagte. Und gewiß hat Lessing wenig oder nichts von dem psychologischen Scharfblick besessen, mit dem Herder in den Stimmen der Völker ihre Seelen zu erkennen verstand. Und wenn heute dumm-pfiffige Streber von dem »ostpreußischen Kolumbus« Herder im Gegensatze zu der »schulmäßigen und unhistorischen Kritik« des »gelehrten Philologen« Lessing schwatzen, so mag doch erinnert werden nicht nur daran, daß Herder selbst immer in ehrlicher Selbsterkenntnis zu dem Manne Lessing emporsah, sondern auch daran, daß nach Herder nicht nur Goethe und wenigstens der weimarische Schiller, sondern auch die ganze Romantik und jene »historische Schule« kamen, von der Karl Marx sagt: »Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch erklärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine historische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der Gott Israels seinem Diener Moses, nur ihr a posteriori zeigt, die historische Rechtsschule, sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie nicht eine Erfindung der deutschen Geschichte.« Und erst in dem wissenschaftlichen Sozialismus hat jener bei Lessings Laokoon zuerst aufbrechende Gegensatz seine Versöhnung gefunden, ist die Historie zur Politik, die Politik zur Historie geworden.

Doch wir dürfen nicht vergessen, daß wir es weniger mit Lessing als mit der Lessing-Legende zu tun haben, und schon pocht Herr Erich Schmidt ungeduldig an unsere Türe, heischend die Erledigung seines geistvollen und tiefsinnigen Orakelspruchs: »Laokoon blieb Torso. Vielleicht wären gar bloße Materialien aus dem Nachlasse auf uns gekommen, wenn Lessing nicht durch eine gewichtige kunstwissenschaftliche Leistung den deutschen Höfen hätte sagen wollen: Hier bin ich.« Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Also nicht bloß die »schlichte Beredsamkeit« der Minna, sondern auch die »kunstwissenschaftliche Leistung« des Laokoon ist diesen akademischen Meistern der Ästhetik und der Literaturgeschichte eine Wurst, geworfen nach der Speckseite eines höfischen Pöstchens. Aber gehen wir mit einigen Worten auf den Nicolaitischen Humbug ein, der dahintersteckt!

Nach dem Frieden von Hubertusburg konnte Lessing nicht lange mehr in Breslau bleiben. Mit dem Kriegsgetümmel war auch das freiere und vollere Leben erloschen, das ihn an die Stadt gefesselt hatte; bei aller Anhänglichkeit an Tauentzien durfte es ihm nicht einfallen, sein Leben lang den subalternen Schreiber eines preußischen Generals zu spielen. Schon im November von 1763 bereitete er seine Eltern darauf vor, daß er auf sein »fixiertes Glück« verzichten und zu seiner »alten Lebensart« zurückkehren werde. Auf ihre Klagen hebt er im Juni 1764 abermals nachdrücklich hervor, daß er seinen alten Plan zu leben nicht aufgegeben habe und mehr als jemals entschlossen sei, »von aller Bedienung, die nicht vollkommen nach meinem Sinn ist, zu abstrahieren. Ich bin über die Hälfte meines Lebens, und ich wüßte nicht, was mich nötigen könnte, mich auf den kürzeren Rest desselben noch zum Sklaven zu machen.« Nicht ohne Grund schlug Lessing diesen bestimmten Ton an. Stets bereit, seinen Eltern alles und noch mehr zu geben, als er selbst besaß, hatte er doch auch immer abgelehnt, der »Sklave eines Amts« zu werden, nur damit seine unfähigen Brüder studieren könnten, und schon vor seiner Übersiedlung nach Breslau hatte er das äußerste Maß seines Entgegenkommens also ausgedrückt: »Trägt man mir ein Amt an, so will ich es annehmen, aber den geringsten Schritt nach einem zu tun, dazu bin ich wo nicht eben zu gewissenhaft, doch viel zu kommode und nachlässig.« Aus seinem Leben in Breslau berichtet dann sein Freund, der Rektor Klose: »Nach dem Hubertusburger Frieden dachte Lessing nun Breslau zu verlassen, ob ihn gleich der General ersuchte, noch länger zu bleiben, auch ihm eine vorteilhafte Bedienung anbot, die er aber von sich wies, weil nach seiner Versicherung der König von Preußen keinen, ohne abhängig zu sein und zu arbeiten, bezahle. Aus eben dem Grunde hatte er die Professur in Königsberg, die ihm vor einigen Jahren angeboten wurde, ausgeschlagen; besonders weil der Professor der Beredsamkeit alle Jahre einen Panegyrikus zu halten verpflichtet wäre.« Vergebens sucht Herr Erich Schmidt, dem es auf einen höfischen Panegyrikus mehr oder weniger nicht ankommt, dies glaubwürdige Zeugnis eines glaubwürdigen Mannes zu bemängeln.

Im Frühling von 1765 verließ Lessing dann Breslau, nachdem er sein Amt schon ein paar Monate vorher niedergelegt hatte. Er ging nach Berlin, wie er seinem Vater schrieb, nicht sowohl um auf lange Zeit daselbst zu bleiben, als vielmehr bloß, »um meine zerstreuten Sachen allda zusammenzubringen und doch einigermaßen einen locum unde nennen zu können«. Am 4. Juli 1765 schreibt er seinem Vater, daß er vor sechs Wochen in Berlin angelangt sei, und zufällig genau von demselben Tage ist das letzte Blatt der Literaturbriefe datiert, worin Lessing die »ebenso scharfsinnige wie wahre Anmerkung« Meinhards zu der Tatsache hervorhebt, daß die Anzahl der guten Dichter in den vielgepriesenen Mäzenatentagen der Mediceer und Ludwigs XIV. gar so gering gewesen sei, und seinerseits hinzufügt: »Da sie auf den äußerlichen Zustand der deutschen Literatur gewissermaßen angewendet werden kann, so wünschte ich sehr, daß sie diejenigen einmal zum Schweigen bringen möchte, die über den Mangel an Unterstützung so häufige und bittere Klagen führen und in dem Ton wahrer Schmeichler den Einfluß der Großen auf die Künste so übertreiben, daß man ihre eigennützigen Absichten nur allzu deutlich merkt.« Diese Reihe von Daten und Tatsachen dürfte zur Genüge zeigen, daß Lessing seinen vierten und letzten Aufenthalt in Berlin nicht genommen hat, um eine Anstellung von Friedrich II. zu ergattern, sondern aus den von ihm selbst angegebenen Gründen, wobei unter dem »Zusammenbringen seiner zerstreuten Sachen« wohl die Vollendung des Laokoon und der Minna sowie eine Revision seiner älteren Komödien zu verstehen ist; Laokoon erschien zur Ostermesse 1766, die Minna zur Ostermesse 1767, sowohl in einer besonderen Ausgabe als in einer zweibändigen Sammlung aller Lustspiele, und darnach siedelte Lessing von Berlin nach Hamburg über.

In diesem Jahren spielte sich nun die widrige Posse ab, deren passive Helden König Friedrich, Winckelmann und in gewissem Sinne anscheinend, auch Lessing waren, während ihre aktiven Helden in dem Obersten Quintus Icilius, Ehren-Nicolai und etwa auch in Sulzer zu suchen sind. Herr Erich Schmidt nennt den Obersten »wacker«, und es versteht sich darnach, daß er ein ganz schlechter. Kerl war. Er hieß eigentlich Guichard und war mit dem antiken Namen von Friedrich in einer »gnädigen« Laune getauft worden; aus Magdeburg gebürtig, Sohn einer bürgerlichen Hugenottenfamilie, Kommilitone Winckelmanns in Halle, dann militärischer Abenteurer und Schriftsteller, war er im Siebenjährigen Kriege zum Kommandeur eines Freibataillons avanciert, nach dem Frieden aber nicht nur nicht kassiert worden, sondern sogar zur Stelle eines Hofnarren bei Friedrich aufgerückt. Er war das Gegenteil eines Tellheim und rechtfertigte für seine Person das Vorurteil Friedrichs, wonach bürgerliche Offiziere keine Ehre im Leibe haben sollten; er hatte im Jahre 1761 das sächsische Jagdschloß Hubertusburg geplündert, nachdem adlige Offiziere, ein Marwitz und ein Saldern, aus dem Heere geschieden waren, weil sie den zuerst an sie gerichteten Befehl des Königs, eine so ehrlose Handlung zu vollziehen, nicht ausführen wollten. Quintus hatte bei dieser Dieberei ein sehr gutes Geschäft gemacht, und er hat auch später, sogar nach dem Zeugnisse seines Freundes Nicolai, aus den Lotterie- und Regiegeschäften des Königs allerlei eigennützige Gewinste gezogen. Dieser Ehrenmann spielte sich nun aber gleichzeitig als Wortführer der deutschen Literatur bei Friedrich auf, und er will, als der französische Vorsteher der königlichen Bibliothek 1765 gestorben war, erst Lessing und dann Winckelmann und dann wiederum Lessing dem Könige als Ersatzmann vorgeschlagen haben. Wohlgemerkt aber nur nach seinen eigenen Angaben, die dadurch, daß sie uns Nicolais Sprachrohr überliefert hat, weder anmutiger noch glaubwürdiger geworden sind. Indessen insoweit könnte die Sache ganz auf sich beruhen bleiben, wenn nur nicht die bürgerlichen Literarhistoriker behaupteten, daß Lessing durch die Herausgabe des Laokoon die Bemühungen des freibeuterischen Obersten habe unterstützen und durch die Kritik Winckelmanns seine Überlegenheit über diesen Nebenbuhler in der königlichen Gunst habe zeigen wollen, wie sie denn auch aus Friedrichs Ablehnung Lessings Haß gegen das friderizianische System zu erklären versuchen, einen Haß, der, je älter und reifer Lessing wurde, um so schwerer selbst durch die gröbsten Fälscherkunststücke zu verdecken ist.[Anmerkung 61]

Wahr ist, daß der königliche Bibliothekar, Geheimer Rat de la Croze, im Februar 1765 gestorben war und daß der König am 25. Juli dieses Jahres den Minister von Dorville beauftragt hatte, einen zur Aufsicht und Unterhaltung einer öffentlichen Bibliothek recht sehr kapablen und in den Wissenschaften geübten Mann allenfalls in Holland aufzusuchen. Es widerspricht nun aber der ganzen Art Friedrichs, daß er neben diesem offiziellen Geschäftsgange noch eine sozusagen offiziöse Unterhandlung durch einen seiner Hofnarren angeknüpft haben soll. Vom ersten Tage seiner Regierung an machte er jedem persönlichen Gesellschafter zur strengsten Bedingung, sich nie in die Geschäfte zu mischen, und was er Jugendfreunden wie Jordan und Kayserlingk, was er Männern wie Maupertuis und Voltaire in seinem frischen Mannesalter bei Strafe seiner sofortigen Ungnade versagt hatte, das soll der argwöhnische und griesgrämige Greis dem von ihm innerlich verachteten und wegen der Hubertusburger Räuberei stets verhöhnten Quintus gewährt haben! Möglich erscheint höchstens, daß der Name Winckelmanns dem Könige nicht ganz unbekannt geblieben ist, denn Winckelmann hatte das von Friedrich angekaufte Gemmenkabinett des Barons Stosch geordnet und katalogisiert. Aber diese Möglichkeit ist erstens entfernt keine Gewißheit; Winckelmann selbst vermutete, daß der König ihn mit einem zeitweise in Rom lebenden ehemaligen Auditeur Ewald aus dem Regimente des Prinzen Heinrich verwechselt habe. Zweitens aber hat sie für den vorliegenden Fall nichts zu bedeuten, da der König schon am Tage vor seiner Kabinettsorder an Dorville das Kabinett der Altertümer und Medaillen von der Bibliothek getrennt und dem Hofrat Stosch unterstellt hatte. Sehr bezeichnend ist nun, daß Quintus, obgleich er vom Könige den für einen Menschen seines Schlags sehr ehrenvollen Auftrag erhalten haben wollte, mit Winckelmann zu unterhandeln, nicht selbst an den alten Universitätsfreund schrieb, sondern durch Nicolai an ihn schreiben ließ. Der Prahler und Wichtigtuer war offenbar auch ein Sicherheitskommissarius und wollte seine Handschrift nicht von sich geben. Nicolai schrieb also im August 1765 an Winckelmann, der König wolle ihn zu seinem Bibliothekar machen. Er, Winckelmann, könne die beträchtlichsten Bedingungen stellen, weil der König ihn hochschätze und längst zu tun gewünscht habe, was er jetzt tue. Quintus gebe ihm zu verstehen, daß der König 1500 bis 2000 Taler zu bewilligen entschlossen sei. Nun geschah das ganz Unerwartete: Winckelmann nahm sofort an und verlangte 2000 Taler; er scheint im ersten Augenblicke den gar absonderlichen, aber durch Nicolais Schreiben erklärlichen Eindruck gehabt zu haben, der König wolle ihm alle Bitternisse seiner Jugend versüßen; er schreibt etwas naiv: »Ich empfinde jetzt mit einem Male, wie mächtig die Liebe des Vaterlandes ist, in welches ich mit den größten Ehren zurückgerufen werde ... Es lässet sich jetzo zum ersten Male die Stimme des Vaterlandes hören, die mir vorher unbekannt war.« Aber der hinkende Bote kam nach, so schnell wie es der damalige Postenlauf gestattete; Nicolai meldete zurück, der König stoße sich an den 2000 Talern; für einen Deutschen seien 1000 Taler genug. Es ist bekannt, wie beschämt und erbittert Winckelmann durch diese Abweisung wurde, aber es ist noch gar nicht bekannt, daß der König seine schäbige und Winckelmann seine lächerliche Rolle nur gespielt hat, weil die Humbugs Quintus und Nicolai und als Dritter im Bunde anscheinend auch Sulzer es so wollten.

Zum Glücke für die Wahrheit pflegen Aufschneider sich im Laufe der Zeit zu verplappern, und wie es sonst immer mit Friedrichs Absichten auf Winckelmann gestanden haben mag: So viel hat Nicolai selbst verraten, daß er in seinem ersten wie in seinem zweiten Briefe an Winckelmann auf Unkosten des Königs geflunkert hat. Nach seinen späteren Mitteilungen, an Daßdorf, den Herausgeber von Winckelmann-Briefen, hatte der König von Anfang an 1000 Taler aus den Fonds der Akademie für Winckelmann ausgeworfen. Dies Gehalt wäre für die damalige Zeit ein ganz anständiges gewesen; es überstieg Winckelmanns römische Einkünfte, und der bisherige französische Bibliothekar hatte nur 600 Taler bezogen. Der König wollte dem Deutschen also nicht weniger, sondern um ein sehr Beträchtliches mehr geben als dem Franzosen. Aber der edle Quintus wünschte – immer nach Nicolai – auch jene 600 Taler seinem Winckelmann noch zuzuwenden und ließ ihm deshalb raten, er möge 2000 Taler fordern, damit er, Quintus, »seinen ihm so wohlwollenden Monarchen« dabei an die 600 Taler bisheriges und durch den Tod de la Crozes erledigtes Bibliothekargehalt erinnern könne. Allein als Winckelmann den Rat befolgte und der König von Quintus erinnert wurde, erklärte Friedrich, über das Gehalt de la Crozes sei schon anderweitig verfügt, und es müsse bei den 1000 Talern aus den Fonds der Akademie sein Bewenden haben. So Nicolai an Daßdorf. Wahrscheinlich hat auch diese Darstellung nichts hinter sich; aber jedenfalls: Wenn Nicolai sie für richtig hielt, so hat er das Angebot des Königs in fälschender Übertreibung an Winckelmann gemeldet, um sich und seinem Freunde Quintus ein Air zu geben, und so hat er die Ablehnung Friedrichs mit einer den König bloßstellenden und Winckelmann schwer verletzenden Erfindung aus freier Faust versehen, um seinen und seines Freundes Quintus Rückzug zu decken.[Anmerkung 62]

Wie windig nun aber auch diese Winckelmann-Geschichte sein mag, so ist sie noch ein sehr greifbares Ding, verglichen mit der parallellaufenden Lessing-Geschichte. Nach Nicolai hat Quintus zuerst Lessing als Bibliothekar vorgeschlagen, aber der König soll ihn wegen des »unangenehmen Vorfalls«, den Lessing 1752 mit Voltaire gehabt hatte, abgelehnt haben. Darauf die Verhandlungen mit Winckelmann, nach deren Scheitern Quintus abermals auf Lessing zurückgekommen sein soll. Und zwar nach Nicolais Darstellung mit »Heftigkeit«, in einem »starken Wortwechsel« und indem er schließlich den König, der nicht Lessing, sondern einen Franzosen haben wollte, »ausgelacht« habe. Man verzeihe den Ausdruck, aber einen anderen, der zuträfe, gibt es nicht: Es ist zu dumm. Friedrich ließ sich gerade von seinen Hofnarren mit »Heftigkeit«, mit »starken Wortwechseln«, mit »Auslachen« bedienen. Aber noch mehr! Herr Erich Schmidt bereichert die Literatur dieser Episode mit einem handschriftlichen Zettel des Quintus an Ramler vom 20. April 1765, worin es heißt: »Sie erfreuen mich mit der Aussicht, unseren Herrn Lessingk in Berlin zu besitzen. Ich habe große Absichten auf ihm, die die Ehre unserer Schaubühne betreffen. Vielleicht finden wir ihn geneigt dazu. Seine Majestät kennen ihn und werden ihn unterstützen.« Herr Erich Schmidt teilt dies Fündlein mit ungeheurer Wichtigkeit, aber »ohne Kommentar« mit. Ein Sicherheitskommissarius auch er! Denn der einzige »Kommentar« zu dieser archivalischen Entdeckung kann doch kein anderer sein, als daß Quintus ein Humbug war. Man beachte nur die Daten! Im April 1765, beiläufig zwei Jahre vor der Minna und zehn Jahre nach der Sara, will der König aus edelmütigem Antriebe durch den ihm bekannten »Herrn Lessingk« die Ehre der deutschen Schaubühne retten lassen, die Friedrich bekanntlich aus tiefster Seele verachtete, und höchstens vier Monate später – im August 1765 schreibt Nicolai schon an Winckelmann – will der König von Lessing als Bibliothekar wegen des »unangenehmen Vorfalls mit Voltaire« nichts wissen, »da er ein sehr gutes Gedächtnis hatte und einen einmal gefaßten Eindruck lange behielt«. Herrn Erich Schmidts »philologische Akribie« muß doch einsehen, daß Quintus mindestens einmal gelogen hat, entweder in dem Zettel an Ramler vom April oder in der Mitteilung an Nicolai vom August 1765. Aber wir erlauben uns die Konjektur, daß der Plünderer von Hubertusburg beide Male geschwindelt hat, um sich vor Ramler und Nicolai, den Matadoren der Berliner Literaturclique, als den einflußreichen Ratgeber des Königs in literarischen Fragen aufzuspielen.[Anmerkung 63]

Unerquicklich, wie es sein mag, sich mit diesem verjährten Klatsche noch zu befassen, so unerläßlich ist es leider. Denn an diesem Punkte kämpft die Lessing-Legende um ihr Haupt und ihr Leben. Es ist vollkommen glaublich, daß wie Winckelmann so auch Lessing von den Gaukeleien der Quintus und Nicolai behelligt worden sein mag; es ist nicht minder glaublich, daß die Art, in der Friedrich abgelehnt haben soll, ihm ein – unerbetenes – Amt anzuvertrauen, ihn erbittert hat. Gerade weil er bei dem Zusammenstoße mit Voltaire nicht ohne Schuld war, mag ihn die zwecklose Aufwärmung eines vergessenen Jugendstreichs mit neuer Abneigung gegen Friedrich und Voltaire erfüllt haben, wie unschuldig daran dieser gewiß und jener so gut wie gewiß war. Solche psychologischen Rückwirkungen sind gerade bei einem starken und tüchtigen Charakter sehr erklärlich. Aber es ist unwahr, daß ein Mann wie Lessing ein Werk wie den Laokoon geschrieben haben soll, um dem preußischen Hofe zu sagen: Hier bin ich, und es ist ebenso unwahr, daß sein mißfälliges Urteil über das friderizianische Preußen aus der Enttäuschung über eine persönliche Hoffnung entsprungen und gar nicht so schlimm gemeint, ja nur ein »Tropfen Galle« in der Bewunderung gewesen sein soll, die er sonst »schlicht und groß« diesem Musterstaate widmete.

Gegenüber den angeführten Äußerungen Lessings, worin er seine Abneigung gegen jedes Amt kundgab und das fürstliche Mäzenatentum öffentlich verspottete, just als er angeblich durch Quintus bei Friedrich antichambrierte, gibt es nur zwei Zeilen aus seiner Feder, die eine entgegengesetzte Deutung zulassen. Im Dezember 1767, fast ein Jahr, nachdem er Berlin für immer verlassen hatte, schreibt er seinem Vater: »Ich bin von Berlin weggegangen, nachdem mir das einzige, worauf ich so lange gehofft und worauf man mich so lange vertröstet, fehlgeschlagen.« Aber dieser Brief war ein Glückwunschbrief zu des Vaters fünfzigjährigem Amtsjubiläum; Lessing muß in ihm das bittere Geständnis ablegen, daß seine »alte Lebensart« wieder einmal mit einem Krache geendet habe, und so ist ihm die Erinnerung an den Kram der Quintus und Nicolai gerade gut genug, den alten Herrn an seinem Ehrentage darüber zu beruhigen, daß er ein »fixiertes Glück« in Berlin etwa verscherzt habe. Aber Lessing muß nun doch einmal mit dem Laokoon vor Friedrich gedienert haben. Als er nach dem Krach in Hamburg vor dem deutschen Jammer ins Ausland zu fliehen gedachte, kam ihm der Einfall, den Laokoon französisch fortzusetzen, und er machte mit der Übersetzung der Vorrede einen in seinem Nachlaß aufgefundenen Anfang; »wäre es nicht möglich«, fragt nun Herr Erich Schmidt mit seiner tiefsinnigsten Miene, daß dieser Einfall auf einen »älteren Berliner Plan« zurückginge und die »etwas dreiste Versicherung, dem Verfasser sei in derlei Materien das Französische ebenso geläufig als das Deutsche«, für Friedrich berechnet gewesen sei? Oder Lessing bezieht sich im Laokoon auf den Rat des Aristoteles, die Taten Alexanders zu malen, und erläutert, um ja jedes Mißverständnis auszuschließen, diesen Rat als »eine Ermunterung, die bildenden Künstler aus den alten Zeiten zurückzurufen und sie mit Begebenheiten aus der itzigen Zeit zu beschäftigen«: Das bedeutet aber nach Erich Schmidt »nichts anderes«, als daß der dritte Teil des Laokoon »mit einem Mahnruf zur künstlerischen Verherrlichung des Siebenjährigen Krieges und seines Hauptheros schließen« sollte. Ach, Lessing hat seinen Erich Schmidt wirklich geahnt, als er schrieb: »Und daß sie bei dem Geier wären, die verdammten Ausleger! Bald wird man vor diesem Geschmeiße keinen Einfall mehr haben dürfen!«

Über die Auffassung, die Lessing im Kampfe seines Lebens von dem preußischen Staate gewonnen hat, brauchen wir uns nach unserer bisherigen Darstellung nicht weiter zu äußern. Gerade das Gegenteil von dem »Tropfen Galle« ist richtig: In seiner großdenkenden Weise hat Lessing wohl einmal den persönlichen Eigenschaften Friedrichs einen Tropfen Honig gespendet, aber das preußische System hat er um so tiefer gehaßt, je näher er es kennenlernte. Mit jedem Aufenthalte scheidet er verstimmter aus Berlin, und mit diesem letzten am verstimmtesten. »Was hatt' ich auf der verzweifelten Galeere zu suchen?« schreibt er im Februar 1767 an Gleim und im November 1768 an Ramler: »Wie kann man auch in Berlin gesund sein? Alles was man da sieht, muß einem ja die Galle ins Geblüt jagen.« Und an Nicolai im August 1769 – wir wollen die Stelle doch lieber vollständig hierhersetzen, da sie Herr Erich Schmidt in seinen zwei dicken, mit Lessing-Zitaten vollgestopften Bänden so fein zu vertuschen weiß:

»Sagen Sie mir von Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben ja nichts. Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will. Und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen. Lassen Sie es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheit zu sagen, als dieser sie ihm gesagt hat; lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht, und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist.«

Wie Herder und Winckelmann, so schied Lessing mit einem Fluch und einem Steinwurf aus den preußischen Landen. Nur daß, was jene Jünglinge in heißem Lebensdrange instinktiv empfanden, in diesem Manne zur klaren Erkenntnis gereift war: zu der Erkenntnis nämlich, daß alle Lebensinteressen der bürgerlichen Klassen in Deutschland keinen gefährlicheren und grundsätzlicheren Feind besaßen als den preußischen Staat.

VIII. Lessing in Hamburg

Im Frühling des Jahres 1767 siedelte Lessing nach Hamburg über; im Frühling des Jahres 1770 verließ er diese Stadt, um den Rest seiner Tage in dem einsamen Wolfenbüttel zu verleben. In diese drei Jahre fallen seine letzten Versuche, die bürgerlichen Klassen unmittelbar zu tatkräftigem Handeln aufzurütteln; all seine männliche Kraft sammelte er in der Hamburgischen Dramaturgie, der Emilia Galotti, den Antiquarischen Briefen. Aber er scheiterte abermals und so, daß nur noch ein Narr etwas von diesem entnervten Bürgertum erwarten konnte.

Nach dem vernichtenden Schlage, den Leipzigs Wohlstand durch den Siebenjährigen Krieg erhalten hatte, war Hamburg unbestritten die erste Stadt des deutschen Reiches. Wenn es in seiner Unabhängigkeit von Dänemark und Hannover auch wiederholt angefochten wurde, so hatte es von diesen Gegnern nicht viel zu befahren, dank zwei mächtigen Beschützern. Hamburg stand als wichtigster Platz auf dem Kontinente für den Zwischenhandel Englands und Frankreichs in der besonderen Gunst dieser beiden Mächte. Die freieste und reichste Stadt Deutschlands zugleich die vom Auslande abhängigste: In diesem ökonomisch-politischen Zusammenhange, an den die bürgerlichen Literarhistoriker auch nicht einmal im Traume denken, wurzeln Lessings Schicksale in Hamburg. Wie mußte ihn der Ruf locken, den Hamburger Theaterfreunde an ihn richteten, das Amt eines beratenden und mitleitenden Kritikers an einem in großem Stile geplanten »Nationaltheater« zu übernehmen! Ihn, der immer in der Bühne die einzige Tribüne der bürgerlichen Klassen erblickt hatte, wie sie es denn auch war. Ihn, der noch in den Literaturbriefen geklagt hatte: Wir haben kein Theater, wir haben keine Schauspieler, wir haben kein Publikum. Keine Schrift Lessings atmet ein so festes Selbstvertrauen, eine so feste Zuversicht wie die Hamburgische Dramaturgie in ihren ersten Stücken. Unter dem frischen Eindrucke seiner Berliner Erfahrungen spricht er von jenen Philistern, die, weil sie sich selbst am besten kennen, bei jedem guten Unternehmen nichts als Nebenabsichten erblicken; er preist den Ort glücklich, wo diese Elenden den Ton nicht angeben, weil die größere Anzahl wohlgesinnter Bürger nicht gestattet, daß patriotische Absichten ein Vorwurf ihres spöttischen Aberwitzes werden, und er fügt hinzu: »So glücklich sei Hamburg in allem, woran seinem Wohlstande und seiner Freiheit gelegen, denn es verdient, so glücklich zu sein.« Die Freiheit und der Wohlstand Hamburgs erweckten in ihm die Hoffnung, daß auf keinem anderen Flecke deutscher Erde das bürgerliche Klassenbewußtsein so hoch entwickelt sein würde wie hier.

Aber die Freiheit und der Wohlstand Plamburgs waren abhängig von der Gunst fremder Mächte, und ihre Voraussetzung war demgemäß die nationale Zerrissenheit, die jedes bürgerliche Klassenbewußtsein im Keime zerstören mußte. Der Bürgerstolz der alten Hansestadt beruhte nur noch auf der »satten Tugend und zahlungsfähigen Moral«; er war kapitalistischen, nicht revolutionären Ursprungs, wie es so schön in dem wenig später entstandenen Hamburger Freiheits- und Nationalliede heißt:

»Wir ruhen sanft auf federreichen Betten

Und achten nicht der Tyrannei.«

Welch schreckliche Enttäuschung mußte da Lessings harren! Und in der Tat – die »Hamburgische Theaterentreprise« zählte ihr Dasein nur nach Monaten, und dies kurze Leben war nichts weniger als auf Rosen gebettet. Keine Schrift Lessings sprudelt denn auch so über von ätzenden Sarkasmen wie die Dramaturgie in ihren letzten Stücken, bei deren Erscheinen das Theater längst aufgeflogen war. »Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von der politischen Verfassung, sondern bloß von dem sittlichen Charakter. Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen haben zu wollen.« Die verlotterte Reichsverfassung ein noch stärkeres Band der nationalen Einheit als das Selbstbewußtsein der bürgerlichen Klassen: Es war die beißendste Kritik des deutschen Elends. Und nicht weniger scharf über Hamburg selbst: »Der süße Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder verschwunden, und soviel ich diesen Ort nun habe kennenlernen, dürfte es auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung gehen wird.« So Lessing angesichts der Luftspringer und der Seiltänzer, die sich auf denselben Brettern tummelten, von denen er vertrieben worden war.

Anders als unter diesen sozialen Gesichtspunkten kann die Dramaturgie überhaupt nicht verstanden werden. Sie ist keine für alle Zeiten gültige Lehre der dramatischen Dichtkunst. In den Händen der ästhetischen Beschränktheit hat diese feine und geschmeidige Damaszenerklinge viel Unheil angerichtet: Wie oft ist der arme Lessing selbst mit ihr gefuchtelt worden! Bald in absichtlichem Übel-, bald, was noch gefährlicher war, in mißverstandenem Wohlwollen. Er, dem nichts ferner lag als sinnloser Chauvinismus, soll in der Dramaturgie das Banner der deutschen gegen die französische Kunst aufgeworfen, soll das französische Drama als solches vernichtet haben, um das deutsche Drama »auf der Spur des Griechen und des Briten« einem »besseren Rühme« entgegenzuführen. So, wie Schiller die Sache meinte, mag man sie sich zwar gefallen lassen, obwohl er sich stärker, als es Lessing jemals getan hat, in den Worten ausdrückte:

»Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,

Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist.«

Schiller rechtfertigte gerade durch seine Stanzen, daß Voltaires »Mahomet« in Goethes Übersetzung auf die Weimarer Bühne kam, und er stellte nur Lessings schon damals durch einen lächerlich übertriebenen Teutonismus verdorbene Meinung wieder her, wenn er auch den »Franken« einen »Führer zum Besseren« nennt, der da kommen möge,

»Zu reinigen die oft entweihte Szene

Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.«

Gewiß war Lessings Dramaturgie die höchste nationale Kundgebung, die Deutschland seit Huttens Pamphleten gesehen hatte. Nur ist der nationale Standpunkt immer bestimmt durch die sozialen Interessen der einzelnen Klassen, die ihn vertreten, wie bei Hutten der deutschen Ritterschaft, so bei Lessing des deutschen Bürgertums. Ihm fiel es gar nicht ein, mit Corneille und Racine auch Molière und Destouches in die Pfanne zu hauen oder mit dem höfischen Trauerspieldichter Voltaire auch den bürgerlichen Lustspieldichter Voltaire über Bord zu werfen. Wie alle Ideologie, so wird die ästhetische und literarische Kritik in letzter Instanz bestimmt durch die jeweilige ökonomische Struktur der Gesellschaft. Auf den vorliegenden Fäll angewandt: heißt das: Wenn wir unter wesentlich veränderten ökonomischen Zuständen zu mannigfach anderen ästhetischen und literarischen Auffassungen gelangt sind, so dürfen wir Lessings Dramaturgie weder als eine unfehlbare Offenbarung noch als eine fehlerhafte Stilübung betrachten, sondern wir müssen sie unter dem sozialen Gesichtspunkte betrachten, unter den sie historisch gehört. Dann aber gibt es nicht leicht eine genußreichere Lektüre als diese Blätter, namentlich in ihrer ersten Hälfte, die Lessing schrieb, als sein Interesse für die Bühne noch nicht erlahmt war; alle anscheinenden Dunkelheiten und Widersprüche lösen sich spielend, und man sieht überall bis auf den klaren Grund eines männlichen und tapferen Geistes; dem die Kunst der Bühne kein müßiges Spiel, sondern wie alle Kunst ein Hebel menschlicher Kultur ist.

Das deutsche Elend zwang jedes »Nationaltheater«, hauptsächlich vom Drama des Auslandes zu zehren. Mit ein paar mittelmäßigen oder schlechten Stücken von Chronegk, Weiße, Elias Schlegel ließ sich kein anziehendes Repertoire herstellen, mit Lessings Sara und Minna wenigstens noch kein abwechslungsreiches.

Unter dem Drama des Auslandes stand aber das französische weitaus in erster Reihe seit Gottscheds Bemühungen und auch durch die Fülle der Übersetzungen. Hier schuf erst Lessings Dramaturgie einen gewissen Wandel. Sie selbst hatte noch in erster Reihe mit der französischen Dramatik abzurechnen, und so hielt denn Lessing sein berühmtes Strafgericht über die höfische Tragödie der Franzosen, die, nach Deutschland übertragen, das reine Gift für die bürgerlichen Klassen werden mußte. Von diesem Standpunkt aus verkannte er, daß Corneille und Racine, um die Klassiker eines großen Volkes werden zu können, doch auch irgendwie im nationalen Boden gehaftet haben mußten; er übersah, daß ihre Tragödien reich an theatralischen Spielen und für die Mitlebenden voll starker Spannung waren; er machte sich lustig über die »Scheusale« von Weibern, die Corneille gern schildert, und doch hatten die Zeitgenossen des Dichters diese »Scheusale« in den Prinzessinnen der Fronde eben lebendig gesehen.[64]

Viel einseitiger noch als gegen Corneille und in der Tat nicht ohne eine gewisse Gehässigkeit, die sich aus den Berliner Erlebnissen mit Freund Nicolai erklärt, geht Lessing gegen Voltaire als Tragödiendichter vor, einseitiger schon deshalb, weil Voltaire auch in der Tragödie bereits eine gewisse Reaktion gegen die höfischen Muster von Corneille und Racine eingeleitet hatte. Aber im Wesen der Sache hat Lessing mit dem Kampfe gegen die französische Tragödie darum nicht weniger das Richtige getroffen, denn welche Wurzeln sie einmal in einem bestimmten historischen Boden gehabt haben mochte: dies Vorbild war deshalb nicht weniger verhängnisvoll für die bürgerliche Kunst in Deutschland, und als ihr Vorkämpfer, nicht als ein über den Wolken, über allen Völkern und Zeiten thronender Kritiker, derengleichen es überhaupt niemals gegeben hat, spricht Lessing.

Zwar könnte es scheinen, als hätte er gerade in der Dramaturgie den Aristoteles als so einen für alle Ewigkeit unfehlbaren Kunstrichter hingestellt. Allein auch hier muß man zu unterscheiden verstehen. Corneille hatte die höfische Tragödie auf die Regeln des Aristoteles begründet; es war der letzte Nachklang der Verhunzung, durch die der alte Grieche zum kanonischen Philosophen des Mittelalters geworden war. Lessing räumte damit gründlich auf; er setzte dem falsch verstandenen den richtig verstandenen Aristoteles gegenüber, der das Wesen der dramatischen Dichtkunst aus den unzähligen Meisterwerken der griechischen Bühne abstrahiert habe. Er setzte also tatsächlich die griechische der französischen Tragödie entgegen, wie er denn niemals müde geworden ist zu wiederholen, daß nicht die Regeln das Genie machen, sondern das Genie die Regeln, und daß jede Regel in jedem Augenblicke durch das Genie aufgehoben werden kann. Im Triumphe seiner siegreichen Polemik macht er dann zwar die übermütige Bemerkung, die Dichtkunst des Aristoteles sei so unfehlbar wie mathematische Wahrheiten, und er wolle nach ihr jedes Stück des großen Corneille besser machen, als dieser es gemacht habe. Aber er fügt sofort hinzu, daß er deshalb noch lange kein Corneille sein und noch lange kein Meisterstück gemacht haben würde, und er hatte schon in den Literaturbriefen darauf aufmerksam gemacht, daß nach dem griechischen Muster Shakespeare ein weit größerer tragischer Dichter sei als Corneille, obgleich dieser die Alten sehr wohl und jener fast gar nicht gekannt habe, daß der Engländer den Zweck der Tragödie fast immer erreiche, so sonderbare und ihm eigene Wege er auch wähle, der Franzose aber niemals, ob er gleich die gebahnten Wege der Alten betrete.

