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Die alte Isergil und andere Erzählungen | |
|---|---|
| Autor*in | Maxim Gorki |
| Verlag | Verlag Neues Leben |
| Veröffentlicht | 1981 |
Makar Tschudra
Von der See wehte ein feuchter, kalter Wind, trug die versonnene Melodie der patschend ans Ufer springenden Wellen in die Steppe und raschelte in den Uferbüschen. Manchmal fegte ein Windstoß runzlige, gelbe Blätter heran, warf sie ins Feuer und ließ die Flamme auflodern; das uns umgebende Dunkel der Herbstnacht zuckte, wich ängstlich zurück und enthüllte für einen kurzen Moment links die grenzenlose Steppe, rechts das unendliche Meer und mir genau gegenüber die Gestalt Makar Tschudras, des alten Zigeuners – er bewachte die Pferde seines Lagers, das etwa fünfzig Schritt von uns entfernt aufgeschlagen war.
Er achtete nicht darauf, daß die kalten Windstöße seinen Bauernrock aufrissen, die behaarte Brust entblößten und erbarmungslos peitschten, sondern blieb halbaufgerichtet in malerischer, kraftvoller Haltung liegen, das Gesicht mir zugewandt, sog gleichmäßig an seiner gewaltigen Tabakspfeife, stieß dichten Rauch aus Mund und Nase, starrte regungslos über mich weg ins totenstille Dunkel der Steppe, redete ununterbrochen und rührte keine Hand, um sich gegen die heftigen Windstöße zu schützen.
»Du ziehst umher? Das ist gut! Du hast ein herrliches Los gewählt, mein Falke. So muß es sein: Zieh umher und sieh dir alles an; hast du alles gesehen, dann leg dich und stirb – das ist alles!
Das Leben? Andere Menschen?« fuhr er fort, nachdem er sich meinen Einwand gegen sein »So muß es sein« skeptisch angehört hatte. »Ach wo! Was geht das dich an? Bist du nicht selbst das Leben? Die anderen leben ohne dich und werden's weiter tun. Glaubst du vielleicht, jemand braucht dich? Du bist kein Brot, kein Stock, niemand braucht dich.
Immer nur lernen, sagst du? Kannst du erlernen, die Menschen glücklich zu machen? Nein, das kannst du nicht. Krieg erst mal graue Haare, dann sag, was man lernen sollte. Wozu auch? Jeder weiß, was er braucht. Die Schlauen nehmen sich, was da ist, die Dummen kriegen nichts ab, das lernt jeder von allein.
Sie sind doch seltsam, deine Menschen. Drängen sich zu einem Haufen zusammen und bedrücken einander, dabei ist soviel Platz auf der Welt.« Er deutete in einer weiten Handbewegung auf die Steppe. »Und immer müssen sie arbeiten. Warum? Für wen? Niemand weiß es. Du siehst einen Menschen pflügen und denkst: Mit jedem Tropfen Schweiß opfert er der Erde seine Kraft, dann legt er sich selbst hinein und verfault. Nichts bleibt von ihm, er sieht nichts von seinem Feld und stirbt, wie er geboren wurde – als Dummkopf!
Du meinst, er wurde geboren, um eben in der Erde herumzustochern und zu sterben, ohne sich auch nur das eigene Grab ausgehoben zu haben? Kennt er die Freiheit? Begreift er die Weite der Steppe? Erfreut das Rieseln der Steppengräser sein Herz? Er wurde als Sklave geboren und bleibt es sein Leben lang, nichts weiter! Was kann er aus sich machen? Sich höchstens aufhängen, sobald er ein bißchen gescheiter geworden ist.
Sieh her: Ich hab in den achtundfünfzig Jahren soviel gesehen, würde ich alles zu Papier bringen, so würden tausend solcher Taschen nicht ausreichen, wie du sie hast. Was glaubst du, in welchen Ländern ich nicht überall war? Du errätst es nicht. Du kennst die Länder gar nicht, wo ich mal war. So muß man leben: Immer weiterziehen – das ist alles. Ja nicht lange an einem Ort bleiben, was ist schon an ihm? Wie Tag und Nacht einander nachsetzend um die Erde eilen, so solltest auch du vor deinen Gedanken über das Leben davonlaufen, damit du nicht aufhörst, es zu lieben. Denn wenn du nachdenkst, hörst du auf, das Leben zu lieben. So ist es immer. Auch mir erging's so. O ja! Du kannst's mir glauben, mein Falke.
Im Gefängnis hab ich gesessen, in Galizien. Wozu bin ich überhaupt auf der Welt? hab ich mich ganz traurig gefragt. Denn traurig ist's im Gefängnis, mein Falke, und wie! Sehnsucht packte mich, wenn ich aus dem Fenster blickte, und preßte mein Herz zusammen wie mit Zangen. Wer kann sagen, warum er lebt? Niemand kann das, mein Falke! Du brauchst dich auch nicht selbst danach zu fragen. Du lebst – das ist alles. Also zieh umher und sieh dir alles ringsum genau an, dann packt dich auch keine Sehnsucht. Damals hätte ich mich beinahe mit meinem Gürtel erhängt, jawohl!
Ha! Ich hab mal mit jemandem gesprochen. Er war ein ernster Mann, einer von euch, ein Russe. Er meinte, man darf nicht so leben, wie man will, sondern wie es Gottes Gebot entspricht. Unterwirf dich Gott, er gibt dir alles, was du dir erbittest. – Der Mann ging aber ganz zerlumpt umher. Ich sagte ihm, da sollte er sich von Gott was Besseres zum Anziehen erbitten. Er wurde ganz wütend und hat mich mit Schimpfworten davongejagt. Eben hatte er noch geredet, man soll den Menschen vergeben und sie lieben. Dann hätte er mir vergeben sollen, wenn meine Worte seine Gefühle verletzten. Ein schöner Lehrer ist mir das! Sie predigen, weniger zu essen, und essen selbst zehnmal am Tag.«
Er spie ins Feuer, schwieg eine Weile und stopfte sich eine neue Pfeife. Der Wind heulte leise und kläglich, die Pferde wieherten in der Dunkelheit, vom Lager tönte ein leidenschaftliches, zärtliches Lied herüber. Die schöne Nonka sang es, Makars Tochter. Ich erkannte ihre dunkle, tiefe Stimme, die stets seltsam unzufrieden und fordernd klang – sooft sie dieses Lied sang, schien sie ›Sei gegrüßt!‹ zu sagen. Der Hochmut einer Königin lag auf ihrem dunkelhäutigen, mattglänzenden Gesicht, in den dunkelbraunen, wie überschatteten Augen blitzte das Bewußtsein unwiderstehlicher Schönheit und Verachtung für alles, was nicht sie selbst war.
Makar gab mir die Pfeife.
»Rauch! Schön singt das Mädchen, was? O ja! Möchtest du, daß so eine dich liebt? Nein? Sehr gut! So muß es sein. Trau den Mädchen nicht und halt dich fern von ihnen. Für sie ist Küssen schöner und angenehmer als für mich das Pfeiferauchen, aber wenn du sie geküßt hast, ist es aus mit der Freiheit in deinem Herzen. Sie fesselt dich an sich mit etwas, das du nicht siehst – du kannst es nicht zerreißen und lieferst ihr deine Seele aus! Wirklich! Hüte dich vor den Mädchen! Sie lügen immer! ›Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt‹, sagt manche, aber du brauchst sie nur mit einer Nadel zu stechen, dann zerreißt sie dir das Herz. Ich weiß es! Und ob ich es weiß! Wenn du willst, erzähle ich dir eine Geschichte, möchtest du, mein Falke? Präg sie dir gut ein, wenn du das tust, bleibst du dein Lebtag ein freier Vogel.
Es lebte einmal ein junger Zigeuner namens Sobar, Loiko Sobar. Ganz Ungarn, das Tschechenland, Slawonien und alles Land, um das Meer kannte ihn – er war ein verwegener Junge! Kein Dorf gab es in jenen Ländern, in dem sich fünf, zehn Einwohner nicht geschworen hätten, ihn zu töten, aber das bekümmerte ihn nicht, und wenn ihm ein Pferd gefiel, so hättest du es durch ein Regiment Soldaten bewachen lassen können – er hätte es dennoch genommen und Reiterkunststücke damit vorgeführt! Als ob er vor jemandem Angst gehabt hätte! Wäre Satan mit seinem ganzen Gefolge zu ihm gekommen, so hätte Loiko, wenn er ihm nicht gleich ein Messer in den Leib gerannt hätte, bestimmt nur kräftig geflucht und allen Teufeln mächtig eines auf die Schnauze gehauen – das steht mal fest!
Auch alle Zigeunerlager kannten ihn oder hatten von ihm gehört. Er liebte nur die Pferde, sonst nichts, und das nie lange – war er eine Zeitlang damit herumgeritten, verkaufte er es und warf das Geld mit vollen Händen hinaus. Nichts hielt er verborgen vor der Welt – hättest du sein Herz gefordert, so hätte er es sich selbst aus der Brust gerissen und dir gegeben, nur um dir Gutes zu tun. So war er, mein Falke!
Unser Lager zog zu jener Zeit durch die Bukowina – das war vor etwa zehn Jahren. Einmal in einer Frühlingsnacht saßen wir beisammen: ich, Danilo der Soldat, der unter Kossuth gekämpft hatte, der alte Nur und alle anderen, darunter auch Radda, Danilos Tochter.
Du kennst doch meine Nonka? Schön wie eine Königin! Dennoch läßt sie sich nicht mit Radda vergleichen – es wäre zu viel Ehre für sie! Die Schönheit dieser Radda ist nicht mit Worten auszudrücken. Vielleicht mit einer Geige, aber auch nur, wenn jemand diese Geige wie die eigene Seele kennt.
Viele Burschenherzen hatten sich ihretwegen verzehrt, o viele! In Mähren erstarrte ein alter Magnat mit mächtigem Haarschopf bei ihrem Anblick zur Salzsäule. Er saß auf seinem Pferd, sah sie und zitterte wie im Fieber. Schön war er wie der Satan am Feiertag, sein Rock goldbestickt, der Säbel an seiner Seite blitzte bei jedem Aufstampfen des Pferdes, denn er war mit Edelsteinen besetzt, und die Mütze aus hellblauem Samt sah aus wie ein Stück Himmel – es war ein vornehmer Herr, der alte Mann! Als er sich sattgesehen hatte, sagte er zu Radda: ›He! Küß mich, ich geb dir einen Beutel Geld!‹ Sie aber wandte sich nur ab! ›Verzeih, wenn ich dich gekränkt hab, blick mich wenigstens etwas zärtlicher an‹, lenkte der alte Magnat sofort ein und warf ihr einen Beutel vor die Füße – einen großen Beutel, Bruder! Sie aber stieß ihn wie aus Versehen in den Schmutz, weiter nichts!
›Ist das ein Mädchen!‹, stöhnte er, zog dem Pferd eines mit der Peitsche über – eine Staubwolke stob hinter ihm auf.
Anderentags erschien er wieder. ›Wer ist ihr Vater?‹ rief er mit Donnerstimme durchs Lager. Danilo trat heraus. ›Verkauf mir deine Tochter, nimm, was du haben willst!‹ Danilo aber sagte zu ihm: ›Nur für die Herren ist alles käuflich, von ihren Schweinen bis zu ihrem Gewissen, ich aber hab unter Kossuth gekämpft und verkaufe nichts!‹ Auf brüllte der andere und wollte nach dem Säbel greifen, da stieß einer von uns seinem Pferd einen brennenden Zweig ins Ohr, und es preschte mit dem Recken davon. Wir brachen auf und zogen weiter. Einen Tag, zwei, dann sahen wir – er hatte uns eingeholt! ›He, ihr da‹, sagte er. ›Rein ist mein Gewissen vor Gott und vor euch, gebt mir das Mädchen zur Frau, und ich will alles mit euch teilen, ich bin sehr reich!‹ Hochrot war er und schwankte im Sattel wie Federgras im Wind. Wir überlegten.
›Nun sprich du, Tochter!‹ sagte Danilo still für sich.
›Kröche das Adlerweibchen aus freien Stücken zur Krähe ins Nest, was würde aus ihr werden?‹ fragte uns Radda.
Da lachte Danilo, und wir lachten mit ihm.
›Prachtvoll, Töchterchen! Hast du gehört, Herr? Aus der Sache wird nichts! Such dir ein Täubchen, das williger ist.‹ Und wir zogen weiter.
Da riß sich der große Herr die Mütze vom Kopf, schleuderte sie auf den Boden und sprengte davon, daß die Erde bebte. So war sie, diese Radda, mein Falke!
Ja! Einmal nachts nun hörten wir Musik durch die Steppe tönen. Herrliche Musik! Die das Blut in den Adern entbrennen läßt und dich irgendwohin lockt. Wir alle spürten, wie diese Musik Wünsche weckte, nach denen man nicht länger mehr leben wollte, oder wenn doch, dann als Herrscher über die ganze Erde, mein Falke!
Aus der Dunkelheit tauchte ein Pferd, ein Mann saß darauf und spielte im Näherkommen. Am Feuer hielt er, hörte auf zu spielen und blickte uns lächelnd an.
»He, Sobar, du bist das!« rief Danilo ihm freudig zu. Es war jener Loiko Sobar.
Sein Schnurrbart ruhte auf den Schultern und verschmolz mit dem Haupthaar, die Augen strahlten wie klare Sterne, sein Lächeln glich dem der Sonne, fürwahr! Er sah aus wie ein ehernes Reiterstandbild. Der Feuerschein färbte ihn blutrot, und er lachte mit blitzenden Zähnen! Verflucht will ich sein, wenn ich ihn nicht schon liebte wie mich selbst, noch ehe er ein Wort zu mir gesagt oder auch nur bemerkt hatte, daß es auch mich auf dieser weiten Welt gab!
Solche Menschen gibt es wohl, mein Falke! Er blickt dir in die Augen und nimmt deine Seele gefangen, du aber schämst dich dessen nicht, bist gar noch stolz darauf. Mit so einem wirst du selbst ein besserer Mensch. Es gibt wenig solcher Menschen, Freund! Aber das ist gut, daß es wenig gibt. Gäbe es viel Schönes auf der Welt, würde man es nicht als schön ansehen. So ist es doch! Aber höre weiter.
Radda sagte: ›Du spielst gut, Loiko! Wer hat dir eine so klangvolle, zauberhafte Geige gebaut?‹ Loiko aber lachte: ›Ich selbst! Und ich hab sie nicht aus Holz gefertigt, sondern aus der Brust eines jungen Mädchens, das ich einmal sehr geliebt habe, und die Saiten hab ich aus ihrem Herzen gewunden. Sie lügt noch ein wenig, die Geige, aber ich weiß, den Bogen fest in der Hand zu halten!‹
Du weißt: Unsereins legt es darauf an, einem Mädchen den Blick zu vernebeln, damit unser Herz nicht davon entbrennt, sie selbst aber von Sehnsucht nach uns erfüllt wird. Das tat auch Loiko. Nur war er diesmal an die Falsche geraten. Radda wandte sich ab und sagte gähnend: ›Da heißt's allgemein, Sobar ist klug und geschickt – wie die Leute lügen!‹ Damit ging sie weg.
›Oho, spitz ist deine Zunge, du Schöne!‹ sagte Loiko mit blitzenden Augen und schwang sich vom Pferd. ›Seid gegrüßt, Brüder! Zu euch will ich!‹
›Der Gast ist uns willkommen!‹ sagte Danilo zur Antwort. Wir küßten uns, unterhielten uns kurz und legten uns schlafen. Wir schliefen fest. Am nächsten Morgen sahen wir jedoch, daß Sobar einen verbundenen Kopf hatte. Was war das? Hatte ein Pferd ihn im Schlaf getreten?
Ach was! Wir begriffen wohl, wer dieses Pferd gewesen war, und grinsten, und auch Danilo grinste. Aber war Loiko nicht Radda wert? Das wiederum nicht! So schön das Mädchen war, sie war engherzig und kleinlich, und hättest du ihr ein Pud Gold um den Hals gehängt, sie wäre dennoch nicht besser geworden, als sie war. Aber lassen wir das!
Wir blieben an jenem Ort, unsere Geschäfte gingen zu jener Zeit gut, und auch Sobar blieb bei uns. Er war ein guter Helfer! Weise wie ein Greis, in allen Dingen erfahren und des Russischen und Ungarischen kundig. Wenn er erzählte, dachte ich nicht an Schlaf, sondern hörte ihm zu! Und wenn er spielte – der Blitz soll mich treffen, wenn sonst jemand auf der Welt so gespielt hätte! Er strich mit dem Bogen über die Saiten – und dein Herz hüpfte, er strich abermals – und es erstarrte lauschend, er aber spielte und lächelte. Wer ihn hörte, hätte am liebsten geweint und gelacht zugleich. Eben noch schien jemand bitter zu stöhnen und um Hilfe zu flehen, daß es dir das Herz zerriß vor Schmerz. Dann wieder erzählte die Steppe dem Himmel Märchen, traurige Märchen. Ein Mädchen weint beim Abschied von seinem Liebsten! Der brave Junge ruft sie in die Steppe. Und plötzlich – he! Wie ein Gewitter braust eine ungestüme, lebenssprühende Melodie dahin, selbst die Sonne am Himmel scheint nach dem Lied zu tanzen, sieh nur hin! So war er, mein Falke.
Jede Faser deines Körpers verstand dieses Lied, und du wurdest sein Sklave. Hätte Loiko damals gerufen: ›Zieht die Messer, ihr Männer!‹, so hätten wir alle die Messer gezogen und gekämpft, wie er uns geheißen. Alles konnte er mit dem Menschen machen, und alle liebten ihn, liebten ihn sehr, nur Radda würdigte ihn keines Blickes. Nun gut, wäre nur das gewesen, aber sie spottete seiner noch! Tief traf sie ihn ins Herz, den Sobar, sehr tief! Er knirschte mit den Zähnen, zupfte seinen Schnurrbart, der Loiko, seine Augen blickten dunkel wie ein bodenloser Abgrund, und manchmal blitzte es darin auf, daß einem ganz schrecklich zumute wurde. Nachts ging Loiko weit in die Steppe, seine Geige weinte bis zum Morgen, weinte und trug seine Freiheit zu Grabe. Wir aber lagen und lauschten und grübelten: Was würde geschehen? Denn wir wußten: Prallen zwei Steine aufeinander, darf man nicht dazwischentreten – sonst ergeht's einem schlimm. Genauso kam es.
Wieder einmal saßen wir alle beisammen und sprachen über unsere Angelegenheiten. Dann wurde uns langweilig. Deshalb bat Danilo den Loiko: ›Sing uns ein Lied, Sobar, ermuntere die Seele!‹ Dieser warf einen Blick auf Radda, die nicht weit entfernt auf dem Rücken lag und in den Himmel blickte, und schlug auf die Saiten. Und die Geige hub zu sprechen an, als sei sie fürwahr ein Mädchenherz. Und Loiko sang:
He, he! Feuer brennt in der Brust,
und weit ist die Steppe!
Schnell wie der Wind ist mein munteres Pferd
und fest mein Arm!
Radda wandte den Kopf, richtete sich auf und lachte dem Sänger ins Gesicht. Es loderte auf wie die Morgenröte.
He, hopp, he! Komm, mein Gefährte!
Wollen wir vorausreiten?!
Düstere Finsternis umhüllt die Steppe,
aber dort harrt unserer die Dämmerung!
He, he! Wir fliegen dahin und begrüßen den Tag.
Schwing dich auf in die Höhe!
Nur berühr nicht mit der Mähne
den Mond, den prächtigen!
So sang Loiko! Niemand singt jetzt noch so! Radda aber sagte verächtlich:
›Solltest nicht so hoch fliegen, Loiko, womöglich fällst du, ja – und mit der Nase in die Pfütze, so daß du dir den Schnurrbart schmutzig machst! Paß auf!‹ Wild blickte Loiko sie an, sagte aber nichts – er duldete es still und sang für sich:
He, hopp! Plötzlich kommt der Tag hierher,
und wir beide schlafen!
He, he! Dann verbrennen wir beide doch
im Feuer der Scham!
›Das ist ein Lied!‹ sagte Danilo. ›Nie hab ich dergleichen gehört. Soll der Satan aus mir eine Tabakspfeife für sich machen, wenn ich lüge!‹
Der alte Nur bewegte den Schnurrbart und zuckte die Schultern, uns allen gefiel das muntere Lied von Sobar! Nur Radda mißfiel es.
›So hat einmal eine Mücke gesummt, um den Schrei des Adlers nachzuäffen‹, sagte sie; es war, als überschütte sie uns mit Schnee.
›Verlangt's dich etwa nach der Peitsche, Radda?‹ fragte Danilo und reckte den Kopf nach ihr, Sobar aber warf seine Mütze zu Boden und sagte, das Gesicht schwarz wie Erde:
›Halt, Danilo! Ein hitziges Pferd braucht eine stählerne Kandare! Gib mir deine Tochter zur Frau!‹
›Das ist ein Wort!‹ sagte Danilo lachend. ›Nimm sie dir, wenn du kannst!‹
›Gut!‹ antwortete Loiko und sagte zu Radda: ›Nun hör mir gut zu, Mädchen, und sei nicht so stolz! Viele deinesgleichen hab ich gesehen, o ja, viele! Keine hat mein Herz so bewegt wie du. Ach, Radda, du hast meine Seele gefangengenommen! Was soll ich tun? Was geschehen soll, wird geschehen – das Pferd gibt es nicht, mit dem man sich selbst entrinnen kann! Ich nehme dich zur Frau vor Gott, meiner Ehre, deinem Vater und all diesen Leuten. Jedoch gib acht: Widersetz dich nicht meiner Freiheit – ich bin ein freier Mann und werde leben, wie ich will!‹ Und er trat zu ihr mit zusammengebissenen Zähnen und funkelnden Augen. Wir sahen, wie er ihr die Hand hinstreckte – nun hat Radda dem Steppenpferd den Zügel übergestreift, dachten wir! Plötzlich warf er die Arme hoch und fiel rücklings zu Boden – krach!
Was war denn das? Als habe eine Kugel den Jungen ins Herz getroffen. Radda hatte ihm die langriemige Peitsche um die Beine geschlagen und gezogen – so war er gefallen.
Abermals lag das Mädchen, ohne sich zu rühren, und lachte lautlos. Wir warteten, was weiter sein werde, aber Loiko saß auf der Erde und hielt den Kopf mit beiden Händen, als fürchte er, er werde ihm zerplatzen. Dann erhob er sich still und ging in die Steppe, ohne jemanden anzusehen. Nur flüsterte mir zu: ›Sieh nach ihm!‹, so folgte ich ihm unbemerkt in nächtlicher Dunkelheit durch die Steppe. Jawohl, mein Falke!«
Makar klopfte die Asche aus der Pfeife und stopfte sie neu. Ich hüllte mich fester in den Mantel und blickte im Liegen in sein altes, vom Lagerfeuer und Wind gedunkeltes Gesicht. Er schüttelte düster und streng den Kopf und flüsterte etwas vor sich hin. Der graue Schnurrbart regte sich, der Wind zauste ihm das Kopfhaar. Er glich einer alten, vom Blitz versengten Eiche, die noch immer mächtig und kraftvoll ist und stolz auf ihre Kraft. Das Meer flüsterte wie ehedem mit dem Ufer, der Wind trug das Flüstern durch die Steppe. Nonka sang nicht mehr, die sich am Himmel drängenden Wolken ließen die Herbstnacht noch dunkler erscheinen.
»Gesenkten Hauptes ging Loiko durch die Steppe, seine Arme hingen herab wie Peitschenschnüre, und als er zur Schlucht mit dem Bach kam, setzte er sich auf einen Stein und stöhnte. Er stöhnte, daß mein Herz vor Mitleid blutete, dennoch trat ich nicht zu ihm. Worte können solchen Schmerz nicht lindern – hab ich recht? Und ob! Er saß eine Stunde, eine zweite und eine dritte, ohne sich zu rühren.
Ich lag in einiger Entfernung. Die Nacht war hell, der Mond goß silbernes Licht über die Steppe, man konnte weit sehen.
Plötzlich sah ich Radda vom Lager herkommen.
Ich freute mich! Ach, was soll's! dachte ich. Sie ist nun einmal ein mutwilliges Ding! – Sie trat zu ihm, aber er hörte nicht. Da legte sie ihm die Hand auf die Schulter. Er zuckte zusammen, nahm die Hände herab und hob den Kopf. Dann sprang er auf und griff nach dem Messer! O, jetzt ersticht er das Mädchen, dachte ich. Schon wollte ich zum Lager hinüberrufen und zu ihnen stürzen, da hörte ich:
›Laß das! Ich zerschieß dir den Kopf!‹ Ich sah deutlich: Radda hielt eine Pistole in der Hand und zielte auf Sobars Stirn. So ein Satansmädchen! dachte ich, und: Sie sind einander ebenbürtig, was wird nun werden?
Radda steckte die Pistole in den Gürtel und sagte zu Sobar: ›Hör zu! Ich bin nicht gekommen, dich zu töten, sondern um mich auszusöhnen, also wirf das Messer weg!‹ Er tat es und blickte ihr finster ins Gesicht. Seltsam war das, Bruder! Da standen zwei Menschen und blickten sich an wie Tiere, und beide waren so schön, so verwegen. Nur der helle Mond und ich sahen sie – niemand sonst.
›Hör mir zu, Loiko: Ich liebe dich!‹ sagte Radda. Er zuckte nur die Schultern, als wäre er an Händen und Füßen gefesselt.
›Ich habe viele Burschen gesehen, du aber bist verwegener als sie und schöner von Angesicht und Gesinnung. Jeder von ihnen würde sich den Schnurrbart rasieren, zuckte ich nur mit der Braue. Alle fielen mir zu Füßen, wenn ich's wollte. Aber was hätte es für Sinn? Sie sind nicht verwegen genug, ich würde sie alle zu Weibern machen. Nur wenig verwegene Zigeuner gibt's noch auf der Welt, wenige, Loiko. Nie hab ich einen geliebt, Loiko, dich aber liebe ich. Außerdem liebe ich die Freiheit! Ich liebe die Freiheit mehr als dich, Loiko. Dennoch kann ich nicht ohne dich leben, wie auch du nicht ohne mich leben kannst. Deshalb will ich, daß du mit Leib und Seele mir gehörst, verstehst du?‹ Er lachte kurz.
›Ich verstehe wohl! Mein Herz freut sich ob deiner Rede! Wohlan, fahre fort!‹
›Das wollte ich noch sagen, Loiko: Wie du dich auch drehst und windest, ich bin dir über, du wirst mein. Also verlier keine Zeit – meine Küsse und Liebkosungen erwarten dich. Und wie ich dich küssen werde, Loiko! Unter meinen Küssen vergißt du dein verwegenes Leben; auch deine munteren Lieder, mit denen du die jungen Zigeuner erfreust, werden nicht mehr in den Steppen erklingen. Mir wirst du zärtliche Liebeslieder singen, mir, deiner Radda! So verlier keine Zeit – ich hab es gesagt, also wirst du dich mir als der dir überlegenen Lebensgefährtin und Vermählten morgen unterwerfen. Vor dem ganzen Lager wirst du mir zu Füßen fallen und meine rechte Hand küssen – dann werde ich deine Frau.‹
Was hatte sich dieses Teufelsweib da ausgedacht! Nie hatte man dergleichen gehört. Bei den Montenegrinern war es in früherer Zeit so Brauch, sagten die Alten, bei den Zigeunern aber niemals! Ja, mein Falke, kannst du dir was Absonderlicheres ausdenken? Und wenn du dir ein Jahr lang den Kopf zerbrichst, so etwas denkst du dir nicht aus!
Loiko stürzte davon und schrie wie ein verwundetes Tier, daß man es in der ganzen Steppe hörte. Radda fuhr zusammen, lenkte jedoch nicht ein.
›Dann leb wohl bis morgen, und morgen wirst du tun, was ich dir befohlen hab. Hörst du, Loiko?‹
›Ich höre! Und tue es‹, stöhnte Sobar und streckte die Arme nach ihr aus. Sie blickte sich nicht einmal nach ihm um, er schwankte wie ein vom Wind geknickter Baum, fiel zu Boden und lachte und schluchzte zugleich.
Wie diese verwünschte Radda dem Jungen zugesetzt hatte! Mit Mühe nur konnte ich ihn wieder zur Besinnung bringen.
Ei, ei! Welcher Teufel will nur, daß Menschen solchen Schmerz erleiden? Wer freut sich zu hören, wie ein Menschenherz stöhnt und vor Schmerz schier zerspringt? Das überleg dir mal!
Ich kehrte ins Lager zurück und erzählte den Alten von allem. Sie sannen nach und beschlossen, zu warten und zu sehen, was daraus werden würde. Und Folgendes geschah: Als wir abends alle ums Feuer versammelt waren, kam auch Loiko. Er war verstört und im Laufe der letzten Nacht schrecklich verfallen, seine Augen lagen tief in den Höhlen. Er blickte zu Boden und sagte uns. ›Die Sache ist die, ihr Männer: Ich habe heute Nacht in mein Herz geblickt und keinen Platz für mein früheres, ungebundenes Leben mehr darin gefunden. Dort wohnt nur Radda – nichts weiter! Sie lächelt mir zu wie eine Königin, die schöne Radda! Sie liebt ihre Freiheit mehr als mich, ich aber liebe sie mehr als meine Freiheit, deshalb hab ich beschlossen, mich ihr zu Füßen zu werfen, wie sie befohlen hat, damit alle sehen, wie ihre Schönheit sich den verwegenen Loiko Sobar unterworfen hat, der bisher mit den Mädchen nur gespielt hat wie der Jagdfalke mit den Enten. Dann aber wird sie meine Frau werden und mich so sehr liebkosen und küssen, daß ich keine Lust mehr habe, euch Lieder zu singen, und meiner Freiheit nicht nachtrauere! So ist es doch, Radda?‹ Er blickte auf und schaute sie zweifelnd an. Sie nickte wortlos und streng und wies auf die Erde vor sich. Wir sahen es und begriffen es nicht. Am liebsten wären wir weggegangen, nur um nicht Zeuge zu sein, wie Loiko Sobar sich einem Mädchen zu Füßen warf – mochte das Mädchen auch Radda sein. Wir schämten uns und empfanden Mitleid und Schmerz.
›Na!‹ rief Radda ihm zu.
›He, he, nicht so hastig, wirst es schon noch erleben, über wird's dir sein‹, sagte er lachend. Es klang wie klirrender Stahl, dieses Lachen.
›Das wäre dann alles, ihr Männer! Was bleibt noch? Mir bleibt zu prüfen, ob meine Radda wirklich ein so starkes Herz hat, wie sie es mir immer gezeigt hat. So will ich es prüfen – vergebt mir, Brüder!‹
Noch ehe wir seine Absicht erraten konnten, lag Radda auf der Erde, und Sobars krummes Messer steckte bis zum Griff in ihrer Brust. Wir saßen starr.
Radda aber riß das Messer heraus, warf es weg, drückte eine Locke ihres schwarzen Haares auf die Wunde, lächelte und sagte laut und deutlich:
›Leb wohl, Loiko! Ich wußte, daß du das tun würdest.‹ Und starb.
Begreifst du das Mädchen, mein Falke? So ein Teufelsweib war sie, verflucht will ich sein, wenn's nicht so ist!
›Ach! Ich werf mich dir doch zu Füßen, du stolze Königin!‹ rief Loiko durch die weite Steppe, fiel zu Boden, preßte die Lippen an die Füße der toten Radda und lag reglos. Wir nahmen die Mützen ab und standen schweigend.
Was sagst du zu dieser Sache, mein Falke? Ja, ja! Nur wollte sagen: ›Wir müssen ihn fesseln!‹ Aber keine Hand hätte sich erhoben, um Loiko Sobar zu fesseln, keine einzige, und Nur wußte es. Er winkte ab und ging beiseite. Danilo aber hob das Messer auf, das Radda weggeworfen hatte, blickte es lange an, und sein grauer Schnurrbart zuckte. Am Messer haftete noch Raddas Blut, und es war krumm und scharf. Dann trat er zu Sobar und stieß ihm das Messer in den Rücken, dort, wo das Herz ist. Der alte Soldat Danilo war seiner Radda ein würdiger Vater!
Loiko wandte sich zu ihm um, sagte deutlich ›Das war's!‹ und folgte seiner Radda nach.
Wir aber sahen: Radda hielt noch immer die Haarlocke an ihre Brust gepreßt, ihre weitoffenen Augen waren in den blauen Himmel gerichtet, und zu ihren Füßen lag lang ausgestreckt der verwegene Loiko Sobar. Das Haar war ihm ins Gesicht gefallen, so daß man es nicht sehen konnte.
Wir standen in Gedanken versunken. Der Schnurrbart des alten Danilo zitterte, die dichten Brauen waren finster zusammengezogen. Schweigend blickte er in den Himmel. Nur aber lag grau wie ein Turmfalke mit dem Gesicht zur Erde und weinte, daß seine Greisenschultern zuckten.
Er hatte Grund zu weinen, mein Falke!
Wenn du gehst, dann geh deinen Weg und bieg nicht ab. Geh immer geradeaus. Vielleicht hat dein Leben doch einen Sinn. Das ist alles, mein Falke!«
Makar schwieg, steckte die Pfeife in den Tabaksbeutel und schloß den Bauernrock über der Brust. Regentropfen fielen, der Wind wurde stärker, das Meer murrte dumpf und verdrossen. Die Pferde kamen nacheinander zum erlöschenden Feuer, musterten uns mit großen, klugen Augen, blieben reglos stehen und umgaben uns in einem dichten Ring.
»Hopp, hopp, ejoj!« rief Makar ihnen liebevoll zu, klopfte seinem Liebling, einem Rappen, mit der flachen Hand auf den Hals und sagte zu mir gewandt: »Zeit zum Schlafen!« Dann hüllte er sich bis über den Kopf in den Bauernrock, streckte sich auf der Erde aus und schwieg.
Ich hatte keine Lust zu schlafen, sondern blickte in die dunkle Steppe, und vor mir am Himmel schwebte die stolze Gestalt Raddas, schön wie eine Königin. Sie drückte die Hand mit der schwarzen Haarsträhne gegen die Wunde auf ihrer Brust, durch ihre schlanken, zarten Finger sickerten Blutstropfen und fielen als feuerrote Sterne auf die Erde.
Ihr auf den Fersen folgte der verwegene Bursche Loiko Sobar, das Gesicht unter dem dichten, schwarzen Haarschopf verborgen, und unzählige kalte, große Tränen rannen darunter hervor.
Der Regen nahm zu, und das Meer stimmte eine düstere und feierliche Hymne auf das schöne, stolze Zigeunerpaar an – auf Sobar und Radda, die Tochter des alten Soldaten Danilo.
Beide kreisten im Dunkel der Nacht schweigend umeinander, und der prächtige Loiko konnte die stolze Radda nie einholen.
Großvater Archip und Ljonka
Die Fähre erwartend, hatten sie sich beide in den Schatten der Uferböschung gelegt und blickten lange schweigend auf die schnellen trüben Wellen des Kubans zu ihren Füßen. Ljonka war eingeschlummert, aber Großvater Archip fühlte einen dumpfen, drückenden Schmerz in der Brust und konnte nicht einschlafen.
Auf dem dunkelbraunen Erdhintergrund hoben sich ihre zusammengekrümmten zerlumpten Gestalten kaum ab – zwei elende Klümpchen, das eine größer, das andre kleiner; und ihre abgespannten, staubigen, sonnengebräunten Gesichter hatten dieselbe Farbe wie die graubraunen Lumpen.
Großvater Archips lange knochige Gestalt streckte sich quer über einen schmalen Sandstreifen, der sich zwischen Abhang und Fluß wie ein gelbes Band am Ufer entlangzog; der eingeschlafene Ljonka lag wie ein Kalatschbrötchen an der Seite des Großvaters. Ljonka war klein und zerbrechlich und sah in seinen Lumpen wie ein gekrümmtes Ästchen aus, abgebrochen vom Großvater – einem alten vertrockneten Baum, den die Wogen des Flusses hergebracht und auf den Sand geworfen hatten.
Der Großvater hatte den Kopf auf den Ellenbogen gestützt und blickte zum gegenüberliegenden sonnenbeschienenen Ufer, das kümmerlich mit Weidengebüsch eingefaßt war; aus dem Gebüsch sah der schwarze Bord der Fähre hervor. Dort war es öde und leer. Ein grauer Wegstreif führte zum Fluß in die Steppe; er war irgendwie schonungslos gerade und nüchtern und stimmte verzagt.
Seine greisenhaft trüben und entzündeten Augen mit den roten geschwollenen Lidern blinzelten unruhig, und sein mit Runzeln übersätes Gesicht war wie erstarrt in einem Ausdruck quälender Schwermut. Ab und zu hustete er unterdrückt und hielt mit einem Blick auf seinen Enkel die Hand vor den Mund. Sein erstickender heiserer Husten zwang ihn, von der Erde aufzustehen, und preßte große Tränentropfen aus seinen Augen.
Außer seinem Husten und dem leisen Plätschern der Wellen auf dem Sande war kein Laut in der Steppe zu hören . . . Sie erstreckte sich zu beiden Seiten des Flusses, riesengroß, braun, von der Sonne ausgedörrt; nur fern am Horizont, den alten Augen kaum sichtbar, wogte üppig ein goldenes Weizenmeer, und mitten hinein fiel der blendende helle Himmel. Drei schlanke Gestalten entfernt stehender Pappeln hoben sich von ihm ab; es sah aus, als würden sie bald größer, bald kleiner und als schwankten der Weizen und der Himmel darüber, sich hebend und senkend. Und plötzlich verschwand alles hinter dem glänzenden Silberschleier einer Luftspiegelung.
Wogend kam dieser lichte trügerische Schleier aus der Ferne manchmal bis dicht an den Fluß und schien dann selbst ein Fluß zu sein, der dem Himmel entströmte, ebenso rein und ruhig wie er.
Da mit dieser Erscheinung nicht bekannt, rieb sich Großvater Archip die Augen und dachte bekümmert, daß diese Hitze und die Steppe ihm nun auch noch das Sehvermögen nähmen, wie sie ihm die letzte Kraft aus den Beinen genommen hatten.
Heute ging es ihm noch schlechter als sonst in der letzten Zeit. Er fühlte, daß er bald sterben werde, und obwohl er sich dazu ganz gleichgültig und gedankenlos verhielt wie zu einer unumgänglichen Notwendigkeit, so wäre er doch gern in der fernen Heimat, nicht hier gestorben, und stärker noch bedrückte ihn der Gedanke an seinen Enkel . . . Was sollte aus Ljonka werden?
Er stellte sich diese Frage mehrmals am Tage, und dann wurde ihm so eng, kalt und übel, daß er am liebsten gleich nach Hause, nach Rußland zurückgekehrt wäre . . .
Aber – es ist weit nach Rußland zu gehen . . . Er würde doch nicht mehr hinkommen, er würde irgendwo unterwegs sterben. Hier am Kuban werden großmütig Almosen gegeben; es ist ein wohlhabendes Volk, wenn auch schwerfällig und spottlustig. Sie mögen Bettler nicht, weil sie reich sind . . .
Er richtete seinen tränenfeuchten Blick auf den Enkel und streichelte ihm vorsichtig den Kopf mit seiner rauhen Hand.
Der begann sich zu regen und richtete seine blauen Augen auf ihn, groß und tief und unkindlich gedankenvoll, und so erschienen sie noch größer in seinem pockennarbigen, mageren Gesichtchen mit den blutlosen dünnen Lippen und der spitzen Nase.
»Kommt sie?« fragte er, schirmte die Augen mit der Hand und blickte auf den Fluß, der die Sonnenstrahlen widerspiegelte.
»Nein, sie kommt noch nicht. Sie steht. Was soll sie hier? Niemand ruft sie, da steht sie eben . . .«, sagte Archip langsam, indem er dem Enkel weiter den Kopf streichelte. »Hast du geschlafen?«
Ljonka machte eine unbestimmte Kopfbewegung und streckte sich auf dem Sand aus. Sie schwiegen.
»Wenn ich schwimmen könnte, würde ich baden«, erklärte Ljonka, unverwandt auf den Fluß blickend. »Wie schnell er ist! Solche Flüsse gibt es bei uns nicht. Weshalb treibt er so schnell? Läuft, als hätte er Angst, zu spät zu kommen . . .«
Und Ljonka wandte sich unzufrieden vom Wasser ab.
»Weißt du was«, sagte der Großvater nach einigem Nachdenken, »wir wollen unsre Gurte abnehmen und zusammenbinden, ich mach sie dir am Bein fest, und du kannst ins Wasser steigen und baden . . .«
»Nu-u!« sagte Ljonka besonnen. »Was du dir ausgedacht hast! Denkst du denn, er zieht dich nicht hinein? Dann ertrinken wir beide.«
»Das ist wohl wahr; er könnte mich hineinziehen. Sieh, wie schnell er treibt! . . . Wahrscheinlich überschwemmt er alles im Frühling – o du! . . . Und Wiesen gibt es hier – ein Elend! Wiesen ohne Ende!«
Ljonka hatte keine Lust zu sprechen und ließ die Worte des Großvaters ohne Antwort; er nahm ein Klümpchen trockenen Lehm in die Hand und zerrieb es langsam mit ernstem, nachdenklichem Gesicht zwischen den Fingern zu Staub.
Der Großvater sah ihn an und dachte mit zusammengekniffenen Augen über etwas nach.
»Sieh mal . . .«, begann Ljonka leise und eintönig, indem er den Staub von den Händen klopfte. »Diese Erde hier . . ., ich hab sie in die Hand genommen und zerrieben, und es ist Staub geworden . . ., winzige Stückchen, kaum zu sehen . . .«
»Nun, was meinst du damit?« fragte Archip, fing an zu husten und sah durch die aufsteigenden Tränen in die trocken glänzenden großen Augen des Enkels. »Warum sagst du das?« fügte er hinzu, als er ausgehustet hatte.
»Nur so . . .« Ljonka wiegte den Kopf. »Weil sie überhaupt so ist!« Er winkte mit der Hand über den Fluß hin. »Und alles ist auf ihr erbaut . . . Durch wieviel Städte sind wir gekommen! Schrecklich! Und wieviel Leute überall!«
Ljonka verstand seinen Gedanken nicht auszusprechen, er blickte um sich und fiel wieder in schweigendes Sinnen.
Der Großvater schwieg auch ein Weilchen, dann sagte er freundlich, indem er dicht an den Enkel heranrückte: »Du bist mein kluger Junge! Ganz richtig hast du das gesagt – Staub ist alles . . . Städte und Leute und wir beide – nichts als Staub. Ach, Ljonka, Ljonka! Wenn du lesen und schreiben lernen könntest! Du würdest es weit bringen . . . Was wird nur aus dir werden?«
Der Großvater drückte den Kopf des Enkels an sich und küßte ihn.
»Warte . . .!« rief Ljonka ein wenig lebhafter aus, indem er seine Flachshaare aus den zitternden runzligen Fingern des Großvaters befreite. »Was sagst du? Staub? Städte und alles?«
»Das hat Gott so eingerichtet, Täubchen. Alles ist Erde, und die Erde selbst – Staub. Und alles auf Erden muß sterben . . . Siehst du! Und deshalb soll der Mensch in Arbeit und in Demut leben. Und ich sterbe auch bald . . .«, sprang der Großvater zu etwas anderem über und fügte bekümmert hinzu: »Wo wirst du dann ohne mich hingehen?«
Diese Frage hatte Ljonka oft vom Großvater gehört, und er hatte es satt, das Thema vom Tode zu erörtern, deshalb wandte er sich schweigend zur Seite, riß ein Hälmchen ab, steckte es in den Mund und fing langsam an zu kauen.
Aber dies war des Großvaters wunder Punkt.
»Was schweigst du denn? Was, sag ich, soll aus dir ohne mich werden?« fragte er leise, indem er sich zu dem Enkel niederbeugte und wieder hustete.
»Ich hab's ja schon gesagt . . .«, erwiderte Ljonka unwillig und zerstreut, dem Großvater einen Seitenblick zuwerfend.
Diese Gespräche gefielen ihm auch deshalb nicht, weil sie oft mit einem Streit endeten. Der Großvater pflegte sich des längeren über die Nähe seines Todes auszulassen. Ljonka hatte zuerst aufmerksam zugehört, die Vorstellungen einer ihm neuen Lage hatten ihn erschreckt, und er weinte dann, aber allmählich ermüdete es ihn: er hörte dem Großvater nicht mehr zu und überließ sich seinen Gedanken; und der Großvater, der das bemerkte, wurde ärgerlich und beklagte sich, daß Ljonka den Großvater nicht liebe, seine Fürsorge nicht schätze, und kam schließlich dahin, Ljonka vorzuwerfen, er wünsche des Großvaters baldigen Tod.
»Was habe ich denn gesagt? Du bist noch dumm und verstehst nichts vom Leben. Wie alt bist du denn? Erst elf Jahre. Und schwächlich bist du, du taugst nicht zur Arbeit. Wo wirst du hingehen? Du denkst, gute Leute werden dir helfen? Wenn du Geld hättest, dann würden sie dir helfen, es durchzubringen – so ist es. Und Almosen zu sammeln ist auch für mich Alten nicht süß. Vor jedem verbeuge dich, jeden bitte. Du wirst beschimpft, geschlagen, fortgejagt . . . Denkst du denn, sie halten einen Bettler für einen Menschen? Keiner. Zehn Jahre geh ich so durch die Welt – ich weiß es. Ein Stück Brot halten sie tausend Rubel wert. Geben sie es, gleich denken sie, daß sich ihnen die Paradiestür auftut. Du fragst, weshalb sie überhaupt geben? Um ihr Gewissen zu beruhigen; deshalb, Freund, und nicht aus Mitleid! Steckt er dir ein Stück zu, dann braucht er sich doch nicht zu schämen, selbst zu essen. Der satte Mensch ist – ein wildes Tier. Und er wird nie den Hungrigen bedauern. Sie sind Feinde – der Satte und der Hungrige; ewig werden sie einander ein Dorn im Auge sein, weil es ihnen unmöglich ist, einander zu verstehen und zu bedauern . . .«
Zorn und Kummer hatten den Großvater aufgemuntert. Seine Lippen zitterten, die trüben Greisenaugen flogen schnell hin und her in der roten Umrahmung der Lider und Wimpern, und schärfer traten die Runzeln aus dem dunklen Gesicht hervor.
Ljonka mochte ihn so nicht und hatte ein wenig Angst vor irgend etwas.
»Darum eben frage ich dich, wie wirst du mit der Welt fertig werden? Du – ein schwaches Kind, und die Welt – ein wildes Tier. Es verschlingt dich mit einem Male. Und das will ich nicht . . . Ich habe dich doch lieb, Kindchen! . . . Ich habe nur dich, und du nur mich . . . Wie soll ich denn sterben? Ich kann nicht sterben und dich allein lassen . . . Bei wem? . . . Herrgott, warum hast du deinen Knecht nicht lieb? Ich kann nicht leben, und sterben darf ich nicht, weil ich – das Kind . . . behüten muß. Sieben Jahre hab ich's gehalten . . . mit meinen alten Händen . . . Hilf mir, mein Gott!«
Der Großvater setzte sich und fing an zu weinen, indem er den Kopf zwischen die zitternden Knie steckte.
Der Fluß rollte eilfertig in die Ferne und plätscherte laut am Ufer, als wolle er mit diesem Geplätscher das Schluchzen des Alten übertönen. Hell lachte der wolkenlose Himmel, sengende Glut ausströmend, und lauschte ruhig dem rastlosen Rauschen der trüben Wellen . . .
»Hör auf, Großvater, weine nicht!« sagte Ljonka rauh, zur Seite blickend, dann wandte er sich zum Großvater um und fügte hinzu: »Wir haben ja schon über alles gesprochen. Ich werde nicht umkommen. Ich geh in Dienst in ein Gasthaus, ganz gleich, wo . . .«
»Sie werden dich schlagen . . .«, stöhnte der Großvater unter Tränen.
»Vielleicht auch nicht. Und wenn sie mich nicht schlagen«, rief Ljonka herausfordernd, »was dann? Ich werde mich nicht von jedem schlagen lassen . . .!«
Aber da brach Ljonka plötzlich aus irgendeinem Grunde ab und verstummte. Dann sagte er leise: »Oder ich geh ins Kloster . . .«
»Wenn du ins Kloster gingst!« seufzte der Großvater auf, lebhafter geworden, und krümmte sich wieder in einem erstickenden Hustenanfall.
Über ihren Köpfen erschallte ein Ruf und Räderknarren . . .
»Fäh-ähre! Heda! Fähre!« erschütterte eine mächtige Stimme die Luft.
Sie sprangen auf die Füße und ergriffen ihre Stöcke und Quersäcke.
Mit durchdringendem Knarren kam eine Arba über den Sand gefahren. Ein Kosak stand darin, den Kopf mit der auf ein Ohr geschobenen zottigen Mütze zurückgeworfen, machte er sich zu einem lauten Schrei bereit, die Luft durch den weitgeöffneten Mund einziehend, wobei seine breite gewölbte Brust sich noch mehr vorwölbte. Hell blitzten seine weißen Zähne aus dem seidigen schwarzen Bart, der bei den Augen begann, die blutunterlaufen waren. Unter dem aufgeknöpften Hemd und der nachlässig über die Schultern geworfenen Jacke sah man seinen sonnverbrannten behaarten Körper. Seine große, derbe Gestalt wie auch das muskulöse, unförmig große, scheckige Pferd und die hohen Räder der Arba mit den dicken Reifen atmeten Sattheit, Gesundheit und Kraft.
»Heda! . . . Heda!«
Großvater und Enkel zogen die Mütze und verbeugten sich tief.
»Guten Tag!« sagte der Ankömmling laut und sah, nachdem er zum jenseitigen Ufer hinübergeblickt hatte, wo die schwarze Fähre langsam und plump aus dem Gebüsch hervorkroch, die Bettler unverwandt an. »Aus Rußland?«
»Daher, Wohltäter!« antwortete Archip mit einer Verbeugung.
»Hungersnot habt ihr bei euch, wie?« Er sprang von der Arba und machte sich am Geschirr zu schaffen.
»Selbst die Schaben sterben vor Hunger.«
»Hoho! Selbst die Schaben sterben? Das heißt, nichts ist mehr da, alles ist verzehrt? Ihr könnt tüchtig essen. Aber wahrscheinlich arbeitet ihr schlecht. Denn wenn man gut arbeitet, gibt's keine Hungersnot.«
»Wohltäter, die Hauptursache ist – die Erde. Sie gibt nichts mehr her. Wir haben die Erde ausgesogen.«
»Die Erde?« schüttelte der Kosak den Kopf. »Die Erde gibt immer, dazu ist sie dem Menschen ja gegeben. Ich sage: nicht die Erde, sondern die Hände. Die Hände taugen nichts. Tüchtigen Händen schlägt sogar der Stein nichts ab und gibt etwas her.«
Die Fähre kam heran.
Zwei kräftige Kosaken mit roten Gesichtern treckten sie, daß sie krachend ans Ufer stieß, wobei sie sich mit den dicken Beinen gegen den Fährboden stemmten; sie schwankten, warfen das Seil aus und sahen einander keuchend an.
»Heiß?« fletschte der Ankömmling die Zähne, indem er sein Pferd auf die Fähre führte und mit der Hand an seine Mütze faßte.
»E-he!« antwortete der eine der Fährleute und ging, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, an die Arba heran, sah hinein und schnupperte, indem er tief die Luft einzog.
Der andere setzte sich auf den Boden und zog ächzend einen Stiefel aus.
Der Großvater und Ljonka gingen auf die Fähre, lehnten sich an die Bordwand und sahen den Kosaken zu.
»Nun, fahren wir!« kommandierte der Besitzer der Arba.
»Und du nimmst dir nichts zu trinken mit?« fragte ihn der Fährmann, welcher die Arba besichtigt hatte. Der andere hatte seinen Stiefel ausgezogen und blickte mit zusammengekniffenen Augen in den Stiefelschaft.
»Ach wo. Was denn? Ist im Kuban nicht Wasser genug?«
»Wasser! . . . Ich spreche nicht von Wasser.«
»Branntwein? Branntwein nehme ich nicht mit.«
»Warum denn nicht?« sagte der Frager nachdenklich, die Augen auf den Fährboden gerichtet.
»Nun, nun, fahren wir!«
Der Kosak spie in die Hände und ergriff das Seil. Der Fahrgast half ihm.
»Großvater, warum hilfst du denn nicht?« wandte sich der Fährmann, der sich mit seinem Stiefel zu schaffen machte, an Archip.
»Wie kann ich, mein Lieber!« sagte dieser in kläglichem Ton und schüttelte den Kopf.
»Ist auch nicht nötig, ihnen zu helfen. Sie werden allein damit fertig!«
Und als wolle er den Großvater von der Wahrheit seiner Worte überzeugen, ließ er sich schwer auf die Knie nieder und legte sich auf das Verdeck.
Sein Gefährte schimpfte träge auf ihn, und da er keine Antwort bekam, stampfte er laut mit den Füßen auf, während er sich gegen das Deck stemmte.
Von der Strömung zurückgeworfen, die dumpf an ihre Seiten plätscherte, erbebte und schaukelte die Fähre; dann bewegte sie sich langsam vorwärts.
Während Ljonka auf das Wasser blickte, überkam ihn ein süßer Schwindel, und die Augen fielen ihm schläfrig zu, ermüdet von den raschen Wellen. Großvaters dumpfes Geflüster, das Knarren des Seils und das kräftige Plätschern schläferten ihn noch mehr ein; er wollte sich in Schlummermattigkeit auf dem Deck niederlassen, doch plötzlich wurde er derart geschaukelt, daß er hinfiel. Weit öffnete er die Augen und sah sich um. Die Kosaken lachten ihn aus, während sie die Fähre an einem angekohlten Baumstumpf am Ufer befestigten.
»Was, bist du eingeschlafen? Du bist schwächlich. Setz dich auf die Arba, ich nehme dich bis zum Dorf mit. Und du, Großvater, steig auch auf.«
Nachdem er dem Kosaken mit eintöniger, näselnder Stimme gedankt, kletterte der Alte ächzend auf die Arba. Ljonka sprang auch hinauf, und sie fuhren durch Wolken feinen schwarzen Staubes, so daß der Großvater vor beständigem Husten keine Luft bekam.
Der Kosak stimmte ein Lied an. Er sang eigenartig: mittendrin brach er ab und pfiff weiter. Es war, als wickle er die Töne wie Fäden von einem Knäuel ab und risse sie entzwei, wenn er einen Knoten fand.
Kläglich knirschten die Räder, Staub wirbelte auf. Der Großvater, dem der Kopf zitterte, hustete ohne Unterlaß, und Ljonka dachte daran, daß sie bald im Dorf sein und dann mit näselnder Stimme unter den Fenstern singen würden: »Herrgott, Jesus Christus« . . . Wieder werden ihn die Kosakenjungen necken und die Weiber mit Fragen über Rußland langweilen. Und es ist nicht schön, den Großvater anzusehen, der dann noch öfter hustet und sich noch tiefer krümmt, so daß es ihm selbst unbequem ist und weh tut; und dann spricht er mit so kläglicher Stimme, wobei er in einem fort schluchzt und erzählt, was nie gewesen ist . . . Er sagt, daß die Leute in Rußland auf der Straße sterben und hinfallen und keiner da sei, sie fortzuschaffen, weil alle Leute vor Hunger den Verstand verloren hätten. Nie haben sie beide derartiges gesehen. Und alles geschieht nur, damit mehr gegeben wird. Aber wo soll man hier mit den Almosen hin? Zu Hause – da kann man sie immer für vierzig Kopeken oder sogar für einen halben Rubel das Pud verkaufen, doch hier kauft niemand. Dann müssen diese oft sehr wohlschmeckenden Sachen aus dem Sack in die Steppe geworfen werden.
»Geht ihr betteln?« fragte der Kosak und sah sich nach den beiden zusammengekauerten Gestalten um.
»Gewiß doch, Ehrenwerter!« antwortete ihm Großvater Archip mit einem Seufzer.
»Steh auf, Großvater, ich zeig dir, wo ich wohne – ihr könnt bei mir übernachten.«
Der Großvater versuchte aufzustehen, aber er fiel wieder hin, wobei er sich die Seite an der Wagenwand stieß, und stöhnte dumpf.
»Ach, du Alter . . .!« knurrte der Kosak mitleidig. »Nun, dann guck nicht; wenn es Zeit ist, ins Nachtquartier zu gehen, frage nach Tschjornyj, Andrej Tschjornyj, das bin ich. Jetzt steig ab. Lebt wohl!«
Großvater und Enkel befanden sich vor einer Gruppe Pappeln. Durch ihre Stämme waren Dächer und Zäune zu sehen, und rechts und links erhoben sich überall ebensolche Grüppchen gen Himmel. Ihr grünes Laub war mit grauem Staub bedeckt und die Rinde der dicken geraden Stämme vor Hitze geborsten.
Die Bettler standen vor einer engen Gasse, die zwischen zwei Bretterzäunen geradeaus führte, und sie gingen die Gasse entlang mit dem lässigen Schritt von Leuten, die viel zu Fuß gehen.
»Nun, Ljonka, wie gehen wir – zusammen oder einzeln?« fragte der Großvater und fügte, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu: »Zusammen ist besser – dir geben sie zu wenig. Du verstehst nicht zu bitten . . .«
»Aber wozu brauchen wir denn viel? Wir können es ja doch nicht aufessen . . .«, antwortete Ljonka verdrießlich und blickte sich um.
»Wozu? Du bist wunderlich! . . . Und mit einem Male ist ein Mensch da und kauft? Da hast du's – wozu! . . . Es gibt Geld dafür. Und Geld ist etwas Großes; mit Geld brauchst du nicht zu befürchten, zugrunde zu gehen, wenn ich sterbe.«
Und freundlich lächelnd strich der Großvater dem Enkel mit der Hand über den Kopf.
»Weißt du, wieviel ich schon zusammengespart habe? He?«
»Wieviel denn?« fragte Ljonka gleichgültig.
»Elf und einen halben! . . . Siehst du?«
Aber auf Ljonka machte diese Summe und der frohlockende Ton des Großvaters keinen Eindruck.
»Ach du, mein Kleiner, mein Kleiner!« seufzte der Großvater. »Wir gehen also einzeln?«
»Ja . . .«
»Nun . . . Komm dann an die Kirche, da werde ich sein.«
»Gut.«
Der Großvater bog links ein, und Ljonka ging weiter. Nach zehn Schritten hörte er den wimmernden Ruf: »Wohltäter und Ernährer!« . . . Dieser Ruf klang, als ob man mit der Handfläche über eine verstimmte Gusli von der tiefsten zur höchsten Saite striche. Ljonka erbebte und ging schneller. Immer wenn er das Bitten des Alten hörte, stimmte es ihn unbehaglich und traurig, und wurde er abgewiesen, hatte er sogar Angst, daß der Großvater gleich losweinen werde.
Immer noch drangen die zitternden, kläglichen Töne der großväterlichen Stimme an sein Ohr, die über das schläfrige, schwüle Dorf hin irrten. Ringsum war alles still wie in der Nacht. Ljonka setzte sich in den Schatten eines Kirschbaums, dessen Zweige über einen geflochtenen Zaun auf die Straße herabhingen. Irgendwo summte eine Biene . . .
Ljonka warf den Sack von der Schulter und legte sich mit dem Kopf darauf, blickte eine Weile durch die Zweige über sich zum Himmel auf und schlief fest ein, vor den Blicken der Vorübergehenden durch dichtes Steppengras und den gitterartigen Schatten des Zaunes verborgen.
Er wachte auf, von sonderbaren Lauten geweckt, die in der durch den nahenden Abend frischer gewordenen Luft zitterten. Unweit von ihm weinte jemand. Es war ein kindliches Weinen – heftig und gar nicht zu beschwichtigen. Das Schluchzen erstarb in einem dünnen Mollton und setzte, immer näher kommend, plötzlich wieder mit neuer Stärke ein. Er hob den Kopf und blickte durch das Gras auf den Weg.
Ein hübsches kleines Mädchen von sieben Jahren kam gegangen, reinlich gekleidet, mit rotem verweintem Gesicht, das es in einem fort mit dem Saum seines weißen Kattunrockes abtrocknete. Es ging langsam, mit nackten Füßen scharrend, wodurch sich dicker Staub erhob, ohne offenbar zu wissen, wohin es ging und weshalb. Die Kleine hatte große schwarze Augen, die jetzt gekränkt, traurig und tränenfeucht dreinblickten, und kleine zarte rosige Ohren, die mutwillig aus den kastanienbraunen Haarsträhnen hervorsahen, welche ihr zerzaust über Stirn, Wangen und Schultern fielen.
Sie erschien Ljonka sehr komisch trotz ihrer Tränen – komisch und lustig . . ., und dreist war sie gewiß auch . . .
Als sie neben ihm war, stand er auf.
»Warum weinst du?«
Sie fuhr zusammen, blieb stehen und hörte sofort zu weinen auf, aber noch immer leise schluchzend. Als sie ihn einige Sekunden betrachtet hatte, zuckten ihre Lippen wieder, ihr Gesicht verzog sich komisch, die Brust hob und senkte sich, und laut schluchzend ging sie weiter.
Ljonka fühlte, daß sich etwas in ihm zusammenpreßte, und plötzlich ging er ihr nach.
»Weine doch nicht! Bist doch schon groß . . ., schäm dich . . .!« begann er, als er noch nicht neben ihr war, und als er sie eingeholt hatte, sah er ihr ins Gesicht und fragte noch einmal: »Nun, warum weinst du denn so?«
»Ja-ja . . .!« sagte sie gedehnt, »wenn dir . . .«, und plötzlich ließ sie sich auf dem Wege in den Staub nieder, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte verzweifelt los.
»Na!« Ljonka winkte geringschätzig mit der Hand ab. »Ein Weib! . . . Ein richtiges Weib. Pfui doch! . . .«
Aber das half weder ihr noch ihm. Als Ljonka sah, wie ein Tränchen nach dem andern durch ihre schmalen rosigen Finger rann, wurde er auch traurig und hätte am liebsten geweint. Er beugte sich über sie, hob vorsichtig die Hand und berührte ganz leise ihr Haar; doch erschrocken über seine Kühnheit zog er die Hand gleich wieder zurück. Aber sie weinte ununterbrochen und sagte nichts.
»Hör doch . . .«, begann Ljonka nach einer Pause wieder, da er das dringende Bedürfnis fühlte, ihr zu helfen. »Warum weinst du denn so? Hast du vielleicht Schläge bekommen? . . . Das geht doch vorüber! Oder ist es etwas anderes? Sag doch, Mädchen . . ., wie?«
Das Mädchen schüttelte traurig den Kopf, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen, und endlich antwortete sie langsam unter Schluchzen mit zuckenden Schultern: »Ein Tuch . . . hab ich verloren! . . . Väterchen hat's vom Markt mitgebracht . . ., ein blaues, mit Blümchen, ich hab's umgebunden . . . und verloren.« Und sie weinte wieder heftiger und lauter, wobei sie schluchzend und stöhnend ein sonderbares »Oh, oh, oh!« ausstieß.
Ljonka fühlte sich ohnmächtig, ihr zu helfen, und blickte, schüchtern von ihr abrückend, traurig und nachdenklich in den dunkler werdenden Himmel. Ihm war schwer ums Herz, und das Mädchen tat ihm sehr leid.
»Weine nicht! . . . Vielleicht findet es sich noch . . .«, flüsterte er, aber da er merkte, daß sie seine Beschwichtigungen nicht anhörte, rückte er noch weiter von ihr ab und dachte, sicher werde sie zu Hause vom Vater für den Verlust Schläge bekommen. Und gleich stellte er sich vor, wie der Vater, ein großer schwarzer Kosak, sie schlägt und wie sie tränenreich am ganzen Leibe vor Furcht und Schmerz zitternd ihm zu Füßen stürzt . . .
Er stand auf und ging fort; aber nach fünf Schritten machte er kurz kehrt, blieb an den Zaun gedrückt vor ihr stehen, bemüht, sich etwas besonders Liebes und Gutes einfallen zu lassen . . .
»Geh doch vom Wege, Mädchen! Und hör schon auf zu weinen! Geh nach Hause und sage alles, wie es kam. Sag, du hast es verloren! . . . Was ist denn dabei?«
Er hatte leise und mitleidig zu sprechen begonnen, und als er mit dem aufwieglerischen Ausruf geendet hatte, freute er sich zu sehen, daß sie von der Erde aufstand.
»Das ist schön!« fuhr er ermunternd lächelnd fort. »Nun geh auch. Wenn du willst, komm ich mit und erzähle alles. Ich steh dir bei, hab keine Angst!«
Und Ljonka blickte um sich und bewegte stolz die Schultern.
»Du brauchst nicht . . .«, flüsterte sie, indem sie langsam und immer noch schluchzend den Staub vom Kleid schüttelte.
»Sonst . . . komm ich mit!« erklärte Ljonka laut voller Bereitwilligkeit und schob die Mütze aufs Ohr.
Er stand breitbeinig vor ihr, und die Lumpen, die er anhatte, sträubten sich mutig. Er stieß den Stock fest auf die Erde und sah sie unverwandt an, und seine großen traurigen Augen leuchteten stolz und kühn.
Das Mädchen sah ihn von der Seite an, während es die Tränen über sein Gesicht wischte, und sagte wieder seufzend: »Du brauchst nicht . . . mitzukommen . . . Mama mag keine Bettler.«
Und sie ging und sah sich noch zweimal um.
Ljonka wurde traurig. Unmerklich, mit langsamen Bewegungen änderte er seine entschlossene, herausfordernde Haltung, krümmte sich wieder und beruhigte sich, und während er seinen Sack, der bis dahin am Arm hing, über den Rücken warf, rief er dem Mädchen noch nach, als sie schon um die Ecke bog: »Leb wohl!«
Sie wandte sich im Gehen nach ihm um und verschwand.
Der Abend kam, und in der Luft lag jene besondere erstickende Schwüle, die ein Gewitter verkündet. Die Sonne stand schon tief, und die Wipfel der Pappeln schimmerten rot. Durch die Abendschatten, die ihre Zweige umhüllten, sahen die Hohen, Regungslosen noch dichter und höher aus . . . Der Himmel über ihnen wurde auch dunkler, samtartig, und schien sich tiefer auf die Erde zu senken. Irgendwo weit weg sprachen Leute, und noch weiter, aber an der andern Seite, wurde gesungen. Und auch diese leisen, tiefen Laute waren wie von Schwüle durchtränkt.
Ljonka wurde noch trauriger, und eine unbestimmte Angst ergriff ihn. Er wollte zum Großvater, er sah sich um und ging schnell die Gasse entlang. Er hatte keine Lust, um Almosen zu bitten. Er ging und fühlte, daß sein Herz in der Brust so schnell klopfte, so schnell, und er wollte gar nicht gehen und denken . . . Aber das Mädchen kam ihm nicht aus dem Sinn, und er mußte daran denken, was sie jetzt wohl mache. Wenn sie aus reichem Hause war, würde sie Schläge bekommen; alle Reichen waren Geizhälse; war sie aber arm, dann vielleicht nicht . . . In armen Häusern wurden die Kinder mehr geliebt, weil von ihnen Arbeit erwartet wurde. Zudringlich regte sich ein Gedanke nach dem andern in seinem Kopf, und das quälende und beklemmende Gefühl der Trauer, das wie ein Schatten alle seine Gedanken begleitete, wurde schwerer und beherrschte ihn immer mehr.
Die Abendschatten wurden dichter und bedrückender. Kosaken, Männer und Frauen, kamen Ljonka entgegen und gingen vorüber, ohne ihn zu beachten, sie waren an den Andrang von Hungerleidenden aus Rußland gewöhnt. Auch er streifte ihre satten großen Gestalten träge mit verdunkeltem Blick und ging schnell auf die Kirche zu, deren Kreuz zwischen den Bäumen vor ihm erglänzte.
Der Lärm einer heimkehrenden Herde drang ihm entgegen. Und da ist die Kirche, niedrig und breit, mit fünf Türmen, blau angestrichen, von Pappeln umstanden, deren Wipfel die Kreuze überragen, die in der untergehenden Sonne rötlichgolden durch das Grün leuchten.
Und dort geht der Großvater, unter der Bürde des Sackes gebeugt, zu den Treppenstufen und sieht sich nach allen Seiten um, die Hand an die Stirn gelegt.
Hinter dem Großvater schreitet mit wuchtigem Gang ein Dorfbewohner, die Mütze tief in die Stirn gerückt und einen Stock in der Hand.
»Was, dein Sack ist leer?« fragte der Großvater und trat auf den Enkel zu, der ihn an der Kirchenmauer erwartete. »Sieh, wieviel ich habe!« Und er warf ächzend seinen vollgepfropften Leinensack von der Schulter zu Boden. »Ach! . . . Hier wird reichlich gegeben! Reichlich! . . . Nun, warum bist du denn so mürrisch?«
»Mir tut der Kopf weh . . .«, sagte Ljonka leise und ließ sich neben dem Großvater auf die Erde nieder.
»Na? . . . Du bist müde . . . Erschöpft! . . . Wir gehen gleich ins Nachtquartier. Wie hieß doch der Kosak? He?«
»Andrej Tschjornyj.«
»Wir fragen also: Wo wohnt hier Andrej Tschjornyj? Da kommt ein Mann auf uns zu . . . Gute Leute sind das, und satt sind sie! Und essen nur Weizenbrot. Guten Tag, lieber Mann!«
Der Kosak kam dicht an ihn heran und antwortete auf den Gruß des Alten langsam: »Auch Euch guten Tag!«
Dann stellte er sich breitbeinig hin, richtete die ausdruckslosen großen Augen auf die Bettler und kratzte sich schweigend.
Ljonka sah ihn forschend an, der Großvater blinzelte fragend mit seinen alten Augen, der Kosak schwieg weiter und versuchte das Ende seines Schnurrbarts mit der halb ausgestreckten Zunge zu erhaschen. Nachdem diese Operation glücklich ausgeführt war, zog er den Schnurrbart in den Mund, kaute darauf, stieß ihn dann wieder mit der Zunge heraus und unterbrach endlich das Schweigen, das schon drückend wurde, indem er nachlässig sagte: »Nun . . ., kommt mit in die Kanzlei.«
»Weshalb?« fuhr der Großvater auf.
Ljonka erbebte innerlich.
»Es muß sein . . . Es ist befohlen. Los!«
Er wandte sich ab und wollte schon gehen, blickte aber noch einmal zurück, und da er sah, daß sich beide nicht von der Stelle rührten, rief er wieder und nun schon ärgerlich: »Was denn noch?!«
Da gingen sie schnell hinter ihm her.
Ljonka blickte hartnäckig den Großvater an, und da er merkte, wie sein Kopf und seine Lippen zitterten und er, sich ängstlich umsehend, unter seinem Hemd herumsuchte, begann er zu ahnen, daß der Großvater wieder etwas angestellt hatte wie damals in Taman. Ihm wurde angst und bange, wenn er daran zurückdachte. Dort hatte der Großvater Wäsche vom Hof gestohlen, und sie wurden beide ergriffen. Sie wurden verspottet, beschimpft, sogar geschlagen und schließlich mitten in der Nacht aus dem Dorf gejagt. Er hatte mit dem Großvater irgendwo am Ufer der Meerenge im Sande genächtigt, und das Meer hatte die ganze Nacht drohend gerauscht . . ., der Sand hatte geknirscht, von den auflaufenden Wellen geschoben . . . Und der Großvater hatte die ganze Nacht gestöhnt und flüsternd zu Gott gebetet, wobei er sich einen Dieb nannte und um Verzeihung flehte.
»Ljonka!«
Ljonka fuhr von einem Stoß in die Seite zusammen und sah den Großvater an. Sein Gesicht war länger, hagerer und grauer geworden und bebte.
Der Kosak ging fünf Schritt vor ihnen, rauchte seine Pfeife, schlug mit dem Stock die Klettenköpfchen ab und drehte sich nicht nach ihnen um.
»Da hast du, nimm . . . und wirf's . . . ins Gras . . ., aber merk dir, wo du es hinwirfst! . . . Damit wir's nachher wiederfinden . . .«, flüsterte der Alte kaum hörbar, und indem er sich im Gehen dicht an den Enkel drängte, steckte er ihm einen zusammengeballten Lappen in die Hand.
Ljonka schob sich zur Seite, zitternd vor Furcht, die plötzlich sein ganzes Innere mit Kälte erfüllte, und ging näher an den Zaun, wo dichtes Gras stand. Gespannt auf den breiten Rücken des eskortierenden Kosaken blickend, streckte er die Hand seitwärts und warf mit einem Blick dahin den Lappen in das Gras . . .
Im Fallen hatte sich der Lappen auseinandergewickelt, und vor Ljonkas Augen schimmerte ein geblümtes blaues Tuch, das sogleich von dem Bild des weinenden kleinen Mädchens verdrängt wurde. Wie lebend stand sie vor ihm und verdeckte alles, den Kosaken, den Großvater, die ganze Umgebung . . . Ihr Schluchzen ertönte wieder deutlich in Ljonkas Ohren, und ihm war, als fielen helle Tränen vor ihm zur Erde.
In diesem fast unzurechnungsfähigen Zustand trat er hinter dem Großvater in die Kanzlei, hörte ein dumpfes Getöse, das er nicht unterscheiden konnte und mochte, sah wie durch einen Nebel, wie Großvaters Sack auf einen großen Tisch ausgeschüttet wurde, und die dumpf und weich fallenden Stücke polterten auf den Tisch . . . Dann beugten sich viele Köpfe in hohen Mützen darüber; die Köpfe und Mützen waren düster und finster, sie bewegten sich in einem Nebel hin und her und drohten ihm mit etwas Schrecklichem . . . Dann wand sich der Großvater plötzlich wie ein Kreisel in den Händen zweier handfester Burschen . . .
»Ungerecht ist das, Rechtgläubige! . . . Ich bin unschuldig, weiß Gott!« winselte der Großvater durchdringend auf.
Weinend ließ sich Ljonka auf den Boden nieder.
Da kamen sie auch zu ihm. Er wurde aufgehoben, auf eine Bank gesetzt und alle Lumpen, die seinen kleinen Körper bedeckten, durchwühlt.
»Die Danilowna lügt, das Teufelsweib!« donnerte jemand los, als versetzte er Ljonka mit seiner tiefen, zornigen Stimme einen Schlag an die Ohren.
»Vielleicht haben sie's auch irgendwo versteckt?« wurde noch lauter gerufen.
Ljonka hatte das Gefühl, als schlügen ihn alle diese Laute auf den Kopf, und es tat ihm so weh, daß er das Bewußtsein verlor, plötzlich glitt er in ein schwarzes Loch, das einen bodenlosen Abgrund vor ihm auftat.
Aber als er zu sich kam, lag sein Kopf auf den Knien des Großvaters, und Großvaters Gesicht, elender und runzliger denn je, neigte sich über sein Gesicht, und aus des Großvaters erschrocken blinzelnden Augen fielen auf seine Stirn kleine trübe Tränen, rannen von den Wangen zum Halse und kitzelten sehr . . .
»Ist dir besser, mein Lieber? . . . Wir wollen fortgehen von hier. Wir wollen gehen – die Verfluchten haben uns laufenlassen!«
Ljonka erhob sich mit einer Empfindung, als habe man ihm etwas Schweres in den Kopf gegossen und es werde ihm gleich von den Schultern fallen . . . Er nahm ihn zwischen die Hände und wiegte sich leise stöhnend hin und her.
»Tut dir das Köpfchen weh? Mein Liebling, du! . . . Gequält haben sie uns beide . . . Wilde Tiere sind das! Ein Dolch ist fort, siehst du, und ein Mädchen hat ein Tuch verloren, und da werfen sie sich auf uns! . . . Ach, Herr mein Gott! . . . warum strafst du mich so?«
Ljonka war zumute, als kratze ihn die knarrende Stimme des Großvaters, und er fühlte, daß sich in seinem Innern ein feines Fünkchen entzündete, das ihn zwang, von dem Großvater abzurücken. Er rückte zur Seite und sah sich um . . .
Er saß mit dem Großvater am Dorfausgang im dichten Schatten einer knorrigen Schwarzpappel. Es war schon Nacht, der Mond war aufgegangen, und sein milchig silbernes Licht, das die weite ebene Steppe bestrahlte, schien sie kleiner zu machen, als sie am Tage gewesen, kleiner und noch öder und trauriger. In der Ferne, wo die Steppe mit dem Himmel zusammenfloß, erhoben sich Wölkchen und kamen leise gezogen, den Mond bedeckend und dichte Schatten auf die Erde werfend. Die Schatten schmiegten sich an die Erde, krochen langsam und nachdenklich darüberhin und verschwanden plötzlich, als wären sie in die Erdspalten gesunken, welche die glühenden Sonnenstrahlen aufgerissen hatten . . . Aus dem Dorf tönten Stimmen herüber, und hier und da flammten Lichter auf, als blinkten sie und die hellgoldenen Sterne am Himmel einander zu.
»Wir wollen gehen, mein Lieber! . . . Wir müssen gehen«, sagte der Großvater.
»Laß uns noch sitzen!« erwiderte Ljonka leise.
Ihm gefiel die Steppe. Tags, wenn er ging, blickte er gern nach vorn, dahin, wo das Himmelsgewölbe sich auf ihre breite Brust zu stützen schien . . . Und dort stellte er sich wunderbar große Städte vor, von so guten Menschen bewohnt, wie er sie noch nie gesehen, die man nicht um Brot zu bitten brauchte – weil sie es ungebeten von selber geben . . . Und wenn dann die Steppe sich immer weiter vor seinen Augen ausbreitete und plötzlich ein Dorf aus sich hervortreten ließ, ihm schon bekannt und an Häusern und Menschen allen gleich, die er bisher gesehen, wurde er traurig, und die Enttäuschung kränkte ihn.
Auch jetzt blickte er gedankenvoll in die Ferne, woher langsam die Wolken herankrochen. Sie erschienen ihm wie der Rauch aus Tausenden von Schornsteinen in jener Stadt, die er so sehr zu sehen verlangte . . . Seine Betrachtungen wurden durch den trockenen Husten des Großvaters unterbrochen.
Ljonka blickte aufmerksam in das tränenfeuchte Gesicht des Großvaters, der begierig die Luft einsog.
Vom Mond beleuchtet und mit seltsamen Schatten bedeckt, die von der zerlumpten Mütze, von Bart und Brauen darauf fielen, war sein Gesicht mit dem krampfhaft bewegten Mund und den weit geöffneten Augen, die in einer Art verhaltenen Entzückens strahlten, schrecklich und jämmerlich zugleich und erweckte in Ljonka jenes neue Gefühl, das ihn zwang, vom Großvater noch mehr abzurücken . . .
»Nun, bleiben wir noch, bleiben wir noch!« murmelte er und suchte einfältig lächelnd hinter seinem Hemd.
Ljonka wandte sich ab und sah wieder in die Ferne.
»Ljonka! . . . Sieh mal!« schluchzte der Großvater plötzlich entzückt auf, und ganz zusammengekrümmt vor erstickendem Husten, reichte er dem Enkel etwas Langes und Glänzendes hin. »Von Silber! Das ist ja Silber! . . . Kostet wohl fünfzig Rubel . . .!«
Seine Hände und Lippen bebten vor Schmerz und Gier, und sein ganzes Gesicht verzog sich.
Ljonka fuhr zusammen und stieß seine Hand weg.
»Versteck es schnell! . . . Ach, Großvater, versteck es!« flüsterte er flehend und blickte sich hastig um.
»Nun . . ., was ist dir, du Närrchen? Hast du Angst, mein Lieber? . . . Ich sah in ein Fenster, da hing er . . ., ich griff rasch danach und unter den Schoß . . ., nachher hab ich ihn im Gebüsch versteckt. Als wir aus dem Dorf gingen, ließ ich meine Mütze fallen, bückte mich und nahm ihn . . . Narren sind sie! Das Tuch hab ich auch genommen . . ., da ist es!«
Er zog mit zitternden Händen das Tuch aus seinen Lumpen und schüttelte es vor Ljonkas Gesicht.
Vor Ljonkas Augen zerriß ein Nebelvorhang, und ein Bild erstand vor ihm: Der Großvater und er gehen, so schnell sie können, eine Dorfstraße entlang, den Blicken der Vorübergehenden ausweichend, sie gehen furchtsam, und es ist Ljonka, als habe jeder das Recht, sie beide zu schlagen, anzuspeien und zu beschimpfen . . . Die ganze Umgebung – Zäune, Häuser und Bäume – schwankt in einem seltsamen Nebel, wie vom Winde bewegt . . ., und rauhe, zornige Stimmen sind zu hören . . . Dieser schwere Weg ist endlos lang und der Ausgang ins Feld nicht zu sehen vor der dichten Masse wankender Häuser, die sich bald nähern, als wollten sie ihn erdrücken, bald entfernen und ihm mit den dunklen Flecken ihrer Fenster ins Gesicht lachen . . . Und plötzlich schallt es hell aus einem Fenster: Diebe! Diebe! Diebe, kleiner Dieb . . .! Ljonka wirft einen verstohlenen Blick hin und erblickt das Mädchen im Fenster, das er eben weinend gesehen hatte und beschützen wollte . . . Sie fängt seinen Blick auf und zeigt ihm die Zunge, und ihre blauen Augen funkeln böse und scharf und stechen Ljonka wie Nadeln.
Dieses Bild erstand im Gedächtnis des Knaben und war augenblicklich wieder verschwunden, ein böses Lächeln hinterlassend, das er dem Großvater zuwarf.
Der Großvater redete noch immer, redete, vom Husten unterbrochen, winkte kopfschüttelnd mit der Hand ab und wischte sich den Schweiß, der in großen Tropfen auf sein runzliges Gesicht trat.
Eine schwere, zerzauste und zerfetzte Wolke bedeckte den Mond, und Ljonka konnte des Großvaters Gesicht kaum sehen . . . Er rief sich das Bild des weinenden Mädchens zurück, stellte es neben ihn und maß sie beide gleichsam in Gedanken. Der kraftlose, heisere, gierige und zerlumpte Großvater erschien ihm neben der Gekränkten, Weinenden, die so schön, frisch und gesund war, unnütz und fast so böse und schlecht wie der Böse im Märchen. Wie konnte er? Weshalb hat er sie gekränkt? Er ist doch nicht mit ihr verwandt . . .
Und der Großvater knarrte: »Wenn ich hundert Rubel zusammenbringen könnte! . . . Dann könnt ich ruhig sterben . . .«
»Nun!« loderte es plötzlich in Ljonka auf. »Schweig du schon! Könnt ich sterben, könnt ich sterben . . . Und stirbst doch nicht . . . Du stiehlst ja!« jammerte Ljonka und sprang plötzlich am ganzen Leibe zitternd auf. »Du alter Dieb! . . . Uh-uh!« Er ballte seine kleine magere Faust und schüttelte sie vor dem Gesicht des plötzlich verstummten Großvaters; dann ließ er sich wieder schwer auf die Erde nieder und stieß durch die Zähne hervor: »Ein Kind hast du bestohlen . . . Ach, das ist recht! . . . Alt, und doch . . . Das wird dir nicht verziehen in jener Welt . . .!«
Plötzlich kam die ganze Steppe in Bewegung und weitete sich, von blendend blauem Licht umspannt; der Nebel, der sie bedeckt hatte, erbebte und verschwand augenblicklich. Ein Donnerschlag erdröhnte und rollte über die Steppe, erschütterte die Erde und den Himmel, über den jetzt schnell ein dichter Haufen schwarzer Wolken zog und den Mond ertränkte.
Es wurde dunkel. Irgendwo in der Ferne blitzte es noch schweigend und drohend auf, und nach einer Sekunde donnerte es schwach . . . Dann trat eine Stille ein, die kein Ende zu nehmen schien.
Ljonka bekreuzigte sich. Der Großvater saß regungslos und schweigend, als sei er mit dem Baumstamm verwachsen, an den er sich mit dem Rücken gelehnt hatte.
»Großvater . . .!« flüsterte Ljonka, in qualvoller Angst einen neuen Donnerschlag erwartend. »Wir wollen ins Dorf gehen!«
Der Himmel erbebte wieder, und nachdem er von neuem in blauer Flamme aufgelodert war, schleuderte er einen wuchtigen metallischen Schlag zur Erde, als ob Tausende von Eisenplatten aneinanderklirrend auf die Erde geschüttet würden . . .
»Großvater!« schrie Ljonka auf.
Sein Schrei, den der Nachhall des Donners verschlang, klang wie der Schlag einer kleinen zersprungenen Glocke.
»Was denn . . . Hast du Angst . . .? Ah . . .!« sagte der Großvater heiser, ohne sich zu regen.
Große Regentropfen begannen zu fallen, und ihr Rauschen klang so geheimnisvoll, als bereite es etwas vor . . . In der Ferne steigerte es sich zu einem einzigen weiten Laut, wie eine Riesenbürste, die über die trockene Erde streicht; hier bei Großvater und Enkel aber klang jeder zur Erde fallende Tropfen kurz und abgebrochen und erstarb ohne Echo. Die Donnerschläge kamen immer näher, und der Himmel flammte häufiger auf.
»Ich geh nicht ins Dorf! Mag mich alten Hund und Dieb . . . hier der Regen ertränken . . . und der Donner erschlagen!« sagte der Großvater schwer atmend. »Ich gehe nicht! . . . Geh allein . . . Da ist das Dorf . . . Geh! . . . Ich will nicht, daß du hier sitzt . . ., geh! Geh, geh! . . . Geh!« schrie der Großvater dumpf und heiser.
»Großväterchen . . .! Verzeih!« bat Ljonka, an ihn heranrückend.
»Ich geh nicht . . ., ich verzeih nicht . . . Sieben Jahre hab ich dich gewartet! Alles für dich . . ., und gelebt . . . für dich. Brauch ich denn was? . . . Ich sterbe ja . . . Ich sterbe . . ., und du sagst – Dieb . . . Weshalb bin ich ein Dieb? Für dich . . ., für dich ist das alles . . . Da nimm . . ., nimm . . ., nimm . . . Für dein Leben, für alles . . . hab ich gespart . . ., nun, und gestohlen . . . Gott sieht alles . . . Er weiß . . ., daß ich gestohlen hab . . ., er weiß . . . Er wird mich strafen . . . Er – begnadigt mich alten Hund nicht . . . für den Diebstahl. Er hat mich schon gestraft . . . Herrgott, du hast mich gestraft! . . . ah? Hast du gestraft? . . . Durch die Hand des Kindes tötest du mich! Das ist gerecht, Herrgott! . . . Das ist richtig! . . . Du bist gerecht, o Herr! Sende nach meiner Seele . . . Ach!«
Die Stimme des Großvaters steigerte sich zu durchdringendem Gewimmer und flößte Ljonka Entsetzen ein.
