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Ein Verbrechen  (Maxim Gorki)

Aus ProleWiki


Ein Verbrechen
Autor*inMaxim Gorki
Verfasst in1905
VerlagAlbert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München
Quellehttps://projekt-gutenberg.org/authors/maxim-gorki/books/ein-verbrechen/chapter/1/


Ein Verbrechen

Kleine Bibliothek Langen

Band 53

Deutsch von Korfiz Holm

Viertes bis sechstes Tausend

Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München

1905

Erstes Kapitel

Und eines schönen Tages, beim Mittag, sagte die Mutter zu Wanjuschka Kusin:

»Wanja, du solltest fort, in die Stadt.«

Wanjuschka sagte nichts, er schälte eine heiße Kartoffel, blies sich geräuschvoll auf die Finger, formte seine Lippen zum Trichter und hob und senkte ärgerlich die Brauen.

Die Mutter sah ihm in sein rundes, jugendliches Gesicht, seufzte und sagte noch einmal, mit gedämpfterer Stimme:

»Du solltest fort, wirklich . . .«

»Und dann?« fragte Wanjuschka und ließ die Kartoffel aus einer Hand in die andere wandern.

»Ja, nimm halt dein Beil und geh . . .«

»Da giebt's genug solche, wie ich einer bin, mit Beilen . . .«

»Na, dann nimmst du die Schaufel . . . Jetzt wird ja bald das Eis in die Keller geführt . . . Hier kannst du Holz hacken, dort bekommst du was anderes . . . Weißt du, und so kannst du dich so durchfüttern. Geh doch nur, Wanja . . .

Wanjuschka hatte große Lust, in die Stadt zu gehen, aber er antwortete der alten Frau mit keiner Silbe. In den zwei Wochen, seit sein Vater tot war, hatte Wanjka sich als durchaus unabhängiger Mann fühlen gelernt. Auf dem Leichenschmaus für den Vater hatte er zum erstenmal Branntwein getrunken, ohne daß ihm einer dafür was gethan hätte, und seitdem ging er im Dorf herum, die Brust heraus, die Brauen wichtig und sorgenvoll hinaufgezogen, und redete mit seiner Mutter in der kurzen, abgehackten Art, die er von seinem Vater her kannte . . .

Nach dem Mittag machte sich die alte Frau daran, ihren Pelz zu flicken, und Wanjuschka kroch auf den Ofen, räkelte sich ein halbes Stündchen und fragte schließlich seine Mutter:

»Wieviel Geld hast du?«

»Einen Rubel sechzig . . .«

»Gieb mir die sechzig . . .«

»Wozu hast du sie nötig?«

»Auf die Reise.«

»Du gehst fort?«

»Ich werd' wohl . . .«

»Na also . . . Geh nur, Wanjka . . . Und wann willst du?«

»Morgen.«

Bei Tagesanbruch segnete die Mutter ihn mit dem kupfergefaßten Heiligenbild des Gottesmannes Nikolai.

Wanjuschka verneigte sich träge, schob sein Beil in den Gürtel, zog sich die Mütze über die Ohren, klopfte sich mit den Händen, die in großen Fausthandschuhen steckten, auf die Schenkel und sagte:

»Also marsch! Adjes . . .«

»Behüt' dich Gott, Wanja! Nimm dich nur in acht vor den Stadtleuten . . . Sieh dich vor mit ihnen – sie sind schlau. Und trink mir keinen Schnaps . . . Sieh dich vor!«

»Schon gut,« sagte Wanja, schob die Mütze flott auf ein Ohr und trat auf die Straße.

Es war noch dunkel. Er war noch keine zehn Schritte von der Hütte entfernt, aber als er sich jetzt auf den Ruf der Mutter, die in der Thür stand, wendete, konnte er sie in der Finsternis nicht mehr sehen. Er vernahm nur ihre Worte, die in der Stille der Nacht seltsam laut klangen.

»Der Schnaps kann einen hin machen, Wanja . . . Und mit den Weibsbildern in der Stadt sieh dich vor . . . Da kriegt eins eine schlechte Krankheit, wie nichts . . .«

»Adjes!« rief Wanjuschka.

Und da auf einmal wurde ihm weh ums Herz, weil er fort mußte von der Mutter, aus seinem Dorf, seiner baufälligen Hütte. Er blieb stehen und horchte . . . Aber es lag schon wieder alles still, – die Mutter war hineingegangen. Er seufzte, dann schritt er der regungslosen, lautlosen Dunkelheit entgegen, in der noch keine Ahnung der Dämmerung war . . .

Als er über die Felder ging, dachte er darüber nach, daß es ihm in der Stadt vielleicht glücken und er ein hübsches Stück Geld verdienen könnte, und wie er dann im Frühjahr nach Hause kommen und Wassilissa Schamoff heiraten würde. Und er sah Wassilissa vor sich, rund, stark, sauber . . . Aber vielleicht würde er auch eine Stelle als Hausknecht bei einem tüchtig reichen Kaufmann finden und dann natürlich nicht Wassilissa heiraten, sondern irgend ein Mädel aus der Stadt. So ging er dahin, und hinter ihm entbrannte der Himmel, die dichten Schatten ringsum schwanden mählich, und auf den Schnee legten sich blaßgelbe Strahlen der Wintersonne. Der Schnee unter seinen Füßen knirschte lustiger und lauter, und Wanjuschka stimmte ein Lied an. Drei Zwanziger klingelten in seiner Hosentasche, und durch seinen Kopf schwammen langsam unter den Klängen des Liedes Zukunftsgedanken und Zukunftsträume.

Es ging sich gut, der Schnee auf der Straße lag glatt und ballte sich nicht unter den Füßen, die Frostluft floß tief in die Brust hinein und erfüllte sie mit einem munteren Gefühl, und die blaue Ferne lag schön und freundlich und lockte und winkte. Die paar Leute, die ihm hie und da entgegenkamen, sahen Iwan mit freundlichen, guten Augen an. Reif hängte sich an Wanjuschkas noch kaum bemerkbaren Schnurrbart, und der junge Bursche stülpte seine Oberlippe vor und schielte vergnügt auf sie hinunter – sein Schnurrbart deuchte ihn lang und schön . . . Ein großer, kohlschwarzer Rabe spazierte seitwärts vom Wege gravitätisch durch den Schnee. Wanjuschka pfiff. Aber der dunkele Vogel blinzelte nur mit einem Auge zu ihm hinüber und kam watschelnd noch näher an die Straße heran. Da schlug Iwan die Fausthandschuhe zusammen, daß es wie ein Schuß klang, aber auch dies jagte dem Vogel keinen Schrecken ein . . .

»Der Teufel!« brummelte Kusin und schritt schneller aus.

Um Mittag, als er schon mehr als die Hälfte des Weges hinter sich hatte, sprang auf dem Felde ein Schneetreiben auf. Bald hier, bald da stoben von den Schneewehen leichte, durchsichtige Wölkchen in die Höh' und flogen dahin, sie begegneten sich und überschütteten einen mit kaltem, weißem Staub. Manchmal stieg direkt vor Iwans Füßen eine Flockenherde auf, als wollte sie den Burschen am Weitergehen hindern; und dann stieß ihn wieder der Wind in den Rücken, als wollte er ihn vorwärts dringen. Die Ferne verschwand in dunkelen Wolken, der Wind sauste und fuhr über die Erde und verwehte die Spuren, er flog die Straße entlang und ließ ein gedehntes, trauriges Heulen hören. Die Menschen und die Pferde, die ihm entgegenkamen, tauchten auf und verschwanden, wie Steine im Wasser. Wanjuschka machte die Augen zu und ging in der Dunkelheit, durch das Tosen und den schwermütigen Sang des Schneesturms, in seinen Hüften fühlte er ein Reißen, seine Sohlen wurden schwer . . . Stolpernd ballte er den Schnee mit seinen Füßen und dachte wütend an seine Mutter:

»Sie sitzt warm . . . und ich, ich kann . . .«

Aber dann wurde er so müde, daß er überhaupt an gar nichts mehr dachte und nur den einen Wunsch hatte, möglichst bald in die Stadt zu kommen, sich im warmen Zimmer auszuruhen, ein Glas Thee zu trinken. Mit krummem Rücken und hängendem Kopf ging er dahin, wie ein Ochse, und bemerkte nichts um sich herum, bis er endlich durch das Tosen des Schneesturms das klagende Geheul einer Fabriksirene vernahm. Da blieb er stehen, richtete sich auf und atmete tief. Und dann zog er sein Geld aus der Tasche und steckte es in den Mund, zwischen Wange und Zähne, damit es mit seinem Klang die Stadtleute nicht in Versuchung führte . . .