So erkennt Lessing durchaus die historische Bedingtheit jeder Ästhetik, und wenn er für das Erkenntnisvermögen seiner Zeit theoretisch auch noch nicht auf den tiefsten Grund dieser Bedingtheit zu dringen weiß, so hat er doch praktisch durch sein überaus fein entwickeltes Klassenbewußtsein gezeigt, wo dieser Grund zu suchen ist. Es ist vollkommen richtig, daß Lessing zuerst in Deutschland mit klarstem Nachdruck auf die dichterische Größe Shakespeares aufmerksam gemacht hat; namentlich in der Dramaturgie feiert er sie in einer Reihe wundervoller Vergleiche. Aber er stellt immer nur die historische Tragödie Shakespeares den historischen Tragödien der Franzosen gegenüber, und es ist vollkommen unrichtig, von Lessing die deutsche Shakespearomanie abzuleiten. Ihr geistiger Vater war vielmehr Herder, und wie Herder an bürgerlichem Klassenbewußtsein weit hinter Lessing zurückstand, so hat Lessing das Feldgeschrei: Shakespeare und kein Ende! mit größtem Mißbehagen als eine Ablenkung der bürgerlichen Klassen von dem empfunden, was not tat. Schon in der Dramaturgie warnt er davor, Shakespeare nachahmen zu wollen, warnt er davor, »geblendet von dem plötzlichen Strahle der Wahrheit in einigen englischen Stücken, an den Rand eines anderen Abgrundes zurückzuprallen«. Nicht die historische Tragödie, sondern das bürgerliche Schauspiel ist das dramatische Ideal dieses Kunstrichters; Diderot, nicht Shakespeare ist sein Mann. Niemand, der die Dramaturgie wirklich gelesen hat, kann darüber im Zweifel sein, und das französische Lustspiel setzt Lessing nun gar ebenso entschieden über das englische wie die englische Tragödie über die französische. Angesichts dieser Tatsache bleibe man doch mit der Ästhetik als einer rein geistigen Erscheinung lieber zu Hause. Als ob Lessing nicht gewußt hätte, daß es, rein ästhetisch genommen, lächerlich ist, den Dramatiker Diderot mit dem Dramatiker Shakespeare in einem Atem zu nennen! Als ob er sich nicht selbst, wenigstens mittelbar, gegen diese Gleichstellung verwahrt hätte, denn er denkt nicht daran, die dichterischen Ehrenqualitäten, die er in so reicher Fülle auf Shakespeare häuft, an Diderot auszuteilen!

Aber wenn die Ästhetik auch nur zu dem ideologischen Überbau der jeweiligen Klassenkämpfe gehört, so liegt der Zusammenhang völlig klar da. Shakespeare war kein höfischer, indessen noch viel weniger ein bürgerlicher Dichter; er hat wohl gelegentlich in seinem Heinrich VIII. dem Hofe gehuldigt, aber wenn er einen Bürgermeister von London auftreten läßt, so zeigt er ihn unwandelbar in lächerlichem oder verächtlichem Lichte. Begreiflich genug, denn die Puritaner haßten unbarmherzig das Theater, und der Hof gewährte ihm einen gewissen Schutz. Dagegen fand es seine wahren Wurzeln in einer aristokratischen, aber kräftigen und männlichen Jugend, die in einer mächtig aufstrebenden Zeit, bei einem weltweit sich öffnenden Horizonte trotz alledem noch die führende Klasse eines großen Volkes war.[Anmerkung 64]

Aus Shakespeares Trauerspielen tönte die Brandung der See, während in Corneilles Tragödien die Wasserkünste von Versailles rauschten, allein was sollte Shakespeares Muster für Deutschland, dessen Aristokratie geistig und körperlich gleich verkommen war? So wies Lessing für das Schau- und Trauerspiel unbeirrt auf das bürgerliche Drama der Engländer und Franzosen hin. Aber das französische Lustspiel war dem englischen um so viel mehr überlegen, als in ihm die bürgerliche Opposition, die in England längst ihr Parlament und ihre Presse besaß, noch ihre ganze geistige Kraft zusammenfaßte. Shakespeares Lustspiele nun gar bewegten sich, eben wegen der feindlichen Stellung des Dichters zu den bürgerlichen Klassen seiner Zeit, in einer feen- und märchenhaften, mindestens in einer abenteuerlich-romantischen Welt – mit einer einzigen Ausnahme, den Weibern von Windsor. In dieser schwachen Komödie, aber weltgeschichtlichen Satire schilderte Shakespeare den verlumpten Ritter, der sich schon von den Weibern des Bürgertums prellen lassen muß, aber was sollte dies Muster wiederum dem deutschen Bürgertum, dessen Weiber in ihrer großen Masse noch immer keine höhere Ehre kannten, als von verlumpten Despoten geprellt zu werden?[Anmerkung 65]

Shakespeare hat die Weiber von Windsor schwerlich als historische Satire schreiben wollen; es wäre das einzige Mal gewesen, daß er die Ritterschaft zu Ehren des Bürgertums verhöhnt hätte, und nach einer alten Sage soll sein einziges bürgerliches Lustspiel durch einen sehr harmlosen Anlaß entstanden sein, durch den Wunsch der Königin Elisabeth, den wackeren Sir John auch einmal als Liebhaber zu sehen. Aber der Dichter denkt und die Zeit lenkt; als Lessing 1757 in Leipzig den ersten Plan zu seiner bürgerlichen Virginia, zur Emilia Galotti faßte, ahnte er wenig, welche furchtbare Satire auf die deutschen Zustände des achtzehnten Jahrhunderts die Nachwelt in der Katastrophe seines dramatischen Meisterstücks erblicken würde, in der flehentlichen Bitte der Tochter an den eigenen Vater, sie zu morden, da sie ihr Blut, ihre Sinne fürchte im Kampfe mit den lüsternen Bewerbungen des Despoten, der eben an der Schwelle des Altars durch feigen Meuchelmord den Geliebten ihres Herzens hatte morden lassen. Es ist die Achillesferse des Trauerspiels, die der Dichter schon mit Unbehagen erkannte und die mißgünstige Krittler von jeher verspottet, aber auch sachliche Kritiker von jeher getadelt haben. Sie ist nun einmal nicht zu beseitigen, auch nicht durch die wohlwollende Auslegung Goethes, die vielmehr der ganzen Tragödie den Rücken bricht, es sei nur nicht deutlich genug ausgesprochen, daß Emilia den Prinzen heimlich liebe. Wenn Emilia den Prinzen heimlich liebte, dann wäre der alte Odoardo kein tragischer Held; dann tötete er die Tochter, um ihre anatomische Unschuld zu sichern oder den Prinzen um seine sichere Beute zu betrügen, und Lessing läßt ihn wohlweislich in seinem letzten Monologe sagen, daß, wenn das Pärchen einverstanden wäre, die Tochter nicht wert sein würde, vom Dolche des Vaters zu fallen. Nein, Emilia liebt den Prinzen nicht, soll ihn nach des Dichters Absicht nicht lieben, aber daß sie und ihr Vater dennoch vor der Despotenwillkür und – der eigenen Fürstenfürchtigkeit keine Rettung wissen als den Mord der Tochter durch den Vater, das ist jenes Gräßliche, das weder Furcht noch Mitleid erregen und das, wie Lessing im 79. Stück der Dramaturgie an der Hand von Aristoteles so überzeugend auseinandergesetzt hat, keine tragische Wirkung haben kann, auch wenn es in der Geschichte begründet ist.

Tragisch läßt sich der Ausgang der Emilia nicht begründen, und zwar deshalb nicht, weil er sich historisch nur allzugut begründen läßt. Darin haben all die berühmten Kritiker von Friedrich Schlegel bis zu Friedrich Vischer entschieden unrecht, daß sie die Emilia vom historischen Standpunkt anfechten als die künstliche Übertragung einer Tat rauher Römertugend in moderne Zustände. Mit Recht hat schon Stahr hervorgehoben, daß Lessing aus des römischen Historikers bekannter Erzählung von der Virginia nichts entnommen habe als die Tatsache, daß ein Vater seine Tochter töte, um ihre jungfräuliche Ehre vor der Vergewaltigung eines Tyrannen zu retten. Oder noch genauer: In der berühmten Erzählung des Livius erkannte der junge Lessing zuerst die empörendste und erschütterndste Begleiterscheinung der sozialen Unterdrückung, die Vergewaltigung der jungfräulichen Ehre, die im achtzehnten Jahrhundert so modern war wie vor zweitausend Jahren, wie sie heute noch ist und wie sie immer sein wird, solange soziale Unterdrückung besteht. Lessing bewährte seinen sozialen Scharfblick, wenn ihm jenes tragische Moment in seiner weltgeschichtlichen Allgemeinheit unendlich viel bedeutsamer erschien als der einzelne Fall, der den zufälligen Anstoß zu einer politischen Umwälzung gegeben hatte. Eine »bürgerliche Virginia« wollte er schreiben, weil »das Schicksal einer Tochter, die von ihrem Vater umgebracht wird, dem ihre Tugend werter ist als ihr Leben, für sich schon tragisch genug und fähig genug ist, die ganze Seele zu erschüttern, wenn auch gleich kein Umsturz der ganzen Staatsverfassung darauf folgte«. Lessing verflachte den Fall der Virginia nicht, wie Dühring behauptet, sondern er vertiefte ihn.

Ein bürgerlicher Dichter, der im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts eine bürgerliche Virginia schreiben wollte, mußte denn nun freilich wohl um einen tragisch versöhnenden Ausgang verlegen sein. Hatte doch eben erst in Lessings sächsischer Heimat ein adliges Haus seiner Tochter ein Hochzeitsfest ausgerichtet, weil der angestammte Despot sie zu einer seiner Mätressen erkor. Auf deutschem Boden wuchs weder eine Emilia noch ein Odoardo; hier forderte das vielleicht tragischeste Motiv der Weltgeschichte viel eher einen Aristophanes als einen Sophokles heraus. Aber Lessing hätte nicht der Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen sein müssen, um über ihre Schmach nicht viel mehr zürnen als spotten zu sollen. So mußte er, um die psychologischen Voraussetzungen seiner Fabel zu retten, die Handlung aus der langweilig-liederlichen Philisterwelt des Vaterlandes in das heißblütigere Volk zurückverlegen, aus dem. die römische Virginia entsprossen war. Indessen die sozialen Lebensformen sind unter sonst gleichen Voraussetzungen niemals an die nationalen Schlagbäume gebunden; in dem zersplitterten Italien herrschte der Duodezdespotismus nicht minder als in dem zersplitterten Deutschland. Unter feineren und gebildeteren Formen gewiß, dank der alten Kultur des Landes, wie denn der Prinz von Guastalla und sein Kammerherr Marinelli noch ungleich andere Leute sind als der durchschnittliche deutsche Landesvater und sein Hofmarschall Kalb. Aber im Wesen der Sache blieb der Duodezdespotismus überall, was er war und was er sein mußte; eine Sühne für seine grotesk-schaurigen Schandtaten gab es nicht, und so anfechtbar immer die Tragik der Emilia erscheint, sie wurzelte in der ökonomischen Struktur der Gesellschaft, worin Lessings Gestalten leben und weben. Über diese Schranke konnte der Dichter nicht hinaus.

In jeder Faser ist Emilia Galotti von zeitgenössischem Geiste durchtränkt. Und wenn Vischer meint, sie sei »purer Reflexion« entsprungen, so ist vielmehr Lessing dem Genie niemals so nahegekommen wie in ihr. Gestalten wie die Gräfin Orsina, der Prinz von Guastalla stehen noch heute einsam in unserer dramatischen Literatur. Und ach! mit seinem Herzblute hat Lessing ihnen unsterbliches Leben eingehaucht. Wie oft sollte er selbst noch von dem tragischen Witze der Orsina zehren! Wie treffend, Zug um Zug, hatte er vorahnend in dem Prinzen jenen fürstlichen Buben gezeichnet, der ihm selbst das letzte Jahrzehnt seines Lebens zur marternden Folter machen sollte! Die namhaften Zeitgenossen verstanden sofort den sozialen Gehalt der Tragödie. Herder nannte den Verfasser einen »ganzen Mann« und wollte der Emilia das Motto: Discite moniti! vorgesetzt wissen; Goethe sah in ihr den »entscheidenden Schritt zur sittlich erregten Opposition gegen die tyrannische Willkürherrschaft«, und noch in späten Jahren pries er sie als ein vortreffliches Werk, ein Stück voller Verstand, voll Weisheit, voll tiefer Blicke in die Welt, das überhaupt eine ungeheure Kultur ausspreche, »gegen die wir jetzt schon wieder Barbaren« sind, und das zu jeder Zeit als neu erscheinen müsse.

Emilia Galotti war die Tat zu den Gedanken der Dramaturgie; sie gehört in die Hamburger Zeit Lessings, obschon ihr erster Entwurf bis 1757 zurückreicht und ihre Veröffentlichung erst in das Jahr 1772 fällt. Ein halbes Menschenalter hat sich Lessing mit dem Stoffe getragen und – soviel Arbeit um ein Leichentuch! Einzelne begeisterte Rufe begrüßten das Werk, aber die große Masse der deutschen Philister, der platte Unverstand der Berliner Clique voran, blieb kühl oder stumm, und Lessing erklärte bald, er gebe sich alle Mühe, das Stück zu vergessen. Sogar Herder und Goethe haben mit ihrer Anerkennung geschwankt, haben gelegentlich auch wieder sehr abfällige Urteile über die Emilia gefällt. Überaus merkwürdig ist Schillers Stellung zu dem Trauerspiele. Zur Zeit seines Verkehrs mit Goethe hegte er nach dessen Zeugnis einen ausgesprochenen Widerwillen gegen die Emilia, und doch fußen auf ihr seine revolutionären Jugenddramen, wie schon Jakob Grimm hervorgehoben hat, bis auf einzelne Charaktere und Motive, ja einzelne Redewendungen. In dieser wechselnden Stellung Schillers zur Emilia spiegelt sich ein entscheidender Rückschritt unserer klassischen Literatur, ohne daß damit ein persönlicher Vorwurf gegen Schiller verbunden werden darf. Er hat brav gehungert, so brav, daß er nur eben nicht verhungerte, und wenn wir ihm aufrichtigen Dank wissen müssen, daß er doch lieber nicht zu Ehren des deutschen Philisters verhungern, sondern ein bei alledem herrliches Bruchstück seines Genius der Nachwelt retten wollte, so müssen wir uns auch bescheiden, daß aus dem Dichter von »Kabale und Liebe« der Dichter des »Don Carlos« wurde.[Anmerkung 66]

Je einsamer es um Lessing wurde, um so stärker wucherte das Cliquenwesen in der deutschen Literatur auf. Vor allem im Preußischen. Der Literaturclique in Berlin trat eine andere in Halle gegenüber, der »Allgemeinen Bibliothek« von Nicolai die »Deutsche Bibliothek« des Geheimbderats Klotz. Anfangs waren Nicolai und Klotz gute Freunde, dann kamen sie auseinander, nicht um ernste Fragen, sondern weil der eine den andern schlecht rezensiert hatte oder der andere von dem einen sich für schlecht rezensiert hielt. In diesen Quark sich zu mischen, hat heute gar kein Interesse mehr. Lessing stand dem einen so fern wie dem anderen, aber während der kritische Diktator von Berlin die Tatze des Löwen kannte und mit sauersüßer Miene um sie scharwenzelte, war der kritische Diktator von Halle unklug genug, den Löwen erst in seinem Katzenwinkel schmeicheln zu wollen und, als er damit abblitzte, ihn dreist an der Mähne zu zupfen. Lessing war nun gerade in der Laune, sich von dem akademischen Scharlatan der ersten preußischen Universität, einem Nichtswisser und Streber, der es ebendeshalb zu der vielleicht glänzendsten Stellung gebracht hatte, die je ein Universitätslehrer unter dem König Friedrich bekleidet hat, hudeln zu lassen. Auf die hämischen und sinnlosen Glossen, mit denen Klotz den Laokoon angefallen hatte, antwortete er mit den Antiquarischen Briefen. Über die eigentlichen darin verhandelten Streitfragen brauchen wir nicht günstiger zu urteilen, als Lessing selbst urteilte, wenn er schrieb: »Es läßt sich doch bei dem Bettel zu wenig denken, als daß man nicht manchmal auf sich selbst darüber ärgerlich werden sollte.« Der größte Teil der Antiquarischen Briefe ist heute nicht mehr zu lesen. Der bleibende Gewinn des Streites sind neben der schönen Abhandlung: Wie die Alten den Tod gebildet, die ihm wenigstens mittelbar ihr Dasein verdankt, die sieben letzten Briefe des zweiten Teils. Hier zeichnet Lessing das Treiben der Klotzischen Clique mit meisterhaften Zügen, mit Zügen, die typisch geworden sind für das Treiben jeder literarischen Clique. Sein furchtbares Strafgericht vernichtete wohl den Klotz, aber – den Klotzianismus hat er nicht vernichtet, sondern nur klassisch geschildert.

Lessing selbst hatte davon schon wenigstens eine Ahnung. Er fühlte, wie allein er stand; er schrieb die berühmten Worte: »Ich bin wahrlich nur eine Mühle und kein Riese. Da stehe ich auf meinem Platze, ganz außer dem Dorfe, auf einem Sandhügel allein und komme zu niemandem und helfe niemandem und lasse mir von niemandem helfen. Wenn ich meinen Steinen etwas aufzuschütten habe, so mahle ich es ab, es mag sein, mit welchem Winde es will. Alle zweiunddreißig Winde sind meine Freunde. Von der ganzen weiten Atmosphäre verlange ich nicht einen Fingerbreit mehr, als gerade meine Flügel zu ihrem Umlaufe brauchen. Nur diesen Umlauf lasse man ihnen frei. Mücken können dazwischen hinschwärmen, aber mutwillige Buben müssen nicht alle Augenblicke sich darunter durchjagen wollen; noch weniger muß sie eine Hand hemmen wollen, die nicht stärker ist als der Wind, der mich umtreibt. Wen meine Flügel mit in die Luft schleudern, der hat es sich selbst zuzuschreiben. Auch kann ich ihn nicht sanfter niedersetzen, als er fällt.« So war es. Klotz fiel und brach alle Rippen, aber der Klotzianismus ließ die Mühle auf ihrem einsamen Sandhügel stehen und rottete sich um so fester zusammen. Die schönen Geister in Deutschland stöhnten über Lessings Grobheit, wovon sich noch in Goethes »Dichtung und Wahrheit« ein häßlicher Nachklang findet; die Clique von Berlin seufzte in stillem Mitleid mit der Clique von Halle; der berühmte Philolog Reiske beglückwünschte zwar brieflich den »großen Lessing«, aber mit dem naiven Zusätze, er dünke sich zu gut, seine Hände mit so unedlem Blute zu besudeln, und wenn Herder auch gegen Klotz vorging, so geschah es anonym und in so kläglicher Weise, daß diese Bundesgenossenschaft eher den Angreifer bloßstellte als den Angegriffenen.

Was Lessing ahnte, erkennen wir heute klar. Solange die bürgerlichen Klassen kein politisches Selbstbewußtsein haben, muß ihre Literatur immer in Cliquenwesen ausarten; sie muß es um so mehr, je stärker die bürgerliche Politik in kapitalistischer Interessenwirtschaft verseucht. Lessing gegen Klotz, Goethe und Schiller in den »Xenien«, Platens und Heines literarische Kämpfe bis herab auf Lassalles Pamphlet gegen Julian Schmidt – luftreinigende Gewitter in der Tat, aber was hilft die augenblickliche Reinigung der Luft, wenn der stagnierende Sumpf bleibt, der die Luft sofort mit neuen Miasmen schwängert? Der Klotzianismus ist niemals ausgestorben und wuchert heute ärger als je in den bürgerlichen Klassen dank der bürgerlichen Dummheit und Feigheit, die Lessing schon im Kampfe gegen Klotz verließ und verriet, wie sie alle, die nach ihm kamen, verlassen und verraten hat, einfach weil sie sich selbst umbringen müßte, wenn sie den Klotzianismus töten wollte.

So war in Hamburg der Boden unter Lessings Füßen verschwunden. Das Nationaltheater war aufgeflogen; eine Buchhandlung, die er mit seinem Freunde Bode gegründet hatte, war am Nachdrucke, dieser herrlichen Blüte der deutschen Fürstenherrlichkeit, untergegangen und eben hieran auch die Dramaturgie. Nunmehr gedachte Lessing dies angenehme und dankbare Vaterland zu verlassen. Seit dem Herbste des Jahres 1768 betrieb er den Plan seiner Übersiedlung nach Italien, und niemand machte Miene, ihn zu halten. Nicolai sah die »Gründe vollkommen« ein und kicherte zwischen den Zeilen ein vergnügtes: Glück auf die Reise! Der großen Masse der bürgerlichen Klassen gab der drohende Verlust ihres ersten Mannes nur willkommenen Stoff zu eifrigem Klatschen darüber, daß Lessing der Nachfolger des ein paar Monate früher in Triest ermordeten Winckelmann werden wolle. Über dieses elende Geschwätz scheint sich Lessing mehr geärgert zu haben, als sich lohnte. Er hatte Winckelmanns Tod mit dem schönen Worte betrauert, daß er ihm gern ein paar Jahre von seinem Leben geschenkt haben würde, freilich auch hinzugesetzt: »Das kommt aber daraus, wenn man Kaiser besucht und Schätze sammeln will.« Noch bitterer läßt er sich unter dem Eindruck jenes Klatsches über Winckelmanns Klientelschaft bei dem Kardinal Albani aus, als Slosch ihm durch Nicolai Empfehlungsschreiben nach Rom anbieten ließ. Er denkt keinen Gebrauch davon zu machen; »was ich zu sehen und wie ich zu leben gedenke, das kann ich ohne Kardinäle«. Aber der italienische Reiseplan zerschlug sich, und Lessing ging als Bibliothekar nach Wolfenbüttel. Einige Freunde in Braunschweig hatten sich endlich doch aufgerafft und ihm dies Angebot vermittelt. Was ihn bewog, es anzunehmen, läßt sich nicht mehr mit völliger Sicherheit feststellen. Doch ist die Annahme gestattet, daß die Liebe zu Frau Eva König, seiner späteren Gattin, das entscheidende Gewicht in die Waagschale geworfen hat. Zwar lebte ihr Gatte noch, als Lessing schon mit Braunschweig abgeschlossen hatte, aber er zögerte und zögerte mit der Übersiedlung, und erst als Eva Königs Hand durch den Tod ihres Gatten frei geworden war, tat er den verhängnisvollen Schritt.

IX. Die Leidensjahre in Wolfenbüttel

Lessing zählte bereits über vierzig Jahre, als er in die Dienste des Herzogs von Braunschweig trat. Über zwanzig Jahre hatte er dem deutschen Jammer eine unabhängige Stellung abzuringen gesucht, ehe er den stolzen Nacken unter ein fürstliches Joch beugte. Aber obgleich es mehr geschah, um einer geliebten und unglücklichen, an Charakter und Geist ihm ebenbürtigen Frau als um sich selbst ein Stückchen häuslichen Glücks zu retten, so lag doch darin, daß dieser geborene Kämpfer sich einmal nach der beschaulichen Ruhe des deutschen Philisters sehnte, die tragische Verkettung seines Lebens. Der »alte Sperling auf dem Dache« wurde ein Vogel im Käfige; zuckend in wilder Qual mußte er fürstlicher Tücke stillehalten, und das ersehnte Glück streifte ihn in grausamer Ironie nur »wie ein Sonnenstrahl, der den Fittich eines vorüberfliegenden Vogels vergoldet«. Lessing litt für seine Größe, wie Heine sagt, und Lessing selbst hat in der düstersten Stunde seines Lebens seine Schuld wie sein Schicksal in die bitteren Worte gekleidet: »Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen.« Sein Leben in Wolfenbüttel war ein langsames Sterben, ein Todeskampf von elf Jahren; es ist jammervoll zu sehen, wie diese unverwüstliche Kraft von dem Elend der deutschen Zustände allmählich zerrieben wird, und es ist auch wieder erhebend zu sehen, wie glorreich sie den hoffnungslosen Kampf bis zum letzten Ende kämpft.

Wolfenbüttel war eine Kleinstadt von ein paar Tausend Einwohnern, mit einigen melancholischen Überresten ehemaliger Hofherrlichkeit, ungesund gelegen, ohne alle geistigen Anregungen bis auf die altberühmte Bibliothek selbst. Die paar Bürokraten und Geistlichen, die sich in die Bevölkerung von kleinen Ackerhauern und Handwerkern mischten, waren kaum zu rechnen. Zum mindesten nicht für Lessing, dessen Ansprüche an Menschen- und Weltverkehr selbst in Städten wie Breslau, Berlin, Hamburg nicht befriedigt worden waren und nun in Wolfenbüttel die grausamste Enttäuschung erfuhren. Im Laokoon hatte er es einen »großen, vortrefflichen Sinn« genannt, wenn dem Philoktet des Sophokles die Gesellschaft von Bösewichtern lieber gewesen wäre als gar keine; nun schreibt er an Gleim: »Besser ist, unter noch so bösen Menschen leben als fern von allen Menschen. Besser ist, sich vom Sturm in den ersten besten Hafen werfen lassen, als in einer Meerstille mitten auf der See verschmachten.« Seine Briefe an Eva König und seinen Bruder Karl quellen über von ähnlichen wilden Ausbrüchen einer Verzweiflung, deren schärfster Stachel dann freilich von der Hand eines bösen Menschen gespitzt worden war.

Denn das war der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Er vornehmlich hatte Lessings Übersiedlung nach Wolfenbüttel betriebenem das braunschweigische Ländchen mit dem Namen des ersten deutschen Schriftstellers zu schmücken. Gerade gebildet genug, um zu verstehen, wer Lessing war, empfand er um so stärker den despotischen Kitzel, den freiesten Geist von Deutschland zu martern. Er war ein Neffe Friedrichs II. und wollte gar gerne nach dessen Muster den aufgeklärten Despoten spielen. Aber Neffe und Oheim glichen sich doch nur wie Jena und Roßbach. So in der jämmerlichsten Französelei ertrunken war Friedrich lange nicht, um sich wie der Erbprinz an seiner eigenen Tafel sagen zu lassen: »Seltsam, gnädiger Herr, Sie sind der einzige Fremde unter uns.« Und vor allem einer Infamie wie des massenhaften Verkaufs von Landeskindern war Friedrich völlig unfähig; gegenüber solchen Schurkereien des deutschen Duodezdespotismus stand der preußische König allerdings in einer Reihe mit den Großen unserer klassischen Literatur. Und kein ärgerer Fleck haftet auf der höfischen Geschichtsschreibung, wie sie heute an den deutschen Bibliotheken und Universitäten ihr unholdes Wesen treibt, als daß sie selbst diesen niederträchtigsten Fürstenfrevel, von dem die Weltgeschichte zu erzählen weiß, zu beschönigen sucht.

Dreimal hat der Erbprinz und spätere Herzog Karl Wilhelm Ferdinand seinen Menschenschacher getrieben. Im Jahre 1776 verkaufte er 4300 Mann an England für den Krieg mit den amerikanischen Kolonien, im Jahre 1788 3000 Mann an die niederländischen Generalstaaten, im Jahre 1795 wieder an England 1900 Mann. Verweilen wir ein wenig ausführlicher nur bei den ersten und berüchtigtsten dieser, wie Herr Erich Schmidt sagt, »Finanzreformen«! Am 9. Januar 1776 schloß der englische Oberst William Faucit mit dem braunschweigischen Minister Feronce den Vertrag ab, wonach der Herzog von Braunschweig sich verbindlich machte, ein Korps von insgesamt 4300 Mann Infanterie und leichter Kavallerie zur Verfügung der englischen Regierung zu stellen, wogegen sich diese zu einer Subsidie verpflichtete, die vom Tage der Unterzeichnung des Vertrages beginnen und einfach sein, das heißt auf 64 500 deutsche Taler jährlich steigen sollte, solange die Truppen den englischen Sold genossen. Von der Zeit an, wo die Truppen aufhörten, den Sold zu beziehen, sollte die Subsidie verdoppelt werden und also auf 129 000 Taler steigen, und diese doppelte Subsidie sollte zwei Jahre nach der Rückkehr der Truppen nach Deutschland fortdauern. Ferner erhielt der Herzog für jeden Mann ein jährliches Werbegeld von 30 Talern und als Entschädigung, für jeden Getöteten 40 Taler, endlich ebensoviel für je drei Verwundete.[65]

Die verkauften Truppen kämpften über sieben Jahre in Amerika. Sie erhielten aus Braunschweig jährlich Nachschub an Ersatzmannschaften, und zwar stellt sich die Rechnung so:

Braunschweig verkaufte im Jahre 1776 4300 Mann
Ersatzmannschaften im März 1777 224
" " April 1778 475
" " April 1779 286
" " Mai 1780 266
" " April 1782 172
_________
5723 Mann
Davon kehrten im Herbste 1783 zurück 2708 Mann
Also Verlust 3015 Mann

Indessen würde man Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig allzu hoch taxieren, wenn man annehmen wollte, daß diese 3015 von ihm gemordeten Landeskinder alle auf dem Schlachtfelde geblieben seien. Der elende Bube befahl vielmehr, die Krüppel und Verwundeten hilflos in Amerika zurückzulassen. Er schlug also für seine Wollüste einen dreifachen Profit aus diesen unglücklichen Menschen: Erst verkaufte er ihren gesunden Leib, dann ließ er sich für ihren verletzten Leib entschädigen, und endlich sparte er Invalidensold, indem er die Erwerbsunfähigen in der Fremde verkommen ließ. Was Wunder, daß er bei dieser glorreichen »Finanzreform« über fünf Millionen Taler Bargewinn einstrich.

Schlözer, Staatsanzeigen, 6, 421. Vergleiche ferner den Artikel: Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig in der Allgemeinen deutschen Biographie, 15, 272 ff. Schlözer gibt nach urkundlichen Quellen den Gesamtprofit des Herzogs auf 780 000 Pfund Sterling an.

Und alle diese Scheußlichkeiten, zu deren gebührender Kennzeichnung nicht einmal der unparlamentarische Sprachschatz ausreicht, werden heutzutage von willigen Federn einer sogenannten »Wissenschaft« beschönigt! Fast noch eifriger als von dem Lessing-Biographen Erich Schmidt beschönigt von Lessings Nachfolger an der Bibliothek von Wolfenbüttel, von Herrn O. v. Heinemann. »Solche Subsidienverträge«, schreibt dieser kundige Thebaner, »waren damals nichts Ungewöhnliches und erregten keineswegs den Abscheu, den man ihnen später hat zuschreiben wollen.«[66]

Nichts Ungewöhnliches, freilich nicht, denn der Menschenschacher war ja die ökonomische Grundlage des deutschen Duodezdespotismus, aber was den Abscheu anbetrifft? Kennt der Bibliothekar von Wolfenbüttel denn wirklich nicht König Friedrichs Schriften? Oder kennt er nicht Schillers »Kabale und Liebe«? Oder kennt er nicht Schubarts herrliches Lied: Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark? Oder kennt er nicht Herders wuchtige Verse:

»Sie sind in ihrer Herren Dienst

So hündisch treu, sie lassen willig sich

Zum Mississippi und Ohiostrom,

Nach Kanada und nach dem Mohrenfel

Verkaufen. Stirbt der Sklave, streicht der Herr

Den Sold ein, doch die Witwe darbt,

Die Waisen ziehn den Pflug und hungern. Nun,

Das schadet nicht, der Fürst braucht einen Schatz.«

Oder kennt der Bibliothekar von Wolfenbüttel nicht die Verhandlungen des englischen Parlaments über den von ihm beschönigten Menschenschacher? Führen wir nur zwei Stimmen daraus an! Der Herzog von Richmond erklärte 1776 im Oberhause, daß, wenn der Vertrag mit den deutschen Fürsten von gegenseitiger Hilfeleistung und Bundesgenossenschaft spreche, dies lediglich Redensarten seien. Seinem Wesen nach sei der Vertrag nichts anderes als ein schändlicher Handel um Mietsknechte, die gleich soundso viel Stück Vieh auf die Schlachtbank geführt werden sollten. Kein anderes Interesse verbinde die beiden abschließenden Teile als die bare Zahlung von Geld. Und im Unterhause setzte Lord Irnham auseinander, die deutschen Fürsten seien nicht befugt, solche Verträge abzuschließen. Sie seien dem Kaiser Gehorsam schuldig und hätten keineswegs das Recht, ihr Land einer Sache zuliebe zu entvölkern, die mit dem Reiche nicht das geringste zu tun habe, dagegen das Reich in den Augen der Menschen verächtlich machen müsse als eine Pflanzschule von Menschen, die zur Aufrechterhaltung der Willkür vermietet würden. Weiß der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel wirklich gar nichts von allen diesen Kundgebungen?

Oder kennt er nur allein aus der ganzen zeitgenössischen Literatur die einsame Stimme des charakterlosen Speichelleckers Johannes v. Müller, der, als er 1781 Professor in Kassel geworden war, in seiner Antrittsrede den Menschenhandel seines nunmehrigen Landesvaters zu verteidigen die dreiste Stirne besaß? Aber dann sollte der Bibliothekar von Wolfenbüttel doch auch wissen, daß Müller schon in den »Dornenstücken«, einer der Entgegnungen auf Goethes und Schillers »Xenien«, also keineswegs aus den höchsten Schichten der damaligen Literatur, die grobe und treffende Abfertigung erhielt:

»Wer kann es sehn und hören, wie noch stets

Der Dienst- und Menschenhandel bei uns gilt,

Und selbst ein Schweizer diese Schandtat frech

Mit Redefloskeln zu bedecken sucht!«

Nein, wie tief gesunken das deutsche Bürgertum in seiner Masse vor hundert Jahren auch noch immer war: In den bodenlosen Abgrund der Speichelleckerei, worin seine heutige »Wissenschaft« sich wälzt, war es noch lange, lange nicht gefallen.

Der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel sagt nun aber weiter, die verkauften Truppen hätten nicht aus Landeskindern bestanden, sondern aus allerlei fremdem Gesindel, denen die Gefühle und Gesinnungen, die man ihnen heute zuschreibe, ganz fremd gewesen seien. Natürlich! Als die von dem hohenzollernschen Markgrafen von Ansbach verkauften Truppen bei ihrer Verschleppung in Ochsenfurt meuterten und ihr Kriegsherr höchst eigenhändig die Büchse auf sie anlegte, da waren Vater und Kinder gegenseitig von den zärtlichsten »Gefühlen und Gesinnungen« gegeneinander beseelt. Und nun gar der Herzog von Braunschweig ließ die Truppen, die er an England vermietete, erst in den entlegensten Ecken und Enden der Welt anwerben; lieber ließ er seinen Blutprofit in den Rauchfang gehen, ehe er einem braunschweigischen Landeskinde ein Haar krümmte; nächstens wird der Bibliothekar von Wolfenbüttel wohl auch noch das prächtige Invalidenhotel entdecken, das der Herzog den auf seinen Befehl in Amerika zurückgelassenen Krüppeln und Lahmen in New York erbauen ließ. Stellen wir einem solchen Gesalbader der bürgerlichen »Wissenschaft« einfach die klare Schilderung eines ehrlichen Soldaten gegenüber! Jahns schreibt über diesen Menschenschacher:

»Die Haustruppen stellten die eigentliche Waffenmacht der deutschen Stände dar; ihr Reichskontingent aber setzten diese seltener aus jenen regulären Abteilungen zusammen als vielmehr aus der ›Miliz‹, dem ungeübten, bürgerwehrartigen Aufgebote. Was aber noch schlimmer und schändlicher erscheint, das ist der Umstand, daß die stehenden Truppenkörper, anstatt vaterländischen Interessen dienstbar zu werden, nur allzubald von Fürsten und Landständen als Gegenstand der Geldspekulation betrachtet wurden. Während das Reich sich mit den jämmerlichen Kontingenten behelfen mußte, seine Armee zum Spott Europas ward, wurden die guten stehenden Truppen fremden Interessen dienstbar gemacht: Der Soldatenhandel nahm gerade in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts seinen höchsten Aufschwung.

