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Josef Stalin Gesammelte Werke Band 1  (Josef Stalin)

Aus ProleWiki


Josef Stalin Gesammelte Werke Band 1
Autor*inJosef Stalin
Verfasst in1901 - 1907
VerlagVerlag Roter Morgen
Veröffentlicht1971
Hamburg
PDFhttp://ciml.250x.com/archive/stalin/german/stalinwerke_01.pdf


Vorwort

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Der deutschen Übersetzung der Werke J. W. Stalins liegt der Text der vom Marx-EngelsLenin-Institut beim ZK der KPdSU(B) besorgten und laut Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der UdSSR (Bolschewiki) gedruckten russischen Ausgabe zugrunde, die im Jahre 1946 begonnen wurde. Die deutsche Ausgabe der Werke J. W. Stalins erfolgt auf Beschluss des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und wird entsprechend der russischen Ausgabe in 16 Bänden vorgenommen.

Vom Verfasser und vom Herausgeber angegebene russische Quellen wurden weitmöglichst durch Hinweise auf die entsprechenden deutschen Neuausgaben ergänzt, die dem Leser heute zugänglich sind; die betreffenden Zitate wurden den deutschen Texten angeglichen, ausgenommen solche Hervorhebungen, die von Stalin selbst, abweichend von den zitierten Autoren, vorgenommen wurden.

Verweise auf die im Anhang aufgenommenen Anmerkungen des Herausgebers der russischen Ausgabe sind durch hochgestellte Ziffern in eckigen Klammern gegeben.

Marx-Engels-Lenin-Institut beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands

Vorwort zu den Gesammelten Werken J. W. Stalins

Die vorliegenden Gesammelten Werke J. W. Stalins werden auf Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) herausgegeben. Bislang ist nur ein Teil der Schriften des Genossen Stalin in einzelnen Sammelbänden vereinigt herausgegeben worden. So wurden die Artikel und Reden der Voroktoberperiode des Jahres 1917 in dem Buch "Auf dem Wege zum Oktober" gesammelt, das im Jahre 1925 in zwei Auflagen erschien. Im Jahre 1932 wurde der Sammelband "Über die Oktoberrevolution" herausgegeben, enthaltend die Reden und Aufsätze, die der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution gewidmet sind. Die Werke über die nationale Frage fanden Aufnahme in dem Sammelband "Der Marxismus und die nationale und koloniale Frage", der in mehreren Auflagen erschienen ist. Die Reden und Aufsätze der Jahre 1921 bis 1927, vorwiegend innerparteilichen Fragen und der Zertrümmerung der parteifeindlichen oppositionellen Gruppierungen gewidmet, bilden den 1928 herausgegebenen Sonderband "Über die Opposition". Außerdem liegen noch andere Sammelbände vor, in denen Artikel und Reden J.W. Stalins über ein bestimmtes Thema zusammengefasst sind, z.B. die Sammelbände "Über Lenin", "Reden und Aufsätze über die Ukraine", "Die Bauernfrage", "Über den Kommunistischen Jugendverband" u. a.

Zu verschiedenen Zeiten erschienen mehrere Sammelbände, in denen Werke W. I. Lenins und J. W. Stalins zusammen veröffentlicht wurden: "Das Jahr 1917, Ausgewählte Werke", "Über die Verteidigung sozialistischen Vaterlandes", "Sammlung von Werken für das Studium der Geschichte der KPdSU (B)" in drei Bänden, "Lenin-Stalin" - Ausgewählte Werke in einem Bande, "Über den Parteiaufbau", "Über den sozialistischen Wettbewerb", "Über die Arbeit" usw.

Die verbreiteste Sammlung von Werken des Genossen Stalin ist bisher das Buch "Woprossy Leninisma" („Fragen des Leninismus"), das in elf Auflagen erschienen ist. Die Zusammenstellung dieses Buches hat sich mit jeder neuen Ausgabe bedeutend geändert: fast jede Ausgabe wurde durch neue Schriften ergänzt; gleichzeitig schloss der Autor zwecks Beibehaltung des früheren Umfangs des Buches jeweils einige Schriften aus ihm aus. Die Reden, Berichte und Befehle des Genossen Stalin aus den Jahren des Vaterländischen Krieges, den das Sowjetvolk gegen die faschistischen deutschen Landräuber führte, sind in dem Buche "O Welikoj Otjetschestwennoj Woinje Sowjetskowo Sojusa" ("Über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion") zusammengefasst, das in fünf Auflagen erschienen ist.

Es gibt jedoch eine große Anzahl von Werken J. W. Stalins, vor oder nach der Oktoberrevolution geschrieben, die nach ihrer Veröffentlichung in Zeitungen oder Zeitschriften nirgends wieder abgedruckt wurden und bis auf den heutigen Tag nicht gesammelt herausgegeben sind. Außerdem haben sich Artikel und Briefe des Genossen Stalin erhalten, die früher nicht in der Presse veröffentlicht wurden. Die vorliegende Ausgabe ist ein erster Versuch, fast alle Werke J. W. Stalins zusammenzufassen.

Der erste Band der Werke J. W. Stalins enthält die von 1901 bis zum April 1907 geschriebenen Werke. Der zweite Band umfasst die von 1907 bis 1913 geschriebenen Werke. Den dritten Band bilden die Werke, die sich auf die Periode der Vorbereitung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution (März bis Oktober 1917) beziehen. Hier handelt es sich hauptsächlich um Artikel, die in der "Prawda" veröffentlicht wurden. Im vierten Band (November 1917-1920) finden die Werke Aufnahme, die in den ersten Monaten der Sowjetmacht und in der Periode der ausländischen militärischen Intervention und des Bürgerkrieges geschrieben worden sind. Die nächsten drei Bände - der fünfte, sechste und siebte - enthalten Werke, die die Periode des Übergangs des Sowjetstaats zur friedlichen Arbeit an der Wiederherstellung der Volkswirtschaft betreffen (1921-1925). Der fünfte Band enthält die Werke, die von 1921 bis zum Tode W. I. Lenins (Januar 1924) geschrieben worden sind. Im sechsten Band finden die Werke des Jahres 1924 Aufnahme. Der siebte Band enthält die 1925 geschriebenen Werke. Die Schriften J. W. Stalins aus der Periode des Kampfes für die sozialistische Industrialisierung des Landes (1926-1 929) bilden den achten, neunten, zehnten, elften und zwölften Band. Der achte und neunte Band enthalten die Reden und Aufsätze, Berichte und Ansprachen des Jahres 1926, der zehnte und elfte Band die des Jahres 1927, der zwölfte Band die der Jahre 1928 und 1929. Der dreizehnte Band enthält die Werke der Jahre 1930-1933, die in der Hauptsache den Fragen der Kollektivierung der Landwirtschaft und der weiteren Entwicklung der sozialistischen Industrialisierung gewidmet sind. Der vierzehnte Band umfasst die Werke der Jahre 1934-1940, gewidmet dem Kampf für die Vollendung der Errichtung des Sozialismus in der UdSSR, der Schaffung der neuen Verfassung der Sowjetunion und dem Kampf für den Frieden in einer Situation, wo der zweite Welt. krieg bereits begonnen hatte. Den Inhalt des fünfzehnten Bandes bildet J.W. Stalins Werk "Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang", das 1938 in Einzelausgabe erschien. Der sechzehnte Band enthält die Werke aus der Periode des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion: die Berichte, Reden und Befehle J. W. Stalins an den Jahrestagen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, die Ansprachen an das Volk aus Anlass der Niederwerfung und Kapitulation Deutschlands und Japans und andere Dokumente. Alle Werke sind in den Bänden chronologisch, nach der Zeit ihrer Niederschrift oder Veröffentlichung, geordnet. Jeder Band ist mit einem Vorwort, kurzen erläuternden Anmerkungen und einer biographischen Chronik versehen. Bis zum Übergang auf den neuen Kalenderstil (also bis zum 14. Februar I918) werden die Daten nach altem Stil gegeben, nach diesem Tage nach neuem Stil. Der Wortlaut der Werke des Genossen Stalin ist vollständig unverändert geblieben. Nur in einzelnen Artikeln hat der Verfasser unbedeutende Änderungen rein redaktionellen Charakters vorgenommen.

Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU (B)

Vorwort zum ersten Band

In den ersten Band der Werke J.W. Stalins haben die Werke Aufnahme gefunden, die von 1901 bis zum April 1907, in einer Periode, als seine revolutionäre Tätigkeit sich vorwiegend in Tiflis abspielte, geschrieben worden sind.

In diesen Jahren legten die Bolschewiki unter der Führung W.I. Lenins die Grundlagen der marxistisch-leninistischen Partei, ihrer Ideologie, ihrer organisatorischen Prinzipien.

In dieser Periode schafft Genosse Stalin im Kampf gegen die verschiedenen antimarxistischen und opportunistischen Strömungen die der Leninschen "Iskra" folgenden, bolschewistischen Organisationen in Transkaukasien und leitet ihre Tätigkeit. Er begründet und verfichtt in seinen Schriften die Grundsätze der marxistisch-leninistischen Lehre.

Nur ein kleiner Teil der in den ersten Band der Werke J. W. Stalins aufgenommenen Schriften wurde in russischer Sprache veröffentlicht. Der größte Teil von ihnen wurde in georgischen Zeitungen oder in Form einzelner Broschüren veröffentlicht. In russischer Sprache erscheinen die meisten dieser Werke zum ersten Mal.

Bis auf den heutigen Tag sind das Archiv des Kaukasischen Bundeskomitees der SDAPR und einzelne Druckschriften der transkaukasischen bolschewistischen Organisationen, in denen Werke J. W. Stalins veröffentlicht wurden, noch nicht aufgefunden worden. Insbesondere sind die Werke "Programm des Unterrichts in den marxistischen Arbeiterzirkeln" (1898) und "Credo" (1904) bislang noch nicht gefunden worden.

Der erste Band der vorliegenden Ausgabe erschöpft nicht restlos alle von 1901 bis zum April 1907 geschriebenen Werke J. W. Stalins.

Marx Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU (B)

Vorwort des Verfassers zum ersten Band

Die in den ersten Band eingegangenen Werke sind in der Frühperiode der Tätigkeit des Autors (1901-1907) geschrieben worden, als die Herausarbeitung der Ideologie und der Politik des Leninismus noch nicht beendet war. Dies bezieht sich zum Teil auch auf den zweiten Band der Werke.

Um diese Werke zu verstehen und richtig zu beurteilen, muss man sie als die Werke eines jungen Marxisten betrachten, der noch nicht zu einem fertigen Marxisten und Leninisten geworden war. Man begreift deshalb, dass sich in diesen Werken noch Spuren gewisser später veralteter Leitsätze der alten Marxisten finden, die von unserer Partei in der Folgezeit überwunden worden sind. Ich habe hier zwei Fragen im Auge: die Frage des Agrarprogramms und die Frage nach den Voraussetzungen des Sieges der sozialistischen Revolution.

Wie aus dem ersten Band (siehe die Artikel über "Die Agrarfrage") zu ersehen, vertrat der Verfasser damals den Standpunkt der Aufteilung der Gutsländereien und ihre Übergabe an die Bauern als deren Eigentum. Auf dem Vereinigungsparteitag, wo die Agrarfrage zur Behandlung stand, schloss sich die Mehrheit der praktisch tätigen bolschewistischen Delegierten dem Standpunkt der Aufteilung an, während die Mehrheit der Menschewiki für die Munizipalisierung war, Lenin aber und der übrige Teil der bolschewistischen Delegierten traten für die Nationalisierung des Grund und Bodens ein, wobei im Laufe des Kampfes zwischen den drei Projekten, nachdem sich herausgestellt hatte, dass der Parteitag das Nationalisierungsprojekt keinesfalls annehmen würde, Lenin und die anderen Nationalisatoren ihre Stimmen auf dem Parteitag mit den Stimmen der Aufteiler vereinigten.

Die Aufteiler führten gegen die Nationalisierung drei Argumente ins Feld: a) die Bauern würden auf die Nationalisierung der Gutsländereien nicht eingehen, da sie diese als Eigentum erhalten wollen; b) die Bauern würden sich der Nationalisierung widersetzen, da sie sie als eine Maßnahme einschätzen würden, die das Privateigentum an dem Grund und Boden, der sich damals bereits im Privatbesitz der Bauern befand, aufhebt; c) selbst wenn es gelänge, die Einwände der Bauern gegen die Nationalisierung zu überwinden, so dürften wir Marxisten dennoch nicht für die Nationalisierung eintreten, da der Staat in Russland nach dem Siege der bürgerlich-demokratischen Revolution kein sozialistischer, sondern ein bürgerlicher Staat sein werde, und ein großer Fonds nationalisierten Bodens in den Händen des bürgerlichen Staates die Bourgeoisie übermäßig stärken und die Interessen des Proletariats schädigen würde.

Hierbei gingen die Aufteiler von der unter den russischen Marxisten, darunter auch den Bolschewiki, üblichen Voraussetzung aus, nach dem Siege der bürgerlich-demokratischen Revolution werde eine längere oder kürzere Periode der Unterbrechung der Revolution, eine Periode des Intervalls zwischen der siegreichen bürgerlichen Revolution und der künftigen sozialistischen Revolution eintreten, in deren Verlauf der Kapitalismus die Möglichkeit erhalten werde, sich freier und stärker zu entwickeln und sich auch auf die Landwirtschaft auszudehnen, der Klassenkampf werde sich vertiefen und in voller Breite entwickeln, die Klasse der Proletarier werde quantitativ anwachsen, die Bewusstheit und die Organisiertheit des Proletariats würden die gebührende Höhe erreichen und erst nach alledem könne die Periode der sozialistischen Revolution anbrechen.

Es muss bemerkt werden, dass diese Voraussetzung hinsichtlich des längeren Intervalls zwischen den beiden Revolutionen auf dem Parteitag von keiner Seite irgendwelchen Einwand hervorrief, dass vielmehr sowohl die Anhänger der Nationalisierung und der Aufteilung als auch die Anhänger der Munizipalisierung der Auffassung waren, dass das Agrarprogramm der Sozialdemokratie Russlands die weitere, machtvollere Entwicklung des Kapitalismus in Russland fördern müsse.

Wussten wir, die bolschewistischen Praktiker, dass Lenin damals auf dem Standpunkt des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in Russland in die sozialistische, auf dem Standpunkt der ununterbrochenen Revolution stand? Jawohl, wir wussten das. Wir wussten es aus seiner Broschüre "Zwei Taktiken" (1905) und auch aus seinem berühmten Artikel "Das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Bauernbewegung" im Jahre 1905, wo er erklärte, dass "wir für die ununterbrochene Revolution sind", dass "wir nicht auf halbem Wege stehen bleiben werden". Wir Praktiker aber drangen nicht in diese Sache ein und verstanden nicht ihre große Bedeutung, da wir theoretisch ungenügend geschult waren, und auch wegen der den Praktikern eigenen Sorglosigkeit hinsichtlich theoretischer Fragen. Bekanntlich hat Lenin die Argumente aus der Theorie des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution damals aus irgendeinem Grunde nicht entwickelt und von ihnen auf dem Parteitag nicht Gebrauch gemacht, um die Nationalisierung zu begründen. Machte er vielleicht deshalb von ihnen keinen Gebrauch, weil er die Frage noch nicht für lösungsreif hielt und nicht auf die Bereitschaft der Mehrheit der bolschewistischen Praktiker auf dem Parteitag rechnete, die Theorie des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische zu begreifen und sich zu eigen zu machen?

Erst einige Zeit später, als die Leninsche Theorie des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in Russland in die sozialistische Revolution zur Leitlinie der bolschewistischen Partei geworden war, verschwanden in der Partei die Meinungsverschiedenheiten über die Agrarfrage, denn es war klar geworden, dass in einem Lande wie Russland, wo besondere Entwicklungsbedingungen den Boden schufen für das Hinüberwachsen der bürgerlichen Revolution in die sozialistische, die marxistische Partei kein anderes Agrarprogramm haben kann, als das Programm der Nationalisierung des Grund und Bodens.

Die zweite Frage betrifft das Problem des Sieges der sozialistischen Revolution. Wie aus dem ersten Band (siehe die Artikel "Anarchismus oder Sozialismus?") ersichtlich, hielt sich der Verfasser damals an die unter den Marxisten bekannte These, eine der Hauptvoraussetzungen des Sieges der sozialistischen Revolution sei es, dass das Proletariat zur Mehrheit der Bevölkerung werde, dass folglich in denjenigen Ländern, wo das Proletariat wegen ungenügender kapitalistischer Entwicklung noch nicht die Mehrheit der Bevölkerung bildet, der Sieg des Sozialismus unmöglich sei.

Diese These galt damals bei den russischen Marxisten, darunter auch bei den Bolschewiki, ebenso wie unter den sozialdemokratischen Parteien der anderen Länder, als allgemein anerkannt. Allein die weitere Entwicklung des Kapitalismus in Europa und Amerika, der Übergang vom vorimperialistischen Kapitalismus zum imperialistischen Kapitalismus, und schließlich das von Lenin entdeckte Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der verschiedenen Länder, zeigten, dass diese These den neuen Entwicklungsbedingungen nicht mehr entspricht, dass der Sieg des Sozialismus durchaus möglich ist in einzelnen Ländern, wo der Kapitalismus den Höhepunkt seiner Entwicklung noch nicht erreicht hat und das Proletariat nicht die Mehrheit der Bevölkerung bildet, wo aber die Front des Kapitalismus schwach genug ist, um vom Proletariat durchbrochen zu werden. So entstand in den Jahren 1915 und 1916 die Leninsche Theorie der sozialistischen Revolution. Die Leninsche Theorie der sozialistischen Revolution geht bekanntlich davon aus, dass die sozialistische Revolution nicht unbedingt in denjenigen Ländern siegen wird, wo der Kapitalismus am höchsten entwickelt ist, sondern vor allem in denjenigen Ländern, wo die Front des Kapitalismus schwach ist, wo es für das Proletariat leichter ist, diese Front zu durchbrechen und wo die Entwicklung des Kapitalismus wenigstens das Durchschnittsniveau erreicht hat.

Dies wären die Bemerkungen des Verfassers zu den im ersten Bande gesammelten Werken. Januar 1946.

J. Stalin

1901

Geleitwort der Redaktion

(Leitartikel der illegalen sozialistischen Zeitung „Brdsola“ („Der Kampf“)[Anmerkung 1]

In der Überzeugung, dass für die denkenden georgischen Leser die Herausgabe eines freien periodischen Organs eine dringliche Frage ist; in der Überzeugung, dass diese Frage heute gelöst werden muss und dass eine weitere Verzögerung nur der gemeinsamen Sache Abbruch tun würde; in der Überzeugung, dass jeder denkende Leser ein Organ dieser Art mit Befriedigung aufnehmen und ihm seinerseits jegliche Hilfe zuteil werden lassen wird, kommen wir, eine Gruppe georgischer revolutionärer Sozialdemokraten, diesem Bedürfnis entgegen in dem Bestreben, nach Maßgabe unserer Kräfte dem Wunsche der Leser Genüge zu leisten. Wir veröffentlichen die erste Nummer der ersten georgischen freien Zeitung "Brdsola".

Damit der Leser eine bestimmte Meinung über unser Organ und insbesondere über uns habe, wollen wir einige Worte sagen.

Die sozialdemokratische Bewegung hat keinen einzigen Winkel des Landes unberührt gelassen. Ihr entging auch derjenige Winkel Russlands nicht, den wir Kaukasien nennen, und zugleich mit ganz Kaukasien entging ihr auch unser Georgien nicht. Die sozialdemokratische Bewegung in Georgien besteht noch nicht lange, sie ist erst ein paar Jahre alt, genauer gesprochen, wurden die Grundlagen dieser Bewegung erst im Jahre 1896 gelegt. Wie überall, so ist auch bei uns die Arbeit in der ersten Zeit nicht über den Rahmen der Konspiration hinausgegangen.

Agitation und großzügige Propaganda in der Gestalt, wie wir sie in letzter Zeit beobachten, waren unmöglich, und alle Kräfte waren notgedrungen in wenigen Zirkeln konzentriert. Jetzt ist diese Periode vorüber, die sozialdemokratischen Ideen haben unter den Arbeitermassen. Verbreitung gefunden, die Arbeit ist auch aus ihrem streng konspirativen Rahmen herausgetreten und hat einen bedeutenden Teil der Arbeiterschaft erfasst. Der offene Kampf hat begonnen. Der Kampf hat die ersten Parteiarbeiter vor viele Fragen gestellt, die bisher im Hintergrund standen und die auseinanderzusetzen kein großes Bedürfnis empfunden wurde. Vor allem trat mit aller Kraft die Frage hervor: Welche Mittel haben wir, um den Kampf breiter zu entfalten? In Worten ist die Antwort auf diese Frage sehr einfach und leicht. In der Tat ergibt sich etwas ganz anderes.

Es versteht sich von selbst, dass das Hauptmittel der organisierten sozialdemokratischen Bewegung die großzügige Propaganda und Agitation der revolutionären Ideen ist. Aber die Bedingungen, unter denen der Revolutionär zu wirken hat, sind so widerspruchsvoll, so schwer und fordern so große Opfer, dass Propaganda und Agitation in der Gestalt, wie sie in der ersten Zeit der Bewegung notwendig ist, häufig unmöglich werden.

Die Zirkeltätigkeit mit Hilfe von Büchern und Broschüren wird vor allem durch die Polizeiverhältnisse, dann aber auch durch innere Gründe unmöglich. Die Agitation lässt gleich bei den ersten Verhaftungen nach. Die Verbindung mit den Arbeitern und häufige Besuche hei ihnen werden unmöglich, während doch der Arbeiter viele brennende Tagesfragen erläutert haben will. Um ihn herum geht ein erbitterter Kampf vor sich, alle Kräfte der Regierung sind gegen ihn eingestellt, und er hat nicht die Möglichkeit, zur gegenwärtigen Situation kritisch Stellung zu nehmen, er ist nicht über das Wesen der Sache unterrichtet, und häufig genügt ein unbedeutender Misserfolg in irgendeiner benachbarten Fabrik, damit der revolutionär gesinnte Arbeiter abkühlt, den Glauben an die Zukunft verliert und der Leiter genötigt ist, ihn aufs neue in die Arbeit hineinzuziehen.

Die Agitation mit Hilfe von Broschüren, die nur diese oder jene konkreten Fragen beantworten, ist in den meisten Fällen wenig wirksam. Notwendig wird die Schaffung einer Literatur, die auf die Alltagsfragen Antwort gäbe. Wir unterlassen es, für diese jedermann bekannte Wahrheit Beweise anzuführen. In der georgischen Arbeiterbewegung ist bereits der Augenblick eingetreten, wo ein periodisches Organ zu einem der Hauptmittel der revolutionären Arbeit wird.

Zwecks Informierung unbewanderter Leser halten wir es für notwendig, einige Worte. über die legale Zeitung zu sagen. Wir würden es für einen großen Fehler halten, wenn irgendein Arbeiter eine legale Zeitung, unter welchen Verhältnissen sie auch erscheinen, welche Richtung sie auch vertreten möge, als Vertreterin seiner Interessen, der Interessen des Arbeiters, betrachten wollte. Die für die Arbeiter "sorgende" Regierung hat, was die legalen Zeitungen anbelangt, die Sache wunderbar eingerichtet. Eine ganze Meute von Bürokraten, Zensoren genannt, sind diesen Zeitungen übergeordnet, und sie verfolgen sie aufmerksam, arbeiten mit Schere und roter Tinte, wenn auch nur durch eine Ritze ein Strahl der Wahrheit durchbricht. In das Zensorenkomitee fliegt ein Rundschreiben nach dem anderen - "nichts über die Arbeiter durchlassen, nichts über dieses oder jenes Ereignis veröffentlichen, die Erörterung der und der Frage nicht gestatten" usw. usf. Unter solchen Verhältnissen kann eine Zeitung natürlich nicht so gestaltet werden, wie es sich gehört, und der Arbeiter würde in ihr vergeblich, und sei es auch nur zwischen den Zeilen, nach Informationen über seine Sache und ihrer richtigen Einschätzung suchen. Ist man der Meinung, der Arbeiter könnte sich der seltenen Zeilen in dieser oder jener legalen Zeitung bedienen, die seine Angelegenheiten nebenbei streifen und nur versehentlich von den Henkerzensoren durchgelassen worden sind, - so muss auch gesagt werden, dass es von einem Unverständnis für die Sache zeugen würde, wenn man auf solche Bruchstücke seine Hoffnungen setzen und auf diesen Kleinigkeiten irgendein System der Propaganda aufbauen wollte.

Wir wiederholen, dass wir dies nur zur Unterrichtung einiger unbewanderter Leser sagen. Ein georgisches freies periodisches Organ ist also ein dringendes Bedürfnis für die sozialdemokratische Bewegung. Die Frage besteht jetzt nur darin, wie dieses Organ organisiert werden soll, wovon es sich leiten lassen soll und was es dem georgischen Sozialdemokraten bieten soll.

Bei äußerlicher Betrachtung kann es scheinen, dass die Frage der Existenz einer georgischen Zeitung im allgemeinen und die Frage ihres Inhalts und ihrer Richtung im besonderen sich von selbst, natürlich und einfach erledige: die georgische sozialdemokratische Bewegung ist keine abgesonderte, nur georgische Arbeiterbewegung mit einem eigenen Programm, sie marschiert Hand in Hand mit der Bewegung ganz Russlands und ordnet sich folglich der Sozialdemokratischen Partei Russlands unter - weshalb es klar ist, dass die georgische sozialdemokratische Zeitung nur ein örtliches Organ sein soll, das vorwiegend örtliche Fragen beleuchtet und die örtliche Bewegung widerspiegelt. Hinter dieser Antwort steckt jedoch eine Schwierigkeit, die wir nicht umgehen können und auf die wir unvermeidlich stoßen werden. Wir sprechen von der Schwierigkeit hinsichtlich der Sprache. Während das Zentralkomitee der Sozialdemokratischen Partei Russlands die Möglichkeit hat, mit Hilfe der Zeitung der Gesamtpartei alle allgemeinen Fragen auseinanderzusetzen, und ihren Gebietskomitees nur die Beleuchtung der lokalen Fragen überlässt, befindet sich die georgische Zeitung hinsichtlich des Inhalts in einer schwierigen Lage. Die georgische Zeitung muss ein Organ für die Gesamtpartei und gleichzeitig für die lokalen, die Gebietsfragen sein. da die meisten georgischen Arbeiterleser eine russische Zeitung nicht fließend lesen können, so haben die Leiter der georgischen Zeitung nicht das Recht, alle die Fragen, die die russische Zeitung der Gesamtpartei behandelt und behandeln muss, unbeleuchtet zu lassen. So ist die georgische Zeitung verpflichtet, den Leser mit allen prinzipiellen Fragen der Theorie und Taktik bekannt zu machen. Zugleich ist sie verpflichtet, an der Spitze der örtlichen Bewegung zu stehen und jedes Ereignis in gehöriger Weise zu beleuchten, ohne eine einzige Tatsache unerläutert zu lassen, und alle Fragen zu beantworten, die die Arbeiter des Gebietes bewegen. Die georgische Zeitung muss die georgischen und russischen kämpfenden Arbeiter verbinden und vereinigen. Die Zeitung muss ihren Lesern von allen sie interessierenden Erscheinungen des lokalen, russischen und ausländischen Lebens Mitteilung machen.

Das ist in großen Zügen unsere Ansicht über die georgische Zeitung.

Ein paar Worte über Inhalt und Richtung der Zeitung.

Wir müssen von ihr als von einer sozialdemokratischen Zeitung vorwiegende Aufmerksamkeit für die kämpfenden Arbeiter verlangen. Wir halten es für überflüssig, davon zu sprechen, dass in Russland und überhaupt allerorts nur das revolutionäre Proletariat von der Geschichte dazu berufen ist, die Menschheit zu befreien und der Welt das Glück zu bringen. Klar ist, dass nur die Arbeiterbewegung festen Boden unter den Füßen hat und dass nur sie von utopischen Fabeleien aller Art frei ist. Folglich muss die Zeitung als Organ der Sozialdemokraten die Arbeiterbewegung führen, ihr den Weg weisen und sie vor Fehlern bewahren. Mit einem Wort, die vornehmste Pflicht der Zeitung ist es, den Arbeitermassen so nahe wie möglich zu stehen, die Möglichkeit zu haben, sie ständig zu beeinflussen, ihr bewusstes und leitendes Zentrum zu sein.

Da aber in den heutigen Verhältnissen Russlands außer den Arbeitern auch andere Elemente der Gesellschaft als Kämpfer "für die Freiheit" auftreten können und da diese Freiheit das nächste Ziel der kämpfenden Arbeiter Russlands ist, hat die Zeitung die Pflicht, jeder revolutionären Bewegung Platz einzuräumen, auch wenn sie außerhalb der Arbeiterbewegung vor sich geht. Wir sagen "Platz einzuräumen" nicht nur als nebensächlichen Informationen oder als einer einfachen Chronik, nein, die Zeitung muss der revolutionären Bewegung, die sich unter den anderen Elementen der Gesellschaft abspielt oder abspielen wird, besondere Aufmerksamkeit widmen. Sie muss jede gesellschaftliche Erscheinung erläutern und damit jeden für die Freiheit Kämpfenden beeinflussen. Deshalb ist die Zeitung verpflichtet, der politischen Lage in Russland besondere Aufmerksamkeit zu widmen, alle Folgen dieser Lage zu berücksichtigen und die Frage der Notwendigkeit des politischen Kampfes so umfassend wie möglich aufzurollen.

Wir sind davon überzeugt, dass niemand unsere Worte als Beweis dafür ausnutzen kann, wir seien Anhänger einer Verbindung und von Kompromissen mit der Bourgeoisie. Die gebührende Einschätzung die Aufzeigung der schwachen Seiten und Fehler in der Bewegung gegen die bestehende Ordnung, auch wenn sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft abspielt, kann einem Sozialdemokraten nicht das Brandmal des Opportunismus aufdrücken. Wir dürfen hier nur nicht die sozialdemokratischen Prinzipien und die revolutionären Kampfmethoden vergessen. Wenn wir jede Bewegung mit diesem Maßstab messen, so werden wir von allen Bernsteinschen Hirngespinsten frei sein.

Somit muss die georgische sozialdemokratische Zeitung klare Antwort geben auf alle Fragen, die mit der Arbeiterbewegung zusammenhängen, die prinzipiellen Fragen klären, die Rolle der Arbeiterklasse im Kampf theoretisch erläutern und jede Erscheinung auf die der Arbeiter stößt, mit dem Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus beleuchten.

Gleichzeitig muss die Zeitung ein Vertreter der Sozialdemokratischen Partei Russlands sein und ihre Leser rechtzeitig über alle die taktischen Ansichten unterrichten, die die revolutionäre Sozialdemokratie Russlands verficht. Sie muss die Leser darüber informieren, wie die Arbeiter in den anderen Ländern leben, was sie für die Verbesserung ihrer Lage tun und wie sie das tun, und die georgischen Arbeiter rechtzeitig dazu aufrufen, auf dem Kampffeld hervorzutreten. Dabei darf die Zeitung keine gesellschaftliche Bewegung unberücksichtigt lassen, sondern muss sie alle der sozialdemokratischen Kritik unterziehen. Das ist unsere Ansicht über die georgische Zeitung.

Wir können weder uns noch unsere Leser durch das Versprechen täuschen, mit unseren gegenwärtigen Kräften diesen Aufgaben restlos gerecht zu werden. Damit unsere Zeitung in der gebührenden Weise ausgebaut wird, bedarf sie der Hilfe der Leser selbst und der Sympathisierenden. Der Leser wird bemerken, dass die erste Nummer der Zeitung "Brdsola" viele Mängel hat, Mängel jedoch, die verbessert werden können, wenn nur der Leser selbst mithilft. Insbesondere betonen wir die Schwäche der inneren Chronik. Weit von der Heimat entfernt, Geleitwort der Redaktion sind wir der Möglichkeit beraubt, die revolutionäre Bewegung in Georgien zu verfolgen und rechtzeitig Nachrichten und Erläuterungen zu den Fragen dieser Bewegung zu geben. Deshalb bedarf es der Hilfe aus Georgien selbst. Wer gewillt ist, uns auch in literarischer Beziehung zu helfen, der wird zweifellos Mittel und Wege finden, eine direkte oder indirekte Verbindung mit der Redaktion der Zeitung "Brdsola" herzustellen.

Wir rufen alle kämpfenden Sozialdemokraten Georgiens auf, am Schicksal der Zeitung "Brdsola" tatkräftigen Anteil zu nehmen sowie an ihrer Herausgabe und Verbreitung in jeder Weise mitzuwirken und dadurch die erste freie georgische Zeitung "Brdsola" zu einem Werkzeug des revolutionären Kampfes zu machen.

„Brdsola“ („Der Kampf“) September 1901. Artikel ohne Unterschrift. Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Die sozialdemokratische Partei Russlands und ihre nächsten Aufgaben

I

Das menschliche Denken hatte viele Mühseligkeiten, Qualen und Wandlungen durchzumachen, bevor es zu dem wissenschaftlich ausgearbeiteten und begründeten Sozialismus gelangte. Die westeuropäischen Sozialisten hatten sehr lange in der Wüste des utopischen (unerfüllbaren, nicht zu verwirklichenden) Sozialismus umherzuirren, bis sie sich den Weg bahnten, bis sie die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens erforschten und begründeten und aus ihnen die Notwendigkeit des Sozialismus für die Menschheit ableiteten. Europa hat seit Beginn des vorigen Jahrhunderts viele tapfere, selbstlose, ehrliche Männer der Wissenschaft hervorgebracht, die danach strebten, die Frage zu klären und zu beantworten, was die Menschheit von dem Übel erlösen kann, das mit der Entwicklung von Handel und Industrie immer stärker und schlimmer wird. Viel Stürme und viele Blutströme gingen über Westeuropa hinweg, damit Schluss gemacht werde mit der Knechtung der Mehrheit durch eine Minderheit, aber das Übel blieb dennoch bestehen, die Wunden blieben ebenso klaffend und die Schmerzen wurden mit jedem Tage immer unerträglicher. Eine der Hauptursachen dieser Erscheinung hat man darin zu sehen, dass der utopische Sozialismus nicht die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens klargestellt hat, sondern über dem Leben schwebte, in die Höhe strebte, während eine feste Verbindung mit der Wirklichkeit notwendig war. Die Utopisten steckten sich die Verwirklichung des Sozialismus als das nächste Ziel zu einer Zeit, da es für seine Verwirklichung im Leben keinerlei Boden gab, und - was in seinen Ergebnissen noch betrüblicher ist - sie erwarteten die Verwirklichung des Sozialismus von den Mächtigen dieser Welt, die sich, wie die Utopisten meinten, leicht von der Richtigkeit des sozialistischen Ideals überzeugen konnten (Robert Owen, Louis Blanc, Fourier u. a.). Diese Anschauung setzte sich über die reale Arbeiterbewegung und die Arbeitermassen hinweg, die die einzige natürliche Trägerin des sozialistischen Ideals sind. Die Utopisten konnten das nicht begreifen. Sie wollten das Glück auf Erden durch die Gesetzgebung, durch Deklarationen und ohne die Hilfe des Volkes (der Arbeiter) selbst schaffen. Der Arbeiterbewegung aber schenkten sie keine besondere Aufmerksamkeit und häufig leugneten sie sogar ihre Bedeutung. Infolgedessen blieben ihre Theorien lediglich Theorien, die an den Arbeitermassen vorbeigehen, in denen ganz unabhängig von diesen Theorien der große Gedanke reifte, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts durch den Mund des genialen Karl Marx verkündet wurde: "Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein … Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

Aus diesen Worten wurde die jetzt auch für "Blinde" offensichtliche Tatsache klar, dass für die Verwirklichung des sozialistischen Ideals die Selbsttätigkeit der Arbeiter und ihr Zusammenschluss zu einer organisierten Macht unabhängig von der Nationalität und dem Lande notwendig ist. Es war notwendig, diese Wahrheit zu begründen - was Marx und sein Freund Engels großartig getan haben -, um das feste Fundament der machtvollen sozialdemokratischen Partei zu legen, die heute als unerbittliches Schicksal über der bürgerlichen Ordnung Europas schwebt, und die sie zu vernichten droht, um auf ihren Trümmern die sozialistische Ordnung zu errichten.

Die Entwicklung der Idee des Sozialismus in Russland ging fast den gleichen Weg wie in Westeuropa. Auch in Russland hatten die Sozialisten lange im Dunkeln umherzuirren, bevor sie zum sozialdemokratischen Bewusstsein, zum wissenschaftlichen Sozialismus, gelangten. Auch hier gab es Sozialisten, gab es eine Arbeiterbewegung, aber sie gingen unabhängig voneinander ihren Weg, jeder für sich: die Sozialisten zu ihrem utopischen Traum (,‚Land und Freiheit", "Volkswille") und die Arbeiterbewegung zu spontanen Rebellionen. Beide wirkten in den gleichen Jahren (den siebziger und achtziger Jahren), ohne einander zu kennen. Die Sozialisten hatten kein Fundament in der werktätigen Bevölkerung, so dass ihre Aktionen in der Luft hängen und unfundiert blieben. Die Arbeiter dagegen hatten keine Leiter, keine Organisatoren, so dass ihre Bewegung die Form von regellosen Rebellionen annahm. Das war die Hauptursache dafür, dass der heroische Kampf der Sozialisten für den Sozialismus keine Früchte zeitigte und dass ihr legendärer Mut an den festen Mauern der Selbstherrschaft zerschellte. Die russischen Sozialisten nahmen erst zu Beginn der neunziger Jahre nähere Verbindungen mit den Arbeitermassen auf. Sie erkannten, dass die Rettung nur in der Arbeiterklasse liegt und dass nur diese Klasse das sozialistische Ideal verwirklichen wird. Von nun an konzentrierte die russische Sozialdemokratie alle ihre Anstrengungen und ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Bewegung, die damals unter den russischen Arbeitern vor sich ging. Der noch ungenügend klassenbewusste und nicht auf den Kampf vorbereitete russische Arbeiter bemühte sich, allmählich aus seiner hoffnungslosen Lage herauszukommen und sein Los irgendwie zu verbessern. Natürlich gab es in dieser Bewegung damals keine regelrechte Organisationsarbeit, die Bewegung war spontan.

So wandte sich denn die Sozialdemokratie dieser unbewussten, spontanen und unorganisierten Bewegung zu. Sie bemühte sich, das Klassenbewusstsein der Arbeiter zu entwickeln, sie bemühte sich, den getrennten und zersplitterten Kampf der einzelnen Arbeitergruppen gegen die einzelnen Unternehmer zu vereinigen, ihn zu einem gemeinsamen Klassenkampf zu verschmelzen, damit er ein Kampf der russischen Arbeiterklasse gegen die Klasse der Unterdrücker Russlands sei, bestrebt, diesem Kampf organisierten Charakter zu verleihen.

In der ersten Zeit vermochte die Sozialdemokratie nicht, ihre Tätigkeit in der Arbeitermasse auszubreiten, weshalb sie sich mit der Arbeit in Propaganda- und Agitationszirkeln zufrieden gab. Die einzige Form ihrer Arbeit war damals die Zirkeltätigkeit. Der Zweck dieser Zirkel bestand darin, unter den Arbeitern selbst eine Gruppe zu schaffen, die in der Folge die Bewegung führen würde. Deshalb wurden diese Zirkel aus fortgeschrittenen Arbeitern zusammengesetzt, und nur auserwählte Arbeiter hatten die Möglichkeit, in den Zirkeln zu lernen.

Die Periode der Zirkel aber ging rasch zu Ende. Die Sozialdemokratie verspürte bald das Bedürfnis, aus dem engen Rahmen der Zirkel herauszutreten und ihren Einfluss auf die großen Arbeitermassen auszubreiten. Dies wurde auch durch die äußeren Verhältnisse gefördert. Damals schlug die spontane Bewegung unter den Arbeitern besonders hohe Wellen. Wer von euch erinnert sich nicht des Jahres, als fast ganz Tiflis von dieser spontanen Bewegung ergriffen war? In den Tabakfabriken und Eisenbahnwerkstätten folgte ein unorganisierter Streik auf den anderen. Bei uns geschah das in den Jahren 1897 und 1898, in Russland etwas früher. Es galt, rechtzeitig zu Hilfe zu kommen, und die Sozialdemokratie beeilte sich mit ihrer Hilfe. Es begann der Kampf um die Verkürzung des Arbeitstags, um die Abschaffung der Geldstrafen, um die Erhöhung des Lohns usw. Die Sozialdemokratie wusste sehr wohl, dass die Entwicklung der Arbeiterbewegung sich nicht auf diese kleinen Forderungen beschränkt, dass das Ziel der Bewegung nicht in diesen Forderungen bestand, dass dies nur ein Mittel zur Erreichung des Ziels war. Mögen diese Forderungen auch klein sein, mögen die Arbeiter selbst in einzelnen Städten und Gebieten heute noch isoliert kämpfen - dieser Kampf selbst wird die Arbeiter lehren, dass der volle Sieg nur dann erreicht werden wird, wenn die ganze Arbeiterklasse als einheitliche, starke, organisierte Macht zum Sturmangriff auf ihren Feind antritt. Eben dieser Kampf wird den Arbeitern zeigen, dass sie neben ihrem direkten Feind - dem Kapitalisten - einen anderen, noch rastloseren Feind haben - die organisierte Macht der ganzen Bourgeoisklasse, den heutigen kapitalistischen Staat mit seinem Militär, seinem Gericht, seiner Polizei, seinen Gefängnissen, seiner Gendarmerie. Wenn selbst in Westeuropa der Arbeiter beim geringsten Versuch, seine Lage zu verbessern, auf die bürgerliche Staatsgewalt stößt, wenn in Westeuropa, wo bereits Menschenrechte erobert sind, der Arbeiter einen direkten Kampf gegen die Staatsgewalt führen muss - so wird um so mehr der Arbeiter Russlands in seiner Bewegung unbedingt mit der Staatsgewalt der Selbstherrschaft zusammenstoßen, die der rastlose Feind jeder Arbeiterbewegung ist, nicht nur weil diese Staatsgewalt die Kapitalisten schützt, sondern auch, weil sie als Selbstherrschaft sich nicht mit der Selbsttätigkeit der Gesellschaftsklassen abfinden kann, ganz besonders aber mit der Selbsttätigkeit einer Klasse wie die Arbeiterklasse, die mehr als die anderen Klassen geknechtet ist und unterdrückt wird. So fasste die Sozialdemokratie Russlands den Gang der Bewegung auf und setzte alle ihre Kräfte ein, um diese Ideen unter den Arbeitern zu verbreiten. Darin bestand ihre Kraft und dadurch erklärt sich ihre große und siegreiche Entwicklung vom ersten Tage an, wie das der grandiose Streik der Petersburger Webereiarbeiter im Jahre 1896 gezeigt hat.

Aber die ersten Siege verwirrten manche schwache Menschen und stiegen ihnen zu Kopf. Wie einst die utopischen Sozialisten ihre Aufmerksamkeit nur auf das Endziel gerichtet und, durch dieses Endziel geblendet, die reale Arbeiterbewegung, die sich vor ihren Augen entfaltete, gar nicht bemerkt oder abgelehnt hatten, so wandten einige russische Sozialdemokraten umgekehrt alle ihre Aufmerksamkeit ausschließlich der spontanen Arbeiterbewegung, ihren Tagesbedürfnissen zu. Damals (vor fünf Jahren) stand das Klassenbewusstsein der russischen Arbeiter noch auf einer sehr niedrigen Stufe. Der russische Arbeiter erwachte eben erst aus dem jahrhundertelangen Schlaf, und seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen bemerkten natürlich nicht alles, was in der Welt vor sich ging, die sich zum ersten Mal vor ihm öffnete. Er hatte keine großen Bedürfnisse, und seine Forderungen waren nicht hoch. Der russische Arbeiter verlangte noch nicht mehr als eine unbedeutende Lohnerhöhung oder Arbeitszeitverkürzung. Davon, dass es notwendig sei, die bestehende Ordnung zu ändern, dass das Privateigentum abgeschafft werden müsse, dass es notwendig sei, die sozialistische Ordnung zu organisieren - von alledem hatten die russischen Arbeitermassen nicht einmal eine Vorstellung. Sie wagten auch kaum, an die Aufhebung der Sklaverei zu denken, in der das ganze russische Volk unter der Selbstherrschaft kümmerlich dahinlebt, an die Freiheit des Volkes, an die Beteiligung des Volkes an der Staatsverwaltung. Zu dieser Zeit nun, als ein Teil der Sozialdemokratie Russlands es für seine Pflicht hielt, ihre sozialistischen Ideen in die Arbeiterbewegung hineinzutragen, war ein anderer Teil, hingerissen von dem ökonomischen Kampf, von dem Kampf um die teilweise Verbesserung der Lage der Arbeiter (wie z. B. Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne), drauf und dran, seine hohe Pflicht, seine hohen Ideale völlig zu vergessen.