Durch den grauen Schneeschleier gesehen, glich die Stadt einer schweren Wolke, die sich auf die Erde gesetzt hatte. Es wurde zur Vesper geläutet. Der Wind trug den brummenden Sang der Glocken durch die Luft und verwehte ihr kupferstimmiges Lied, Wanjuschka nahm seine Mütze vom Kopf, bekreuzigte sich und sagte vor sich hin:

»Da wären wir also glücklich . . .«

Zweites Kapitel

Als Wanjuschka in die Kneipe trat, schlug ihm eine dicke, feuchte Luft ins Gesicht und wischte, wie mit einem warmen, nassen Lappen, das stechende Gefühl der Kälte von seinen Wangen. Ein bläulicher, ätzender Qualm wälzte sich unter der niederen, gewölbten Decke und biß in die Augen; ein Geruch von Schnaps, Tabak und verbranntem Fett biß in die Nase; der Lärm und das Getriebe in der Kneipe hatten etwas Gedämpftes, Dumpfes; und von dem allen fing sich 's in Wanjuschkas Kopf angenehm zu drehen an. Er drängte sich langsam zwischen den Tischen durch und suchte ein Plätzchen, fand aber keins. Überall saßen Fuhrleute mit roten Gesichtern, versoffene, halbnackte Handwerker; allerlei Gesindel, in Lumpen gekleidet, musterte Iwan mit neugierigen und verdrießlichen Diebsaugen. Einer, ein langer, dürrer Kerl mit fuchsigem Schnauzbart, blinzelte ihm zu, streckte ihm seine Hand entgegen und sagte:

»Grüß Gott, du Lackl! Geh her . . .«

Wanjuschka wandte sich von ihm ab und streifte mit der Schulter eine kleine, fast kugelrunde, junge Frauensperson. Sie hatte ein grellrotes Gesicht und schwarze Augenbrauen von der Größe eines Schnurrbartes.

»Sieh dich vor, Trottel!« kreischte sie mit heiserer Stimme.

In dem Winkel der Kneipe, der dem Eingang zunächst war, unter der ewigen Lampe vor dem Heiligenbild, saß an einem Tische nur ein einzelner Mensch, und Wanjuschka trat auf ihn zu.

»Platz frei?«

»Immer zu!«

Kusin setzte sich auf einen Stuhl, hakte den Kragen seines Kaftans auf und sagte:

»Ja–a, schön voll hier!«

»Hier ist's nie leer . . .«

»Bist du vom Lande?«

»Ja . . .«

»Auf Arbeit?«

»Das glaub' ich . . .«

»Nicht viel zu holen hier . . .«

»Ach?«

»Nichts. Drei Wochen bin jetzt ich da . . .«

»Keine Arbeit?«

»Nichts. Da kann einer verrecken!«

Am Tisch vorbei schlängelte sich schnell, wie eine Eidechse, der Kellner.

»Einen Thee mag' ich,« schrie ihm Wanjuschka nach und begann sein Gegenüber des Näheren zu mustern. Es war ein Bursch von fünfundzwanzig Jahren, bekleidet mit einem schmierigen und zerfetzten wattierten Ärmelleibchen, das einmal einem Frauenzimmer gehört hatte. Er war ein langer, dürrer Mensch und saß über den Tisch gebeugt, als wollte er sein von tiefen Blatternarben zerrissenes Gesicht, das weder Schnurrbart noch Brauen aufwies, vor den Leuten verstecken. Manchmal warf er seinen geschorenen Kopf mit einer schnellen und heftigen Bewegung des Halses zurück und musterte Kusin – unruhig, als wollte er irgend etwas ergründen – mit großen, grauen Augen. Und als er bemerkte, daß jener ihn auch angelegentlich betrachtete, lächelte er mit seinen dünnen Lippen und sagte halblaut:

»Einen Mantel hab' ich gehabt – er ist aufgefressen, meine Mütze – aufgefressen. Da die Stiefel sind noch übrig . . .«

Er streckte unter dem Tisch ein langes Bein hervor, das mit einem durabeln Lederstiefel bekleidet war und fügte hinzu:

»Bald müssen die auch dran glauben . . . Ich wechsel' sie in Kleingeld um . . .«

Wanjuschka that der Fremde leid, und er dachte beklommen daran, wie es ihm selbst gehen würde.

»Aber vielleicht, irgendwie . . .« sagte er.

»Was soll man da machen! Hier giebt's von unserer Sorte soviel wie gelbe Blätter im Herbst . . . Schau nur hin, die Leute! Und jeder will was zu essen haben . . .«

»Trinken wir einen Thee zusammen?« schlug Wanjuschka vor.

»Danke! Besten Dank . . . Ich hab' genug von dem Zeug . . . Aber am Ende vielleicht ein Schnäpschen . . .«

Und er stieß einen schweren Seufzer aus.

Wanjuschka tastete mit der Zunge nach dem Geld in seinem Munde, überlegte ein wenig, dann winkte er den Kellner heran und sagte mit wichtiger Miene:

»Bring mal ein halbes Fläschchen . . . zwei Gläser . . .«

Der Blatternarbige lächelte erfreut, sagte aber kein Wort.

»Wo schläfst du die Nacht?« fragte Wanjuschka.

»Hier, nicht weit . . . Für drei Kopeken . . . Und du?«

»Ich bin grade erst gekommen . . .«

»Ja! Also! Gehn wir beide hin.«

»Ist recht!«

»Na, siehst du! Wie heißt du denn?«

»Iwan Kusin . . .«

»Und ich Jeremé Salakin . . .«

Sie verstummten und sahen sich lächelnd an. Und als der Kellner den Branntwein brachte und Wanjuschka Salakins Glas gefüllt hatte, stand dieser auf, ergriff das Glas, hielt es Kusin hin und sagte:

»Trinken wir auf gute Freundschaft von heute an!«

Wanjuschka gefiel eine solche Rede ausnehmend. Er kippte seinen Schnaps flott hinunter, räusperte sich und sagte erfreut:

»Zu zweit thut man sich doch leichter!«

»Natürlich!«

»Ich bin überhaupt zum ersten Male in die Stadt auf Arbeit . . . So, in Geschäften, schon! Aber um hier zu leben – das erste Mal,« sagte Wanjuschka und goß die Gläser zum zweiten Male voll.

»Ich auch . . . Ich hab' immer auf den Gütern gearbeitet. Aber da hab' ich einen Krach mit dem Verwalter gekriegt, und er hat mich an die Luft gesetzt . . . Der Hund, der fuchsrote!«

»Und mir ist der Vater vor kurzem gestorben. Jetzt bin ich selber erwachsen . . .«

Neben ihnen saßen an einem Tisch zwei Lastwagenkutscher, die vom Kopf bis zu den Füßen mit irgend etwas Weißem bespritzt waren. Sie stritten sich lärmend, und der eine – ein riesiger, alter Kerl – schlug jetzt mit der Faust auf den Tisch und schrie:

»Ja, und ganz recht ist's ihm geschehen!«

»Warum?« fragte der andere, ein schwarzbärtiger Mann mit einer Schramme auf der Stirn.

»Warum? . . . Jetzt sieht er's! Was war das für ein Arbeiter? Richtige Arbeiter – freilich – die sind das Mehl, der Teig, das Brot Gottes! Aber die andern, die, die ihre Sache nicht können, die sind wie das Unkraut . . . Abmähen! . . . Futter fürs Vieh . . . Zu weiter nichts sind sie gut . . .«

»Alle verdienen unser Mitleid in gleicher Weise,« sagte der Schwarzbärtige.

Salakin horchte darauf, was die beiden Streitenden vorbrachten, und sagte jetzt:

»Das ist nicht wahr . . .«

»Was denn?«

»Das mit dem Mitleid. Nimm mal mich an . . . Der Verwalter Matwé Iwanytsch – das ist mein Feind . . . Weshalb hat er sich grade auf mich gespitzt? Ich hab' zwei Jahre gearbeitet . . . Alles, wie es sich gehört hat . . . Auf einmal hat er sich auf mich verbissen, ich soll die Köchin, die Marja . . . und so Zeug! Und dann – die Leine . . . Immer ich . . . Die Leine – sie war fort! Such' sie! Und auf einmal: pack' dich! Ich hab' dich nicht nötig! . . . Was soll das sein? Er hat mich nicht nötig . . . Aber ich habe mich selbst sehr nötig, aber sehr . . . Ich muß doch leben! Na siehst du – kann ich vielleicht Mitleid haben mit ihm, mit dem Verwalter?«

Salakin schwieg eine Weile und sagte dann mit tiefer Überzeugtheit:

»Mitleid haben kann ich nur mit mir selbst und sonst mit gar niemand!«

»Natü–ürlich!« sagte Wanjuschka.

Nach dem dritten Glase stützten sie sich beide auf die Ellenbogen, Kopf an Kopf, erregt vom Branntwein und dem Spektakel. Und Salakin begann Wanjuschka lang, zusammenhanglos und glühend von seinem Leben zu erzählen.

»Ich bin ein Findelkind!« sagte er, »ich muß mein Leben tragen als Strafe für die Sünde meiner Mutter . . .«

Wanjuschka blickte in das blatternarbige, aufgeregte Gesicht seines Freundes. Er nickte ihm bekräftigend zu, und davon fing es sich in seinem Kopf heftig zu drehen an.