Die teils freiwillig geworbenen, teils in empörender Weise gepreßten, teils aus ›kantonpflichtigen‹ Landeskindern zusammengesetzten Regimenter wurden von Sachsen, von Hessen-Kassel, von Braunschweig, von Ansbach und Bayreuth, von Anhalt, von Hanau, von Waldeck, von Württemberg für sogenannte ›Subsidien‹ an Venedig, Dänemark, England oder Holland vermietet, um in Morea oder Schottland, in Kanada, am Kap der Guten Hoffnung oder in Indien zu fechten und zu sterben. Es ist Spiegelfechterei, wenn man zugunsten dieses Verhallens vorgibt: Hessen-Kassel habe in Amerika für die Ruhe des protestantischen Europa gekämpft, die durch den Abfall der Neu-Engländer bedroht gewesen sei. Für welches Ideal fochten dann die von Venedig geworbenen Sachsen im Peloponnes oder die den Holländern vermieteten Schwaben ›im heißen Afrika‹? Man überlasse doch solche Beschönigungen den Franzosen, die ja bekanntlich stets combattent pour une idée.«

Das ist ganz wacker gesprochen, und nur den Hieb gegen die Franzosen hätte sich Jahns sparen können; die Zeiten, da wir Deutsche hochmütig auf französische Geschichtsklitterungen herabsehen durften, sind längst vorbei, wenn sie überhaupt jemals waren.[67]

Endlich hat der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel noch einen Trost. Er behauptet, die englischen Subsidien seien in Braunschweig »einzig und allein« zur Abzahlung der »erdrückenden Landesschuld« von fast zwölf Millionen Taler verwandt worden; nichts davon sei, »soviel man wisse«, in die herzoglichen Kassen geflossen. Nun war die »erdrückende Landesschuld« durch die wahnsinnige Wirtschaft des Hofes entstanden, und es wäre an sich schon ein mäßiges Verdienst, sie durch die Verschacherung der Bevölkerung wieder zu tilgen. Aber davon abgesehen – es ist doch merkwürdig, daß ein Geschichtsschreiber, dem die braunschweigischen Archive offenstanden, in demselben Atemzuge erst mit »einzig und allein« bekräftigt und dann vorsichtigerweise mit »soviel man wisse« abschwächt. Die Lösung dieses Rätsels findet man in einem andern bürgerlichen Schriftsteller, in Sybels »Geschichte der Revolutionszeit«. Sybel hat gleichfalls Zutritt zu den braunschweigischen Archiven gehabt und stellt aus den Akten namentlich der Kammerkasse fest, daß die knauserige Finanzkunst des Herzogs durch Unterlassung auch der nötigen Ausgaben der Zukunft des Landes geschadet habe; er fügt hinzu: »Sparsamkeit war sein einziges Mittel; die amerikanischen Subsidien spielten eine geringe Rolle bei der Schuldentilgung.«[68]

Und doch wäre mit den mehr als fünf Millionen Talern Subsidien etwa die Hälfte der »erdrückenden Landesschuld« zu tilgen gewesen. Man kann übrigens an diesem Beispiele sehen, was es mit der Zuverlässigkeit der vielgefeierten »archivalischen« Geschichtsschreibung auf sich hat. Heinemann erwähnt den Subsidienvertrag, aber dafür geht er über die Akten der Kammerkasse mit einer »Spiegelfechterei« hinweg; Sybel erwähnt die Akten der Kammerkasse, aber dafür geht er über den Subsidienvertrag mit einer »Spiegelfechterei« hinweg. Denn wie soll man es anders nennen, wenn er preisend hervorhebt, daß der Herzog von Braunschweig »trotz allen Feldherrnruhms fast keinen Soldaten« gehalten habe? Das war doch abermals ein recht mäßiges Verdienst, denn abgesehen davon, daß ein braunschweigisches Regiment in preußischen Diensten stand, woher sollte der Herzog noch Soldaten für den eigenen Hausbedarf nehmen, wenn er die braunschweigischen Kantonisten bis zu dem ungeheuerlichen Satze von drei bis vier Prozent der Bevölkerung an England und Holland verkaufte? Oder gehört es auch schon zu den unsterblichen Verdiensten dieses Fürsten, daß er Lessing nicht zum Grenadier preßte und vor den Türen seiner Mätressen schildern ließ?

Wir haben die eine Seite in der glorreichen Tätigkeit dieses deutschen Fürsten etwas ausführlicher geschildert, sowohl weil sie im Grunde schon den ganzen Menschen erschöpfend kennzeichnet als auch weil sie symptomatisch für die damaligen Zustände der fürstlichen Klasse ist und von der heutigen Geschichtsschreibung möglichst aus der Welt zu fälschen gesucht wird. Begreiflich genug, daß ein Winkeldespot dieses Schlages sich ohne wirkliches Interesse und Verständnis auf den Beschützer von Kunst und Wissenschaft hinausspielte. In dieser Mäzenatenschaft, in seiner geschlechtlichen Genußsucht, in der sentimentalen Klage, daß Fürsten keine Freunde haben könnten, in der unter gleisnerischen Formen verborgenen Bosheit und Tücke des Charakters war der Erbprinz das freilich sehr vergröberte Ebenbild von Hettore Gonzaga. Und wahrhaftig! man muß es ihm noch als einzige Entschuldigung für seine an Lessing verübten Bubenstreiche anrechnen, daß er sich durch das in Emilia Galotti gezeichnete Despotenbild getroffen fühlte. In Lessings Briefwechsel mit Eva König sind alle seine Nücken und Tücken verzeichnet, und wer angesichts dieser erschütternden Klagen von einer unzeitigen Empfindlichkeit Lessings sprechen kann, der muß allerdings felsenfest von der Überzeugung durchdrungen sein, daß Fußtritte von Despoten immer noch eine Ehre für die Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen sind. So schreibt Lessing am 8. April 1774 an seine Braut: »Bei allem, was heilig ist! wenn ich die ganzen langen vier Monate, in denen ich nicht an Sie geschrieben, einen einzigen vergnügten oder nur ruhigen Tag gehabt hätte, so könnte mir selbst mein Stillschweigen nicht anders als sehr schurkisch vorkommen.« Und dann schreibt er erst wieder am 10. Januar 1775 an sie: »Jawohl, meine Liebe, würde ich selbst nicht begreifen, wie es möglich gewesen, daß ich in so langer Zeit nicht an Sie schreiben können, wenn ich nicht von einem Tage zum andern mich gar wohl zurückerinnern könnte, wie es unterblieben. Vorigen ganzen Sommer habe ich mich mit dem Fieber geschleppt, aber doch hatte das Fieber nur wenig Schuld. Hätte ich Ihnen eine einzige kleine, eben nicht angenehme, nur nicht eben sehr unangenehme Nachricht von mir geben können, so würde ich gerade während dem Fieber die beste Zeit gehabt haben, es zu tun.« Diese und wie viele ähnliche Äußerungen Lessings sollen nun eine Komödie sein, mit der er sich und seine Braut genarrt hat, einzig um den wohlwollenden Absichten des Erbprinzen eins auszuwischen. So hat es Erich Schmidt befohlen, und soweit die Grenzen des deutschen Byzantinismus reichen, wird ihm geglaubt.

Nahe an fünf Jahre hatte Lessing sein Höllendasein in Wolfenbüttel ertragen, er hatte eben seinem Bruder Karl geschrieben, daß er seinen Untergang vor Augen sehe und sich endlich darein ergebe, als er sich im Anfange des Jahres 1775, im Begriff, »im Schlamm zu ersticken«, mit einer letzten Kraftanstrengung losriß. Er ließ sich einige Quartale seines kärglichen Gehalts als Vorschuß zahlen und begab sich auf die Reise namentlich nach Wien, wo seine Braut nach dreijährigem Aufenthalte die verwickelten, ihr aus erster Ehe überkommenen Geschäfte so weit geordnet hatte, daß einer Verbindung der Liebenden wenigstens von ihrer Seite kein wesentliches Hindernis mehr entgegenstand. Eben wollten beide gemeinsam die Rückreise antreten, als sich irgendein braunschweigischer Prinz nach Wien verirrte, den armen Lessing sofort für gute Beute erklärte und als Cicerone mit nach Italien schleppte. Lessing fügte sich darein, da es sich anfangs nur um einen Ausflug nach Oberitalien handeln sollte, aber aus den geplanten acht Wochen wurden es ebenso viele Monate, noch dazu Monate eines plan- und ziellosen Hin- und Herwanderns, und Lessing hat von dieser Erfüllung eines lang ersehnten Wunsches wenig gehabt. Aber wenigstens die Aufnahme, die er in Wien gefunden hatte, konnte ihn einigermaßen für die Leidensjahre in Wolfenbüttel entschädigen; »nie noch ist ein deutscher Gelehrter hier mit solcher Distinktion aufgenommen worden«, schrieb der Staatsrat Gebler. Dem Dichter zu Ehren wurde im kaiserlichen Theater Emilia Galotti aufgeführt, und Lessing, der, nicht ohne eine gewisse Gehässigkeit gegen Voltaire, in der Dramaturgie den Hervorruf der Dichter verspottet hatte, mußte es sich nun gefallen lassen, bei seinem Erscheinen im Theater mit einem brausenden Hoch empfangen zu werden. Maria Theresia und Josef II. wußten besser als Friedrich II., was sich einem Lessing gegenüber schickte; sie empfingen ihn sofort, und ebenso Fürst Kaunitz, der sich lebhaft für Lessing interessierte und ihn noch auf der Rückreise aus Italien zu gewinnen suchte; Lessing selbst schnitt diesen Versuch in etwas brüsker Weise ab. Maria Theresia sprach mit ihm über den Stand von Bildung und Geschmack in den österreichischen Landen; Lessing, der gegenüber liebenswürdigen Damen immer ein galanter Mann war, entschuldigte sich mit seiner Unkenntnis der Zustände, aber die Kaiserin verstand ihn und sagte bekümmert: »Ich weiß wohl, daß es mit dem guten Geschmacke bei uns nicht recht fort will. Ich habe alles getan, was meine Einsichten und Kräfte erlauben, aber oft denke ich, ich sei nur ein Frauenzimmer, und eine Frau kann in solchen Dingen nicht viel ausrichten.« Eine Probe dieses Geschmackes hatte Josef II. bei der ersten Aufführung der Emilia gegeben; er lobte sie sehr mit der Begründung, daß er noch in keinem Trauerspiel so gelacht habe; freilich fehlte dem guten Kaiser jener Schlüssel des Verständnisses für Lessings Trauerspiel, den der Erbprinz von Braunschweig und ähnliche Gesellen in ihrer eigenen Nichtsnutzigkeit besaßen.

Man verzeihe, daß wir uns bei diesen Dingen etwas länger aufgehalten haben. Wir legen ihnen deshalb keinen höheren Wert bei, als sie verdienen und als Lessing selbst ihnen beigelegt hat. Allen Versuchen, ihn nach Wien zu ziehen, hat er widerstanden, nicht zum wenigsten auf Wunsch von Frau Eva, die ihren Lessing und ihr Wien kannte und aus guten Gründen eine dauernde Verbindung zwischen beiden für unmöglich hielt, wenigstens so lange, als »zwei große Augen offenstanden«, so lange, als Maria Theresia lebte, die bei alledem eine bigotte Katholikin war. Aber gegenüber den Bemühungen der preußischen Mythologen von Nicolai bis auf Erich Schmidt, das Kapitel Lessing und Wien ebenso in höhnischer Entstellung zu schreiben wie das Kapitel Lessing und Berlin in schimpflichem Byzantinismus, müssen die Dinge vom Kopfe, auf dem sie stehen, einmal wieder auf die Füße gestellt werden. Demgemäß ist einfach zu sagen, daß Wien sich ebensooft um Lessing bemüht hat, als ihn Berlin von sich zu stoßen für gut befand, daß die Habsburger gegen Lessing mindestens die äußeren Formen der Schicklichkeit ebensogut zu beobachten verstanden, wie die Hohenzollern sie zu vernachlässigen wußten. Auch in Dresden wurde Lessing auf der Rückreise nach Wolfenbüttel vom Hofe und Ministerium mit gebührender Achtung begrüßt. Indessen war dafür gesorgt, daß er deshalb nicht günstiger als bisher von den »Großen« zu denken brauchte. In Wolfenbüttel empfingen ihn neue Schikanen des Erbprinzen, und von Mannheim aus, dem Hofe des Kurfürsten von der Pfalz, wurde mit ihm ein unwürdiges Spiel angezettelt, das, mit lockenden Aussichten auf eine glänzende Berufung anhebend, seinen Namen für den pfälzischen Lokalpatriotismus zu mißbrauchen gedachte, bis Lessing dem Minister Hompesch in einem schneidend groben Briefe den verdienten Fußtritt versetzte. Lessings Erfahrungen mit den deutschen Fürstengeschlechtern stellen sich darnach so: Die Habsburger und daneben auch die Wettiner haben seine Bedeutung so oder so verstanden und geehrt. Die Welfen und die Wittelsbacher haben sie auch verstanden, aber trotzdem oder auch ebendeshalb ist Lessing von ihnen mißhandelt worden. Die Hohenzollern aber haben sie überhaupt nicht verstanden, und es ist ein ganz ausgesuchtes Pech der preußischen Mythologen, daß sie, um Friedrichs »durchdringenden Adlerblick« wenigstens scheinbar auf Lessing lenken zu können, dem Könige eine Mißhandlung andichten müssen, woran er vermutlich sehr unschuldig gewesen ist.[Anmerkung 67]

Im Anfange des Jahres 1776 war Lessing nach Wolfenbüttel zurückgekehrt. Durch ein energisches, an den Erbprinzen gerichtetes Ultimatum schlug er endlich die kümmerliche Gehaltsaufbesserung (von 600 auf 800 Taler) heraus, die ihm die Begründung eines eigenen Hausstandes ermöglichte. Am 8. Oktober desselben Jahres führte er endlich seine Eva heim. Aber schon nach fünfviertel Jahren häuslichen Glücks entriß sie ihm der Tod. Diesen Schlag hat Lessing nicht mehr verwunden; nach drei Jahren des Siechtums, in denen er »das eine Jahr, das er mit einer vernünftigen Frau gelebt hatte, teuer bezahlen« mußte, folgte er der Unvergessenen ins Grab. Aber gerade in den Tagen des höchsten Leids flammte sein Genius noch einmal hell auf. Das Trauerjahr um seine Frau war das klassische Jahr seiner theologischen Kämpfe, das einzige Jahr des Wolfenbütteler Jahrzehnts, in dem Lessing noch einmal er selbst war.

Lessings Aufenthalt in Hamburg hatte ihm die entscheidenden Proben von der Selbstentmannung der bürgerlichen Klassen gegeben. Trug die niederschlagende Erkenntnis dazu bei, ihn nach Wolfenbüttel zu treiben, so machte ihn das Leben in Wolfenbüttel vollends unfähig zu allen Arbeiten, die »eine besondere Heiterkeit des Geistes, eine besondere Anstrengung erforderten«, selbst wenn er zu solchen Arbeiten geneigt gewesen wäre. Aber er war nicht einmal dazu geneigt; das Theater war ihm völlig verleidet, und er dachte nur gelegentlich an seine »antityrannische Tragödie« Spartakus. Seine Abkehr von der schönen Literatur ist vielfach mißverstanden worden. Schien diese Literatur doch gerade in diesem Jahrzehnt einen neuen Aufschwung zu nehmen! Herder und der junge Goethe; die Stürmer und Dränger Klinger, Lenz, Wagner; Bürger und der Hainbund; die unzähligen Fausttragödien, die Shakespearomanie und was sonst in diesen literarhistorischen Zusammenhang gehört. Man ist sogar so weit gegangen, Lessings Stellung zu dem »jungen Deutschland« auf die grämliche Verstimmung des Alters, ja unglaublicherweise auf persönlichen Neid gegen Goethe zurückzuführen. Nun können in der Tat Lessings gelegentliche Urteile über Goethes Erstlinge auf den ersten Blick befremden; es kann auffallen, daß er einen Dichter wie Bürger weder in seinen Briefen noch in seinen Schriften erwähnt, daß er von den jungen Dichtern eigentlich nur für den ihm persönlich nahestehenden und augenscheinlich seinem Vorbilde nacheifernden Leisewitz warme Worte hat. Allein der Schlüssel dieser anscheinenden Rätsel ist einfach wieder in der nun schon so oft hervorgehobenen Tatsache zu suchen, daß Lessing in seinem Tun und Lassen, bewußt oder unbewußt, immer von seinem bürgerlichen Klassenbewußtsein bestimmt wurde, und von diesem Standpunkte aus mußte er den Sturm und Drang der siebziger Jahre als eine bedenkliche Abirrung von dem Wege betrachten, auf dem die bürgerlichen Klassen allein vorwärtskommen konnten.

Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß Lessing in der Dramaturgie die Shakespearomanie so wenig begünstigte, daß er vielmehr vor ihr warnte. Was sollte ihm nun Goethes Götz? Er verkannte das Genie des Dichters durchaus nicht und schrieb seinem Bruder, wenn Ramler das Drama mit französischem Maßstabe messe, so geschehe ihm schon recht, wenn der König Ramlers Oden mit französischen Augen anschaue. Aber Goethe verherrlichte im Götz einen gemeinen Strauchdieb, dessen Name zumeist durch einen bübischen, an den Bauern im Bauernkriege begangenen Verrat in die Jahrbücher der Geschichte gelangt ist, als »einen der edelsten Deutschen«; er wollte das »Andenken eines braven Mannes retten« und verhöhnte um dieses spitzbübischen Ritters willen die Städte und die Bauern; sollte Lessing, der mit gutem Fug verlangt hatte, daß dem Dramatiker die historischen Charaktere heilig sein sollten, und der selbst stets für die Interessen der bürgerlichen Klassen eingetreten war, darüber etwa jubeln? Und ganz ähnlich lag die Sache bei Werthers Leiden. Lessing erkannte den dichterischen Wert des Romans vollkommen an, aber solche »klein-großen, verächtlich-schätzbaren Originale« wie Werther, in dem die bürgerlichen Klassen unter unendlichem Tränengewinsel das Ideal eines Mannes beweinten, konnten ihm ganz und gar nicht imponieren, und er beeilte sich, seinen jungen Freund Jerusalem, den die Mitwelt als das Urbild des Werther betrachtete, durch ein schönes Ehrendenkmal von dem Verdachte einer Wesenseinheit mit dem Geschöpfe des Dichters zu befreien. Nicht mit Neid, aber mit sympathischem Bedauern sah Lessing den begabten Nachwuchs der bürgerlichen Klassen sich von dem richtigen Wege verirren, den er selbst eingeschlagen hatte. Er unterschied sehr wohl zwischen den bürgerlichen Dramen von Lenz und Wagner und den romantischen Ritterstücken Klingers, und wenn Nicolai die Volksdichtung Bürgers durch einen Almanach skurriler Schlemperlieder verhöhnen wollte, so bemerkte Lessing dem Berliner Aufklärer verächtlich, sein ganzer Spaß laufe auf die Vermengung des Pöbels mit dem Volke hinaus. Am nächsten scheint Lessing dem jungen Geschlechte der siebziger Jahre noch in der dramatischen Behandlung der Faustsage zu stehen, mit der auch er sich lange Jahre hindurch beschäftigt hat, allein gerade hier tut sich der feinste sowohl wie tiefste Unterschied zwischen ihm und ihnen auf. Was wir von Lessings dramatischen Faustplänen wissen, läuft auf einen »bürgerlichen« Faust, läuft darauf hinaus, daß Faust von »einem unauslöschlichen Durst nach Wissenschaft und Kenntnis« beseelt ist und daß »der oberste der Teufel« ihn deshalb »sicherer« zu haben glaubt als »bei jeder anderen Leidenschaft«. Allein ein Engel versenkt den wirklichen Faust in einen tiefen Schlummer und schafft an seine Stelle ein Phantom, mit dem die Teufel ihr Spiel treiben. Als sie endlich gewonnen zu haben glauben, ruft ihnen der Engel zu: »Triumphiert nicht, ihr habt nicht über Menschheit und Wissenschaft gesiegt; die Gottheit hat dem Menschen nicht den edelsten der Triebe gegeben, um ihn ewig unglücklich zu machen; was ihr sahet und jetzt zu besitzen glaubt, war nichts als ein Phantom.« Das wäre denn freilich Faust nicht als Tragödie, sondern als Komödie, als anmutige und tiefsinnige Komödie, aber doch immer als Komödie. Allein anders konnte ein so entschlossener und klarer Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen wie Lessing die Legende des Reformationszeitalters gar nicht dramatisch behandeln. Denn daß die Faustsage ebenso im sechzehnten Jahrhundert die Weltlegende wie im achtzehnten Jahrhundert die Welttragödie des deutschen Bürgertums werden konnte, hieß nichts anderes, als daß diese Klasse in dem einen wie in dem anderen Falle ihr Spiel verloren hatte. Wer noch weiß, was er in dieser Welt zu tun hat, verschreibt sich nimmermehr dem Teufel.

Und so war Lessing denn abermals von dem sichersten Klassenbewußtsein geleitet, als er im November 1774 an seinen Bruder schrieb, das Theater habe längst aufgehört, ihn zu interessieren, und dann hinzufügte: »Recht gut, sonst liefe ich wirklich Gefahr, über das theatralische Unwesen (denn wahrlich fängt es nun an, in dieses auszuarten) ärgerlich zu werden und mit Goethe, trotz seinem Genie, worauf er so sehr pocht, anzubinden. Aber davor bewahre mich ja der Himmel! Lieber wollte ich mir mit den Theologen eine kleine Komödie machen, wenn ich Komödie brauchte.« Es liegt eine tiefe Logik in der letzten großen Wendung, die Lessings Lebenskampf dadurch nahm, daß der Bahnbrecher der Goethe und Schiller zum Bahnbrecher der Fichte und Hegel wurde. Die bürgerliche Literaturgeschichte sucht über das, was sie nicht versteht, mit der kindlichen Redensart hinwegzuhüpfen, Lessing habe den Kampf gegen die Orthodoxie aus Pietät gegen seinen orthodoxen Vater bis zu dessen Tode verschoben, der etwa mit Lessings Übersiedlung nach Wolfenbüttel zusammenfiel, dann aber sei er um so schärfer ins Zeug gegangen. Allein ohne uns sonst bei der wunderlichen Unterstellung aufhalten zu wollen, so ist ihre Haltlosigkeit schon dadurch bewiesen, daß Lessing gerade bei Lebzeiten seines Vaters oft genug gegen die Orthodoxie ausgeritten ist und daß er gerade nach dem Tode seines Vaters nicht sowohl mit der Orthodoxie als mit jener traurigen Sorte von »Aufklärung« angebunden hat, die den bürgerlichen Klassen für immer das geistige Rückgrat zu brechen drohte.

X. Lessings letzte Kämpfe

Nirgends ist der Klassenstandpunkt so maßgebend für das Verständnis Lessings wie in den theologischen Fragen, wo er es am wenigsten zu sein scheint. Nichts unrichtiger, als den Schwerpunkt von Lessings letzten Kämpfen in seinen Handel mit dem Hauptpastor Goeze zu legen. Nichts unrichtiger, wenn auch nichts bequemer. Ein Haufe donnernder Schlagworte gegen die lutherische Orthodoxie läßt sich spielend zusammenraspeln; man braucht ja nur die glänzende Polemik zu verwässern, die Lessings Anti-Goezes vor all seinen philosophisch-theologischen Schriften auszeichnet. Indessen so unrichtig, wie diese Auffassung ist, so ungerecht ist sie auch gegen Lessing selbst. Er war alles andere eher als ein Aufklärer des achtzehnten oder ein Kulturpauker des neunzehnten Jahrhunderts im landläufigen Sinne der beiden Worte.

Die heutigen Orthodoxen haben denn auch den schweren Mißgriff so mancher Lessing-Forscher gehörig ausgenützt und auf diesen Mißgriff hin gar nicht uneben bewiesen, daß Lessings Stellung in den letzten Kämpfen seines Lebens »unklar, ja im tiefsten Grunde unwahr« gewesen sei. Vom ideologischen Standpunkt aus ist es ein ganz vergebliches Bemühen, Lessings Philosophie und Theologie über einen Leisten zu schlagen; so viel erkannte schon Herder, daß Lessing »nicht geschaffen sei, ein ... ist zu sein, welche Buchstaben man auch dieser Endung voransetzen möge«. Aber deshalb darf man freilich Lessings zahlreiche »Widersprüche« nicht einfach seiner Lust am dialektischen Streit auf die Rechnung setzen, wie die Nicolai und Genossen taten, weil sie es nicht besser verstanden. Die richtige Mitte trifft Gervinus, wenn er sagt, Lessings Arbeiten seien vielleicht immer ohne Plan, aber nie ohne den schärfsten Instinkt begonnen worden. Der Instinkt des bürgerlichen Klasseninteresses bestimmte sein Denken und Handeln; im Lichte dieser Tatsache entfalten sich auch seine philosophisch-theologischen Kämpfe als ein einheitliches Gewebe.[69]

An und für sich besaß ein so heiteres Weltkind, wie Lessing war, überhaupt keine theologische Ader. Schon mit zwanzig Jahren hatte er »klüglich gezweifelt« und darnach gestrebt, auf dem Wege der Untersuchung zur Überzeugung in religiösen Fragen zu gelangen. Aber zu einer positiven Überzeugung ist er niemals gelangt. Zwar erfahren wir aus seinem letzten Lebensjahre durch zweite Hand, daß er ein ...ist geworden sei, nämlich ein Spinozist. Aber selbst damals sagte er nur nach Jacobis Bericht: »

Wenn ich mich nach jemand nennen soll, so weiß ich keinen andern ... Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen.« Nicht lange vorher hatte Lessing in dem Entwurf einer Vorrede zum Nathan geschrieben: »Nathans Gesinnung gegen alle positive Religion ist von jeher die meinige gewesen«, und dies stimmte aufs Haar. Denn schon ein Menschenalter früher hatte der junge Lessing in Bruchstücken, die wie jene Vorrede zum Nathan und das Gespräch mit Jacobi erst nach seinem Tode veröffentlicht worden sind, »alle positiven und geoffenbarten Religionen gleich wahr und gleich falsch« genannt und für sein Teil erklärt, daß »der Mensch zum Handeln und nicht zum Vernünfteln erschaffen« sei. Das lehrte ihn sein bürgerlicher Klasseninstinkt, und dieser Instinkt führte ihn auf denselben Gesichtspunkt, den das proletarische Klassenbewußtsein in die Worte gekleidet hat, daß Religion Privatsache sei. Er behelligte niemanden mit seiner Religion und behelligte andere nicht um ihrer Religion willen. Zwar bekämpfte er die Orthodoxie fast von seinem ersten Federzug an, aber er bekämpfte sie nur als Organ der sozialen Unterdrückung, als Kappzaum der wissenschaftlichen Forschung, als ideologische Begleiterscheinung des fürstlichen Despotismus. Für Lessing war die Aufklärung nichts als die Selbstverständigung der bürgerlichen Klassen über ihre Lebensinteressen. Unter endlosem religiösem Hader hatte sich der bürgerliche Verfall vollzogen; unmöglich konnte sich das Bürgertum unter demselben glückverheißenden Zeichen wieder erheben. Mag jeder glauben, was er will, aber kein Glaube berechtigt einen Menschen, andere Menschen wegen eines anderen Glaubens zu verfolgen und zu unterdrücken. Richtete sich dieser Satz praktisch gegen die Orthodoxie als despotisches Machtmittel, so kam er prinzipiell doch auch der Orthodoxie als religiöser Lehrmeinung zugute. In dogmatische Streitigkeiten hat sich Lessing mit ihr niemals eingelassen; als religiöses System war sie ihm so gut oder je nach dem auch besser als jedes andere; die Spöttereien über die Religion hat er immer verabscheut. Der verfolgten Orthodoxie wäre er ebenso beigesprungen, wie er sich der verfolgenden widersetzte und wie er das päpstliche Verbot des Jesuitenordens für ungerecht erklärte. Die Religion war ihm einfach eine Privatsache, die schlechterdings nicht in die bürgerlichen Rechtsverhältnisse hineinzureden hatte, und hierin bestand der gewaltige Abstand seiner Toleranz von der sogenannten »Toleranz« Friedrichs, das heißt der bürgerlichen von der despotischen Toleranz. Denn diese sah zwar nicht bei der Erfüllung der Untertanenpflichten, aber sehr bei Erteilung von Untertanenrechten auf das religiöse Bekenntnis.

Dies ist der eine Gesichtspunkt, den man scharf im Auge behalten muß, um Lessings theologischen Kämpfen weder zuviel noch zuwenig zu tun. Der andere aber erwuchs ihm aus jener »Faulheit und Feigheit« der bürgerlichen Masse, von denen Kant später sagte, daß sie die Ursachen seien, »warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch zeitlebens unmündig bleiben und warum es anderen so leicht wird, sich zu ihrem Vormünder aufzuwerfen«. Statt das soziale Joch der Orthodoxie abzuschütteln und übrigens dem aufdämmernden Lichte des bürgerlichen Selbstbewußtseins die Kritik der orthodoxen Lehrmeinungen zu überlassen, gefiel sich die landläufige »Aufklärung« der Nicolai und Genossen darin, das orthodoxe Lehrgebäude, soweit es vor dem Lichte der erwachenden Vernunft zerfiel, mit der Holzaxt einer angeblichen »Vernunft« zurechtzuzimmern und die bürgerliche Masse nun erst recht in den kümmerlich geflickten Schafstall zu pferchen. Historisch läßt sich diese Halbschlächtigkeit der deutschen »Aufklärung« gar wohl in ihren Ursachen erkennen, und wir haben schon früher einen Blick darauf geworfen, aber politisch blieb sie deshalb nicht weniger ein selbstmörderisches Beginnen, das bei längerer Dauer für die bürgerlichen Klassen noch viel verhängnisvoller werden mußte als die Abirrung der schönen Literatur von dem bürgerlichen Klassenstandpunkte und das ebendeshalb einen Mann wie Lessing in tiefster Seele erbitterte und zum äußersten Widerstande reizte. Hier lag der Ursprung seiner theologischen Schilderhebung, die ihrer inneren Natur nach durchaus ein sozialer Kampf war und allein unter diesem Gesichtspunkte richtig gewürdigt werden kann.

Wir haben gesehen, daß Lessing in seiner hamburgischen Zeit die entscheidenden Proben von der »Faulheit und Feigheit« der bürgerlichen Klassen gewann. In ebendieser Zeit wurde ihm ein handschriftlich hinterlassenes Werk von H. S. Reimarus bekannt, eine »Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes«, eine durchgreifende Bibelkritik und Untersuchung der geoffenbarten Religion. Die Schrift erregte Lessings lebhaftes Interesse; sie war ihm ein »freimütiges, ernsthaftes, gründliches, bündiges, gelehrtes Werk«, das einen »Hauptsturm auf die christliche Religion« unternahm. Er sah in Reimarus den ganzen Aufklärer gegenüber den halben Aufklärern vom Schlage der Semler, Teller, Nicolai und wie sie sonst hießen. Aber in wie vielen Einzelheiten Lessing mit Reimarus übereinstimmen mochte und selbst wenn er in allen Einzelheiten mit ihm übereingestimmt hätte, so war damit keineswegs gesagt, daß er den grundsätzlichen Standpunkt von Reimarus teilte. Er teilte ihn weder persönlich noch sachlich. Persönlich nicht, weil die Ängstlichkeit von Reimarus seinem ganzen Wesen widerstand, weil die Absicht von Reimarus, seine »Schrift im Verborgenen zum Gebrauch verständiger Freunde liegen« und lieber den »gemeinen Haufen noch eine Weile irren zu lassen«, so gar nicht lessingisch war, weil Lessing in dieser »löblichen Bescheidenheit und Vorsicht« des Verfassers »so viel Zuversicht auf seinen Erweis, so viel Verachtung des gemeinen Mannes, so viel Mißtrauen auf sein Zeitalter« erblickte. Sachlich nicht, weil Lessing in der Kritik der biblischen Geschichten gar keine Vernichtung der christlichen Religion sah, weil ihm der Buchstabe nicht der Geist, die Bibel nicht die Religion war. Gerade die eingehende Beschäftigung mit dem Werke von Reimarus, das er ein halb Dutzend Jahre und länger in seinem Pulte bewahrte, ehe er Bruchstücke daraus veröffentlichte, förderte und vertiefte Lessings Anschauungen über die religiösen Bewegungen in der Geschichte.

In einem Briefe vom 9. Januar 1771, worin Lessing das Werk von Reimarus gegen gewisse Einwürfe seines Freundes Moses verteidigt, sagt er gleichwohl: »Ich besorge es nicht erst seit gestern, daß, indem ich gewisse Vorurteile weggeworfen, ich ein wenig zuviel mit weggeworfen habe, was ich werde wiederholen müssen. Daß ich es zum Teil nicht schon getan, daran hat mich nur die Furcht gehindert, nach und nach den ganzen Unrat wieder in das Haus zu schleppen. Es ist unendlich schwer zu wissen, wann und wo man bleiben soll, und Tausenden für Einen ist das Ziel ihres Nachdenkens die Stelle, wo sie des Nachdenkens müde geworden. Ob dieses nicht auch manchmal der Fall unseres Ungenannten (nämlich des Reimarus) gewesen, will ich nicht so geradezu leugnen.« Aber in demselben Briefe fordert Lessing seinen Freund auch auf, aufdringliche Bekehrungsvorschläge Lavaters zurückzuweisen: »Ich bitte Sie, wenn Sie darauf antworten, es mit aller möglichen Freiheit, mit allem nur ersinnlichen Nachdrucke zu tun. Sie allein dürfen und können in dieser Sache so sprechen und schreiben und sind daher unendlich glücklicher als andre ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwande, es neu zu unterbauen, befördern können.« Andere ehrliche Leute, das sind in diesem Zusammenhange die Aufklärer des gewöhnlichen Schlages. Zwischen den beiden Briefstellen scheint ein gewisser Widerspruch zu bestehen: Lessing findet, daß Reimarus seine Sache nicht zu Ende gedacht habe, aber trotzdem fordert er Moses auf, ebenso zu handeln, wie Reimarus gehandelt hat. Indessen der Widerspruch ist nur scheinbar. Lessing meinte einfach, daß die ehrlichen Leute, wenn sie einmal aufklären wollten, so gründlich aufklären sollten wie Reimarus, was Moses als Jude eher könne als die christlichen Aufklärer, aber er findet, daß die Sache damit noch nicht zu Ende sei, daß die kritische Auflösung der biblischen Geschichte nicht den religiösen Glauben vernichte, daß mit diesem Ziele das Nachdenken über das Entstehen und Vergehen der Religion noch nicht erschöpft sei.