Ebenso wie ihre westeuropäischen Gesinnungsgenossen (die so genannten Bernsteinianer) sagten sie: "Uns ist die Bewegung alles, das Endziel nichts." Sie interessierten sich absolut nicht dafür, wofür die Arbeiterklasse kämpft, sie interessierte nur der Kampf als solcher. Es entwickelte sich die so genannte Groschenpolitik. Die Sache ging so weit, dass eines schönen Tages die Petersburger Zeitung "Rabotschaja Myssl"[Anmerkung 2] erklärte: "Unser politisches Programm ist der Zehnstundentag, die Wiedereinführung der durch das Gesetz vom 2. Juni[Anmerkung 3] abgeschafften Feiertage" (!!!) [Es muss bemerkt werden, dass der Petersburger "Kampfbund" und die Redaktion seiner Zeitung in letzter Zeit ihrer früheren, ausschließlich ökonomischen Richtung entsagt haben und sich bemühen, in ihre Aktionen die Ideen des politischen Kampfes hineinzutragen.]

Anstatt die spontane Bewegung zu leiten, in die Massen die sozialdemokratischen Ideale hineinzutragen und sie auf unser Endziel zu lenken, wurde dieser Teil der russischen Sozialdemokraten zu einem blinden Werkzeug der Bewegung selbst; blind folgte er dem ungenügend entwickelten Teil der Arbeiterschaft und beschränkte sich auf die Formulierung der Nöte und der Bedürfnisse, deren sich die Arbeitermassen im Augenblick bewusst waren. Mit einem Wort, er stand da und klopfte an die offene Tür, ohne es zu wagen, in das Haus selbst einzutreten. Er erwies sich als unfähig, den Arbeitermassen das Endziel - den Sozialismus - oder auch nur das nächste Ziel - den Sturz der Selbstherrschaft - zu erläutern, und, was noch betrüblicher war, er hielt alles das für unnütz und sogar für schädlich. Er betrachtete den russischen Arbeiter als ein Kind und fürchtete sich, ihn mit so kühnen Ideen zu erschrecken. Ja, selbst abgesehen davon, bedarf es nach der Meinung eines gewissen Teils der Sozialdemokratie für den Sozialismus keines revolutionären Kampfes: notwendig sei nur der ökonomische Kampf - Streiks und Gewerkschaften, Konsum- und Produktivgenossenschaften -‚ und der Sozialismus sei bereits fertig. Für einen Irrtum hielt er die Lehre der alten internationalen Sozialdemokratie, die nachweist, dass, bevor nicht die politische Macht in die Hände des Proletariats übergeht (Diktatur des Proletariats), eine Änderung der bestehenden Ordnung, die volle Befreiung der Arbeiter unmöglich ist. Seiner Meinung nach stellt der Sozialismus an sich nichts Neues dar und unterscheidet sich eigentlich nicht von der bestehenden kapitalistischen Ordnung: der Sozialismus lasse sich leicht auch in die bestehende Ordnung eingliedern, und jede Gewerkschaft, selbst jeder Konsumladen oder jede Produktivgenossenschaft sei bereits ein "Teil des Sozialismus", sagten sie. Und mit solchem albernen Herumflicken an der alten Kleidung dachten sie der leidenden Menschheit ein neues Kleid zu schneidern! Am betrüblichsten aber und für Revolutionäre an und für sich unbegreiflich ist der Umstand, dass dieser Teil der russischen Sozialdemokraten die Lehre seiner westeuropäischen Lehrer (Bernstein und Konsorten) so seht ausweitete, dass er schamlos erklärt: die politische Freiheit (die Freiheit der Streiks, der Koalition, des Wortes usw.) sei vereinbar mit dem Zarismus, und deshalb sei ein besonderer politischer Kampf, ein Kampf für den Sturz der Selbstherrschaft völlig überflüssig, denn zur Erreichung des Zieles genüge ja der ökonomische Kampf allein, es genüge, dass häufiger gestreikt werde, entgegen dem Verbot der Staatsgewalt, dann werde die Staatsgewalt müde werden, die Streikenden zu bestrafen, und die Freiheit der Streiks und der Versammlungen werde ganz von selbst kommen.

So versuchten diese angeblichen "Sozialdemokraten" zu beweisen, dass der russische Arbeiter alle seine Kraft und Energie ausschließlich für den ökonomischen Kampf opfern müsse und den verschiedenen "breiten Idealen" nicht nachzustreben brauche. Praktisch bestanden ihre Aktionen darin, dass sie lediglich die örtliche Arbeit in dieser oder jener Stadt für ihre Pflicht hielten. Sie hatten für die Gründung einer sozial demokratischen Arbeiterpartei Russlands nicht das geringste Interesse, im Gegenteil, die Gründung einer Partei erschien ihnen als ein lächerliches und müßiges Spiel, das die Erfüllung ihrer direkten "Pflicht", den ökonomischen Kampf, behindere. Streik und noch einmal Streik und Sammlung von Kopeken für die Kampfkassen - das war das Alpha und das Omega ihrer Arbeit.

Ihr werdet zweifellos meinen, dass diese Verehrer der spontanen "Bewegung", da sie einmal ihre Aufgaben so eingeengt, da sie einmal dem Sozialdemokratismus entsagt haben, wenigstens für diese Bewegung viel tun. Aber auch hierin sind wir betrogen. Davon überzeugt uns die Geschichte der Petersburger Bewegung. Ihre glänzende Entwicklung und ihr kühner Vormarsch in den ersten Zeiten, in den Jahren 1895 bis 1897, wurde in der Folge von einem Umherirren im Dunkeln abgelöst, und schließlich kam die Bewegung nicht vom Fleck. Das ist kein Wunder: alle Anstrengungen der "Ökonomisten", eine feste Organisation für den ökonomischen Kampf zu schaffen, stießen jedes Mal auf die kräftige Mauer der Staatsgewalt, an der sie stets zerschellten. Die furchtbaren Polizeiverhältnisse machten jede Möglichkeit aller wie immer gearteten ökonomischen Organisationen zunichte. Auch die Streiks brachten keinen Nutzen, da von 100 Streiks 99 von den Polizeifäusten abgewürgt, die Arbeiter schonungslos aus Petersburg hinausgeworfen wurden und ihre revolutionäre Energie von den Gefängnismauern und den sibirischen Frösten unbarmherzig ausgesogen wurde. Wir sind fest davon überzeugt, dass an dieser (natürlich relativen) Hemmung der Bewegung nicht nur äußere Verhältnisse, die Polizeiverhältnisse schuld sind; nicht weniger schuld hat hier auch die Hemmung in der Entwicklung der Ideen selbst und des Klassenbewusstseins, daher - der Rückgang der revolutionären Energie der Arbeiter.

Da die Arbeiter mit der Entwicklung der Bewegung die hohen Ziele und den Inhalt des Kampfes nicht in ihrer ganzen Tragweite begreifen konnten, denn das Banner, unter dem der russische Arbeiter zu kämpfen hatte, blieb der alte, verblichene Lappen mit der alten Kopekendevise des ökonomischen Kampfes, so legten die Arbeiter in diesen Kampf zwangsläufig weniger Energie, weniger Begeisterung, weniger revolutionäre Bestrebungen hinein, denn eine große Energie wird nur für ein großes Ziel geboren.

Aber die Gefahr, die infolgedessen der Bewegung drohte, wäre größer gewesen, wenn die Bedingungen unseres Lebens die russischen Arbeiter nicht mit jedem Tage immer beharrlicher zum direkten politischen Kampf drängten. Selbst ein einfacher, kleiner Streik stellte die Arbeiter unmittelbar vor die Frage unserer politischen Rechtlosigkeit, führte sie zu Zusammenstößen mit der Staatsgewalt und der bewaffneten Macht und bewies offenkundig, dass der ausschließlich ökonomische Kampf unzureichend ist. Deshalb nahm entgegen dem Wunsch eben dieser "Sozialdemokraten" der Kampf mit jedem Tage einen immer ausgesprocheneren politischen Charakter an. Jeder Versuch der erwachten Arbeiter, ihre Unzufriedenheit mit der bestehenden ökonomischen und politischen Lage, unter deren Druck heute der russische Arbeiter stöhnt, offen zum Ausdruck zu bringen, jeder Versuch, sich von dem Druck zu befreien, drängte die Arbeiter zu Manifestationen, die immer weniger einem ökonomischen Kampf glichen. Die Feiern des 1.Mai in Russland haben den Weg zum politischen Kampf und zu politischen Demonstrationen gebahnt. Und der russische Arbeiter hat dem einzigen alten Mittel seines Kampfes - dem Streik - ein neues machtvolles Mittel hinzugefügt - die politische Demonstration, die zum ersten Mal während der grandiosen Charkower Maifeier von 1900 erprobt wurde.

Somit ist die Arbeiterbewegung Russlands dank ihrer inneren Entwicklung von der Propaganda in Zirkeln und dem ökonomischen Kampf mittels Streiks auf den Weg des politischen Kampfes und der Agitation übergegangen.

Dieser Übergang beschleunigte sich merklich, als die Arbeiterklasse in der Arena des Kampfes Elemente aus anderen Gesellschaftsklassen Russlands erblickte, die mit dein festen Entschluss kommen, die politische Freiheit zu erobern.

II

Unter dem Joch des zaristischen Regimes stöhnt nicht nur die Arbeiterklasse. Die schwere Tatze der Selbstherrschaft würgt auch die anderen Klassen der Gesellschaft. Es stöhnen die durch ständigen Hunger physisch entstellten russischen Bauern, die durch die unerträglichen Steuerlasten verelendet und den Händlern, den Bourgeois sowie den "hochgeborenen" Gutsherren ausgeliefert sind. Es stöhnt der kleine Mann in der Stadt, es stöhnen die kleinen Angestellten der Staatsämter und Privatunternehmungen, die kleine Beamtenschaft - überhaupt alle jene zahlreichen kleinen Städter, deren Existenz ebenso wenig wie die der Arbeiterklasse gesichert ist, und die Grund haben, mit ihrer gesellschaftlichen Stellung unzufrieden zu sein. Es stöhnt ein Teil der kleinen und sogar der mittleren Bourgeoisie, der sich mit der Knute und der Peitsche des Zaren nicht abfinden kann, besonders der gebildete Teil der Bourgeoisie, die so genannten Vertreter der freien Berufe (Lehrer, Ärzte, Advokaten, Studenten und Lernende überhaupt). Es stöhnen die unterdrückten Nationen und Glaubensbekenntnisse in Russland, darunter die in ihren heiligen Gefühlen verletzten Polen, die von ihrem Heimatboden vertrieben werden, die Finnen, deren historisch erworbene Rechte und deren Freiheit die Selbstherrschaft frech zertreten hat. Es stöhnen die ständig verfolgten und geschmähten Juden, die sogar jener kläglichen Rechte beraubt sind, wie sie die übrigen russischen Untertanen genießen - des Rechtes, überall zu wohnen, des Rechtes, in den Schulen zu lernen, des Rechtes, als Beamte zu dienen, usw. Es stöhnen die Georgier, die Armenier und die anderen Nationen, die des Rechtes beraubt sind, ihre eigenen Schulen zu haben, in den Staatsämtern zu arbeiten, die gezwungen sind, sich jener schändlichen und knechtenden Politik der Russifizierung zu fügen, die die Selbstherrschaft mit solchem Eifer betreibt. Es stöhnen die vielen Millionen der russischen Sektierer, die so glauben und bekennen wollen, wie ihr Gewissen es ihnen eingibt, und nicht so, wie die rechtgläubigen Popen das wünschen. Es stöhnen... aber man kann nicht alle von der russischen Selbstherrschaft Unterjochten, nicht alle von ihr Verfolgten aufzählen. Ihrer sind so viele, dass, wenn sie alle dies begriffen und wenn sie alle begriffen, wo ihr gemeinsamer Feind steht, die russische Despotenmacht auch nicht einen Tag länger existieren würde. Leider ist die russische Bauernschaft noch durch die jahrhundertelange Sklaverei, Armut und Unwissenheit verschüchtert und erwacht erst jetzt, sie hat noch nicht begriffen, wo ihr Feind steht. Die unterjochten Nationen Russlands können nicht einmal daran denken, sich mit ihren eigenen Kräften zu befreien, solange ihnen nicht nur die russische Regierung gegenübersteht, sondern sogar das russische Volk, das sich noch nicht bewusst geworden ist, dass ihr gemeinsamer Feind die Selbstherrschaft ist. Es bleiben die Arbeiterklasse, die kleinen Städter und der gebildete Teil der Bourgeoisie.

Aber die Bourgeoisie aller Länder und Nationen versteht es sehr wohl, sich die Früchte anzueignen, die nicht durch ihren Sieg erworben sind, sie versteht es sehr wohl, mit fremden Fingern die Glut aus dem Ofen kratzen zu lassen. Sie ist niemals gewillt, ihre verhältnismäßig privilegierte Stellung aufs Spiel zu setzen im Kampf gegen einen starken Feind, in einem Kampf, den zu gewinnen vorläufig noch nicht so leicht ist. Obgleich sie unzufrieden ist, lebt sie dennoch nicht schlecht, und deshalb räumt sie mit Vergnügen der Arbeiterklasse und überhaupt dem einfachen Volk das Recht ein, den Rücken hinzuhalten, wo die Peitschen der Kosaken sausen oder die Kugeln der Soldaten pfeifen, auf den Barrikaden zu kämpfen usw. Sie selbst "sympathisiert" mit dem Kampf und ist bestenfalls "empört" (für sich) über die Grausamkeit, mit der der vertierte Feind die Volksbewegung niederschlägt. Sie fürchtet die revolutionären Aktionen, und erst in den letzten Minuten des Kampfes, wenn sie die Ohnmacht des Feindes klar sieht, geht sie selber zu revolutionären Maßnahmen über. Dies lehren uns die Erfahrungen der Geschichte... Nur die Arbeiterklasse und überhaupt das Volk, das im Kampfe nichts zu verlieren hat als seine Ketten - nur sie allein sind eine wirkliche revolutionäre Macht. Die Erfahrungen Russlands, obgleich noch dürftig, bestätigen diese alte Wahrheit, die die Geschichte aller revolutionären Bewegungen uns lehrt.

Von den Vertretern des privilegierten Standes hat nur ein Teil der Studentenschaft seine Entschlossenheit gezeigt, bis zu Ende für seine Forderungen zu kämpfen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass auch dieser Teil der Studentenschaft aus den Söhnen derselben unterdrückten Bürger besteht; dabei neigt die Studentenschaft, als die studierende Jugend, solange sie noch nicht im praktischen Leben aufgegangen ist und dort noch nicht eine bestimmte gesellschaftliche Stellung eingenommen hat, am meisten idealen Bestrebungen zu, die sie zum Kampf für die Freiheit rufen.

Wie dem auch sei, gegenwärtig tritt die Studentenschaft in der Bewegung der "Gesellschaft" fast als Leiter, als Vortrupp auf. Um sie gruppiert sich heute der unzufriedene Teil der verschiedenen Gesellschaftsklassen. Anfänglich versuchte die Studentenschaft, mit Hilfe eines von den Arbeitern übernommenen Mittels zu kämpfen - mit Hilfe der Streiks. Als aber die Regierung auf ihre Streiks mit einem bestialischen Gesetz (den "Provisorischen Bestimmungen"[Anmerkung 4]) antwortete, laut welchem streikende Studenten als Rekruten eingezogen werden, blieb der Studentenschaft nur ein einziges Kampfmittel übrig - von der russischen Gesellschaft Hilfe zu verlangen und von Streiks überzugehen zu Straßendemonstrationen. So ging die Studentenschaft denn auch vor. Sie streckte die Waffen nicht, sondern im Gegenteil, sie begann noch mutiger und entschlossener zu kämpfen. Um sie gruppierten sich die unterjochten Bürger, die Arbeiterklasse reichte ihnen die helfende Hand, und die Bewegung wurde machtvoll und für die Staatsgewalt bedrohlich. Die Regierung Russlands führt nun schon zwei Jahre mit Hilfe ihrer zahlreichen Truppen, ihrer Polizei und ihrer Gendarmen einen erbitterten, aber ergebnislosen Kampf gegen die widerspenstigen Bürger.

Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die politischen Demonstrationen nicht niedergeschlagen werden können. Die Vorfälle in Charkow, Moskau, Nishni Nowgorod, Riga usw. in den ersten Dezembertagen zeigen, dass die gesellschaftliche Unzufriedenheit gegenwärtig schon bewusst hervortritt und dass diese unzufriedene Gesellschaft bereit ist, von stillschweigendem Protest zu revolutionären Aktionen überzugehen. Die von der Studentenschaft erhobenen Forderungen aber, die Forderungen der Lehrfreiheit, der Freiheit des inneren Universitätslebens sind für eine breite gesellschaftliche Bewegung zu eng. Um alle Teilnehmer dieser Bewegung zusammenzuschließen, braucht man ein Banner, ein Banner, das allen verständlich ist und nahe steht, das alle Forderungen vereinigt. Ein solches Banner ist der Sturz der Selbstherrschaft. Nur auf den Trümmern der Selbstherrschaft kann eine Gesellschaftsordnung errichtet werden, die sich auf die Teilnahme des Volkes an der Staatsverwaltung stützt, die eine Garantie ist für die Freiheit der Lehre sowohl wie der Streiks, des Wortes, der Religion wie der Nationalitäten usw. usf. Nur eine solche Ordnung wird dem Volke das Mittel geben, mit dem es sich gegen alle Unterdrücker verteidigen kann, gegen die Händler und Kapitalisten, gegen die Geistlichkeit und den Adel, nur eine solche Ordnung wird den Weg frei machen in eine bessere Zukunft, zum freien Kampf für die Errichtung der sozialistischen Ordnung.

Natürlich kann die Studentenschaft nicht mit eigenen Kräften diesen grandiosen Kampf führen, ihre schwachen Hände werden dieses schwere Banner nicht halten können. Um es zu halten, braucht man stärkere Hände, und eine solche Kraft findet man unter den heutigen Verhältnissen nur in der vereinigten Kraft des arbeitenden Volkes. Folglich muss die Arbeiterklasse der Studentenschaft das Banner ganz Russlands aus den schwachen Händen nehmen, die Losungen "Nieder mit der Selbstherrschaft! Es lebe die demokratische Verfassung!" darauf schreiben und das russische Volk zur Freiheit führen. Den Studenten aber müssen wir dankbar sein für die uns erteilte Lehre: sie haben gezeigt, von welch großer Bedeutung die politische Demonstration im revolutionären Kampf ist.

Die Straßendemonstration ist dadurch von Interesse, dass sie eine große Masse der Bevölkerung rasch in die Bewegung hineinzieht, sie mit unseren Forderungen sofort bekannt macht und jenen günstigen breiten Boden schafft, auf dem wir kühn den Samen der sozialistischen Ideen und der politischen Freiheit säen können. Die Straßendemonstration schafft die Straßenagitation, deren Einfluss sich der rückständige und schüchterne Teil der Gesellschaft nicht entziehen kann. [Ein illegales Buch oder Agitationsflugblatt erreicht unter den heutigen Verhältnissen in Russland den einzelnen Bewohner nur mit großer Schwierigkeit. Obwohl die Verbreitung illegaler Literatur reiche Früchte trägt, erfasst sie doch in den meisten Fällen nur einen geringen Teil der Bevölkerung.] Man braucht nur während der Demonstration auf die Straße zu gehen, um mutige Kämpfer zu sehen und zu begreifen, wofür sie kämpfen, die freie Rede, die alle zum Kampf aufruft, und das Kampflied zu hören, das die bestehende Ordnung entlarvt und unsere gesellschaftlichen Eiterbeulen aufdeckt. Eben aus diesem Grunde fürchtet die Staatsgewalt die Straßendemonstration am allermeisten. Deshalb droht sie, nicht nur die Demonstranten, sondern auch die "Neugierigen" hart zu bestrafen. In dieser Neugier des Volkes steckt die Hauptgefahr für die Staatsgewalt: der heutige "Neugierige" wird morgen als Demonstrant neue Gruppen "Neugieriger" um sich versammeln. Solche "Neugierigen" aber gibt es heute in jeder großen Stadt zu Zehntausenden. Der Einwohner Russlands verkriecht sich heute schon nicht mehr wie früher, wenn er hört, dass irgendwo Unruhen vor sich gehen (,‚dass man mich bloß nicht drankriegt, lieber sich davonmachen", sagte er früher), - heute zieht es ihn zum Schauplatz der Unruhen, und er ist "neugierig" zu erfahren: Was sollen diese Unruhen, um welcher Sache willen setzen so viele Leute den Kosakenpeitschen ihren Rücken aus?

Unter diesen Umständen hören die "Neugierigen" auf, das Sausen der Peitschen und der Säbel gleichmütig anzuhören. Die "Neugierigen" sehen, dass die Demonstranten sich auf der Straße versammelt haben, um ihre Wünsche und Forderungen auszusprechen, die Staatsgewalt antwortet ihnen aber mit Prügeln und bestialischer Unterdrückung. Der "Neugierige" läuft nicht mehr weg vor dem Sausen der Peitschen, sondern er tritt im Gegenteil näher heran, und die Peitsche kann schon nicht mehr unterscheiden, wo der einfache "Neugierige" aufhört und der "Rebell" anfängt. Jetzt tanzt die Peitsche unter Beachtung "voller demokratischer Gleichheit", ohne Unterschied des Geschlechts, des Alters und selbst des Standes, auf dem Rücken sowohl der einen als auch der anderen. Dadurch erweist uns die Peitsche einen großen Dienst, denn sie beschleunigt die Revolutionierung des "Neugierigen". Sie wird aus einer Waffe der Beschwichtigung zu einer Waffe des Erweckens.

Mögen uns daher die Straßendemonstrationen auch keine direkten Resultate liefern, möge die Kraft der Demonstranten heute noch zu schwach sein, als dass man mit dieser Kraft die Staatsgewalt zwingen könnte, den Forderungen des Volkes sofort nachzugeben, - die Opfer, die wir heute in den Straßendemonstrationen bringen, werden uns hundertfältig ersetzt werden. Jeder im Kampf gefallene oder unserem Lager entrissene Kämpfer bringt Hunderte von neuen Kämpfern auf die Beine.

Vorläufig werden wir noch so manches Mal auf der Straße geschlagen werden, wird die Regierung noch so manches Mal aus den Straßenkämpfen als Sieger hervorgehen. Aber das wird ein "Pyrrhussieg" sein. Noch einige solche Siege - und die Niederlage des Absolutismus ist sicher. Durch den heutigen Sieg bereitet er seine Niederlage vor. Wir aber, die wir fest davon überzeugt sind, dass dieser Tag kommen wird, dass dieser Tag nicht fern ist, setzen uns den Peitschenschlägen aus, um den Samen der politischen Agitation und des Sozialismus zu säen.

Die Staatsgewalt ist nicht weniger als wir davon überzeugt, dass die Straßenagitation das Todesurteil für sie ist, dass nur noch 2-3 Jahre zu vergehen brauchen, bis sich das Gespenst der Volksrevolution vor ihr erhebt. Die Regierung hat in diesen Tagen durch den Mund des Gouverneurs von Jekaterinoslaw erklärt, dass sie "auch vor den äußersten Maßnahmen nicht zurückschrecken wird, um die geringsten Versuche einer Straßendemonstration niederzuschlagen". Man sieht, diese Erklärung riecht nach Kugeln und möglicherweise sogar nach Kartätschen, wir glauben aber, dass die Kugel ein Mittel ist, das nicht weniger Unzufriedenheit als die Peitsche erregt. Wir glauben nicht, dass die Regierung selbst mit diesen "äußersten Maßnahmen" imstande sein wird, die politische Agitation für lange Zeit aufzuhalten und dadurch ihre Entwicklung zu behindern. Wir hoffen, dass die revolutionäre Sozialdemokratie es verstehen wird, ihre Agitation auch den neuen Verhältnissen anzupassen, die die Regierung durch die Ergreifung dieser "äußersten Maßnahmen" schaffen wird. Jedenfalls muss die Sozialdemokratie die Ereignisse wachsam verfolgen, sie muss sich die Lehren dieser Ereignisse rasch zunutze machen und ihre Tätigkeit geschickt den sich ändernden Verhältnissen anpassen.

Hierfür jedoch braucht die Sozialdemokratie eine starke und geschlossene Organisation, und zwar eine Parteiorganisation, die nicht nur dem Namen nach, sondern auch ihren grundlegenden Prinzipien und taktischen Anschauungen nach geschlossen sein wird. Es ist unsere Aufgabe, an der Schaffung einer solchen starken Partei zu arbeiten, die mit festen Prinzipien und einer unüberwindlichen Konspiration gewappnet sein wird.

Die Sozialdemokratische Partei muss sich die neuerlich einsetzende Straßenbewegung zunutze machen, sie muss das Banner der russischen Demokratie in ihre Hände nehmen und sie dem von allen gewünschten Siege entgegenführen!

Somit stehen wir vor einer Periode des vorwiegend politischen Kampfes. Ein solcher Kampf ist für uns unvermeidlich, denn in den bestehenden politischen Verhältnissen kann der ökonomische Kampf (Streiks) nichts Wesentliches ergeben. Streiks sind auch in freien Staaten eine zweischneidige Waffe: selbst dort enden die Streiks, obgleich die Arbeiter über Kampfmittel - politische Freiheit, starke Organisationen der Arbeiterverbände, wohl gefüllte Kassen - verfügen, häufig mit einer Niederlage der Arbeiter. Bei uns aber, wo der Streik ein Verbrechen ist, das mit Haft bestraft, mit Waffengewalt unterdrückt wird, wo Arbeiterverbände jeder Art verboten sind, - bei uns gewinnen die Streiks nur die Bedeutung eines Protestes. Für den Protest sind aber die Demonstrationen eine stärkere Waffe. In den Streiks ist die Kraft der Arbeiter zersplittert, an ihnen nehmen nur die Arbeiter eines Betriebes oder einiger Betriebe, bestenfalls eines Berufszweiges teil, und die Organisierung eines Generalstreiks ist selbst in Westeuropa sehr schwer, bei uns aber ganz unmöglich - während die Arbeiter in den Straßendemonstrationen ihre Kräfte sofort vereinigen.

Man ersieht hieraus, welche engen Ansichten von der Sache diejenigen "Sozialdemokraten" haben, die die Arbeiterbewegung in den Rahmen des ökonomischen Kampfes und der ökonomischen Organisationen zwängen wollen, den politischen Kampf der "Intelligenz", den Studenten, der Gesellschaft überlassen und den Arbeitern nur die Rolle einer Hilfskraft einräumen. Die Geschichte lehrt, dass die Arbeiter unter solchen Verhältnissen gezwungen sein werden, nur für die Bourgeoisie die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die Bourgeoisie bedient sich gewöhnlich mit Vergnügen der muskulösen Fäuste der Arbeiter im Kampf gegen die Selbstherrschaft, und wenn der Sieg bereits erkämpft ist, eignet sie sich seine Resultate an und lässt die Arbeiter leer ausgehen. Nimmt die Sache auch bei uns einen solchen Verlauf, so werden die Arbeiter in diesem Kampfe nichts gewinnen. Was die Studenten und die anderen Protestanten aus der Gesellschaft anbelangt, so gehören ja auch sie zu der nämlichen Bourgeoisie. Man braucht ihnen nur eine absolut harmlose "gerupfte Verfassung" zu bieten, die dem Volke ganz geringfügige Rechte gewährt, damit alle diese Protestanten ein anderes Lied anstimmen und das "neue" Regime zu lobpreisen beginnen. Die Bourgeoisie lebt in ständiger Furcht vor dem "roten Gespenst" des Kommunismus und bemüht sich in allen Revolutionen, die Sache dort enden zu lassen, wo sie eigentlich erst beginnt. Hat sie ein unbedeutendes, für sie vorteilhaftes Zugeständnis erlangt, so reicht sie, durch die Arbeiter erschreckt, der Staatsgewalt die Hand der Versöhnung und verrät schamlos die Sache der Freiheit. [Wir haben hier natürlich nicht jene Intelligenz im Auge, die sich bereits von ihrer Klasse lossagt und in den Reihen der Sozialdemokratie kämpft. Solche Intellektuelle aber sind nur eine Ausnahme, sie sind "weiße Raben".]

Nur die Arbeiterklasse ist eine zuverlässige Stütze der wahren Demokratie. Nur sie kann auf keine Verständigung mit der Selbstherrschaft um irgendeines Zugeständnisses willen eingehen und wird sich nicht einschläfern lassen, wenn man ihr ein süßes Lied unter den Klängen der konstitutionellen Laute zu singen beginnt.

Für die Sache der Demokratie in Russland ist es deshalb von außerordentlich großer Bedeutung, ob die Arbeiterklasse es verstehen wird, an die Spitze der demokratischen Gesamtbewegung zu treten, oder aber ob sie im Nachtrab der Bewegung einher trotten wird als Hilfskraft der "Intelligenz", d.h. der Bourgeoisie. Im ersten Fall wird das Resultat des Sturzes der Selbstherrschaft eine großzügige demokratische Verfassung sein, die sowohl dem Arbeiter und dem niedergedrückten Bauern als auch dem Kapitalisten gleiche Rechte gewähren wird. Im zweiten Fall werden wir als Resultat jene "gerupfte Verfassung" haben, unter der nicht weniger als unter dem Absolutismus die Forderungen der Arbeiter mit Füßen getreten und dem Volk nur der Schatten einer Freiheit gewährt werden wird.

Um jedoch diese führende Rolle spielen zu können, muss sich die Arbeiterklasse zu einer selbständigen politischen Partei zusammenschließen. Dann werden ihr Verrätereien und Treubrüche ihres zeitweiligen Verbündeten, der "Gesellschaft", im Kampf gegen den Absolutismus nichts anhaben können. Von dem Augenblick an, wo diese "Gesellschaft" die Sache der Demokratie verrät, wird die Arbeiterklasse selbst, mit ihren eigenen Kräften, dieses Werk voranführen - die selbständige politische Partei wird ihr die hierzu notwendige Kraft verleihen.

„Brdsola" (,‚Der Kampf“) Nr. 2/3, November/Dezember 1901. Artikel ohne ‘Unterschrift. Wach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen

1904

Welche Auffassung hat die Sozialdemokratie von der nationalen Frage?

I

Alles ändert sich... Es ändert sich das gesellschaftliche Leben und mit ihm ändert sich auch die "nationale Frage". Zu verschiedenen Zeiten treten verschiedene Klassen in die Kampfarena, - und jede Klasse hat ihre eigene Auffassung von der "nationalen Frage". Folglich dient die "nationale Frage" zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Interessen und nimmt verschiedene Schattierungen an, je nachdem, von welcher Klasse und wann sie aufgeworfen wird.

Bei uns gab es z.B. die so genannte "nationale Frage" des Adels, als der georgische Adel nach dem "Anschluss Georgiens an Russland" zu fühlen bekam, wie unvorteilhaft es für ihn war, die alten Privilegien und die Macht zu verlieren, die er unter den georgischen Königen besessen hatte, und, da er eine "bloße Untertanenschaft" für eine Schmälerung seiner Würde hielt, die "Befreiung Georgiens" wünschte. Hierdurch wollte er an die Spitze "Georgiens" georgische Könige und den Adel stellen und ihnen somit das Schicksal des georgischen Volkes anvertrauen! Das war ein feudal-monarchistischer "Nationalismus". Diese "Bewegung" hat keine merkliche Spur im Leben der Georgier zurückgelassen und sich durch keine einzige Tatsache Ruhm erworben, abgesehen von einzelnen Verschwörungen georgischer Adeliger gegen die russischen Machthaber in Kaukasien. Die Ereignisse des gesellschaftlichen Lebens brauchten diese ohnehin schwache "Bewegung" nur leicht zu berühren, um sie bis auf den Grund zunichte zu machen. Und wirklich, die Entwicklung der Warenwirtschaft, die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Gründung der Adelsbank, die Verstärkung des Klassenantagonismus in Stadt und Land, die erstarkende Bewegung der Dorfarmut usw. - alles dies versetzte dem georgischen Adel und zugleich mit ihm auch dem "feudal-monarchistischen Nationalismus" einen tödlichen Schlag. Der georgische Adel spaltete sich in zwei Gruppen. Die eine von ihnen entsagte jeglichem "Nationalismus" und streckte der russischen Selbstherrschaft die Hand hin, um als Gegenleistung von ihr warme Pöstchen, billigen Kredit und landwirtschaftliche Geräte sowie den Schutz der Regierung gegen ländliche "Rebellen" usw. zu erhalten. Die andere, schwächere Gruppe des georgischen Adels wieder befreundete sich mit den georgischen Bischöfen und Archimandriten und verschaffte somit dem vom Leben verfolgten "Nationalismus" Unterschlupf unter den Fittichen des Klerikalismus. Diese Gruppe arbeitet mit großer Begeisterung für den Wiederaufbau der zerstörten georgischen Kirchen (dies ist der Hauptpunkt ihres "Programms"!) - der "Denkmäler einstiger Größe" - und wartet andächtig auf ein Wunder, das berufen wäre, ihre fronherrlich-monarchistischen "Wünsche" zu verwirklichen.

Somit nahm der feudal-monarchistische Nationalismus in den letzten Augenblicken seines Lebens eine klerikale Form an.

Zugleich damit setzte das moderne gesellschaftliche Leben bei uns die nationale Frage der Bourgeoisie auf die Tagesordnung. Als die junge georgische Bourgeoisie zu fühlen bekam, wie schwer für sie die freie Konkurrenz mit den "ausländischen" Kapitalisten ist, begann sie durch den Mund der georgischen Nationaldemokraten von einem unabhängigen Georgien zu stammeln. Die georgische Bourgeoisie wollte den georgischen Markt durch Zollschranken schützen, die "ausländische" Bourgeoisie mit Gewalt von diesem Markt vertreiben, die Warenpreise künstlich hochschrauben und mit solchen "patriotischen" Machenschaften in der Arena der Bereicherung Erfolge erzielen.

Dies war und bleibt das Ziel des Nationalismus der georgischen Bourgeoisie. Es erübrigt sich zu sagen, dass man, um dieses Ziel zu erreichen, Kraft brauche, und diese Kraft - hat das Proletariat. Nur das Proletariat konnte dem lendenlahmen "Patriotismus" der Bourgeoisie Leben einhauchen. Es war notwendig, das Proletariat auf seine Seite zu ziehen, - und siehe da, auf der Szene erschienen die "Nationaldemokraten". Sie verschossen viel Pulver, um den wissenschaftlichen Sozialismus zu widerlegen, sie schmähten die Sozialdemokraten und rieten den georgischen Proletariern, sich von ihnen abzuwenden, sangen dem georgischen Proletariat Loblieder und redeten ihm zu, "im Interesse der Arbeiter selbst" irgendwie die georgische Bourgeoisie zu stärken. Unablässig flehten sie die georgischen Proletarier an: Richtet "Georgien" (oder die georgische Bourgeoisie?) nicht zugrunde, vergesst die "inneren Meinungsverschiedenheiten", befreundet euch mit der georgischen Bourgeoisie usw. Aber vergeblich! Die süßlichen Märchen der bürgerlichen Publizisten vermochten das georgische Proletariat nicht einzuschläfern! Die schonungslosen Angriffe der georgischen Marxisten, besonders aber die machtvollen Klassenaktionen, die die russischen, armenischen, georgischen und anderen Proletarier zu einer einzigen sozialistischen Truppe zusammenschlossen, versetzten unseren bürgerlichen Nationalisten einen vernichtenden Schlag und vertrieben sie vom Kampffeld.

"Zwecks Wiederherstellung des schmachbedeckten Namens" mussten unsere geflohenen Patrioten "wenigstens den Anstrich ändern", sich wenigstens in ein sozialistisches Gewand hüllen, wenn sie sich schon die sozialistischen Ansichten nicht zu Eigen machen konnten. Und wirklich, auf der Szene erschien ein illegales... bürgerlich-nationalistisches - mit Verlaub zu sagen - "sozialistisches" Organ "Sakartwelo"![Anmerkung 5] So wollten sie die georgischen Arbeiter verleiten! Aber es war schon zu spät! Die georgischen Arbeiter hatten es gelernt, schwarz und weiß zu unterscheiden, sie errieten leicht, dass die bürgerlichen Nationalisten "nur den Anstrich geändert" hatten, aber nicht das Wesen ihrer Ansichten, dass am "Sakartwelo" nur der Name sozialistisch ist. Sie hatten das begriffen und gaben die "Retter" Georgiens dem Gelächter preis! Die Hoffnungen der Don Quichottes aus dem "Sakartwelo" waren fehlgeschlagen!

Auf der anderen Seite schlägt unsere wirtschaftliche Entwicklung allmählich eine Brücke zwischen den fortschrittlichen Kreisen der georgischen Bourgeoisie und "Russland", stellt ökonomische und politische Verbindungen zwischen diesen Kreisen und "Russland" her und erschüttert damit den Boden des ohnehin schon erschütterten bürgerlichen Nationalismus. Und das ist der zweite Schlag gegen den bürgerlichen Nationalismus!

In die Arena des Kampfes trat eine neue Klasse, das Proletariat, - und zugleich mit ihm entstand auch eine neue "nationale Frage", die "nationale Frage" des Proletariats. So sehr sich das Proletariat von dem Adel und der Bourgeoisie unterscheidet, so sehr unterscheidet sich auch die vom Proletariat aufgeworfene "nationale Frage" von der "nationalen Frage" des Adels und der Bourgeoisie.

Von diesem "Nationalismus" wollen wir jetzt sprechen.

Welche Auffassung hat die Sozialdemokratie von der "nationalen Frage“?

Das Proletariat Russlands hat schon vom Kampf zu sprechen begonnen. Das Ziel jedes Kampfes ist bekanntlich der Sieg. Für den Sieg des Proletariats aber bedarf es der Vereinigung aller Arbeiter ohne Unterschied der Nationalität. Es ist klar, dass die Niederreißung der nationalen Schranken und der enge Zusammenschluss der russischen, georgischen, armenischen, polnischen, jüdischen und anderen Proletarier eine notwendige Voraussetzung für den Sieg des Proletariats Russlands bilden.

Das erfordern die Interessen des Proletariats Russlands.

Aber die russische Selbstherrschaft als der schlimmste Feind des Proletariats Russlands wirkt der Vereinigung der Proletarier ständig entgegen. Auf Strauchrittermanier verfolgt sie die nationale Kultur, die Sprache, die Gebräuche und die Einrichtungen der "fremden" Nationalitäten Russlands. Die Selbstherrschaft beraubt sie der notwendigen Bürgerrechte, bedrängt sie von allen Seiten, sät pharisäisch Misstrauen und Feindschaft unter ihnen, hetzt sie zu blutigen Zusammenstößen auf und zeigt damit, dass das einzige Ziel der russischen Selbstherrschaft darin besteht, die Russland besiedelnden Nationen zu entzweien, den nationalen Hader unter ihnen zu verschärfen, die nationalen Schranken zu verstärken und dadurch mit größerem Erfolg die Proletarier zu spalten, mit größerem Erfolg das Proletariat ganz Russlands in kleine nationale Gruppen zu zersplittern und auf diese Weise dem Klassenbewusstsein der Arbeiter, ihrer Klassenvereinigung das Grab zu schaufeln.

Das erfordern die Interessen der russischen Reaktion, das ist die Politik der russischen Selbstherrschaft.

Es ist klar, dass die Interessen des Proletariats Russlands früher oder später unvermeidlich zusammenstoßen mussten mit der reaktionären Politik der zaristischen Selbstherrschaft. So ist es auch gekommen, und eben auf diesem Boden entstand in der Sozialdemokratie die "nationale Frage".

Wie lassen sich die nationalen Schranken niederreißen, die zwischen den Nationen errichtet worden sind, wie lässt sich die nationale Abgeschlossenheit aufheben, damit es möglich wird, die Proletarier Russlands einander möglichst nahe zu bringen und sie fester zusammenzuschließen?

Das ist der Inhalt der "nationalen Frage" in der Sozialdemokratie.

Sich in einzelne nationale Parteien teilen und aus ihnen einen "freien Bund" schaffen, - antworten die sozialdemokratischen Föderalisten.

Dasselbe sagt auch die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation".[Anmerkung 6]

Wie man sieht, wird uns geraten, uns nicht zu einer einzigen Partei Russlands mit einer einheitlichen Zentrale an der Spitze zusammenzuschließen, sondern uns in mehrere Parteien mit mehreren leitenden Zentralen zu teilen, und alles das zur Stärkung der Klasseneinheit! Wir wollen die Proletarier der verschiedenen Nationen einander näher bringen. Was sollen wir dazu unternehmen? - Entfernt die Proletarier voneinander und ihr erreicht das Ziel! antworten die sozialdemokratischen Föderalisten. Wir wollen die Proletarier zu einer Partei zusammenschließen. Was sollen wir dazu unternehmen? - Zersplittert das Proletariat Russlands in einzelne Parteien und ihr erreicht das Ziel! antworten die sozialdemokratischen Föderalisten. Wir wollen die nationalen Schranken niederreißen. Welche Maßnahmen sollen wir ergreifen? - Verstärkt die nationalen Schranken durch organisatorische Schranken und ihr erreicht das Ziel! antworten sie. Und alles das rät man uns, den Proletariern Russlands, die ihren Kampf unter den gleichen politischen Bedingungen führen, die ein und denselben gemeinsamen Feind haben! Mit einem Wort, man sagt uns: Handelt zur Freude der Feinde und begrabt euer gemeinsames Ziel mit euren eigenen Händen!

Aber erklären wir uns für einen Augenblick mit den sozialdemokratischen Föderalisten einverstanden und folgen wir ihnen, - sehen wir zu, wohin sie uns führen werden! Es heißt ja: Verfolgt den Lügner bis zur Schwelle der Lüge.

Nehmen wir an, wir hätten auf unsere Föderalisten gehört und einzelne nationale Parteien gegründet. Welche Resultate würden die Folge sein?

Dies ist nicht schwer zu erkennen. Wandten wir bisher, solange wir Zentralisten waren, die Hauptaufmerksamkeit den gemeinsamen Bedingungen der Lage der Proletarier, der Einheit ihrer Interessen zu und sprachen wir von ihren "nationalen Unterschieden" nur insoweit, als dies ihren gemeinsamen Interessen nicht widersprach, war bisher die erste Frage für uns die Frage, worin die Proletarier der Nationalitäten Russlands miteinander übereinstimmen, was es Gemeinsames zwischen ihnen gibt - um auf dem Boden dieser gemeinsamen Interessen eine einzige zentralisierte Partei der Arbeiter ganz Russlands aufzubauen -, so lenkt heute, wo "wir" Föderalisten geworden sind, eine neue höchst wichtige Frage unsere Aufmerksamkeit auf sich: worin sich die Proletarier der Nationalitäten Russlands voneinander unterscheiden, welcher Unterschied zwischen ihnen besteht, um auf dem Boden des "nationalen Unterschiedes" gesonderte nationale Parteien aufzubauen. Auf diese Weise werden die für den Zentralisten zweitrangigen "nationalen Unterschiede" für den Föderalisten zum Fundament der nationalen Parteien.