»Wanja! Bestell' noch ein halbes Fläschchen! Alles eins!« rief Salakin mit einer wegwerfend verzweifelten Handbewegung.

Wanjuschka erwiderte:

»Vo– von mir aus! . . .«

Drittes Kapitel

Als Wanjuschka aufwachte, fand er sich auf einer Pritsche in einem halbdunkelen Keller liegen, dessen gewölbte Decke ebenso viele Vertiefungen aufwies, wie Salakins Gesicht. Er suchte mit der Zunge in seinem Munde – Geld war keins da, nur ätzender, bitterer Speichel. Wanjuschka seufzte tief auf und schaute sich um.

Der ganze Keller war mit niederen Pritschen bestellt, und auf ihnen lagen, wie Schmutzhaufen, allerhand zerlumpte, dunkele Menschengestalten. Manche waren schon wach und stiegen mit schwerfälligen Bewegungen von den Pritschen auf den Lehmboden hinunter, andere schliefen noch. Ein nicht lautes, aber vielstimmiges Gespräch mischte sich mit dem Schnarchen der Schlafenden; irgendwo wurde mit Wasser geplätschert. Die zerlumpten Menschengestalten glichen in dem grauen Dämmern des werdenden Morgens den Wolkenfetzen am herbstlichen Himmel.

»Schon wach?«

Neben Wanjuschka stand Salakin. Sein Gesicht war rot, er mußte es gerade mit kaltem Wasser gewaschen haben. In der Hand hielt er eine Art kupfernes Döschen mit vielen Räderchen darin, und mit dem einen Auge schien er die Räderchen zu betrachten, während er mit dem anderen Wanjuschka lächelnd anschaute.

»Tüchtig haben wir gestern . . .« sagte Kusin und sah seinem Freund vorwurfsvoll ins Gesicht.

»So gehört sich's, man hat sich die Gedärme wieder ein bischen begossen . . .« äußerte sich dieser in sehr befriedigtem Ton.

»Mein ganzes Geld hab' ich durchgebracht . . .«

»Macht nichts! Wir kommen schon durch . . .«

»Ja–a, du hast gut . . .«

»Mach dir keine Sorgen . . . Ich hab' siebzehn Kopeken, und nachher verkauf' ich meine Stiefel . . . Wir kommen schon durch!«

»Ja, aber wie? . . .« sagte Wanjuschka mit einem mißtrauischen Blick in das Gesicht seines Freundes, und als Salakin schwieg, fügte er hinzu:

»Du mußt jetzt . . . Du mußt mir helfen . . . Ich habe mein Geld mit dir versoffen, also mußt du . . .«

»Ist schon recht! Was soll man da viel . . .? Gemeinsamer Schmerz, geteilte Freude . . . Wir sind keine reichen Leute, wir werden uns bei der Teilung nicht verzanken . . . Wenig genug ist zum Teilen da!«

Sein Blick und sein Ton beruhigten Wanjuschka, und er fragte ihn jetzt:

»Was hast du denn da in der Hand?«

»Rat mal!«

Kusin sah sich um und fragte halblaut:

»Das ist, um falsches Geld zu machen, nicht?«

»Verrückter Kerl!« rief Salakin lachend, »was du für Ideen hast! Und woher weißt du das mit dem Geld?«

»Ich weiß es! Sieben Werft von unserem Dorf hat ein Bauer gewohnt, der hat auch sowas gemacht.«

»Na? Und?«

»Nichts. Nach Sibirien haben sie ihn verschickt.«

Salakin dachte nach, schwieg ein Weilchen, drehte das kupferne Döschen zwischen seinen Fingern und sagte mit einem Seufzer:

»Ja, für sowas wird man verschickt . . .«

»Also ist das sowas?« fragte Wanjuschka leise und nickte mit dem Kopf nach dem Döschen hin.

»Nei–ein! Das ist ganz einfach der innere Teil von einer Uhr . . . Steh auf, gehn wir Thee trinken!« . . .

Wanjuschka kroch von seiner Pritsche, strich sich mit den Händen das Haar zurecht und sagte:

»Gehn wir also!«

Aber das kupferne Döschen erregte seine Neugier und zeugte in seinem Innern etwas wie Furcht davor. Und als er sah, wie Salakin es in seinen Busen steckte, fragte er ihn:

»Wo hast du das her?«

»Auf dem Tandelmarkt gekauft, als ich meinen Mantel verhandelte, siebzig Kopeken hat's gekostet . . .«

»Aber was machst du damit?« fragte Wanjuschka weiter.

»Siehst du,« begann Salakin, geheimnisvoll zu seinem Ohr geneigt, »ich wollte schon lange herauskriegen, woher so eine Uhr die Zeit weiß? Wenn's Mittag ist, – gleich schlägt sie zwölf . . . Wie geht das zu? Es ist doch einfaches Kupfer, aber doch so eingerichtet, daß es weiß, was für eine Stunde grade ist . . . Ein Mensch kann es an der Sonne sehen, das liebe Vieh, na, das begreift garnichts . . . Es lebt einfach so hin! Aber hier – die Räderchen . . . das Kupfer . . .«

Wanjuschkas Kopf schmerzte. Er ging neben seinem Freunde dahin, lauschte seinen unverständlichen Reden und wälzte schwere Gedanken. Was würde Salakin thun, wenn er die Stiefel verkauft hätte? . . . Würde er ihm wenigstens die Hälfte von dem vertrunkenen Geld wiedergeben, oder nicht? Und, seinen Blick in Salakins Augen heftend, fragte er:

»Wann gehst du, deine Stiefel verkaufen?«

»Na, trinken wir erst mal Thee, und dann gehn wir . . . Ach ja, über die Uhren hab' ich schon viel nachgedacht. Viele Leute hab' ich gefragt . . . Kluge Leute . . . Der eine sagt dies, der andere das . . . Man kann das nicht begreifen!«

»Ja, aber wozu brauchst du das zu wissen?« fragte Wanjuschka neugierig.

»Das ist doch interessant! Wie das ist? Der Mensch geht . . . Er ist lebendig, für ihn ist das eine einfache Sache . . .«

Salakin redete so viel und so hitzig von dem Geheimnis der Uhren, daß Wanjuschka unwillkürlich von der Begeisterung seines Freundes mitgerissen wurde und selbst Vermutungen darüber aufzustellen anfing, woher die Uhren die Zeit wüßten. Und während die Freunde ihren Thee tranken, disputierten sie hartnäckig und rechthaberisch über die Uhr.

Dann gingen sie, die Stiefel verkaufen, und schlugen sie für zwei Rubel vierzig los. Salakin war sehr betrübt, daß sie so niedrig taxiert wurden. Und gleich dort auf dem Tandelmarkt lud er Wanjuschka in die Volksküche ein und gab vor lauter Kummer gleich einen ganzen Rubel aus. Und spät in der Nacht, als sie beide, stolpernd und unter lauten Reden, nach ihrer Schlafstelle gingen, klapperten in Salakins Tasche nur noch vier kupferne Fünfer. Wanjuschka faßte ihn unter den Arm, gab ihm einen Schubs mit der Schulter und sagte selig:

»Bruderherz! Ich liebe dich . . . Wie einen leiblichen Bruder! Bei Gott! Du Seele von einem . . . Ach was, nimm mich mit Haut und Haar! Ja, wahrhaftig! Bei Gott! Steig mir auf den Buckel . . . Wenn du Lust hast . . . Ich trag' dich! . . .«

»Ver–rückter Kerl!« brummelte Salakin. »Macht nichts! Wir kommen durch! Morgen gehen wir . . . wir verhandeln das Innere von der Uhr . . . Die ganze Blase! Hol's der Teufel! was?«

»Weiter nichts!« schrie Wanjuschka mit einer wegwerfenden Handbewegung und begann mit dünner Stimme zu singen:

»Hä–äßlich bin ich und ganz arm.«

Salakin blieb stehen und fiel ein:

»Schlecht ist mein Gewa–a–and.«

Und, fest aneinander gedrückt, heulten sie mit wilden Stimmen los:

»Und kei–einer ma–ag mich zur Frau, –

»Wirbt um mei–ne Ha–a–and!«

»Und Matwé, das rothaarige Aas . . . Er lernt mich schon noch kennen!« schloß Salakin, gänzlich überraschend, und reckte seinen Arm hoch auf und drohte mit der Faust in die leere Luft hinaus.

Viertes Kapitel

Zwei Wochen gingen dahin.

Eines Nachts lagen die Freunde hungrig und wütend nebeneinander auf ihren Pritschen in der Schlafstelle, und Wanjuschka überschüttete Salakin leise mit Vorwürfen:

»Du ganz allein bist schuld! – Wärst du nicht gewesen, hätte ich jetzt irgendwo Arbeit! . . .«

»Geh zum Teufel! . . .« riet Salakin seinem Freunde kurz und bündig.