Von seinem eigenen Nachdenken über diese Fragen zeugen namentlich die beiden Aufsätze, worin er sich mit der Tatsache auseinandersetzt, daß Leibniz die orthodoxen Lehren von der Dreieinigkeit und der Ewigkeit der Höllenstrafen gegen arianisch-sozinianische Ketzereien verteidigt hat. Mag sein, daß Lessing zuweit geht, wenn er in schönem Eifer seinen großen Vorläufer lieber gleich von jedem Verdachte, der Orthodoxie unbillige Zugeständnisse gemacht zu haben, befreien möchte; er konnte es nun einmal aus guten Gründen nicht vertragen, wenn der seichteste Aufkläricht von einem Leibniz oder einem Spinoza wie von »toten Hunden« sprach. Aber den Nachweis, auf den es ihm im Wesen der Sache ankam, hat er schlüssig geliefert: den Nachweis nämlich, daß Leibniz als Philosoph sich mit der orthodoxen Lehre eher vertragen konnte als mit der arianisch-sozinianischen Aufklärung. Diese Ketzerei richtete ihre Spitze gegen die Gottheit Jesu, und darin sah Leibniz eine wahre Abgötterei. Lessing führt nun aus: »Man denke nicht, daß er auch dieses nur behauptet habe, um den Orthodoxen zu heucheln. Nein, sondern seine ganze ihm eigene Philosophie war es, die sich gegen den abergläubischen Unsinn empörte, daß ein bloßes Geschöpf so vollkommen sein könne, daß es neben dem Schöpfer auch nur genannt zu werden verdiene ... Und man kann noch zweifeln, ob er den verworfenen Religionsbegriff aus ganzem Herzen verworfen? ob er ihm aus ganzem Herzen die gemeine Lehre vorgezogen, die jeder Vernunftswahrheit ohne Nachteil zur Seite stehen kann, weil sie keiner widersprechen will und mit Gründe von sich rühmen darf, daß sie solange noch nicht richtig verstanden ist, als sie einer einzigen zu widersprechen scheint?« Lessing hält denn auch die Schlußfolgerungen für logisch begründet, die der orthodoxe Geistliche Abbadie aus der arianisch-sozinianischen Ketzerei gezogen hat: »Nämlich daß, wenn Christus nicht wahrer Gott ist, die mahometanische Religion eine unstreitige Verbesserung der christlichen war und Mahomet selbst ein unstreitig größerer und würdigerer Mann gewesen ist als Christus, indem er weit wahrhafter, weit vorsichtiger und eifriger für die Ehre des einzigen Gottes gewesen als Christus, der, wenn er sich selbst auch nie für Gott ausgegeben hätte, doch wenigstens hundert zweideutige Dinge gesagt hat, sich von der Einfalt dafür halten zu lassen, dahingegen dem Mahomet keine einzige derartige Zweideutigkeit zuschulden kommt.« Lessing hat nicht wie Leibniz die Orthodoxie verteidigt gegen die halbschlächtige Aufklärung, aber darin stimmte er mit Leibniz überein, daß die halbschlächtige Aufklärung noch unerträglicher sei als die Orthodoxie. Ein halbes Jahrzehnt nach diesen Aufsätzen schreibt er an Nicolai, »daß das arianische System noch unendlich abgeschmackter und lästerlicher sei als das orthodoxe«. Die Berliner Aufklärer verstanden ihn natürlich nicht; Ehren-Nicolai machte, als die Leibniz-Aufsätze 1774 erschienen, seine Späßchen über den Doktorhut der Theologie, nach dem Lessing giere, und Moses rügte »ein kleines Versehen« in dem Texte von Leibniz mit der hochnäsigen Begründung, »um zu zeigen, daß ich selbst in meiner Krankheit und sogar Ihre Beiträge, zu einem sonst mir so geringschätzig gewesenen Zweige der Literatur nicht ungelesen lassen kann«. Worauf Lessing mit seiner wahrhaft unverwüstlichen Geduld gegen diese Gesellschaft: »Ist es nicht sonderbar, daß Sie die wahre Lesart in einer Schrift herstellen, die Ihnen von einem Ende zum andern so kompletter Nonsens sein muß – und ist? Auch mir ist; auch ohne Zweifel Leibnizen selbst gewesen ist. Und dennoch bin ich überzeugt, daß Leibniz auch hier noch als Leibniz gedacht und gehandelt hat. Denn es ist unstreitig besser, eine unphilosophische Sache sehr philosophisch verteidigen als unphilosophisch verwerfen und reformieren wollen.« Das unphilosophische Verwerfen und Reformieren war Sache der gemeinen Aufklärer; das sehr philosophische Verteidigen einer unphilosophischen Sache war die Art von Leibniz gewesen; Lessing dagegen hielt es mit dem philosophischen Erklären einer philosophischen Sache. Er drang auf eine reinliche Scheidung von Religion und Philosophie, sicher, nur auf diesem Wege die philosophische Seite der Religion entdecken zu können.

Ein kleines und unbedeutendes Bruchstück aus dem Werke von Reimarus hatte Lessing als »Fragment eines Ungenannten« schon 1774 veröffentlicht; 1777 rückte er mit fünf weiteren Fragmenten und das Jahr darauf mit noch einem siebenten Fragmente hervor. Er begleitete sie mit Gegensätzen, mit »Maulkörben« nach dem drastischen, obgleich etwas schiefen Ausdrucke von Claudius. Denn nicht eine Abschwächung oder Abstumpfung der an der biblischen Überlieferung geübten Kritik zum Zweck einer persönlichen Rückendeckung hatte Lessing bei seinen Gegensätzen im Auge; diese erhebende Absicht konnte ihm nur die moderne Lessing-Forschung unterschieben, die ihn hinter dem Ofen sucht, hinter dem sie selbst sitzt. Vielmehr wollte Lessing mit der Veröffentlichung der Fragmente der Wahrheit einen Dienst erweisen; er wollte in Reimarus einen Liebhaber der Wahrheit ihren Kupplern, einen selbstdenkenden Kopf den elenden Wortkrämern der landläufigen Aufklärung entgegenstellen. Aber wenn dieser Zweck erreicht werden sollte, so mußte er auch vor jeder Mißdeutung gesichert werden. Lessing erkannte, daß mit einer noch so gründlichen und scharfsinnigen Bibelkritik ein »Hauptsturm auf die christliche Religion« noch längst nicht gelungen sei. Sosehr er das Recht des Reimarus verfocht, auch an den biblischen Geschichten wissenschaftliche Kritik zu üben, sosehr er diese Kritik um ihrer Freimütigkeit und Gründlichkeit willen schätzte, sowenig war er geneigt oder gar verpflichtet, alle Schlußfolgerungen dieser Kritik anzunehmen. Es ging ihm ein wenig wie jenem Juden des Boccaccio, der, als er in Rom das mittelalterliche Papsttum in seinem ganzen Verfalle sah, sich taufen ließ, weil eine Religion, die in so scheußlicher Verkörperung dennoch siegreich fortdauere, eine ewige Wahrheit enthalten müsse. Je schärfer Reimarus den biblischen Büchern zusetzte, um so schärfer mußte sich auch Lessings klarem Geiste die Einsicht aufdrängen, daß eine welthistorische Erscheinung wie die christliche Religion aus einem andern Boden entsprossen sein müsse als aus diesem morschen Untergrunde.

Und ebendiese Unterscheidung zwischen Bibel und Religion führte Lessing in seinen Gegensätzen zu den Fragmenten von Reimarus aus. Man übersehe doch nicht, daß sich unter diesen Gegensätzen schon die ersten dreiundfünfzig Paragraphen der Erziehung des Menschengeschlechts befanden und daß Lessing die »ganze Schüssel« seiner religionsphilosophischen Hauptschrift, von der er zunächst nur einen »Vorschmack« geben wollte, in seiner Gedankenkammer längst angerichtet hatte. Wer will denn im Ernste die absurde Behauptung aufstellen, daß Lessings in manchem Betrachte gedankenreichste Schrift eine elende Sophisterei sei, die er sich aus den Fingern gesogen habe, um für seine Person und seine Stellung bei Veröffentlichung der Fragmente möglichst gedeckt zu sein? Aber da es wirklich Leute gibt, die wenigstens mittelbar eine so absurde Unterstellung gewagt haben, so mag noch zum Überfluß ein urkundlicher Beweis dafür beigebrächt werden, wie ernst es Lessing mit seiner Religionsphilosophie nahm. Die Kinder von Reimarus waren mit der Herausgabe der Fragmente oder mindestens mit der Art ihrer Herausgabe mehr und minder unzufrieden: der Sohn aus Angst um den frommen Ruf seines Vaters, die Tochter aus Ärger über Lessings Gegensätze. Elise Reimarus, Lessings treueste Freundin nach dem Tode seiner Frau, war zu gut und zu klug, um Lessings Absichten ganz mißzuverstehen; sie hat allen Angriffen gegen ihn immer ein rechtfertigendes oder entschuldigendes Wort entgegenzusetzen, und von der Erziehung des Menschengeschlechts sagte sie: »Ich wollte um viel nicht, daß er dies nicht geschrieben hätte.« Aber eine »Grille« war ihr die Schrift doch nur; sie konnte über den Standpunkt ihres Vaters nicht hinaus, und so schalt sie gar manches Mal in vertrauten Briefen an ihre Freunde über Lessings »Larventragen« und »Sophistereien«. Nun richtete Lessing am 6. April 1778 ein beschwichtigendes Schreiben an den jüngeren Reimarus; er verspricht das unverbrüchlichste Schweigen über die Person des Fragmentisten, aber über die Erziehung des Menschengeschlechts schreibt er frank und frei: »Diese Hypothese nun würde freilich das Ziel gewaltig verrücken, auf welches mein Ungenannter im Anschlage gewesen. Aber was tut's? Jeder sage, was ihm Wahrheit dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!« Man sieht also, daß Lessing in diesem vertraulichen Briefe, der die Reimarer beschwichtigen soll, seine angebliche Heuchelei, die gerade die Reimarer von neuem erbittern muß, mit geflissentlicher Schärfe weitertreibt: Sollte da nicht die schüchterne Vermutung gerechtfertigt sein, daß diese angebliche Heuchelei eine grundsätzliche, wissenschaftliche Erkenntnis gewesen ist? In der Tat – der Vorwurf einer »unklaren, ja im tiefsten Grunde unwahren Stellung« fällt einzig auf die Leute zurück, die heute noch nicht einsehen, daß zwischen Reimarus und Lessing ein »gewaltiger« Unterschied bestand.

Freilich, um es noch einmal zu wiederholen: Vom ideologischen Standpunkt aus ist es ein wahres Kreuz, in Lessings letzte Kämpfe Sinn und Zusammenhang zu bringen, besonders wenn zugleich ein harmonischer Einklang mit der heutigen Kulturkämpferei erzielt werden soll. Den modischen Lessing-Forschern geht es dabei gewöhnlich wie den von Lessing so weidlich verspotteten evangelischen Harmonisten. Sie sinnen auf Mittel und Wege, »jene widerspenstige Verschiedenheit von Umständen wenigstens gleich stößigen Böcken in einen engen Stall zu sperren, in welchem sie das Widereinanderlaufen wohl unterlassen müssen«. Aber »leider bleiben die Böcke darum doch immer stößig, wenden darum doch immer die Köpfe und Hörner noch gegeneinander und reiben sich und drängen sich«. Selbst ein Mann wie Hebler, der unter den Lessing-Ideologen wohl am ehrlichsten und rücksichtslosesten in den Kern von Lessings religionsphilosophischen Ansichten zu dringen versucht hat, kommt doch nur zu dem Ergebnisse, daß Lessing die Orthodoxie des Goeze und die Aufklärung des Nicolai und die Freidenkerei des Reimarus zu »vermitteln« oder zu »verbinden« gesucht habe. Wonach Lessing denn also gewissermaßen ein noch potenzierter Nicolai wäre! Aber man kann dem einzelnen, sofern er es nur wie Hebler für seine Person ehrlich meint, daraus gar keinen Vorwurf machen; die Schuld liegt an der ideologischen Methode der Geschichtsforschung: Wenn die Herren sich auch nur einmal auf den Standpunkt des historischen Materialismus stellen, wenn sie sich nur einmal vergegenwärtigen wollten, daß Lessing in all seinem Denken, Sprechen und Handeln immer nur als der für seine Zeit klarste und schärfste Vorkämpfer des deutschen Bürgertums zu verstehen ist, so werden sie finden, daß sich die »widerspenstige Verschiedenheit« seiner Ansichten in einen durchsichtigen und überall geschlossenen Zusammenhang auflöst.

Bei der Wichtigkeit dieser Frage sei es gestartet, sie noch durch ein Beispiel zu erläutern, durch ein Beispiel, das gleich für hundert andere gelten kann. Im Jahre 1778, mitten im heftigsten Fragmentenstreite, hatte Nicolai die Memoiren von John Bunkel, eine aufklärerische Scharteke, »so einen ruppichten Roman«, wie Lessing sich ausdrückt, aus dem Englischen übersetzt oder übersetzen lassen. Die Übersetzung war von der Wiener Zensur verboten und darauf von Wieland im »Deutschen Merkur« verspottet worden. Nun schreibt Lessing an Herder in einem Briefe vom 10. Januar 1779: »Wielands Plaisanterie über den Bunkel ist so gerecht als lustig, und Nicolai mag sie auch wohl gegen ihn verschuldet haben. Wenn er nur nicht damit eine ganze Sprosse aus der Leiter ausbräche, die ein gewisses Publikum mit besteigen muß, wenn es weiterkommen soll. Sie verstehen mich.« Aus diesen Sätzen folgert Hebler, daß Lessing die seichte Aufklärung der Nicolai auch für notwendig zur Erziehung des Menschengeschlechts gehalten habe.

Und wenn man sich auf den ideologischen Standpunkt stellt, so läßt sich gegen diese Schlußfolgerung auch nicht viel einwenden; Lessing sagt ja klipp und klar, daß ohne jene Aufklärung mindestens »ein gewisses Publikum« nicht weiterkommen könne. Nun bekämpfte aber Lessing im Fragmentenstreite gerade diese Aufklärung am heftigsten; er rückte ihr, wie wir gleich sehen werden, mit ganz anderen Schlägen auf den Leib, wie Wieland mit seiner »Plaisanterie« führte; er war besonders und mit vollem Recht über Nicolais falsche und zweideutige Haltung empört. Hier läge denn also ein so handgreiflicher und grober »Widerspruch« vor, wie er nur immer gedacht werden kann. Lessing tadelte an Wieland, was er selbst, nur in viel höherem Maße, tat. Die bürgerlichen Lessing-Forscher kommen denn auch nicht über diesen »Widerspruch« hinweg; sie suchen ihn zu umgehen oder zu vertuschen. Die einen sagen, im Grunde sei Lessing auch ein Nicolaite gewesen; die andern meinen, er habe nun einmal immer »widersprechen« müssen; die Dritten flicken in die Erziehung des Menschengeschlechts hinter der jüdischen und christlichen Religion und vor der Religion der Zukunft die Nicolaitische Aufklärung als eine kleine Zwischenstation ein. Was bei alledem aus Lessing und Lessings Lebenswerke werden soll, steht denn freilich dahin.

Wenn wir nunmehr versuchen, vom Standpunkte des historischen Materialismus den »Widerspruch« zu lösen, wenn wir also annehmen, daß Lessing bei seinen religiösen wie überhaupt bei allen seinen Kämpfen von seinem bürgerlichen Klassenbewußtsein geleitet worden ist, so erkennen wir sofort, daß ihn dies Bewußtsein unmöglich so getäuscht haben kann, um in einen so unversöhnlichen »Widerspruch« zu verfallen. Wir können dann von ihm ungefähr dasselbe sagen, was er in der Hamburgischen Dramaturgie von Aristoteles sagte: Eines offenbaren Widerspruchs macht sich ein Lessing nicht leicht schuldig. Er kann irren und hat oft geirrt, aber immer nur aus seinem Klassenbewußtsein heraus; diesem heute folgen und morgen ins Gesicht schlagen, das kann Lessing nicht. Wo wir einen solchen Widerspruch bei so einem Mann finden, da setzen wir das größere Mißtrauen lieber in unseren als in seinen Verstand. Wir verdoppeln unsere Aufmerksamkeit, wir überlesen die Stelle zehnmal und glauben nicht eher, daß Lessing sich widersprochen hat, als bis wir aus dem ganzen Zusammenhange seines Klassenbewußtseins heraus erkennen, wie und wodurch er zu diesem Widerspruche verleitet worden ist. Und da liegt die Lösung des »Widerspruchs« sofort auf der Hand. Die Übersetzung des Bunkel war von der Wiener Zensur verboten worden, und somit verstand es sich einfach für Lessings Klassenbewußtsein von selbst, daß er sogar die seichteste Aufklärung beschützte vor dem brutal unterdrückenden Despotismus, daß er von einem mit dem polizeilichen Knüttel totgeschlagenen Buche sofort annahm, daß es doch wohl mindestens ein gewisses Publikum zu fördern geeignet sei, daß er selbst eine zutreffende, eine gerechte und lustige Kritik eines verbotenen Buches tadelte, weil dadurch der despotische Geistesmord wenigstens mittelbar verklärt wurde. Was wir vorhin von Lessings Stellung zu den Orthodoxen sagten, das gilt auch von seiner Stellung zu den Aufklärern: Den verfolgten Aufklärern trat er ebenso unbedenklich zur Seite, wie er den verfolgenden Aufklärern entgegentrat. Die Freiheit des Geistes, die Freiheit der Rede und der Schrift mußte die Grundforderung der bürgerlichen Klassen sein; sie war der gemeinsame Boden, worauf sich das deutsche Bürgertum erst über seine Klasseninteressen verständigen konnte. Wo dieser Boden durchlöchert wurde, da mußten alle anderen Rücksichten zurücktreten; der Aufkläricht entsprach doch noch mehr den Lebensbedürfnissen der bürgerlichen Klassen als die Zensur. Und so löst sich in der einfachsten Weise von der Welt jener angebliche »Widerspruch« Lessings, den die ideologische Geschichtsauffassung unmöglich lösen kann.

Ihre Vertreter werden nun freilich sagen, das sei alles bei den Haaren herangezogen und stimme doch gar nicht mit dem Wortlaut dessen, was Lessing an Herder schreibt. Gleichwohl liegt die Sache so und nicht anders; Lessing selbst ist der beste Zeuge dafür. Er hatte nämlich in jüngeren Jahren vorübergehend einmal daran gedacht, selbst den »ruppichten Roman« zu übersetzen. Nicolai verfiel nun auf den schlauen Gedanken, diese Tatsache gegen Wielands »Plaisanterie« ins Feld zu führen, und fragte brieflich bei Lessing an, ob er dürfe. Lessing antwortete in einem Schreiben vom 30. März 1779. Zunächst gab er dem alten Kumpan einen derben Backenstreich wegen dessen feiger Haltung im Fragmentenstreite; dann beantwortete er seine Anfrage »kurz und gut« dahin: »Nein, lieber tun Sie das nicht! Denn ich sehe voraus, daß es mich einer Erklärung aussetzen würde, die auf Ihren Bunkel noch ein nachteiliger Licht werfen könnte.« Lessing führt dann aus, daß er den Bunkel nur übersetzen würde, um in beigefügten Anmerkungen zu zeigen, daß diese Sorte von Aufklärung noch unendlich abgeschmackter sei als das orthodoxe System, und er schließt: »Wielands Verfahren billige ich aber gar nicht, welches ich kürzlich Herdern geradezu geschrieben habe. Ich schrieb ihm, soviel ich mich erinnere, daß ein Buch, welches die kaiserliche Bücherkommission verbiete, durchaus kein denkender Kopf so behandeln müsse. Es sei zuverlässig gut und zuverlässig zur Aufklärung gewisser Menschen zuträglich, eben weil es in gewissen Ländern verboten wäre: Daher Wieland in meinen Augen sich einer unedlen Schmeichelei gegen den Kaiser schuldig gemacht.« Nun, wir haben gesehen, daß Lessing davon dem Wortlaute nach nichts an Herder geschrieben hatte, aber deshalb klaubt er doch vollkommen sinngetreu dem begriffsstutzigen Nicolai auseinander, was der gescheite Herder schon aus einer halben Andeutung »verstand«. Und Lessing löst den »Widerspruch« genauso auf, wie er nach den Grundsätzen der materialistischen Geschichtsauffassung aufgelöst werden müßte; der Bunkel ist ihm verächtlich genug, unendlich verächtlicher als das orthodoxe System, aber wenn die Zensur »so einen ruppichten Roman« totschlägt, so kann man »zuverlässig« annehmen, daß er doch noch für »gewisse Menschen« zuträglich gewesen sei, und der bürgerliche Klassenstandpunkt verbietet den Spott über ein polizeilich erschlagenes Buch.

Nach diesen Ausführungen ist nun leicht verständlich, daß und weshalb Lessing einen Hauptvorstoß gegen die seichte Aufklärung unternahm. Sie war ihm nicht Fisch und nicht Fleisch; sie verdarb ihm die Religion wie die Philosophie; sie hemmte gleichermaßen die Denk- wie die Glaubensfreiheit. Lessing wollte in ganz anderem und viel tieferem Sinne als Friedrich jeden nach seiner Fasson selig werden lassen, aber er bekämpfte jede Religion, sobald sie sich zum Werkzeuge des friderizianischen oder irgendeines andern Despotismus hergab, sobald sie der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung einen Kappzaum anlegen wollte. Jede Religion war ihm wahr, insofern als jede eine Durchgangsstufe der menschheitlichen Geistesentwicklung gewesen ist; jede Religion war ihm falsch, insoweit als sie der ferneren geistigen Entwicklung der Menschheit einen unzerbrechlichen Hemmschuh anlegen möchte. Lessing sah in den Religionen, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, nicht logische, sondern historische Kategorien; sie waren ihm nicht un vergängliche, aber un umgängliche Entwicklungsstufen des menschlichen Geistes. Er sah nun in seinen Tagen, wie sich die Orthodoxie des Despotismus allmählich in die Philosophie des Bürgertums auflöste, und er wußte wohl, daß sich ein historischer Geistesprozeß nicht durch äußerliche Mittel, am wenigsten durch gewaltsame, beschleunigen läßt. Aber wenn nun die faulen und feigen Aufklärer mit täppischer Hand in diesen Geistesprozeß eingriffen, wenn sie absichtlich die immer klarer hervortretende Grenzscheide zwischen Philosophie und Religion verwischten, wenn sie ein angeblich gereinigtes, aber tatsächlich gefälschtes Christentum mit um so größerer Unduldsamkeit vertraten, wenn sie das orthodoxe System scheinbar ein wenig vernünftiger, tatsächlich aber noch viel sinnloser machten, um diesen »verfeinerten Irrtum« als einen um so stärkeren Damm in den Fluß des freien Denkens zu werfen, so stand für die geistige Entwicklung des deutschen Bürgertums alles auf dem Spiel. Sie drohte dann in einen Sumpf zu verlaufen, mit dem verglichen selbst die alte ungeschminkte Orthodoxie noch festes Land war, und gegen diesen verhängnisvollen Irrweg erhob Lessing seine warnende Stimme.

Beleuchten wir nun noch den eben entwickelten Standpunkt Lessings durch einzelne Sätze von ihm selbst, deren Auswahl aus der überströmenden Fülle der Zeugnisse freilich nicht ganz leicht ist. Schon in seinen Anfängen spottet Lessing über die »verkehrte Art, das Christentum zu lehren« dadurch, »daß man eine so vortreffliche Zusammensetzung von Gottesgelahrtheit und Weltweisheit gemacht hat, worinne man mit Mühe und Not eine von der anderen unterscheiden kann, worinne eine die andere schwächt, indem diese den Glauben durch Beweise erzwingen und jene die Beweise durch den Glauben unterstützen soll«. In den Literaturbriefen nagelt er die »liebliche Quintessenz« aus dem Christentum an, die in gleichem Maße inkonsequenter und intoleranter sei als die alte Orthodoxie. In der ersten theologischen Schrift, die er als Bibliothekar von Wolfenbüttel über eine von ihm aufgefundene Handschrift des Berengar von Tours veröffentlichte, sagt er: »Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit zu opfern ... Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren, sie klar und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft zu lehren, und die Gaben, welche dazu erfordert werden, stehen in unserer Gewalt. Wer die nicht erwerben oder, wenn er sie erworben, nicht brauchen will, der macht sich um den menschlichen Verstand nur schlecht verdient, wenn er grobe Irrtümer uns benimmt, die volle Wahrheit aber vorenthält und mit einem Mitteldinge von Wahrheit und Lüge uns befriedigen will. Denn je gröber der Irrtum, desto kürzer und gerader der Weg zur Wahrheit; dahingegen der verfeinerte Irrtum uns auf ewig von der Wahrheit entfernt halten kann, je schwerer uns einleuchtet, daß er Irrtum ist ... Wer nur darauf denkt, die Wahrheit unter allerlei Larven und Schminke an den Mann zu bringen, der möchte wohl gern ihr Kuppler sein, nur ihr Liebhaber ist er nie gewesen.« Und in einem der Aufsätze über Leibniz heißt es mit bitterer Ironie: »Er glaubte! Wenn ich doch nur wüßte, was man mit diesem Worte sagen wollte. In dem Munde so mancher neueren Theologen, muß ich bekennen, ist es mir ein wahres Rätsel. Diese Männer haben seit zwanzig, dreißig Jahren in der Erkenntnis der Religion so große Schritte getan, daß, wenn ich einen älteren Dogmatiker gegen sie aufschlage, ich mich in einem ganz fremden Lande zu sein vermeine. Sie haben so viel dringende Gründe des Glaubens, so viel unumstößliche Beweise für die Wahrheit der christlichen Religion an der Hand, daß ich mich nicht genug wundern kann, wie man jemals so kurzsichtig sein könne, den Glauben an diese Wahrheit für eine übernatürliche Gnadenwirkung zu halten ... Alles, wovon aufrichtig allda (in den älteren Dogmatikern) bekannt wird, daß es weder einzeln noch zusammengenommen eine beruhigende Überzeugung wirken könne: Alles dieses haben so viele unserer neueren Gottesgelehrten so ineinandergekettet und einzeln so ausgefeilt und zugespitzt, daß nur die mutwilligste Blindheit, nur die vorsätzlichste Hartnäckigkeit sich nicht überführt bekennen kann. Was der heilige Geist nun noch dabei tun will oder kann, das steht freilich bei ihm; aber wahrlich, wenn er auch nichts dabei tun will, so ist es eben das ... Sie also freilich, die in diesen letzten Tagen ganz anders gelernt haben, die Vernunft zum Glauben zu zwingen, werden schon Leibnizen mit der Zeit, in welcher er lebte, entschuldigen müssen, wenn ich von ihm versichere, daß er freilich nicht weder die Dreieinigkeit noch sonst eine geoffenbarte Lehre der Religion geglaubt hat; wenn glauben soviel heißt, als aus natürlichen Gründen für wahr halten.« Mangel an Raum zwingt uns, abzubrechen; ein paar andere Reihen von Zeugnissen sind vielleicht auch noch überzeugender.

Die von Lessing gegeißelten Aufklärer, besonders ihre Berliner Garde, hatten natürlich sofort den Vorwurf des Kokettierens mit der Orthodoxie bei der Hand; dies alberne Gerede war damals schon so im Gange, wie es heute noch im Gange ist. Karl Gotthelf war sogar so dreist, seine und Nicolais Schmerzen nach Wolfenbüttel zu berichten, und erhielt im April 1773 von Gotthold Ephraim die Antwort: »Was gehen mich die Orthodoxen an? Ich verachte sie ebensosehr als du; nur verachte ich unsere neumodischen Geistlichen noch mehr, die Theologen viel zuwenig und Philosophen lange nicht genug sind. Ich bin von solchen schalen Köpfen auch sehr überzeugt, daß, wenn man sie aufkommen läßt, sie mit der Zeit mehr tyrannisieren werden, als es die Orthodoxen jemals getan haben.« Und ganz ähnlich in dem berühmten Briefe vom 2. Februar 1774: »Ich sollte es der Welt mißgönnen, daß man sie mehr aufzuklären suche? Ich sollte es nicht von Herzen wünschen, daß ein jeder über die Religion vernünftig denken möge? Ich würde mich verabscheuen, wenn ich selbst bei meinen Sudeleien einen andern Zweck hätte, als jene großen Absichten befördern zu helfen. Laß mir aber doch nur meine eigne Art, wie ich dieses tun zu können glaube. Und was ist simpler als diese Art? Nicht das unreine Wasser, welches längst nicht mehr zu brauchen, will ich beibehalten wissen: Ich will, es nur nicht eher weggegossen wissen, bis ich weiß, woher reineres zu nehmen; ich will nur nicht, daß man es ohne Bedenken weggieße, und sollte man auch das Kind hernach in Mistjauche baden. Und was ist sie anders, unsere neumodische Theologie, gegen die Orthodoxie als Mistjauche gegen unfeines Wasser? Mit der Orthodoxie war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr und der Philosophie eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern. Aber was tut man nun? Man reißt diese Scheidewand nieder und macht uns unter dem Vorwande, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen ... Darin sind wir einig, daß unser altes Religionssystem falsch ist; aber das möchte ich nicht mit dir sagen, daß es ein Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen sei. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte als an ihm. Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, welches man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßt. Und doch verdenkst du es mir, daß ich dieses alte verteidige? Meines Nachbars Haus drohet den Einsturz. Wenn es mein Nachbar abtragen will, so will ich ihm redlich helfen. Aber er will es nicht abtragen, sondern er will es mit gänzlichem Ruin meines Hauses stützen und unterbauen. Das soll er bleibenlassen, oder ich werde mich seines einstürzenden Hauses so annehmen als meines eigenen.« Da die Berliner Aufklärer ihn noch immer nicht verstanden, ward er nicht müde, ihnen auseinanderzusetzen, daß er »die alte orthodoxe (im Grunde tolerante) Theologie der neuen (im Grunde intoleranten) vorziehe, weil jene mit dem gesunden Menschenverstände offenbar streitet und diese ihn lieber bestechen möchte. Ich vertrage mich mit meinen offenbaren Feinden, um gegen meine heimlichen desto besser auf meiner Hut sein zu können.« Oder er schreibt dem Bruder: »Wenn die Welt mit Unwahrheiten soll hingehalten werden, so sind die alten, bereits gangbaren ebensogut dazu wie neue.« Natürlich war alles vergebens; mit dem Berliner Aufkläricht kämpfte selbst ein Lessing vergebens. Hat doch noch in unseren Tagen ein Enkel Karl Gotthelfs, als er einen Juden um seines Judentums willen brotlos machte, die schlechte Tat damit zu entschuldigen versucht, sein Blatt, eben die »Vossische Zeitung«, an der Gotthold Ephraim sich seine ersten Sporen verdiente, müsse in protestantenvereinlichem Geiste redigiert werden, das heißt: im Sinne jener religiösen Halbheit, die Lessing mit seinem ätzendsten Spotte für immer gekennzeichnet hat.

Endlich sei noch einiges aus Lessings Gegensätzen zu den Fragmenten des Ungenannten beigebracht. Gleich in dem Schlußworte zu dem ersten, 1774 herausgegebenen Fragmente spricht Lessing von den neumodischen Theologen, »die sich gegen die Verteidiger einer bloß natürlichen Religion mit so vielem Stolze, mit so vieler Bitterkeit ausdrücken, daß sie mit jedem Worte verraten, was man sich von ihnen zu versehen hätte, wenn die Macht in ihren Händen wäre, gegen welche sie itzt noch selbst protestieren müssen«, und einschließt: »Dieses ihr vernünftiges Christentum ist allerdings noch weit mehr als natürliche Religion; schade nur, daß man so eigentlich nicht weiß, weder wo ihm die Vernunft noch wo ihm das Christentum sitzt.« Als Lessing dann 1777 fünf weitere Fragmente herausgab, stellte er in seinen Gegensätzen zunächst fest – und wir brauchen nach unseren bisherigen Ausführungen nicht noch einmal zu sagen, wie wenig »unklar« oder »unwahr« Lessing dabei wurde, sondern wie er so ganz aus seiner innersten Überzeugung schöpfte –, daß »dieses Mannes (nämlich des Ungenannten) Hypothesen und Erklärungen und Beweise« am Ende den Theologen, aber gar nicht den Christen angingen, der sich in der christlichen Religion selig fühle, und er sagt dann von den Theologen: »Hat man den Mantel nicht längst auf die andere Schulter genommen? Die Kanzeln, anstatt von der Gefangennehmung der Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens zu ertönen, ertönen nun von nichts als von dem innigen Bande zwischen Vernunft und Glauben. Glaube ist durch Wunder und Zeichen bekräftigte Vernunft und Vernunft räsonierender Glaube geworden. Die ganze geoffenbarte Religion ist nichts als eine erneuerte Sanktion der Religion der Vernunft. Geheimnisse gibt es entweder darin gar nicht, oder wenn es welche gibt, so ist es doch gleichviel, ob der Christ diesen oder jenen oder gar keinen Begriff damit verbindet. Wie leicht waren jene Theologaster zu widerlegen, die außer einigen mißverstandenen Schriftstellen nichts auf ihrer Seite hatten und durch Verdammung der Vernunft die beleidigte Vernunft im Harnisch erhielten! Sie brachten alles gegen sich auf, was Vernunft haben wollte und hatte. Wie kitzlig hingegen ist es, mit diesen anzubinden, welche die Vernunft erheben und einschläfern, indem sie die Widersacher der Offenbarung als Widersacher des gesunden Menschenverstandes verschreien! Sie bestechen all es, was Vernunft haben will und nicht hat.« Und so weiter.

Sehr interessant ist in dieser Beziehung auch noch eine Anmerkung, die Nicolai zu Lessings früher schon erwähnter Predigt über zwei Texte macht. Der Berliner Aufklärer schreibt: »Lessing war nicht allein sehr dafür, jedem in theologischen Sachen seine, subjektive Überzeugung zu lassen, sondern – man mag es mir nun. glauben oder nicht – er wollte auch nicht, daß in der Dogmatik Änderungen gemacht würden, ob er gleich dabei den Weg zur freiesten Untersuchung offengehalten wissen wollte. Daß dies Lessings Meinung war, kann ich mit völliger Sicherheit behaupten, da ich und Moses so oft mit ihm über diesen Gegenstand disputiert haben, besonders im Jahre 1776 oder 1777, da wir ihm ernsthaft die Herausgabe der bekannten Fragmente widerrieten. Vielleicht werde ich bei einer anderen Gelegenheit Veranlassung haben auseinanderzusetzen, von welchem Gesichtspunkt er bei seiner Idee über Dogmatik und Orthodoxie eigentlich ausging und wie er von derselben erst in den letzten Jahren seines Lebens zu der Idee, daß Offenbarung für das menschliche Geschlecht nur Erziehung sei, ganz natürlich überging. Hier will ich nur so viel sagen, daß Lessings Meinung war, bei Untersuchungen die Dogmatik ganz beiseite zu legen – gleichviel, meinte er, ob sie unwidersprechlich richtig oder gar nicht da wäre – und von ganz anderen Gesichtspunkten auszugehen.«[70]

Unseres Wissens ist Nicolai nicht dazu gekommen, diese Gesichtspunkte an anderer Stelle zu entwickeln; aus seinen vorstehenden Äußerungen geht aber schon mit hinreichender Deutlichkeit hervor, daß Lessing im Gegensatze zu den Berliner Aufklärern, die am Dogma mit allerlei »vernünftigen« Abstrichen herumflickten und für ihr Stümperwerk mit noch fanatischerer Unduldsamkeit dieselbe Unfehlbarkeit beanspruchten, die nur je für das geschlossene System der alten Orthodoxie beansprucht worden war, das Dogma unangefochten lassen, die Religion als Privatsache betrachten, dagegen der wissenschaftlichen Forschung den freiesten Lauf lassen wollte. Wie er dann durch diese Forschung, namentlich an der Hand des Werkes von Reimarus, »ganz natürlich« dazu kam, in der Offenbarung die Erziehung, das heißt in den historischen Religionen die aufsteigenden Entwicklungsreihen des menschheitlichen Geistes zu erkennen, das haben wir in unseren bisherigen Darlegungen klarzustellen gesucht.

Fragen wir nun aber, wodurch denn den heutigen Nicolaiten ermöglicht worden sei, den geistigen Standpunkt Lessings in seinen letzten Kämpfen gar so sehr zu verrücken und den Anschein hervorzurufen, als ob diese Kämpfe ihren Schwerpunkt in einem dogmatischen Streite mit der Orthodoxie gehabt hätten, so lautet die Antwort einfach: durch die »Faulheit und Feigheit« ihrer geistigen Väter. Denn die drückten sich um den Schlag herum, den Lessing gegen sie zielte; höchstens Herr Semler, der »Schubiak«, die »impertinente Professorgans«, wie Lessing ihn mit berechtigter Erbitterung nannte, erklärte den Herausgeber der Fragmente aus anonymem Hinterhalte für Bedlam reif, oder die Berliner »Allgemeine Bibliothek« kam nach langem Zögern wie eine »armselige Blindschleiche dahergerutscht«. Dagegen zerstieß sich ein ehrlicher Orthodoxer an Lessings ehernem Schilde den Kopf, und auf das Konto dieses armen Schelms hin wird der Lessing des Fragmentenstreites als freisinniger Kulturpauker des heutigen Schlages gefeiert. Die bürgerlichen Klassen verstehen heute noch nicht einmal, was ihr getreuester Eckardt vor mehr als hundert Jahren wollte, und deshalb haben sie es auch so herrlich weit gebracht.