Beschreiten wir diesen Weg weiter, so werden wir früher oder später zu dem Schlusse genötigt sein, dass die "nationalen" und noch irgendwelche anderen "Unterschiede", z.B. des armenischen Proletariers, die gleichen sind wie die der armenischen Bourgeoisie auch, dass der armenische Proletarier und der armenische Bourgeois ein und dieselben Sitten und Gebräuche, ein und denselben Charakter haben, dass sie ein Volk, eine unteilbare "Nation" bilden.

(Die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" hat soeben diesen löblichen Schritt getan. Sie erklärt in ihrem "Manifest" entschieden, dass man das "Proletariat (das armenische) nicht von der Gesellschaft (der armenischen) trennen darf: das vereinigte (armenische) Proletariat muss das vernünftigste und stärkste Organ des armenischen Volkes sein", dass das "armenische Proletariat, in einer sozialistischen Partei vereinigt, bestrebt sein muss, das armenische gesellschaftliche Denken zu bestimmen, dass das armenische Proletariat der leibliche Sohn seines Stammes sein wird" u. dgl. m. (siehe Artikel 3 des "Manifests" der "Armenischen Sozialdemokratischen Arbeiterorganisation").

Erstens ist es unbegreiflich, weshalb man "das armenische Proletariat nicht von der armenischen Gesellschaft trennen darf", wenn diese "Trennung" auf Schritt und Tritt erfolgt. Hat sich denn etwa nicht das vereinigte armenische Proletariat von der armenischen Gesellschaft "getrennt", als es im Jahre 1900 (in Tiflis) der armenischen Bourgeoisie und den bürgerlich denkenden Armeniern den Kampf ansagte?! Was stellt denn die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" eigentlich vor, wenn nicht eine Klassenorganisation der armenischen Proletarier, die sich von den anderen Klassen der armenischen Gesellschaft "getrennt" haben? Oder ist vielleicht die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" eine Organisation aller Klassen!? Und kann sie denn das kämpfende armenische Proletariat darauf beschränken, "das armenische gesellschaftliche Denken" zu bestimmen, ist es nicht verpflichtet vorwärtszuschreiten, diesem bis aufs Mark bürgerlichen "gesellschaftlichen Denken" den Kampf anzusagen und ihm revolutionären Geist einzuhauchen? Die Tatsachen besagen, dass es hierzu verpflichtet ist. Ist das aber der Fall, so ist es von selbst klar, dass das "Manifest" die Aufmerksamkeit des Lesers nicht auf die "Bestimmung des gesellschaftlichen Denkens" lenken durfte, sondern sie auf die Bekämpfung dieses Denkens lenken musste, auf die Notwendigkeit seiner Revolutionierung: damit würde es die Pflichten des "sozialistischen Proletariats" besser charakterisieren. Und schließlich, kann etwa das armenische Proletariat "der leibliche Sohn seines Stammes" sein, wenn ein Teil dieses Stammes - die armenische Bourgeoisie - wie eine Spinne sein Blut saugt, und ein anderer Teil - die armenische Geistlichkeit - nicht nur das Blut der Arbeiter saugt, sondern auch systematisch sein Bewusstsein korrumpiert? Alle diese Fragen sind einfach und unvermeidlich, wenn man die Sache vom Standpunkt des Klassenkampfes aus ansieht. Die Verfasser des "Manifests" aber bemerken diese Fragen nicht, weil sie die Sache von einem föderalistisch-nationalistischen Standpunkt aus betrachten, den sie vom "Bund" (dem jüdischen Arbeiterverband)[Anmerkung 7] übernommen haben. Überhaupt haben sich die Verfasser des "Manifests" gleichsam das Ziel gesteckt, in allem dem "Bund" nachzuahmen. Sie haben in ihr "Manifest" auch Artikel 2 der vom .V. Kongress des "Bund" beschlossenen Resolution "Über die Stellung des 'Bund‘ in der Partei" aufgenommen. Sie nennen die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" die einzige Verteidigerin der Interessen des armenischen Proletariats (siehe Artikel 3 des erwähnten "Manifests"). Die Verfasser des "Manifests" haben vergessen, dass die kaukasischen Komitees unserer Partei nun schon mehrere Jahre als die Vertreter der armenischen (und der anderen) Proletarier in Kaukasien gelten dass sie durch mündliche und gedruckte Propaganda und Agitation in armenischer Sprache in ihnen das Klassenbewusstsein entwickeln, sie während des Kampfes leiten usw., während die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" erst vorgestern geboren worden ist. Alles dies haben sie vergessen, und es ist zu hoffen, dass sie noch vieles vergessen werden, nur um die organisatorischen und politischen Ansichten des "Bund" genauestens zu übernehmen.)

Von hier aus ist es nicht weit bis zu dem "einheitlichen Boden gemeinsamen Handelns", den sowohl die Bourgeois als auch die Proletarier betreten, auf dem sie einander als Mitglieder ein und derselben "Nation" die Hand reichen sollen. Hierbei kann die pharisäische Politik des absolutistischen Zaren als "neuer" Beweis einer solchen Freundschaft erscheinen, und Reden über Klassenantagonismus werden als "unangebrachter Doktrinarismus" erscheinen. Dann aber wird noch irgendeine poetische Hand "kühner" in die vorläufig noch unter den Proletariern der Nationalitäten Russlands vorhandene engnationale Saiten greifen und sie auf die entsprechende Art zum Tönen bringen. Der chauvinistischen Scharlatanerie wird Kredit (Vertrauen) eingeräumt, die Freunde erscheinen als Feinde, die Feinde als Freunde, eine Verwirrung greift Platz und das Klassenbewusstsein des Proletariats Russlands stumpft ab.

Auf diese Weise würden wir, anstatt die nationalen Schranken niederzureißen, sie dank der Gnade der Föderalisten durch organisatorische Schranken noch mehr stärken; anstatt das Klassenbewusstsein des Proletariats zu fördern, werden wir es zurückwerfen und es gefährlichen Prüfungen aussetzen. Und "freuen wird sich das Herz" des absolutistischen Zaren, denn ihm wäre es niemals gelungen, unbezahlte Gehilfen wie uns zu bekommen. Haben wir etwa danach gestrebt?

Und schließlich, während wir eine einheitliche, elastische, zentralisierte Partei brauchen, deren Zentralkomitee die Arbeiter ganz Russlands blitzschnell auf die Beine bringen und sie zum entscheidenden Sturmangriff gegen Selbstherrschaft und Bourgeoisie führen kann - steckt man uns einen missgestalteten, in einzelne Parteien zersplitterten "föderalistischen Bund" in die Hand! An Stelle einer scharfen gibt man uns eine verrostete Waffe und versichert uns: Damit werdet ihr mit euren Erzfeinden schneller Schluss machen!

Dahin führen uns die sozialdemokratischen Föderalisten!

Aber da wir nicht "die Verstärkung der nationalen Schranken", sondern ihre Niederreißung anstreben, da wir keine verrostete, sondern eine scharfe Waffe brauchen, um die jetzige Ungerechtigkeit mit der Wurzel auszureißen, da wir dem Feinde nicht Freude, sondern Leid bereiten und ihm den Garaus machen wollen, so ist es klar, dass unsere Pflicht darin besteht, uns von den Föderalisten abzuwenden und zur Lösung der "nationalen Frage" eine bessere Antwort zu finden.

II

Bisher haben wir davon gesprochen, wie die "nationale Frage" nicht gelöst werden darf. Sprechen wir jetzt davon, wie diese Frage gelöst werden muss, d. h. wie sie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gelöst hat.

(Es wird nicht überflüssig sein zu bemerken, dass die folgenden Ausführungen ein Kommentar sind zu den auf die nationale Frage bezüglichen Artikeln unseres Parteiprogramms.)

Vor allem muss daran erinnert werden, dass die in Russland tätige sozialdemokratische Partei sich Sozialdemokratische Partei Russlands (und nicht Russische Sozialdemokratische Partei) nennt. Offenkundig wollte sie uns damit zeigen, dass sie unter ihrem Banner nicht nur die russischen Proletarier, sondern die Proletarier aller Nationalitäten Russlands sammeln, und folglich alle Maßnahmen treffen wird, um die zwischen ihnen errichteten nationalen Schranken niederzureißen.

Weiter hat unsere Partei die "nationale Frage" von dem sie umhüllenden Nebel gesäubert, der ihr ein geheimnisvolles Aussehen gab, sie hat diese Frage in die einzelnen Elemente zerlegt, jedem von ihnen den Charakter einer Klassenforderung verliehen und sie in ihrem Programm in Form von einzelnen Artikeln dargelegt. Damit hat sie uns klar gezeigt, dass die an und für sich genommenen so genannten "nationalen Interessen" und "nationalen Forderungen" keinen besonderen Wert haben, dass diese "Interessen" und "Forderungen" nur insoweit Aufmerksamkeit verdienen, als sie das Klassenbewusstsein des Proletariats und seine Klassenentwicklung fördern oder fördern können.

Durch alles dies hat die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands klar den von ihr eingeschlagenen Weg und die Position bezeichnet, die sie bei der Lösung der "nationalen Frage" einnimmt.

Aus welchen Teilen besteht die "nationale Frage"?

Was fordern die Herren sozialdemokratischen Föderalisten?

1. "Bürgerliche Gleichheit für die Nationalitäten Russlands"?

Ihr regt euch auf über die in Russland herrschende bürgerliche Ungleichheit? Ihr wollt den Nationalitäten Russlands die ihnen von der Regierung geraubten Bürgerrechte zurückgeben und verlangt deshalb für diese Nationalitäten die bürgerliche Gleichheit? Aber sind wir denn etwa gegen diese Forderung? Wir verstehen sehr wohl, welche große Bedeutung die Bürgerrechte für die Proletarier haben. Bürgerrechte sind eine Waffe im Kampf; diese Rechte rauben, heißt die Waffe rauben; wer aber wüsste nicht, dass waffenlose Proletarier nicht gut kämpfen können? Für das Proletariat Russlands aber ist es notwendig, dass die Proletarier aller Nationalitäten Russlands gut kämpfen, denn je besser diese Proletarier kämpfen werden, um so mehr Klassenbewusstsein werden sie haben, und je mehr Klassenbewusstsein sie haben, um so fester wird die Klasseneinheit des Proletariats Russlands sein. Jawohl, alles das ist uns bekannt, und deshalb kämpfen wir und werden wir mit allen unseren Kräften für die bürgerliche Gleichheit der Nationalitäten Russlands kämpfen! Lest Artikel 7 unseres Parteiprogramms, wo die Partei von "der vollen Gleichberechtigung aller Bürger, ohne Unterschied von Geschlecht, Religion, Rasse und Nationalität" spricht, - und ihr werdet sehen, dass die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands die Verwirklichung dieser Forderungen übernimmt.

2. Was fordern die sozialdemokratischen Föderalisten weiter?

Ihr regt euch auf über die Tatsache, dass es den Proletariern der "fremden" Nationalitäten Russlands fast verboten ist, in ihrer Muttersprache zu lernen und in öffentlichen, staatlichen und anderen Institutionen ihre Muttersprache zu sprechen? Wahrlich, Grund genug, sich aufzuregen! Die Sprache ist ein Werkzeug der Entwicklung und des Kampfes. Verschiedene Nationen haben verschiedene Sprachen. Die Interessen des Proletariats Russlands erfordern, dass die Proletarier der Nationalitäten Russlands das volle Recht haben, sich derjenigen Sprache zu bedienen, in der sie leichter Bildung erwerben, in der sie ihre Feinde in den Versammlungen, in öffentlichen, staatlichen und anderen Institutionen besser bekämpfen können. Diese Sprache ist anerkanntermaßen die Muttersprache. Die Proletarier der "fremden" Nationalitäten werden der Muttersprache beraubt, und dazu können wir doch wohl nicht schweigen, sagen sie. Wie antwortet aber darauf unser Parteiprogramm dem Proletariat Russlands? Lest Artikel 8 unseres Parteiprogramms, worin unsere Partei fordert: "Das Recht der Bevölkerung, in der Muttersprache Bildung zu erwerben, gesichert dadurch, dass auf Kosten des Staates und der Selbstverwaltungsorgane die hierfür notwendigen Schulen geschaffen werden; das Recht jedes einzelnen Bürgers, sich in Versammlungen der Muttersprache zu bedienen; die Gleichberechtigung der Muttersprache mit der Staatssprache in allen lokalen gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen", - lest alles dies und überzeugt euch, dass die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands die Verwirklichung auch dieser Forderung übernimmt.

Was fordern die sozialdemokratischen Föderalisten noch?

3. "Selbstverwaltung für die Nationalitäten Russlands"?

Ihr wollt damit sagen, dass man nicht ein und dieselben Gesetze gleichmäßig auf die verschiedenen Gegenden des Russischen Reiches anwenden kann, die sich durch die Eigenart der Lebensverhältnisse und durch die Zusammensetzung der Bevölkerung voneinander unterscheiden? Ihr wollt, dass den besagten Gegenden das Recht eingeräumt wird, die allgemeinen Staatsgesetze ihren eigenartigen Bedingungen anzupassen? Wenn dem so ist, wenn das der Inhalt eurer Forderung ist, so muss man ihr auch die entsprechende Form geben, muss man mit der nationalistischen Nebelhaftigkeit, dem Wirrwarr aufräumen und die Dinge bei ihrem Namen nennen. Und wenn ihr diesem Ratschlag folgt, so werdet ihr euch davon überzeugen, dass wir nichts gegen diese Forderung einzuwenden haben. Wir hegen keinerlei Zweifel, dass die verschiedenen Gegenden des Russischen Reiches, die sich durch die Eigen art der Lebensverhältnisse und durch die Zusammensetzung der Bevölkerung voneinander unterscheiden, die Staatsverfassung nicht in gleicher Weise anwenden können, dass es gilt, diesen Gegenden das Recht einzuräumen, die allgemeine Staatsverfassung in der Form zu verwirklichen, in der sie aus ihr den größten Nutzen ziehen, in der sie die im Volke vorhandenen politischen Kräfte am vollständigsten entwickeln werden. Dies erfordern die Klasseninteressen des Proletariats Russlands. Und wenn ihr Artikel 3 unseres Parteiprogramms nachlest, wo unsere Partei "weitgehende örtliche Selbstverwaltung, Gebietsselbstverwaltung für diejenigen Gegenden, die sich durch besondere Lebensverhältnisse und durch die Zusammensetzung der Bevölkerung auszeichnen", fordert, so werdet ihr sehen, dass die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands zuerst diese Forderung von dem nationalistischen Nebel gesäubert und dann ihre Verwirklichung übernommen hat.

4. Ihr verweist uns auf die zaristische Selbstherrschaft, die die "nationale Kultur" der "fremden" Nationalitäten Russlands brutal verfolgt, die sich auf Strauchrittermanier in ihr inneres Leben einmischt und sie von allen Seiten bedrängt, die die kulturellen Einrichtungen der Finnländer barbarisch zerstört hat (und auch weiter zerstört), das armenische nationale Eigentum geraubt hat usw.? Ihr verlangt Garantien gegen die räuberischen Gewalttaten der Selbstherrschaft? Aber sehen wir denn nicht die Gewalttaten der zaristischen Selbstherrschaft, und haben wir etwa nicht ständig gegen diese Gewalttaten gekämpft?! Gegenwärtig ist es für jeden augenscheinlich, wie die jetzige Regierung Russlands die "fremden" Nationalitäten Russlands bedrängt und würgt. Ebenso wenig unterliegt es einem Zweifel, dass diese Politik der Regierung von Tag zu Tag das Klassenbewusstsein des Proletariats Russlands korrumpiert und gefährlichen Prüfungen aussetzt. Folglich werden wir stets und überall gegen die korrumpierende Politik der Zarenregierung kämpfen. Folglich werden wir stets und überall nicht nur die nützlichen, sondern sogar die unnützen Einrichtungen dieser Nationalitäten gegen die Polizeigewalttaten der Selbstherrschaft verteidigen, da die Interessen des Proletariats Russlands uns sagen, dass nur die Nationalitäten selbst das Recht haben, diese oder jene Seite ihrer nationalen Kultur aufzuheben oder zu entwickeln. Lest jedoch Artikel 9 unseres Programms. Ist denn etwa nicht hiervon die Rede in Artikel 9 unseres Parteiprogramms, der, nebenbei gesagt, sowohl unter unseren Feinden als auch unter unseren Freunden viel Gerede hervorgerufen hat?

Hier aber unterbricht man uns und rät uns, von Artikel 9 nicht weiter zu sprechen. Warum? fragen wir. "Weil", antworten sie uns, dieser Artikel unseres Programms den Artikeln 3, 7 und 8 des gleichen Programms "grundlegend widerspricht", denn wird den Nationalitäten das Recht eingeräumt, alle ihre nationalen Angelegenheiten nach freiem Ermessen zu regeln (siehe Artikel 9), dann könne es in dem erwähnten Programm keinen Platz geben für die Artikel 3, 7 und 8, - und umgekehrt, wenn diese Artikel im Programm bleiben, dann müsse zweifellos Artikel 9 aus dem Programm gestrichen werden. Das "Sakartwelo" (Wir berühren hier das "Sakartwelo" nur, um den Inhalt von Artikel 9 besser zu erläutern. Das Ziel des vorliegenden Artikels ist die Kritik der sozialdemokratischen Föderalisten, und nicht der "Sakartweloisten", die sich von ersteren grundlegend unterscheiden (siehe Kapitel I).) spricht unzweifelhaft in ähnlichem Sinne, wenn es mit der ihm eigenen Leichtfertigkeit fragt: "Was ist das für eine Logik - der Nation zu sagen: ich gewähre dir Gebietsselbstverwaltung, - und sie gleichzeitig daran zu erinnern, dass sie das Recht hat, nach freiem Ermessen alle ihre nationalen Angelegenheiten zu regeln?" (Siehe "Sakartwelo" Nr. 9.) In das Programm hat sich "offenbar" ein logischer Widerspruch eingeschlichen, zur Beseitigung dieses Widerspruchs muss man "offenbar" irgendeinen oder mehrere Artikel aus dem Programm streichen! Jawohl, "unbedingt" streichen, denn sonst, seht ihr wohl, protestiert die Logik selbst durch den Mund des unlogischen "Sakartwelo".

Man erinnert sich einer alten Erzählung. Es war einmal ein "weiser Anatom". Er verfügte über "alles Notwendige", was ein "richtiger" Anatom braucht: ein Diplom, ein Gebäude, Instrumente, übermäßige Prätentionen. Nur wenig fehlte ihm - die Kenntnis der Anatomie. Eines Tages wandte man sich an ihn mit dem Ersuchen, zu erklären, welcher Zusammenhang zwischen den Teilen des Skeletts bestehe, die auf dem Seziertisch durcheinander geworfen lagen. So bot sich unserem "berühmten Weisen" Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Der "Weise" schritt mit viel Getue und großer Feierlichkeit ans "Werk"! Aber welch ein Malheur!

Der "Weise" verstand keinen Deut von der Anatomie, er wusste nicht, welche Teile zueinander gehörten, damit schließlich das ganze Skelett zusammenkäme! Lange mühte sich der Arme, er vergoss viel Schweiß, aber vergeblich! Schließlich, als er alles durcheinander gebracht hatte und nichts dabei herauskam, ergriff er mehrere Teile des Skeletts, warf sie weit von sich und beschimpfte hierbei philosophisch die "böswilligen" Personen, die angeblich nicht die richtigen Teile des Skeletts auf seinen Tisch gelegt hatten. Die Zuschauer machten sich natürlich über den "weisen Anatomen" lustig.

Ein ähnliches "Erlebnis" hatte auch das "Sakartwelo". Es kam auf den Einfall, unser Parteiprogramm auseinander zunehmen, es stellte sich jedoch heraus, dass es nicht wusste, was denn nun unser Programm darstellt und wie es auseinander genommen werden muss, es begriff nicht, welcher Zusammenhang zwischen den einzelnen Artikeln dieses Programms besteht und was jeder Artikel im einzelnen darstellt, - und es rät uns "philosophisch": Da ich die und die Artikel eures Programms nicht begriffen habe, deshalb (?!) ist es notwendig, sie aus dem Programm hinauszuwerfen.

Aber ich will mich nicht lustig machen über das ohnehin schon lächerliche "Sakartwelo", - heißt es doch: Den Liegenden schlägt man nicht! Im Gegenteil, ich bin sogar bereit, ihm bei der Erläuterung unseres Programms behilflich zu sein, aber unter der Bedingung, dass es 1. seine Unwissenheit selber eingesteht; 2. mich aufmerksam anhört und 3. sich mit der Logik verträgt.

(Ich halte es für notwendig, dem Leser mitzuteilen, dass das "Sakartwelo" von den ersten Nummern an der Logik, als den Ketten, gegen die gekämpft werden muss, den Krieg erklärt hat. Man braucht nicht darauf zu achten, dass sich das "Sakartwelo" häufig auf die Logik beruft, es tut das aus der ihm eigenen Leichtfertigkeit und Vergesslichkeit.)

Die Sache ist die. Artikel 3, 7 und 8 unseres Programms sind auf dem Boden des politischen Zentralismus entstanden. Als die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands diese Artikel in ihr Programm aufnahm, ließ sie sich von der Erwägung leiten, dass die so genannte "endgültige" Lösung der "nationalen Frage", d. h. die "Befreiung" der "fremden" Nationalitäten Russlands, allgemein gesprochen, unmöglich ist, solange sich die politische Herrschaft in den Händen der Bourgeoisie befindet. Dies hat zweierlei Ursachen: erstens schlägt die jetzige wirtschaftliche Entwicklung allmählich eine Brücke zwischen den "fremden Nationalitäten" und "Russland", sie stellt eine immer größere Verbindung unter ihnen her und erweckt dadurch freundschaftliche Gefühle in den führenden Kreisen der Bourgeoisie dieser Nationalitäten, was ihren "nationalen Befreiungsbestrebungen" den Boden entzieht; und zweitens wird, allgemein gesprochen, das Proletariat die so genannte "nationale Befreiungsbewegung" nicht unterstützen, da jede solche Bewegung bisher Wasser auf die Mühle der Bourgeoisie war, das Klassenbewusstsein des Proletariats korrumpierte und verstümmelte. Diese Erwägungen haben die Idee des politischen Zentralismus und die durch sie bedingten Artikel 3, 7 und 8 unseres Parteiprogramms ins Leben gerufen.

Aber das ist, wie oben gesagt, die allgemeine Einstellung.

Dies schließt jedoch nicht aus, dass ökonomische und politische Bedingungen eintreten können, unter denen die fortschrittlichen Kreise der Bourgeoisie der "fremden" Nationalitäten die "nationale Befreiung" wünschen werden.

Es kann auch vorkommen, dass eine solche Bewegung sich für die Entwicklung des Klassenbewusstseins des Proletariats als vorteilhaft erweist.

Wie muss unsere Partei dann vorgehen?

Gerade für solche möglichen Fälle wurde in unser Programm der Artikel 9 aufgenommen, gerade in Voraussicht solcher möglichen Umstände wird den Nationalitäten ein Recht eingeräumt, kraft dessen sie sich bemühen werden, ihre nationalen Angelegenheiten entsprechend ihren Wünschen zu regeln (z. B. sich ganz "zu befreien", sich loszutrennen).

Unsere Partei, die Partei, die es sich zum Ziel steckt, die Führerin des kämpfenden Proletariats ganz Russlands zu sein, muss auf solche möglichen Fälle im Leben des Proletariats vorbereitet sein, und musste gerade deshalb einen derartigen Artikel in ihr Programm aufnehmen.

So muss jede umsichtige, weit blickende Partei handeln.

Es stellt sich jedoch heraus, dass ein derartiger Sinn des Artikels 9 die "Weisen" aus dem "Sakartwelo" und auch einige sozialdemokratische Föderalisten nicht befriedigt. Sie verlangen eine "entschiedene", "direkte" Antwort auf die Frage: Ist die "nationale Unabhängigkeit" für das Proletariat vorteilhaft oder unvorteilhaft?“ (Siehe den Artikel eines "Alten (d. h. veralteten!) Revolutionärs" in Nr.9 des "Sakartwelo".)

Ich erinnere mich der russischen Metaphysiker der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die die damaligen Dialektiker aufdringlich fragten, ob der Regen für die Ernte nützlich oder schädlich sei, und von ihnen eine "entschiedene" Antwort verlangten. Den Dialektikern fiel es nicht schwer zu beweisen, dass eine solche Fragestellung völlig unwissenschaftlich sei, dass man zu verschiedenen Zeiten auf solche Fragen verschieden antworten müsse, dass der Regen während einer Dürre nützlich, während einer Regenzeit jedoch unnütz und sogar schädlich sei, dass folglich die Forderung einer "entschiedenen" Antwort auf eine solche Frage eine ausgesprochene Dummheit sei.

Derartige Beispiele aber haben der Zeitung "Sakartwelo" nicht zum Nutzen gereicht. Eine ebenso "entschiedene" Antwort verlangten von den Marxisten die Nachfolger Bernsteins auf die Frage: Sind die Genossenschaften (d. h. Konsum- und Produktivgenossenschaften) für das Proletariat nützlich oder schädlich? Den Marxisten fiel es nicht schwer, die Inhaltslosigkeit einer derartigen Fragestellung zu beweisen. Sie setzten sehr einfach auseinander, dass alles von Zeit und Ort abhänge, dass dort, wo das Klassenbewusstsein des Proletariats das gehörige Entwicklungsniveau erreicht hat, wo die Proletarier zu einer starken politischen Partei zusammengeschlossen sind, die Genossenschaften dem Proletariat großen Nutzen bringen können, wenn die Partei selbst ihre Schaffung und Führung in die Hand nimmt, dort aber, wo diese Bedingungen fehlen, die Genossenschaften für das Proletariat schädlich seien, da sie bei den Arbeitern kleinhändlerische Tendenzen und zünftlerische Abgeschlossenheit hervorrufen, und damit ihr Klassenbewusstsein trüben.

Aber auch dieses Beispiel hat den "Sakartweloisten" nicht zum Nutzen gereicht. Sie fragen noch hartnäckiger, ob die nationale Unabhängigkeit für das Proletariat nützlich oder schädlich sei? Gebt darauf eine entschiedene Antwort! Wir sehen jedoch, dass die Umstände, die eine "nationale Befreiungsbewegung" unter der Bourgeoisie der "fremden" Nationalitäten ins Leben rufen und entwickeln können, vorläufig noch nicht vorhanden, und in Zukunft nicht gerade unvermeidlich sind, - wir haben sie nur als möglich vorausgesetzt. Außerdem kann man doch vorläufig unmöglich wissen, auf welcher Entwicklungsstufe dann das Klassenbewusstsein des Proletariats stehen und wie nützlich oder schädlich diese Bewegung für das Proletariat sein wird! Es fragt sich, auf welchem Boden eine "entschiedene" Antwort auf diese Frage begründet (Die Herren "Sakartweloisten" begründen ihre Forderungen immer auf Sand und können sich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die für ihre Forderungen einen festeren Grund und Boden finden können.) werden soll, woraus sie abzuleiten ist. Und ist es etwa nicht dumm, angesichts einer solchen Sachlage eine "entschiedene" Antwort zu verlangen?

Es ist klar, dass man die Lösung dieser Frage den "fremden" Nationalitäten selbst überlassen muss, wir aber müssen ihnen das Recht auf die Lösung dieser Frage erkämpfen. Mögen die Nationalitäten selbst entscheiden, wenn dies erforderlich sein wird, ob die "nationale Unabhängigkeit" für sie nützlich oder schädlich ist, und wenn sie nützlich ist, in welcher Form sie verwirklicht werden soll. Nur sie allein können über diese Frage entscheiden! Somit wird laut Artikel 9 den "fremden" Nationalitäten das Recht eingeräumt, ihre nationalen Angelegenheiten entsprechend ihren Wünschen zu regeln. Wir aber sind laut dem gleichen Artikel verpflichtet, danach zu streben, dass die Wünsche dieser Nationalitäten wirklich sozialdemokratische Wünsche sind, dass diese Wünsche von den Klasseninteressen des Proletariats ausgehen, zu welchem Zweck es notwendig ist, die Proletarier dieser Nationalitäten in sozialdemokratischem Geiste aufzuklären, manche reaktionäre "nationale" Sitten, Gebräuche und Einrichtungen einer strengen sozialdemokratischen Kritik zu unterwerfen, was uns durchaus nicht hindern wird, die nämlichen Sitten, Gebräuche und Einrichtungen gegen polizeiliche Gewalt zu verteidigen!

Das ist der Grundgedanke des Artikels 9. Es ist leicht zu sehen, welcher tiefe logische Zusammenhang besteht zwischen diesem Artikel unseres Programms und den Prinzipien des proletarischen Klassenkampfes. Und da unser ganzes Programm auf diesem Prinzip aufgebaut ist, so ist der logische Zusammenhang des Artikels 9 mit allen übrigen Artikeln unseres Parteiprogramms von selbst klar. Das stumpfsinnige "Sakartwelo" wird eben deshalb ein "weises" Presseorgan genannt, weil es solche einfachen Gedanken nicht verdauen kann. Was ist denn nun noch von der "nationalen Frage" übrig geblieben?

5. "Der Schutz des nationalen Geistes und seiner Eigenheiten"?

Aber was sind dieser "nationale Geist und seine Eigenheiten"? Die Wissenschaft hat durch den Mund des dialektischen Materialismus schon lange nachgewiesen, dass es keinerlei "nationalen Geist" gibt noch geben kann. Hat irgendjemand diese Ansicht des dialektischen Materialismus widerlegt? Die Geschichte berichtet uns, dass niemand sie widerlegt hat. Folglich sind wir verpflichtet, uns mit der erwähnten Ansicht der Wissenschaft einverstanden zu erklären, sind wir verpflichtet, gemeinsam mit der Wissenschaft zu wiederholen, dass es keinerlei "nationalen Geist" gibt noch geben kann. Und wenn dem so ist, wenn es keinerlei "nationalen Geist" gibt, - so ist es von selbst klar, dass jede Verteidigung dessen, was nicht existiert, eine logische Dummheit ist, die unvermeidlich die entsprechenden historischen (unerwünschten) Folgen nach sich zieht. Von solchen "philosophischen" Dummheiten zu reden, steht höchstens dem "Sakartwelo" an, dem "Organ der revolutionären Partei der georgischen Sozialföderalisten" (siehe "Sakartwelo" Nr.9).

(Was stellt denn nun die sich so seltsam nennende "Partei" dar? Das "Sakartwelo" erzählt (siehe Beilage I zu Nr.10 des „Sakartwelo"), dass "in diesem Frühjahr im Ausland georgische Revolutionäre zusammentraten: georgische Anarchisten, Anhänger des 'Sakartwelo‘, georgische Sozialrevolutionäre und. . . sich vereinigten.. . zu einer 'Partei‘ der georgischen Sozialförderahlisten" ... Jawohl, eben Anarchisten, die mit Herz und Seele jede Politik verachten, Sozialrevolutionäre, die die Politik vergöttern, "Sakartweloisten", die alle terroristischen und anarchistischen Maßnahmen ablehnen, - ein solches buntscheckiges und sich gegenseitig ablehnendes Publikum hat sich, wie sich herausstellt, zu einer... "Partei" zusammengeschlossen! Eine ideale Buntscheckigkeit, wie sie sich ein Mensch nur irgendwann vorzustellen vermag! Hier wird man sich gewiss nicht langweilen! Es irren die Organisatoren, die behaupten, dass es für den Zusammenschluss von Menschen zu einer Partei Prinzipiengemeinschaft bedarf! Nicht Prinzipiengemeinschaft, sagt uns dieses buntscheckige Publikum, sondern Prinzipienlosigkeit ist der Boden, auf dem eine "Partei" errichtet werden soll! Fern seien uns "Theorien" und Prinzipien - diese Sklavenketten! Je schneller wir uns von ihnen befreien, desto besser, - philosophiert dieses buntscheckige Publikum. Und wirklich, kaum haben sich diese Leute von Prinzipien befreit, so haben sie sofort, mit einer Handbewegung, ein . . . Kartenhaus - Verzeihung - eine "Partei der georgischen Sozialföderalisten" errichtet. Es stellt sich heraus, dass "siebeneinhalb Menschen" jederzeit eine "Partei" schaffen können, sobald sie zusammenkommen! Und wie soll man hier nicht lachen, wenn diese Ignoranten, diese "Offiziere" ohne Armee, zu philosophieren beginnen: die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands sei "antisozialistisch, reaktionär" usw.; die russischen Sozialdemokraten seien "Chauvinisten"; der Kaukasische Verband unserer Partei füge sich "sklavisch" dem Zentralkomitee der Partei (Ich muss bemerken, dass die koordinierten Aktionen der einzelnen Teile unserer Partei einigen unnormalen "Individuen" als "sklavische Unterwerfung" erscheinen. Alles das kommt von Nervenschwäche, versichern die Ärzte.) usw. (siehe Resolution der ersten Konferenz der georgischen Revolutionäre). Besseres war von den archäologischen Überresten aus den Zeiten Bakunins auch nicht zu erwarten. Wie die Bäume, so die Früchte, wie die Fabriken, so auch die Waren.)

So ist es um die nationale Frage bestellt.

Wie man sieht, hat unsere Partei sie in einzelne Teile zergliedert, ihre Lebenssäfte übernommen, sie auf die Venen ihres Programms verteilt und durch alles dies gezeigt, wie die "nationale Frage" in der Sozialdemokratie gelöst werden muss, um die nationalen Schranken auf den Grund niederzureißen, ohne von unseren Prinzipien für einen Augenblick abzugehen.

Wozu braucht man - fragt es sich - einzelne nationale Parteien? Oder: Wo ist denn jene sozialdemokratische "Basis", auf den die organisatorischen und politischen Anschauungen der sozialdemokratischen Föderalisten beruhen sollen? Eine solche "Basis" ist nicht zu sehen, sie existiert nicht. Die sozialdemokratischen Föderalisten hängen in der Luft. Aus einer so unbequemen Lage können sie auf zweierlei Art herauskommen. Entweder müssen sie endgültig abgehen vom Standpunkt des revolutionären Proletariats und das Prinzip der Festigung der nationalen Schranken annehmen (Opportunismus in seiner föderalistischen Form); oder aber sie müssen jeglichem Föderalismus in der Parteiorganisation entsagen, kühn das Banner der Niederreißung der nationalen Schranken erheben und sich zusammenscharen in dem einheitlichen Lager der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands.

"Proletariatis Brdsola" („Der Kampf des Proletariats") Nr. 7, 1. September 1904. Artikel ohne Unterschrift. Nach der autorisierten russischen Übersetzung Aus dem Georgischen

Brief aus Kutais

Hier braucht man jetzt die "Iskra"[Anmerkung 8] (obwohl sie keine Funken gibt, man braucht sie aber dennoch: sie enthält wenigstens eine Chronik, hol‘s der Teufel, auch den Feind muss man gut kennen), angefangen mit Nr. 63. Sehr gebraucht werden die von Bontsch-Brujewitsch[Anmerkung 9] herausgegebenen Schriften: "Der Kampf für den Parteitag", "An die Partei" (ist es nicht die Deklaration der 22?[Anmerkung 10]), "Unsere Missverständnisse", "Über das Wesen des Sozialismus" und "Über die Streiks" von Rjadowoi (wenn sie erschienen sind), die Broschüre Lenins gegen Rosa und Kautsky,[Anmerkung 11] das Protokoll des Kongresses der Liga,[Anmerkung 12] "Ein Schritt vorwärts"[Anmerkung 13] (kannst Du verschieben, wenn jetzt unmöglich zu schaffen). Gebraucht wird jede Neuheit, von einfachen Deklarationen bis zu großen Broschüren, was nur irgendwie den vor sich gehenden innerparteilichen Kampf berührt.

Habe die Broschüre Galorkas "Nieder mit dem Bonapartismus" gelesen. Geht an. Wenn er mit seinem Hammer stärker und tiefer schlüge, wäre es besser. Der scherzhafte Ton und die Bitte um Schonung nehmen seinen Schlägen Kraft und Gewichtigkeit und verderben den Eindruck beim Leser. Um so mehr fällt dieser Mangel ins Auge, als der Verfasser unseren Standpunkt offenbar gut begreift und manche Fragen ausgezeichnet erläutert und entwickelt. Ein Mann, der auf unserem Standpunkt steht, muss mit fester und entschlossener Stimme sprechen. In dieser Hinsicht ist Lenin ein richtiger Bergadler.

Habe auch die Artikel Plechanows gelesen, in denen er "Was tun?"[Anmerkung 14] analysiert. Der Mann ist entweder völlig übergeschnappt, oder aus ihm sprechen Hass und Feindschaft. Glaube, dass beide Ursachen hier zusammentreffen. Ich glaube, dass Plechanow hinter den neuen Fragen zurückgeblieben ist. Ihm schweben die alten Opponenten vor, und auf alte Weise wiederholt er immerfort: "Das gesellschaftliche Bewusstsein wird bestimmt durch das gesellschaftliche Sein", "Ideen fallen nicht vom Himmel". Als ob Lenin sagte, dass der Sozialismus von Marx während der Sklaverei und der Leibeigenschaft möglich gewesen wäre. Heutzutage wissen auch Gymnasiasten, dass "Ideen nicht vom Himmel fallen". Die Sache ist aber die, dass es sich jetzt um etwas ganz anderes handelt. Diese alte Formel haben wir schon lange verdaut, die Zeit ist gekommen, diese allgemeine Frage zu detaillieren. Jetzt interessiert uns, wie aus einzelnen Ideen ein System von Ideen (die Theorie des Sozialismus) herausgearbeitet wird, wie die einzelnen Ideen und Ideechen zu einem harmonischen System verbunden werden - der Theorie des Sozialismus, und wer sie herausarbeitet und verbindet. Gibt die Masse ihren Führern das Programm und die Begründung des Programms oder die Führer der Masse? Wenn die Masse selbst und ihre spontane Bewegung uns die Theorie des Sozialismus geben, so braucht man die Masse nicht vor dem schädlichen Einfluss des Revisionismus, des Terrorismus, der Subatowerei, des Anarchismus zu schützen: "die spontane Bewegung gebiert aus sich selbst den Sozialismus". Wenn aber die spontane Bewegung nicht aus sich selbst die Theorie des Sozialismus gebiert (vergiss nicht, dass bei Lenin von der Theorie des Sozialismus die Rede ist), so heißt das, dass die letztere außerhalb der spontanen Bewegung geboren wird, aus der Beobachtung und Erforschung der spontanen Bewegung durch Männer, die mit dem Wissen unserer Zeit gewappnet sind. Also wird die Theorie des Sozialismus "ganz unabhängig von der Entwicklung der spontanen Bewegung" ausgearbeitet, sogar trotz dieser Bewegung, und danach erst in diese Bewegung von außen hineingetragen, wobei sie die Bewegung entsprechend ihrem Inhalt korrigiert, d.h. entsprechend den objektiven Anforderungen des Klassenkampfes des Proletariats.

Die Schlussfolgerung (der praktische Schluss) hieraus ist die: Wir müssen das Proletariat bis zum Bewusstsein der wahren Klasseninteressen, bis zur Erkenntnis des sozialistischen Ideals heben, nicht aber dieses Ideal gegen Kleinigkeiten eintauschen oder es der spontanen Bewegung anpassen. Lenin hat die theoretische Basis geschaffen, auf der denn auch diese praktische Schlussfolgerung beruht. Man braucht nur diese theoretische Voraussetzung anzunehmen, und keinerlei Opportunismus wird an einen herankommen können. Darin liegt die Bedeutung der Leninschen Idee. Ich nenne sie die Leninsche, weil niemand in der russischen Literatur sie mit solcher Klarheit ausgesprochen hat wie Lenin. Plechanow glaubt, er lebe immer noch in den neunziger Jahren, und kaut das achtzehnmahl Wiedergekaute noch einmal wieder - zweimal zwei seien vier. Und er schämt sich nicht, sich bis in eine Wiederholung der Martynowschen Ideen hineinzureden...

Wahrscheinlich kennst Du die Deklaration der 22... Hier war ein Genosse, der aus eurer Gegend kam, er hat die Resolutionen der kaukasischen Komitees mitgenommen, in denen sie sich für einen außerordentlichen Parteitag aussprechen. Mit Unrecht hältst Du die Sache für hoffnungslos, - geschwankt hat nur das Kutaiser Komitee, aber es ist mir gelungen, sie zu überzeugen, und hiernach begannen sie, auf den Bolschewismus zu schwören. Sie zu überzeugen war nicht schwer: die doppelzünglerische Politik des ZK ist dank der Deklaration offenkundig geworden, und nach dem Erhalt neuer Informationen hierüber war nicht daran zu zweifeln. Es (das ZK) wird sich den Hals brechen, dafür werden die hiesigen und die russischen Genossen sorgen. Alle wetzen gegen das ZK die Zähne.

Geschrieben im September/Oktober 1904. Zum ersten Mal veröffentlicht. Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Brief aus Kutais (Von dem gleichen Genossen)

Habe mich mit dem Brief verspätet, sei nicht böse. Ich war dauernd beschäftigt. Alles von Dir Geschickte habe ich erhalten (Protokolle der Liga; "Unsere Missverständnisse" von Galorka und Rjadowoi; "Sozialdemokrat" Nr. 1; die letzten Nummern der "Iskra"). Der Gedanke Rjadowois ("Eine der Schlussfolgerungen") hat mir gefallen. Gut ist auch der Artikel gegen Rosa Luxemburg. Diese Herrschaften - Rosa, Kautsky, Plechanow, Axelrod, Wera Sassulitsch u. a. - haben offenbar als alte Bekannte irgendwelche Familientraditionen ausgearbeitet. Sie können nicht einander "untreu werden", sie verteidigen einander so, wie die Mitglieder eines Klans patriarchalischer Stämme einander verteidigten, ohne sich auf eine Untersuchung der Schuld oder Unschuld des Verwandten einzulassen. Gerade dieses "verwandtschaftliche" Familiengefühl hat Rosa gehindert, die Parteikrise objektiv zu betrachten (natürlich gibt es auch andere Gründe, z. B. schlechte Bekanntschaft mit den Tatsachen, die Auslandsbrille usw.). Ebenso erklären sich übrigens auch einige unwürdige Handlungen Plechanows, Kautskys u. a.

Hier gefallen allen die von Bontsch herausgegebenen Schriften als meisterhafte Wiedergabe des Standpunkts der Bolschewiki. Galorka würde gut getan haben, wenn er auf die Artikel Plechanows (Nr. 70 und 71 der "Iskra") sachlich eingegangen wäre. Der Hauptgedanke der Artikel Galorkas ist der, dass Plechanow früher das eine gesagt hat und jetzt das andere sagt, also sich selber widerspreche. Wichtigkeit! Als ob das eine Neuigkeit wäre! Er widerspricht sich nicht zum ersten Mal. Und er ist darauf vielleicht sogar stolz und hält sich für eine lebendige Verkörperung des "dialektischen Prozesses". Selbstredend ist die Inkonsequenz ein Makel auf der politischen Physiognomie eines "Führers", und er (der Makel) muss zweifellos vermerkt werden. Hier aber (d.h. in Nr. 70 und 71) handelt es sich nicht darum, sondern um eine wichtige Frage der Theorie (die Frage des Verhältnisses von Sein und Bewusstsein) und der Taktik (das Verhältnis der Geführten zu den Führern). Galorka hätte meiner Meinung nach zeigen müssen, dass Plechanows theoretischer Krieg gegen Lenin die reinste Donquichotterie, ein Krieg gegen Windmühlen ist, da Lenin in seinem Büchlein in konsequentester Weise sich an den Satz von K. Marx über die Entstehung des Bewusstseins hält. Plechanows Krieg in der Frage der Taktik aber ist eine einzige Konfusion, charakteristisch für ein "Individuum", das in das Lager der Opportunisten hinübergeht. Hätte Plechanow die Frage klar gestellt, sei es auch nur in dieser Fassung: "Wer formuliert das Programm, die Führer oder die Geführten?" Und dann: "Wer hebt wen zum Verständnis des Programms empor, die Führer die Geführten oder die letzteren die ersteren?" Oder: "Vielleicht ist es unerwünscht, dass die Führer die Masse bis zum Verständnis des Programms, der Taktik und der Prinzipien der Organisation emporheben?" Hätte Plechanow sich diese Fragen so klar gestellt, die kraft ihrer Einfachheit und Tautologie ihre Lösung in sich selbst enthalten, so wäre er vielleicht über seine Absicht erschrocken und nicht mit solchem Getöse gegen Lenin aufgetreten. Und da Plechanow dies nicht getan hat, d. h. da er die Frage mit Phrasen über "Helden und Haufen" verwirrt hat, ist er in die Richtung des taktischen Opportunismus abgeschwenkt. Verwirrung der Fragen ist ein Charakterzug der Opportunisten. Hätte Galorka diese und ähnliche Fragen ihrem Wesen nach gestellt, so wäre das meiner Ansicht nach besser gewesen. Du wirst sagen, dies sei Lenins Sache, aber ich kann mich hiermit nicht einverstanden erklären, da die kritisierten Ansichten Lenins nicht Lenins Eigentum sind, und ihre Entstellung die anderen Parteigenossen nicht weniger berührt als Lenin. Natürlich hätte Lenin besser als die anderen diese Aufgabe bewältigen können.