»Halt' dein Maul! Ich sage, was wahr ist . . . Was soll ich jetzt machen? Vor Hunger verrecken?«

»Geh doch hin und heirat' eine Arämerin . . . Dann kannst du dich sattessen . . . du Jammerlappen! . . .«

»Du Blatternfresse, du kapute Schnauze . . .«

Es war nicht das erste Mal, daß sie aus dem Ton redeten.

Bei Tag trieben sie sich, nur halbbekleidet, blau vor Kälte, in den Straßen herum, aber nur selten konnten sie sich irgend etwas verdienen. Sie hackten Brennholz oder schlugen auf den Höfen das schmutzige Eis los, und wenn sie dafür je einen Zwanziger bekommen hatten, wurde das Geld sofort in die Kneipe getragen. Manchmal ließ irgend eine Dame auf dem Markt Wanjuschka ihren Korb halten und gab ihm einen Fünfer dafür, daß er diesen Korb, der schwer mit Fleisch und Gemüse beladen war, eine Stunde lang hinter ihr herschleppte. Und Wanjuschka, der vor Hunger Leibschmerzen hatte, fühlte dann immer, daß er die Dame haßte, aber er hatte die größte Angst, dies Gefühl irgendwie deutlich werden zu lassen, und stellte sich äußerst ehrerbietig gegen sie und äußerst gleichgiltig gegen alle die Dinge, die in ihrem Korb lagen und sein Hungergefühl aufstachelten.

Manchmal bat Wanjuschka auch um Almosen, vorsichtig, daß es die Polizei nicht merkte, und Salakin gelang es von Zeit zu Zeit, ein Stück Fleisch, einen Laib Butter, einen Kohlkopf oder ein Gewicht zu stehlen. Wanjuschka zitterte dann immer vor Angst und sagte zu seinem Kameraden:

»Du bringst mich noch ins Verderben! Wir werden noch ins Loch gesteckt . . .«

»Im Loch bekommen wir Kleider und Essen,« erwiderte Salakin sehr ruhig, »bin ich vielleicht schuld daran, daß Stehlen leichter ist, als Arbeit finden?«

Heute hatten sie sich mit Mühe und Not die sechs Kopeken für die Schlafstelle zusammengebettelt, und Salakin hatte irgendwo ein Franzbrot und ein Bund Mohrrüben mitgehen lassen, weiter hatten sie den ganzen Tag nichts zu essen gehabt. Der Hunger verbrannte ihnen die Eingeweide, ließ sie nicht einschlafen und machte sie wütend.

»Und wieviel hab' ich für dich herausgeschmissen?« fragte Salakin erbost. »Du hattest alles in allem einen Kaftan im Vermögen, und ein Beil . . .«

»Und die sechzig Kopeken? Die hast du wohl ganz vergessen? Was?«

Sie knurrten sich an, wie zwei böse Hunde, und Wanjuschka hatte Salakin schon, scheinbar aus Versehen, zwei Rippenstöße mit dem Ellenbogen versetzt. Aber ganz offen in Krakehl kommen wollte er mit seinem Genossen doch auch nicht, er hatte sich die Zeit her schon so an ihn gewöhnt und begriff wohl, daß er es ohne Salakin noch schlechter haben würde.

Ganz allein in der Stadt – schrecklich! Und so zerlumpt, halbnackt, ins Dorf zurück – er schämte sich, vor seiner Mutter, und vor den Mädeln – vor allen. Ja, und auch Salakin hatte ihn jedesmal ausgelacht, wenn Wanjuschka davon gesprochen hatte, heim zu gehen.

»Geh' nur, geh' doch!« hatte er gesagt und die Zähne dazu gebleckt, »deine Alte wird eine Freude haben . . . wieviel du dir erspart hast – Fein! Kleider wie ein Herr . . .!«

Und außerdem hielt Wanjuschka von der Heimkehr eine unklare Hoffnung ab, daß es ihm doch noch glücken müßte. Bald malte er sich aus, daß irgend ein reicher Mann Mitleid mit ihm haben und ihn als Arbeiter einstellen würde, bald dachte er, Salakin könnte schließlich doch einen Ausweg aus diesem beschwerlichen, hungrigen Dasein finden. Und diese Hoffnung, die er in die Gewandtheit seines Genossen setzte, fand auch durch Salakin selbst ihre Nahrung, der häufig sagte:

»Macht nichts! Wir kommen schon noch heraus, wart's nur ab . . . Wir schlagen uns durch! . . .«

Und das sagte er in dem festesten Glauben und sah Wanjuschka dabei ganz besonders an, mit so einem scharfen Blick. Und dann war es Wanjuschka, als müßte der Genosse ein Mittel kennen, um aus alledem heraus zu kommen.

Und doch dachte er sich heute nacht, wie er so Seite an Seite mit ihm lag: wenn sich aus der Decke über uns ein Ziegel löste und Salakin auf den Schädel fiele, – das wäre wohl gut. Und er dachte daran, wie neulich, mitten in der Nacht, ein wilder Schrei sie alle aus dem Schlaf geschreckt hatte, und er dachte an ein von dunkelem Blut überströmtes Menschengesicht, das von einem Ziegel zerschmettert worden war, der sich aus dem Deckengewölbe der Schlafstelle losgemacht hatte.

»Ein Haufen Geld, deine sechzig Kopeken . . .« brummte Salakin. – »Ach wenn du nur . . .«

»Wenn ich was . . .?«

»Wenn du ein bischen mehr Schneid hättest . . .!«

»Wozu?«

»Ach, nichts . . .«

Wanjuschka überlegte ein Weilchen und sagte dann:

»Nichts kannst du . . . Ein großes Maul hast du, weiter nichts . . .«

»Wer? Ich?«

»Jawohl!«

»Na! wenn ich's dir sagte . . .«

»Na, was denn? Na, und wenn ich auch die Schneid hätte, nehmen wir mal an . . . Was wär' dann?«

»Dann . . .?«

»Na?«

»Das sag' ich dir!«

»Also!«

»Ich sag's dir schon, aber . . .«

»Du weißt ja garnichts!« knurrte Wanjuschka mit Überzeugung.

Salakin wälzte sich unruhig auf seiner Pritsche, und Wanjuschka drehte ihm den Rücken und flüsterte verzweifelt, traurig, mit einem tiefen Seufzer:

»Ach du lieber Gott . . . Wenn ich nur eine Brotrinde hätte . . .« Einige Minuten lag er schweigend. Dann richtete Salakin sich auf, beugte seinen Kopf über ihn und sagte, die Lippen fast ganz an seinem Ohr, mit kaum vernehmbarer Stimme:

»Iwan! Hör mal . . . Komm mit!«

»Wohin?« fragte Wanjuschka, ebenfalls mit kaum vernehmbarer Stimme.

»Nach Borissowo . . .«

»Zu was?«

»Ich sag's dir unterwegs.«

»Sag' es gleich.«

»Geh' mit! Ich will's dir sagen . . . Wir gehen und . . . brechen bei Matwé Iwanytsch ein. – Weiß Gott!«

»Geh du zum Teufel!« sagte Wanjuschka erschrocken und böse.

Aber Salakin legte sich schwer über ihn und begann ihm in's Ohr zu wispern:

»Du, hör' doch . . . Es geht ganz leicht. Wir gehen hin, thun, was wir zu thun haben, und – machen uns wieder hierher zurück! Wer verfällt auf uns? Ich kenne dort alles, jeden Weg und Ausweg. – Ich weiß auch, wo er sein Geld hat . . . Und Silberzeug hat er . . . Löffel, Becher, haufenweise, im Glasschrank.«

Salakins heißer Atem brannte auf Wanjuschkas Wange, und die Angst in seinem Herzen schmolz dahin. Aber wieder und wieder sagte er leise:

»Heb' dich fort von mir, Satanas!«

»Ach geh, du wirst schon sehen . . . Und wie wir dann leben könnten . . . Denk' doch mal! Ein Ruck – und wir sind satt, haben Kleider und Schuh . . .«

Wanjuschka lag schweigend, aber Salakin blies ihm ein heißes und überredendes Wort nach dem andern in's Ohr und ins Hirn.

Und endlich fragte Wanjuschka:

»Und hat er viel Geld da?«

Fünftes Kapitel

Drei Tage nach diesem Gespräch gingen sie früh morgens die große Straße entlang, Schulter an Schulter, und Salakin sagte lebhaft zu seinem Genossen, während er ihm in die Augen blickte:

»Verstehst du – vor allen Dingen zünden wir die Scheune an . . . Und wenn sie dann brennt, – dann werden sie alle zum Feuer laufen, und er auch – der Matwé . . . Er läuft hin, und wir – in seine Wohnung! Und die räumen wir ihm aus, wie nichts . . .«

»Und wenn sie uns fangen?« fragte Wanjuschka nachdenklich.

»Das giebt's ja gar nicht!« sagte Salakin. »Wer soll uns fangen?«

Und in strengem Ton fügte er hinzu:

»Das Feuer müssen sie löschen, nicht Diebe fangen! Verstanden?«

Wanjuschka nickte zustimmend mit dem Kopf.