Lessings Erwartung nämlich, die Orthodoxie werde sich in seinen Handel mit den neumodischen Theologen nicht mischen, erfüllte sich nicht. Noch im Mai 1777 hatte er an seinen Bruder geschrieben: »Mit der gehörigen Vorsicht kann man ihrentwegen (der Orthodoxen wegen) schreiben, was man will. Nicht das, was man ihnen nimmt, sondern das, was man an dessen Stelle setzen will, bringt sie auf, und das mit Recht.« Allein während sich die angegriffenen Aufklärer um die Fragmente herumdrückten, machte die Orthodoxie sofort gegen sie mobil. Und gar so sehr konnte man ihr das nicht verargen. Was der Herausgeber der Fragmente ihr ließ, konnte sie nicht über das trösten, was die Fragmente ihr nahmen. Mit der Auferstehung Jesu, die Reimarus zu einem plumpen Taschenspielerstreiche der Jünger herabkritisierte, stand und fiel das orthodoxe Dogma, und seine Bekenner rotteten sich gegen den Tempelschänder zusammen. Es stellte sich heraus, daß Lessing, angeekelt von dem »faulen und feigen« Aufkläricht, in psychologisch leicht erklärlicher Rückwirkung der Orthodoxie eine größere Duldsamkeit und namentlich auch eine größere Klugheit zugetraut hatte, als sie besaß und nach ihren damaligen historischen Existenzbedingungen am Ende auch zu besitzen brauchte. Sie war in einem unaufhaltsamen Niedergange begriffen; die großen Kirchenlichter waren längst erloschen, und die kleinen Geister, die sich als Luthers Nachfahren gebärdeten, klammerten sich um so verzweifelter an die Buchstaben der Bibel, je heftiger der Boden unter ihren Füßen schwankte. Lessings geschichtsphilosophische Gesichtspunkte zu fassen, lag ganz außerhalb ihrer Fähigkeit; sie konnten sich nicht einmal zu dem diplomatischen Gedanken aufschwingen, daß es am Ende ratsam sei, einen Fittich preiszugeben, um den Rumpf noch eine Weile zu retten. So stürzten sie sich in mehr oder minder wilder Wut über den Fragmentisten und seinen Herausgeber her, und von ihrem besonderen Standpunkt aus auch gewiß mit vollem Recht. Aber Lessing war nicht minder in seinem Rechte, wenn er den auf ihn eindringenden Angriff abwehrte und dabei immer so in den Waldhineinrief, wie er aus dem Walde angerufen worden war. Ganz nach der Tonleiter, die er in den Antiquarischen Briefen für den Kunstrichter aufgestellt hatte: gelinde und schmeichelnd gegen den Anfänger; mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd gegen den Meister; abschreckend und positiv gegen den Stümper; höhnisch gegen den Prahler und so bitter als möglich gegen den Kabalenmacher.

Ein Anfänger in der Tat war der Direktor Schumann in Hannover, der die von dem Fragmentisten behauptete »Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf gegründete Art glauben könnten«, durch die in Jesu erfüllten Weissagungen und durch die von Jesu vollbrachten Wunder gleichwohl als möglich nachgewiesen haben wollte. Gelinde genug wies ihm Lessing in seiner haarscharfen Dialektik nach, daß, auch wenn die Nachrichten von jenen Wundern und Weissagungen ebenso zuverlässig seien, als nur immer historische Wahrheiten sein könnten, dennoch zufällige Geschichtswahrheiten nie der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten werden können, und schmeichelnd genüg wollte er sich mit dem beschränkten, aber anständigen Manne in der christlichen Liebe über die christlichen Glaubenslehren einigen.

Ein Stümper war der Superintendent Reß in Wolfenbüttel, der die zehn von dem Fragmentisten in der Auferstehungsgeschichte der Evangelien aufgedeckten Widersprüche halb durch kindische Auslegung und halb durch verlogene Verdrehung der betreffenden Textstellen beseitigen wollte. Auch ihm trat Lessing im Anfange seiner Duplik gelinde genug entgegen; hier sprach er das schöne und tiefe, zugleich das Ergebnis wie das Wesen seiner einsamen Geisteskämpfe beleuchtende Wort: »Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. – Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle! ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!« Aber je tiefer dann Lessing in die traurige Salbaderei seines »Nachbarn« eindrang, je mehr er abtat von dessen »eklen Mißgeburten, deren man freilich den langen Tag über nicht so viele ersäufen kann, als er die folgende Nacht wieder auszubrüten imstande ist«, um so mehr verfiel er in einen Ton, der allerdings »abschreckend und positiv« genug war.

Prahler aber und Kabalenmacher waren die hamburgischen Orthodoxen, leider auch der Hauptpastor Goeze, der bei alledem ein besseres Los verdient hätte, als im Bernstein von Lessings Polemik ein unsterbliches Insektendasein zu führen. Lessing hatte in Hamburg gute Freundschaft mit ihm gehalten und ihn gelegentlich vor dem Fragmentenstreite seinen »ehrlichen Goeze« genannt. Und ohne Zweifel war Goeze ein ehrlicher Kerl, ein ungleich besserer Mann als die Lange und die Klotz und auch die Nicolai; um seine orthodoxe Überzeugung war es ihm heiliger Ernst, für sie stand er immer auf dem Plane mit gar nicht ungeschicktem Schwerte, ihr wußte er auch, wenn es not tat, Opfer zu bringen. Ein bißchen sehr arg hat ihm Lessing mitgespielt, das ist gar keine Frage; Lessing selbst sagt wohl, daß er ihm »Evolutiones« mache, daß er seine Waffen nach seinem Gegner richten müsse und daß er nicht alles, was er streitend schreibe, lehrend schreiben würde. Heute jedes Wort Lessings gegen Goeze als richtig zu wiederholen, würde größtes Unrecht gegen Goeze sein, wenn es nicht ein noch größeres Unrecht gegen Lessing wäre. Lessing will verstanden, nicht nachgebetet sein, aber wenn Lessing als Nachwelt dem guten Goeze zweifellos manche Unbill abbitten würde, so mußte Lessing als Mitwelt trotzdem genauso gegen Goeze handeln, wie er gehandelt hat. Das ist der Punkt, den manche neueren Lessing-Forscher als Retter Goezes ebenso übersehen, wie beispielsweise Stahr übersehen hat, daß Lessings Flugschriften gegen Goeze doch nicht das wahre Bild dieses Mannes widerspiegeln. Der entscheidende Gesichtspunkt ist, daß Goeze, wie man um seiner selbst willen mit aufrichtigem Bedauern sagen mag, als Prahler und Kabalenmacher gegen Lessing aufgetreten ist; er hat ihn auf sein Todesstündlein verwiesen, er hat mit sanftem Anwinken den Arm der weltlichen Obrigkeit auf ihn herabgerufen, er hat ihn wie einen ungezogenen Schulbuben wegen seines persönlichen Glaubens katechisiert, und alles das hatte mit der wissenschaftlichen Kritik der Evangelien durch den Fragmentisten, geschweige denn mit Lessings Gegensätzen auch nicht das geringste zu tun. Es war pfäffische Kabale, Prahlerei, Verfolgungssucht, und wenn es Goezes von ihm keineswegs verleugneter Anhang in Hamburg noch ärger trieb als er selbst, so entlastet ihn das jedenfalls nicht, selbst wenn man seinen heutigen Fürsprechern zugeben möchte, daß es ihn nicht noch mehr belastet. Lessing durfte sich das einfach nicht bieten lassen, was Goeze ihm bot, und zu seinen Vorzügen, wenn es denn wirklich ein Vorzug sein soll, hat ein Übermaß von Geduld gegen heimtückische Angriffe auch nie gehört. Gegen den Prahler und Kabalenmacher wurde er »höhnisch«, wurde er »so bitter als möglich«, und zugegeben, daß er zu höhnisch, zu bitter wurde, so hat er auf diesen Vorwurf schon die erschöpfende Antwort erteilt mit den Worten: »Gegen einen solchen Mann wäre es möglich, die geringste Achtung beizubehalten? Einem Dritten vielleicht! Aber nicht dem, nach dessen Kopfe diese Steine zielen.«

Die Winke an die weltliche Obrigkeit hatten denn auch den gewünschten Erfolg; das braunschweigische Konsistorium fiel mit Beschlagnahmen und Verboten in den kräftigen Arm, der die Gegner in hellen Haufen vor sich her trieb. Lessing ließ sich dadurch zwar nicht beirren, in der »ausländischen« Presse zu sagen, was er noch zu sagen hatte, aber da er nun einmal von einer Arbeit feiern sollte, die »er mit derjenigen frommen Verschlagenheit ohne Zweifel nicht betrieben hatte, mit der sie allein glücklich zu betreiben ist«, so hatte er in einer schlaflosen Nacht einen »närrischen Einfall«; er möchte versuchen, ob man ihn »auf seiner alten Kanzel, auf dem Theater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen«. Einen Sohn seines eintretenden Alters, den die Polemik [hat] entbinden helfen, so nennt er Nathan den Weisen, und von den Versen dieses dramatischen Gedichts sagt er, daß sie viel schlechter sein würden, wenn sie viel besser wären. Bei dieser Kritik des großen Kritikers hätte es bleiben sollen. Lessingisch durch und durch, ein bleibendes Besitztum unserer Literatur, ein kostbares Gefäß, in das die letzte, prächtig verströmende Kraft eines Heldengeistes floß, trägt Nathan doch die Spuren des Alters wie der Polemik. Es ist leider nicht ganz unwahr, wenn Jakob Grimm ihn zur Emilia steckt, wie den »Don Carlos« zum »Fiesko«. Nathan ist reich an schönen und tiefen Worten, die wir gar manches Mal freilich lieber in Lessings klassischer Prosa als in seinen holperigen Versen besitzen möchten, und einzelne Nebencharaktere wie der Derwisch, der Klosterbruder, der Patriarch, der immerhin nicht den orthodoxen Fanatiker Goeze, aber wohl den orthodoxen Fanatismus plastisch verkörpert, sind zu klassischen Gestalten geworden. Nicht zu vergessen des Herzbluts, mit dem Lessing die Szenen zwischen Nathan und Recha tränkte: es war eine der letzten Infamien der deutschen Philister an Lessing, daß sie ihm durch nichtswürdige Klatschereien den Schatten häuslichen Glücks zerstören wollten, den ihm die kindliche Liebe seiner Stieftochter Malchen schuf. Aber die gänzlich unhistorischen Voraussetzungen des Stückes und die fast ifflandische Gemütlichkeit, womit sich Jude, Sultan und Tempelherr über Toleranz unterhalten, haben dem Nathan das schlimmste Schicksal bereitet, das einem Werke von Lessing zustoßen kann; er ist zum Banner desselben breimäuligen und schwatzschweifigen Aufklärichts geworden, gegen den Lessing gerade sein gutes Schwert gezogen hatte.

Immerhin muß man sich hüten, den Wert dieses dramatischen Gedichts nach seiner heutigen Gefolgschaft abzuschätzen. Trotz alledem bleibt es der weihevolle Akkord, in dem Lessings größter Kampf ausklang. »Es wird nichts weniger als ein satirisches Stück, um den Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen. Es wird ein so rührendes Stück, als ich nur immer gemacht habe«, schreibt Lessing seinem Bruder. Er will damit »dem Feinde auf einer anderen Seite in die Flanke fallen«, aber er sagt auch: »Mein Stück hat mit unsern jetzigen Schwarzröcken nichts zu tun ... Die Theologen aller geoffenbarten Religionen werden freilich innerlich darauf schimpfen, aber dawider sich öffentlich zu erklären, werden sie wohl bleibenlassen.« Lessing dichtete den Nathan unter den schwersten Bedrängnissen, in der eigenen Brust schon die Todeskrankheit, durch polizeiliche Verbote in seiner schriftstellerischen Tätigkeit gelähmt, gebrochen durch den Tod seiner geliebten Frau, von Sorgen um das tägliche Brot so geplagt, daß er über die Subskription auf sein Gedicht schrieb, vielleicht sei das Pferd schon verhungert, ehe der Hafer reif geworden. Und aus all diesem Elend rang sich sein hoher Geist zu der heiteren Naivität empor, die Goethe bereits an dem Nathan rühmte. Den Besten der Zeitgenossen tat das Werk genug, ja, es wirkte auf sie wie eine überwältigende Offenbarung. »Lange, lange«, so schrieb Elise Reimarus, »muß kein Trunk Wassers in einer dürren Sandwüste so verschluckt worden sein, so gelabt haben als dieser uns ... So ein Jude, so ein Sultan, so ein Tempelherr, so eine Recha, Sittah – was für Menschen! Wenn es deren viele von ordentlichen Eltern geboren gäbe, wer möchte nicht so lieb auf Erden als im Himmel leben, da, wie Sie ganz recht bemerken, der Mensch dem Menschen doch immer lieber bleibt als der Engel.« Und trotz aller Mängel, die von berühmten und unberühmten Kritikern dem Drama nachgesagt worden sind, wird seine kürzeste und treffendste Kritik bleiben, was Herder an Lessing schrieb: »Ich sage Ihnen kein Wort Lob über das Stück; das Werk lobt den Meister, und dies ist Manneswerk.«

Kein Mensch, auch der klügste nicht, kann über den Gedankenkreis seiner Zeit hinaus; was wir auf dem heutigen Standpunkt der wissenschaftlichen Erkenntnis wissen, daß sich nämlich in den historischen Religionen immer nur die ökonomischen Entwicklungskämpfe der Menschheit widerspiegeln, das konnte Lessing höchstens, wie ein Satz in seinen Freimaurergesprächen zeigt, ganz von fern ahnen. Vom bürgerlich-ideologischen Standpunkte aus sah Lessing in dem Hader der Religionen nicht die Wirkung, sondern die Ursache der sozialen Kämpfe; er meinte: »Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon itzt aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird.« Nun, schon zwei Jahre nach seinem Tode wurde Nathan in Berlin aufgeführt, und was war es denn mehr? Deshalb benutzte Friedrichs aufgeklärter Despotismus die positiven Religionen nicht weniger als Machtmittel seiner Regierung; deshalb gediehen die jüdischen Wucherer Ephraim und Itzig nicht weniger zur »Freiheit von christlichen Bankiers«, während der jüdische Philosoph Moses nur eben eine rechtlose Duldung genoß und seine Tochter Recha nicht einmal hatte, wo sie nach seinem Tode ihr Haupt hinlegen durfte. Aber je weniger Lessing nach dem Erkenntnisvermögen seiner Zeit auf den tiefsten Grund der Dinge blicken konnte, um so bewundernswerter ist die geistige Klarheit, womit er praktisch den Standpunkt vertrat, über den die Besten unserer Zeit nicht hinausgekommen sind und auch gar nicht hinauskommen wollen, auf den die halben Aufklärer unserer Tage so wenig gelangen können wie ihre Vorfahren vor hundert Jahren: den Standpunkt, daß der religiöse Glaube die private Sache jedes einzelnen Menschen sei, um derentwillen er schlechterdings nicht behelligt werden dürfe, aber daß ebendeshalb auch alle Religion, die sich zum Kappzaum der wissenschaftlichen Forschung oder zur Waffe der sozialen Unterdrückung mache, rücksichtslos bekämpft werden müsse, sie sei welche sie wolle. Und wenn der Jüngling alle geoffenbarten Religionen gleich wahr und gleich falsch genannt hatte, so gab der alternde Mann in demselben Gedankengange der Parabel von den drei Ringen, die schon seit den Tagen der Kreuzzüge durch die Weltliteratur lief, die bezeichnende Wendung: Kein Ring ist der echte, der echte Ring vermutlich ging verloren, aber wer seinen Ring den echten glaubt, der eifre, die Kraft des Steins in seinem Ring mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun an den Tag zu legen.

Nichts törichter daher, als im Nathan eine Verunglimpfung des Christentums oder gar eine Verherrlichung des Judentums zu suchen. Es ist ein schnöder Verrat an Lessing, wenn der philosemitische Kapitalismus sich unter dem Banner des Nathan zu scharen versucht. Lessing nahm den Juden einfach aus der Novelle des Boccaccio, die ihm die Parabel von den drei Ringen lieferte. Er hat. wie jede soziale Unterdrückung, so die soziale Unterdrückung der Juden bekämpft, aber die heutzutage der Menschheit von der »Freisinnigen Zeitung« auferlegte Verpflichtung, in jedem jüdischen Börsenjobber lieber gleich einen Erzengel Gabriel zu verehren, hat seine freie Seele noch nicht geahnt. Er kannte neben den Licht- auch die Schattenseiten des jüdischen Charakters sehr wohl, und über die jüdische Unduldsamkeit hat er genau mit derselben Verachtung gesprochen wie über die pfäffische. Aber mit dem politischen Takte eines rechten Kämpfers wußte er, daß man die Unterdrückten nicht striegeln darf, solange man die Unterdrücker bekämpfen muß. So sparte er sich die Kritik des Judentums, die andere große Denker und Dichter unserer klassischen Literatur sich nicht sparen zu sollen glaubten. Dafür prangen ihre Namen denn nun auch in der Leporelloliste des Antisemitismus, während es Lessings bleibender Ruhm ist, daß sich weder die Antisemiten noch die Philosemiten mit irgendwelchem Recht auf ihn berufen dürfen.

Die tiefe Logik, die in der letzten Wendung von Lessings Leben lag, macht sich auch darin geltend, daß er die dauernden Lorbeeren des Fragmentenstreits da ernten sollte, wo er in richtigem Instinkte den Kampf aufgenommen hatte, wo er den Kant und Fichte und Hegel wirklich die Bahn brach. Er selbst spricht von seinen Streitschriften gegen die Orthodoxie, so klassische Meisterwerke der Polemik sie in ihrer Art waren, als von »Katzbalgereien« und »Schnurren«. Dagegen nannte er in einem Briefe an seinen Bruder seine »Neue Hypothese über die Evangelisten, als bloß menschliche Geschichtsschreiber betrachtet«, mit einem bei ihm einzig dastehenden Selbstlobe das Gründlichste und Sinnreichste, was er geschrieben zu haben glaube, und ein in dieser Frage so berufener Urteiler wie David Strauß bestätigt, daß dies »Schriftchen von zwei Bogen die fruchtbaren Keime aller späteren Forschungen über den Gegenstand enthalte«.[71]

Lessing legte den festen Boden der Evangelienkritik, indem er zwischen den drei synoptischen Evangelien und dem Evangelium Johannis unterschied und sowohl über die Entstehung und die gegenseitigen Beziehungen der nach Matthäus, Markus, Lukas benannten Evangelien eine Reihe scharfsinniger Bemerkungen machte als auch in bündiger Weise darlegte, daß erst mit dem vierten Evangelium das Christentum aus einer bloßen jüdischen Sekte in den Rang einer Weltreligion übergetreten sei. Wir sahen schon, daß Lessing die Gelehrsamkeit und Gründlichkeit des Fragmentisten sehr hoch schätzte, aber nicht etwa taktisch, sondern prinzipiell diesem Meister »mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd« gegenüberstand. So treffend der Fragmentist die einzelnen Widersprüche in der von den Evangelien berichteten Auferstehungsgeschichte aufgedeckt hatte, so weit schoß er daneben, wenn er meinte, daß sich die Jünger, die in Jesu bis dahin einen weltlichen Messias gesehen hätten, nach seinem wider ihr Erwarten erfolgten Tode aus Not und in einer Art frommen Betrugs ein neues Religionssystem zurechtgezimmert hätten. Einer so oberflächlich-rationalistischen Auffassung war Lessing seinerseits unfähig; er sah in den positiven Religionen ein naturgemäßes Erzeugnis und eine unentbehrliche Bedingung der menschlichen Geistesentwicklung, und Zeller sagt mit Recht, daß er schon den Grundgedanken von Hegels Religionsphilosophie vertreten habe. Wenn Hegel die Aufklärung eine bewußte Lüge nennt, insoweit sie von »Pfaffenbetrug« und »Volkstäuschung« rede, so hat Lessing freilich so grob und so ungerecht nicht über den Fragmentisten geurteilt, der es in seiner Weise durchaus ehrlich meinte, aber es sind lessingische Gedanken, wenn Hegel ausführt, daß »den Glauben die historischen Zeugnisse – das Wissen gemeiner wirklicher Geschichten nichts angehe«, daß es »dem Glauben nicht einfalle, an solche Geschichten, an solche Zufälligkeiten und Zeugnisse seine Gewißheit zu knüpfen«. Genau dies war der Standpunkt, den Lessing sowohl gegenüber der Aufklärung, der wirklichen eines Reimarus und der scheinbaren eines Nicolai, als auch gegenüber der Orthodoxie vertrat, und von diesem Standpunkte aus konnte er mit voller Wahrheit sagen, was ihm neuere Lessing-Forscher gern als Humbug aufmutzen möchten, daß er es mit der christlichen Religion besser meine als Goeze und Kompanie.[72]

Am ausführlichsten hat Lessing seinen religionsphilosophischen Standpunkt in der Erziehung des Menschengeschlechtes entwickelt, und, wie wir schon sahen, gleichfalls im Gegensatze zu Reimarus. Die geoffenbarten Religionen sind ein Erziehungsmittel des Menschengeschlechts gewesen; dieser Nachweis wird an der jüdischen und der christlichen Religion geführt. Man darf den meisterhaft geschriebenen Aufsatz natürlich nicht vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft aus kritisieren, und man darf noch viel weniger seinen Schwerpunkt in der am Schlusse auftauchenden Hypothese der Seelenwanderung suchen. Dieser Schwerpunkt liegt vielmehr in dem Versuche, gerade aus der historischen Berechtigung der geoffenbarten Religionen die Notwendigkeit ihres historischen Verfalls zu erweisen. »Warum wollen wir«, so fragt Lessing, »in allen positiven Religionen nicht lieber weiter nichts als den Gang erblicken, nach welchem sich der menschliche Verstand jedenorts einzig und allein entwickeln können und noch ferner entwickeln soll, als über eine derselben entweder lächeln oder zürnen? Gott hätte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei unseren Irrtümern nicht?« Aber »die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftwahrheiten ist schlechterdings notwendig, wenn dem menschlichen Geschlechte damit geholfen sein soll ... Es ist nicht wahr, daß Spekulationen über diese Dinge jemals Unheil gestiftet und der menschlichen Gesellschaft nachteilig geworden ... Nicht den Spekulationen – dem Unsinne, der Tyrannei, diesen Spekulationen zu steuern, Menschen, die ihre eigenen hatten, nicht ihre eigenen zu gönnen, ist dieser Vorwurf zu machen.« Vor allem an der Unsterblichkeitsfrage verfolgte Lessing die Ausbildung der geoffenbarten Wahrheiten in Vernunftwahrheiten. Die jüdische Religion wußte nichts von der Unsterblichkeit der Seele, weil das rohe und im Denken ungeübte Volk der Juden nur durch unmittelbare, sinnliche Belohnungen und Strafen erzogen werden konnte. Die christliche Religion lehrte entwickelte Völker, sich von edleren Beweggründen leiten zu lassen; sie erzog zur inneren Reinigkeit des Herzens durch den Hinblick auf ein anderes wahres, nach diesem Leben zu gewärtigendes Leben. Aber nun kommt die Zeit der Vollendung, die Zeit eines neuen, ewigen Evangeliums, »da der Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer besseren Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zu erborgen nicht nötig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem bloß heften und stärken sollten, die inneren besseren Belohnungen desselben zu erkennen«. Wie der Grundgedanke von Hegels Religionsphilosophie, so ist hier auch schon der Grundgedanke der Kantischen Sittenlehre vertreten, und wenn diese tief durchdachte Arbeit gleichwohl mit der phantastischen Perspektive der Seelenwanderung endet, so spiegelte sich darin nur das deutsche Elend wider. Ein so weltfreudiger Mensch wie Lessing wollte schlechterdings nichts von einem zukünftigen Leben wissen; in einem seiner hinterlassenen Fragmente heißt es: »Über die Bekümmerungen um ein künftiges Leben verlieren Toren das gegenwärtige. Warum kann man ein künftiges Leben nicht ebenso ruhig abwarten als einen künftigen Tag? Dieser Grund gegen die Astrologie ist ein Grund gegen alle geoffenbarte Religion. Wenn es auch wahr wäre, daß es eine Kunst gäbe, das Zukünftige zu wissen, so sollten wir diese Kunst lieber nicht lernen. Wenn es auch wahr wäre, daß es eine Religion gäbe, die uns von jenem Leben ganz ungezweifelt unterrichtet, so sollten wir lieber dieser Religion kein Gehör geben.« Aber die notwendige Voraussetzung dieser Weltfreudigkeit war, daß »der Mensch einer immer besseren Zukunft sich überzeugt fühlet«, und dieser Überzeugung konnte in dem gesegneten Deutschland nur leben, wer mit Lessing hoffend fragte: »Was habe ich denn zu versäumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?«

Lessings Philosophie, um überhaupt davon zu reden, war ebensowenig systematisch wie seine Theologie. Die ökonomische Rückständigkeit Deutschlands verschloß ihm das Verständnis des Materialismus, und er war eine viel zu energische, rasche, auf den vollen Genuß des Lebens gerichtete Natur, um mit Behagen an den Spinneweben der idealistischen Philosophie zu spinnen. Sein philosophischer Lebenslauf ging von Leibniz zu Spinoza. Vor- oder rückwärts, wie man will. Denn Leibniz, der eine große spekulative Begabung mit der seltsamsten Anpassungsfähigkeit an den deutschen Duodezdespotismus verband, war »im Herzen selbst ein Spinozist«, wie Lessing treffend sagte; mit seiner Monadenlehre und prästabilierten Harmonie hatte er nur seinen Spinozismus vor den lauernden Augen der Orthodoxie notdürftig verkleidet. Durch diese Schale wieder auf den Kern zu dringen, durch die täuschenden Verhüllungen auf die spinozistischen Grundgedanken: Einheit alles Seienden, Gesetzmäßigkeit alles Geschehens, Wesenseinheit von Geist und Natur zurückzugehen, war Lessings philosophische Entwicklung, die sich aus seinen philosophischen Gedankenspänen, so unsystematisch sie sein mögen, vollkommen sicher nachweisen ließe, wenn auch nicht Jacobis durchaus glaubwürdiger Bericht über Lessings mündliches Bekenntnis zum Spinozismus vorläge. Lessing gelangte bis an die Grenze, die den Idealismus von dem Materialismus trennt; darüber hinauszugehen gestattete ihm im letzten Grunde die Verkommenheit der deutschen Zustände nicht.

Sie auch trieb ihn in die Höhe jenes hellen, aber etwas luftigen Humanismus, der seine Freimaurergespräche: Ernst und Falk, beseelt. Es ist natürlich dummes Zeug, wenn Stahr aus diesen wiederum meisterhaft geschriebenen Dialogen eine unwiderlegliche Zurückweisung des Sozialismus heraus-, dagegen eine Verherrlichung der Anarchie, die nach Stahr zu unserer Zeit Proudhon und – Karl Vogt am glorreichsten vertreten haben, hineinlesen will. Zu solchem sinnlosen Durcheinanderwürfeln von Begriffen und Namen muß die ideologische Geschichtsschreibung ihrer inneren Natur nach immer gelangen; vom Standpunkt der wissenschaftlichen Geschichtsforschung aus läßt sich nur sagen, daß Lessings Freimaurergespräche unter herber Kritik des Zerrbildes, zu dem sich der humanistische Gedanke in dem Freimaurerorden entwickelt hat, ein ideales, von allem konfessionellen, nationalen, sozialen Unterschiede absehendes, den Menschen im Menschen liebendes Freimaurertum als das edelste und erstrebenswerteste Ziel der menschlichen Entwicklung hinstellen. Lessing schlägt hier zuerst den Flug ein, den die großen Denker und Dichter des deutschen Bürgertums aus dem hoffnungslosen Wirrsal des deutschen Elends in die Ätherhöhen der Idee genommen haben, weil sie ihn nehmen mußten, weil nur so noch eine Aussicht auf die Emanzipation der bürgerlichen Klassen gerettet werden konnte. Aus dieser Höhe hat dann Lessing noch mehr vielleicht als die anderen ihm ebenbürtigen Ritter vom Geiste manch weiten Blick in die Zukunft getan, so wenn Falk den, wie Ernst sagt, »gewaltigen Schritt« tut, zu folgern, daß die Staaten »ein ganz verschiedenes Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen« haben. Daraus könnte man mit viel größerem Rechte ein Bekenntnis zur materialistischen Geschichtsauffassung machen, als wenn Stahr »seinen« Lessing die Notwendigkeit der Klassenunterschiede »unwiderleglich« beweisen lassen will, weil Lessing für die Zustände seiner Zeit die verheerenden Folgen dieser Unterschiede nicht anders als durch eine ideale Freimaurerei zu beseitigen wußte. Aber man darf der ideologischen Geschichtsschreibung keine Zugeständnisse machen, und wenn Lessing in jenem merkwürdigen Satze die Verschiedenheit der Religionen auf die Verschiedenheit der ökonomischen Zustände zurückzuführen scheint, so lag darin noch nicht der bewußte Anfang einer neuen Weltanschauung, sondern einer jener genialen Gedankenblitze vor, wie sie bei den vorgeschrittensten Persönlichkeiten jedes historischen Zeitalters wiederzukehren pflegen und – namentlich was den Einfluß des Klimas auf die geistige Entwicklung der Völker anbetrifft – schon von Montesquieu und Winckelmann in die Welt geworfen worden waren.[Anmerkung 68]

Gerade dadurch, daß Lessing in seiner letzten Periode ebenso wie nach ihm Goethe und Schiller, Kant und Fichte und Hegel den »Widerstand der stumpfen Welt« nur durch einen idealen Humanismus zu besiegen gedachte, zeigt er, wie ferne er jeder materialistischen Anschauung stand. Aber sowenig auf dem in seinen Freimaurergesprächen gezeichneten Wege die freie Menschheit erreicht werden sollte, sosehr handelte er im Interesse der bürgerlichen Klassen, indem er diesen Weg einschlug, denn auf keinem anderen war das deutsche Bürgertum als ein die weltgeschichtliche Entwicklung mitbestimmender Faktor noch zu retten. In Deutschland konnte noch die bürgerliche Philosophie eine Weltmacht werden, aber nimmermehr die bürgerliche Politik. Nicht als ob Lessing deren jemals vergessen hätte! Gerade aus den letzten Jahren seines Lebens liegen noch herrliche Zeugnisse seiner politischen Anschauungen vor. Wie treffend geißelt er im Nathan jene in unseren Tagen zur jämmerlichsten Liebedienerei entartete Illusion, die sich mit dem Despotismus abfindet, weil dieser oder jener Despot von weitem etwa einem Biedermann ähnlich sieht, mit den Worten des Derwischs:

»Ei was! – Es wär' nicht Geckerei,

Bei Hunderttausenden die Menschen drücken,

Ausmergeln, plündern, martern, würgen und

Ein Menschenfreund an einzeln scheinen wollen?

...........................Was? es wäre

Nicht Geckerei, an solchen Geckereien

Die gute Seite dennoch auszuspüren,

Um Anteil, dieser guten Seite wegen,

An dieser Geckerei zu nehmen?«

Wie blicken die Spartakus-Fragmente dem bürgerlichen Freiheitsbegriffe schon durch Herz und Nieren, sowohl der lakonische Monolog des Spartakus: »Sollte sich der Mensch nicht einer Freiheit schämen, die es verlangt, daß er Menschen zu Sklaven habe?« als auch der nicht minder lakonische Dialog zwischen dem Konsul und Spartakus:

»

Konsul: Ich höre, du philosophierst, Spartakus?

Spartakus: Was ist das: Du philosophierst? – Doch ich erinnere mich – Ihr habt den Menschenverstand in die Schule verwiesen, um ihn lächerlich machen zu können – So du nicht willst, daß ich philosophieren soll – philosophieren – es macht mich lachen – nun gut, wir wollen fechten!«

Dann das köstliche Gespräch über die Mönche und Soldaten, die Schnecken und Mäuse, die des Landmanns Saaten vernichten, die als »Beschützer des Staats«, als »Stützen der Kirche« nur Gimpel locken können. Weiter der Aufsatz über die »deutsche Freiheit, von der man itzt überall eine sehr geringe Meinung hat«. Wenn ein französischer Schriftsteller »vorgibt, daß alle deutschen Untertanen Serfs wären, die ihre Herren schinden können, wie sie wollen«, so findet Lessing: »Wenn er von dem redet, was geschieht, so dürfte er fast recht haben.« Aber er findet zugleich, daß dieses die Einrichtung des deutschen Staates gar nicht sei. In den ältesten Zeiten, von denen Tacitus schreibe, hätten die Könige und Herzoge der Deutschen ohne Zuziehung des Volkes nichts Wichtiges unternehmen dürfen. Ebenso seien im Mittelalter die Landstände zu allen wichtigen Regierungsgeschäften gezogen [worden], namentlich wenn neue Steuern auf gelegt oder Kriege beschlossen werden sollten. Wenn dem nicht mehr so sei, wenn »fast überall geworbene und der Landesherrschaft allein zu Befehl stehende Soldaten unterhalten werden«, so sieht Lessing die Ursache dieser Veränderung mit dem Historiker Strube namentlich auch darin, daß »man den auf Landtagen das meiste vermögenden Adel dadurch zur Einwilligung bewegt habe, daß ihm die alte Steuerfreiheit seiner Güter gelassen, er selbst aber und die Seinigen mit Zivil- und Militärämtern versehen worden«. Aber wenn Lessing die »historische« Einsicht Strubes lobt, so tadelt er die »politische« Ansicht dieses Schriftstellers, der das Unrecht von heute durch das Unrecht von gestern zu rechtfertigen suchte, als »desto schlechter und sklavischer«. Er fragt seinerseits: »Wenn aber das geschieht, sollte es auch geschehen? Sollten wir nicht wenigstens in unseren Schriften unaufhörlich gegen diese ungerechten Veränderungen protestieren, anstatt durch schmeichelnde Nachsicht und Entschuldigung der Großen ihre Tathandlungen Recht sprechen?« Und so weiter.

Trotz dieser klaren Erkenntnis in rein politischen Fragen, das Wort im engeren und engsten Sinne genommen, wußte Lessing, weshalb er seine Perlen nicht mehr vor das deutsche Bürgertum warf. Wie richtig ihn dabei sein bürgerliches Klassenbewußtsein leitete, zeigt das Schicksal der braven Männer, die es gleichwohl auf politischem Wege versuchten. Sie blieben mitten im Sumpfe stecken: Möser, der jüngere Moser, Schlözer und wie sie sonst noch hießen. Neben vielem Trefflichen, was sie schrieben, verteidigte Möser die Leibeigenschaft, schalt Moser über den »Frevel«, das göttliche Recht der Fürsten anzutasten, erklärte es Schlözer für eine »lächerliche Einbildung«, die Ansichten einer Behörde beurteilen zu wollen. Politisch war eben nichts anzufangen mit den bürgerlichen Klassen in Deutschland zu einer Zeit, da ein bürgerlicher Autor schrieb: »Schwerlich wird jemals ein Genie aufstehen, dessen Befehle unsern Gehorsam ermüden könnten«, und ein anderer in einer Abhandlung über den Vaterlandsstolz spottete: »Träume nicht von Freiheit, solange wir auf jeden Wink wie Cäsars Knechte ausrufen:

Gegen das Leben der Brüder, ja gegen die eigene Mutter,

Wenn er's befiehlt, wir führen den Streich, ob die Hand sich auch sträube«,

was denn freilich ja wohl heute schon wieder als der Gipfel »deutscher Freiheit« gelten soll.

Konnte Lessing doch nicht einmal auf seinem idealen Fluge das deutsche Bürgertum mit sich reißen! Ja, nicht einmal die geistige Vorhut dieses Bürgertums! In den theologischen Kämpfen seiner letzten Jahre standen ihm brieflich wenigstens Herder und Moses bei, aber als nach Lessings Tode die betreffenden Briefe veröffentlicht werden sollten, schrieb Herder entrüstet: »Welche Anmutung, mich in die Angelegenheit zu verflechten!« und der edle Moses, das angebliche Urbild des Nathan, erklärte gleichfalls nach Lessings Tode wider die Wahrheit, er habe die Schrift von Reimarus nie gelesen und er habe Lessings Zänkereien nie um der Sache, sondern nur um der eigentümlichen Art und Weise willen angesehen. Wie tief erschüttert angesichts solcher Felonie das Vertrauen, mit dem sich Lessing noch wenige Wochen vor seinem Tode zu diesem ältesten Freunde mit der Bitte um ein schriftliches Lebenszeichen flüchtet: »Und wahrlich, lieber Freund, ich brauche so ein Briefchen von Zeit zu Zeit sehr nötig, wenn ich nicht ganz mißmütig werden soll. Ich glaube nicht, daß Sie mich als einen Menschen kennen, der nach Lobe heißhungrig ist. Aber die Kälte, mit der die Welt gewissen Leuten zu zeigen pflegt, daß sie ihr auch gar nichts recht machen, ist, wenn nicht tötend, doch erstarrend ... Ach, lieber Freund, diese Szene ist aus! Gern möchte ich Sie freilich noch einmal sprechen!« So schrieb Lessing am 19. Dezember 1780 aus Wolfenbüttel, und am 15. Februar 1781 hat er bei einem Besuch in Braunschweig die müden Augen für immer geschlossen.