Die Himmel und Erde erschütternden Donnerschläge krachten jetzt laut und eilig, als wolle jeder von ihnen der Erde etwas unbedingt Notwendiges sagen, einander jagend dröhnten sie fast ohne Unterbrechung. Der von Blitzen zerrissene Himmel bebte, es bebte die Steppe, bald aufflammend in blauem Licht, bald versinkend in kalter, schwerer, beengender Finsternis, die sie seltsam verkleinerte. Dann und wann wurde die Ferne von einem Blitz erhellt. Und es war, als liefe diese Ferne hastig vor dem Lärm und Donner davon . . .
Der Regen strömte, und seine beim Leuchten der Blitze wie Stahl glänzenden Tropfen verdeckten die freundlich winkenden Lichtlein des Dorfes.
Ljonka erstarrte vor Angst, Kälte und einer Art bangen Schuldgefühls, das der Aufschrei des Großvaters in ihm erweckt hatte. Die weitaufgerissenen Augen vor sich hin gerichtet, fürchtete er sich selbst dann zu blinzeln, wenn die Wassertropfen von seinem regendurchnäßten Kopf herab ihm in die Augen rannen, und lauschte angsterfüllt der Stimme des Großvaters, die in einem Meer gewaltiger Laute versank.
Ljonka fühlte, daß der Großvater unbeweglich dasaß, aber es war ihm, als könne er ihm abhanden kommen, davongehen und ihn hier allein lassen. Sich selbst nicht bewußt, rückte er immer näher an den Großvater heran, und als er ihn mit seinem Ellenbogen berührte, fuhr er in Erwartung von etwas Furchtbarem zusammen . . .
Den Himmel zerreißend, beleuchtete ein Blitz sie beide, zusammengekrümmt nebeneinander, klein, überschüttet von den Wasserströmen, die von den Zweigen des Baumes kamen . . .
Der Großvater fuchtelte mit der Hand in der Luft und murmelte noch immer etwas, schon erschöpft und schwer atmend.
Nach einem Blick in sein Gesicht schrie Ljonka laut auf vor Angst . . . Beim blauen Schein des Blitzes erschien es ihm wie tot, und die auf ihn gerichteten trüben Augen waren wie irr.
»Großvater! . . . Wir wollen gehen!« weinte er auf, indem er seinen Kopf auf des Großvaters Knie fallen ließ.
Der Großvater beugte sich über ihn, umfing ihn mit seinen knochigen, dürren Armen, drückte ihn fest an sich und wimmerte plötzlich durchdringend laut auf wie ein Wolf in der Falle.
Durch diesen Schrei fast wahnsinnig gemacht, riß sich Ljonka von ihm los, sprang auf die Füße und flog wie ein Pfeil vorwärts, die Augen weit geöffnet, von Blitzen geblendet, fallend und wieder aufstehend, immer tiefer in das Dunkel hinein, das bald vom blauen Schein eines Blitzes zurückwich, bald von neuem den vor Entsetzen irrsinnigen Knaben umfing.
Der fallende Regen rauschte so kalt, eintönig, bang . . . Und es schien, als sei in der Steppe nie etwas gewesen außer dem Rauschen des Regens, dem Funkeln der Blitze und dem zornigen Krachen des Donners.
Am Morgen des andern Tages kamen die Dorfjungen, die in die Steppe gelaufen waren, gleich wieder zurück und setzten das Dorf in Aufregung durch die Meldung, daß sie unter einer Pappel den gestrigen Bettler gesehen hätten und daß er wahrscheinlich getötet worden sei, da ein Dolch neben ihm liege.
Als aber die alten Kosaken hinkamen, um zu untersuchen, ob es so sei, ergab es sich, daß es nicht so war. Der Alte lebte noch. Als sie an ihn herantraten, versuchte er sich von der Erde zu erheben, aber er konnte nicht. Er hatte die Sprache verloren, suchte mit tränenden Augen in der Menge und schien etwas zu fragen, aber er fand nichts und erhielt keine Antwort.
Gegen Abend starb er, und er wurde begraben, wo er gefunden worden war, unter der Pappel, da man meinte, es gehöre sich nicht, ihn auf dem Kirchhof zu begraben; erstens sei er ein Fremder, zweitens ein Dieb, und drittens sei er ohne Buße gestorben. Neben ihm im Schmutz wurden der Dolch und das Tuch gefunden.
Und nach zwei oder drei Tagen fand man auch Ljonka.
Krähenschwärme kreisten unweit des Dorfes über einer Steppenschlucht, und als man nachsah, fand man den Knaben, der, die Arme ausgebreitet, mit dem Gesicht nach unten in dem dünnen Schmutz lag, der nach dem Regen auf dem Grunde der Schlucht zurückgeblieben war.
Zuerst wollten sie ihn auf dem Kirchhof beerdigen, weil er noch ein Kind war; doch dann überlegten sie es sich und legten ihn neben den Großvater unter die Pappel. Ein Erdhügel wurde aufgeschüttet und ein rohes Steinkreuz daraufgestellt.
Die alte Isergil
I
Ich hörte diese Erzählungen in Bessarabien in der Gegend von Akkerman, an der Küste.
Einmal abends, als wir die Weinlese für diesen Tag beendet hatten, war der Trupp Moldawier, in dem auch ich arbeitete, hinunter an den Strand gegangen und ich mit der alten Isergil im dichten Schatten der Reben geblieben. Wir lagen auf der Erde, schwiegen und sahen zu, wie sich die Gestalten der zum Strand Gehenden allmählich im tiefen Dunkel der Nacht auflösten.
Sie sangen und lachten; die Männer dunkel wie Bronze, mit prächtigen, schwarzen Schnurrbärten und dichten Locken bis zu den Schultern, in kurzen Jacken und weiten Pluderhosen; Frauen und Mädchen frohgestimmt, geschmeidig, mit dunkelblauen Augen und gleichfalls bronzebrauner Haut. Ihr seidiges, schwarzes Haar war gelöst, der sanfte, warme Wind liebkoste es, so daß die hineingeflochtenen Münzen klimperten. Der Wind wehte gleichmäßig in einem breiten Strom, manchmal jedoch schien er über ein unsichtbares Hindernis zu springen und brachte einen kräftigen Windstoß hervor, so daß die Haare der Frauen wie phantastische Mähnen flatterten und sich um ihre Köpfe erhoben. Das ließ sie seltsam und märchenhaft erscheinen. Sie entfernten sich immer mehr, und die Nacht und die Phantasie kleideten sie immer prächtiger.
Jemand spielte auf einer Geige, ein Mädchen sang mit sanfter Altstimme, Lachen ertönte.
Die Luft war durchdrungen vom scharfen Geruch des Meeres und den fetten Dünsten der Erde, die sich bei einem starken Regen kurz vor Abend vollgesogen hatten. Auch jetzt strichen noch Wolkenfetzen über den Himmel, üppig wogend, von seltsamer Form und Färbung, hier weich wie Rauchwolken, aschgrau und hellblau, dort gezackt wie Felsgrate, mattschwarz oder dunkelbraun. Durch die Lücken lugte freundlich dunkelblauer Himmel, geschmückt mit goldglitzernden Sternen. All dies – Laute und Düfte, Wolken und Menschen – war seltsam schön und traurig und wirkte wie der Anfang eines wundersamen Märchens. Und alles schien im Wachstum innezuhalten und zu ersterben; das Stimmengewirr entfernte sich weiter, erlosch und ging in bekümmerte Seufzer über.
»Warum bist du nicht mit ihnen gegangen?« fragte die alte Isergil und wies mit einem Kopfnicken zum Strand.
Die Zeit hatte sie tief gebeugt, die einst schwarzen Augen glänzten matt und tränten. Ihre trockene Stimme klang seltsam knirschend, als spreche sie mit den Knochen.
»Ich will nicht!« antwortete ich.
»Ha! Ihr Russen kommt als Greise zur Welt. Seid alle so finster wie Dämonen. Unsere Mädchen fürchten dich. Dabei bist du jung und stark.«
Der Mond ging auf. Seine Scheibe war groß, blutig rot und schien den Tiefen dieser Steppe entstiegen, die im Laufe der Zeiten soviel menschliches Fleisch verschlungen und soviel Blut getrunken hatte. Wahrscheinlich war sie deshalb so fruchtbar und freigebig. Die Schatten vom Spitzengewirr der Blätter fielen auf uns und umstrickten mich und die Alte wie ein Netz. Links von uns glitten die Wolkenschatten über die Steppe, getränkt vom blauen Mondschein, und wurden zusehends durchsichtiger und heller.
»Sieh, dort kommt Larra!«
Ich blickte in die Richtung, in die die Alte mit krummen Fingern an zitternder Hand wies, und sah Schatten dahingleiten, viele waren es, und einer wirkte dunkler und dichter als die anderen und glitt schneller und tiefer dahin als seine Schwestern – er rührte von einem Wolkenfetzen her, der tiefer über die Erde strich und auch schneller als sie.
»Dort ist niemand!« sagte ich.
»Du kannst schlechter sehen als ich alte Frau. Schau doch, der Dunkle dort, er läuft durch die Steppe!«
Ich blickte nochmals hin und sah wieder nichts außer einem Schatten.
»Es ist ein Schatten! Warum nennst du ihn Larra?«
»Weil er es ist. Er ist nur jetzt zum Schatten geworden – kein Wunder! Er lebt Jahrtausende, die Sonne hat seinen Körper, sein Blut und die Knochen ausgetrocknet und der Wind sie in Staub verwandelt. So kann Gott mit einem Menschen verfahren, der allzu stolz ist.«
»Erzähl mir, wie das war!« bat ich die alte Frau, denn ich ahnte, daß sie gewiß eines der herrlichen Märchen im Sinn hatte, die die Steppe hervorgebracht hatte.
Und sie erzählte es mir.
»Viele Jahrtausende sind verstrichen, seit sich dies ereignete. Weit jenseits des Meeres, dort, wo die Sonne aufgeht, liegt das Land des großen Flusses, und in diesem Land gibt jedes Baumblatt, jeder Grashalm soviel Schatten, wie der Mensch braucht, um sich vor der Sonne zu schützen, die dort schrecklich heiß brennt.
So freigebig ist die Erde in jenem Land!
Dort lebte ein kraftvolles Menschengeschlecht, sie hüteten ihre Herden, übten sich auf der Jagd nach wilden Tieren in Kraft und Mut, feierten nach der Jagd festliche Gelage, sangen Lieder und spielten mit den Mädchen.
Einmal während eines solchen Gelages stieß plötzlich ein Adler vom Himmel und trug eine von ihnen weg. Sie war schwarzhaarig und sanft wie die Nacht. Die ihm von den Männern nachgesandten Pfeile fielen kraftlos auf die Erde zurück. Da machten sie sich auf die Suche nach dem Mädchen, aber sie fanden sie nicht, und sie vergaßen sie, wie man alles vergißt auf dieser Erde.«
Die Alte seufzte und schwieg. Ihre schnarrende Stimme klang, als murrten all die vergessenen, in ihrer Brust nun zu Schatten der Erinnerungen gewordenen Jahrhunderte. Das Meer untermalte still diesen Anfang einer der alten Legenden, die vielleicht an seinem Ufer entstanden waren.
»Nach zwanzig Jahren kam sie jedoch von selbst wieder, ganz erschöpft und abgezehrt, und mit ihr ein Jüngling, schön und stark, wie sie selbst vor zwanzig Jahren gewesen war. Als man sie fragte, wo sie gewesen sei, erzählte sie, der Adler habe sie ins Gebirge getragen und dort zu seiner Frau gemacht. Der Jüngling sei sein Sohn, der Vater lebe nicht mehr, als er alt und schwach wurde, habe er sich ein letztes Mal in die Lüfte geschwungen, die Flügel angelegt und sich auf einen scharfen Berggrat gestürzt. Dort sei er zerschellt.
Alle blickten den Adlerssohn erstaunt an und sahen, daß er keineswegs anders war als sie, nur seine Augen blickten kalt und stolz wie die des Königs der Vögel. Und sie redeten mit ihm, er aber antwortete, wenn er wollte, oder schwieg, und als die Ältesten des Stammes kamen, sprach er mit ihnen wie mit seinesgleichen. Das kränkte sie, und sie nannten ihn einen ungefiederten Pfeil mit stumpfer Spitze und sagten ihm, daß Tausende seinesgleichen und Tausende, die doppelt so alt seien wie er, sie ehrten und ihnen gehorchten. Er aber blickte sie furchtlos an und antwortete, seinesgleichen gebe es nirgends mehr. Und wenn alle sie ehrten – er gedenke es nicht zu tun. Da gerieten sie endgültig in Zorn. Erbost sagten sie:
»Für ihn ist kein Platz unter uns! Mag er gehen, wohin er will.«
Er lachte und ging, wohin er wollte – zu einem schönen Mädchen, das ihn fortwährend angeblickt hatte. Er trat zu ihr und umarmte sie. Sie war jedoch die Tochter eines der Ältesten, die ihn verurteilt hatten. Und obwohl er schön war, stieß sie ihn von sich, denn sie fürchtete ihren Vater. Sie stieß ihn von sich und ging weg, er aber schlug sie, und als sie zu Boden gestürzt war, setzte er ihr den Fuß auf die Brust, so daß das Blut aus ihrem Mund gen Himmel spritzte; das Mädchen seufzte, wand sich wie eine Schlange und starb.
Angst lähmte alle, die dies gesehen hatten – zum ersten Mal hatte man vor ihren Augen so eine Frau getötet. Und lange schwiegen alle, blickten sie an, die mit offenen Augen und blutigem Mund am Boden lag, und ihn, der neben ihr stand, einer gegen alle, und so stolz war – er hielt sein Haupt hoch erhoben, als wolle er die Strafe geradezu herausfordern. Als sie sich besonnen hatten, packten sie ihn und banden ihn, beließen es aber dabei, denn sie fanden, daß es zu einfach sei und sie nicht befriedigen würde, ihn gleich zu töten.«
Die Nacht wuchs und kräftigte sich und füllte sich mit seltsamen, verhaltenen Lauten. In der Steppe pfiffen traurig Zieselmäuse, im Blattwerk der Weinstöcke zitterte das gläserne Zirpen der Grashüpfer, das Laub seufzte und tuschelte, die ehedem blutrote Mondscheibe erblaßte, erhob sich von der Erde, wurde blasser und goß immer mehr bläuliche Dunkelheit auf die Steppe.
»Dann versammelten sie sich, um eine Strafe zu ersinnen, die dem Vergehen angemessen war. Zunächst wollten sie ihn von Pferden zerreißen lassen, aber das erschien ihnen zu gering; dann sollte jeder einen Pfeil nach ihm schießen, aber auch das wurde verworfen; einige schlugen vor, ihn zu verbrennen, aber der Rauch des Holzstoßes hätte verhindert, seine Qualen zu sehen; viele Vorschläge wurden gemacht – und sie fanden nichts, das allen zusagte. Seine Mutter aber kniete schweigend vor ihnen, sie fand weder Tränen noch Worte, um Erbarmen zu flehen. Lange sprachen sie miteinander, dann sagte ein Weiser nach langem Überlegen:
›Wollen wir ihn nicht fragen, warum er es getan hat?‹
Sie fragten ihn. Er antwortete:
›Bindet mich los! Ich werde nicht reden, wenn ich gefesselt bin.‹
Als sie die Fesseln gelöst hatten, fragte er:
›Was wollt ihr von mir?‹ Er fragte es, als wären sie Sklaven.
›Du hast es gehört‹, sagte der Weise.
›Warum sollte ich euch meine Taten erläutern?‹
›Damit wir sie begreifen. Hör zu, du Stolzer! Sterben wirst du so oder so. Also laß uns begreifen, was du getan hast. Wir bleiben am Leben und haben Nutzen davon, mehr zu wissen, als wir jetzt wissen.‹
›Gut, ich will es sagen, obwohl ich das Geschehene vielleicht selbst nicht richtig verstehe. Ich habe sie getötet, weil mir schien, daß sie mich von sich gestoßen hatte. Ich aber brauchte sie.‹
›Sie gehört dir doch nicht!‹ sagten sie ihm.
›Benutzt ihr etwa nur, was euch gehört? Ich sehe, daß jeder Mensch nur seine Rede, Arme und Beine hat – aber er besitzt Tiere, Frauen, Land – und vieles andere.‹
Man sagte ihm darauf, daß der Mensch für alles, was er nehme, mit etwas von sich bezahle: mit seinem Verstand, seiner Kraft, manchmal mit seinem Leben. Er aber antwortete, er wolle nichts von sich weggeben.
Lange redeten sie mit ihm, schließlich sahen sie, daß er sich als den Ersten auf Erden betrachtete und außer sich nichts weiter sah. Allen wurde ganz schrecklich zumute, als sie erkannten, zu welcher Einsamkeit er sich verdammt hatte. Er konnte weder einen Stamm, noch eine Mutter, noch Vieh, noch eine Frau sein eigen nennen und wollte all dies auch nicht.
Als die Menschen das sahen, überlegten sie wieder, wie sie ihn bestrafen könnten. Diesmal redeten sie aber nicht lange miteinander. Jener Weise, der erst still zugehört hatte, hub jetzt an: ›Haltet ein! Es gibt eine Strafe. Eine schreckliche Strafe, wie ihr sie in tausend Jahren nicht ersinnen könnt! Die Strafe liegt in ihm selbst! Laßt ihn, er soll frei sein. Das ist seine Strafe!‹
Da geschah etwas Erhabenes. Donner rollte über den Himmel, obwohl er wolkenlos war. Die Himmelskräfte bestätigten die Rede des Weisen. Alle verneigten sich und gingen auseinander. Jener Jüngling aber, der jetzt den Namen Larra erhielt, was bedeutet: Ausgestoßener, Verworfener, jener Jüngling lachte den Menschen, die ihn sich selbst überlassen hatten, laut hinterher, er lachte und blieb allein, frei, wie sein Vater gewesen war. Dieser aber war kein Mensch gewesen. Der Jüngling hingegen war einer. So lebte er frei wie ein Vogel. Er kam zu dem Stamm und raubte Vieh und Mädchen – was immer er wollte. Sie schossen auf ihn, aber die Pfeile konnten nicht in seinen Körper dringen, da er durch die unsichtbare Hülle der höchsten Strafe geschützt war. Er war geschickt, raubgierig, stark und grausam und trat den Menschen nie von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie sahen ihn nur von weitem. Und lange streifte der Einsame in ihrer Umgebung umher, lange – so manches Jahrzehnt. Einmal aber kam er ihnen nahe, und als sie sich auf ihn stürzten, wich er nicht von der Stelle und ließ auch nicht erkennen, daß er sich verteidigen wollte. Da erriet einer der Menschen seine Absicht und rief laut:
›Rührt ihn nicht an! Er will sterben!‹
Und alle blieben stehen, da sie das Los dessen nicht erleichtern wollten, der ihnen Böses angetan hatte, und ihn nicht töten wollten. Sie blieben stehen und lachten, lachten über ihn. Er aber zitterte, als er das Lachen hörte, suchte fortwährend etwas auf seiner Brust und krallte seine Finger hinein. Plötzlich hob er einen Stein und stürzte sich auf die Menschen. Sie aber wichen seinen Schlägen aus, ohne sie zu erwidern, und als er mit kläglichem Schrei zu Boden fiel, gingen sie beiseite und beobachteten ihn. Da erhob er sich, hob ein Messer auf, das jemand von ihnen beim Kampf mit ihm verloren hatte, und stieß es sich in die Brust. Aber das Messer brach ab, als sei es auf Stein gestoßen. Und wieder fiel er zu Boden und schlug lange mit dem Kopf auf die Erde. Diese aber wich vor ihm zurück und bildete eine Vertiefung, wo sein Kopf auftraf.
›Er kann nicht sterben!‹ frohlockten die Menschen.
Und sie gingen und überließen ihn sich selbst. Er lag auf dem Rücken und sah: Hoch am Himmel kreisten als dunkle Punkte mächtige Adler. In seinen Augen lag soviel Trauer, daß man alle Menschen der Welt damit hätte vergiften können. So blieb er von dieser Zeit an allein, frei, in Erwartung des Todes. Nun wandert er ruhelos umher. Du siehst ja, er ist schon zum Schatten geworden und wird es ewig sein! Er versteht weder die Rede der Menschen noch ihre Taten – gar nichts. Und er wandert suchend umher. Er hat kein Leben und kann nicht auf den Tod hoffen. Und er hat keinen Platz unter den Menschen. So wurde ein Mensch für seinen Stolz bestraft!«
Die Alte seufzte und schwieg, ihr Kopf sank auf die Brust und schwankte einige Male seltsam.
Ich blickte sie an. Der Schlaf hatte sie überwältigt, schien mir. Und sie tat mir plötzlich unendlich leid. Sie hatte die Erzählung in so erhabenem, drohendem Ton zu Ende gebracht, und dennoch hatte eine ängstliche, sklavische Note darin gelegen.
Am Strand wurde gesungen – es klang seltsam. Zuerst sang die Altstimme zwei, drei Noten, dann ertönte eine zweite Stimme, begann das Lied von vorn, und die erste schritt ihr voran. Eine dritte, vierte, fünfte Stimme fiel ein, und alle sangen das Lied in derselben Folge. Plötzlich hub ein Chor von Männerstimmen an und sang das Lied ebenfalls von Anfang an.
Jede Frauenstimme war deutlich herauszuhören, sie alle glichen verschiedenfarbigen Bächen, die mit hellem Schall über Felsvorsprünge sprangen und in den dichten Strom von Männerstimmen mündeten, der ihnen gleichmäßig entgegenfloß; sie versanken darin, lösten sich wieder heraus, übertönten ihn und stiegen eine nach der anderen klar und kräftig empor.
Die Stimmen übertönten das Rauschen der Wellen.
II
»Hast du irgendwo je solchen Gesang gehört?« fragte Isergil, hob den Kopf und lächelte mit zahnlosem Mund.
»Nein, niemals.«
»Den wirst du auch nirgends hören. Wir singen gern. Nur schöne Menschen können gut singen – Menschen, die das Leben lieben. Wir lieben es. Sieh nur, sind die, die dort singen, nicht vom Tagwerk ermüdet? Sie haben von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet, der Mond ist aufgegangen – und schon singen sie! Wer nicht zu leben versteht, hätte sich längst schlafen gelegt. Wer das Leben liebt, singt.«
»Aber die Gesundheit . . .« wollte ich einwenden.
»Gesundheit ist stets genug da fürs Leben. Gesundheit! Wenn du Geld hättest, würdest du es nicht ausgeben? Gesundheit ist so etwas wie Gold. Weißt du, was ich gemacht habe, als ich noch jung war? Ich hab von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Teppiche gewebt, fast ohne einmal aufzustehen. Ich war quicklebendig wie ein Sonnenstrahl und mußte dennoch reglos sitzen wie festgewachsen. Und ich saß, bis mir alle Knochen schmerzten. Aber wenn die Nacht kam, lief ich zu dem, den ich liebte, und wir küßten uns. Drei Monate lang lief ich zu ihm, solange, wie ich ihn liebte! In jener Zeit hab ich jede Nacht bei ihm verbracht. Nun sieh an, welches Alter ich erreicht habe – ich hatte Blut genug! Und wie oft ich geliebt habe! Wieviel Küsse ich gegeben und genommen habe!«
Ich sah ihr ins Gesicht. Ihre schwarzen Augen blickten dennoch matt, die Erinnerung belebte sie nicht. Der Mond schien auf ihre trocknen, rissigen Lippen, das spitze Kinn mit den grauen Haaren und die runzlige Nase, die gekrümmt war wie ein Eulenschnabel. Statt der Wangen hatte sie schwarze Gruben, in einer davon lag eine aschgraue Haarsträhne. Sie war unter dem roten Lappen hervorgeglitten, den sie sich um den Kopf gewickelt hatte. Die Haut ihres Gesichts, Halses und ihrer Hände war zerfurcht von Runzeln, ich hatte bei jeder Bewegung von ihr das Gefühl, die trockene Haut werde reißen, in Fetzen abfallen und vor mir das nackte Skelett mit mattglänzenden, schwarzen Augen erstehen.
Sie begann wieder mit schnarrender Stimme:
»Ich lebte mit meiner Mutter in der Nähe von Faltschi, dicht am Ufer des Byrlad, und war fünfzehn Jahre alt, als er in unserem Vorwerk erschien. Er war groß, gertenschlank, stets guter Dinge und hatte einen schwarzen Schnurrbart. In seinem Boot sitzend, rief er laut zu uns ins Fenster: ›He, hättet ihr vielleicht ein wenig Wein und etwas zu essen?‹ Ich blickte hinaus durch die Eschenzweige und sah: Der Fluß war hellblau vom Mondlicht, und der Mann trug ein weißes Hemd und einen breiten Gürtel, dessen Enden seitlich herabhingen, und stand mit einem Bein im Boot und mit dem anderen auf dem Ufer. Und er schaukelte und sang. Bei meinem Anblick sagte er: ›Was für eine Schönheit hier wohnt! Und ich weiß nichts davon!‹ Als kenne er alle schönen Mädchen außer mir. Ich gab ihm Wein und gekochtes Schweinefleisch. Und vier Tage später mich selbst. Nachts fuhren wir mit dem Boot spazieren. Er kam heran und pfiff leise wie eine Zieselmaus, ich schnellte wie ein Fisch aus dem Fenster und lief zum Fluß. Dann fuhren wir los. Er war ein Fischer vom Pruth und redete mir später, als meine Mutter dahinterkam und mich verprügelte, immer wieder zu, mit ihm in die Dobrudscha zu gehen oder gleich ins Donaumündungsgebiet. Aber da gefiel er mir schon nicht mehr – er sang und küßte nur, nichts weiter! Das war mir langweilig. Zu dieser Zeit streifte ein Trupp Huzulen in unserer Gegend umher, es waren freundliche Leute. Sie führten ein lustiges Leben. So manche wartete und wartete auf solchen Karpatenburschen, glaubte ihn schon im Gefängnis oder im Streit getötet – da tauchte er plötzlich auf wie vom Himmel gefallen, allein oder mit zwei, drei Gefährten. Stets brachte er teure Geschenke mit – schließlich war alles leichte Beute für sie! Und er speiste bei ihr und rühmte sich ihrer vor seinen Gefährten. Und das schmeichelte ihr. So bat ich eine Freundin, die einen Huzulen hatte, sie mir zu zeigen. Wie hieß er gleich? Hab's vergessen. Ich vergesse jetzt immer alles. Viel Zeit ist seitdem vergangen, da vergißt du alles! Sie hat mich mit einem jungen Burschen bekannt gemacht. Schmuck sah er aus. Er war rothaarig, ganz rothaarig – der Schnurrbart rot, die Locken. Ein Feuerkopf. Und traurig war er und manchmal ganz zärtlich, dann brüllte er wieder herum und suchte Streit wie ein wildes Tier. Einmal schlug er mich ins Gesicht. Da sprang ich ihm wie eine Katze auf die Brust und verbiß mich in seiner Wange. Seitdem hatte er ein Grübchen im Gesicht, er mochte, wenn ich es küßte.«
»Und was war mit dem Fischer?« fragte ich.
»Der Fischer? Er blieb hier und schloß sich ihnen an, den Huzulen. Erst redete er auf mich ein und drohte, mich ins Wasser zu werfen, dann war alles in Ordnung, er schloß sich ihnen an und nahm eine andere. Sie wurden auch beide zusammen gehängt, der Fischer und dieser Huzule. Ich hab mir angesehen, wie man sie hängte. Das war in der Dobrudscha. Der Fischer ging totenbleich zur Hinrichtung und weinte, der Huzule rauchte seine Pfeife. Er kam daher und rauchte, die Hände in den Taschen, das eine Schnurrbartende lag auf der Schulter, das andere hing ihm über die Brust. Als er mich sah, nahm er die Pfeife aus dem Mund und rief: ›Lebwohl!‹ Ein ganzes Jahr hab ich ihm nachgetrauert. Ach ja! Das widerfuhr ihnen, als sie schon wieder in die Karpaten, in ihre Heimat ziehen wollten. Zum Abschied besuchten sie einen Rumänen, bei ihm hat man sie gefaßt. Nur zwei, ein paar wurden getötet, die anderen flüchteten. Wenigstens hat man's dem Rumänen später heimgezahlt. Das Vorwerk wurde angesteckt und die Mühle und das ganze Getreide. Er wurde bettelarm.«
»Hast du das getan?« fragte ich geradeheraus.
»Die Huzulen hatten viele Freunde, nicht nur mich. Wer ihr bester Freund war, der hat die Totenfeier für sie ausgerichtet.«
Das Lied am Strand war längst verklungen, die Erzählung der alten Frau wurde jetzt nur durch das Rauschen der Brandung untermalt – das nachdenkliche, unruhige Brausen war eine prächtige Untermalung zu diesem Bericht über ein unruhevolles Leben. Immer sanfter wurde die Nacht, immer intensiver der bläuliche Mondschein, und die unbestimmten Laute emsigen Lebens ihrer unsichtbaren Bewohner ermatteten und versanken im anschwellenden Rauschen der Brandung – der Wind nahm zu.
»Ich hab auch mal einen Türken geliebt und war in seinem Harem, in Skutari. Eine ganze Woche war ich dort, es war nicht weiter schlimm. Nur langweilig – lauter Frauen! Acht hatte er. Den ganzen Tag aßen sie, schliefen und schwatzten dummes Zeug. Oder sie zankten sich und gackerten wie Hühner. Er war nicht mehr jung, dieser Türke. Fast schon grauhaarig und sehr würdevoll und reich. Er redete wie ein Herrscher. Seine Augen waren schwarz und starr. Sie blickten einem ins Herz. Er betete sehr gern. Ich sah ihn in Bukarest. Er ging über den Markt wie ein Zar und blickte so würdevoll, ja, würdevoll. Ich lächelte ihm zu. Am selben Abend ergriff man mich auf der Straße und brachte mich zu ihm. Er verkaufte Sandelholz und Palmbäume und war nach Bukarest gekommen, um etwas zu kaufen. ›Kommst du zu mir?‹ fragte er. ›O ja, gewiß!‹ ›Gut!‹ So fuhr ich hin. Er war reich, dieser Türke. Und hatte auch schon einen Sohn, einen geschmeidigen, schwarzäugigen Jungen. Sechzehn Jahre war er alt. Mit ihm bin ich von dem Türken geflohen. Nach Bulgarien, nach Lom-Palanka. Dort hat mir eine Bulgarin das Messer in die Brust gestoßen wegen ihres Bräutigams oder Mannes – ich weiß nicht mehr genau.
Lange lag ich schwerverletzt in einem Kloster. Einem Frauenkloster. Ein Mädchen versorgte mich, eine Polin, und aus einem anderen Kloster – bei Arzer-Palanka, soviel ich mich entsinne – kam ihr Bruder zu ihr, auch ein Mönch. Er war . . . wie ein Wurm, wand sich immer vor mir. Und als ich ausgeheilt war, bin ich mit ihm weg – in sein Polen.«
»Warte! Und wo blieb der kleine Türke?«
»Der Junge? Er ist gestorben, der Arme. Vor Heimweh oder aus Liebe siechte er dahin wie ein schwaches Bäumchen, das zu wenig Sonne bekommt. So ist er auch verkümmert. Ich entsinne mich noch, wie er dalag, ganz durchsichtig und bläulich wie eine Eisscholle, aber noch immer brannte die Liebe in ihm. Fortwährend bat er, ich solle mich zu ihm neigen und ihn küssen. Ich hab ihn geliebt und oft geküßt, das weiß ich noch. Dann ging es ihm ganz schlecht – er konnte sich fast gar nicht mehr bewegen. Wie ein Bettler um Almosen fleht, so bat er mich, ich solle mich neben ihn legen und ihn wärmen. Ich hab es getan. Und wenn ich es tat, wurde er gleich ganz heiß. Als ich einmal erwachte, war er aber schon kalt . . . und tot. Ich weinte an seinem Totenbett. Vielleicht hab ich ihn getötet? Ich war damals doch doppelt so alt wie er. Und war so stark und voller Lebenskraft. Und was war er? Ein kleiner Junge!«
Sie seufzte und bekreuzigte sich dreimal, wobei sie mit dürren Lippen flüsterte – ich sah es zum ersten Mal bei ihr.
Ich half ihr, den Faden wieder aufzunehmen: »Du bist also nach Polen gefahren . . .«
»Ja, mit dem kleinen Polen. Er war lächerlich und gemein. Brauchte er eine Frau, so strich er um mich herum wie ein Kater und sagte mir schöne Worte, aber wenn er mich nicht brauchte, peitschte er mich mit Worten wie mit einer Knute. Einmal gingen wir an einem Flußufer entlang, da sagte er etwas Geringschätziges und Gemeines zu mir. O! O! Ich war wütend! Ich kochte vor Zorn! Ich nahm ihn auf den Arm wie ein kleines Kind – er war ja klein – hob ihn hoch und drückte ihn zusammen, daß er ganz blau wurde. Dann holte ich Schwung und schleuderte ihn vom Ufer in den Fluß. Er schrie. Es war zum Lachen, wie er schrie. Ich sah ihm von oben zu, wie er im Wasser strampelte. Dann bin ich weggegangen. Und nie wieder mit ihm zusammengetroffen. Darin hatte ich Glück. Ich hab diejenigen nie wiedergetroffen, die ich einmal geliebt habe. Das sind ungute Begegnungen wie mit längst Verstorbenen.«
Die Alte schwieg und seufzte. Ich stellte mir die Menschen vor, deren sie sich erinnert hatte. Da ging der feuerrote, schnurrbärtige Huzule zur Hinrichtung und rauchte gelassen seine Pfeife. Wahrscheinlich hatte er kalte, blaue Augen, die alles aufmerksam und genau betrachteten. Daneben der Fischer vom Pruth mit dem schwarzen Schnurrbart. Er weint, da er nicht sterben will; in seinem totenbleichen Gesicht blinzeln matt die einst fröhlichen Augen, und der von Tränen genäßte Schnurrbart hängt bekümmert um den schmerzverzerrten Mund. Dann der alte, würdevolle Türke, gewiß Fatalist und Despot, und daneben sein Sohn, eine blasse, empfindsame Blume des Orients, von Küssen vergiftet. Dort der eitle Pole, galant und grausam, beredt und kalt. Sie alle waren nur blasse Schatten, diejenige aber, die sie geküßt hatte, saß neben mir, lebendig, jedoch von der Zeit ausgedörrt, körperlos, blutleer, mit einem Herzen ohne Wünsche und Augen ohne Feuer – auch fast ein Schatten.
Sie fuhr fort:
»Ich hatte es schwer in Polen. Dort leben kaltherzige, falsche Menschen. Ich verstand ihre zischelnde Sprache nicht. Sie zischten immer. Was? Gott hat ihnen die zischende Sprache gegeben, weil sie falsch sind wie die Schlange. Ich wußte damals nicht wohin und sah, wie sie sich zum Aufstand gegen euch Russen rüsteten. Ich kam auch nach Bochnia. Ein Jude kaufte mich, nicht für sich, sondern um mich zu verkaufen. Ich ging darauf ein. Um zu leben, muß man etwas können. Ich konnte nichts, deshalb bezahlte ich mit mir. Aber ich sagte mir damals, daß ich die Ketten zerreißen würde, wie stark sie auch sein mochten, sobald ich etwas Geld hatte, um in meine Heimat an den Byrlad zurückzukehren. So blieb ich dort. Reiche Pans besuchten mich und speisten bei mir. Das kam sie teuer zu stehen. Manche stritten sich meinetwegen und richteten sich zugrunde. Einer bemühte sich lange um mich und machte einmal folgendes: Er brachte seinen Diener mit, der trug einen Sack. Den nahm der Pan ihm ab und schüttete ihn über mir aus. Goldmünzen prallten von meinem Kopf ab, und ich hörte vergnügt zu, wie es klang, wenn sie auf den Fußboden fielen. Dennoch jagte ich den Pan fort. Er hatte so ein dickes, feuchtes Gesicht und einen Bauch wie ein großes Kissen. Sein Blick glich dem eines satten Schweins. Ja, ich jagte ihn fort, obwohl er sagte, er habe sein ganzes Land, sein Haus und die Pferde verkauft, um mich mit Gold zu überschütten. Damals liebte ich einen vornehmen Pan mit zerhauenem Gesicht. Die Türken hatten es mit ihren Säbeln so zugerichtet, als er kurz zuvor auf Seiten der Griechen gegen sie gekämpft hatte. Das war ein Mann! Was gingen ihn als Polen die Griechen an? Aber er war mitgezogen und hatte gegen ihre Feinde gekämpft. Die hatten ihn so zerhauen, ein Auge war unter ihren Hieben ausgelaufen, an seiner linken Hand fehlten zwei Finger. Was gingen ihn als Polen die Griechen an? Der Grund war: Er liebte Heldentaten. Und wenn ein Mensch Heldentaten liebt, dann versteht er auch, sie zu vollbringen, und findet sie, wo immer es möglich ist. Weißt du, im Leben ist stets Platz für Heldentaten. Und diejenigen, die sie nicht finden, sind einfach Faulpelze oder Feiglinge, oder sie verstehen das Leben nicht, denn würden die Menschen das Leben verstehen, so würde jeder trachten, einen Schatten zu hinterlassen, wenn er einmal nicht mehr ist. Dann würde das Leben die Menschen nicht spurlos auffressen. Oh, der mit den Säbelnarben war ein guter Mensch! Er wäre ans Ende der Welt gegangen, um eine Tat zu vollbringen. Wahrscheinlich haben die Euren ihn während des Aufstands getötet. Warum seid ihr ausgezogen, die Ungarn zu schlagen? Ach, schweig schon!«
Sie hieß mich schweigen, verstummte mit einemmal selbst und sann nach.
»Ich hab auch einen Ungarn gekannt. Er ging einmal von mir weg – das war im Winter –, und erst im Frühjahr, als der Schnee taute, haben sie ihn auf dem Feld mit durchschossenem Kopf wiedergefunden. So ist das! Du siehst, die Liebe richtet nicht weniger Menschen zugrunde als die Pest. Wenn man nachzählt, sind's bestimmt nicht weniger. Wo bin ich stehen geblieben? Ach ja, in Polen. Dort hab ich mein letztes Spiel gespielt. Ich begegnete einem Schlachtschitzen. War der schön! Wie ein Teufel. Ich aber war schon alt, ach ja! Ich glaube, wohl schon vierzig Jahre? Ja, soviel müssen es gewesen sein. Und er war auch noch stolz und von uns Frauen verwöhnt. Er kam mich teuer zu stehen. Ja. Erst wollte er mich einfach nehmen, aber ich gab mich nicht hin. Nie bin ich eines anderen Sklavin gewesen, niemals. Das mit dem Juden war längst zu Ende, ich hatte ihm viel Geld gegeben. Und lebte auch schon in Krakau. Damals hatte ich alles: Pferde, Geld, Diener. Er kam immer wieder zu mir, dieser stolze Dämon, und wollte, daß ich mich ihm in die Arme warf. Wir stritten uns. Ich weiß, ich bin sogar häßlich geworden davon. Lange zog sich das hin. Aber ich behielt die Oberhand. Auf den Knien flehte er mich an. Kaum hatte er mich jedoch besessen, warf er mich auch schon wieder weg. Da begriff ich, daß ich zu alt war. Oh, diese Erkenntnis war alles andere als süß! Schließlich liebte ich diesen Teufel. Wenn er mich sah, lachte er, es war schon ein Schuft! Und er machte sich auch vor anderen über mich lustig, das wußte ich. Oh, das war bitter, das muß ich sagen! Aber er war wenigstens in meiner Nähe, und ich konnte mich an seinem Anblick erfreuen. Als er dann auszog, um gegen euch Russen zu kämpfen, wurde ich ganz krank. Ich kämpfte mit mir, konnte jedoch nicht standhaft bleiben. Und beschloß, ihm nachzufahren. Er lag in der Gegend von Warschau, im Wald.
Aber als ich ankam, erfuhr ich, daß die Euren sie schon geschlagen hatten . . . und daß er in Gefangenschaft war, in einem Dorf ganz in der Nähe.
Dann werde ich ihn nie wiedersehen, dachte ich. Aber ich wollte ihn sehen. Und setzte alles daran. Ich verkleidete mich als lahme Bettlerin und ging mit halbverhülltem Gesicht in das Dorf, wo er war. Überall waren Kosaken und Soldaten – es war keine leichte Sache, dort herumzustreichen! Ich brachte heraus, wo sich die Polen befanden, erkannte aber auch, daß ich schwer zu ihnen gelangen konnte. Aber es mußte sein. So schlich ich nachts zu der Stelle, wo sie waren. Ich kroch zwischen den Gemüsebeeten eines Gartens entlang, da sah ich einen Posten auf meinem Weg stehen. Schon hörte ich die Polen singen und laut reden. Sie sangen immer dasselbe Lied, von ihrer Mutter Gottes. Er sang auch mit, mein Arkadek. Voll Bitterkeit mußte ich daran denken, wie man früher mir nachgekrochen war. Jetzt war die Zeit gekommen, daß ich wie eine Schlange auf der Erde kroch, um zu einem anderen Menschen zu gelangen, und vielleicht den Tod fand. Der Posten hatte mich schon gehört und beugte sich vor. Was sollte ich tun? Ich erhob mich und ging auf ihn zu. Ich hatte nicht einmal ein Messer bei mir, hatte nichts außer meinen Händen und der Sprache. Ich bedauerte, kein Messer mitgenommen zu haben, und flüsterte: ›Warte doch!‹ Der Soldat hatte mir nämlich schon das Bajonett an die Kehle gesetzt. Ich flüsterte ihm zu: ›Stich mich nicht nieder, warte doch und hör mich an, wenn du eine Seele im Leib hast! Ich kann dir nichts geben und bitte dich . . .‹ Er senkte das Gewehr und sagte gleichfalls im Flüsterton: ›Scher dich weg, Weib! Was willst du hier?‹ Ich erzählte ihm, mein Sohn sei hier eingesperrt. ›Du verstehst, Soldat – mein Sohn! Du bist doch auch einer Mutter Sohn, nicht wahr? Also sieh mich an – ich hab genau so einen geboren, wie du bist, und er ist jetzt dort. Ich möchte ihn nur sehen, vielleicht muß er bald sterben. Vielleicht wirst auch du morgen getötet, wird deine Mutter dann nicht um dich weinen? Und auch dir wird das Sterben schwerfallen, wenn du sie nicht noch einmal gesehen hast, deine Mutter, nicht wahr? Meinem Sohn ergeht's genauso. Deshalb hab Mitleid mit mir, einer Mutter!‹
Oh, ich weiß nicht, wie lange ich ihm zuredete! Es regnete, wir wurden ganz naß. Der Wind heulte und fauchte und stieß mich bald in den Rücken, bald vor die Brust. Schwankend stand ich vor diesem Soldaten, aber er war gefühllos wie Stein und sagte nur immer ›Nein!‹ Und wann immer ich dieses kalte Wort hörte, brannte in mir um so heftiger das Verlangen, meinen Arkadek zu sehen. Ich redete und maß diesen Soldaten mit dem Blick. Er war klein und schmächtig und hustete fortwährend. Da fiel ich vor ihm auf die Erde, umfaßte seine Knie, flehte ihn weiter mit heißen Worten an und warf ihn zu Boden. Er fiel in den Schlamm. Ich drehte ihn schnell mit dem Gesicht zur Erde und drückte seinen Kopf in eine Pfütze, damit er nicht schrie. Er schrie auch nicht, zappelte nur fortwährend und versuchte, mich abzuschütteln. Ich drückte seinen Kopf mit beiden Händen tiefer in den Schlamm. Er erstickte. Da stürzte ich zum Speicher, wo die Polen sangen. ›Arkadek!‹ flüsterte ich durch einen Spalt in der Wand. Schlau waren sie, diese Polen – als sie mich hörten, fuhren sie dennoch fort zu singen! Dann sah ich Arkadeks Augen vor mir. ›Kannst du von hier weg?‹ ›Ja, übers Feld!‹ sagte er. ›Dann komm.‹ Vier von ihnen zwängten sich aus dem Speicher. Drei und mein Arkadek. ›Wo sind die Posten?‹ fragte er. ›Dort liegt einer!‹ Sie gingen leise und tief geduckt. Es regnete, der Wind heulte laut. Wir gelangten aus dem Dorf und gingen lange schweigend durch einen Wald. Wir beeilten uns. Arkadek hielt mich am Arm, seine Hand war heiß und zitterte. Oh! Mir war in seiner Nähe so wohl ums Herz, solange er schwieg. Das waren die letzten Minuten – die letzten schönen Minuten meines gierigen Lebens. Aber dann erreichten wir eine Wiese und blieben stehen. Sie bedankten sich alle bei mir. Oh, sie redeten lange und viel! Ich hörte zu und blickte nur immer auf meinen Pan. Was würde er tun? Und er umarmte mich und sagte ganz feierlich . . . Ich weiß nicht mehr, was er sagte, aber es sollte wohl heißen, daß er mich jetzt aus Dankbarkeit, weil ich ihn gerettet hatte, lieben würde. Und er kniete vor mir nieder und sagte lächelnd: ›Meine Königin!‹ So ein falscher Hund war das! Nun, da gab ich ihm einen Fußtritt und hätte ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen, aber er fuhr zurück und sprang auf. Ganz blaß vor Wut stand er vor mir. Auch die anderen drei standen düster und schwiegen. Ich sah sie mir an. Da wurde mir ganz traurig ums Herz – ich entsinne mich – und eine große Mattigkeit überkam mich. Ich sagte zu ihnen: ›Geht!‹ Da fragten mich diese Hunde: ›Du gehst wohl zurück und zeigst ihnen unseren Weg?‹ Solche Schufte waren das! Aber sie sind doch weitergegangen. Da bin auch ich gegangen. Am anderen Tag haben die Euren mich festgenommen, aber bald wieder freigelassen. Da erkannte ich, daß es für mich Zeit war, ein Nest zu bauen, oder sollte ich vielleicht ein Kuckucksdasein führen? Schwerfällig war ich geworden, meine Flügel waren schwach, mein Gefieder glänzte nicht mehr. Es wurde Zeit, es wurde Zeit! So fuhr ich nach Galizien und von dort in die Dobrudscha. An die dreißig Jahre lebe ich schon hier. Ich hatte auch einen Mann, einen Moldawier. Er ist vor einem Jahr gestorben. Nun lebe ich eben so wie jetzt! Allein. Nein, nicht allein, sondern mit denen da.«
Sie deutete mit einer Handbewegung zum Strand. Dort war alles ruhig. Manchmal erscholl ein kurzer, trügerischer Laut und erstarb sofort wieder.
»Sie lieben mich. Ich erzähle ihnen oft Verschiedenes. Sie brauchen das. Sie sind alle noch jung. Ich fühle mich wohl bei ihnen. Wenn ich sie mir ansehe, denke ich: Es gab mal eine Zeit, da warst du genauso, nur hatte der Mensch damals, zu meiner Zeit, mehr Kraft und Feuer, deshalb war das Leben lustiger und schöner. Jawohl!«
Sie verstummte. Mir war traurig zumute, wie ich so bei ihr saß. Sie schien halb zu schlummern, schaukelte leicht den Kopf hin und her und flüsterte leise – vielleicht betete sie.
Eine Wolke stieg über dem Meer auf – schwarz, schwer, mit düsteren Umrissen gleich einem Berggrat. Sie kroch in die Steppe. Von ihrer Oberseite lösten sich nacheinander Wolkenfetzen, strebten vorwärts und löschten die Sterne einen nach dem anderen. Das Meer begann zu rauschen. In unserer Nähe küßte sich jemand zwischen den Weinstöcken, wurde geflüstert und geseufzt. Tief in der Steppe heulte ein Hund. Die Luft reizte die Nerven mit einem seltsamen, in der Nase kitzelnden Duft. Die Wolken warfen einen dichten Schattenschwarm auf die Erde, er kroch darüber hin, verschwand und tauchte wieder auf. Wo der Mond stand, war nur ein trüber, opalener Fleck zu sehen, der manchmal völlig hinter einem blaugrauen Wolkenfetzen verschwand. Weit draußen in der Steppe, die jetzt schwarz und furchteinflößend aussah, als verkrieche sie sich und verberge etwas, loderten kleine, blaue Flämmchen auf. Sie erschienen kurz bald hier, bald da und erloschen, als suchten mehrere weit über die Steppe verstreuten Leute etwas und zündeten dabei Streichhölzer an, die der Wind sofort ausblies. Es waren höchst seltsame, bläulich züngelnde Flammen wie Irrlichter in einem Märchen.
»Siehst du die Funken dort?« fragte mich Isergil.
»Die hellblauen?« fragte ich und wies auf die Steppe.
»Hellblau? Ja, die. Also fliegen sie wieder. Weißt du, ich sehe sie schon nicht mehr. Ich kann jetzt vieles nicht mehr sehen.«
»Wo rühren sie her?« fragte ich.
Ich hatte schon einiges über die Herkunft dieser Flämmchen vernommen, wollte jedoch hören, was die alte Isergil darüber zu erzählen hatte.
»Die Flämmchen kommen von Dankos brennendem Herzen. Es gab einmal ein Herz auf dieser Welt, das eines Tages aufloderte. Und das sind die Funken davon. Ich will dir darüber erzählen. Es ist auch ein altes Märchen. Ein altes – alles ist alt! Siehst du, wie reich die alte Zeit an allem ist? Jetzt ist es längst nicht mehr so, jetzt gibt's weder die Taten, noch solche Menschen oder Märchen wie in alter Zeit. Warum? Nun, sag's mir! Du kannst es nicht. Was weißt du? Was wißt ihr überhaupt, ihr Jungen? Hehe! Ihr solltet euch die alte Zeit genau ansehen, da findet ihr die Lösung für alle Rätsel. Aber ihr seht nicht und versteht deshalb nicht zu leben. Sehe ich vielleicht das Leben nicht? Oh, ich sehe alles, obwohl meine Augen schlecht sind! Und ich sehe, daß die Menschen nicht leben, sondern nur immer abschätzen und abschätzen und das ganze Leben darauf verwenden. Und wenn sie sich selbst bestehlen, ihre Zeit vergeuden, dann fangen sie an, mit ihrem Schicksal zu hadern. Was hat das Schicksal damit zu tun? Jeder ist sein eigenes Schicksal! Ich sehe jegliche Menschen heutzutage, aber starke sind nicht darunter! Wo sind sie? Auch schöne Menschen werden immer seltener.«
Die Alte sann nach, wo die starken und schönen Menschen wohl geblieben waren, und betrachtete dabei die dunkle Steppe, als suche sie bei ihr Antwort.
Ich wartete auf ihre Erzählung und schwieg wohlweislich, um sie nicht durch eine Zwischenfrage wieder davon abzubringen.
Dann begann sie:
III
»In alter Zeit lebten auf der Erde nur die Menschen, undurchdringliche Wälder umgaben ihre Lagerstätten von drei Seiten, auf der vierten war Steppe. Es waren fröhliche, starke und kühne Menschen. Dann kam eine schwere Zeit: Andere Stämme tauchten auf und trieben die früheren tief in die Wälder. Dort waren Sümpfe und Finsternis, denn es war ein alter Wald, und seine Zweige waren so dicht verflochten, daß man den Himmel nicht sehen konnte und die Sonnenstrahlen im dichten Blattwerk kaum einen Durchschlupf zu den Sümpfen finden konnten. Erreichten sie dennoch das Wasser, so stieg übler Brodel auf, der die Menschen nacheinander dahinraffte. Da wehklagten die Frauen und Kinder dieses Stammes, die Väter aber sannen nach und fielen in Trauer. Sie mußten diesem Wald entrinnen, aber dafür gab es zwei Wege: Der eine führte zurück – dort lauerten starke und grimmige Feinde, der andere nach vorn – da standen riesige Bäume, die einander mit mächtigen Zweigen fest umarmten und die knotigen Wurzeln tief in den zähen Morast versenkten. Tagsüber ragten diese steinharten Riesen reglos schweigend in grauer Dunkelheit, abends, wenn die Lagerfeuer loderten, rückten sie noch enger um die Menschen. Und immerfort, Tag und Nacht, waren diese in einen engen Kreis anhaltender Dunkelheit eingeschlossen, die sich anschickte, sie zu zerdrücken; sie aber waren an die Weite der Steppe gewöhnt. Noch schrecklicher war, wenn der Wind die Wipfel der Bäume peitschte und der ganze Wald dumpf brauste, als drohe er ihnen und singe ein Totenlied für diese Menschen. Es waren dennoch starke Menschen, und sie hätten auf Tod oder Leben mit jenen kämpfen können, von denen sie einst besiegt worden waren, aber sie durften nicht im Kampf sterben, weil sie ein Vermächtnis zu hüten hatten, und würden sie sterben, so würde auch dieses mit ihnen zugrundegehen. Deshalb saßen sie zusammen und sannen in langen Nächten beim dumpfen Rauschen des Waldes, im giftigen Brodel des Sumpfes nach. Ihre von den Feuerstätten erzeugten Schatten huschten um sie in einem lautlosen Tanz, und allen war, als tanzten keine Schatten, sondern als triumphierten die bösen Geister des Waldes und Sumpfes. Lange saßen die Menschen und sannen nach. Aber nichts – weder Arbeit noch Frauen – zehrt mehr an Körper und Seele des Menschen als schwermütiges Nachdenken. Die Menschen waren bald ganz entkräftet davon. Angst keimte auf unter ihnen, lähmte ihre starken Arme, die Frauen weckten Entsetzen, wenn sie die vom giftigen Brodel Verstorbenen oder das Schicksal der von Angst gelähmten, noch Lebenden laut beweinten, und feigherzige Worte wurden im Wald vernehmbar, zuerst zaghaft und leise, dann immer lauter. Schon wollten sie zum Feind gehen und ihm ihre Freiheit als Tribut darbringen, schon fürchtete niemand mehr in seiner Todesfurcht, das Leben eines Sklaven zu führen. Da erschien Danko und rettete sie ganz allein.«
Die Alte hatte wohl schon häufig von Dankos loderndem Herzen erzählt. Sie redete in singendem Ton, und beim Klang ihrer schnarrenden, dumpfen Stimme vermeinte ich, deutlich das Rauschen des Waldes zu hören, in dem die unglücklichen, verfolgten Menschen vom giftigen Brodel des Sumpfes dahingerafft wurden.
»Danko ist so ein Mensch, ein junger, schöner Mann. Schöne Menschen sind immer mutig. So sagte er zu ihnen, seinen Gefährten:
›Nachdenken allein räumt den Stein nicht aus dem Weg. Wer nichts tut, der verändert nichts. Warum vergeuden wir unsere Kraft aufs Nachdenken und Trauern? Erhebt euch, wir dringen in den Wald und durchqueren ihn, denn er hat ein Ende – alles auf der Welt hat ein Ende! Gehen wir! Auf, ihr Leute!‹
Sie schauten ihn an und sahen, daß er der beste von allen war, denn aus seinen Augen leuchtete große Seelenstärke und lebendiges Feuer.
›Führ du uns!‹ sagten sie.
Da führte er sie.«
Die Alte schwieg und blickte in die Steppe, wo sich die Dunkelheit noch mehr verdichtete. In weiter Ferne flammten die Fünkchen von Dankos loderndem Herzen auf und sahen aus wie hellblaue Luftblüten, die nur für einen Augenblick erblühten.
»Danko führte sie. Sie folgten ihm einmütig, denn sie glaubten an ihn. Es war ein schwerer Weg! Dunkel war es, und bei jedem Schritt öffnete der Sumpf seinen gierigen, fäulnisatmenden Schlund und verschlang einige der Menschen, und die Bäume stellten sich ihnen als mächtige Mauer in den Weg. Ihre Zweige waren miteinander verschlungen; wie Schlangen krümmten sich überall Wurzeln, und jeder Schritt kostete die Menschen Schweiß und Blut. Sie gingen lange. Immer dichter wurde der Wald, immer mehr schwanden ihre Kräfte! Nun huben sie an, gegen Danko zu murren und sagten, er habe sie in seiner Jugend und Unerfahrenheit vergebens diesen Weg geführt. Er aber ging voran und war munter und guter Dinge.
Einmal jedoch brach ein Gewitter über dem Wald los, die Bäume raunten dumpf und drohend. Nun wurde es so dunkel im Wald, als hätten sich hier mit einemmal sämtliche Nächte versammelt, wie viele es auf der Welt auch gab, seit sie entstanden war. Im schrecklichen Krachen der Blitze zwängten sich die kleinen Menschen zwischen die riesigen Bäume und taumelten weiter, die Baumriesen knarrten und raunten zornige Lieder, und die über den Wipfeln zuckenden Blitze tauchten den Wald für einen Augenblick in kaltes, blaues Licht, erloschen ebenso schnell, wie sie aufgeflammt waren, und erfüllten die Menschen mit banger Furcht. Die vom kalten Licht der Blitze beleuchteten Bäume schienen lebendig zu sein, breiteten ihre knorrigen, langen Arme um die Menschen, die der Gefangenschaft der Finsternis entrinnen wollten, verflochten sich zu einem dichten Netz und versuchten, die Menschen festzuhalten. Etwas Schreckliches, Dunkles und Kaltes blickte auf die den Wald Durchquerenden. Es war ein mühevoller Weg, die Menschen waren erschöpft und ließen allen Mut sinken. Aber sie schämten sich des Eingeständnisses ihrer Schwäche und entluden ihren Zorn und ihre ohnmächtige Wut über Danko, dem Mann, der ihnen voranschritt. Sie warfen ihm vor, er sei unfähig, sie zu führen. Soweit war es gekommen!
Erschöpft und zornig blieben sie stehen und begannen, ihn unter dem triumphierenden Rauschen des Waldes zu verurteilen.
›Du bist ein nichtswürdiger Mensch, der uns Schaden zufügt! Du hast uns geführt, wir sind erschöpft, und dafür wirst du sterben!‹
›Ihr habt gesagt: Führe uns! – und ich hab euch geführt!‹ rief Danko und trat ihnen gegenüber. ›Ich habe den Mut, zu führen, deshalb habe ich es auf mich genommen! Ihr aber? Was habt ihr getan, um euch zu helfen? Ihr seid nur mitgegangen und habt nicht vermocht, eure Kräfte für einen längeren Weg einzuteilen! Ihr seid nur mitgegangen wie eine Herde Schafe!‹
Diese Worte erzürnten sie jedoch noch mehr.
›Sterben wirst du! Sterben!‹ brüllten sie.
Der Wald aber brauste fortwährend und pflichtete ihrem Geschrei bei, und die Blitze zerfetzten die Dunkelheit. Danko blickte diejenigen an, um derentwillen er die schwere Bürde auf sich genommen hatte, und sah, daß sie wie Tiere waren. Viele Menschen standen um ihn, aber ihre Gesichter zeigten keinen Edelmut, und er konnte von ihnen kein Erbarmen erwarten. Da flammte Entrüstung in seinem Herzen auf, erlosch jedoch wieder aus Mitleid mit ihnen. Er liebte die Menschen und glaubte, daß sie ohne ihn vielleicht umkommen würden. Und sein Herz loderte in inbrünstigem Verlangen, sie zu retten, auf einen leichteren Weg zu führen, und in seinen Augen leuchtete der Widerschein dieses machtvollen Feuers. Als die Menschen das sahen, glaubten sie, er sei rasend vor Wut, weil seine Augen so hell loderten, und blickten lauernd wie Wölfe in der Erwartung, daß er mit ihnen kämpfen wolle. Sie umringten ihn noch dichter, damit sie es leichter hatten, ihn zu ergreifen und zu töten. Er aber erriet ihre Gedanken, und davon loderte sein Herz noch heller auf; denn diese ihre Absicht erfüllte ihn mit Schmerz.
Der Wald aber sang noch immer sein düsteres Lied, der Donner rollte, und der Regen prasselte.
›Was kann ich für die Menschen tun?‹ rief Danko lauter als der Donner.
Und plötzlich öffnete er sich mit den Händen die Brust, riß sein Herz heraus und hielt es hoch über seinen Kopf.
Es loderte so hell wie die Sonne, und heller als die Sonne, und der ganze Wald verstummte im Schein dieser Fackel einer großen Liebe zu den Menschen; die Dunkelheit wich vor dem Lichtschein zurück und stürzte tief im Wald zuckend in den fauligen Rachen des Sumpfes. Die Menschen aber standen wie versteinert und staunten.
›Wir gehen weiter!‹ rief Danko, stellte sich wieder an ihre Spitze, hielt sein brennendes Herz hoch und beleuchtete den Menschen den Weg.
Sie folgten ihm wie gebannt. Da begann der Wald wieder zu rauschen, die Wipfel schwankten verwundert, aber das Rauschen wurde übertönt durch das Trappen der dahineilenden Menschen. Alle liefen nun schnell und unverzagt, angezogen durch das wundersame Schauspiel des lodernden Herzens. Wohl kamen auch jetzt noch einige um, aber ohne Klagen und Tränen. Und Danko ging immer voran, und sein Herz loderte und loderte!
Und plötzlich trat der Wald vor ihm auseinander, blieb als feste, stumme Mauer hinter ihnen, und Danko und all jene Menschen tauchten in ein Meer von Sonnenlicht und reiner, vom Regen gewaschener Luft. Das Gewitter lag dort hinter ihnen, über dem Wald, und hier schien die Sonne, seufzte die Steppe, glitzerte das Gras im funkelnden Glanz des Regens, schimmerte golden ein Fluß. Es war Abend, und die Strahlen der untergehenden Sonne färbten ihn rot wie das Blut, das in einem heißen Strahl aus Dankos aufgerissener Brust brach.
Der stolze, kühne Danko blickte voraus in die weite Steppe, ließ einen freudigen Blick über das freie Land schweifen und lachte stolz. Dann fiel er zu Boden – und starb.
Die Menschen aber waren so von Freude und Hoffnung erfüllt, daß sie seinen Tod gar nicht bemerkten und nicht sahen, wie neben seinem Leichnam sein kühnes Herz loderte. Einer nur, ein vorsichtiger Mann, bemerkte es und trat in unbestimmter Furcht mit dem Fuß auf das stolze Herz. Da zersprühte es in unzähligen Funken und erlosch.
Daher rühren sie, die blauen Funken der Steppe, die stets vor einem Gewitter erscheinen!«
Jetzt, da die Alte ihre wundersame Legende beendet hatte, wurde es ungeheuer still in der Steppe, als sei sie ganz betroffen von der Kraft des kühnen Danko, der sein Herz für die Menschen entzündet hatte und gestorben war, ohne sich von ihnen eine Belohnung zu erbitten. Die Alte schlummerte ein wenig. Ich schaute sie an und dachte: Wieviel Sagen und Erinnerungen hat sie in ihrem Gedächtnis noch aufbewahrt? Und ich dachte an Dankos großes, loderndes Herz und die menschliche Phantasie, die so viele schöne und kraftspendende Legenden geschaffen hat.
Der Wind wehte und entblößte die dürre Brust der in Lumpen gehüllten alten Isergil, die nun fest schlief. Ich deckte ihren alten Körper zu und legte mich neben sie auf die Erde. In der Steppe war es still und dunkel. Noch immer krochen Wolken über den Himmel, langsam, träge. Das Meer rauschte dumpf und traurig.
Mein Weggefährte
I
Er begegnete mir im Odessaer Hafen. Seine stämmige, untersetzte Gestalt und das von einem hübschen Bärtchen umrahmte Gesicht orientalischen Typs fesselten schon seit zwei, drei Tagen meine Aufmerksamkeit. Er tauchte beständig vor mir auf; ich sah ihn stundenlang auf dem Granit der Mole stehen, den Knauf seines Spazierstocks im Mund, und mit den mandelförmigen schwarzen Augen gelangweilt das trübe Hafenwasser betrachten; zehnmal am Tage schlenderte er mit dem Gang eines sorglosen Mannes an mir vorüber. Wer war er? Ich beobachtete ihn. Er wiederum kam mir, wie um absichtlich meine Neugier zu reizen, immer öfter unter die Augen; ich lernte seinen modischen, karierten hellen Anzug, den schwarzen Hut, den trägen Gang und den stumpfen, unbeteiligten Blick schon von weitem unterscheiden. Er war mir hier, inmitten des Heulens der Dampfer und Lokomotiven, des Gerassels der Ketten, der Rufe der Arbeiter, in all dem irren, nervösen Gewühl des Hafens, das von allen Seiten auf den Menschen eindrang, schier unerklärlich. Alle hatten Sorgen und waren erschöpft, alle hasteten, verschwitzt und voller Staub, umher, alle schrien und schimpften. Und inmitten dieses Arbeitsgewühls schritt die seltsame Gestalt mit dem leblosen, gelangweilten Gesicht gemächlich umher, gleichgültig gegen alles und allem fremd.
Ich stieß schließlich – gegen Mittag des vierten Tages – wieder auf ihn und beschloß, unter allen Umständen herauszubekommen, wer er war. Ich ließ mich in seiner Nähe mit einer Wassermelone und einem Stück Brot nieder, aß und beobachtete ihn, wobei ich mir überlegte, wie ich die Unterhaltung mit ihm am geschicktesten eröffnen könnte.
Er lehnte an einem Stapel Kisten mit Tee, blickte sich ziellos nach allen Seiten um und fingerte an seinem Spazierstock wie auf einer Flöte.
Mir, in meinem Landstreicherstaat, der ich den Tragriemen des Hafenarbeiters auf dem Rücken hatte und völlig mit Kohlenstaub beschmiert war, schien es gar nicht so einfach, diesen Stutzer in ein Gespräch zu ziehen. Aber dann stellte ich zu meiner Verwunderung fest, daß er kein Auge von mir wandte und mich mit unangenehmen, begehrlichen Blicken anstarrte, die wie die eines Tieres glommen. Ich entschied, das Objekt meiner Beobachtungen müsse Hunger leiden, sah mich rasch nach allen Seiten um und erkundigte mich mit leiser Stimme: »Haben Sie Hunger?«
Er zuckte zusammen, bleckte gierig die gesunden, dicht beieinander stehenden Zähne – mir schien, es seien an hundert – und sah sich seinerseits mißtrauisch um.
Niemand beachtete uns. Da hielt ich ihm die halbe Wassermelone und ein Stück Weizenbrot hin. Er ergriff das eine wie das andere und verschwand hinter dem Warenstapel, wo er sich niederließ. Hin und wieder steckte er den Kopf mit dem schwarzen Hut heraus; der Hut war in den Nacken geschoben und gab die braune, schwitzende Stirn frei. Ein strahlendes Lächeln erhellte das ganze Gesicht; er zwinkerte mir aus irgendeinem Grunde zu, vergaß aber keinen Augenblick das Kauen. Ich machte ihm durch ein Zeichen klar, er solle auf mich warten, und ging, um Fleisch zu kaufen; ich kaufte es, kam zurück, gab es ihm und baute mich so neben den Kisten auf, daß ich den Stutzer fremden Blicken völlig entzog. Bis dahin hatte er sich beim Essen in einem fort mißtrauisch umgeblickt, als fürchte er, man würde ihm den Bissen wegnehmen; jetzt kaute er schon ruhiger, aber immer noch so gierig und schnell, daß mir der Anblick des ausgehungerten Burschen weh tat und ich mich abwandte.
»Ich danke! Ich danke särr!« Er faßte mich an der Schulter und schüttelte mich, griff nach meiner Hand, drückte sie und schüttelte auch sie erbarmungslos.
Fünf Minuten später setzte er mir schon auseinander, wer er war.
Grusinier, ein Fürst Schakro Ptadse, einziger Sohn eines reichen Gutsbesitzers aus der Umgebung von Kutais; er hatte als Kontorist auf einer Station der Transkaukasischen Eisenbahn gearbeitet und mit einem Berufsgenossen das Zimmer geteilt. Der nun war plötzlich verschwunden und hatte das Geld und die Wertsachen des Fürsten mitgehen heißen, worauf sich der Fürst auf seine Verfolgung machte. Er erfuhr durch Zufall, daß sein Arbeitsgefährte eine Fahrkarte nach Batum gelöst hatte; der Fürst fuhr nach Batum. Dort stellte sich heraus, daß der Gesuchte nach Odessa weitergereist war. Da ließ sich der Fürst den Paß eines gewissen Wano Swanidse geben, eines Friseurs, der zwar gleichaltrig mit ihm war, aber den Kennzeichen nach schlecht zu ihm paßte, und brach nach Odessa auf. Dort meldete er den Diebstahl der Polizei, und man versprach ihm, den Dieb zu fassen; er wartete vierzehn Tage, verbrauchte sein ganzes Geld und hatte seit mehr als vierundzwanzig Stunden keinen Krümel gegessen.
Ich hörte seiner mit Schimpfworten vermischten Geschichte zu, blickte ihn an und glaubte ihm; der Bursche tat mir leid – er stand im zwanzigsten Lebensjahr, aber man konnte ihn seiner Einfalt wegen auch jünger schätzen. Er kam wiederholt und mit tiefer Entrüstung auf die feste Freundschaft zu sprechen, die ihn mit diesem Gefährten verbunden hatte; der Dieb, erklärte Schakro, habe ihm Dinge gestohlen, für deren Verlust sein rauher Vater ihn »erstächen« werde, wenn er sie nicht wiederfinden würde. Ich sagte mir, man müsse dem Burschen helfen, sonst würde ihn die Stadt in ihren Strudel einsaugen. Ich wußte, welche nichtigen Zufälle die Klasse der Landstreicher oder »Barfüßler« manchmal auffüllen; und Fürst Schakro boten sich hier die besten Aussichten, in diesen achtbaren, aber wenig geachteten Stand hineinzugeraten. Ich beschloß, ihm zu helfen, und schlug vor, zum Polizeimeister zu gehen und ihn um einen Fahrschein zu bitten, er wurde jedoch verlegen und erklärte, das werde er nicht tun. Und warum? Es stellte sich heraus, daß er dem Wirt, bei dem er abgestiegen war, kein Geld gezahlt, dafür aber, als man es von ihm verlangte, jemanden geschlagen hatte; danach war er verschwunden und sagte sich jetzt mit Recht, die Polizei werde weder für die Zahlungsverweigerung noch für den Schlag Verständnis aufbringen; beiläufig gesagt, erinnerte er sich auch nicht genau, ob er nur einmal zugeschlagen hatte und nicht gleich zwei-, drei- oder viermal.
Das machte die Lage komplizierter. Ich beschloß zu arbeiten, bis ich das Fahrgeld nach Batum für ihn beisammen hatte, nur stellte sich leider heraus, daß das nicht so bald sein werde – der ausgehungerte Schakro aß für drei oder mehr.
Der Tagelohn im Hafen stand damals infolge des Zustroms von »Hungernden« aus den Mißerntegebieten sehr niedrig, und von den achtzig Kopeken, die ich verdiente, verzehrten wir sechzig. Außerdem hatte ich, noch bevor ich den Fürsten traf, beschlossen, nach der Krim zu gehen, und wollte mich darum nicht lange in Odessa aufhalten. Ich schlug Schakro also vor, zu Fuß mit mir aufzubrechen, und zwar unter folgender Bedingung: wenn es mir nicht gelang, einen Weggefährten für ihn zu finden, dann würde ich ihn bis Tiflis begleiten, gelang es mir aber, dann würden wir uns trennen.
Der Fürst ging mit dem Blick über die stutzerhaften Schuhe, den Hut, die Hosen hin, strich liebevoll die Jacke glatt, überlegte, seufzte mehrmals und willigte ein. Und schließlich machten wir uns auf den Weg – von Odessa nach Tiflis.
II
Als wir in Cherson ankamen, hatte ich meinen Weggefährten als naiv-ursprünglichen, höchst unentwickelten Burschen kennengelernt, fröhlich, wenn er satt war, verzagt, wenn er Hunger hatte, mit einem Wort – als starkes, gutmütiges Tier.
Unterwegs erzählte er mir vom Kaukasus, vom Leben der grusinischen Gutsbesitzer, von ihren Vergnügungen und ihrem Verhältnis zu den Bauern. Seine Erzählungen waren interessant und auf eigenartige Weise schön, ließen aber ihn selbst in äußerst ungünstigem Licht erscheinen. Er erzählte zum Beispiel von folgendem Vorfall.
Bei einem reichen Fürsten waren die Nachbarn zu einem Schmaus zusammengeströmt; man trank Wein, aß Schaschlyk und Tschurek, aß süße Pastetchen und Pilaw; und schließlich führte der Fürst die Gäste in den Pferdestall. Man sattelte die Pferde. Der Fürst nahm sich das beste und jagte über das Feld dahin. Es war ein feuriges Pferd. Die Gäste lobten seinen Bau und seine Schnelligkeit, der Fürst galoppierte aufs neue davon, und plötzlich sprengte ein Bauer auf einem Schimmel daher und überholte den Fürsten – tat's und lachte stolz. Der Fürst aber fühlte sich vor seinen Gästen blamiert . . . Er runzelte grimmig die Brauen, winkte den Bauern heran und hieb ihm, als er vor ihm hielt, den Kopf mit dem Säbel ab; das Pferd aber tötete er durch einen Revolverschuß ins Ohr. Dann stellte er sich den Behörden. Und man verurteilte ihn zu Zwangsarbeit . . .
Schakro erzählte mir das im Tone des Bedauerns über das Los des Fürsten. Ich versuchte ihm zu beweisen, daß er kein Mitleid verdiente, doch er belehrte mich: »Es gibt wenig Fürsten, aber viele Bauern. Man darf einen Fürsten nicht eines Bauern wegen värrurteilen. Was ist ein Bauer? Das hier!« Und Schakro hielt mir einen Klumpen Erde hin. »Und ein Fürst – das ist wie ein Stärn!«
Wir stritten uns, und er ärgerte sich. Wenn er sich ärgerte, bleckte er wie ein Wolf die Zähne und bekam ein spitzes Gesicht.
»Schweig still, Maxim! Du kennst das Leben im Kaukasus nicht!« schrie er mich an.
Meine Argumente kamen gegen seine Unmittelbarkeit nicht auf, und das, was mir klar war, erschien ihm lächerlich. Wenn ich ihn mit Beweisen für die Überlegenheiten meiner Ansichten in die Enge trieb, überlegte er nicht lange und erwiderte: »Geh in den Kaukasus und lebbe dort. Du wirst sehen, daß ich die Wahrheit sage. Alle machen es so – also ist es so richtig. Warum soll ich dir glauben, wenn du als einziger sagst – das ist värrkehrt, während Tausende sagen – das ist richtig?«
Da schwieg ich dann, weil ich einsah, daß man einem Menschen, der daran glaubt, das Leben sei, so wie es ist, durchaus gerecht und legitim, nicht mit Worten, sondern mit Tatsachen kommen muß. Ich schwieg, und er erging sich, begeistert mit den Lippen schmatzend, über das Leben im Kaukasus, über seine wilde Schönheit, Feurigkeit und Originalität. Diese Erzählungen, die mich interessierten und fesselten, empörten mich zugleich und brachten mich durch ihre Grausamkeit, durch die Anbetung des Reichtums und der rohen Gewalt zur Raserei. Eines Tages fragte ich ihn, ob er die Lehre Christi kenne.
»Selbstvärrständlich!« entgegnete er und zuckte mit den Schultern.
Im weiteren stellte sich jedoch heraus, daß er nur wußte, es habe jemand gegeben, der Christus hieß, der sich gegen die Gesetze der Juden aufgelehnt hatte und von ihnen gekreuzigt wurde. Er sei aber ein Gott gewesen und gar nicht am Kreuz gestorben, sondern zum Himmel aufgefahren, worauf er den Menschen ein neues Lebensgesetz gegeben habe.
»Und welches?« fragte ich.
Er sah mich mit spöttischem Befremden an und erkundigte sich: »Du bist doch Christ? Na also! Auch ich bin Christ. Fast alle Menschen auf der Ärrde sind Christen. Warum also fragst du? Du siehst doch, wie alle lebben, oder nicht? Das ebben ist das Gebot Christi.«
Ich begann ihm erregt vom Leben Christi zu erzählen. Er hörte mir zuerst aufmerksam zu, aber dann ließ seine Aufmerksamkeit nach, und alles endete mit einem Gähnen.
Ich sah, daß er mit dem Herzen nicht bei der Sache war, wandte mich aufs neue an seinen Verstand und setzte ihm die Vorteile der gegenseitigen Hilfe, die Vorteile des Wissens, die Vorteile der Gesetzlichkeit, mit einem Wort Vorteile, lauter Vorteile auseinander . . . Doch alle meine Argumente zerfielen angesichts der steinernen Mauer seiner Auffassung von der Welt zu nichts.
»Wer stark ist, trägt sein Gesetz in sich! Ärr braucht nichts zu lernen, ärr findet seinen Weg, auch wenn ärr blind!« widersprach Fürst Schakro träge.
Er verstand es, sich selber treu zu bleiben. Das weckte Achtung vor ihm in mir; er war aber auch rückständig und grausam, und manchmal fühlte ich, wie Haß gegen ihn in mir aufflackerte. Ich verlor aber dennoch nicht die Hoffnung, einen Berührungspunkt zwischen uns zu finden, eine Basis, auf der wir uns näherkommen und verstehen könnten.
Wir überschritten die Landenge von Perekop und näherten uns Jaila. Ich träumte von der Südküste der Krim, der Fürst summte seltsame Lieder und war düsterer Stimmung. Wir hatten unser ganzes Geld verbraucht, und eine Möglichkeit, welches zu verdienen, war vorerst nicht zu erkennen. So strebten wir auf Feodossija zu, wo man zu jener Zeit mit dem Ausbau des Hafens beginnen wollte.
Der Fürst erklärte mir, auch er würde arbeiten, wir würden genug verdienen, um mit dem Schiff nach Batum zu fahren. Er habe dort viele Bekannte und könne mir sogleich eine Anstellung als Hausknecht oder Pförtner verschaffen. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte mit genüßlichem Zungenschnalzen und in gönnerhaftem Ton:
»Ich richte dir ein Lebben ein – so! Zze, zze! Du wirst Wein trinken, soviel zu willst, und Hammelfleisch essen, soviel du willst! Du heiratest Grusinierin, dicke Grusinierin, zze, zze, zze! Sie wird dir Pasteten backen und Kinder – viele Kinder – gebären, zze, zze!«
Dieses »zze, zze« setzte mich zunächst in Erstaunen, ging mir dann aber auf die Nerven und brachte mich schließlich bis zu trübseliger Raserei. In Rußland lockt man mit diesem Laut die Schweine, im Kaukasus dagegen drückt er Entzücken, Bedauern, Vergnügen und Kummer aus.
Schakros modischer Anzug war bereits stark lädiert, die Schuhe wiesen an vielen Stellen Risse auf. Den Spazierstock und den Hut hatten wir in Cherson verkauft. An Stelle des Hutes erwarb Schakro eine alte Eisenbahnermütze.
Als er sie zum erstenmal aufsetzte und sie verwegen auf das eine Ohr schob, erkundigte er sich bei »Kleidet ärr mich? Ist ärr schick?«
III
Wir waren also auf der Krim, hatten Simferopol hinter uns und befanden uns auf dem Wege nach Jalta.
Ich schritt in stummem Entzücken über die Schönheit der Natur auf diesem vom Meer umschmeichelten Stückchen Erde dahin. Der Fürst seufzte, blickte sich betrübt nach allen Seiten um und versuchte, den leeren Magen mit allerlei seltsamen Beeren zu füllen. Die Bekanntschaft mit ihren Nährkräften blieb nicht immer ungestraft; wiederholt sagte er mit grimmigem Humor zu mir: »Wenn ärr mich umwirft, wie soll ich dann weitergehen? He? Sage mir – wie?«
Eine Möglichkeit, etwas zu verdienen, bot sich nicht, und wir ernährten uns, da wir keine Kopeke besaßen, um Brot zu kaufen, von Obst und Zukunftshoffnungen. Schakro warf mir allmählich Faulheit und »Maulaffenfeilhaltigkeit« vor, wie er sich ausdrückte. Überhaupt wurde er mir zur Last, wobei er mich aber am meisten durch Erzählungen von seinem märchenhaften Appetit quälte. Er konnte, so behauptete er, nachdem er um zwölf Uhr als Frühstück »ein kleines Lämmchen« verspeist und drei Flaschen Wein geleert hatte, um zwei, zum Mittagessen, ohne sich sonderlich anzustrengen, drei Teller »Tschachachbili« oder »Tschichirtma«, eine Schüssel Pilaw, einen Spieß Schaschlyk, »Tolma, soviel du willst« und andere kaukasische Leckerbissen verzehren und Wein dazu trinken, »soviel ärr belibbt«. Er erzählte tagelang von seinen gastronomischen Neigungen und Kenntnissen, wobei er die Zähne bleckte, mit ihnen knirschte, laut den Speichel einsog, der ausgiebig von seinen beredten Lippen spritzte, und ihn hinunterschluckte.
Eines Tages, in der Nähe von Jalta, verdingte ich mich, einen Obstgarten von den heruntergeschnittenen Zweigen zu säubern, ließ mir den Lohn im voraus zahlen und kaufte fürs ganze Geld – es waren fünfzig Kopeken – Brot und Fleisch für uns ein. Als ich mit meinem Einkauf zurückkehrte, wurde ich zum Gärtner gerufen und hinterließ das Erworbene bei Schakro, der – unter dem Vorwand, er habe Kopfschmerzen – die Arbeit abgelehnt hatte. Ich kam nach einer Stunde zurück und mußte mich überzeugen, daß Schakro nicht übertrieb, wenn er von seinem Appetit erzählte – von meinem Einkauf war nicht das kleinste Krümel übrig. Das war nicht kameradschaftlich gehandelt, aber ich schwieg dazu – zu meinem Unglück, wie sich im folgenden herausstellte.
Schakro nahm mein Schweigen zur Kenntnis und machte es sich auf seine Weise zunutze. Und etwas erstaunlich Ungereimtes begann. Ich rackerte mich ab, während er sich unter den verschiedensten Vorwänden vor der Arbeit drückte, aber mich dazu antrieb, aß und schlief. Der Anblick dieses gesunden Burschen war komisch und betrüblich zugleich: wenn ich müde von der Arbeit zurückkehrte, wartete er in einem schattigen Winkel auf mich und tastete mich gierig mit den Augen ab. Noch trauriger und kränkender aber war, daß er sich über mich lustig machte, weil ich arbeitete. Und der Grund? Er hatte inzwischen betteln gelernt. Als er damit begann, genierte er sich noch vor mir, später bereitete er sich, wenn wir uns einem Tatarendorf näherten, vor meinen Augen auf den Almosenempfang vor. Zu diesem Zweck stützte er sich auf einen Stock und schleifte den einen Fuß, als habe er Schmerzen, nach, denn er wußte, die knausrigen Tataren würden einem gesunden Burschen nichts geben. Ich machte ihm Vorwürfe und bemühte mich, ihm das Beschämende dieser Betätigung auseinanderzusetzen.
»Ich värrstehe nicht zu arbeiten!« entgegnete er kurz.
Das Betteln brachte ihm nicht viel ein. Ich fing zu jener Zeit zu kränkeln an, das Wandern fiel mir mit jedem Tag schwerer, und mein Verhältnis zu Schakro spitzte sich immer mehr zu. Er verlangte nun schon mit aller Bestimmtheit, daß ich ihn ernähre.
»Hast du übernommen, mich hinzuführen? Dann tu's! Aber wie kann ich so weit zu Fuß gehen? Ich bin es nicht gewöhnt! Womöglich stärrbe ich davon! Warum quälst du mich, warum bringst du mich um? Wenn ich stärrbe – wie wird dann alles sein? Die Mutter wird weinen, der Vater wird weinen, die Freunde wärrden weinen! Wie viele Tränen macht das?«
Ich hörte mir diese Reden an, ohne mich über sie zu ärgern. In jenen Tagen schlich sich eine sonderbare Überlegung bei mir ein, die mich veranlaßte, alles das zu ertragen. Da lag er manchmal und schlief, und ich saß neben ihm, betrachtete sein ruhiges, unbewegliches Gesicht und wiederholte vor mich hin, als dämmere es in mir: »Mein Weggefährte . . ., ein Weggefährte von mir . . .«
Und in meinem Bewußtsein regte sich undeutlich der Gedanke, Schakro nehme nur seine Rechte wahr, wenn er so überzeugt, so selbstverständlich Beistand und Fürsorge von mir verlangte. In dieser Forderung war Charakter und Willensstärke. Er machte mich zum Sklaven, und ich ging darauf ein, beobachtete ihn, beobachtete jedes Zucken seines Gesichts und versuchte, mir vorzustellen, wann und womit dieser Prozeß der Inbesitznahme einer fremden Persönlichkeit enden würde. Er dagegen fühlte sich ausgezeichnet, sang, schlief und machte sich, wenn ihm der Sinn danach stand, über mich lustig. Manchmal gingen wir für zwei, drei Tage nach verschiedenen Richtungen auseinander; ich versorgte ihn, soweit vorhanden, mit Brot und Geld und gab an, wo er mich erwarten solle. Wenn wir uns dann trafen, kam er mir, nachdem er mich mißtraurisch und mit betrübtem Grollen hatte scheiden lassen, vergnügt und triumphierend entgegen, lachte und versicherte jedesmal: »Und ich hab schon geglaubt, du bist auf und davon gegangen, hast mich värrlassen! Ha, ha, ha!«
Ich gab ihm zu essen, erzählte ihm von den schönen Gegenden, die ich gesehen hatte, und brachte eines Tages, als ich auf Bachtschisarai zu sprechen kam, die Rede auf Puschkin, von dem ich einige Verse anführte. All das machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn. »Äh, Värrse! Das heißt nicht Värrse, das heißt Lidder! Ich habe jemand gekannt, einen Grusinier, der konnte Lidder singen! Das waren Lidder! Wenn der zu singen anfing – ei, ei, ei! Und laut sang er, sehr laut . . . Als drehe ihm jemand einen Dolch im Halse um! Er hat einen Duchanwirt ärrstochen und ist jetzt in Sibirien.«
Ich sank mit jeder Rückkehr zu ihm immer tiefer in seiner Achtung, und er verstand nicht, es zu verbergen.
Es ging uns nicht gut. Ich fand mit Mühe und Not Gelegenheit, einen bis anderthalb Rubel in der Woche zu verdienen, und das war für zwei natürlich weniger als zuwenig. Die Almosen, die Schakro empfing, ergaben keine Ersparnis hinsichtlich der Ernährung. Sein Magen stellte einen kleinen Abgrund dar, der unterschiedslos alles verschlang – Weintrauben, Zuckermelonen, gesalzenen Fisch, Brot, Dörrobst; der Abgrund schien sich zu erweitern und immer neue Opfer zu fordern.
Schakro drängte mich allmählich, die Krim zu verlassen, und setzte mir durchaus vernünftig auseinander, es sei schon Herbst und wir hätten noch einen langen Weg. Ich gab ihm recht. Außerdem hatte ich mir diesen Teil der Krim schon angesehen. Wir brachen also nach Feodossija auf, wo wir ein bißchen Geld zusammenzukratzen hofften; an Geld fehlte es uns nach wie vor.