Man schrieb Anfang März. Weicher flaumiger Schnee schwebte in schweren Flocken vom unsichtbaren Himmel nieder und füllte schnell die Spuren der Leute aus, die die Straße entlang gingen, zwischen zwei Reihen Birken mit abgebrochenen Ästen.

»Ach, wenn es nur gelingt!« sagte Wanjuschka mit einem schweren Seufzer.

»Du wirst sehen, wie es gelingt!« versprach ihm Salakin zuversichtlich.

»Gott geb' es! Das heißt, wenn es glückt . . . Bei Gott! Nie wieder würde ich sowas probieren! . . .«

Die beiden gingen schnell, weil sie sehr dürftig bekleidet waren – Salakin in seinem Weiberleibchen, das eine Menge Löcher hatte, aus denen die schmutzige Watte hervorguckte, seine Füße schlorrten in großen Filzgalloschen, und über seinen Kopf hatte er eine altersgraue Mütze gezogen. Wanjuschka hatte sich zum Ersatz für seinen Kaftan eine braune Tuchjacke zugelegt, aber der rechte Ärmel der Jacke war, weiß Gott, warum, schwarz. Wanjuschka sah in seinen Bastschuhen, in seiner Mütze mit dem zerrissenen Schirm und mit dem Strick, den er als Gürtel umgebunden hatte, eher wie ein verkommener Arbeiter aus, nicht wie ein Bauer.

Tags vorher war es Salakin geglückt, irgendwo eine kupferne Kasserolle und ein Bügeleisen mitgehen zu lassen, die er dann für achtzig Kopeken bei einem Alteisenhändler losgeschlagen hatte. Und jetzt hatte er einen halben Rubel in der Tasche.

Wenn wir unterwegs irgend jemand mit einem Schlitten treffen, könnte er uns mitnehmen . . .« sagte Salakin. – »Sonst kommen wir bis heute nacht vielleicht nicht hin . . . Es sind gut vierzig Werst! Man könnte ihm sogar einen Fünfer pro Schnauze geben, wenn er uns mitnimmt . . .«

Der Schnee häufte sich auf ihren Köpfen, glitt ihre Wangen hinunter, verklebte ihnen die Augen, legte weiße Epauletten auf ihre Schultern, ballte sich an ihren Füßen zu Klumpen. Rund um sie herum und über ihnen brodelte eine Art von weißem Brei, und sie konnten gar nicht vor sich sehen. Wanjuschka ging schweigend, den Kopf gesenkt, wie eine alte, kranke Mähre, die zum Schinder geführt wird, aber der lebhafte, redselige Salakin schaute um sich und schwätzte, ohne müde zu werden.

»Wie weit wir schon gegangen sind, wie weit wir noch haben – man weiß gar nichts! Verdammter Schnee . . . Aber vielleicht kommt uns der Schnee grade zupaß – man sieht keine Spur . . . Wenn es nur immer so weiter schneit. Aber dabei Feuer anlegen, das wird auch wieder nicht so einfach sein . . . Da sieht man's wieder, es giebt nichts auf der Welt, was von jeder Seite – so und so – gut wäre . . .«

Die Schneeflocken begannen kleiner, trockener zu werden und fielen nicht mehr gerade und langsam zur Erde, sondern fingen sich in der Luft unruhig, gleichsam geschäftig zu drehen an – und dabei wurden sie noch dichter, plötzlich tauchte vor den beiden Wanderern als eine schwere dunkle Masse seitwärts vom Wege ein Haus auf, das buchstäblich in den Boden gedrückt zu werden schien von der schweren Schneelast auf seinem Dache.

»Das sind die Fokin-Höfe,« sagte Salakin, »hör' mal, wir kehren in der Wirtschaft ein und trinken ein Gläschen . . .«

»Das müssen wir,« sagte Wanjuschka, der am ganzen Leibe zitterte.

Vor der Wirtschaft standen, vor zwei Lastschlitten gespannt, regungslos zwei Pferde. Sie waren klein und zottig und schauten mit sanften Augen trübselig vor sich hin, von Zeit zu Zeit blinzelten sie, um den Schnee von ihren Wimpern zu schütteln. Die ungestrichenen Krummhölzer waren mit einer schwarzen Staubschicht überzogen.

»Aha, ein Köhler!« sagte Salakin, »na ja, wenn er denselben Weg hat . . .«

Und richtig, in der Schenkstube, hinter dem Tisch am Fenster, saß ein junger Bursche und trank Bier. Wanjuschka fiel eine lange, komische Nase in einem hageren, geschwärzten Gesicht in die Augen. Der Köhler saß mit wichtiger Miene, zurückgelehnt und mit gespreizten Beinen am Tische und trank mit kleinen Schlucken aus seinem Glase, aber als er damit fertig war, kam er ins Husten, bespritzte sich von oben bis unten und büßte so mit einem Ruck seine ganze Wichtigkeit ein.

Wanjuschka trat ans Büffett, goß ein Glas wohlriechenden und bitteren Branntwein hinunter und blinzelte Salakin mit einem Blick auf den Köhler zu.

»Fährst du in die Stadt, Nachbar?« fragte Salakin und näherte sich dem Köhler.

Der sah ihn an und erwiderte mit dumpfer Stimme:

»Wir fahren nicht mit leerem Schlitten in die Stadt . . .«

»Also kommst du aus der Stadt?«

»Was geht das dich eigentlich an?«

»Na ja, mein Freund und ich wollen nach Borissowo . . . Wir haben uns da zum Buttern verdungen . . . Nimm uns ein bißchen mit, wenn's ja doch auf deinem Weg liegt?«

Der Bursche musterte Salakin, dann Wanjuschka, goß sich sein Glas voll und antwortete kurz, während er mit dem Finger ein Stückchen Korken aus dem Glas fischte:

»Nein, ich mag nicht . . .«

»Nimm uns mit, sei mein Freund! Wir geben dir jeder einen Fünfer . . .«

»Haben wir gar nicht nötig,« sagte der Bursche, ohne Salakin anzusehen.

»Um Christi willen, nimm uns mit!« sagte Wanjuschka leise und angstvoll.

Der Bursche sah ihn an, runzelte die Brauen und schüttelte den Kopf.

»So ein Kerl bist du!« rief Salakin, »dir ist wohl alles ganz egal? Wir haben einen weiten Weg, wir sind müde – und unsere Kleider – schau sie dir nur an, wie sie aussehen . . .«

»Hättet ihr euch halt wärmer angezogen,« sagte der Köhler mit einem spöttischen Lachen.

»Aber wenn wir nichts haben!« sagte Wanjuschka eindringlich, »Siehst du, wir sind arme Teufel . . .«

»Warum seid ihr arm?« fragte der Köhler gleichmütig und trank wieder einen Schluck Bier.

Wanjuschka tauschte einen Blick mit seinem Genossen, beide waren sie verstummt und standen barhäuptig vor dem Köhler.

Da begann die alte Schankwirtin:

»Mach doch nicht solche großen Geschichten, Nikolai, du kannst sie doch mitnehmen. Was hast du davon, wenn das Pferd ganz umsonst läuft? . . . Und sie, sie wollen dir ja jeder einen Fünfer geben. Laß dir das Geld vorausgeben, und laß sie in Gottes Namen aufsteigen.«

Der Köhler betrachtete sich die beiden Kumpane aufs neue, einen nach dem andern. Dann seufzte er und sagte:

»Jeder zehn . . .«

»Also, schön!« rief Salakin und machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. »Da . . . Wohl bekomm's!«

»Sieh dir das Geld nur ordentlich an,« riet die Wirtin.

Der Köhler warf Salakins Zwanziger auf den Tisch und horchte auf den Klang, dann probierte er ihn mit den Zähnen, ging zum Ladentisch, warf das Geldstück wieder hin und sagte zur Wirtin:

»Ich zahle mein Bier.«

»So ein Hund!« flüsterte Salakin Wanjuschka zu.

»Du setzt dich in den leeren Schlitten,« sagte der Köhler zu Wanjuschka, als er von der Wirtin herausbekommen hatte, »und du, du setzst dich zu mir . . .«

»Schön!« erwiderte Salakin. »Aber können wir denn nicht zusammen . . .?«

»Warum wollt ihr denn zusammen . . .?« fragte der Köhler mißtrauisch.

»Wir hätten's wärmer . . .«

»So, so!« lachte der Köhler spöttisch, »nein, thu nur, was ich dir sage. Weißt du, und wenn dein Freund es probiert, mit meinem Pferd durchzubrennen, hau' ich dir eins mit meinem Totschläger auf's Dach . . . und binde dich . . . und . . .«

Ohne seine Rede zu Ende zu führen, lachte er auf, und dann fing er zu husten an und hustete lange und schwer . . .

Sechstes Kapitel

Sie waren schon fünf Werst gefahren, als der Köhler endlich mit seinem Nachbarn ein Gespräch anfing:

»Du – was bist du eigentlich für einer?«

»Ein Mensch!« sagte Salakin zwischen den Zähnen durch.