XI. Lessing und das Proletariat

Um Lessings Todesjahr bewegen sich in scharf ab- und aufsteigendem Gegensatze drei literarische Erscheinungen.

Das Pamphlet des Königs Friedrich über die deutsche Literatur zog aller Welt erkennbar die unüberschreitbare Grenzscheide zwischen deutschem Geistesleben und preußischem Despotismus. Man darf sich darüber nicht täuschen lassen durch die dreisten Byzantinismen, womit die heutigen Literarhistoriker das öde Machwerk in ein besseres Licht zu stellen suchen: »unbeschreiblich rührend« nennt es Scherer, und Suphan macht den höfischen Knicks: »Gegen den Eigensinn des großen Königs war nichts zu machen, er gehörte eben mit zu seiner Größe.«[Anmerkung 69]

Freilich die trostlose Geistesleere, die dem Leser aus jeder Seite des Pamphlets entgegenstarrt, mag mit zur »Größe« des Despotismus gehören. Aber wenn dem so sein sollte, dann können die Höflinge der bürgerlichen Geschichtsschreibung doch nicht leugnen, daß zwischen dem aufgeklärten Despotismus und unserer klassischen Literatur ein unversöhnlicher Widerspruch bestanden hat und bestehen mußte, daß Friedrichs Schrift ein Pranger ist für den Humbug der Lessing-Legende. Man muß doch schon mehr Idiot als Patriot sein, um sich von dem sentimentalen Gerede, worin sich Friedrich schließlich über eine künftige Blüte der deutschen Literatur ergeht, zu Tränen rühren zu lassen.

Friedrich ist bis zu einem gewissen Grade durch seine Unwissenheit entschuldigt; er hatte keine blasse Ahnung von der geistigen Entwicklung der bürgerlichen Klassen; dies Armutszeugnis seines alles vorausschauenden Despotismus soll ihm keineswegs vorenthalten werden. Aber unbestreitbar ist auch, daß er einem Kitzel despotischen Größenwahns nachgab, daß er der deutschen Literatur einen blutigen Schimpf zuzufügen beabsichtigte. Der Minister Hertzberg wies ihn in aller schuldigen Devotion, aber immerhin mit hinlänglicher Offenheit auf die größten Böcke der Schrift hin. Allein der König antwortete »ungnädig« genug: »Ich kann an diesen Bagatellen nichts mehr ändern.« So empfanden die Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen das Pamphlet als einen Schlag ins Gesicht. Herder sprach verächtlich von einem Gespenste, das am lichten Tage umgehe, und in zornglühenden Oden kehrte sich Klopstock gegen den Despoten, von dem er vergebens gehofft hatte, er würde »durch den schöneren Lorbeer decken des anderen Blut«. Goethes Antwort auf die Schmähungen des Königs ist denn freilich leider schon an höfischen Rücksichten um die Ecke gegangen; Herder fand »einzelne schöne Gedanken« darin, aber sie tat ihm nicht genug. Von Lessing besitzen wir kein ausgesprochenes Urteil über die Schrift; wir wissen nur, daß er wenige Tage vor seinem Tode die höfisch-schale Gegenschrift des Abtes Jerusalem gelesen hat. Ihm konnte der König, dessen Despotismus er längst bis auf den letzten Grund erkannt hatte, nichts Neues sagen; ihm war es gerade recht, daß die deutsche Muse, wie später Schiller sang, von Friedrichs Thron schutzlos und ungeehrt ging; ihm war es vor allem zu danken, daß sie sich selbst den Wert erschuf. Vergebens aber sucht man aus der etwas apokryphen Äußerung, die Friedrich fünf Jahre später zu Mirabeau getan haben soll, die loyale Folgerung zu ziehen, daß der König auf einem ähnlichen Standpunkt wie Lessing gestanden, daß er die deutsche Literatur sich selbst überlassen habe, weil sie sich so am kräftigsten entwickeln konnte. Gerade der »unbeschreiblich rührende« Schluß seines Pamphlets läuft darauf hinaus, daß die Literatur nur durch die fürstlichen Höfe auf einen grünen Zweig gebracht werden könne. »Lassen Sie uns Mediceer haben, und wir werden Genies erblühen sehen. Die Auguste werden Virgile erzeugen.« Und anders konnte ein Despot wie Friedrich auch gar nicht denken.

In Lessings Todesjahr fällt ferner das Erscheinen von Schillers »Räubern«. Mit seinem genialen Erstlinge nahm Schiller noch einmal Lessings Lebensarbeit gegen die Tyrannen auf. In raschen Schlägen folgte »Fiesko«, folgte »Kabale und Liebe«; sie alle erfüllt von Lessings Geiste und getragen von den Schwingen eines ungleich mächtigeren Dichtertalents. Aber die bürgerlichen Klassen hatten kein Ohr für diesen Mund, der so große Dinge tönte; nach einem glänzenden, doch kurzen Laufe mußte Schiller »des Bürgerlebens engen Kreis« mit einem »höheren Schauplatz« vertauschen, der in Wahrheit ein sehr viel niedrigerer war. Die Versöhnung mit dem deutschen Spießbürgertum pflanzte den Todeskeim in die deutsche Literatur. Langsam, aber unaufhaltsam wandelte sie bergab. Als das Schwert eines fremden Eroberers vollbrachte, was die bürgerlichen Klassen nicht zu vollbringen vermocht hatten, als die napoleonische Fremdherrschaft den ärgsten Schutt vom deutschen Boden räumte, um nun selbst mit unerträglicher Wucht auf allen Klassen der Nation zu lasten, da spiegelte die romantische Dichtung die seltsam zwiespältige Lage der Dinge wider. Die nationalen und die sozialen Interessen des deutschen Bürgertums traten in einen unversöhnlichen Gegensatz; diese Klasse konnte das ausländische Joch nicht abschütteln, ohne sich das einheimische Joch um so tiefer in den Nacken zu drücken. Vergebens suchten sich die Wortführer der Romantik über den klaffenden Abgrund mit angequälter Genialität und der berühmten »Ironie« fortzuschwindeln; vergebens haschten sie in den Literaturen aller Völker und Zeiten nach dem Boden, auf dem sie fußen konnten. Die romantische Dichtung mußte diesen Boden in der »mondbeglänzten Zaubernacht« des Mittelalters suchen; für Deutschland ließen sich nur hier nationale Ideale finden. Aber das Mittelalter war die ausgeprägteste Klassenherrschaft der Junker und der Pfaffen; aus diesem Zwiespalte der nationalen und der sozialen Interessen gab es kein Entrinnen. Der genialste Dichter der Romantik, Heinrich v. Kleist, ging unter in Irrsinn und Selbstmord; ihr volkstümlichster Sänger, Ludwig Uhland, feierte zuerst die minniglichen Königstöchterlein und zuletzt das alte, gute Recht in Schwaben, das in Wirklichkeit ein ganz verfaultes Recht war, wie sehr auch dieser edle Dichter und steifnackige Mann mit der wachsenden Drangsal seiner Klasse über die Romantik hinauswuchs.

Es kam dann so, wie es kommen mußte. Dank dem unentwickelten Zustande der bürgerlichen Klassen im östlichen Europa siegte die feudale Legitimität in dem Kampfe gegen die neue Zeit, die seit 1789 über unseren Erdteil heraufgedämmert war. Byrons glühender Haß gegen die Sieger von Waterloo, Heines schwärmerischer Napoleon-Kultus, Platens bissige Frage:

»Freiheitskriege fürwahr! Stand einst Miltiades etwa

Mit Baschkiren im Bund, als er die Perser bezwang?«

– alles das hatte seine guten Gründe. Ebenso wie es seinen guten Grund hatte, daß die preußischen Reaktionäre den Herrn v. Bismarck-Schönhausen jubelnd auf den Schild hoben, weil er 1847 in seiner verbohrten Weise auf dem Vereinigten Landtage erklärt hatte, die preußischen Landwehrmänner seien 1813 zur Rettung des feudal-legitimen Vaterlandes in den Krieg gezogen.

Das war ihnen nun freilich nicht einmal im Traum eingefallen. Sie glaubten für andere Ziele zu kämpfen als für die Heilige Allianz,

»Die irdische Trinität, Gott nachgeschaffen,

So wie der Mensch sich wiederholt im Affen.«

Aber ihre Illusionen zerstoben an ihrer Ohnmacht, zugleich die fremde und die einheimische Zwingherrschaft abzuschütteln. Die ungeheuersten Opfer waren für nichts gebracht worden; weder die politische Freiheit noch auch nur die nationale Einheit ergab sich als der Preis der furchtbarsten Kämpfe; eine dumpfe, geistlose, kleinliche Reaktion, die am liebsten hinter jeden Gedanken einen Polizeischergen gestellt hätte, lastete mit bleierner Wucht auf den Geistern. Die Romantik verlief in die vollendete Narrheit der Schicksalstragödie, in die läppisch-liederliche Vielschreiberei der Clauren und Genossen. Im Kampfe mit dieser unsäglichen Nichtigkeit lernte Platen seine glänzenden Waffen führen; im »Romantischen Ödipus« verhöhnte er »jahrzehntelangen Gequieks romantischen letzten Schrei«. Heine aber sang das »letzte freie Waldlied der Romantik« in der »grillenhaften Traumweise jener romantischen Schule, wo ich meine angenehmsten Jugendjahre verlebt und zuletzt den Schulmeister geprügelt habe«. Es begann wieder lebendig zu werden in der deutschen Literatur, weil die bürgerlichen Klassen nach Heilung ihrer schwersten Wunden sich wieder zu regen begannen. Aber wie unklar sie noch hin und her tappten, zeigte der häßliche Hader zwischen Heine und Platen, von denen keiner den andern verstand, geschweige denn, daß der eine oder der andere von der Masse der bürgerlichen Philister verstanden wurde. Heine schläft in Paris und Platen in Syrakus; das Exil wurde die wahre Heimat der stattlichen Talente, die ihnen in den dreißiger und vierziger Jahren folgten. Der deutsche Philister war am Ende doch unverbesserlich, und so verlor er denn auch sein Spiel im Jahre 1848.

Darnach gedachte er nicht mehr mit dem Gedanken oder dem Liede oder dem Schwerte, sondern nur noch mit den geflügelten Englein der preußischen Kassenscheine seinen Klassenaufschwung zu fördern. Er zog sich ganz auf die Pflege seiner materiellen Interessen zurück. Die bürgerliche Literatur hörte auf, die geistige Führerin der Nation zu sein; sie wurde dafür eine gefällige Dienerin der Bourgeoisie. Ihr »anerkannter Primas«, ihr »gesalbter König«, Herr Julian Schmidt, tat mit salzlosem Spotte die Gutzkow und Genossen ab, die sich aus der vormärzlichen Zeit noch einen Rest bürgerlicher Ideale gerettet hatten. Dafür gab er das tönende Schlagwort aus, die deutsche Dichtung solle das deutsche Volk bei seiner »Arbeit« aufsuchen. Gustav Freytag setzte dies Motto seinem gelesensten Romane vor; er stellte die satte und zahlungsfähige Moral des deutschen Spießbürgers in prunkenden Gegensatz zu bankerotten Polenjunkern und gewissenlosen Wucherjuden. Der ehrsame Jüngling, der auf dem Schreibbocke des Kontors in stiller Unterwürfigkeit eine ungezählte Reihe von Jahren hindurch Briefe und Frachtzettel schreibt, bis er nicht etwa die Tochter des Prinzipals heiratet – wie käme er zu solcher Vermessenheit! –, sondern von dieser alternden Jungfer selbst geheiratet wird, wurde die Idealgestalt des deutschen »Arbeiters«. Verhallt waren die feurigen Polenlieder Platens, Lenaus, Herweghs bis auf das letzte Echo; die bürgerliche Dichtung zählte an den Fingern ab, wieviel Warenballen in den unnützen Ruhestörungen der polnischen Aufstände verlorengehen können; in Freytags Roman zeigt Herr Anton Wohlfart, wohlbestallter Kommis des Hauses T. O. Schröter, wie der Deutsche als Arbeiter, Held und Patriot inmitten der verzweifelten Todeszuckungen eines gewaltsam zerrissenen Volkes keine höhere Aufgabe kenne, als unsichere Außenstände bis auf den letzten Heller einzutreiben. Und wie im Romane, so im Drama. Otto Ludwigs Erbförster geht tragisch unter, weil er als »Arbeitnehmer« nicht kapiert, daß er von seinem »Arbeitgeber« in jedem Augenblicke aufs Pflaster geworfen werden kann; schmutzige Strolche aber, die den Gedankeninhalt der bürgerlichen Revolution in die Worte kleiden: »Das wissen die Menschen jetzt, daß die in den Zuchthäusern verehrungswürdige Dulder sind, und die Vornehmen sind Spitzbuben, und wenn sie noch so ehrlich wären. Und die Fleißigen sind Spitzbuben, denn die sind schuld, daß die braven Leute, die nicht arbeiten mögen, arm sind«, dienen als tragische Hebel in der Tragikomödie des bürgerlichen Arbeiterkontraktes.

Dieser naive »Realismus« der Bourgeoisie überlebte freilich kaum die fünfziger Jahre. Lassalle begann seine Erhebung gegen den Mob, indem er wie ein Wetterstrahl über Julian und Julians Myrmidonen hereinbrach. Aber wir haben schon gesehen, daß und weshalb dies Gewitter die bürgerliche Literatur nicht klären und reinigen konnte. Nur so weit wirkte der Schrecken, daß der bürgerliche Roman seine schlotternden Glieder in das Löwenfell des »sozialen Romans« zu schlagen versuchte. Er war pfiffig genug, den ersten Tanz in dieser Maskerade auf dem Grabe dessen aufzuführen, der ihm den Stoß ins Herz gegeben hatte. Spielhagens »In Reih und Glied« wurde der erste »soziale Roman«. Hier wird der geniale Abenteurer Leo Gutmann durch die milde Weisheit des Doktor Paulus geistig und sittlich überwunden. Leo Gutmann ist Lassalle, Doktor Paulus aber jener Löwe-Kalbe, der – in der Tat ein sozialer Typus der deutschen Bourgeoisie – vom ehemaligen Präsidenten des Stuttgarter Rumpfparlaments sich entwickelte zum nationalliberalen Schutzzöllner und zur parlamentarischen Hand der vom »Zentralverbande deutscher Industrieller« betriebenen Interessenpolitik. Mit dem Helden wanderte der Sänger abwärts. Wenn Spielhagens »In Reih und Glied« die sozialen Gegensätze noch mit einer Art dämmernder Deutlichkeit erkennen ließ, so ist in seinem vor einigen Jahren erschienenen Roman: Was will das werden? die eine Seite der Sache spurlos verschwunden. Man hört und sieht nichts mehr von dem Leben der arbeitenden Klassen, wenn man nicht diese oder jene nach offiziösen Vorlagen durchgepinselte Demagogenfratze dahin rechnen will. Dafür unterhält sich eine Handvoll »wohlsituierter« Individuen drei dicke Bände hindurch über die Lösung der sozialen Frage, und ihrer Weisheit letzten Schluß spricht ein – Oberst vom preußischen Generalstabe dahin aus, freilich müsse die soziale Frage gelöst werden, aber sie könne und werde nur gelöst werden durch die höhere Einsicht der besitzenden Klassen.

Diese Klassen und vor allem das deutsche Bürgertum hatten inzwischen 1866 und 1870 völlig in die preußischen Bajonette abgedankt. Von allen Ecken und Enden des Reiches erhob sich ein Singen und Sagen, dem politischen Aufschwunge werde ein literarischer Aufschwung ohnegleichen folgen. Als ob eine Klasse, die mit Stolz als Rückgrat denselben Korporalstock trug, auf den unsere klassische Literatur mit so unüberwindlichem Abscheu geblickt hatte, überhaupt noch Denker und Dichter aus sich hätte erzeugen können! Statt der erwarteten Kolosse kam ein so nichtiger Mob, wie er die Literatur eines anderen großen Volkes sonst noch nie entehrt und entnervt hat. Es genügt zu sagen, daß Paul Lindau der Literatursultan der deutschen Reichshauptstadt wurde. Kapitalistischer Geschäftsbetrieb riß alle Zweige der Literatur an sich, nicht zuletzt das Theater. Die Tribüne der Lessing und Voltaire wurde eine spekulative Geldanlage, wenn sie nicht gar zu einem öffentlichen Hause herabsank. Und am schamlosesten wirken an der Prostitution der Bühne diejenigen, die in erster Reihe berufen wären, ihre Ehre zu schützen. In ganzen Vereinen haben sich die Lessinge der Bourgeoisie zusammengetan, um das Theater zu brandschatzen, seine Mitglieder auszubeuten und zu unterdrücken. Sie gründen eigene »Ehrengerichte«, die durch klassische Sprüche etwa bockbeinigen Theaterleuten, Männlein wie Weiblein, die Notwendigkeit beweisen, sich willenlos preiszugeben. So ein »Ehrengericht« weiß kein Arg darin zu finden, wenn ein Literatursultan einer armseligen Proletarierin der Bühne, die ihm nicht mehr fronen will, die seidene Schnur in Gestalt eines Ausweisungsbefehls zusendet oder wenn ein Pascha dieses Sultans allein von zwei Theatern in zwei Jahren 1106 Freibillets erpreßt.

Erst der Widerschein der immer mächtiger auflodernden Arbeiterbewegung hat einiges Licht in die bürgerliche Literatur geworfen. Was in ihr noch ein wenig Talent besaß, begann sich gegen ihre unsägliche Feilheit und Verlogenheit aufzubäumen. Man drängte zur Natur und zur Wahrheit zurück, aber da in der bürgerlichen Gesellschaft nichts als Unnatur zu finden war, so verfiel die neue naturalistische Richtung einem trostlosen Pessimismus. Nicht im Rausche, sondern im Katzenjammer dichtet sie. Überall schnüffelt sie nach Dekadenz, Fäulnis, Verfall; mit Recht hat ein jüngerer, der naturalistischen Richtung nicht fernstehender Schriftsteller über die »Dekadenzjünger, Verfallsschnüffler, Fäulnispiraten« gespottet, »die sich, um ihre Mannheit zu bekunden, mit der Syphilis brüsten«.[73]

Ganz abgesehen von den findigen Handwerkern der Feder, die den Naturalismus als kitzelnde und prickelnde Modesache betreiben, so verstehen auch die paar besseren und kräftigeren Vertreter der naturalistischen Richtung nur erst das zu schildern, was vergeht, nicht aber auch schon das, was entsteht. Für ihre Zukunft wird entscheidend sein, ob sie den breiten Graben zu überschreiten wissen, der die proletarische von der kapitalistischen Welt trennt. Die bürgerliche Gesellschaft kann und wird keine neue Blüte der Literatur mehr erzeugen.

Endlich aber erschien in Lessings Todesjahre Kants epochemachendes Hauptwerk, die »Kritik der reinen Vernunft«. Mit ihm »beginnt eine geistige Revolution in Deutschland, die mit der materiellen Revolution in Frankreich die sonderbarsten Analogien bietet und dem tieferen Denker ebenso wichtig dünken muß wie jene. Sie entwickelt sich mit denselben Phasen, und zwischen beiden herrscht der merkwürdigste Parallelismus« (Heine). Und seltsam: Alle ihre großen Träger, Kant, Fichte, Hegel, haben in demselben preußischen Staate gewirkt, auf den die klassischen Dichter des deutschen Bürgertums mit so unüberwindlichem Abscheu blickten. In einer weltgeschichtlichen Komödie trieb der preußische Korporalstock die deutsche Philosophie in immer höhere Höhen, bis er, was eine gewitterschwangere Wolke war, für ein harmloses Kamel oder Wiesel ansah. Er verfolgte Kant »wegen Entstellung und Herabwürdigung einiger Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des Christentums«, er »gebot ihm strenge, dergleichen Schriften und Lehren nicht mehr von sich ausgehen zu lassen«, und er ließ sich wohlgefallen die weise Antwort des Weisen: »Widerruf und Verleugnung seiner inneren Überzeugung ist niederträchtig, aber Schweigen in einem Falle wie der gegenwärtige ist Untertanenpflicht. Und wenn alles, was man sagt, wahr sein muß, so ist darum nicht auch Pflicht, alle Wahrheit öffentlich zu sagen.« Die klassische Philosophie sagte nicht alle Wahrheit öffentlich, nicht so öffentlich, daß der Korporalstock sie verstand. Und als sie ihren Höhepunkt in Hegel erreicht hatte, da wurde sie gar preußische Staatsreligion, in der die Kandidaten des höheren Lehramts sattelfest sein mußten, im Unterschiede von allen sonstigen »seichten Philosophemen«, vor denen sie durch das Unterrichtsministerium ausdrücklich gewarnt wurden. Was wirklich war, das war vernünftig, und da der preußische Staat mit seinen Festungen und Zuchthäusern wirklich war, so war er auch vernünftig; wer daran zweifelte, wurde auf dem Wege der Demagogenjagd zur wirklichen Vernunft bekehrt.

Aber was Hegel von der Französischen Revolution sagte, das galt auch von seiner Philosophie: Sie stellte die Dinge auf den Kopf. Sie mußte umgestülpt werden, um ihren revolutionär-vernünftigen Kern in ihrer reaktionär-wirklichen Hülle zu offenbaren. Aus der preußischen Staatsphilosophie entpuppte sich der revolutionäre Sozialismus. Marx schloß die klassische Philosophie mit dem hoffnungsfrohen Kampfe für die arbeitende Klasse, wie Lessing sie eingeleitet hatte nach dem hoffnungslosen Kampfe für die bürgerliche Klasse. Mit Recht sagt Engels, daß die deutsche Arbeiterbewegung die Erbin der deutschen klassischen Philosophie sei. Seit dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests im Jahre 1848 war es mit der bürgerlichen Philosophie in Deutschland vorbei. Ihre patentierten Vertreter an den Hochschulen kochten allerlei eklektische Bettelsuppen, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt abgestandener wurden. Für die philosophischen Bedürfnisse der Bourgeoisie aber sorgte eine Reihe von Modephilosophen, von denen einer den anderen ablöste, je nach der wechselnden Entwicklung des Kapitalismus. Von Anfang der fünfziger Jahre bis etwa in die Mitte der sechziger war Schopenhauer der Mann des Tages, der Philosoph des geängstigten Spießbürgertums, der wütende Hasser Hegels, der Leugner jeder historischen Entwicklung, ein Schriftsteller nicht ohne paradoxen Witz, nicht ohne ein reiches, wenn auch mehr weitläufiges als eindringendes und umfassendes Wissen, nicht ohne einen Abglanz der klassischen Literatur, die er zum Teile noch unter Goethes sonnenhaften Augen miterlebt hatte, aber in seiner duckmäuserischen, eigensüchtigen und lästernden Weise doch recht das geistige Abbild des Bürgertums, das, erschreckt durch den Lärm der Waffen, sich zitternd wie Espenlaub auf seine Rente zurückzog und die Ideale seiner größten Zeit wie die Pest verschwor.

Von der Mitte der sechziger bis etwa zum Beginne der achtziger Jahre löste ihn Hartmann ab, der Philosoph des Unbewußten, der, wie ihm der treffliche Albert Lange mit bitterem Spotte vorwarf, die bürgerliche Bildung auf den Standpunkt der Australneger zurückzuführen versuchte, der alles, was er in Geschichte und Natur nicht begriff, und dessen war unendlich viel, ebenso auf das Unbewußte schob, wie der Australneger im Teufel den »phantastischen Reflex der eigenen Unwissenheit« erblickt. Aber welch treffliche Philosophie für die deutsche Bourgeoisie, die nach der Schlacht bei Königgrätz so »unbewußt« an die »Spitze der europäischen Kulturwelt« gelangt war und sich darüber, wie sie denn eigentlich die Treppe hinaufgeflogen war, wirklich nicht klarwerden durfte, wenn sie anders ihren großmäuligen Kriegstanz mit der Seelenruhe der – Australneger vollführen wollte. Hartmann hat ihr denn auch alles bewiesen, was ihr Herz nur wünschen mochte. Er bewies, daß die liberalen Ideen ein oberflächlicher Hautausschlag des neunzehnten Jahrhunderts seien; er entdeckte den preiswürdigen Tiefsinn, daß die Gründungen der Schwindeljahre eine höhere Form des wirtschaftlichen Verkehrs anbahnten und auch einen annähernden Schritt zur Lösung der sozialen Frage bedeuteten; er feierte das Sozialistengesetz als ein treffliches Erziehungsmittel der arbeitenden Klassen, und schließlich erklärte er mit gewaltigem Tamtamschlage, daß er und seine Australneger »den Bahnen derjenigen drei Philosophen folgten, an deren Größe das Preußentum sich zu seiner weltgeschichtlichen Mission emporgeläutert und vertieft hat: Kants, Fichtes und Hegels«.[74]

Im Anfange der achtziger Jahre aber wurde Hartmann durch Nietzsche abgelöst, durch den Philosophen des Großkapitals. Die »weltgeschichtliche Mission des Preußentums« hatte ihre Schuldigkeit getan. Seinem inneren Wesen nach enthielt dies bürgerliche Schlagwort die Befriedigung der deutschen Bourgeoisie über die Beseitigung der Schranken, die in den deutschen Kleinstaaten und ihren verzopften Einrichtungen der Ausbreitung des Kapitalismus entgegengestanden hatten. Aber im Laufe einer mit beispielloser Macht und Schnelligkeit um sich greifenden Entwicklung wurde der »nationale Gedanke« selbst eine Schranke, woran die Expansionskraft des Kapitals ungeduldig rüttelte; in dem Zeitalter der Kartelle und der Trusts einer-, der internationalen Arbeiterbewegung andrerseits verblichen die Farben an den Grenzpfählen der einzelnen Länder; das Kapital züchtete eine neue über Europa regierende Kaste heran, und diese Kaste ist wesensgleich, in der Tat eine und dieselbe vom Scheitel bis zur Sohle, in London wie in Rom, in Madrid wie in Moskau. Ihr deutscher Philosoph aber wurde Nietzsche. Er sah in der »weltgeschichtlichen Mission des Preußentums« nur »Zwischenaktspolitik«; er spottete über die angebliche »Größe« der Staatsmänner, die den Geist eines Volkes eng und seinen Geschmack »national« machten; er verhöhnte »die Politiker des kurzen Blicks und der raschen Hand«, die den »Nationalitätswahnsinn zwischen die Völker« legten. Aber nicht um die Völker war es ihm zu tun, nicht um die »Herdenmenschen in Europa«, die sich das Ansehen geben, als seien sie »die einzig erlaubte Art Mensch«, die ihre Eigenschaften »Gemeinsinn, Wohlwollen, Rücksicht, Fleiß, Mäßigkeit, Bescheidenheit, Nachsicht« als die eigentlich menschlichen Tugenden verherrlichen. Er pries vielmehr die Alleinflieger, die Übermenschen, die freien Geister, die vornehmen Seelen, zu denen der »ausbeuterische Charakter« gehöre wie die organischen Funktionen zum Leben. Sie leben »jenseits von Gut und Böse«, sie empfinden es als »die Gerechtigkeit selbst«, wenn andere Wesen sich ihnen zu opfern haben. Korruption ist da, wo eine Aristokratie ihre Privilegien einer Ausschweifung ihres moralischen Gefühls zum Opfer bringt; das »Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie ist, daß sie mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen«. Und so weiter. Nietzsche war nicht nur der Herold, sondern auch das Opfer des Großkapitals. Ein fein und reich angelegter Geist, empfand er mit Abscheu und Grauen das grenzenlose Elend, das der Kapitalismus schafft, aber erblich belastet, im Schoße des Reichtums aufgewachsen, von Frauenhänden gehätschelt und verzärtelt, vermochte er nicht in dem Elend von heute die Hoffnung auf morgen zu entdecken, und so suchte er krampfhaft die Vernunft des Großkapitals, worüber er denn freilich seine eigene Vernunft verlieren mußte und leider auch im traurigsten Sinne des Worts verloren hat. Aber die irren Reden dieses armen Kranken werden als der irdischen Weisheit letzter Schluß von den Soldschreibern desselben Bürgertums gefeiert, das einst einen Lessing seinen ersten Vorkämpfer nennen durfte ...

Lessings Lebensarbeit gehört nicht der Bourgeoisie, sondern dem Proletariat. In der bürgerlichen Klasse, deren Interessen er verfocht, waren beide noch eins, und es wäre töricht, ihm eine bestimmte Stellung zu historischen Gegensätzen anzudichten, die sich erst lange nach seinem Tode entwickelt haben. Aber Wesen und Ziel seines Kampfes ist von der Bourgeoisie preisgegeben, von dem Proletariat aufgenommen worden; den bürgerlichen Klassenkampf, den Lessing in die Philosophie rettete, löste Marx aus der Philosophie als proletarischen Klassenkampf. Es ist nicht das ausgleichende Gebot einer himmlischen Gerechtigkeit, daß Deutschlands politischer Ruf durch seine arbeitenden Klassen ebenso gerettet wird, wie seine bürgerlichen Klassen ihn verscherzt haben. Vielmehr – weil die bürgerlichen Klassen die Geistesarbeit ihrer Vorkämpfer verschmähten, mußte dies kostbare Erbe nach allen Gesetzen der geschichtlichen Entwicklung das Arsenal werden, aus dem die arbeitenden Klassen ihre ersten, glänzenden und scharfen Waffen nahmen. So sinnlos ist dies irdische Jammertal doch nicht eingerichtet, daß die Lessinge nur zum Spaße des Philisters kämpfen und leiden. Lessing gehört zu den geistigen Ahnen des Proletariats, wie Gleim, Ramler, Nicolai zu den geistigen Ahnen der Bourgeoisie gehören mögen. Lessings Leben und Wirken ist übergegangen in Fleisch und Blut der kämpfenden und leidenden Arbeiter, wie wenig sie – dank unserem herrlichen Volksschulwesen! – auch von Lessings Werken noch wissen mögen.

Aber auch das wird anders werden, und kommen wird der Tag, wo die Lessing-Legende zerstoben sein wird bis auf die letzte Spur. Als Gervinus noch einmal die bürgerlichen Klassen zu politischem Selbstbewußtsein aufrütteln wollte, schloß er sein Werk: »Der Wettkampf der Kunst ist vollendet; jetzt sollten wir uns das andere Ziel stecken, das noch kein Schütze bei uns getroffen hat, ob auch da Apollon den Ruhm gewährt, den er dort nicht versagte.« Das Ziel, das Gervinus meinte, hat noch immer kein Schütze getroffen, und der Ruhm, den Apollon »dort« gewährte, ist auch längst verblichen. Aber andere Schützen haben ein anderes Ziel getroffen, und sie brauchen keinen Gott zu versuchen, ob er ihnen auch im Wettkampfe der Kunst gleichen Ruhm gewähren will. Denn sie haben das Ding am richtigen Ende angegriffen, und auf eine klassische Politik wird immer eine klassische Literatur folgen. In den rauhen und schweren Tagen des Kampfes schweigen die Musen, aber ihre Kränze bleiben deshalb den arbeitenden Klassen nicht versagt. Sie werden die Morgengabe ihres Weltentags sein, und dann mag auch an Lessing gesühnt werden, was die Mit- und Nachwelt an diesem edeln Vorkämpfer freier Menschheit gefrevelt hat.

[Anhang, Vorwort des Verlages, sowie Fußnoten des Verlages aus Urheberrechtsgründen gelöscht. Re.]