Wir machten zwanzig Werst hinter Aluschta halt, um zu übernachten. Ich hatte Schakro überredet, den Weg entlang der Küste zu nehmen, obwohl er weiter war – ich wollte mich an der Meeresluft satt atmen. Wir zündeten ein Feuer an und streckten uns neben ihm aus. Es war ein wunderbarer Abend. Unten schlug das dunkelgrüne Meer gegen die Felsen, oben schwieg feierlich der blaue Himmel, ringsum raschelten leise Büsche und Bäume. Der Mond ging auf. Vom gezackten Platanenlaub fielen Schatten auf die Erde. Ein Vogel sang übermütig und hell. Seine silbernen Triller zergingen in der vom leisen und freundlichen Rauschen der Wellen erfüllten Luft; wenn sie verstummten, hörte man das nervöse Zirpen irgendeines Insekts. Lustig brannte das Lagerfeuer, und seine Flamme erschien als lodernder Strauß roter und gelber Blumen. Auch das Lagerfeuer gebar Schatten; sie tanzten und sprangen um uns herum, als prahlten sie vor den trägen Schatten des Mondes mit ihrer Lebendigkeit. Der weite Horizont über dem Meer war leer, der Himmel über ihm wolkenlos, ich fühlte mich an den Rand der Erde versetzt und in die Betrachtung des Weltenraums versinken – dieses Rätsels, das unsere Seele bannt. Das scheue Gefühl, etwas Großem, Erhabenem nahe zu sein, erfüllte mich, und mein Herz stand erschaudernd still.
Schakro brach plötzlich in lautes Lachen aus.
»Ha, ha, ha! Was du für dumme Fratze machst! Ganz wie Hammel! Ha, ha, ha!«
Ich erschrak, als wäre ein Donnerschlag über mir niedergegangen. Nein, es war schlimmer! Nun ja, es war zwar komisch, aber wie kränkend zugleich! Schakro lachte Tränen; auch ich war nahe am Weinen – aus einem anderen Grunde. In meinem Hals steckte ein Stein, ich konnte nicht sprechen und starrte ihn mit irren Augen an, was seine Heiterkeit nur noch mehr verstärkte. Er wälzte sich auf der Erde und hielt sich vor Lachen den Bauch; ich konnte noch immer nicht über die Beleidigung zu mir kommen, die er mir zugefügt hatte. Es war eine schwere Beleidigung, und die wenigen, die mich, wie ich hoffe, verstehen werden, weil sie möglicherweise ähnliches erfahren haben, werden ihre Schwere ermessen können.
»Hör auf!« schrie ich ihn außer mir vor Wut an.
Er erschrak und zuckte zusammen, konnte sich aber noch immer nicht beruhigen; die Lachkrämpfe würgten ihn aufs neue, er blies die Wangen auf und bekam Glotzaugen, brach jedoch plötzlich wieder in Lachen aus. Da stand ich auf und ging davon. Ich schritt eine ganze Weile dahin, gedankenlos, beinah bewußtlos, vom brennenden Gift der Kränkung erfüllt. Ich hatte die ganze Natur umarmt und ihr schweigend, aus tiefstem Herzen meine Liebe erklärt, die heiße Liebe eines Menschen, der wohl ein wenig Dichter ist . . ., und sie war in Gestalt Schakros in schallendes Gelächter über meine Verzücktheit ausgebrochen! Ich wäre bei der Abfassung meiner Anklageschrift gegen die Natur, gegen Schakro und die ganze Ordnung des Lebens sicherlich noch viel weiter gegangen, hätte ich nicht rasche Schritte hinter mir gehört.
»Ärrgärr dich nicht!« sagte Schakro verlegen und berührte zaghaft meine Schulter. »Du hast gebetet? Das habe ich nicht gewußt.«
Er sprach im schüchternen Ton eines Kindes, das ungezogen gewesen ist, und ich konnte trotz meiner Erregung seine klägliche, von Angst und Verlegenheit komisch verzerrte Miene nicht übersehen.
»Ich wärrde dich nicht märr anrühren. Bestimmt nicht! Niemals!«
Und er schüttelte verneinend den Kopf.
»Ich sehe, du bist still. Du arbeitest. Und mich zwingst du nicht. Da denke ich – weshalb? Bedeutet – ärr ist dumm wie Hammel.«
Und das sollte ein Trost sein! Damit entschuldigte er sich vor mir! Nach solchen Tröstungen und Entschuldigungen blieb mir natürlich nichts übrig, als ihm zu verzeihen – und nicht nur das Geschehene, sondern auch das, was noch geschehen würde.
Eine halbe Stunde später war er fest eingeschlafen, und ich saß neben ihm und blickte ihn an. Im Schlaf erscheint selbst der Starke hilflos und schutzbedürftig – Schakro war mitleiderregend. Die dicken Lippen und die gehobenen Brauen gaben seinem Gesicht etwas Kindliches, Furchtsam-Erstauntes. Er atmete gleichmäßig und ruhig, drehte sich aber gelegentlich hin und her und redete im Traum, wobei er hastig und in bittendem Ton grusinisch sprach. Ringsherum herrschte jene angespannte Stille, bei der man immer auf etwas wartet und die, wenn sie lange andauerte, den Menschen um den Verstand bringen würde – durch die völlige Abwesenheit eines Lauts, dieses lebendigen Schattens der Bewegung. Das leise Plätschern der Wellen drang nicht bis zu uns – wir befanden uns in einer Art Grube, die von dornigem Buschwerk überwuchert war und an den zottigen Schlund eines versteinerten Tieres erinnerte. Ich blickte auf Schakro und dachte: Das ist mein Weggefährte . . . Ich könnte ihn hier verlassen, aber entgehen kann ich ihm nicht, denn sein Name ist – Legion . . . Er ist mein Weggefährte fürs ganze Leben . . ., er wird mich bis an mein Grab begleiten.
Feodossija erfüllte unsere Erwartungen nicht. Als wir ankamen, waren dort schon an die vierhundert Mann versammelt, die wie wir auf Arbeit gehofft hatten und sich nun mit der Rolle von Zuschauern beim Bau der Mole begnügen mußten. Es arbeiteten Türken, Griechen, Grusinier und Leute aus den Gouvernements Poltawa und Smolensk. Überall – in der Stadt und ihrer Umgebung – streiften die niedergeschlagenen grauen Gestalten der Hungernden in Gruppen umher und streunten Landstreicher vom Asowschen Meer und aus der Tauris wie Wölfe durch die Gegend.
Wir machten uns auf den Weg nach Kertsch.
Mein Weggefährte hielt Wort und »rührte mich nicht mehr an«; er litt jedoch sehr unter dem Hunger und knirschte geradezu mit den Zähnen, wenn er jemanden essen sah; und er brachte mich zum Entsetzen, wenn er schilderte, welche Mengen an der oder jener Nahrung er hinunterschlingen könnte. Seit einiger Zeit beschäftigte er sich in seinen Reden auch mit den Frauen. Zuerst nur beiläufig, dann immer häufiger und mit dem lüsternen Lächeln des »Mänschen aus dem Orient«; am Ende war er so weit, daß er kein Wesen weiblichen Geschlechts, einerlei, in welchem Alter es stand und wie es aussah, an sich vorbeilassen konnte, ohne mir eine praktisch-philosophische Schlüpfrigkeit hinsichtlich dieses oder jenes Körperteils des betreffenden Wesens mitzuteilen. Er erging sich so frei, mit solcher Kenntnis des Gegenstandes über die Frauen und betrachtete sie von einem so erstaunlich unverfrorenen Standpunkt, daß ich nur ausspie . . . Eines Tages versuchte ich, ihm zu beweisen, daß eine Frau ein Wesen sei, das ihm in keiner Weise nachstehe, sah jedoch, daß er über meine Ansichten nicht nur gekränkt war, sondern über die Demütigung, der ich ihn seiner Meinung nach aussetzte, beinah in Raserei geriet; und ich beschloß, meine Versuche so lange zurückzustellen, bis er sich satt gegessen haben würde.
Nach Kertsch gingen wir – zwecks Abkürzung des Weges – nicht mehr entlang der Küste, sondern durch die Steppe; in meinem Tippelsack hatten wir nur einen Gerstenfladen von etwa drei Pfund, den wir für unsere letzten fünf Kopeken bei einem Tataren erstanden hatten. Schakros Versuche, in den Dörfern um Brot zu betteln, führten zu nichts; überall hieß es kurz: »Ihr seid zu viele!« Das war die reinste Wahrheit – es gab in diesem schweren Jahr tatsächlich erschreckend viele Menschen, die ein Stück Brot suchten.
Mein Weggefährte konnte die »Hungernden« nicht ausstehen – sie waren seine Konkurrenz beim Betteln. Trotz aller Mühsal des Wanderns und der schlechten Ernährung hinderte ihn sein Vorrat an Lebenskraft daran, das ausgemergelte, klägliche Aussehen zu erwerben, auf das jene mit gutem Recht stolz sein konnten – als etwas auf seine Art Vollkommenes. Schon wenn er sie von weitem erblickte, sagte er: »Da – wieder welche! Pfui, pfui, pfui! Was wollen sie hier? Was kommen sie ärrst her? Ist Rußland denn so eng? Värrsteh ich nicht! Särr dummes Volk – die Russen!«
Und wenn ich ihm die Gründe auseinandersetzte, die das »dumme« russische Volk bewogen, sich auf der Krim nach einem Stück Brot umzutun, schüttelte er nur ungläubig den Kopf und entgegnete: »Värrsteh ich nicht! Wie ist das möglich? Bei uns in Grusinien gibt solche Dummheiten nicht!«
Wir kamen in Kertsch am späten Abend an und sahen uns genötigt, unter dem Steg zu übernachten, der von einer Dampferanlegestelle zum Ufer führte. Wir hatten unsere Gründe, uns zu verbergen; uns war bekannt, daß man kurz vor unserer Ankunft alles überflüssige Volk – die Stromer – aus Kertsch ausgewiesen hatte, und wir befürchteten, von der Polizei ergriffen zu werden; da aber Schakro mit einem fremden Paß unterwegs war, konnte das zu ernsthaften Komplikationen in unserem Schicksal führen.
Die Wellen der Meerenge überschütteten uns die ganze Nacht ausgiebig mit Spritzern, und als der Morgen graute, kamen wir naß und durchfroren unter dem Steg hervor. Wir streiften den ganzen Tag am Ufer umher, aber alles, was uns zu verdienen gelang, waren zehn Kopeken – ich bekam sie von einer Popenfrau, der ich einen Sack Zuckermelonen vom Markt nach Hause trug.
Wir mußten über die Meerenge nach Taman. Aber kein Fährmann war bereit, uns als Ruderer ans andere Ufer mitzunehmen, sosehr ich auch darum bat. Alle waren gegen die Stromer eingestellt, die hier kurz vor unserer Ankunft allerlei Heldentaten vollbracht hatten; und uns zählte man nicht zu Unrecht zu dieser Kategorie.
Als es Abend wurde, entschloß ich mich – aus Ärger über meine Mißerfolge und über die ganze Welt – zu einem ziemlich gewagten Unternehmen, das ich mit Anbruch der Nacht zur Ausführung brachte.
IV
Schakro und ich näherten uns vorsichtig einer Brandwache der Zollverwaltung, neben der drei Boote lagen, mit Ketten an Ringen festgemacht, die in die steinerne Kaimauer eingelassen waren. Es war dunkel und windig, die Boote stießen aneinander, die Ketten klirrten. Die richtigen Umstände, um einen Ring zu lockern und aus der Mauer zu reißen . . .
Etwa fünf Arschin über uns ging eine Zollwache auf und ab und pfiff vor sich hin. Wenn der Wachmann in der Nähe stehenblieb, unterbrach ich die Arbeit, aber das war übertriebene Vorsicht; er konnte nicht annehmen, daß unten jemand bis an den Hals im Wasser saß. Außerdem klirrten die Ketten ununterbrochen, auch ohne mein Zutun. Schakro lag bereits auf dem Boden des Bootes ausgestreckt und flüsterte mir etwas zu, das ich des Rauschens der Wellen wegen aber nicht verstehen konnte. Schließlich hielt ich den Ring in meinen Händen . . . Eine Welle warf das Boot hoch und trug es vom Ufer fort. Ich hielt mich an der Kette fest und schwamm neben ihm her; dann kletterte ich hinein. Wir deckten zwei Laufplanken ab, schoben sie in die Rudergabeln und fuhren los.
Die Wellen gingen hoch, und Schakro, der am Heck saß, versank vor meinen Augen zusammen mit dem Heck irgendwo in der Tiefe, oder er tauchte hoch über mir auf, schrie und stürzte beinahe auf mich. Ich riet ihm, nicht zu schreien, wenn der Wachtposten ihn nicht hören sollte. Da schwieg er. Ich sah an Stelle seines Gesichts nur einen weißen Fleck. Er hielt die ganze Zeit das Steuer. Wir kamen nicht dazu, die Rollen zu tauschen, und fürchteten uns auch, die Plätze zu wechseln. Ich rief ihm zu, wie er das Steuer halten sollte, er verstand mich sofort und führte alles mit der Promptheit eines geborenen Seemannes aus. Die Bretter, die uns die Ruder ersetzen mußten, nutzten mir nicht viel. Der Wind blies von achtern, ich kümmerte mich wenig darum, wohin er uns trieb, und achtete nur darauf, daß der Bug quer zur Meerenge stand. Das ließ sich leicht feststellen, da die Lichter von Kertsch noch zu sehen waren. Die Wellen lugten über die Bordwände zu uns herein und rauschten ärgerlich; je weiter es uns in die Meerenge hinaustrieb, desto höher wurden sie. In der Ferne hörte man schon ein wildes, bedrohliches Brüllen. Das Boot aber jagte immer schneller dahin, und es war äußerst schwer, den Kurs zu halten. Wir stürzten alle Augenblicke in einen tiefen Abgrund, oder wir schossen einen Wellenberg hinauf; die Nacht wurde immer dunkler, die Wolken sanken immer tiefer auf uns herab. Die Lichter hinter dem Heck erloschen in der Finsternis, es wurde auf einmal unheimlich. Die Fläche des zornigen Wassers schien keine Grenzen zu haben. Man sah nur Wellen, die aus dem Dunkel auf uns zujagten. Sie rissen mir das eine Brett aus der Hand, das andere warf ich auf den Bootsboden und klammerte mich mit beiden Händen an die Bordwände. Schakro heulte jedesmal wie ein Irrer auf, wenn das Boot in die Höhe geschleudert wurde. Ich fühlte mich in dieser Finsternis, umgeben von den tobenden Elementen und betäubt von ihrem Lärmen, kläglich und ohnmächtig. Ohne Hoffnung im Herzen, von böser Verzweiflung gepackt, unterschied ich nur die Wellen neben mir mit ihren weißlichen, in salzige Spritzer zersprühenden Kämmen und über mir die dichten, zottigen Wolken, die an Wellen erinnerten. Ich verstand nur eins – alles, was sich um mich herum tat, hätte unvergleich wilder und schrecklicher sein können, und es kränkte mich, daß es sich zurückhielt und nicht so war. Der Tod ist unausbleiblich. Doch dieses leidenschaftslose, alles nivellierende Gesetz will irgendwie beschönigt sein – es ist denn doch zu niederschmetternd und roh. Wenn ich die Wahl hätte, im Feuer zu verbrennen oder im Sumpf zu enden, ich würde das erste vorziehen – das ist immerhin irgendwie schicklicher . . .
»Setzen wir Segel!« rief Schakro.
»Wo ist es?« fragte ich.
»Hier – der Kosakenrock . . .«
»Wirf ihn herüber! Aber laß das Steuer nicht los!«
Schakro machte sich schweigend am Heck zu schaffen.
»Halt fest!«
Er warf mir den Kosakenrock zu. Ich riß, mit Mühe und Not auf dem Bootsboden herumkriechend, eine weitere Laufplanke los, schob ihr Ende in den Ärmel des festen Kleidungsstücks, richtete sie neben der Bootsbank auf, wobei ich mich mit den Fäusten gegen sie stemmte, und nahm gerade den anderen Ärmel und den Rockschoß in die Hände, als etwas Überraschendes geschah . . . Das Boot schoß irgendwie besonders hoch, sauste wieder in die Tiefe, und ich lag plötzlich im Wasser, in der einen Hand den Kosakenrock und mit der anderen die Rettungsleine umklammernd, die außen am Bord entlanglief. Die Wellen ergossen sich über meinen Kopf, und ich schluckte salziges, bitter schmeckendes Wasser. Es füllte meine Ohren, die Nase, den Mund. Mit beiden Händen fest an die Leine geklammert, hob und senkte ich mich mit den Wellen, schleuderte den Kosakenrock ins Boot und versuchte, selber hineinzuschnellen. Einer von meinen Dutzend Versuchen gelang, ich saß rittlings auf unserem Boot und erblickte im selben Augenblick Schakro, der sich im Wasser überschlug und mit beiden Händen an der Leine festhielt, die ich soeben losgelassen hatte. Sie lief, wie sich herausstellte, um das Boot herum und war durch eiserne Ringe gezogen, die in die Bordwand eingelassen waren.
»Du lebst!« rief ich ihm zu.
Auch er schnellte sich aus dem Wasser und plumpste auf den Boden des Bootes. Ich fing ihn dabei auf, und wir befanden uns plötzlich Kopf an Kopf nebeneinander. Ich saß auf dem Boot, als wäre es ein Pferd, die Füße unter der Leine durchgesteckt wie in Steigbügeln, was jedoch eine wenig verläßliche Sicherung war – jede Welle konnte mich leicht aus dem Sattel heben. Schakro umklammerte meine Knie und drückte den Kopf an meine Brust. Er zitterte am ganzen Körper, und ich hörte, wie seine Kinnladen klapperten. Es mußte etwas geschehen! Der Bootsboden war glitschig, als wäre er geölt. Ich sagte zu Schakro, er solle wieder ins Wasser steigen und sich auf seiner Seite an der Leine festhalten, ich würde dasselbe auf der anderen tun. Statt zu antworten, stukte er mich mit dem Kopf gegen die Brust. Die Wellen brausten alle Augenblicke in wildem Tanz über uns hinweg, und wir konnten uns kaum noch halten – die Leine schnitt mich äußerst schmerzhaft in den einen Fuß. Überall in Sichtweite wuchsen hohe Wellenberge empor, die wieder in sich zusammensanken.
Ich wiederholte das Gesagte, nun schon im Ton eines Befehls. Schakro stieß mich noch heftiger mit dem Kopf gegen die Brust. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich riß seine Hände nacheinander von mir los und versuchte, ihn ins Wasser zu drängen, wobei ich aber darauf achtete, daß er die Leine fassen konnte. Und hier geschah etwas, das mich mehr erschreckte als alles andere in dieser Nacht.
»Du willst mich ärrtränken?« flüsterte Schakro und sah mir in die Augen.
Das war tatsächlich furchtbar! Furchtbar war seine Frage, noch furchtbarer der Ton, in dem sowohl scheue Ergebenheit als auch die Bitte um Gnade und der letzte Seufzer eines Menschen mitklangen, der die Hoffnung verloren hat, dem Verhängnis zu entrinnen. Am furchtbarsten aber waren die Augen in seinem nassen, totenblassen Gesicht.
Ich rief ihm zu:
»Halt dich gut fest!« Und ich ließ mich, die Hände an der Leine, selber ins Wasser gleiten. Ich stieß gegen etwas mit dem Fuß und begriff vor Schmerzen im ersten Augenblick nicht das geringste. Aber dann verstand ich. Etwas Heißes flammte in mir auf, ich war wie berauscht und fühlte mich stark wie noch nie . . .
»Land!« schrie ich auf.
Vielleicht haben die großen Seefahrer, wenn sie neue Länder entdecken, dieses Wort bei ihrem Anblick mit tieferem Gefühl hinausgeschrien als ich, aber ich glaube nicht, daß sie es lauter taten. Schakro brach in ein Freudengeheul aus, und wir warfen uns ins Wasser. Doch wir kühlten beide rasch wieder ab – das Wasser ging uns noch bis an die Brust, und von wesentlicheren Merkmalen trockenen Landes war nirgends etwas zu entdecken. Die Wellen gingen allerdings nicht mehr so hoch und stürzten nicht über uns, sondern rollten nur träge über uns hin. Das Boot hatte ich zum Glück nicht losgelassen. Schakro und ich stellten uns an seine beiden Seiten, machten uns, die eine Hand an der Rettungsleine, vorsichtig irgendwohin auf den Weg und zogen es hinter uns her.
Schakro murmelte etwas vor sich hin und lachte. Ich sah mich besorgt nach allen Seiten um. Es war dunkel. Hinter uns und rechts von uns klang das Rauschen der Wellen lauter, vor uns und links leiser. Wir hielten uns mehr links. Der Boden war sandig und fest, aber voller Unebenheiten; manchmal hatten wir keinen Grund und ruderten mit den Beinen und der einen Hand, während wir uns mit der anderen am Boot festhielten; dann wieder reichte uns das Wasser nur bis ans Knie. An den tiefen Stellen brach Schakro in Jammergeheul aus, während ich vor Angst zitterte. Und plötzlich – die Rettung! Ein Licht blitzte vor uns auf.
Schakro brüllte darauf los, so laut er konnte; ich vergaß keinen Augenblick, daß das Boot staatliches Eigentum war, und machte ihn schleunigst darauf aufmerksam. Er verstummte, aber wenige Minuten später hörte ich ihn schluchzen. Ich konnte ihn nicht beruhigen – ich wußte nicht, womit.
Das Wasser wurde immer seichter . . ., es reichte uns nur noch bis an das Knie . . ., dann nur noch bis an den Knöchel . . . Wir zogen noch immer das Boot hinter uns her; aber dann verließen uns die Kräfte, und wir gaben es auf. Auf unserem Wege lag irgendein schwarzer Knorren. Wir übersprangen ihn und gerieten mit den nackten Füßen in stachliges Gras. Das tat weh und war von seiten des trockenen Landes nicht eben gastfreundlich, doch wir beachteten es nicht und liefen auf das Feuer zu. Es mochte eine Werst von uns entfernt sein, loderte lustig und schien uns lachend zu begrüßen.
V
Drei riesige zottige Hunde, die sich irgendwoher aus der Dunkelheit lösten, stürzten auf uns zu. Schakro, der die ganze Zeit krampfhaft geschluchzt hatte, schrie auf und ließ sich auf die Erde fallen. Ich warf mit dem nassen Kosakenrock nach ihnen, bückte mich und tastete mit der Hand nach einem Stock oder einem Stein. Es fand sich nichts, und ich zerstach mir nur am harschen Gras die Hände. Die Hunde sprangen mich einmütig an. Da steckte ich zwei Finger in den Mund und pfiff, so laut ich konnte. Sie wichen zurück, und im selben Augenblick hörte man ein Stampfen und die Stimmen von herbeieilenden Menschen.
Wenige Minuten später saßen wir am Lagerfeuer im Kreis von vier Schafhirten, die mit Schafpelzen bekleidet waren, das Fell nach außen.
Zwei davon saßen auf der Erde und rauchten, ein dritter – hochgewachsen, mit dichtem schwarzem Bart, eine kaukasische Pelzmütze auf dem Kopf – stand hinter uns und stützte sich auf einen Stock mit einem riesigen Knauf aus Wurzelholz; der vierte, ein blonder junger Bursche, half dem weinenden Schakro beim Ausziehen. Ungefähr fünf Sashen von uns entfernt war die Erde weithin mit einer dicken, wellenförmigen grauen Schicht bedeckt, die an Schnee im Frühling erinnerte, wenn es zu tauen beginnt. Nur wenn man lange und aufmerksam hinsah, konnte man die Umrisse der einzelnen dicht aneinandergeschmiegten Schafe erkennen. Es waren mehrere Tausend; der Schlaf und die nächtliche Dunkelheit hatten sie zu einer dichten, warmen, dicken Schicht zusammengedrängt, die die Steppe bedeckte. Dann und wann hörte man ein klägliches, furchtsames Blöken.
Ich trocknete den Kosakenrock über dem Feuer, erzählte den Schafhirten, wie sich alles zugetragen hatte, und verschwieg auch nicht, auf welche Weise ich in den Besitz des Bootes gekommen war.
»Wo ist es nun, dieses Boot?« fragte mich ein strenger grauhaariger Alter, der mich unverwandt anblickte.
Ich sagte es ihm.
»Geh doch mal hin, Michal, und sieh nach!«
Michal – das war der mit dem schwarzen Bart – schulterte seinen Stock und machte sich auf den Weg zum Strand.
Schakro, der vor Kälte zitterte, bat mich, ihm den warmen, aber noch nassen Kosakenrock zu geben, doch der Alte sagte: »Warte! Lauf erst ein Stück, damit sich das Blut erwärmt. Lauf um das Feuer herum, los!«
Schakro verstand nicht gleich, sprang dann aber plötzlich auf und führte, nackt, wie er war, einen wilden Tanz auf, flog wie ein Ball über das Feuer, drehte sich auf der Stelle, stampfte mit den Füßen, schrie aus voller Kehle und schwang die Arme. Es war ein Bild zum Totlachen. Zwei von den Hirten wälzten sich auf der Erde und wieherten; und nur der Alte bemühte sich mit ernster, unerschütterlicher Miene, im Takt des Tanzes in die Hände zu klatschen, schaffte es aber nicht, den Takt zu erfassen; er sah Schakro kopfschüttelnd und mit zuckendem Schnurrbart zu und rief in einem fort mit tiefer Baßstimme: »Hei – ha! Ja, so! Hei – ha! Buz, buz!«
Schakro wand sich im Schein des Feuers wie eine Schlange, hüpfte auf einem Bein oder tänzelte auf beiden dahin; sein Körper glänzte und bedeckte sich mit großen Schweißtropfen, die rot erschienen wie Blut.
Jetzt klatschten schon alle drei Schafhirten in die Hände; ich ließ mich, vor Kälte zitternd, am Feuer trocknen und sagte mir, das Erlebnis dieses Abenteuers hätte einen Verehrer Coopers oder Jules Vernes glücklich gemacht; alles war da – ein Schiffbruch, gastfreie Eingeborene und der Tanz eines Wilden um das Lagerfeuer.
Schließlich saß Schakro, in den Kosakenrock gemummt, auf der Erde, aß etwas und blickte mich mit seinen schwarzen Augen an, in denen etwas glomm, das mich unangenehm berührte. Seine Kleidung trocknete an Stangen, die neben dem Feuer in der Erde steckten. Auch mir gab man Brot und gesalzenen Speck.
Michal kam zurück und setzte sich schweigend neben den Alten.
»Nun?« fragte der Alte.
»Das Boot ist da!« sagte Michal kurz.
»Kann es nicht fortgeschwemmt werden?«
»Nein.«
Und alle verstummten und blickten mich forschend an.
»Was ist?« fragte schließlich Michal, ohne sich an jemand Bestimmten zu wenden. »Schaffen wir sie nun in das Kosakendorf zum Ataman oder direkt zu den Zöllnern?«
Niemand gab Antwort. Schakro aß ruhig weiter.
»Man kann sie zum Ataman schaffen . . ., man kann sie auch zu den Zöllnern schaffen . . . Das eine ist so gut wie das andere . . .«, sagte nach einigem Schweigen der Alte.
»Warte mal, Großvater . . .«, begann ich.
Doch er beachtete mich nicht im geringsten.
»Ja, so ist das, Michal! Das Boot ist also da?«
»Ja . . .«
»Gut. Und das Wasser wird es nicht fortschwemmen?«
»Bestimmt nicht.«
»Dann soll es doch liegenbleiben, wo es liegt. Und morgen, wenn die Fährleute nach Kertsch fahren, nehmen sie es mit. Weshalb sollten sie auch ein leeres Boot nicht mitnehmen? Wie? Na eben . . . Und ihr . . . Zerschlissenen – Zerrissenen . . ., habt ihr . . ., wie heißt das? . . . Habt ihr denn keine Angst gehabt? Nein? Schau einer an! Und dabei – noch eine halbe Werst, und ihr wäret auf dem offenen Meer gewesen! Was hättet ihr gemacht, wenn's euch hinausgetrieben hätte? He? Ihr wärt doch untergegangen wie zwei Beile! Ertrunken wärt ihr, und aus!«
Der Alte hielt inne, sah mich an und lächelte spöttisch in den Bart hinein.
»Warum sagst du denn nichts, mein Junge?«
Ich hatte seine Betrachtungen, die ich nicht verstand und für Spott hielt, satt.
»Weil ich dir zuhöre!« entgegnete ich ziemlich barsch.
»Na und?« erkundigte sich der Alte.
»Na und gar nichts!«
»Und wieso äffst du mir nach? Gehört sich das, jemand nachzuäffen, der älter ist als man selbst?«
Ich schwieg.
»Und willst du noch etwas essen?« fuhr der Alte fort.
»Nein.«
»Gut, dann laß es bleiben. Wer nicht will, der hat schon. Aber vielleicht nimmst du etwas Brot auf den Weg mit?«
Ich zuckte vor Freude zusammen, verriet mich aber nicht.
»Auf den Weg schon«, entgegnete ich ruhig.
»Aha! Dann gebt ihnen also Brot und Speck mit auf den Weg. Aber vielleicht ist noch etwas anderes da? Dann gebt ihnen auch davon.«
»Ja, lassen wir sie denn laufen?« fragte Michal.
Die beiden anderen blickten den Alten an.
»Was sollen sie denn bei uns?«
»Aber wir wollten sie doch zum Ataman . . . oder zu den Zöllnern bringen . . .«, wandte Michal enttäuscht ein.
Schakro wurde neben dem Lagerfeuer lebendig und steckte den Kopf unter dem Kosakenrock hervor. Er war gelassen.
»Was sollen sie denn beim Ataman? Sie haben dort, meine ich, nichts verloren. Sie können ja später zu ihm hingehen . . ., wenn sie wollen.«
»Und was ist mit dem Boot?« Michal gab nicht nach.
»Mit dem Boot?« fragte der Alte zurück. »Was soll schon mit ihm sein? Es liegt doch dort?«
»Das tut es«, entgegnete Michal.
»Na also, soll es doch! Morgen früh fährt es Iwaschka zur Anlegestelle . . ., und von dort nehmen sie's mit nach Kertsch. Weiter haben wir mit dem Boot nichts zu schaffen.«
Ich blickte den alten Schafhirten unverwandt an, konnte aber auf seinem phlegmatischen, sonnengebräunten und wetterharten Gesicht, auf dem die Schatten vom Lagerfeuer spielten, keinerlei Bewegung entdecken.
»Wenn wir nur keine Unannehmlichkeiten bekommen . . .«, lenkte Michal allmählich ein.
»Wenn du die Zunge im Zaum hältst, sollten wohl keine dabei herauskommen. Bringt man sie aber zum Ataman, dann würde das, mein ich, allerlei Scherereien ergeben – sowohl für sie als auch für uns. Wir haben mit unserer Arbeit zu tun, und sie müssen weiter. He, wo wollt ihr denn hin?« erkundigte sich der Alte, obwohl ich es ihm bereits gesagt hatte.
»Nach Tiflis.«
»Ein weiter Weg! Da siehst du's! Der Ataman aber würde sie eine Weile festhalten. Wenn er sie aber festhält, wann kommen sie dann ans Ziel? Sollen sie also ihres Weges ziehen! Was meint ihr?«
»Nun ja, warum auch nicht, sollen sie nur!« pflichteten die Gefährten bei, als der Alte seine langsamen Erörterungen beendet hatte, die Lippen fest aufeinanderpreßte, die grauen Barthaare zwischen den Fingern drehte und sich fragend im Kreise umsah.
»Also, Jungen, dann geht, geht mit Gott!« winkte der Alte ab. »Und das Boot schicken wir morgen hin, wo es hingehört. Einverstanden?«
»Hab Dank, Großvater!« sagte ich und nahm die Mütze ab.
»Ja, wofür denn?«
»Hab Dank, hab Dank, du Guter!« wiederholte ich bewegt.
»Aber wofür bedankst du dich denn? Seltsamer Kauz! Ich habe gesagt – geht mit Gott, und er bedankt sich dafür! Ja, hast du denn geglaubt, ich würde euch zum Teufel schicken? Wie?«
»Ja, das habe ich, muß ich zu meiner Schande bekennen!« entgegnete ich.
»Oh!« sagte der Alte und hob die Brauen. »Warum sollte ich einen Menschen auf den Pfad des Bösen schicken? Ich schicke ihn lieber auf den, den ich selber gehe. Vielleicht begegnen wir uns noch einmal – dann sind wir schon alte Bekannte. Wer weiß, ob man einander nicht wieder helfen muß . . . Lebt wohl!«
Er nahm die zottige Lammfellmütze ab und verneigte sich vor uns. Das taten auch seine Gefährten. Wir wollten nach Anapa, fragten nach dem Weg und gingen. Schakro lachte aus irgendeinem Grunde...
VI
»Warum lachst du?« fragte ich ihn.
Ich war vom alten Schafhirten und von seiner Lebensmoral entzückt, war entzückt vom frischen, leichten vormorgendlichen Wind, der uns entgegenwehte, ich war entzückt, weil es aufklarte, weil am heiteren Himmel bald die Sonne aufgehen mußte, weil ein funkelnder, schöner Tag über der Erde heraufzuziehen versprach.
Schakro blinzelte mir pfiffig zu und lachte noch lauter. Auch ich mußte lächeln, von seinem fröhlichen, gesunden Lachen angesteckt. Nach den zwei, drei Stunden, die wir am Lagerfeuer der Schafhirten verbracht hatten, und dem schmackhaften Brot mit Speck, das wir gegessen hatten, verspürten wir trotz unseres anstrengenden Abenteuers nur noch ein leichtes Schmerzen in den Knochen; aber das tat unserer Freude keinen Abbruch.
»Nun, warum lachst du? Du freust dich wohl, daß du am Leben geblieben bist? Daß du am Leben geblieben und obendrein auch noch satt bist?«
Schakro schüttelte verneinend den Kopf, stieß mich mit dem Ellenbogen in die Seite, schnitt eine Grimasse, lachte von neuem los und begann schließlich in seiner gebrochenen Redeweise: »Du värrstehst nicht, warum ich lache? Nein? Wirst du gleich värrstehen! Weißt du, was ich machen, wenn sie uns zu diesem Ataman gebracht hätten? Du weißt es nicht? Ich hätte von dir gesagt: Ärr wollte mich ärrtränken! Und wäre in Tränen ausgebrochen. Dann hätte ich ihnen leid getan und wäre nicht in Gefängnis gesetzt. Värrstehst du?«
Ich hielt das zuerst für einen Scherz, aber leider wußte er mich vom Ernst seines Vorhabens zu überzeugen. Er setzte mir alles so gründlich und so eindeutig auseinander, daß ich, statt seines naiven Zynismus wegen wütend auf ihn zu werden, tiefstes Mitleid mit ihm empfand. Was kann man auch anderes für einen Menschen empfinden, der mit strahlendem Lächeln und in offenherzigstem Ton erzählt, er habe einen umbringen wollen? Was fängt man mit ihm an, wenn er eine solche Handlung als netten, geistreichen Scherz betrachtet?
Ich machte mich mit Eifer daran, Schakro die ganze Unmoral seiner Absicht zu beweisen. Er hielt mir ganz einfach entgegen, ich verstünde mich nicht auf seinen Vorteil, vergesse, daß er mit einem fremden Ausweis lebe und daß man kein Verständnis dafür aufbringen werde.
Plötzlich blitzte ein böser Gedanke in mir auf.
»Warte mal!« sagte ich, »glaubst du denn wirklich, daß ich dich ertränken wollte?«
»Nein! Als du mich in Wasser gedrängt, habe ich es geglaubt, als du aber selber hinein – da nicht!«
»Gott sei gelobt!« rief ich. »Auch dafür meinen Dank!«
»Nein, sag mir nicht Dank! Ich wärrde danken! Dort, an Lagerfeuer – du hast gefroren, und ich habe gefroren. Der Kosakenrock gehört dir – du hast ihn dir nicht genommen. Du hast ihn getrocknet und mir gegeben. Und selber nichts gehabt. Da hast du mein Dank! Ich värrstehe – du bist ein särr guter Mensch. Wann wir kommen nach Tiflis, kriegst du für alles zurück. Ich führe dich zu mein Vater. Ich sage zu mein Vater – das ist ein Mensch! Gib ihm zu essen, gib ihm zu trinken, aber mich – in Eselstall! So wärrde ich sagen! Du wirst bei uns leben, wirst Gärtner machen, wirst Wein trinken und essen, was du willst! Ei, ei, ei! Wirst ein särr gutes Lebben haben! Ganz einfach – iß und trink aus ein und derselben Schüssel mit mir!«
Er malte lange und in aller Ausführlichkeit die Reize des Lebens aus, das ich bei ihm in Tiflis dank seiner Fürsorge führen würde. Ich ließ ihn reden und dachte an das große Elend jener Menschen, die, mit einer neuen Moral und neuen Wünschen ausgerüstet, einsam den anderen vorauseilen und auf Weggefährten stoßen, die ihnen fremd sind, die unfähig sind, sie zu verstehen . . . Das Leben dieser Einsamen ist schwer! Sie schweben über der Erde, in der Luft . . . Aber sie treiben in ihr gleich Samen von gutem Getreide dahin, wenn sie auch selten auf fruchtbaren Boden fallen . . .
Es tagte. Das ferne Meer erglänzte wie rosa Gold.
»Ich will schlafen!« sagte Schakro.
Wir machten halt. Er legte sich in eine Senke, die der Wind unweit des Ufers im trockenen Sand gegraben hatte, hüllte sich – gleich mit dem Kopf – in den Kosakenrock und schlief ein. Ich saß neben ihm und blickte aufs Meer.
Es lebte sein großes, von machtvoller Bewegung erfülltes Leben. Die Wellen rollten rauschend aufs Ufer zu und zerschellten auf dem Sand – er sog das Wasser ein und zischte leise. Die weißen Mähnen schüttelnd, schlugen die vordersten donnernd gegen das Land und fluteten, von ihm abgewehrt, zurück; sie trafen auf andere, die kamen, um sie zu unterstützen. Fest umschlungen, rollten sie, in Schaum und Spritzer gehüllt, wieder das Ufer hinauf und peitschten es im Bestreben, die Schranken ihres Lebens auszudehnen. Vom Horizont bis zum Ufer, über der ganzen Fläche des Meeres, bäumten sich starke, geschmeidige Wogen auf und drängten geschlossen voran, eng miteinander verbunden durch die Einheit des Ziels . . . Die Sonne tauchte ihre Kämme in immer grelleres Licht, und am Horizont, bei den entferntesten Wellen, erschienen sie blutrot. Kein Tropfen ging spurlos in dieser titanenhaften Bewegung der Wassermassen verloren, die – so konnte man meinen – von einem bewußten Ziel beseelt waren und es nun mit diesen wuchtigen rhythmischen Schlägen zu erreichen suchten. Die schöne Tapferkeit der vordersten Wellen, die hitzig das schweigende Ufer hinaufstürmten, fesselte das Auge, und es tat wohl, zu sehen, wie hinter ihnen einmütig und ruhig das ganze Meer gezogen kam, dieses gewaltige, von der Sonne nun schon in alle Regenbogenfarben getauchte und vom Bewußtsein seiner Schönheit und seiner Kraft erfüllte Meer.
Die Wellen zerteilend, kam hinter einem Kap ein riesiger Dampfer zum Vorschein und glitt, selbstgefällig auf dem bewegten Schoß des Meeres schaukelnd, rasch über die Kämme der Wellen dahin, die sich zornig auf seine Bordwände stürzten. Stark und schön, funkelte er metallisch in der Sonne und hätte mich zu anderer Zeit vielleicht auf den Gedanken vom stolzen Triumpf der Menschen über die Naturgewalten gebracht . . . Aber neben mir lag ein Mensch, der selber ein Stück Naturgewalt war.
VII
Wir befanden uns im Gebiet des Terek. Schakro war unwahrscheinlich zerlumpt und abgerissen, dabei verteufelt böse, obwohl er nicht mehr zu hungern brauchte, da es genug zu verdienen gab. Er erwies sich als zu jeder Arbeit unfähig. Eines Tages versuchte er, sich an die Dreschmaschine zu stellen und das Stroh beiseite zu harken, hörte aber bei Halbzeit auf, weil er sich an den Handflächen blutige Schwielen geholt hatte. Ein anderes Mal verdingten wir uns, Kreuzdornsträucher zu roden, und er riß sich mit der Hacke die Haut am Halse auf.
Wir kamen ziemlich langsam voran – zwei Tage Arbeit, einen unterwegs. Schakro legte sich beim Essen nicht die geringste Mäßigung auf; ich konnte infolge seiner Bauchdienerei beim besten Willen nicht das Erforderliche einsparen, um dies oder jenes Stück seiner Kleidung zu erneuern. Jedes dieser Stücke stellte ein Sortiment der verschiedenartigsten Löcher dar, die, so gut es ging, durch bunte Flicken zusammengehalten wurden.
Eines Tages stibitzte er mir in einem Kosakendorf fünf Rubel aus meinem Ranzen, die ich mit vieler Mühe heimlich beiseite gelegt hatte, und tauchte abends im Gemüsegarten auf, in dem ich arbeitete – betrunken und mit einem dicken Kosakenweib, das mich mit folgenden Worten begrüßte:
»Guten Tag, verdammter Ketzer!«
Und als ich sie, erstaunt über dieses Epitheton, fragte, wieso ich ein Ketzer sei, gab sie mir mit Aplomb zur Antwort:
»Weil du Teufel dem Burschen verbietest, das weibliche Geschlecht zu lieben! Wie kannst du etwas verbieten, was die Gebote erlauben? Du Gottverfluchter!«
Schakro stand neben ihr und nickte zustimmend mit dem Kopf. Er war schwer betrunken und schwankte haltlos, sobald er eine Bewegung machte. Die Unterlippe hing herunter. Die trüben Augen starrten mir verständnislos ins Gesicht.
»Nun, was glotzt du uns so an? Gib sein Geld heraus!« schrie das tapfere Weib.
»Was für ein Geld?« fragte ich erstaunt.
»Los, her damit! Sonst schleife ich dich zur Amtsstube! Gib die hundertfünfzig Rubel heraus, die du ihm in Odessa abgenommen hast!«
Was sollte ich machen? Womöglich schleppte mich das verdammte Frauenzimmer in ihrer Trunkenheit tatsächlich zur Amtsstube, und die Obrigkeit des Kosakendorfes verhaftete uns, streng gegen alles fahrende Volk, wie sie war. Wer weiß, welche Folgen sich für mich und Schakro daraus ergeben konnten! Ich begann also, das Frauenzimmer auf diplomatische Art einzuwickeln, was mich natürlich nicht allzuviel Mühe kostete. Es gelang mir, sie mit Hilfe von drei Flaschen Wodka einigermaßen zu besänftigen. Sie sank um und schlief zwischen den Wassermelonen ein. Ich bettete Schakro auf die Erde, und am frühen Morgen des folgenden Tages verließen wir das Kosakendorf und mit ihm das Frauenzimmer zwischen den Wassermelonen.
Verkatert, mit zerknittertem und verquollenem Gesicht, spie Schakro alle Augenblicke aus und seufzte tief. Ich versuchte, ihn in ein Gespräch zu ziehen, er gab jedoch keine Antwort und schlenkerte nur mit seinem Zottelkopf wie ein Schaf.
Wir zogen auf einem schmalen Pfad dahin, auf dem kleine rote Schlangen herumkrochen und sich vor unseren Füßen hin und her wanden. Die Stille, die ringsum herrschte, versetzte mich in eine träumerisch-schläfrige Stimmung. Am Himmel segelten langsam Rudel von schwarzen Wolken hinter uns her. Sie flossen ineinander und überzogen den ganzen Himmel hinter uns, während er vorne noch klar blieb und nur einzelne Wolkenfetzen bis zu ihm vorstießen und, uns überholend, munter an ihm dahintrieben. Irgendwo in der Ferne grollte der Donner; sein Brummen kam immer näher. Regentropfen fielen. Das Gras raschelte metallisch.
Wir hatten keine Möglichkeit, irgendwo unterzuschlüpfen. Es wurde auf einmal dunkel; das Rascheln des Grases klang lauter, klang erschrocken. Der Donner krachte, die Wolken zuckten zusammen und flammten blau auf. Große Regentropfen ergossen sich in Strömen, die Donnerschläge folgten einer dem anderen, ihr Grollen hallte pausenlos über die einsame Steppe hin. Wind und Regen beugten das Gras zur Erde. Alles zitterte und erregte sich. Blitze zerrissen, das Auge blendend, die Wolken. In ihrem bläulichen Schein zeichnete sich in der Ferne, kalt und silbern funkelnd, eine Gebirgskette ab und verschwand, wenn die Blitze erloschen, als versinke sie in einen dunklen Abgrund. Es war, als reinige sich der trübe und zornige Himmel durch Feuer vom Staub und von all den Abscheulichkeiten, die von der Erde zu ihm aufstiegen, als bebe die Erde aus Furcht vor seinem Zorn.
Schakro knurrte wie ein verängstigter Hund. Mir dagegen war fröhlich zumute; ich beobachtete das düster-gewaltige Schauspiel des Steppengewitters und fühlte mich aus dem Alltäglichen herausgehoben. Das herrliche Chaos bannte mich, stimmte mich auf einen heroischen Ton und erfüllte die Seele mit grimmiger Harmonie.
Und ich verspürte das Bedürfnis, mich zu beteiligen und die Verzücktheit vor dieser Gewalt, deren mein Herz übervoll war, zum Ausdruck zu bringen. Die blaue Flamme, die über den Himmel hinging, schien auch in meinem Herzen zu lodern – womit konnte ich meine tiefe Erregung, meine Begeisterung zum Ausdruck bringen? Ich sang, sang laut, sang aus voller Kehle. Der Donner brüllte, die Blitze krachten, es raschelte das Gras, während ich sang und mich in vollster Übereinstimmung mit all diesen Lauten fühlte. Ich gebärdete mich wie ein Besessener; das war verzeihlich, denn es schadete niemand außer mir. Der Sturm auf dem Meer und das Gewitter über der Steppe! Ich kenne keine grandiosere Erscheinung in der Natur!
Ich sang also – ich schrie – in der festen Überzeugung, daß ich niemand durch mein Benehmen belästigen, niemand Anlaß zu einer strengen Kritik an meinem Verhalten geben könne. Aber plötzlich zog mir jemand die Beine weg, und ich setzte mich unfreiwillig in eine Pfütze . . .
Schakro sah mir mit ernsten und zornigen Augen ins Gesicht.
»Bist du von Sinnen? Nein? Bist du nicht? Dann schweig still! Schrei nicht! Ich zerreiße dir Gurgel! Hast du värrstanden?«
Ich war verblüfft und erkundigte mich, womit ich ihn den störe.
»Du ärrschreckst mich! Hast du värrstanden? Wenn Donner dröhnt, spricht Gott. Und du brüllst! Was denkst du dir dabei?«
Ich erklärte ihm, ich hätte das Recht, zu singen, wann ich wolle, genausogut wie er.
»Ich will aber nicht!« schnitt er kategorisch ab.
»Dann laß es bleiben!« stimmte ich bei.
»Und du sing auch nicht!« verlangte Schakro streng.
»Ich möchte aber gerne . . .«
»Hör zu – was bildest du ein?« begann er zornig. »Wärr bist du? Hast du ein Haus? Hast du eine Mutter? Ein Vater? Oder Verwandte? Besitzt du vielleicht Land? Was bist du auf der Ärrde? Du glaubst – ein Mensch? Ein Mensch – bin ich! Ich habe alles!« Er pochte sich an die Brust. »Ich bin ein Fürst! Und du bist gar nichts! Und hast nichts! Mich kennt man in Tiflis, mich kennt man in Kutais! Värrstehst du? Stell dich nicht gegen mich! Du dienst mir? Du wirst zufrieden sein! Ich gebbe dir zehnmal zurück! Du machst umsonst? Du kannst nicht anders machen; du hast selber gesagt, Gott will, daß man allen dient ohne Belohnung! Aber ich wärrde dich belohnen! Warum quälst du mich? Warum belehrst du mich und machst mir Angst? Du willst, daß ich bin wie du? Das ist nicht schön von dir! Pfui, pfui!«
Er redete, schmatzte, prustete, seufzte . . . Ich blickte ihm ins Gesicht und staunte mit offenem Mund. Offenbar ließ er all seine Empörung, all seine Gekränktheit und Unzufriedenheit an mir aus, die sich während der ganzen Wanderung in ihm angesammelt hatte. Er stieß mir der größeren Überzeugungskraft halber den Finger gegen die Brust, packte mich an der Schulter und schüttelte mich und drang an besonders kraftvollen Stellen mit seinem ganzen Körper auf mich ein. Der Regen durchnäßte uns, über uns rollte ununterbrochen der Donner, und Schakro rief, damit ich ihn hörte, so laut er konnte.
Die Tragikomik meiner Lage stand mir deutlicher als alles andere vor Augen und ließ mich in schallendes Gelächter ausbrechen . . .
Schakro spie aus und wandte sich von mir ab.
VIII
Je mehr wir uns Tiflis näherten, desto zurückhaltender und finsterer wurde Schakro. Etwas Neues trat auf seinem abgemagerten, aber unverändert regungslosen Gesicht hervor. Unweit von Wladikawkas bogen wir in ein Tscherkessendorf ab und verdingten uns zur Maisernte.
Nachdem wir zwei Tage unter den Tscherkessen gearbeitet hatten, die kaum ein Wort Russisch konnten, sich ununterbrochen über uns lustig machten und in ihrer Sprache auf uns schimpften, beschlossen wir, erschrocken über ihr zunehmend feindseligeres Verhalten, das Dorf zu verlassen. Als wir zehn Werst von ihm entfernt waren, zog Schakro plötzlich eine Rolle lesginischen Mull unter dem Rock hervor, hielt sie mir triumphierend hin und rief: »Arbeiten brauchen wir nicht märr! Wir värrkaufen ihm und haben alles! Reicht bis Tiflis! Värrstehst du?«
Ich war bis zum äußersten empört, entriß ihm den Mull, warf ihn beiseite und blickte mich um. Tscherkessen verstehen keinen Spaß. Kurz zuvor hatten wir von Kosaken die folgende Geschichte gehört. Ein Landstreicher ließ beim Verlassen eines Dorfes, in dem er gearbeitet hatte, einen eisernen Löffel mitgehen. Die Tscherkessen holten ihn ein, durchsuchten ihn und fanden den eisernen Löffel; sie schlitzten ihm mit dem Dolch den Bauch auf, steckten den Löffel tief in die Wunde hinein, ritten seelenruhig davon und ließen ihn in der Steppe liegen, wo er halbtot von den Kosaken aufgelesen wurde. Er erzählte es ihnen und starb auf dem Wege ins Dorf. Die Kosaken warnten uns des öfteren mit Nachdruck vor den Tscherkessen und erzählten lehrreiche Geschichten in der Art der angeführten – ich hatte keinen Grund, sie ihnen nicht zu glauben.
Und ich erinnerte Schakro daran. Er stand vor mir, hörte zu und stürzte sich plötzlich wortlos, mit gebleckten Zähnen und zusammengekniffenen Augen wie eine Katze auf mich. Wir schlugen wohl fünf Minuten gehörig aufeinander ein – bis Schakro mir zornig zurief: »Genug jetzt!«
Dann saßen wir uns lange erschöpft und schweigend gegenüber. Schakro warf einen bedauernden Blick dorthin, wohin ich den gestohlenen Mull geschleudert hatte, und sagte: »Weshalb haben wir uns geprügelt! Pah, pah, pah . . . Särr dumm von uns! Hab ich ihn dir gestohlen? Tut dir vielleicht leid? Mir tust du selber leid – darum habe ich ihn gestohlen. Du arbeitest, aber ich värrsteh nicht. Was soll ich machen? Ich wollte dir helfen . . .«
Ich versuchte ihm zu erklären, was Diebstahl ist.
»Bitte, schweig still! Du hast Kopf wie Holz«, gab er verächtlich zur Antwort und erläuterte: »Wenn du stärrben wirst – wirst du stehlen? Na also! Und ist das vielleicht Lebben? Schweig still!«
Ich schwieg aus Furcht, ich könnte ihn aufs neue reizen. Es war bei ihm schon der zweite Fall eines Diebstahls. Schon damals am Schwarzen Meer hatte er griechischen Fischern eine Taschenwaage stibitzt. Auch da hatten wir uns beinah geschlagen.
»Nun, was ist, gehen wir weiter?« fragte er, nachdem wir uns einigermaßen beruhigt, wieder versöhnt und ausgeruht hatten.
Wir gingen weiter. Er wurde mit der Zeit immer finsterer. Eines Tages, als wir schon die Schlucht von Darjal hinter uns hatten und den Gudaur hinunterstiegen, wurde er gesprächig. »Zwei, drei Tage värrgehen, und wir sind in Tiflis. Zze, zze, zze!« Er schnalzte mit der Zunge und blühte regelrecht auf. »Ich komme nach Hause – wo bist du gewesen? Auf Reise! Ich gehe in Dampfbad – jawohl! Und wärrde viel essen . . ., oh, särr viel! Ich sage zu Mutter – habe särr großen Hunger! Ich sage zu Vater – värrzeih mir! Ich habe viel Kummer gesehen, habe Lebben gesehen, ganz verschiedenes! Landstreicher särr gute Menschen! Wenn ich treffe, gebe ihm einen Rubel, führe ihn in Duchan und sage – trink Wein, ich bin selbst Vagabund gewesen! Und ärrzähle Vater von dir . . . Das ist ein Mensch! War wie älterer Bruder zu mir. Hat mich gelehrt. Und hat mich geschlagen, der Hund! Aber ärrnährt. Jetzt wärrde ich sagen, ärrnähre du ihn. Ein Jahr. Ein ganzes Jahr – jawohl! Hörst du, Maxim?«
Ich hörte gerne zu, wenn er so sprach; er bekam in solchen Augenblicken etwas Einfaches und Kindliches. Reden wie diese waren für mich auch darum von Interesse, weil ich in Tiflis keinen einzigen Bekannten hatte und der Winter vor der Tür stand. Auf dem Gudaur waren wir schon in einen Schneesturm geraten. Ich hoffte ein wenig auf Schakro.
Wir kamen jetzt rasch voran. Schon lag Mzcheta, die uralte Hauptstadt Iberiens, vor uns. Ein Tag noch, und wir würden in Tiflis sein.
Bereits von weitem, aus einer Entfernung von rund fünf Werst, erblickte ich die zwischen zwei Bergen eingeklemmte Hauptstadt des Kaukasus.
Wir waren am Ziel! Ich freute mich aus irgendeinem Grunde, Schakro blieb gleichgültig. Er starrte mit stumpfem Blick vor sich hin, spie den Speichel aus, der ihm vor Hunger im Munde zusammenlief, und faßte sich alle Augenblicke mit krampfhaft verzerrtem Gesicht an den Bauch. Er hatte unvorsichtigerweise unterwegs »geerntete« rohe Mohrrüben gegessen.
»Du glaubst, ich als grusinische Edelmann gehe bei Tage in meine Stadt – so, wie ich bin, schmutzig und abgerissen? O nein! Wir warten bis Abend. Halt!«
Wir ließen uns an der Wand eines leerstehenden Gebäudes nieder, drehten jeder unsere letzte Zigarette und rauchten. Von der Grusinischen Heerstraße blies ein starker, schneidender Wind herüber. Schakro saß da und summte ein trauriges Lied. Ich dachte an ein warmes Zimmer und an andere Dinge, die das seßhafte Leben dem Nomadenleben voraus hat.
»Gehen wir!« sagte Schakro und erhob sich mit entschlossener Miene.
Es dunkelte. Die Stadt entzündete ihre Lichter. Es war hübsch anzuschauen, wie sie nach und nach in der Dunkelheit aufblitzten, die das Tal mit der in ihm verborgenen Stadt verhüllte.
»Hör zu! Gib mir dein Baschlyk, damit ich das Gesicht värrdecken kann . . ., sonst ärrkennen mich vielleicht irgendwelche Bekannten.«
Ich gab ihm den Baschlyk. Wir gingen die Olginskaja-Straße entlang. Schakro pfiff etwas Energisches vor sich hin.
»Maxim! Siehst du Pfärrdebahnhaltestelle Werijski-Brücke? Sitz hier und warte! Bitte warte! Ich gehe nur in ein Haus und ärrkundige mich bei ein Gefährte nach den Meinen – nach Vater, nach Mutter.«
»Du bleibst doch nicht lange weg?«
»Nein, nur einen Moment!«
Er huschte rasch in eine schmale und dunkle Gasse und verschwand – für alle Zeiten.
Ich habe ihn nie wiedergesehen, diesen Weggefährten, der mich beinah vier Monate lang durch mein Leben begleitete, aber ich denke oft an ihn zurück – mit einem guten Gefühl und einem fröhlichen Lachen.
Er hat mich vieles gelehrt, das man in keinem der dicken, von allerlei Wissen verfaßten Folianten findet – denn die Weisheit des Lebens ist immer tiefer und umfassender als die Weisheit der Menschen.
Tschelkasch
Der blaue, vom Staub verdunkelte südliche Himmel ist matt; die heiße Sonne blickt wie durch einen dünnen grauen Schleier auf das grünliche Meer. Sie wird kaum widergespiegelt vom Wasser, das durch Ruderschläge, Dampferschrauben, die scharfen Kiele der türkischen Feluken und anderer Schiffe zerteilt wird, die den engen Hafen in allen Richtungen durchfuhren. Die in Granit gezwängten Meereswellen werden von den riesigen Lasten, die über ihre Kämme hingleiten, niedergedrückt, schlagen gegen die Bordwände der Schiffe, gegen die Ufer und murren, aufschäumend, verschmutzt durch allerlei Plunder.
Das Klirren der Ankerketten, das Dröhnen der Kupplungen an den Eisenbahnwagen, die die Frachten heranschaffen, das metallische Läuten von Eisenblech, das auf Steinpflaster aufschlägt, das gedämpfte Poltern von Holz, das Rattern der Pferdefuhrwerke mit ihren Ladungen, die bald durchdringend schrillen, bald dumpf heulenden Schiffssirenen, die Rufe der Hafenarbeiter, der Matrosen, der Zollwachen – all diese Laute fließen zu der betäubenden Musik eines Arbeitstages zusammen und hängen, unruhig wogend, am niedrigen Himmel über dem Hafen; immer neue Wellen von Lärm steigen von der Erde auf – bald dumpfe, grollende, die finster alles ringsum erschüttern, bald schrille, rasselnde, die die staubige Luft zerreißen.
Der Granit, das Eisen, das Holz, die Straßendämme am Hafen, die Schiffe und die Menschen – alles schwelgt in den überwältigenden Klängen einer leidenschaftlichen Hymne an Merkur. Doch die Stimmen der Menschen sind kaum herauszuhören, sie wirken schwach und lächerlich. Und auch die Menschen selbst, die letzten Endes dieses ganze Getöse hervorgerufen haben, sind komisch und kümmerlich – ihre staubigen, zerlumpten, behenden, vom Gewicht der Lasten, die sie auf dem Rücken tragen, gebeugten Gestalten eilen in Wolken von Staub, in einem Meer von Hitze und Lauten geschäftig hin und her und erscheinen winzig, verglichen mit dem, was sie umgibt – den eisernen Kolossen, den Bergen von Waren, den polternden Eisenbahnwagen und allem, was sie geschaffen haben. Das, was sie geschaffen haben, hat sie versklavt und ihres Gesichts beraubt.
Die unter Dampf stehenden schweren Schiffsriesen heulen, zischen, stoßen tiefe Seufzer aus, und in jedem Laut, den sie von sich geben, scheint ein spöttischer Ton der Verachtung gegenüber den grauen, staubigen menschlichen Gestalten mitzuschwingen, die auf ihren Decks herumkribbeln und die tiefen Laderäume mit den Erzeugnissen ihrer Sklavenarbeit anfüllen. Zum Weinen komisch – diese langen Ketten von Hafenarbeitern, die Tausende von Pud Getreide auf dem Rücken in die eisernen Bäuche der Schiffe schleppen, um ein paar Pfund von ebendiesem Getreide für ihren Magen zu verdienen. Die abgerissenen, verschwitzten, vor Müdigkeit, Lärm und Hitze stumpfsinnig gewordenen Menschen und die von ihnen geschaffenen gewaltigen, vor Gepflegtheit in der Sonne blitzenden Maschinen, diese Maschinen, die am Ende dennoch nicht durch den Dampf, sondern durch die Muskeln, das Blut ihrer Schöpfer in Gang gesetzt wurden – in dieser Gegenüberstellung lag ein ganzes Poem grausamer Ironie.
Der Lärm bedrückte, der Staub kitzelte in der Nase und verklebte die Augen, die Hitze dörrte den Körper aus und erschöpfte ihn, und alles ringsum schien gereizt, am Ende der Geduld, bereit, sich in einer grandiosen Katastrophe zu entladen, einer Explosion, nach der man in der erneuerten Luft wieder frei und leicht atmen würde, auf der Erde Stille eintreten und dieser staubige, betäubende, entnervende, bis zur trübseligen Raserei führende Lärm aufhören mußte – dann würde es in der Stadt, auf dem Meer und am Himmel wieder still, klar und schön werden . . .
Zwölf gleichmäßige, hallende Glockenschläge ertönten. Als der letzte der ehernen Laute erstorben war, klang die wilde Musik der Arbeit schon leiser. Einen Augenblick danach verwandelte sie sich in ein dumpfes, mißmutiges Grollen. Die Stimmen der Menschen und der Wellenschlag des Meeres wurden vernehmlicher. Die Mittagspause war angebrochen.
I
Als sich die Schauerleute, die Arbeit unterbrechend, in geräuschvollen Gruppen im Hafen zerstreuten, bei den Händlerinnen allerlei Eßbares erwarben und sich an Ort und Stelle, in einem schattigen Winkel auf dem Straßendamm niederließen, um zu Mittag zu essen, erschien Grischka Tschelkasch, der gehetzte alte Wolf, ein unverbesserlicher Trinker und gewandter, unerschrockener Dieb, den jedermann im Hafen kannte. Er war barfuß und ohne Mütze und hatte nichts als alte, schäbige Manchesterhosen und ein schmutziges Baumwollhemd mit zerschlissenem Kragen an, unter dem sich dürr und kantig, von brauner Haut überzogen, die Knochen abzeichneten. Man sah seinem zerzausten, grau durchzogenen schwarzen Haar und dem zerknitterten, scharfgeschnittenen Raubvogelgesicht an, daß er eben erst aufgestanden war. In dem einen Ende seines braunen Schnurrbarts hatte sich ein Strohhalm verfangen, ein zweiter war zwischen den Borsten der linken, normalerweise rasierten Wange hängengeblieben, und hinter das Ohr hatte er sich einen kleinen, gerade erst abgebrochenen Lindenzweig gesteckt. Lang, knochig, ein wenig vornübergeneigt, schritt er langsam über die Pflastersteine, wandte die gebogene Habichtsnase bald da-, bald dorthin, sah sich blinzelnd mit kalten grauen Augen nach allen Seiten um und schien jemand unter den Hafenarbeitern zu suchen. Sein dichter, langer brauner Schnurrbart zuckte alle Augenblicke wie bei einem Kater, er rieb sich die auf den Rücken gelegten Hände, und seine langen, krummen, griffigen Finger verkrampften sich nervös ineinander. Selbst hier, unter den Hunderten von ebenso ausgeprägten Stromergestalten wie er, zog er sogleich die Aufmerksamkeit auf sich – durch seine Ähnlichkeit mit einem Steppenhabicht, durch seine raubtierhafte Magerkeit und seinen lauernden, äußerlich zwar gemessen und ruhigen, aber im Grunde gespannten und wachsamen Gang, der an den Flug jenes Raubvogels erinnerte, dem er ähnelte.
Als er an einer Gruppe barfüßiger Hafenarbeiter vorbeikam, die sich im Schatten eines Berges von Kohlenkiepen niedergelassen hatten, trat ein stämmiger Bursche mit einfältigem Gesicht voller blauer Flecken und Kratzern im Nacken auf ihn zu, der offenbar erst kürzlich verprügelt worden war. Er stand auf, schloß sich Tschelkasch an und sagte mit gedämpfter Stimme: »Die von der Marine vermissen zwei Ballen Stoff . . . Sie suchen nach ihnen.«
»Na und?« fragte Tschelkasch und maß ihn ruhig mit dem Blick.
»Was heißt – na und? Sie suchen danach. Das ist alles.«
»Möchten sie vielleicht, daß ich suchen helfe?«
Und Tschelkasch sah mit einem Lächeln dorthin, wo sich das Lagerhaus der Freiwilligen Handelsmarine befand.
»Scher dich zum Teufel!«
Der Bursche drehte sich um und ging.
»He, warte mal! Wer hat dich denn so verziert? Schau einer an, wie sie dir das Aushängeschild verdorben haben . . . Hast du nicht irgendwo in der Nähe Mischka gesehen?«
»Nein, schon lange nicht mehr!« rief der Bursche und wandte sich zurück zu den Kameraden.
Tschelkasch ging weiter und wurde von allen, die ihm begegneten, wie ein guter Bekannter begrüßt. Doch er, der sonst immer fröhlich und bissig war, schien heute schlechter Laune zu sein und beantwortete alle Fragen abgehackt und barsch.
Plötzlich tauchte hinter einem Warenstapel ein Zöllner auf, dunkelgrün, staubbedeckt und militärisch aufrecht. Er vertrat Tschelkasch den Weg und pflanzte sich in herausfordernder Haltung vor ihm auf, die linke Hand am Griff des kurzen, dolchartigen Säbels, die rechte zu Tschelkasch ausgestreckt, in der Absicht, ihn am Kragen zu nehmen.
»Halt! Wo willst du hin?«
Tschelkasch trat einen Schritt zurück, sah den Wachmann an und lächelte zurückhaltend.
Das rote, gutmütig-pfiffige Gesicht des Zöllners versuchte, eine drohende Miene anzunehmen, zu welchem Behufe er sich aufblies, rund und dunkelrot wurde, die Brauen bewegte und die Augen aufriß – das wirkte sehr komisch.
»Ich habe dir ein für allemal gesagt, du hast im Hafen nichts zu suchen, sonst brech ich dir die Rippen! Und du bist schon wieder da?« schrie ihn der Zöllner barsch an.
»Guten Tag, Semjonytsch! Lange nicht gesehen«, begrüßte Tschelkasch ihn ruhig und hielt ihm die Hand hin.
»Und wenn ich dich mein Lebtag nicht wiedersehe – geh, geh schon!«
Aber Semjonytsch drückte ihm dann doch die ausgestreckte Hand.
»Du sollst mir nur eins sagen«, fuhr Tschelkasch fort, hielt Semjonytschs Hand mit seinen griffigen Fingern fest und schüttelte sie auf freundschaftlich-familiäre Weise, »hast du nicht Mischka gesehen?«
»Was denn für einen Mischka? Ich kenne keinen Mischka! Mach, daß du fortkommst, mein Freund, sonst sieht dich der Lagerverwalter und gibt es dir . . .«
»Den Rothaarigen, mit dem ich zuletzt auf der ›Kostroma‹ gearbeitet habe«, beharrte Tschelkasch auf seiner Frage.
»Sagen wir lieber – den, mit dem du klauen gehst! Sie haben ihn ins Krankenhaus geschafft, deinen Mischka, ihm ist eine Eisenstange auf den Fuß gefallen. Aber geh jetzt, Verehrter, solange man dich anständig dazu auffordert, sonst mach ich dir Beine!«
»Aha, da sieht man's! Und du behauptest – ich kenne keinen Mischka . . . Natürlich kennst du ihn. Warum bist du eigentlich so ärgerlich, Semjonytsch?«
»Hör zu, rede nicht drum herum, sondern verschwinde!«
Der Zöllner wurde allmählich böse, sah sich nach allen Seiten um und versuchte, die Hand aus der Umklammerung zu befreien. Tschelkasch blickte ihn unter den dichten Augenbrauen hervor ruhig an und fuhr fort, ohne seine Hand loszulassen: »Dräng doch nicht so! Ich spreche mich nur mit dir aus und troll mich. Nun, erzähle – wie geht's, wie steht's? Was machen Frau und Kinder? Alles gesund?« Und er funkelte mit den Augen, bleckte, spöttisch lächelnd, die Zähne und fügte hinzu: »Ich würde ja gern einen Besuch bei dir machen, finde aber einfach nicht die Zeit – ich trinke fortwährend . . .«
»Na, na, das laß mal sein! Treib keine Scherze mit mir, du knochiger Teufel! Sonst nehme ich dich wahrhaftig . . . Oder hast du allen Ernstes vor, in Häuser einzubrechen und dich auf Straßenraub zu verlegen?«
»Weshalb denn? Das, was hier abfällt, reicht für uns beide, solange wir leben. Bei Gott, Semjonytsch, es reicht! Du hast, wie man hört, wieder zwei Ballen Stoff beiseite geschafft? Paß auf, Semjonytsch! Laß dich nicht kriegen!«
Semjonytsch zitterte vor Entrüstung, verspritzte Speichel und versuchte, etwas zu erwidern. Tschelkasch ließ seine Hand los und wandte sich auf seinen langen Beinen gelassen zurück zum Hafentor. Der Zöllner schimpfte wütend hinter ihm her und folgte ihm.
Tschelkaschs Laune hatte sich gebessert; er pfiff, die Hände in den Hosentaschen, leise vor sich hin, ging langsam seines Weges und warf mit giftigen Spötteleien und Scherzen um sich. Man zahlte sie ihm mit gleicher Münze heim.
»Schau einer an, Grischka, wie besorgt die Obrigkeit um dich ist!« rief ihm jemand aus der Schar der Hafenarbeiter zu, die inzwischen gegessen hatten, auf der Erde lagen und sich ausruhten.
»Ich gehe doch, weißt du, barfuß, und da paßt Semjonytsch auf, daß ich nicht fehltrete«, entgegnete Tschelkasch.
Er kam ans Tor. Zwei Soldaten tasteten ihn ab und schoben ihn mit einem leichten Schubs auf die Straße hinaus.
Tschelkasch überquerte den Straßendamm und ließ sich auf dem Prellstein vor einem Kneipeneingang nieder. Ein langer Zug beladener Lastfuhrwerke polterte aus dem Hafentor. Ihnen entgegen jagten leere Fuhrwerke, deren Kutscher auf und nieder schnellten, zum Tor hinein. Der Hafen spie ein heulendes Dröhnen und beißenden Staub aus . . .
Tschelkasch fühlte sich in diesem wilden Getümmel ausgesprochen wohl. Ihm winkte ein beträchtlicher Gewinn, der viel Geschick, aber wenig Arbeit von ihm verlangte. Er war sicher, daß er das erforderliche Geschick besaß, und träumte mit zusammengekniffenen Augen von der Sause, mit der er gleich am nächsten Morgen beginnen würde, sobald die Scheine in seiner Tasche knisterten . . . Ihm fiel sein Kumpel Mischka ein – der wäre ihm, hätte er sich nicht das Bein gebrochen, in dieser Nacht sehr nützlich gewesen. Tschelkasch stieß im stillen einen Fluch aus und sagte sich, er werde die Sache ohne Mischka womöglich nicht hinkriegen. Wie diese Nacht wohl werden würde? Er blickte zum Himmel, dann die Straße entlang.
Ein halbes Dutzend Schritt von ihm entfernt saß, mit dem Rücken an einen Prellstein gelehnt, auf dem Pflaster neben dem Bürgersteig ein junger Bursche in blaugestreiftem Hanfhemd und ebensolchen Hosen, mit Bastschuhen an den Füßen und einer verfärbten, zerrissenen Mütze auf dem Kopf. Neben ihm lagen ein kleiner Rucksack und eine Sense ohne Stiel, die sauber mit Stroh umwickelt und verschnürt war. Der Bursche war breitschultrig, stämmig und blond und hatte ein sonnengebräuntes, wetterhartes Gesicht und große blaue Augen, die Tschelkasch vertrauensvoll und gutmütig anblickten.
Tschelkasch bleckte die Zähne, steckte die Zunge heraus, schnitt eine schauderhafte Fratze und starrte ihn aus aufgerissenen Augen an.
Der Bursche stutzte zuerst und blinzelte, brach dann aber in schallendes Gelächter aus, rief, immer noch lachend: »So ein Kauz!« und wälzte sich, fast ohne sich von der Erde zu lösen, schwerfällig von seinem Prellstein zu jenem, auf dem Tschelkasch saß, wobei er den Rucksack hinter sich her durch den Straßenstaub zog und mit dem Sensenhaken über die Pflastersteine klirrte.
»Du hast wohl tüchtig über den Durst getrunken, Verehrter!« wandte er sich an Tschelkasch und zupfte ihn am Hosenbein.
»Habe ich, habe ich, du Milchbart!« gestand Tschelkasch mit einem Lächeln. Der gesunde, gutmütige Bursche mit den hellen Kinderaugen gefiel ihm auf den ersten Blick. »Du kommst wohl von der Heuernte?«
»Ja, sicher! Eine Werst gemäht – zehn Kopeken verdient. Ein schlechtes Geschäft! Und ein Haufen Volk! Da schleppen sich alle Hungerleider herbei und drücken die Preise, daß man erst gar nicht anfangen möchte. Im Kubangebiet haben sie sechzig Kopeken gezahlt. Und das soll ein Geschäft sein? Dabei haben sie früher, sagt man, drei, vier und sogar fünf Rubel gegeben!«
»Ja, früher! Früher hat man dort drei Rubel bezahlt, schon wenn man einen Russen zu sehen bekam! Ich habe vor zehn Jahren davon gelebt. Da kommt man in ein Kosakendorf und braucht nur zu sagen, ich bin Russe! Und gleich mustern sie dich, befühlen dich und staunen – schon hast du deine drei Rubel weg! Und sie geben dir auch noch zu essen und zu trinken. Kurz – leb, wie es dir gefällt!«
Der Bursche hörte Tschelkasch zunächst mit offenem Munde zu, wobei sich auf seinem runden Gesicht ein staunendes Entzücken malte, begriff dann aber, daß der Zerlumpte neben ihm schwindelte, schnalzte mit der Zunge und lachte. Tschelkasch bewahrte eine ernste Miene und verbarg das Lächeln hinter seinem Schnurrbart.
»Komischer Kauz! Was du sagst, klingt wie die Wahrheit, und ich hör dir zu und glaube es auch noch . . . Nein, wahrhaftig, es muß dort früher . . .«
»Ja, wovon rede ich denn? Ich sage dir doch, daß man dort früher . . .«
»Hör auf!« winkte der Bursche ab. »Du bist wohl Schuhmacher? Oder Schneider? Was bist du eigentlich?«
»Ich?« fragte Tschelkasch zurück, überlegte und entgegnete: »Ich bin Fischer.«
»Fischer! Aha! Du fängst also Fische?«
»Weshalb gerade Fische? Die hiesigen Fischer holen auch anderes heraus – Wasserleichen, alte Anker, versunkene Schiffe, alles, was du willst! Es gibt sogar besondere Angeln dafür . . .«
»Schwindel nur, Schwindel nur, schneid auf! Du gehörst wohl zu jenen Fischern, die von sich singen:
Denn wir werfen unsere Netze
Gerne aus an Land,
Längs des Speichers, längs der Vorratskammer Wand.«
»Und hast du schon welche von ihnen gesehen?« erkundigte sich Tschelkasch und sah ihn spöttisch an.
»Nein, wo sollte ich sie denn gesehen haben? Ich habe nur von ihnen gehört . . .«
»Gefallen sie dir?«
»Ob sie mir gefallen? Sicher! Sind unabhängige, freiheitsliebende Burschen . . .«
»Und was bedeutet dir die Freiheit? Liebst du sie denn?«
»Wie sollte ich nicht? Sein eigner Herr sein, hingehen können, wohin man will, tun und lassen können, was man will . . . Und ob das was ist! Wenn du dich anständig aufführst und dir keine Steine auf den Hals lädst – das Schönste, was es gibt! Leb und vergnüg dich, soviel du willst, aber vergiß den Herrgott nicht . . .«
Tschelkasch spie verächtlich aus und wandte sich von dem Burschen ab.
»Bei mir liegen die Dinge so«, fuhr dieser fort, »mein Vater ist tot, die Wirtschaft ist klein, die Mutter alt, der Boden ausgelaugt – was also fange ich an? Man muß schließlich von etwas leben. Aber wovon? Das ist die Frage. Sagen wir, ich heirate ein – in ein gutes Haus. Schön! Ja, wenn die Tochter ihr Land gleich zugeteilt bekäme! Aber nein – der Satan von Schwiegervater denkt nicht daran. Und ich muß mich für ihn schinden . . . Jahrelang! Du siehst, was das für Sachen sind! Habe ich aber so meine hundertfünfzig Rubel beisammen, dann steh ich ganz anders da und kann zu Antip, dem Schwiegervater, sagen – friß, Vogel, oder stirb! Zahlst du Marfa nun aus oder nicht? Nein? Gut, laß es bleiben! Es gibt ja, Gott sei Dank, noch mehr Mädchen im Dorf. Ich bin dann völlig frei und Herr über mich selbst. Hm, ja . . .« Der Bursche seufzte. »So aber bleibt mir nichts übrig, als Antips Schwiegersohn zu werden. Ich hatte mir gedacht – gehst ins Kubangebiet, kratzt deine zweihundert Rubel zusammen, und fertig, bist ein gemachter Mann! Aber daraus ist nichts geworden. Nun ja, dann muß ich eben Knecht beim Schwiegervater werden . . . Mit meiner eigenen Wirtschaft komme ich nicht hin, auf keinen Fall! Ach wo!«
Dem Burschen fiel es offensichtlich sehr schwer, Schwiegersohn zu werden. Sein Gesicht nahm einen bedrückten Ausdruck an und verfinsterte sich. Er rutschte mißmutig auf der Erde hin und her.
Tschelkasch erkundigte sich: »Wo willst du denn hin?«
»Wo soll ich schon hin? Da fragst du noch? Nach Hause.«
»Kann man nicht wissen, Verehrter. Womöglich willst du in die Türkei.«
»In die Türkei – ei!« entgegnete der Bursche gedehnt. »Welcher Rechtgläubige geht denn in die Türkei? Womit du einem aber auch kommst!«
»So was von Dummkopf!« seufzte Tschelkasch und wandte sich aufs neue von dem Gesprächspartner ab. Dieser gesunde Bauernbursche weckte etwas in ihm.
Ein dumpfes, allmählich zunehmendes ärgerliches Gefühl brodelte irgendwo in der Tiefe seines Bewußtseins und hinderte ihn, sich zusammenzunehmen und daran zu denken, was er in dieser Nacht zu tun hatte.
Der ausgescholtene Bursche murmelte etwas und schielte von Zeit zu Zeit zu dem Landstreicher hin. Seine Wangen bliesen sich spaßig auf, die Lippen schürzten sich, und die zusammengekniffenen Augen zwinkerten komisch und allzu rasch hintereinander. Er hatte offenbar nicht erwartet, daß seine Unterhaltung mit diesem schnurrbärtigen Vagabunden so bald und auf so kränkende Art enden würde.
Der Vagabund beachtete ihn nicht mehr. Er saß auf seinem Prellstein, pfiff nachdenklich vor sich hin und schlug mit dem schmutzigen bloßen Fuß den Takt dazu.
Der Bursche wollte ihm die Kränkung heimzahlen.
»He, du Fischer! Kommt wohl öfter vor, daß du dich betrinkst?« begann er, aber der »Fischer« drehte sich in diesem Augenblick rasch zu ihm um und fragte: »Hör zu, du Milchbart! Willst du heute nacht mit mir arbeiten? Sprich, aber rasch!«
»Was heißt arbeiten?« gab der Bursche mißtrauisch zurück.
»Ja, was wohl? Alles, was ich von dir verlange . . . Wir fahren Fische fangen. Und du sollst rudern.«
»Aha . . . Nun, gut . . ., von mir aus! Arbeiten kann man. Nur eins . . ., ich will dabei nicht in irgendeine Geschichte hineingeraten. Du bist mir zu undurchsichtig, zu dunkel.«
Tschelkasch hatte das Gefühl, irgendwo im Innersten verbrannt worden zu sein, und erwiderte mit gedämpfter Stimme und kalter Wut: »Red nicht von Dingen, von denen du nichts verstehst! Warte, ich schlag dir gleich auf den Schädel, dann hellt sich's da drin vielleicht ein bißchen auf . . .«
Er schnellte vom Prellstein, zupfte mit der linken Hand an seinem Schnurrbart, ballte die harte, sehnige Rechte zur Faust und funkelte mit den Augen.
Der Bursche erschrak. Er blickte sich rasch nach allen Seiten um und sprang, verschüchtert mit den Augen zwinkernd, ebenfalls auf. Sie maßen einander schweigend mit dem Blick.
»Nun?« fragte Tschelkasch schließlich rauh. Er kochte vor Wut und zitterte von der Kränkung, die dieses Kalb ihm zugefügt hatte; solange er mit ihm sprach, war er ihm verächtlich erschienen, aber jetzt haßte er ihn auf einmal – weil er so unschuldig blaue Augen hatte, ein so gesundes, sonnenverbranntes Gesicht, so kurze, kräftige Hände; weil es irgendwo ein Dorf gab, in dem er ein Haus besaß, weil ein wohlhabender Bauer ihn zum Schwiegersohn wollte; weil sein Leben so völlig anders war und es auch weiterhin sein würde, besonders aber, weil er – ein Kind im Vergleich zu Tschelkasch – sich herausnahm, die Freiheit zu lieben, deren Wert er gar nicht kannte und die er auch nicht brauchte. Es berührte immer unangenehm, einen Menschen vor sich zu sehen, den man für geringer, für niedriger stehend hält als sich selbst, wenn dieser Mensch dasselbe liebt oder dasselbe haßt und sich auf diese Weise auf die gleiche Stufe mit einem stellt.
Der Bursche blickte auf Tschelkasch und spürte den Dienstherrn in ihm.
»Ich bin gar nicht abgeneigt«, begann er. »Arbeit suche ich doch. Und ob ich bei dir oder bei einem anderen arbeite, ist mir gleich. Ich hab es doch nur gesagt, weil du so gar nicht nach Arbeit ausschaust . . . Da bist du denn doch . . ., wie soll ich sagen . . ., zu abgerissen dazu. Nun ja, ich weiß schon, kann jedem passieren. Herrgott im Himmel, als hätt ich noch keinen gesehen, der säuft. Ach, und wie viele! Und noch ganz andere als dich!«
»Schon gut, schon gut! Du machst also mit?« fragte Tschelkasch schon weicher.
»Ich? Ja doch! Mit Vergnügen! Und was bezahlst du mir dafür?«
»Es kommt auf die Arbeit an. Je nachdem, was für Arbeit es gibt. Das heißt – wie der Fang ausfällt . . . Mit einem Fünfrubelschein kannst du wohl rechnen. Verstanden?«
Jetzt, wo es ums Geld ging, wollte der Bauer jedoch genau sein und verlangte dieselbe Genauigkeit auch von seinem Dienstherrn. Und wieder flammten Mißtrauen und Argwohn in ihm auf.
»Das ist mir zu unsicher, Verehrter!«
Tschelkasch fand an seiner Rolle Gefallen.
»Rede nicht, warte ab! Gehen wir erst mal ins Wirtshaus!«
Und sie gingen die Straße entlang nebeneinanderher, Tschelkasch – den Schnurrbart zwirbelnd und mit der wichtigen Miene des Brotherrn, der Bursche mit dem Ausdruck der völligen Bereitschaft, sich unterzuordnen, und dennoch von Mißtrauen und Furcht erfüllt.
»Wie heißt du eigentlich?« fragte Tschelkasch.
»Gawrila!« entgegnete der Bursche.
Als sie die schmutzige, verräucherte Gastwirtschaft erreichten, trat Tschelkasch ans Büfett, bestellte im familiären Ton des Stammgastes eine Flasche Wodka, Kohlsuppe, überbratenes Fleisch und Tee und warf dem Büfettier, nachdem er das Gewünschte aufgezählt hatte, kurz hin: »Alles auf Pump!«, worauf der Büfettier nur schweigend nickte. Hier bekam Gawrila sofort Respekt vor seinem Herrn, der, obzwar er äußerlich an einen Spitzbuben erinnerte, so bekannt war und ein solches Vertrauen genoß.
»So, und jetzt essen wir eine Kleinigkeit und unterhalten uns wie vernünftige Leute. Bleib da, ich habe noch etwas zu erledigen.«
Er ging. Gawrila sah sich um. Die Wirtschaft befand sich im Keller; der Keller war feucht und dunkel und völlig von stickigen Gerüchen erfüllt – es roch nach hochprozentigem Wodka, nach Tabaksqualm, nach Teer und anderem, gleichfalls sehr Beißendem. Am Tisch Gawrila gegenüber saß ein Betrunkener mit rotem Bart, in Matrosenuniform, voller Kohlenstaub und ganz mit Teer beschmiert. Er brummte, alle Augenblicke aufstoßend, ein Lied vor sich hin, das aus lauter abgerissenen, abgebrochenen, bald schauderhaft zischenden, bald kehligen Wörtern bestand. Es war offenbar kein Russe.
Hinter ihm saßen zwei zerlumpte, schwarzhaarige und braungebrannte Moldauerinnen, die ihrerseits mit betrunkenen Stimmen irgendein Lied plärrten.
Dann traten aus dem Halbdunkel allerlei andere Gestalten hervor, alle sonderbar zerzaust, alle angetrunken, übermäßig laut und angeregt . . .
Gawrila wurde unheimlich zumute. Er wünschte sich, sein Herr möge möglichst bald zurückkehren. Der Lärm in der Gastwirtschaft floß zu einem einzigen Ton zusammen; es schien, als knurre hier gereizt irgendein riesiges Tier, das blindlings nach einem Ausgang aus dieser steinernen Gruft sucht und nicht ins Freie findet . . . Gawrila fühlte, wie sich etwas Berauschendes, Bedrückendes an ihm festsog, wovon ihm der Kopf schwindelte und das ihm die Augen vernebelte, die neugierig und ängstlich in der Gastwirtschaft herumirrten.
Tschelkasch kam schließlich zurück, und sie aßen und tranken und unterhielten sich. Gawrila war nach dem dritten Gläschen angegangen. Er erheiterte sich und hätte seinem Herrn, der – feiner Kerl, der er war – ihn mit so wohlschmeckenden Dingen bewirtete, gern etwas Angenehmes gesagt. Doch die Worte, die ihm in regelrechten Wellen bis an die Kehle drangen, wollten aus irgendeinem Grunde nicht von der schwer gewordenen Zunge.