Es liegen bereits Resolutionen zugunsten der von Bontsch herausgegebenen Schriften vor. Vielleicht wird auch Geld einlaufen. Du hast. wahrscheinlich in Nr. 74 der "Iskra" die Resolutionen "zugunsten des Friedens" gelesen. Die Resolutionen des Imeretinisch-Mingrelischen und des Bakuer Komitees wurden nicht erwähnt, weil in ihnen nichts über ein "Vertrauen" zum ZK enthalten war. Die Septemberresolutionen verlangten, wie ich geschrieben habe, nachdrücklich einen Parteitag. Wollen wir sehen, was kommt, d. h. was die Resultate der Sitzungen des Parteirates[Anmerkung 15] zeigen werden. Hast Du die 6 Rubel bekommen oder nicht? In diesen Tagen bekommst Du noch mehr. Vergiss nicht, durch jenes Subjekt die Broschüre "Brief an einen Genossen“[Anmerkung 16] zu schicken, hier haben sie viele nicht gelesen. Schicke auch die nächste Nummer des "Sozialdemokrat".

Kostrow[Anmerkung 17] hat uns noch einen Brief geschickt, wo er von Geist und Stoff spricht (es scheint, es ist von Baumwollstoff die Rede). Dieser Esel begreift nicht, dass er nicht den Leserkreis der Zeitung "Kwali"[Anmerkung 18] vor sich hat. Was gehen ihn die Organisationsfragen an? Die neue (7.) Nummer der Zeitung "Borba Proletariata" ("Proletariatis Brdsola")[Anmerkung 19] ist erschienen. Übrigens steht dort ein Artikel von mir gegen den organisatorischen und politischen Föderalismus.[Anmerkung 20] Wenn ich kann, schicke ich diese Nummer.

Geschrieben im Oktober 1904. Zum ersten Mal veröffentlicht. Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

1905

Die Klasse der Proletarier und die Partei der Proletarier (Zu Punkt 1 des Parteistatuts)

Vorüber ist die Zeit, wo man forsch vom "einigen und unteilbaren Russland" sprach. Jetzt weiß auch ein Kind, dass es ein "einiges und unteilbares" Russland nicht gibt, dass es schon längst in zwei einander entgegengesetzte Klassen zerfallen ist: in Bourgeoisie und Proletariat. Jetzt ist es für niemand ein Geheimnis, dass der Kampf zwischen diesen beiden Klassen zu der Achse geworden ist, um die sich unser gegenwärtiges Leben bewegt. Trotzdem war alles das bis heute schwer zu bemerken, und zwar deshalb, weil wir in der Kampfarena bis jetzt nur einzelne Gruppen gesehen haben, denn es kämpften nur einzelne Gruppen in einzelnen Städten und Winkeln, aber Proletariat und Bourgeoisie als Klassen waren nicht zu sehen, sie waren schwer zu bemerken. Nun aber haben sich die Städte und Gebiete vereinigt, die verschiedenen Gruppen des Proletariats haben einander die Hand gereicht, gemeinsame Streiks und Demonstrationen sind ausgebrochen, und vor uns hat sich das großartige Bild des Kampfes zwischen den beiden Russland eröffnet, dem bürgerlichen Russland und dem proletarischen Russland. In der Kampfarena sind zwei große Armeen angetreten: die Armee der Proletarier und die Armee der Bourgeois, und der Kampf zwischen diesen beiden Armeen hat unser ganzes gesellschaftliches Leben erfasst.

Da eine Armee ohne Führer nicht operieren kann und da jede Armee ihren Vortrupp hat, der ihr voranmarschiert und ihr den Weg beleuchtet, so ist es klar, dass zusammen mit diesen Armeen auch die entsprechenden Gruppen von Führern, die entsprechenden Parteien, wie man gewöhnlich sagt, auftreten mussten. Demnach sieht das Bild folgendermaßen aus: auf der einen Seite die Armee der Bourgeois mit der Liberalen Partei an der Spitze, auf der anderen Seite die Armee der Proletarier mit der Sozialdemokratischen Partei an der Spitze, und jede Armee wird in ihrem Klassenkampf von ihrer eigenen Partei geleitet. (Wir sagen nichts von den anderen Parteien Russlands, da es bei der Klarstellung der von uns untersuchten Fragen durchaus nicht notwendig ist, von ihnen zu sprechen.) Wir haben alles dies berührt, um die Partei der Proletarier mit der Klasse der Proletarier zu vergleichen und dadurch kurz das Gesamtgepräge der Partei klarzustellen. Das Gesagte hat in genügendem Maße klargestellt, dass die Partei der Proletarier als eine Kampfgruppe von Führern erstens ihrer Mitgliederzahl nach viel kleiner sein muss als die Klasse der Proletarier; zweitens muss sie ihrem Klassenbewusstsein und ihren Erfahrungen nach höher stehen als die Klasse der Proletarier; und drittens muss sie eine geschlossene Organisation darstellen.

Das Gesagte bedarf unserer Meinung nach keiner Beweise, da es sich von selbst versteht, dass, solange die kapitalistische Ordnung existiert, die stets von Elend und Rückständigkeit der Volksmassen begleitet ist, das ganze Proletariat sich nicht bis zu dem wünschenswerten Klassenbewusstsein erheben kann, dass folglich eine Gruppe klassenbewusster Führer notwendig ist, die die Armee der Proletarier sozialistisch aufklärt, sie zusammenschließt und sie während des Kampfes leitet. Klar ist ferner auch, dass die Partei, die es sich zum Ziel gesteckt hat, das kämpfende Proletariat zu führen, keine zufällige Anhäufung von Einzelgängern darstellen darf, sondern eine geschlossene zentralisierte Organisation sein muss, damit ihre Arbeit nach einem einheitlichen Plan geleitet werden kann. Das ist, kurz gesagt, das Gesamtgepräge unserer Partei. Seien wir alles dessen eingedenk und gehen wir zu unserer Hauptfrage über: Wen können wir Parteimitglied nennen? Punkt 1 des Parteistatuts, zu dem dieser Artikel geschrieben wurde, betrifft eben diese Frage.

Betrachten wir also diese Frage.

Wen können wir also als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands bezeichnen, d.h. welches sind die Pflichten eines Parteimitglieds? Unsere Partei ist eine sozialdemokratische Partei. Das bedeutet, dass sie ihr eigenes Programm hat (nächste Ziele und Endziele der Bewegung), ihre eigene Taktik (Kampfmethoden) und ihr eigenes Organisationsprinzip (Form der Vereinigung). Die Einheit der programmatischen, taktischen und organisatorischen Ansichten ist der Boden, auf dem unsere Partei sich aufbaut. Nur die Einheit dieser Ansichten kann die Parteimitglieder zu einer zentralisierten Partei zusammenschließen. Zerfällt die Einheit der Ansicht, so zerfällt auch die Partei. Folglich kann als Parteimitglied nur derjenige bezeichnet werden, der das Parteiprogramm, die Taktik und das Organisationsprinzip der Partei restlos akzeptiert. Nur derjenige, der die programmatischen, taktischen und organisatorischen Ansichten unserer Partei genügend studiert und restlos akzeptiert hat, kann in den Reihen unserer Partei und zugleich damit auch in den Reihen der Führer der Armee der Proletarier stehen.

Genügt jedoch für ein Parteimitglied nur die Annahme des Parteiprogramms, der Taktik und der organisatorischen Ansichten? Kann man einen solchen Menschen als wirklichen Führer der Armee der Proletarier bezeichnen? Natürlich nicht! Erstens weiß jedermann, dass es auf der Welt nicht wenige Schwätzer gibt, die mit Vergnügen ein Parteiprogramm, eine Taktik und organisatorische Ansichten "akzeptieren", aber zu nichts anderem als Schwätzereien fähig sind. Es wäre eine Schändung des Allerheiligsten der Partei, einen solchen Schwätzer als Parteimitglied (d. h. als Führer der Armee der Proletarier) zu bezeichnen! Und außerdem ist ja unsere Partei keine philosophische Schule oder religiöse Sekte. Ist denn etwa unsere Partei nicht eine Partei des Kampfes? Und wenn dem so ist, ist es dann nicht von selbst klar, dass die platonische Annahme ihres Programms, ihrer Taktik und ihrer organisatorischen Ansichten unsere Partei nicht befriedigen wird, dass sie zweifellos von ihrem Mitglied die Verwirklichung der akzeptierten Ansichten verlangen wird? Wer also Mitglied unserer Partei sein will, darf sich nicht mit der Annahme der programmatischen, taktischen und organisatorischen Ansichten unserer Partei zufrieden geben, sondern muss darangehen, diese Ansichten zu verwirklichen, sie in die Tat umzusetzen.

Was aber heißt das für ein Parteimitglied, die Parteiansichten verwirklichen? Wann kann es diese Ansichten verwirklichen? Nur dann, wenn es kämpft, wenn es gemeinsam mit der ganzen Partei der Armee des Proletariats voranschreitet. Kann man vereinzelt, kann man getrennt kämpfen? Natürlich nicht! Im Gegenteil, zuerst vereinigen sich die Menschen, zuerst organisieren sie sich, und erst dann ziehen sie in den Kampf. Ohne das ist jeder Kampf fruchtlos. Es ist klar, dass auch die Parteimitglieder nur dann werden kämpfen und folglich die Parteiansichten verwirklichen können, wenn sie sich zu einer geschlossenen Organisation vereinigen. Klar ist ferner, je geschlossener die Organisation ist, in der sich die Parteimitglieder vereinigen, desto besser werden sie kämpfen, desto vollständiger werden sie folglich das Programm, die Taktik und die organisatorischen Ansichten der Partei verwirklichen. Nicht umsonst sagt man, dass unsere Partei eine Organisation von Führern, und nicht eine Anhäufung von Einzelgängern ist. Ist unsere Partei aber eine Organisation von Führern, so ist es klar, dass nur derjenige als Mitglied dieser Partei, dieser Organisation gelten kann, der in dieser Organisation arbeitet, der es folglich für seine Pflicht hält, seine Wünsche mit den Wünschen der Partei zu verschmelzen und gemeinsam mit der Partei zu handeln.

Also, um Mitglied der Partei zu sein, muss man das Programm, die Taktik und die organisatorischen Ansichten der Partei verwirklichen; um die Ansichten der Partei zu verwirklichen, muss man für diese Ansichten kämpfen; um für diese Ansichten zu kämpfen, muss man in der Parteiorganisation arbeiten und gemeinsam mit der Partei arbeiten. Es ist klar, dass für die Mitgliedschaft in der Partei der Eintritt in eine der Parteiorganisationen notwendig ist. (Wie jeder komplizierte Organismus aus einer zahllosen Menge einfachster Organismen besteht, so besteht auch unsere Partei als eine komplizierte und gemeinsame Organisation aus einer Vielheit von Gebiets- und Ortsorganisationen, die Parteiorganisationen genannt werden, wenn sie vom Parteitag oder vom Zentralkomitee bestätigt worden sind. Wie man sieht, werden nicht nur die Komitees als Parteiorganisation bezeichnet. Damit die Arbeit dieser Organisationen nach einem einheitlichen Plan gelenkt wird, gibt es das Zentralkomitee, vermittels dessen diese örtlichen Parteiorganisationen eine große zentralisierte Organisation bilden.) Erst dann, wenn wir in eine der Parteiorganisationen eintreten und somit unsere persönlichen Interessen mit den Interessen der Partei verschmelzen, erst dann können wir Parteimitglieder und zugleich damit auch richtige Führer der Armee der Proletarier werden. Ist unsere Partei keine Anhäufung schwatzender Einzelgänger, sondern eine Organisation von Führern, die vermittels des Zentralkomitees die Armee der Proletarier würdig vorwärts führt, so ist alles oben Gesagte von selbst klar.

Es ist notwendig, noch folgendes zu bemerken. Bis zum heutigen Tage ähnelte unsere Partei einer gastfreundlichen patriarchalischen Familie, die bereit war, alle Sympathisierenden aufzunehmen. Nachdem unsere Partei aber zu einer zentralisierten Organisation geworden ist, hat sie das patriarchalische Gepräge abgestreift und ist restlos einer Festung gleich geworden, deren Tore sich nur Würdigen öffnen. Das aber ist für uns von großer Bedeutung. In einer Zeit, wo die Selbstherrschaft sich bemüht, das Klassenbewusstsein des Proletariats durch "Tradeunionismus", Nationalismus, Klerikalismus usw. zu zersetzen, während anderseits die liberale Intelligenz hartnäckig bestrebt ist, die politische Selbständigkeit des Proletariats zu ertöten und die Vormundschaft über das Proletariat zu erlangen, in einer solchen Zeit müssen wir äußerst wachsam sein und dürfen nicht vergessen, dass unsere Partei eine Festung ist, deren Tore sich nur Erprobten öffnen. Wir haben zwei notwendige Bedingungen (Anerkennung des Programms und Arbeit in einer Parteiorganisation) für die Mitgliedschaft in der Partei klargestellt. Fügen wir noch die dritte Bedingung hinzu, die das Parteimitglied verpflichtet, sie materiell zu unterstützen, so haben wir alle diejenigen Bedingungen, die das Recht geben, sich Parteimitglied zu nennen. Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands kann sich also nennen, wer das Programm dieser Partei anerkennt, die Partei materiell unterstützt und sich an einer der Parteiorganisationen beteiligt.

Das ist die Formulierung von Punkt 1 des Parteistatuts, wie Genosse Lenin sie gegeben hat. (Lenin ist ein hervorragender Theoretiker und Praktiker der revolutionären Sozialdemokraten.) Diese Formulierung ergibt sich, wie man sieht, völlig aus der Ansicht, der zufolge unsere Partei eine zentralisierte Organisation und nicht eine Anhäufung von Einzelgängern ist. Darin liegt der größte Vorzug dieser Formulierung. Nun aber haben sich einige Genossen gefunden, die die Leninsche Formulierung als "zu eng" und "unbequem" verwerfen und ihre eigene Formulierung vorschlagen, die, sollte man meinen, weder "eng" noch "unbequem" sein wird. Wir sprechen von der Formulierung Martows (Martow ist einer der Redakteure der "Iskra".), zu deren Analyse wir jetzt übergehen. Martows Formulierung zufolge "gilt als Mitglied der SDAPR jeder, der ihr Programm anerkennt, die Partei mit materiellen Mitteln unterstützt und ihr regelmäßig unter der Leitung einer ihrer Organisationen persönlichen Beistand leistet". Wie man sieht, ist in dieser Formulierung die dritte notwendige Bedingung der Mitgliedschaft in der Partei ausgelassen, der zufolge, die Mitglieder der Partei verpflichtet sind, sich an einer der Parteiorganisationen zu beteiligen. Martow hat diese bestimmte und notwendige Bedingung, wie sich herausstellt, für überflüssig befunden und an ihrer Stelle in seine Formulierung den schleierhaften und fragwürdigen "persönlichen Beistand unter der Leitung einer der Parteiorganisationen" hineingebracht. Es ergibt sich, dass, man Mitglied der Partei sein kann, ohne irgendeiner Parteiorganisation anzugehören (das wäre eine "Partei"!) und ohne sich für verpflichtet zu halten, sich dem Willen der Partei zu unterwerfen (das wäre eine "Parteidisziplin"!)! Wie kann aber die Partei "regelmäßig" diejenigen Personen leiten, die keiner einzigen Parteiorganisation angehören und die sich folglich nicht für unbedingt verpflichtet halten, sich der Parteidisziplin zu fügen?

Das ist die Frage, an der die von Martow gegebene Formulierung von Punkt 1 des Parteistatuts zerschellt, und die meisterhaft gelöst worden ist in der Formulierung Lenins, da sie die Beteiligung an einer der Parteiorganisationen entschieden als die dritte und notwendige Bedingung für die Mitgliedschaft in der Partei anerkennt. Wir brauchen bloß aus der Formulierung Martows seinen schleierhaften und jedes Sinnes baren "persönlichen Beistand unter der Leitung einer der Parteiorganisationen" hinauszuwerfen. Ohne diese Bedingung bleiben in Martows Formulierung nur zwei Bedingungen übrig (Annahme des Programms und materielle Unterstützung), die an sich keinerlei Wert haben, da jeder Schwätzer das Parteiprogramm "anerkennen" und der Partei materiellen Beistand leisten kann, was ihm durchaus nicht das Recht gibt, Parteimitglied zu sein.

Da habt ihr die "bequeme" Formulierung! Wir sagen, dass wirkliche Parteimitglieder sich auf keinen Fall allein mit der Annahme des Parteiprogramms zufrieden geben dürfen, dass sie unbedingt bemüht sein müssen, das angenommene Programm zu verwirklichen. Martow antwortet: Ihr verfahrt äußerst streng, da für ein Parteimitglied die Verwirklichung des angenommenen Programms nicht gerade so notwendig ist, wenn es der Partei den materiellen Beistand und dergleichen nicht versagt. Martow bedauert gleichsam gewisse "sozialdemokratische" Schwätzer und will ihnen die Türen zur Partei nicht verschließen. Wir sagen weiter: Da es zur Verwirklichung des Programms des Kampf es und zum Kampf der Vereinigung bedarf, so ist es Pflicht des künftigen Parteimitglieds, einer der Organisationen beizutreten, seine Wünsche mit den Wünschen der Partei zu verschmelzen und gemeinsam mit der Partei die Kampfarmee der Proletarier zu führen, d.h. sich in wohlgegliederten Abteilungen der zentralisierten Partei zu organisieren. Martow antwortet: Für Parteimitglieder ist es nicht gerade so notwendig, sich in wohlgegliederten Abteilungen zu organisieren, sich zu Organisationen zu vereinigen, man kann auch mit dem Einzelkampf auskommen.

Was ist nun also unsere Partei? fragen wir. Eine zufällige Anhäufung von Einzelgängern oder eine geschlossene Organisation von Führern? Und wenn sie eine Organisation von Führern ist, kann dann als Mitglied dieser Organisation derjenige gelten, der ihr nicht angehört, der es also nicht für seine unerlässliche Pflicht hält, sich ihrer Disziplin zu fügen? Martow antwortet, dass die Partei keine Organisation ist, oder richtiger, dass die Partei eine unorganisierte Organisation ist (da habt ihr den "Zentralismus"!). Offenbar ist unsere Partei Martows Ansicht nach keine zentralisierte Organisation, sondern eine Anhäufung örtlicher Organisationen und "sozialdemokratischer" Einzelgänger, die unser Parteiprogramm usw. akzeptiert haben. Wenn aber unsere Partei keine zentralisierte Organisation ist, so wird sie keine Festung darstellen, deren Tore sich nur Erprobten öffnen. In der Tat, für Martow ist die Partei, wie man aus seiner Formulierung ersieht, keine Festung, sondern ein Bankett, zu dem jeder Sympathisierende freien Zutritt hat. Ein wenig Kenntnisse, ebensoviel Sympathie, etwas materielle Unterstützung und die Sache ist in Ordnung, ihr habt das volle Recht, als Parteimitglied zu zählen. Hört nicht, ermuntert Martow die erschrockenen "Parteimitglieder", hört nicht auf einige Leute, nach deren Meinung ein Parteimitglied verpflichtet sei, einer der Parteiorganisationen beizutreten und somit seine Wünsche den Wünschen der Partei unterzuordnen. Erstens falle es einem Menschen schwer, sich mit diesen Bedingungen einverstanden zu erklären, ist es doch kein Spaß, seine Wünsche den Wünschen der Partei unterzuordnen! Zweitens aber habe ich schon in meiner Erläuterung bemerkt, dass die Meinung dieser gewissen Leute irrig ist. Also bitte sehr, meine Herrschaften, hereinspaziert - zum Bankett!

Es ist Martow gleichsam leid um gewisse Professoren und Gymnasiasten, die sich nicht entschließen können, ihre Wünsche den Wünschen der Partei unterzuordnen, und er schlägt damit eine Bresche in die Festung unserer Partei, durch die sich diese verehrten Herrschaften in unsere Partei einschleichen können. Er öffnet die Türen dem Opportunismus, und das zu einer Zeit, wo Tausende von Feinden das Klassenbewusstsein des Proletariats bedrängen.

Aber nicht genug damit. Die Sache ist die, dass durch Martows zweifelhafte Formulierung der Opportunismus in unserer Partei auch von einer anderen Seite her möglich wird. In Martows Formulierung ist, wie wir wissen, nur von der Annahme des Programms die Rede, von der Taktik und der Organisation aber kein Wort, während für die Einheit der Partei die Einheit der organisatorischen und taktischen Ansichten in demselben Maße notwendig ist wie die Einheit ihrer programmatischen Ansichten. Man wird uns sagen, auch in der Formulierung des Genossen Lenin werde hiervon nicht gesprochen. Richtig! Aber in der Formulierung des Genossen Lenin ist es ja auch nicht notwendig, darüber zu sprechen! Ist es nicht von selbst klar, dass derjenige, der in einer der Parteiorganisationen arbeitet, also auch gemeinsam mit der Partei kämpft und sich der Parteidisziplin fügt, keiner anderen Taktik und keinen anderen Organisationsprinzipien folgen kann als der Taktik der Partei und den Organisationsprinzipien der Partei? Was aber werdet ihr von einem "Parteimitglied" sagen, das das Parteiprogramm akzeptiert hat, jedoch keiner Parteiorganisation angehört? Welche Garantie ist gegeben, dass dieses "Mitglied" die Taktik und die organisatorischen Ansichten der Partei vertreten wird, und keine anderen?! Das ist es, was uns Martows Formulierung nicht erklären kann! Martows Formulierung muss die Folge haben, dass uns eine seltsame "Partei" in den Händen bleibt, deren "Mitglieder" das gleiche Programm haben (das ist noch eine Frage!), während ihre taktischen und organisatorischen Ansichten verschieden sind! Eine ideale Vielfältigkeit! Wodurch wird sich dann unsere Partei von einem Bankett unterscheiden?

Nur nach einem muss man fragen: Wohin soll man jenen ideologischen und praktischen Zentralismus werfen, den uns der II. Parteitag zum Gebot gemacht hat und dem Martows Formulierung grundlegend widerspricht? Zweifellos würde es, wenn es zur Wahl kommt, richtiger sein, Martows Formulierung hinauszuwerfen. Eine solche absurde Formulierung tischt Martow uns als Gegengewicht gegen die Formulierung des Genossen Lenin auf! Für ein Resultat ungenügender Elberlegung halten wir den Beschluss des II. Parteitags, der (der Parteitag) Martows Formulierung angenommen hat, und sprechen die Hoffnung aus, dass der III. Parteitag den Fehler des II. zweifellos korrigieren und die Formulierung des Genossen Lenin annehmen wird.

Wiederholen wir kurz das Gesagte. In der Kampfarena ist die Armee der Proletarier aufmarschiert. Bedarf jede Armee ihres Vortrupps, so musste auch diese Armee eines solchen Vortrupps bedürfen. So entstand eine Gruppe proletarischer Führer - die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands. Als der Vortrupp einer bestimmten Armee muss diese Partei erstens mit einem eigenen Programm, einer eigenen Taktik und eigenen Organisationsprinzipien gewappnet sein, und zweitens muss sie eine geschlossene Organisation darstellen. Fragen wir, wen wir als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands bezeichnen sollen, so kann diese Partei nur eine Antwort geben: denjenigen, der das Parteiprogramm anerkennt, die Partei materiell unterstützt und in einer der Parteiorganisationen arbeitet. Ebendieser offenkundigen Wahrheit hat Genosse Lenin in seiner vortrefflichen Formulierung Ausdruck gegeben.

"Proletariatis Brdsola" ("Der Xampf des Proletariats") Nr. 8, 1. Januar 1905. Artikel ohne Unterschrift. Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Arbeiter des Kaukasus, es ist Zeit, Rache zu nehmen!

Die Bataillone des Zaren lichten sich, die Flotte des Zaren geht zugrunde, Port Arthur hat endlich schmählich kapituliert, - und dadurch tritt noch einmal die Morschheit der zaristischen Selbstherrschaft zutage... Die schlechte Ernährung und das Fehlen jedweder sanitären Maßnahmen lassen ansteckende Krankheiten unter den Soldaten um sich greifen. Diese unerträglichen Zustände werden noch schlimmer dadurch, dass es an einigermaßen leidlichen Unterkünften und an Bekleidung fehlt. Die geschwächten, abgequälten Soldaten sterben wie die Fliegen. Und das, nachdem Zehntausende durch Kugeln ums Leben gekommen sind! ... Alles das ruft unter den Soldaten Gärung und Unzufriedenheit hervor. Die Soldaten erwachen aus ihrem Schlaf, sie beginnen sich als Menschen zu fühlen, sie unterwerfen sich schon nicht mehr blind den Befehlen ihrer Vorgesetzten und empfangen häufig die übereifrigen Offiziere mit Pfiffen und Drohungen. Da schreibt uns ein Offizier aus dem Fernen Osten:

„Ich habe eine Dummheit gemacht! Auf Verlangen meines Vorgesetzten hielt ich kürzlich vor den Soldaten eine Rede. Kaum hatte ich begonnen, von der Notwendigkeit zu sprechen, sich für den Zaren und das Vaterland einzusetzen, als ein Gepfeife, Geschimpfe und Drohungen mich überschütteten ... Ich war gezwungen, mich von der wutentbrannten Menge recht weit zu entfernen ..." So steht die Sache im Fernen Osten! Man füge hierzu die Unruhen unter den Reservisten in Rußland, ihre revolutionären Demonstrationen in Odessa, Jekaterinoslaw, Kursk, Pensa und anderen Städten, die Proteste der Rekruten in Gurien, Imeretien, Kartalinien, Süd- und Nordrußland, man beachte, dass weder Gefängnis noch Kugeln die Protestierenden zurückschrecken (kürzlich wurden in Pensa mehrere Reservisten wegen einer Demonstration erschossen), und man begreift leicht, was der russische Soldat denkt...

Die zaristische Selbstherrschaft verliert ihre Hauptstütze - ihr „zuverlässiges Heer"! Auf der anderen Seite schmilzt der zaristische Staatsschatz von Tag zu Tag mehr zusammen. Eine Niederlage folgt der anderen. Die Zarenregierung verliert allmählich das Vertrauen in den Augen der ausländischen Staaten. Sie kann sich nur mit Mühe die nötigen Gelder beschaffen, und nicht fern ist die Zeit, wo sie jeden Kredit verloren haben wird! „Wer wird uns bezahlen, wenn man dich stürzt, und dein Sturz wird gewiss nicht mehr lange auf sich warten lassen", mit solcher Antwort wird die Zarenregierung, die jedes Vertrauen verloren hat, weggeschickt! Das Volk aber, das enterbte, hungrige Volk, was kann es der Zarenregierung geben, wenn es selber nichts zu essen hat!

Die zaristische Selbstherrschaft verliert also auch ihre zweite Hauptstütze - die wohlgefüllte Staatskasse mit dem sie nährenden Kredit! Gleichzeitig damit wächst von Tag zu Tag die Industriekrise, Fabriken und Werke werden stillgelegt, Millionen von Arbeitern verlangen Brot und Arbeit. Die Hungersnot packt mit neuer Kraft die gemarterte Dorfarmut. Immer höher gehen die Wogen der Volksempörung, immer stärker schlagen sie an den Zarenthron, - und die morsche zaristische Selbstherrschaft wankt bis auf die Grundfesten...

Die hart bedrängte zaristische Selbstherrschaft streift, einer Schlange gleich, die alte Haut ab, und während das unzufriedene Rußland zum entscheidenden Sturmangriff rüstet, lässt sie ihre Peitsche beiseite (scheinbar beiseite!) und verkündet, in einen Schafspelz verkleidet, eine Politik der Versöhnung! Hört ihr, Genossen? Sie bittet uns, das Sausen der Peitschen und das Schwirren der Kugeln, die Hunderte von gefallenen Heldengenossen und ihre ruhmreichen Manen zu vergessen, die um uns schweben und uns zuraunen: „Rächt uns!"

Die Selbstherrschaft streckt uns schamlos ihre blutbefleckten Hände hin und gibt uns den Rat, uns mit ihr zu versöhnen! Sie hat irgendeinen „allerhöchsten Ukas"[Anmerkung 21] veröffentlicht, worin sie uns irgendeine „Freiheit" verheißt... Die alten Räuber! Sie gedenken, die Millionen hungernden Proletarier Rußlands mit Worten zu sättigen! Sie hoffen, die verelendete und gemarterte, viele Millionen zählende Bauernschaft mit Worten zufrieden zu stellen! Sie wollen mit Versprechungen das Weinen der verwaisten Familien der Kriegsopfer ersticken! Die Kläglichen! Sie ertrinken und greifen nach einem Strohhalm! ...

Jawohl, Genossen, bis auf die Grundfesten wankt der Thron der Zarenregierung! Die Regierung, die die uns geraubten Steuern als Gehälter an unsere Henker verteilt - an Minister, Gouverneure, Kreishauptleute und Gefängnisdirektoren, Polizeivorsteher, Gendarmen und Spione; die die unter uns ausgehobenen Soldaten - unsere Brüder und Söhne - zwingt, unser eigenes Blut zu vergießen; die in jeder Weise die Gutsherren und Unternehmer in ihrem tagtäglichen Kampf gegen uns unterstützt; die uns an Händen und Füßen gefesselt und uns zu rechtlosen Sklaven gemacht hat; die unsere Menschenwürde - unser Allerheiligstes - bestialisch mit Füßen getreten und verhöhnt hat, - gerade diese Regierung wackelt jetzt und verliert den Boden unter den Füßen!

Es ist Zeit, Rache zu nehmen! Rache zu nehmen für unsere ruhmreichen Genossen, die von den Zarenschergen in Jaroslawl, Dombrowa, Riga, Petersburg, Moskau, Batum, Tiflis, Slatoust, Tichorezkaja, Michailow, Kischinew, Gomel, Jakutsk, Gurien, Baku und anderen Gegenden bestialisch gemordet wurden! Es ist Zeit, von der Zarenregierung Rechenschaft zu verlangen für die ganz unschuldigen Unglücklichen, die zu Zehntausenden auf den Feldern des Fernen Ostens umgekommen sind! Es ist Zeit, die Tränen ihrer Frauen und Kinder zu trocknen! Es ist Zeit, sie zur Verantwortung zu ziehen für die Leiden und Erniedrigungen, für die die Menschen schändenden Ketten, in die sie uns vor langer Zeit geschlagen hat! Es ist Zeit, mit der Zarenregierung Schluss zu machen und den Weg zu bahnen zu einer sozialistischen Ordnung! Es ist Zeit, das Zarenregime in Scherben zu schlagen! Und wir werden es in Scherben schlagen.

Vergebens bemühen sich die Herren Liberalen, den einstürzenden Thron des Zaren zu retten! Vergebens strecken sie dem Zaren die helfende Hand entgegen! Sie bemühen sich, von ihm ein Almosen zu erflehen und ihn für ihr „Verfassungsprojekt"[Anmerkung 22] geneigt zu machen, um sich durch kleine Reformen den Weg zur politischen Herrschaft zu bahnen, den Zaren zu ihrer Waffe zu machen, die Selbstherrschaft des Zaren zu ersetzen durch die Selbstherrschaft der Bourgeoisie und dann das Proletariat und die Bauernschaft planmäßig zu würgen! Aber umsonst! Zu spät, ihr Herren Liberalen! Blickt um euch, was euch die Zarenregierung gegeben hat, seht euch ihren „allerhöchsten Ukas" an: die kleine „Freiheit" der „städtischen und Semstwoinstitutionen", die kleine „Garantie" gegen „die Schmälerung der Rechte der Privatpersonen", die kleine „Freiheit" des „gedruckten Worts" und die große Ermahnung zur „unbedingten Wahrung der Unerschütterlichkeit der Reichsgrundgesetze", zur „Ergreifung wirksamer Maßnahmen zwecks Wahrung der vollen Kraft des Gesetzes, der in einem absolutistischen Staate wichtigsten Stütze des Throns"!... Und was geschah? Man hatte den lächerlichen „Befehl" des lächerlichen Zaren noch nicht verdaut, als die Zeitungen mit einem Hagel von „Warnungen" überschüttet wurden, als die Überfälle der Gendarmen und Polizisten einsetzten und sogar friedliche Bankette verboten wurden! Die Zarenregierung hat sich selbst bemüht zu beweisen, dass sie in ihren geringfügigen Versprechungen nicht über klägliche Worte hinausgehen wird.

Auf der anderen Seite rüsten die empörten Volksmassen zur Revolution, und nicht zur Versöhnung mit dem Zaren. Sie halten sich nachdrücklich an das Sprichwort: „Den Buckligen kann nur der Tod gradmachen." Jawohl, ihr Herren, eure Bemühungen sind vergebens! Die russische Revolution ist unabwendbar. Sie ist ebenso unabwendbar, wie der Sonnenaufgang unabwendbar ist! Könnt ihr der aufgehenden Sonne Einhalt gebieten? Die Hauptmacht dieser Revolution ist das städtische und ländliche Proletariat, ihr Bannerträger aber ist die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, und nicht ihr, meine Herren Liberalen! Warum vergesst ihr diese augenscheinliche „Kleinigkeit"?

Schon erhebt sich der Sturm, der Vorbote des Morgenrots. Erst kürzlich hat das kaukasische Proletariat von Baku bis Batum der zaristischen Selbstherrschaft einmütig seine Verachtung bezeigt. Kein Zweifel, dass dieser wackere Versuch der kaukasischen Proletarier an den Proletariern der anderen Gegenden Rußlands nicht folgenlos vorübergehen wird. Blättert ferner die zahllosen Resolutionen der Arbeiter durch, die der Zarenregierung ihre tiefe Verachtung aussprechen; horcht auf das dumpfe, aber starke Murren in den Dörfern - und ihr werdet euch überzeugen, dass Rußland ein geladenes Gewehr mit gespanntem Hahn ist, das bei der kleinsten Erschütterung losgehen kann. Jawohl, Genossen, die Zeit ist nicht fern, wo die russische Revolution die Segel hissen und den schändlichen Thron des verabscheuungswürdigen Zaren „vom Antlitz der Erde wegfegen" wird!

Unsere ureigenste Pflicht ist es, für diesen Augenblick gerüstet zu sein. Also rüsten wir uns, Genossen! Lasst uns den guten Samen in den breiten Massen des Proletariats aussäen. Reichen wir einander die Hände und schließen wir uns zusammen um die Parteikomitees! Wir dürfen keinen Augenblick vergessen, dass nur die Parteikomitees uns in würdiger Weise führen können, dass nur sie uns den Weg beleuchten können in das „gelobte Land", das sozialistische Welt heißt! Die Partei, die uns die Augen geöffnet und die Feinde gewiesen hat, die uns zu einer machtvollen Armee zusammengefasst und uns in den Kampf gegen die Feinde geführt hat, die uns in Freud und Leid nicht verlassen hat und uns immer vorangeschritten ist, das ist die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands! Sie wird uns auch in Zukunft führen, und nur sie“

Eine Konstituierende Versammlung, gewählt auf der Grundlage der allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmabgabe - das ist es, wofür wir jetzt kämpfen müssen! Nur eine solche Versammlung wird uns die demokratische Republik bringen, die wir in unserem Kampf für den Sozialismus dringend nötig haben. Vorwärts denn also, Genossen! Wenn die zaristische Selbstherrschaft wankt, ist es unsere Pflicht, zum entscheidenden Ansturm zu rüsten! Es ist Zeit, Rache zu nehmen!

Nieder mit der zaristischen Selbstherrschaft!

Es lebe die allgemeine Konstituierende Versammlung!

Es lebe die demokratische Republik!

Es lebe die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands!

Januar 1905. Nach dem Wortlaut der am 8. Januar 1905 in der illegalen (Awlabarer) Druckerei des Kaukasischen Bundes der SDAPR gedruckten Proklamation.

Unterschrift: Das Bundeskomitee.

Es lebe die internationale Brüderlichkeit!

Bürger! Die Bewegung des revolutionären Proletariats greift um sich, und die nationalen Schranken fallen! Die Proletarier der Nationalitäten Rußlands vereinigen sich zu einer internationalen Armee, die einzelnen Bäche der proletarischen Bewegung fließen zusammen zu einem gemeinsamen revolutionären Strom. Immer höher steigen die Wogen dieses Stromes, immer stärker schlagen sie an den Zarenthron, und die morsch gewordene Zarenregierung wankt. Weder Gefängnis noch Zwangsarbeit noch Galgen - nichts hält die proletarische Bewegung auf: sie greift immer weiter um sich!

Um ihren Thron zu festigen, hat die Zarenregierung nun ein „neues" Mittel ausgeheckt. Sie sät Feindschaft zwischen den Nationalitäten Rußlands, sie hetzt sie gegeneinander, sie bemüht sich, die gemeinsame Bewegung des Proletariats in einzelne kleine Bewegungen zu zerschlagen und sie gegeneinander zu lenken, sie veranstaltet Pogrome gegen Juden, Armenier usw. Und alles das, um die Nationalitäten Rußlands durch einen brudermörderischen Krieg voneinander zu trennen und sie dann, nachdem sie entkräftet sind, mühelos einzeln zu besiegen!

Entzweie und herrsche - das ist die Politik der Zarenregierung. So handelt sie in den Städten Rußlands (erinnert euch der Pogrome in Gomel, Kischinew und anderen Städten), das gleiche wiederholt sie auch in Kaukasien. Die Elende! Mit dem Blut und den Leichen der Bürger will sie ihren verächtlichen Thron festigen! Das Stöhnen der sterbenden Armenier und Tataren in Baku; die Tränen der Frauen, Mütter und Kinder; das Blut, das unschuldige Blut ehrlicher, aber unaufgeklärter Bürger; die erschreckten Gesichter der fliehenden, vor dem Tode Rettung suchenden schutzlosen Menschen; die zerstörten Häuser, die geplünderten Läden und das furchtbare, nicht verstummende Schwirren der Kugeln, - das ist es, womit der Zar, der Mörder ehrlicher Bürger, seinen Thron festigt.

Jawohl, Bürger! Sie sind es, die Agenten der Zarenregierung, die unaufgeklärte Elemente unter den Tataren gegen die friedlichen Armenier gehetzt haben! Sie sind es, die Lakaien der Zarenregierung, die Waffen und Patronen an sie ausgegeben, die Polizisten und Kosaken in tatarische Kleidung gesteckt und sie gegen die Armenier losgelassen haben! Zwei Monate haben sie, die Lakaien des Zaren, diesen brudermörderischen Krieg vorbereitet, - und jetzt haben sie endlich ihr barbarisches Ziel erreicht. Fluch und Tod auf das Haupt der Zarenregierung!

Jetzt bemühen sich diese kläglichen Sklaven eines kläglichen Zaren, auch bei uns, in Tiflis, einen brudermörderischen Krieg anzuzetteln! Sie verlangen euer Blut, sie wollen euch entzweien und über euch herrschen! Aber seid wachsam! Ihr Armenier, Tataren, Georgier, Russen! Reicht einander die Hände, schließt euch enger zusammen und gebt auf die Versuche der Regierung, euch zu entzweien, die einmütige Antwort: Nieder mit der Zarenregierung! Es lebe die Brüderlichkeit der Völker! Reicht einander die Hände und, vereint, schart euch um das Proletariat, den wirklichen Totengräber der Zarenregierung - dieses einzigen Schuldigen an den Bakuer Mordtaten.

Möge euer Ruf sein: Nieder mit der nationalen Zwietracht! Nieder mit der Zarenregierung! Es lebe die Brüderlichkeit der Völker! Es lebe die demokratische Republik!

13. Februar 1905.

Nach dem Wortlaut der in der Druckerei des Tifliser Komitees der SDAPR gedruckten Proklamation.

Unterschrift: Das Tifliser Komitee.

An die Bürger - Es lebe das rote Banner!

Große Hoffnungen und große Enttäuschungen! An Stelle der nationalen Feindschaft gegenseitige Liebe und Vertrauen! An Stelle des brudermörderischen Pogroms eine grandiose Demonstration gegen den Zarismus, den Urheber der Pogrome! Gescheitert sind die Hoffnungen der Zarenregierung: es ist ihr doch nicht gelungen, die Nationalitäten von Tiflis aufeinanderzuhetzen! ...

Schon lange bemüht sich die Zarenregierung, die Proletarier aufeinanderzuhetzen, schon lange bemüht sie sich, die gemeinsame Bewegung des Proletariats in Teile zu zerschlagen. Eben deshalb veranstaltete sie Pogrome in Gomel, Kischinew und anderen Orten. Zu dem gleichen Zweck zettelte sie in Baku einen brudermörderischen Krieg an. Und schließlich blieben die Blicke der Zarenregierung an Tiflis haften. Hier, im Zentrum Kaukasiens, wollte sie eine blutige Tragödie aufführen und sie dann in die Provinz übertragen! Keine Kleinigkeit: die Nationalitäten Kaukasiens aufeinanderzuhetzen und das kaukasische Proletariat in seinem eigenen Blut zu ertränken! Die Zarenregierung rieb sich die Hände vor Freude. Sie verbreitete sogar Proklamationen mit der Aufforderung, die Armenier zu schlagen! Und sie hoffte auf Erfolg. Plötzlich aber versammelt sich am 13.Februar eine vieltausendköpfige Menge von Armeniern, Georgiern, Tataren und Russen, gleichsam der Zarenregierung zum Trotz, auf dem umfriedeten Platz der Wank-Kathedrale und schwört sich gegenseitig Unterstützung „im Kampf gegen den Teufel, der Zwietracht zwischen uns sät". Die Einmütigkeit ist vollständig. Es werden Reden gehalten, die dazu aufrufen, „sich zu vereinigen". Die Masse klatscht den Rednern Beifall. Unsere Proklamationen werden verbreitet (in 3000 Exemplaren). Die Masse reißt sich um sie. Die Stimmung der Masse ist im Anstieg begriffen. Der Regierung zum Trotz beschließt sie, sich am anderen Tage auf dem umfriedeten Platz der gleichen Kathedrale zu versammeln, um sich noch einmal „gegenseitige Liebe zu schwören".