Fußnoten

  1. Besonders darf ich auf die Ästhetischen Streifzüge verweisen, die ich im Siebzehnten Jahrgang, Erster Band, der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe.
  2. Xanthippus, Berlin und Lessing, Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Das treffliche Schriftchen ist natürlich von der bürgerlichen Presse totgeschwiegen worden. Eine ausführliche Besprechung in der »Neuen Zeit«, 6, 320 ff.
  3. Goethes Werke, 19, 112; Ausgabe von Hempel. Es könnte zweifelhaft erscheinen, ob Goethes Spruch Eigenes oder Angeeignetes wäre, denn Justi schreibt in seiner Biographie Winckelmanns, 2, 301, vom Friedrich des Jahres 1765: »Er blieb, sagte man damals, seiner eigenen Nation fremd und hatte an der Veredlung derselben, welche sein Zeitalter ebenso ehrwürdig machte, wie das Zeitalter Ludwigs XIV. gewesen, keinen anderen Anteil, als daß er Deutschland zur Eifersucht reizte, sich durch eigene Erhebung an seiner Verachtung zu rächen.« Allein obgleich bei Justi selbst dieser Satz in Anführungszeichen steht, kann er nicht wohl »damals«, das heißt 1765, von irgendwem in Deutschland geäußert worden sein. Es scheint vielmehr, daß Justi oder seine Quelle den Gedanken von Goethe umschrieben hat, nur daß Goethe diese Betrachtung nicht »damals«, sondern mehr als vierzig Jahre später anstellte.
  4. Eine drastische Schilderung des Lagers von Radewitz findet sich unter anderem bei Carlyle, Geschichte Friedrichs des Zweiten, 2, 145 ff.
  5. Grisebach, G. A. Bürgers Werke, 1, 19. Herr Grisebach ist übrigens auch ein famoses Beispiel dafür, wie die heutigen Reichsdichter »höheren Lebensgehalt« gewinnen. Als Herr Falk seine Kulturkampfgesetze machte, dichtete Grisebach einen »Tannhäuser in Rom«, worin sich Tannhäuser also von der »Teufelinne« befreit: »Auf Rom hernieder sah Tannhäuser, an Deutschland dacht' er und den Kaiser, das teure, edle, deutsche Land, das nun in bittrem Zwist entbrannt wie zu der Hohenstaufenzeit: Hier Kaiser! und hier Pabest! schreit ... Tannhäuser schwur gleich seinen Ahnen zu folgen eines Kreuzzugs Fahnen, doch wider deutschen Reiches Feind als Gottes und des Kaisers Freund, wider den Papst und seine Pfaffen mit seines Worts stahlharten Waffen zu kämpfen als ein treuer Ritter. Die alte, weiche Liebeszither ... Tannhäuser hat sie heut zerschmettert am Felsen Petri, keine Lieder ersinnt die hohe Stirn euch wieder, und sein verschloßner ernster Mund tut nicht mehr im Gesang sich kund, in Büchern, Schriften, flücht'gen Blättern wird er ins alte Schlachthorn schmettern.« Natürlich so lange, bis der »Pabest« von wegen der Lebensmittelzölle wieder »Gottes und des Kaisers Freund« wurde.
  6. Noch ärger als der Schüler Schmidt versündigt sich der Meister Treitschke, Deutsche Geschichte, 4, 421, an Heines »leichten Plaudereien«, wenn er nach einer Reihe von Liebenswürdigkeiten, wie »Dilettantenbrauch«, »unter seinen Händen wird jetzt alles unrein«, »oberflächlich, leer, öde, langweilig« usw. sich dahin zusammenfaßt: »Die moderne Lehre der Verklärung des Fleisches verhöhnte alles, was Menschen menschlich aneinander bindet, und schließlich blieb ihr nichts mehr übrig als der souveräne Einzelmensch, der sich nach Belieben im Genusse ungezählter Grisetten und Trüffelpasteten ergehen konnte.« Die einzelnen Klitterungen, durch die Treitschke zu diesem »Schlusse« kommt, hat Paul Nerrlich, Herr v. Treitschke und das junge Deutschland, ebenso scharf wie treffend nachgewiesen. Herr Nerrlich ist ein verlorener Spätling der Junghegelianer, der als solcher zwar die unsägliche Verflachung der deutschen Bourgeoisie zu erkennen, aber ihre letzte Ursache, die schon von Heine verkündete Auflösung des bürgerlichen Idealismus in den proletarischen Sozialismus, nicht zu entdecken weiß. Siehe namentlich auch seine Einleitung zu Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebüchern, wo er die oben besprochenen Aufsätze Heines »ein gar wunderbares, einzig dastehendes Büchlein«, ein »Programm der neuesten Zeit« nennt, aber dann von Heine und Feuerbach nicht etwa zu Marx und Engels, sondern zu Ruge und – Bismarck abschwenkt. »Freilich – so manches gehört weniger zu seiner (Bismarcks) welthistorischen Mission. Es ist überhaupt für jemanden, der von unseren Philosophen und von Heine, Feuerbach und dem Ruge der vierziger Jahre herkommt, dieses sich vor Bismarck Beugen eine nicht so ohne weiteres zu lösende Aufgabe.« Aber, so tröstet sich Herr Nerrlich, »ebenso fest wie das Firmament« steht der Satz, daß nach Bismarck, vielleicht früher, vielleicht später, ein neues, gewaltigeres, universaleres Genie auftritt, welches die Ideale von Heine, Feuerbach und Ruge »voll und ganz« nicht bloß für Deutschland, sondern für Europa verwirklicht. An solchen Spinnewebenfäden hängt die Philosophie von heute, soweit sie überhaupt noch den Mut hat, sich der »schlechthinnigen« Abschlachtung des bürgerlichen Idealismus zugunsten der Bourgeoisinteressen zu widersetzen!
  7. Erich Schmidt, Lessing, 1, 4, 10, 377. Herrn Schmidts Urteil über Lessings Vater ist um so ungerechter, als der Pastor primarius von Kamenz das einzige Mitglied der Familie ist, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Gotthold Ephraim zeigt. Dagegen stellen die beschränkte Mutter, die verkümmerte Schwester und namentlich auch die Brüder, der trockene Schulfuchs Theophilus, der versauerte Bürokrat Gottlob Samuel und der unerträgliche Schwätzer Karl Gotthelf lauter Prachttypen des deutschen Philistertums dar. Ihre Briefe zeigen denn auch klärlich, daß die Familie für Lessing im kleinen dasselbe Kreuz war wie die Nation im großen.
  8. Selbst ein so gebildeter Schriftsteller der Bourgeoisie wie Karl Hillebrand konnte nicht umhin, auf das frische Grab von Gervinus eine Ladung von Schmähungen abzufeuern: »Ein Schriftsteller ohne Stil, ein Gelehrter ohne Methode, ein Denker ohne Tiefe, ein Politiker ohne Voraussicht, ein Mensch ohne Zauber oder Macht der Persönlichkeit«, und so achtzig Seiten lang. Siehe Karl Hillebrand, Zeiten, Völker und Menschen, 2, 205 ff. Bezeichnend genug läßt Hillebrand diesem literarischen Schlachtfest einige Lobgesänge auf Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche in seinem Sammelwerke folgen. Um der Philosophie der spießbürgerlichen Rente und der Philosophie des ausbeuterischen Kapitalismus freie Bahn zu schaffen, mußte der letzte Rest des bürgerlichen Idealismus mit Knütteln totgeschlagen werden. – Wegele, Geschichte der deutschen Historiographie, 1069, spricht von einem »wunderlichen Motiv«, aus dem die Literaturgeschichte von Gervinus entstanden sei, Ranke, »Historische Zeitschrift«, 27, 13, in demselben Zusammenhange von einer »außerordentlichen Behauptung«. Den Satz von Gervinus, daß »der Geschichte im großen ein gesetzlicher Lauf geordnet« sei, nennt Ranke eine »trostlose Ansicht der menschlichen Dinge, durch die sich der Historiker in seinen Studien gelähmt und tief herabgedrückt fühlen« müsse. Natürlich! Nach Ranke und seiner Schule »machen« die Könige, die Diplomaten und die Generale die »Geschichte«. Das begeistert den Historiker und hebt ihn hoch. In jenem Gegensatze zwischen Gervinus und Ranke spiegelt sich ein wahrhaft »trostloser« Verfall der bürgerlichen Geschichtsschreibung.
  9. Die Biographie ist neuerdings in der Universalbibliothek von Reclam Nr. 2408 f. wieder von Otto F. Lachmann herausgegeben worden. Mit dankenswerten, aber leider nicht ausreichenden Kürzungen. Die Betrachtungen Karl Gotthelfs sind das hohlste Gerede von der Welt; und seine tatsächlichen Mitteilungen, die sich als eiserner Bestand aus einer Biographie in die andere zu schleppen pflegen, bedürfen nachgerade auch sehr einer kritischen Prüfung. An einem besonders wichtigen Punkte werden wir weiterhin noch seine Unzuverlässigkeit aufzeigen.
  10. F. F. Weichsel, Der Zieglersche Prozeß, gibt eine urkundliche Darstellung des schändlichen Verfahrens.
  11. Essai sur les formes du gouvernement et les devoirs des souverains [Versuch über die Herrschaftsformen und die Pflichten der Herrscher]. Œuvres, 9, 200, 208; Ausgabe der Akademie.
  12. Weber, Aus vier Jahrhunderten, Neue Folge, 1, 142. Quand je viendrais un jour au trône, je serais un vrai roi des gueux. So lautete die Äußerung Friedrichs nach dem von Weber aus den Dresdener Archiven mitgeteilten Berichte des in Berlin lebenden ehemals sächsischen Ministers Manteuffel an den Minister Brühl. Die Berichte Manteuffels enthalten viel diplomatischen und höfischen Klatsch, so daß sie kein einwandfreies Zeugnis für jenes Wort Friedrichs bilden, aber ein Schelm gibt mehr, als er hat, und irgendwo anders ist der roi des gueux überhaupt nicht bezeugt.
  13. Kleist an Gleim, Potsdam den 23. Juli 1747: »Herr Edelmann, der Epikureer, ist hier gewesen und sucht beim Könige Schutz in seinem Lande wider] die Nachstellungen der Geistlichen; er hat sich aber unverrichtetersache wegmachen müssen.« Ewald v. Kleists Werke, 2, 82; Ausgabe von Hempel.
  14. Es handelte sich um die »Prädestination« Calvins. In der »Historischen Zeitschrift«, 69, 475, sind nicht weniger als vierzehn weitschweifige Aktenstücke über die Sache veröffentlicht. Der Generalauditeur mußte den Hofprediger Andreä »scharf« darüber verhören, wer dem Kronprinzen die »Principia des verteufelten und seelengefährlichen Particularismi inspirirt« habe. Auch die Gouverneure des Prinzen, Finckenstein und Kalckstein, wurden darüber vernommen. Weil Friedrich an die »göttliche Gnadenwahl« glaubte, schrieb sein Vater von ihm in Kabinettsordern an verschiedene Beamte: »Der Schelm, der zu Kustrin sitzet«, »will der Bösewicht zum Teufel fahren, so fahre er dahin«, »ewig, ewig, ewig zum Teufel verdammt, da ist kein Pardon.« Friedrich widerrief schließlich.
  15. Nach dem Militärwochenblatte, Jahrgang 1891, S. 1034, desertierten von 1713 bis 1740 nicht weniger als 30 216 Mann, eine Zahl, die nahezu gleichkommt der Etatsstärke des Jahres 1712. Friedrich selbst mußte trotz der furchtbaren, über die Desertion und den Desertionsversuch verhängten Strafen in den ersten zehn Jahren seiner Regierung fünf Generalpardons für Deserteure erlassen. Und das waren noch verhältnismäßig günstige Jahre; in und nach dem Siebenjährigen Kriege nahm die Desertion ganz gewaltig zu. Jähns, Geschichte der Kriegswissenschaften, 3, 2221.
  16. Als der Dominikaner-Vikarius zu Neiße im Jahre 1767 einige Kandidaten zur Seelsorge für die Neißer Garnison zuzuziehen wünschte, entschied Friedrich: »Bey der Garnisson können Sie gebraucht werden, aber verführen Sie die Soldaten zur desertion, mus sich der Vicarius gefallen lassen, daß sie gehangen werden.« Der Wert, den Friedrich auf die Religion als militärisches Disziplinarmittel legte, ist übrigens sehr begreiflich, wenn man erwägt, daß ihm selbst alle moralischen Mittel fehlten, sein »Heldenheer« an seine Fahnen zu fesseln. Wie sehr sie ihm fehlten, zeigt folgender Brief, den er im Bayrischen Erbfolgekrieg aus dem Lager bei Lauterwasser an den General Tauentzien richtete: »Ich trage Euch hierdurch auf, durch die Officiers unter die Regimenter ausbringen zu lassen, die Österreichische Deserteurs hätten hier ausgesagt, daß kein Tag vorbeiginge, wo die Österreicher nicht 10 bis 12 Kerls alle Tage todt prügelten und die sie kaum mahl begrüben: Imgleichen hätten sie von den Deserteurs, die von uns herüber gekommen, ein Hauffen, die sie in Frankfurt am Main angeworben und die sie wieder erkannt, weil sie nicht bei ihnen Dienste genommen, aufhängen lassen. Ihr habt demnach dieses so anzustellen, daß die Officiers davon unter sich öffentlich sprechen, daß die Bursche solches hören, und sie von der Desertion ein Bisgen abgeschreckt werden.« Das naive Mittel half aber nicht einmal »ein Bisgen«, die »Bursche« liefen nach wie vor. in »Hauffen« zu den Österreichern über.
  17. Vergleiche darüber Kautsky, Thomas More und seine Utopie.
  18. Der Entwurf ist aus dem Archive mitgeteilt von Jähns, 2, 1073.
  19. Worte Rüstows, dessen einschlägige Schrift, Die preußische Armee und die Junker, eine Fülle historischen und statistischen Materials über die soziale Bedeutung jenes Vorrechts enthält, das nach dem patriotischen Schlagworte einem »dummen Adelshasse« entspringen soll.
  20. Die obige Darstellung beruht auf dem archivalischen Material, das Max Lehmann in der »Historischen Zeitschrift«, 67, 254 ff. über die »Werbung, Wehrpflicht und Beurlaubung im Heere Friedrich Wilhelms I.« beigebracht hat. Herr Lehmann sagt unter anderem: »Die Kompaniechefs haben zu beurlauben begonnen, wie sie den Anfang mit der Enrollierung machten: In beiden Fällen war es ein wirtschaftliches Sonderinteresse, was ihr Handeln bestimmte.« Die Versuche des Herrn Lehmann, durch ein naives Zitat aus Aristoteles jene »wirtschaftlichen Sonderinteressen« der Junker als den Ursprung eines Goldenen Zeitalters darzustellen, gehen uns hier nicht weiter an.
  21. Zakrzewski, Die wichtigeren preußischen Reformen der direkten, ländlichen Steuern im achtzehnten Jahrhundert. Schmoller, Die Epochen der preußischen Finanzpolitik im Jahrbuche für Gesetzgebung usw., Jahrgang 1877, S. 43 ff. Die Denkschrift des Präsidenten Roden bei Preuß, 4, 415 ff.
  22. Jähns, 3, 2259. Nach Pertz, Gneisenau, 1, 51, bezog selbst Gneisenau, an dem kein Verdacht unredlichen Gewinns haftet, von seiner Kompanie bis 2000 Taler jährlich.
  23. Erinnerungen aus dem Leben des Generalfeldmarschalls Hermann v. Boyen, 1, 195 ff. Boyen ist der berühmte Schüler von Scharnhorst, der Freund und Gesinnungsgenosse von Gneisenau, Grolman, Clausewitz, der preußische Kriegsminister von 1814 bis 1819, der nach dem endgültigen Siege der junkerlichen Reaktion in den Karlsbader Beschlüssen sein Amt niederlegte. Seine Memoiren sind ein höchst bedeutendes Werk, das unter der preußischen Legende die fürchterlichsten Verheerungen anrichtet, worauf hier leider nicht näher eingegangen werden kann. Es sei aber ausdrücklich erwähnt, daß die obige Darstellung der friderizianischen Kriegsverfassung teils auf Boyens Memoiren, teils auf dem großen, schon mehrfach angezogenen Werke des Generalstabsmajors Jähns beruht. Andere Quellen, wie das bekannte von der preußischen Geschichtsschreibung als tendenziös angefochtene und jedenfalls nicht in gleichem Maße quellenmäßige Werk von Mirabeau-Mauvillon, sind absichtlich unberücksichtigt geblieben.
  24. Wie der Reichskanzler v. Caprivi noch nach dem Erscheinen von Boyens Erinnerungen, von allen andern urkundlichen Zeugnissen abgesehen, im Reichstage bestreiten konnte, daß die Soldatenmißhandlungen der Kitt des friderizianischen Heeres gewesen seien, ist ein völliges Rätsel. Der Stock gehörte zu diesem Heere wie der Schatten zum Körper, und wenn er leider auch noch im deutschen Heere der Gegenwart eine jammervolle Rolle spielt, so geschieht es deshalb, weil dies Heer eben kein »Volk in Waffen« ist, sondern mit der allgemeinen Wehrpflicht wesentliche Teile der friderizianischen Kriegsverfassung verbindet. Solange es ein bevorrechtetes, als besondere Kaste von Heer und Volk abgesondertes Offizierkorps, eine besondere militärische Gerichtsbarkeit, grausame Arreststrafen, die an gewissem Raffinement fast noch die friderizianischen Kriegsartikel überbieten, und anderes der Art mehr gibt, werden auch die Soldatenmißhandlungen nicht aufhören. Mit Verboten ist dagegen nichts zu machen. Sie sind gar nicht einmal eine Errungenschaft »moderner Humanität«, sondern auch nur eine Überlieferung des Söldnerheeres; das erste Verbot der Soldatenmißhandlungen hat sogar schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm am 29. Januar 1688 erlassen. Die Mißhandlungen, die darin gerügt sind, können sich übrigens nicht entfernt mit den schaudererregenden Torturen messen, die der bekannte Erlaß des Herzogs Georg von Sachsen aufzählt.
  25. Die obigen Einzelheiten entstammen archivalischen Quellen. Siehe Walter Schultze, Geschichte der preußischen Regieverwaltung, 40 ff. In der »Neuen Zeit«, 10, 2, 769 ff., ist näher dargelegt, wie es Herrn Schultze dennoch gelingt nachzuweisen, daß der »Sozialismus«, den Friedrich bei Einrichtung der Regie bewährte, »tiefer, idealischer, heroischer« sei als der proletarische Sozialismus von heute.
  26. In einer Anmerkung des Kapitals, 1, 762), erwähnt Marx die elende Lage des friderizianischen Bauern unter Anziehung einiger Sätze von Mirabeau, wofür er von preußischen Historikern der tendenziösen Darstellung geziehen worden ist. Wir haben aus schon angeführten Gründen das Werk von Mirabeau-Mauvillon ganz beiseite gelassen, möchten aber bemerken, daß die von Marx beiläufig angezogenen Sätze Mirabeaus ein nicht so krasses Bild der Sachlage geben wie der amtliche Bericht von Roden. Überhaupt tun die wenigen Worte, die Marx im Vorbeigehen dem friderizianischen »Regierungsmischmasch von Despotismus, Bürokratie und Feudalismus« widmet, diesem seltsamen Gebilde eher zuwenig als zuviel. Wenn beispielsweise Marx sagt, Friedrich habe in den meisten Provinzen Preußens den Bauern Eigentumsrecht gesichert, so gilt das tatsächlich nur von den Domänenbauern. Am 20. Februar 1777 verfügte Friedrich, »daß an allen Orten, wo es noch nicht geschehen, die unter die Ämter gehörigen Bauerngüter den Untertanen erb- und eigentümlich übergeben werden«. Siehe die Order bei Preuß, 4, 466 f.
  27. Siehe Rudolf Meyer, Das nahende Ende des landwirtschaftlichen Großbetriebs, in der »Neuen Zeit«, 11, 1, 304. Ferner Roscher, 399. Sonst ist Roschers Darstellung der friderizianischen Sozialpolitik in der bürgerlichen Geschichtsliteratur wohl noch die unbefangenste. Für die Einzelheiten sind die Kabinettsordern des Königs und teilweise auch seine Schriften einzusehen, dann aber auch die ältere preußische Geschichtsschreibung etwa bis zum Jahre 1848. Die neuere Literatur, namentlich soweit sie aus Archiven schöpft, ist nicht wertlos, doch müssen diese Bücher wie Palimpseste behandelt werden. Man muß zunächst die frommen Lobgesänge auf den friderizianischen »Sozialismus« beseitigen und dann untersuchen, was sich von dem verkratzten und verwischten Urtext noch entziffern läßt. Natürlich gibt es auch vortreffliche Ausnahmen; so Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens, wo in der Einleitung bemerkenswerte Einzelheiten über die Erfolglosigkeit der friderizianischen Bauernpolitik gegeben sind.
  28. Weber in seiner Weltgeschichte nennt den König so. Wir beschränken uns auf wenige Worte über die Volksschule unter Friedrich, da diese Seite seiner Regententätigkeit in der bekannten trefflichen Schrift von Seidel schon gründlich erörtert worden ist.
  29. Preuß, 3, 111 ff. und – ausführlicher – Martin Philippson, Geschichte des preußischen Staatswesens vom Tode Friedrichs des Großen bis zu den Freiheitskriegen, 1, 133 ff. Von diesem Werke sind nur die beiden ersten bis zum Tode Friedrich Wilhelms II. reichenden Bände erschienen; nach deren Veröffentlichung wurden dem Verfasser die preußischen Archive gesperrt – von wegen seiner Tendenz. Gegen diese Tendenz ist nun allerdings insofern manches einzuwenden, als sie eine einseitig preußisch-patriotische ist. Herr Philippson weiß von Friedrichs »wahrhaft sozialistischer Allsorgfalt« zu erzählen und steckt auch sonst voller Illusionen über die friderizianische Zeit. Aber ein Hofgeschichtsschreiber ist er nicht. Er beschönigt die häßlichen und traurigen Dinge, die er in den Akten findet, nicht geflissentlich, sondern teilt sie offen mit, auf daß die Gegenwart aus den Fehlern der Vergangenheit lerne. Und diese höchst veraltete Anschauung ist für die reine Wissenschaft des neuen Deutschen Reichs natürlich strafwürdige – Tendenz.
  30. Doch ist zu bemerken, daß diese Weitherzigkeit den König nicht etwa verleitete, mit der katholischen Kirche wegen der kirchlichen Strafen anzubinden, die sie auf die Übertretung kirchlicher Eheverbote setzte. Friedrich war viel zu gescheit, um so »genial« wie der Herr Bismarck im »Kulturkampfe« zu sein. Einen Übergriff seiner Behörden in dieser Beziehung redressierte er sofort, indem er verfügte: »Indem sie (die katholischen Geistlichen) gedachtem Berkmeier die Absolution und das Abendmahl versagen, so geschieht ja dadurch kein Eingriff in unsere Rechte, welche uns in Ansehung der Dispensation in Ehesachen zustehen, sondern sie tun anderes nicht, als daß sie den Supplikanten von einem Genuß ausschließen, dessen er sich durch seine in der römischen Kirche verbotene Heirat verlustig gemacht und den er nicht verlangen kann, solange er ein Mitglied dieser Kirche ist.«
  31. In der Sache des Müllers Arnold geben die preußischen Mythologen meistens der Wahrheit die Ehre, und es ist deshalb zu bedauern, daß Dühring, Sache, Leben und Feinde, 394, sie wegen ihrer »meist feige verhaltenen, aber doch hinreichend sichtbaren Bosheit gegen jene wirkliche Großtat des originalen Königs« verhöhnt. Eher versteht man es schon, wenn neuestens irgendein patriotischer preußischer Amtsrichter in guter Witterung der Zeit die rettende soziale Tat des Königs preist, die sich über formale Gesetzesbedenken hinweggesetzt habe. Übrigens scheint Friedrich selbst seinen Gewaltschritt bald als solchen erkannt und nur deshalb nicht zurückgetan zu haben, weil er seine königliche Unfehlbarkeit nicht bloßstellen wollte. Interessante Einzelheiten darüber bei Preuß, 3, 522 ff.
  32. Da der obenerwähnte Quark in den bürgerlichen Geschichtswerken immer wieder breitgetreten wird, so mag er beiläufig wenigstens insoweit berücksichtigt werden, als aus ihm Streiflichter auf die Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts fallen. Maria Theresia selbst hat in einem Schreiben an die sächsische Kurprinzessin Maria Antonia den persönlichen Briefwechsel mit der Pompadour bestritten, und die einfache Versicherung der, was ihre Person anbetrifft, edlen und hochherzigen Frau wirft den entgegengesetzten vagen Klatsch in den Memoiren von Duclos, Montgaillard, Richelieu und selbst die genaueren Angaben v. Hormayrs im Taschenbuche für die Vaterländische Geschichte von 1811 über den Haufen. Wenn aber die österreichischen Gesandten und Minister, um das französisch-preußische Bündnis zu sprengen, der Pompadour hofierten, so taten sie nur dasselbe, was der preußische Gesandte, Graf Rothenburg, zwölf Jahre früher bei Abschluß des Bündnisses getan hatte; der einzige Unterschied war, daß die königliche Mätresse 1744 nicht Pompadour, sondern Chateauroux hieß. Herr Koser, der ja neuerdings von der preußischen Staatsanwaltschaft als »objektiver und wissenschaftlicher Sachverständiger« über preußische Geschichte in Majestätsbeleidigungsprozessen zugezogen worden ist, erzählt 1, 219, daß »Graf Rothenburg wiederholt selbdritt mit dem Könige bei der Herzogin von Chateauroux zur Nacht speiste«, und fügt hinzu: »Wie hätte die Herzogin des Königs von Preußen ritterlichen Sendboten in seinen Bemühungen nicht fördern sollen, der wie sie selbst einen Appell an die edleren, an die königlichen Leidenschaften in Ludwigs Brust versuchte!« Ja, wie »hätte« sie nicht, und so kam »selbdritt« das preußisch-französische Bündnis von, 1714 zustande, für Preußen das Vorspiel zum Zweiten Schlesischen Kriege, für Frankreich ein neuer Aufschwung des Österreichischen Erbfolgekrieges, dem durch die Anwesenheit Ludwigs XV. im Felde – dies ist es, was Herr Koser »die edleren, die königlichen Leidenschaften« nennt – ein frischer Druck gegeben werden sollte. Schon hieraus ergibt sich, daß Friedrichs Mißachtung der Pompadour keineswegs spießbürgerlichen Anstandsbegriffen entsprang, die ganz und gar nicht zu seinen Schwächen gehörten. Vielmehr: Wenn er nach dem Zeugnisse von Valori und Voltaire über die Pompadour (vor dem Siebenjährigen Kriege – denn in den Nöten dieses Krieges hat er ihr sogar (siehe Schäfer, Siebenjähriger Krieg, 1, 415) das Fürstentum Neuchâtel für Lebenszeit anbieten lassen um den Preis des Friedens mit Frankreich – verächtlich zu sprechen pflegte, so geschah es einfach, weil die Marquise als einfache Antoinette Poisson aus der Roture emporgekommen war, im Gegensatze zur Chateauroux, die eine geborene Marquise de la Tournelle war. Friedrich machte hier denselben Unterschied, den bald nach seinem Tode der Hof und die »Gesellschaft« von Berlin, ja den bis heute die bürgerlich-preußische Geschichtsschreibung macht, indem sie alle Schmach des Mätressenregiments unter Friedrich Wilhelm II. auf die Gräfin Lichtenau, geborene Mamsell Encke, abwälzt und die adeligen Dirnen dieses Königs, die Voß, Dönhoff und wie sie sonst noch heißen, im heroisch-sentimentalen Brillantfeuer einer tragischen Liebesleidenschaft erscheinen läßt. Dem »Philosophen von Sanssouci« stand dieser Unterschied nur um so weniger an, als die Antoinette Poisson trotz alledem auch eine kleine Philosophin war. Sie rettete die Enzyklopädie, als das Parlament von Paris im großen Hofe des Justizpalastes den Scheiterhaufen für das berühmte Werk anzünden ließ; unter ihrem Schutze schrieb François Quesnay sein berühmtes Tableau économique, und dies wie anderes will doch ein wenig mehr bedeuten, als wenn die »hochgesinnte Kebse«, wie selbst Carlyle die Chateauroux nennt, ihren königlichen Liebhaber in ein Kriegsabenteuer jagte, zu dem er taugte wie der Esel zum Lautenschlagen.)
  33. Jähns, 3, 1939. - Über den Streit in der preußischen Militärliteratur vergleiche v. Bernhardi, Friedrich der Große als Feldherr, und Delbrück, Historische und politische Aufsätze, 227 ff., Über die Verschiedenheit der Strategie Friedrichs und Napoleons. Bernhardi und Delbrück sind die Vorkämpfer dieses Federkrieges. Bernhardis großes zweibändiges Werk enthält sonst vieles Lehrreiche, wie denn Bernhardi überhaupt zu den besseren bürgerlichen Historikern gehört, aber sein Grundgedanke von der napoleonischen Strategie Friedrichs ist völlig hinfällig. Delbrück widerlegt ihn auf wenig mehr als zwei Bogen durchaus treffend. An seinem Teil liefert Herr Delbrück aber wieder ein merkwürdiges Beispiel davon, welche seltsame Schlachten sich die ideologische und materialistische Geschichtsauffassung in demselben Kopfe liefern können. Als Militärhistoriker weiß Herr Delbrück zwar keineswegs in erschöpfender, aber immerhin in weitreichender Weise, daß die jeweiligen ökonomischen Zustände die Art der Kriegführung bedingen, und er versteht diese Wissenschaft gegen Bernhardi trefflich zu verwerten. Aber als Zivilhistoriker, wenn der Ausdruck erlaubt ist, feiert Herr Delbrück in demselben Bande seiner Aufsätze den preußischen Landrat als Verkörperung des »überlieferten germanischen Freiheitsbegriffs«, der »in diesem harten Staate dem Rechte und der Ehre fortzuleben ermöglichte«. Die Tatsache des Militärstaats Preußen paukt ökonomische Dialektik ein; die Ideologie des Rechtsstaats Preußen erzeugt ideologische Vorstellungen.
  34. Über die ökonomische Entwicklung, die zur Umwandlung der friderizianischen in die napoleonische Strategie führte, siehe Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, 140 ff. (Neuausgabe Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 204-206. Die Red.) Will man die Überlegenheit des historischen Materialismus auch auf diesem Gebiete erkennen, so vergleiche man die Darstellung von Engels mit dem kriegsgeschichtlichen Abrisse von Clausewitz, Vom Kriege, 3, 91 ff. Es versteht sich, daß damit kein Schatten auf Clausewitz geworfen werden soll, dessen Schriften für das Erkenntnisvermögen seiner Zeit epochemachend waren und heute noch die vorzüglichste Quelle für die Theorie vom Kriege bilden. Engels selbst nennt ihn an anderer Stelle einen »Stern erster Größe«.
  35. Über Westphalen, die merkwürdigste Gestalt des Siebenjährigen Krieges, siehe einiges Nähere in der »Neuen Zeit«, 10, 2, 481 ff.
  36. Schwartz, Organisation und Verpflegung der preußischen Landmilizen im Siebenjährigen Kriege. Der Verfasser will diese Milizen gern zu Vorläufern der Landwehr machen, aber die Archivalien, die er mitteilt, ergeben mit aller wünschenswerten Sicherheit das Gegenteil.
  37. Beiläufig – obgleich die österreichische Regierung sofort erklärte, daß die Geschichte mit dem geweihten Hut und Degen eine Erfindung sei, und obgleich diese Erfindung seitdem Dutzende von Malen in der bündigsten und weitläufigsten Weise aufgedeckt worden ist, so erbt sie sich unverdrossen in der preußischen Geschichtsschreibung weiter. Siehe Treitschke, 1, 60, Bernhardi, 1, 28, und andere mehr, der Werke »zweiten« und »dritten« Ranges zu geschweigen. Gegenüber der Zähigkeit der preußisch-patriotischen Fabel ist man versucht, in den ägyptischen Mumien beinahe nur Eintagsfliegen zu sehen.
  38. Justi, Winckelmann, 1, 188 ff. Justi steht, »im allgemeinen angesehen«, auch auf dem bürgerlich-preußischen Standpunkt, und er meint, für die Zeit Winckelmanns sei der friderizianische Despotismus das beste für Preußen gewesen, indessen nach dieser Verwahrung fügt er den zornigen Ausbrüchen Winckelmanns doch hinzu: »Aber wir lieben die, welche den Despotismus unter jeder Gestalt hassen, auch den notwendigen, auch den heilsamen und aufgeklärten Despotismus. Wir ziehen sie sogar denen vor, welche auf den beschränkten und parteiischen Zorn des achtzehnten Jahrhunderts in ihrer überlegenen historischen Einsicht lächelnd herabsehen, welche geschichtlichen Sinn und sympathischen Respekt haben für alle glücklichen Verbrecher, für alle Scheiterhaufen und Staatsstreiche der Vergangenheit, und welche nur die ewigen Ideen des Rechts, der Aufklärung und der Humanität für Phrase halten und nur für das Verlangen der Völker nach politischer Freiheit keinen Verstand haben.« Das ist die Sprache einer achtbaren bürgerlichen Ideologie. Vergleicht man den Justi der sechziger und siebziger Jahre mit dem Scherer der achtziger und dem Erich Schmidt der neunziger Jahre, so greift man den geistigen Verfall der deutschen Bourgeoisie mit Händen.
  39. Erich Schmidt, Lessing, 1, 188, 203. Man glaube übrigens nicht, daß derartige Byzantinismen in der bürgerlichen Literargeschichte vereinzelt dastehen. So feiert Herr Otto Brahm, Heinrich v. Kleist, 351, irgendein beiläufiges Prinzeßchen, »die Prinzessin Wilhelm, eine geborene Prinzessin von Hessen-Homburg«, wie er preislich sagt, als »hohe Gönnerin«, weil der verzweifelnde Dichter des »Prinzen von Homburg«, der einzigen, wirklich dichterischen, aber ebendeshalb unverstandenen Verherrlichung des Hohenzollernhauses, wenigstens von dieser Dame ein Wort der Zustimmung – etwa erhielt? O, Gott bewahre! sondern – zu erhalten hoffte, aber nicht erhielt. Mit dieser alleruntertänigsten Gesinnung steht es nicht im Widerspruche, sondern gerade im Einklange, wenn Herr Otto Brahm seine Kleist-Biographie dem Herrn Erich Schmidt mit den donnernden Worten widmet: »Frisch auf also! Hier haben Sie meinen Kleist; geben Sie uns den Ihren!« Lakaienstolz ist immer der groteskeste.
  40. Beiläufig – die Dame Hertefeld stammte aus einem clevischen Adelsgeschlechte, das in die Mark Brandenburg übergesiedelt war und hier die große Herrschaft Liebenberg besaß. Ihr Bruder, Friedrich Leopold v. Hertefeld, der Besitzer von Liebenberg, gehörte zu den wütendsten Gegnern der Lichtenau – aus purer sittlicher Entrüstung natürlich. In einem Briefe vom 18. März 1797 – siehe Fontane, Fünf Schlösser, 280 – berichtet er mit schmunzelndem Behagen über die Verwüstungen, die adeliger Pöbel in der Wohnung der Lichtenau angerichtet hatte, als sie zur Hochzeit ihrer Tochter abwesend war. Derselbe Hertefeld schreibt dann über seine Schwester, die Lichtenau des Herzogs von Braunschweig: »Sie war eine gutmütige, vernünftige Person, und es war ihr Unglück, daß sie die Tollheiten unserer Zeit schmerzlicher empfand als andere.« Dame Hertefeld hatte es nämlich mit der bebenden Angst bekommen, als das Messer des Meisters Sanson den Kopf der Dubarry abschor. Seitdem hielt sie im Schlosse von Braunschweig ihre Koffer gepackt und als ersten Notgroschen für die Flucht in einer Kassette 5000 Taler bar bereit. Aber sie hatte mehr Glück als die Dubarry: Sie starb als Stiftsdame von Stedernburg ruhig in ihrem Bette, gerade recht zum Torschlüsse, wenige Monate vor der Sintflut von Jena. Ihr Bruder gehörte darnach aber noch zu den giftigsten Gegnern der Scharnhorst und Stein – aus purer sittlicher Entrüstung natürlich. Er schimpfte mörderlich auf diese »Schurken«, weil er eine ablehnende Antwort auf das patriotische Gesuch erhalten hatte, im Jahre 1813 seinen adeligen Leibeserben aus dem Heeresdienst zu entlassen. Später gründete die Familie Hertefeld dann die »Berliner Revue«, ein ultrafeudales Organ, dazu bestimmt, die »Tollheiten unserer Zeit« kritisch zu vernichten, dagegen die Herrlichkeiten jener Zeit romantisch zu beleuchten, wo adelige Fürstendirnen fromme Lichtgestalten, bürgerliche Fürstendirnen aber nichtswürdige Scheusale waren.
  41. Biedermann, Deutschland im achtzehnten Jahrhundert, 2, 144, teilt die obigen Worte Manteuffels aus dessen handschriftlichem, auf der Leipziger Universitätsbibliothek befindlichem Nachlasse mit.
  42. Für die preußische Geschichtsschreibung ist es kennzeichnend, daß Stenzel, Geschichte des preußischen Staates, 3, 55, das »Andenken des freisinnigen Fürsten« feiert, der durch die Aufnahme von Thomasius gezeigt habe, »daß er hoch über denen stand, die solche Männer verjagten«. Dabei berichtet Stenzel nicht ganz drei Seiten vorher, gleich als verstünde es sich von selbst, daß der brandenburgische Kurfürst seinen Thomasius, den Propst Müller, der in Brandenburg genau dasselbe »Verbrechen«, einen Widerspruch gegen die Ansicht seines angestammten Fürsten, begangen hätte wie Thomasius in Sachsen, zwar nicht »verjagt«, aber dafür ohne alles Federlesen in Spandau eingekerkert hatte. Bei alledem wäre es ungerecht, zu verkennen, daß Stenzel, der vor fünfzig Jahren schrieb, eine Leuchte unabhängiger Gesinnung ist, verglichen mit den heutigen preußischen Historikern.
  43. Vor diesem Helden des friderizianischen »Heldenheeres« nahm sogar »Grenadier« Gleim Reißaus. Er war dem Fürsten von Dessau 1745 als Stabssekretär beigegeben, ging aber schleunigst von dannen, als er sah, daß der Fürst einen ganz unschuldigen, mit guten Pässen reisenden Juden einfach als »Spion« aufknüpfen ließ. Körte, Gleims Leben, 35.