Tschelkasch sah ihn mit spöttischem Lächeln an und meinte:
»Bist ja beschwipst! Ach, du Affe! Und das von fünf Schnäpsen! Wie willst du danach arbeiten?«
»Freund!« lallte Gawrila. »Keine Angst! Ich krieg's schon hin. Komm, laß dir einen Kuß geben! . . . Ja? . . .«
»Schon gut, schon gut, du! Hier, gieß dir noch einen hinter die Binde!«
Gawrila trank, und am Ende war es soweit, daß alles vor seinen Augen in gleichmäßigen, wellenförmigen Bewegungen auf und nieder schwankte. Das war unangenehm, und ihm wurde übel. Sein Gesicht nahm einen dümmlich-verzückten Ausdruck an. Er versuchte, etwas zu sagen, verzog aber nur den Mund und gab unartikulierte Laute von sich. Tschelkasch blickte ihn unverwandt an, als erinnere er sich an etwas, zwirbelte an seinem Schnurrbart und lächelte trübe vor sich hin.
Die Gastwirtschaft dröhnte vom Grölen der Betrunkenen. Der rothaarige Matrose schlief, den Ellenbogen auf den Tisch gestützt.
»Los, gehen wir!« sagte Tschelkasch und erhob sich.
Gawrila versuchte aufzustehen, schaffte es aber nicht, stieß einen kräftigen Fluch aus und lachte das blöde Lachen des Betrunkenen.
»Total aus dem Leim!« sagte Tschelkasch und ließ sich aufs neue ihm gegenüber nieder.
Gawrila lachte in einem fort und glotzte seinen Herrn stumpfsinnig an. Auch der blickte unverwandt zu ihm hin, aber aufmerksam und nachdenklich. Er sah einen Menschen vor sich, dessen Leben in seine wölfischen Pranken geraten war. Tschelkasch fühlte, daß er die Macht besaß, ihm diese oder jene Wendung zu geben. Er konnte es zerreißen wie eine Spielkarte oder ihm dazu verhelfen, in die gesicherten Bahnen des bäuerlichen Daseins zurückzufinden. Er, der sich als Herr über den anderen fühlte, sagte sich – dieser Bursche werde nie einen so bitteren Kelch zu leeren haben, wie ihm, Tschelkasch, vom Schicksal beschieden war . . . Und er beneidete ihn, bedauerte dieses junge Leben, belächelte es und litt sogar unter dem Gedanken, er könne ein zweites Mal in solche Hände geraten wie seine . . . Und alle diese Gefühle flossen bei Tschelkasch zu guter Letzt in eins zusammen – in etwas wie väterliche Besorgnis. Der Bursche tat ihm leid, aber er brauchte ihn. Tschelkasch faßte ihn unter und führte ihn, ihn leicht von hinten mit dem Knie vorwärts stoßend, auf den Hof der Gastwirtschaft hinaus, wo er ihn im Schatten eines Brennholzstapels auf die Erde bettete; er selbst setzte sich neben ihn und steckte sich eine Pfeife an. Gawrila wälzte sich noch ein bißchen hin und her, lallte etwas und schlief ein.
II
»Nun, bist du soweit?« erkundigte sich Tschelkasch mit gedämpfter Stimme bei Gawrila, der sich mit den Rudern zu schaffen machte.
»Gleich, gleich! Die Ruderrolle hat sich gelockert. Kann ich sie mit dem Ruder festklopfen?«
»Auf keinen Fall! Nicht den geringsten Lärm! Drück kräftig mit der Hand darauf, dann sitzt sie wieder, wie sie soll.«
Und beide hantierten leise am Boot, das am Heck einer Segelbark vertäut war; sie gehörte zu einer ganzen Flottille solcher Barken, die mit eichenen Faßdauben, sowie großer türkischer Feluken, die mit Palmenstämmen, Sandelholz und dicken Zypressenklötzen beladen waren.
Die Nacht war dunkel, am Himmel krochen dichte Schichten von zottigen Wolken dahin, das Meer war ruhig, schwarz und dickflüssig wie Öl. Es atmete salzige Feuchtigkeit aus, plätscherte freundlich, klatschte gegen die Bordwände der Schiffe und ans Ufer und schaukelte kaum spürbar Tschelkaschs Boot. Selbst weit vom Ufer entfernt zeichneten sich auf dem Meer noch die dunklen Umrisse von Schiffen ab, deren spitze Masten mit den bunten Topplaternen in den Himmel ragten. Ihre Lichter spiegelten sich im Wasser, das mit zahllosen gelben Tupfen übersät war. Sie zitterten – hübsch anzuschauen – auf seinem weichen, mattschwarzen Samt. Das Meer schlief den tiefen, gesunden Schlaf eines Arbeiters, der sich den Tag über schwer geplagt hat.
»Fahren wir!« sagte Gawrila und tauchte die Ruder ins Wasser.
»Gemacht!« Tschelkasch brachte das Boot durch einen kräftigen Schlag des Steuerruders auf einen Streifen Wasser zwischen den Barken, und es glitt rasch über seine glatte Oberfläche dahin; das Wasser flammte unter den Ruderschlägen mit einem bläulichen phosphoreszierenden Leuchten auf – es schlängelte sich als langes, matt schimmerndes Band hinter dem Heck einher.
»Nun, was macht der Kopf? Tut er weh?« fragte Tschelkasch freundlich.
»Entsetzlich! Brummt wie Gußeisen. Ich feuchte ihn rasch mit Wasser an.«
»Wozu? Hier, nimm das und feuchte damit dein Inneres an, vielleicht kommst du dann eher zu dir.« Und er hielt Gawrila eine Flasche hin.
»Meinst du? Na, dann mit Gott!«
Man hörte ein leises Gluckern.
»He, du! Das paßt dir wohl so? Genug jetzt!« gebot Tschelkasch ihm Einhalt.
Das Boot glitt erneut rasch und geräuschlos dahin und wand sich geschickt zwischen den Schiffen hindurch. Plötzlich löste es sich aus ihrem Gedränge, und das grenzenlose, gewaltige Meer tat sich vor ihnen auf und verlor sich in der blauen Ferne, wo aus seinen Wassern die Wolkengebirge zum Himmel aufstiegen – die grauvioletten mit den wolligen gelben Rändern, die meerfarben-grünlichen und jene düsterbleigrauen, die so schwere, trübselige Schatten warfen. Die Wolken krochen langsam dahin, flossen zusammen oder überholten einander, wechselten ihre Formen und Farben, zergingen und entstanden, finster und majestätisch, aufs neue und in neuen Umrissen. In dieser langsamen Bewegung der seelenlosen Massen lag etwas Schicksalhaftes. Es schien, dort, am Rande des Meeres, gäbe es unendlich viele von ihnen, sie würden immer weiter so gleichgültig am Himmel heraufkriechen, mit dem bösen Ziel, ihn nie wieder über dem schlummernden Meer mit den Millionen seiner goldenen Augen funkeln zu lassen – den bunten, lebendigen, verträumt blickenden Sternen, die in den Menschen, denen ihr reiner Glanz teuer ist, erhabene Wünsche wecken.
»Ist das Meer nicht schön?« fragte Tschelkasch.
»Nicht übel! Nur ein bißchen unheimlich auf ihm«, entgegnete Gawrila und zerteilte das Wasser mit gleichmäßigen, kräftigen Schlägen. Es klang und plätscherte kaum hörbar unter den langen Rudern und leuchtete immer wieder mit dem warmen blauen Schimmer von Phosphor auf.
»Unheimlich! So ein Dummkopf!« brummte Tschelkasch belustigt.
Er, der Dieb, liebte das Meer. Seine unruhige, nervöse, auf Eindrücke begierige Natur wurde nie müde, diese dunklen, uferlosen, freien, gewaltigen Räume zu betrachten. Und er ärgerte sich über eine solche Antwort auf seine Frage nach der Schönheit dessen, was er liebte. Er saß am Heck, zerfurchte das Wasser mit dem Steuerruder und blickte ruhig vor sich hin, erfüllt von dem Wunsch, möglichst lange und möglichst weit auf dieser samtigen glatten Fläche dahinzufahren.
Auf dem Meer stieg immer ein warmes, in die Ferne schweifendes Gefühl in ihm auf – es ergriff seine ganze Seele und reinigte sie ein wenig von all dem Schmutz des Alltags. Er schätzte das und sah sich gerne in einem besseren Licht, hier, inmitten des Wassers und der Luft, wo die Gedanken über das Leben ebensosehr verloren wie das Leben selbst – die Gedanken ihre Schärfe und das Leben seinen Wert. Nachts weht über dem Meer der gleichmäßige weiche Hauch seines Atems, und dieser ungreifbare Klang erfüllt die menschliche Seele mit Gelassenheit, bändigt sanft ihre bösen Regungen, gebiert erhabene Träume in ihr . . .
»Aber wo ist denn die Ausrüstung?« fragte Gawrila plötzlich und sah sich unruhig im Boot um.
»Die Ausrüstung? Die habe ich hier am Heck.«
Es war ihm unangenehm, diesen Bengel zu belügen, und er trauerte den Gedanken und Gefühlen nach, die der Bursche mit seiner Frage ausgelöscht hatte. Er wurde böse. Ein wohlbekanntes scharfes Brennen in Brust und Hals befiel ihn, und er sagte in gebieterischem, hartem Ton: »Hör zu, du, sitz, wo du sitzt, und damit gut! Steck deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen. Du hast dich verdingt zu rudern, also tu's! Und wenn du die Zunge wetzt, wirst du schon merken, was du davon hast. Verstanden?«
Das Boot verlor ruckartig an Fahrt und stand still. Die Ruder lagen auf dem Wasser und brachten es zum Schäumen. Gawrila rutschte unruhig auf der Bank hin und her.
»So ruder schon!«
Ein böser Fluch erschütterte die Luft. Gawrila zog die Ruder durch. Das Boot erschrak gleichsam und schoß, geräuschvoll das Wasser zerteilend, in raschen, nervösen Stößen voran.
»Gleichmäßiger!«
Tschelkasch richtete sich, ohne das Steuerruder loszulassen, am Heck auf und heftete die kalten Augen auf Gawrilas bleiches Gesicht. Geduckt, vornübergebeugt, erinnerte er an eine sprungbereite Katze. Man hörte sein böses Zähneknirschen und das schwache Knacken mit irgendwelchen Knöcheln.
»Wer schreit da?« ertönte ein rauher Zuruf aus Richtung des Meeres.
»Los, rudere, du Teufel! Leise! Ich schlage dich tot, du Hund! Ruder, ruder schon! Eins, zwei . . . Wehe, wenn du dich muckst! Ich reiße dich in Stücke!« zischte Tschelkasch.
»Muttergottes . . ., Jungfrau . . .«, flüsterte Gawrila, zitterte und verging vor Angst und Anspannung.
Das Boot wendete gewandt und fuhr zurück zum Hafen, wo sich die Lichter der Laternen in bunten Haufen drängten und die Mastbäume zu erkennen waren.
»He! Wer brüllt da?« hörten sie aufs neue rufen.
Jetzt klang die Stimme schon entfernter. Tschelkasch beruhigte sich.
»Du selber brüllst!« sagte er in Richtung der Rufe und wandte sich an Gawrila, der immer noch Gebete murmelte. »Dein Glück, mein Bester! Wenn diese Teufel uns verfolgt hätten, wär's aus mit dir. Ahnt dir was? Ich hätte dich sofort . . . und hinunter mit dir zu den Fischen!«
Jetzt, wo Tschelkasch ruhig und sogar gutmütig mit ihm sprach, flehte Gawrila, der immer noch vor Angst zitterte, ihn an: »Hör zu, laß mich gehen! Ich bitte dich um Christi willen, laß mich gehen! Setz mich irgendwo ab! Oh, oh, oh . . ., ich bin verlo-o-oren, endgültig verloren! So denk an Gott und laß mich laufen! Was kann ich dir nützen! Darauf versteh ich mich nicht. Mit solchen Sachen habe ich nie zu tun gehabt . . . Es ist das erste Mal . . . Herrgott im Himmel! Du richtest mich doch zugrunde! Wie konntest du mich so hintergehen? Du versündigst dich! Du verdirbst eine Seele! Sachen sind das . . .«
»Was heißt das?« fragte Tschelkasch barsch. »Nun? Was für Sachen sind das?«
Die Angst des Burschen belustigte ihn, und er genoß sie, wie er den Gedanken genoß, wie furchtgebietend er, Tschelkasch, doch war.
»Dunkle Geschäfte, Verehrter . . . Laß mich laufen! Was kann ich dir schon nützen? Wie? Ach, Lieber . . .«
»Genug, rede nicht! Wenn ich dich nicht brauchte, hätt ich dich nicht mitgenommen. Verstanden? Also schweig schon!«
»Mein Gott!« seufzte Gawrila.
»Na, na, flenne mal nicht!« schnitt ihm Tschelkasch das Wort ab.
Doch Gawrila konnte sich nicht mehr beherrschen, schluchzte leise, weinte, schneuzte sich und rutschte auf seiner Bank hin und her, ruderte aber kräftig, ja verzweifelt. Das Boot schoß dahin wie ein Pfeil. Wieder tauchten auf seinem Wege die dunklen Umrisse der Schiffsrümpfe auf, und das Boot verlor sich zwischen ihnen und drehte sich wie ein Kreisel auf den schmalen Wasserbahnen zwischen den Bordwänden.
»He, du! Hör zu! Wenn dich jemand nach etwas fragt, dann schweig, wenn dir dein Leben lieb ist! Hast du verstanden?«
»Ja doch!« gab Gawrila auf den rauhen Befehl mit einem hoffnungslosen Seufzer zur Antwort und fügte hinzu: »Ach, mein verlorenes Schicksal!«
»Plärr nicht!« flüsterte Tschelkasch ihm eindringlich zu.
Gawrila verlor bei diesem Flüstern die Fähigkeit, irgend etwas zu unterscheiden, und wurde leichenblaß – das Vorgefühl eines Unglücks ließ ihn erschauern. Er tauchte die Ruder mechanisch ins Wasser, warf sich zurück, zog sie durch und versenkte sie erneut, wobei er hartnäckig auf seine Bastschuhe starrte.
Das schläfrige Rauschen der Wellen klang finster und furchterregend. Da war der Hafen . . . Hinter seinen granitnen Molen hörte man menschliche Stimmen, das Plätschern des Wassers, ein Lied und dünne Pfiffe.
»Halt!« flüsterte Tschelkasch. »Zieh die Ruder ein! Klammer dich mit den Händen an die Mauer! Leise, zum Teufel!«
Gawrila griff nach den glitschigen Steinen und drückte das Boot an der Mauer entlang. Es bewegte sich geräuschlos voran, mit der Bordwand den schleimigen Überzug streifend, der die Steine bedeckte.
»Halt! Gib mir die Ruder! Los, her damit! Und wo hast du deinen Paß? Im Rucksack? Reich ihn herüber! Wird's bald? Deinen Paß, mein Freund, den brauche ich, damit du mir nicht entwischst. Jetzt entwischst du mir nicht. Ohne Ruder wäre es allenfalls noch gegangen, aber ohne Paß – nein, das riskierst du nicht! Warte hier! Und wehe, wenn du dich muckst – ich kriege dich, und sei's auf dem Grunde des Meeres!«
Und Tschelkasch klammerte sich an etwas, hing plötzlich in der Luft und verschwand auf der Mole.
Gawrila fuhr zusammen. Es war alles so rasch gekommen. Er fühlte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel, wie die verdammte Last, diese Angst von ihm abglitt, die er in Gegenwart des dürren, schnurrbärtigen Diebes empfand. Jetzt gab es nur eins – fliehen! Und er atmete freier auf und sah sich um. Links ragte ein schwarzer Schiffsrumpf ohne Masten empor – eine Art riesiger Sarg, ohne Ladung und menschenleer. Jeder Wellenschlag an seine Bordwand rief ein dumpfes, lange nachhallendes Echo hervor, das an einen tiefen Seufzer erinnerte. Rechts zog sich über dem Wasser – gleich einer kalten, schweren Schlange – die feuchte steinerne Wand der Mole hin. Hinten erkannte man ebenfalls Umrisse von Schiffen, während vorne, in der Lücke zwischen der Mole und der Bordwand jenes Sarges, das schweigsame, einsame Meer mit den schwarzen Wolken darüber zu sehen war. Sie bewegten sich, riesig und schwer, langsam voran, verströmten aus der Finsternis Schrecken und schienen den Menschen durch ihre Wucht erdrücken zu wollen. Alles war kalt, schwarz, unheilverkündend. Gawrila bekam Angst. Diese Angst war schlimmer als jene, die Tschelkasch ihm eingeflößt hatte; sie schloß Gawrilas Brust fest in ihre Arme, preßte ihn zu einem mutlosen Häufchen zusammen und schmiedete ihn an die Bootsbank . . .
Ringsum war alles still. Kein Laut – außer den Seufzern des Meeres. Die Wolken krochen ebenso langsam und trübselig am Himmel dahin wie bisher, nur türmten sie sich immer zahlreicher über den Wassern auf, und man konnte, wenn man den Himmel ansah, meinen, auch er sei ein Meer, nur ein bewegtes, das über das andere – schlummernde, ruhige, glatte – gestülpt war. Die Wolken erinnerten an Wellen, die mit den zottigen grauen Kämmen nach unten, auf die Erde herabhängen, an Abgründe, aus denen der Wind diese Wellen gerissen hat, an erst entstehende, noch nicht vom grünlichen Schaum der Tollwut und des Zorns bedeckte Wellenberge.
Gawrila fühlte sich von all dieser düsteren Stille und Schönheit erdrückt, fühlte, daß er den Herrn so bald als möglich wieder neben sich sehen wollte. Und wenn er nun nicht zurückkam, wenn er dort blieb? Die Zeit kroch langsam dahin, langsamer als die Wolken am Himmel. Und die Stille wurde allmählich immer unheimlicher. Aber schließlich hörte er hinter der Molenwand ein Plätschern, ein leises Geräusch und etwas wie ein Flüstern, Gawrila war, als müsse er auf der Stelle sterben.
»He! Schläfst du? Halt fest! Aber vorsichtig!« sagte Tschelkasch mit dumpfer Stimme.
Etwas Würfelförmiges, Schweres wurde an der Wand heruntergelassen. Gawrila nahm es in Empfang und legte es ins Boot. Ein zweiter ebensolcher Würfel folgte. Dann ließ sich an der Molenwand die lange Gestalt Tschelkaschs herab, irgendwoher tauchten die Ruder auf, sein Rucksack fiel Gawrila vor die Füße, und der schwer atmende Tschelkasch setzte sich am Heck zurecht.
Gawrila sah ihn freudig und schüchtern lächelnd an.
»Müde?« fragte er.
»Ein bißchen schon, du Kalb! Und nun rudere darauf los! Zeig, was du kannst! Hast ganz anständig verdient, Verehrter! Die Hälfte haben wir hinter uns. Jetzt brauchen wir nur noch unter den Augen dieser Teufel hindurchzuschlüpfen; danach – empfange dein Geld, und auf zu Maschka! Du hast doch eine Maschka? Hast du eine, du Kindskopf?«
»N-nein!« Gawrila mühte sich aus Leibeskräften. Seine Brust arbeitete wie ein Blasebalg und seine Arme wie stählerne Federn. Das Wasser unter dem Boot gluckerte, der blaue Streifen hinter dem Heck erschien breiter. Gawrila war schweißgebadet, fuhr aber fort, mit aller Kraft zu rudern. Nachdem er in dieser Nacht schon zweimal solche Ängste ausgestanden hatte, fürchtete er, es könnte ihm zum drittenmal geschehen, und wünschte sich nur eins – diese verdammte Arbeit möglichst rasch hinter sich zu haben, an Land zu gehen und von diesem Menschen loszukommen, bevor er ihn tatsächlich erschlug oder ins Gefängnis brachte. Er beschloß, sich über nichts mit ihm zu unterhalten, ihm nicht zu widersprechen, alles zu tun, was er befahl, und wenn es ihm gelang, sich glimpflich von ihm zu trennen, gleich am folgenden Tag einen Dankgottesdienst für Nikolai, dem Wundertäter, zu bestellen. Seiner Brust wollte sich ein leidenschaftliches Gebet entringen. Aber er unterdrückte es, schnaufte wie eine Lokomotive, schwieg und blickte Tschelkasch finster an.
Der spähte, lang und vorgeneigt, an einen Vogel erinnernd, der losfliegen will, mit Habichtaugen in das Dunkel vor dem Bug, wandte die Raubvogelnase hin und her, hielt mit der einen Hand das Steuerruder fest und zupfte mit der anderen am Schnurrbart, der jedesmal, wenn ein Lächeln die schmalen Lippen kräuselte, zuckte. Tschelkasch war zufrieden – mit dem gelungenen Unternehmen, mit sich selbst und mit diesem Burschen, den er so eingeschüchtert hatte, daß er zu seinem Sklaven geworden war. Er sah, wie Gawrila sich mühte, er tat ihm leid, und er wollte ihn ermuntern.
»He!« sagte er leise mit einem spöttischen Lächeln. »Was ist? Du hast wohl ziemliche Angst gehabt? Stimmt's?«
»Es geht!« seufzte Gawrila und räusperte sich.
»Du brauchst dich jetzt nicht mehr so ins Zeug zu legen. Wir haben das Schlimmste hinter uns. Jetzt müssen wir nur noch an einer Stelle vorbei . . . Ruh dich mal aus.«
Gawrila legte gehorsam die Ruder aus der Hand, wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß aus dem Gesicht und tauchte die Ruder erneut ins Wasser.
»Also gut, aber ruder jetzt langsamer. Damit man das Wasser nicht hört. Wir müssen durch eine Lücke in der Absperrung. Leise, leise . . . Die Leute hier verstehen nämlich keinen Spaß. Sie greifen gleich zum Gewehr und knallen dir eine vor den Kopf, daß du nicht mal zum letzten Seufzer kommst.«
Das Boot glitt jetzt fast völlig lautlos über das Wasser. Man hörte nur noch die blauen Tropfen von den Rudern fallen, und dort, wo sie aufschlugen, leuchtete für kurze Zeit ein ebenfalls blaues Flämmchen auf. Die Nacht wurde immer dunkler und schweigsamer. Der Himmel erinnerte nicht mehr an ein bewegtes Meer – die Wolken hatten sich verteilt und verhüllten ihn gleich einem glatten, schweren, unbeweglichen Vorhang, der fast bis aufs Wasser hinunterreichte. Das Meer aber war noch ruhiger, noch schwärzer geworden, verströmte einen noch stärkeren, noch wärmeren Geruch von Salz und erschien nicht mehr so weit wie zuvor.
»Ach, wenn es doch regnen würde!« murmelte Tschelkasch. »Dann kämen wir an ihnen vorbei wie hinter einem Vorhang.«
Rechts und links vom Boot tauchten über dem schwarzen Wasser irgendwelche Fahrzeuge auf – regungslose, finstere, schwarze Schaluppen. Auf einer von ihnen bewegte sich ein Licht hin und her – jemand ging mit einer Laterne herum. Das Meer streichelte ihre Bordwände und klang bittend und dumpf, und sie gaben ihm Antwort mit einem hallenden, kalten Echo, als stritten sie sich mit ihm und wollten nicht nachgeben.
»Die Wachboote«, raunte Tschelkasch kaum hörbar.
Seit dem Augenblick, da er Gawrila befohlen hatte, langsamer zu rudern, fühlte sich dieser aufs neue in eine scharfe, abwartende Gespanntheit versetzt. Er strebte mit allen Fasern voran, in die Dunkelheit, und ihm schien, er wachse und werde immer größer – seine Knochen und Sehnen dehnten sich unter dumpfen Schmerzen, der Kopf – von einem einzigen Gedanken beherrscht – tat weh, die Haut auf dem Rücken kribbelte, und kleine, spitze, eiskalte Nadeln stachen in seine Füße. Die Augen schmerzten ihm von dem angestrengten Ausschauen in die Dunkelheit, aus der – wie er erwartete – jeden Augenblick etwas auftauchen und sie anfahren würde: »Anhalten, ihr Diebe!«
Jetzt, als Tschelkasch ihm zuflüsterte: »Die Wachboote!«, fuhr Gawrila zusammen; ein blitzartiger, niederschmetternder Gedanke durchzuckte ihn und berührte seine aufs schärfste gespannten Nerven – er wollte aufschreien, jemand zu Hilfe rufen . . . Er öffnete den Mund, erhob sich ein wenig von der Bank, wölbte die Brust, pumpte die Lungen voller Luft und wollte schon losschreien, als er plötzlich von einem Schrecken gepackt wurde, der ihn traf wie ein Peitschenhieb; er schloß die Augen und sank von seinem Sitz.
Vor dem Boot, weit am Horizont, bohrte sich über dem schwarzen Wasser ein mächtiges, flammend-hellblaues Schwert in die Luft, zerhieb das Dunkel der Nacht, glitt mit der Spitze über die Wolken hin und senkte sich als breites blaues Band auf die Brust des Meeres. In seiner Lichtgarbe tauchten aus der Dunkelheit bis dahin unsichtbare Schiffe auf, schwarz, stumm, üppig behangen mit nächtlicher Düsterkeit. Es schien, als hätten sie lange auf dem Meeresgrund gelegen, durch die gewaltige Kraft des Sturmes dorthin verweht, und seien auf Befehl des aus dem Meer geborenen Schwertes an seine Oberfläche gekommen, um einen Blick auf den Himmel und alles andere zu werfen, das sich über dem Wasser befand. Ihr Takelwerk umflocht die Masten und erinnerte an zähe Algen, die zusammen mit diesem schwarzen, in ihren Netzen verfangenen Riesen vom Meeresgrund heraufgestiegen waren. Und das schreckliche blaue Schwert erhob sich erneut aus der Meerestiefe und zerhieb funkelnd die Nacht, wandte sich aber in eine andere Richtung. Und da, wo es hintraf, wurden aufs neue Umrisse von Schiffen sichtbar, die vorher nicht zu erkennen gewesen waren.
Tschelkaschs Boot hielt still und schaukelte auf dem Wasser, als wüßte es nicht mehr, wohin. Gawrila lag, die Hände vor dem Gesicht, auf dem Boden, während Tschelkasch ihn mit dem Fuß anstieß und außer sich, aber leise zischte: »Dummkopf, das ist doch nur ein Zollkreuzer! Eine elektrische Laterne! Steh auf, du Klotz! Der Strahl kann jeden Augenblick auf uns fallen! Du Teufel richtest uns zugrunde, dich und mich! Komm zu dir!«
Und als einer seiner Fußtritte Gawrilas Rücken empfindlicher traf als die anderen, sprang dieser schließlich auf, setzte sich, ohne vor lauter Angst die Augen zu öffnen, auf seine Bank und tastete nach den Rudern; das Boot ruckte voran.
»Leise! Ich schlag dich tot! Leise, hab ich gesagt! So was von Dummkopf, hol mich der Teufel! Was hat dir solchen Schrecken eingejagt? He? Du Fratze! Eine Laterne, ein Scheinwerfer, das ist alles! Ruder nicht so laut! Satan, verdammter! Sie suchen doch nur nach Schmugglern. Uns kriegen sie sowieso nicht mehr zu fassen – dazu sind sie zu weit entfernt. Hab keine Angst, sie kriegen uns nicht mehr.« Tschelkasch sah sich triumphierend um. »Natürlich, wir sind vorbei! Puh! Hast du aber auch einen Massel, du aufrechte Eiche!«
Gawrila schwieg, ruderte, atmete schwer und schielte dorthin, wo sich noch immer das flammende Schwert erhob oder senkte. Er vermochte Tschelkasch durchaus nicht zu glauben, daß es nur eine Laterne war. Der kalte bläuliche Strahl, der das Dunkel durchbohrte und das Meer silbrig erglänzen ließ, hatte etwas Unerklärliches an sich; Gawrila verfiel wieder einer Hypnose von Angst und Niedergeschlagenheit. Er ruderte wie eine Maschine, kroch immer stärker in sich zusammen, als erwarte er irgendwoher von oben einen Hieb, und hatte keinerlei Wünsche mehr – er war seelisch ausgehöhlt und leer. Die Aufregungen dieser Nacht hatten alles Menschliche in ihm aufgezehrt.
Tschelkasch aber triumphierte. Seine Nerven, die solche Belastungen gewöhnt waren, hatten sich schon beruhigt. Sein Schnurrbart bewegte sich genießerisch hin und her, und seine Augen glommen immer begehrlicher. Er fühlte sich großartig, pfiff leise vor sich hin, atmete gierig die feuchte Meeresluft ein, sah sich nach allen Seiten um und lächelte gutmütig, wenn sein Blick auf Gawrila fiel.
Ein Windstoß fuhr über das Meer – es erwachte, kräuselte sich und begann plötzlich lebhaft zu flimmern. Die Wolken waren irgendwie dünner und durchsichtiger geworden, bedeckten aber noch immer den ganzen Himmel. Sie standen, obwohl der leichte Wind frei über das Meer hinstrich, regungslos still und schienen in irgendwelche grauen, trübseligen Gedanken verloren.
»Nun, Verehrter, komm endlich zu dir! Wird Zeit! Schau einer an, wie es dich mitgenommen hat – als hätten sie dir die Seele aus dem Leib gepreßt und nichts als einen Sack mit Knochen zurückgelassen! Ist doch schon alles vorbei! He. hast du mich verstanden?«
Gawrila war es trotz allem angenehm, eine menschliche Stimme zu hören, auch wenn es die von Tschelkasch war.
»Ja doch!« entgegnete er leise.
»Na also! Waschlappen! Los, setz dich ans Steuer, jetzt rudere ich! Bist sicherlich ausgepumpt!«
Gawrila wechselte mechanisch den Platz. Als Tschelkasch dabei an ihm vorbeikam, ihm ins Gesicht sah und bemerkte, daß er wankte und ihm die Knie zitterten, tat ihm der Bursche noch mehr leid als zuvor. Er klopfte ihm auf die Schulter.
»Na, na, hab dich nicht so! Hast dafür gut verdient. Ich will dich anständig belohnen. Wie wär's mit einem Fünfundzwanziger? In Ordnung?«
»Ich brauche nichts . . . Ich will nur eins – an Land.«
Tschelkasch winkte nur ab, spie aus und griff zu den Rudern, mit denen er, langarmig, wie er war, weit ausholte.
Das Meer war erwacht. Es gebar kleine Wellen, spielte mit ihnen, verbrämte sie mit Schaum, ließ sie gegeneinander anrennen und zu feinem Wasserstaub zersprühen. Der Schaum zerging, zischte und seufzte, und alles ringsum war von einem melodischen Rauschen und Plätschern erfüllt. Die Dunkelheit schien zu leben.
»Nun sage mir«, begann Tschelkasch, »du kehrst jetzt in dein Dorf zurück, heiratest, gräbst die Erde um und säst Korn; deine Frau gebiert dir einen Haufen Kinder, es reicht nicht, um sie alle zu ernähren; und du rackerst dich dein Leben lang ab . . . Was hast du davon? Was findest du daran so Schönes?«
»Was soll schon Schönes daran sein!« entgegnete Gawrila verzagt und zuckte zusammen.
Hier und da riß der Wind die Wolken auf, und durch die Risse lugte ein mattblaues Stückchen Himmel mit zwei, drei Sternen. Sie spiegelten sich im leicht bewegten Meer, schaukelten auf den Wellen, erloschen und leuchteten wieder auf.
»Halte mehr nach rechts!« sagte Tschelkasch. »Wir sind bald da. Hm . . ., ja! . . . Dann haben wir es geschafft. Die Arbeit hat sich gelohnt. Du siehst, wie sich das auszahlt . . . Eine einzige Nacht, und ich stecke ein halbes Tausend in die Tasche.«
»Ein halbes Tausend?« fragte Gawrila ungläubig und gedehnt, erschrak aber sogleich und erkundigte sich, indem er mit dem Fuß gegen den Ballen im Boot stieß: »Was ist denn das für eine Ware?«
»Eine, die allerhand wert ist. Verkauft man sie zum richtigen Preis, dann bringt sie einem auch einen Tausender ein. Nun, ich bin nicht kleinlich . . . Wie habe ich das hingekriegt?«
»Hm . . ., ja . . .«, entgegnete Gawrila gedehnt. »Wenn ich das so haben könnte!« Er seufzte und dachte im selben Augenblick an sein Dorf, an seine kümmerliche Wirtschaft, an seine Mutter, an all das Ferne, Vertraute, um dessentwillen er auf Saisonarbeit ausgezogen war, um derentwillen er sich in dieser Nacht so abgequält hatte. Eine Woge von Erinnerungen an sein Dorf übermannte ihn; es zog sich an einem Steilhang hin, zu einem Flüßchen, das sich in einem Hain von Birken, Weiden, Ebereschen und Faulbeerbäumen verbarg. »Ja, das wäre was!« fügte er mit einem Seufzer hinzu.
»Nun ja . . ., ich kann mir denken, wie du nach Hause eilen würdest . . ., mit der Eisenbahn . . . Und wie verrückt die Mädchen daheim nach dir wären! Ha! Nimm dir, welche du willst! Du könntest dir ein Haus zusammenzimmern . . . Das heißt, für ein Haus würde das Geld wohl nicht ganz reichen . . .«
»Nein . . ., da würde noch einiges fehlen . . . Das Bauholz bei uns ist teuer.«
»Nun gut! Dann würdest du eben das alte überholen. Und wie ist das mit einem Pferd? Hast du eins?«
»Ein Pferd? Ja, ein Pferd habe ich, ist aber schon reichlich alt, die Mähre.«
»Na also, dann kaufst du dir eben ein Pferd. Ein richtiges, gutes Pferd! Und eine Kuh . . . Und Schafe . . . Und allerlei Geflügel . . . Wie?«
»Hör auf! Mein Gott, wie könnte man leben!«
»Hm – ja, Verehrter, wär schon ein Leben . . . Ich verstehe was davon. Auch ich habe einst ein eigenes Nest gehabt. Mein Vater war einer der reichsten Bauern im Dorf . . .«
Tschelkasch riß sich beim Rudern kein Bein aus. Das Boot wiegte sich auf den Wellen, die plätschernd an seine Bordwände schlugen, und bewegte sich auf dem dunklen, immer lebhafter spielenden Meer kaum voran. Die beiden Männer schaukelten auf dem Wasser, träumten und blickten sich nachdenklich nach allen Seiten um. Tschelkasch hatte Gawrila auf den Gedanken an das Dorf gebracht, um ihn ein wenig zu ermuntern und zu beruhigen. Er lächelte anfangs in seinen Schnurrbart hinein, während er sprach, als sie sich dann aber eine Weile unterhalten hatten und er ihm die Freuden des bäuerlichen Lebens ins Gedächtnis rief, über die er selbst längst enttäuscht war, die er vergessen hatte und an die er sich erst jetzt wieder erinnerte, kam er allmählich auf den Geschmack und erzählte selbst, statt den Burschen über sein Dorf und alles, was damit zusammenhing, auszufragen.
»Die Hauptsache am bäuerlichen Leben ist die Freiheit, Verehrter! Du bist dein eigener Herr. Du hast dein Haus – es mag einen Groschen wert sein, aber es ist deins. Du hast eigenes Land – und wenn es eine Handvoll ist, es gehört dir. Auf deinem eigenen Grund und Boden bist du König! Du hast ein Gesicht . . . Du kannst von jedem Achtung verlangen. Hab ich nicht recht?« schloß Tschelkasch angeregt.
Gawrila blickte ihn neugierig an und geriet seinerseits in Stimmung. Er hatte im Laufe der Unterhaltung längst vergessen, mit wem er es zu tun hatte, und glaubte schon, genau so einen Bauern vor sich zu haben, wie er selber war – jemanden, der durch den Schweiß vieler Generationen zeit seines Lebens an seinen Grund und Boden gefesselt und durch Kindheitserinnerungen an ihn gebunden blieb, auch wenn er sich eigenmächtig von ihm und der Sorge um ihn gelöst und die wohlverdiente Strafe dafür empfangen hatte.
»Ja, das ist richtig, du! Ach, wie richtig das ist! Schau nur dich selber an – was bist du jetzt ohne Land? Sein Land, mein Lieber, vergißt man nicht – wie man die Mutter nicht vergißt.«
Tschelkaschs Laune schlug um. Er verspürte jenes quälende Brennen in der Brust, das ihn immer befiel, wenn jemand an seine Eigenliebe rührte – die Eigenliebe des unbekümmerten Hasardeurs –, besonders dann, wenn es jemand tat, der keinen Wert in seinen Augen besaß.
»Fasel nicht!« sagte er grimmig. »Glaubst du vielleicht, das war mein Ernst? Hast du dir so gedacht!«
»Bist ein komischer Kauz!« entgegnete Gawrila, wieder eingeschüchtert. »Rede ich denn von dir? Solche wie dich gibt es doch viele! Ach, wieviel unglückliches Volk sich in der Welt herumtreibt!«
»Setz dich an die Ruder, Walroß!« kommandierte Tschelkasch kurz und unterdrückte aus irgendeinem Grunde einen ganzen Schwall von Schimpfworten, die ihm schon auf der Zunge lagen.
Sie tauschten wieder die Plätze, und Tschelkasch verspürte, als er über die Ballen stieg, um zum Heck zu gelangen, den dringenden Wunsch, Gawrila einen Stoß zu versetzen, damit er ins Wasser falle.
Die kurze Unterhaltung war verstummt, jetzt sprach das Dorf jedoch Tschelkasch selbst aus Gawrilas Schweigen an. Er erinnerte sich vergangener Zeiten, vergaß das Steuern, das Boot wurde durch das bewegte Wasser in eine andere Richtung gedreht und strebte irgendwohin aufs Meer hinaus. Die Wellen schienen zu merken, daß das Boot sein Ziel vergessen hatte, spielten mit ihm, warfen es immer höher und leuchteten unter den Ruderschlägen mit ihrem freundlichen blauen Feuer auf. An Tschelkasch aber zogen in rascher Folge die Bilder der fernen Vergangenheit vorüber, die von der Gegenwart durch eine regelrechte Mauer getrennt war – durch die elf Jahre, die er als Vagabund verbracht hatte. Er sah sich als Kind, sah sein Dorf, seine Mutter vor sich, eine rotwangige füllige Frau mit gutmütigen grauen Augen, und seinen Vater, den rotbärtigen Hünen mit dem strengen Gesicht; er erblickte sich als Bräutigam, erblickte die schwarzäugige, füllige, weichherzige und lustige Anfissa mit ihrem langen Zopf, dann wieder sich selbst als schmucken Gardesoldaten; danach wieder den Vater, aber nun schon ergraut und durch die Arbeit gebeugt, und die Mutter – zur Erde niedergedrückt und das Gesicht voller Falten; er erblickte auch das Bild des Empfanges, das ihm das Dorf bereitete, als er vom Dienst bei der Armee zurückkam; er sah, wie stolz der Vater auf seinen Sohn war, den gesunden, gewandten, schnurrbärtigen schmucken Soldaten . . . Die Erinnerung, diese Geißel der Unglücklichen, haucht selbst den Steinen der Vergangenheit Leben ein und setzt dem Gift, das man getrunken hat, einige Tropfen Honig zu . . .
Tschelkasch fühlte sich von einem Hauch der mit allem versöhnenden, freundlichen Heimatluft umweht, mit dem die zärtlichen Worte der Mutter und die gesetzten Reden des Vaters, eines rechten Bauern, an sein Ohr drangen, zugleich mit vielen vergessenen Lauten; und er verspürte die vielen würzigen Gerüche der heimatlichen Fluren – den Geruch der Erde, wenn der Schnee gerade erst von ihr abgetaut ist, wenn sie frisch umgebrochen ist oder die smaragdgrüne Seide der Wintersaat sie überzieht . . . Er fühlte sich vereinsamt, für immer aus der Lebensordnung ausgestoßen, in der sich das Blut gebildet hatte, das in seinen Adern floß.
»He, wo fahren wir denn hin?« fragte plötzlich Gawrila.
Tschelkasch zuckte zusammen und sah sich mit unruhigem Diebesblick um.
»Da, wie es uns abgetrieben hat! Rudere mal ein bißchen kräftiger . . .«
»Du warst wohl in Gedanken versunken?« erkundigte sich Gawrila lächelnd.
»Ich bin müde.«
»Damit können wir jetzt also nicht mehr hereinfallen?« Gawrila tippte mit dem Fuß an die Ballen.
»Nein. Kannst ganz beruhigt sein. Ich liefere sie gleich ab und empfange das Geld. Hm . . ., ja!«
»Fünfhundert?«
»Wenigstens.«
»Das ist . . ., wie heißt das . . ., eine Summe! Wenn ich armer Schlucker soviel Geld in die Hände bekäme! Hach, würde ich ein Fest feiern!«
»Mit den Bauern?«
»Mit wem denn sonst! Ich würde auf der Stelle . . .«
Und Gawrila flog auf den Flügeln des Traums dahin. Tschelkasch schwieg. Sein Schnurrbart hing herunter, die rechte Hüfte war von Wellenspritzern durchnäßt, die eingesunkenen Augen hatten den Glanz verloren. Alles Raubtierhafte an ihm war erschlafft, durch eine bedrückte Nachdenklichkeit verwischt, die selbst aus den Falten des schmutzigen Hemdes hervorsah.
Er wendete scharf und ließ das Boot auf etwas Schwarzes zugleiten, das aus dem Wasser ragte.
Der Himmel hatte sich wieder völlig bewölkt, und ein feiner, warmer Regen ging nieder, der unter fröhlichem Klatschen auf die Wellenkämme fiel.
»Halt! Langsam!« kommandierte Tschelkasch.
Das Boot stieß mit dem Bug an die Bordwand einer Bark.
»Schlafen wohl, die Teufel?« brummte Tschelkasch und angelte mit dem Bootshaken nach irgendwelchen Leinen, die von Bord herabhingen. »Laßt die Strickleiter herunter! Jetzt muß es auch noch regnen, konnte es das nicht früher tun? . . . He, ihr Schwämme! Hört ihr?«
»Ist das Selkasch?« erklang von oben ein freundliches Schnurren.
»Los, laß die Strickleiter herunter!«
»Kallimera, Selkasch!«
»Die Strickleiter her, geräucherter Satan!« brüllte Tschelkasch ihn an.
»Oh, du bist heute so böse . . . Elou!«
»Kletter hinauf, Gawrila!« wandte sich Tschelkasch an seinen Gefährten.
Sie waren im Nu an Deck, wo drei dunkle bärtige Gestalten, die sich lebhaft in einer sonderbaren, lispelnden Sprache unterhielten, über die Reling beugten und in Tschelkaschs Boot starrten. Ein vierter, der in eine lange Chlamys gehüllt war, trat auf Tschelkasch zu und drückte ihm schweigend die Hand; dann maß er Gawrila mit einem mißtrauischen Blick.
»Halte das Geld für morgen früh bereit«, sagte Tschelkasch kurz. »Und jetzt leg ich mich schlafen. Gawrila, komm! Hast du Hunger?«
»Ich möchte weiter nichts als schlafen . . .«, entgegnete Gawrila und fünf Minuten später schnarchte er; Tschelkasch saß neben ihm, probierte irgendwelche Stiefel an, spie nachdenklich zur Seite und pfiff melancholisch durch die Zähne. Dann streckte er sich neben Gawrila aus, verschränkte die Arme unter dem Kopf und zuckte mit dem Schnurrbart.
Die Bark schaukelte ein wenig auf den spielenden Wellen, irgendwo knarrte in kläglichem Tone Holz, der Regen prasselte weich auf das Deck, und die Wellen schlugen plätschernd an die Bordwände. Alles wirkte traurig und klang wie das Wiegenlied einer Mutter, die keine Hoffnung hat, ihren Sohn glücklich zu sehen . . .
Tschelkasch bleckte die Zähne, hob den Kopf, sah sich um, murmelte etwas und legte sich wieder zurecht. Er spreizte dabei die Beine und bekam Ähnlichkeit mit einer großen Schere.
III
Er erwachte als erster, sah sich unruhig um, beruhigte sich aber sogleich und warf einen Blick auf den noch schlafenden Gawrila. Der gab hier und da einen wohligen Schnarcher von sich und lächelte im Traum über das gesunde, sonnengebräunte Gesicht. Tschelkasch seufzte und kletterte über die schmale Strickleiter hinauf. Durch die Luke im Laderaum sah man ein Stück des bleiernen Himmels. Es war hell, aber herbstlich trübe und grau.
Tschelkasch kehrte nach etwa zwei Stunden zurück. Sein Gesicht war rot, die Schnurrbartenden standen verwegen nach oben. Er hatte solide Langschäfter, eine Joppe und Lederhosen an und erinnerte an einen Jäger. Sein ganzer Staat war etwas abgetragen, aber offenbar haltbar und kleidete ihn sehr gut – er ließ ihn breiter erscheinen, verbarg seine Knochigkeit und verlieh ihm etwas Kriegerisches.
»He, steh auf, du Kalb!« Und er stukte Gawrila mit dem Fuß.
Der sprang auf, erkannte ihn vor Verschlafenheit nicht wieder und starrte ihn erschrocken aus trüben Augen an. Tschelkasch brach in Lachen aus.
»Wie du auf einmal ausschaust!« sagte Gawrila schließlich und lächelte über das ganze Gesicht. »Wie ein Herr!«
»Das geht bei uns im Handumdrehen! Du bist aber mir auch ein Hasenfuß! Wie oft in dieser Nacht hast du geglaubt, du müßtest sterben?«
»Aber versteh doch – ich war zum erstenmal dabei! Man setzt schließlich sein Seelenheil aufs Spiel!«
»Und wie ist das, würdest du ein zweites Mal mitmachen?«
»Ein zweites Mal? Es kommt . . ., wie soll ich sagen? Es kommt darauf an, wieviel dabei herausspringt. Das ist es!«
»Wenn also sagen wir, zwei Regenbogenfarbene herausspringen?«
»Das heißt – zwei Hunderter? In Ordnung . . . Da könnte man mitmachen . . .«
»Halt! Und was ist mit dem Seelenheil?«
»Aber vielleicht . . . geschieht der Seele auch gar nichts!« erwiderte Gawrila lächelnd. »Sie bleibt vielleicht, was sie war, und du bist ein gemachter Mann – fürs ganze Leben.«
Tschelkasch lachte belustigt.
»Also gut! Genug der Späße! Fahren wir jetzt an Land!«
Und wieder sitzen sie im Boot. Tschelkasch am Steuer, Gawrila an den Rudern. Über ihnen ein grauer, gleichmäßig verhangener Himmel; die trüb-grünen, noch niedrigen Meereswellen spielen mit dem Boot, schleudern es geräuschvoll hoch und überschütten die Bordwände mit hellen salzigen Spritzern. Weit vorn, vor dem Bug, erkennt man den gelben Streifen des sandigen Ufers, während sich hinter dem Heck das endlose Meer erstreckt, von Wellenrudeln aufgewühlt, die üppig mit weißem Schaum gekrönt sind. Dort, in der Ferne, erkennt man auch zahlreiche Schiffe, weit weg nach links einen ganzen Wald von Masten und zahllose weiße Häuser – die Stadt. Von dorther ergießt sich über das Meer ein dumpfer, grollender Lärm, der mit dem Rauschen der Wellen zu einer schönen, kraftvollen Musik verschmilzt. Und über allem liegt ein dünner Schleier von aschgrauem Nebel, in dem die Gegenstände auseinanderrücken.
»Hach, es wird gegen Abend ganz schön bewegt werden!« sagte Tschelkasch und nickte zum Meer hinüber.
»Gibt es Sturm?« fragte Gawrila und zerteilte die Wellen kräftig mit den Rudern. Er war bereits von den Spritzern durchnäßt, die der Wind über das Meer vor sich herwirbelte.
»Ja doch!« bestätigte Tschelkasch.
Gawrila sah ihn forschend an.
»Nun, wieviel haben sie dir gegeben?« fragte er schließlich, als er merkte, daß Tschelkasch nicht die Absicht hatte, das Gespräch zu beginnen.
»Das hier!« entgegnete Tschelkasch und hielt ihm etwas hin, daß er aus der Tasche zog.
Gawrila erblickte einen Packen bunter Scheine, und alles nahm in seinen Augen grelle, regenbogenfarbene Töne an.
»Ach! Und ich hab doch geglaubt, du schneidest auf! Wieviel sind es?«
»Fünfhundertvierzig.
»Allerhand!« murmelte Gawrila und begleitete die fünfhundertvierzig Rubel, die wieder in der Tasche verschwanden, mit gierigen Augen. »Ach, verdammt! Wenn doch ich mal eine solche Summe beisammen hätte!« Und er gab einen bedrückten Seufzer von sich.
»Jetzt machen wir uns aber einen guten Tag, Bursche!« rief Tschelkasch verzückt. »Hach, werden wir eine Sause machen . . . Glaube nicht, daß ich dir nichts abgebe, Bester! Ich gebe dir vierzig Rubel! Nun? Bist du zufrieden? Ich gebe sie dir, wenn du willst, jetzt gleich.«
»Wenn's dich nicht kränkt – bitte! Ich nehme sie an!«
Gawrila zitterte vor leidenschaftlicher, das Herz zum Stocken bringender Erwartung.
»Ach, du Teufelsbraten! Ich nehme sie an! Nimm sie an, Verehrter, tu mir den Gefallen! Ich bitte dich darum, nimm sie an! Ich weiß nicht, wo ich mit einem solchen Haufen Geld hin soll! Befrei mich davon, hier, nimm sie an!«
Tschelkasch reichte Gawrila mehrere Scheine hinüber. Der legte die Ruder hin, nahm sie mit zitternder Hand in Empfang und verbarg sie irgendwo auf der Brust; seine Augen waren gierig zusammengekniffen, er atmete geräuschvoll ein, als trinke er etwas, das ihm die Kehle verbrannte. Tschelkasch blickte ihn mit spöttischem Lächeln an. Gawrila aber griff gleich wieder zu den Rudern und ruderte – nervös und hastig, als fürchte er sich vor etwas, und mit zu Boden gerichtetem Blick. Seine Schultern und Ohren zuckten.
»Bist aber reichlich gierig! Das ist nicht schön . . . Im übrigen – wie könnte es anders sein? Ein Bauer . . .«, meinte Tschelkasch nachdenklich.
»So bedenke doch, was ich mit dem Geld alles anfangen kann!« rief Gawrila und flammte plötzlich vor leidenschaftlicher Erregung. Und er erging sich zusammenhanglos und hastig, als jage er den eigenen Gedanken nach und hasche nach den Worten, über das Leben auf dem Dorf – mit und ohne Geld. Die allgemeine Achtung, der Wohlstand, die Vergnügtheit . . .
Tschelkasch hörte ihm aufmerksam, mit ernstem Gesicht und nachdenklich zusammengekniffenen Augen zu. Dann und wann lächelte er zufrieden.
»Da sind wir!« unterbrach er Gawrilas Redefluß.
Eine Welle trug das Boot hoch und setzte es mühelos auf den Sand.
»So, Verehrter, damit wären wir am Ende. Das Boot müssen wir möglichst weit an Land ziehen, damit es nicht fortgeschwemmt wird. Es wird hier abgeholt. Und wir beide sagen uns ade! Von hier bis zur Stadt sind es ungefähr acht Werst. Du kehrst wohl in die Stadt zurück? Oder wie?«
Tschelkaschs Gesicht strahlte von einem gutmütig-pfiffigen Lächeln; überhaupt sah er aus, als führe er etwas für ihn sehr Angenehmes und für Gawrila Überraschendes im Schilde. Er hatte die Hand in der Tasche und knisterte mit den Scheinen.
»Nein . . ., ich . . . gehe jetzt nicht hin . . ., ich . . .« Gawrila rang nach Luft und würgte an etwas.
Tschelkasch sah ihn an.
»Was hast du?« fragte er.
»Nichts . . .« Doch Gawrilas Gesicht wurde abwechselnd rot und grau, und er trat unschlüssig auf der Stelle – sei es, daß er sich auf Tschelkasch stürzen wollte, sei es, daß ihn ein anderer schwer erfüllbarer Wunsch zerriß.
Tschelkasch war beim Anblick einer solchen Erregung des Burschen nicht ganz ungeheuer. Er wartete, womit das enden werde.
Gawrila brach in ein seltsames Lachen aus, das an Schluchzen erinnerte. Sein Kopf war gesenkt, den Gesichtsausdruck konnte Tschelkasch nicht erkennen, er sah nur undeutlich seine Ohren, die bald rot, bald blaß wurden.
»Hol dich der Teufel!« Tschelkasch winkte ab. »Hast du dich etwa in mich verliebt, oder was ist? Druckst herum wie ein Mädchen! Fällt dir der Abschied so schwer? He, Milchbart! So rede schon, was hast du? Sonst geh ich!«
»Du gehst?« schrie Gawrila laut auf.
Sein Schrei erschütterte den einsamen Strand; die von den Meereswellen angespülten gelben Sandwellen schienen sich aufzubäumen. Plötzlich riß sich Gawrila von der Stelle los, an der er gestanden hatte, stürzte sich vor Tschelkaschs Füße, umklammerte seine Beine und zog sie an sich. Tschelkasch geriet ins Wanken, setzte sich schwerfällig in den Sand, knirschte mit den Zähnen und holte, die Hand zur Faust geballt, mit dem langen Arm aus. Er kam jedoch nicht zum Zuschlagen – Gawrilas schamhaftes, bittendes Flüstern hielt ihn zurück.
»Du Lieber! Überlaß mir dieses Geld! Gib es mir – um Christi willen! Was bedeutet es schon für dich? Du vertust es in einer Nacht – in einer einzigen Nacht! Und mir reicht es für Jahre . . . Gib es mir, ich will für dich beten! Ich werde mein Leben lang – in drei Kirchen – für dein Seelenheil beten lassen! Du streust es doch nur in den Wind – ich tue es in die Erde! Ach, gib mir das Geld! Was macht es dir schon aus! Was kostet's dich denn? Eine einzige Nacht, und du bist wieder reich! Tu ein gutes Werk! Du bist ja doch ein Verlorener . . . Weißt keinen Weg mehr für dich . . . Während ich – ach! Gib es mir!«
Tschelkasch saß, erschrocken, verblüfft und verärgert im Sand, nach hinten übergeneigt und auf die Hände gestützt, schwieg und starrte den Burschen, der den Kopf an seine Knie gepreßt hatte und ihn atemlos murmelnd anflehte, mit furchterregenden Augen an. Er stieß ihn schließlich von sich, sprang auf, griff in die Tasche und warf Gawrila die Scheine hin.
»Da hast du! Friß . . .«, rief er ihm zu und zitterte vor Erregung, vor heftigem Mitleid, vor Haß auf diesen gierigen Knecht. Und er fühlte sich, nachdem er ihm das Geld hingeworfen hatte, als Held.
»Ich wollte dir selber mehr geben. Ich war gestern gerührt, ich dachte an mein Dorf zurück . . . Gut, hilfst dem Burschen, sagte ich mir. Und ich wartete, was du tun, ob du mich darum bitten würdest oder nicht. Und du . . . Ein Fetzen bist du, ein Bettler! Wie kann man sich des Geldes wegen so zermartern! Dummkopf! Geizige Teufel seid ihr! Irrsinnige, die sich für ein Fünfkopekenstück verkaufen!«
»Du Lieber! Christus errette dich! Was halte ich denn in der Hand? . . . Ich bin . . ., ich bin doch jetzt ein reicher Mann!« winselte Gawrila außer sich, zuckte in einem fort und verbarg das Geld unter dem Hemd. »Ach, du Bester! Das vergesse ich dir nie im Leben! Niemals! Ich lasse Frau und Kinder für dich beten!«
Tschelkasch hörte sich sein Freudengeplärr an, blickte in sein strahlendes, von der Begeisterung der Habgier entstelltes Gesicht und fühlte, daß er – der Dieb, der heimatlose Vagabund – niemals so gierig, so niedrig sein würde, sich nie so vergessen könnte. Nein, so würde er nie werden! Und dieser Gedanke, dieses Gefühl erfüllten ihn mit dem Bewußtsein seiner Freiheit und hielten ihn auf dem einsamen Meeresufer neben Gawrila fest.
»Du hast mich zu einem glücklichen Menschen gemacht!« rief Gawrila, griff nach Tschelkaschs Hand und drückte sie immer wieder ungeschickt an sein Gesicht.
Tschelkasch schwieg und bleckte wölfisch die Zähne. Gawrila fuhr in seinen Herzensergießungen fort: »Weißt du auch, was ich mir gedacht habe? Wir kommen her . . ., habe ich mir gedacht . . ., und ich haue ihm – also dir – mit dem Ruder über den Schädel . . . Das Geld ist mein, und ihn . . ., also dich . . . ins Meer! Wer fragt schon danach? Und selbst wenn sie ihn finden, werden sie nicht erst lange forschen – wer und wieso. Ist schließlich nicht jemand, dessentwegen man viel Aufhebens macht! Einer, den niemand braucht! Wer soll schon für ihn eintreten?«
»Gib das Geld zurück!« brüllte Tschelkasch und packte Gawrila an der Gurgel.
Gawrila versuchte ein-, zweimal sich loszureißen, aber Tschelkaschs anderer Arm umwand ihn wie eine Schlange. Man hörte das Knattern eines zerreißenden Hemdes – dann lag Gawrila im Sand, starrte wie ein Irrer, griff mit den Fingern in die Luft und zappelte mit den Beinen. Tschelkasch – gerade, mager, raubtierhaft sehnig – bleckte böse die Zähne und brach in ein giftiges Kichern aus; sein Schnurrbart zuckte nervös in dem eckigen, scharf geschnittenen Gesicht. Er war noch nie im Leben so schmerzhaft getroffen worden und so erbost gewesen.
»Nun, du glücklicher Mensch?« fragte er Gawrila, immer noch giftig lachend, drehte ihm den Rücken zu und ging in Richtung der Stadt davon. Aber er hatte noch keine fünf Schritte getan, als Gawrila wie eine Katze herumfuhr, aufsprang, weit ausholte und mit einem runden Stein nach ihm warf, wobei er böse ausrief: »Da!«
Tschelkasch ließ ein Ächzen hören, griff sich mit beiden Händen an den Kopf, sank vornüber, drehte sich zu Gawrila um und fiel mit dem Gesicht nach unten in den Sand. Gawrila erstarrte, als er das sah. Jetzt bewegte Tschelkasch das Bein, versuchte den Kopf zu heben, zuckte kurz und streckte sich schnurgerade aus. Da stürzte Gawrila davon, dorthin, wo über der nebligen Steppe eine zottige schwarze Wolke hing und wo es dunkel war. Die Wellen rauschten, überfluteten den Sand, verebbten und fluteten aufs neue heran. Der Schaum zischte, und Wasserspritzer wirbelten durch die Luft.
Es begann zu regnen. Zuerst fielen einzelne Tropfen, die aber rasch in einen dichten, schweren Regen übergingen, der sich in schmalen Bächen vom Himmel ergoß. Sie verflochten sich zu einem ganzen Netz von wäßrigen Fäden, das rasch die Ferne von Himmel und Meer verdeckte. Gawrila war verschwunden. Man sah eine Weile nichts als den Regen und den langen Mann, der im Sand am Meere lag. Aber dann tauchte aus dem Regen wieder Gawrila auf – er rannte, er flog wie ein Vogel dahin; bei Tschelkasch angelangt, kniete er neben ihm nieder und versuchte ihn umzudrehen. Seine Hand griff in etwas Warmes, Rotes, Glitschiges . . . Er zuckte zusammen und fuhr mit irrem, blassem Gesicht zurück.
»Bruder, so steh doch schon auf!« flüsterte er Tschelkasch beim Rauschen des Regens ins Ohr.
Tschelkasch kam zu sich, stieß Gawrila zurück und sagte mit heiserer Stimme: »Mach, daß du fortkommst!«
»Bruder, verzeih mir! Der Böse hat mich . . .«, murmelte Gawrila zitternd und küßte Tschelkasch die Hand.
»Geh . . . Geh schon . . .«, krächzte Tschelkasch.
»Erlöse meine Seele von der Sünde! Verzeih mir, du Lieber!«
»Mach, daß du . . ., geh! Scher dich zum Teufel!« rief plötzlich Tschelkasch und setzte sich im Sand aufrecht. Sein Gesicht war blaß und böse, die trüben Augen fielen in einem fort zu, als habe er das unüberwindliche Bedürfnis zu schlafen. »Was willst du noch von mir? Du hast dein Werk getan . . ., geh jetzt! Hau ab!« Und er versuchte, den zu Tode betrübten Gawrila mit dem Fuß zu stoßen, vermochte es aber nicht und wäre abermals umgesunken, hätte Gawrila ihn nicht um die Schulter gefaßt und gestützt. Ihre Gesichter befanden sich nun dicht nebeneinander. Beide waren bleich und wirkten furchterregend.
»Pfui!« Und Tschelkasch spie seinem Knecht in die weit aufgerissenen Augen.
Der wischte sich demütig mit dem Ärmel ab und flüsterte: »Mach, was du willst . . ., ich sage kein Wort. Aber vergib mir um Christi willen!«
»Geschmeiß! Verstehst nicht einmal zu heucheln!« rief Tschelkasch verächtlich, riß unter der Jacke ein Stück vom Hemd ab und verband sich schweigend, nur hin und wieder mit den Zähnen knirschend, den Kopf. »Hast du das Geld wieder genommen?« stieß er durch die Zähne hervor.
»Nein, Bruder! Ich brauche es nicht. Es bringt nur Unglück!«
Tschelkasch griff in die Jacke, zog einen Packen Geldscheine hervor, steckte einen regenbogenfarbenen Schein wieder in die Tasche und warf alle übrigen Gawrila hin.
»Da, und nun geh!«
»Ich nehme sie nicht! Ich kann nicht! Verzeih mir!«
»Nimm, sage ich dir!« fuhr Tschelkasch ihn an und rollte drohend die Augen.
»Vergib mir! Dann nehme ich sie«, entgegnete Gawrila zaghaft und sank Tschelkasch erneut vor die Füße, in den nassen, ausgiebig vom Regen getränkten Sand.
»Du lügst, du nimmst sie auch so, du Ungeziefer!« sagte Tschelkasch überzeugt, bog mit Mühe Gawrilas Kopf an den Haaren zu sich herauf und hielt ihm die Scheine vor das Gesicht.
»Nimm, nimm nur! Sollst nicht umsonst gearbeitet haben! Nimm, hab keine Angst! Brauchst dich nicht zu schämen, weil du einen Menschen beinahe umgebracht hast! Solcher Leute wegen wie ich wird dich niemand zur Verantwortung ziehen. Sie sagen, wenn sie's erfahren, womöglich noch ›Danke schön!‹. Hier, nimm!«
Gawrila sah, daß Tschelkasch sich über ihn lustig machte, und ihm wurde leichter zumute. Er preßte das Geld in seiner Hand.
»Bruder! Vergibst du mir? Kannst du mir vergeben? Ja?« fragte er weinerlich.
»Du Lieber!« äffte Tschelkasch ihm nach und richtete sich, wenn auch ein wenig unsicher, auf. »Was soll ich dir denn verzeihen? Und wieso? Wie du mir, so ich dir – wenn nicht heute, dann morgen.«
»Ach, Bruder, Bruder!« seufzte Gawrila betrübt und schüttelte den Kopf.
Tschelkasch stand vor ihm und lächelte sonderbar; der Hemdfetzen an seinem Kopf färbte sich nach und nach rot und erinnerte immer mehr an einen türkischen Fes.
Es goß in Strömen. Das Meer grollte dumpf, die Wellen schlugen zornig und wild ans Ufer.
Die beiden Männer schwiegen.
»Nun, leb wohl!« sagte Tschelkasch schließlich spöttisch und wandte sich zum Gehen.
Er wankte, die Beine zitterten, er hielt den Kopf so sonderbar, als fürchte er, ihn jeden Augenblick zu verlieren.
»Verzeih mir, Bruder!« bat Gawrila noch einmal.
»Schon gut!« entgegnete Tschelkasch kühl und machte sich auf den Weg.
Er schritt, ein wenig wankend, dahin, die linke Hand am Kopf, als müsse er ihn stützen, während die rechte behutsam am braunen Schnurrbart zupfte.
Gawrila blickte ihm nach, bis er im Regen verschwand, der sich immer dichter in endlosen dünnen Bächen aus den Wolken ergoß und die Steppe in ein undurchdringliches stahlgraues Dunkel hüllte.
Dann nahm Gawrila seine durchnäßte Mütze ab, bekreuzigte sich, warf einen Blick auf das Geld in seiner Faust, atmete tief und erleichtert auf, verbarg die Scheine unter dem Hemd und ging mit langen, festen Schritten am Ufer davon, entgegengesetzt zu der Richtung, in der Tschelkasch verschwunden war.
Das Meer brüllte und ergoß sich mit hohen, schweren Wellen über den Sandstrand, auf dem sie in Schaum und Spritzer zerstoben. Der Regen peitschte ununterbrochen auf Land und Meer herab . . ., der Wind heulte . . . Alles ringsum verschmolz zu einem einzigen Brüllen, Tosen und Donnern . . . Man sah vor lauter Regen weder Himmel noch Meer.
Der Regen und die Wellenspritzer löschten den roten Fleck an der Stelle, an der Tschelkasch gelegen hatte, bald aus, wie sie die Fußspuren Tschelkaschs und des jungen Burschen auslöschten. Und am einsamen Meeresufer blieb nichts zurück, was an das kleine Drama erinnerte, das sich hier zwischen zwei Menschen abgespielt hatte.
Das Lied vom Falken
Das riesige, träge am Ufer seufzende Meer ist eingeschlafen und liegt in der vom bläulichen Mondlicht umgossenen Ferne regungslos da. Dort fließt es weich und silbrig mit dem blauen südlichen Himmel zusammen, schläft tief und fest und spiegelt das durchsichtige Gewebe der Federwolken wider, die unbeweglich am Himmel stehen und die goldenen Sternenmuster nicht verdecken. Der Himmel scheint sich immer tiefer aufs Meer herabzuneigen, als wolle er erlauschen, wovon die ruhelosen Wellen flüstern, die schläfrig das Ufer hinaufgleiten.
Die Berge, die mit verkrüppelten, vom Nordost verbogenen Bäumen bestanden sind, streben mit ihren Gipfeln himmelan in die blaue Leere, und ihre rauhen Umrisse wirken, vom warmen, freundlichen Halbdunkel der südlichen Nacht umhüllt, gerundeter, weicher.
Die Berge setzen eine feierlich-nachdenkliche Miene auf. Sie werfen schwarze Schatten auf die prächtigen grünlichen Wellenkämme und verbergen sie gleichsam, als wollten sie die einzige noch vorhandene Bewegung zum Stillstand bringen und das unermüdliche Rauschen des Wassers und die Seufzer des Schaums ersticken – alle Laute, die die geheimnisvolle Stille unterbrechen; sie erfüllt alles ringsum – zusammen mit dem bläulichen Silber, dem Schein des Mondes, der sich noch hinter den Berggipfeln verbirgt.
»A-allah-ach-a-akbar!« murmelt Nadyr-Ragim-ogly, der alte Krim-Schäfer, vor sich hin, ein hochgewachsener, grauhaariger und hagerer, von der südlichen Sonne versengter, weiser alter Mann.
Wir liegen im Sand unter einem riesigen Felsbrocken, der sich vom heimatlichen Berg gelöst hat, in Schatten gekleidet und von Moos überwuchert ist – einem traurigen, düsteren Fels. Auf der Seite, die dem Meer zugewandt ist, haben ihn die Wellen mit Tang und Algen überzogen, und der auf diese Weise behangene Fels scheint an den schmalen Sandstreifen gefesselt, der das Meer von den Bergen trennt. Die Flamme unseres Lagerfeuers erhellt ihn auf der den Bergen zugekehrten Seite, das Feuer flackert, und über das alte, von einem dichten Netz von Rissen überzogene Gestein huschen Schatten.
Ragim und ich kochen eine Suppe aus frisch gefangenen Fischen und befinden uns in einer Stimmung, die alles geisterhaft und vergeistigt erscheinen läßt und bis in sein Innerstes vorzudringen erlaubt, in einer Stimmung, bei der einem so rein und leicht ums Herz wird, daß man nur einen Wunsch verspürt – den Wunsch, zu denken.
Das Meer aber liebkost das Ufer, und die Wellen plätschern so einschmeichelnd, als bäten sie um Erlaubnis, näher zu kommen und sich am Feuer zu wärmen. Manchmal wird die allgemeine Harmonie des Rauschens durch eine helleren, übermütigen Ton unterbrochen – dann dringt eine Welle, die kühner ist als die anderen, näher zu uns vor.
Ragim liegt bäuchlings im Sand, mit dem Kopf zum Meer, und blickt nachdenklich in die dunstige Ferne, die Ellenbogen aufgestützt und den Kopf auf die Hände gelegt. Die zottige Lammfellmütze ist ihm in den Nacken gerutscht, die Frische, die vom Wasser herüberweht, umfächelt die hohe, von zahllosen Fältchen durchfurchte Stirn. Er philosophiert, ohne zu fragen, ob ich ihm zuhöre, als spräche er mit dem Meer.
»Ein Mensch, der zu Gott hält, kommt ins Paradies. Und der, der Gott und dem Propheten nicht dient? Vielleicht ist er in diesem Schaum . . . Oder in jenen silbrigen Flecken auf dem Wasser – wer weiß, vielleicht sind auch sie – er . . .«
Das dunkle, gewaltige, unendlich weite Meer hellt sich auf; hier und da erscheinen lässig hingeworfene Tupfen von Mondlicht auf ihm. Der Mond ist hinter den borstigen Gipfeln bereits zum Vorschein gekommen und ergießt sein Licht nachdenklich über das Meer, das ihm, dem Ufer und dem Felsen, an dem wir liegen, entgegenseufzt.
»Ragim! Erzähl mir ein Märchen . . .«, bitte ich den Alten.
»Wozu?« fragt Ragim, ohne sich zu mir umzuwenden.
»Wozu? Ich liebe deine Märchen.«
»Ich habe dir schon alles erzählt. Mehr kenne ich nicht.«
Das heißt, er will, daß ich ihn nochmals bitte. Ich tu's.
»Willst du ein Lied hören?« willigt Ragim ein.
Ich möchte das alte Lied gern hören, und er beginnt in schwermütigem Recitando, wobei er darauf bedacht ist, die eigenartige Melodie des Liedes zu bewahren.
I
Eine Blindschleiche kroch hoch hinauf ins Gebirge, legte sich nieder in eine feuchte Schlucht, ringelte sich zusammen und blickte aufs Meer.
Hoch am Himmel strahlte die Sonne, die Berge verströmten glühende Hitze, tief unten schlugen die Wellen gegen die Felsen.
Durch die Schlucht aber strebte, im Finsteren zersprühend, ein Gebirgsbach und donnerte mit den Steinen.
Völlig in weißen Schaum gehüllt, durchbrach er, grau, aber stark, den Fels und stürzte sich, ärgerlich tosend, ins Meer.
Plötzlich stieß in die Schlucht, in der zusammengerollt die Blindschleiche lag, ein Falke vom Himmel herab, mit wunder Brust, die Federn voller Blut.
Er sank mit kurzem Aufschrei zu Boden und schlug in ohnmächtigem Zorn mit der Brust gegen den Fels.
Die Blindschleiche erschrak, kroch rasch beiseite, begriff dann aber, daß dem Falken nur noch ganz kurze Zeit zu leben beschieden war.
Sie kroch auf den wunden Vogel zu und zischte ihn unverschämt an.
»Was ist, du stirbst wohl?«
»Ja, ich sterbe!« entgegnete der Falke und seufzte aus tiefster Brust. »Aber ich habe herrlich gelebt! Ich kenne das Glück! Ich habe mich tapfer geschlagen! Ich habe den Himmel gesehen . . . Du wirst ihn nie so nahe sehen! Ach, du Ärmste!«
»Was das schon ist – der Himmel! Eine leere Stelle . . . Wie soll ich da herumkriechen? Ich fühle mich hier sehr wohl – hier ist es warm und feucht.«
So gab die Blindschleiche dem freien Vogel zur Antwort und machte sich im Herzen über seinen Aberwitz lustig.
Und sie dachte sich: Flieg oder kriech, das Ende bleibt immer dasselbe; alles wird wieder zu Erde, zerfällt zu Staub.
Doch der kühne Falke fuhr plötzlich hoch, richtete sich halb auf und blickte sich um in der Schlucht.
Durch das graue Gestein sickerte Wasser, und es war dumpf in der dunklen Schlucht, und es roch nach Moder.
Und der Falke nahm alle Kraft zusammen und rief, bewegt von Sehnsucht und Schmerz: »Oh, könnte ich mich noch einmal zum Himmel erheben! Ich würde den Feind an meine Wunden drücken, damit er in meinem Blute erstickt! O Glück des Kampfes!«
Die Blindschleiche aber dachte bei sich: Muß sich im Himmel wohl doch ganz angenehm leben lassen, da er so danach lechzt!
Und sie machte dem freien Vogel den Vorschlag: »Rück doch bis an den Rand der Schlucht und laß dich fallen. Vielleicht tragen dich deine Flügel hoch und du verweilst noch ein wenig in deinem Element.«
Und der Falke raffte sich auf, stieß einen stolzen Schrei aus und bewegte sich zum Rande der Schlucht, mit den Krallen gleitend über den glitschigen Stein.
Und er trat heran, breitete die Flügel aus, tat einen tiefen Atemzug, funkelte mit den Augen auf und – rutschte den Hang hinunter.
Er glitt wie ein Stein über Steine, er stürzte immer schneller, die Flügel brechend und viele Federn verlierend.
Eine Welle des Gebirgsbachs erfaßte ihn, wusch das Blut ab, hüllte ihn in Schaum und trug ihn aufs Meer hinaus.
Die Wellen des Meeres aber schlugen mit traurigem Donnern gegen den Fels . . . Und der Leichnam des Vogels war in den Meeresräumen nicht mehr zu sehen . . .
II
Die Blindschleiche lag in der Schlucht und dachte lange über den Tod des Vogels und seine Leidenschaft für den Himmel nach.
Und sie warf einen Blick in jene Ferne, die das Auge ewig erfreut mit dem Traum vom Glück.
»Was hat der tote Falke denn nun in ihr erblickt, in dieser bodenlosen, grenzenlosen Leere? Wieso beirren solche wie er – selbst nach dem Tode – die Seele mit ihrer Liebe zum Höhenflug? Was finden sie daran? Im übrigen kann ich das alles erfahren, wenn ich zum Himmel auffliege, und sei es nur ganz kurz.«
Gesagt, getan. Sie ringelte sich zusammen, schnellte sich in die Luft und blitzte als schmales Band in der Sonne auf.
Wer zum Kriechen geboren ist, taugt nicht zum Fliegen. Das hatte sie vergessen; sie schlug auf die Steine, tat sich aber nichts, sondern brach nur in Lachen aus . . .
»Darin also besteht der Reiz des Höhenflugs! Im Fall, im Sturz! Komische Käuze – die Vögel! Sie kennen die Erde nicht, verzehren sich vor Sehnsucht, streben hoch hinaus in den Himmel und suchen das Leben in einer heißen Wüste. Dort ist es nur leer. Es gibt zwar viel Licht, aber ein lebender Körper findet dort weder Halt noch Nahrung. Was soll also der Stolz? Was sollen die Vorwürfe? Sollen sie nur den Aberwitz ihrer Wünsche verschleiern und ihre Untüchtigkeit zum Leben verbergen? Komische Käuze – die Vögel! Jetzt laß ich mich aber nicht mehr durch ihr Gerede täuschen! Ich weiß Bescheid! Ich habe den Himmel gesehen . . . Ich bin zu ihm aufgeflogen, habe erfahren, was stürzen heißt, bin aber nicht zu Tode gestürzt, sondern vertraue nur fester auf mich selbst. Mögen die, die die Erde nicht lieben können, von der Täuschung leben. Ich kenne die Wahrheit. Und ich mißtraue dem Lockrufe. Ich bin ein Geschöpf der Erde, und von der Erde leb ich.«
Und sie ringelte sich zu einem Knäuel zusammen, erfüllt von Stolz auf sich selbst.
Das Meer aber funkelte in hellstem Licht, und drohend schlugen die Wellen gegen das Ufer.
Aus ihrem Löwengebrüll hallte das Lied vom stolzen Vogel, die Felsen erbebten von ihren Schlägen, der Himmel erbebte vom grimmigen Lied:
Wir singen Ruhm dem Wahnwitz der Kühnen!
Der Wahnwitz der Kühnen – er ist die Weisheit des Lebens! O tapferer Falke! Du bist im Kampf mit deinen Feinden verblutet . . . Aber es kommt der Tag, da deines heißen Blutes Tropfen gleich Funken in der Finsternis des Lebens erglühen und zahllose kühne Herzen aufflammen werden von wahnwitzigem Durst nach der Freiheit, dem Licht!
Und mögest du tot sein! Du lebst im Lied, im Lied der Kühnen, der Starken an Willen, ein leuchtendes Beispiel, ein stolzer Aufruf – zur Freiheit, zum Licht!
Wir singen das Lied vom Wahnwitz der Kühnen!
Die opalene Meeresferne schweigt, die Wellen plätschern melodisch über den Sand, ich schweige und blicke aufs Meer hinaus. Die silbernen Tupfen der Mondstrahlen werden immer zahlreicher. Unser Kessel beginnt leise zu summen.
Eine der Wellen rollt den Strand hinauf und nähert sich, herausfordernd plätschernd, dem Kopf Ragims.
»Wo willst du hin? Hau ab!« Ragim fuchtelt mit den Händen, um sie zu verscheuchen, und sie flutet gehorsam zum Meer zurück. Daß Ragim die Wellen wie lebende Wesen behandelt, erscheint mir nicht im geringsten unheimlich oder komisch. Alles ringsum blickt merkwürdig beseelt, weich und freundlich drein. Das Meer ist überwältigend ruhig, und man fühlt, daß in dem frischen Atem, der zu den Bergen von ihm aufsteigt – sie sind noch immer nicht abgekühlt von der Hitze des Tages –, eine gewaltige, beherrschte Kraft verborgen ist. Der dunkelblaue Himmel, in den die goldenen Sternenmuster eingezeichnet sind, atmet eine Feierlichkeit, die die Seele betört und den Verstand mit der verheißungsvollen Erwartung einer Offenbarung narrt.
Alles schlummert, aber mit angespanntester Hellhörigkeit, und es scheint, alles werde im nächsten Augenblick erwachen und mit vollendetster Harmonie in unfaßbar wohllautenden Klängen zu tönen beginnen. Diese Klänge werden von den Geheimnissen der Welt erzählen, sie dem Verstand begreiflich machen, um ihn danach gleich einem trügerischen Flämmchen auszulöschen und die Seele in den dunkelblauen Abgrund hoch oben zu entführen, aus dem ihr die flimmernden Sternenmuster mit einer ebenso wunderbaren Musik der Offenbarung antworten werden.
»Die Ausfahrt«
Auf der Dorfstraße bewegt sich zwischen den weißen Lehmhütten unter wildem Johlen eine merkwürdige Prozession.
Eine Schar Menschen kommt daher, in dichtem Haufen, langsam und lärmend – sie wälzt sich heran wie eine große Woge, und voran schreitet mit traurig hängendem Kopf ein struppiges, elendes Pferd. Setzt es ein Vorderbein auf die Erde, dann wirft es den Kopf zurück und neigt ihn wieder so sonderbar vor, als wollte es das zottige Maul in den Straßenstaub drücken; setzt es aber ein Hinterbein vor das andere, dann sinkt seine Kruppe so tief zur Erde ab, daß es scheint, es müsse jeden Augenblick umfallen.
An den Vorderteil des Bauernwagens ist mit einer Leine, die ihr die Hände bindet, eine kleine, völlig nackte Frau, fast noch ein Mädchen, gefesselt. Sie bewegt sich irgendwie sonderbar – seitlich – voran, ihre Beine zittern und knicken ein, der Kopf mit dem zerzausten dunkelblonden Haar ist erhoben und ein wenig in den Nacken geworfen, die weit geöffneten Augen starren mit stumpfem Blick, in dem nichts Menschliches ist, in die Ferne. Ihr ganzer Körper ist mit runden oder länglichen roten und blauen Flecken bedeckt, die feste, mädchenhafte linke Brust ist aufgeschlagen und blutet. Das Blut zieht sich als rotes Band über den Bauch und über das linke Bein bis an das Knie hin und verliert sich auf der Wade in einer braunen Kruste von Staub. Es sieht aus, als hätte man dieser Frau einen langen, schmalen Streifen Haut vom Körper abgezogen. Und offenbar hat man sie lange mit einem Holzscheit auf den Bauch geschlagen oder mit Stiefeln auf ihm herumgetreten, denn er ist ungeheuerlich angeschwollen und erschreckend blau.
Die Füße der Frau – sie sind wohlgeformt und klein – schleppen sich mit Mühe über den grauen Staub, ihr ganzer Körper verbiegt sich, und es ist unverständlich, wieso sie sich auf ihren Beinen hält, die – wie der ganze Körper – voller blauer Flecken sind, wieso sie nicht umsinkt und, an den Armen hängend, sich von dem Wagen über die warme Erde schleifen läßt . . .
Auf dem Wagen aber steht ein hochgewachsener Bauer, in weißem Hemd, mit einer schwarzen Lammfellmütze auf dem Kopf, unter der eine feuerrote Haarsträhne hervorquillt und über die Stirn fällt; in der einen Hand hält er die Zügel, in der anderen eine Peitsche, mit der er methodisch bald auf den Rücken des Pferdes, bald auf den Körper der kleinen Frau eindrischt, die ohnehin so zugerichtet ist, daß sie fast jede Ähnlichkeit mit einem Menschen verloren hat. Die Augen des rothaarigen Bauern sind blutunterlaufen und funkeln in bösem Triumph. Das Haar unterstreicht ihre grünliche Farbe. Die bis an den Ellenbogen aufgekrempelten Ärmel des Hemdes entblößen die kräftigen, von dichten roten Loden bedeckten Arme; der geöffnete Mund ist voller scharfer weißer Zähne; von Zeit zu Zeit ruft der Bauer mit heiserer Stimme aus: »Da . . . Hexe! Hei! Da hast du! Aha! Da!«
Hinter dem Wagen und der an ihn gefesselten Frau strömt in hellem Haufen das Volk, schreit, johlt und pfeift, lacht und hetzt. Jungen rennen . . . Manchmal stürzt einer von ihnen vor und ruft der Frau zynische Worte ins Gesicht. Die Lachsalven der Menge übertönen alle anderen Laute, auch das dünne Pfeifen der Peitsche in der Luft. Die Frauen haben sinnlich erregte Gesichter und vor Vergnügen funkelnde Augen. Die Männer rufen dem, der auf dem Wagen steht, Widerwärtigkeiten zu. Er dreht sich zu ihnen um und wiehert mit weit geöffnetem Mund. Ein neuer Peitschenhieb geht auf den Körper der Frau nieder. Die lange, dünne Peitschenschnur trifft die Schulter und verfängt sich unter dem Arm. Da reißt der Bauer auf dem Wagen die Peitsche scharf zurück; die Frau schreit winselnd auf, sinkt hintenüber und fällt rücklings in den Staub. Aus der Menge stürzen welche zu ihr hin, beugen sich über sie und verdecken sie mit ihren Leibern.
Das Pferd bleibt stehen, setzt sich aber gleich wieder in Bewegung, und die zerschundene Frau geht wie zuvor neben dem Wagen her. Und der kümmerliche Gaul setzt langsam die Beine und nickt in einem fort mit dem zottigen Kopf, als wollte er sagen: Was für ein Elend, ein Tier zu sein! Die Menschen zwingen einen, an jeder Scheußlichkeit teilzunehmen . . .
Und der Himmel, der Himmel des Südens, ist völlig wolkenlos, die Sonne ergießt freigebig ihre sengenden Strahlen.
Ich habe hier nicht etwa von mir Erfundenes niedergeschrieben oder die Wahrheit entstellt – nein, das Geschilderte ist leider keine Erfindung. Das nennt sich »Ausfahrt«. So bestraft ein Ehemann die Untreue seiner Frau; es handelt sich um ein Sittenbild, um einen Brauch, und ich habe das im Jahre 1891, am 15. Juli, gesehen – im Dorf Kandybowka, Gouvernement Cherson, Kreis Nikolajew.
Ich wußte, daß man bei uns hinter der Wolga eine untreu gewordene Frau nackt auszieht, mit Teer beschmiert und mit Hühnerfedern überschüttet und in diesem Aufzug auf der Dorfstraße herumführt. Ich wußte, daß erfinderische Ehemänner oder Schwiegerväter eine »Treulose« im Sommer gelegentlich mit Sirup beschmieren und den Insekten zum Fraß an einen Baum binden. Ich hatte gehört, daß man die »Treulosen« bisweilen gefesselt in einen Ameisenhaufen setzt. Und schließlich sah ich, daß all das unter ungebildeten, gewissenlosen, durch ein wölfisches Leben in Neid und Gier verwilderten Menschen möglich ist.
In der Steppe
Wir verließen Perekop in der allerdüstersten Gemütsstimmung – hungrig wie die Wölfe und wütend auf die ganze Welt. In den letzten zwölf Stunden hatten wir all unsere Kräfte und Talente erfolglos aufgeboten, um etwas zu stehlen oder zu verdienen, und als wir uns endlich davon überzeugt hatten, daß uns weder das eine noch das andere gelingen wollte, beschlossen wir weiterzugehen. Wohin? Nur weiter.
Unter allen Umständen waren wir bereit, auf dem Lebenspfad weiter zu wandern, den wir schon lange beschritten hatten. Dieser wertlose Beschluß glomm deutlich jedem von uns mit düsterem Glanz in den hungrigen Augen.
Wir waren drei. Vor kurzem erst hatten wir uns kennengelernt, als wir in Cherson in einer Kneipe am Ufer des Dnjepr zusammentrafen.
Der eine war Soldat bei einem Eisenbahnbataillon, dann angeblich Wegemeister gewesen, ein rothaariger muskulöser Mensch mit kalten grauen Augen; er konnte deutsch sprechen und kannte sich sehr genau im Gefängnisleben aus.
Unsereins spricht nicht gern von seiner Vergangenheit, dafür hat jeder mehr oder weniger triftige Gründe. Deswegen glaubt einer dem andern – wenigstens nach außen hin, denn innerlich traut kaum einer von uns sich selber ganz.
Als unser zweiter Gefährte – ein dürres kleines Männlein mit schmalen, immer skeptisch verkniffenen Lippen behauptete, daß er ein ehemaliger Student der Moskauer Universität sei, nahmen der Soldat und ich dies als Tatsache hin. In Wirklichkeit war es uns entschieden gleichgültig, ob er irgendwann einmal Student, Spitzel oder Dieb gewesen, wichtig war nur, daß er im Augenblick unserer Bekanntschaft uns glich; er hungerte, genoß in den Städten die besondere Aufmerksamkeit der Polizei und in den Dörfern das Mißtrauen der Bauern, haßte die einen wie die andern mit dem Haß eines gehetzten hungrigen Tieres, träumte von Rache an allen und allem – mit einem Wort, er war sowohl in seiner Stellung zu den Herren des Lebens und Mächtigen der Welt wie in seiner Gemütsverfassung vom gleichen Schlage wie wir.