Der 14. Februar. Der ganze umfriedete Platz der Kathedrale und die anliegenden Straßen sind voll von Menschen. Unsere Proklamationen werden ganz offen verbreitet und gelesen. Die Masse teilt sich in Gruppen und erörtert den Inhalt der Proklamationen. Es werden Reden gehalten. Die Stimmung der Masse ist im Anstieg begriffen. Sie beschließt, demonstrativ an der Zions-Kathedrale und an der Moschee vorbeizuziehen, sich „gegenseitige Liebe zu schwören", auf dem Persischen Friedhof haltzumachen, noch einmal zu schwören und auseinanderzugehen. Die Masse setzt ihren Beschluß in die Tat um. Unterwegs, in der Nähe der Moschee und auf dem Persischen Friedhof, werden Reden gehalten und unsere Proklamationen verbreitet (an diesem Tage werden 12000 Proklamationen verteilt). Die Stimmung der Masse steigt immer höher. Die angesammelte revolutionäre Energie drängt nach außen. Die Masse beschließt, demonstrativ durch die Dworzowaja-Straße und den Golowinprospekt zu marschieren und erst dann auseinanderzugehen. Unser Komitee benutzt den Augenblick und organisiert sofort einen kleinen führenden Kern. Dieser Kern, an dessen Spitze fortschrittliche Arbeiter stehen, nimmt die zentrale Stelle ein, - und unmittelbar vor dem Schloss wird ein improvisiertes rotes Banner entfaltet. Der Bannerträger, den die Demonstranten auf ihre Arme heben, hält eine flammende politische Rede, in der er vor allem die Genossen ersucht, sich nicht dadurch irremachen zu lassen, dass auf dem Banner die sozialdemokratische Losung fehlt. Die Demonstranten antworten - „Nein, nein, wir tragen sie im Herzen!" Weiter erklärt er die Bedeutung des roten Banners, kritisiert die Vorredner vom Standpunkt der Sozialdemokratie, entlarvt die Halbheit ihrer Reden, weist hin auf die Notwendigkeit der Vernichtung des Zarismus und des Kapitalismus und ruft die Demonstranten auf zum Kampf unter dem roten Banner der Sozialdemokratie. „Es lebe das rote Banner!" antwortet die Masse. Die Demonstranten marschieren weiter zur Wank-Kathedrale. Unterwegs machen sie dreimal halt, um den Bannerträger anzuhören. Dieser ruft die Demonstranten abermals zum Kampf gegen den Zarismus auf und bittet zu schwören-, dass sie ebenso einmütig zum Aufstand schreiten werden wie jetzt zur Demonstration. „Wir schwören!" antwortet die Masse. Die Demonstranten erreichen die Wank-Kathedrale, und nach einem kleinen Zusammenstoß mit den Kosaken gehen sie auseinander.

Das war die „Demonstration der 8000 Tifliser Bürger". So antworteten die Tifliser Bürger auf die pharisäische Politik der Zarenregierung. So rächten sie sich an der niederträchtigen Regierung für das Blut der Bakuer Bürger. Ruhm und Ehre den Bürgern von Tiflis! Vor der vieltausendköpfigen Menge der Tifliser Bürger, die sich unter dem roten Banner versammelten und mehreremal das Todesurteil gegen die Zarenregierung aussprachen, mussten die elenden Lakaien einer elenden Regierung zurückweichen. Sie verzichteten auf den Pogrom.

Heißt dies jedoch, Bürger, dass die Zarenregierung auch in Zukunft nicht danach trachten wird, Pogrome zu veranstalten? Bei weitem nicht! Solange sie am Leben ist, und je mehr sie an Boden verliert, desto häufiger wird sie zu Pogromen ihre Zuflucht nehmen. Das einzige Mittel, die Pogrome aus der Welt zu schaffen, ist die Vernichtung der zaristischen Selbstherrschaft. Euch ist euer Leben und das Leben der euch nahe stehenden Menschen teuer? Ihr liebt eure Freunde, eure Verwandten, und ihr wollt keine Pogrome? Dann müsst ihr wissen, Bürger, dass nur mit der Vernichtung des Zarismus die Pogrome und das damit verbundene Blutvergießen aus der Welt geschafft werden!

Der Sturz der zaristischen Selbstherrschaft, das ist es, was ihr vor allem anstreben müsst! Ihr wollt die Vernichtung jeglicher nationalen Feindschaft? Ihr strebt nach der vollen Solidarität der Völker? Dann müsst ihr wissen, Bürger, dass erst mit der Vernichtung der Ungleichheit, erst mit der Beseitigung des Kapitalismus jegliche nationale Zwietracht vernichtet werden wird! Der Triumph des Sozialismus, das ist es, wonach ihr zu guter Letzt streben müsst! Wer aber wird die schändlichen Zustände des Zarismus vom Antlitz der Erde wegfegen, wer wird euch von den Pogromen erlösen? - Das Proletariat, geführt von der Sozialdemokratie. Wer aber wird die kapitalistischen Zustände zunichte machen, wer wird die internationale Solidarität auf der Erde aufrichten? - Gleichfalls das Proletariat, geführt von der gleichen Sozialdemokratie.

Das Proletariat und nur das Proletariat wird euch Freiheit und Frieden erobern. So schart euch denn um das Proletariat zusammen und tretet unter das Banner der Sozialdemokratie! Unter das rote Banner, Bürger! Nieder mit der zaristischen Selbstherrschaft l Es lebe die demokratische Republik! Nieder mit dem Kapitalismus! Es lebe der Sozialismus! Es lebe das rote Banner!

15. Februar 1905.

Nach dem Wortlaut der in der Druckerei des Tifliser Komitees der SDÄPR gedruckten Proklamation.

Unterschrift: Das Tifliser Komitee.

Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei

[Anmerkung 23]

„Die Sozialdemokratie ist die Vereinigung von Arbeiterbewegung und Sozialismus." - Karl Kautsky

Allzu aufdringlich sind doch unsere „Menschewiki"! Ich spreche von den Tifliser „Menschewiki". Sie haben gehört, dass es in der Partei Meinungsverschiedenheiten gibt, und nun haben sie sich drauf verlegt, immer und überall von Meinungsverschiedenheiten zu reden, ob einem recht oder nicht, nach rechts und nach links die „Bolschewiki" zu beschimpfen, ob einem recht oder nicht! Und nun schimpfen sie aus vollem Halse, wie Besessene. An allen Straßenkreuzungen, ob sie unter sich sind oder unter Fremden, kurzum, wo es sich gerade trifft, stimmen sie ein und dasselbe Gezeter an: Nehmt euch in acht vor der „Mehrheit" („bolschinstwo"), das sind Fremdlinge, Ungläubige! Unsere Menschewiki geben sich nicht mit dem „gewöhnlichen" Kampfboden zufrieden, sie haben die „Sache" in die legale Literatur hinübergetragen und damit ein übriges Mal der Welt ihre ... Aufdringlichkeit gezeigt. Wessen hat sich denn nun die „Mehrheit" („bolschinstwo") schuldig gemacht? Weshalb ist unsere „Minderheit" (menschinstwo") so „böse"? Wenden wir uns der Geschichte zu.

Zum ersten Mal entstanden die „Mehrheit" und die „Minderheit" auf dem II. Parteitag (1903). Dies war der Parteitag, auf dem unsere zersplitterten Kräfte sich zu einer einheitlichen, machtvollen Partei vereinigen sollten. Große Hoffnungen setzten wir Parteiarbeiter auf diesen Parteitag. Endlich also! - riefen wir froh, - erleben auch wir die Vereinigung in einer einheitlichen Partei, erhalten auch wir die Möglichkeit, nach einem einheitlichen Plane zu handeln! ... Selbstverständlich hatten wir auch vorher gehandelt, aber unsere Handlungen waren zersplittert und unorganisiert. Selbstverständlich hatten wir auch vorher uns zu vereinigen versucht, eben zu diesem Zwecke hatten wir ja (1898) den I. Parteitag einberufen, uns sogar, wie es schien, auch „vereinigt", aber diese Einheit existierte nur in Worten: die Partei blieb immer noch in einzelne Gruppen zersplittert, die Kräfte waren immer noch zerbröckelt und bedurften der Vereinigung. Und nun sollte der II. Parteitag die getrennten Kräfte sammeln und zusammenschweißen. Wir sollten eine einheitliche Partei schaffen.

In der Praxis zeigte sich jedoch, dass unsere Hoffnungen bis zu einem gewissen Grade verfrüht waren. Der Parteitag konnte uns keine einheitliche und unteilbare Partei geben, er legte nur das Fundament einer solchen Partei. Dafür zeigte uns der Parteitag klar, dass es in der Partei zwei Richtungen gibt: die Richtung der „Iskra" (es handelt sich um die alte „Iskra")[Anmerkung 24] und die Richtung ihrer Gegner. Dementsprechend teilte sich der Parteitag in zwei Teile: in die „Mehrheit" und die „Minderheit". Die erstere folgte der „Iskra"-Richtung und schloss sich um sie zusammen; die zweite aber bezog als Gegnerin der „Iskra" den entgegengesetzten Standpunkt.

So wurde die „Iskra" zum Banner der Partei „Mehrheit", und der Standpunkt der „Iskra" wurde zum Standpunkt der „Mehrheit". Welchen Weg ging die „Iskra", was verteidigte sie? Um das zu verstehen, muss man wissen, unter welchen Bedingungen sie den Schauplatz der Geschichte betrat.

Die „Iskra" begann im Dezember 1900 zu erscheinen. Das war eine Zeit, als in der russischen Industrie eine Krise einsetzte. Der industrielle Aufschwung, der von einer Anzahl beruflicher Streiks begleitet war (1896-1898), wurde allmählich von einer Krise abgelöst. Die Krise verschärfte sich von Tag zu Tag und wurde zu einem Hindernis für die Berufsstreiks. Trotzdem bahnte sich die Arbeiterbewegung ihren Weg und schritt vorwärts: die einzelnen Bäche flössen zusammen zu einem einzigen Strom, die Bewegung gewann ein Klassengepräge und beschritt allmählich den Weg des politischen Kampfes. Die Arbeiterbewegung wuchs mit erstaunlicher Geschwindigkeit... Nur sah man nicht den Vortrupp, die Sozialdemokratie (Die Sozialdemokratie ist der Vortrupp des Proletariats. Diesem Trupp gehört jeder sozialdemokratische Kämpfer an, sei er nun Arbeiter oder Intellektueller.), die in diese Bewegung sozialistisches Bewusstsein hineingetragen, sie mit dem Sozialismus vereinigt und auf diese Weise dem Kampf des Proletariats einen sozialdemokratischen Charakter gegeben hätte.

Was aber taten die damaligen „Sozialdemokraten" (die man „Ökonomisten" nannte)? Sie beweihräucherten die spontane Bewegung und behaupteten unbekümmert: Das sozialistische Bewusstsein ist gar nicht so notwendig für die Arbeiterbewegung, sie wird gewiss auch so ihr Ziel erreichen, die Hauptsache ist die Bewegung selbst. Die Bewegung sei alles, und das Bewusstsein sei eine Kleinigkeit. Eine Bewegung ohne Sozialismus - das war es, wonach sie strebten.

Worin besteht denn aber in solchem Fall die Bestimmung der Sozialdemokratie Rußlands? Sie soll das gefügige Werkzeug der spontanen Bewegung sein, behaupteten sie. Es sei nicht unsere Sache, sozialistisches Bewusstsein in die Arbeiterbewegung hineinzutragen, es sei nicht unsere Sache, an die Spitze dieser Bewegung zu treten - das wäre zweckloser Zwang -, unsere Pflicht bestehe nur darin, auf die Bewegung zu horchen und genau festzuhalten, was im gesellschaftlichen Leben vor sich geht, - wir müssten im Nachtrab der spontanen Bewegung einhertrotten. (Unser „Sozialdemokrat“[Anmerkung 25] ist von Leidenschaft zur „Kritik" entbrannt (siehe Nr. l, „Mehrheit oder Minderheit?"), aber ich muss bemerken, dass er die „Ökonomisten" und die Leute vom „Rabotscheje Djelo" unrichtig charakterisiert (sie unterscheiden sich nur wenig voneinander). Die Sache ist nicht die, dass sie „politische Fragen gering schätzten", sondern die, dass sie im Nachtrab der Bewegung einhertrotteten und das wiederholten, was die Bewegung ihnen eingab. Es gab eine Zeit, wo nur Streiks stattfanden. Damals predigten sie den ökonomischen Kampf. Es begann die Zeit der Demonstrationen (1901), es floss Blut, Enttäuschung kam auf, und die Arbeiter griffen zum Terror, in der Annahme, das werde sie von den Tyrannen erlösen. Da fielen auch die „Ökonomisten", die Leute vom „Rabotscheje Djelo" in den gemeinsamen Chor ein und erklärten mit großer Wichtigkeit: Es ist Zeit, zum Terror zu greifen, die Gefängnisse zu überfallen, die Genossen zu befreien u. dgl. mehr (siehe „Eine historische Wendung", „Rabotscheje Djelo[Anmerkung 26]). Wie man sieht, heißt dies durchaus nicht, dass sie „politische Fragen gering schätzten". Der Autor entlehnte seine „Kritik" bei Martynow, es wäre aber nützlicher gewesen, wenn er sich mit der Geschichte vertraut gemacht hätte.) Mit einem Wort, die Sozialdemokratie wurde als Ballast in der Bewegung hingestellt.

Wer die Sozialdemokratie nicht anerkennt, der braucht auch die sozialdemokratische Partei nicht anzuerkennen. Eben deshalb wiederholten die „Ökonomisten" so hartnäckig, dass das Bestehen einer politischen Partei des Proletariats in Rußland unmöglich sei. Mögen sich die Liberalen mit dem politischen Kampf beschäftigen, ihnen steht das besser an, so sagten sie. Was aber sollen wir Sozialdemokraten tun? Wir sollen nach wie vor als einzelne Zirkel existieren und isoliert handeln, jeder in seinem Winkel. Keine Partei, sondern ein Zirkel! so sagten sie.

Einerseits also wuchs die Arbeiterbewegung und bedurfte eines führenden Vortrupps, und anderseits hat die „Sozialdemokratie", in Gestalt der „Ökonomisten", anstatt an die Spitze der Bewegung zu treten, sich selber verneint und ist im Nachtrab der Bewegung einhergetrottet. Es galt, vor aller Welt den Gedanken auszusprechen, dass die spontane Arbeiterbewegung ohne den Sozialismus ein Umherirren im Dunkeln ist - von dem, auch wenn es irgendeinmal zum Ziele führt, doch niemand weiß, wann und um den Preis welcher Qualen - dass das sozialistische Bewusstsein folglich für die Arbeiterbewegung von sehr großer Bedeutung ist. Es galt ferner zu sagen, dass die Trägerin dieses Bewusstseins, die Sozialdemokratie, verpflichtet ist, das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung hineinzutragen, stets an der Spitze der Bewegung zu stehen, und nicht von außen der spontanen Arbeiterbewegung zuzusehen, nicht im Nachtrab einherzutrotten.

Es galt ferner den Gedanken auszusprechen, dass es die direkte Pflicht der Sozialdemokratie Rußlands ist, die einzelnen Vortrupps des Proletariats zu sammeln, sie zu einer einheitlichen Partei zusammenzuschließen und dadurch der Zerfahrenheit in der Partei ein für allemal ein Ende zu setzen.

An die Lösung gerade dieser Aufgaben machte sich denn auch die „Iskra". Hören wir, was sie in ihrem programmatischen Artikel erklärt (siehe „Iskra" Nr. 1): „Die Sozialdemokratie ist die Vereinigung von Arbeiterbewegung und Sozialismus",[Anmerkung 27] d. h. eine Bewegung ohne Sozialismus oder ein Sozialismus, der von der Bewegung abseits steht, ist eine unerwünschte Erscheinung, gegen die die Sozialdemokratie ankämpfen muss. Da aber die „Ökonomisten" vom „Rabotscheje Djelo" die spontane Bewegung anbeteten, da sie die Bedeutung des Sozialismus herabsetzten, so erklärte die „Iskra": „Von der Sozialdemokratie losgerissen, verflacht die Arbeiterbewegung und verfällt unweigerlich in Bürgerlichkeit." Dementsprechend sei es die Pflicht der Sozialdemokratie, „dieser Bewegung ihr Endziel, ihre politischen Aufgaben zu weisen, ihre politische und ihre ideologische Selbständigkeit zu wahren".

Welche Pflichten hat die Sozialdemokratie Rußlands? „Hieraus ergibt sich ganz von selbst die Aufgabe", fährt die „Iskra" fort, „die die russische Sozialdemokratie zu verwirklichen berufen ist: in die Massen des Proletariats sozialistische Ideen und politisches Bewusstsein hineinzutragen und eine revolutionäre Partei zu organisieren, die mit der spontanen Arbeiterbewegung unauflöslich verbunden ist", d. h. sie muss immer an der Spitze der Bewegung stehen, und ihre allererste Pflicht ist es, die sozialdemokratischen Kräfte der Arbeiterbewegung zu einer einheitlichen Partei zusammenzuschweißen. So begründet die Redaktion der „Iskra" (Die Redaktion der „Iskra" bestand damals aus sechs Personen: Plechanow, Axelrod, Sassulitsch, Martow, Starowjer[Anmerkung 28] und Lenin.) ihr Programm.

Hat die „Iskra" dieses vortreffliche Programm verwirklicht? Alle wissen, wie selbstlos sie diese wichtigsten Ideen in die Tat umgesetzt hat. Das bewies uns klar der II. Parteitag, der die „Iskra" mit den 35 Stimmen der Mehrheit als Zentralorgan der Partei anerkannte. Ist es hiernach etwa nicht lächerlich, wenn manche Quasimarxisten die alte „Iskra" „herunterzureißen" beginnen?

Hören wir, was der menschewistische „Sozialdemokrat" über die „Iskra" schreibt: „Sie (die ,Iskra') hätte die Ideen des ‚Ökonomismus’ untersuchen, falsche Ansichten verwerfen, die wahren annehmen und ihn in ein neues Flussbett leiten sollen... Aber es ist anders gekommen. Der Kampf gegen den .Ökonomismus' führte zu einem anderen Extrem - zur Herabminderung des ökonomischen Kampfes, zu einer geringschätzigen Haltung ihm gegenüber und dazu, dass dem politischen Kampf die herrschende Bedeutung zuerkannt wurde. Politik ohne Ökonomie (soll heißen ‚ohne Ökonomik’) - das ist die neue Richtung." (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. l, „Mehrheit oder Minderheit?")

Aber wo, wann, in welchem Lande ist alles dies denn passiert, ehrenwerter „Kritiker"? Was taten Plechanow, Axelrod, Sassulitsch, Martow, Starowjer, weshalb leiteten sie die „Iskra" nicht auf den Weg der „Wahrheit", wo sie doch die Mehrheit in der Redaktion bildeten? Und wo waren Sie selber bisher, Verehrtester, warum haben Sie nicht den II. Parteitag gewarnt? Er hätte dann nicht die „Iskra" als Zentralorgan anerkannt. Aber lassen wir den „Kritiker".

Es handelt sich darum, dass die „Iskra" die brennenden „Tagesfragen" richtig wahrgenommen, dass sie eben den Weg eingeschlagen hat, von dem ich oben gesprochen, und selbstlos ihr Programm in die Tat umgesetzt hat. Noch deutlicher und überzeugender hat Lenin in seinem vortrefflichen Buch „Was tun?" den Standpunkt der „Iskra" zum Ausdruck gebracht. Gehen wir auf dieses Buch ein.

Die „Ökonomisten" beteten die spontane Arbeiterbewegung an, wer aber wüsste nicht, dass die spontane Bewegung eine Bewegung ohne Sozialismus ist, dass sie „Tradeunionismus ist" (Lenin, „Was tun?", S. 28 [deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, 3.Auflage, S. 73]), der außerhalb des Rahmens des Kapitalismus nichts sehen will? Wer wüsste nicht, dass die Arbeiterbewegung ohne Sozialismus nicht vom Fleck kommt, im Rahmen des Kapitalismus bleibt, ein Umherirren um das Privateigentum ist, von dem, auch wenn es irgendeinmal zur sozialen Revolution führt, doch niemand weiß, wann und um den Preis welcher Qualen. Ist es denn für die Arbeiter gleichgültig, ob sie in nächster Zeit oder nach einem langen Zeitraum, auf einem leichten oder schwierigen Wege das „gelobte Land" betreten werden? Es ist klar, jeder, der die spontane Bewegung verherrlicht und anbetet, der reißt, ob er will oder nicht, eine Kluft auf zwischen dem Sozialismus und der Arbeiterbewegung, mindert die Bedeutung der sozialistischen Ideologie herab, vertreibt sie aus dem Leben und unterwirft, ob er will oder nicht, die Arbeiter der bürgerlichen Ideologie, denn er begreift nicht, dass „die Sozialdemokratie die Vereinigung von Arbeiterbewegung und Sozialismus" (Kautsky, „Das Erfurter Programm", Verlag des Zentralkomitees, S. 94.) ist, dass „jede Anbetung der Spontaneität der Arbeiterbewegung, jede Herabminderung der Rolle des gewussten Elementes', der Rolle der Sozialdemokratie, zugleich - ganz unabhängig davon, ob derjenige, der diese Rolle herabmindert, das wünscht oder nicht - die Stärkung des Einflusses der bürgerlichen Ideologie auf die Arbeiter bedeutet" (Lenin, „Was tun?", S. 26 [deutsche Neuausgabe S. 71]).

Setzen wir das eingehender auseinander. In unserer Zeit können nur zwei Ideologien existieren: die bürgerliche und die sozialistische. Der Unterschied zwischen ihnen besteht u. a. auch darin, dass die erstere, d.h. die bürgerliche Ideologie, viel älter, verbreiteter ist und tiefere Wurzeln im Leben geschlagen hat als die zweite, dass man auf bürgerliche Ansichten allüberall stößt, in seinem eigenen und in fremdem Milieu, während die sozialistische Ideologie lediglich ihre ersten Schritte tut, sich erst einen Weg bahnt. Man braucht gar nicht davon zu reden, dass die bürgerliche Ideologie, d. h. das tradeunionistische Bewusstsein, wenn es sich um die Verbreitung der Ideen handelt, sich viel leichter verbreitet und die spontane Arbeiterbewegung viel breiter erfaßt als die sozialistische Ideologie, die lediglich ihre ersten Schritte tut. Dies ist umso wahrer, als die spontane Bewegung - eine Bewegung ohne Sozialismus - ohnehin „eben zu ihrer Unterordnung unter die bürgerliche Ideologie führt" (Lenin, „Was tun?", S. 28 [deutsche Neuausgabe S. 73]). Unterwerfung unter die bürgerliche Ideologie bedeutet aber Verdrängung der sozialistischen Ideologie, da sie einander gegenseitig verneinen.

Wie? wird man uns fragen, neigt denn die Arbeiterklasse nicht zum Sozialismus hin? Jawohl, sie neigt zum Sozialismus hin. Wäre das nicht der Fall, so wäre die Tätigkeit der Sozialdemokratie zwecklos. Wahr ist aber auch, dass dieser Hinneigung eine andere Hinneigung gegenübersteht und hinderlich ist - die Hinneigung zur bürgerlichen Ideologie. Ich habe soeben gesagt, dass unser gesellschaftliches Leben von bürgerlichen Ideen durchtränkt ist, weshalb es viel leichter ist, die bürgerliche Ideologie zu verbreiten als die sozialistische. Man darf nicht vergessen, dass zu gleicher Zeit die bürgerlichen Ideologen nicht schlummern, dass sie sich auf ihre Art als Sozialisten verkleiden und unermüdlich versuchen, die Arbeiterklasse der bürgerlichen Ideologie zu unterwerfen. Wenn hierbei auch die Sozialdemokraten, gleich den „Ökonomisten", Maulaffen feilhalten und im Nachtrab der spontanen Bewegung einhertrotten (und die Arbeiterbewegung ist eben dann spontan, wenn die Sozialdemokratie sich so verhält), so leuchtet ganz von selbst ein, dass die spontane Arbeiterbewegung diesen ausgetretenen Weg beschreiten und sich der bürgerlichen Ideologie unterwerfen wird, selbstverständlich so lange, bis langwierige Irrungen und Qualen sie dazu nötigen, mit der bürgerlichen Ideologie zu brechen und der sozialen Revolution entgegenzustreben.

Eben dies heißt Hinneigung zur bürgerlichen Ideologie. Hören wir, was Lenin sagt: „Die Arbeiterklasse fühlt sich spontan zum Sozialismus hingezogen, aber die am weitesten verbreitete (und in mannigfaltigsten Formen ständig wiederauferstehende) bürgerliche Ideologie drängt sich trotzdem spontan dem Arbeiter am meisten auf." (Lenin, „Was tun?", S. 29 [deutsche Neuausgabe S. 75, Fußnote]). Eben deshalb unterwirft sich die spontane Arbeiterbewegung, solange sie spontan ist, solange sie sich nicht mit dem sozialistischen Bewusstsein vereinigt hat, der bürgerlichen Ideologie und neigt zu dieser Unterwerfung hin. (Ebenda, S. 28 [vgl. deutsche Neuausgabe S. 74-75]) "Wäre dem nicht so, dann wäre eine sozialdemokratische Kritik, eine sozialdemokratische Propaganda überflüssig, dann wäre auch die „Vereinigung von Arbeiterbewegung und Sozialismus" überflüssig.

Die Sozialdemokratie ist verpflichtet, diese Hinneigung zur bürgerlichen Ideologie zu bekämpfen und die; andre Hinneigung zu fördern - die Hinneigung zum Sozialismus. Natürlich wird sich irgendeinmal, nach langen Irrungen und Qualen, die spontane Bewegung auch ohne Hilfe der Sozialdemokratie durchsetzen, bei den Toren der sozialen Revolution anlangen, da „die Arbeiterklasse sich spontan zum Sozialismus hingezogen fühlt" (Ebenda, S. 28 [vgl. deutsche Neuausgabe S. 74-75]) Was aber soll bis; dahin werden, was sollen wir bis dahin tun? Die Hände in den Schoß legen wie die „Ökonomisten", und den Struves und Subatows Platz machen? Die Sozialdemokratie abschwören und dadurch die Herrschaft der bürgerlichen, tradeunionistischen Ideologie begünstigen? Den Marxismus vergessen und nicht „Sozialismus und Arbeiterbewegung vereinigen"?

Nein! Die Sozialdemokratie ist der Vortrupp des Proletariats (K. Marx, „Manifest", S. 15[Anmerkung 29]), und hat die Pflicht, stets an der Spitze des Proletariats zu marschieren, die Pflicht, „die Arbeiterbewegung von dem spontanen Streben des Tradeunionismus, sich unter die Fittiche der Bourgeoisie zu begeben, abzubringen und sie unter die Fittiche der revolutionären Sozialdemokratie zu bringen" (Lenin, „Was tun?", S. 28 [deutsche Neuausgabe S. 73]) Es ist die Pflicht der Sozialdemokratie, das sozialistische Bewusstsein in die spontane Arbeiterbewegung hineinzutragen, die Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus zu vereinigen und auf diese Weise dem Kampf des Proletariats sozialdemokratischen Charakter zu verleihen.

Man sagt, dass die Arbeiterklasse in einigen Ländern selbst eine sozialistische Ideologie (den wissenschaftlichen Sozialismus) herausgearbeitet habe und sie auch in den übrigen Ländern selbst herausarbeiten werde, weshalb es ganz überflüssig sei, sozialistisches Bewusstsein in die Arbeiterbewegung von außen hineinzutragen. Das ist jedoch ein schwerer Irrtum. Um den wissenschaftlichen Sozialismus herauszuarbeiten, muss man an der Spitze der Wissenschaft stehen, muss man mit wissenschaftlichen Kenntnissen gewappnet sein und es verstehen, die Gesetze der historischen Entwicklung eingehend zu erforschen. Die Arbeiterklasse aber, solange sie Arbeiterklasse bleibt, ist außerstande, an die Spitze der Wissenschaft zu treten, sie vorwärtszubringen und die historischen Gesetze wissenschaftlich zu erforschen: sie hat hierfür weder Zeit noch Mittel. Der wissenschaftliche Sozialismus „kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht...", sagt K. Kautsky. „... Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz" (hervorgehoben von K. Kautsky); „in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden..." (Lenin, „Was tun?", S. 27 [deutsche Neuausgabe S. 72], wo diese Zeilen Kautskys aus seinem bekannten Artikel in der „Neuen Zeit",[Anmerkung 30] Jahrgang 1901-1902, Nr. 3, S. 79, abgedruckt sind.)

Dementsprechend sagt Lenin: Alle, die die spontane Arbeiterbewegung anbeten und ihr, die Hände im Schoß, von der Seite her zuschauen, alle, die die Bedeutung der Sozialdemokratie ständig herabmindern und den Struves und Subatows Platz machen, sie alle bilden sich ein, dass diese Bewegung selber den wissenschaftlichen Sozialismus herausarbeiten wird. „Aber das ist ein tiefer Irrtum“ (Ebenda, S. 26 [deutsche Neuausgabe S. 71]) Manche glauben, die Petersburger Arbeiter, die in den neunziger Jahren streikten, hätten sozialdemokratisches Bewusstsein besessen, aber auch das ist ein Irrtum. Sie hatten kein solches Bewusstsein „und konnten es gar nicht haben. Dieses (das sozialdemokratische Bewusstsein) konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse aus eigenen Kräften nur ein tradeunionistisches Bewusstsein herauszuarbeiten vermag, d. h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgewachsen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz an." (Lenin, „Was tun?", S. 20-21 [deutsche Neuausgabe S. 63]) Dies heißt selbstverständlich nicht, fährt Lenin fort, „dass die Arbeiter an dieser Ausarbeitung nicht teilnehmen. Aber sie nehmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des Sozialismus, als die Proudhons und Weitlings (die beide Arbeiter waren), mit anderen Worten, sie nehmen nur dann und so weit daran teil, als es ihnen in höherem oder geringerem Maße gelingt, sich das Wissen ihres Zeitalters anzueignen und dieses Wissen zu bereichern." (Ebenda, S. 26 [deutsche Neuausgabe S. 72-73, Fußnote])

Alles dies kann man sich annähernd wie folgt vorstellen. Es existieren kapitalistische Zustände. Es gibt Arbeiter und Unternehmer. Sie kämpfen gegeneinander. Der wissenschaftliche Sozialismus ist vorläufig nirgends zu sehen. Von einem wissenschaftlichen Sozialismus gab es nirgends auch nur eine Spur, als die Arbeiter bereits den Kampf führten... Jawohl, die Arbeiter kämpfen. Aber sie kämpfen isoliert gegen ihre Unternehmer, sie geraten in Konflikt mit den örtlichen Behörden: dort veranstalten sie Streiks, hier erscheinen sie in Versammlungen und auf Demonstrationen, dort verlangen sie von den Behörden Rechte, hier erklären sie den Boykott, die einen reden vom politischen Kampf, die anderen vom ökonomischen u. dgl. m. Aber das bedeutet noch nicht, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusstsein haben, das bedeutet noch nicht, dass das Ziel ihrer Bewegung die Abschaffung der kapitalistischen Ordnung ist, dass sie von dem Sturz des Kapitalismus und der Errichtung der sozialistischen Ordnung ebenso überzeugt sind, wie sie von der Unvermeidlichkeit des Sonnenaufgangs überzeugt sind, dass sie die Eroberung ihrer politischen Herrschaft (der Diktatur des Proletariats) als das notwendige Werkzeug für den Sieg des Sozialismus betrachten usw.

Unterdessen entwickelt sich die Wissenschaft. Die Arbeiterbewegung lenkt allmählich ihre Aufmerksamkeit auf sich. Der größte Teil der Gelehrten gelangt zu dem Gedanken, dass die Arbeiterbewegung eine Rebellion Widerspenstiger sei, die man mit der Peitsche zur Vernunft bringen sollte. Andere wieder meinen, es sei die Pflicht der Reichen, den Armen irgendwelche Brosamen zuzuteilen, d.h. die Arbeiterbewegung sei eine Bewegung von Bettlern, deren Ziel es sei, Almosen zu erhalten. Und unter tausend solchen Gelehrten wird sich vielleicht nur einer finden, der an die Arbeiterbewegung wissenschaftlich herangeht, das ganze gesellschaftliche Leben wissenschaftlich erforscht, den Zusammenstoß der Klassen verfolgt, auf das Murren der Arbeiterklasse lauscht und schließlich wissenschaftlich beweist, dass die kapitalistische Ordnung durchaus nicht etwas Ewiges ist, dass sie ebenso vorübergehend ist wie der Feudalismus, dass ihr unvermeidlich die sie negierende sozialistische Ordnung folgen muss, die nur vom Proletariat vermittels der sozialen Revolution errichtet werden kann. Mit einem Wort, der wissenschaftliche Sozialismus wird herausgearbeitet.

Es versteht sich, dass es, wenn es keinen Kapitalismus und keinen Klassenkampf gäbe, auch keinen wissenschaftlichen Sozialismus gäbe. Wahr ist aber auch, dass jene wenigen, sagen wir Marx und Engels, den wissenschaftlichen Sozialismus nicht herausgearbeitet hätten, wenn sie nicht über wissenschaftliche Kenntnisse verfügt hätten. Was ist wissenschaftlicher Sozialismus ohne Arbeiterbewegung? Ein Kompass, der, macht man von ihm keinen Gebrauch, nur verrosten kann, und dann müsste er über Bord geworfen werden.

Was ist Arbeiterbewegung ohne Sozialismus? Ein Schiff ohne Kompass, das auch so am anderen Ufer landen wird, das jedoch, wenn es einen Kompass hat, das Ufer bedeutend schneller erreichen und weniger Gefahren ausgesetzt sein würde. Vereinigt beides, und ihr erhaltet ein prächtiges Schiff, das direkt nach dem anderen Ufer steuert und den Hafen unbeschädigt erreicht. Vereinigt die Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus, und ihr erhaltet die sozialdemokratische Bewegung, die auf direktem Wege dem „gelobten Land" entgegenstreben wird.

Da ist es nun die Pflicht der Sozialdemokratie (und nicht nur der sozialdemokratischen Intellektuellen), Sozialismus und Arbeiterbewegung zu vereinigen, sozialistisches Bewusstsein in die Bewegung hineinzutragen und der spontanen Arbeiterbewegung auf diese Weise sozialdemokratischen Charakter zu verleihen. So sagt Lenin. Manche behaupten, nach Meinung Lenins und der „Mehrheit" treibe die Arbeiterbewegung, wenn sie nicht mit der sozialistischen Ideologie verbunden ist, dem Untergang entgegen und werde die soziale Revolution nicht erreichen. Dies ist jedoch eine Erfindung, eine Erfindung müßiger Menschen, die wohl nur solchen Quasimarxisten wie An einfallen konnte (siehe „Was ist die Partei?", „Mogsauri"[Anmerkung 31] Nr. 6).

Lenin behauptet mit Bestimmtheit, dass „die Arbeiterklasse sich spontan zum Sozialismus hingezogen fühlt" (Lenin, „Was tun?", S. 29 [deutsche Neuausgabe S. 75, Fußnote]), und wenn er nicht lange hierbei verweilt, so nur deshalb, weil er es für überflüssig hält, das zu beweisen, was ohnehin schon bewiesen ist. Außerdem hat Lenin es sich durchaus nicht zum Ziel gesetzt, die spontane Bewegung zu erforschen, er wollte nur den Praktikern zeigen, was sie bewusst zu tun haben.

Hören wir, was Lenin noch an einer anderen Stelle sagt, wo er mit Martow polemisiert: „’Unsere Partei ist die bewusste Trägerin des unbewussten Prozesses.’ So ist es. Und eben darum ist es falsch, danach zu streben, dass, ‚jeder Streikende’ sich Parteimitglied nenne, dann wäre ‚jeder Streik’ nicht nur der elementare Ausdruck des machtvollen Klasseninstinkts und des Klassenkampfes, der unvermeidlich zur sozialen Revolution führt, sondern ein bewusster Ausdruck dieses Prozesses..., dann würde unsere Partei... mit einem Schlage... der gesamten bürgerlichen Gesellschaft ein Ende machen…“ (Lenin, „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück", S. 53 [in „Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, deutsche Ausgabe, Moskau 1946, S. 367] Wie man sieht, führen nach Lenins Meinung Klassenkämpfe und Klassenzusammenstöße, auch wenn sie nicht als sozialdemokratisch bezeichnet werden können, die Arbeiterklasse dennoch unvermeidlich zur sozialen Revolution.

Interessiert euch die Meinung auch anderer Vertreter der „Mehrheit", so hört zu. Einer von ihnen, Genosse Gorin, sagte auf dem II. Parteitag: „Wie stünde die Sache, wenn das Proletariat sich selbst überlassen wäre? Die Sachlage wäre eine ähnliche wie am Vorabend der bürgerlichen Revolution. Die bürgerlichen Revolutionäre hatten keinerlei wissenschaftliche Ideologie. Und trotzdem ist die bürgerliche Ordnung entstanden. Das Proletariat würde natürlich ohne Ideologen schließlich und endlich auf die soziale Revolution hinarbeiten, aber instinktiv... Es würde auch instinktiv den Sozialismus praktizieren, aber es würde keine sozialistische Theorie haben. Der Prozess wäre lediglich langsam und qualvoller." (Protokoll des II. Parteitags, S. 129.) Erläuterungen sind überflüssig.

Also: die spontane Arbeiterbewegung, die Arbeiterbewegung ohne den Sozialismus, verflacht unvermeidlich und nimmt tradeunionistischen Charakter an - sie unterwirft sich der bürgerlichen Ideologie. Darf man hieraus den Schluss ziehen, der Sozialismus sei alles und die Arbeiterbewegung sei nichts? Natürlich nicht! So sprechen nur Idealisten. Irgendeinmal, nach sehr langer Zeit, wird die ökonomische Entwicklung die Arbeiterklasse unvermeidlich zur sozialen Revolution führen und sie folglich veranlassen, ganz und gar mit der bürgerlichen Ideologie zu brechen. Es handelt sich nur darum, dass dieser Weg sehr langwierig und schmerzhaft sein wird.

Anderseits wird der Sozialismus ohne die Arbeiterbewegung, auf welchem wissenschaftlichen Boden er auch entstanden sein möge, dennoch eine leere Phrase bleiben und seine Bedeutung verlieren. Kann man hieraus den Schluss ziehen, die Bewegung sei alles und der Sozialismus nichts? Natürlich nicht! So räsonieren nur Quasimarxisten, für die das Bewusstsein keinerlei Bedeutung hat, da es vom gesellschaftlichen Sein selbst geboren werde. Den Sozialismus kann man mit der Arbeiterbewegung vereinigen und dadurch aus einer leeren Phrase zu einer scharfen Waffe machen.

Die Schlussfolgerung?

Die Schlussfolgerung lautet: Die Arbeiterbewegung muss mit dem Sozialismus vereinigt werden, die praktische Tätigkeit und das theoretische Denken müssen in eins verschmelzen und dadurch der spontanen Arbeiterbewegung sozialdemokratischen Charakter verleihen, denn „die Sozialdemokratie ist die Vereinigung von Arbeiterbewegung und Sozialismus" („Das Erfurter Programm", Verlag des ZK, S. 94.) Dann wird der mit der Arbeiterbewegung vereinigte Sozialismus aus einer leeren Phrase in den Händen der Arbeiter zu der größten Macht werden. Dann wird die spontane Bewegung, zu einer sozialdemokratischen Bewegung geworden, mit raschen Schritten und auf sicherem Wege zur sozialistischen Ordnung schreiten.

Worin besteht also die Bestimmung der Sozialdemokratie Rußlands? Was müssen wir tun? Es ist unsere Pflicht, die Pflicht der Sozialdemokratie, die spontane Bewegung der Arbeiter von dem tradeunionistischen Wege abzubringen und sie auf den sozialdemokratischen Weg zu bringen. Es ist unsere Pflicht, in diese Bewegung das sozialistische Bewusstsein (das Marx und Engels herausgearbeitet haben.) hineinzutragen und die fortgeschrittenen Kräfte der Arbeiterklasse zu einer einzigen zentralisierten .Partei zu vereinigen. Es ist unsere Aufgabe, stets an der Spitze der Bewegung zu marschieren und unermüdlich alle zu bekämpfen - ob Feind oder „Freund" -, die die Verwirklichung dieser Aufgaben behindern. Das ist in großen Zügen der Standpunkt der „Mehrheit".

Unserer „Minderheit" gefällt der Standpunkt der „Mehrheit" nicht: er sei „unmarxistisch", er „widerspreche von Grund aus" dem Marxismus! Wirklich, Verehrteste? Wo, wann, auf welchem Planeten wäre denn das so? Lest unsere Artikel, sagen sie, und ihr werdet euch überzeugen, dass wir Recht haben. Wollen wir sie also lesen. Vor uns liegt der Artikel: „Was ist die Partei?" (Siehe „Mogsauri" Nr. 6.) Wessen beschuldigt der „Kritiker" An die Partei „mehrheit"? „Sie (die ‚Mehrheit’) ... erklärt sich für das Haupt der Partei ... und verlangt von den anderen Unterwerfung ... und, um ihr Verhalten zu rechtfertigen, ersinnt sie häufig sogar neue Theorien, wie z. B.: das arbeitende Volk könne sich nicht mit eigenen Kräften die ‚hohen Ideale’ zu eigen machen (von mir hervorgehoben) u. dgl. m." („Mogsauri" Nr. 6, S. 71)

Fragt sich jetzt, stellt die „Mehrheit" derartige „Theorien" auf und hat sie sie jemals aufgestellt? Nirgends und niemals! Im Gegenteil, der ideologische Vertreter der „Mehrheit", Genösse Lenin, sagt mit aller Bestimmtheit, dass die Arbeiterklasse sich sehr leicht die „hohen Ideale" zu eigen macht, dass sie sich sehr leicht den Sozialismus zu eigen macht. Man höre:

„Man sagt oft: die Arbeiterklasse fühlt sich spontan zum Sozialismus hingezogen. Das ist vollkommen richtig in dem Sinne, dass die sozialistische Theorie tiefer und richtiger als jede andere die Ursachen des Elends der Arbeiterklasse aufzeigt; darum wird sie von den Arbeitern auch so leicht erfaßt...“ (Lenin, „Was tun?", S. 29 [deutsche Neuausgabe S. 75, Fußnote]) Wie man sieht, machen sich nach Meinung der „Mehrheit" die Arbeiter jene „hohen Ideale", die Sozialismus heißen, leicht zu eigen. Wozu klügelt dann An, wo hat er seine seltsame „Entdeckung" ausgegraben? Die Sache ist die, lieber Leser, dass der „Kritiker" An etwas ganz anderes im Auge hatte. Er hatte die Stelle in dem Buche „Was tun?" im Auge, wo Lenin von der Herausarbeitung des Sozialismus spricht, wo er behauptet, dass die Arbeiterklasse mit eigenen Kräften den wissenschaftlichen Sozialismus nicht herausarbeiten kann. (Lenin, „Was tun?", S. 20-21 [vgl. deutsche Neuausgabe S. 63] Wieso denn? werdet ihr sagen. Eine Sache ist es, den Sozialismus herausarbeiten, und eine andere Sache, ihn sich zu eigen machen. Weshalb hat An die Worte Lenins vergessen, in denen er so klar von der Aneignung der „hohen Ideale" spricht? Sie haben recht, lieber Leser, aber was soll An tun, wenn er nun einmal so sehr darauf versessen ist, ein „Kritiker" zu sein? Man denke nur, welche heroische Tat: seine eigene „Theorie" erdichten, sie dem Gegner zuschreiben und dann selbst die Frucht der eigenen Phantasie zu bombardieren. Auch eine Kritik! Jedenfalls steht es außer Zweifel, dass An sich Lenins Buch „Was tun?" „nicht mit eigenen Kräften zu eigen machen konnte".