Es war bitter kalt beim Fahren, Salakin fror es, daß ihm die Schauer ununterbrochen den Rücken hinunterliefen. Das Schneetreiben hatte fast ganz aufgehört, aber es blies ein scharfer Wind. Zweimal schon war Salakin aus dem Schlitten gesprungen und ein Stück auf der Straße nebenher gelaufen, in der Hoffnung, davon warm zu werden. Aber das Laufen in dem tiefen, lockeren Schnee wurde ihm schwer, bald war er müde und machte sich wieder in den Schlitten hinein, um nur noch mehr zu frieren, als zuvor. Und jedesmal, wenn er aus dem Schlitten gesprungen war, hatte der Köhler, der in einen dicken Pelz gehüllt war, aus seinem Ärmel einen kurzen Knittel gezogen, an dessen Ende eine Kette hing, und am Ende der Kette ein Pfundgewicht. Salakin wußte, daß ein solches Instrument Totschläger genannt wird und fühlte, daß eine Wut, ebenso heftig, wie die Kälte, sein Herz zusammenzog.

»Ein Mensch – das ist jeder!« sagte der Köhler, »ich frage dich ja, was du bist?«

»Ich – nichts! Ein Heimatloser, ich . . .« erwiderte Salakin und rief dann nach dem vorderen Schlitten hinüber: »Wanja! – Lebst du noch?«

»Ich lebe schon noch,« antwortete Wanjuschka nicht sehr laut.

»Tüchtig durchgefroren?«

»Ja . . .«

»Ich brauche euch nur anzuschauen,« sagte der Köhler brummend, »ihr seid arme Teufel. Beides abgerissene Lumpen . . . Was ihr für welche seid . . .? Faulpelze, das ist ja ganz klar . . .«

Salakin saß in sich zusammengezogen und biß die Zähne fest aufeinander, damit sie nicht klapperten.

Er blickte rückwärts und sah durch die jetzt nur noch vereinzelt fallenden Flocken eine öde, bläuliche Fläche. Sie hauchte ihm Kälte und Gram ins Gesicht. Und in ihr war nichts, an das der Blick sich hätte heften können . . .

»Siehst du, wir Sjemakins, – drei Brüder sind wir. Wir brennen Kohlen, mußt du wissen, und führen sie zur Stadt, in die Spritfabrik . . . ja. Wir leben in Frieden und gemeinsamer Arbeit. Wir haben Essen, Kleider und Schuh . . . alles, wie sich's gehört, Gott sei Dank! Wer zu arbeiten versteht und nicht faulenzt und nicht herumtrödelt, der hat immer ein gutes Leben . . . Meine älteren Brüder sind verheiratet . . . Und ich heirate jetzt, nach den Feiertagen, auch . . . So ist das! Wer arbeiten kann, der hat ein leichtes Leben . . .«

Das Pferd konnte kaum laufen, so schwer es sich in Kummet legte. Der Schlitten schleuderte, und Salakin schwankte, wie eine Nuß, die man auf der flachen Hand tanzen läßt.

Die langweiligen, dumpfen, schweren Worte des Köhlers legten sich ihm auf die Brust wie kalte Ziegelsteine, sie drückten ihn, und ihm wurde weh und übel von der dumpfen Stimme dieses Menschen.

»Wanjuschka!« schrie er.

»Was?«

»Du solltest ein Stückchen laufen . . .«

»Wozu?« fragte Kusin mit schwacher Stimme.

»Erfriere nur nicht . . .«

»Ach nein . . .«

Der Köhler seufzte, dann lachte er auf, wischte sich mit dem Ärmel die Nase und begann wieder:

»Diese Leute, diese Leute! Und was habt ihr für ein Leben? Kälte, Hunger . . . Ist das ein Leben für einen Menschen? Gut muß man leben . . .«

»Teil' dein Geld mit mir, dann werd' ich schon gut leben!« sagte Salakin wütend.

»Was?«

»Teil' mit mir, sag ich . . .«

»Ich werd' dir was teilen! Kennst du das?«

Vor Salakins Augen schaukelte sich an seiner Kette das Gewicht. Er sah die höhnisch gefletschten Zähne in dem Gesicht des Köhlers, das schwarz war, wie bei einem Teufel. Und auf einmal war es, als ob ein Feuer Salakin erfaßt hätte, es war, als zerrisse sein Herz in der Brust und eine Flamme bräche hervor, und diese Flamme schlug in seinen Kopf hinauf und färbte alles vor seinen Augen mit einem blutigen Rot. Aus aller Kraft schlug er mit der Rechten rückwärts aus und traf den Köhler mit dem Ellbogen ins Gesicht, daß er auf den Rücken fiel. Im selben Augenblick schmetterte das Gewicht zwischen seine Schulterblätter nieder, ein heftiger Schmerz fraß sich in seinen Körper und verschlug ihm den Atem.

»Hilfe! . . . Mörder! . . .« schrie der Köhler gellend auf.

Aber Salakin warf sich mit seinem ganzen Gewicht über ihn, umkrallte mit den Fingern den Hals des Köhlers, den er fest zusammendrückte, stieß ihn mit den Knieen in den Bauch und brüllte aus vollem Halse:

»Na! Sag noch was! Schrei doch! Sag noch was! . . .«

Der Köhler knirschte, verbiß sich mit den Zähnen in die Kleider auf Salakins Schulter, wand sich unter ihm, wie ein Fisch unter dem Wasser, und suchte mit den Händen gleichfalls an seinen Hals zu kommen. Der Totschläger war ihm aus den Fingern geglitten, hing aber mit einem Riemen an seinem Handgelenk. Und so berührte er Salakins Körper, und jede Berührung ließ dessen Angst wachsen, wenn sie auch keinen Schmerz machte.

»Wanjuschka! Zu Hilfe!« schrie Salakin mit wilder Stimme.

Wanjuschka lag, vor Kälte ganz zusammengezogen, unter die leeren Kohlensäcke vergraben, und als er den Schrei des Köhlers gehört hatte, hatte ihn das Entsetzen gepackt. Mit einem Schlage, instinktiv, erriet er, was dort geschah, und versteckte seinen Kopf noch tiefer unter den Säcken . . . Ich werde sagen – ich habe geschlafen . . . ich habe nichts gehört . . . überlegte er schnell. Aber als der Hilferuf seines Genossen ertönte, erzitterte er am ganzen Leibe und sprang aus dem Schlitten, wie ein Schneeklumpen von einem Pferdehuf emporgeschleudert wird. Wie ein Funken war in seinem Hirn der Gedanke aufgeblitzt, daß der Köhler, wenn er Salakin bezwungen hätte, auch ihn, Wanjuschka, totschlagen würde. Und als er neben diesen zwei menschlichen Gestalten war, die, in einen einzigen Riesenknoten verschlungen, sich wanden, als er das blutüberströmte, aber dennoch schwarze Gesicht des Köhlers erblickte und den Totschläger, der an seiner Rechten baumelte und nach dem er mit zitternden schwarzen Fingern tastete, – da ergriff Wanjuschka diese Hand und begann an ihr zu brechen, sie zu biegen, sie aus dem Gelenk zu drehen . . .

Das kleine, zottige Pferdchen mit den traurigen Augen ging nickenden Kopfes ruhig seines Weges, irgend einem Ziel zu in der kalten, toten Ferne, und zog die drei Menschen, die sich zähneknirschend und wie unsinnig in dem Schlitten wälzten. Und das andere Pferd, als hätte es Furcht, die Fäuste und Füße dieser Menschen könnten bald auch über sein Fell geraten, begann langsam in schnelleren Trab zu fallen und den Abstand zwischen sich und seinem Stallgefährten immer größer werden zu lassen.

Siebentes Kapitel

Als Wanjuschka, müde und beschwitzt, nach dem Kampfe wieder zur Besinnung kam, sagte er mit entsetzten Augen halblaut zu Salakin:

»Sieh mal . . . Wo ist das andere Pferd? Fort!«

»Das erzählt's keinem,« brummte Salakin und wischte sich das Blut von seinem zerschundenen Gesicht.

Die ruhige Stimme seines Genossen verminderte Wanjuschkas Grausen.

»N–na, – da haben wir etwas Schönes gemacht!« sagte er und warf einen scheuen Seitenblick auf den Köhler.

»Besser wir ihn, als er uns . . .« sagte Salakin ebenso ruhig und fügte sogleich geschäftsmäßig hinzu:

»Na, ziehen wir ihn aus . . . Du nimmst den Pelz, ich den Rock . . . Aber beeil' dich . . . Sonst begegnet uns noch jemand . . . oder einer überholt uns . . .«

Wanjuschka begann den toten Köhler schweigend hin und her zu wenden, während er ihm die Kleider auszog, und sah dabei unverwandt auf seinen Genossen. Er dachte: fürchtet sich denn Jeremé wirklich nicht?