Der dritte war ich. Aus Bescheidenheit, die mir von klein auf eigen ist, will ich meine Qualitäten mit keinem Wort erwähnen, aber auch über meine Mängel schweigen, weil ich nicht naiv zu erscheinen wünsche. Doch, bitte, als Beitrag zu meiner Charakteristik will ich sagen, daß ich mich stets für besser als die anderen hielt und dies bis zum heutigen Tage mit Erfolg fortsetze.
So also hatten wir Perekop verlassen und zogen weiter im Vertrauen auf die Schafhirten, die man immer um ein Stück Brot bitten konnte, was sie den vorüberziehenden Wanderern nur selten versagten.
Ich ging neben dem Soldaten, der Student schritt hinter uns. Über seinen Schultern hing etwas, das einem Jackett ähnelte; auf seinem spitzen, eckigen glattgeschorenen Kopf ruhten die Überreste eines breitrandigen Hutes; eine graue, mit verschiedenfarbigen Flicken versehene Hose schlotterte um seine Beine. Aus einem aufgelesenen Stiefelschaft hatte er sich mit Hilfe von Schnüren, die er aus seinem Rockfutter gedreht hatte, Sohlen hergestellt; diese Ausrüstung nannte er Sandalen. Er schritt schweigend und staubaufwirbelnd. Hin und wieder erglänzten seine kleinen grünlichen Augen. Der Soldat war mit einem roten Baumwollhemd bekleidet, das er nach seiner Aussage »eigenhändig« in Cherson erworben hatte; über dem Hemd trug er noch eine warme wattierte Weste; auf dem Kopf saß eine Militärmütze von unbestimmter Farbe, die nach Soldatenart am oberen Rand über der rechten Braue eingeknifft war; um seine Beine flatterten weite Fuhrmannshosen. Er war barfuß.
Auch ich war bekleidet und barfuß.
Nach allen Seiten dehnte sich um uns in ihrer riesenhaften Weite die Steppe und lag wie eine ungeheure runde dunkle Schale unter der Kuppel des blauen, glühenden wolkenlosen Himmels. Die graue, staubige Straße durchschnitt sie wie ein breites Band und sengte unsere Füße. Stellenweise stießen wir auf Stoppelfelder, die merkwürdige Ähnlichkeit mit den lange nicht rasierten Wangen des Soldaten hatten.
Der Soldat ging und sang mit heiserem Baß: ». . . und deine heilige Auferstehung preisen und rüh‑ühmen wir . . .«
Während seiner Dienstzeit war er so etwas wie Vorsänger in der Bataillonskirche gewesen und kannte eine große Anzahl von Kirchenliedern, Lobpreisungen und Gesängen, deren Kenntnis er jedesmal mißbrauchte, wenn unsere Unterhaltung aus irgendeinem Grunde versiegte.
Vor uns am Horizont erstanden undeutliche Gebilde mit weichen Umrissen in lieblichen violett bis zartrosa Tönungen.
»Offenbar sind das nun die Berge der Krim«, sagte der Student.
»Berge?« rief der Soldat, »allzufrüh hast du sie erblickt, mein Freund. Das sind Wolken. Und sieh, was für welche . . . wie Moosbeeren mit Milch . . .«
Ich bemerkte, daß es im höchsten Grade angenehm wäre, wenn diese Wolken wirklich aus Moosbeeren bestehen würden.
»Ach, zum Teufel!« schimpfte der Soldat und spie aus. »Wenn uns doch nur eine einzige lebendige Seele in den Weg laufen würde! Aber auch nicht eine . . . Man wird wie die Bären im Winter an den eigenen Tatzen saugen müssen.«
»Ich habe gesagt, wir sollten uns in Richtung besiedelter Gegenden bewegen«, äußerte belehrend der Student.
»Du hast gesagt!« brauste der Soldat auf. »Dazu bist du auch gelehrt, um zu reden. Was gibt es hier schon für besiedelte Gegenden? Weiß der Teufel, wo sie sind!«
Der Student schwieg und kniff die Lippen aufeinander. Die Sonne ging unter, die Wolken am Horizont spielten in den vielfältigsten, mit Worten nicht zu beschreibenden Farben. Es roch nach Erde und Salz.
Von diesem trockenen würzigen Geruch steigerte sich unser Appetit noch mehr.
Der Magen zog sich zusammen. Das war ein eigentümliches und unangenehmes Gefühl: es schien, als ob der Saft aus allen Muskeln des Körpers floß und verdunstete und sie ihre natürliche Geschmeidigkeit verloren hätten. Das Gefühl einer stechenden Trockenheit erfüllte die Mundhöhle und Kehle, der Geist verwirrte sich, vor den Augen flimmerten dunkle Flecken. Manchmal nahmen sie das Aussehen eines dampfenden Fleischstückes oder eines Brotlaibes an; die Erinnerung versah diese Visionen der Vergangenheit, diese stummen Erscheinungen mit den ihnen eigenen Düften, und dann war es, als drehte sich ein Messer im Magen um.
Wir wanderten trotzdem weiter, indem wir einander unsere Empfindungen beschrieben, hielten dabei scharf nach allen Seiten Umschau, ob nicht irgendwo eine Schafherde zu erblicken war, und horchten, ob sich nicht das auffällige Knarren einer Tataren-Arba vernehmen ließ, die Früchte zum armenischen Markt brachte.
Doch die Steppe war lautlos und leer.
Am Vorabend dieses schweren Tages hatten wir zu dritt vier Pfund Roggenbrot und fünf Wassermelonen verzehrt, aber vierzig Werst hatten wir inzwischen zurückgelegt – die Ausgaben deckten sich nicht mit den Einnahmen. Auf dem Marktplatz in Perikop eingeschlafen, erwachten wir vor Hunger.
Mit Recht hatte der Student uns geraten, sich nicht schlafen zu legen, sondern sich im Laufe der Nacht zu betätigen . . . Doch in anständiger Gesellschaft ist es nicht üblich, laut von Projekten zu sprechen, die das Eigentumsrecht verletzen – ich schweige. Ich möchte nur aufrichtig sein, es liegt nicht in meinem Interesse, grob zu werden. Ich weiß, daß die Menschen in unseren hochkultivierten Tagen immer weichlicher werden; auch wenn sie ihren Nächsten mit der sichtbaren Absicht, ihn zu erwürgen, an die Gurgel fassen, bemühen sie sich, es mit der größten Liebenswürdigkeit und unter Berücksichtigung allen im gegebenen Falle angebrachten Anstandes zu tun. Die Erfahrung meiner eigenen Gurgel veranlaßt mich, diesen Fortschritt der Sitten zu vermerken, und mit dem angenehmen Gefühl der Überzeugung bestätige ich, daß sich alles in dieser Welt entwickelt und vervollkommnet.
Im besonderen wird dieser bemerkenswerte Verlauf schwerwiegend durch das jährliche Anwachsen von Gefängnissen, Kneipen und Bordellen bestätigt . . .
So gingen wir in den roten Strahlen der untergehenden Sonne durch die öde, schweigende Steppe, schluckten den Hungerspeichel herunter und bemühten uns, den Schmerz im Magen durch freundschaftliche Gespräche zu unterdrücken. Langsam sank die Sonne vor uns in die weichen Wolken und färbte sich mit ihren reichen Strahlen. Hinter uns und zu beiden Seiten stieg bläulicher Nebel von der Steppe zum Himmel empor und verengte unfreundlich den Horizont.
»Brüder, sammelt was zum Feuermachen«, sagte der Soldat und hob ein kleines Stück Holz vom Weg auf. »Wir werden in der Steppe übernachten müssen – der Tau fällt! Nehmt alles, getrockneten Kuhmist, jede Rute!«
Wir gingen auseinander und begannen, trockenes Steppengras und alles Brennbare aufzusammeln. Jedesmal, wenn wir uns bücken mußten, erwachte im Körper das leidenschaftliche Verlangen, sich hinzuwerfen und die Erde zu essen, diese fette schwarze Erde, viel davon zu essen, bis zum Umfallen und dann – einzuschlafen. Und sei es für immer. Nur essen, kauen und fühlen, wie der warme dicke Brei aus dem Munde langsam durch die ausgetrocknete Speiseröhre in den vor Verlangen, irgend etwas aufzunehmen, brennenden Magen hinabgleitet.
»Wenn wir wenigstens irgendwelche Wurzeln fänden«, seufzte der Soldat. »Es gibt solche eßbaren Wurzeln . . .«
Aber in der aufgepflügten schwarzen Erde gab es so etwas nicht.
Die südliche Nacht brach schnell herein, und der letzte Sonnenstrahl war kaum erloschen, als am dunkelblauen Himmel bereits die Sterne erglänzten und dunkle Schatten sich immer dichter um uns zusammenzogen, die endlose Fläche der Steppe einengend.
»Freunde«, sagte halblaut der Student, »dort links liegt ein Mensch.«
»Ein Mensch?« fragte zweifelnd der Soldat. »Was hat er da zu liegen?«
»Geh, frag ihn. Wahrscheinlich hat er Brot, wenn er sich in der Steppe hingelegt hat.«
Der Soldat blickte in die Richtung, wo der Mensch lag, und spuckte entschlossen aus.
»Gehen wir zu ihm!«
Nur die scharfen grünen Augen des Studenten hatten erkennen können, daß der dunkle Haufen, der etwa hundert Meter links vom Weg entfernt lag, ein Mensch war. Wir schritten schnell über die Ackerklumpen zu ihm und fühlten, wie die entstandene Hoffnung auf etwas Eßbares den Schmerz des Hungers verschärfte. Wir waren schon ganz nah – der Mensch rührte sich nicht.
»Vielleicht ist es gar kein Mensch«, äußerte mürrisch der Soldat und gab damit unseren gemeinsamen Gedanken Ausdruck.
Aber in demselben Augenblick wurde unser Zweifel zerstreut, denn der Haufen auf der Erde bewegte sich plötzlich, wuchs, und wir sahen, daß es wirklich ein lebendiger Mensch war, der kniend die Hand gegen uns ausstreckte und mit dumpfer zitternder Stimme rief: »Stehenbleiben oder ich schieße!«
In der trüben Luft ertönte ein trockenes, kurzes Knacken.
Wir blieben wie auf Kommando stehen und schwiegen sekundenlang, verblüfft von diesem unliebenswürdigen Empfang.
»Seht mal diesen Schurken!« knurrte der Soldat ausdrucksvoll.
»Na ja«, sagte der Student nachdenklich, »hat eine Pistole . . ., wie es scheint, ein rogenreicher Fisch . . .«
»He«, rief der Soldat, der offenbar einen Entschluß gefaßt hatte.
Der Mensch schwieg, ohne seine Haltung zu ändern.
»He, du! Wir werden dich nicht anrühren . . . Gib uns nur Brot – hast du welches? Gib es, Bruder, um Christi willen! . . . Sei verflucht, Satan!«
Die letzten Worte murmelte der Soldat in seinen Bart.
Der Mensch schwieg.
»Hörst du?« sagte der Soldat aufs neue bebend vor Zorn und Verzweiflung. »Gib uns Brot! Wir kommen nicht zu dir heran . . . Wirf es uns zu . . .«
»Gut«, sagte der Mensch kurz.
Er hätte »meine teuren Brüder!« zu uns sagen können, und wenn er seine heiligsten und reinsten Gefühle in diese drei Worte hineingelegt hätte, sie hätten uns nicht so erregt und menschlich berührt wie dieses dumpfe und kurze »gut«!
»Fürchte dich nicht vor uns, guter Mensch«, sagte der Soldat mit weichem Lächeln, obwohl der Mann es nicht sehen konnte, denn er war mindestens zwanzig Schritt von uns entfernt.
»Wir sind friedliche Leute, gehen aus Rußland zum Kuban . . ., haben unterwegs das ganze Geld ausgegeben und alles aufgegessen, sind zwei Tage schon ohne Fressen . . .«
»Fangt auf!« sagte der gute Mensch und holte mit der Hand in der Luft aus. Etwas Schwarzes flog vorbei und fiel nicht weit von uns auf den Acker. Der Student stürzte sich darauf.
»Noch mal! Mehr habe ich nicht . . .«
Als der Student diese originelle Gabe aufgesammelt hatte, erwies sich, daß wir vier Pfund altbackenes Weizenbrot hatten. Es war voller Erde und sehr hart. Altes Brot sättigt besser als frisches; es enthält weniger Feuchtigkeit.
»Da . . ., und da . . ., und da!« verteilte der Soldat mit konzentrierter Aufmerksamkeit die Stücke. »Halt . . . das ist ungleich! Bei dir, Gelehrter, muß ein Stück ab, sonst hat der zu wenig . . .«
Der Student unterwarf sich widerspruchslos dem Beschluß, ein Stück Brot von fünf Solotnik abzugeben, ich erhielt es und steckte es in den Mund.
Ich begann zu kauen, langsam zu kauen und konnte die krampfhafte Bewegung der Kinnladen kaum aufhalten, die bereit waren, Steine zu zerkleinern. Es bereitete mir einen schmerzhaften Genuß, das Zucken der Speiseröhre zu fühlen und sie mit kleinen Bissen langsam zu befriedigen. Bissen für Bissen dieses Warmen, unbeschreiblich Wohlschmeckenden gelangte in den Magen, und es schien, als verwandelte es sich sogleich in Blut und Hirn. Freude – eine eigenartige, stille und belebende Freude erwärmte das Herz in dem Maße, wie der Magen sich füllte. Ganz vertieft in den Genuß der Empfindungen, die ich durchlebte, vergaß ich die verfluchten Tage des chronischen Hungers, vergaß meine Kameraden.
Aber als ich mir die letzten Brotkrümel aus der hohlen Hand in den Mund geschüttet hatte, fühlte ich ein unüberwindliches Verlangen zu essen.
»Dieser Satan hat noch Speck oder irgendwelches Fleisch zurückbehalten«, brummte der Soldat, der mir gegenüber auf der Erde saß und sich mit den Händen den Magen rieb.
»Höchstwahrscheinlich, denn das Brot roch nach Fleisch . . . Ja, und Brot hat er sicher auch noch«, sagte der Student und fügte leise hinzu: »Wenn der Revolver nicht wäre . . .«
»Was mag das für einer sein?«
»Scheinbar einer von unsern Brüdern, ein Isaak . . .«
»Ein Hund«, entschied der Soldat.
Wir saßen dicht aneinandergedrängt und schauten in die Richtung, wo unser Wohltäter mit dem Revolver lag. Kein Ton, kein Lebenszeichen kamen von dort zu uns herüber.
Die Nacht sammelte ihre dunklen Mächte um uns. Totenstille herrschte in der Steppe – wir hörten einer des anderen Atemzüge. Hin und wieder ertönte irgendwo das melancholische Pfeifen der Zieselmaus . . . Sterne, die lebenden Blumen des Himmels, funkelten über uns . . . Wir wollten essen.
Mit Stolz bekenne ich: ich war nicht schlechter und nicht besser als meine zufälligen Gefährten in dieser etwas seltsamen Nacht. Ich schlug ihnen vor, aufzustehen und zu dem Menschen zu gehen. Wir brauchten ihn ja nicht anzurühren, aber wir würden alles aufessen, was wir fanden. Er würde schießen. Mag er! Von dreien trifft er nur einen – falls er trifft. Und wenn ja – eine Revolverkugel kann kaum tödlich sein.
»Gehen wir!« sagte der Soldat und sprang auf.
Der Student erhob sich langsamer als er.
Und wir gingen, liefen fast. Der Student hielt sich hinter uns.
»Kamerad!« rief vorwurfsvoll der Soldat.
Ein dumpfes Murmeln und der scharfe Laut des knackenden Hahnes schlugen uns entgegen. Dann blitzte es auf, und der trockene Klang eines Schusses ertönte.
»Vorbei!« schrie erfreut der Soldat und erreichte den Menschen mit einem Satz. »Nun, du Satan, jetzt werde ich's dir geben . . .«
Der Student stürzte sich auf den Schultersack.
Aber der »Satan« fiel von den Knien auf den Rücken, streckte die Arme von sich und röchelte.
»Was zum Teufel« staunte der Soldat, der bereits den Fuß erhoben hatte, um dem Menschen einen Tritt zu versetzen. »Hat er etwa auf sich selbst geknallt? Du, was ist dir? He! Hast du dich selber erschossen?«
»Fleisch, irgendwelche Fladen, und Brot . . . viel Brot, Brüder!« ertönte die frohlockende Stimme des Studenten.
»Nun, hol dich der Teufel, krepiere . . ., laßt uns essen!« rief der Soldat. Ich nahm den Revolver aus der Hand des Menschen, der bereits aufgehört hatte zu röcheln und jetzt regungslos dalag. In der Trommel befand sich noch eine Patrone.
Wir aßen aufs neue, aßen schweigend. Der Mensch lag und schwieg auch, ohne ein Glied zu rühren. Wir schenkten ihm keine Beachtung.
»War das wirklich, liebe Brüder, um des Brotes willen?« ertönte plötzlich eine heisere und bebende Stimme.
Wir fuhren zusammen. Der Student verschluckte sich sogar, beugte sich zur Erde und begann zu husten.
Der Soldat hatte fertiggekaut und fing an zu schimpfen.
»Du Hundeseele, mögest du zerbersten wie ein trockener Klotz! Ziehen wir dir etwa das Fell ab? Wozu sollten wir es brauchen? Halt deine dumme Schnauze, du unsauberer Geist! Bewaffnest dich und schießt auf Menschen. Du Satan . . .«
Er schimpfte und aß, wodurch seine Schmähungen an Bedeutsamkeit und Kraft verloren.
»Wart nur, wenn wir gegessen haben, rechnen wir mit dir ab«, versprach der Student unheilverkündend.
Dann vernahm man in der Stille der Nacht ein aufheulendes Schluchzen, das uns erschreckte.
»Brüder . . ., konnte ich denn wissen? Ich schoß . . ., weil ich Angst hatte . . . Ach, mein Gott! Das Fieber hat mich erschöpft . . . Sobald die Sonne untergeht . . ., das ist mein Unglück! Wegen des Fiebers bin ich auch von Afon fortgegangen . . . Ich habe dort getischlert . . ., ich bin Tischler . . . Zu Hause habe ich eine Frau . . ., zwei kleine Mädchen . . . drei Jahre, es geht ins vierte, daß ich sie nicht gesehen habe . . . Brüder, eßt alles auf . . .«
»Du brauchst nicht zu bitten, wir werden schon alles aufessen«, sagte der Student.
»Mein Gott, wenn ich gewußt hätte, daß ihr nichts als friedliche, gute Leute seid . . ., hätte ich denn dann geschossen? Aber hier, Brüder, die Steppe, die Nacht . . ., bin ich schuld?«
Er sprach und weinte, richtiger gesagt, er gab ein bebendes ängstliches Geheul von sich.
»Er flennt!« sagte der Soldat verächtlich.
»Er muß Geld bei sich haben«, erklärte der Student.
Der Soldat kniff die Augen zusammen, sah ihn an und lächelte hämisch.
»Worauf du nicht alles kommst . . . Nun, was ist, wollen wir Feuer anmachen und dann schlafen . . .«
»Und er?« erkundigte sich der Student.
»Hol ihn der Teufel! Sollen wir ihn etwa braten?«
»Eigentlich sollte man es«, sagte der Student und schüttelte seinen spitzen Kopf.
Wir gingen das gesammelte Heizmaterial holen, das wir hingeworfen hatten, als uns der Tischler durch seinen Zuruf zum Stehenbleiben veranlaßt hatte, brachten es heran und saßen bald um das Feuer. Es brannte ruhig in der windstillen Nacht und erhellte unsern kleinen Platz. Wir wurden schläfrig, obwohl wir noch einmal zu Abend hätten essen können.
»Brüder!« rief uns der Tischler zu. Er lag drei Schritt von uns entfernt, und dann und wann schien es mir, als ob er etwas flüsterte.
»Ja?« sagte der Soldat.
»Kann ich zu euch . . . ans Feuer? Der Tod ist mir nahe . . ., in den Gliedern reißt es! Gott, ich sehe, daß ich nicht mehr nach Hause komme . . .«
»Kriech her«, erlaubte der Student.
Langsam, als fürchtete er, einen Arm oder ein Bein zu verlieren, schob sich der Tischler auf der Erde an das Feuer heran. Er war ein großer, schrecklich abgemagerter Mann; alles schlotterte irgendwie an ihm, und die trüben, großen Augen spiegelten seinen quälenden Schmerz wider. Sein verzerrtes Gesicht war knochig und selbst im Feuerschein von erdig gelber Totenfarbe. Er zitterte am ganzen Körper und erweckte verächtliches Mitleid. Die mageren langen Hände zum Feuer ausgestreckt, rieb er seine knochigen Finger. Die Gelenke bogen sich matt und langsam. Schließlich wurde es einem zuwider, ihn anzusehen.
»Warum gehst du in solch einem Zustand zu Fuß? Bist wohl geizig?« fragte mürrisch der Soldat.
»Es wurde mir geraten . . . Reise nicht zu Wasser . . ., sagten sie, sondern geh durch die Krim, da ist Luft, sagt man. Aber ich kann nicht gehen . . ., ich sterbe, Brüder! Ich sterbe allein in der Steppe . . . Die Vögel werden mich zerhacken, und niemand wird es erfahren . . . Meine Frau . . ., meine Töchter werden warten . . ., ich habe ihnen geschrieben . . ., aber meine Knochen wird der Steppenregen abwaschen . . . Mein Gott, mein Gott!«
Er heulte auf mit dem wehmütigen Geheul eines verwundeten Wolfes.
»Ach, du Teufel!« sagte der Soldat wütend und sprang auf. »Was flennst du? Was läßt du den Leuten keine Ruhe? Krepierst du? Nun krepiere, aber schweig . . .«
»Laßt uns zum Schlafen hinlegen«, sagte ich. »Und du, wenn du am Feuer bleiben willst, dann heul nicht mehr . . .«
»Hast du gehört?« sagte der Soldat grimmig. »Nun, merk es dir. Glaubst du, wir geben uns mit dir ab, weil du uns Brot zugeworfen und eine Kugel auf uns abgefeuert hast? Du griesgrämiger Teufel! Andere würden – pfui!«
Der Soldat schwieg und streckte sich auf der Erde aus.
Der Student lag bereits. Auch ich legte mich hin. Der eingeschüchterte Tischler zog sich zu einem Klumpen zusammen, rückte an das Feuer und sah schweigend hinein. Ich hörte, wie seine Zähne aufeinanderschlugen. Der Student lag links von ihm, er hatte sich zu einem Knäuel zusammengerollt und schien gleich eingeschlafen zu sein. Der Soldat hatte die Hände unter den Kopf gelegt und blickte in den Himmel.
»Welch eine Nacht, was? So viele Sterne . . .« wandte er sich an mich. »Der Himmel ist eine Decke, aber kein Himmel. Ich liebe dieses Landstreicherleben, mein Freund. Es ist voll Kälte und Hunger, aber sehr frei . . . Kein Vorgesetzter ist über dir . . . Und wenn du dir den Kopf abbeißt – niemand wird dir auch nur ein Wort sagen. In diesen Tagen habe ich gehungert, war erbost . . ., aber jetzt liege ich und schaue in den Himmel . . . Die Sterne blinzeln mir zu; das macht nichts, Lakutin, wandere über die Erde und unterwirf dich niemand . . . Und ums Herz wird dir wohl . . . Und du, was ist mir dir? He, Tischler, sei nicht böse auf mich und fürchte nichts! Daß wir dein Brot aufgegessen haben, macht nichts: Du hattest Brot, und wir hatten keins, da haben wir deins aufgegessen . . . Aber du bist ein wilder Mensch, du schießt auf uns . . . Weißt du denn nicht, daß eine Kugel einem Menschen Schaden zufügen kann? Vorhin war ich zornig auf dich, und wenn du nicht umgefallen wärst, hätte ich dich, Bruder, für deine Frechheit durchgeprügelt. Aber was nun das Brot betrifft – morgen kommst du nach Perekop und kaufst dir dort welches – Geld hast du natürlich . . . Hast du das Fieber schon lange?«
Lange noch summten der Baß des Soldaten und die bebende Stimme des kranken Tischlers in meinen Ohren. Die Nacht war dunkel, fast schwarz, senkte sich immer tiefer auf die Erde nieder, und frische würzige Luft füllte die Brust.
Gleichmäßiges Licht und belebende Wärme gingen vom Feuer aus . . . Die Augen fielen zu.
»Steh auf! Schnell! Laß uns gehen!«
Erschrocken öffnete ich die Augen und sprang eilig auf, wobei der Soldat mir half, der mich kräftig am Arm packte und von der Erde hochriß.
»Nun schnell, vorwärts!«
Sein Gesicht war finster und erregt. Ich sah mich um. Die Sonne ging auf, und ihr rosa Schein lag bereits auf dem unbeweglichen bläulichen Gesicht des Tischlers. Sein Mund war geöffnet, die Augen, weit aus den Höhlen getreten, blickten gläsern und voll Entsetzen. Seine Kleidung war auf der Brust völlig zerrissen; unnatürlich, wie zerbrochen lag er da. Der Student war fort.
»Nun, hast du dich satt gesehen? Komm, sag ich!« rief der Soldat eindringlich und zog mich an der Hand weiter.
»Ist er gestorben?« fragte ich, von der Morgenfrische schauernd.
»Natürlich. Wenn man dich erwürgt, wirst du auch sterben«, erklärte der Soldat.
»Der Student hat ihn . . .?« rief ich aus.
»Nun, wer denn sonst? Du vielleicht? Oder wohl ich? Da hast du den Gelehrten . . . Geschickt ist er mit dem Menschen fertig geworden . . . und hat seine Gefährten schön hereingelegt. Hätte ich das gewußt, ich hätte den Studenten gestern erschlagen. Mit einem Hieb niedergeschlagen. Krach – mit der Faust in die Schläfe . . ., und ein Schurke wäre weniger auf der Welt! Begreifst du, was er angerichtet hat? Jetzt müssen wir aufpassen, daß kein menschliches Auge uns in der Steppe erblickt. Hast du verstanden? Denn heute werden sie den Tischler finden und sehen, daß er erwürgt und beraubt worden ist. Und unsereins wird beobachtet werden: Woher kommst du, wo hast du übernachtet? Obwohl wir beide nichts haben . . . Aber sein Revolver steckt in meiner Brusttasche! Das ist schon ein Stück!«
»Wirf ihn fort«, riet ich dem Soldaten.
»Fortwerfen«, sagte er nachdenklich. »Das ist ein wertvoller Gegenstand . . . Vielleicht werden wir auch nicht aufgegriffen . . .? Nein, ich werfe ihn nicht fort . . . Wer kann wissen, daß der Tischler eine Waffe hatte? Ich werfe ihn nicht weg . . ., er kostet wohl drei Rubel. Eine Kugel ist drin . . . Ach, hätte ich doch diese Kugel unserem lieben Gefährten ins Ohr gejagt! Wieviel Geld mag dieser Hund geraubt haben – wie? Satan!«
»Und die armen kleinen Mädchen . . .«, sagte ich.
»Mädchen? Welche? Ach, von dem . . . Nun, sie werden aufwachsen, uns werden sie nicht heiraten, von ihnen ist auch nicht die Rede . . . Vorwärts, Bruder, schneller . . . Wohin wollen wir gehen?«
»Ich weiß nicht . . ., einerlei.«
»Ich weiß auch nicht und weiß auch, daß es ganz gleich ist. Gehen wir nach rechts hinüber; dort muß das Meer sein.«
Wir gingen nach rechts.
Ich wandte mich um. Fern von uns in der Steppe erhob sich ein kleiner dunkler Hügel, und über ihm strahlte die Sonne.
»Schaust du, ob er auferstanden ist? Hab keine Angst, um uns einzuholen, steht er nicht mehr auf . . . Der Gelehrte scheint Übung darin zu haben, hat es gründlich besorgt, der Bursche . . . Das ist vielleicht ein Gefährte! Uns hat er gehörig hereingelegt! Ach, Bruder! Die Menschen werden verderbter, von Jahr zu Jahr verderbter!« sagte der Soldat traurig.
Ganz von heller Morgensonne übergossen, breitete sich die schweigende öde Steppe um uns aus, die am Horizont in so hellem freundlichem und freigebigem Licht mit dem Himmel verschmolz, daß jede dunkle und ungerechte Tat in der erhabenen Weite dieser freien, von der blauen Himmelskuppe bedeckten Ebene unmöglich schien.
»Aber essen möchte man, Bruder!« sagte mein Gefährte und drehte sich eine Zigarette.
»Wann werden wir heute essen, und wo, und was?«
Das war ein Rätsel!
Hiermit beendete der Erzähler – mein Bettnachbar im Krankenhaus – seine Geschichte und sagte zu mir: »Das ist alles. Ich befreundete mich sehr mit diesem Soldaten, und wir erreichten gemeinsam den Karsker Bezirk. Er war ein guter und erfahrener Bursche, ein typischer Landstreicher. Ich achtete ihn. Bis Kleinasien gingen wir zusammen, und dort verloren wir uns . . .«
»Denken Sie manchmal an den Tischler?« fragte ich.
»Wie Sie sehen, oder wie Sie gehört haben . . .«
»Und – nichts weiter?«
Er fing an zu lachen.
»Was soll ich dabei empfinden? Ich bin nicht schuld daran, was mit ihm geschah, so wie Sie nicht schuld daran sind, was mit mir geschehen ist . . . Und so hat keiner an etwas schuld, denn wir sind einer wie der andre – Vieh.«
Malwa
Das Meer lachte.
Es erzitterte unter dem Hauch des glühenden Windes, bedeckte sich mit feinen Kräuselwellen, welche die Sonne glitzernd widerspiegelten, und lächelte mit vielfältigem silbernem Lächeln den blauen Himmel an. Der hohe Raum zwischen Himmel und Meer war vom lustigen Geplätscher der Wellen erfüllt, die eine nach der anderen auf den flachen Strand der sandigen Landzunge rollten. Dieses Rauschen und der tausendfach von der gekräuselten Meeresoberfläche zurückgeworfene Sonnenglanz verbanden sich harmonisch zu einer unaufhörlichen, von lebhafter Freude erfüllten Bewegung. Die Sonne freute sich ihres Scheinens, und das Meer war glücklich, ihr jubelndes Licht widerzuspiegeln.
Liebkosend streichelte der Wind die Atlasbrust des Meeres; die Sonne wärmte sie mit ihren heißen Strahlen, und das Meer, das schlaftrunken unter der zarten Gewalt dieser Liebkosungen atmete, sättigte die heiße Luft mit dem salzigen Aroma seiner Ausdünstungen. Die grünlichen Wellen liefen auf den gelben Sand und warfen ihren weißen Schaum ab, mit leisem Ton zerging er in dem heißen Sande und benetzte ihn.
Die lange schmale Landzunge glich einem Riesenturm, der von der Küste ins Meer gestürzt war. Mit scharfer Spitze sich in die grenzenlose, mit der Sonne spielende Wasserfläche hineinbohrend, verlor sie ihren Grund weit in der Ferne, wo der schwüle Dunst das Land verbarg. Der Wind trug von dort einen schweren Geruch herüber, unbegreiflich und beleidigend hier inmitten der reinen See unter dem klarblauen Himmelsgewölbe.
In den Sand der mit Fischschuppen übersäten Landzunge waren Pfähle gerammt, an denen Netze hingen, die spinnwebartige Schatten warfen. Mehrere große Boote und ein kleines lagen in einer Reihe auf dem Sande; die Wellen, die ans Ufer liefen, schienen sie zu sich locken zu wollen. Bootshaken, Ruder, Körbe und Tonnen lagen unordentlich auf der Landzunge umher, und mitten darin erhob sich eine Hütte, die aus Weidenruten, Baumrinde und Bastmatten zusammengefügt war. Auf einem knorrigen Pfahl vor ihrem Eingang steckten – mit den Sohlen zum Himmel – ein Paar Filzstiefel. Und das ganze Chaos überragte eine lange Stange, an deren Spitze ein roter Lappen im Winde flatterte.
Im Schatten eines der Boote lag Wassilij Legostjew, der Wächter auf der Landzunge, die den vordersten Posten des Fischereibetriebes von Grebenschtschikow bildete. Er lag auf dem Bauch, den Kopf in die Hände gestützt, und sah angestrengt in die Ferne nach dem kaum sichtbaren Küstenstreifen hinüber. Dort bewegte sich ein kleiner schwarzer Punkt auf dem Wasser, und Wassilij sah mit Behagen, wie er näher kommend immer größer wurde.
Er kniff die Augen zusammen vor dem grellen Spiel der Sonnenstrahlen auf den Wellen und lächelte zufrieden: die da fuhr, war Malwa. Sie würde kommen, laut lachen, ihre Brust würde verführerisch wogen, sie würde ihn in ihre weichen Arme schließen, abküssen und mit heller Stimme, daß die Möwen aufschreckten, die Neuigkeiten von drüben, von der Küste erzählen. Dann würden sie zusammen eine gute Fischsuppe kochen, Schnaps trinken, später, wenn es dunkel war, einen Kessel Teewasser kochen, sich satt trinken und leckere Kringel dazu essen und sich schlafen legen . . . So verging jeder Sonntag, jeder Feiertag in der Woche. Früh würde er sie dann über das noch schlaftrunkene Meer in der kühlen Morgendämmerung an die Küste fahren. Im Halbschlaf würde sie am Heck sitzen, und er würde rudern und sie ansehen. Spaßig sieht sie dann aus, spaßig und lieb wie eine satte Katze. Vielleicht würde sie auch von der Bank auf den Boden des Bootes rutschen und dort zusammengekauert einschlafen. Das machte sie häufig . . .
An diesem Tage waren sogar die Möwen matt von der Sonnenglut. Sie saßen mit aufgesperrten Schnäbeln und hängenden Flügeln reihenweise im Sand oder schaukelten ohne einen Schrei oder die gewöhnliche raublustige Lebhaftigkeit faul auf den Wellen.
Es schien Wassilij, daß Malwa nicht allein im Boot war. Sollte sich Serjoshka ihr wirklich wieder angeschlossen haben? Wassilij drehte sich schwerfällig im Sande herum, setzte sich auf und sah, indem er die Augen mit der Hand schirmte, mit Unruhe im Herzen genauer hin, wer da noch gefahren kam. Malwa saß am Heck und steuerte. Der Ruderer war nicht Serjoshka, dieser hier ruderte ungeschickt; wenn Serjoshka dabei wäre, brauchte Malwa nicht zu steuern.
»He!« rief Wassilij ungeduldig.
Die Möwen auf dem Sand fuhren zusammen und merkten auf.
»Hehe!« schallte Malwas klangvolle Stimme vom Boot herüber.
»Wer ist bei dir?«
Als Antwort klang Lachen herüber.
»Hexe!« schimpfte Wassilij halblaut und spuckte aus.
Er wollte zu gern wissen, wer da mitkam; während er sich eine Zigarette drehte, starrte er auf den Hinterkopf und den Rücken des Ruderers. Klangvoll tönte in der Luft das Plätschern des Wassers unter den Ruderschlägen, der Sand knirschte unter den nackten Füßen des Wächters. »Wer ist denn da bei dir?« rief er, als er das vertraute Lächeln auf Malwas hübschem Gesicht erkennen konnte.
»Warte doch, gleich erfährst du es!« erwiderte sie lachend.
Der Ruderer drehte sich zum Ufer und sah Wassilij ebenfalls lachend an.
Der Wächter zog die Stirn kraus und suchte sich zu erinnern, wer dieser Bursche war, der ihm irgendwie bekannt vorkam.
»Kräftiger rudern!« kommandierte Malwa.
Das Boot schob sich mit Schwung und von einer Welle gehoben fast bis zur Hälfte auf den Sand, neigte sich auf die Seite und blieb stecken, während die Welle ins Meer zurückrollte. Der Ruderer sprang an den Strand und sagte: »Guten Tag, Vater!«
»Jakow!« rief Wassilij unterdrückt aus, er war mehr erstaunt als erfreut.
Sie umarmten sich und küßten sich je dreimal auf Mund und Wangen; auf Wassilijs Gesicht mischten sich Verlegenheit und Freude in das Erstaunen.
»Darum eben seh ich . . . Es kam mir schon so vor . . ., und das Herz klopft mir . . . Ach, du – wo kommst du denn her? Sieh mal an! Und ich gucke immerzu: Ist das Serjoshka? Nein, sehe ich, Serjoshka ist das nicht! Und da bist du es!«
Mit der einen Hand strich Wassilij sich den Bart, mit der andern fuchtelte er in der Luft umher. Er hätte gern einen Blick auf Malwa geworfen, aber die lachenden Augen seines Sohnes waren gerade auf sein Gesicht gerichtet, und ihr Glanz machte ihn verlegen. Das Gefühl der Befriedigung darüber, daß er einen so gesunden, hübschen Sohn hatte, kämpfte in ihm mit der Verlegenheit wegen der Anwesenheit der Geliebten. Vor Jakow stehend, trat er von einem Fuß auf den andern und stellte eine Frage nach der anderen, ohne auf die Antworten zu warten. In seinem Kopf ging alles durcheinander, und besonders schlecht wurde ihm, als er Malwas spöttische Worte vernahm: »Nun dreh dich nicht wie ein Kreisel vor lauter Freude! Führe ihn in deine Hütte und bewirte ihn . . .«
Er drehte sich nach ihr um. Um ihren Mund spielte ein spöttisches Lächeln, das er noch nicht kannte, und obgleich sie so rundlich, weich und frisch wie immer war, erschien sie ihm jetzt irgendwie neu und fremd. Sie ließ ihre grünlichen Augen vom Vater zum Sohn schweifen und knabberte mit ihren kleinen weißen Zähnen Wassermelonenkerne. Jakow betrachtete die anderen ebenfalls lächelnd, und ein paar für Wassilij unangenehm lange Sekunden schwiegen alle drei.
»Sofort«, beeilte sich Wassilij plötzlich und ging auf die Hütte zu. »Geht in den Schatten, ich werde Wasser holen . . ., wir wollen Fischsuppe kochen. Eine Fischsuppe werde ich dir zu essen geben, Jakow . . .! Laßt euch indessen hier nieder, ich bin gleich wieder da.«
Er nahm neben der Hütte ein Kesselchen von der Erde auf, ging rasch zu der Stelle, wo die Netze hingen, und verschwand zwischen ihren grauen Faltenmassen.
Malwa und sein Sohn gingen ebenfalls zur Hütte.
»Siehst du, guter Junge, da habe ich dich zum Vater gebracht!« sagte Malwa und betrachtete Jakows stämmige Gestalt von der Seite.
Er kehrte ihr sein Gesicht mit dem lockigen dunkelblonden Bart zu und sagte mit blitzenden Augen:
»Ja, da sind wir . . . Schön ist's hier! Was das für ein Meer ist!«
»Ein weites Meer . . . Nun, ist der Vater sehr gealtert?«
»Nein, eigentlich nicht. Ich dachte, er wäre grauer, aber er hat noch ziemlich wenig graues Haar. Und kräftig ist er . . .«
»Wie lange habt ihr euch nicht gesehen, sagst du?«
»Fünf Jahre, denk ich . . . Ich war damals sechzehn, als er aus dem Dorf fortging.«
Sie betraten die Hütte. Darin war es schwül, und die Bastmatten rochen nach gesalzenem Fisch. Sie setzen sich – Jakow auf einen dicken Klotz, Malwa auf einen Haufen Bastsäcke. Zwischen ihnen stand eine quer durchgesägte Tonne, die als Tisch diente.
Als sie Platz genommen hatten, sahen sie einander, ohne ein Wort zu sagen, unverwandt an.
»Du willst also hier arbeiten?« fragte Malwa.
»Ja . . ., ich weiß nicht . . . Wenn sich was findet, bleibe ich.«
»Bei uns findet sich schon was«, versicherte Malwa mit Überzeugung, während sie ihn mit ihren geheimnisvollen blinzelnden grünen Augen abtastete.
Er sah sie nicht an, sondern trocknete sich mit den Hemdsärmeln das schweißbedeckte Gesicht.
Plötzlich fing sie an zu lachen.
»Die Mutter hat dir wohl Aufträge und Grüße an den Vater mitgegeben?«
Jakow warf ihr einen Blick zu, zog die Stirn kraus und sagte kurz: »Gewiß . . ., wieso?«
»Ach nichts!«
Ihr Gelächter mißfiel Jakow, es brachte ihn geradezu auf. Der Bursche wandte sich von dieser Frau ab und dachte an die Aufträge seiner Mutter.
Sie hatte ihn zum Dorf hinausbegleitet, sich auf den Flechtzaun gestützt und unter häufigem Blinzeln der tränenlosen Augen zu ihm gesagt: »Sag ihm, Jascha . . . Um Christi willen, sag ihm: Vater, die Mutter ist dort ganz allein! Sag ihm . . ., fünf Jahre sind vergangen, und sie ist die ganze Zeit allein! Sie wird alt, sag ihm! Sag ihm das, Jakowuschka, um Gottes willen. Bald wird die Mutter eine alte Frau sein . . ., und immer allein, allein! Sie steckt immer in der Arbeit. Um Christi willen, sag ihm das . . .«
Und sie war lautlos in Tränen ausgebrochen und hatte ihr Gesicht in der Schürze verborgen.
Damals hatte sie Jakow nicht leid getan, jetzt aber tat sie ihm leid . . . Er warf einen Blick auf Malwa und runzelte finster die Stirn.
»Da bin ich wieder!« rief Wassilij, der mit einem Fisch in der einen und einem Messer in der andern Hand in der Hütte erschien.
Er hatte seine Verlegenheit bereits überwunden und sie tief in seinem Innern begraben. Jetzt sah er beide ruhig an, nur in seinen Bewegungen zeigte sich eine ihm nicht eigene Geschäftigkeit.
»Gleich mache ich Feuer an . . ., und dann komme ich zu euch . . . Und wir unterhalten uns! Ach, Jakow, nicht wahr?«
Und er ging wieder hinaus.
Malwa, die unentwegt Kerne knabberte, betrachtete Jakow ganz ungeniert, während er sich bemühte, sie nicht anzusehen, obgleich er das gern getan hätte.
Da das Schweigen ihm peinlich wurde, sagte er schließlich: »Ich habe ja meinen Sack im Boot gelassen, ich geh ihn mal holen.«
Er erhob sich ohne Eile von seinem Platz und ging hinaus; an seiner Stelle erschien Wassilij in der Hütte, beugte sich zu Malwa nieder und sagte hastig und ärgerlich: »Wozu bist du bloß mit ihm hergekommen? Was soll ich ihm über dich sagen? Was bist du mir?«
»Ich bin eben gekommen, und fertig!« sagte Malwa kurz.
»Ach, du unüberlegtes Frauenzimmer! Wie soll ich mich jetzt verhalten? Soll ich ihm ins Gesicht, so und so . . ., sofort? . . . Ich habe doch zu Hause eine Frau. Seine Mutter . . . Das hättest du dir doch überlegen sollen!«
»Ich habe es gerade nötig zu überlegen! Fürchte ich mich etwa vor ihm? Oder vor dir?« fragte sie und kniff verächtlich ihre grünen Augen zusammen. »Wie du dich aber vorhin vor ihm gedreht hast! Das kam mir wirklich lächerlich vor!«
»Dir war's lächerlich! Aber was mache ich jetzt?«
»Das hättest du dir früher überlegen sollen!«
»Habe ich denn gewußt, daß er so plötzlich aus dem Meer hier auftauchen würde?«
Unter Jakows Schritten knirschte der Sand, und sie brachen ihr Gespräch ab. Jakow brachte seinen leichten Rucksack, warf ihn in eine Ecke und betrachtete von der Seite mit unfreundlichen Blicken die Frau.
Sie knabberte mit Hingebung ihre Kerne, Wassilij aber setzte sich auf den Klotz, rieb sich die Knie mit den Händen und begann lächelnd: »Da bist du also hergekommen . . ., wie bist du denn darauf verfallen?«
»Na so . . ., wir haben dir ja geschrieben . . .«
»Wann? Ich habe keinen Brief bekommen!«
»Wirklich? Aber wir haben geschrieben . . .«
»Dann ist der Brief wohl verlorengegangen«, bedauerte Wassilij. »Ach, hol ihn der Teufel . . ., was? Gerade wenn es wichtig ist, geht der Brief verloren . . .«
»Du weißt also nicht, wie die Dinge bei uns stehn?« fragte Jakow und sah den Vater mißtrauisch an.
»Woher sollte ich? Ich habe keinen Brief bekommen!«
Da erzählte Jakow, daß ihr Pferd gefallen sei, daß sie schon Anfang Februar alles Getreide aufgegessen hätten; Verdienst hätten sie nicht gehabt. Das Heu hätte auch nicht gereicht, die Kuh wäre fast vor Hunger krepiert. Bis zum April hätten sie sich irgendwie durchgeschlagen, dann aber beschlossen, Jakow solle nach der Frühjahrsbestellung zum Geldverdienen auf drei Monate zum Vater fahren. Das hatten sie ihm geschrieben, dann drei Schafe verkauft, Getreide und Heu gekauft, und so war Jakow hergekommen.
»So ist das also!« rief Wassilij aus. »Jaja . . . Aber wie habt ihr denn . . ., ich hab euch doch Geld geschickt . . .«
»War denn das viel? Wir haben das Haus ausgebessert . . . Marja verheiratet . . . Einen Pflug habe ich gekauft . . . Es ist doch fünf Jahre her. Die Zeit ist vergangen!«
»Jaja! Es hat also nicht gereicht? So eine Sache . . . Aber meine Fischsuppe wird überkochen!« Er stand auf und ging hinaus.
Wassilij hockte vor dem Feuer nieder, über dem der brodelnde Kessel hing und den Schaum ins Feuer warf, und versank in Sinnen. Jakows Erzählung hatte ihn nicht besonders tief berührt, wohl aber ein unfreundliches Gefühl gegen Frau und Sohn in ihm geweckt. Wieviel Geld hatte er ihnen im Lauf der fünf Jahre geschickt, und doch waren sie mit der Wirtschaft nicht zurechtgekommen! Wäre Malwa nicht zugegen gewesen, hätte er Jakow schon seine Meinung gesagt. Eigenmächtig, ohne Erlaubnis des Vaters, war er aus dem Dorf fortgegangen – dafür hatte sein Verstand gereicht, aber mit der Wirtschaft hatte er nicht fertig werden können! Die Wirtschaft, an die Wassilij, der bis zu diesem Tage ein leichtes und angenehmes Leben geführt hatte, nur selten gedacht hatte, brachte sich ihm plötzlich wieder in Erinnerung als ein bodenloses Faß, in das er fünf Jahre lang sein Geld geworfen hatte, wie etwas Überflüssiges in seinem Leben, das er gar nicht brauchte. Er rührte mit einem Löffel die Fischsuppe um und seufzte dabei.
Im Sonnenschein sah das gelbliche kleine Holzfeuer bleich und jämmerlich aus. Durchsichtige lichtblaue Rauchfähnchen zogen sich vom Feuer zum Meer den Wellenspritzern entgegen; Wassilij folgte ihnen mit den Augen und dachte daran, daß das Leben für ihn schlechter werden, nicht mehr so frei sein werde. Sicherlich hatte Jakow schon erraten, wer diese Malwa war.
Sie saß indessen in der Hütte und verwirrte den Burschen mit ihren übermütigen, herausfordernden Blicken, in denen unaufhörlich ein Lächeln spielte.
»Du hast wohl 'ne Braut im Dorf zurückgelassen?« sagte sie plötzlich und sah Jakow gerade ins Gesicht.
»Vielleicht«, antwortete dieser unlustig.
»Ist sie hübsch?« fragte sie nachlässig.
Jakow gab keine Antwort.
»Was schweigst du? . . . Ist sie hübscher als ich oder nicht?«
Er sah ihr, ohne daß er es wollte, ins Gesicht. Sie hatte runde gebräunte Wangen und schwellende Lippen; sie zuckten leicht geöffnet in übermütigem Lächeln. Ihre rosa Kattunbluse saß besonders schick und ließ die runden Schultern und die hohe straffe Brust hervortreten. Aber ihre lachenden, arglistig zusammengekniffenen Augen gefielen ihm nicht.
»Warum sprichst du so?« sagte er aufseufzend mit bittender Stimme, obgleich er streng mit ihr reden wollte.
»Wie muß man denn sprechen?« fragte sie lachend.
»Und du lachst noch . . ., worüber?«
»Über dich lache ich.«
»Was habe ich dir denn getan?« fragte er gekränkt und schlug abermals vor ihrem Blick die Augen nieder.
Sie antwortete nicht.
Jakow erriet, was sie dem Vater war, und das hinderte ihn, frei mit ihr zu reden. Diese Vermutung überraschte ihn nicht. Er hatte häufig gehört, daß Männer, die fern von ihrem Dorf einem Verdienst nachgingen, sehr über die Stränge schlugen, und begriff, daß ein so kerngesunder Mann wie sein Vater es schwerlich so lange ohne Frau ausgehalten hätte. Dennoch war es ihm peinlich vor ihr wie vor seinem Vater. Dann gedachte er seiner Mutter, der müden, mürrischen Frau, die dort im Dorf arbeitete, ohne je die Hände in den Schoß zu legen.
»Die Fischsuppe ist fertig!« verkündete Wassilij, der in der Hütte erschien. »Gib mal die Löffel heraus, Malwa!«
Jakow warf einen Blick auf den Vater und dachte: Man sieht, sie ist oft bei ihm, wenn sie schon weiß, wo die Löffel liegen!
Sie holte die Löffel heraus und sagte, daß sie abgewaschen werden müßten und daß sie im Boot noch Schnaps habe.
Vater und Sohn folgten ihr mit den Blicken, und als sie allein waren, schwiegen sie eine Weile.
»Wo hast du sie getroffen?« fragte Wassilij.
»Na, ich fragte im Kontor nach dir, und sie war auch da . . . und sagte: ›Statt durch den Sand zu Fuß hinzugehen, wollen wir lieber im Boot fahren, ich will auch zu ihm.‹ Und so sind wir hergekommen!«
»So-o . . . Und ich habe immer gedacht: Wie mag Jakow jetzt aussehen?«
Der Sohn lachte den Vater gutmütig an, und dieses Lachen machte Wassilij Mut.
»Hm . . ., das Mädchen ist doch nicht übel?«
»Nein«, sagte Jakow unbestimmt und blinzelte.
»Man kann nicht Waldgeist werden, mein Lieber!« rief Wassilij und fuchtelte mit den Händen. »Anfangs habe ich's ausgehalten, aber es geht nicht. Da ist die Gewohnheit . . . Ich bin doch ein verheirateter Mann. Und dann bessert sie mir die Kleidung aus und sonst alles . . . Und überhaupt . . ., ach! Vor den Weibern wie vor dem Tode gibt es keine Rettung!« schloß er aufrichtig seine Erklärung.
»Was geht mich das an?« sagte Jakow. »Das ist deine Sache, ich bin nicht dein Richter.«
Bei sich aber dachte er: So eine wird dir die Hosen flicken . . .
»Und dann bin ich doch erst fünfundvierzig Jahre alt . . . Unkosten macht sie nicht viel, sie ist ja nicht meine Frau . . .«, redete Wassilij weiter.
»Natürlich«, gab Jakow zu und dachte: Sie wird dir schon die Taschen umdrehn!
Da kam Malwa mit der Flasche Schnaps und einer Schnur Kringelchen herein; sie setzten sich zum Essen. Sie aßen schweigend, lutschten die Gräten geräuschvoll ab und spuckten sie in den Sand bei der Tür, Jakow aß viel und gierig; das schien Malwa zu gefallen. Sie lächelte zärtlich bei dem Anblick, wie seine braungebrannten Wangen sich blähten und seine feuchten dicken Lippen sich rasch bewegten. Wassilij aß schlecht, bemühte sich aber, den Anschein zu erwecken, als wäre er vom Essen sehr in Anspruch genommen; das mußte er, um unbemerkt sein Verhältnis zu seinem Sohn und Malwa zu durchdenken.
Die gierigen Schreie der Möwen unterbrachen die schmeichelnde Musik der Wellen. Die Hitze wurde weniger drückend, manchmal strömte schon ein kühler Lufthauch in die Hütte, der vom Duft des Meeres gesättigt war.
Nach der schmackhaften Fischsuppe und dem Branntweingenuß wurden Jakows Augen stier. Er begann albern zu lächeln, stieß auf, gähnte und sah Malwa so an, daß Wassilij es für nötig fand, ihm zu sagen: »Streck dich mal bis zum Tee hier aus, Jaschutka, wir wecken dich dann.«
»Schö-ön . . .« willigte Jakow ein und warf sich auf die Säcke. »Und wohin geht ihr? Hahaha!«
Durch sein Lachen in Verlegenheit gebracht, ging Wassilij schnell hinaus, Malwa aber preßte die Lippen aufeinander, zog die Augenbrauen zusammen und antwortete Jakow: »Wo wir hingehen, ist nicht deine Sache! Wer bist du denn? Du hast noch gar nicht mitzureden! So ist das, Bürschchen!«
»Ich? Schon gut!« rief Jakow ihr nach. »Warte nur, ich werd's dir zeigen! So eine bist du also . . .!«
Er knurrte noch einiges und schlief mit einem trunkenen, satten Lächeln im geröteten Gesicht ein.
Wassilij steckte drei Pfähle in den Sand, band die oberen Enden zusammen und warf eine Bastmatte darüber. Dann legte er sich in ihren Schatten, schob die Hände unter den Kopf und sah zum Himmel empor. Als Malwa sich im Sand neben ihm niederließ, wandte er ihr sein Gesicht zu, und sie bemerkte darin Gekränktheit und Unzufriedenheit.
»Du freust dich wohl nicht sehr über deinen Sohn?« fragte sie lachend.
»Du siehst doch, er lacht über mich . . . nur deinetwegen!« sagte Wassilij verdrossen.
»Wie? Meinetwegen?« wunderte sie sich arglistig.
»Na gewiß!«
»Ach, du Ärmster! Was machen wir denn da? Soll ich vielleicht nicht mehr zu dir kommen, was? Nun, ich laß es bleiben!«
»Sieh mal an, was für eine Hexe du bist!« sagte Wassilij vorwurfsvoll. »Ach, was seid ihr für Menschen! Er lacht mich aus, du auch . . ., dabei seid ihr mir die Allernächsten! Weshalb lacht ihr denn? Teufel!« Er wandte sich ab und verstummte.
Malwa schlang die Arme um die Knie und betrachtete, den Oberkörper leise hin und her wiegend, mit ihren grünen Augen das heitere, glitzernde Meer; dabei lächelte sie jenes triumphierende Lächeln, das eine Frau, die sich der Macht ihrer Schönheit bewußt ist, in so vielen Arten bereit hat.
Ein Segelschiff glitt wie ein plumper großer Vogel mit grauen Flügeln auf dem Wasser dahin. Es war weit weg vom Ufer und entfernte sich noch weiter dorthin, wo Himmel und Meer in blauer Unendlichkeit verschmolzen.
»Was schweigst du?« fragte Wassilij.
»Ich denke nach«, sagte Malwa.
»Worüber denn?«
»Nur so.« Ihre Augenbrauen zuckten und sie fügte nach kurzem Schweigen hinzu: »Dein Sohn ist ein Prachtkerl . . .«
»Was geht dich das an?« fragte Wassilij eifersüchtig.
»Wer weiß . . .«
»Du, nimm dich in acht!« Er sah sie von oben bis unten streng und voller Argwohn an. »Mach keine Dummheiten! Ich bin zwar friedfertig, aber reize mich nicht! Jawohl!« Er biß die Zähne zusammen und ballte die Fäuste, als er fortfuhr: »Du hast heute gleich, als du ankamst, zu kokettieren angefangen . . . Ich schaue noch nicht ganz durch . . ., aber nimm dich in acht! Wenn ich das sehe, geht es dir schlecht! Du hast ein solches Lächeln . . ., und überhaupt . . . Ich weiß, wie man mit euch Weibern umgehen muß . . .«
»Weißt du, Wasja, du mußt mir nicht drohen . . .«, bat sie gleichgültig, ohne ihn anzusehen.
»Na eben, dann mach auch nicht solche Scherze . . .«
»Und du versuche nicht mehr, mir Angst zu machen.«
»Ich werde dich auch verprügeln, wenn du übermütig wirst . . .«, drohte Wassilij erbost.
»Du willst mich schlagen?« Sie drehte sich nach ihm um und sah ihm voll Neugier in das erregte Gesicht.
»Was bist du denn für eine Gräfin? Ich werde dich schon durchhauen . . .«
»Bin ich etwa deine Frau?« fragte Malwa deutlich und ruhig und fuhr sogleich fort, ohne auf eine Antwort zu warten: »Du bist gewohnt, deine Frau um nichts und wieder nichts zu schlagen, und meinst, es mit mir ebenso zu machen? Du irrst dich, ich bin mein eigener Herr und fürchte mich vor niemand. Du aber hast ja vor deinem eigenen Sohn Angst! Eine Schande, wie du vorhin um ihn herumscharwenzelt bist! Und du drohst mir noch!«
Sie schüttelte verächtlich den Kopf und brach ab. Ihre kalten, geringschätzigen Worte erstickten Wassilijs Ingrimm. Noch nie war sie ihm so schön vorgekommen.
»Da ist sie in Fahrt gekommen und krächzt!« murmelte er ärgerlich und entzückt zugleich.
»Und ich will dir noch was sagen. Du hast vor Serjoshka geprahlt, daß ich ohne dich wie ohne Brot nicht leben könnte! Da irrst du . . . Vielleicht liebe ich gar nicht dich und komme gar nicht zu dir, sondern liebe bloß diese Stelle . . .« Sie wies mit einer weiten Handbewegung in die Runde. »Vielleicht gefällt es mir, daß es hier so einsam ist, daß nur Himmel und Meer und keine gemeinen Menschen hier sind. Und daß du hier bist, ist mir ganz gleichgültig . . . Das ist nur eine Art Bezahlung für den Platz . . . Wenn Serjoshka hier wäre, würde ich zu ihm kommen, wenn dein Sohn hier war, zu ihm. Und noch besser wär's, wenn keiner von euch da wäre . . ., ihr seid mir alle zuwider! . . . Bei meiner Schönheit kann ich mir jederzeit den Mann aussuchen, den ich brauche . . .«
»So steht's?« zischte Wassilij rasend und packte sie plötzlich an der Kehle. »So meinst du's?«
Er schüttelte sie, aber sie wehrte sich nicht, obgleich ihr Gesicht rot wurde und ihre Augen mit Blut unterliefen. Sie legte einfach ihre beiden Hände auf seine Hand, mit der er sie an der Kehle würgte, und sah ihm unverwandt ins Gesicht.
»Das steckt also in dir?« röchelte Wassilij immer rasender werdend. »Und dabei hast du geschwiegen, du Vettel, mich umarmt, zärtlich mit mir getan . . ., ich werde dir zeigen!«
Er drückte sie zur Erde nieder und traf mit Genuß einmal und noch einmal ihren Hals mit schweren Schlägen der geballten Faust. Es bereitete ihm ein angenehmes Gefühl, wenn er mit voller Wucht ihren straffen Hals traf.
»Da . . . Was, du Schlange?« rief er triumphierend und schleuderte sie von sich.
Ohne einen Klagelaut, still und ruhig fiel sie auf den Rücken, rot und zerzaust und dennoch schön. Ihre grünen Augen sahen ihn durch die Wimpern mit kaltem Haß an. Prustend vor Erregung und angenehm befriedigt, seiner Wut freien Lauf gelassen zu haben, bemerkte er ihren Blick nicht, und als er sie siegesbewußt anblickte, da lächelte sie. Ihre vollen Lippen zitterten, ihre Augen flammten auf, in ihren Wangen erschienen Grübchen. Wassilij betrachtete sie erstaunt.
»Was hast du? Teufel!« rief er und zerrte sie derb an der Hand.
»Waska . . ., hast du mich geschlagen?« fragte sie flüsternd.
»Nun, wer denn sonst?« Verständnislos sah er sie an und wußte nicht, was er tun sollte. Ob er sie nicht noch einmal schlagen sollte? Aber er empfand schon keine Wut mehr, und seine Hand erhob sich nicht mehr gegen sie.
»Du liebst mich also?« fragte sie wieder, und bei ihrem Flüstern überlief es ihn heiß.
»Schon gut«, sagte er finster. »So muß man dich behandeln?«
»Und ich dachte, du liebst mich nicht mehr . . ., ich dachte: Jetzt ist sein Sohn gekommen . . ., da wird er mich wegjagen.« Sie brach in ein seltsames, überlautes Gelächter aus.
»Dummes Weib«, sagte Wassilij, unwillkürlich mitlachend. »Mein Sohn – muß ich nach seiner Pfeife tanzen?«
Er schämte sich vor ihr, und sie tat ihm leid, aber ihrer Reden gedenkend, begann er streng: »Es handelt sich hier gar nicht um meinen Sohn . . . Aber daß ich dich geschlagen habe, daran bist du selbst schuld, warum hast du mich gereizt?«
»Das habe ich doch mit Absicht getan . . ., ich wollte dich prüfen.« Und sie schmiegte sich mit der Schulter an ihn.
»Prüfen? Wozu? Nun weißt du's.«
»Macht nichts«, sagte Malwa voller Überzeugung und kniff die Augen zusammen, »ich bin nicht böse – du hast mich doch aus Liebe geschlagen? Ich werde es dir schon vergelten . . .« Sie sah ihn scharf an und wiederholte leiser: »Oh! wie ich es dir vergelten werde!«
Wassilij hörte aus diesen Worten ein Versprechen heraus, das ihm angenehm war, es versetzte ihn in süße Aufregung. Lächelnd fragte er: »Wie denn? . . . Sag doch!«
»Du wirst schon sehen«, sagte Malwa ruhig, aber ihre Lippen zitterten.
»Ach, du mein Liebchen!« rief Wassilij und preßte sie fest wie ein Verliebter in seine Arme. »Aber weißt du, nachdem ich dich geschlagen habe, bist du mir noch teurer geworden! Wirklich! Vertrauter . . . Oder wie soll ich sagen?«
Möwen schossen über ihnen auf und ab. Der sanfte Seewind trug die Wellenspritzer fast bis zu ihren Füßen, und unermüdlich tönte das Lachen des Meeres.
»Ach, was ist das für ein Leben!« seufzte Wassilij befreit auf, während er versonnen die Frau liebkoste, die sich an ihn schmiegte. »Wie ist doch in der Welt alles eingerichtet: was Sünde ist, das ist süß. Du begreifst das natürlich überhaupt nicht . . ., aber ich denke manchmal über das Leben nach, und da kommt mich geradezu Grausen an. Besonders nachts . . ., wenn ich nicht schlafen kann . . . Da sehe ich: vor mir das Meer, über mir Himmel, ringsum so dunkel, so unheimlich . . ., und ich ganz allein! Und man kommt sich dann so-o klein, so klein vor . . ., die Erde schwankt unter einem, und niemand ist da außer einem selbst. Wenn du wenigstens dann bei mir wärst . . ., wären wir doch zu zweit . . .«
Malwa lag mit geschlossenen Augen auf seinen Knien und schwieg. Wassilijs etwas grobes, aber gutes, von Sonne und Wind gebräuntes Gesicht beugte sich über sie, sein gebleichter großer Bart kitzelte ihren Hals. Die Frau rührte sich nicht, nur ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Wassilijs Augen schweiften bald über das Meer, bald ruhten sie auf dieser Brust, die ihm so nahe war. Ohne Hast begann er sie auf den Mund zu küssen und schmatzte dabei so laut, als äße er heißen Grützbrei mit viel Butter.
Wohl drei Stunden verbrachten sie so; als die Sonne begann, im Meer zu versinken, sagte Wassilij mit trauriger Stimme: »Na, ich werde jetzt Teewasser machen, unser Gast wird bald aufwachen!«
Malwa rückte mit der trägen Bewegung eines verwöhnten Kätzchens zur Seite, er stand unlustig auf und ging zur Hütte. Die Frau sah ihm durch die nur wenig gehobenen Wimpern nach und holte tief Luft, wie Menschen, welche eine Last abgeworfen haben, die schwer auf ihnen lag.
Dann saßen sie zu dritt um das Feuer und tranken Tee.
Die Sonne färbte das Meer mit den lebhaften Farben des Sonnenuntergangs, die grünlichen Wellen glänzten wie Purpur und Perlen. Während Wassilij aus einem weißen irdenen Henkeltopf schluckweise Tee trank, fragte er seinen Sohn nach dem Dorf aus und frischte selbst Erinnerungen auf. Malwa hörte ihre langsame Unterhaltung an, ohne sich einzumischen.
»Die Bäuerlein schlagen sich also durch?«
»Ja, so gut es geht . . .«, antwortete Jakow.
»Braucht unsereins denn viel? Das Haus und genügend Brot und feiertags ein Glas Schnaps . . . Aber auch das gibt es nicht einmal . . . Wäre ich denn fortgegangen, wenn ich mich zu Hause hätte ernähren können? Im Dorf bin ich mein eigener Herr, allen gleichgestellt, und hier ein Knecht . . .«
»Dafür wird man hier aber besser satt, und die Arbeit ist leichter . . .«
»Nun, das kannst du auch nicht sagen! Es kommt vor, daß einem alle Knochen weh tun. Und dann arbeitet man hier für einen Fremden und dort für sich.«
»Aber du verdienst hier mehr«, entgegnete Jakow ruhig.
Innerlich gab Wassilij dem Sohn recht. Auf dem Dorf waren Leben und Arbeit schwerer als hier. Er wollte aber nicht, daß Jakow dies wußte. Und er sagte streng: »Hast du den hiesigen Verdienst gezählt? Auf dem Dorf, mein Lieber . . .«
»Ist es wie in einer Grube, eng und dunkel!« lachte Malwa. »Und besonders das Leben der Weiber – nichts als Tränen.«
»Das Leben der Weiber ist überall gleich . . . Und die Sonne ist auch überall ein und dieselbe.« Wassilij warf mit gerunzelter Stirn einen Blick auf sie.
»Nun, das ist nicht wahr!« rief sie, lebhafter werdend. »Auf dem Dorf muß ich heiraten, ob ich will oder nicht. Eine verheiratete Bäuerin ist ihr Leben lang Sklavin: ernten muß sie und spinnen, Vieh füttern und Kinder kriegen . . . Was bleibt denn für sie selbst übrig? Nur die Prügel des Mannes und Geschimpfe . . .«
»Es gibt nicht nur Prügel«, unterbrach Wassilij sie.
»Und hier gehöre ich keinem«, redete sie fort, ohne auf ihn zu hören. »Wie eine Möwe flieg ich, wohin ich will. Niemand wird mir den Weg versperren . . . Niemand wird mich anrühren!«
»Und wenn man dich anrührt?« fragte Wassilij auflachend in mahnendem Ton.
»Nun, ich werde es schon vergelten!« sagte sie leise, und ihr flammender Blick erlosch.
Wassilij lachte nachsichtig.
»Ach du! Gewandt bist du, und doch schwach! Du redest, wie eben ein Weib redet. Auf dem Dorf ist die Frau notwendig fürs Leben . . ., hier aber lebt sie nur so . . ., zur Unterhaltung . . .« Und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: ». . . zum Sündigen.«
Als ihr Gespräch abbrach, seufzte Jakow gedankenverloren und sagte: »Als ob dieses Meer gar kein Ende hätte.«
Alle drei blickten schweigend auf die öde Fläche vor ihnen.
»Wenn das alles Land wäre!« rief Jakow aus und beschrieb mit dem Arm einen weiten Bogen. »Und Schwarzerde müßte das sein! Und man könnte es pflügen!«
»Sieh mal an!« lachte Wassilij gutmütig und sah mit beifälligem Blick in das Gesicht des Sohnes, das von der Stärke des Wunsches gerötet war. Er hörte aus den Worten seines Sohnes gern die Liebe zur Scholle heraus und glaubte, daß diese Liebe Jakow vielleicht bald und zwingend von den Verführungen des freien Gewerbelebens ins Dorf zurückrufen würde. Und er selbst könnte dann mit Malwa hierbleiben, und alles bliebe beim alten.
»Das hast du gut gesagt, Jakow! So gehört es sich für einen Bauern. Aus dem Boden nimmt der Bauer seine Kraft; solange er auf ihm steht, lebt er; reißt er sich von ihm los, ist er verloren! Der Bauer ohne Land ist wie ein Baum ohne Wurzel: Zur Bearbeitung taugt er noch, aber leben kann er nicht mehr lange, er verfault. Und die Schönheit des Waldes hat er verloren – geschält, behobelt, unansehnlich ist er! . . . Ja, Jakow, da hast du sehr treffende Worte gesagt.«
Das Meer empfing die Sonne in seinem Schoß mit der freundlichen Musik seiner plätschernden Wellen, die von den scheidenden Sonnenstrahlen mit wunderbaren, reich abgestuften Farben geschmückt waren. Der göttliche Urquell des lebensspendenden Lichts nahm Abschied vom Meer durch die beredte Harmonie seiner Farben, um weit entfernt von den drei Menschen, die ihn beobachteten, die schlaftrunkene Erde mit dem freudigen Glanz seiner aufgehenden Strahlen zu wecken.
»Meine Seele schmilzt dahin, wenn ich zusehe, wie die Sonne untergeht, bei Gott!« sagte Wassili zu Malwa.
Sie antwortete nicht. Jakows blaue Augen schweiften lächelnd über das weite Meer. Lange schauten alle drei dorthin, wo die letzten Augenblicke des Tages erloschen. Vor ihnen glimmten die Holzkohlen. Hinter ihnen breitete die Nacht ihre Schatten über den Himmel. Der gelbe Sand wurde dunkler, die Möwen waren verschwunden – alles ringsum wurde still und zärtlich verträumt . . . Und sogar die rastlosen Wellen rauschten beim Auflaufen auf den Sand der Landzunge nicht mehr so lustig und laut wie am Tage.
»Was sitze ich noch?« sagte Malwa, »ich muß gehn.«
Wassilij zuckte ein wenig zusammen und warf einen Blick auf seinen Sohn.
»Wohin willst du so eilig?« murmelte er unzufrieden. »Warte doch, der Mond geht bald auf.«
»Was soll der Mond? Ich habe auch so keine Angst; es ist nicht das erstemal, daß ich nachts von hier fortgehe.«
Jakow warf einen Blick auf den Vater und kniff die Augen zusammen, um ein spöttisches Lächeln zu verbergen; darauf sah er Malwa an, und ihre Blicke begegneten sich; das war ihm peinlich.
»Nun, was? So geh!« entschied Wassilij unzufrieden und mißmutig.
Sie stand auf, verabschiedete sich und ging langsam an dem Strand der Landzunge entlang; die Wellen rollten ihr bis vor die Füße, als wollten sie mit ihr spielen. Flimmernd glommen am Himmel die Sterne auf: seine goldenen Blüten. Malwas grelle Bluse wurde in der Dämmerung immer undeutlicher, je weiter sie sich von Wassilij und seinem Sohn entfernte, die sie mit ihrem Blick begleiteten.
»Komm geschwind, ach Liebster mein,
Schmieg dich an den Busen mein!«
stimmte Malwa mit hoher, schriller Stimme an.
Es schien Wassilij, als ob sie stehenbliebe und wartete. Grimmig spuckte er aus und dachte: Das tut sie absichtlich, um mich zu necken, die Teufelin!«
»Hör nur, sie singt«, lachte Jakow.
Für ihre Augen war sie nur noch ein grauer Fleck in der Dämmerung.
»Schone meine Brüste nicht,
Die beiden weißen Schwäne!«
tönte ihre Stimme über das Wasser.
»Hör nur!« rief Jakow und beugte sich mit dem ganzen Oberkörper vor nach der Richtung, aus der die verführerischen Worte herüberklangen.
»Das heißt, du bist mit der Wirtschaft also nicht fertig geworden?« ertönte Wassilijs rauhe Stimme.
Jakow sah ihn verständnislos an und setzte sich wieder zurecht. Vom Rauschen der Wellen verschluckt, drangen nur einzelne abgerissene Worte des neckischen Liedes an ihr Ohr.
»Ach . . . ich kann nicht schlafen
Allein . . . in dieser Nacht!«
»Es ist so heiß«, rief Wassilij jammernd und drehte sich im Sande hin und her. »Es ist doch schon Nacht . . . und immer noch heiß! So eine verdammte Gegend!«
»Das kommt davon, weil der Sand am Tage so heiß geworden ist«, sagte Jakow, sich zur Seite drehend, und es klang, als stotterte er.
»Was hast du? Lachst du etwa?« fragte der Vater ihn streng.
»Ich?« fragte Jakow unschuldig. »Worüber denn?«
»Das will ich meinen, es ist auch gar kein Grund dazu . . .« Sie verstummten. Doch durch das Rauschen der Wellen erreichten sie Laute, die halb wie Seufzer, halb wie zärtliche leise Rufe klangen.
Zwei Wochen waren vergangen. Wieder war Sonntag, und wiederum lag Wassilij Legostjew neben seiner Hütte im Sand, schaute aufs Meer und wartete auf Malwa. Und das öde Meer spielte lachend mit der sich spiegelnden Sonne, und tausend und aber tausend Wellen entstanden, um auf den Strand zu laufen, ihre Schaumkronen abzuwerfen, ins Meer zurückzurollen und in ihm zu zergehen. Alles war so wie vor vierzehn Tagen. Aber während Wassilij früher seine Geliebte mit ruhiger Zuversicht erwartet hatte, wartete er heute mit Ungeduld auf sie. Am letzten Sonntag war sie nicht dagewesen – heute mußte sie kommen! Er zweifelte nicht daran, daß sie kommen würde, aber er wollte sie recht bald sehen. Jakow würde ihn heute nicht stören: vor zwei Tagen war er mit anderen Fischern hier gewesen, ein Netz zu holen, und hatte gesagt, daß er sich gleich Sonntag früh in die Stadt begeben wolle, um sich Hemden zu kaufen. Er hatte sich für fünfzehn Rubel monatlich als Fischer verdungen, war bereits mehrere Male zum Fischen ausgefahren und sah vergnügt und munter aus. Wie alle Arbeiter roch er nach gesalzenen Fischen, und wie alle war er schmutzig und abgerissen. Beim Gedanken an den Sohn seufzte Wassilij: Wenn er hier nur keinen Schaden nimmt . . . Er wird sich verwöhnen . . . Dann wird er am Ende gar nicht mehr ins Dorf zurückgehen wollen . . . Und dann werde ich selbst hin müssen . . .
Außer den Möwen war niemand auf dem Meer. Dort, wo es durch einen schmalen Streifen vom Himmel getrennt war, erschienen manchmal kleine schwarze Pünktchen, bewegten sich und verschwanden wieder. Das Boot aber kam nicht, obgleich die Sonnenstrahlen schon fast senkrecht ins Meer fielen. Um diese Zeit pflegte Malwa sonst hier zu sein.
Zwei Möwen stießen in der Luft aufeinander und hackten sich, daß die Federn flogen. Ihre erbitterten Schreie zerrissen den fröhlichen Gesang der Wellen, diesen immerwährenden Gesang, der so harmonisch mit der feierlichen Ruhe des leuchtenden Himmels verschmolzen war, daß er nur der Klang des freudigen Spiels der Sonnenstrahlen auf der Meeresfläche zu sein schien. Die Möwen stießen ins Wasser, hackten einander, schrien rasend vor Schmerz und Wut und hoben sich, einander verfolgend, wieder in die Luft . . . Ihre Gefährten aber – ein ganzer Schwarm – fischten gierig, als ob sie diesen Kampf nicht sähen, und schlugen Purzelbäume im glitzernden durchsichtigen grünlichen Wasser.
Das Meer blieb verlassen. Der bekannte dunkle Punkt fern an der Küste erschien nicht.
»Du kommst nicht?« sagte Wassilij laut. »Nun, ist auch nicht nötig! Oder bildest du dir ein . . .?« Und er spuckte verächtlich in Richtung der Küste aus.
Das Meer lachte . . .
Wassilij stand auf und ging in die Hütte mit der Absicht, sich Mittagessen zu kochen; aber er verspürte keinen Appetit, kehrte zu seinem alten Platz zurück und legte sich wieder hin.
Wenn wenigstens Serjoshka käme! rief er in Gedanken aus und zwang sich, an Serjoshka zu denken. Das ist ein strammer Kerl! Alle lacht er aus, auf alle geht er mit den Fäusten los. Gesund ist er, hat Lebenserfahrung, kann lesen und schreiben – aber er trinkt. In seiner Gesellschaft ist es immer lustig . . . Die Weiber sind hin von ihm und laufen ihm alle nach, obgleich er erst seit kurzem hier ist. Nur Malwa hält sich ihm fern . . . Und jetzt kommt sie nicht. So ein verfluchtes Frauenzimmer! Ob sie böse auf mich ist, weil ich sie geschlagen habe? Als ob das was Neues für sie wäre! Wie mögen andere sie schon geprügelt haben! Aber ich werde es ihr jetzt auch heimzahlen!
Mit solchen Gedanken über seinen Sohn, über Serjoshka und vor allem über Malwa wälzte Wassilij sich im Sande und wartete immerzu. Die unruhige Stimmung verwandelte sich allmählich in einen finstern, argwöhnischen Gedanken, aber er wollte nicht dabei verweilen. So verbrachte er, da er sich sein Mißtrauen nicht eingestehen wollte, die Zeit bis zum Abend, indem er bald aufstand und im Sand umherging, bald sich aufs neue niederlegte. Das Meer war schon dunkel geworden, aber er beobachtete immer noch den fernen Horizont und wartete auf das Boot.
Malwa kam an diesem Tage nicht.
Als Wassilij sich schlafen legte, schimpfte er enttäuscht auf seinen Dienst, der ihm nicht erlaubte, an die Küste zu gehen; im Einschlafen sprang er noch mehrmals auf. In der Schlaftrunkenheit glaubte er, in der Ferne Ruderschläge zu vernehmen. Dann schirmte er die Augen mit der Hand ab und sah auf das trübe dunkle Meer hinaus. Beim Werk an der Küste brannten zwei Feuer, auf dem Meer aber war niemand.
»Gut, du Hexe!« drohte er. Und dann fiel er in einen schweren Schlaf.
Im Werk aber ging an diesem Tage folgendes vor sich.
Jakow war früh am Morgen aufgestanden, als die Sonne noch nicht so heiß brannte und vom Meer her erfrischende Kühle wehte. Er ging aus der Baracke ans Meer, um sich zu waschen, und als er an den Strand kam, erblickte er Malwa. Sie saß am Heck eines großen Ruderbootes, das am Ufer vertäut war, ließ die nackten Beine über Bord hängen und kämmte ihr nasses Haar.
Jakow blieb stehen und betrachtete sie mit neugierigen Blicken. Die offene Kattunbluse war von der einen Schulter herabgeglitten, und die Schulter war so weiß und verlockend.
Die Wellen schlugen gegen das Heck der Barkasse, Malwa wurde bald emporgehoben, bald sank sie so tief, daß ihre nackten Füße fast das Wasser berührten.
»Du hast wohl gebadet?« rief Jakow.
Sie wandte ihm ihr Gesicht zu, sah ihn flüchtig an und antwortete im Weiterkämmen: »Ja . . ., was bist du so früh aufgestanden?«
»Du noch früher . . .«
»Was für ein Maßstab bin ich denn für dich?«
Jakow antwortete nicht.
»Willst du nach meiner Manier hier leben, wird es dir schwerfallen, den Kopf zu heben!« sagte sie.
»Oho! Sieh mal an, wie fürchterlich du bist!« lachte Jakow spöttisch, hockte sich nieder und begann sich zu waschen.
Er schöpfte das Wasser mit der hohlen Hand, spritzte es sich ins Gesicht und ächzte, als er die Kühle spürte. Während er sich mit dem Hemdensaum abtrocknete, fragte er Malwa: »Was suchst du mir dauernd Angst zu machen?«
»Und was hast du mich anzustarren?«
Jakow konnte sich nicht erinnern, nach ihr mehr als nach den anderen Arbeiterinnen geschaut zu haben, jetzt aber sagte er plötzlich zu ihr: »Ja, wenn du aber wie zum . . . Anbeißen bist!«
»Warte nur, wenn dein Vater von deinen neuen Gewohnheiten erfährt, wird er dir den Kopf waschen.«
Sie sah ihm verschmitzt und herausfordernd ins Gesicht.
Jakow lachte und kletterte auf die Barkasse. Er begriff zwar wieder nicht, von was für Gewohnheiten sie sprach, aber wenn sie das sagte, so hatte er sie offenbar öfter scharf angesehen. Er fand das angenehm und lustig.
»Wie ist das eigentlich mit dem Vater?« sagte er, während er auf dem Bord des Ruderbootes auf sie zuging. »Bezahlt er dich?«
Er setzte sich neben sie und starrte auf ihre nackte Schulter, die halbentblößte Brust, auf ihre ganze frische kraftvolle Gestalt, die nach dem Meer duftete.
»Der reinste Hausen bist du!« rief er voll Entzücken, nachdem er sie genau betrachtet hatte.
»Nicht für dich!« erklärte sie kurz, ohne ihn anzusehen und ohne ihre offenherzige Bekleidung in Ordnung zu bringen.
Jakow seufzte.
Unübersehbar dehnte sich das Meer in den Strahlen der Morgensonne vor ihnen aus. Spielerische kleine Wellen, die unter dem sanften Hauch des Windes entstanden, schlugen leise gegen die Bordwand.
Fern im Meer erschien die Landzunge wie eine Narbe auf seiner Atlasbrust. An ihrer Spitze bohrte sich die Stange wie ein feiner Strich in den weichen blauen Hintergrund des Himmels, und man konnte den Lappen im Winde flattern sehen.
»Ja, mein Bürschchen!« begann Malwa, ohne Jakow anzusehen, »zum Anbeißen bin ich, aber nicht für dich . . . Ich bin nicht käuflich, und deinem Vater bin ich auch nicht untertan. Ich lebe nach meinem eigenen Willen . . . Aber dräng dich mir nicht auf, denn ich will nicht zwischen dir und Wassilij stehen . . . Ich will keinen Zank und mögliche Scherereien . . . Verstanden?«
»Was tue ich denn?« wunderte sich Jakow, »ich rühre dich ja gar nicht an . . .«
»Anzurühren wirst du mich nicht wagen!« sagte Malwa.
Sie sagte das in so geringschätzigem Ton, daß Jakow als Mann wie als Mensch sich gekränkt fühlte. Ein herausforderndes, fast boshaftes Gefühl ergriff ihn, seine Augen loderten.
»Oho! Ich wage es nicht?« rief er und rückte näher.
»Nein!«
»Meinst du wirklich? Und wenn ich dich nun anrühre?«
»Versuch's doch!«
»Und was dann?«
»Dann kriegst du einen Stoß ins Genick, daß du kopfüber ins Wasser fällst.«
»Tu's doch!«
»Versuch's doch!«
Er umfing sie mit heißen Blicken, und plötzlich packte er sie von der Seite mit seinen starken Tatzen und preßte ihr Brust und Rücken zusammen. Durch die Berührung mit ihrem heißen kraftvollen Körper entflammte er ganz und gar, und seine Kehle schnürte sich zusammen, als wollte er ersticken.
»Siehst du! Nun . . . schlage doch! Nun . . .?«
»Laß los, Jaschka!« sagte sie ruhig und versuchte, sich aus seinen zitternden Händen zu befreien.
»Du wolltest mir doch eins ins Genick geben?«
»Laß los! Sieh dich vor, sonst geht es dir schlecht!«
»Hör auf . . ., mach mir keine Angst! Ach du . . . Himbeere!«
Er drückte sich an sie und sog sich mit seinen vollen Lippen an ihrer geröteten Wange fest.
Sie lachte herausfordernd, packte Jakow kräftig bei den Händen und warf sich plötzlich mit einer heftigen Bewegung des ganzen Körpers nach vorn. In gegenseitiger Umarmung stürzten sie als schwere Masse ins Wasser und versanken in Schaum und Spritzern. Danach erschien Jakows nasser Kopf mit erschrockenem Gesicht auf dem bewegten Wasser, und neben ihm tauchte Malwa an die Oberfläche. Verzweifelt mit den Armen rudernd, zerteilte Jakow das Wasser um sich her, heulte und brüllte, während Malwa ihn laut lachend umschwamm, ihm Hände voll Salzwasser ins Gesicht spritzte und wieder tauchte, um seinen weit ausholenden Armbewegungen auszuweichen.
»Teufel!« schrie Jakow prustend. »Ich ertrinke! Hör auf! . . . Bei Gott . . ., ich ertrinke! Das Wasser ist bitter . . . Ach du . . ., ich ertrinke!«
Aber sie ließ schon von ihm ab und schwamm wie ein Mann, mit den Armen weit ausholend, auf das Ufer zu. Dort kletterte sie gewandt in die Barkasse, stellte sich an das hintere Ende und sah lachend zu, wie Jakow hastig auf sie zuschwamm. Die nasse Kleidung klebte an ihrem Körper und zeichnete ihren Körper von den Knien bis zu den Schultern deutlich ab. Als Jakow an das Boot herangeschwommen war, hielt er sich mit der Hand daran fest und starrte diese fast nackte Frau, die ihn lustig auslachte, mit gierigen Blicken an.
»Na, kriech heraus, du Seehund!« sagte sie unter Lachen, kniete nieder und reichte ihm ihre Hand, während sie sich mit der anderen auf den Bootsrand stützte. Jakow ergriff ihre Hand und rief begeistert: »Nun, halte dich fest! Ich bade dich!«
Er stand bis an die Schultern im Wasser und versuchte sie zu sich zu ziehen. Die Wellen rollten über seinen Kopf hinweg, zerschellten am Boot und spritzten Malwa ins Gesicht. Sie kniff die Augen zusammen und lachte laut, und plötzlich sprang sie aufkreischend ins Wasser und warf durch die Schwere ihres Körpers Jakow um.
Wie zwei große Fische begannen sie von neuem in dem grünlichen Wasser zu spielen, bespritzten einander und kreischten, prusteten und tauchten.
Lachend sah die Sonne auf sie herab, und die Fensterscheiben des Werkes spiegelten die Sonne wider und lachten ebenfalls. Von ihren starken Armen zerteilt, rauschte das Wasser; aufgestört durch die herumtollenden Menschen jagten die Möwen mit durchdringenden Schreien über ihren Köpfen hin und her, die unter den aus der Ferne heranrollenden Wellen immer wieder verschwanden.
Müde kletterten sie schließlich, nachdem sie reichlich Wasser geschluckt hatten, ans Ufer und setzten sich in die Sonne, um sich zu erholen.