Schlagen wir jetzt den so genannten „Sozialdemokrat" auf. Was sagt der Verfasser des Artikels „Mehrheit oder Minderheit?" (siehe „Sozialdemokrat" Nr. 1)? Er wirft sich in Positur und zieht mit großem Lärm gegen Lenin zu Felde, weil dieser der Meinung ist, dass die „natürliche (soll heißen ‚spontane’) Entwicklung der Arbeiterbewegung nicht zum Sozialismus treibt, sondern zur bürgerlichen Ideologie" („Sozialdemokrat" Nr. l, S. 14) Der Verfasser begreift offenbar nicht, dass die spontane Arbeiterbewegung eine Bewegung ohne Sozialismus ist (möge der Verfasser beweisen, dass dies nicht der Fall ist), und eine solche Bewegung unterwirft sich unbedingt der bürgerlich-tradeunionistischen Ideologie, neigt zu ihr hin, denn heutzutage können nur zwei Ideologien existieren - die sozialistische und die bürgerliche, und wo es die erstere nicht gibt, da taucht unbedingt die zweite auf und nimmt ihren Platz ein (beweisen Sie das Gegenteil!). Jawohl, eben das sagt Lenin. Gleichzeitig aber vergisst er auch die andere Hinneigung nicht, die der Arbeiterbewegung eigen ist, die Hinneigung zum Sozialismus, die nur zeitweilig von der Hinneigung zur bürgerlichen Ideologie überschattet wird. Lenin sagt direkt, dass „die Arbeiterklasse sich spontan zum Sozialismus hingezogen fühlt" (Lenin, „Was tun?", S. 29 [deutsche Neuausgabe S. 75, Fußnote]), und er bemerkt mit Recht, es sei die Pflicht der Sozialdemokratie, den Sieg dieser Hinneigung zu beschleunigen, unter anderem auch durch den Kampf gegen die „Ökonomisten". Weshalb also haben Sie, werter „Kritiker", in Ihrem Artikel diese Worte Lenins nicht angeführt? Stammen sie etwa nicht von dem gleichen Lenin? Ihnen passte das nicht in den Kram, nicht wahr?

„Lenins Meinung zufolge ... ist der Arbeiter seiner Lage nach (von mir hervorgehoben) eher ein Bourgeois als ein Sozialist..." („Sozialdemokrat" Nr. l, S. 14.), fährt der Verfasser fort. Das ist nun eine Dummheit, wie ich sie selbst von einem solchen Autor nicht erwartet hätte! Ist denn etwa bei Lenin von der Lage des Arbeiters die Rede, behauptet er etwa, der Arbeiter sei seiner Lage nach Bourgeois? Welcher Dummkopf kann sagen, der Arbeiter sei seiner Lage nach Bourgeois - der Arbeiter, der der Produktionsinstrumente beraubt ist und vom Verkauf seiner Arbeitskraft lebt? Nein! Lenin sagt etwas ganz anderes. Die Sache ist die, dass ich meiner Lage nach Proletarier und nicht Bourgeois sein kann, mir hierbei jedoch meiner Lage nicht bewusst sein und mich deshalb der bürgerlichen Ideologie unterwerfen kann. Gerade so steht die Sache auch im vorliegenden Fall mit der Arbeiterklasse. Und dies bedeutet etwas ganz anderes.

Überhaupt liebt es der Verfasser, mit leeren Worten um sich zu werfen - er schießt los, ohne zu überlegen! Da behauptet der Verfasser z.B. hartnäckig, dass der „Leninismus dem Marxismus von Grund aus widerspricht" (3 Ebenda, S. 15), er behauptet es, ohne zu verstehen, wohin ihn diese „Idee" führt. Glauben wir ihm für einen Augenblick, dass der Leninismus wirklich „dem Marxismus von Grund aus widerspricht". Und weiter? Was ergibt sich daraus? Folgendes: „Der Leninismus hat die ‚Iskra’“ (die alte „Iskra“) „mitgerissen" - dies leugnet auch der Verfasser nicht -, folglich „widerspricht auch die ‚Iskra’ von Grund aus dem Marxismus." Der II. Parteitag hat mit den 35 Stimmen der Mehrheit die „Iskra“ als Zentralorgan der Partei anerkannt und sich mit großem Lob über ihre Verdienste ausgesprochen (Siehe Protokoll des II. Parteitags, S. 147. Ebenda die Resolution, wo die „Iskra“ als die wirkliche Verteidigerin der Prinzipien des Sozialdemokratismus bezeichnet wird.), folglich widersprechen dieser Parteitag, sein Programm und seine Taktik alle drei „von Grund aus dem Marxismus"... Lächerlich, nicht wahr, lieber Leser?

Der Verfasser fährt dennoch fort: „Nach Lenins Meinung treibt die spontane Arbeiterbewegung zur Vereinigung mit der Bourgeoisie..." Ja, ja, der Verfasser treibt zweifellos zur Vereinigung mit der Dummheit, und es wäre gut, wenn er von diesem Wege abkäme. Aber lassen wir den „Kritiker". Wenden wir uns dem Marxismus zu. Der werte „Kritiker" behauptet hartnäckig, der Standpunkt der „Mehrheit" und ihres Vertreters Lenin widerspreche von Grund aus dem Marxismus, denn sowohl Kautsky als auch Marx und Engels sagen angeblich das Umgekehrte von dem, was Lenin verteidigt! Ist dem so? Lasst uns sehen!

„K. Kautsky", so teilt uns der Verfasser mit, „schreibt in seinem ‚Erfurter Programm’: ‚Indessen sind die Interessen des Proletariats und die der Bourgeoisie zu gegensätzlicher Natur, als dass sich die ... Bestrebungen der beiden Klassen auf die Dauer miteinander vereinigen ließen, früher oder später muss in jedem Lande der kapitalistischen Produktionsweise die Anteilnahme der Arbeiterklasse an der Politik dahin führen, dass sie sich von den bürgerlichen Parteien loslöst und eine selbständige Partei bildet, die Arbeiterpartei.’“

Was aber folgt hieraus? Nur dies, dass die Interessen der Bourgeoisie und des Proletariats einander widersprechen, dass das Proletariat sich „früher oder später" von der Bourgeoisie loslösen und eine selbständige Arbeiterpartei bilden wird (wohlgemerkt eine Arbeiterpartei und nicht eine sozialdemokratische Arbeiterpartei). Der Verfasser meint, Kautsky sei hier anderer Meinung als Lenin! Indes sagt Lenin, dass das Proletariat früher oder später sich nicht nur von der Bourgeoisie loslösen, sondern auch die soziale Revolution vollführen, d.h. die Bourgeoisie stürzen wird. (Siehe Lenin, „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück", S. 53 [vgl. „Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 367].) Es ist die Aufgabe der Sozialdemokratie, fügt er hinzu, sich zu bemühen, dass dies so schnell wie möglich und bewusst geschehe. Jawohl, bewusst und nicht spontan, da Lenin eben gerade von dieser Bewusstheit spricht.

„...Wo es zur Bildung einer selbständigen Arbeiterpartei kommt“, fährt der „Kritiker" fort, Kautskys Buch zu zitieren, „da muss diese mit Naturnotwendigkeit früher oder später sozialistische Tendenzen annehmen, wenn sie nicht von vorneherein von solchen erfüllt ist, da muss sie schließlich zu einer sozialistischen Arbeiterpartei werden: zur Sozialdemokratie." („Sozialdemokrat" Nr. l, S. 15)

Was heißt das? Nur dies, dass die Arbeiterpartei sozialistische Tendenzen annehmen wird. Aber leugnet das Lenin? Keinesfalls! Lenin sagt direkt, dass nicht nur die Arbeiterpartei, sondern auch die ganze Arbeiterklasse sich den Sozialismus zu Eigen macht. (Lenin, „Was tun?", S.29 [vgl. deutsche Neuausgabe S.75, Fußnote]) Was für einen Unsinn tragen also dieser „Sozialdemokrat" und sein verlogener Heros zusammen? Wozu reden sie soviel Blech? Sie haben läuten hören, wie man sagt, und wissen nicht, wo die Glocken hängen. Gerade so ist es eben unserem in Konfusion geratenen Autor ergangen. Wie man sieht, unterscheidet Kautsky sich hier um kein Tüttelchen von Lenin. Dafür beweist alles dies mit außerordentlicher Klarheit die Denkschwäche des Autors.

Sagt Kautsky irgend etwas zugunsten des Standpunkts der „Mehrheit"? Hören wir, was er in einem seiner vortrefflichen Artikel schreibt, wo er den Programmentwurf der österreichischen Sozialdemokratie untersucht: „Manche unserer revisionistischen Kritiker" (Anhänger Bernsteins) „nehmen an, Marx hätte behauptet, die ökonomische Entwicklung und der Klassenkampf schüfen nicht bloß die Vorbedingungen sozialistischer Produktion, sondern auch direkt die Erkenntnis" (hervorgehoben von K. Kautsky) „ihrer Notwendigkeit, und da sind die Kritiker gleich fertig mit dem Einwand, dass das Land der höchsten kapitalistischen Entwicklung, England, ... am freiesten von dieser Erkenntnis sei. Nach der neuen Fassung" (des österreichischen Entwurfs) „könnte man annehmen, dass auch die österreichische Programmkommission den ... Standpunkt teile. Denn es heißt da: Je mehr die Entwicklung des Kapitalismus das Proletariat anschwellen macht, desto mehr wird es gezwungen und befähigt, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Es kommt zum "Bewusstsein“ der Möglichkeit und Notwendigkeit des Sozialismus etc. In diesem Zusammenhang erscheint das sozialistische Bewusstsein als das notwendige direkte Ergebnis des proletarischen Klassenkampfes. Das ist aber falsch... Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht... Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz" (hervorgehoben von K. Kautsky); „in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden, die ihn dann in den Klassenkampf des Proletariats hineintragen... Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes. Dem entsprechend sagt auch das alte Hainfelder Programm[Anmerkung 32] ganz richtig, dass es zu den Aufgaben der Sozialdemokratie gehöre, das Proletariat mit dem Bewusstsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen…" („Die Neue Zeit", XX. Jahrgang, 1901-1902, Nr. 3, S. 79. Dieser vortreffliche Artikel Kautskys ist bei Lenin in „Was tun?" abgedruckt, siehe S. 27 [deutsche Neuausgabe S. 71-72].)

Erinnern Sie sich nicht, lieber Leser, der ähnlichen Gedanken Lenins in dieser Frage, erinnern Sie sich nicht des bekannten Standpunkts der „Mehrheit"? Weshalb haben das „Tifliser Komitee" und sein „Sozialdemokrat" die Wahrheit unterschlagen, weshalb hat der werte „Kritiker", als er von Kautsky sprach, diese Worte Kautskys in seinem Artikel nicht angeführt? Wen betrügen die Verehrtesten, warum bringen sie dem Leser so viel „Geringschätzung" entgegen? Etwa darum, weil sie ... die Wahrheit fürchten, sich vor der Wahrheit verstecken und glauben, man könne auch die Wahrheit verbergen? Sie gleichen jenem Vogel, der den Kopf unter den Flügel steckt und sich einbildet, niemand sähe ihn! Aber sie irren sich ebenso wie jener Vogel.

Wird das sozialistische Bewusstsein auf wissenschaftlichem Boden herausgearbeitet, wird dieses Bewusstsein durch die Bemühungen der Sozialdemokratie (Und nicht nur der sozialdemokratischen Intellektuellen.) in die Arbeiterbewegung von außen hineingetragen, so ist es klar, dass alles dies deshalb geschieht, weil die Arbeiterklasse, solange sie Arbeiterklasse bleibt, nicht an die Spitze der Wissenschaft treten und mit eigenen Kräften den wissenschaftlichen Sozialismus herausarbeiten kann: sie hat dafür weder Zeit noch Mittel. Folgendes sagt K. Kautsky in seinem „Erfurter Programm":

„...Der Proletarier kann im besten Fall einen Teil des Wissens, welches die bürgerliche Gelehrsamkeit zutage gefördert, sich aneignen und seinen Zwecken und Bedürfnissen entsprechend verarbeiten, aber es fehlen ihm - solange er Proletarier bleibt - die Muße und die Mittel, die Wissenschaft selbständig über das von den bürgerlichen Denkern erreichte Maß hinauszuführen. So musste auch der urwüchsige Arbeitersozialismus alle wesentlichen Merkmale des Utopismus tragen" (2 „Das Erfurter Programm", Verlag des ZK, S. 93.) (Utopismus ist eine falsche, unwissenschaftliche Theorie).

Ein utopischer Sozialismus solcher Art nimmt häufig anarchistischen Charakter an, fährt Kautsky fort, aber: „...es ist bekannt, dass die anarchistische Bewegung (das Wort hier im Sinne dieser proletarischen Utopisterei genommen. K. Kautsky) überall dort, wo sie zu einer Massenbewegung, zu einem wirklichen Klassenkampf wurde, früher oder später stets, trotz ihres anscheinenden Radikalismus, in verzünftelter Nur-Gewerkschafterei... geendet hat." (Ebenda, S. 94.)

Mit anderen Worten, wenn die Arbeiterbewegung sich nicht mit dem wissenschaftlichen Sozialismus vereinigt, so verflacht sie unvermeidlich, nimmt einen „nur gewerkschaftlichen" Charakter an, unterwirft sich folglich der tradeunionistischen Ideologie. „Das ist eine Erniedrigung der Arbeiter, eine Verherrlichung der Intelligenz!" zetert unser „Kritiker" und sein „Sozialdemokrat"... Der arme „Kritiker", der klägliche „Sozialdemokrat"! Sie halten das Proletariat für ein launenhaftes Fräulein, dem man nicht die Wahrheit sagen darf, dem man ewig Komplimente machen muss, damit es nicht davonläuft! Nein, Verehrteste! Wir glauben, dass das Proletariat mehr Standhaftigkeit an den Tag legen wird, als ihr denkt. Wir glauben, dass es die Wahrheit nicht fürchten wird! Ihr aber... Aber was soll man euch sagen: auch jetzt habt ihr die Wahrheit gefürchtet und in eurem Artikel dem Leser die wahren Ansichten Kautskys vorenthalten...

Somit ist der wissenschaftliche Sozialismus ohne die Arbeiterbewegung nichts als ein leeres Wort, das immer leicht in den Wind geredet werden kann. Anderseits ist die Arbeiterbewegung ohne den Sozialismus ein tradeunionistisches Umherirren, das gewiss irgendeinmal zur sozialen Revolution führen wird, aber um den Preis langwieriger Qualen und Leiden. Die Schlussfolgerung?

„Die Arbeiterbewegung muss sich mit dem Sozialismus vereinigen": „Die Sozialdemokratie ist die Vereinigung von Arbeiterbewegung und Sozialismus." (1 Ebenda, S. 94) So sagt Kautsky, der Theoretiker des Marxismus. Wir haben gesehen, dass die „Iskra" (die alte) und die „Mehrheit" dasselbe sagen. Wir haben gesehen, dass Genösse Lenin auf dem gleichen Standpunkt steht. Also die „Mehrheit" steht fest auf dem marxistischen Standpunkt.

Klar ist, dass die „Geringschätzung der Arbeiter", die „Verherrlichung der Intelligenz", der „unmarxistische Standpunkt der Mehrheit" Und ähnliche Perlen, mit denen die menschewistischen „Kritiker" nur so um sich werfen, nichts anderes sind als ein Wortgeprassel, eine Phantasie der Tifliser „Menschewiki". Umgekehrt werden wir sehen, dass in der Tat die Tifliser „Minderheit" selbst, das „Tifliser Komitee" und sein „Sozialdemokrat" „dem Marxismus von Grund aus widersprechen". Hiervon jedoch später. Vorläufig wollen wir folgendes beachten. Zur Erhärtung seiner Auslassungen führt der Verfasser des Artikels „Mehrheit oder Minderheit?" Worte von Marx (?) an: „Der Theoretiker dieser oder jener Klasse kommt theoretisch zu der gleichen Schlussfolgerung, zu welcher die Klasse selbst bereits praktisch gegangen ist." („Sozialdemokrat" Nr. l, S. 15)

Von zwei Dingen eins. Entweder kennt der Autor die georgische Sprache nicht, oder es ist ein Fehler des Setzers. Kein einziger schreibkundiger Mensch wird sagen „zu welcher bereits gegangen ist". Richtig wäre „zu welcher bereits gelangt ist" oder „zu welcher bereits geht". Hat der Autor das letztere im Auge (zu welcher bereits geht), so muss ich bemerken, dass er Marx' Worte unrichtig wiedergibt, dass Marx etwas Derartiges nicht gesagt hat. Hat der Autor aber die erste Formulierung im Auge, so gewinnt der von ihm angeführte Satz die folgende Gestalt: „Der Theoretiker dieser oder jener Klasse kommt theoretisch zu der gleichen Schlussfolgerung, zu welcher die Klasse selbst bereits praktisch gelangt ist." Mit anderen Worten, sind Marx und Engels theoretisch zu der Schlussfolgerung gelangt, dass der Zusammenbruch des Kapitalismus und die Errichtung des Sozialismus unvermeidlich sind, so bedeutet das, dass das Proletariat den Kapitalismus bereits praktisch verworfen, den Kapitalismus bereits geschlagen und an seiner Stelle das sozialistische Leben errichtet hat! Armer Marx! Wer weiß, welche Albernheiten unsere Quasimarxisten ihm noch zuschreiben werden!

Sagt Marx das wirklich? Hören wir, was er tatsächlich sagt: er spricht davon, dass die theoretischen Vertreter der Kleinbourgeoisie „zu denselben Aufgaben und Lösungen theoretisch getrieben werden, wohin jene das materielle Interesse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben. Dies ist überhaupt das Verhältnis der politischen und literarischen Vertreter einer Klasse zu der Klasse, die sie vertreten." (Wenn Sie den „Achtzehnten Brumaire"[Anmerkung 33] nicht haben, so sehen Sie das Protokoll des II. Parteitags, S. 111, nach, wo diese Worte von Marx angeführt sind!) Wie man sieht, sagt Marx durchaus nicht „ist schon gegangen". Diese „philosophischen" Worte hat der werte „Kritiker" hinzugedichtet. In diesem Falle erhalten Marx' Worte einen ganz anderen Sinn.

Welchen Gedanken entwickelt Marx in dem angeführten Satz? Nur den, dass der Theoretiker dieser oder jener Klasse ein Ideal nicht schaffen kann, es sei denn, dass seine Elemente im Leben existieren, dass er die Elemente des Zukünftigen nur wahrzunehmen und auf diesem Boden das Ideal theoretisch zu schaffen vermag, zu dem diese oder jene Klasse praktisch kommt. Der Unterschied ist der, dass der Theoretiker der Klasse voraneilt und früher als sie den Keim des Zukünftigen wahrnimmt. Eben das heißt „theoretisch zu etwas kommen". Hören wir, was Marx und Engels in ihrem „Manifest" sagen:

„Die Kommunisten" (d. h. die Sozialdemokraten) „sind also praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus." Jawohl, die Ideologen „treiben weiter", sie sehen bedeutend weiter als die „übrige Masse des Proletariats", und hierauf kommt alles an. Die Ideologen treiben weiter, und eben deshalb ist die Idee, das sozialistische Bewusstsein, von großer Bedeutung für die Bewegung. Ebendeshalb fallen Sie über die „Mehrheit" her, ehrenwerter „Kritiker"? Dann sagen Sie dem Marxismus Lebewohl und merken Sie sich, dass die „Mehrheit" auf ihren marxistischen Standpunkt stolz ist.

Die Lage der „Mehrheit" erinnert in diesem Fall in vieler Beziehung an die Lage, in der Engels sich in den neunziger Jahren befand. Die Idee sei die Quelle des gesellschaftlichen Lebens, behaupteten die Idealisten. Ihrer Meinung nach ist das gesellschaftliche Bewusstsein die Grundlage, worauf das Sein der Gesellschaft beruht. Deshalb nannte man sie auch Idealisten. Es galt zu beweisen, dass die Ideen nicht vom Himmel fallen, dass sie vom Leben selbst hervorgebracht werden.

Auf der historischen Arena erschienen Marx und Engels, und sie wurden dieser Rolle glänzend gerecht. Sie bewiesen, dass das gesellschaftliche Sein die Quelle der Ideen ist, dass deshalb das Sein der Gesellschaft die Grundlage ist, auf der das gesellschaftliche Bewusstsein beruht. Damit gruben sie dem Idealismus das Grab und ebneten den Weg für den Materialismus. Manche Halbmarxisten verstanden dies so, als ob das Bewusstsein, die Ideen im Leben nur eine sehr geringe Bedeutung hätten. Es galt, die große Bedeutung der Ideen zu beweisen.

Und da kam Engels und betonte in seinen Briefen (1891-1894), dass die Ideen gewiss nicht vom Himmel fallen, sondern vom Leben selbst hervorgebracht werden, dass sie aber, einmal hervorgebracht, große Bedeutung gewinnen, die Menschen vereinigen, sie organisieren und dem gesellschaftlichen Leben, das sie hervorgebracht hat, ihren Stempel aufdrücken, dass die Ideen in der historischen Bewegung von großer Bedeutung sind. „Dies ist kein Marxismus, sondern ein Verrat am Marxismus", begannen Bernstein und seinesgleichen zu zetern. Die Marxisten lachten bloß...

Es gab in Rußland Halbmarxisten - die „Ökonomisten". Sie behaupteten, da die Ideen vom gesellschaftlichen Sein hervorgebracht werden, sei auch das sozialistische Bewusstsein von geringfügiger Bedeutung für die Arbeiterbewegung. Es galt zu beweisen, dass das sozialistische Bewusstsein von großer Bedeutung für die Arbeiterbewegung ist, dass die Bewegung ohne dieses Bewusstsein ein tradeunionistisches Umherirren ist, von dem das Proletariat sich unbekannt wann frei machen wird, um zur sozialen Revolution zu gelangen. Und da kam die „Iskra", die dieser Rolle glänzend gerecht wurde. Es erschien das Buch „Was tun?", worin Lenin die große Bedeutung des sozialistischen Bewusstseins betont. Es bildete sich die Partei„mehrheit", die diesen Weg festen Schrittes einschlug. Hier aber kommen die kleinen Bernsteine und beginnen zu schreien: Dies „widerspricht dem Marxismus von Grund aus"! Ja, wisst ihr denn, ihr kleinen „Ökonomisten", was der Marxismus ist?

Erstaunlich! wird der Leser sagen. Worum handelt es sich eigentlich? wird er fragen. Weshalb hat denn Plechanow seinen kritischen Artikel gegen Lenin geschrieben (siehe die neue „Iskra" Nr. 70, 71)? Wofür tadelt er die „Mehrheit"? Wiederholen denn nicht die Tifliser Quasimarxisten und ihr „Sozialdemokrat" die von Plechanow ausgesprochenen Gedanken? Jawohl, sie wiederholen sie, aber so plump, dass es einen anwidert. Jawohl, Plechanow ist mit einer Kritik hervorgetreten. Aber wisst ihr, worum es sich handelt? Plechanow ist derselben Auffassung wie die „Mehrheit" und Lenin. Und nicht nur Plechanow, sondern auch Martow, auch Sassulitsch, auch Axelrod. Wirklich, in der Frage, von der wir oben gesprochen haben, haben die Führer der „Minderheit" keine andere Auffassung als die alte „Iskra". Die alte „Iskra" aber ist das Banner der „Mehrheit". Wundert euch nicht! Dies sind die Tatsachen.

Wir kennen den programmatischen Artikel der alten „Iskra" (siehe oben). Wir wissen, dass in diesem Artikel der Standpunkt der „Mehrheit" restlos niedergelegt wurde. Von wem stammt dieser Artikel? Von der damaligen Redaktion der „Iskra". Wer gehörte dieser Redaktion an? Lenin, Plechanow, Axelrod, Martow, Sassulitsch und Starowjer. Von ihnen gehört heute nur Lenin allein der „Mehrheit" an, die übrigen fünf führen die „Minderheit", aber Tatsache bleibt dennoch Tatsache - der Programmartikel der „Iskra" ist unter ihrer Redaktion erschienen, folglich dürften sie sich nicht von ihren Worten lossagen, sie haben offenbar geglaubt, was sie schrieben. Aber wenn es beliebt, lassen wir die „Iskra" beiseite. Hören wir, was Martow schreibt:

„Somit ist die Idee des Sozialismus zum ersten Mal nicht innerhalb der Arbeitermassen entstanden, sondern in den Arbeitszimmern von Gelehrten, die dem Milieu der Bourgeoisie entstammen." (Martow, „Krasnoje Snamja", S. 3)

Hören wir weiter, was Vera Sassulitsch schreibt:

„Sogar die Idee der Klassensolidarität des gesamten Proletariats... ist gar nicht so einfach, dass sie im Kopfe jedes Arbeiters selbständig entstünde ... Der Sozialismus ... erwächst auch überhaupt nicht, ‚von selbst’ in den Köpfen der Arbeiter... Die sozialistische Theorie wurde vorbereitet von der gesamten Entwicklung sowohl des Lebens als auch des Wissens ... und von einem mit diesem Wissen gewappneten genialen Verstand geschaffen. Auch der Beginn der Verbreitung der Ideen des Sozialismus in der Arbeiterschaft war fast auf dem ganzen Kontinent Europas das Werk von Sozialisten, die in den Lehranstalten für die höheren Klassen ihre Bildung erworben hatten." („Sarja"[Anmerkung 34] Nr. 4, S. 79-80)

Hören wir jetzt Plechanow, der so gewichtig und feierlich in der neuen „Iskra" gegen Lenin aufgetreten ist (Nr. 70, 71). Schauplatz ist der II. Parteitag. Plechanow polemisiert gegen Martynow und verteidigt Lenin. Er macht Martynow Vorwürfe, der sich an einen Satz Lenins klammert und das Buch „Was tun?" als Ganzes übersehen hat, und fährt fort:

„Die Methode des Genossen Martynow erinnert mich an einen Zensor, der gesagt hat: ,Gebt mir das „Vaterunser" und erlaubt mir, dort einen Satz herauszureißen - und ich werde euch beweisen, dass sein Verfasser aufgehängt werden müsste.' Aber alle Vorwürfe, die gegen diesen unglückseligen Satz (Lenins) gerichtet wurden, und nicht nur von dem Genossen Martynow, sondern auch von sehr vielen anderen, beruhen auf einem Missverständnis. Genösse Martynow führt Engels' Worte an: ‚Der moderne Sozialismus ist der theoretische Ausdruck der modernen Arbeiterbewegung.’ Genösse Lenin ist ebenfalls mit Engels einverstanden... Aber Engels' Worte sind ein allgemeiner Leitsatz. Die Frage ist die, wer denn zum ersten Mal diesen theoretischen Ausdruck formuliert. Lenin hat keinen Traktat über Philosophie der Geschichte geschrieben, sondern einen polemischen Artikel gegen die Ökonomisten, die gesagt haben: Wir müssen abwarten, wohin die Arbeiterklasse selbst, ohne die Hilfe des ‚revolutionären Bazillus' (d. h. ohne die Sozialdemokratie), gelangen wird. Der letzteren war es verboten, den Arbeitern irgendetwas zu sagen, eben weil sie der ‚revolutionäre Bazillus’ ist, d.h. weil sie das theoretische Bewusstsein besitzt. Entfernt ihr aber den ‚Bazillus’, so bleibt nur die unbewusste Masse, in die das Bewusstsein von außen hineingetragen werden muss. Hättet ihr Lenin gegenüber gerecht sein wollen und sein ganzes Buch aufmerksam gelesen, so •würdet ihr gesehen haben, dass er eben das sagt." (Protokoll des II. Parteitags, S. 123) So sprach Plechanow auf dem II. Parteitag.

Nun aber tritt der gleiche Plechanow, aufgehetzt von den gleichen Martow, Axelrod, Sassulitsch, Starowjer u.a., einige Monate später abermals auf und erklärt, sich an denselben Satz Lenins klammernd, den er auf dem Parteitag verteidigte, Lenin und die „Mehrheit" seien keine Marxisten. Er weiß, würde man selbst aus dem „Vaterunser" einen Satz herausreißen und ihn losgerissen deuten, dann könnte sein Verfasser wohl gar wegen Gottesleugnung an den Galgen geraten. Er weiß, dass dies ungerecht wäre, dass ein unvoreingenommener Kritiker nicht so verfährt, aber er reißt dennoch diesen Satz aus Lenins Buch heraus, er verfährt dennoch ungerecht und bespuckt sich öffentlich selber. Martow, Sassulitsch, Axelrod und Starowjer aber nicken ihm beifällig zu, veröffentlichen unter ihrer Redaktion in der neuen „Iskra" Plechanows Artikel (Nr.70, 71) und bedecken sich hierdurch ein übriges Mal mit Schande.

Warum waren sie so charakterlos, warum haben diese Führer der „Minderheit" sich selbst bespuckt, warum haben sie sich von dem programmatischen Artikel in der „Iskra" losgesagt, den sie unterschrieben haben, warum schwören sie ihre eigenen Worte ab? Hat man in einer sozialdemokratischen Partei jemals von einer derartigen Falschheit gehört? Was ist denn in den paar Monaten passiert, die zwischen dem II. Parteitag und dem Erscheinen von Plechanows Artikel lagen? Die Sache ist die. Von den sechs Redakteuren hat der II. Parteitag nur drei - Plechanow, Lenin und Martow - zu Redakteuren der „Iskra" gewählt. Was Axelrod, Starowjer und Sassulitsch betrifft, so hat der Parteitag sie auf andere Posten gestellt. Der Parteitag hatte hierzu selbstverständlich das Recht, und jeder ist verpflichtet, sich ihm zu unterwerfen: der Parteitag verleiht dem Willen der Partei Ausdruck, er ist das höchste Parteiorgan, und wer seinen Beschlüssen zuwiderhandelt, der tritt den Willen der Partei mit Füßen.

Aber diese eigensinnigen Redakteure unterwarfen sich nicht dem Willen der Partei, der Parteidisziplin (die Parteidisziplin ist ebenfalls der Wille der Partei). Es stellt sich heraus, dass die Parteidisziplin für Leute wie wir, für einfache Parteiarbeiter, ausgedacht worden ist! Sie zürnten dem Parteitag, weil er sie nicht zu Redakteuren gewählt hat, schlugen sich abseits, zogen Martow mit und bildeten die Opposition. Sie erklärten der Partei den Boykott, weigerten sich, Parteiarbeit zu leisten, und begannen der Partei zu drohen: Wählt uns in die Redaktion, ins Zentralkomitee, in den Parteirat, sonst werden wir eine Spaltung vornehmen. Und die Spaltung begann. Hiermit haben sie noch einmal den Willen der Partei mit Füßen getreten.

Die Forderungen der in den Streik getretenen Redakteure sind folgende: „Die alte Redaktion der ‚Iskra’ wird wiederhergestellt (d.h. gebt uns in der Redaktion drei Sitze). In das Zentralkomitee wird eine bestimmte Anzahl von Mitgliedern der Opposition (d.h. der ‚Minderheit’) aufgenommen. Im Parteirat werden zwei Sitze Mitgliedern der Opposition eingeräumt usw. ...

Wir stellen diese "Bedingungen, die allein der Partei die Möglichkeit sichern, einen Konflikt zu vermeiden, der die ganze Existenz der Partei bedroht" (d. h. stellt uns zufrieden, denn sonst werden wir in der Partei eine große Spaltung durchführen) (Kommentar zum Protokoll der Liga, S. 26) Was antwortete ihnen die Partei? Der Vertreter der Partei, das Zentralkomitee, und andere Genossen erklärten ihnen: Wir können nicht gegen den Parteitag angehen, die Wahlen sind Sache des Parteitags, aber wir werden dennoch versuchen, Frieden und Eintracht wiederherzustellen, obwohl, die Wahrheit zu sagen, es eine Schande ist, um der Sitze willen zu kämpfen, ihr wollt um der Sitze willen die Partei spalten usw.

Die in den Streik getretenen Redakteure fühlten sich beleidigt, ihnen wurde unbehaglich zumute - kam es doch wirklich so heraus, dass sie um der Sitze willen den Kampf angezettelt hatten -, und sie zogen Plechanow auf ihre Seite hinüber und begannen ihr heroisches Werk. Sie mussten irgendeine recht „schlagende" „Meinungsverschiedenheit" zwischen der „Mehrheit" und der „Minderheit" ausfindig machen und damit beweisen, dass sie nicht um der Sitze willen kämpfen. Sie suchten, suchten und fanden eine Stelle in Lenins Buch, an der man, wenn man sie aus dem Zusammenhang herausgreift und losgerissen deutet, wirklich herumnörgeln kann. Eine gute Idee, dachten die Führer der „Minderheit", Lenin ist der Führer der „Mehrheit", schwärzen wir Lenin an und bringen wir dadurch die Partei auf unsere Seite. Da begannen nun Plechanows Deklamationen, „Lenin und seine Anhänger" seien „keine Marxisten". Zwar haben sie den gleichen Gedanken aus Lenins Buch, gegen den sie heute zu Felde zogen, gestern noch verteidigt, aber was ist da zu machen: ein Opportunist heißt eben deshalb Opportunist, weil Prinzipientreue bei ihm nicht hoch im Kurse steht.

Das ist der Grund, weshalb sie sich selbst bespucken, das ist die Quelle ihrer Falschheit. (Der Leser wird möglicherweise fragen, wie es passieren konnte, dass Plechanow zur „Minderheit" überging, derselbe Plechanow, der ein eifriger Anhänger der „Mehrheit" war. Die Sache ist die, dass zwischen ihm und Lenin eine Meinungsverschiedenheit entstand. Als die „Minderheit" in Wut geriet und den Boykott erklärte, stellte Plechanow sich auf den Standpunkt, dass ein volles Nachgeben notwendig sei. Lenin war mit ihm nicht einverstanden. Plechanow begann allmählich der „Minderheit" zuzuneigen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen wuchsen sich noch mehr aus und schließlich ging die Sache so weit, dass Plechanow eines schönen Tages zu einem Gegner Lenins und der „Mehrheit" wurde. Hören wir, was Lenin hiervon schreibt: „…Nach einigen Tagen bin ich wirklich gemeinsam mit einem Mitglied des Rats zu Plechanow gegangen, und unser Gespräch mit Plechanow nahm den folgenden Verlauf: ‚Wissen Sie, es gibt manchmal so zanksüchtige Ehefrauen’ (d.h. die .Minderheit'), sagte Plechanow, .dass man ihnen nachgeben muss, um einen hysterischen Anfall und einen lauten Skandal vor dem Publikum zu vermeiden.’ ‚Kann sein’, antwortete ich, .aber man muss so nachgeben, dass man die Kraft behält, einen noch größeren „Skandal“ nicht zuzulassen."' (Siehe Kommentar zum Protokoll der Liga, S. 37, wo Lenins Brief angeführt wird.)[Anmerkung 35] Lenin und Plechanow gelangten nicht zu einer Einigung. Mit diesem Augenblick begann der Übergang Plechanows zur „Minderheit". Wir haben aus glaubwürdigen Quellen erfahren, dass Plechanow auch die „Minderheit" verlässt und bereits sein eigenes Organ gegründet hat, den „Dnjewnik Sozialdemokrata"[Anmerkung 36]) Aber das ist noch nicht alles.

Es verging einige Zeit. Sie sahen, dass außer einigen naiven Menschen niemand ihre Agitation gegen die „Mehrheit" und Lenin beachtete, sie sahen, dass die „Geschäfte" schlecht gingen, und sie beschlossen, noch einmal eine neue Farbe anzunehmen. Der gleiche Plechanow, die gleichen Martow und Axelrod fassten am l0. März 1905 im Namen des Parteirats eine Resolution, in der es u. a. heißt: „Genossen! (sie wenden sich an die ‚Mehrheit’) ... Beide Seiten (d. h. die ‚Mehrheit’ und die ‚Minderheit’) haben wiederholt ihre Überzeugung ausgesprochen, dass die bestehenden taktischen und organisatorischen Meinungsverschiedenheiten nicht von solchem Charakter sind, dass sie die Arbeit im Rahmen einer einheitlichen Parteiorganisation unmöglich machen" („Iskra" Nr. 91, S. 3), deshalb solle ein Kameradschaftsgericht (bestehend aus Bebel und anderen) eingesetzt und unser kleiner Streit beigelegt werden.

Kurzum, die Meinungsverschiedenheiten in der Partei seien nur ein Gezänk, über das ein Kameradschaftsgericht zu urteilen hätte, wir seien ja ein einheitliches Ganzes. Aber wieso denn? Uns, die „Nichtmarxisten", ruft man in die Parteiorganisationen, wir seien ein einheitliches Ganzes und dergleichen mehr... Was heißt das? Das ist doch ein Verrat an der Partei von eurer Seite, ihr Führer der „Minderheit"! Kann man denn „Nichtmarxisten" an die Spitze der Partei stellen? Haben denn „Nichtmarxisten" in einer sozialdemokratischen Partei Platz? Oder habt vielleicht auch ihr den Marxismus verraten und deshalb die Front gewechselt?

Es wäre jedoch naiv, eine Antwort zu erwarten. Die Sache ist die, dass diese braven Führer mehrere „Prinzipien" in der Tasche haben, und sie je nach Bedarf hervorziehen. Bei ihnen hat die Woche, wie es im Russischen heißt, sieben Freitage!... Das sind die Führer der so genannten „Minderheit". Man kann sich leicht vorstellen, wie der Anhang solcher Führer aussieht - die Tifliser so genannte „Minderheit"... Das Unglück will noch, dass der Schwanz manchmal nicht auf den Kopf hört und ihm den Gehorsam verweigert. Während z.B. die Führer der „Minderheit" eine Versöhnung für möglich halten und die Parteiarbeiter zur Eintracht aufrufen, toben die Tifliser „Minderheit" und ihr „Sozialdemokrat" weiter: zwischen der „Mehrheit" und der „Minderheit", so erklären sie, „wird ein Kampf auf Leben und Tod geführt" (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 1), und wir müssen einander ausrotten! Der eine ruft hü! der andere hott!

Die „Minderheit" beklagt sich darüber, dass wir sie Opportunisten (Prinzipienlose) nennen. Welchen anderen Namen als Opportunismus aber kann man dafür finden, wenn sie ihre eigenen Worte abschwören, wenn sie sich von einer Seite auf die andere werfen, wenn sie ewig schwanken und wanken? Ist es möglich, dass ein wahrer Sozialdemokrat dauernd seine Überzeugungen wechselt? So häufig werden ja nicht einmal die Taschentücher gewechselt. Unsere Quasimarxisten behaupten hartnäckig, dass die „Minderheit" einen wahrhaft proletarischen Charakter trägt. Ist dem so? Sehen wir zu. Kautsky sagt: „Er" (der Proletarier) „ist leichter imstande, Parteiprinzipien zu erfassen, er neigt zu einer prinzipiellen Politik, unbeeinflusst von Augenblicksstimmungen, persönlichen oder lokalen Interessen." („Das Erfurter Programm", Verlag des ZK, S. 88)

Und die „Minderheit"? Neigt auch sie zu einer Politik, die nicht von Augenblicksstimmungen und anderen beeinflusst wird? Im Gegenteil: sie wankt ständig, sie schwankt ewig, sie hasst eine feste prinzipielle Politik, sie zieht die Prinzipienlosigkeit vor, sie folgt Augenblicksstimmungen. Die Tatsachen sind uns schon bekannt. Kautsky sagt, dass der Proletarier die Parteidisziplin liebt: „Der Proletarier ist nichts als isoliertes Individuum. Seine ganze Kraft, sein ganzes Fortschreiten, alle seine Erwartungen und Hoffnungen schöpft er aus der Organisation..." Eben deshalb lässt er sich weder von einem persönlichen Vorteil noch von persönlichem Ruhm hinreißen, er „erfüllt seine Pflicht auf jedem Posten, auf den er gestellt wird, in freiwilliger Disziplin, die sein ganzes Fühlen und Denken erfüllt." (Siehe Lenin, „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück", S. 93 [in „Sämtliche Werke", Bd. VI, deutsche Ausgabe, Wien-Berlin 1930, S. 336], wo diese Worte Kautskys angeführt werden.)

Und die „Minderheit"? Ist sie ebenso von der Disziplin durchdrungen? Im Gegenteil, sie verachtet die Parteidisziplin und verspottet sie. (Siehe das Protokoll der Liga.) Das erste Beispiel der Verletzung der Parteidisziplin lieferten die Führer der „Minderheit". Erinnert euch an Axelrod, Sassulitsch, Starowjer, Martow und andere, die sich dem Beschluß des II. Parteitags nicht fügten.

„Ganz anders der Literat", fährt Kautsky fort. Er füge sich mit großer Mühe der Parteidisziplin, und auch das nur aus Nötigung und nicht aus gutem Willen. „Die Notwendigkeit der Disziplin erkennt er nur für die Masse, nicht für auserlesene Geister an. Und zu diesen rechnet er sich natürlich auch... Das ideale Beispiel eines Literaten, der vollständig im Empfindungsleben des Proletariats aufging und ... auf jedem Posten wirkte, auf den er hingestellt wurde, sich stets ganz unserer großen Sache unterordnete und jenes weichliche Gewinsel... verachtete, das der ... Literat gern dann anstimmt, wenn er einmal in der Minorität bleibt - das ideale Beispiel eines Literaten ... war Liebknecht. Auch Marx darf man hier nennen, der sich nie vordrängte und dessen Unterwerfung unter die Parteidisziplin in der Internationale, wo er gar manches Mal in der Minorität blieb, musterhaft war." (Siehe Lenin, „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück", S. 93 [in „Sämtliche Werke", Bd. VI, S. 336-337], wo diese Zeilen Kautskys angeführt werden.)

Und die „Minderheit" ? Hat sich bei ihr in irgendeiner Form „proletarisches Empfinden" bemerkbar gemacht? Ähnelt ihre Haltung der Haltung Liebknechts und Marx'? Im Gegenteil: wir sahen, dass die Führer der „Minderheit" ihr „Ich" unserer heiligen Sache nicht unterordneten, wir sahen, dass eben diese Führer sich auf dem II. Parteitag „jenem weichlichen Gewinsel, als sie in der Minorität blieben", hingegeben haben, wir sahen, dass nach dem Parteitag gerade sie um der „ersten Plätze" willen flennten, und eben um dieser Sitze willen eine Parteispaltung anzettelten... Ist das euer „proletarischer Charakter", verehrte Menschewiki? Warum sind dann aber in einigen Städten die Arbeiter auf unserer Seite? fragen uns die Menschewiki.

Ja gewiss, in einigen Städten stehen die Arbeiter auf der Seite der „Minderheit", aber das beweist nichts. Die Arbeiter folgen in einigen Städten auch den Revisionisten (Opportunisten in Deutschland), aber dies heißt noch nicht, dass ihr Standpunkt ein proletarischer ist, dies heißt noch nicht, dass sie keine Opportunisten sind. Einmal fand auch die Krähe eine Rose, aber dies bedeutet noch nicht, dass die Krähe eine Nachtigall ist. Nicht umsonst heißt es: Fand die Krähe eine Rose, Dünkt sie sich schon Nachtigall.

Jetzt ist es klar, auf welchem 'Boden die Meinungsverschiedenheiten in der Partei entstanden sind. Wie man sieht, sind in unserer Partei zwei Tendenzen zum Vorschein gekommen: die Tendenz der proletarischen Sündhaftigkeit und die Tendenz der intelligenzlerischen Wankelmütigkeit. Zum Ausdruck gebracht wird diese intelligenzlerische Wankelmütigkeit eben durch die jetzige „Minderheit". Das Tifliser „Komitee" und sein „Sozialdemokrat" sind die gefügigen Sklaven dieser „Minderheit"! Das ist das Wesen der ganzen Sache. Allerdings machen unsere Quasimarxisten häufig ein Geschrei davon, sie seien gegen die „intelligenzlerische Denkart", und versuchen hierbei, die „Mehrheit" der „intelligenzlerischen Wankelmütigkeit" zu zeihen, aber dies erinnert an den Fall mit dem Dieb, der Geld stahl und dann ein Geschrei erhob: „Haltet den Dieb!"