Daß sein Genosse so ruhig und geschäftsmäßig mit dem Ermordeten umsprang, weckte in ihm Staunen und Respekt. Und noch mehr wunderte er sich über Salakins blatternarbiges, zerkratztes Gesicht – alles in ihm zitterte, krümmte sich, gleichsam wie vor einem stummen Lachen, und seine Augen glänzten ganz sonderbar, als hätte er über den Durst getrunken oder empfände eine starke Freude über irgend etwas. In dem Kampfe hatte Wanjuschka seine Mütze verloren, Salakin nahm die Mütze des Köhlers, gab sie Wanjuschka in die Hand und sagte:

»Setz auf . . . Du erkältest dich so . . . Und es ist auch sonst nicht gut . . . Wenn ein Mensch auf einmal ohne Mütze . . . Jeder wundert sich . . .«

Er begann die Hosentaschen des Ermordeten umzukehren und machte das so schnell und gewandt, als hätte er sein ganzes Leben lang nichts anderes gethan, als Leute ermorden und ausrauben.

»Man muß an alles denken,« sagte er und band den Tabaksbeutel des Köhlers auf, »kein Mensch läuft ohne Mütze herum . . . Sieh mal, ein Goldstück, fünf Rubel . . . Nein, sogar sieben und ein halber . . .«

»Du . . .« begann Wanjuschka verlegen und sah das Goldstück mit glühenden Augen an.

»Was?« fragte Salakin mit einem schnellen Blick auf ihn. »Willst du es nehmen? – da!«

Er gab das Geld Wanjuschka und sagte in wegwerfendem Ton:

»Davon bekommen wir jetzt genug! – Na, marsch, alte Ziege! Lauf mal zu!«

Und Salakin gab dem Pferd mit der flachen Hand einen klatschenden Schlag auf die Croupe.

»Nicht wegen des Geldes . . .« sagte Wanjuschka, »ich wollte nur fragen . . .«

»Was?«

»Machst . . . machst du das zum erstenmal?« Wanjuschka deutete mit den Augen auf den entkleideten Leichnam des Köhlers.

»Esel!« rief Salakin mit einem Auflachen, »bin ich vielleicht ein Räuber? Was?«

»Ich meinte, weil – du hast ihn so schnell ausgezogen . . .«

»Wenn einer lebt . . . Bei einem Toten ist's keine große Kunst . . .«

Und auf einmal fing Salakin, der auf den Knieen lag, zu wanken an und fiel schwer über Wanjuschkas Beine hin. Wanjuschka erzitterte, als würde er mit dem ganzen Leibe plötzlich in kaltes Wasser getaucht, er schrie laut auf und begann, den Genossen von sich zu stoßen, und das Pferd setzte sich bei seinem Schrei in Galopp.

»Macht nichts . . . nichts,« murmelte Salakin und hielt sich an Wanjuschka, »er hat mich zwischen die Flügelknochen gehauen . . . Das geht aufs Herz . . . Es ist gleich vorbei.«

»Jeremé,« begann Wanjuschka mit zitternder Stimme, »kehren wir um . . . Um Christi willen!«

»Wohin?«

»In die Stadt! Ich hab' Angst . . .«

»In die Stadt – das geht nicht! Nein . . . Wir fahren weiter und verkaufen das Pferd . . . Und dann nach Borissowo . . . zu Matwé . . .«

»Ich – hab' Angst!« sagte Wanjuschka trübe.

»Vor was?«

»Es kostet uns den Kragen! Was wird jetzt sein? Bin ich deshalb mit dir gegangen?«

»Geh zum Teufel!« brüllte Salakin, und seine Augen funkelten zornig, »den Kragen! Was heißt das: es kostet uns den Kragen? Sind wir vielleicht die einzigen in der Welt, die Leute erschlagen? Ist das zum erstenmal auf dieser Erde passiert?«

»Sei nur nicht böse,« bat Wanjuschka in weinerlichem Ton, denn er sah, daß das Gesicht seines Genossen wieder jenen sonderbar verzweifelten und trunkenen Ausdruck annahm.

»Da soll einer nicht böse werden!« rief Salakin unwillig, »was du dir ausdenkst! . . .«

»Du, hör' doch, was machen wir denn!« begann Wanjuschka eindringlich, dabei zitterte er am ganzen Körper und schaute sich ängstlich rund um. – »Wohin fahren wir ihn? Wir müssen gleich in Wischenki sein . . . Und was haben wir da im Schlitten?«

»Prrr, du Satan!« schrie Salakin das Pferd an und sprang schnell und leicht wie ein Gummiball aus dem Schlitten auf die Straße.

»Richtig!« murmelte er und ergriff einen Arm des Köhlers. »Faß ihn, heraus mit ihm! Faß ihn an den Beinen, marsch! Vorwärts!«

Wanjuschka vermied es, dem Leichnam ins Gesicht zu sehen, aber als er ihn an den Füßen faßte, erblickte er dennoch etwas Blaues, Rundes, Schreckliches, wo der Köhler sein Gesicht hatte.

»Grab' ein Loch!« kommandierte Salakin und sprang in dem lockeren Schnee herum, während er ihn mit heftigen, hastigen Bewegungen seiner Füße nach beiden Seiten fortscharrte. Er machte das so sonderbar, daß Wanjuschka, der den Leichnam des Köhlers in den Schnee hatte sinken lassen, neben ihm stehen blieb und den Genossen anschaute, ohne ihm zu helfen.

»Scharr' ihn ein! scharr' ihn ein!« sagte Salakin und häufte schnell und eifrig Schnee auf Kopf und Brust des Ermordeten.

Die beiden arbeiteten, zwei Schritte vom Schlitten entfernt, und das Pferd hatte den Hals gebogen und schielte mit einem Auge zu ihnen herüber, ohne sich zu rühren, wie eingefroren.

»Fertig, wir fahren weiter!« sagte Salakin.

»Noch nicht genug . . .« entgegnete Wanjuschka.

»Was ist nicht genug?«

»Man sieht's noch . . . Der Hügel . . .«

»Alles eins! Den machst du nicht glatt . . .«

Sie stiegen in den Schlitten und fuhren weiter, fest aneinander gedrückt. Wanjuschka blickt die Straße zurück und ihm schien es, als ob sie furchtbar langsam führen. Denn der Schneehügel über dem Leichnam des Ermordeten schwand nicht aus seinen Augen.

»Hau' aufs Pferd,« bat er Salakin leise, und drückte die Augen fest zu und hielt sie lange geschlossen. Aber als er sie aufmachte, sah er doch noch immer in der Ferne, links von der Straße eine kleine Erhöhung auf dem glatten Schneefeld.

»Ach Gott, Jeremé, uns geht's an den Kragen . . .« sagte Wanjuschka, beinahe flüsternd.

»Ach geh!« erwiderte Salakin mit dumpfer Stimme, »wir verkaufen das Pferd . . . Und nachher – wenn wir wieder in der Stadt sind . . . Sie sollen uns nur suchen! Und da ist ja auch Wischenki . . .«

Die Straße senkte sich bergab, in ein flaches, verschneites Thal. Schwarze, nackte Bäume zogen zu beiden Seiten der Straße an ihnen vorüber . . . Eine Dohle schrie . . . Die beiden Genossen erzitterten, schweigend blickten sie sich in die Augen . . .

»Du . . . Aber vorsichtig . . .!« flüsterte Wanjuschka Salakin zu.

Achtes Kapitel

In die Wirtschaft traten sie flott, mit Lärmen und Lachen.

»Na, lieber Mann,« sagte Salakin zum Wirt, »gieb uns mal jedem einen Schnaps!«

»Ist recht!« sagte der hochgewachsene, schwarzhaarige Bauer mit der großen Glatze, der hinter der Schenke stand. Und er sah Wanjuschka so freundlich und arglos an, daß Kusin mitten im Zimmer stehen blieb und schuldbewußt lächelte.

»Bei uns hier,« fing der Wirt an, während er den Schnaps vor Salakin hinstellte, »ist es der Brauch, daß die Leute, wenn sie irgendwo hereinkommen, »Grüß Gott« sagen oder »Guten Tag.« Ihr seid wohl nicht hier aus der Gegend?«

»Wir? Nein, wir . . . heißt das, wir kommen auch nicht so sehr weit her . . . Dreißig Werst . . .« erklärte Salakin.

»Von welcher Seite?«

»Von da!« – Und Salakin wies auf die Thür der Wirtschaft.

»Also nicht weit von der Stadt?« fragte der Wirt.

»Ja . . . Komm, Wanja, trink' . . .«

»Ist der Wanja dein Bruder?«

»Nein!« erwiderte Wanjuschka schnell, »was wären wir für Brüder?!«

In einer Ecke der Wirtschaft, bei der Thür, saß ein kleiner Bauer mit einer spitzen Vogelnase und scharfen, grauen Augen. Er stand von seinem Platze auf, kam langsam an die Schenke geschlendert und sah die Kumpane mit gewollter Ungeniertheit an.

»Was willst du denn?« fragte der Wirt.