»Pfui!« Jakow verzog sein Gesicht und spuckte aus. »Ist das ein dreckiges Wasser! Daher ist auch so viel davon da!«
»Dreckzeug ist immer viel auf der Welt, Burschen zum Beispiel, mein Gott wie viele!« lachte Malwa und drückte das Wasser aus ihrem Haar . . .
Ihr Haare waren dunkel und wenn auch nicht lang, so doch dicht und lockig.
»Darum hast du dir auch einen Alten ausgesucht«, lachte Jakow boshaft und stieß sie mit dem Ellbogen in die Seite.
»Mancher Alte ist besser als ein Junger.«
»Wenn der Vater schon gut ist, muß der Sohn doch noch besser sein.«
»Sieh mal an, wo hast du denn das Prahlen gelernt?«
»Die Mädchen auf dem Dorf haben mir oft gesagt, daß ich durchaus kein schlechter Bursche bin.«
»Was verstehen schon die Mädchen davon! Mich mußt du fragen . . .«
»Was bist du denn? Etwa kein Mädchen?«
Sie blickte ihn scharf an, er lachte schamlos. Da wurde sie plötzlich ernst und sagte heftig: »Ich habe mal ein Kind gehabt.«
»Es paßt, aber es reimt sich nicht«, sagte Jakow und lachte laut.
»Dummkopf!« schleuderte Malwa ihm schroff ins Gesicht und wandte sich ab.
Eingeschüchtert verstummte Jakow und preßte die Lippen aufeinander. Wohl eine halbe Stunde schwiegen beide und drehten sich dabei in der Sonne, damit sie ihre nassen Kleider möglichst schnell trocknete.
In den Baracken, langen schmutzigen Schuppen mit Pultdächern, erwachten die Arbeiter. Von weitem sahen sie einer wie der andere aus: abgerissen, struppig, barfuß . . . Ihre heiseren Stimmen waren bis an den Strand zu hören; irgendwer klopfte auf den Boden einer leeren Tonne, dumpfe Schläge flogen herüber wie das Dröhnen einer großen Pauke. Zwei Frauen zankten sich kreischend, ein Hund bellte.
»Sie wachen auf!« sagte Jakow. »Und ich wollte doch recht früh in die Stadt fahren . . ., und nun habe ich mit dir Unsinn getrieben.«
»Bei mir kommt nichts Gutes heraus«, sagte sie halb scherzhaft, halb ernst.
»Warum versuchst du ständig, mich zu erschrecken?« lachte Jakow verwundert.
»Du wirst schon sehen, wenn dein Vater dich . . .«
Diese Erwähnung des Vaters erboste ihn plötzlich.
»Was wird der Vater? Nun?« rief er grob. »Der Vater! Ich bin kein kleines Kind mehr . . . Als ob das von Bedeutung wäre! . . . Hier sind andere Verhältnisse . . ., ich bin auch nicht blind, ich kann sehen. Er ist selbst kein Engel . . ., er legt sich hier keinen Zwang auf . . ., dann soll er mich auch in Ruhe lassen.«
Sie sah ihm spöttisch ins Gesicht und fragte neugierig: »Er soll dich in Ruhe lassen? Was hast du denn vor?«
»Ich?« Er blies die Backen auf und drückte die Brust heraus, als höbe er eine Last. »Ich, fragst du? Ich kann viel! Ich habe mir lange genug Wind um die Ohren blasen lassen, der hat den Staub des Dorfes von mir weggeblasen.«
»Ziemlich schnell!« rief Malwa spöttisch.
»Na und? Ich mach dich dem Vater abspenstig!«
»Nicht möglich! Wirklich?«
»Glaubst du, ich habe Angst?«
»Wirklich nicht?«
»Hör mal zu«, begann Jakow hitzig und erregt, »reize mich nicht! Ich . . ., nimm dich in acht!«
»Was?« fragte sie ruhig.
»Nichts!« Er wandte sich ab und schwieg mit der Miene eines selbstbewußten schneidigen Burschen.
»Bist du aber heftig! Weißt du, der Verwalter hat doch ein schwarzes Hündchen, hast du es gesehen? Das ist geradeso wie du. Aus der Ferne bellt es und tut, als wollte es einen beißen, und wenn man näher kommt, klemmt es den Schwanz ein und reißt aus.«
»Nun gut!« rief Jakow, in Wut geratend. »Warte nur! Du wirst schon sehen, wer ich bin, du wirst schon sehen.«
Doch sie lachte ihm ins Gesicht.
Langsamen Schrittes, mit wiegendem Oberkörper, kam jetzt ein großer, muskulöser bronzefarbener Mann mit einer dichten Kappe zerzauster feuerroter Haare auf sie zu. Das ungegürtete rote Kattunhemd war auf dem Rücken fast bis zum Kragen zerrissen, und damit die Ärmel ihm nicht über die Hände rutschten, hatte er sie bis an die Schulter aufgekrempelt. Seine Hosen stellten eine Sammlung verschiedenfarbiger Löcher vor, er war barfuß. Im Gesicht, das dicht mit Sommersprossen übersät war, funkelten verwegen große blaue Augen, die aufgestülpte breite Nase gab seiner Gestalt ein unbekümmertes freches Aussehen. Herangekommen, blieb er vor ihnen stehen, daß sie seinen Körper durch die unzähligen Löcher in seiner Kleidung in der Sonne blitzen sehen konnten, zog geräuschvoll durch die Nase hoch, starrte sie fragend an und schnitt eine komische Grimasse.
»Gestern hat Serjoshka ein wenig getrunken, und heute ist in Serjoshkas Tasche so viel wie in einem Korb ohne Boden . . . Leiht mir einen Zwanziger! Ich gebe ihn sowieso nicht zurück . . .«
Jakow lachte gutmütig über seine kecke Ansprache, Malwa lächelte bei der Betrachtung seiner zerlumpten Gestalt.
»Gebt her, ihr Teufel! Für einen Zwanziger traue ich euch, wollt ihr?«
»Ach, du Spaßvogel! Bist du etwa ein Pope?« lachte Jakow.
»Dummkopf! Ich bin in Uglitsch bei einem Popen Hausknecht gewesen . . ., gib einen Zwanziger!«
»Ich will nicht getraut werden!« weigerte sich Jakow.
»Einerlei! Gib her! Ich werde deinem Vater nicht sagen, daß du seiner Dame nachstellst«, beharrte Serjoshka und leckte sich die gesprungenen trockenen Lippen.
»Lüge nur, er glaubt dir auch so . . .«
»Ich werde schon lügen, daß er's glaubt!« versprach Serjoshka, »und dann prügelt er dich durch – und wie!«
»Ich habe keine Angst!« lachte Jakow.
»Na, dann werde ich dich durchprügeln!« erklärte Serjoshka ruhig und kniff die Augen zusammen.
Jakow tat es um die zwanzig Kopeken leid, aber man hatte ihn schon gewarnt, sich mit Serjoshka einzulassen, und ihm geraten, lieber dessen Forderungen nachzukommen. Übermäßig viel fordere er nicht, aber wenn man ihm das nicht gebe, spiele er einem während der Arbeit irgendeinen gemeinen Streich oder schlüge einem um nichts und wieder nichts krumm und lahm. Dieser Lehre eingedenk, griff Jakow seufzend in die Tasche.
»So ist's recht«, ermunterte Serjoshka ihn und ließ sich neben ihm im Sande nieder. »Höre nur immer auf mich, dann bist du klug. Und du?« wandte er sich an Malwa, »gedenkst du nun, mich bald zu heiraten? Entschließ dich rasch – lange warte ich nicht.«
»Abgerissen bist du . . . Nähe erst deine Löcher zu, dann können wir darüber reden«, antwortete Malwa.
Serjoshka betrachtete kritisch seine Löcher und schüttelte den Kopf. »Gib mir lieber deinen Rock!«
»So«, sagte Malwa lachend.
»Ja, wirklich! Du hast doch irgendeinen alten – gib ihn mir.«
»Kauf dir lieber eine Hose«, riet Malwa.
»Na, lieber vertrink ich das Geld.«
»Lieber?« lachte Jakow, der die vier Fünfkopekenstücke in der Hand hielt.
»Wieso denn nicht? Der Pope hat mir gesagt, der Mensch soll sich nicht um sein Fell sorgen, sondern um seine Seele. Meine Seele verlangt nach Schnaps und nicht nach Hosen. Her mit dem Geld! Na, jetzt geh ich saufen . . . Aber deinem Vater werde ich doch von dir erzählen.«
»Erzähle nur!« Jakow winkte mit der Hand ab und zwinkerte Malwa verwegen zu, indem er sie an die Schulter stieß.
Serjoshka bemerkte das, spuckte aus und versprach noch: »Die Prügel bekommst du noch . . . Sobald ich einmal Zeit habe, verwalke ich dich gründlich!«
»Wofür denn?« fragte Jakow beunruhigt.
»Ich weiß schon wofür . . . Na, heiratest du mich also bald?« wandte sich Serjoshka sich wieder an Malwa.
»Erzähl mir erst mal, was wir dann machen und wie wir leben werden, dann will ich darüber nachdenken«, sagte sie ernsthaft. Serjoshka sah mit zusammengekniffenen Augen aufs Meer hinaus, leckte sich die Lippen und erklärte: »Nichts werden wir tun, bummeln werden wir!«
»Und woher nehmen wir was zu essen?«
»Na!« Serjoshka machte eine geringschätzige Handbewegung, »du überlegst genausoviel wie meine Mutter. Wie und was? Als ob ich wüßte, wie und was? Ich geh jetzt trinken . . .«
Er stand auf und ging fort, begleitet von einem eigentümlichen Lächeln Malwas und einem feindseligen Blick des Burschen.
»So ein Kommandeur!« sagte Jakow, als Serjoshka weit genug weg war. »Bei uns auf dem Dorf würde man solch einen Gecken rasch bändigen . . . Wir würden ihm eine gehörige Tracht Prügel verpassen und Schluß . . . Hier dagegen haben sie Angst . . .«
Malwa sah ihn an und murmelte zwischen den Zähnen: »Ach, du Milchbart! Hast du eine Ahnung von seinem Wert!«
»Was heißt hier Wert? Solche kosten einen Fünfer das Bündel, und auch nur dann, wenn hundert aufs Bündel gehn.«
»Denkst du!« lachte Malwa spöttisch. »So viel bist du wert . . ., er aber . . . ist überall gewesen, hat die Erde kreuz und quer durchwandert und fürchtet sich vor niemand . . .«
»Vor wem fürchte ich mich denn?« fragte Jakow tapfer.
Sie antwortete ihm nicht, sondern verfolgte nachdenklich das Spiel der Wellen, die an den Strand rollten und die schwere Barkasse ins Schaukeln brachten. Der Mast schwankte hin und her, das Heck hob sich und fiel klatschend ins Wasser zurück. Es klang laut und gereizt, als wollte die Barkasse sich vom Ufer losreißen und ins weite, freie Meer davonfahren und ärgerte sich über das Tau, das sie festhielt.
»Nun, warum gehst du denn nicht?« fragte Malwa.
»Wohin soll ich denn?« erwiderte er.
»Du wolltest doch in die Stadt . . .«
»Ich gehe nicht.«
»Nun, dann fahr doch zu deinem Vater!«
»Und du?«
»Was?«
»Fährst du auch?«
»Nein.«
»Dann fahre ich auch nicht.«
»Willst du mir den ganzen Tag vor den Füßen sein?« fragte Malwa ruhig.
»Ich brauch dich gar nicht . . .«, antwortete Jakow gekränkt, stand auf und ging.
Aber er hatte sich getäuscht, als er behauptete, er brauche sie nicht. Ohne sie wurde es ihm langweilig. Nach dem Gespräch mit ihr entstand bei ihm ein sonderbares Gefühl: ein verworrener Protest gegen den Vater, eine dumpfe Unzufriedenheit mit ihm. Gestern war das noch nicht gewesen, auch heute vor der Begegnung mit Malwa noch nicht . . . Jetzt dagegen schien es ihm, als wäre der Vater ihm im Wege, obgleich er sich doch dort fern im Meer, auf diesem dem Auge kaum wahrnehmbaren Streifen Sand befand. Später schien es ihm, daß Malwa sich vor dem Vater fürchtete. Wenn sie sich nämlich nicht fürchtete, käme er bei ihr ganz anders voran.
Er schlenderte durch den Betrieb und sah sich die Leute an. Im Schatten einer Baracke saß Serjoshka auf einer Tonne, klimperte auf einer Balalaika und sang unter komischen Grimassen:
»Sie, Herr Schutzmann, bitte drum,
Gehn Sie höflich mit mir um,
Führen Sie mich von hier weg,
Sonst fall ich noch in den Dreck.«
Er war von zwanzig ebenso zerlumpten Gesellen umringt, und alle rochen, wie alles hier, nach gesalzenem Fisch und Salpeter. Vier schmutzige häßliche Weiber saßen im Sand und tranken Tee, den sie sich aus einer großen blechernen Teekanne eingossen. Und ein Arbeiter, der trotz der frühen Stunde schon betrunken war, mühte sich, im Sande auf die Beine zu kommen und fiel immer wieder hin. Irgendwo weinte winselnd eine Frau, die Klänge einer verstimmten Harmonika drangen herüber, und überall schimmerten Fischschuppen.
Um die Mittagszeit fand Jakow ein schattiges Plätzchen zwischen einem Haufen leerer Fässer, legte sich hin und schlief bis zum Abend; als er aufgewacht war, streifte er wieder durch den Betrieb und fühlte sich unbewußt irgendwohin gezogen.
Als er wohl zwei Stunden so umhergewandert war, fand er Malwa weit entfernt unter einer Gruppe junger Weiden. Sie lag auf der Seite, hielt ein zerfetztes Buch in den Händen und sah ihm lächelnd entgegen.
»Hier bist du also!« sagte er und setzte sich neben sie.
»Suchst du mich schon lange?« fragte sie ihn, dessen gewiß.
»Habe ich dich etwa gesucht?« rief Jakow und erkannte plötzlich, daß es sich so verhielt: er hatte sie gesucht. Verlegen schüttelte der Bursche den Kopf.
»Kannst du lesen?« fragte sie ihn.
»Ja, aber schlecht, hab schon alles vergessen . . .«
»Ich kann auch nur schlecht . . . Hast du es in der Schule gelernt?«
»Ja, in der Gemeindeschule.«
»Und ich hab es allein gelernt . . .«
»Wirklich?«
»Ja. Ich war in Astrachan Köchin bei einem Rechtsanwalt; sein Sohn hat mir das Lesen beigebracht.«
»Also doch nicht allein«, erklärte Jakow.
Sie sah ihn an und fragte wieder: »Und liest du gern Bücher?«
»Ich? Nein . . ., wozu?«
»Aber ich, ich lese gern. Da hab ich mir von der Verwaltersfrau ein Buch ausgebeten.«
»Worüber?«
»Über den Gottesmann Alexej.«
Und nachdenklich erzählte sie ihm, wie der Jüngling, der Sohn reicher und angesehener Eltern, sie und sein glückliches Leben verließ und später bettelarm und zerlumpt zu ihnen zurückkehrte und bei den Hunden auf dem Hof lebte und ihnen bis an seinen Tod nicht sagte, wer er sei. Dann fragte sie leise: »Warum hat er das getan?«
»Wer kann das wissen?« antwortete Jakow gleichgültig.
Sanddünen, die von Wind und Wellen zusammengetragen waren, umgaben sie. Aus der Ferne klang hohler, dumpfer Lärm herüber – das waren die Arbeiter im Betrieb. Die Sonne war im Untergehen, auf dem Sand lag der rosige Widerschein ihrer Strahlen. Die dürftigen Weidenbüsche zitterten mit ihrem spärlichen Laub kaum merklich im leichten Seewind. Malwa schwieg, als horchte sie auf etwas.
»Warum bist du denn heute nicht dorthin gefahren, auf die Landzunge?«
»Was kümmert's dich?«
Jakow sah immer wieder mit lüsternen Blicken die Frau von der Seite an und überlegte, wie er ihr das Notwendige sagen sollte.
»Wenn ich allein bin und es so still ist . . . dann möchte ich weinen . . . oder singen. Nur kenne ich keine hübschen Lieder, und zu weinen schäme ich mich . . .«
Er vernahm ihre leise freundliche Stimme, aber was sie sprach, berührte ihn innerlich gar nicht, sondern verlieh seinem Wunsch nur größere Heftigkeit.
»Weißt du was?« begann er dumpf, ihr etwas näher rückend, aber ohne sie anzusehen. »Hör mal, was ich dir sagen will . . ., ich bin doch ein junger Bursche . . .«
»Und dumm, du-umm!« Voll Überzeugung dehnte Malwa das Wort und schüttelte den Kopf.
»Meinetwegen dumm!« rief Jakow ärgerlich. »Ist denn dazu Verstand nötig? Dumm – na schön! Aber hör mal . . ., willst du mit mir . . .«
»Nein!«
»Warum nicht?«
»Darum!«
»Du, mach keinen Unsinn . . .« Er faßte sie vorsichtig an der Schulter. »Überleg doch . . .«
»Mach, daß du wegkommst, Jaschka!« sagte sie rauh und schüttelte seine Hand ab. »Geh!«
Er stand auf und blickte um sich.
»Nun, wenn du so bist – ich pfeif drauf! hier sind genug andere . . . Meinst du, du bist besser als die anderen?«
»Du bist ein junger Hund«, sagte sie ruhig, stand auf und schüttelte den Sand von ihrem Kleid.
Dann gingen sie nebeneinander zum Betrieb. Sie gingen langsam, weil ihre Füße im Sand einsanken.
Jakow versuchte sie in grober Weise zu überreden, seinem Wunsch nachzugeben; sie lächelte ruhig darüber und antwortete ihm mit spitzen Worten.
Als sie schon dicht bei den Werkbaracken waren, blieb er plötzlich stehen und packte sie an der Schulter.
»Du versuchst mich doch absichtlich zu reizen! Weshalb tust du das? Ich werde dir – paß auf!«
»Laß mich in Ruhe, sag ich!« Sie entwand sich seiner Hand und ging; da kam ihr um die Ecke einer Baracke Serjoshka entgegen, schüttelte seine Feuermähne und sagte unheildrohend: »Ihr seid spazierengegangen? Na gut!«
»Geht allesamt zum Teufel!« schrie Malwa böse.
Jakow dagegen blieb vor Serjoshka stehen und sah ihn finster an. Sie standen etwa zehn Schritt voneinander entfernt.
Serjoshka sah Jakow fest in die Augen. Nachdem sie so, wie zwei Böcke, die bereit sind, mit den Köpfen zusammenzukrachen, fast eine Minute gestanden hatten, gingen sie schweigend nach verschiedenen Seiten auseinander.
Das Meer war still und vom Sonnenuntergang gerötet. Über dem Werk lag dumpfer Lärm, und deutlich hob sich davon eine betrunkene Weiberstimme ab, die sinnlose Worte hysterisch hinausschrie:
»Ta-agarga, matagarga,
Matanitschka mein!
Betrunken, verprügelt,
Zersaust!«
Und diese wie Kellerasseln ekelhaften Worte verbreiteten sich über das vom Geruch nach Salpeter und fauligen Fischen durchtränkte Werk – und beleidigte das Tönen der Wellen.
Das weite Meer schlummerte ruhig im zarten Glanz der Morgenröte und spiegelte die perlmutterfarbenen Wolken wider. Auf der Landzunge hantierten verschlafene Fischer und packten ihre Gerätschaften in ein Ruderboot.
Die graue Netzmasse glitt über den Sand in die Barkasse und häufte sich auf ihrem Boden.
Serjoshka, wie immer ohne Mütze und halbnackt, stand am Heck und trieb die Fischer mit vom Alkohol heiserer Stimme zur Eile an. Der Wind spielte mit den Fetzen seines Hemdes und seinen roten Haarbüscheln.
»Wassilij, wo sind die grünen Ruder?« schrie einer der Männer. Düster wie ein Oktobertag war Wassilij damit beschäftigt, das Netz in der Barkasse richtig hinzupacken; Serjoshka schaute ihm auf den gekrümmten Rücken und leckte sich die Lippen, ein Zeichen für seinen Wunsch, sich durch ein Gläschen zu stärken.
»Hast du Schnaps da?« fragte er.
»Ja«, sagte Wassilij dumpf.
»Na, dann fahr ich nicht mit . . ., ich bleibe am trockenen Ende.«
»Fertig!« rief man von der Landzunge.
»Stoß ab! Vorwärts!« kommandierte Serjoshka und verließ die Barkasse.
»Fahrt los, ich bleibe hier. Gebt acht, fahrt recht weit hinaus, daß das Netz sich nicht verheddert! Und werft es gleichmäßig aus, macht keine Schlingen!«
Die Barkasse wurde ins Wasser gestoßen, die Fischer stiegen über die Bordwand hinein, griffen ein Ruder und hielten es in die Luft, bereit, es ins Wasser zu tauchen.
»Eins!«
Die Ruder fielen alle zugleich in die Wellen, und die Barkasse flog vorwärts über die schimmernde weite Wasserfläche.
»Zwei!« kommandierte der Steuermann, und wie die Füße einer Riesenschildkröte hoben sich die Ruder zum Bootsrand . . . »Eins! . . . Zwei!«
Bei dem trockenen Ende des Netzes waren fünf Mann am Ufer geblieben: Serjoshka, Wassilij und noch drei. Einer von diesen ließ sich im Sande nieder und sagte: »Ich schlafe noch etwas . . .«
Die beiden andern folgten seinem Beispiel, und drei Körper in schmutzigen Lumpen rollten sich im Sande zusammen.
»Warum bist du Sonntag nicht gekommen?« fragte Wassilij, während er mit Serjoshka zur Hütte ging.
»Ich konnte nicht . . .«
»Warst du betrunken?«
»Nein, ich habe auf deinen Sohn aufgepaßt und auf seine Stiefmutter«, teilte Serjoshka in aller Ruhe mit.
»Auch eine Aufgabe!« lachte Wassilij säuerlich. »Sind sie etwa kleine Kinder?«
»Schlimmer als das . . . Er ist ein Esel, und sie ist beschränkt . . .«
»Malwa soll beschränkt sein?« fragte Wassilij, und seine Augen flammten vor Wut. »Seit wann denn?«
»Ihre Seele paßt nicht zum Körper, Bruder . . .«
»Sie hat eine gemeine Seele.«
Serjoshka sah ihn von der Seite an und schnaubte verächtlich.
»Gemein? Ach, ihr . . . stumpfschnäuzigen Erdwühler! Einen Dreck begreift ihr . . . Für euch brauchen die Weiber nur fette Zitzen zu haben, nach ihrem Charakter fragt ihr nicht . . . Und dabei steckt im Charakter das Beste des Menschen . . ., ein Weib ohne Charakter ist wie Brot ohne Salz. Kann dir eine Balalaika Vergnügen machen, die keine Saiten hat? Du Köter!«
»Zu was für Reden du dich bei deiner Trinkerei aufschwingst!« stichelte Wassilij.
Er hätte sehr gern gefragt, wo und wie Serjoshka Jakow und Malwa am Tage vorher gesehen habe, aber er genierte sich.
In die Hütte gekommen, goß er Serjoshka ein Teeglas Schnaps ein in der Hoffnung, daß Serjoshka nach solch einer Portion benebelt sein und ihm von sich aus über jene erzählen werde.
Aber Serjoshka trank es aus, krächzte und setzte sich, völlig klar geworden, in die Tür der Hütte, reckte sich und gähnte.
»Das ist, als ob man Feuer schluckt!« sagte er.
»Du hast aber auch einen Zug!« rief Wassilij, betroffen von der Schnelligkeit, mit der Serjoshka den Schnaps hinuntergegossen hatte.
»Das verstehe ich . . .«, nickte der Barfüßige mit seinem roten Kopf, wischte sich den nassen Schnurrbart mit der Hand ab und begann schulmeisterhaft: »Das verstehe ich, Bruder! Ich mache alles schnell und geradezu. Ohne Umschweife, direkt drauflos, das ist es! Und wohin man gelangt, das ist ganz einerlei! Von der Erde kann einer immer nur auf die Erde springen.«
»Du wolltest in den Kaukasus gehen?« fragte Wassilij, sachte auf sein Ziel losgehend.
»Ich gehe, wenn ich Lust habe. Wenn ich Lust habe, geht es bei mir eins, zwei, und fertig! Entweder geht es nach Wunsch, oder ich schlage mir eine Beule in den Kopf . . . Sehr einfach!«
»Wirklich einfach! Du lebst, als hättest du keinen Kopf . . .«
Serjoshka sah Wassilij spöttisch von der Seite an.
»Es ist doch gut, daß die Obrigkeit bei euch den Verstand mit Ruten von hinten nach vorn treibt . . . Ach, du! Nun, was kannst du mit deinem Kopf schon anstellen? Und wohin wirst du mit ihm gelangen? Und was kannst du dir schon ausdenken? Na eben! Ich aber zwänge mich ohne Kopf gerade durch, und weiter nichts. Und sicherlich werde ich weiterkommen als du«, prahlte der Landstreicher.
»Das – könnte schon sein!« lachte Wassilij. »Du kommst auch noch nach Sibirien . . .«
Serjoshka brach aufrichtig in schallendes Gelächter aus. Wider Wassilijs Erwarten wurde er nicht betrunken, und das ärgerte ihn. Ihm noch ein Glas anzubieten, tat ihm leid, aber in nüchternem Zustand war bei Serjoshka nichts zu erreichen . . . Doch der Landstreicher kam ihm selbst zu Hilfe.
»Warum fragst du denn gar nicht nach Malwa?«
»Was geht sie mich denn an?« sagte Wassilij gleichgültig gedehnt und erbebte in einem unbestimmten Vorgefühl.
»Sie ist doch Sonntag nicht hier gewesen . . . Frag doch, wie sie den Tag verbracht hat . . . Ich glaube, du bist eifersüchtig, alter Satan.«
»Von denen gibt es genug!« Wassilij winkte geringschätzig ab.
». . . gibt es genug!« äffte Serjoshka ihn nach. »Ach, ihr Tölpel, ihr Bastschuhbauern, ob man euch Honig oder Teer gibt, ihr versteht doch nur Roggenteig daraus zu machen . . .«
»Was lobst du sie dauernd? Willst du um sie werben? Ich habe sie schon längst satt«, spottete Wassilij.
Serjoshka musterte ihn und schwieg eine Weile. Dann legte er die Hand auf Wassilijs Schulter und sagte mit Nachdruck: »Ich weiß, daß sie mit dir lebt. Ich habe dich daran nicht gehindert, es war nicht nötig . . . Aber jetzt schwarwenzelt dieser Jaschka, dein Sohn, um sie herum – prügle ihn grün und blau! Hörst du? Sonst verprügle ich ihn . . . Du bist ein guter Kerl . . ., dumm wie ein Klotz . . . Ich bin dir nicht im Wege gewesen, denke daran . . .«
»Was? Du bist auch hinter ihr her?« fragte Wassilij dumpf.
»›Auch‹! Wenn ich das wüßte, würde ich euch alle nacheinander aus dem Wege räumen, und Schluß . . . Aber so, wohin soll ich mit ihr?«
»Was mischst du dich denn dann ein?« fragte Wassilij argwöhnisch.
Serjoshka schien diese einfache Frage zu überraschen.
Er sah Wassilij mit großen Augen an und fing an zu lachen.
»Was mische ich mich ein? Ja – weiß der Teufel, weshalb. Es ist eben so – sie ist ein Frauenzimmer mit Pfeffer, sie gefällt mir. Aber vielleicht tut sie mir auch leid . . .«
Wassilij sah ihn mißtrauisch an, aber er hatte das Gefühl, daß Serjoshka sprach, wie ihm ums Herz war.
»Wenn sie ein unberührtes Mädchen wäre, dann könnte man meinetwegen mit ihr Mitleid haben. Aber so – ist es etwas verwunderlich!«
Serjoshka schwieg und sah zu, wie die Barkasse weit draußen auf dem Meer einen großen Bogen machte und den Bug der Küste zukehrte. Serjoshkas Blick war offen, der Ausdruck seines Gesichts war schlicht und gut.
Wassilij wurde bei seinem Anblick weicher.
»Darin hast du recht, sie ist ein prächtiges Weib . . . Nur so wetterwendisch! . . . Jaschka? Dem werd ich's geben! Solch ein junger Hund!«
»Er ist nicht nach meinem Geschmack«, erklärte Serjoshka.
»Er sucht sich bei ihr einzuschmeicheln?« fragte Wassilij durch die Zähne und strich sich den Bart.
»Du wirst ja sehen, er will sich zwischen euch drängen«, sagte Serjoshka mit Überzeugung.
In der Ferne flammte über dem Meer der rosige Fächer des Sonnenaufgangs auf. Durch das Rauschen der Wellen klang von der Barkasse der schwache Ruf herüber: »Zi‑iehen!«
»Aufstehen, Jungens! He, ans Netz!« kommandierte Serjoshka.
Und bald darauf zogen sie alle fünf schon ihre Netzseite. Ein langes Seil spannte sich im Wasser straff wie eine Sehne bis zur Küste. Die Fischer hakten ihre Ziehriemen hinein und zogen so ächzend das Seil.
Das andere Ende des Netzes brachte das Ruderboot über die Wellen gleitend zum Ufer.
Prachtvoll, in blendender Helle stieg die Sonne über dem Meer empor.
»Wenn du Jakow siehst, sag ihm, daß er morgen kurz zu mir kommen soll«, bat Wassilij Serjoshka.
»Schön.«
Die Barkasse stieß ans Ufer, die Fischer sprangen auf den Sand und zogen weiter an ihrem Netzende. Beide Gruppen näherten sich allmählich einander, so daß die auf dem Wasser hüpfenden Schwimmklötzchen des Netzes einen Halbkreis bildeten.
Am späten Abend desselben Tages, als die Arbeiter des Betriebes gegessen hatten, saß Malwa müde und in Gedanken versunken auf einem beschädigten umgekippten Boot und sah auf das in Dämmer gehüllte Meer hinaus. In der Ferne blitzte ein Licht; Malwa wußte, daß es das von Wassilij angezündete Feuer war. Einsam und wie verirrt in der Weite des dunklen Meeres flammte das Licht bald hell auf, bald erlosch es, als hätte es keine Kraft. Es stimmte Malwa traurig, nach diesem roten Pünktchen hinzusehen, das verloren in der Öde, im rastlosen Tosen der Wellen leise zitterte.
»Was sitzt du hier?« ertönte Serjoshkas Stimme hinter ihrem Rücken.
»Was kümmert's dich?« fragte sie, ohne ihn anzublicken.
»Es interessiert mich!« Er machte eine Pause, betrachtete sie, während er sich eine Zigarette drehte, sie anzündete und sich rittlings auf das Boot setzte. Dann sagte er freundlich: »Ein wunderliches Frauenzimmer bist du: bald läufst du von allen fort, bald wirfst du dich beinah jedem an den Hals.«
»Habe ich mich dir an den Hals geworfen?« fragte sie gleichgültig.
»Mir nicht, aber Jaschka.«
»Bist du neidisch?«
»Hm . . . Wollen wir gerade und offen miteinander reden?« schlug Serjoshka vor, indem er sie auf die Schulter klopfte. Sie saß seitlich von ihm, und er konnte ihr Gesicht nicht sehen, als sie ihm kurz antwortete:
»Rede!«
»Wie steht's, gibst du Wassilij auf?«
Sie schwieg einen Augenblick. »Ich weiß nicht«, antwortete sie dann. »Aber was geht dich das an?«
»Na – so . . .«
»Ich bin jetzt böse auf ihn.«
»Weshalb?«
»Er hat mich geschlagen!«
»Nicht möglich? Das hätte er getan? Und du? Hast du denn das zugelassen? Oh, oh!«
Serjoshka war erstaunt. Er versuchte von der Seite verstohlen in ihr Gesicht zu sehen und schmatzte spöttisch mit den Lippen.
»Wenn ich gewollt hätte, hätte ich es nicht zugelassen«, entgegnete sie heftig.
»Also was hast du denn?«
»Ich wollte nicht.«
»So heiß liebst du deinen Kater?« spottete Serjoshka und hüllte sie in den Rauch seiner Zigarette. »Das sind ja Sachen! Und ich habe immer gedacht, daß du nicht zu diesen gehörst . . .«
»Keinen von euch liebe ich«, sagte sie jetzt wieder gleichgültig und wehrte mit der Hand den Rauch ab.
»Das ist doch nicht wahr?«
»Warum sollte es nicht wahr sein?« fragte sie, und an ihrer Stimme erkannte Serjoshka, daß ihr wirklich nichts daran lag zu lügen.
»Aber wenn du ihn nicht liebst, wie kannst du ihm dann erlauben, dich zu schlagen?« fragte er ernsthaft.
»Weiß ich's? Warum bist du so aufdringlich?«
»Seltsam!« sagte Serjoshka kopfschüttelnd.
Darauf schwiegen beide lange.
Die Nacht brach herein. Von den Wolken, die sich langsam am Himmel bewegten, legten sich Schatten auf das Meer. Die Wellen tönten.
Das Licht auf der Landzunge bei Wassilij war erloschen, aber Malwa sah immer noch dorthin. Serjoshka dagegen sah sie an.
»Hör zu!« sagte er. »Weißt du überhaupt, was du willst?«
»Wenn ich es nur wüßte!« antwortete Malwa sehr leise mit einem tiefen Seufzer.
»Du weißt es also nicht? Das ist schlimm!« erklärte Serjoshka mit Überzeugung. »Ich weiß das immer!« Und mit einem leisen Unterton von Wehmut fügte er hinzu: »Nur möchte ich selten etwas.«
»Ich möchte immer etwas«, begann Malwa versonnen. »Aber was, weiß ich nicht. Manchmal möchte ich mich in ein Boot setzen und weit, weit aufs Meer hinausfahren. Daß ich niemals mehr Menschen zu sehen bekäme! Und manchmal wieder möchte ich jeden Menschen so lange drehen, daß er wie ein Kreisel um mich herumtanzt. Und ich würde zusehen und lachen. Bald tun mir alle leid, am meisten aber tu ich mir selbst leid, bald möchte ich alles Volk erschlagen. Und nachher mich selbst . . ., einen schrecklichen Tod . . . Einmal ist mir so schwer ums Herz, und ein andermal lustig . . . Die Menschen sind alle wie Klötze.«
»Ein verkommenes Volk«, stimmte Serjoshka bei. »Das ist es eben, ich sehe dich an und merke, du bist weder Katze noch Fisch, aber auch kein Vogel . . ., doch steckt all das in dir drin . . ., du bist nicht wie die andern Weiber.«
»Gott sei Dank«, lachte Malwa.
Hinter einer Dünenreihe links von ihnen erschien der Mond und übergoß das Meer mit silbernem Schimmer. Groß und mild stieg er langsam am blauen Himmelsgewölbe empor, der helle Glanz der Sterne erbleichte und zerschmolz in seinem träumerisch gleichmäßigen Schein.
Malwa lächelte.
»Weißt du, manchmal stelle ich mir vor, wenn man die Baracke in der Nacht ansteckte – das gäbe mal ein Durcheinander!«
»Und was für eins!« rief Serjoshka begeistert.
Plötzlich stieß er sie an die Schulter. »Weißt du was . . . Ich sage dir was, wie wir einen lustigen Streich spielen! Willst du?«
»Nun?« fragte Malwa interessiert.
»Den Jaschka hast du doch wohl – gründlich aufgestachelt?«
»Er ist Feuer und Flamme«, lachte sie.
»Hetz ihn auf den Vater! Bei Gott, das gibt einen Spaß! . . . Wie die Bären werden sie aufeinander losgehen . . . Heiz dem Alten tüchtig ein, und diesem hier auch . . . Und dann lassen wir sie beide aufeinander los . . ., was?«
Malwa drehte sich nach ihm um und sah ihm aufmerksam in das braunrote, fröhlich lachende Gesicht. Im Mondschein sah es weniger bunt aus als am Tage bei Sonnenlicht. Weder Bosheit noch sonst etwas war darin zu bemerken, außer einem gutmütigen, etwas spitzbübischen Lächeln.
»Weshalb magst du sie nicht leiden?« fragte Malwa mißtrauisch.
»Ich? . . . Wassilij ist ganz annehmbar, ein guter Kerl. Aber Jaschka ist ein Lump. Ich kann nun mal die Bauern allesamt nicht leiden . . . Gesindel! Sie stellen sich wie die Waisenkinder, und dabei bekommen sie Brotgetreide und überhaupt alles! . . . Sie haben ihren Semstwo, und der tut alles für sie . . . Sie haben ihre Wirtschaft, Grund und Boden, Vieh . . . Ich habe bei einem Semstwo-Arzt als Kutscher gedient und habe sie mir genau angesehen . . . Nachher bin ich lange umhergestreift. Kam ich in ein Dorf und bat um Brot, schnapp! griffen sie mich. ›Wer bist du? Was suchst du hier? Zeig deinen Paß . . .‹ Wie oft haben sie mich verprügelt . . . Entweder hielten sie mich für einen Pferdedieb oder auch einfach nur so . . . Ins Kittchen haben sie mich gesteckt . . . Sie barmen und stellen sich an, aber sie haben doch zu leben; sie haben doch einen Rückhalt: das Land. Und was bin ich gegen sie?«
»Bist du denn kein Bauer?« unterbrach ihn Malwa, die ihm aufmerksam zugehört hatte.
»Ich bin Kleinbürger!« verriet Serjoshka mit einigem Stolz. »Kleinbürger der Stadt Uglitsch!«
»Und ich stamme aus Pawlisch«, teilte Malwa nachdenklich mit.
»Ich habe niemand, der für mich eintritt! Die Bauern, diese Teufel, die können leben. Sie haben den Semstwo hinter sich und dergleichen.«
»Der Semstwo – was ist das?« fragte Malwa.
»Was? Weiß der Teufel, was das ist. Für die Bauern ist das eingerichtet, ihre Verwaltung. Pfeif drauf . . .! Sprich von der Sache, arrangier einen Zusammenstoß, ja? Weiter wird ja nichts dabei herauskommen, sie werden sich bloß prügeln! Wassilij hat dich doch geschlagen? Na, mag doch sein Sohn ihm die Schläge heimzahlen.«
»Meinst du?« lachte Malwa. »Das wäre gut . . .«
»Überleg doch nur . . ., ist es nicht angenehm zuzusehen, wie die Leute deinetwegen einander die Knochen brechen? Nur, weil du ein paar Worte sagst? . . . Du machst ein – zwei Zungenschläge und fertig!«
Lange schilderte ihr Serjoshka hingerissen, wie reizvoll ihre Rolle wäre. Er spaßte und sprach zugleich im Ernst.
»Ach, wenn ich ein hübsches Weibsbild wäre! Wie würde ich alle Welt aufeinanderhetzen!« rief er zum Schluß, faßte sich mit den Händen an den Kopf, preßte ihn kräftig, kniff die Augen zusammen und sagte nichts mehr.
Der Mond stand schon hoch am Himmel, als sie sich trennten. Ohne sie wurde die Nacht noch schöner. Jetzt waren nur noch das feierliche, vom Mond versilberte grenzenlose Meer da und der sternenübersäte dunkelblaue Himmel. Es waren noch die Dünen mit Weidenbüschen zwischen ihnen und zwei schmutzige lange Gebäude auf dem Sande, die gewaltigen, schlecht zusammengeschlagenen Särgen glichen. Aber dies alles war klein und jämmerlich im Angesicht des Meeres, und die Sterne, die darauf herabschauten, hatten einen kalten Glanz.
Vater und Sohn saßen in der Hütte einander gegenüber und tranken Schnaps. Der Sohn hatte ihn mitgebracht, damit es nicht langweilig werde, und um den Vater zu begütigen. Serjoshka hatte Jakow gesagt, daß sein Vater Malwas wegen auf ihn böse sei und daß er gedroht habe, Malwa halbtot zu schlagen; daß Malwa von dieser Drohung wüßte und deshalb ihm, Jakow, nicht zu Willen sein wolle. Serjoshka machte sich über ihn lustig:
»Heimzahlen wird er dir deine Streiche. Die Ohren zieht er dir einen Arschin lang! Komm ihm lieber nicht unter die Augen!«
Die Spötteleien des unangenehmen rothaarigen Menschen erweckten in Jakow heftige Erbitterung gegen den Vater. Zudem spielte Malwa die Unschlüssige, indem sie ihn bald neckisch, bald betrübt ansah und dadurch den Wunsch, sie zu besitzen, bis zum Schmerz verstärkte . . .
Und so sah Jakow, als er zu seinem Vater kam, diesen als Stein auf seinem Wege an, als Stein, den er weder überspringen noch umgehen konnte. Da Jakow aber vor seinem Vater durchaus keine Furcht empfand, sah er ihm selbstbewußt in seine finsteren, bösen Augen, als wollte er ihm sagen: Versuch nur, mich anzurühren!
Zweimal schon hatten sie ihre Gläser geleert, ohne etwas zu sagen, außer einigen unbedeutenden Worten über das Leben im Betrieb. Aug in Auge inmitten des Meeres häuften sie den Grimm in sich auf, und beide wußten, daß er bald auflodern und sie verbrennen werde.
Die Bastmatten der Hütte raschelten im Wind, die Rindenstücke klapperten, der rote Lappen an der Spitze der Stange plapperte irgend etwas. Alle diese Laute waren zaghaft und klangen wie fernes Geflüster, das unzusammenhängend, unentschlossen um etwas bat.
»Und Serjoshka trinkt immer noch?« fragte Wassilij mürrisch.
»Ja, er ist jeden Abend betrunken«, antwortete der Sohn und goß noch einmal Schnaps ein.
»Er richtet sich zugrunde . . . Das kommt von dem freien Leben ohne . . . Furcht! Und dir wird es ebenso gehen . . .«
Jakow antwortete kurz: »Mir nicht!«
»Nicht?« sagte Wassilij und runzelte die Brauen. »Ich weiß, was ich sage . . . Wie lange lebst du jetzt hier? Über zwei Monate, bald wirst du nach Hause zurück müssen, und nimmst du vielleicht viel Geld mit?« Ärgerlich goß er sich den Schnaps aus der Tasse in den Mund, umfaßte den Bart mit der Hand und zerrte daran so stark, daß sein Kopf hin und her geschüttelt wurde.
»In so kurzer Zeit kann man hier nicht viel verdienen«, antwortete Jakow mit Bedacht.
»Wenn das der Fall ist, brauchst du dich hier nicht herumzutreiben, geh aufs Dorf!«
Jakow sagte nichts und lächelte.
»Was hast du zu grinsen?« rief Wassilij drohend, ergrimmt über die Ruhe seines Sohnes. »Dein Vater redet mit dir, und du lachst! Sieh dich vor, daß du dir nicht zu früh was herausnimmst! Daß ich dich nicht an die Kandare nehme . . .«
Jakow goß sich Schnaps ein und trank ihn aus. Die groben Nörgeleien kränkten ihn, aber er nahm sich zusammen, da er nicht so sprechen mochte, wie er gern wollte, um den Vater nicht in Wut zu versetzen. Er hatte ein wenig Angst vor seinen Augen, die streng und hart funkelten.
Als Wassilij bemerkte, daß sein Sohn allein trank, ohne auch ihm einzuschenken, wurde er noch wütender.
»Dein Vater sagt dir, du sollst nach Hause gehn, und du lachst darüber? Am Sonnabend läßt du dir auszahlen, und marsch ins Dorf zurück! Hörst du?«
»Ich gehe nicht!« sagte Jakow fest und schüttelte halsstarrig den Kopf.
»Was soll das heißen?« brüllte Wassilij und erhob sich, die Hand auf die Tonne gestemmt. »Rede ich mit dir oder nicht? Was hast du Hund deinen Vater anzuknurren? Hast du vergessen, was ich mit dir tun kann? Hast du das vergessen?«
Seine Lippen zitterten, Krämpfe verzerrten sein Gesicht; die beiden Adern an den Schläfen schwollen an.
»Nichts habe ich vergessen«, sagte Jakow halblaut, ohne den Vater anzusehen. »Aber hast du alles behalten? Denk mal nach!«
»Du hast mich nicht zu belehren! Ich schlage dich in Stücke . . .«
Jakow wich der Hand des Vaters aus, die dieser über seinen Kopf erhoben hatte, und erklärte mit zusammengebissenen Zähnen: »Rühr mich nicht an, wir sind hier nicht im Dorf!«
»Schweig! Ich bin überall dein Vater!«
»Hier kannst du mich nicht im Amtsbezirk durchpeitschen, hier gibt es keinen Amtsbezirk«, lachte Jakow geradeheraus dem Vater ins Gesicht und stand ebenfalls langsam auf.
Wassilij, dessen Augen mit Blut unterliefen, reckte den Hals nach vorn, ballte die Fäuste und hauchte dem Sohn seinen heißen Branntweinatem ins Gesicht; Jakow lehnte seinen Oberkörper zurück und verfolgte wachsam und finsteren Blicks jede Bewegung des Vaters, bereit, die Schläge abzuwehren; er war äußerlich ruhig, aber ganz in Schweiß gebadet. Zwischen ihnen stand die Tonne, die ihnen als Tisch gedient hatte.
»Ich kann dich nicht auspeitschen?« fragte Wassilij heiser und krümmte den Rücken wie ein sprungbereiter Kater.
»Hier sind alle gleich . . . Du bist ein Arbeiter, und ich auch.«
»So-o?!«
»Ja, was denkst du dir? Weshalb bist du über mich hergefallen? Glaubst du, ich begreife das nicht? Erst hast du selbst . . .«
Wassilij brüllte auf und holte so schnell mit der Hand aus, daß Jakow nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Der Schlag traf ihn am Kopf; er schwankte und fletschte die Zähne gegen das vertierte Gesicht des Vaters, der schon wieder die Hand gehoben hatte.
»Sieh dich vor!« warnte er und ballte die Fäuste.
»Ich werde dir – mich vorsehen!«
»Laß das, sage ich!«
»Ha . . ., du! . . . Du willst den Vater? . . . den Vater? . . . den Vater . . .?«
Es wurde ihnen zu eng, Salzsäcke, die umgeworfene Tonne, der Sitzklotz kamen unter ihren Füßen durcheinander.
Mit den Fäusten die Schläge abwehrend, wich Jakow, bleich und schweißbedeckt, mit zusammengebissenen Zähnen und glühendem Wolfsblick langsam vor dem Vater zurück; dieser drang mit wütend schwingenden Fäusten auf ihn ein, blind in seinem Zorn und plötzlich seltsam zerzaust, wie ein rasender Keiler, dem sich die Borsten sträuben.
»Laß ab . . ., genug . . ., hör auf!« sagte Jakow drohend, aber ruhig, indem er aus der Tür der Hütte ins Freie trat.
Der Vater drang brüllend auf ihn ein, aber seine Schläge trafen nur die Fäuste des Sohnes.
»Siehst du wohl . . ., siehst du wohl . . .«, hänselte ihn Jakow im Bewußtsein seiner größeren Gewandtheit.
»Warte . . ., bleib stehn . . .«
Aber Jakow sprang zur Seite und rannte zum Wasser.
Wassilij stürzte mit geneigtem Kopf und vorgestreckten Armen ihm nach, stolperte aber und fiel vornüber in den Sand. Er erhob sich schnell auf die Knie und hockte sich hin, die Hände auf den Sand gestemmt. Er war von der Balgerei völlig entkräftet und heulte jämmerlich im brennenden Gefühl der ungesühnten Kränkung, im bitteren Bewußtsein seiner Schwäche.
»Sei verflucht!« röchelte er, den Hals nach Jakow hinreckend, und spie den Wutschaum von seinen zitternden Lippen.
Jakow lehnte sich ans Boot und beobachtete den Vater scharf, während er sich mit der Hand den getroffenen Kopf rieb. Der eine Ärmel seines Hemdes war auch zerrissen, die schweißbedeckte weiße Brust glänzte in der Sonne wie mit Fett eingeschmiert. Er empfand jetzt Verachtung für den Vater; er hatte ihn immer für stärker gehalten; als er jetzt den Vater zerzaust und jämmerlich im Sande sitzen und mit den Fäusten drohen sah, lächelte er das nachsichtige kränkende Lächeln des Stärkeren.
»Verflucht seist du von mir in alle Ewigkeit!«
Wassilij hatte den Fluch so laut geschrien, daß Jakow sich unwillkürlich nach dem Meer umsah, als glaubte er, daß man dort im Betrieb den ohnmächtigen Schrei hören könnte.
Aber dort waren nur Wellen und Sonne. Da spie er zur Seite aus und sagte: »Schrei nur! . . . Wen willst du damit ärgern? Nur dich selbst . . ., aber wenn es zwischen uns so weit gekommen ist, dann sage ich dir . . .«
»Schweig! Mir aus den Augen! Fort!« schrie Wassilij.
»Ins Dorf gehe ich nicht . . ., ich bleibe den Winter über hier . . .«, sagte Jakow, während er unablässig die Bewegungen des Vaters verfolgte. »Ich habe es hier besser – das sehe ich doch, ich bin kein Dummkopf. Hier ist es leichter . . ., dort würdest du immer kommandieren, wie es dir einfiele, aber hier – probier es doch!«
Er zeigte dem Vater einen Vogel und lachte, nicht gerade laut, aber so, daß Wassilij von neuem in Wut geriet, auf die Füße sprang, ein Ruder ergriff und auf ihn losstürzte.
»Dem Vater? Dem Vater? Ich schlage dich tot . . .«, schrie er dabei heiser.
Aber als er blind vor Wut das Boot erreichte, war Jakow schon weit fort, er rannte, daß der abgerissene Hemdsärmel im Luftzug hinter ihm flatterte.
Wassilij schleuderte das Ruder nach ihm, aber es erreichte ihn nicht. Den Mann verließen wieder die Kräfte, und er kippte mit der Brust vornüber ins Boot, kratzte mit seinen Nägeln das Holz und sah dem Sohn nach. Der aber schrie ihm von ferne zu: »Du solltest dich schämen! Hast schon graue Haare und wirst eines Weibes wegen so wild . . . Ach, du! Aber ins Dorf gehe ich nicht zurück . . . Geh selbst hin . . . Hier hast du nichts zu suchen . . .«
»Jaschka! Schweig!« brüllte Wassilij, um die Worte des anderen zu übertönen. »Ich schlage dich tot, Jaschka! . . . Hau ab!«
Jakow ging, ohne sich zu beeilen, weiter.
Mit stumpfen, irren Blicken sah der Vater ihn dahingehen. Jetzt wurde er immer kürzer, als ob seine Beine im Sande versänken . . . Er verschwand darin bis zum Gürtel . . ., bis an die Schultern . . ., bis über den Kopf. Er war nicht mehr zu sehen . . . Aber nach einer Minute erschien ein Stück entfernt von der Stelle, wo er verschwunden war, zuerst wieder der Kopf, dann die Schultern, schließlich die ganze Gestalt, winzig geworden. Jetzt drehte er sich um, blickte zurück und rief etwas.
»Sei verflucht! Verflucht! Verflucht!« erwiderte Wassilij auf den Ruf des Sohnes. Jener machte eine geringschätzige Handbewegung und ging weiter . . . und verschwand wieder hinter einer Düne.
Wassilij schaute noch lange in jene Richtung, bis ihm der Rücken von der unbequemen Haltung, in der er halb liegend am Boot lehnte, weh zu tun anfing. Ganz zerschlagen stellte er sich auf die Füße und wankte vor dumpfen Schmerzen in allen Knochen. Der Gürtel war ihm bis unter die Achseln hinaufgerutscht; mit steifen Fingern band er ihn auf, hielt ihn sich unter die Augen und warf ihn in den Sand. Darauf ging er zur Hütte, blieb unterwegs vor der Vertiefung im Sande stehen und dachte daran, daß er hier an dieser Stelle hingefallen war, sonst hätte er den Sohn gepackt. In der Hütte war alles durcheinander geworfen. Wassilij sah sich suchend nach der Branntweinflasche um, fand sie zwischen den Bastsäcken und hob sie auf. Der Pfropfen saß fest im Flaschenhals, der Schnaps war nicht ausgeflossen. Wassilij angelte den Pfropfen langsam heraus, steckte sich den Flaschenhals in den Mund und wollte trinken. Aber das Glas schlug gegen seine Zähne, und der Schnaps floß ihm aus dem Mund über den Bart und die Brust hinunter.
Wassilij brummte der Kopf, das Herz war ihm schwer, der Rücken schmerzte ihm.
»Ich bin doch alt!« sagte er laut und ließ sich am Hütteneingang im Sande nieder.
Vor ihm lag das Meer . . . Die Wellen lachten, lärmend und spielerisch wie immer. Wassilij schaute lange auf das Wasser und erinnerte sich an die gierigen Worte seines Sohnes: »Wenn das alles Land wäre! Und Schwarzerde! Und man könnte es pflügen!«
Ein bitteres Gefühl ergriff ihn. Er rieb sich kräftig die Brust, blickte sich um und seufzte schwer. Der Kopf sank ihm tief herab, und sein Rücken wurde krumm, als hätte sich eine Last daraufgelegt. Erstickungsanfälle schnürten ihm die Kehle zu. Wassilij hustete, sah zum Himmel empor und bekreuzigte sich. Ein schwerer Gedanke bemächtigte sich seiner . . . Dafür, daß er um einer Dirne willen seine Frau verlassen hatte, mit der er in ehrlicher Arbeit mehr als anderthalb Jahrzehnte zusammen gelebt hatte, dafür strafte Gott ihn jetzt mit der Auflehnung seines Sohnes. Ja, mein Gott, so ist es!
Sein Sohn hatte ihn beschimpft, seinem Herzen weh getan. Totgeschlagen müßte er mindestens werden dafür, daß er die Seele seines Vaters so gequält hatte. Und weshalb? Wegen eines gemeinen Frauenzimmers, das ein anstößiges Leben führte! . . . Es war eine Sünde, daß er als älterer Mann sich mit ihr eingelassen und seine Frau und seinen Sohn vergessen hatte . . .
Und nun hatte der Herr in seinem heiligen Zorn ihn gemahnt, er hatte durch den Sohn ihn ins Herz treffen lassen mit seiner gerechten Strafe . . . Ja, mein Gott, so war es!
Wassilij saß zusammengekrümmt da, bekreuzigte sich und blinzelte häufig, um mit den Wimpern die Tränen zu vertreiben, die ihn blind machten.
Die Sonne sank ins Meer. Leise erlosch am Himmel die purpurne Abendröte. Aus der lautlosen Ferne blies ein warmer Wind in das tränennasse Gesicht des Mannes. In Reuegedanken vertieft saß er da, bis er schließlich einschlief.
Einen Tag nach dem Streit mit seinem Vater fuhr Jakow mit einer Abteilung Arbeiter auf einer Barke im Schlepp eines Dampfers dreißig Werst weit zum Störfang. Nach fünf Tagen kam er allein im Segelboot zum Betrieb zurück, Proviant zu holen. Er kam um die Mittagszeit, als die Arbeiter nach dem Essen ausruhten. Es war unerträglich heiß, der glühende Sand brannte an den Füßen, die Schuppen und Fischgräten stachen. Jakow schritt vorsichtig auf die Baracken zu und fluchte im stillen, daß er keine Stiefel angezogen hatte. Zum Boot zurückzukehren, war er zu faul, außerdem hatte er es eilig, etwas zu essen und Malwa wiederzusehen. Während der langweiligen Zeit auf dem Wasser hatte er oft an sie gedacht. Jetzt wollte er erfahren, ob sie seinen Vater gesehn und was er ihr gesagt hatte . . . Vielleicht hatte er sie verprügelt? Das könnte nichts schaden, sie würde dann zahmer werden! Denn sie war doch wirklich schon zu herausfordernd und keck . . .
Das Werk lag still und verlassen. Die Fenster der Baracken waren geöffnet, und diese großen Holzkästen schienen vor Hitze ebenfalls zu vergehen. Im Büro des Verwalters, das zwischen den Baracken versteckt lag, schrie ein Kind. Hinter einem Fässerhaufen waren leise Stimmen zu hören.
Jakow ging kühn darauf zu: er glaubte Malwa sprechen zu hören. Als er aber herangekommen war und einen Blick hinter die Tonnen geworfen hatte, trat er zurück und blieb mit finsterem Gesicht stehen.
Im Schatten der Tonnen lag, die Arme unter dem Kopf, der rote Serjoshka auf dem Rücken. Auf der einen Seite saß der Vater, auf der anderen Malwa neben ihm.
Jakow dachte: Weshalb ist der Vater hier? Er wird sich doch nicht von seinem ruhigen Posten hierher haben versetzen lassen, um Malwa näher zu sein und mich nicht an sie heranzulassen? Teufel auch! Wenn die Mutter von all diesem Treiben wüßte! . . . Soll ich hingehen oder nicht?
»So!« sagte Serjoshka, »also du willst fort? Nun, meinetwegen! Geh und buddle in der Erde . . .«
Jakow zwinkerte erfreut.
»Ja, ich gehe«, sagte der Vater.
Da trat Jakow forsch vor und grüßte: »Guten Tag, ehrenwerte Herrschaft!«
Der Vater sah ihn flüchtig an und wandte sich ab, Malwa zuckte mit keiner Wimper, Serjoshka aber zappelte mit dem Fuß und sagte mit tiefer Stimme: »Da ist aus fernen Landen unser geliebter Sohn Jaschka zurückgekehrt!« und fügte in gewöhnlichem Ton hinzu: »Zieht ihm wie einem Hammel das Fell über die Ohren zu einer Trommel . . .«
Malwa lachte leise.
»Heiß!« sagte Jakow und setzte sich. Wassilij aber warf erneut einen Blick auf ihn.
»Ich habe schon auf dich gewartet, Jakow«, begann er.
Seine Stimme erschien Jakow leiser als sonst, und auch sein Gesicht sah anders aus.
»Ich muß Proviant holen . . .«, erzählte er und bat Serjoshka um Tabak für eine Zigarette.
»Du bekommst von mir keinen Tabak, Dummkopf«, sagte Serjoshka und rührte sich nicht.
»Ich geh nach Hause, Jakow«, sagte Wassilij nachdrücklich, während er mit einem Finger im Sand bohrte.
»Wie, so plötzlich?« Der Sohn sah ihn unschuldig an.
»Nun und du . . ., willst du hierbleiben?«
»Ja, ich bleibe hier . . . Was sollen wir beide zu Hause?«
»Nun, ich sage nichts dazu . . . Wie du willst . . . Du bist kein Kind mehr! Aber denke daran, daß ich es nicht mehr lange machen werde. Am Leben bleiben werde ich ja vielleicht, aber wie ich arbeiten soll, das weiß ich noch nicht . . . Ich bin die Landarbeit nicht mehr gewohnt, glaub ich . . . Denk daran, daß deine Mutter noch da ist.«
Das Sprechen fiel ihm wohl schwer: es war, als blieben ihm die Worte zwischen den Zähnen stecken. Er strich sich den Bart, seine Hand zitterte.
Malwa sah ihn unverwandt an. Serjoshka hatte das eine Auge zugekniffen, das andere weit aufgerissen und starrte Jakow ins Gesicht. Jakow war hocherfreut, aber aus Furcht sich zu verraten, schwieg er und sah auf seine Füße nieder.
»Vergiß die Mutter nicht . . . Denk daran, du bist der einzige. Sie hat nur dich«, redete Wassilij.
»Wozu das?« sagte Jakow zusammenzuckend. »Ich weiß.«
»Schön, wenn du es weißt!« sagte der Vater und sah ihn mißtrauisch an. »Ich sage nur, vergiß sie nicht, sage ich.«
Wassilij holte einmal tief Luft. Einige Minuten schwiegen alle vier. Dann sagte Malwa: »Es wird bald wieder zur Arbeit läuten . . .«
»Nun, ich gehe!« erklärte Wassilij und stand auf. Die anderen erhoben sich ebenfalls.
»Leb wohl, Sergej . . . Wenn du zufällig mal an die Wolga kommst, vielleicht besuchst du mich? . . . Im Dorf Maslo, Kreis Simbirsk, Amtsbezirk Nikolo-Lykowskij . . .«
»Gut«, sagte Serjoshka, ihm die Hand schüttelnd, und während er sie in seiner muskulösen, mit rotem Haarwuchs bedeckten Tatze hielt, warf er einen lächelnden Blick in Wassilijs bekümmertes, ernstes Gesicht.
»Lykowo-Nikolskoje ist ein großes Dorf . . ., es ist weit und breit bekannt, und wir sind vier Werst von da ab«, erläuterte Wassilij.
»Schon gut . . ., ich besuche dich mal – wenn es sich trifft . . .«
»Leb wohl!«
»Leb wohl, du lieber Kerl!«
»Leb wohl, Malwa!« sagte Wassilij dumpf, ohne sie anzusehen.
Sie wischte sich ohne Hast die Lippen mit dem Ärmel ab, legte ihre weißen Arme auf seine Schultern und küßte ihn schweigend und ernst dreimal auf Wangen und Mund.
Er wurde verlegen und brummte etwas Unverständliches. Jakow senkte den Kopf, um sein spöttisches Lächeln zu verbergen. Serjoshka sah gen Himmel und gähnte leise.
»Du wirst es heiß haben beim Gehen«, sagte er.
»Das macht nichts . . . Nun leb wohl, Jakow!«
»Leb wohl!«
Sie standen einander gegenüber und wußten nicht, was sie tun sollten. Das traurige Leb wohl!, das in diesen Augenblicken so häufig und einförmig ertönt war, weckte in Jakows Herzen eine warme Empfindung für den Vater; aber er wußte nicht, wie er sie ausdrücken sollte: ob er den Vater umarmen sollte, wie Malwa es getan, oder ihm die Hand drücken wie Serjoshka. Wassilij kränkte die Unschlüssigkeit, die sich in des Sohnes Haltung und Gesicht ausdrückte, und außerdem empfand er etwas wie Scham vor Jakow. Dieses Gefühl war durch die Erinnerung an die Szene auf der Landzunge und durch Malwas Küsse in ihm geweckt worden.
»Also denk an deine Mutter«, sagte Wassilij schließlich.
»Ja, schon gut!« rief Jakow und lächelte warm. »Sei unbesorgt, ich werde schon!« Und er nickte.
»Na . . ., das wäre alles! Laßt es euch gut gehen, der Herr stehe euch bei . . ., behaltet mich in gutem Andenken . . . Also den Kochtopf habe ich im Sand unter dem Heck am grünen Boot eingescharrt, Serjoshka!«
»Wozu braucht er den Kochtopf?« fragte Jakow schnell.
»Er bekommt meine Stelle . . . dort auf der Landzunge!« erklärte Wassilij.
Jakow sah Serjoshka an, warf einen Blick auf Malwa und senkte den Kopf, um den frohen Glanz in seinen Augen zu verbergen.
»Also lebt wohl, Freunde . . ., ich gehe!«
Wassilij verbeugte sich vor ihnen und ging. Malwa folgte ihm.
»Ich begleite dich ein Stückchen . . .«
Serjoshka legte sich in den Sand und packte Jakow, der gerade Malwa nach wollte, am Bein.
»Halt! Wohin?«
»Warte! . . . Laß mich!« Damit wollte Jakow sich losreißen. Aber Serjoshka ergriff auch sein anderes Bein.
»Bleib bei mir sitzen . . .«
»Nu-un! Was machst du für Unsinn?«
»Ich mache keinen Unsinn, setz dich nur!«
Jakow setzte sich mit zusammengebissenen Zähnen.
»Was willst du von mir?«
»Warte! Sei mal still, ich denke nach und sag es dir dann . . .«
Er sah den Burschen mit seinen frechen Augen drohend von oben bis unten an, und Jakow fügte sich ihm.
Malwa und Wassilij gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander. Sie sah zuweilen von der Seite sein Gesicht an, und ihre Augen funkelten eigenartig. Wassilij hatte die Stirn finster in Falten gezogen und schwieg. Ihre Füße versanken im Sand, sie kamen nur langsam vorwärts.
»Wasja!«
»Was?«
Er sah sie an und wandte sich sofort ab.
»Weißt du, ich habe dich absichtlich mit Jakow verzankt. Ihr hättet auch ohne Zank hier leben können«, sagte sie ruhig und gelassen.
»Warum hast du denn das getan?« fragte Wassilij nach einer kleinen Weile.
»Ich weiß nicht – nur so!« Sie zuckte lachend die Achseln.
»Da hast du was Schönes angerichtet! Ach du!« sagte er vorwurfsvoll in bösem Ton.
Sie antwortete nicht.
»Du verdirbst mir den Burschen, gänzlich verdirbst du ihn mir. Oh, eine Hexe bist du, eine wahrhaftige Hexe . . . Du fürchtest nicht einmal Gott. Du hast keine Scham . . . Was tust du?«
»Was muß man denn tun?« fragte sie ihn. Halb Unruhe, halb Ärger klangen aus ihrer Frage.
»Was? Ach du!« rief Wassilij, in heftiger Wut gegen sie aufbrausend. Er hätte sie leidenschaftlich gern geschlagen, sie zu Boden geworfen und in den Sand getrampelt, mit den Stiefeln ihre Brust und ihr Gesicht getroffen. Er ballte die Faust und sah sich um.
Dort bei den Fässern sah er Jakow und Serjoshka sitzen, und ihre Gesichter waren ihm zugekehrt.
»Geh weg, geh! Ich möchte dich in Stücke schlagen . . .«
Fast flüsternd warf er ihr Schimpfworte ins Gesicht. Seine Augen waren blutunterlaufen, sein Bart zitterte, und seine Hände streckten sich unwillkürlich nach ihren Haaren, die unter dem Kopftuch hervorquollen.
Sie aber sah ihn mit ihren grünen Augen ruhig an.
»Totschlagen müßte ich dich, du Straßendirne! Warte nur . . .! Du kommst auch noch mal dran! Dir werden sie noch den Schädel einschlagen!«
Sie lächelte, schwieg eine Weile, holte dann tief Luft und sagte kurz: »Genug! . . . Leb wohl!«
Damit wandte sie sich jäh um und ging zurück.
Wassilij knurrte noch etwas hinter ihr her und knirschte mit den Zähnen. Malwa aber bemühte sich, beim Gehen in Wassilijs tiefe Fußtapfen im Sand zu treten und verwischte mit ihrem Fuß jedesmal sorgfältig hinter sich die Spur. So ging sie langsam bis zu den Fässern, wo Serjoshka sie mit der Frage empfing: »Na, hast du ihn verabschiedet?«
Sie nickte und setzte sich neben ihn. Jakow sah sie an und lächelte zärtlich; dabei bewegte er seine Lippen, als flüsterte er etwas, das nur er hörte.
»Nun, hast du ihn verabschiedet, ist dir weh ums Herz?« fragte Serjoshka noch einmal mit den Worten eines Liedes.
»Wann gehst du dorthin nach der Landzunge?« fragte sie dagegen und wies mit dem Kopf zum Meer hin.
»Heute abend.«
»Ich komme mit . . .«
»Großartig! . . . So was gefällt mir!«
»Ich komme auch!« erklärte Jakow entschlossen.
»Wer hat dich gebeten?« fragte Serjoshka mit zusammengekniffenen Augen.
Da ertönte der zitternde Klang einer gesprungenen Glocke, das Zeichen für den Arbeitsbeginn. Die Glockenschläge tönten schnell hintereinander und erstarben im fröhlichen Rauschen der Wellen.
»Sie wird mich bitten!« sagte Jakow und sah Malwa herausfordernd an.
»Ich? Wozu brauche ich dich?« wunderte sie sich.
»Wir wollen offen reden, Jaschka . . .«, sagte Sergej hart und stand auf. »Wenn du ihr nachstellst, schlage ich dich kurz und klein! Und rührst du sie mit einem Finger an, schlage ich dich wie eine Fliege tot. Ich haue dir über den Schädel – und du bist gewesen! Bei mir geht das ganz einfach!«
Sein Gesicht, seine ganze Gestalt und die nervigen Hände, die nach Jakows Kehle strebten, gaben deutlich zu verstehen, wie einfach das alles für ihn sei.
Jakow trat einen Schritt zurück und sagte gepreßt: »Aber sie hat doch selbst . . .«
»Kusch, und die Sache ist erledigt! Was bist du denn? Du Hund bekommst keinen Hammel zu essen; sei dankbar, wenn du die Knochen abnagen darfst. Nun? Was machst du noch für Glotzaugen?«
Jakow warf einen Blick auf Malwa. Ihre grünen Augen lachten ihm beleidigend und demütigend ins Gesicht, und sie schmiegte sich so zärtlich mit der Hüfte an Serjoshka, daß Jakow der Schweiß ausbrach.
Sie gingen Seite an Seite fort, und als sie ein Stück weg waren, brachen beide in lautes Lachen aus, Jakow drückte den rechten Fuß fest in den Sand und blieb wie erstarrt in dieser angespannten Haltung stehen.
In der Ferne bewegte sich eine kleine dunkle menschliche Gestalt über die kahlen gelben Dünenwellen. Rechts von ihr glänzte das heitere gewaltige Meer in der Sonne, und links dehnte sich bis an den Horizont die einförmige, trostlose Sandwüste . . . Jakow betrachtete den einsamen Menschen, blinzelte verlegen und gekränkt und rieb sich mit beiden Händen kräftig die Brust.
Im Werk wurde flott gearbeitet.
Jakow hörte Malwa mit ihrer klangvollen, tiefen Stimme laut rufen: »Wer hat mein Messer genommen?«
Die Wellen rauschten, die Sonne strahlte, das Meer lachte . . .
Aus Langerweile
Dichte graue Rauchwolken ausstoßend, entschwand der Personenzug wie ein ungeheures Reptil im gelben Getreidemeer der endlosen Steppe.
Mit dem Rauch der Lokomotive in der glühenden Luft verlor sich auch der bösartige Lärm, der einige Minuten lang das gleichmütige Schweigen der weiten und öden Ebene unterbrochen hatte, in deren Mitte die kleine Eisenbahnstation in ihrer Vereinsamung ein wehmütiges Gefühl erweckte.
Als sich das dumpfe, aber belebende Getöse des Zuges zerstreut hatte und unter der klaren Kuppel des wolkenlosen Himmels verstummt war, herrschte rings um die Station von neuem drückende Stille.
Goldgeld war die Steppe – grellblau der Himmel. Beides von unermeßlicher Weite; dazwischen lagen wie ein störender Pinselstrich inmitten eines melancholischen, von einem phantasielosen Künstler mit Fleiß geschaffenen Gemäldes die braunen Bauten der Station.
Täglich um zwölf Uhr mittags und um vier Uhr nachmittags treffen die Züge aus der Steppe ein und halten zwei Minuten. Diese vier Minuten bilden die hauptsächlichste, ja die einzige Abwechslung auf der Station: Sie sind es, die den Angestellten die Eindrücke aus der Welt vermitteln.
Jeder Zug bringt eine Menge verschiedenartiger Menschen in verschiedenster Kleidung mit. Nur für einen Moment erscheinen sie; an den Fenstern der Wagen huschen ihre müden, ungeduldigen und gleichgültigen Gesichter vorüber – ein Glockenton, Pfiffe – und mit Getöse werden sie durch die weite Steppe in die Städte davongetragen, wo das geräuschvolle Leben brodelt.
Für die Stationsbeamten ist es interessant, diese Gesichter zu sehen, sie teilen einander die Eindrücke mit, die sie in der Eile aufgefangen haben. Ringsum liegt die schweigsame Steppe, über ihnen der teilnahmslose Himmel, und in ihren Herzen ein dunkler Neid gegen diese Menschen, die Tag für Tag an ihnen vorbei irgendwohin streben, während sie zurückbleiben, eingeschlossen in dieser Öde, wie außerhalb des Lebens lebend.
Und nachdem sie den Zug abgefertigt haben, stehen sie auf dem Bahnsteig, und ihre Augen begleiten das schwarze Band, das im goldnen Getreidemeer verschwindet – und schweigen unter dem Eindruck des Lebens, das an ihnen vorübergeflogen ist.
Sie sind fast alle da: der Stationsvorsteher, ein gutmütiger korpulenter Blonder mit langem Kosakenschnurrbart; sein Gehilfe, ein junger Mann mit roten Haaren und kleinem Spitzbart; der Stationswächter Luka, klein, flink und schlau, und einer der beiden Weichensteller – Gomosow, ein schweigsamer stämmiger Bauer mit breitem Bart.
Auf der Bank neben der Tür sitzt die Frau des Stationsvorstehers, eine kleine dicke Person, die stark unter der Hitze leidet. Auf ihren Knien schläft ein Kind, dessen Gesicht ebenso aufgedunsen und rot ist wie das der Mutter.
Der Zug verschwindet in einer Senkung, es sieht aus, als ob er in die Erde gekrochen wäre.
Dann sagt der Stationsvorsteher zu seiner Frau gewandt: »Nun, Sonja, ist der Samowar fertig?«
»Natürlich«, antwortet sie träge und leise.
»Luka, du fegst den Damm und den Bahnsteig . . ., sieh mal, was sie da alles herausgeworfen haben . . .«
»Ich weiß, Matwej Jegorowitsch . . .«
»Nun . . ., was ist? Wollen wir Tee trinken, Nikolai Petrowitsch?«
»Versteht sich«, antwortet der Gehilfe.
Nach der Durchfahrt des Mittagszuges fragt Matwej Jegorowitsch seine Frau: »Nun, Sonja, ist das Mittagessen fertig?«
Dann gibt er Luka den immer gleichlautenden Befehl und fordert den Gehilfen auf, der bei ihnen beköstigt wird: »Nun also? Wollen wir Mittagessen?«
Und der Gehilfe antwortet ihm folgerichtig: »Versteht sich . . .«
Sie gehen hinein ins Zimmer, wo viele Blumen und wenig Möbel stehen, wo es nach Küche und nach Windeln riecht, und dort am Tisch reden sie über das, was an ihnen vorbeigehuscht ist.
»Haben Sie die Brünette in der zweiten Klasse bemerkt, Nikolai Petrowitsch? Ein giftiges Weib!«
»Nicht übel, doch geschmacklos gekleidet«, antwortet der Gehilfe.
Er spricht immer kurz und überzeugt, da er sich für einen Menschen hält, der das Leben kennt und Bildung hat. Er hat das Gymnasium besucht und besitzt ein in schwarzen Kaliko gebundenes Heft, in das er Aussprüche berühmter Männer einträgt, die er aus Zeitungsfeuilletons und Büchern, die zufällig in seine Hände geraten, abschreibt. Der Stationsvorsteher erkennt seine Autorität, soweit sie sich nicht auf den Dienst bezieht, in allen Dingen an und hört ihm aufmerksam zu. Besonders gefallen ihm die Weisheiten aus dem Heftchen, die Nikolai Petrowitsch vermerkt hat und von denen er immer aufrichtig entzückt ist. Die Bemerkung des Gehilfen über das Kleid der Brünetten veranlaßt Matwej Jegorowitsch zu der Frage: »Steht denn Brünetten die gelbe Farbe nicht?«
»Ich spreche vom Schnitt und nicht von der Farbe«, erklärt Nikolai Petrowitsch, während er sich aus einer Glasschale sorgsam Konfitüre auf seinen kleinen Teller nimmt.
»Der Schnitt, das ist eine andere Sache!« stimmt ihm der Stationsvorsteher zu.
In das Gespräch greift seine Frau ein, weil sie dieses Thema berührt und ihr verständlich ist. Doch da der Verstand dieser Leute wenig geübt ist, zieht sich die Unterhaltung langsam hin und erregt ihre Empfindungen nur selten.
Zum Fenster aber schaut die Steppe mit ihrem bezaubernden Schweigen herein und der Himmel in seiner erhabenen wunderbaren Ruhe.
Fast alle Stunden kommen Güterzüge durch; das Begleitpersonal ist ihnen längst bekannt. Alle diese Schaffner sind wie Schlafwandelnde, erdrückt von der Langenweile der Fahrten durch die Steppe. Manchmal erzählen sie übrigens von Ereignissen auf der Strecke: Da und da war jemand überfahren worden; oder sie berichten über die neuesten Dienstangelegenheiten: Dieser war bestraft, jener versetzt worden. Diese Neuigkeiten werden nicht besprochen – sie werden genossen, wie Feinschmecker eine schmackhafte und seltene Speise genießen.
Die Sonne senkt sich langsam zum Rande der Steppe, und wenn sie die Erde fast berührt, wird sie purpurrot. Ein rötlicher Glanz legt sich über die Steppe, der ein schwermütiges Gefühl erweckt, eine undeutliche Sehnsucht nach der Ferne, fort aus dieser Einöde. Dann berührt die Sonne die Erde und verschwindet träge in ihr oder hinter ihr. Wenn sie versunken ist, spielen die grellen Farben der Abendröte noch lange am Himmel, doch sie verblassen immer mehr, und die Dämmerung bricht warm und schweigend herein. Die Sterne blitzen auf und erzittern wie erschrocken über die Langeweile auf der Erde.
In der Dämmerung zieht sich die Steppe gleichsam zusammen: Von allen Seiten kriechen die nächtlichen Schatten lautlos an die Station heran. Und dann kommt die Nacht – schwarz und düster.
Auf der Station werden die Lichter angezündet; greller und höher als alle anderen das grünliche Licht des Zeichentelegrafen. Um ihn herrscht Finsternis und Schweigen.
Von Zeit zu Zeit ertönt ein Glockensignal – die Ankündigung eines Zuges; der eilige Ton der Glocke entschwebt in die Steppe und verhallt schnell.
Bald nach dem Glockenzeichen taucht aus der Ferne ein blitzendes rotes Licht auf, und die Stille der Steppe erdröhnt von dem dumpfen Getöse des Zuges, der sich der einsamen, von Finsternis umgebenen Station nähert.
Die untere Schicht der kleinen Gesellschaft auf der Station lebt etwas anders als die Aristokratie. Der Wächter Luka kämpft beständig mit dem Wunsch, zu seiner Frau und seinem Bruder ins Dorf zu laufen, das sieben Werst von der Station entfernt liegt. Dort hat er eine Wirtschaft, wie er Gomosow erzählt, wenn er den schweigsamen und gesetzten Weichensteller bittet, für ihn den Dienst auf der Station zu übernehmen.
Bei dem Wort »Wirtschaft« seufzt Gomosow jedesmal tief auf und sagt zu Luka: »Nun, was schon, geh. Eine Wirtschaft verlangt Aufsicht, das ist richtig . . .«
Der andere Weichensteller, Afanassij Jagodka, ein alter Soldat mit einem roten runden Gesicht und borstigen grauen Haaren, ein spottlustiger, boshafter Mensch, glaubt Luka nicht.
»Eine Wirtschaft!« ruft er spöttisch lachend. »Eine Frau! . . . Ich weiß schon, was das ist . . ., deine Frau ist wohl eine Witwe, ist es nicht so? Oder eine Soldatenfrau?«
»Ach, du Vogelgouverneur!« antwortet Luka verächtlich.
Er nennt Jagodka so, weil der alte Soldat Vögel leidenschaftlich liebt. Sein Bahnwärterhäuschen ist innen und außen mit Käfigen und Vogelhecken behängt; drinnen und draußen ertönt den ganzen Tag unermüdliches Vogelgezwitscher. Die vom Soldaten gefangenen Wachteln rufen beständig ihr eintöniges »Potpolot«, die Stare führen lange Reden, verschiedenfarbige kleine Vögel zwitschern, pfeifen, singen ununterbrochen und erhellen das einsame Leben des Soldaten. In seiner ganzen freien Zeit beschäftigt er sich mit ihnen, geht freundlich und sorgsam mit ihnen um und zeigt für seine Kameraden kein Interesse. Luka nennt er eine Natter und Gomosow Kazap und schämt sich nicht, ihnen ins Gesicht zu sagen, daß sie beide Schürzenjäger seien und daß man sie dafür prügeln müßte.
Luka achtet nur wenig auf seine Worte, doch wenn es dem Soldaten gelingt, ihn in Wut zu bringen, schimpft Luka lange und bissig: »Du von den Mäusen angenagter Kommißhengst! Was kannst du schon begreifen, du verabschiedeter Dudelsackpfeifer? Du hast dein ganzes Leben lang Frösche unter der Kanone weggejagt und den Regimentskohl bewacht . . ., kannst du überhaupt mitreden? Geh zu deinen Wachteln, du Vogelkommandeur!«
Jagodka hört sich ruhig das Geschimpfe des Wächters an und geht zum Stationsvorsteher, um sich über ihn zu beschweren; der aber schreit auf ihn ein, daß man ihm mit solchen Kleinigkeiten nicht kommen solle, und jagt den Soldaten fort. Dann begegnet Jagodka Luka und beginnt, ihn nun selber zu beschimpfen – ohne in Hitze zu geraten, ruhig, mit so schwerwiegenden und gemeinen Worten, daß Luka ausspuckt und weggeht.
Gomosow antwortet auf die Beschuldigungen des Soldaten mit Seufzern und verlegenen Rechtfertigungen.
»Was soll man schon machen? Mit dem kannst du nichts anfangen . . . Natürlich . . ., das ist eine Ungezogenheit . . . Im übrigen aber, richte nicht, damit du nicht gerichtet werdest . . .«
Eines Tages entgegnete der Soldat hämisch lachend: »Was wiederholst du das immer: Richte nicht, richte nicht . . . Wenn niemand gerichtet würde, hätten die Menschen über nichts zu reden . . .«
Außer der Frau des Stationsvorstehers lebte noch ein zweites weibliches Wesen auf der Station, die Köchin. Sie hieß Arina, mochte vierzig Jahre zählen und war sehr häßlich: untersetzt, mit Hängebrüsten, immer schmutzig und abgerissen. Sie hatte einen watschelnden Gang, und in ihrem pockennarbigen Gesicht glänzten ein paar schmale, erschrockene kleine Augen, die von Fältchen umgeben waren. Es lag etwas Sklavisches, Eingeschüchtertes in ihrer ungelenken Figur, ihre dicken Lippen waren ständig in einer Art verzogen, als wollte sie alle Menschen um Verzeihung bitten und sich ihnen zu Füßen werfen, ohne daß sie dabei zu weinen wagte. Gomosow lebte bereits acht Monate auf der Station, ohne Arina Aufmerksamkeit zu schenken; wenn er ihr begegnete, sagte er guten Tag! und sie antwortete ihm ebenso, höchstens, daß sie zwei, drei Redensarten wechselten, worauf jeder seiner Wege ging. Eines Tages jedoch kam Gomosow in die Küche des Stationsvorstehers und schlug Arina vor, ihm Hemden zu nähen. Sie ging darauf ein, nähte ihm die Hemden und brachte sie aus irgendeinem Grund selbst zu ihm.
»Nun, danke schön!« sagte Gomosow. »Drei Hemden zu zehn Kopeken das Stück macht dreißig Kopeken, die du zu bekommen hast . . . Stimmt das?«
»Es wird schon stimmen«, antwortete Arina.
Gomosow versank in Nachdenken und schwieg lange.
»Aus welchem Gouvernement stammst du?« fragte er schließlich die Frau, die die ganze Zeit seinen Bart betrachtet hatte.
»Aus dem Rjasanschen«, sagte sie.
»Recht weit her! Wie bist du denn hierhergekommen?«
»Einfach so . . ., ich bin allein . . . und einsam . . .«
»Das kann einen auch noch weiter treiben«, seufzte Gomosow.
Und wieder schwiegen sie.
»Ich bin auch allein«, sagte Gomosow. »Ich stamme aus der Nishni Nowgoroder Gegend, aus dem Sergatschewskijschen Kreis. Auch ich stehe allein, ganz allein. Ich hatte eine Wirtschaft, eine Frau hatte ich auch . . ., und zwei Kinder. Die Frau starb an der Cholera, und die Kinder einfach so . . . Und mich – hat der Kummer zugrunde gerichtet. Jaja . . . Dann versuchte ich hochzukommen – aber es ging nicht, die Maschine versagte, sie wollte nicht mehr. Und da verließ ich alles und ging davon . . . Schon das dritte Jahr schlage ich mich herum.«
»Es ist schlimm, wenn man kein eignes Nest hat«, sagte Arina leise.
»Und wie! . . . Bist du Witwe?«
»Jungfer . . .«
»Ach wo!« sagte Gomosow, der dies anzweifelte.
»Bei Gott, ich bin Jungfer«, beteuerte Arina.
»Warum hast du nicht geheiratet?«
»Wer nimmt mich schon? Ich habe doch nichts . . . Wem bin ich denn nütze? Und häßlich bin ich auch . . .«
»Jaja . . .«, sagte Gomosow nachdenklich und strich seinen Bart, wobei er sie neugierig betrachtete. Dann fragte er sie, wieviel Lohn sie erhalte.
»Zweieinhalb Rubel . . .«
»So . . . Also du bekommst dreißig Kopeken von mir? Komm doch heute abend und hol sie dir . . ., so gegen zehn Uhr, was? Ich gebe sie dir dann . . ., wir wollen Tee trinken und etwas plaudern aus Langerweile . . . Wir sind beide einsam . . ., komm!«
»Ich werde kommen«, sagte sie einfach und ging.
Sie kam pünktlich um zehn Uhr abends zu ihm und verließ ihn erst beim Morgengrauen.
Gomosow lud sie nicht mehr ein und gab ihr auch die dreißig Kopeken nicht. Sie erschien von selbst bei ihm, stumpfsinnig und unterwürfig, sie kam herein und stand schweigend vor ihm. Er lag auf dem Bett, betrachtete sie und sagte, indem er näher zur Wand rückte: »Setz dich.«
Als sie Platz genommen hatte, erklärte er ihr: »Hör mal, du – halt es nur ja geheim. Daß niemand was merkt! Sonst kann es mir schlecht gehen . . . Ich bin nicht mehr jung, du auch nicht . . . Hast du verstanden?«
Sie nickte.
Als er sie hinausbegleitete, gab er ihr seine Sachen zum Flicken mit und erinnerte sie: »Daß nur keine Seele dahinterkommt!«
So lebten sie miteinander und hielten ihre Beziehungen vor allen geheim.
Arina stahl sich in den Nächten zu ihm, fast auf allen vieren kriechend. Er empfing sie herablassend mit der Miene des Gebieters und sagte manchmal mit völliger Offenheit: »Bist du aber häßlich!«
Sie schwieg und lächelte nur mit einem blassen, schuldbewußten Lächeln, und wenn sie ihn verließ, nahm sie fast immer eine Arbeit mit, die er ihr aufgegeben hatte.
Sie sahen sich nicht oft. Bisweilen jedoch sagte Gomosow, wenn er sie irgendwo auf der Station traf, halblaut zu ihr: »Komm heute . . .«
Und sie erschien bei ihm so unterwürfig, mit einem so ernsten Ausdruck im pockennarbigen Gesicht, als ob sie gekommen wäre, eine Pflicht zu erfüllen, deren Wichtigkeit sie zu begreifen begann.
Wenn sie dann nach Hause ging, lag schon wieder der gewohnte starre Ausdruck des Schuldbewußtseins und des Schreckens auf ihrem Gesicht.