Außerdem weiß man: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

Nach dem Wortlaut der vom 'Kaukasisdjen 'Bundeskomitee der SDAPR im "Mai 1905 veröffentlichten Broschüre.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Der bewaffnete Aufstand und unsere Taktik

Die revolutionäre Bewegung „hat gegenwärtig die Notwendigkeit des bewaffneten Aufstands schon herbeigeführt" - dieser vom III. Parteitag unserer Partei ausgesprochene Gedanke wird mit jedem Tage immer mehr bestätigt. Die Flamme der Revolution greift immer stärker um sich, bald hier, bald dort lokale Aufstände hervorrufend. Drei Tage Barrikaden und Straßenkämpfe in Lodz, der Streik vieler Zehntausender Arbeiter in Iwanowo-Wosnessensk samt den unvermeidlichen blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, der Aufstand in Odessa, der „Aufruhr" in der Schwarzmeerflotte und unter den Libauer Marinetruppen, die Tifliser „Woche" - alles dies sind Vorboten des nahenden Gewitters. Es naht, es naht unaufhaltsam und wird sich heute oder morgen über Rußland entladen und mit einem machtvollen reinigenden Strom alles Morsche, Verfaulte wegtragen, von dem russischen Volk die jahrhundertealte Schande abwaschen, die Selbstherrschaft heißt. Die letzten krampfhaften Anstrengungen des Zarismus - die Verstärkung der verschiedenen Arten der Gewaltmaßnahmen, die Verhängung des Ausnahmezustands über die Hälfte des Reichs, die Vermehrung der Galgen und daneben die lockenden Reden an die Liberalen und die verlogenen Reformversprechungen - werden ihn nicht vor seinem historischen Schicksal retten. Die Tage der Selbstherrschaft sind gezählt, das Gewitter ist unabwendbar. Schon entsteht eine neue Ordnung, vom ganzen Volke begrüßt, das von ihr Erneuerung und Wiedergeburt erwartet.

Vor welche neuen Fragen wird unsere Partei nun durch dieses nahende Gewitter gestellt? Wie müssen wir unsere Organisation und Taktik den neuen Anforderungen des Lebens anpassen, um aktiver und organisierter teilnehmen zu können an dem Aufstand, der der einzig notwendige Anfang der Revolution ist? Müssen wir - der Vortrupp der Klasse, die nicht nur die Vorhut, sondern auch die wichtigste wirkende Kraft der Revolution ist - spezielle Apparate schaffen, um den Aufstand zu leiten, oder genügt hierfür der schon bestehende Parteimechanismus?

Es sind nun schon mehrere Monate, dass diese Fragen vor der Partei stehen und unaufschiebbar Lösung heischen. Für Menschen, die die „Elementargewalt" anbeten und die Ziele der Partei bloß darin sehen, dem Lauf des Lebens zu folgen, die im Nachtrab trotten und nicht an der Spitze marschieren, wie sich das für den bewussten Vortrupp geziemt, existieren solche Fragen nicht. Der Aufstand sei spontan, sagen sie, ihn zu organisieren und vorzubereiten sei unmöglich, jeder im voraus ausgearbeitete Aktionsplan sei eine Utopie (sie sind gegen jeden „Plan" - das wäre ja „Bewusstheit" und nicht eine „spontane Erscheinung"!), ein vergeblicher Kraftaufwand, - das gesellschaftliche Leben habe seine unerforschten Wege, und es werde alle unsere Projekte zerschlagen. Deshalb müssten wir uns auf die Propaganda und Agitation der Idee des Aufstands, der Idee der „Selbstbewaffnung" der Massen beschränken, wir müssten nur die „politische Führung" ausüben, und das aufständische Volk möge „technisch" leiten, wer da wolle.

Aber wir haben doch auch bis jetzt stets diese Führung ausgeübt! wenden die Gegner der „Nachtrabpolitik" ein. Es ist klar, dass eine umfassende Agitation und Propaganda, dass die politische Führung durch das Proletariat absolut notwendig sind. Sich auf diese allgemeinen Aufgaben beschränken bedeutet jedoch, dass wir uns entweder um die Beantwortung einer Frage drücken, die direkt vom Leben aufgeworfen wird, oder dass wir uns völlig unfähig zeigen, unsere Taktik den Bedürfnissen des stürmisch um sich greifenden revolutionären Kampfes anzupassen. Selbstverständlich müssen wir jetzt die politische Agitation verzehnfachen, müssen wir nicht nur das Proletariat, sondern auch jene zahlreichen Schichten des „Volkes", die sich allmählich der Revolution anschließen, unter unseren Einfluss bringen, müssen wir bestrebt sein, In allen Bevölkerungsklassen die Idee von der Notwendigkeit des Aufstands zu popularisieren. Aber wir dürfen uns nicht hierauf allein beschränken! Damit das Proletariat die kommende Revolution für die Zwecke seines Klassenkampfes nutzbar machen könne, damit es eine demokratische Ordnung errichten könne, die den nachfolgenden Kampf um den Sozialismus am meisten erleichtere, - dafür ist es notwendig, dass das Proletariat, um das sich die Opposition schart, nicht nur im Zentrum des Kampfes stehe, sondern auch der Führer und Leiter des Aufstands werde. Gerade die technische Führung und die organisatorische Vorbereitung des allrussischen Aufstands bilden jene neue Aufgabe, die das Leben dem Proletariat gestellt hat. Will nun unsere Partei der wirkliche politische Führer der Arbeiterklasse sein, so kann und darf sie sich der Erfüllung dieser neuen Aufgaben nicht entziehen. Was müssen wir also unternehmen, um dieses Ziel zu erreichen? Welches müssen unsere ersten Schritte sein?

Viele unserer Organisationen haben diese Frage bereits praktisch gelöst, indem sie einen Teil ihrer Kräfte und Mittel für die Bewaffnung des Proletariats bereitstellten. Unser Kampf gegen die Selbstherrschaft ist jetzt in eine Periode eingetreten, wo die Bewaffnung von allen als notwendig erkannt wird. Aber allein das Bewusstsein von der Notwendigkeit der Bewaffnung ist ja nicht ausreichend, - der Partei muss die praktische Aufgabe direkt und klar gestellt werden. Deshalb müssen unsere Komitees überall im Lande schon jetzt, sofort beginnen mit der Bewaffnung des Volkes, mit der Schaffung spezieller Gruppen, die dies in die Wege leiten sollen, mit der Organisierung von örtlichen Gruppen zwecks Beschaffung von Waffen, mit der Organisierung von Werkstätten zur Herstellung verschiedener Sprengstoffe, mit der Ausarbeitung eines Plans für die Besetzung der staatlichen und privaten Waffenlager und Arsenale. Wir müssen das Volk bewaffnen nicht nur mit dem „brennenden Bedürfnis nach Selbstbewaffnung", wie uns die neue „Iskra" rät, sondern müssen auch praktisch „die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats treffen", wie der III. Parteitag uns das zur Pflicht gemacht hat. Bei der Lösung dieser Frage können wir leichter als bei irgendeiner anderen Frage zu einem Einvernehmen gelangen sowohl mit dem abgespaltenen Teil der Partei (wenn er wirklich im Ernst an die Bewaffnung denkt, und nicht nur „von dem brennenden Bedürfnis nach Selbstbewaffnung" schwatzt) als auch mit den nationalen sozialdemokratischen Organisationen, wie z. B. den armenischen Föderalisten und anderen, die sich die gleichen Ziele stecken. Einen solchen Versuch hat es schon in Baku gegeben, wo unser Komitee, die „Balachany-Bibi-Eibater"-Gruppe und das Komitee der Gntschakisten[Anmerkung 37] nach dem Februargemetzel aus ihrer Mitte eine Organisationskommission für Bewaffnungsfragen gebildet hatten. Es ist unbedingt notwendig, dass diese schwierige und verantwortungsvolle Sache mit gemeinsamen Kräften in die Wege geleitet wird, und wir meinen, dass fraktionelle Streitigkeiten die Vereinigung aller sozialdemokratischen Kräfte auf diesem Boden am allerwenigsten behindern dürfen.

Außer der Vergrößerung der Waffenvorräte, der Organisierung ihrer Beschaffung und ihrer fabrikmäßigen Herstellung muss der Bildung aller möglichen Kampfscharen zur Ausnutzung der gewonnenen Waffen die ernsteste Aufmerksamkeit zugewandt werden. Auf keinen Fall dürfen solche Handlungen zugelassen werden wie die direkte Verteilung der Waffen an die Massen. Da wir wenig Mittel besitzen und es sehr schwierig ist, die Warfen vor dem wachsamen Auge der Polizei zu verbergen, würde es uns nicht gelingen, einigermaßen bedeutende Bevölkerungsschichten zu bewaffnen, und unsere Mühen würden umsonst sein. Ganz anders steht die Sache, wenn wir eine spezielle Kampforganisation schaffen. Unsere Kampf scharen werden in der Handhabung der Waffen gut ausgebildet, während des Aufstandes - ob er nun spontan beginnt oder vorher vorbereitet wird - werden sie als Haupttrupps und Vortrupps wirken, um sie wird sich das aufständische Volk scharen und unter ihrer Leitung in den Kampf gehen. Dank ihrer Erfahrenheit und Organisiertheit, aber auch dank ihrer guten Bewaffnung wird es möglich sein, alle Kräfte des aufständischen Volkes auszunutzen und dadurch das nächste Ziel zu erreichen - die Bewaffnung des ganzen Volkes und die Durchführung des vorher ausgearbeiteten Aktionsplans. Sie werden sich rasch der verschiedenen Waffenlager, der Regierungsbehörden und öffentlichen Institutionen, der Post, des Telefonamts u. dgl. bemächtigen, was für die weitere Entwicklung der Revolution notwendig sein wird.

Aber diese Kampfscharen sind nicht nur dann notwendig, wenn der revolutionäre Aufstand bereits die ganze Stadt erfaßt hat, nicht weniger groß ist ihre Bedeutung auch am Vorabend des Aufstandes. Während des letzten halben Jahres haben wir uns klar davon überzeugt, dass die Selbstherrschaft, die sich in den Augen aller Bevölkerungsklassen diskreditiert hat, ihre ganze Energie aufgeboten hat, um die finsteren Kräfte des Landes - seien dies nun Berufsbanditen oder unaufgeklärte und fanatisierte Elemente aus der Mitte der Tataren - für den Kampf gegen die Revolutionäre zu mobilisieren. Von der Polizei bewaffnet und begönnert, terrorisieren sie die

Bevölkerung und schaffen für die Befreiungsbewegung eine drückende Atmosphäre. Unsere Kampforganisationen müssen stets bereit sein, allen Vorstößen dieser finsteren Kräfte die gehörige Abfuhr zu erteilen, und sich bemühen, die durch ihre Handlungen hervorgerufene Empörung und Abwehr in eine gegen die Regierung gerichtete Bewegung zu verwandeln. Die bewaffneten Kampfscharen, die jeden Augenblick bereit sind, auf die Straße zu gehen und sich an die Spitze der Volksmassen zu stellen, können das vom III. Parteitag gesteckte Ziel leicht erreichen, nämlich „die bewaffnete Abwehr der Vorstöße der Schwarzen Hundert und überhaupt aller von der Regierung geleiteten reaktionären Elemente zu organisieren" („Resolution über die Stellung zur Taktik der Regierung am Vorabend des Umsturzes" - siehe „Benachrichtigung").[Anmerkung 38]

Eine der Hauptaufgaben unserer Kampfscharen und unserer militärtechnischen Organisation überhaupt muss es sein, einen Aufstandsplan für ihr Gebiet auszuarbeiten und ihn mit dem von der Partei zentrale für ganz Rußland ausgearbeiteten Plan zu koordinieren. Beim Gegner die schwächsten Stellen finden, die Punkte bezeichnen, von denen aus er angegriffen werden muss, alle Kräfte im Gebiet verteilen, die Topographie der Stadt gut studieren - alles dies muss vorher getan werden, damit wir unter keinen Umständen überrascht werden. Es ist hier völlig unangebracht, diese Seite der Tätigkeit unserer Organisationen eingehend zu erörtern. Eine strenge Konspiration bei der Ausarbeitung des Aktionsplans muss begleitet sein von einer möglichst weiten Verbreitung militärtechnischer Kenntnisse unter dem Proletariat, wie sie für die Führung des Straßenkampfes unbedingt notwendig sind. Zu diesem Zweck müssen wir die in der Organisation vorhandenen Militärpersonen heranziehen. Zu dem gleichen Zweck können wir auch eine ganze Anzahl sonstiger Genossen von uns heranziehen, die mit ihren Talenten und Neigungen dabei von großem Nutzen sein werden.

Nur eine solche allseitige Vorbereitung zum Aufstand kann die führende Rolle der Sozialdemokratie in den kommenden Kämpfen zwischen dem Volk und der Selbstherrschaft gewährleisten. Nur die völlige Kampfbereitschaft wird dem Proletariat die Möglichkeit geben, die einzelnen Scharmützel mit der Polizei und dem Militär zu einem allgemeinen Volksaufstand zu gestalten, um an Stelle der Zarenregierung eine provisorische revolutionäre Regierung zu schaffen. Das organisierte Proletariat wird, den Anhängern der „Nachtrabpolitik" zum Trotz, alle seine Kräfte aufbieten, um sowohl die technische als auch die politische Führung des Aufstands in seinen Händen zu konzentrieren. Diese Führung ist die unerlässliche Bedingung, um die herannahende Revolution im Interesse unseres Klassenkampfes ausnutzen zu können.

„Proletariats 'Brdsola" („Der Kampf des Proletariats") Nr. 10 15. Juli 1905. Artikel ohne "Unterschrift.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Die provisorische Revolutionäre Regierung und die Sozialdemokratien

I

Die Volksrevolution wächst an. Das Proletariat bewaffnet sich und entrollt das Banner des Aufstands. Die Bauernschaft strafft den Rücken und vereinigt sich um das Proletariat. Nicht mehr fern ist die Zeit, wo auch der allgemeine Aufstand ausbrechen und den verhassten Thron des verhassten Zaren „vom Antlitz der Erde hinwegfegen" wird. Die Zarenregierung wird gestürzt werden. Auf ihren Trümmern wird eine Regierung der Revolution geschaffen werden - eine provisorische revolutionäre Regierung, die die finsteren Kräfte entwaffnen, das Volk bewaffnen und sofort zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung schreiten wird. So wird die Herrschaft des Zaren abgelöst werden von der Herrschaft des Volkes. Diesen Weg geht gegenwärtig die Volksrevolution. Was muss die provisorische Regierung tun?

Sie muss die finsteren Kräfte entwaffnen, die Feinde der Revolution bändigen, damit sie nicht die Selbstherrschaft des Zaren wiederherstellen können. Sie muss das Volk bewaffnen und dazu beitragen, dass die Revolution zu Ende geführt wird. Sie muss die Freiheit des Worts, der Presse, der Versammlungen u. dgl. verwirklichen. Sie muss die indirekten Steuern abschaffen und eine progressive Steuer auf Profite und Erbschaften einführen. Sie muss Bauernkomitees ins Leben rufen, die die Bodenangelegenheiten im Dorfe regeln werden. Sie muss schließlich die Kirche vom Staat und die Schule von der Kirche trennen... Außer diesen allgemeinen Forderungen muss die provisorische Regierung auch die Klassenforderungen der Arbeiter verwirklichen: die Streik- und Koalitionsfreiheit, den achtstündigen Arbeitstag, die staatliche Arbeiterversicherung, hygienische Arbeitsbedingungen, Schaffung von „Arbeitsbörsen" usw.

Kurzum, die provisorische Regierung muss unser Minimalprogramm (Über das Minimalprogramm siehe die „Benachrichtigung über den II. Parteitag der SDAPR".) restlos verwirklichen und sofort zur Einberufung einer vom ganzen Volke zu wählenden Konstituierenden Versammlung schreiten, die die im gesellschaftlichen Leben erfolgten Wandlungen „für immer" gesetzlich verankern wird. Wer soll in die provisorische Regierung eintreten?

Die Revolution wird vom Volke vollbracht, das Volk aber ist das Proletariat und die Bauernschaft. Es ist klar, dass sie es auch übernehmen müssen, die Revolution zu Ende zu führen, die Reaktion zu bändigen, das Volk zu bewaffnen usw. Für alles dies aber ist es notwendig, dass das Proletariat und die Bauernschaft Verfechter ihrer Interessen in der provisorischen Regierung haben. Das Proletariat und die Bauernschaft werden die Straße beherrschen, sie werden ihr Blut vergießen, - es ist klar, dass sie auch in der provisorischen Regierung herrschen müssen. Alles dies trifft zu, sagt man uns, aber was gibt es Gemeinsames zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft?

Das Gemeinsame ist, dass sie beide die Überreste der Leibeigenschaft hassen, dass sie beide einen Kampf auf Leben und Tod gegen die Zarenregierung führen, dass sie beide die demokratische Republik wollen. Dies kann uns jedoch nicht veranlassen, die Wahrheit zu vergessen, dass der Unterschied zwischen ihnen viel bedeutender ist. Worin besteht dieser Unterschied? Darin, dass das Proletariat der Feind des Privateigentums ist, die bürgerlichen Zustände hasst, und dass es die demokratische Republik nur braucht, um Kräfte zu sammeln und dann die bürgerliche Ordnung zu stürzen, während die Bauernschaft am Privateigentum festhält, an den bürgerlichen Zuständen hängt und die demokratische Republik braucht, um die Grundlagen der bürgerlichen Ordnung zu festigen.

Es erübrigt sich, darüber zu reden, dass sich die Bauernschaft (D. h. die Kleinbourgeoisie) nur insoweit gegen das Proletariat wenden wird, als das Proletariat das Privateigentum wird aufheben wollen. Auf der anderen Seite ist es gleichfalls klar, dass die Bauernschaft das Proletariat nur insoweit unterstützen wird, als das Proletariat die Selbstherrschaft wird stürzen wollen. Die gegenwärtige Revolution ist eine bürgerliche Revolution, d. h. sie tastet das Privateigentum nicht an, folglich hat die Bauernschaft gegenwärtig keinerlei Anlass, ihre Waffen gegen das Proletariat zu kehren. Dafür lehnt die gegenwärtige Revolution von Grund aus die Zarenmacht ab, folglich ist die Bauernschaft daran interessiert, sich entschlossen dem Proletariat als dem führenden Kraftfaktor der Revolution anzuschließen. Es ist klar, dass auch das Proletariat daran interessiert ist, die Bauernschaft zu unterstützen und gemeinsam mit ihr gegen den gemeinsamen Feind - die Zarenregierung - vorzugehen. Nicht umsonst sagt der große Engels, dass das Proletariat bis zum Siege der proletarischen Revolution Seite an Seite mit der Kleinbourgeoisie gegen die bestehenden Zustände vorgehen muss. (Siehe „Iskra" Nr. 96. Diese Stelle ist abgedruckt in Nr. 5 des „Sozialdemokrat“ Siehe „Demokratie und Sozialdemokratie".) Und wenn unser Sieg bis zur völligen Bändigung der Feinde der Revolution nicht als Sieg bezeichnet werden kann, wenn die Bändigung der Feinde und die Bewaffnung des Volkes Pflicht der provisorischen Regierung sind, wenn die Vollendung des Sieges von der provisorischen Regierung übernommen werden muss, - so ist es selbstverständlich, dass der provisorischen Regierung, außer Verteidigern der Interessen der Kleinbourgeoisie, auch Vertreter des Proletariats als Verteidiger seiner Interessen angehören müssen. Es wäre töricht, wenn das Proletariat, das als Führer der Revolution auftritt, es der Kleinbourgeoisie allein überlassen wollte, sie zu Ende zu führen: dies wäre ein Verrat an sich selber. Nur darf nicht vergessen werden, dass das Proletariat als Feind des Privateigentums seine eigene Partei haben muss und auch nicht für einen Augenblick von seinem Wege abschwenken darf.

Mit anderen Worten, das Proletariat und die Bauernschaft müssen mit vereinten Kräften Schluss machen mit der Zarenregierung, sie müssen mit vereinten Kräften die Feinde der Revolution bändigen, und gerade deshalb muss neben der Bauernschaft auch das Proletariat in der provisorischen Regierung Verteidiger seiner Interessen haben - die Sozialdemokraten. Dies ist so klar, so augenscheinlich, dass es sogar überflüssig erscheinen mag, davon zu reden. Da aber kommt die „Minderheit", bezweifelt dies und behauptet hartnäckig, es stehe der Sozialdemokratie nicht an, sich an der provisorischen Regierung zu beteiligen, dies widerspreche den Prinzipien.

Untersuchen wir diese Frage. Welches sind die Argumente der „Minderheit"? Vor allem beruft sie sich auf den Amsterdamer Kongress.[Anmerkung 39] Dieser Kongress hat, entgegen dem Jaurèismus, den Beschluß gefasst, dass die Sozialisten nicht nach der Beteiligung an einer bürgerlichen Regierung streben dürfen, und da die provisorische Regierung eine bürgerliche Regierung sei, so sei die Beteiligung an der provisorischen Regierung für uns unzulässig. So urteilt die „Minderheit" und bemerkt nicht, dass wir bei einer solchen schülerhaften Auffassung des Kongressbeschlusses uns auch an der Revolution nicht beteiligen dürfen. In der Tat: wir sind Feinde der Bourgeoisie, die gegenwärtige Revolution aber ist eine bürgerliche, - folglich dürfen wir uns in keiner Weise an dieser Revolution beteiligen! Auf diesen Weg drängt uns die Logik der „Minderheit". Die Sozialdemokratie dagegen erklärt, dass wir, die Proletarier, uns nicht nur an der gegenwärtigen Revolution beteiligen müssen, sondern auch an ihre Spitze treten, sie leiten und zu Ende führen müssen. Die Revolution zu Ende zu führen ist aber unmöglich ohne die Beteiligung an der provisorischen Regierung. Kein Zweifel, dass die Logik der „Minderheit" hier auf beiden Beinen hinkt. Von zwei Dingen eins: entweder müssen wir, gleich den Liberalen, den Gedanken aufgeben, dass das Proletariat der Führer der Revolution ist, - dann entfällt von selbst die Frage nach unserer Beteiligung an der provisorischen Regierung; oder wir müssen diese sozialdemokratische Idee offen anerkennen und zugleich die Notwendigkeit, uns an der provisorischen Regierung zu beteiligen. Die „Minderheit" dagegen will weder mit dem einen noch mit dem anderen brechen, sie will sowohl bei den Liberalen als auch bei den Sozialdemokraten mitmachen! So schonungslos vergewaltigt sie die ganz unschuldige Logik...

Was den Amsterdamer Kongress anbelangt, so hatte er die ständige Regierung Frankreichs im Auge, nicht aber eine provisorische revolutionäre Regierung. Die Regierung Frankreichs ist reaktionär-konservativ, sie verteidigt das Alte und kämpft gegen das Neue, - man begreift, dass ein wahrer Sozialdemokrat in diese Regierung gar nicht eintreten wird, während die provisorische Regierung revolutionär-progressiv ist, sie kämpft gegen das Alte, bahnt dem Neuen den Weg, sie dient den Interessen der Revolution, - man begreift, dass ein wahrer Sozialdemokrat in sie eintreten und sich an der Krönung der Sache der Revolution aktiv beteiligen wird. Wie man sieht, sind dies verschiedene Dinge. So dass die „Minderheit" sich vergeblich an den Amsterdamer Kongress klammert: er wird sie nicht vor dem Fiasko retten.

Offenbar hat auch die „Minderheit" selbst dies gespürt, weshalb sie zu einem anderen Argument greift: sie beschwört jetzt die Manen von Marx und Engels. So wiederholt z. B. der „Sozialdemokrat" hartnäckig, Marx und Engels hätten die Beteiligung an einer provisorischen Regierung „von Grund aus abgelehnt". Aber wo, wann haben sie abgelehnt? Was sagt denn z.B. Marx? Es stellt sich heraus, Marx sagt: „...die. demokratischen Kleinbürger ... predigen ... dem Proletariat... die ... Herstellung einer großen Oppositionspartei, die alle Schattierungen in der demokratischen Partei umfasst...", „Eine solche Vereinigung würde allein zu ihrem (der Kleinbürger) Vorteile und ganz zum Nachteile des Proletariats ausfallen" (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 5) usw.[Anmerkung 40] Kurzum, das Proletariat müsse eine selbständige Klassenpartei haben. Aber wer ist denn dagegen, Sie „gelehrter Kritiker"? Weshalb kämpfen Sie gegen Windmühlen?

Der „Kritiker" zitiert nichtsdestoweniger auch weiter Marx. „Für den Fall eines Kampfes gegen einen gemeinsamen Gegner braucht es keiner besonderen Vereinigung. Sobald ein solcher Gegner direkt zu bekämpfen ist, fallen die Interessen beider Parteien für den Moment zusammen, und wird sich ... diese nur für den Augenblick berechnete Verbindung von selbst herstellen... Während des Kampfes und nach dem Kampf müssen die Arbeiter neben den Forderungen" (der „Sozialdemokrat" übersetzt „Anforderungen") „der bürgerlichen Demokratie ihre eigenen Forderungen" (wieder „Anforderungen") „bei jeder Gelegenheit aufstellen... Mit einem Worte: vom ersten Augenblicke des Sieges an muss sich das Misstrauen ... gegen ihre bisherigen Bundesgenossen, gegen die Partei richten, die den gemeinsamen Sieg allein exploitieren will." (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 5.) Mit anderen Worten, das Proletariat müsse seinen eigenen Weg gehen und die Kleinbourgeoisie nur so weit unterstützen, als dies seinen Interessen nicht widerspricht Wer aber ist denn dagegen, erstaunlicher „Kritiker", und weshalb mussten Sie sich auf die Worte von Marx berufen? Hat Marx etwa irgendetwas von einer provisorischen revolutionären Regierung gesagt? Kein Sterbenswörtchen! Sagt Marx etwa, dass die Beteiligung an der provisorischen Regierung während einer demokratischen Revolution unseren Prinzipien widerspreche? Kein Sterbenswörtchen! Weshalb also gerät unser Autor in helle Begeisterung, wo hat er den „prinzipiellen Widerspruch" zwischen uns und Marx aufgegabelt? Der arme „Kritiker"! Er hat sich aus Leibeskräften bemüht, um einen solchen Widerspruch zu finden, aber zu seinem Leidwesen war alles verlorene Mühe.

Was aber sagt Engels, der Erklärung der Menschewiki zufolge? Er sagt in einem Brief an Turati, wie man erfährt, dass die kommende Revolution in Italien eine kleinbürgerliche, und nicht eine sozialistische sein werde, dass das Proletariat bis zu ihrem Sieg gemeinsam mit der Kleinbourgeoisie gegen die bestehende Ordnung vorgehen müsse, wobei es jedoch unbedingt seine eigene Partei haben müsse, es werde aber außerordentlich gefährlich sein, wenn die Sozialisten nach dem Siege der Revolution in die neue Regierung einträten. Hiermit würden sie den Fehler Louis Blancs und anderer französischer Sozialisten von 1848 wiederholen usw. (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 5. Der „Sozialdemokrat" bringt diese "Worte in Anführungszeichen. Man könnte glauben, Engels’ Worte seien genau angeführt. In Wirklichkeit ist dies nicht der Fall, denn hier wird nur der Inhalt des Engelsschen Briefes mit eigenen Worten wiedergegeben.) Mit anderen Worten, da die italienische Revolution eine demokratische, und keine sozialistische Revolution sein werde, so wäre es ein großer Fehler, von der Herrschaft des Proletariats zu träumen und auch nach dem Sieg in der Regierung zu bleiben, nur bis zum Sieg könne das Proletariat gemeinsam mit den Kleinbürgern gegen den gemeinsamen Feind vorgehen. Aber wer bestreitet denn das, wer sagt denn, dass wir die demokratische Revolution mit der sozialistischen verwechseln müssen? Weshalb brauchte man sich auf Turati, diesen Anhänger Bernsteins, zu berufen? Oder weshalb war es notwendig, an Louis Blanc zu erinnern? Louis Blanc war ein kleinbürgerlicher „Sozialist", bei uns aber ist von Sozialdemokraten die Rede. In der Zeit Louis Blancs gab es keine sozialdemokratische Partei, hier aber handelt es sich gerade um eine solche Partei. Die französischen Sozialisten hatten die Eroberung der politischen Macht im Auge, uns aber interessiert die Frage nach der Beteiligung an der provisorischen Regierung... Sagt Engels etwa, dass die Beteiligung an der provisorischen Regierung während der demokratischen Revolution unseren Prinzipien widerspreche? Kein Sterbenswörtchen! Wozu also ein solcher Wortschwall, mein lieber Menschewik, wieso begreifen Sie nicht, dass Fragen durcheinander bringen nicht heißt, sie zu lösen? Weshalb mussten Sie die Manen von Marx und Engels zwecklos beunruhigen?

Die „Minderheit" spürt wohl selbst, dass die Namen von Marx und Engels sie nicht retten, und klammert sich nun an ein drittes „Argument". Ihr wollt den Feinden der Revolution doppelte Zügel anlegen, sagt uns die „Minderheit", ihr wollt, dass „der Druck des Proletariats auf die Revolution nicht nur, ‚von unten’, nicht nur von der Straße, sondern auch von oben, aus den Prunkgemächern der provisorischen Regierung komme" (Siehe „Iskra" Nr. 93) Dies aber widerspreche dem Prinzip, wirft uns die „Minderheit" vor.

Somit behauptet die „Minderheit", wir müssten „nur von unten'' auf den Gang der Revolution einwirken. Die „Mehrheit" ist im Gegenteil der Auffassung, dass wir die Aktion „von unten" ergänzen müssen durch die Aktion „von oben", damit der Druck allseitiger wäre. Wer aber setzt sich in diesem Falle in Widerspruch mit dem Prinzip der Sozialdemokratie, die „Mehrheit" oder die „Minderheit"?

Wenden wir uns an Engels. In den siebziger Jahren brach in Spanien ein Aufstand aus. Es erhob sich die Frage einer provisorischen revolutionären Regierung. Damals machten sich dort die Bakunisten (Anarchisten) mausig. Sie lehnten jede Aktion von oben ab, und dies rief eine Polemik zwischen ihnen und Engels hervor. Die Bakunisten predigten das gleiche, was jetzt die „Minderheit" sagt. Engels führt aus, dass „die Bakunisten seit Jahren gepredigt hatten, jede revolutionäre Aktion von oben nach unten sei verderblich, alles müsse von unten nach oben organisiert und durchgesetzt werden" (Siehe Nr. 3 des „Proletari", worin diese Worte von Engels angeführt sind.[Anmerkung 41]) Ihrer Meinung nach „kann jede Organisation einer politischen, so genannten provisorischen oder revolutionären Gewalt nur eine neue Prellerei sein und würde für das Proletariat ebenso gefährlich sein wie alle jetzt bestehenden Regierungen" (Ebenda) Engels verspottet diese Ansicht und sagt, das Leben habe diese Lehre der Bakunisten unbarmherzig widerlegt. Die Bakunisten hätten den Forderungen des Lebens nachgeben müssen, und ... „ganz gegen ihre anarchischen Grundsätze eine revolutionäre Regierung gebildet" (Ebenda) So „schlugen sie ihrem kaum erst proklamierten Glaubenssatz ins Gesicht: dass die Errichtung einer revolutionären Regierung nur eine neue Prellerei und ein neuer Verrat an der Arbeiterklasse sei..." (Ebenda) So sagt Engels.

Es stellt sich also heraus, dass das Prinzip der „Minderheit" -Aktion nur „von unten" - ein anarchistisches Prinzip ist, das der sozialdemokratischen Taktik aber wirklich von Grund aus widerspricht. Die Ansicht der „Minderheit", dass jede Beteiligung an einer provisorischen Regierung für die Arbeiter verderblich sei, ist eine anarchistische Phrase, die schon Engels verspottet hat. Es stellt sich ferner heraus, dass das Leben die Ansichten der „Minderheit" verwerfen und sie spielend zerschlagen wird, wie das den Bakunisten passiert ist.

Die „Minderheit" versteift sich trotzdem weiter - „wir wollen nämlich nicht gegen die Prinzipien handeln". Eine seltsame Vorstellung haben diese Leute von den sozialdemokratischen Prinzipien. Man nehme doch nur ihre prinzipiellen Ansichten bezüglich der provisorischen revolutionären Regierung und der Reichsduma. Die „Minderheit" ist gegen die Beteiligung an der provisorischen Regierung, die von den Interessen der Revolution ins Leben gerufen wird, - das widerspreche nämlich den Prinzipien. Sie ist jedoch für die Beteiligung an der Reichsduma, die von den Interessen der Selbstherrschaft ins Leben gerufen wird, - das, so erfährt man, widerspreche nicht den Prinzipien! Die „Minderheit" ist gegen die Beteiligung an der provisorischen Regierung, die von dem revolutionären Volk geschaffen und vom Volke auch legalisiert werden wird, - das widerspreche nämlich den Prinzipien. Sie ist jedoch für die Beteiligung an der Reichsduma, die vom absolutistischen Zaren einberufen und vom Zaren auch legalisiert wird, - das, so erfährt man, widerspreche nicht den Prinzipien! Die „Minderheit" ist gegen die Beteiligung an der provisorischen Regierung, die berufen ist, die Selbstherrschaft zu begraben, - das widerspreche nämlich den Prinzipien. Sie ist jedoch für die Beteiligung an der Reichsduma, die berufen ist, die Selbstherrschaft zu festigen, - das, so erfährt man, widerspreche nicht den Prinzipien... Von welchen Prinzipien redet ihr denn, Verehrteste, von den Prinzipien der Liberalen oder denen der Sozialdemokraten? Ihr werdet wohl tun, wenn ihr auf diese Frage eine direkte Antwort gebt. Wir haben hierbei einige Zweifel.

Lassen wir jedoch diese Fragen auf sich beruhen. Die Sache ist die, dass die „Minderheit", die nach Prinzipien sucht, auf den Weg der Anarchisten hinab geglitten ist. Das ist es, was jetzt klar geworden ist.

II

Unseren Menschewiki haben die auf dem III. Parteitag beschlossenen Resolutionen nicht gefallen. Ihr wahrhaft revolutionärer Sinn hat den menschewistischen „Sumpf" aufgewühlt und ihn „kritiklustig" gemacht. Offenbar hat sich auf ihre opportunistische Geistesverfassung hauptsächlich die Resolution über die provisorische revolutionäre Regierung ausgewirkt, und sie haben damit begonnen, sie zu „vernichten". Da sie jedoch nichts darin gefunden haben, woran sie sich klammern könnten, um daran ihre Kritik zu üben, so griffen sie zu ihrem üblichen und dabei billigen Mittel - zur Demagogie! Diese Resolution sei abgefasst worden, um die Arbeiter zu ködern, zu betrügen und zu blenden, schreiben diese „Kritiker". Und offenbar sind sie mit diesem ihrem Treiben sehr zufrieden. Sie wähnten den Gegner zu Tode getroffen, sich selbst aber siegreiche Kritiker und rufen aus: „Und sie (die Verfasser der Resolution) wollen das Proletariat führen!" Du blickst auf diese „Kritiker" und vor deinem geistigen Auge erscheint der unzurechnungsfähige Held Gogols, der sich König von Spanien wähnte. Das ist das Schicksal von Leuten, die an Größenwahn leiden!

Sehen wir uns jene „Kritik" näher an, die wir in Nr. 5 des „Sozialdemokrat" finden. Wie ihr bereits wisst, können unsere Menschewiki nicht ohne Furcht des blutigen Gespenstes der provisorischen revolutionären Regierung gedenken, und rufen ihre Heiligen an – die Martynows und Akimows -, damit diese sie von dem Ungeheuer befreien und es durch den Semski Sobor, jetzt schon durch die Reichsduma, ersetzen. Zu diesem Zweck heben sie den „Semski Sobor" in den Himmel und bemühen sich, diese faule Ausgeburt des faulen Zarismus als gesunde Frucht an den Mann zu bringen: „Wir wissen, dass die große französische Revolution die Republik errichtet hat, ohne eine provisorische Regierung zu besitzen", schreiben sie. Und das wäre alles? Weiter wisst ihr nichts, „Verehrte"? Etwas dürftig! Man müsste etwas mehr wissen! Man müsste z. B. auch wissen, dass die große französische Revolution als bürgerliche revolutionäre Bewegung triumphiert hat, während in Rußland die „revolutionäre Bewegung als Bewegung der Arbeiter triumphieren oder überhaupt nicht triumphieren wird", wie G. Plechanow mit Recht sagt. In Frankreich stand die Bourgeoisie an der Spitze der Revolution, in Rußland dagegen ist es das Proletariat. Dort lenkte die erstere das Schicksal der Revolution, hier das letztere. Und ist es etwa nicht klar, dass ein solcher Wechsel der führenden revolutionären Kräfte nicht ein und dieselben Resultate für die eine und die andere Klasse zeitigen kann? Erntete in Frankreich die Bourgeoisie, an der Spitze der Revolution stehend, die Früchte der Revolution, muss sie dann auch in Rußland ihre Früchte ernten, obgleich an der Spitze der Revolution das Proletariat steht? Jawohl, sagen unsere Menschewiki, was dort, in Frankreich, vor sich gegangen ist, das muss auch hier, in Rußland, geschehen. Diese Herrschaften nehmen, einem Sargtischler ähnlich, an einem längst Verstorbenen Maß und messen damit die Lebenden. Außerdem haben sie hier eine erhebliche Schiebung begangen: sie haben dem uns interessierenden Gegenstand den Kopf abgenommen und den Schwerpunkt der Polemik auf den Schwanz verlegt. Wir sprechen, ebenso wie jeder andere revolutionäre Sozialdemokrat, von der Errichtung einer demokratischen Republik. Sie dagegen haben das Wort „demokratisch" irgendwo versteckt und begonnen, sich in Phrasen über die „Republik" zu ergehen. „Wir wissen, dass die große französische Revolution die Republik errichtet hat", predigen sie. Jawohl, sie hat die Republik errichtet, aber was für eine, - eine wirklich demokratische? Eine solche, wie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands sie fordert? Hat diese Republik dem Volk das Recht auf allgemeine Wahlen gegeben? Waren die damaligen Wahlen in vollem Maße direkt? Wurde eine progressive Einkommensteuer eingeführt? Ist dort irgendetwas von einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen, einer Herabsetzung des Arbeitstags, einer Lohnerhöhung usw. gesagt worden? ... Nein. Nichts davon gab es dort, und konnte es auch nicht geben, denn die Arbeiter hatten damals keine sozialdemokratische Erziehung. Deshalb wurden ihre Interessen in der damaligen französischen Republik auch vergessen und von der Bourgeoisie umgangen. Und vor einer solchen Republik neigt ihr, Herrschaften, wirklich eure „höchst ehrenwerten" Häupter? Das ist euer Ideal? Gute Reise! Aber denkt daran, Verehrte, dass die Anbetung einer solchen Republik mit der Sozialdemokratie und ihrem Programm nichts gemein hat - dies ist ein Demokratismus schlechtester Sorte. Ihr aber bringt alles dies als Konterbande herein und deckt euch mit dem Namen der Sozialdemokratie.

Außerdem müssen die Menschewiki wissen, dass die Bourgeoisie Rußlands mit ihrem Semski Sobor uns nicht einmal eine solche Republik bescheren wird wie in Frankreich, - sie hat durchaus nicht die Absicht, die Monarchie abzuschaffen. Da sie die „Dreistigkeit" der Arbeiter dort, wo es keine Monarchie gibt, sehr wohl kennt, bemüht sie sich, diese Festung unversehrt zu erhalten und sie zu ihrem eigenen Werkzeug gegen den unversöhnlichen Feind - das Proletariat - zu machen. Eben zu diesem Zweck führt sie ja im Namen des „Volkes" Verhandlungen mit dem Henkerzaren und gibt ihm den Rat, im Interesse des „Vaterlandes" und des Throns einen Semski Sobor einzuberufen, um die „Anarchie" zu vermeiden. Wisst ihr, Menschewiki, denn alles dies wirklich nicht?

Wir brauchen nicht eine solche Republik, wie die französische Bourgeoisie im 18. Jahrhundert sie eingeführt hat, sondern eine solche, wie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands im 20. Jahrhundert sie fordert. Eine solche Republik können aber nur der siegreiche Volksaufstand mit dem Proletariat an der Spitze und die von ihm eingesetzte provisorische revolutionäre Regierung schaffen. Nur eine solche provisorische Regierung kann unser Minimalprogramm provisorisch verwirklichen und derartige Umgestaltungen der von ihr einberufenen Konstituierenden Versammlung zur Bestätigung unterbreiten.

Unsere „Kritiker" glauben nicht, dass die Konstituierende Versammlung, gemäß unserem Programm einberufen, dem Willen des Volkes Ausdruck geben könnte (und wie können sie sich das auch vorstellen, wenn sie nicht über die große französische Revolution hinausgehen, die vor 115-116 Jahren vor sich ging). „Vermögende und einflussreiche Personen", fahren die „Kritiker" fort, „haben so viele Mittel, um die Wahlen zu ihren Gunsten zu fälschen, dass das Gerede vom wirklichen Volkswillen ganz überflüssig ist. Damit die Wähler aus den unbemittelten Schichten nicht den Willen der Reichen zum Ausdruck bringen, bedarf es eines großen Kampf es, einer lang andauernden Parteidisziplin" (die von den Menschewiki nicht anerkannt wird?). „Sogar in Europa (?) ist alles dies, trotz langjähriger politischer Erziehung, nicht verwirklicht. Und da glauben unsere Bolschewiki, dass eine provisorische Regierung diesen Talisman in Händen habe!"

Eine richtige Nachtrabpolitik! Das ist doch die „im Herrn entschlafene" „Taktik als Prozess" und „Organisation als Prozess" in ihrer ganzen natürlichen Lebensgröße! In Rußland zu fordern, was in Europa noch nicht verwirklicht ist, davon könne gar nicht die Rede sein, belehren uns die „Kritiker"! Wir wissen doch, dass nicht nur in „Europa", sondern auch in Amerika unser Minimalprogramm nicht restlos verwirklicht ist, folglich ist, wer es annimmt und für seine Verwirklichung in Rußland nach dem Sturz der Selbstherrschaft kämpft, nach der Meinung der Menschewiki ein unverbesserlicher Träumer, ein kläglicher Don Quichotte! Kurzum, unser Minimalprogramm sei falsch, utopisch und habe nichts gemein mit dem wirklichen „Leben"! Ist es nicht so, ihr Herren „Kritiker"? Gerade so kommt es bei euch heraus. Dann habt mehr Mut und erklärt das direkt, ohne Winkelzüge! Dann werden wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, und ihr werdet die euch verhassten Programmformalitäten los! Jetzt aber sprecht ihr so schüchtern, so feige von der Unbedeutsamkeit des Programms, dass natürlich, außer den Bolschewiki, viele noch glauben, ihr erkenntet das sozialdemokratische Programm Rußlands an, das auf dem II. Parteitag beschlossen worden ist. Wozu aber dieses Pharisäertum?

Hier sind wir nun unmittelbar an die Grundlage unserer Meinungsverschiedenheiten herangekommen. Ihr glaubt nicht an unser Programm und bestreitet seine Richtigkeit, wir dagegen gehen immer von ihm aus, bringen alle unsere Handlungen mit dem Programm in Einklang.

Wir glauben, dass die „vermögenden und einflussreichen Personen", wenn die Wahlagitation frei ist, nicht das ganze Volk bestechen und betrügen können. Denn wir werden ihrem Einfluss und ihrem Gold das sozialdemokratische wahre Wort entgegenstellen (und an dieser Wahrheit zweifeln wir, zum Unterschied von euch, nicht im geringsten) und dadurch die gaunerischen Machenschaften der Bourgeoisie schwächen. Ihr aber glaubt nicht daran und zerrt deshalb die Revolution zum Reformismus.