»Nur so . . .« sagte der Bauer mit knarrender Stimme, »ich dachte nur – Es hätten ja Bekannte sein können . . .«

»Setzen wir uns 'n bißchen und erwärmen wir uns,« sagte Salakin und entfernte sich von der Schenke und zog Wanjuschka am Ärmel hinter sich her. Sie gingen beiseite und setzten sich an einen Tisch. Der Bauer mit der Vogelnase blieb an der Schenke stehen und sagte dem Wirt etwas mit leiser Stimme.

»Wir wollen fahren!« wisperte Wanjuschka Salakin zu.

»Wart' noch!« antwortete Salakin laut.

Wanjuschka sah seinen Genossen vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf. Jetzt laut vor den Leuten zu sprechen, das deuchte ihn gefährlich, nicht gut, falsch.

»Bring' uns noch einen!« bestellte Salakin.

Die Thür zur Wirtschaft kreischte, und es traten wieder zwei Bauern ein: der eine ein alter Mann mit langem, grauem Bart, der andere stämmig, dickköpfig, in einem kurzen Pelz, der nur bis zum Knie reichte.

»Grüß Gott!« sagte der Alte.

»Grüß Gott!« antwortete der Wirt und sah Salakin an.

»Wem gehört das Pferd?« fragte der Stämmige und deutete mit dem Kopf nach der Thür.

»Den beiden da,« sagte der Bauer langsam und zeigte mit dem Finger auf Salakin.

»Ja, uns!« bekräftigte Salakin.

Und Wanjuschka hörte die Stimmen, und sein Herz blieb vor Schrecken stehen. Ihm war es, als ob hier alle Leute ganz sonderbar sprächen, gar so einfach und ruhig, als wüßten sie alles und wunderten sich über nichts, – und warteten auf etwas.

»Fahren wir weiter,« flüsterte er dem Genossen zu.

»Wer seid ihr denn?« fragte der Stämmige Salakin.

»Wir? Metzger . . .« entgegnete Salakin, »mit Fleisch handeln wir.«

»Aber . . . was sagst du da?!« rief Wanjuschka erregt, aber leise.

Allein die Bauern hatten alle vier seinen Ausruf gehört und wendeten alle langsam die Köpfe und hefteten neugierige Augen auf ihn. Salakin musterte sie ruhig, nur seine fest aufeinander gepreßten Lippen zitterten, Wanjuschka aber ließ seinen Kopf tief über die Tischplatte hängen und wartete, und hatte das Gefühl, daß er nicht atmen könnte. Das Schweigen, das schwer war wie eine Wolke, dauerte lange . . .

»Ja, ja, ich seh' es,« begann der stämmige Bauer, »das Vorderteil von eurem Schlitten ist ganz blutig . . .«

»So?« sagte Salakin frech.

»Ich,« sagte der Alte, »habe kein Blut gesehen . . . Ist da Blut? – Ich habe nach dem Krummholz geschaut . . . Das Krummholz ist schwarz . . . Also, dacht' ich, ein Köhler . . . Gieb mir ein Glas, Iwan Petrowitsch . . .«

Der Wirt füllte ein Glas mit Branntwein und ging langsam, wie ein vollgefressener Kater, nach der Thür. Der Bauer mit der Vogelnase wartete, bis er sich nach ihm umwandte, und verließ dann die Wirtschaft mit ihm.

»Na,« sagte Salakin und stand auf, »na, Wanja . . . wir müssen fahren! Wo ist denn der Wirt hin? Ich will zahlen . . .«

»Er kommt gleich,« sagte der stämmige Bauer und wandte sich von Salakin ab und begann sich eine Cigarette zu drehen. Wanjuschka erhob sich gleichfalls, ließ sich aber sofort wieder auf den Stuhl fallen, seine Beine schienen ihm ganz morsch und weich und wollten ihn nicht tragen. Er sah mit stumpfem Blick in das Gesicht seines Genossen, und als er bemerkte, daß Salakins Lippen zitterten, begann er vor Schmerz und Angst leise vor sich hin zu stöhnen.

Der Wirt kam allein zurück. Genau so langsam und ruhig, wie er hinausgegangen war, kehrte er wieder hinter die Schenke zurück, stützte seine Arme auf und sagte zu dem alten Bauern:

»Es ist wieder wärmer geworden . . .«

»Ja, es ist jetzt auch Zeit, daß es warm wird . . .«

»Na, wir fahren jetzt aber!« sagte Salakin laut und trat an die Schenke, »Zahlen!«

»Wart' noch!« sagte der Wirt und lächelte phlegmatisch.

»Wir haben keine Zeit . . .« erwiderte Salakin leiser und schlug die Augen nieder.

»Wart' nur noch!« wiederholte der Wirt.

»Auf was denn?«

»So . . . ich habe nach dem Gemeindevorsteher geschickt . . .«

»Ich will nichts von dem Gemeindevorsteher,« erklärte Salakin, mit den Achseln zuckend, und setzte seine Mütze auf. Warum, wußte er selbst nicht.

»Aber er will was von dir,« sagte der Wirt langsam und ruhig und entfernte sich von Salakin. Der alte und der stämmige Bauer gewannen Interesse an dieser für sie unverständlichen Unterhaltung und näherten sich der Schenke.

»Er will dich fragen, wie das zugeht – du handelst mit Fleisch, hast aber leere Kohlensäcke im Schlitten . . .«

»So, so, so!« sagte der Alte gedehnt und trat schnell von Salakin zurück.

»Das ist die Geschichte!« rief der Stämmige, »das Pferd haben sie gestohlen!«

»Nein!« rief Wanjuschka mit dünner Stimme.

Salakin winkte ihm abwehrend mit der Hand und sagte mit einem schiefen Lächeln:

»Die Sache ist, wie sie ist . . . Schluß . . .«

Ins Gastzimmer traten jetzt lärmend und eilig noch fünf Bauern. Einer davon, ein hochgewachsener rothaariger Mensch, hatte einen langen Stock in der Hand. Wanjuschka sah die Leute mit weit aufgerissenen Augen an, ihm war, als ob sie alle, wie Betrunkene, auf ihren Füßen schwankten und das ganze Haus ins Wackeln brächten.

»'N Tag, ihr Burschen!« sagte der Bauer mit dem Stocke, »nun sagt uns doch mal . . . wer ihr denn seid? Und woher? Ich, zum Beispiel, ich bin der Gemeindevorsteher . . . und ihr?«

Salakin sah den Gemeindevorsteher an und schlug ein Gelächter auf, das Ähnlichkeit mit dem Gebell eines Hundes hatte. Aber sein Gesicht wurde bleich . . .

»Du – lachst?« fuhr einer von den Bauern ihn barsch an und begann seine Ärmel aufzukrämpeln.

»Wart' doch, Korné . . .« hielt ihn der Gemeindevorsteher zurück. »Eins nach dem andern. Sie werden schon so . . . Ihr Burschen nämlich . . . Sagt es nur grade und glatt heraus – wo habt ihr das Pferd her?«

Wanjuschka glitt schwer und langsam, wie Schnee bei Tauwetter von einem Dache, von seinem Stuhl auf den Boden und begann, knieend und sich bekreuzigend, mit stockender, dumpfer Stimme sein Bekenntnis:

»Rechtgläubige Christen . . . nicht ich! Er . . . Wir haben das Pferd nicht gestohlen . . . wir – haben den Köhler erschlagen . . . zu Tode geschlagen einen lebendigen Menschen! Er ist dort . . . nicht weit . . . Im Schnee haben wir ihn verscharrt . . . Wir haben das Pferd nicht weggejagt . . . es ist selbst fortgelaufen . . . Und mit dem andern sind wir nur gefahren . . . Bei Gott! Und das alles war nicht ich! Es ist von selbst davongelaufen . . . das Pferd . . . es kommt schon wieder. Wir wollten ihn nicht . . . totschlagen, er hat selbst angefangen . . . mit dem Totschläger . . . Wir wollten nach Borissowo . . . wir wollten beim Verwalter einbrechen . . . Feuer legen, zuerst . . . einbrechen . . . Aber die Pferde haben wir nicht gestohlen . . . Das hat er mir alles gesagt.«

»Fertig!« schrie Salakin laut. Er riß seine Mütze vom Kopf und warf sie den Bauern vor die Füße, die ihm gegenüberstanden als eine schweigende, dichte, finstere Mauer.

Wanjuschka verstummte und ließ den Kopf auf die Brust sinken, seine Arme hingen schlaff am Körper herunter, und der ganze Mensch – wurde weich, als finge er zu schmelzen an.

Die Bauern blickten verdrossen und schweigend vor sich hin . . . Endlich seufzte einer auf – es war der mit der Vogelnase und der knarrenden Stimme – und sagte laut und ärgerlich:

»Solche . . . Esel!«

***

Sie kamen vors Gericht, natürlich. Und sie wurden verurteilt: Wanjuschka sechs Jahre Zuchthaus, und Salakin acht Jahre.