Manchmal blieb sie irgendwo in einem Winkel oder hinter einem Baum stehen und schaute lange in die Steppe. Dort herrschte die Nacht, und ihr strenges Schweigen ließ ihr Herz erschauern.
Eines Tages veranstaltete der Stationsvorstand, nachdem der Abendzug abgefertigt worden war, das Teetrinken im Garten vor den Wohnungsfenstern von Matwej Jegorowitsch im dichten Schatten der Pappeln.
An heißen Tagen pflegten sie das oft zu tun. Es brachte eine gewisse Abwechslung in ihr monotones Leben.
Sie tranken Tee und schwiegen, da das Gespräch über die Eindrücke, die sie von dem Zug empfangen hatten, erschöpft war.
»Es ist heute noch heißer als gestern«, sagte Matwej Jegorowitsch, während er seiner Frau mit der einen Hand das leere Glas reichte und sich mit der anderen den Schweiß vom Gesicht wischte.
Die Frau nahm das Glas und erklärte: »Dir ist nur aus Langerweile heißer . . .«
»Hm, mag sein, daß es so ist . . ., in solchem Falle wäre eine Kartenpartie angebracht . . . Aber . . . wir sind nur drei . . .«
Nikolai Petrowitsch zuckte die Achseln, kniff die Augen zusammen und sagte bestimmt: »Nach Schopenhauer ist das Kartenspiel der Bankrott allen Denkens.«
»Sehr gut!« sagte Matwej Jegorowitsch bewegt. »Ja, Bankrott des Denkens . . . Wer hat das gesagt?«
»Schopenhauer, ein Deutscher, ein Philosoph . . .«
»Philoso-oph? Hm . . .«
»Sind diese Philosophen an der Universität angestellt?« fragte Sofja Iwanowna neugierig.
»Ja, wie soll ich Ihnen das erklären? Das ist kein Rang, sondern sozusagen eine angeborene Fähigkeit . . . Philosoph kann jeder sein, der mit der Gewohnheit zu denken geboren ist und in allem nach dem Anfang und dem Ende sucht. Gewiß gibt es auch an den Universitäten Philosophen aber sie können auch einfach so irgendwo leben . . ., sogar bei der Eisenbahn dienen.«
»Und verdienen die viel, die bei den Universitäten angestellt sind?«
»Das hängt vom Verstand ab . . .«
»Aber wenn wir einen vierten Mann hätten, könnten wir eine schöne Partie Wint spielen«, sagte mit einem Seufzer Matwej Jegorowitsch.
Das Gespräch brach ab.
Am blauen Himmel singen die Lerchen, in den Pappeln hüpfen die Grasmücken von Ast zu Ast und pfeifen leise. Im Zimmer weint das Kind.
»Ist Arina dort?« fragt Matwej Jegorowitsch.
»Natürlich«, antwortet seine Frau kurz.
»Ein originelles Weibsbild ist diese Arina; haben Sie gemerkt, Nikolai Petrowitsch . . .«
»Originalität – ist das erste Merkmal von Banalität«, sagt wie zu sich selber Nikolai Petrowitsch und setzt eine nachdenkliche und grübelnde Miene auf.
»Wie war das?« fragt der Vorsteher lebhaft.
Und als Nikolai Petrowitsch den Ausspruch mit Überzeugung wiederholt, blinzelt er vergnügt mit den Augen, während Sofja Iwanowna mit matter Stimme sagt: »Wie gut Sie alles behalten, was Sie gelesen haben . . . Ich erinnere mich, wenn ich etwas gelesen habe, am nächsten Tag an nichts mehr, und wenn man mich totschlagen würde. Da habe ich neulich in der ›Niwa‹ etwas so Interessantes, so Unterhaltendes gelesen – und nicht ein Wort habe ich behalten!«
»Alles Gewohnheit!« erklärt Nikolai Petrowitsch kurz.
»Nein, das ist noch besser, als das von . . ., wie hieß er doch? Schopenhauer«, sagt lächelnd Matwej Jegorowitsch. »Es besagt, daß alles Neue rasch veraltet.«
»Und umgekehrt, denn ein Dichter hat gesagt: ›Die Weisheit des Lebens ist sparsam: alles Neue wird aus Altem zusammengenäht!‹«
»Teufel noch mal! Wie das alles bei Ihnen herauskommt, wie durch ein Sieb geschüttet!«
Matwej Jegorowitsch lacht zufrieden, seine Frau lächelt freundlich mit, und Nikolai Petrowitsch bemüht sich vergeblich zu verbergen, daß er sich geschmeichelt fühlt.
»Wer hat das von der Banalität gesagt?«
»Barjatinskij, ein Dichter.«
»Und das andere?«
»Auch ein Dichter – Fofanow.«
»Schlaue Leute!« lobt Matwej Jegorowitsch und wiederholt den Spruch mit singender Stimme und mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht.
Die Langeweile spielt gleichsam mit ihnen, befreit sie für einen Augenblick aus ihrer klammernden Umarmung, um sie von neuem zu umfangen. Dann schweigen sie wieder, atmen schwer vor Hitze, die durch den Tee noch gesteigert wird.
In der Steppe ist nur Sonne.
»Ach so, ich sprach über Arina«, erinnert sich Matwej Jegorowitsch. »Ein eigenartiges Frauenzimmer, wenn ich sie ansehe, staune ich. Sie ist wie auf den Kopf gefallen: sie lacht nicht, singt nicht, spricht wenig . . ., wie ein Klotz. Im übrigen arbeitet sie sehr gut und, wissen Sie, sie gibt sich so viel mit der kleinen Lelja ab, ist so achtsam mit dem Kind . . .«
Er spricht leise, da er nicht will, daß Arina seine Worte durch das Fenster hört. Er weiß, daß man Dienstboten nicht loben darf, wenn man nicht will, daß sie hochmütig werden. Seine Frau unterbricht ihn mit einem vielsagenden Stirnrunzeln: »Nun laß schon . . ., du weißt nicht alles von ihr!«
»Sklave der Liebe!
Ich bin so schwach
Im Kampf mit
Meinem Dämon!«
singt Nikolai Petrowitsch leise im Rezitativ vor sich hin und schlägt dabei mit dem Löffel den Takt auf den Tisch. Er lächelt.
»Was, was ist da? Sie . . . Nun, nun, da schwindelt ihr doch beide!«
Und Matwej Jegorowitsch lacht laut auf. Seine Wangen zittern, und von seiner Stirn rinnen schnell Schweißtropfen.
»Das ist gar nicht zum Lachen!« unterbricht ihn die Frau. »Erstens hat sie für das Kind zu sorgen; zweitens – siehst du, was mit dem Brot los ist? Übersäuert und verbrannt . . ., und warum?«
»Jaja, das Brot! Es war wirklich nicht gut . . ., man muß ihr einen Verweis erteilen! Aber weiß Gott, das . . ., das hätte ich nicht erwartet! Sie ist doch ein Mehlkloß! Ach, hol's der Teufel! Aber er, wer ist es? Lukaschka? Ich werde ihn lächerlich machen, diesen alten Teufel! Oder ist es Jagodka? So ein Pinsel!«
»Gomosow«, sagt Nikolai Petrowitsch kurz.
»Wa-as, so ein gesetzter Bauer? Aber ihr wollt mir wohl . . . etwas aufbinden?«
Matwej Jegorowitsch interessiert diese außerordentlich komische Geschichte sehr. Bald lacht er mit tränenfeuchten Augen, bald spricht er ernsthaft von der Notwendigkeit, den Verliebten einen strengen Verweis zu erteilen, dann stellt er sich die zärtlichen Gespräche zwischen ihnen vor und lacht aufs neue dröhnend.
Schließlich ist er in Begeisterung geraten. Da macht Nikolai Petrowitsch ein ernstes Gesicht und Sofja Iwanowna unterbricht ihren Mann schroff.
»Ach, diese Teufel! Na, über euch werde ich noch lachen! Ist das interessant . . .« Matwej Jegorowitsch kann sich gar nicht beruhigen.
Luka erscheint und meldet: »Der Telegraf . . .«
»Ich komme. Gib das Signal für den Zug zweiundvierzig.« Er begibt sich schnell mit dem Gehilfen zur Station, wo Luka mit kurzen Glockenschlägen das Signal gibt. Nikolai Petrowitsch setzt sich an den Apparat und fragt bei der Nachbarstation an: »Kann ich den Zug Nummer zweiundvierzig abfahren lassen?« Und sein Vorgesetzter geht im Büro auf und ab, lächelt und sagt: »Wollen wir die beiden Teufel mal zum besten haben? Nur aus Langerweile, um ein wenig zu lachen . . .«
»Das ist erlaubt!« stimmt Nikolai Petrowitsch ihm zu, während er mit dem Schlüssel am Apparat hantiert.
Er weiß, daß ein Philosoph sich lakonisch äußert.
Bald bot sich ihnen eine Gelegenheit zum Lachen.
Eines Nachts kam Gomosow zu Arina in den Keller, wo sie sich auf sein Geheiß und mit Erlaubnis der Vorsteherin zwischen allerlei Wirtschaftsgerümpel ein Bett hergerichtet hatte. Es war dort feucht und kühl, und die zerbrochenen Stühle, Zuber, Bretter und sonstiges Gerumpel nahmen in der Dunkelheit erschreckende Formen an; wenn Arina allein war, fürchtete sie sich so, daß sie fast nicht schlief, mit offenen Augen auf ihrem Strohsack lag und die ihr geläufigen Gebete flüsterte.
Gomosow kam, drückte und knutschte sie lange schweigend; als er müde wurde, schlief er ein. Doch bald weckte ihn Arina mit aufgeregtem Geflüster: »Timofej Petrowitsch! Timofej Petrowitsch!«
»Was ist los«, fragte Gomosow halb verschlafen und mißmutig.
»Man hat uns eingeschlossen!«
»Wieso?« fragte er und sprang auf.
»Jemand kam und . . . schloß ab . . .«
»Du lügst!« flüsterte er erschrocken und zornig und stieß sie von sich.
»Sieh selbst nach«, sagte sie unterwürfig.
Er erhob sich und ging zur Tür, wobei er an alles anstieß, was ihm in den Weg kam, rüttelte an der Tür, schwieg und sagte dann finster: »Das war der Soldat . . .«
Hinter der Tür ertönte ein triumphierendes Lachen.
»Laß mich heraus!« bat Gomosow laut.
»Was?« ertönte die Stimme des Soldaten.
»Herauslassen sollst du mich . . .«
»Morgen früh lassen wir dich heraus«, sagte der Soldat und entfernte sich.
»Ich habe Dienst, du Teufel!« schrie Gomosow ärgerlich und bittend zugleich.
»Den Dienst übernehme ich . . . Bleib du nur sitzen!«
Und der Soldat ging fort.
»Ach, dieser Hund!« flüsterte der Weichensteller ergrimmt. »Warte nur . . ., du kannst mich ja nicht einsperren . . ., es gibt ja einen Vorgesetzten . . . Was wirst du ihm sagen, wenn er dich fragt: ›Wo ist Gomosow?‹ Was wirst du ihm dann antworten . . .?«
»Am Ende hat der Stationsvorsteher es ihm selber befohlen«, sagte leise und hoffnungslos Arina.
»Der Vorsteher?« wiederholte Gomosow erschrocken. »Warum sollte er das?« Und nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, schrie er sie an:
»Du lügst!«
Sie antwortete mit einem tiefen Seufzer.
»Was wird nur daraus werden?« fragte der Weichensteller, während er sich auf einen Kübel neben der Tür setzte. »Welche Schande für mich! Und an allem bist nur du schuld, du teuflische Mißgeburt . . . Ach du!«
Er drohte mit der geballten Faust in die Richtung, aus der er ihren schweren Atem vernahm. Sie schwieg.
Feuchte Dunkelheit umgab sie – Dunkelheit, die erfüllt war mit dem Geruch von Sauerkohl und Schimmel und noch irgendeinem anderen scharfen, der in die Nase stieg. Durch die Türritzen drang Mondlicht. Draußen dröhnte ein abfahrender Güterzug.
»Was schweigst du, du Gespenst?« sagte Gomosow voller Zorn und Verachtung. »Was soll jetzt aus mir werden? Hast was Schönes angerichtet – und schweigst! Denk nach, du Teufel, was sollen wir jetzt anfangen? Wo soll ich mich vor Scham verbergen? Ach, du mein Gott! Warum mußte ich mich auch mit so einer einlassen!«
»Ich werde um Verzeihung bitten«, erklärte Arina mit leiser Stimme.
»Nun, und?«
»Vielleicht verzeihen Sie . . .«
»Was habe ich davon? Wenn sie dir auch verzeihen, an mir bleibt es doch hängen, oder nicht? Werden sie denn nicht über mich lachen?«
Er schwieg und begann sie dann aufs neue mit Vorwürfen und Schimpfworten zu überhäufen. Aber die Zeit verging mit grausamer Langsamkeit. Endlich bat die Frau mit bebender Stimme: »Verzeih mir, Timofej Petrowitsch!«
»Mit einem Zaunpfahl über den Schädel müßte man dir verzeihen!«
Und wieder trat düsteres, niederdrückendes Schweigen ein, voll dumpfen Schmerzes für zwei in der Finsternis eingeschlossene Menschen.
»Mein Gott, wenn es doch bald hell würde!« klagte wehmütig Arina.
»Schweig du . . ., sonst werde ich dir heimleuchten!« drohte ihr Gomosow und begann abermals mit schweren Vorwürfen. Dann folgte wieder die Folter der Stille und des Schweigens. Und die Zeit dehnte sich grausam, je näher die Dämmerung schien, als ob jede Minute zögerte zu schwinden, um sich an der lächerlichen Lage dieser beiden Menschen zu ergötzen.
Gomosow schlief zuletzt ein und wurde durch den Hahn geweckt, der neben dem Keller krähte.
»He, du Hexe! Schläfst du?« fragte er dumpf.
»Nein«, antwortete Arina mit einem schweren Seufzer.
»Schlaf lieber«, schlug der Weichensteller ihr ironisch vor. »Ach du . . .«
»Timofej Petrowitsch«, rief Arina fast wimmernd, »sei nicht böse auf mich! Hab doch Mitleid mit mir! Um Christi willen bitte ich dich – habe Mitleid! Ich bin doch allein, ganz allein und einsam! Und du hast mir doch . . ., du mein Lieber . . ., du hast mir doch . . .«
»Heul nicht – mach dich vor den Menschen nicht lächerlich«, unterbrach Gomosow streng das hysterische Flüstern der Frau, das ihn etwas weicher gestimmt hatte. »Schweig schon . . . wenn wir nun einmal so blöd . . .«
Und wieder begannen sie stumm zu warten, Minute um Minute. Doch die Minuten vergingen und brachten ihnen nichts. Endlich drangen Sonnenstrahlen durch die Türritzen und durchschnitten mit glänzenden Fäden das Dunkel im Keller. Bald wurden Schritte in der Nähe vernehmbar. Jemand trat an die Tür, stand eine Weile da und entfernte sich wieder.
»Quälgeister!« brüllte Gomosow und spuckte aus.
Abermals begann das Warten, wortloses, angespanntes Warten.
»Mein Gott . . ., erbarme dich . . .«, flüsterte Arina.
Dann war es, als ob jemand leise an den Keller heranschlich . . . Das Schloß klirrte, und die strenge Stimme des Vorstehers rief: »Gomosow, nimm Arina an die Hand und komm heraus – nun, schnell!«
»Komm!« sagte Gomosow halblaut. Arina trat zu ihm und senkte den Kopf.
Die Tür wurde geöffnet, vor ihnen stand der Stationsvorsteher. Er verneigte sich und sagte: »Gratuliere zur gesetzlichen Eheschließung! Wenn ich bitten darf! Musik!«
Gomosow schritt über die Schwelle und blieb betäubt vom Ausbruch eines unsinnigen Lärms stehen. Hinter der Tür standen Luka, Jagodka und Nikolai Petrowitsch.
Luka schlug mit der Faust auf einen Eimer und grölte mit meckerndem Tenor; der Soldat blies auf seinem Signalhorn, und Nikolai Petrowitsch fuchtelte mit dem Arm in der Luft herum, blies die Backen auf und ahmte eine Trompete nach: »Wumtata, wumtata!«
Der Eimer klirrte, das Signalhorn heulte und brüllte. Matwej Jegorowitsch hielt sich vor Lachen die Seiten. Auch sein Gehilfe lachte beim Anblick Gomosows, der ganz verwirrt, mit grauem Gesicht und verlegenem Lächeln auf den zitternden Lippen vor ihnen stand . . . Hinter ihm Arina, unbeweglich, wie versteinert und mit tief auf die Brust gesenktem Kopf.
»Süße Worte sagt Orina
Ihrem Liebsten Timofej!«
sang Luka und schnitt Gomosow widerliche Grimassen. Der Soldat näherte sich Gomosow, setzte ihm sein Horn ans Ohr und blies und blies.
»Nun geht nun reich ihr den Arm!« schrie der Stationsvorsteher und lachte sich halbtot. Auf der Treppe saß seine Frau, schwankte von einer Seite auf die andere und kreischte: »Motja . . ., genug . . . Ach! Ich sterbe!«
»Für das süße Widersehn
Will ich gerne leiden!«
sang Nikolai Petrowitsch dicht unter Gomosows Nase.
»Ein Hurra den Neuvermählten!« kommandierte Matwej Jegorowitsch, als Gomosow vorwärtsschritt. Und alle vier brüllten einmütig hurra, wobei der Soldat mit seinem Baß aus vollem Halse schrie.
Arina ging hinter Gomosow her, den Kopf erhoben, mit offenem Mund, während ihre Arme schlaff herabhingen. Ihre Augen blickten dumpf geradeaus, ohne zu sehen.
»Motja, befiehl ihnen, sich zu küssen! Hahahha!«
»Küßt euch!« schrie Nikolai Petrowitsch, und Matwej Jegorowitsch mußte sich an den Baum lehnen, da er sich vor Lachen nicht mehr auf den Füßen halten konnte. Und der Eimer dröhnte, daß Signalhorn schmetterte, heulte und höhnte immer weiter, während Luka tänzelnd sang:
»Ach, Orina, ach, Orina,
Hast 'nen guten Brei gekocht!«
Und Nikolai Petrowitsch trompetete: »Wumtata, wumtata!«
Gomosow ging zum Arbeiterhaus hinüber und verschwand in der Tür. Arina blieb von den besessenen Menschen umgeben auf dem Hof zurück. Sie brüllten, lachten, pfiffen ihr in die Ohren und sprangen in einem Anfall von grenzenloser Ausgelassenheit um sie herum. Sie stand mit unbeweglichem Gesicht, zerzaust, schmutzig, kläglich und lächerlich vor ihnen.
»Der junge Ehemann ist ausgerückt, und . . . sie ist geblieben«, schrie Matwej Jegorowitsch seiner Frau zu, indem er auf Arina zeigte, und krümmte sich vor Lachen.
Arina wandte den Kopf nach ihm um und ging am Arbeiterhaus vorbei – in die Steppe. Pfeifen, Schreien und Lachen begleiteten sie.
»Genug damit! Hört auf!« rief Sofja Iwanowna. »Gebt ihr Zeit, zu sich zu kommen! Das Mittagessen muß gekocht werden!«
Arina aber ging in die Steppe, wo jenseits der Bahnlinie ein Streifen mit borstigem Getreide stand.
Sie ging langsam wie ein Mensch, der tief in Gedanken versunken ist.
»Wie war das, wie war das?« fragte Matwej Jegorowitsch die anderen, die sich kleine Einzelheiten im Verhalten der »Neuvermählten« erzählten. Alle lachten. Nikolai Petrowitsch fand selbst hier Gelegenheit, einen weisen Spruch anzubringen.
»Lachen ist nicht strafbar,
Wenn das Leben heiter ist!«
sagte er zu Sofja Iwanowna und fügte nachdenklich hinzu: »Aber zuviel lachen ist schädlich!«
Gelacht wurde an diesem Tage auf der Station viel, aber schlecht gegessen, weil Arina nicht zum Kochen erschienen war und die Stationsvorsteherin selber das Mittagessen zubereiten mußte. Aber auch das schlechte Essen vermochte die gute Stimmung nicht zu stören. Gomosow verließ das Arbeiterhaus nicht, bevor er den Dienst antreten mußte, aber als er heraustrat, wurde er ins Büro des Vorstehers gerufen, wo ihn Nikolai Petrowitsch unter dem Gelächter von Matwej Jegorowitsch und Luka zu befragen begann, wie er seine Schöne »verführt« habe.
»Wirklich originell – das ist ein Sündenfall ersten Ranges«, sagte Nikolai Petrowitsch zum Vorsteher.
»Ein Sündenfall ist es schon«, erwiderte finster lächelnd der gesetzte Weichensteller. Er begriff, wenn er über Arina so sprach, daß man sich über sie lustig machte, würde man weniger über ihn selber lachen. Und er erzählte: »Anfangs hat sie mir immer mit den Augen gewinkt.«
»Mit den Augen gewinkt? Hahaha! Stellen Sie sich das doch nur vor, Nikolai Petrowitsch, die mit ihrer Fratze . . ., hat ihm zugeblinzelt . . ., allerliebst!«
»Also sie winkt mir, und ich sehe es und denke für mich: So siehst du aus! Und dann sagt sie zu mir: ›Wenn du willst, nähe ich dir deine Hemden!‹«
»Doch ›nicht aufs Nähen kam's hier an‹ . . .«, bemerkte Nikolai Petrowitsch und erklärte dem Vorsteher: »Wissen Sie, das ist aus Nekrassows ›Die Reiche und die Arme‹. Weiter, Timofej!«
Und Timofej fuhr fort zu erzählen, anfangs gezwungen, dann allmählich von seinen Lügen hingerissen, die, wie er sah, ihm von Nutzen waren.
Doch die Frau, von der er sprach, lag währenddessen in der Steppe. Sie war weit in das Getreidemeer hineingegangen, sank dort auf die Erde nieder und lag lange unbeweglich da. Als die Sonne ihren Rücken so heiß durchgeglüht hatte, daß sie ihre sengenden Strahlen nicht mehr ertragen konnte, drehte sie sich um und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, um den Himmel nicht sehen zu müssen, diesen allzu hellen Himmel mit der grell leuchtenden Sonne.
Die reifen Getreideähren umrauschten die Frau, die von ihrer Schande niedergeschmettert war, und unermüdlich, geschäftig zirpten unzählige Grillen. Es war heiß. Sie versuchte sich an Gebete zu erinnern und konnte es nicht: Vor ihren Augen drehten sich lachende Fratzen, und in ihren Ohren dröhnte Lukas Tenor, heulte das Horn und gellte Gelächter. Dies alles oder die Hitze beengte ihre Brust, sie öffnete ihre Jacke und setzte ihren Körper den Strahlen der Sonne aus in Erwartung, daß ihr das Atmen leichter würde. Und während die Sonne ihre Haut sengte, bohrte in ihrer Brust ein Schmerz wie Sodbrennen. Tief aufseufzend flüsterte sie von Zeit zu Zeit: »Herrgott . . . erbarm dich!«
Als Antwort hörte sie das trockene Rascheln der Ähren und das Zirpen der Grillen. Sie hob den Kopf über das wogende Getreide und sah das goldige Farbenspiel, den schwarzen Schornstein des Wasserturms in der Schlucht fern von der Station und die Dächer des Stationsgebäudes. Sonst war in der endlosen gelben Ebene, über der sich die blaue Himmelskuppel wölbte, nichts zu sehen, und es schien Arina, als wäre sie allein mitten auf der Erde, und niemand würde kommen, die Last der Einsamkeit mit ihr zu teilen – niemand, nie . . .
Am Abend hörte sie Stimmen rufen: »Ari‑ina! Arischka, zum Teufel auch!«
Die eine Stimme gehörte Luka, die andre dem Soldaten. Sie wollte die dritte hören, doch er rief sie nicht, da begann sie zu weinen, und ein Strom von Tränen rann über die pockennarbigen Wangen auf ihre Brust. So weinte sie und preßte ihre nackte Brust an die trockene warme Erde, den Schmerz zu betäuben, der sie immer heftiger quälte. Sie weinte und schwieg und unterdrückte ihre Seufzer, als ob sie fürchtete, jemand könnte sie hören und ihr das Weinen verbieten.
Als die Nacht hereinbrach, stand sie auf und ging langsam zur Station.
Am Stationsgebäude angekommen, lehnte sie sich mit dem Rücken an die Kellerwand, blieb lange dort stehen und schaute auf die Steppe. Es kamen und gingen die Güterzüge; sie hörte, wie der Soldat den Schaffnern von ihrer Schande erzählte und wie sie lachten. Weit in die öde Steppe, wo kaum hörbar die Zieselmäuse pfiffen, wurde dieses Lachen hinausgetragen.
»Herr, erbarme dich . . .«, seufzte die Frau und drückte sich dicht an die Wand. Doch diese Seufzer erleichterten die Last nicht, die ihr Herz beschwerte.
Gegen Morgen schlich sie sich vorsichtig auf den Boden des Stationsgebäudes und erhängte sich dort mit der Leine, die sie zum Wäschetrocknen benutzt hatte.
Durch den Verwesungsgeruch aufmerksam geworden, fand man Arina nach zwei Tagen. Erst erschraken alle, dann begannen sie zu erörtern, wer an dieser Geschichte schuld sei. Nikolai Petrowitsch bewies unwiderleglich, daß es Gomosow sei. Da gab der Stationsvorsteher dem Weichensteller eins in die Fresse und befahl ihm unter Drohungen, zu schweigen.
Die Behörden erschienen, und eine Untersuchung wurde durchgeführt. Es stellte sich heraus, daß Arina an Melancholie gelitten hatte . . . Die Arbeiter des Bahnmeisters erhielten den Auftrag, sie in die Steppe zu bringen und dort zu begraben. Als das ausgeführt war, herrschte erneut Ruhe und Ordnung auf der Station.
Und wieder begannen ihre Bewohner täglich vier Minuten lang zu leben und vergingen vor Langerweile und Einsamkeit, vor Müßiggang und Hitze, und mit Neid verfolgten ihre Augen die Züge, die an ihnen vorüberflogen.
Im Winter aber, wenn heulend und tobend die Schneestürme durch die Steppe brausen und unter wildem Tosen die kleine Station bedecken, ist das Leben ihrer Bewohner noch langweiliger.
Kirilka
Als der Schlitten den Waldsaum erreicht hatte, erhob Issai sich ein wenig vom Bock, sah mit vorgerecktem Hals in die Ferne und sagte: »Ach, zum Teufel – es scheint zu treiben!«
»Nicht möglich!«
»Doch wirklich . . ., es bewegt sich . . .«
»Fahr schneller!«
»Eh, du Tr-ransuse!«
Das kurze dicke Tier mit der Pudelwolle und den Ohren eines Esels sprang, vom Peitschenstiel an der Kruppe getroffen, seitwärts vom Wege ab, blieb stehen und trat, gekränkt mit dem Kopfe wackelnd, auf der Stelle.
»He! Ich werde dir kokettieren helfen!« schrie Issai und riß an der Leine.
Der Psalmenleser Issai Mjakinnikow war ein mißgestalteter Mensch von vierzig Jahren. Auf der linken Wange und unter der Kinnlade wuchs ihm ein rotblonder Bart, auf der rechten Seite dagegen hatte sich eine mächtige Geschwulst gebildet, die das Auge verdeckte und wie ein faltiges Säckchen auf die Schulter herabhing. Dieser Mann, ein fürchterlicher Säufer und nicht übler Philosoph und Spötter, fuhr mich jetzt zu seinem Bruder, meinem Freunde, einem Dorfschullehrer, der an der Schwindsucht im Sterben lag. In fünf Stunden hatten wir keine zwanzig Werst zurückgelegt, weil der Weg so scheußlich war und das phantastische Tier, das uns zog, einen schlechten Charakter hatte. Issai gab ihm die sonderbarsten Namen, wie böser Geist, Mühlstein, Schrittgänger, wobei jeder gleich gut zu diesem Pferde paßte, da er treffend die eine oder andere Besonderheit seines Äußeren oder seines Charakters hervorhob. Auch unter den Menschen begegnet man häufig solchen komplizierten Geschöpfen, die man beliebig nennen kann – alles paßt, nur der Name Mensch paßt nicht.
Über uns hing der graue Himmel voll schwerer Wolken, ringsum breiteten sich Wiesen mit vielen abgetauten dunklen Stellen aus. Etwa drei Werst vor uns erhoben sich die bläulichen Höhen des Bergufers der Wolga, der schwere Himmel stützte sich auf sie. Der Fluß war hinter der zottligen Mähne des Ufergebüsches nicht zu sehen. Der Wind wehte von Süden, das Wasser in den Pfützen kräuselte sich und schnitt Grimassen, in der Luft wiederholte sich immer derselbe trostlose rauhe Ton – das Glucksen des Morastes unter den Pferdehufen.
»Wir werden nicht über den Fluß können«, wiederholte Issai, vom Bock aufspringend. »Und Jakow wird nicht warten und sterben . . . Dann kommt bei unserer ganzen Reise nichts weiter heraus, als daß wir uns nutzlos abgerackert haben . . . Aber selbst wenn wir ihn noch am Leben antreffen, was hat es für Nutzen? Er wird nur aufgehalten, und nichts weiter . . . In der Sterbestunde muß man sich nicht vor den Augen des Scheidenden aufpflanzen, man muß den Menschen allein lassen, um den Blick in sein Inneres nicht auf Nebensachen abzulenken . . . In der Sterbestunde muß der Mensch in die Tiefe seines Herzens sehen und nicht auf Nichtigkeiten, und der Lebende ist für einen Sterbenden nur eine Nichtigkeit und etwas Überflüssiges . . . Zugegeben, es ist nun einmal Brauch, daß am Sterbelager die Angehörigen dessen stehen, der dies irdische Jammertal verläßt . . . Wenn man die Sache aber mit dem Verstand überlegt und nicht bloß mit dem Hirn in unsrer großen Zehe, dann stellt sich doch heraus, daß dieser Brauch weder den Lebenden noch den Toten von Nutzen ist, sondern nur eine überflüssige Quälerei für das Herz. Der Lebende soll gar nicht daran denken, daß es einen Tod gibt, der ihn erwartet . . . Das schadet dem Lebenden, weil es einen Schatten auf seine Freuden wirft . . . Du Klotz von einem Teufel, beweg doch deine Beine! Hü!«
Issai sprach eintönig mit rauher, heiserer Stimme, und der ungestalte lange Mensch, der in einen zerlöcherten weiten braunen Bauernrock gehüllt war, schaukelte plump auf dem Bock hin und her, bald hüpfte er auf, bald bog er sich von einer Seite zur andern, beugte sich vornüber und warf sich nach hinten zurück. Der breitrandige Hut, ein Geschenk des Geistlichen, war unter dem Bart mit schmalen Bändern festgebunden, und der Wind blies Issai die Enden ins Gesicht.
Der Psalmenleser schüttelte seinen spitzen Kopf, der Hut rutschte ihm immer wieder in die Augen, und die Schöße seines Rockes blähten sich im Wind. Issai drehte sich hin und her, krümmte sich, schimpfte, und ich betrachtete ihn und dachte darüber nach, wieviel Energie der Mensch im Kampf mit Kleinigkeiten verbraucht. Wenn die widerlichen Würmer der täglichen kleinen Tücken uns nicht überwältigen, würden wir die schrecklichen Schlangen unserer Unglücksfälle leicht zertreten.
»Es ist Eisgang!« rief Issai niedergeschlagen.
»Siehst du es?«
»Ich sehe Pferde zwischen Sträuchern und Menschen daneben – also kann man nicht hinüberfahren!«
»Vielleicht werden wir irgendwie übersetzen!«
»Rede du! Natürlich werden wir übersetzen, wenn der Eisgang vorüber ist. Und was machen wir bis dahin? Das ist es eben . . . Und außerdem – Hunger hab ich! Solchen Hunger hab ich, daß ich's mit Worten gar nicht ausdrücken kann. Ich sagte dir doch: Wollen wir etwas essen . . . Nein, fahr mich erst . . . Da hab ich dich nun hergefahren!«
»Hunger hab ich auch . . . Hast du gar nichts mitgenommen?«
»Wenn ich es doch vergessen hab!« erwiderte Issai böse.
Ich sah an seinem Rücken vorbei aus dem Schlitten und erblickte eine Kalesche mit einem Dreigespann und einen geflochtenen Stuhlwagen mit zwei Pferden davor. Die Pferde waren uns zugewandt, und neben ihnen standen einige Gestalten: ein großer Mann mit rötlichblondem Schnurrbart und einer Dienstmütze mit rotem Band, ein anderer in pelzgefüttertem schwarzem Überrock mit langen Schößen.
»Der Semstwo-Vorsteher Suschtschow, und das ist der Mühlenbesitzer Mamajew«, raunte Issai mir zu, indem er sich halb zu mir umdrehte, und befahl seinem Pferd in ehrerbietigem Ton: »Prr, Fanatiker! . . . Wir sind also zu spät gekommen?« wandte er sich, die Mütze vom Kopf schiebend, an den dicken Kutscher neben der Troika.
Der Kutscher warf einen mürrischen Blick auf seinen kahlen eiförmigen Schädel und kehrte sich schweigend ab.
»Wir haben es verpaßt«, antwortete der Kaufmann Mamajew lächelnd. Er war ein kleiner beleibter Mann mit rotem Gesicht und gaunerhaft schmeichelnden Augen.
Der Semstwo-Vorsteher rauchte, den Ellbogen auf den Kotflügel seiner Kalesche gestützt, zwirbelte seinen Schnurrbart und blickte zwischendurch verstohlen zu uns hin. Außer diesen waren noch zwei Personen da: Mamajews Kutscher, ein langer Kerl mit lockigem Haar und einem sehr breiten Mund, und ein Bäuerchen auf krummen Beinen in eng gegürtetem zerrissenem Halbpelz. Er hatte sich vor uns verbeugt und war wie erstarrt in dieser Stellung stehengeblieben. Sein runzliges kleines Gesicht war mit dünnem grauem Bartwuchs bedeckt, und die schmalen Lippen waren zu einem Lächeln geformt, in dem Ehrerbietung und Spott, Dummheit und Durchtriebenheit vereinigt waren. Er hockte wie ein Affe auf dem Boden, drehte seinen Kopf langsam bald hierhin, bald dahin und beobachtete alle, ohne die Lider zu heben. Aus den zahllosen Löchern seines Halbpelzes quollen Fetzen schmutzigen Schaffells, und die ganze Erscheinung des Bauern machte einen seltsamen Eindruck: Er sah wie zerkaut aus, als wäre er eben einem gewaltigen Rachen entronnen, der ihn hatte auffressen wollen . . . Wir standen hinter einem hohen Sandhügel, der uns gegen den Wind schützte und den Fluß vor uns verbarg.
»Will mal nachschauen, wie die Dinge stehn«, sagte Issai und erstieg den Hügel. Mürrisch folgte ihm der Semstwo-Vorsteher, darauf der Kaufmann und ich. Das Bäuerchen ließ sich auf alle viere nieder und krabbelte ebenfalls hinauf. Als wir den Gipfel erreicht hatten, setzten wir uns alle, finster wie die Raben, hin. Etwa vier Arschin vor uns und drei Sashen unter uns lag der Fluß wie ein breiter graublauer Streifen voller Runzeln und Schwären und Höcker in kleine Stücke zerriebenen Eises. Wie Schorf bedeckte ihn das Eis, das sich langsam, aber mit unwiderstehlicher Gewalt vorwärts bewegte. Ein Knarren und Knirschen erfüllte die Luft, die kalt und feucht war.
»Kirilka!« rief der Semstwo-Vorsteher den Bauern.
Das Bäuerchen sprang auf die Füße, riß die Mütze vom Kopf und verbeugte sich vor dem Vorsteher so tief, als hielte er ihm seinen Kopf zum Enthaupten hin.
»Was denkst du, wird es bald?«
»Es wird nicht lange dauern, Euer Wohlgeboren, gleich wird es sich stauen . . . Belieben Sie zu sehen, wie es sich durchzwängen will? Bei den dichten Massen muß es sich stauen . . . Dort, eine Werst oberhalb ist eine Sandbank. Wenn es sich da auftürmt, ist die Sache gemacht. Alles hängt von der großen Eisscholle ab . . ., wenn die Scholle an der engen Stelle bei der Sandbank steckenbleibt, dann ist das ein Hindernis! Sie wird eingezwängt und der ganze Eisgang dadurch aufgehalten.«
»Na schön . . .«
Der Bauer schmatzte und schwieg.
»Nein, weiß der Teufel, was man dazu sagen soll!« begann der Semstwo-Vorsteher erregt, »ich habe dir doch gesagt, du Idiot, bringt zwei Boote auf diese Seite herüber, nicht? Hab ich dir das gesagt?«
»Ja, das haben Sie gesagt«, antwortete der Bauer schuldbewußt.
»Na also, und du?«
»Ich hab es nicht geschafft, weil der Fluß so mit einemmal aufgegangen ist.«
»Dummkopf! Nein«, wandte sich der Vorsteher an Mamajew, »dieser Esel ist absolut nicht imstande zu begreifen, was man sagt!«
»Man sagt ja, die Mushiks«, lispelte Mamajew mit verbindlichem Lächeln, »sind Wilde, ein stumpfsinniges Volk. Aber jetzt können wir von den Bemühungen der Semstwos und der Ausdehnung ihres Schulnetzes Aufklärung und Bildung erwarten . . .«
»Schulen – ja! Lesestuben, Laternen – wunderschön! Ich habe volles Verständnis dafür . . . Aber wenn ich auch kein Gegner der Volksbildung bin, wie Sie wissen, so meine ich doch, eine kräftige Züchtigung mit Ruten erzieht schneller und kostet weniger . . ., jawohl! Für die Ruten braucht der Bauer nichts zu bezahlen, aber für die Volksbildung wird er mehr geschunden als früher mit Rutenstreichen. Vorläufig wird er durch die Volksbildung nur ruiniert, das ist meine Meinung . . . Ich sage jedoch nicht: Gebt ihm keine Schulbildung, ich sage nur: Schont ihn, wartet ab . . .«
»Vollkommen richtig!« rief der Kaufmann voller Befriedigung aus. »Man müßte warten, denn der Bauer hat es augenblicklich sehr schwer . . . Mißernten, Krankheiten, seine Schwäche für den Branntwein, das alles packt ihn sozusagen an der Wurzel, und da kommt man mit Schulen und Lesestuben . . . Was ist unter solchen Verhältnissen bei ihm zu holen? Gar nichts ist bei ihm zu holen, das können Sie mir schon glauben!«
»Das müssen Sie wohl wissen, Nikita Pawlytsch«, sagte Issai überzeugt in höflichem Ton und stieß einen frommen Seufzer aus.
»Und ob! Seit siebzehn Jahren habe ich mit den Bauern zu tun. Was den Schulunterricht betrifft, so bin ich der Meinung: Wenn er zu einem günstigen Zeitpunkt eingeführt wird, kann er jedem Menschen Nutzen bringen . . . Aber wenn mein Bauch, entschuldigen Sie, leer ist, dann will ich nichts lernen, außer wie man stehlen kann . . .«
»Wozu brauchen Sie noch zu lernen!« rief Issai ehrerbietig und schmeichelnd aus.
Mamajew warf einen Blick auf ihn und verzog den Mund.
»Hier haben wir einen Bauern. Kirilka!« rief der Semstwo-Vorsteher. »Hier ist ein Bauer«, wandte er sich mit einer gewissen Feierlichkeit im Gesichtsausdruck und im Ton an uns. »Das ist kein Dutzendbauer, den ich Ihnen hier vorstelle – eine Bestie, wie es wenige gibt! Als der ›Grigorij‹ brannte, hat er, dieser Vagabund, eigenhändig sechs Fahrgäste gerettet, hat im Spätherbst vier Stunden ununterbrochen unter Lebensgefahr nachts im Sturm im Wasser gepanscht . . . Er rettete sie und verschwand . . ., man sucht ihn, will ihm danken, ihm eine Rettungsmedaille verschaffen . . ., und unterdessen stiehlt er Holz aus dem Staatsforst und wird auf frischer Tat ertappt! Er versteht zu wirtschaften, ist geizig, hat seine Schwiegertochter ins Grab gebracht und wird von seiner alten Frau mit einem Holzscheit verprügelt. Er ist ein Säufer und dabei sehr fromm, singt im Kirchenchor mit . . . Hat auch eine gute Bienenzucht, und bei alldem ist er ein Dieb! Als ein Lastkahn hier auf kleinere Fahrzeuge umladen mußte, wurde er beim Diebstahl von drei Kisten Rosinen ertappt. Wollen Sie sich, bitte, das Wesen ansehen!«
Wir sehen uns den talentvollen Bauern aufmerksam an. Er stand mit niedergeschlagenen Augen vor uns und schniefte. Um seinen Mund zuckten zwei Fältchen, aber die Lippen waren fest aufeinandergepreßt, und sein Gesicht drückte rein gar nichts aus.
»Wollen wir ihn also fragen! Kirilka, sag, welchen Nutzen bringen die Schulen, das Lesen und Schreiben?«
Kirilka holte tief Luft, schmatzte und sagte kein Wort.
»Na, du kannst doch lesen und schreiben«, begann der Semstwo-Vorsteher in strengerem Ton, »du mußt doch wissen, geht es dir besser, seit du lesen kannst?«
»Kommt alles vor«, sagte Kirilka und ließ den Kopf noch tiefer hängen.
»Nun ja, aber du liest doch, was für einen Nutzen hast du also davon?«
»Nutzen natürlich nicht . . ., daß man ihn sozusagen direkt greifen kann . . ., aber wenn man es überlegt . . ., es wird vielleicht unterrichtet zum Nutzen für die . . .«
»Wer sind ›die‹?«
»Die Lehrer vielleicht . . ., das Semstwo sozusagen und überhaupt . . ., die Obrigkeit!«
»Du bist doch ein Dummkopf! Du selbst, hast du einen Nutzen davon?«
»Wie es beliebt, Euer Wohlgeboren . . .«
»Wem beliebt?«
»Ihnen sozusagen als Vorsteher . . .«
»Pack dich!«
Seine Schnurrbartenden zitterten, und er wurde ganz rot im Gesicht.
»Da sehen Sie, nichts hat er gesagt, aber seine Antwort ist klar. Nein, meine Herren, bevor man den Bauer das Abc lehrt, muß man ihm Zucht beibringen! Er ist ein verdorbenes Kind, das stimmt! Aber er ist auch die Grundlage, verstehen Sie, das Fundament der Staatspyramide . . ., und plötzlich gerät das ins Wanken! Sie begreifen den Ernst eines solchen . . ., äh . . ., äh . . ., Mißstandes?«
»Es ist klar«, sagte Mamajew, »man muß tatsächlich für eine Festigung . . .«
Da ich mich ebenfalls für das Schicksal des Bauern interessiere, beteiligte ich mich auch am Gespräch, und bald waren wir vier in eine hitzige Debatte über sein Schicksal vertieft. Unser aller wahrer Beruf ist, Verhaltungsregeln für unsere Nächsten aufzustellen, und die Prediger, welche uns des Egoismus beschuldigen, sind im Unrecht, denn im eigennützigen Bestreben, die Menschen gebessert zu sehen, vergessen wir uns selbst.
Während wir stritten, wälzte sich der Fluß wie eine riesige Schlange an unseren Augen vorbei und rieb sich sein kaltes graues Schuppenkleid am Ufer.
Auch unser Gespräch wand sich wie eine Schlange, wie eine gereizte Schlange, welche sich von einer Seite auf die andere wirft in dem Bestreben, zu ergreifen, was sie braucht und was ihr immer wieder entschlüpft. Uns entglitt beständig der Gegenstand unseres Gesprächs, der Bauer. Wer ist er? Er saß nicht weit von uns im Sand und machte ein gleichgültiges Gesicht.
Mamajew sagte: »Nein, meine Herren, er ist nicht dumm! Er ist durchaus kein Dummkopf . . ., er geht keinem so leicht auf den Leim . . .«
Der Semstwo-Vorsteher geriet in Erregung: »Ich sage nicht: dumm! Ich sage: undiszipliniert! Er lebt ohne die ihm als Unmündigem gebührende Vormundschaft – das ist die Wurzel der Mißstände in seinem Leben . . .«
»Wenn ich meine Meinung äußern darf, so glaube ich, daß er nicht so uneben ist! Ein Geschöpf Gottes wie alle andern . . . Aber, entschuldigen Sie, er ist durcheinander geraten . . . Infolge der Unordnung in seinem Leben hat er alle Hoffnung verloren . . .«
Dies sagte Issai. Er sprach mit einer ehrerbietigen, öligen Stimme, lächelte süß und seufzte; seine Äuglein wurden vor Schüchternheit schmal und wagten nicht geradeaus zu sehen; seine Geschwulst aber zitterte, als wäre sie voller Lachen, das heraus wollte und nicht durfte. Ich behauptete dagegen, daß der Bauer einfach Hunger habe und daß er, wenn man ihm genug zu essen gäbe, sich bestimmt bessern würde.
»Sie sagen, er hat Hunger?« rief der Semstwo-Vorsteher gereizt. »Aber zum Teufel, warum? Man muß begreifen, warum er Hunger hat. Warum, um Gottes willen, hat er vor vierzig, fünfzig Jahren nicht gewußt, was Hunger ist? Ich sage . . ., ich . . ., ich habe jetzt selbst Hunger! Ja, zum Teufel, im Augenblick habe ich selbst Hunger, und das verdanke ich ihm! Ha! Wie gefällt Ihnen das? Ich hatte angeordnet, Boote auf diese Seite überzusetzen und mich zu erwarten . . . Ich komme an . . . Ja, da sitzt Kirilka. Pfui! Nein, ich sage Ihnen, das sind einfach Idioten . . .«
»In der Tat, es wäre sehr angenehm, jetzt etwas zu essen!« sagte Mamajew melancholisch.
»Tja«, seufzte Issai.
Und wir alle, die wir uns im Disput ereifert und einander mehrfach böse angefaucht hatten, schwiegen, einig in dem Wunsch nach Essen, und sahen Kirilka an, der unter unseren Blicken die Achseln zuckte und langsam die Mütze vom Kopf zog . . .
»Wie konntest du denn nur so mit dem Boot, Freund?« sagte Issai vorwurfsvoll.
»Was hilft denn das Boot? Wenn es auch da wäre, man kann es doch nicht essen«, antwortete Kirilka schuldbewußt.
Wir drehten ihm alle vier den Rücken.
»Sechs Stunden sitze ich schon hier«, erklärte Mamajew nach einem Blick auf seine goldene Uhr, die er aus der Tasche gezogen hatte – aus seiner eigenen Tasche, muß ich hinzufügen.
»Bitte, da sehen Sie es ja!« rief der Semstwo-Vorsteher erregt und bewegte seinen Schnurrbart. »Und diese Bestie sagt, das Eis wird sich bald stauen . . . Du! Wird es nun bald?«
Augenscheinlich setzte der Semstwo-Vorsteher voraus, daß Kirilka gewissermaßen Gewalt über den Fluß und den Eisgang habe, und es war klar, daß Kirilka tatsächlich schuld daran war, denn die Frage des Vorstehers brachte alle seine Gliedmaßen in Bewegung. Kirilka begab sich bis an den äußersten Rand des Hügels, hielt die Hand schützend über die Augen und sah mit gerunzelter Stirn in die Ferne. Dabei zuckte er, wer weiß, warum, mit dem linken Bein und bewegte die Lippen, als ob er dem Fluß eine Beschwörungsformel zuflüsterte.
Das Eis trieb in kompakter Masse vorwärts, die bläulichen Eisschollen schoben sich mit dumpfem Geräusch übereinander, zerbrachen, krachten und zerfielen in kleine Stücke. Zuweilen wurde zwischen ihnen das trübe Wasser sichtbar und verschwand wieder unter der Eisdecke. Es war, als ob ein Riesenleib von Aussatz befallen und voller Schorf und Wunden vor uns läge und eine unsichtbare Riesenhand ihn von den schmutzigen Schuppen reinigte, und nach wenigen Minuten würde der Fluß sich von den schweren Banden befreit haben und breit, mächtig und herrlich vor uns erscheinen, seine Wogen würden blitzend unter dem Eis und Schnee hervorkommen, und die Sonne würde die schweren Wolken zerreißen und freudig und strahlend auf ihn herabsehen.
»Jetzt ist es gleich soweit, Euer Wohlgeboren«, rief Kirilka lebhaft. »Es wird schon weniger – dort hinten! Dort bei der Sandbank!« Er streckte die Hand mit der Mütze aus und wies in die Ferne, in der ich nichts sah als Eis.
»Ist es weit bis Olchowaja?«
»Wenn man ganz geradeaus geht, an die fünf Werst, Euer Wohlgeboren . . .«
»T-teufel! . . . Hm, hast du vielleicht irgend etwas mit? Kartoffeln oder Brot?«
»Brot? . . . Ja, Brot hab ich . . ., Kartoffeln nicht . . . Sind dies Jahr nicht gewachsen, die Kartoffeln . . .«
»Hast du das Brot bei dir?«
»Das Brot? Hier auf der Brust unter dem Hemd . . .«
»Was zum Teufel trägst du es unter dem Hemd?«
»Es ist ja nicht viel, Euer Wohlgeboren, nur an zwei Pfund . . ., und dann ist es davon wärmer . . .«
»Eh, du Dummkopf . . . Man hätte den Kutscher vorhin schon nach Olchowaja schicken sollen! Daß man vielleicht Milch bekommen hätte . . . Aber der hier wiederholte ja in einem fort: ›Gleich, gleich . . .‹ So was Scheußliches!«
Der Semstwo-Vorsteher begann wütend an seinem Schnurrbart zu zerren, während Mamajew zärtlich auf die Brust des Bauern starrte. Dieser stand mit gesenktem Kopf da und hob langsam die Hand mit der Mütze zum Kopf. Issai machte Kirilka irgendwelche Zeichen mit den Händen; der Bauer sah ihn an und bewegte sich dann geräuschlos auf ihn zu, die Augen auf den Rücken des Vorstehers gerichtet.
Es kam immer weniger Eis. Zwischen den Eisschollen zeigten sich Spalten gleich Runzeln auf einem faden, blutleeren Gesicht. Durch ihr Spiel verliehen sie dem Fluß bald diesen, bald jenen Ausdruck: Er sah immer gleich weise, gleich kalt aus, aber bald traurig, bald spöttisch, bald schmerzverzerrt. Unbeweglich und gelassen schaute die feuchte Wolkenmasse dem Spiel des Eises zu; das Schurren der Eisschollen im Sande klang wie zaghaftes Flüstern und stimmte trostlos.
»Gib mir etwas Brot, Bruder!« hörte ich Issais unterdrücktes Flüstern.
Gleichzeitig räusperte sich Mamajew kräftig, und der Semstwo-Vorsteher sagte ärgerlich und laut: »Kirilka, gib das Brot her!«
Das Bäuerchen riß mit der einen Hand die Mütze vom Kopf, griff mit der anderen unter sein Hemd, legte das Brot in die Mütze und reichte es mit einer tiefen Verbeugung dem Vorsteher. Dieser nahm das Brot, betrachtete es angewidert und sagte mit einem säuerlichen Lächeln unter seinem Schnurrbart zu uns: »Wie ich sehe, sind wir alle Prätendenten auf dieses Stück Brot, und wir haben alle das gleiche Recht darauf – das Recht von Menschen, die essen wollen . . . Was meinen Sie? Teilen wir es unter uns, dieses kärgliche Mahl . . . Hol's der Teufel, das ist doch eine lächerliche Situation . . ., aber ob Sie es nun glauben, in der Hast, noch rechtzeitig herzukommen, habe ich mich so beeilt . . . Darf ich bitten?«
Er brach sich etwas ab und reichte das Brot Mamajew. Der Kaufmann kniff die Augen zusammen, legte den Kopf auf die Seite, schätzte das Stück und schnitt sich umständlich sein Teil ab. Den Rest nahm Issai und teilte ihn mit mir. Wir setzten uns wieder in eine Reihe und kauten einträchtig und schweigend dieses Brot, obgleich es wie Lehm aussah, nach schweißigem Lammfell und Sauerkohl roch und . . . einen unbeschreiblichen Geschmack hatte.
Ich aß und beobachtete, wie der Fluß die schmutzigen Fetzen seines Winterkleides trug.
»Bitte«, sagte der Semstwo-Vorsteher und sah vorwurfsvoll auf das Stück Brot in seiner Hand, »das soll Brot sein! Während der Bauer im Ausland Wein, Käse, Weizenbrot hat, ißt unser Bauer . . . dieses ekelhafte Zeug. Spreu enthält es und eine undefinierbare Säure – und davon nähren sie sich am Vorabend des zwanzigsten Jahrhunderts! Und warum?«
Da die Frage an Mamajew gerichtet war, tat dieser einen schweren Seufzer und antwortete bescheiden: »Der Ertrag ist nicht danach. Es reicht nicht . . .«
»Aber wa-rum, frage ich?«
»Der Boden ist sozusagen erschöpft . . .«
»Hören Sie mir damit auf! Diese Reden von der Erschöpfung des Bodens sind nichts als eine Erfindung der Semstwo-Statistiker . . .«
Kirilka seufzte und setzte die Mütze auf dem Kopf zurecht.
»Du, sag mal, trägt der Boden?« wandte sich der Vorsteher an ihn.
»Ja, sehen Sie . . ., das ist mal so, mal so . . ., wenn er Kraft hat, dann trägt er, soviel man sich wünschen kann!«
»Keine Ausflüchte! Sag geradeheraus: trägt er?«
»Das heißt . . ., vielleicht, wenn . . .«
»Du lügst!«
»Wenn man Hand anlegt, dann trägt er ganz gut . . .«
»Aha! Sie haben es gehört: Hand anlegen! Also weshalb trägt er nicht, weil niemand da ist, der Hand anlegt . . . Was sehen wir? Trunksucht und Liederlichkeit . . . Trägheit. Es fehlt einer, der anordnet. Im Fall von Mißernten springt die Semstwo-Organisation ein: Da hast du, Lieber, säe; da hast du, Lieber, iß! Nein, das ist keine Ordnung! Warum hat denn der Boden bis zum Jahre 61 getragen? Weil im Falle von Mißernten unser Täubchen, das heißt der Bauer, sofort eine freundliche Aufforderung bekam: ›Wie habt ihr gepflügt? Wie habt ihr gesät?‹ Dann bekam er Saatgut: ›Hier, säe!‹ Und der Boden trägt, oh, glauben Sie mir! Jetzt aber, wo er von der Semstwo-Organisation verhätschelt wird, hat er alle seine Fähigkeiten versteckt, weil er nicht weiß, wie er sie zu seinem eigenen Vorteil gebrauchen könnte, und keiner da ist, der ihm das zeigt . . .«
»Ja, wirklich, der Gutsbesitzer konnte alles befehlen, was er wollte«, sagte Mamajew mit Überzeugung. »Er machte aus den Bauern, was er wollte . . .«
»Ja, Musikanten, Maler, Tänzer, Schauspieler . . .«, fiel der Semstwo-Vorsteher lebhaft ein. »Alles, was er wollte!«
»Es ist wahr! Ich erinnere mich auch, als ich noch ein kleiner Bengel war . . ., da war bei uns . . ., beim Grafen . . ., unter dem Gesinde einer, ein Nachmacher sozusagen . . .«
»Ja?«
»Alles konnte er nachmachen! Nicht bloß menschliche und tierische Laute . . ., sondern sogar hölzerne und andere . . . Er machte vor, wie ein Brett gesägt wird oder wie Glas zerspringt. Blies die Backen auf, und es kam richtig heraus! Oder der Graf sagte: ›Fedjka, belle wie Slobnaja! Fedjka, belle wie Perechwat . . .!‹ Und er bellte! So weit hatte er es gebracht! Jetzt könnte man mit solcher Kunstfertigkeit viel Geld verdienen!«
»Die Boote kommen!« verkündete Issai.
»Ah! Endlich!«
»Nun haben wir genug gewartet . . .«, sagte Mamajew lächelnd zu mir.
»Ja . . .«
»Das ist doch immer so: Man wartet, wartet, und schließlich kommt es! Alles nimmt ein Ende . . .«
»Das ist doch beruhigend, nicht wahr?«
»Und ob!«
»Wenn das nicht so wäre, viele könnten das Leben gar nicht ertragen«, sagte Issai.
Am anderen Ufer des Flusses bewegten sich zwischen dem Eis zwei längliche dunkle Flecke.
»Sie arbeiten sich durch«, sagte Kirilka, der sie beobachtete.
Der Semstwo-Vorsteher sah ihn von der Seite an und fragte: »Na, trinkst du immer noch?«
Kirilka antwortete schuldbewußt: »Wenn es sich gerade so ergibt, trinke ich . . .«
»Und Holz stiehlst du auch noch?«
»Was soll ich mit Holz, Euer Wohlgeboren?«
»Nein, sag mal!«
»Niemals habe ich mich mit Holz befaßt, Euer Wohlgeboren!« sagte Kirilka und schüttelte sogar zur Bekräftigung den Kopf.
»Und weshalb standest du bei mir vor Gericht?«
»Freilich . . . Sie haben Gericht gehalten . . ., das stimmt . . .«
»Weshalb?«
»Als Vorgesetzter haben Sie das Recht, über uns Gericht zu halten.«
»Eine gerissene Bestie bist du! Na, und von den Kähnen, wenn die umladen, stiehlst du da auch noch wie früher?«
»Euer Wohlgeboren, ein einziges Mal habe ich es versucht!«
»Und da bist du gleich hereingefallen, hahahha!«
»Wir sind es nicht gewohnt – darum bin ich auch reingefallen.«
»Man muß das erst lernen? Hahaha!«
»Hehehe!« lachte Mamajew.
Die Boote stießen sich mit Bootshaken von den Eisschollen ab, die gegen die Bordwände drückten, und bewegten sich so auf unser Ufer zu. Die Männer in ihnen wechselten Zurufe. Kirilka legte ebenfalls die Hand als Sprachrohr an den Mund und rief ihnen mit unerwartet kräftiger Stimme zu: »Auf die Wei‑de zu halten!«
Schrie es und schoß beinahe mit einem Purzelbaum den Hügel hinunter zum Fluß . . . Wir folgten ihm.
Rasch setzten wir uns in die Boote, Issai und ich in das eine, Mamajew und der Semstwo-Vorsteher in das andere.
»Mit Gott, Kinder!« kommandierte der Vorsteher, indem er die Mütze abnahm und sich bekreuzigte.
Die beiden Bauern in seinem Boot bekreuzigten sich ebenfalls andächtig und stießen dann mit den Bootshaken in die Eisschollen, die das Boot einzwängten. Mit unheildrohendem Knirschen prallten die Eisschollen wiederum gegen die Bordwände. Auf dem Wasser war es kalt. Ich sah, wie Mamajew im Gesicht rot wurde. Der Semstwo-Vorsteher hatte die Brauen finster zusammengezogen und blickte streng und beunruhigt stromaufwärts, von wo gewaltige blaugraue Eisschollen auf unser Boot zuschwammen. Kleinere Schollen streiften knirschend den Kiel; es klang, als ob große scharfe Zähne unser Boot annagten.
Es war feucht, kalt und unheimlich. Wir sahen über Bord und betrachteten das schmutzige, kalte Eis, das so stumpfsinnig aussah und solche Macht hatte. Plötzlich aber vernahm ich durch das Rauschen um uns vom Ufer her eine Stimme und blickte hin. Wir waren etwa zehn Sashen vom Ufer entfernt; da oben stand Kirilka ohne Mütze; ich sah seine munteren und spöttischen grauen Augen und vernahm seine ungewöhnlich kräftige Stimme: »Onkel Anton, wenn Sie zur Post fahren, bringen Sie mir Brot mit, ja? Die Herrschaften haben meinen Kanten aufgegessen, weil sie warten mußten – und weiter habe ich nichts.«
Sechsundzwanzig und eine Poem
Wir waren sechsundzwanzig Mann – sechsundzwanzig lebende Maschinen, eingesperrt in einen feuchten Keller, wo wir von morgens bis abends Teig kneteten, Brezeln und kleine runde Kringel formten. Das Fenster führte auf das mit grünlich schimmernden Ziegelsteinen ausgelegte Fensterloch und war mit einem dichten Eisennetz vergittert; durch die mit Mehlstaub bedeckten Scheiben konnte das Sonnenlicht nicht bis zu uns dringen. Unser Brotherr hatte das Fenster mit diesem Eisennetz versehen lassen, damit wir ja keinem Bettler oder einem unserer hungernden arbeitslosen Kameraden ein Stück von seinem Brot zukommen lassen konnten – unser Brotherr nannte uns Gauner und gab uns zum Mittag statt Fleisch übelriechendes Geschlinge.
Es war ein niederdrückendes, beengtes Leben in diesem steinernen Kasten unter der niedrigen, schweren, mit Ruß und Spinnweben überzogenen Decke. Schwer und beklommen war uns zumute zwischen diesen mit Schmutzflecken und Schimmel bedeckten Wänden . . . Unausgeschlafen standen wir um fünf Uhr morgens auf und setzten uns bereits um sechs Uhr stumpfsinnig und gleichgültig an den Tisch, um Kringel zu formen aus dem Teig, den unsere Kameraden vorbereitet hatten, während wir noch schliefen. Den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zehn Uhr abends saßen die einen von uns am Tisch und rollten den geschmeidigen Teig mit den Händen zu Kringeln, wobei sie sich hin und her wiegten, um nicht steif zu werden, während die andern Mehl und Wasser zu Teig kneteten. Und den ganzen Tag summte das Wasser trübsinnig und traurig im Kessel, in dem die Kringel gekocht wurden, scharrte der Schieber des Bäckers eilig und böse im Backofen auf und ab, während er die glitschigen gekochten Teigstücke auf die heißen Ziegelsteine warf. Vom Morgen bis zum Abend brannte das Holz auf einer Seite des Backofens, und der rote Widerschein des Feuers zitterte an der Wand der Backstube, als wollte es uns schweigend auslachen. Der riesige Ofen glich dem mißgestalteten Kopf eines sagenhaften Ungeheuers, das gleichsam aus dem Boden hervorlugte, uns mit der Glut seines vom grellen Licht erfüllten weitgeöffneten Rachens anfauchte und mit den beiden schwarzen Vertiefungen der Abzuglöcher in der Stirn auf unsere nicht endende Arbeit blickte.
Diese beiden tiefen Höhlungen waren wie Augen, mitleidslose, gleichgültige Augen eines Ungeheuers: immer blickten sie uns an mit dem gleichen finsteren Blick, als seien sie müde, auf Sklaven zu schauen, von denen sie nichts Menschliches erwarten konnten, die sie verachteten mit der kalten Geringschätzung der Weisheit.
Tag für Tag formten wir Kringel – im Mehlstaub, im Schmutz, den wir an unseren Füßen vom Hof hereinschleppten, in stickiger, übelriechender Luft, und netzten sie mit unserm Schweiß; mit bitterem Haß verabscheuten wir unsere Arbeit, wir aßen niemals, was aus unseren Händen hervorging, und zogen Schwarzbrot den Kringeln vor. Wir saßen an einem langen Tisch einander gegenüber – neun zu neun –, bewegten im Verlauf vieler langer Stunden mechanisch unsere Arme und Finger und waren so gewöhnt an unsere Arbeit, daß wir auf unsere Bewegungen nicht mehr achtgaben. Auch hatten wir uns gegenseitig bis zum Überdruß betrachtet, jeder kannte sämtliche Falten im Gesicht seines Kameraden. Es gab nichts, worüber wir hätten reden können, daran hatten wir uns gewöhnt und schwiegen die ganze Zeit – wenn wir nicht schimpften: es gibt immer Gründe, einen Menschen zu beschimpfen, und besonders einen Kameraden. Doch auch das taten wir nur selten. Was kann sich schon ein Mensch zuschulden kommen lassen, der halbtot ist – der einem Götzenbild gleicht, weil die schwere Arbeit seine Gefühle erstickt hat? Das Schweigen ist nur für diejenigen furchtbar und qualvoll, die schon alles gesagt und nichts mehr zu sagen haben; für Menschen, die noch nicht zu reden begonnen haben, ist das Schweigen einfach und leicht zu ertragen . . . Zuweilen sangen wir, und unser Gesang begann so: Mitten in der Arbeit seufzte plötzlich jemand schwer auf wie ein müder Gaul und begann leise eines jener langgezogenen Lieder zu singen, deren klagende, einschmeichelnde Melodie stets den Druck erleichtert, der auf der Seele des Sängers ruht. Einer von uns singt, und wir lauschen anfangs schweigend seinem einsamen Lied, das unter der schweren Decke des Kellers verhallt und erlischt wie ein kleines Steppenfeuer in einer feuchten Herbstnacht, wenn der graue Himmel wie ein Bleidach über der Erde hängt. Dann gesellt sich ein zweiter Sänger dazu – da schweben bereits zwei Stimmen leise und schwermütig durch die dumpfe Schwüle unseres engen Kellerlochs. Und plötzlich greifen noch einige Stimmen das Lied auf – es schwillt gleich einer gewaltigen Woge an, wird stärker, lauter, scheint die feuchten schweren Mauern unseres steinernen Kerkers zu sprengen.
Es singen alle sechsundzwanzig, die kräftigen, längst eingesungenen Stimmen erfüllen die Werkstatt. Sie wird dem Lied zu eng; es stößt sich an den steinernen Wänden, weint, stöhnt und belebt die Herzen durch einen leisen prickelnden Schmerz, reißt alte Wunden auf und weckt Sehnsucht . . . Die Sänger seufzen tief und schwer; dann und wann bricht einer unerwartet ab und hört lange dem Gesang seiner Kameraden zu, um seine Stimme von neuem in die Wogen des allgemeinen Gesanges einfließen zu lassen. Ein anderer stößt ein wehmütiges Ach! aus und singt mit geschlossenen Augen – die volle, breite Welle von Tönen stellt sich ihm vielleicht als ein in die Ferne führender, von hellem Sonnenschein beleuchteter breiter Weg dar, auf dem er sich selber gehen sieht.
Die Flammen im Ofen flackern, immer noch scharrt der Schieber des Bäckers über die Ziegel, summt das Wasser im Kessel, zittert, lautlos uns auslachend, der Widerschein des Feuers an der Wand . . . Wir aber singen uns mit fremden Worten frei von unserm dumpfen Schmerz, von der schweren Sehnsucht lebendiger Menschen, die der Sonne beraubt sind, von dem Gram der Sklaven. So lebten wir sechsundzwanzig im Keller des großen steinernen Hauses, und unser Leben war so schwer, als wären die drei Geschosse dieses Hauses auf unseren Schultern erbaut.
Doch außer den Liedern hatten wir noch etwas Gutes, das wir liebten und das uns vielleicht die Sonne ersetzte. Im ersten Stock war eine Werkstatt für Goldstickerei, und dort lebte unter den vielen Näherinnen das sechzehnjährige Stubenmädchen Tanja. Jeden Morgen schmiegte sich an das kleine Fenster in der Tür, die nach dem Flur führte, ein rosiges Gesichtchen mit fröhlichen blauen Augen, und eine helle einschmeichelnde Stimme rief uns zu: »Ihr kleinen Sträflinge, schenkt mir Kringelchen!«
Nach diesem hellen Ton wandten wir uns alle um und blickten wohlwollend und froh auf das klare, reine Mädchengesicht, das uns anmutig zulächelte. Das am Fensterglas plattgedrückte Näschen und die glänzenden kleinen weißen Zähne zwischen den rosigen Lippen, lächelnd geöffnet, war ein erfreulicher Anblick für uns. Wir stießen einander, drängten zur Tür, um sie zu öffnen – und schon tritt sie ein, munter und lieb und steht da, ihre Schürze hinhaltend, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, steht vor uns und lächelt immerfort. Der lange dicke kastanienbraune Zopf hängt ihr über die Schulter auf die Brust herab, und wir schmutzigen, finsteren, häßlichen Menschen schauen zu ihr hinauf, da die Türschwelle vier Stufen hoch ist – wir schauen sie an mit erhobenen Köpfen, begrüßen sie mit guten Morgen! und sagen ihr irgendwelche ausgesuchte Worte, die wir für sie zu finden wissen. Im Gespräch mit ihr werden unsere Stimmen weicher, die Scherze beschwingter. Wir haben für sie immer etwas Besonderes. Der Bäcker holt eine Schippe voll der knusprigsten bräunlichen Kringel aus dem Ofen und wirft sie geschickt in Tanjas Schürze.
»Sieh zu, daß du nicht vom Meister erwischt wirst!« warnen wir sie. Sie lacht schelmisch und ruft uns vergnügt zu: »Lebt wohl, kleine Sträflinge!« und verschwindet flink wie ein Mäuschen.
Das war alles . . . Aber noch lange, nachdem sie gegangen ist, unterhalten wir uns angeregt über sie – und sagen immer dasselbe, was wir gestern und vorgestern gesagt haben, weil sie und wir und alles ringsum geblieben ist, wie es gestern und vorgestern war . . . Es ist schwer und quälend, wenn ein Mensch dahinleben muß, ohne daß um ihn her sich das Geringste verändert; und wenn das seine Seele nicht vollends tötet, so wird er, je länger er lebt, die Starrheit der Umgebung um so qualvoller empfinden . . . Wir sprachen von Frauen immer so, daß unsere groben, schamlosen Reden uns manchmal selber anwiderten, und das war verständlich, weil die Frauen, die wir kannten, vielleicht andere Reden nicht wert waren. Doch über Tanja sprachen wir nie schlecht; niemals hatte einer von uns sich erlaubt, sie auch nur mit der Hand zu berühren, niemals hörte sie einen losen Scherz von uns. Es kann sein, daß es nur deshalb so war, weil sie nicht lange bei uns blieb, vor unseren Augen aufleuchtete wie ein Stern, der vom Himmel fällt – und verschwindet; vielleicht aber auch deshalb, weil sie so klein und so hübsch war: alles Schöne erweckt Achtung, sogar bei groben Menschen. Und dann – obwohl uns unsere Sträflingsarbeit zu stumpfsinnigen Ochsen gemacht hatte, blieben wir doch immer Menschen, die wie alle nicht leben können, ohne etwas zu verehren. Wir hatten niemand, der besser sein konnte als sie, und niemand außer ihr schenkte uns, die wir im Keller hausten, Beachtung – niemand, obwohl im Hause Dutzende Menschen lebten. Und endlich – und das war wohl die Hauptsache –, wir zählten sie zu uns gehörig als etwas, das einzig und allein durch unsere Kringel existierte: wir hatten es uns zur Pflicht gemacht, ihr heiße Kringel zu geben, und das wurde uns zum täglichen Opfer, das wir unserem Idol darbrachten, das wurde fast zu einem heiligen Brauch, der uns mit jedem Tag fester an sie kettete. Außer Kringeln gaben wir Tanja auch noch viele Ratschläge – sich wärmer anzuziehen, nicht schnell die Treppe hinaufzulaufen, keine schweren Holzbündel zu tragen. Sie hörte unsere Ratschläge lächelnd an, antwortete darauf mit einem Lachen und befolgte sie nie, doch wir waren nicht gekränkt darüber: Wir wollten ihr ja nur zeigen, daß wir uns um sie kümmerten.
Oft wandte sie sich mit einer Bitte an uns: die schwere Kellertür zu öffnen, Holz zu spalten – mit Freuden, ja sogar mit einem gewissen Stolz taten wir dies und alles andere, was sie wünschte.
Als aber einer von uns sie bat, ihm sein einziges Hemd zu flicken, lachte sie verächtlich auf und sagte: »Was nicht noch! Ich bin doch nicht . . .«
Wir lachten den sonderbaren Kauz aus und baten Tanja nie mehr um etwas. Wir liebten sie – damit ist alles gesagt. Der Mensch will seine Liebe immer irgend jemand zuwenden, obwohl er ihn damit manchmal bedrückt, manchmal sogar besudelt, er kann das Leben seines Nächsten damit vergiften, weil seiner Liebe die Achtung fehlt. Wir mußten Tanja lieben, weil wir sonst niemand hatten, den wir lieben konnten.
Zuweilen begann einer von uns plötzlich Betrachtungen anzustellen: »Warum verwöhnen wir das Mädchen eigentlich so? Was ist schon an ihr dran? Wie? Wir bringen uns ja bald um mit ihr!«
Dem, der es wagte, solche Reden zu führen, geboten wir schnell und grob Einhalt – wir mußten irgend etwas lieben: Wir hatten dieses Etwas gefunden, und was wir alle sechsundzwanzig liebten, mußte für jeden unantastbar sein wie ein Heiligtum. Wer in dieser Frage gegen uns stand, war unser Feind. Wir lieben vielleicht nicht immer das wahrhaft Gute, aber es waren unser sechsundzwanzig, und darum wollten wir, daß das, was uns teuer war, auch allen anderen heilig sein sollte.
Die Liebe ist nicht weniger schwer zu ertragen als der Haß . . ., und deshalb behaupten wohl einige stolze Naturen, daß unser Haß schmeichelhafter sei als unsre Liebe . . . Aber wenn das der Fall ist, warum meiden sie uns dann nicht?
Außer der Kringelbäckerei hatte unser Brotherr noch eine Brötchenbäckerei; sie befand sich in demselben Hause, von unserer Höhle nur durch eine Wand getrennt, aber die Brötchenbäcker – es waren vier – hielten sich abseits von uns; da sie ihre Arbeit für sauberer ansahen als unsere, hielten sie sich für etwas Besonderes. Sie kamen nicht in unsere Backstube und lachten geringschätzig über uns, wenn sie uns auf dem Hof begegneten. Wir gingen auch nicht zu ihnen: Unser Brotherr hatte das aus Furcht, wir könnten Milchbrötchen stehlen, verboten. Wir mochten die Brötchenbäcker nicht, weil wir sie beneideten: ihre Arbeit war leichter, sie bekamen mehr Lohn als wir und wurden besser beköstigt, sie hatten eine geräumige helle Backstube und waren alle so sauber und gesund – geradezu widerlich. Wir sahen alle gelb und grau aus; drei von uns hatten Syphilis, einige die Krätze, einer war vom Rheuma ganz krumm. Die Bäcker trugen an Feiertagen und in der Freizeit Jacketts und knarrende Stiefel, zwei von ihnen besaßen Ziehharmonikas, und alle gingen im Stadtpark spazieren – wir dagegen trugen schmutzige, zerfetzte Kleidung und Schuhe oder Bastschuhe an den Füßen, uns ließ die Polizei nicht in den Stadtpark. Wie konnten wir da die Brötchenbäcker lieben?
Eines Tages erfuhren wir, daß ihr Meister sich dem Suff ergeben, der Brotherr ihn entlassen und schon einen anderen eingestellt hatte – einen Soldaten, der eine Weste aus Atlasseide und eine goldene Uhrkette trug. Wir waren begierig, einen solchen Stutzer zu sehen, und liefen in der Hoffnung, ihn zu erblicken, einer nach dem andern auf den Hof.
Aber er kam selber in unsere Backstube. Mit einem Fußtritt stieß er die Tür auf, ließ sie offen, stellte sich auf die Schwelle, lächelte und rief uns zu: »Gott zum Gruß! Guten Tag, Jungens!«
Frostkalte Luft drang in einer Dunstwolke durch die Tür herein und wogte um seine Füße, er aber stand auf der Schwelle und sah von oben auf uns herab, unter seinem flotten aufgezwirbelten blonden Schnurrbart blitzten große gelbe Zähne. Die Weste war tatsächlich von besonderer Art – blau, mit gestickten Blumen und eigenartig schimmernd, die Knöpfe waren aus irgendwelchen roten Steinen. Auch die Uhrkette war da . . .
Er war hübsch, dieser Soldat, hochgewachsen, gesund, rotbackig – und die großen hellen Augen blickten gutmütig, freundlich und klar. Auf dem Kopf hatte er eine steifgestärkte weiße Mütze, und unter der sauberen Schürze, die nicht den kleinsten Fleck aufwies, guckten die blankgewichsten modischen Stiefel hervor.
Unser Bäcker bat ihn respektvoll, die Tür zu schließen; er tat es, ohne sich zu beeilen, und begann uns dann über unseren Brotherrn auszufragen. Wir beeilten uns um die Wette zu versichern, daß unser Brotherr ein durchtriebener Gauner, ein Spitzbube, ein Bösewicht und ein Peiniger sei, und sagten alles, was man sagen konnte und mußte – es ist unmöglich, das hier aufzuzählen. Der Soldat hörte zu, bewegte den Schnurrbart und sah uns mit weichem und klarem Blick an.
»Mädchen habt ihr hier eine Menge«, sagte er plötzlich.
Einige von uns lachten ehrerbietig, andere verzogen ihre Fratzen zu einem lüsternen Lächeln, einer erklärte dem Soldaten, daß es neun Stück wären.
»Haltet ihr euch ran?« fragte der Soldat, uns zublinzelnd.
Wieder lachten wir, nicht sehr laut und ein wenig verlegen . . . Viele von uns wären dem Soldaten wohl gern auch als ein solcher Draufgänger erschienen, wie er war, doch keiner von uns vermochte das, kein einziger. Einer gestand das, indem er leise sagte: »Ach wo, wie könnten wir . . .«
»Hm, ja, für euch ist das schwer«, sagte der Soldat überzeugt, indem er uns aufmerksam musterte. »Ihr seid irgendwie . . . nicht das Richtige . . . Ihr habt keine Haltung . . ., kein Ansehen – ich meine das Äußere! Die Frau aber liebt das Äußere des Menschen! Sie will, daß der Körper gesund . . ., alles an ihm ordentlich ist! und schätzt außerdem die Kraft . . ., solch einen Arm – da!«
Der Soldat zog die rechte Hand aus der Tasche und zeigte uns den bis zum Ellenbogen nackten Arm mit dem hochgestreiften Hemdsärmel. Es war ein weißer, starker, mit goldschimmerndem Flaum bedeckter Arm.
»Das Bein, die Brust – alles muß straff sein . . ., und dann – man muß gut gekleidet sein . . ., wie es die Schönheit verlangt . . . Mich zum Beispiel – lieben die Weiber. Ich rufe sie nicht, locke sie nicht, sie fliegen mir von selbst an den Hals, fünf auf einmal . . .«
Er setzte sich auf einen Mehlsack und erzählte uns lange, wie sehr ihn die Weiber liebten und wie tapfer er mit ihnen umgehe. Dann ging er, und als die Tür sich quietschend hinter ihm geschlossen hatte, schwiegen wir lange und dachten über ihn und seine Reden nach. Dann begannen wir plötzlich alle auf einmal zu sprechen, und es zeigte sich, daß er uns allen gefallen hatte. So ein einfacher, netter Mann – kommt, setzt sich und erzählt. Zu uns kam niemand, niemand unterhielt sich so freundschaftlich mit uns. Und wir redeten immerzu von ihm und seinen künftigen Erfolgen bei den Goldstickerinnen, die, wenn sie uns auf dem Hof trafen, entweder beleidigt die Lippen zusammenkniffen und uns auswichen oder geradewegs auf uns zugingen, als ob wir uns gar nicht auf ihrem Weg befänden. Aber wir konnten uns nicht satt sehen an ihnen, auch auf dem Hof, wenn sie an unseren Fenstern vorübergingen – im Winter mit irgendwelchen eigenartigen kleinen Hüten und Pelzjacken und im Sommer in Hüten mit Blumen und bunten Sonnenschirmen in den Händen. Dafür redeten wir unter uns von diesen Mädchen in einer Weise, daß sie vor Scham und Empörung außer sich geraten wären, wenn sie uns gehört hätten.
»Daß er bloß nicht Tanjuschka . . . verdirbt!« sagte plötzlich besorgt der Bäcker.
Wir schwiegen alle betroffen. Tanja hatten wir irgendwie vergessen; es war, als hätte die hübsche große Gestalt des Soldaten sie verdeckt. Dann begann ein lauter Streit: Die einen sagten, daß Tanja das nicht tun würde, andere behaupteten, daß sie dem Soldaten nicht widerstehen würde, die dritten endlich schlugen vor, ihm die Rippen zu brechen, wenn er mit Tanja anbändeln sollte. Schließlich beschlossen wir, den Soldaten und Tanja zu beobachten und das Mädchen zu warnen, daß sie sich vor ihm in acht nehme . . . Damit endete der Streit.
Ein Monat war vergangen; der Soldat backte seine Brötchen, trieb sich mit den Goldstickerinnen herum und kam oft zu uns in die Backstube, erzählte aber nicht mehr von seinen Erfolgen bei den Mädchen, sondern drehte beständig seinen Schnurrbart und leckte sich lüstern die Lippen.
Tanja kam jeden Tag zu uns Kringel holen und war wie immer munter, lieb und freundlich. Wir versuchten mit ihr über den Soldaten zu sprechen. Sie nannte ihn »glotzäugiges Kalb« und gab ihm noch andere komische Beinamen – das beruhigte uns. Wir waren stolz auf unser Mädchen, besonders da wir sahen, wie die Goldstickerinnen sich beim Soldaten einzuschmeicheln suchten; irgendwie empfanden wir Tanjas Verhalten zum Soldaten als etwas Erhebendes; so begannen wir unter ihrem Einfluß uns selbst geringschätziger zu ihm zu verhalten. Sie aber gewannen wir noch lieber; noch freudiger und herzlicher empfingen wir sie morgens. Doch eines Tages kam der Soldat ein wenig angeheitert zu uns, setzte sich und begann zu lachen, und als wir ihn fragten, worüber er lache, erzählte er: »Zwei haben sich meinetwegen geprügelt . . . Lidka und Gruschka . . . Haben die sich zu‑ugerichtet! Haha! An den Haaren haben sie einander gepackt, ja sogar im Hausflur auf dem Fußboden, immer eine auf die andere, hahaha! Die Fratzen haben sie sich zerkratzt . . . Die Kleider zerrissen, zum Totlachen! Warum die Weiber sich nicht vernünftig prügeln können? Warum kratzen sie sich? He?«
Er saß auf der Bank, so gesund, so sauber und vergnügt, saß da und lachte immerzu. Wir schwiegen. Er war uns diesmal aus irgendeinem Grunde unangenehm.
»Nein, was habe ich doch für Glück bei den Weibern, wie? Zum Totlachen. Ein Blick und – es ist soweit! Teufel auch!«
Er hob seine weißen, mit schimmerndem Flaum bedeckten Hände und ließ sie mit lautem Klatschen auf die Knie zurückfallen. Und er sah uns mit so erstaunten freundlichen Blicken an, als ob er selber nicht begreifen könnte, warum er solch ein Glück bei den Weibern hatte. Sein volles, rotbackiges Gesicht glänzte vor Selbstzufriedenheit und Glück, und immer wieder leckte er sich lüstern lächelnd die Lippen.
Unser Bäcker kratzte heftig und ärgerlich mit dem Schieber im Backofen und sagte plötzlich spöttisch: »Kleine Tannen fällen ist nicht schwer, aber fälle dir mal eine Kiefer . . .«
»Das heißt – sagst du mir das?« fragte der Soldat.
»Natürlich dir . . .«
»Was meinst du damit?«
»Nichts . . . Es ist mir nur so herausgefahren!«
»Nein, warte mal! Worum geht's? Was für eine Kiefer?«
Unser Bäcker antwortete nicht, sondern arbeitete schnell mit dem Schieber am Ofen weiter; er schob die gekochten Kringel hinein, zog die fertigen heraus und warf sie geräuschvoll auf den Fußboden zu den Lehrjungen, die sie auf Bastschnüre reihten. Er tat, als hätte er den Soldaten und das Gespräch mit ihm vergessen. Doch der Soldat wurde plötzlich unruhig. Er erhob sich und ging auf den Ofen zu, wobei er riskierte, mit der Brust auf den Schieberstiel zu stoßen, der in der Luft hin und her fuhr.
»Nein, sag mir – wer ist sie? Du hast mich beleidigt . . . Mir kann keine widerstehen . . . Und du sagst mir so kränkende Worte . . .«
In der Tat, er schien aufrichtig beleidigt zu sein. Offenbar hatte er außer dem Talent, Frauen zu verführen, nichts, was seine Selbstachtung begründete. Mag sein, daß außer dieser Begabung nichts Lebensvolles in ihm war, und nur sie erlaubte ihm, sich als lebender Mensch zu fühlen.
Es gibt Menschen, die irgendein seelisches oder körperliches Gebrechen für das Wichtigste und Beste halten, was sie besitzen. Ihr ganzes Leben lang beschäftigen sie sich damit, es wird zu ihrem Lebensinhalt. Wohl leiden sie unter diesem Gebrechen, doch sie hegen und pflegen es; sie klagen anderen ihr Leid, lenken damit die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich und ernten Mitleid. Sonst haben sie nichts aufzuweisen. Nähme man ihnen diese Krankheit, heilte man sie, so würden sie unglücklich werden, weil sie ihres einzigen Lebensinhaltes beraubt wären – ihr Leben würde seinen Sinn verlieren und leer werden. Das Leben manches Menschen ist so armselig, daß er sich unwillkürlich gezwungen fühlt, seine Fehler zu schätzen, in ihnen zu leben: Ja, man kann sagen, daß die Menschen häufig aus Langerweile lasterhaft sind.
Der Soldat war beleidigt, er ging auf unsern Bäcker los und schrie ihn an: »Nun sag mir – wer ist es?«
Plötzlich wandte sich der Bäcker ihm zu: »Soll ich es sagen?«
»Nun?«
»Kennst du Tanja?«
»Na und?«
»Versuch's doch mal bei ihr!«
»Ich?«
»Ja – du!«
»Die? Kleinigkeit für mich!«
»Wir werden sehen!«
»Wirst sehen! Haha!«
»Sie wird dir . . .«
»Einen Monat Zeit!«
»Ach, du Prahlhans!«
»Zwei Wochen! Ich werde euch schon zeigen, was sie für eine ist, die Tanjka! Pah!«
»Nun mach aber, daß du wegkommst . . ., du störst hier!«
»Zwei Wochen – und es ist geschehen! Ach du . . .«
»Scher dich weg, sag ich!«
Unser Bäcker wurde plötzlich wütend und holte mit dem Schieber aus. Der Soldat wich erstaunt vor ihm zurück, sah uns schweigend an und sagte dann leise und unheilverkündend: »Nun gut!« und verließ uns.
Während des Streites hatten wir geschwiegen und interessiert zugehört. Doch als der Soldat gegangen war, erhob sich ein lebhaftes, lautes Gerede und Lärmen.
Einer rief dem Bäcker zu: »Eine schöne Sache hast du angezettelt, Pawel!«
»Kümmere dich um deine Arbeit!« antwortete der Bäcker wütend.