  44. Der Stiftungsfonds der Universität Halle betrug 3500 Taler und wurde später auf 7000 Taler erhöht. Dagegen war der Ertrag der Akzise, der vorher noch nicht 20 000 Taler betragen hatte, nach der Gründung der Hochschule auf 32 000 Taler gestiegen, so daß die Universität dem Staate weit mehr eintrug als kostete. Hofbauer, Geschichte der Universität Halle, 63.
  45. Justi schreibt in seiner Winckelmann-Biographie, 1, 253: »Es sei ferne, Verdammungsurteile abschwächen zu wollen, welche die Geschichte längst gefällt hat, aber wenn man die ewig sich wiederholenden Tiraden von Demagogen, Frömmlern und Hofdemagogen hört, so kann man fragen: Hat Karl XII. nicht Schweden tiefer ins Verderben gerissen als die beiden August Sachsen, und noch dazu, ohne eine Spur zu hinterlassen?« Recht gut soweit, aber weshalb nach Schweden schweifen? Es gibt nähergelegene Parallelen.
  46. Mindestens die Zeugnisse von Kleist und Gleim, die 1882 in Kleists Werken, 2, 192 und 3, 30, von Sauer veröffentlicht worden sind, waren Herrn Erich Schmidt bekannt, als er 1885 den ersten Band seiner Lessing-Biographie veröffentlichte. Gleichwohl entdeckt er nur in der sächsischen Residenzstadt Dresden »die prickelnde Lüsternheit, die handfeste Zote« und obendrein den »Privatklatsch, der dort wuchern muß, wo die Schößlinge öffentlicher Interessen ausgerottet und alle politischen Angelegenheiten dem unmündigen Bürger verschlossen wurden ... In Berlin aber wurden die Gazetten nicht geniert«. So wörtlich 1, 38.
  47. Die obigen Ziffern sind zusammengestellt aus Nicolai, Beschreibung der königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, und aus Reeden, »Zeitschrift für Statistik«. Eine brauchbare Geschichte von Berlin gibt es noch nicht; die Werke von Streckfuß und Schwebe! gleichen sich, bei sehr verschiedener Tendenz, doch darin, daß sie sich den bescheidensten wissenschaftlichen Ansprüchen versagen. Übrigens werfen die obigen Ziffern unter anderem auch einiges Licht auf die manchesterliche Behauptung, daß sich die Arbeitslöhne in diesem Jahrhundert gehoben hätten. Man muß nur den durchschnittlichen Arbeitsverdienst von 260 Talern nicht allein als Geld-, sondern auch als Sachlohn ins Auge fassen; bei den damaligen Lebensmittelpreisen konnte man, wie Lessing an seinen Vater schrieb, für 15 Pfennig eine starke Mittagsmahlzeit haben.
  48. Es ist immer wieder die sinnlose Vorstellung zurückzuweisen, als ob der protestantische Glaube in geistiger und sittlicher Beziehung irgendeinen Vorzug vor anderen Religionsbekenntnissen besitze. Die Hugenotten waren nicht die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, weil ihr protestantischer Glaube sie mit einem besonderen Maße von Einsicht und Tugend gesegnet hatte, sondern vielmehr: Weil sie die ökonomisch entwickeltsten Elemente waren, bekannten sie sich zu dem protestantischen Glauben als dem ihren kapitalistischen Interessen gemäßesten Religionsbekenntnisse. Wie der Hunger nach Mehrwert sie schon in verhältnismäßig früher Zeit, schon in den Jahren Richelieus, der ihnen durchaus wohlwollte, bis zum Bürgerkriege und zur Seeräuberei fortriß, dafür hat Buckle, Geschichte der Zivilisation in England (deutsch von Ruge), 1, 2, 25 ff., eine Fülle unwiderleglicher Zeugnisse beigebracht, deren Gewicht keineswegs dadurch geschwächt wird, daß Buckle sie auch nur in ideologischer Weise zu erklären weiß.
  49. Die im Text angeführte Ziffer von 4245 Köpfen gibt Nicolai für 1779 an; Preuß, 3, 431, berechnet 500 Judenfamilien mit 3374 Köpfen, und zwar für das Jahr 1784. Es kommt wenig auf den Unterschied an, doch ist Nicolai die ältere und genauere Quelle. Möglicherweise erklärt sich die Abweichung dadurch, daß Preuß nur die eigentlichen Schutzjuden nebst Familien rechnet, während Nicolai auch die jüdischen Bediensteten dieser Schutzjuden mitzählt, die für die Dauer ihrer Dienste sich in Berlin aufhalten durften. Wurden sie entlassen, so waren die Judenältesten verpflichtet, der Polizei sofortige Anzeige zu erstatten, damit sie die Entlassenen aus Stadt und Land treibe. Zu dieser Kategorie der Juden gehörte beispielsweise Moses Mendelssohn, der Buchhalter in einer der Witwe Bernhard gehörigen Seidenfabrik war. Als der Marquis d'Argens durch einen Juden Raphael von diesen Zuständen hörte, wollte er anfangs nicht glauben, daß solche Unduldsamkeit in den Staaten seines königlichen Freundes herrschen könnte, aber auf eine Anfrage bestätigte ihm Moses, daß die Judenältesten verpflichtet seien, ihn durch die Polizei vertreiben zu lassen, falls die Witwe Bernhard ihn entließe und ihn »nicht einer von den Trödeljuden in der Reezengasse für seinen Diener erklären« wolle. Nach wiederholten Bitten des Marquis d'Argens ernannte Friedrich dann den guten Moses zum außerordentlichen Schutzjuden, das heißt, er gab ihm ein Privileg auf Lebenszeit für seine Person; als dagegen Moses 1779, also fast zwanzig Jahre, nachdem die berüchtigten, aber ökonomisch mächtigen Wucherer Ephraim und Itzig die »Freiheit eines christlichen Banquiers« erhalten hatten, zum ordentlichen Schutzjuden zu avancieren wünschte, der als solcher auch seine Kinder im Lande ansetzen durfte, schlug der König seinem Mitphilosophen die Bitte ab, wie er denn auch seiner Wahl in die Akademie rundweg die Bestätigung verweigerte. Siehe neben Preuß auch Nicolai, Anekdoten von König Friedrich, 1, 62. Übrigens könnten die heutigen Antisemiten aus der damaligen Zeit lernen, was bei dem obrigkeitlichen Kujonieren der Juden herauskommt. Der jüdische Wucher blüht dann um so üppiger, während die Juden, die sich vom Judentum befreien wollen, um so schamloser unterdrückt werden.
  50. Preuß, 1, 243. Herr Erich Schmidt hat für sein von den widerwärtigsten Byzantinismen strotzendes Kapitel über Friedrich das Material nur aus den Schriften des Königs selbst entnommen, was denn gleich einen guten Begriff von den »Fortschritten der biographischen Methode« und den »hohen Zielen« gibt, die Herr Schmidt der »Lessing-Forschung« gesteckt haben will. Nicht, als ob die Schriften Friedrichs an Ehrlichkeit nicht vielfach den Friedrich-Mythologen noch als Muster dienen könnten, aber gerade den historischen Wert der von Herrn Schmidt so sehr bewunderten »Ehrengedächtnisse«; die Friedrich in seinen Gedichten den ihm persönlich nahestehenden Personen widmete, beleuchtet der alte Preuß, 1, 260, in folgender ergötzlichen Weise: »In ihren Hof- und Haushaltungen mußte die gesamte königliche Familie sich sehr knapp behelfen ... Dagegen bedachte Friedrich seine Geschwister öfters mit Gedichten, in welchen er ihnen die schmeichelhaftesten Huldigungen widmete oder die beruhigendsten Wahrheiten aussprach.« In den von dem preußischen Staatsarchive herausgegebenen Publikationen sind vor einiger Zeit die Gespräche Friedrichs mit seinem Vorleser Henri de Catt herausgekommen; nach Aufzeichnungen Catts geben sie ein getreues Bild von Friedrich in seinem persönlichen Verkehre, das die Friedrich-Mythologen allerdings bezaubernd finden, während Augen ohne byzantinisch geschliffene Brillen in diesen Gesprächen die verwüstenden Wirkungen des Despotismus erkennen werden, die an einem aufgeweckten und begabten Despoten, wie Friedrich war, um so drastischer hervortreten.
  51. Über Bayle vergleiche Feuerbach, Pierre Bayle, ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit. Eine schöne Charakteristik Bayles auch bei Justi, Winckelmann, 1, 109 ff. Über Bayle und Lessing siehe Danzel-Guhrauer, Lessing, 1, 219 ff.
  52. Der Kammergerichtsrat Klein schließt seine betreffende Auseinandersetzung, Annalen der Gesetzgebung und der Rechtsgelehrsamkeit in den Preußischen Staaten, 5, 251 f., mit der Bemerkung, es sei sonst zum »Grundsatze geworden«, »daß dergleichen Immédiat-Kommissionen bei den Streitigkeiten der Privatpersonen gar nicht stattfinden, sondern ein jeder das Recht haben solle, vor seinem gehörigen Richter zu stehen«, und fügt hinzu: »Dies bemerke ich um der Ausländer willen, welche sonst aus diesem Beispiele den Schluß ziehen könnten, als wenn ein Günstling des Monarchen nur eine Immediat -Kommission ausbringen dürfe, um dem Wege Rechtens auszuweichen.« Man sieht: Nach diesem altfränkischen Juristen von 1790 wirft der Judenprozeß Voltaires auch einen Schatten auf die friderizianische Rechtspflege, aber die preußischen Mythologen, von K. G. Lessing bis Herrn Erich Schmidt, denken wie der mythische Müller von Sanssouci: Ja, wenn das Kammergericht in Berlin nicht wäre! und lassen aus höchsteigener Machtvollkommenheit den Prozeß vor dem Kammergerichte spielen. Bei Herrn Schmidt erscheint dieser sonderbare Irrtum um so sonderbarer, als er mindestens bei dem gründlichen Danzel gelesen haben muß, daß der Prozeß »vor einer Immediat -Kommission ziemlich formlos« behandelt worden ist.
  53. Lessings Übersetzung von Voltaires kleineren historischen Schriften ist neuerdings in einer von Erich Schmidt besorgten Ausgabe erschienen. Dieser Herr hatte in seiner Lessing-Biographie, 1, 190, mit allem Aplomb behauptet, daß Lessing »im Auftrage Voltaires nach dessen mit Randnoten versehenem Handexemplar übersetzt« habe. In dieser neuesten Veröffentlichung aber, in der Herr Schmidt seine kühne Behauptung wahrmachen konnte und billigerweise auch hätte wahrmachen sollen, findet er sich mit der Bemerkung ab: »Eingehende Untersuchung darüber, wieweit sich Lessing handschriftlicher Verbesserungen Voltaires bedient habe, konnte ich schon aus Mangel eines umfassenden Voltaire-Apparates nicht anstellen.« Siehe Erich Schmidt, G. E. Lessings Übersetzungen aus dem Französischen Friedrichs des Großen und Voltaires, 254. Das genügt. Aber es hindert Herrn Erich Schmidt natürlich nicht, all den Klatsch über Lessing und Voltaire bei dieser Gelegenheit wieder durchzuklatschen.
  54. Nicht zwar, als ob der Haß gegen die »Großen«, der sich wie ein roter Faden durch Lessings Leben zieht, nicht auch auf die Wettiner gegangen wäre, aber Lessing war sowenig wie Klopstock und Winckelmann Trottel genug, um in erster Reihe auf dasjenige deutsche Fürstenhaus loszuschlagen, das noch am ehesten ein gewisses Verständnis für Kunst und Wissenschaft bekundete. Der Scharfblick, mit dem Herr Schmidt in einer oder zwei Reimwendungen des jungen Lessing einen besonderen Haß gegen die Wettiner entdeckt, steht in entzückendem Gegensatze zu der Blindheit, womit er über die scharfen Proteste des Mannes Lessing gegen den friderizianischen Despotismus fortstolpert. Was aber den »erlebten Konflikt« anbetrifft, so handelt es sich um eine mehr heitere Seite der Lessing-Legende. Lessing soll durchaus im Philistersinne der Bourgeoisie »respektabel« gemacht werden. Nun ist es mit der höchsten Kunst der Geschichtsklitterung nicht aus der Welt zu schaffen, daß er als ein echter Ritter die Widersacher und die Schulden niemals losgeworden ist, aber die Weiber, die Weiber! Nach Art der damaligen Anakreontiker hat Lessing die Doris und die Chloris, die Phyllis und die Laura, die er besang, für Wesen der Einbildung erklärt, und solange sich die bürgerlichen Literarhistoriker begnügten, auf dies eigenhändige Sittenzeugnis zu pochen, mochte man sich's gefallen lassen, obschon es nicht mehr besagte, als daß Lessing nicht als türkischer Pascha über einen ganzen Harem verfügt hat. Allein Herr Schmidt muß auch hier seine Vorgänger übertrumpfen. Aus einem achtzeiligen Verslein liest er heraus, daß Lessing von einem moralischen Katzenjammer ergriffen worden sei, weil er wirklich eine Chloris oder eine Doris zu küssen gewagt habe. So braucht Lessing im Interesse der bürgerlichen »Respektabilität« am Ende doch nicht verschimpfiert zu werden. Es gereicht ihm gewiß zur Ehre, daß er sich von der impotenten Zotenreißerei, die in den damaligen literarischen Briefwechseln unangenehm genug berührt, frei gehalten hat, aber man braucht nur einmal sein Jugendbildnis in der Berliner Nationalgalerie zu betrachten, um die unglaubliche Komik der Vorstellung zu empfinden, daß dieser kecke und stattliche Bursch mit dem, wie Voß sagte, »rechten Geierblick« die Rokokoschönen nicht anders als mit den frommen Gefühlen Josephs in Ägypten hat umherflattern sehen.
  55. Kleists Werke, 3, 76. Sonst gibt Emil Grosse in Lessings Werken, 13, 1 ff., eine gute Zusammenstellung der Akten über den Vademecum-Streit. Irreführend und oberflächlich ist Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche Literatur, eine Sammlung von Aufsätzen zumeist aus der »Vossischen Zeitung«. Die Kabinettsorder Friedrichs an Lange hat Pröhle keineswegs zuerst mitgeteilt, wie er prahlt: Sie steht schon bei Preuß, Urkundenbuch, 1, 225.
  56. Lessings Werke, 20, 2, 136. Gleim scheint Lessings Wunsch nur in bedingtem Maße erfüllt zu haben, denn in einem Briefe an Kleist, Kleists Werke, 3, 242, berichtet er nicht ohne Selbstgefälligkeit von den Richelieus und Mazarins, die er gesehen und gesprochen habe. Übrigens soll daraus dem guten Gleim kein Vorwurf gemacht werden; auf Lessings Tadel änderte er auch seine Verwünschungen der Sachsen und Österreicher beinahe in Segensgebete um. Er war eben ein harmloser Reimschmied, der selbst am meisten darunter leidet, wenn man ihn zu einem nationalen und patriotischen Dichter stempeln will.
  57. Die äußerst scherzhafte Vorstellung des Herrn Erich Schmidt, daß Lessings damalige Frevel am Kapitalismus durch seine plötzliche Borussifizierung zu erklären seien, findet ihre gebührende Beleuchtung durch einen am 5. Juni 1777 von Nicolai an Lessing gerichteten Brief, worin es heißt: »Mich dünkt, Sie hätten mir einmal selbst gesagt, wenn Sie oft hintereinander mit dem eifrigen Kreuchauf in Leipzig disputiert hätten, so wären Sie durch die Hitze des Streits eine Zeitlang im Ernste preußisch geworden.« Siehe Lessings Werke, 20, 2, 890 f. Wenn Herr Erich Schmidt dem eigenen Zeugnisse Lessings nicht glauben mochte, auf das Zeugnis des preußischen Patrioten Nicolai konnte er sich ganz sicher verlassen. Trotzdem hat er den traurigen Mut, über Lessing im Siebenjährigen Kriege zu schreiben, daß er »reißende Fortschritte in preußischer Gesinnung gemacht«, daß er »als ein rechter Preuße oder Brandenburger hautement ihre Partei genommen«, daß er »diesen Krieg, ohne über privates Mißgeschick zu klagen, als ein reinigendes Gewitter empfunden«, daß er »in seiner preußischen Sympathie nicht nachgelassen« habe usw. usw. Alles das saugt sich Herr Erich Schmidt reinweg aus den Fingern. Wir wollen diese Geschichtsklitterung nicht beim richtigen Namen nennen, aber eine schüchterne Bitte möchten wir uns erlauben. Man verzichte doch endlich darauf, sich über das byzantinisch-charakterlos-hohlköplige Geschlecht, das aus den Hörsälen solcher Universitätslehrer hervorgeht, des Todes zu verwundern.
  58. Nach Form und Inhalt gehört die Mäzen-Ode in eine reifere Zeit Lessings; wir setzen sie um so eher mit den Prosa-Oden an Kleist und Gleim zusammen, als Lessing schwerlich zu zwei verschiedenen Zeiten eine so formlose und seinem ganzen Wesen sonst fernliegende Form gewählt haben dürfte und der Verkehr mit Kleist, der die französische Literatenwirtschaft in Sanssouci ähnlich wie Lessing beurteilte, aber aus seinem Potsdamer Garnisonleben noch viel genauer kannte, den sonst auffallenden Umstand erklärt, daß Lessing gerade in Leipzig so beißend über Friedrich und seine französischen Hofnarren geurteilt hat. Trotzdem läßt sich über die Sache streiten, und wir würden kein Wort darüber verlieren, daß Herr Erich Schmidt die Mäzen-Ode sogar bis in das Jahr 1751 zurückversetzt, wenn nur Lessing nicht dadurch zu einem dreimal »schoflen« Kerle gemacht würde, daß er öffentlich »verwegene Hoffnungen« auf Friedrich und Voltaire gesetzt und sie heimlich so bitter wie in der Mäzen-Ode verspottet haben soll. Herr Erich Schmidt hat freilich auch eine eigene Hypothese über die Entstehung der Mäzen-Ode. Klopstock hatte 1751 nämlich seinen Messias dem König von Dänemark mit einer Ode und dem Vorwort gewidmet: »Der König der Dänen hat dem Verfasser des Messias, der ein Deutscher ist, diejenige Muße gegeben, die ihm zur Vollendung seines Gedichtes nötig war.« Herr Erich Schmidt meint nun, Lessing habe in der Mäzen-Ode, »durch Klopstocks lakonische Prosa und stolz-bescheidene Strophen gereizt, eine der großartigsten Spiegelungen seiner Persönlichkeit gegeben«. Wirklich? Dann wäre also der »Regent« der König von Dänemark und der »lustige Rat«, der mit »Schwänken« unterhält, wäre Klopstock? Was doch nicht alles ein treu-fleißiger Untertanenverstand vermittelst der berühmten «genetischen Methode« entdecken kann!
  59. So mußte der Oberstleutnant v. Gartropp, dem Aachen verordnet war, nach Teplitz, und der Major v. Knoblauch, dem Teplitz verordnet war, nach Aachen gehen. Der dem Archive entnommene Wortlaut der betreffenden Kabinettsordern bei Stadelmann, Aus der Regierungszeit Friedrichs des Großen, 155.
  60. Über die Quälereien der Truppen in den Winterquartieren von 1761 auf 1762 berichtet als Augenzeuge Archenholtz, Geschichte des Siebenjährigen Krieges, 177 ff. Die Kabinettsordern des Königs an Dyherrn in Sachen der sächsischen Kontribution bei Preuß, Urkundenbuch, 2, 117 ff. Vergleiche auch Eberty, Geschichte des preußischen Staats, 4, 332 ff.
  61. Um der Gerechtigkeit willen muß allerdings erwähnt werden, daß der gröbste Fälscher dieser Episode kein bürgerlicher Literarhistoriker, sondern – Herr Eugen Dühring ist. Er sagt, Friedrich habe Lessing als Bibliothekar nicht haben wollen, »mit so vielen Judendurchstechereien und Judenaufdringlichkeiten Lessing sich auch offerieren ließ«. »Der Mehrer des Reichs, der auch Mehrer der Einsichten war und selbst als politisch reformatorischer Geist in Gesetzgebung und Verwaltung gelten muß, Friedrich, hat sich in der Schätzung Lessings als wahrer Vertreter der Nation erwiesen.« Siehe Dühring, Die Überschätzung Lessings und dessen Anwaltschaft für die Juden, 88. Der preußische Staat war wirklich schlecht beraten, als er Herrn Eugen Dühring nicht zum Professor avancieren ließ.
  62. Winckelmanns Briefe an seine Freunde, herausgegeben von Daßdorf, 2, 164. Freimütige Anmerkungen, 1, 354. In dieser Schrift bestätigt Nicolai die Darstellung Daßdorfs noch ausdrücklich als richtig.
  63. Folgende eigenhändigen Randschriften Friedrichs werden den Humbug noch näher beleuchten. Als Quintus im Jahre 1764 um Vergütigung des für seine Kompaniechefs bar ausgelegten Geldes ansuchte, antwortete der König: »Seine Offiziers haben wie die Raben gestollen Sie krigen nichts.« Und ferner: Als derselbe Quintus im Jahre 1770 um eine Pension bei der Akademie bat, verfügte der König: »Die academie nimt nicht Leute an deren Bücher So schändlich wie Seine Seindt Critisiret worden.« Es ist wirklich eine zwerchfellerschütternde Vorstellung, daß ein Höfling, der sich schurigeln lassen muß wie Quintus in diesen königlichen Bescheiden, in »einem starken Wortwechsel« den König wegen Mißachtung der deutschen Literatur »ausgelacht« haben soll. Endlich noch folgende urkundlichen Stücke aus Friedrichs Kabinett: »Einer Namens Doehbelin, von der Schuchschen Comödianten Bande zeiget allerunterthänigst an, daß das teutsche Theater zu Berlin unter der üblen und unerfahrenen Direktion des Schuchs ganz in Verfall gerathen und bittet, ihm gegen Erlegung von 100 Spezies Dukaten anstatt der 100 Thaler, so der Schuch jährlich zur Chargenkasse erlegen müsse, das Privilegium, in sämtlichen Königlichen Landen Comödien aufführen zu dürfen, allergnädigst zu ertheilen.« Worauf der König verfügt: »Ob 2 Banden im Landt bestehen können, und ob das Publicum diesen Menschen lieber als Schuch haben will? So bin ich damit zufrieden.« So geschehen im Jahre 1767, also zwei Jahre, nachdem der König angeblich durch »unsern Herrn Lessing« für die »Ehre unserer Schaubühne« sorgen lassen wollte!
  64. Über die Frage: Für wen dichtete Shakespeare? handelt vortrefflich Rümelin, Shakespeare-Studien, 34 ff. Unter den bürgerlichen Literarhistorikern ist Rümelin am weitesten vorgedrungen in der Erkenntnis, daß die Dichter nicht vom Himmel schneien und in den Wolken wandeln, sondern wie andere Menschen in den Klassenkämpfen ihrer Zeit leben und schaffen.
  65. Es würde eine eigene Abhandlung erfordern, im einzelnen nachzuweisen, wie die bürgerliche Ästhetik in Deutschland seit Lessings Tagen immer wieder durch das bürgerliche Klasseninteresse gestaltet worden ist. Doch können wir uns nicht versagen, ein erläuterndes Beispiel beizubringen. Gustav Freytag, der klassische Mann der bürgerlichen Literatur zur Zeit, als die deutsche Bourgeoisie aus ihrer idealistischen in ihre mammonistische Epoche hinüberwechselte, schreibt in seiner Technik des Dramas, 57: »Wenn vollends ein Dichter die Kunst dazu entwürdigen wollte, soziale Verbildungen des wirklichen Lebens, Tyrannei der Reichen, die gequälte Lage Gedrückter, die Stellung der Armen, welche von der Gesellschaft fast nur Leiden empfangen, polemisch und tendenzvoll für Handlung eines Dramas zu verwerten, so würde er durch solche Arbeit wahrscheinlich das Interesse seiner Zuschauer lebhaft erregen, aber diese Teilnahme würde am Ende des Stücks in einer quälenden Verstimmung untergehen. Die Schilderung der Gemütsprozesse eines gemeinen Verbrechers gehört in den Saal des Schwurgerichts, die Sorge um Besserung der armen und gedrückten Klassen soll ein wichtiger Teil unserer praktischen Interessen im Leben sein, die Muse der Kunst ist keine barmherzige Schwester.« Freytag vertritt darnach gegenüber der arbeitenden Klasse etwa denselben ästhetischen Standpunkt wie Gottsched gegenüber der bürgerlichen. Man erkennt aus diesen Sätzen auch, wie Freytag aus dem idealistischen Zeitalter der deutschen Bourgeoisie in das mammonistische hinübermausert. Er ist noch ehrlich genug, anzuerkennen, daß die Armen von der Gesellschaft fast nur Leiden empfangen, aber er verschmäht doch auch schon den unfeinen Kunstgriff nicht, im Leben der arbeitenden Klassen nichts als einen Gegenstand der Armen- und Krankenpflege zu sehen. Das war vor einem Menschenalter, und wie hat sich seitdem die Szene abermals geändert! Der Mammonismus der Bourgeoisie hat völlig unter ihrem Idealismus gesiegt, und die berühmteste Dichtung unserer Tage, der rührende Roman der Spar-Agnes, schildert den Überschwang von Freude und Lust, den die Armen von der heutigen Gesellschaft empfangen, während die »revolutionären« Poetlein der Bourgeoisie alle möglichen »sozialen Verbindungen«, Bordelle, Schnapskneipen und Zuchthäuser, in die »Kunst« entleeren.
  66. Nicht Schiller ist deshalb anzuklagen, aber Herr Otto Brahm, Schiller, 2, 1, 79, fälscht die Geschichte, wenn er den Übergang von dem ehrlichen Proletarierzorne des Musikus Miller zu den sentimentalen Schwafeleien des Marquis Posa Schillers »bedeutsamsten Schritt« nennt, »die Vorstellungen seiner Jugend zu überwinden: Nicht mehr Kritik des Bestehenden spricht er aus, sondern er gelangt dazu, die positiven Forderungen der Zukunft zu formulieren.« Man sieht: Der arme Schiller wird von seinem Biographen mit denselben elenden Redensarten eingeseift, mit denen die »Edelsten und Besten« den Verrat des bürgerlichen Idealismus an die schnödeste Interessenpolitik zu beschönigen suchen. Natürlich weiß Herr Otto Brahm auch, von dem »Verständnis« zu berichten, das Marquis Posa gerade in der »preußischen Hauptstadt« gefunden habe; er schreibt: »Der junge König selbst, Friedrich Wilhelm II., nahm Interesse an der Aufführung, und weil in jenen ersten Zeiten seines Herrschertums Pläne zum Besten der Menschheit ihn noch erfüllten, sah er dem Auftritte zwischen Philipp und Posa voll Teilnahme zu.« I der Tausend! Don Carlos wurde im Sommer 1787 vollendet. Damals zählte der »junge König«, geboren 1744, gerade 43 Jahre. Zur Regierung gelangte er am 17. August 1786. Zwölf Tage später schreibt der Augenzeuge Mirabeau: »Der König scheint seinen Gewohnheiten entsagen zu wollen, was die Sache ohne Zweifel sehr hoch anfangen heißt. Er legt sich um 10 Uhr zu Bette und steht um 4 Uhr wieder auf. Wenn er ausdauert, so wird er das einzige Beispiel sein, fast dreißigjährige Angewohnheiten abgelegt zu haben.« Sechs Wochen später berichtigt Mirabeau seine Ansicht wie folgt: »Ich urteilte damals dem Scheine nach. Freilich verschwand der König um 10 Uhr, und jedermann glaubte, daß er zu Bett sei, während er im Innern des Palastes bis tief in die Nacht hinein sardanapalische Feste feierte.« Und am 1. Januar 1787 schreibt Mirabeau: »Von Tag zu Tag steigt die Verachtung gegen den neuen König. Man ist schon über die Bestürzung hinweg, die der Verachtung vorhergeht.« Und nun erwäge man das Epochemachende der Eroberung, die Marquis Posa, indem er die »positiven Forderungen der Zukunft formuliert.«, ein halbes Jahr später an diesem »jungen König« und dessen »Plänen für das Beste der Menschheit« macht. Aber ist denn wirklich kein akademisches Sesselchen für Herrn Otto Brahm frei?
  67. Wenigstens im Vorbeigehen mag noch erwähnt werden, daß die Lobsprüche, welche die preußischen Mythologen auf den Hohenzollern Friedrich häufen, tatsächlich dem Habsburger Josef gebühren. Josef II. wollte nicht nur »erster Verwalter« des Staats sein, sondern war auch daneben »Verehrer der Menschheit«, er versuchte nach seinen freigeistigen, persönlichen Ansichten zu regieren. Friedrich nannte das den zweiten Schritt tun, ehe der erste getan war, was politisch den Nagel auf den Kopf traf und ebenso die Erfolge Friedrichs wie die Mißerfolge Josefs erklärt. Aber vom Standpunkte des persönlichen Fürstenkultus verdient nur Josef die auf Friedrich gehäuften Lorbeeren, namentlich auch was die geistige Entwicklung in Deutschland anbetrifft; sogar der nationalliberale Historiker Biedermann muß anerkennen, daß Josef während seiner kaum zehnjährigen Regierung mehr für die Preßfreiheit getan hat als Friedrich während einer fünfmal so langen Zeit.
  68. Stahr behauptet auch, daß Lessing die Freimaurergespräche »seinem Fürsten« gewidmet habe, und Herr Christian Groß ist vollends so »unklar, ja im tiefsten Grunde unwahr«, aus dem »Fürsten« Stahrs gar noch Lessings »hohen Gönner und Landesherrn« zu machen. Darunter geht es nun einmal nicht bei den modernen Byzantinern, und wenn es sich auch nur um ein längst vermodertes Despötlein handelt. Der Ursprung des albernen Klatsches ist wohl bei K. G. Lessing und den Berliner Aufklärern zu suchen, die gleich nach dem Erscheinen der Freimaurergespräche von einer angeblichen Kriecherei Lessings zischelten, weil »Ernst und Falk« dem »Herzog Ferdinand« gewidmet war, von dem Lessing in ein paar verbindlichen Zeilen die »Erlaubnis erwartete, noch tiefer zu schöpfen«. Das ganze Gemunkel läuft auf eine Personenverwechslung hinaus. Der »Herzog Ferdinand« war nämlich eine ganz andere Persönlichkeit als der Erbprinz und spätere Herzog Karl Wilhelm Ferdinand. Herzog Ferdinand war ein Oheim des Erbprinzen, ein apanagierter, politisch gänzlich einflußloser Welfenprinz, daneben aber auch ein berühmter Feldherr des Siebenjährigen Krieges, der nach dem Hubertusburger Frieden teils aus Ekel vor dem Garnisondienst, teils aus Abscheu über die friderizianische Regie aus preußischen Diensten geschieden war und später den ihm von der englischen Regierung in dem Kriege gegen die amerikanischen Kolonien angebotenen Oberbefehl ablehnte, also einer jener freimütigen und wackeren Soldaten, für die Lessing immer etwas übrig hatte. Es entsprach durchaus nur seiner eigenen, freimütig-wackeren Denkungsart, wenn er, selbst Freimaurer, seine Freimaurergespräche gerade dem Herzoge Ferdinand als dem Großmeister der norddeutschen Logen widmete, denn seine Widmung nahm seiner Kritik der Freimaurerei jeden Schein der Gehässigkeit, während seine Kritik wieder seiner Widmung jeden Schein der Schmeichelei nahm.
  69. Suphan, Friedrichs des Großen Schrift über die deutsche Literatur, 19. Vergleiche auch die treffliche Kritik Suphans durch Xanthippus-Sandvoß in der »Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte«, Neue Folge, 2, 482 ff.
  1. Paul Ernst, Mehrings Lessing-Legende und die materialistische Geschichtsauffassung, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 7 ff. Mehring, Zur historisch-materialistischen Methode, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 142 ff. Mehring, Pour le roi de Prusse, »Neue Zeit«, XXI, 1, S. 517 ff.
  2. Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle; herausgegeben von Franz Mehring, Stuttgart 1902, J. H. W. Dietz Nachf. – F. Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, dritte Auflage, ebenda 1906.
  3. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 4, 292, vierte Auflage.
  4. Treitschke, Historische und politische Aufsätze, 1, 62, vierte Auflage.
  5. Erich Schmidt, Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, an verschiedenen Stellen.
  6. Stahr, G. E. Lessing. Sein Leben und seine Werke, 2, 326, neunte Auflage. »Unwiderlegliche Zurückweisung des Kommunismus«, nämlich in den Gesprächen von Ernst und Falk über die Freimaurerei.
  7. Goethes Werke, 21, 62 ff., 48 ff., 53, 56, 172.
  8. Goethes Werke, 2, 413.
  9. Körte, Gleims Leben, 219.
  10. Gervinus, Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, 8, 180 ff.
  11. Ruge, Sämtliche Werke, 2, 20 und 50.
  12. Tocqueville, L'ancien régime et la révolution, 341.
  13. Fichte, Friedrich Nicolais Leben und sonderbaren Meinungen, 15.
  14. L. Feuerbachs Briefwechsel und Nachlaß, 2, 162.
  15. Treitschke, Deutsche Geschichte, 1, 44.
  16. Preuß, Friedrich der Große, 3, 251 f.
  17. Freimütige Anmerkungen über des Herrn Ritters v. Zimmermann Fragmente, 2, 220.
  18. Koser, König Friedrich der Große, 1, 13.
  19. Preuß, 1, 138.
  20. Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 5, 190
  21. Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 2, 232.
  22. Schreiben Herrn Wilibald Pirckheimers an Joh. Tscherte, König Karls V. Bau- und Brückenmeister in Wien. In Murrs Journal zur Kunstgeschichte usw., 10, 36 ff.
  23. Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe usw., 4, 353.
  24. Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 1, 39 ff.
  25. Freytag, Bilder, 4, 421.
  26. Schmoller, Die innere Verwaltung des preußischen Staats unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 25, 587.
  27. Schmoller, Der preußische Beamtenstand unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 26, 162.
  28. Twesten, Der preußische Beamtenstaat; Preußische Jahrbücher, 18, 16.
  29. Ranke, Genesis des preußischen Staats, 518 ff.
  30. Koser, Friedrich der Große als Kronprinz, 91 f.
  31. Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland, 414.
  32. Fouqué, Lebensbeschreibung des Generals Fouqué, 55.
  33. Œuvres, 9, 186.
  34. Schmoller, Die preußische Seidenindustrie im achtzehnten Jahrhundert, 35.
  35. Retzow, Charakteristik der wichtigsten Ereignisse des Siebenjährigen Krieges, 2, 455.
  36. Manger, Baugeschichte von Potsdam, 3, 825.
  37. Preuß, 4, 415 ff.
  38. Schlosser, Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts, 2, 246.
  39. Alte und neue Rechtszustände in Preußen; Preußische Jahrbücher, 5, 390.
  40. Nähere Daten darüber bei Stenzel, Geschichte des preußischen Staats, 2, 47 ff.
  41. Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 2, 2, 68 ff. Ranke, Genesis, 335 ff.
  42. Koser, König Friedrich der Große, 1, 153.
  43. Droysen, Leben von Yorck, 1, 50.
  44. Friedrich Engels, »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft« [»Anti-Dühring«], S. 207. Die Red.
  45. Siehe Karl Marx, »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, Dietz Verlag, Berlin 1951, S. 13. Die Red.
  46. Busch, Sämtliche Schriften, 2, 408.
  47. Lessings Werke, 20, 2, 64; Ausgabe von Hempel.
  48. Scherer, Geschichte der deutschen Literatur, 394 ff., fünfte Auflage.
  49. Scherr, Blücher, 1, 24.
  50. Graf Henckel von Donnersmarck, Erinnerungen aus meinem Leben, 46.
  51. Erich Schmidt, Lessing, 2, 238 ff.
  52. Flathe, Geschichte des Kurstaats und Königreichs Sachsen, 2, 526.
  53. Heidemann, Die Reformation in der Mark Brandenburg, 234.
  54. König, Versuch einer Geschichte Berlins, 3, 346.
  55. Schäffle, Bau und Leben des sozialen Körpers, 4, 287.
  56. Eine treffliche Würdigung Lamettries und seiner Beziehungen zu Friedrich bei F. A. Lange, Geschichte des Materialismus, 1, 270 ff.
  57. Lessings Werke, 1, 153. Strauß, Voltaire, 98. Carlyle, 4, 270 ff.
  58. Ranke, Geschichte der Reformation, 5, 337. Köstlin, Martin Luther, 2, 420. Heidemann, Die Reformation in der Mark Brandenburg, 202.
  59. Danzel-Guhrauer, 1, 487. Schlosser, 1, 560 ff.
  60. Danzel, Gottsched und seine Zeit, 279.
  61. Freimütige Anmerkungen, 2, 134. Vergleiche auch die Anmerkung Nicolais zu Lessings Brief an Moses vom 15 August 1765. Lessings Werke, 20, 1, 197.
  62. Eckermann, Gespräche mit Goethe, 1, 340.
  63. Haym, Herder nach seinem Leben und seinen Werken, 1, 1, 243.
  64. Einige gute Bemerkungen hierüber bei Karl Frenzel, Berliner Dramaturgie, 1, 12 ff.
  65. Siehe den Artikel: Feronce v. Rothenkreuz in der Allgemeinen deutschen Biographie, 6, 767 ff.
  66. Heinemann, Geschichte von Braunschweig und Hannover, 3, 296.
  67. Jähns, 3, 2208.
  68. Sybel, 1, 469.
  69. Die eigentliche Schuld an der einseitig-schiefen Auffassung von Lessings theologischen Kämpfen trägt die geistige Verflachung der deutschen Bourgeoisie. Einzelne Schriftsteller sind kaum dafür verantwortlich zu machen, doch findet jene Auffassung einen besonders grellen Ausdruck begreiflicherweise in der protestantenvereinlichen Theologie, so bei Karl Schwarz, Lessing als Theologe. Röpe hat dann in seiner Schrift über Goeze den Spieß umgekehrt; ihm nach Redlich in dem Lessing-Artikel der Allgemeinen deutschen Biographie, 19, 756 ff. und Christian Groß in Lessings Werken, 15, 9 ff. Groß macht die glorreiche Entdeckung von Lessings »unklarer, ja im tiefsten Grunde unwahrer Stellung«; er beschimpft auch Johann Jacobys trefflichen Aufsatz über Lessing als Philosophen in unwürdiger Weise. Die eingehendsten und gründlichsten Arbeiten in dieser Richtung hat Hebler in seinen Lessing-Studien geliefert und daneben Zeller in seinem Aufsatze über Lessing als Theologen in der »Historischen Zeitschrift«, 23, 343 ff.
  70. Lessings Werke, 17, 266.
  71. Strauß, Leben Jesu, 1, 102.
  72. Hegel, Phänomenologie des Geistes, 418 ff.
  73. Kurt Eisner, Psychopathia spiritualis, 31.
  74. Hartmann, Zwei Jahrzehnte deutscher Politik, an verschiedenen Stellen.