Wir fühlten, daß wir die empfindliche Seite des Soldaten getroffen hatten und daß Tanja Gefahr drohte. Wir fühlten das, während wir von einer brennenden, angenehmen Neugier erfaßt wurden. Was würde geschehen? Würde Tanja dem Soldaten gegenüber standhaft bleiben? Und fast alle riefen überzeugt: »Tanjka? Sie bleibt standhaft! So einfach kriegt er sie nicht rum!«
Leidenschaftlich wünschten wir, die Standhaftigkeit unseres Engels zu prüfen; angestrengt bewiesen wir einander, daß unser Engel ein starker Engel sei und aus diesem Kampf als Sieger hervorgehen werde. Ja, es schien uns schließlich, daß wir den Soldaten noch zu wenig aufgehetzt hatten, daß er den Streit vergessen würde, wenn wir seinen Ehrgeiz nicht noch gründlich anfachten. Von diesem Tage an begannen wir in einer eigentümlichen, nervösen Spannung zu leben – so hatten wir noch nie gelebt. Tagelang stritten wir uns, sprachen irgendwie geistreicher, begannen mehr und gewählter zu reden. Es schien uns, als spielten wir ein Spiel mit dem Teufel, und der Einsatz auf unserer Seite war Tanja. Als wir von den Brötchenbäckern erfuhren, daß der Soldat »unserer Tanjka den Hof zu machen begann«, befiel uns ein wohliges Gruseln, und das Leben wurde so interessant, daß wir nicht einmal merkten, wie unser Brotherr unsere Aufregung ausnutzte und unsere Arbeit um vierzehn Pud Teig am Tage erhöhte. Die Arbeit schien uns gar nicht zu ermüden. Der Name Tanja wich den ganzen Tag nicht aus unserem Gespräch. Jeden Morgen erwarteten wir sie mit besonderer Ungeduld. Zuweilen stellten wir uns vor, daß sie bei uns eintreten könnte – nicht mehr unsere Tanja von früher, sondern eine ganz andere.
Wir sagten ihr aber nichts von dem Streit vor ein paar Tagen. Wir fragten sie auch nichts und verhielten uns ebenso herzlich und freundlich wie früher zu ihr. Aber schon hatte sich in unsere Beziehungen zu Tanja etwas Neues und Fremdes eingeschlichen – und dieses Neue war eine gespannte Neugier, scharf und kalt wie ein Stahlmesser . . .
»Brüder, heute läuft die Frist ab«, sagte eines Morgens der Bäcker, als er an seine Arbeit ging.
Wir wußten das nur zu gut, auch ohne daß er uns daran erinnerte, und doch zuckten wir zusammen.
»Schaut sie nur an – gleich wird sie kommen!« schlug der Bäcker vor.
Einer rief bedauernd: »Als ob man einem das ansehen könnte!«
Und wieder entbrannte zwischen uns ein lauter, lebhafter Streit. Heute würden wir endlich erfahren, wie rein und dem Schmutz unzugänglich das Gefäß war, in das wir unser Bestes hineingelegt hatten. An diesem Morgen fühlten wir plötzlich und zum erstenmal, daß wir mit hohem Einsatz spielten und daß diese Reinheitsprobe, die wir unserem Engel stellten, ihn für uns vernichten könnte. Wir hatten all diese Tage gehört, daß der Soldat Tanja beharrlich und aufdringlich verfolgte, doch aus irgendeinem Grunde hatte niemand von uns sie gefragt, wie sie sich zu ihm verhielt. Nach wie vor kam sie pünktlich jeden Morgen, ihre Kringel zu holen, und war wie immer.
Auch an diesem Tage hörten wir bald ihre Stimme: »Ihr kleinen Sträflinge, ich bin's!«
Wir beeilten uns, sie hereinzulassen, und als sie eintrat, begegneten wir ihr ganz gegen unsere Gewohnheit mit Schweigen. Alle Augen sahen sie an, wir wußten nicht, worüber wir mit ihr sprechen, wonach wir sie fragen sollten. Wir standen als ein finsterer, schweigender Haufen vor ihr. Sie war anscheinend erstaunt über diesen ungewohnten Empfang, und plötzlich sahen wir, daß sie erblaßte, unruhig und verlegen wurde. Mit gepreßter Stimme fragte sie: »Was ist denn mit euch?«
»Und was ist mit dir?« warf ihr der Bäcker, ohne die Augen von ihr zu lassen, finster entgegen.
»Mit mir? Wieso?«
»Na, schon gut . . .«
»Nun gebt mir doch endlich Kringel . . .«
Nie zuvor hatte sie uns zur Eile gemahnt.
»Wirst schon noch zurechtkommen«, sagte der Bäcker, ohne sich zu bewegen und den Blick von ihrem Gesicht zu wenden.
Da drehte sie sich plötzlich um und verschwand.
Der Bäcker ergriff einen Schieber und sagte ruhig, während er sich zum Ofen drehte: »Also – es ist soweit! . . . Ach, dieser Soldat! . . . Solch ein Schuft!«
Wie eine Hammelherde gingen wir einander stoßend zum Tisch, setzten uns schweigend und begannen träge zu arbeiten. Bald sagte jemand: »Vielleicht ist es doch noch . . .«
»Nun, nun! Erzähl nichts!« schrie ihn der Bäcker an.
Wir wußten alle, daß er ein kluger Mensch war, klüger als wir. Seinen Verweis nahmen wir als Ausdruck seiner Überzeugung hin, daß der Soldat gesiegt hatte. Uns war traurig und unruhig zumute.
Um zwölf, während der Mittagszeit, kam der Soldat. Er war wie immer sauber und stutzerhaft angezogen und blickte uns wie immer gerade in die Augen. Uns aber war es peinlich, ihn anzusehen.
»Nun, ehrenwerte Herren, wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen das Draufgängertum eines Soldaten«, sagte er stolz lachend.
»Geht in den Flur und guckt durch die Ritzen . . . Verstanden?«
Wir gingen hinaus und drängten uns einer über den andern, drückten uns an die Ritzen in der Bretterwand des Flures, der zum Hof führte. Wir brauchten nicht lange zu warten . . . Bald eilte, mit besorgter Miene über die Pfützen von aufgetautem Schnee springend, Tanja über den Hof. Sie verschwand hinter der Tür, die zum Keller führte. Dann folgte ihr ohne Eile, pfeifend, der Soldat. Er hatte die Hände in den Taschen vergraben, sein Schnurrbart bewegte sich.
Es regnete, und wir sahen, wie die Regentropfen in die Pfützen fielen, deren Oberfläche sich kräuselte. Es war ein feuchter, grauer, sehr unfreundlicher Tag. Auf den Dächern lag noch Schnee, aber auf der Erde erschienen schon dunkle Schmutzflecken. Auch der Schnee auf den Dächern war von einem braunen Schmutzanflug bedeckt. Langsam und traurig rieselte der Regen. Wir froren, und das Warten war nicht angenehm.
Als erster kam der Soldat aus dem Keller; er ging langsam über den Hof, die Hände in den Taschen, den Schnurrbart bewegend wie immer.
Dann – kam auch Tanja. Ihre Augen . . ., ja, ihre Augen strahlten vor Freude und Glück, ihre Lippen lächelten. Sie ging wie im Traum, schwankend, mit unsicheren Schritten.
Das konnten wir nicht ruhig ertragen, wir stürzten alle auf einmal zur Tür, rannten auf den Hof und begannen zu pfeifen, schrien sie böse, durchdringend und wild an.
Sie fuhr zusammen, als sie uns sah, und blieb wie angewurzelt im Schmutz stehen. Wir umringten sie, beschimpften sie schadenfroh, ohne Unterlaß, mit unflätigen Worten und riefen ihr die schamlosesten Dinge zu.
Wir taten das nicht laut und beeilten uns nicht, da wir sahen, daß sie von uns umzingelt war und nicht entkommen konnte: Wir konnten sie verhöhnen, soviel wir wollten. Ich weiß nicht, warum, aber wir schlugen sie nicht. Sie stand mitten unter uns, drehte den Kopf bald hierhin, bald dorthin und hörte unsere Beleidigungen an. Wir aber bewarfen sie immer mehr mit dem Schmutz und Gift unserer Worte.
Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre blauen Augen, die vor einer Minute noch so glücklich gestrahlt hatten, waren weit geöffnet, ihr Atem ging schwer, und die Lippen zuckten.
Wir aber hatten sie umzingelt und nahmen Rache an ihr, denn sie hatte uns beraubt. Sie gehörte uns, wir hatten ihr unser Bestes gegeben, und obwohl dieses Beste nur Brocken von Bettlern waren, so waren wir doch sechsundzwanzig, und sie war eine, und darum war keine Pein, die wir ihr antaten, stark genug, ihre Schuld zu vergelten! Wie haben wir sie geschmäht . . . Sie schwieg, sah uns nur immer mit verstörten Blicken an und zitterte wie im Fieber.
Wir lachten, heulten, brüllten . . ., irgendwoher waren noch Leute herbeigelaufen . . . Einer von uns packte sie am Ärmel . . .
Plötzlich blitzten ihre Augen auf: Sie hob, ohne sich zu beeilen, die Hände zum Kopf empor, ordnete ihr Haar und sagte laut, aber ruhig uns ins Gesicht: »Ach, ihr elenden Sträflinge!«
Und ging einfach auf uns los, als wären wir gar nicht da und versperrten ihr nicht den Weg. Deshalb stand ihr schließlich auch wirklich keiner von uns im Wege.
Als sie unseren Kreis verlassen hatte, sagte sie noch einmal, ohne sich nach uns umzuwenden, ebenso laut, stolz und verachtend: »Ach, ihr Gesindel . . ., ihr Pack!« und ging davon, aufrecht, schön und stolz.
Wir aber blieben mitten im Hof stehen, in Schmutz und Regen unter dem grauen, sonnenlosen Himmel . . .
Dann gingen wir schweigend zurück in unsere feuchte steinerne Höhle. Wie früher blickte auch jetzt nie die Sonne in unser Fenster, und Tanja kam nie mehr wieder!
Das Gefängnis
I
Graue Wolken standen unbeweglich über der Stadt; auf die schmutzige Erde sprühte träge ein feiner Regen, der die Straßen in einen trüben zitternden Schleier hüllte.
Von einer geschlossenen Polizeikette umgeben, zog eine dichtgedrängte Schar Männer und Frauen langsam auf dem Bürgersteig dahin; sie drückte sich an die feuchten Häuserwände, und ein dumpfes, undeutliches Murmeln wogte über ihr.
Graue, finstere Gesichter, aufeinandergepreßte Kiefer, mürrisch zu Boden gesenkte Augen. Der und jener lächelte verwirrt und versuchte, ungezwungen zu scherzen, bemüht, das kränkende, bedrückende Bewußtsein der Ohnmacht dahinter zu verbergen. Gelegentlich ertönte ein halb unterdrückter Schrei der Empörung, aber er klang nur matt und unsicher, als sei sich der Mann nicht schlüssig, ob es schon an der Zeit oder bereits zu spät war, sich aufzulehnen.
Die müden Gesichter der Polizisten blickten besorgt und verbissen drein. Matt glitzerten auf den Mützen und Schnurrbärten die Regentropfen. Und zusammen mit den Regentropfen gingen große klebrige Schneeflocken auf die ohne Kampf besiegten Menschen nieder; finstere Trauer sank auf sie herab.
»In den Hof mit ihnen!« rief jemand mit heiserer Stimme.
Gedränge entstand, die Leute ergossen sich, eng aneinandergedrückt wie Schafe, in dunklem Strom in den Hof. Ihre Entrüstungsschreie wurden lauter, erregter, man hörte scharfe Ausrufe der Erbitterung; in den hohen Stimmen der Frauen klangen Tränen.
Mischa Malinin, Student im ersten Semester, ein fröhlicher, gutmütiger, kraftstrotzender Bursche, schritt in der Mitte der Schar dahin und blickte sich mit seinen naiven blauen Augen mitleidig unter den blassen, erbitterten und verwirrten Gesichtern in seiner Umgebung um. Die Schreie der Frauen, das nervöse Lachen, das dumpfe Murren erregten ihn; außer Atem von der Enge, von bedrückendem Schamgefühl erfüllt, im Begriff, vor Empörung in Tränen auszubrechen, war er bemüht, sich zwischen den Leuten in seiner Umgebung hindurchzuzwängen und möglichst rasch in den Hof zu gelangen, um sich dort zu verstecken, von den anderen abzusondern und allein zu sein. Plötzlich klammerten sich irgendwessen kleine Hände an seinem Mantelärmel fest – er sah ein blasses Gesicht mit großen feuchten Augen vor sich. Dieses Gesicht, das naß von Tränen oder vom Regen war, blickte zu ihm auf, und leuchtend rote, krampfhaft verzerrte Lippen zuckten und flüsterten heiß: »Ich gehe nicht! Ich kann nicht, ich will nicht! Er hat mich gestoßen . . ., das darf er nicht . . . Sagen Sie's ihm!«
Das junge Mädchen atmete heftig, schüttelte den Kopf, und ihre schwarzen Locken fielen ihr rebellisch in die hohe weiße Stirn und über die nassen Wangen.
»Er hat kein Recht dazu!« rief sie plötzlich, das Gemurmel übertönend, schwenkte den Arm und richtete sich kerzengerade auf; ihre Augen funkelten.
Auch in Mischas Brust flammte ein Feuer auf, ergoß sich versengend durch die Adern, brannte die Scham aus und erfüllte sein Herz mit jugendlichem Wagemut. Mischa stürzte vor, und die schwarze Masse trat unter seinem Ansturm auseinander wie Schlamm, in den ein Stein fällt. Er erblickte einen hochgewachsenen Mann in grauer Uniform vor sich und schrie ihn mit lauter Stimme an: »Sie haben kein Recht, die Leute zu schlagen!«
»Ach was! Wer schlägt denn jemand?« entgegnete der Mann in der grauen Uniform und winkte gereizt ab. Eine verächtliche Grimasse verzog sein müdes Gesicht mit dem roten Schnurrbart; er legte die Hand auf Mischas Schulter und sagte:
»Also bitte, gehn Sie schon hinein!«
Mischa sah die Grimasse und fühlte einen scharfen Stich der Kränkung in seinem Herzen.
»Ich gehe nicht!« rief er wütend. »Wir gehen nicht . . ., wir sind keine Herde! Genug der Gewalt!«
All die schönen und starken Worte von der Freiheit und der Würde des Menschen, die er gehört hatte, brachen gleich einem heißen Quell aus seiner Brust hervor und flammten über den Leuten, bei diesen Zorn, bei jenen Furcht erregend. Berauscht vom Klang seiner Stimme, betäubt vom Wirbelsturm der Schreie, schoß er in der Menge umher wie ein Funke in einer schwarzen Rauchwolke und bemerkte nicht, wie man ihn ergriff und aus dem Gedränge hervorzerrte; er kam erst in einer Mietsdroschke zu sich.
Er atmete mit weit geöffneten Augen gierig die Luft ein und zuckte hin und wieder zusammen, von gesunder, freudiger Erregung erfüllt, noch ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, was geschehen war. Neben ihm saß, den Arm um seine Taille gelegt, ein Revieraufseher; es war ein junger Mann mit schwarzem Schnurrbart und einer Schramme auf der rechten Wange. Sein Gesicht war finster; er blickte, die Lippen fest aufeinandergepreßt, mit zusammengekniffenen Augen nach vorn und befühlte in einem fort mit seiner linken Hand die Wange.
»Wohin . . . bringen Sie mich eigentlich?« fragte Mischa gutmütig.
»Z-zum Revier«, gab er durch die Zähne zur Antwort, und ein schmerzliches Zucken ging über sein Gesicht.
»Haben Sie was abbekommen?« erkundigte sich Mischa teilnehmend.
»Ich habe Z-zahnschmerzen . . ., verdammt!« brummte der Polizeioffizier, stieß den Droschkenkutscher mit der Faust in den Rücken und plärrte mit ärgerlicher, hysterischer Stimme: »So fahr schon zu . . ., hol dich der Teufel!«
Der Droschkenkutscher, ein grauhaariger kleiner alter Mann, drehte sich zu ihm um und sagte, freundlich mit den geröteten, tränenden Augen zwinkernd: »Wir kommen noch zeitig genug hin, Euer Wohlgeboren . . ., im Gefängnis ist das nicht wie in der Kirche, da kommt man nie zu spät . . .«
»Ich werde dir z-zeigen!« zischte der Revieraufseher.
Der Droschkenkutscher zog erschrocken an der Leine und brummte, zum Pferd gewandt: »He, du . . ., hü!«
In der Straße huschten hastig die dunklen Gestalten der Fußgänger vorüber; es schien, als hätten sie sich in diesem grauen feuchten Nebel verlaufen, stürzten lautlos und trübsinnig hin und her und wußten nicht, wohin sie sich wenden sollten. Dumpf lärmend und kreischend jagten Straßenbahnwagen dahin, unter den Rädern sprühten böse blaue Funken, und im Innern saßen schwarze Gestalten. Ununterbrochen klapperten mit müdem Klang Hufeisen über die Pflastersteine und tauchten die gelben Lichter der Straßenlaternen auf; sie flimmerten verloren, ohne etwas zu beleuchten, und verschwanden, als habe sie der Nebel verschlungen. Die Reifen der Droschke schnellten auf dem holprigen Fahrdamm auf und nieder, und auch in Mischas Brust begann etwas hastig und unangenehm zu zittern.
Am Tor des Polizeireviers sagte jemand, der klein, dick und grau war wie der Nebel, mit heiserer, gleichgültiger Stimme: »Oho! Sie bringen noch einen her? Wir haben keinen Platz mehr! Seine Wohlgeboren haben befohlen: sollen sie sie von mir aus gleich ins Gefängnis schaffen . . .«
»Hol's der Teufel!« stöhnte der Polizeioffizier, drehte sich mit schmerzlich verzogener Duldermiene zu Mischa um und klagte: »Da haben Sie es, Herr Student . . ., hm-ja! Und da sagen Sie noch: Wir sind für das Volk! Und dabei . . ., dabei muß ein kranker Mann Sie spazierenfahren . . . ohne Rücksicht auf seinen Zustand!«
Und er wandte sich brüsk von ihm ab und rief dem Droschkenkutscher zu: »Los, du! In das Gouvernementsgefängnis!«
Mischa wäre am liebsten in Lachen ausgebrochen, nahm sich jedoch zusammen, um den »kranken Menschen« nicht zu beleidigen, schwieg eine kleine Weile und bemerkte schließlich in freundlichem Ton: »Sie sollten es mit Kreosot versuchen . . .«
Der Polizeioffizier gab keine Antwort. Und erst an der Gefängnismauer erwiderte er, während er aus der Droschke stieg: »Auch mit Kreosot habe ich es versucht . . ., es hilft nicht! Bitte!«
II
Im Gefängnis gab es, wie sich herausstellte, ebenfalls keine freien Plätze, und man sperrte Mischa in eine kleine Zelle für Strafgefangene. Ein grauhaariger hochgewachsener Aufseher mit langem Gesicht, spitzem Bärtchen und unbeweglichen farblosen Augen schloß dröhnend die dicke schmutzige Tür hinter ihm ab, beugte sich zu dem runden Guckloch vor, das in sie eingeschnitten war, und sagte mit gleichmäßiger, tonloser Stimme wie in ein Sprachrohr: »Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie mich . . .«
Der junge Mann sah sich in der Zelle um. An der Tür trat auf der linken Seite in Gestalt eines wuchtigen Dreiecks der Ofen hervor, und an ihn schloß sich unmittelbar eine schräge schmutzige Pritsche für vier Personen an; sie zog sich die ganze Wand entlang bis an das Fenster, das durch ein dickes eisernes Gitter gesichert war. Zwischen der Pritsche und der rechten Wand befand sich ein freier Raum von etwa anderthalb Arschin Breite, und außer der Pritsche gab es in dieser schmutzigen, düsteren Zelle nichts. Das von Rissen durchzogene steinerne Gewölbe bildete einen schweren Bogen, der an der linken Wand fast bis an die Pritsche herunterreichte. Am höchsten Punkt des Deckengewölbes brannte eine mit Staub bedeckte Glühbirne; sie beleuchtete die Wände, auf denen man die Flecken von zerdrückten Wanzen und irgendwelche Inschriften sah.
Neben dem Ofen waren über der Pritsche – offenbar mit einem Nagel – Kolonnen von Zahlen eingeritzt, die jemand addiert, multipliziert und dividiert hatte, um so die Leere der hier verbrachten Tage auszufüllen. Auf einem wieder getrockneten dunklen Schimmelfleck stand in großen Buchstaben geschrieben:
»Einbrecher aus Wjasma, streifen
Wir zu zweien durch die Lande,
Wenn wir einen Groschen greifen,
Kaufen wir vom Brot 'ne Kante,
Und wir spachteln.«
Mischa lächelte und fragte sich, was das wohl bedeuten könnte: »Wir spachteln«?
Vermutlich – wir schlingen, entschied er sich und sah sich die ungleichmäßigen, fröhlich über der Wand verstreuten Buchstabenreihen näher an. Er stellte sich die beiden »Einbrecher« als tolle Spaßvögel vor. Mischa überlas die Verse noch einmal und brach in Lachen aus.
Hinter der Tür der Zelle erklangen schlurfende Schritte, und eine dumpfe Stimme fragte ärgerlich: »Was haben Sie?«
Mischa fuhr zusammen und drehte sich um: durch das Guckloch in der Tür starrte ihn kalt und unbeweglich ein Auge an.
»Haben Sie gerufen?«
»Nein, ich habe gelacht.«
Das Auge schnellte irgendwohin nach oben, und eine ausdruckslose, wohl auch gekränkte Stimme sagte: »Hier wird nicht gelacht.«
Vor Mischa tauchten das eingefallene, lange Gesicht, die runden, farblosen Augen, die zottigen grauen, gewölbten Brauen, die breite, von faltiger gelber Haut überzogene Stirn des Gefängniswärters auf.
Der Student seufzte und wandte sich wieder den Inschriften zu. An der Decke, dort, wo man, auf der Pritsche liegend, leicht hinlangen konnte, hatte jemand sehr sorgfältig in Druckschrift hingemalt: »Hier hat Jakoff Ignatiw Ussof gesessen. Wegen Totschlags an seiner Frau und Saschka Gryslow, wegen ihrer Niedertracht. Das hat sich im Januar 1900 ereignet. Ich habe ihnen die Bäuche aufgeschlitzt.«
Erneut fuhr Mischa zusammen. Er war zwar auch vom Inhalt, noch mehr jedoch von der Sorgfalt betroffen, mit der die Inschrift ausgeführt war; man fühlte, daß Ussow fest von seinem Recht überzeugt war, Menschen töten zu dürfen.
Er versuchte, sich diesen Ussow vorzustellen, fand aber keine menschliche Gestalt für ihn; dieser gelassene Mörder erschien in seiner Phantasie als formloser, unheildrohender Fleck, in dessen Zentrum mit gleichmäßiger Helligkeit eine trübe blutrote Flamme brannte.
Hinter der Tür hallten schwere Schritte, und eine laute Stimme rief: »Achtung!«
Dann hörte man das Rasseln von Eisen, die Tür öffnete sich, und zwei Gefängnisaufseher und der zweite Stellvertreter des Gefängnisdirektors, klein von Wuchs, mit einem dunklen spitzen Schnäuzchen und ängstlichen Mäuseäuglein, betraten die Zelle. Der stellvertretende Gefängnisdirektor maß den Studenten aus den Augenwinkeln mit einem Blick und wandte sich schweigend von ihm ab. Einer der beiden Aufseher, rothaarig, dick, mit vorgewölbtem Bauch, trat an das Fenster und betastete prüfend das Gitter; der andere, der Mischa bereits bekannte hochgewachsene Alte, stand unbeweglich im Türrahmen und starrte dem jungen Mann mit leblosen Augen ins Gesicht. An seinen Beinen vorbeihuschend, brach – wie ein Zug kalter Winterluft – die graue Gestalt eines Kriminalverbrechers in die Zelle ein, stieß rasch einen dick mit Teer bestrichenen hölzernen Kübel unter die Pritsche und verschwand. Auch die Obrigkeit ging, diese mit lauten Schritten. Man hörte das Kreischen des schweren Riegels, dann das geräuschvolle Verschließen mit dem Schloß; worauf sich alles unter kaltem hartem Schlüsselgerassel den Gang entlang entfernte.
»Achtu-ung!« hallte es aufs neue gedämpft bis in Mischas Zelle.
Irgendwo kreischte gedehnt ein Flaschenzug, dann knallte eine Tür, der Laut, der an einen Schuß erinnerte, erschütterte die Luft, und wieder ertönte das schwere Knirschen von Eisen und hallten deutlich feste gemessene Schritte; noch einmal hörte Mischa den rauhen Ruf: »Achtu‑ung!«
Und plötzlich wurde es still, als hätte jemand das ganze Gefängnis in ein weiches, für Laute undurchdringliches Gewebe gehüllt.
Malinin glaubte auf einmal, Zahnschmerzen zu spüren, schämte sich aber gleich darauf des leise bohrenden Schmerzes, warf den Kopf in den Nacken, vergrub die Hände in den Hosentaschen und schritt unter lautem Pfeifen in seiner Zelle auf und ab.
Im Guckloch erschien das starre Auge des Aufsehers, und seine trockene Greisenstimme verkündete ungerührt: »Pfeifen ist nicht gestattet!«
»Ist nicht gestattet?« wiederholte Mischa und blieb stehen.
»Nein.«
»Also gut!« entgegnete Mischa mit spöttischem Lächeln und zuckte mit den Schultern.
Das Auge blinkte noch einige Sekunden im Guckloch und glitt schließlich langsam nach oben. Weiche Schritte klangen hinter der Tür. Bei den Zuchthäuslern in der Zelle nebenan tönte ein dunkles, einförmiges Summen. Vermutlich betete jemand, oder er erzählte ein Märchen . . . Mischa trat ans Fenster, stieg auf das Fensterbrett und starrte, die Stirn an das kalte Eisengitter gedrückt, in die nächtliche Finsternis hinaus. Die Nacht war so dunkel, daß es schien, streckte man die Hand aus dem Fenster, sie würde sich mit einem feuchten Belag überziehen und schwarz werden wie Ruß.
III
In der Stille, die den Lauten gleichsam auflauerte, um sie unbarmherzig aufzudecken, fühlte Mischa, wie in ihm der Stolz auf sich selbst wieder wuchs.
Er allein hatte unter Hunderten von Menschen den Mut gefunden, der Gewalt tapfer entgegenzutreten! Ihm fielen die feuchten, verschleierten Augen des Mädchens ein. Vielleicht erzählte sie jetzt in ihrem Kämmerlein den Freundinnen, wie ein hochgewachsener Student eine Rede gehalten und zum Widerstand gegen die Gewalt aufgerufen hatte.
Hoch am schweren Himmel flimmerten kleine, schrecklich ferne Sterne – sie waren durch die schmutzigen Fensterscheiben schlecht zu erkennen.
Mischa blickte, ohne zu zwinkern, zu ihnen empor, und seine Gedanken kreisten in langsamem Reigen und lösten einander ab.
Ach, wie angenehm es sein wird, vom Gefängnis zu erzählen, wenn man wieder in Freiheit ist! Er schloß die Augen, dachte nach und flüsterte kurz darauf mit erregter Stimme:
»Hoch vom Himmel blicken Sterne
Durch die Fenster mit Gefängnisgittern.
Ach, durch Fenster mit Gefängnisgittern
Blicken hier in Rußland selbst die Sterne . . .«
Der Vierzeiler erschien ihm schön und geistvoll. Er freute sich darüber, sprang vom Fensterbrett, ging in der Zelle auf und ab und deklamierte, aufgeregt lächelnd, mit lauter Stimme:
»Ach, durch Fenster mit Gefängnisgittern
Blicken hier in Rußland selbst die Sterne!«
»Sprechen ist verboten!« hörte er ziemlich laut und beunruhigt flüstern.
Mischa blieb stehen und sah mehrere Sekunden schweigend ins Auge des Gefängniswärters, das in der Türmitte blinkte.
»Ja, warum denn?« fragte er schließlich, unwillkürlich mit gedämpfter Stimme.
»Es ist eben verboten!«
Mischa schien, das Auge sei plötzlich zum Leben erwacht und spiegele etwas wie Schrecken wider.
»Und warum?« fragte Mischa leise und trat an die Tür. »Außer Ihnen hört es niemand . . ., und Sie kann es doch wohl kaum stören?«
Er beugte sich zur Tür vor, und zugleich mit dem warmen Atem schlugen ihm die seltsamen, strengen Worte entgegen: »Warum spotten Sie, Herr Student? Glauben Sie vielleicht, Sie sind zum Spaß eingesperrt?«
»So sagen Sie mir doch . . .«, begann Mischa.
Doch das Auge des Gefängnisaufsehers verschwand, und hinter der Tür lag wieder die Stille auf der Lauer.
»Achtung!« erklang vor dem Fenster eine dumpfe, heisere Stimme.
Man hörte das Klirren eines bei Fuß gestellten Gewehrs. Der Wachtposten murmelte halblaut und hastig: »Zwölf Fenster . . ., zwei Schilderhäuschen . . .«
»Hör zu, Tschuwasche! Wenn du siehst, daß einer den Kopf oder die Hand aus dem Fenster steckt, dann schieß nicht gleich!«
»Zu Befäll!«
»Na also! Sonst knallst du wieder darauflos wie neulich! Bykow, setz ihm das auseinander!«
In der Stille blitzt jedes Wort auf wie ein Funke im Dunkeln.
»Wenn du siehst, es schaut einer aus dem Fenster, dann schieß nicht gleich! Hast du verstanden?«
»Zu Befäll . . .«
Sein Radebrechen klingt ängstlich und traurig.
»Wenn aber einer aus dem Fenster klettert und hierher gelaufen kommt oder, sagen wir, dorthin . . ., verstehst du?«
»Zu Befäll . . .«
»Dann rufst du sogleich: Wer da? Und zwar einmal und dann noch einmal, und erst beim dritten Male schießt du, aber auch da nur in die Luft, zur Abschreckung. Erst dann schießt du auf ihn, auf diesen Flüchtling also . . ., oder du schlägst ihn mit dem Gewehrkolben nieder oder du spießt ihn aufs Bajonett . . ., wie es gerade kommt, verstanden?«
»Zu Befäll . . .«
»So, und jetzt geh auf und ab von hier bis dorthin und schau auf die Fenster . . ., und daß du nicht pennst!«
»Zu Befäll!«
»Na also, du Ölgötze! Und dann erkläre mir: Wann mußt du schießen?«
»Wenn er auf mich zukommt . . .«
»Und wenn er nun direkt über die Mauer will?«
Man hört, wie Füße ungeduldig auf der feuchten Erde stampfen.
»Was dann, zum Teufel?«
»Dann zuschlagen«, ertönt eine verschüchterte, leise Stimme.
»Und wenn sich ein Kopf am Fenster zeigt, was dann?«
Schweigen. Das Rasseln eines Gewehrs. Jemand spuckt ärgerlich aus.
»Was dann, du Klotz?«
Laut hallt ein zensurwidriges Schimpfwort, dann etwas, das sich anhört, als klatsche jemand mit der flachen Hand auf Teig . . .
»Dann ist nichts . . .«, kommt wie ein Seufzer kaum hörbar die Antwort.
»Quatsch!« brüllt die Baßstimme. »Dann mußt du sagen: Zieh den Kopf ein! Hast du verstanden? He, du Kröte! Abtreten!«
Mischa schmiegte sich an das Gitter, bemüht, den Wachtposten zu erkennen, der so traurig und schüchtern sprach. Der schmale Raum zwischen der Gefängniswand und der hohen steinernen Mauer war von tiefer Dunkelheit erfüllt, und eine kleine graue Gestalt bewegte sich langsam und fast geräuschlos mit hochgerecktem Kopf darin auf und ab. Der schmale Streifen des Bajonetts blitzte in der Finsternis hier und da auf und erinnerte an einen Fisch im Wasser.
»Nimm den Kopf rein!« erscholl ein hastiger, erschrockener Zuruf.
Mischa stieg leise vom Fensterbrett und blickte sich um. In der Zelle war es stickig.
Ein zynisches Schimpfwort sprang ihm in die Augen, das mit Bleistift und in großer Schrift auf dem grauen Grund der Wand hingemalt war. Er las es, schwieg eine Weile und wiederholte es plötzlich mit lauter Stimme. Dann schaute er auf die Tür, legte sich auf die Pritsche und schloß die Augen.
Sogleich blitzte in der Tür das trübe Fischauge auf . . .
IV
Mischa lag, auf der Pritsche ausgestreckt, in tiefem Schlaf; ihm träumte, er laufe durch eine schmale dunkle Gasse, und jemand, der unsichtbar blieb, jage hinter ihm her, packte ihn an den Schultern und rufe ihm das unverständliche barsche Wort zu: »Appell!«
Er öffnete die Augen und hob den Kopf; neben der Pritsche stand der dicke rothaarige Aufseher und zupfte ihn am Jackenschoß, während der hochgewachsene Gehilfe des Gefängnisdirektors ihn mit krummem Rücken spöttisch aus grauen Augen anblickte und sagte: »Stehen Sie gefälligst zur Zeit auf, Sie sind hier nicht bei Mamachen!«
»Ja, gleich«, entgegnete Mischa mit gutmütigem Lächeln und sprang rasch von der Pritsche.
Der Gehilfe des Gefängnisdirektors sah ihm ins Gesicht, wandte sich zur Tür und bemerkte, nun schon weicher: »Sie sollten sich Papier geben lassen und nach Hause schreiben . . ., wegen des Bettzeugs und so weiter . . .«
Dann ging Mischa ans Ende des Ganges zum Waschen; hier ragte über einem breiten und langen eisernen Trog eine Reihe von Kupferhähnen aus der Wand, aus denen in dickem rundem Strahl kaltes Wasser floß. Auf dem Gang eilten graue Häftlinge mit blechernen Teekesseln hin und her; und von Zeit zu Zeit ertönte der Ruf: »Teewasser holen, he!«
Ein großer, schlanker Zuchthäusler mit blassem, von einem dichten blonden Bart umrahmten Gesicht kam, mit den Ketten klirrend, an Mischa vorbei; er sah den Studenten an, blinzelte ihm zu und fragte lächelnd: »Was ist, Herrensöhnchen, haben sie dich erwischt?«
Der rothaarige Aufseher brachte Mischa einen Becher mit warmem dünnem Tee und ein großes Stück Schwarzbrot.
Das Gefängnis summte wie ein Wespennest. Man hörte Lachen, Schimpfen, das Bruchstück eines Liedes und die rauhen Anschnauzer der Aufseher; auf dem Gang raschelten weich die Bastbesen, Wasser gluckste, und Mischa lauschte, von heftigem Interesse für das Leben der Menschen erfüllt, die man in diesem alten Gebäude aus Stein und Schmutz eingesperrt hielt, angespannt auf das dröhnende Lärmen.
Er hatte wenig gelesen und noch weniger gesehen; bis zur Universität war sein Leben eintönig im strengen Hause seiner Schwester und ihres Mannes abgelaufen, und er hatte sich unter jenen Studenten, die frei und hitzig in der schwer verständlichen Sprache von Buchgelehrten über gesellschaftliche Fragen stritten, nicht eben wohl gefühlt. Zwar war auch seine Seele von der allgemeinen Welle der Unzufriedenheit mit dem Leben nicht unberührt geblieben und hatte ein undeutliches, aber gesundes Bedürfnis des Protestes in ihr erweckt, aber er war sich noch nicht im klaren darüber, wogegen sich dieser Protest eigentlich richten müsse. Jetzt, da er sich als Held fühlte, sog er die neuen Eindrücke gierig in sich ein, die riesige Aufnahmefähigkeit seiner jungen Seele mit ihnen erfüllend.
Nachdem er seinen Tee getrunken hatte, stieg er auf das Fensterbrett. Auf einem Pfad entlang der hohen Mauer, die das Gefängnisgelände umgab, ging, die Hände auf dem Rücken, ein breitschultriger, schwarzhaariger Mann, der eine kurze dicke Jacke und eine Schirmmütze trug, mit raschen Schritten auf und ab. Gelegentlich warf er mit einer kraftvollen Bewegung den Kopf zurück und sah, ohne stehenzubleiben, mit einem raschen Blick über die Fenster hin. Mischa fühlte mehrmals, wie der aufmerksame Blick seiner ausdrucksvollen Augen über sein Gesicht hinglitt. Er wollte diesem Mann etwas sagen, ihm seinen Familiennamen nennen, ihn fragen, weswegen er im Gefängnis sitzt, und rief ihm, als er an seinem Fenster vorbeikam, mit gedämpfter Stimme zu: »Hören Sie!«
Unter dem Fenster hervor tauchte plötzlich der Wachtposten auf, drohte mit dem Finger und sagte in barschem Ton: »He . . ., das ist verboten!«
Der Mann mit der Schirmmütze zuckte mit den Schultern, lächelte Mischa zu und ging weiter. Mischa sprang vom Fensterbrett.
Gegen Mittag trat ein gertenschlanker junger Aufseher mit einem von Pockennarben entstellten Gesicht bei ihm ein. Er blieb an der Tür stehen und sagte leise, ohne den Häftling anzusehen: »Bitte zum Spaziergang . . .«
Auf dem Gefängnishof blinkte Wasser, das keinen Abfluß fand; drei Häftlinge gingen auf dem Hof umher und fegten es träge zum Tor; aber es sickerte, nun schon trüb und mit dickem Schlamm vermischt, immer wieder zwischen die Steine zurück.
Der Aufseher führte Mischa hinter eine Ecke des Gefängnisbaus und sagte gedämpft: »Gehen Sie hier zwischen der Ecke und der Mauer auf und ab; mit den anderen Gefangenen zu sprechen ist verboten!«
Und hier, unter dem blauen, grenzenlos hohen Himmel, griff das Wort »verboten« Mischa zum erstenmal ans Herz, und er fühlte auf einmal etwas Erniedrigendes aus seinem Klang heraus. Er sah dem Aufseher mit gerunzelten Brauen in das gleich einer Maske unbewegliche, an Kinn und Backenknochen mit Büscheln von hellem Haar bedeckte Gesicht; die Augen in diesem Gesicht erschienen ihm nicht dazugehörig und fremd; dunkel und mandelförmig, blickten sie, überschattet von langen Wimpern, freundlich drein und wirkten irgendwie schüchtern und fassungslos.
»Gehen Sie auf und ab!« sagte der Aufseher. »Stehenbleiben ist verboten . . .«
Mischa setzte sich langsam in Bewegung, und der Aufseher, der sich nach allen Seiten umsah, folgte ihm in einigem Abstand und etwas seitlich.
»Warum rebelliert ihr in einem fort?« sagte er leise, den Blick zu Boden gesenkt. »Ihr solltet lieber lernen . . ., um eines Tages stellvertretender Staatsanwalt zu werden . . ., als wenn das nichts ist! Aber nein, ihr rebelliert! Und dabei sind Sie ein so junger und hübscher Bursche . . . Sie haben doch eine Mama?«
Mischa war durch diese Worte gerührt, blieb stehen, lachte, legte die Hand an die Brust und wollte seinerseits etwas Freundliches, Schlichtes zu ihm sagen, doch der Aufseher sprang erschrocken beiseite, schaute sich um und flüsterte hastig: »Gehen Sie weiter, gehen Sie weiter! Wenn man es sieht, werde ich für die Unterhaltung bestraft!«
Er verschwand hinter der Ecke des Gefängnisses, und der Student begann, erfüllt von einem zwiespältigen Gefühl, das zwischen Betrübnis und Neugier schwankte, entlang der hohen Gefängnismauer auf und ab zu gehen.
Über dem niedrigen, schmutziggrauen Gefängnisgebäude mit den vier Ecktürmen wölbte sich, reingewaschen vom Herbstregen, schweigend der mattblaue, ausgeblaßte Himmel.
Wie lange ich hier wohl sitzen werde? fragte sich Mischa und sah sich nach allen Seiten um. Ihm schien, er würde, wenn man ihn jetzt entließe, schon manches Interessante vom Gefängnis zu erzählen haben.
Er bemerkte nicht, wie rasch die Zeit des Spaziergangs verging, und als der pockennarbige Aufseher auf ihn zutrat und sagte: »Bitte in die Zelle!«, rief er erstaunt aus: »Schon?«
Der Aufseher nickte nur. Auf dem Gang teilte er ihm leise mit: »Meine Mutter ist, wissen Sie, im Armenhaus . . .«
Und er senkte schuldbewußt den Kopf.
»Ach was! Nun, das macht nichts!« entgegnete Mischa, der keine passendere Antwort fand, mit einem Lächeln. Dann fiel aufs neue die schwere Zellentür hinter ihm zu; laut und böse dröhnten Schloß und Riegel . . .
So begann denn sein Leben dahinzufließen, Tag für Tag, einförmig, regelmäßig und farblos.
V
Der Appell ist längst zu Ende, und das Gefängnis liegt in schwerem Schlaf. Durch das Guckloch dringen seltsame Laute herein. Irgendwer flüstert im Traum, ein anderer scheint zu phantasieren. Leise schlurren die Schritte des Aufsehers hinter der Tür; die Wache hat heute der Alte mit dem unbeweglichen Blick. Er geht auf dem Gang langsam hin und her und murmelt, während Mischa auf der Pritsche liegt, nachdenkt und hellhörig lauscht.
Der Pockennarbige hat ihm heute während des Spaziergangs seine Geschichte erzählt. Er ist der Sohn eines Offiziers, der seine Mutter, eine Näherin, verführte und sitzenließ, mit einem Foto und dem Kind von ihm als Andenken. Die junge Frau umsorgte vierzehn Jahre lang den Sohn und arbeitete unermüdlich, da sie nichts anderes im Leben hatte als ihn. Sie schickte ihn erst auf die Gemeinde-, dann in die Stadtschule, aber dort zog ein Lehrer den Jungen an den Haaren, und die Mutter, die ihrem Sohn nie ein böses Wort gesagt hatte, holte ihn nach Hause zurück. Später verschaffte sie ihm die Stellung eines Schreibers bei einem Untersuchungsrichter, wobei jedoch auch sie weiterarbeitete – sie nähte, stellte künstliche Blumen her und strickte Strümpfe. Der junge Mann mußte zum Militär, und dort vermochte er, der von der liebenden Mutter erzogene und in sie verliebte Sohn, die Spötteleien des Unteroffiziers nicht zu ertragen und gab dem Vorgesetzten eine Ohrfeige. Er wurde ohne Anrechnung der Dienstzeit für drei Jahre in ein Strafbataillon versetzt, während seine Mutter sich weitermühte und das Los ihres Sohnes beweinte. Nachdem er sieben Jahre als Soldat gedient hatte, kehrte er zerquält und verschüchtert nach Hause zurück und fand seine Mutter beinahe erblindet vor – sie konnte nicht mehr arbeiten und bettelte auf den Treppenstufen vor den Kirchen. Aber auch da noch schenkte sie ihm einen selbstgestrickten Schal, das letzte Werk ihrer müden Finger und ihrer halberblindeten Augen, das letzte Sinnbild ihrer schwachen, ohne Murren für den Sohn aufgeopferten Kräfte. Er konnte mehrere Monate keine Arbeit finden und lebte von den Almosen, die seine Mutter sammelte. Sie erblindete schließlich völlig; er bekam endlich eine Anstellung als Gefängnisaufseher, brachte die blinde alte Frau im Armenhaus unter, und dort strickte sie jetzt Socken für ihn . . .
Was für eine Frau, dachte Mischa, wieviel Liebe, wieviel schlichte, rührende Schönheit!
Er rief sich die verängstigten, verlegenen Augen, die leise Stimme des Pockennarbigen in Erinnerung.
»Was hat denn ihre Arbeit für einen Sinn gehabt, wenn ihr Sohn trotz allem . . .«
»Herr Malinin!« hört er laut flüstern.
Mischa sprang von der Pritsche – das Auge des Gefängnisaufsehers blinkte beunruhigt durch das Guckloch.
»Was reden Sie da?« fragte der Alte.
»Ich? Ich rede doch gar nicht«, entgegnete Mischa verdutzt.
»Aber ich habe es doch gehört!«
»Das muß wohl . . ., das hat nichts zu bedeuten . . .«
»Na also . . . Nehmen Sie sich zusammen!«
Das Auge des Aufsehers verschwand für eine kurze Weile, tauchte dann aber wieder auf, und der Alte begann in warnendem Flüsterton: »Genauso hat hier ein anderer . . . in einem fort mit sich selbst geredet . . ., um ehrlich zu sein – mein Neffe.«
»Nein, wirklich?« fragte Mischa rasch.
»Nun ja, sie haben ihn dann ins Irrenhaus gebracht . . .«
»Ihren Neffen?«
Das Auge des Aufsehers schnellte sonderbar auf und nieder – offenbar nickte er bejahend.
»Und er hat hier gesessen?« erkundigte sich Mischa leise.
»Ja, in Zelle neun.«
»Und Sie haben ihn . . . waren Sie denn damals schon hier?« fuhr Mischa zögernd fort.
»Ich bin seit siebzehn Jahren hier«, entgegnete der alte Mann gelassen.
Mischa blickte in sein trübes Auge, auf seine lange, knorplige Nase und wollte schon fragen: Sie haben also tatsächlich Ihren Neffen genauso bewacht wie mich?
Er fürchtete jedoch, den Alten zu kränken, unterließ es und meinte nur: »Eine lange Zeit . . .«
»Warten Sie mal, ich hole mir einen Stuhl«, flüsterte der Alte und zwinkerte ihm zu, »das Bücken fällt mir schwer, ich bekomme Rückenschmerzen davon . . .«
Er entfernte sich, Mischa stand an der Tür, horchte auf das Schlurfen seiner Schritte und dachte: Wenn der Mensch eine Seele hat, muß die Seele dieses Alten genauso dunkel, verschrumpelt und vertrocknet wie sein Gesicht sein . . .
Der Alte kam zurück, stellte den Stuhl geräuschlos neben die Tür, und wieder erschienen im Guckloch sein Auge und die zottige, graue, hochgewölbte Braue.
»So ist's schon besser«, meinte er. »Schlafen kann ich ja doch nicht – die Knochen tun mir weh . . . Und Sie schlafen ja auch nicht . . ., da können wir uns ein bißchen unterhalten. Nachts kann man das; am Tage ist es nicht möglich, aber nachts – wer erfährt etwas davon? Am Tage verstelle ich mich, als ob ich streng mit euch bin, denn anders geht es nicht, die Obrigkeit verlangt es! In der Nacht aber kann man auch mit euch ein paar Worte reden. Außerdem, was sind Sie schon für ein Verbrecher? Ach! Sie tun mir leid. Da lachen Sie und freuen sich, als hätte man Sie befördert . . ., ja, die Jugend! Sie sollten sich der Obrigkeit lieber fügen . . .«
Das Gespräch wurde Mischa unangenehm. Er beugte sich nervös zur Tür und fragte den Alten: »Was war Ihr Neffe von Beruf?«
Und wieder knisterte die trockene, farblose Stimme durch die Zelle: »Schlosser. Er erschoß einen Ingenieur. Über ihn haben sogar die Zeitungen geschrieben . . ., jawohl! Er selber hat mir aus dieser Zeitung vorgelesen . . ., sie war ihm zufällig in die Hände gefallen, und gerade da stand etwas über ihn drin. Er las es mir vor und lachte . . . geradeso wie Sie! War ein hitziger Bursche. Seine Mutter, also meine Schwester, hat geheult und geheult. Aber Blut läßt sich durch Tränen nicht abwaschen. Da fragte ich manchmal: Nun, Fjodor, wie fühlst du dich hier, im Gefängnis? Er prustete nur . . . Anfangs schwieg er immerfort, er war eben erbittert. Aber später fing er an, mit sich selbst zu reden, und redete sich schließlich ins Irrenhaus . . .«
»Was sagte er denn?« erkundigte sich Mischa leise.
»Ach, allerlei . . ., wer findet sich da zurecht? Sind Sie nicht aus Kaluga?«
»Ja.«
»Na eben! Den Familiennamen kenne ich doch! Es hat da in Kaluga einen Postmeister Malinin gegeben . . .«
»Es war mein Vater.«
»Da! Auch ich bin aus Kaluga . . ., ja doch! Ist Ihr Vater denn gestorben?«
»Ja.«
»Soso . . .! Nun, sterben müssen wir alle!«
Sie sprachen beide im Flüsterton, und ihre Stimmen raschelten in der Stille wie trockenes Herbstlaub. Dumpf stapfte vor dem Fenster, als zähle er die verrinnenden Minuten, der Wachtposten mit gleichmäßigem Schritt auf und ab.
»Ist es hier nicht trübselig für Sie?« wollte Mischa wissen.
»Das ist es für alte Leute überall«, entgegnete die Flüsterstimme hinter der Tür.
»Und . . . hat Ihnen Ihr Neffe, als er hier saß, nicht leid getan?«
»Warum sollte er das, wo er doch einen Menschen auf dem Gewissen hatte? Die Schwester tat mir leid . . . Hat aber einer einen Menschen auf dem Gewissen . . .«
Der Alte hielt plötzlich inne, und sein Gesicht verschwand, als wäre es heruntergerutscht. Mischa blickte zum Guckloch und wartete.
Das Gesicht des Alten tauchte wieder auf neben dem seinen, und er sagte, langsam die schmalen Lippen des großen, von Büscheln grauer Haare umgebenen Mundes bewegend, nickend und, wie es schien, spöttisch:
»Ich habe geschwindelt . . ., der Fedjka tut mir leid . . ., aber er war noch sehr jung . . . und auch er ein braver Bursche. . . .«
Plötzlich zerriß gleich einem Windstoß, der über einem verschlafenen Teich hinfährt, ein wildes, erschütterndes Geheul die Stille des Ganges: »Nicht schlagen . . ., Freunde . . ., erbarmt euch!«
»Was ist das? Was ist denn?« rief Mischa und zuckte zusammen.
»Schsch!« zischte der Alte. »Hat nichts zu sagen! Er schreit im Traum . . ., das tun sie öfter. Hat schließlich jeder so etwas wie ein Gewissen . . . Und nun schlafen Sie! Mit Gott! Legen Sie sich hin! Es hat schon zwölf geschlagen.«
Er stand auf und ging; seine Füße schlurrten über den Fußboden hin, als schleife er etwas Großes, Weiches und sehr Schweres hinter sich her.
Mischa trat auf die Pritsche zu, legte sich hin und heftete die traurigen Augen auf das schmutzige Steingewölbe, das stumm über seinem Kopfe hing.
VI
Mischa war seiner kleinen, wenig bemerkenswerten Vergangenheit gleichsam irgendwohin entrückt, und das Hervorstechendste in ihr, seine »Heldentat«, meldete sich in seiner Erinnerung nicht mehr so oft zu Wort. Er fühlte aus dem sonderbaren Gefängnisleben eine versteckte Anspielung auf etwas heraus, das seinem Bewußtsein zunächst noch unerreichbar war.
Die Gefängnisleitung behandelte ihn mit Nachsicht und einem leichten Spott – offenbar war sie durch Mischas offenes Gesicht, das gutmütige Lächeln der prallen roten Lippen, durch seine frischen Wangen, seine naiven blauen Augen, den wohlklingenden Brustton seiner Stimme und seine kräftige, ein wenig unbeholfene Statur für ihn eingenommen.
»Nun, Herr Malinin, wie gefällt es Ihnen bei uns?« erkundigte sich eines Tages der erste Stellvertreter des Gefängnisdirektors bei ihm.
»Es ist hier, wissen Sie, interessant!« entgegnete Mischa lächelnd.
Der Stellvertretende lachte unfroh, dann senkte sich seine von tiefen Falten durchfurchte Stirnhaut bis an die Augen, und er erklärte: »Ach Sie, Sie bescheidener Beobachter! Ihr Spaziergang wird auf eine halbe Stunde verlängert . . .«
»Danke!« sagte Mischa.
»Keine Ursache!« entgegnete aus irgendeinem Grunde der Mann von der Gefängnisleitung trocken und verließ die Zelle.
Der pockennarbige Aufseher – er hieß Ofizerow – erzählte Mischa folgende Geschichte von ihm. Ihm, den stellvertretenden Gefängnisdirektor, sei eines Tages der Verdacht gekommen, sein Dienstmädchen habe seiner Frau einen Ring gestohlen; er ließ das Mädchen den ganzen Tag und die ganze folgende Nacht foltern, um ein Geständnis von ihr zu erpressen. Er bestellte zwei Häftlinge zu sich, die ihn auf irgendwelche Weise geärgert hatten, befahl ihnen, das Stubenmädchen auszuziehen, nackt an einen Tisch zu binden und zu kitzeln. Wenn sie ohnmächtig wurde, ließ er ihr Wasser geben und sie weiterquälen. Es endete damit, daß der eine Häftling die Folter nicht länger zu ertragen vermochte, die Nerven verlor und das Mädchen in Gegenwart des Vorgesetzten und seines Gefährten in einem wilden Anfall von Sinnesgier vergewaltigen wollte. Er wurde verprügelt und in den Karzer gesperrt; als die Spuren der Schläge nicht mehr zu erkennen waren, brachte man ihn in eine Nervenheilanstalt.
»Das ist alles!« fügte Ofizerow leise hinzu, nachdem er seine Erzählung beendet hatte, blickte sich scheu nach allen Seiten um und verbarg die schüchternen Augen hinter den Wimpern. Mischa empfand, solange er zuhörte, Abscheu gegen den Peiniger, stellte jedoch, als er ihn noch am selben Tage in seiner Zelle wiedersah, zu seiner Verwunderung fest, daß in seiner Seele diesem Menschen gegenüber keine anderen Gefühle vorhanden waren als heftige Neugier und ein leichter Ekel.
Mischa sah aus seinem Fenster, daß außer dem schwarzhaarigen Mann in der dicken Jacke weitere sechs politische Gefangene zum Spaziergang hinausgeführt wurden. Es schienen Arbeiter zu sein; sie waren stämmig, kräftig gewachsen, schlecht gekleidet und blickten streng und finster drein. Wenn ihre Augen auf Mischas Gesicht haften blieben, fühlte er sich aus irgendeinem Grunde unbehaglich und wäre am liebsten vom Fensterbrett gesprungen. Ihre mageren, ausgehungerten Gesichter waren von einem Ausdruck fester Entschlossenheit geprägt. Einige von ihnen lächelten ihm zu und machten ihm irgendwelche Zeichen. Mischa beantwortete beides auf dieselbe Art. Er empfand Interesse für sie und Achtung vor ihnen und bemerkte, daß auch die Kriminalverbrecher sie mit demselben Interesse musterten. Manchmal machten sich die grauen Gestalten der Kriminellen eine Unachtsamkeit des Wachtpostens zunutze, stürzten auf die Politischen zu und erbaten von ihnen eine Zigarette oder zogen sie rasch in ein leises Gespräch.
Gelegentlich stimmten die Kriminellen nach dem Mittagessen im Speiseraum unter Mischas Zelle ein Lied an, und dumpfe, matte Klänge drangen dann durch den Fußboden an sein Ohr. Die Worte konnte Mischa aus dem dichten Stimmengewoge nicht heraushören, und nur einmal verstand er, wie jemand mit: hoher, sehnsuchtsvoller Tenorstimme klagte und sang:
»Meer, du blauendes,
Meer, du stürmisches . . .
Wind, du heulender,
Nicht eben freundlicher . . .«
Häufiger sangen die Häftlinge jedoch irgendwelche fröhlichen, unbekümmerten Lieder, zu denen Pfiffe und wilde Schreie gehörten; diese Lieder erfüllten die Gefängnismauern mit den verwegenen Lauten einer ungestümen Kraft. Mischa schien es dann, das Gefängnis bebe vor Entrüstung, und neue Risse zeigten sich in seinem Mauerwerk, durch die sich unsichtbar, aber beunruhigend tiefe Erbitterung über die Menschen ergoß. Von allen Seiten eilten Aufseher herbei, um diesen aus der Trübsal geborenen Freudenausbruch zu ersticken. Mischa sah, daß sich die Aufseher zu den Kriminellen unterschiedlich verhielten: die Willensschwachen, die sich leicht in alles fügten, verachteten und knechteten sie, während die Kühnen, die ihre menschliche Würde zu behaupten wußten, fast von der gesamten Obrigkeit mit Vorsicht und manchmal sogar freundlich behandelt wurden; nur wenige erlaubten sich, die Macht, die sie über sie besaßen, offen und feindselig unter Beweis zu stellen. Auf die Politischen aber blickten die Aufseher – so jedenfalls schien es Mischa – mit einem lauernden, heimlichen Interesse, aus dem man Mißtrauen und die müde Erwartung von etwas Besonderem, Außerordentlichem herausfühlte.
Eines Tages flüsterte Ofizerow Mischa, den er auf dem Spaziergang begleitete, zu: »In dieser Nacht haben sie weitere drei von den Euren hergebracht.«
»Studenten?«
»Nein, Handwerker.«
»Sagen Sie, Ofizerow, wissen Sie, wofür man sie ins Gefängnis sperrt?« erkundigte sich Mischa.
Der Aufseher überlegte, blickte sich um und erwiderte mit weit geöffneten Augen und einem unterdrückten Seufzer: »Jeder will auf seine Art leben . . ., und da geraten sie eben aneinander!«
Aber dann fügte er nach einem kurzen Schweigen hinzu:
»Sie sind dagegen . . .«
»Wogegen?«
»Gegen alles . . ., sie sind einfach dagegen.«
VII
Fast jede Nacht trat der alte Gefängnisaufseher – er hieß Kornej Danilowitsch – während seiner Wache an die Tür der Zelle und erzählte Mischa mit der Geschwätzigkeit des alten Mannes, das dunkle Gesicht am runden Rahmen des Gucklochs, irgendwelche zusammenhanglose Geschichten. Kornej hatte viel gesehen und viel erlebt, doch die Eindrücke vom Leben hatten sich in seinem Gedächtnis zu einem riesigen Knäuel von Unglück, sinnloser Arbeit, Erniedrigung und irgendwelchen unbewußten Handlungen verwirrt. Diese Handlungen erschienen Mischa manchmal gut und rührten ihn, meistens jedoch waren sie unsinnig und schlecht und stets unerklärlich, zufällig, als hätte der Mensch nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, sondern, gedankenlos und ohne zu murren, immer nur die Befehle eines ihm unbekannten und unverständlichen fremden Willens ausgeführt.
»Das ist . . . so fünfzehn Jahre her«, flüsterte er, das Fischauge unbeweglich auf Mischas Gesicht gerichtet, »da sah ich, er wurde nachdenklich . . ., mein Sohn nämlich, der Alexej. In die Kirche ging er nicht mehr, in die Kneipe auch nicht. Ich beobachtete ihn . . ., und was war? Er hatte sich mit den Stundisten eingelassen . . ., nun ja . . . Als erstes schimpfte ich ihn aus – paß auf, dir werde ich's zeigen, sagte ich. Er ließ sich jedoch nicht davon abbringen. Da beklagte ich mich beim Geistlichen. Nun, er kam also vom Geistlichen zurück, und ich merkte schon, er war so richtig verärgert. Ich machte mich über ihn lustig: ›Was ist, hat er es dir gegeben?‹ Hier stieß er ein böses Schimpfwort gegen den Geistlichen aus, Gott verzeih ihm! Ich sagte: ›Ach du, daß dich der und jener, was nimmst du dir heraus?‹ Da putzte er auch mich herunter. Nun ja, ich geriet in Wut und warf ihm einen Topf mit Grütze an den Kopf. Hab ihm die Schnauze zerschlagen. Und er ging auf und davon. Seither ist er spurlos verschwunden . . ., alles aus . . . Da sieht man, was ihr Jungen für Dickköpfe seid . . ., hm – ja . . .«
»Jetzt tut es Ihnen wohl leid?« erkundigte sich Mischa leise.
Der Alte antwortete nicht gleich. Er schwieg, hüstelte und murmelte einige Sekunden vor sich hin; erst dann entgegnete er gelassen: »Manchmal schon. Alle tun mir leid. Kommt vor, sogar ein Mörder! Es mordet schließlich nicht jeder unbedacht, hat manchmal auch seine Gründe. Bei manchem sollte man sich vielleicht sogar bedanken . . . Beim Henker, zum Beispiel, Er tötet ja nicht zum Spaß, sondern zum Nutzen der Allgemeinheit. Und einen Unmenschen zu töten ist keine Sünde, aber glauben Sie etwa, daß es dem Henker leichtfällt?«
Mischa neigte sich rasch zum Guckloch vor; er wollte wissen, was das Gesicht des Mannes in diesem Augenblick ausdrückte, der, unerfindlich warum, den eigenen Sohn verstoßen hatte und dabei fähig war, einen Henker zu bemitleiden. Doch das Gesicht glich wie immer einem von Rissen durchzogenen Stein; die Augen blinkten wie zwei trübe Glasscherben.
»Weshalb starren Sie mich so an?« fragte der Alte.
»Ach . . . das hat weiter nichts zu bedeuten«, entgegnete Mischa leise. »Sagen Sie, warum hat es Ihnen mißfallen, daß Ihr Sohn Bekanntschaften mit Stundisten unterhielt?«
»Weil man sich von diesen Stundisten erzählte, daß sie ein schlechtes Volk sind. Aber dann haben hier, so vor drei Jahren, viere von ihnen gesessen . . ., und nichts zu sagen, alles sehr ordentliche Kerle. Alle konnten lesen und schreiben, an ihrer Führung ließ sich nichts aussetzen. Waren angenehme Gefangene . . . Ich habe mich bei ihnen nach Alexej erkundigt; ›den kennen wir nicht‹, sagten sie. ›Wir sind zu viele.‹ Das wird wohl auch stimmen – es sitzen hier öfter welche von ihnen.«
Er machte eine Pause und fuhr fort:
»Die Verbrecher werden neuerdings immer mehr. Früher gab es bei uns nur Diebe, Räuber und Mörder . . ., heute sind die Studenten, die Arbeiter, die Politischen, die Stundisten und allerlei andere dazugekommen. Die sittliche Ordnung verfällt!«
»Das sollten Sie aber nicht sagen!« begann Mischa hastig und voller Leidenschaft. »Sie wollen nur das Leben ändern, es besser machen, und zwar für alle . . .«
Hinter der Tür erklang ein leises, trockenes Lachen; dann räusperte sich der Alte und sagte: »Das kenne ich . . ., ja! So haben viele geredet . . .«
Er erhob sich und ging, offenbar unzufrieden und sogar verärgert davon.
Und eines Tages erzählte er folgende Geschichte:
»Ich habe ein weiches Herz . . ., ich kann die Menschen verstehen! Da saß bei mir im Gang ein ausgebrochener Zuchthäusler. Ein Bild von einem Mann, ein hünenhafter, liebenswürdiger Bursche . . . War zwar ein Bauer, konnte aber lächeln wie so ein richtiger Herr . . . Da lächelte er einen manchmal an, und man war außerstande, ihm etwas abzuschlagen. ›Danylitsch!‹ sagte er, ›besorg mir ein bißchen Tabak!‹ Und ich beschaffte ihm welchen. Nun, eines Tages stibitzte er irgendwo ein Messer, stellte daraus eine kleine Säge her, brachte ein Stück Speck beiseite und machte sich daran, das Fenstergitter zu bearbeiten. Ich merkte es sofort . . ., und er tat mir schrecklich leid. Ach, dachte ich bei mir, das wird dir nie gelingen, mein Bester! Aber ich störte ihn nicht, soll er sich unterhalten, sagte ich mir, wenigstens langweilt er sich nicht mehr so! Er mühte sich eine ziemliche Zeit damit ab . . ., es werden drei Wochen gewesen sein. Und ich beobachtete ihn. Freu dich nur, von mir aus . . .«
Kornej Danylitsch brach in ein gutmütiges Lachen aus.
»Nun ja, und als er die Arbeit dann beendet hatte, meldete ich's der Obrigkeit . . .«
»Aber weshalb denn?« rief Mischa aus.
»Was sollte ich anderes tun?« fragte der Alte.
»Sie hätten es ihm selber sagen sollen, diesem Zuchthäusler!«
»Komischer Kauz!« spottete Kornej. »Und das Gitter? Es war doch durchgesägt!«
»Sie hätten es gleich damals sagen können, als er damit anfing!«
»Hm . . ., meinen Sie? Ja, das hätte ich allerdings können . . . Aber so, wie ich es gemacht habe, war es schon besser – der Mann hat wenigstens seine Beschäftigung gehabt.«
»Aber er ist doch dafür bestraft worden?«
»Ja, was denn sonst? Ohne das geht's nicht.«
»Und schwer?«
»Das weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall hat er einen Monat im Karzer gesessen . . ., und vor Gericht haben sie ihm, wenn ich nicht irre, auch noch was aufgebrummt . . ., genau kann ich mich nicht erinnern.«
»Was für ein Blödsinn!«
Das dunkle Gesicht des Alten schaukelte hinter dem Guckloch hin und her, und er entgegnete langsam, schwer zu sagen, ob seufzend oder gähnend: »Hm-ja . . . das Leben ist nun mal nicht zu ändern!«
Mit solchen Gesprächen verbrachten der Alte und der junge Mann ganze Stunden, der eine gleichgültig und kalt, der andere befremdet und von ohnmächtiger Entrüstung erfüllt. Zwischen ihnen befand sich die dicke, mit rostigem Eisen beschlagene Tür, und durch die kleine Öffnung darin überschüttete der schlaflose, geschwätzige Gefängnisbewohner die Seele des Jünglings mit dem finsteren Wust seiner Erinnerungen. Mischa fühlte, wie in seinem Innern allmählich etwas Schweres, Dunkles aufkeimte.
Eines Tages fragte er Ofizerow: »Sagen Sie, gefällt es Ihnen hier?«
»Wär nicht das Prügeln – es ginge . . .«, entgegnete der Pockennarbige mit seiner leisen, weichen Stimme.
»Man schlägt Sie? Ja, wer denn?«
»Mich schlägt man selten . . . Ich spreche im allgemeinen, von allen! Die Häftlinge prügeln sich untereinander . . ., und schrecklich. Und auch die Aufseher schlagen auf sie ein . . ., sie schlagen nicht jeden . . ., es gibt welche, die man nicht schlagen kann! Aber die, die man schlagen kann – die um so unbarmherziger!«
Er zuckte ängstlich mit den Schultern, blickte sich um und fuhr, die schönen Augen weit offen, fort: »Ich kann das nicht mit ansehen.«
Sie standen hinter der Ecke eines Gefängnisturmes, neben einem Haufen Kehricht, Steinschutt und irgendwelcher Holzabfälle. Über ihnen zogen langsam und majestätisch die Wolken dahin, der Wind trug aus der Stadt vereinzelte, abgerissene Laute herbei.
»Entschuldigen Sie«, begann Ofizerow in erregtem Flüsterton, wobei er rasch hintereinander mit den Augen zwinkerte, als schaute er in etwas blendend Helles, »entschuldigen Sie, es kommt vielleicht nur von meiner großen Dummheit . . .«
»Worum handelt es sich denn?« fragte rasch, erregt und mit gedämpfter Stimme, der Student.
Ofizerow trat näher an ihn heran und sagte mit bebender Stimme: »Es handelt sich um Gott . . . Glauben Sie an Gott?«
Mischa senkte den Kopf und erwiderte nach einigem Schweigen mit leiser Stimme: »Ich . . . weiß es nicht . . .«
»Ich weiß es auch nicht!« fiel der Gefängnisaufseher hastig ein. »Ich denke sehr viel über ihn nach . . . Warum herrscht, wenn es ihn wirklich gibt, überall so viel Schreckliches? Und so viel Grausamkeit? Sie sind ein gebildeter Mensch . . . Weshalb dieses Schreckliche, weshalb all diese Grausamkeit?«
In seine Augen traten große trübe Tränen, er schüttelte sie mit einer Kopfbewegung ab und ging, ohne sich umzusehen, rasch davon.
VIII
Mischa schritt erregt in seiner Zelle auf und ab, und in das Halbdunkel, das ihn umgab, drang ein leises, klägliches Lied, das sich in dünnem Strahl durch die Lüftungsklappe ergoß, ein unschönes Lied, das an das ferne Heulen eines hungrigen Wolfes erinnerte: »A-a-ah! O-o-oh! Eh-oh . . .«
Und alles, was der junge Mann in der letzten Zeit erlebt hatte, stieg nach und nach, durch dieses eintönige Stöhnen heraufbeschworen, hartnäckig und eigensinnig in der Erinnerung vor ihm auf, gleichsam eine Erklärung von ihm verlangend
Seine »Heldentat« kam ihm jetzt glanzlos und schlecht verständlich vor wie ein altes, mit Staub und Ruß bedecktes Bild; und sich selbst sah er nun als komischen, albern mit den Händen fuchtelnden Studenten inmitten einer Schar durch ihre Ohnmacht, durch die Leichtigkeit beschämter Menschen, mit der sie von einer stumpfsinnigen, mechanischen, aber organisierten Kraft besiegt worden waren. Die müden, bösen, unbeteiligten Gesichter der Polizisten, die verächtliche Grimasse des Offiziers, dem Mischa seine Worte ins Gesicht geschrien hatte, der Revieraufseher mit dem schmerzenden Zahn – all das tauchte als Alptraum in der Erinnerung vor ihm auf und lastete auf seinem Hirn.
Wahrscheinlich schämten sie sich, daß wir so hilflos vor ihnen dastanden, dachte Mischa, sah aber gleich ein, daß diese schnurrbärtigen finsteren Landsknechte, die es gewohnt, die darauf gedrillt waren, Menschen wie Vieh zu behandeln, gar nicht die Fähigkeit besaßen, sich zu schämen, und nichts zu empfinden vermochten als die physische Gewalt, die sie versklavt hatte und nach Belieben hin und her schob. Er mußte an den Droschkenkutscher denken – wie erschrocken er an der Pferdeleine zog, als der Revieraufseher ihn anschnauzte. Dann hörte er die gleichgültige Stimme des Mannes vor dem Revier, der von den Menschen sprach wie von Holzklötzen oder Ziegelsteinen. Er erinnerte sich an Ofizerows Mutter, die keine Einwände erhob, als man ihrem Sohn einen Familiennamen gab, der auf den Stand des Vaters hinwies, obwohl sie doch wissen mußte, daß er die Ursache boshafter, kränkender Spötteleien über ihren Sohn bilden würde. Mag sein, daß Ofizerow nur darum die drei Jahre im Strafbataillon verbracht hatte. Er mußte an das Stubenmädchen des stellvertretenden Gefängnisdirektors denken, das die Schmach, die man ihr angetan hatte, für zehn Rubel verzieh . . . Dieser Ofizerow, der für sein ganzes Leben durch die Grausamkeit der Menschen verschüchtert war . . ., dieses sinnlose Mitleid des alten Kornej, der sich widerspruchslos einem fremden Willen fügte und den Leuten seit achtzehn Jahren immer dasselbe stumpfsinnige: Das ist verboten! entgegenhielt, ohne sich je zu fragen: Warum eigentlich?
Selbst im Traum noch sahen und fühlten die Menschen, daß man sie schlug, und schrien – von Grauen erfaßt – entsetzt auf: »Nicht schlagen! Erbarmt euch!«
Mischa blieb mitten in der Zelle stehen; das widerwärtige Gefühl einer irgendwie klebrigen, zähen Wehmut erfüllte seine Brust. Vor dem Fenster wogte es trübselig fort: »A‑ah, oh . . .«
Mischa schien, diese Trübsal, dieser Schmerz, diese bittere Scham über die Menschen woge und stöhne in ihm, in seiner eigenen Brust.
»Hören Sie zu«, drang ein leises Flüstern in seine Zelle. Mischa trat beinah freudig an die Tür; durch das Guckloch blitzten ihn freundlich die schönen Augen Ofizerows an.
»Was haben Sie?« fragte Mischa.
»Sie schlafen nicht?«
»Nein.«
»Im Gefängnis schlafen sehr viele schlecht. Hören Sie sich ein paar Verse an . . ., wenn es Sie interessiert . . .«
»Bitte! Sprechen Sie!«
»Nur glaube ich, es sind verbotene . . . Sie waren im Turm im zweiten Stock mit Bleistift an die Wand geschrieben.«
Ofizerows Augen verschwanden für kurze Zeit aus der kreisförmigen Öffnung in der Tür, dann tauchten darin statt ihrer seine Lippen auf, und ein leises, geheimnisvolles Flüstern, durchdrungen von Furcht und tiefempfundener Traurigkeit, erfüllten den Raum:
»Lebte einst ein Mann, der war
Nur der Wahrheit Freund und Diener,
Und um dieser Freundschaft willen
Hatt' ihn niemand, niemand lieb . . .
Alle sprachen über ihn
Nur mit Haß und voller Schrecken,
Und der Mann fand nirgends Zuflucht,
Nirgends ein Asyl für sich . . .
Einsam und für alle fremd,
Starb er still in seiner Zelle,
Niemand gab ihm das Geleit
Bis zum Friedhof, bis zum Grabe . . .
Niemand kennt das Grab des treuen
Freundes der verfolgten Wahrheit,
Nur mein Herz weiß das Geheimnis,
Doch es wahrt es, und es schweigt . . .«
In der runden Öffnung der alten, eisenbeschlagenen Tür bewegte sich etwas Dunkles, Weiches, Lebendiges, das wehmütig zitternde, leise Worte gebar. Mischa stand mit weit geöffneten Augen und vorgeneigtem Kopf lauschend daneben, und ihm schien, das Holz der Tür selber habe, gesättigt von den schweren Seufzern, der vielen Trübsal und den einsamen Gedanken der Menschen, das menschliche Leid in eine traurige Legende verwandelt und raune sie ihm jetzt geheimnisvoll zu. Und dieser Legende sekundierte, kaum hörbar seufzend in der Dunkelheit vor dem Fenster, das endlose stöhnende Lied.
Im Guckloch verschob sich etwas, dann blitzten wieder mit warmem Leuchten die lächelnden Augen Ofizerows in ihm auf.
»Hat es Ihnen gefallen?« flüsterte er.
Mischa hatte eine trockene Kehle, seine Brust rang nach Luft. Er blickte unverwandt in die schönen Augen, und plötzlich schien ihm, diese Verse müsse der Gefängnisaufseher selber verfaßt haben, bestimmt er selber! Er entgegnete erst nach einer Pause und mit leiser Stimme: »Ja . . . Und warum glauben Sie, daß es verbotene Verse sind?«
»Wie wäre es anders möglich . . ., es sind doch Verse von der Wahrheit!«
»Schreiben Sie vielleicht selber welche?«
»Ich?« fragte Ofizerow verwundert. »Nein . . ., wie könnte ich das? Ich habe nur ein Gebet für mich erfunden – damals, als ich Soldat war . . .«
»Und was für eins? Sagen Sie es her!«
Einige Sekunden Stille, dann ging aufs neue ein Raunen von schlichten, innig gesprochenen Worten durch die Gefängniszelle: »Herrgott im Himmel! Warum ist so viel Grausamkeit und Bosheit unter den Menschen? Mein Gott – warum?«
Diese Frage stieß Mischa weich, aber doch fühlbar vor die Brust, umfing und überwältigte ihn. Er trat geräuschlos einen Schritt zurück, setzte sich auf den Pritschenrand und starrte, den Rücken fest an die Ofenecke gedrückt, zur Tür, als warte er auf etwas.
Ofizerow aber fuhr ruhig fort: »Es war ziemlich lang . . ., und ich habe es längst vergessen . . . Wissen Sie, ich liebe Verse . . ., weil sie so ganz anders sind als alles, was die Menschen sonst reden . . .«
Mischa sah, daß die Augen des Gefängnisaufsehers ihn aufmerksam betrachteten; er hörte das Rascheln hinter der Tür und die eintönig verzagten Laute des Liedes vor dem Fenster. Der Ofen wärmte seinen Rücken, in seiner Brust aber war es eng und kalt.
»Ist Ihnen nicht wohl?« erkundigte sich der Aufseher. »Es ist ein so schlimmes Wetter . . .«
»Nein, nein, das macht mir nichts aus . . .«, erwiderte Mischa dumpf.
Ihm schien, in der Zelle sei es stickig, die Luft darin sonderbar gesättigt von dem schwermütigen, warmherzigen Flüstern, und es lasse sich kaum in ihr atmen.
»Strecken Sie sich aus«, riet Ofizerow. »Es wird Zeit, daß Sie sich schlafen legen.«
Und er fügte überraschend hinzu: »Neben Ihnen haben sie noch einen eingesperrt . . .«
Mischa gab keine Antwort. Ofizerows Augen blitzten auf und verschwanden.
An ihrer Stelle blieb nur die kleine runde Öffnung in der Türmitte übrig, durch die man ein lebloses, graues, von einem gleichmäßigen, unbeweglichen Licht erhelltes Stück Wand sah. Mischa blickte mit schmerzlich gerunzelter Stirn zu ihm hin und wiederholte leise die Verse:
»Und der Mann fand nirgends Zuflucht,
Nirgends ein Asyl für sich . . .«
Vor dem Fenster zitterte und wand sich kaum hörbar das Lied dahin, als irre es durch die Dunkelheit. Als könne der, der es angefangen hatte, nicht mehr aufhören, als habe er sich willenlos in seine Gewalt begeben und verströme in dieser monotonen Klage sein Herz.
Und schließlich traf ein unerklärliches, abgehacktes Klopfen Mischas Ohr . . ., es war, als gingen irgendwo ein paar Regentropfen nieder.
IX
Malinin stieg rasch auf das Fensterbrett, drückte den Kopf an das eiserne Gitter, klopfte leise an die Wand und überlegte, von tiefer Unruhe erfüllt.
Draußen schmiegte sich tiefe nächtliche Finsternis an die Fensterscheiben und starrte schweigend in sein blasses, abgemagertes Gesicht. Vereinzelte trockene Schneeflocken, die sich für einen Augenblick aus dem Dunkel lösten, raschelten traurig über die Scheiben hin und verschwanden, versanken in der Finsternis.
In Mischas Gedächtnis klang deutlich die schüchterne Klage fort: »Herrgott im Himmel! Warum so viel Grausamkeit und Bosheit unter den Menschen? Mein Gott – warum?«
Fröhlich grienend, standen ihm die beiden »Einbrecher« aus Wjasma vor Augen; er erinnerte sich Jakow Ussows, der so fest von seinem Recht zu töten überzeugt war.
Und irgendwoher tauchten – gleich Lichtern in nächtlicher Finsternis – einsam und unerschrocken strenge, willensstarke Männer auf. Sie schritten an der Gefängnismauer auf und ab, »waren dagegen« und hingen, ohne sich stören zu lassen, ihrem großen, das ganze Leben umfassenden Gedanken nach.
Mischa sprang schwerfällig vom Fensterbrett und lief in der Zelle hin und her.
Hinter der Tür schwebte in der unbeweglichen Stille des Ganges langsam ein seltsamer Laut, der an das Sieden von Wasser erinnerte. Mischa blieb stehen und lauschte . . . In der Zelle gegenüber phantasierte jemand, jemand murmelte, sich überstürzend, hastig undeutliche Worte, und auch in diesen Worten klang eine Klage. Am Ende des Ganges unterhielten sich leise die Aufseher.
»Das war alles!« hörte Mischa einen nachdenklichen Ausruf Ofizerows.
Wieder vernahm er in seiner Zelle ein sonderbares Klopfen: einige rasche, durch ungleichmäßige Pausen getrennte Anschläge. Mischa sah sich mißmutig um; über den Fußboden huschte geräuschlos eine Maus – als rolle ein kleiner Wollknäuel über ihn hin – und verschwand unter der Pritsche. Und beharrlich erklang ein weiteres Mal das nervöse Klopfen. Mischa erriet, worum es sich handelte, zuckte zusammen, drückte aus irgendeinem Grunde die Hand fest an die Wand und fuhr auf dem rauhen Putz hin und her, als versuche er, das Klopfen anzufangen.
Ihm schien, die Zeichen entstünden an einer bestimmten Stelle; er kniete nieder, machte aus irgendeinem Grunde ein finsteres Gesicht, hob die Hand und . . . ließ sie ärgerlich sinken, hob sie erneut und trommelte sinnlos mit den Fingernägeln an die Wand. Dann horchte er; alles blieb still.
Er sprang auf, stürzte zur Tür, rief, die Lippen am Guckloch, erregt flehend, aber mit leiser Stimme: »Ofizerow! Aufseher!«
Und als Ofizerow an der Tür erschien, flüsterte ihm Mischa hastig und nervös zu: »Hören Sie, mein Lieber! Er klopft . . .«
»Der Nachbar?«
»Sagen Sie ihm . . ., flüstern Sie ihm zu – ich verstehe das nicht!«
»Ich fürchte mich . . .«
»Schon gut! Wir werden vorsichtig sein . . .«
»Wenn man davon erfährt, werden sie mich . . .«
»Nicht doch! Sagen Sie ihm, er soll mir das Alphabet . . ., ich kenne es nicht . . .«
Ofizerow fuhr von der Tür zurück, und aus dem Gang drang sein ergebenes Flüstern: »Also gut . . ., ich sage es ihm!«
Und er ging. Dann erschien er wieder, seine traurigen Augen blitzten, und er flüsterte: »Passen Sie auf . . .«
Mischa stürzte, ohne ein Wort zu erwidern, zur Wand, blieb mit angespannter Aufmerksamkeit vor ihr stehen und erstarrte, lächelnd, ganz erfaßt von dem zitternden Wunsch zu sprechen, sich mitteilen zu lernen!
Er verharrte, den Mund ein wenig geöffnet, vor der schweren grauen Fläche und blickte, bereit, sich vor ihr zu verneigen, mit gierig funkelnden Augen zu ihr hin.
Aus der Wand kamen, deutlich voneinander getrennt, leise, aber sichere Klopfzeichen auf ihn zu, eigensinnige, trockene Laute in Stein, und die Finger von Mischas rechter Hand zuckten unwillkürlich und wiederholten sie gehorsam.
Einige Tage danach stand Mischa, in eine Decke gehüllt, auf dem Fensterbrett, mit der Schulter an den Fensterpfosten gelehnt, und betrachtete mit gerunzelten Brauen die launenhaften Gebilde der Eisblumen an den Scheiben.
Hinter der Gefängnismauer ging am kalten Winterhimmel unsichtbar die Sonne auf; die grauen, trübseligen Wolken wurden heller und durchsichtiger. Es hatte geschneit; der Schnee lag als dünne Schicht auf der Erde, und der dunkle, gefrorene Schlamm durchbrach sein Weiß und starrte finster zum Himmel.
Mischa, der vor Kälte erschauerte, rief sich die trockenen, deutlichen Laute in Erinnerung, die ihm in dieser Nacht die alte, von Rissen durchzogene Wand seiner Zelle vermittelt hatte, und formte sie in Worte und Gedanken um.
Das Leben ist hart und erbarmungslos. Das Leben ist das Ringen der Geknechteten um ihre Freiheit und der Herren um ihre Macht, und es kann nicht weich und ruhig, nicht gut und schön sein, solange es Herren und Knechte gibt!
Was mag er für eine Stimme haben? dachte Mischa von seinem Nachbarn. Er entsann sich seiner mageren, schmalen Gestalt und entschied, seine Stimme müsse hoch, scharf und unangenehm sein, völlig bar jeder klangvollen Brusttöne, die in den Stimmen der Gutmütigen, der Weichherzigen schwingen. Und Mischa schielte nicht eben freundlich zu der Wand hinüber, hinter der dieser Mann, der an eine hell brennende Kerze in einer schmutzigen Laterne erinnerte, vermutlich schon schlief.
Im Gedächtnis des Studenten tauchten beständig die gleichmäßigen, strengen Reihen seiner unerschrockenen festen, eiskalten Worte auf, die sich zu kraftvollen Gedanken zusammenfügten.
Das Leben wird weder gerecht noch schön sein, solange seine Herren durch ihre Macht und die Knechte durch ihre Unterwürfigkeit verdorben werden. Das Leben wird voller Schrecken und Grausamkeiten bleiben, bis die Menschen begreifen, daß es gleichermaßen schädlich und schändlich ist, Knecht wie Herr zu sein.
Die Morgenkälte preßte Mischas Körper in ihre rauhe Umarmung. Rasch hintereinander mit seinen von der schlaflosen Nacht geröteten Augen zwinkernd, betrachtete Mischa die Eisblumen am Fenster und blickte sich hin und wieder zur Wand um, mit einem unguten Gefühl, das er nicht bemerken wollte, aber unwillkürlich bemerkte. In diesen wenigen Nächten hatte die Wand neben ihm seine Seele mit einer unübersehbaren Zahl von raschen, nervösen, selbstsicheren Klopfzeichen angefüllt, und jetzt, da er sie in Gedanken umsetzte, fühlte er, wie sich sein Herz mit ebensolchen Eisblumen bedeckte wie die Scheiben des Fensters.
Und zugleich glomm tief in seinem Inneren der wohltuende, erwärmende Gedanke auf: All das ist willkürlich und ungerecht . . . Kann man die Menschen denn in zwei feindliche Lager teilen? Und ich zum Beispiel? Ich bin, im Grunde genommen, doch weder Herr noch Knecht!
Aber kaum war dieser kleine, hinterlistige Gedanke wie ein Funke in seiner Seele aufgeblitzt, mußte er das Feld sogleich den anderen, den großen, harten, unerbittlichen Gedanken räumen. Sie stellten ihm die eiserne Forderung, lange, schwer und unauffällig zu arbeiten, die Forderung nach einer großen, von unerschütterlicher Tapferkeit und ruhiger Abfindung mit der einfachen, bescheidenen Rolle eines Handlangers verbundenen Arbeit, die das Leben durch das Feuer des Verstandes und des Herzens von dem faulen, morschen, häßlichen Plunder der Vorurteile und Voreingenommenheit des Autoritätsglaubens und der Gewöhnung reinigt.
Kann ich das? fragte sich Mischa und zuckte innerlich zusammen.
Und im gleichen Augenblick erkannte er voller Scham, daß er die Frage, von einer unbestimmten Furcht bewegt, mit Vorsatz anders gestellt hatte, als sie gestellt werden mußte.
Da faßte er sie ehrlicher und fragte sich: Will ich das?
Ein kalter, trüber Wintertag brach an. Das Gefängnis erwachte: laut rasselten auf dem Gang die eisernen Schlösser, die verrosteten Türangeln kreischten und klagten, rauh hallten die barschen Zurufe der Aufseher, dazwischen hörte man die bald verschüchterten und dumpfen, bald kühnen und gereizten Stimmen der Häftlinge.
In Mischas Erinnerung stiegen die stolzen Worte des Nachbarn auf, die durch die alten Steine der Gefängniswand den Weg zu ihm gefunden hatten.
Für den, der seinen Verstand aus dem Kerker der Vorurteile befreit hat, gibt es kein Gefängnis, zwingen wir doch die Steine – wie jetzt und hier – zu reden, und die Steine sprechen für uns.
Vor dem Fenster ging an der Gefängnismauer, kräftig die gefrorene Erde stampfend, nachdenklich der Wachtposten auf und ab; auf der Mauer saß eine Krähe; sie folgte ihm, den Kopf zur Seite geneigt, neugierig mit ihren runden schwarzen Augen.
Ende