„Im Jahre 1848", fahren die „Kritiker" fort, „ließ die provisorische Regierung in Frankreich (wieder Frankreich!), an der sich auch Arbeiter beteiligten, eine Konstituierende Versammlung wählen, in die kein einziger Delegierter des Pariser Proletariats hineinkam." Da haben wir noch einmal ein volles Unverständnis für die sozialdemokratische Lehre und eine schablonenhafte Vorstellung von der Geschichte! Weshalb mit Phrasen um sich werfen? In Frankreich kam, obgleich Arbeiter an der provisorischen Regierung beteiligt waren, nichts heraus, und deshalb muss die Sozialdemokratie auch in Rußland auf die Beteiligung an ihr verzichten, denn auch hier werde nichts herauskommen, schließen die „Kritiker". Aber kommt es etwa auf die Beteiligung der Arbeiter an? Sagen wir etwa, dass ein Arbeiter, wer er auch sei und zu welcher Richtung er auch gehöre, sich an der provisorischen revolutionären Regierung beteiligen müsse? Nein, wir sind bis jetzt noch nicht eure Anhänger geworden und versehen nicht jeden Arbeiter mit dem Attest eines Sozialdemokraten. Die, an der französischen provisorischen Regierung beteiligten Arbeiter, aber Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei zu nennen, ist uns gar nicht eingefallen! Wozu diese unangebrachte Analogie! Ja, und wie kann man überhaupt das politische Bewusstsein des französischen Proletariats von 1848 mit dem politischen Bewusstsein des Proletariats Rußlands im gegenwärtigen Augenblick vergleichen? Ist denn das französische Proletariat der damaligen Zeit auch nur ein einziges Mal zu einer politischen Demonstration gegen die damalige Ordnung angetreten? Hat es jemals den 1. Mai unter dem Zeichen des Kampfes gegen die bürgerliche Ordnung gefeiert? War es in einer sozialdemokratischen Arbeiterpartei organisiert? Besaß es das Programm der Sozialdemokratie? Wir wissen, dass dies nicht der Fall war. Von alledem hatte das französische Proletariat nicht einmal eine Vorstellung. Es fragt sich, ob das französische Proletariat damals die Früchte der Revolution in demselben Maße ernten konnte, wie das Proletariat Rußlands sie heute ernten kann, jenes Proletariat, das längst in einer sozialdemokratischen Partei organisiert ist, ein durchaus bestimmtes sozialdemokratisches Programm besitzt und sich bewusst den Weg zu seinem Ziel bahnt. Jeder, der auch nur die mindeste Fähigkeit hat, reale Dinge zu begreifen, wird hierauf verneinend antworten. Und nur Menschen, die fähig sind, historische Tatsachen auswendig zu lernen, sich jedoch nicht ihren Ursprung nach Ort und Zeit zu erklären wissen, können diese beiden verschiedenen Größen einander gleichstellen.

„Notwendig ist", so lehren die „Kritiker" immer wieder, „Gewaltanwendung von Seiten des Volkes, permanente Revolution, nicht aber, dass man sich mit den Wahlen zufrieden gibt und nach Hause geht." Wieder eine Verleumdung! Wer hat euch, Verehrte, denn gesagt, dass wir uns mit den Wahlen zufrieden geben und nach Hause gehen? Nennt uns den Mann!

Unsere „Kritiker" regen sich weiter darüber auf, dass wir von der provisorischen revolutionären Regierung die Verwirklichung unseres Minimalprogramms verlangen, und rufen aus: „Das ist völlige Unkenntnis der Sachlage; die Sache ist die, dass die politischen und ökonomischen Forderungen unseres Programms nur mit Hilfe der Gesetzgebung verwirklicht werden können, die provisorische Regierung aber ist keine gesetzgebende Institution." Beim. Lesen dieser Staatsanwaltsrede gegen „gesetzwidrige Taten" beschleicht einen der Zweifel, ob diesen Artikel nicht irgendein liberaler Bourgeois, der vor der Legalität in Ehrfurcht erstirbt, dem „Sozialdemokrat" gewidmet hat. (Dieser Gedanke drängt sich umso mehr auf, als die Menschewiki in Nr. 5 des „Sozialdemokrat" von der ganzen Tifliser Bourgeoisie nur etwa zehn Kaufleute für Verräter an der „gemeinsamen Sache" erklärt haben Die übrigen sind offenbar ihre Anhänger und machen mit den Menschewiki „gemeinsame Sache". Kein Wunder also, wenn irgendeiner von diesen Anhängern der „gemeinsamen Sache" dem Organ seiner Kollegen einen „kritischen" Artikel gegen die unversöhnliche „Mehrheit" geschickt hat) Wie soll man jene bürgerliche Klugrederei, die provisorische revolutionäre Regierung habe nicht das Recht, die alten Gesetze aufzuheben und neue Gesetze einzuführen, anders erklären! Riecht denn dies Räsonnement nicht nach flachem Liberalismus? Und ist es nicht seltsam, sie aus dem Munde eines Revolutionärs zu hören? Alles dies erinnert doch an den Fall des zum Tode Verurteilten, dem der Kopf abgeschlagen werden sollte, und der darum bat, einen Pickel an seinem Hals nicht zu berühren, übrigens kann man den „Kritikern" alles verzeihen, die keinen Unterschied machen zwischen der provisorischen revolutionären Regierung und einem gewöhnlichen Ministerkabinett (auch sind sie hieran nicht schuld, ihre Lehrer, die Martynows und Akimows, haben sie dahin gebracht). Was ist ein Ministerkabinett? - Das Resultat des 'Bestehens einer ständigen Regierung. Und was ist eine provisorische revolutionäre Regierung? - Das Resultat der Vernichtung der ständigen Regierung. Das erstere vollzieht die geltenden Gesetze mit Hilfe des stehenden Heeres. Die zweite schafft die geltenden Gesetze ab und legalisiert an ihrer Stelle mit Hilfe des aufständischen Volkes den Willen der Revolution. Was haben beide miteinander gemein?

Nehmen wir an, die Revolution habe triumphiert und das siegreiche Volk habe eine provisorische revolutionäre Regierung gebildet. Es taucht die Frage auf, was diese Regierung tun soll, wenn sie nicht das Recht hat, Gesetze aufzuheben und neue zu erlassen. Auf die Konstituierende Versammlung warten? Aber die Einberufung dieser Versammlung erfordert doch gleichfalls den Erlass neuer Gesetze, z. B. eines allgemeinen, direkten usw. Wahlrechts, der Freiheit des Worts, der Presse, der Versammlungen usw. Alles dies aber gehört zu unserem Minimalprogramm. Und wenn die provisorische revolutionäre Regierung es nicht verwirklichen kann, wovon wird sie sich dann bei der Einberufung der Konstituierenden Versammlung leiten lassen? Etwa von dem Programm, das Bulygin[Anmerkung 42] abgefasst und Nikolaus II. gebilligt hat?

Nehmen wir weiter an, das siegreiche Volk, das zahllose Opfer gebracht hat, weil es an Waffen fehlte, verlange von der provisorischen revolutionären Regierung zwecks Bekämpfung der Konterrevolution die Abschaffung des stehenden Heeres und die Bewaffnung des Volkes. Zu dieser Zeit treten die Menschewiki mit der Predigt auf: Abschaffung des stehenden Heeres und Bewaffnung des Volkes seien nicht Sache dieser Behörde (der provisorischen revolutionären Regierung), sondern einer anderen - der Konstituierenden Versammlung -, appelliert an sie, verlangt keine gesetzwidrigen Akte usw.. Schöne Ratgeber, nichts zu sagen!

Sehen wir jetzt zu, mit welcher Begründung die Menschewiki der provisorischen revolutionären Regierung die „Rechtsfähigkeit" absprechen. Erstens mit der Begründung, dass sie keine legislative Institution sei, und zweitens würde dann die Konstituierende Versammlung nichts zu tun haben. Bis zu einer derartigen Schande versteigen sich diese politischen Säuglinge! Sie wissen nicht einmal, wie sich herausstellt, dass eine siegreiche Revolution und ihr Willensverkünder - die provisorische revolutionäre Regierung - bis zur Bildung einer ständigen Regierung die Herren der Lage sind und folglich Gesetze aufheben und neu erlassen können! Wäre dem anders, hätte die provisorische revolutionäre Regierung diese Rechte nicht, so hätte ihre Existenz überhaupt keinen Sinn und das aufständische Volk würde ein solches Organ nicht schaffen. Sonderbar, dass die Menschewiki das Abc der Revolution vergessen haben.

Die Menschewiki fragen: Was soll denn die Konstituierende Versammlung tun, wenn die provisorische revolutionäre Regierung unser Minimalprogramm verwirklicht hat? Ihr befürchtet, Verehrte, das sie dann arbeitslos sein wird. Habt keine Angst, sie wird genug zu tun haben. Sie wird die Veränderungen sanktionieren, die die provisorische revolutionäre Regierung mit Hilfe des aufständischen Volkes vorgenommen haben wird, sie wird eine Staatsverfassung ausarbeiten, von der unser Minimalprogramm nur einen Bestandteil bilden wird. Das werden wir von der Konstituierenden Versammlung verlangen!

„Sie (die Bolschewiki) können sich keine Spaltung zwischen der Kleinbourgeoisie selbst und den Arbeitern vorstellen, eine Spaltung, die sich auch auf die Wahlen auswirkt, und folglich wird die provisorische Regierung die Arbeiterwähler zugunsten ihrer Klasse unterdrücken wollen", schreiben die „Kritiker". Verstehe diese Weisheit, wer da kann! Was heißt das, „die provisorische Regierung wird die Arbeiterwähler zugunsten ihrer Klasse unterdrücken wollen"!!? Von was für einer provisorischen Regierung sprechen sie, mit was für Windmühlen kämpfen diese Don Quichottes? Hat denn etwa irgendjemand gesagt, die Kleinbourgeoisie werde, wenn sie die provisorische revolutionäre Regierung allein beherrscht, dennoch die Interessen der Arbeiter verteidigen? Wozu drängt man seine eigene Denkunfähigkeit anderen auf? Wir sagen, dass zusammen mit den Vertretern der Demokratie unter bestimmten Bedingungen auch die Beteiligung unserer sozialdemokratischen Delegierten an der provisorischen revolutionären Regierung zulässig ist. Ist dies der Fall, handelt es sich um eine provisorische revolutionäre Regierung, der auch Sozialdemokraten angehören, wieso wird sie dann ihrer Zusammensetzung nach kleinbürgerlich sein? Wir dagegen gründen unsere Argumente hinsichtlich einer Beteiligung an der provisorischen revolutionären Regierung auf die Tatsache, dass die Verwirklichung unseres Minimalprogramms den Interessen der Demokratie - der Bauernschaft und der städtischen Kleinbourgeoisie (die ihr Menschewiki in eure Partei einladet) - im wesentlichen nicht widerspricht, und deshalb halten wir es für möglich, es gemeinsam mit ihr durchzuführen. Wenn aber die Demokratie die Durchführung einiger Punkte des Minimalprogramms verhindert, so werden unsere Delegierten, von der Straße her durch ihre Wähler, das Proletariat, unterstützt, sich bemühen, dieses Programm mit Machtmitteln durchzuführen, falls es solche gibt (gibt es diese Machtmittel nicht, so werden wir nicht in die provisorische Regierung eintreten, und man wird uns auch gar nicht in sie hinein wählen). Wie man sieht, muss die Sozialdemokratie in die provisorische revolutionäre Regierung eben zu dem Zweck eintreten, dort die sozialdemokratischen Ansichten zu verteidigen, d.h. es nicht zuzulassen, dass andere Klassen den Interessen des Proletariats Abbruch tun.

Die Vertreter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands in der provisorischen revolutionären Regierung werden nicht dem Proletariat den Kampf ansagen, wie das den Menschewiki infolge ihrer Denkunfähigkeit scheinen mag, sondern gemeinsam mit dem Proletariat den Feinden des Proletariats. Aber was liegt euch, Menschewiki, an alledem, was liegt euch an der Revolution und ihrer provisorischen Regierung! Euer Platz ist dort, in der „Rei[chsduma"]... (Hier bricht das Manuskript ab. Die Red.)

Der erste Abschnitt dieses Artikels wurde in der Zeitung „Proletariates "Brdsola" [„Der Kampf des Proletariats") Nr. 11 vom 15. August 1905 veröffentlicht. Der zweite Abschnitt wird hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Artikel ohne Unterschrift.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Antwort an den „Sozialdemokrat“

[Anmerkung 43]

Vor allem muss ich mich beim Leser dafür entschuldigen, dass ich mich mit der Antwort verspätet habe. Nichts zu machen: die Umstände haben mich genötigt, auf einem anderen Gebiet zu arbeiten, und ich war gezwungen, die Antwort eine Zeitlang zu verschieben; ihr wisst selber, dass wir nicht über uns verfügen. Ich muss noch folgendes bemerken: Für den Verfasser der Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei" halten viele das Bundeskomitee, und nicht eine einzelne Person. Ich muss erklären, dass ich der Verfasser dieser Broschüre bin. Das Bundeskomitee hat sie nur redigiert. Jetzt aber zur Sache.

Der Gegner beschuldigt mich, „den Gegenstand des Streits nicht zu sehen", „die Fragen zu verwischen" (Siehe „Antwort an das Bundeskomitee",[Anmerkung 44] S. 4), „strittig" seien „Organisationfragen, und nicht Programmfragen" (S. 2).

Es genügt etwas Beobachtungsgabe, um die Heuchelei in diesen Behauptungen des Autors festzustellen. Die Sache ist die, dass meine Broschüre die Antwort ist auf die erste Nummer des „Sozialdemokrat", die Broschüre war schon in Druck gegeben, als die zweite Nummer des „Sozialdemokrat" erschien. Was sagt der Autor in Nr. l? Nur, dass die „Mehrheit" sich angeblich auf dem Wege des Idealismus befinde und ihr Standpunkt dem Marxismus „von Grund aus widerspricht". Hier wird kein Ton über Organisationsfragen gesagt. Was musste ich antworten? Nur das, was ich geantwortet habe, und zwar: die „Mehrheit" steht auf dem Standpunkt des wahren Marxismus, und wenn die „Minderheit" dies nicht begriffen hat, so bedeutet das, dass sie selbst vom wahren Marxismus abgerückt ist. So wäre jeder vorgegangen, der in der Polemik auch nur ein wenig mit Verstand zu Werke geht. Der Autor aber kommt immer wieder mit der Frage: Warum berührst du die Organisationsfragen nicht? Ich berühre sie deshalb nicht, verehrter Philosoph, weil Sie damals über diese Fragen kein einziges Wort verloren haben. Man kann doch nicht auf Fragen antworten, von denen noch nicht die Rede war. Es ist klar, dass die „Verwischung der Fragen", die „Verschweigung des Streitgegenstands" u. dgl. m. Erfindungen des Autors sind. Im Gegenteil, ich habe Anlass, ihn selbst der Verschweigung einiger Fragen zu verdächtigen. Er sagt, „strittig" seien „Organisationsfragen", während zwischen uns auch taktische Meinungsverschiedenheiten bestehen, die von viel größerer Bedeutung sind als die organisatorischen Meinungsverschiedenheiten. Unser „Kritiker" jedoch hat in seiner Broschüre kein Wort über diese Meinungsverschiedenheiten gesagt. Eben das heißt „Verwischung der Fragen". Wovon wird in meiner Broschüre gesprochen?

Das moderne gesellschaftliche Leben ist kapitalistisch eingerichtet. Hier existieren zwei große Klassen: die Bourgeoisie und das Proletariat, und zwischen ihnen wird ein Kampf auf Leben und Tod geführt. Die Lebensbedingungen der Bourgeoisie zwingen sie, die kapitalistischen Zustände zu festigen. Die Lebensbedingungen des Proletariats dagegen zwingen es, die kapitalistischen Zustände zu untergraben, sie aus der Welt zu schaffen. Entsprechend diesen beiden Klassen wird auch ein zweifaches Bewusstsein herausgearbeitet: das bürgerliche und das sozialistische. Der Lage des Proletariats entspricht das sozialistische Bewusstsein. Deshalb nimmt das Proletariat dieses Bewusstsein auf, eignet es sich an und bekämpft die kapitalistische Ordnung mit verdoppelter Kraft. Man braucht gar nicht davon zu reden, dass es, wenn es keinen Kapitalismus und keinen Klassenkampf gäbe, auch kein sozialistisches Bewusstsein gäbe. Jetzt aber besteht die Frage darin, wer dieses sozialistische Bewusstsein (d.h. den wissenschaftlichen Sozialismus) herausarbeitet, wer die Möglichkeit hat, es herauszuarbeiten. Kautsky sagt, und ich wiederhole seinen Gedanken, dass die Masse der Proletarier, solange sie Proletarier bleiben, weder die Zeit noch die Möglichkeit hat, das sozialistische Bewusstsein herauszuarbeiten. „Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht" (Siehe den Artikel K. Kautskys, der in „Was tun?", S. 27 [deutsche Neuausgabe S. 72], angeführt ist.), sagt Kautsky. Die Träger der Wissenschaft aber sind Intellektuelle, darunter z. B. Marx, Engels u. a., die sowohl die Zeit als auch die Möglichkeit haben, an die Spitze der Wissenschaft zu treten und das sozialistische Bewusstsein herauszuarbeiten. Es ist klar, dass die Herausarbeitung des sozialistischen Bewusstseins die Sache einiger weniger sozialdemokratischer Intellektueller ist, die hierzu sowohl die Zeit als auch die Möglichkeiten haben.

Welche Bedeutung aber hat das sozialistische Bewusstsein an sich, wenn es nicht im Proletariat Verbreitung findet? Es bleibt eine leere Phrase, und weiter nichts! Eine ganz andere Wendung nimmt die Sache, wenn dieses Bewusstsein im Proletariat Verbreitung findet: das Proletariat wird sich seiner Lage bewusst und strebt mit beschleunigten Schritten zum sozialistischen Leben. Hier tritt nun die Sozialdemokratie auf (und nicht nur sozialdemokratische Intellektuelle), die das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung hineinträgt. Eben dies hat Kautsky im Auge, wenn er sagt: „Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes“. (Ebenda)

Somit wird das sozialistische Bewusstsein von einigen wenigen sozialdemokratischen Intellektuellen herausgearbeitet. In die Arbeiterbewegung hineingetragen aber wird dieses Bewusstsein von der ganzen Sozialdemokratie, die dem spontanen Kampf des Proletariats einen bewussten Charakter verleiht. Hiervon ist in meiner Broschüre die Rede. Das ist der Standpunkt des Marxismus und zugleich auch der „Mehrheit". Was führt mein Gegner hiergegen ins Feld?

Eigentlich nichts Wesentliches. Ihn beschäftigt mehr das Schimpfen als die Klarstellung der Frage. So sehr scheint er böse geworden zu sein! Er wagt es nicht, die Fragen offen zu stellen, er gibt auf sie keine direkte Antwort, sondern sucht, wie ein feiger „Kämpe", dem Gegenstand des Streits auszuweichen, und verkleistert heuchlerisch die klar gestellten Fragen, wobei er überdies allen versichert, er habe mit einem Federstrich alle Fragen geklärt! So stellt z. B. der Autor überhaupt nicht die Frage der Herausarbeitung des sozialistischen Bewusstseins, er kann sich nicht entschließen, direkt zu sagen, wem er sich in dieser Frage anschließt: Kautsky oder den „Ökonomisten". Allerdings hat unser „Kritiker" in Nr. l des „Sozialdemokrat" ziemlich kühne Erklärungen abgegeben, damals sprach er direkt die Sprache der „Ökonomisten". Aber was ist da zu machen? Damals, das war eins, und jetzt ist er in „anderer Stimmung", und anstatt zu kritisieren, umgeht er diese Frage, vielleicht deshalb, weil er sich von seinem Irrtum überzeugt hat, nur kann er sich nicht entschließen, diesen Irrtum offen zuzugeben. Überhaupt ist unser Autor zwischen zwei Feuer geraten. Er kommt mit sich selbst durchaus nicht darüber ins reine, wem er sich anschließen soll. Schließt er sich den „Ökonomisten" an, so muss er mit Kautsky und dem Marxismus brechen, und das ist für ihn nicht vorteilhaft; bricht er dagegen mit dem „Ökonomismus" und schließt sich Kautsky an, so muss er unbedingt unterschreiben, was die „Mehrheit" sagt, - dazu aber fehlt ihm die Courage. So bleibt er also zwischen zwei Feuern sitzen. Was blieb unserem „Kritiker" auch zu tun übrig? Hier schweigt man besser, entschied er, und wirklich umgeht er feige die oben gestellte Frage.

Was sagt der Autor von der Hineintragung des Bewusstseins? Auch hier zeigt er die gleiche Schwankung und Feigheit. Er schiebt eine andere Frage unter und erklärt mit großem Aplomb, Kautsky sage überhaupt nicht, dass „die Intelligenz den Sozialismus von außen in die Arbeiterklasse hineinträgt" (S. 7).

Sehr wohl, aber auch wir Bolschewiki haben das ja nicht gesagt, mein Herr „Kritiker", weswegen mussten Sie gegen Windmühlen kämpfen? Wieso können Sie nicht begreifen, dass unserer Meinung nach, der Meinung der Bolschewiki nach, das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung von der Sozialdemokratie hineingetragen wird (Siehe „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei", S. 18 (Siehe vorliegenden Band. Die Red.)), und nicht nur von sozialdemokratischen Intellektuellen? Weshalb glauben Sie, dass es nur Intellektuelle in der sozialdemokratischen Partei gibt? Wissen Sie denn etwa nicht, dass es in den Reihen der Sozialdemokratie bedeutend mehr fortgeschrittene Arbeiter gibt als Intellektuelle? Können denn etwa die sozialdemokratischen Arbeiter nicht das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung hineintragen?

Der Autor fühlt offenbar selbst, dass dieser sein „Beweis" nicht überzeugend ist, und geht zu einem anderen „Beweis" über. „Kautsky schreibt", fährt unser „Kritiker" fort: „So entstehen naturnotwendig zugleich mit dem Proletariat sozialistische Tendenzen bei den Proletariern selbst wie bei jenen, die sich auf den Standpunkt des Proletariats stellen... Das erklärt ... das Aufkommen der sozialistischen 'Bestrebungen.' Daher ist es klar", so kommentiert unser „Kritiker", „dass der Sozialismus nicht von außen in das Proletariat hineingetragen wird, sondern im Gegenteil aus dem Proletariat hervorgeht und in die Köpfe derjenigen eingeht, die sich die Anschauungen des Proletariats zu eigen machen." („Antwort an das Bundeskomitee", S. 8.)

So schreibt unser „Kritiker" und bildet sich ein, er habe die Frage geklärt! Was bedeuten Kautskys Worte? Nur dies, dass sozialistische 'Bestrebungen im Proletariat von selbst entstehen. Und das ist natürlich richtig. Wir aber streiten ja nicht über sozialistische Bestrebungen, sondern über das sozialistische 'Bewusstsein! Was gibt es Gemeinsames zwischen diesem und jenen? Sind etwa Bestrebungen und Bewusstsein ein und dasselbe? Sollte der Autor nicht die „sozialistische Tendenz" von dem „sozialistischen Bewusstsein" unterscheiden können? Und ist es etwa keine Geistesarmut, wenn er aus Kautskys Worten schließt, dass der „Sozialismus nicht von außen hineingetragen" werde? Was gibt es Gemeinsames zwischen der „Entstehung der sozialistischen Tendenz" und der Hineintragung des sozialistischen Bewusstseins? Sagt denn nicht der gleiche Kautsky, dass „das sozialistische Bewusstsein etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes" ist (siehe „Was tun?", S. 27 [deutsche Neuausgabe S. 72])?

Der Autor fühlt offenbar, dass er in eine schiefe Lage geraten ist, und muss zum Schluss hinzufügen: „Aus Kautskys Zitat geht wirklich hervor, dass das sozialistische Bewusstsein in den Klassenkampf von außen hineingetragen wird" (siehe „Antwort an das Bundeskomitee", S. 7). Aber er kann sich dennoch nicht entschließen, diese wissenschaftliche Wahrheit direkt und mutig zuzugeben. Unser Menschewik zeigt auch hier die gleiche Schwankung und Feigheit gegenüber der Logik wie früher. Eine solche zweideutige „Antwort" gibt der Herr „Kritiker" auf die beiden Hauptfragen.

Was aber kann man über die übrigen kleinen Fragen sagen, die sich aus diesen großen Fragen von selbst ergeben? Es wird am besten sein, wenn der Leser selbst meine Broschüre mit der Broschüre unseres Autors vergleicht. Nur eine Frage muss noch berührt werden. Wollte man dem Autor glauben, so ergäbe sich, dass unserer Meinung nach „die Spaltung erfolgte, weil der Parteitag ... Axelrod, Sassulitsch und Starowjer nicht zu Redakteuren gewählt hat..." („Antwort", S. 13), dass wir damit die „Spaltung leugnen, ihre prinzipielle Tiefe verbergen und die ganze Opposition hinstellen als eine Angelegenheit von drei ‚rebellierenden’ Redakteuren" (siehe ebenda S. 16).

Hier verwirrt der Autor die Frage abermals. Die Sache ist die, dass hier zwei Fragen aufgeworfen werden: die Ursache der Spaltung und die Erscheinungsform der Meinungsverschiedenheiten. Auf die erste Frage erwidere ich direkt: „Jetzt ist es klar, auf welchem Boden die Meinungsverschiedenheiten in der Partei entstanden sind. Wie man sieht, sind in unserer Partei zwei Tendenzen zum Vorschein gekommen: die Tendenz der proletarischen Standhaftigkeit und die Tendenz der intelligenzlerischen Wankelmütigkeit. Zum Ausdruck gebracht wird diese intelligenzlerische Wankelmütigkeit eben durch die jetzige Minderheit'" (siehe „Kurze Darlegung", S.46) (Siehe vorliegender Band) Wie man sieht, erkläre ich hier die Meinungsverschiedenheiten mit dem Vorhandensein einer intelligenzlerischen und proletarischen Tendenz in unserer Partei, nicht aber mit der Haltung Martows und Axelrods. Die Haltung Martows und der anderen ist nur ein Ausdruck der intelligenzlerischen Wankelmütigkeit. Unser Menschewik aber hat diese Stelle in meiner Broschüre offenbar nicht begriffen.

Was die zweite Frage anbelangt, so habe ich wirklich gesagt und werde stets sagen, dass die Führer der „Minderheit" Tränen vergossen haben wegen der „ersten Sitze" und dass sie dem Parteikampf gerade diese Form verliehen haben. Unser Autor will das nicht zugeben. Es ist jedoch Tatsache, dass die Führer der „Minderheit" der Partei den Boykott erklärt haben, dass sie offen Sitze im Zentralkomitee, im Zentralorgan, im Parteirat gefordert und überdies erklärt haben: „Wir stellen diese Bedingungen, die allein der Partei die Möglichkeit sichern, einen Konflikt zu vermeiden, der die ganze Existenz der Partei bedroht" (siehe „Kommentar", S. 26). Was heißt dies anders, als dass die Führer der „Minderheit" nicht den ideologischen Kampf, sondern einen „Kampf um der Sitze willen" auf ihre Fahnen geschrieben haben? Bekanntlich hat niemand sie gehindert, einen Kampf um Ideen und Prinzipien zu führen. Haben ihnen etwa die Bolschewiki nicht gesagt: Schafft ein besonderes Organ und verteidigt eure Ansichten, die Partei kann euch ein solches Organ zur Verfügung stellen (siehe „Kommentar")? Warum haben sie sich nicht einverstanden erklärt, wenn sie wirklich Prinzipien, und nicht die „ersten Sitze" interessierten? Alles dies heißt bei uns politische Charakterlosigkeit der menschewistischen Führer. Seid nicht beleidigt, meine Herrschaften, wenn wir die Dinge bei ihrem Namen nennen.

Die Führer der „Minderheit" waren früher mit dem Marxismus und mit Lenin einverstanden in der Frage, dass das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung von außen hineingetragen wird. (Siehe den Programmartikel der „Iskra" Nr. 1.) Danach aber begannen sie zu schwanken und eröffneten einen Kampf gegen Lenin, verbrannten, was sie gestern angebetet hatten. Ich nannte dies: sich von einer Seite auf die andere werfen. Seid auch deswegen nicht beleidigt, ihr Herren Menschewiki!

Gestern noch habt ihr die Zentren angebetet und gegen uns Blitz und Donner geschleudert - weshalb habt ihr, hieß es, dem Zentralkomitee das Misstrauen ausgesprochen. Heute aber untergrabt ihr nicht nur die Zentren, sondern auch den Zentralismus (siehe die „Erste allrussische Konferenz"). Ich nenne das Prinzipienlosigkeit und hoffe, dass ihr, Herren Menschewiki, auch hierfür mir nicht zürnen werdet.

Nimmt man solche Züge zusammen, wie politische Charakterlosigkeit, Kampf um der Sitze willen, Unstandhaftigkeit, Prinzipienlosigkeit und andere derartige Eigenschaften, so erhalten wir eine gewisse allgemeine Eigenschaft - intelligenzlerische Wankelmütigkeit, an der vor allem Intellektuelle leiden. Es ist klar, dass intelligenzlerische Wankelmütigkeit der Boden (die Basis) ist, auf der der „Kampf um der Sitze willen", „Prinzipienlosigkeit"' und dergleichen mehr entsteht. Die Unstandhaftigkeit der Intellektuellen aber ist bedingt durch ihre gesellschaftliche Lage. So erklären wir die Parteispaltung. Haben Sie, unser Autor, endlich begriffen, was für ein Unterschied besteht zwischen der Ursache der Spaltung und ihren Formen? Ich bezweifle das.

Einen solchen unsinnigen und zweideutigen Standpunkt also nehmen der „Sozialdemokrat" und sein sonderbarer „Kritiker" ein. Dafür zeigt dieser „Kritiker'' großen Eifer auf einem anderen Gebiet. In seiner acht Bogen starken Broschüre hat dieser Autor es fertig gebracht, achtmal über die Bolschewiki zu lügen, und dazu noch so, dass es einfach zum Lachen ist. Ihr glaubt es nicht? Hier die Tatsachen.

Die erste Lüge. Nach der Meinung des Autors „will Lenin die Partei einengen, sie zu einer engen Organisation von Berufsrevolutionären machen" (S. 2). Lenin aber sagt: „Man darf nicht glauben, dass die Parteiorganisationen nur aus Berufsrevolutionären bestehen sollen. Wir brauchen die mannigfaltigsten Organisationen aller Arten, Ränge und Schattierungen, von außerordentlich engen und konspirativen bis zu sehr breiten und losen" („Protokoll", S. 240).

Die zweite Lüge. Nach den Worten des Autors will Lenin „nur Komiteemitglieder in die Partei aufnehmen" (S. 2). Lenin aber sagt: „Alle Gruppen, Zirkel Unterkomitees usw. müssen als Komiteeinstitutionen oder Filialen des Komitees behandelt werden. Die einen von ihnen werden direkt den Wunsch äußern, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands beizutreten, und, die Bestätigung durch das Komitee vorausgesetzt, aufgenommen werden". (siehe „Brief an einen Genossen", S. l7) (Wie man sieht, können, nach Lenins Meinung, Organisationen nicht nur durch das Zentralkomitee, sondern auch durch Ortskomitees in die Partei aufgenommen werden.)[Anmerkung 45] Die dritte Lüge. Nach der Meinung des Autors „verlangt Lenin die Aufrichtung der Herrschaft der Intellektuellen in der Partei" (S. 5). Lenin aber sagt: „Dem Komitee müssen... nach Möglichkeit alle bedeutenden Führer der Arbeiterbewegung aus der Mitte der Arbeiterschaft selbst angehören" (siehe „Brief an einen Genossen", S. 7-8); d. h. nicht nur in allen anderen Organisationen, sondern auch im Komitee müssen die Stimmen der fortgeschrittenen Arbeiter überwiegen.

Die vierte Lüge. Der Autor sagt, dass das auf S. 12 meiner Broschüre angeführte Zitat: „Die Arbeiterklasse neigt spontan zum Sozialismus hin" usw. „voll und ganz aus der Luft gegriffen" sei (S. 6). Indes habe ich diese Stelle einfach aus „Was tun?" entnommen und übersetzt. Hören wir, was dort auf S. 29 gesagt wird: „Die Arbeiterklasse fühlt sich spontan zum Sozialismus hingezogen, aber die am weitesten verbreitete (und in den mannigfaltigsten Formen ständig wiederauferstehende) bürgerliche Ideologie drängt sich trotzdem spontan dem Arbeiter am meisten auf." Eben diese Stelle hatte ich auf S. 12 meiner Broschüre übersetzt. Das nennt nun unser „Kritiker“ ein aus der Luft gegriffenes Zitat! Ich weiß nicht, worauf das zurückzuführen ist, auf die Zerstreutheit des Autors oder auf seine Scharlatanerie.

Die fünfte Lüge. Nach der Meinung des Autors „sagt Lenin nirgends, dass die Arbeiter mit Naturnotwendigkeit' zum Sozialismus schreiten" (S. 7). Lenin aber sagt, dass „die Arbeiterklasse sich spontan zum Sozialismus hingezogen fühlt" („Was tun?", S. 29 [deutsche Neuausgabe S. 75, Fußnote).

Die sechste Lüge. Der Autor schreibt mir den Gedanken zu, meiner Meinung nach werde, der Sozialismus von außen her durch die Intelligenz in die Arbeiteiterklasse hineingetragen" (S. 7). Während ich sage, dass die Sozialdemokratie (und nicht nur sozialdemokratische Intellektuelle) in die Bewegung sozialistisches Bewusstsein hineintrage (S. 18).

Die siebte Lüge. Nach der Meinung des Autors sagt Lenin, die sozialistische Ideologie sei „ganz unabhängig von der Arbeiterbewegung" entstanden (S. 9). Lenin aber ist ein solcher Gedanke zweifellos gar nicht in den Kopf gekommenen. Er sagt, dass die sozialistische Ideologie „ganz unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung" entstanden ist (Was tun?", S. 21 [deutsche Neuausgabe S. 63]).

Die achte Lüge. Der Autor sagt, dass meine Worte, wonach „Plechanow die ‚Minderheit’ verlässt, - Klatscherei" seien. Indes haben sich meine Worte bestätigt. Plechanow hat die „Minderheit" bereits verlassen. (Und dieser Autor erdreistet sich, uns in Nr. 5 des „Sozialdemokrat" vorzuwerfen, wir entstellen die Tatsachen, die den III. Parteitag betreffen) Ich erwähne gar nicht erst die kleinen Lügen, mit denen der Autor seine Broschüre so freigebig gewürzt hat.

Aber eine einzige Wahrheit hat der Autor, wie man zugeben muss, dennoch gesagt. Er sagt uns: „Wenn irgendeine Organisation sich mit Klatschereien zu befassen beginnt, so sind ihre Tage gezählt" (S. 15). Das ist selbstverständlich die reinste Wahrheit. Die Frage ist bloß die, wer klatscht: der „Sozialdemokrat" samt seinem seltsamen Ritter oder das Bundeskomitee? Darüber wird der Leser urteilen.

Noch eine Frage, und wir sind am Ende. Der Autor erklärt mit größter Wichtigkeit: „Das Bundeskomitee wirft uns vor, dass wir Plechanows Gedanken wiederholen. Wir halten es für einen Vorzug, Plechanow, Kautsky und andere so bekannte Marxisten zu wiederholen" (S. 15). Ihr haltet es also für einen Vorzug, Plechanow und Kautsky zu wiederholen. Sehr wohl, meine Herrschaften. So hört denn:

Kautsky sagt: „Das sozialistische Bewusstsein ist... etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes" (siehe das Kautskyzitat in „Was tun?", S. 27 [deutsche Neuausgabe S. 72]). Der gleiche Kautsky sagt, „dass es zu den Aufgaben der Sozialdemokratie gehöre, das Proletariat mit dem Bewusstsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen" (siehe ebenda). Wir hoffen, dass Sie, mein Herr Menschewik, diese Worte Kautskys wiederholen und unsere Zweifel zerstreuen werden.

Gehen wir zu Plechanow über. Plechanow sagt: „...Ich verstehe ferner nicht, weshalb man glaubt, dass das Projekt Lenins (Es handelt sich um die Formulierung von § l des Parteistatuts durch Lenin und Martow), einmal angenommen, die Tore unserer Partei vielen Arbeitern verschließen würde. Die Arbeiter, die in die Partei eintreten wollen, werden sich nicht fürchten, einer Organisation beizutreten. Sie haben keine Angst vor der Disziplin. Ihr beizutreten werden sich viele Intellektuelle fürchten, die durch und durch von bürgerlichem Individualismus durchdrungen sind. Aber das ist gerade gut. Diese bürgerlichen Individualisten sind gewöhnlich auch Vertreter des Opportunismus jeder Art. Wir müssen sie von uns fernhalten. Lenins Projekt kann als ein Bollwerk gegen ihren Einbruch in die Partei dienen, und schon allein deswegen müssen alle Gegner des Opportunismus für dies Projekt stimmen." (Sieh das .Protokoll", S. 246.)

Wir hoffen, dass Sie, mein Herr „Kritiker", die Maske abwerfen und mit proletarischer Geradheit diese Worte Plechanows wiederholen werden. Tun Sie dies nicht, so wird dies bedeuten, dass Ihre Erklärungen in der Presse unüberlegt und verantwortungslos sind.

„Proletariatis Brdsola" („Der Kampf des Proletariats") Nr. 11.

15. August 1905.

Artikel ohne Unterschrift. Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Die Reaktion verstärkt sich

Schwarze Wolken ballen sich über uns zusammen. Die morsche Selbstherrschaft erhebt das Haupt und waffnet sich „mit Feuer und Schwert". Die Reaktion marschiert! Man spreche uns nicht von den zaristischen „Reformen", die berufen sind, die niederträchtige Selbstherrschaft zu festigen: die „Reformen" sind eine Maskierung der nämlichen Kugeln und Peitschen, mit denen uns die vertierte Zarenregierung so freigebig bewirtet.

Es gab eine Zeit, wo die Regierung von Blutvergießen innerhalb des Landes absah. Damals führte sie Krieg gegen den „äußeren Feind" und brauchte „innere Ruhe". Deshalb übte sie auch in gewissem Maße „Nachsicht" gegenüber den „inneren Feinden" und sah der um sich greifenden Bewegung „durch die Finger".

Jetzt sind andere Zeiten gekommen. Durch das Gespenst der Revolution erschreckt, hat sich die Zarenregierung beeilt, mit dem „äußeren Feind", mit Japan, Frieden zu schließen, um Kräfte zu sammeln und mit dem „inneren Feind" „gründlich" abzurechnen. Und nun begann die Reaktion. Schon früher deckte sie in den „Moskowskije Wjedomosti"[Anmerkung 46] ihre „Pläne" auf. Die Regierung ... „musste nebeneinander zwei Kriege führen...", schrieb diese reaktionäre Zeitung, „einen äußeren Krieg und einen inneren Krieg. Wenn sie beide nicht mit der genügenden Energie geführt hat..., so lässt sich dies teilweise dadurch erklären, dass der eine Krieg den anderen behinderte... Wenn jetzt der Krieg im Fernen Osten aufhört...", so erhalte die Regierung „...endlich freie Hand, um auch den inneren Krieg siegreich zu beendigen ... und ohne alle Verhandlungen ... die inneren Feinde ... niederzuschlagen..." „Mit der Beendigung des Krieges wird die ganze Aufmerksamkeit Rußlands (lies: der Regierung) auf sein inneres Leben, und zwar hauptsächlich auf die Unterdrückung der Wirren konzentriert werden“ (Siehe „Moskowskije Wjedomosti" vom 18. August.) Das also waren die „Pläne" der Zarenregierung beim Abschluss des Friedens mit Japan.

Später, nach dem Friedensschluss, wiederholte sie die gleichen „Pläne" durch den Mund ihres Ministers, der da sagte: „Wir werden die extremen Parteien Rußlands in Blut ertränken." Vermittels ihrer Statthalter und Generalgouverneure setzt sie die erwähnten „Pläne" bereits in die Tat um: nicht umsonst hat sie Rußland in ein Heerlager verwandelt, nicht umsonst hat sie die Zentren der Bewegung mit Kosaken und Soldaten überschwemmt und die Maschinengewehre gegen das Proletariat gerichtet - man könnte meinen, dass die Regierung sich anschicke, das unermessliche Rußland ein zweites Mal zu erobern!

Wie man sieht, erklärt die Regierung der Revolution den Krieg, und die ersten Schläge richtet sie gegen ihren Vortrupp - das Proletariat. So sind ihre Drohungen an die Adresse der „extremen Parteien" zu verstehen. Natürlich wird sie auch die Bauernschaft nicht „zu kurz kommen lassen" und sie freigebig mit Peitschen und Kugeln bewirten - wenn sie sich als „ungenügend vernünftig" erweisen und ein menschliches Leben fordern wird -, vorläufig aber bemüht sich die Regierung, sie zu betrügen: sie verspricht ihr Grund und Boden und lädt sie in die Duma ein, wobei sie für die Zukunft „alle möglichen Freiheiten" ausmalt.

Was das „solidere Publikum" anbelangt, so wird die Regierung mit ihm natürlich „etwas delikater" umgehen und sich bemühen, ein Bündnis mit ihm zu schließen: denn dazu existiert doch eigentlich die Reichsduma. Man braucht gar nicht davon zu reden, dass die Herren liberalen Bourgeois „Abmachungen" nicht ablehnen werden. Schon am 5. August erklärten sie durch den Mund ihres Führers, sie seien entzückt über die zaristischen Reformen: „...es müssen alle Anstrengungen aufgeboten werden, damit Rußland ... nicht den revolutionären Weg Frankreichs beschreitet" (siehe die „Russkije Wjedomosti"[Anmerkung 47] vom 5. August, Artikel Winogradows). Man braucht gar nicht davon zu reden, dass die tückischen Liberalen eher die Revolution verraten werden als Nikolaus II. Das hat ihr letzter Kongress zur Genüge gezeigt... Kurzum, die Zarenregierung bietet alle Kräfte auf, um die Volksrevolution zu unterdrücken.

Kugeln für das Proletariat, verlogene Versprechungen für die Bauernschaft und „Rechte" für die Großbourgeoisie - mit solchen Mitteln bewaffnet sich die Reaktion. Entweder den Tod - oder die Niederwerfung der Revolution - das ist heute die Losung der Selbstherrschaft.

Auf der anderen Seite schlummern auch die Kräfte der Revolution nicht, sondern setzen ihr großes Werk fort. Die durch den Krieg verschärfte Krise und die häufiger gewordenen politischen Streiks haben das ganze Proletariat Rußlands aufgerüttelt und es der zaristischen Selbstherrschaft von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt. Der Ausnahmezustand hat das Proletariat nicht nur nicht eingeschüchtert - im Gegenteil, er hat Öl ins Feuer gegossen und die Situation noch mehr verschlimmert. Wer die zahllosen Rufe der Proletarier: „Nieder mit der Zarenregierung, nieder mit der zaristischen Duma!" gehört hat, wer aufmerksam auf den Pulsschlag der Arbeiterklasse gelauscht hat, für den kann es keinen Zweifel geben, dass der revolutionäre Geist des Proletariats, als des Führers der Revolution, einen immer größeren Aufschwung nehmen wird. Was nun die Bauern anbelangt, so haben schon die Einziehungen für den Krieg sie gegen die bestehende Ordnung aufgebracht, die nämlichen Einziehungen, die ihre Heimstätten zerstört und der Familie die besten Arbeitskräfte geraubt haben. Zieht man nun noch in Betracht, dass hierzu die Hungersnot kommt, die 26 Gouvernements ergriffen hat, so wird es nicht schwer sein zu begreifen, welchen Weg die hart geprüfte Bauernschaft einschlagen muss. Schließlich beginnen auch die Soldaten zu murren, und dieses Murren nimmt mit jedem Tage einen für die Selbstherrschaft bedrohlicheren Charakter an. Die Kosaken, diese Stütze der Selbstherrschaft, beginnen bei den Soldaten Hass hervorzurufen: kürzlich haben Soldaten in Nowaja Alexandria 300 Kosaken zusammengeschlagen. (Siehe „Proletari"[Anmerkung 48] Nr. 17.) Derartige Tatsachen mehren sich allmählich... Kurzum, das Leben bereitet eine neue revolutionäre Woge vor, die allmählich anwächst und sich gegen die Reaktion richtet. Die letzten Ereignisse in Moskau und Petersburg sind die Vorboten dieser Woge.

Wie müssen wir uns diesen Ereignissen gegenüber verhalten, was müssen wir Sozialdemokraten tun? Wollte man auf den Menschewik Martow hören, so müssen wir gleich heute eine Konstituierende Versammlung wählen, um die Grundlagen der Selbstherrschaft für immer zu untergraben. Seiner Meinung nach müssen gleichzeitig mit den legalen Dumawahlen auch noch illegale Wahlen durchgeführt werden. Es sollen Wahlkomitees gebildet werden, die die Bevölkerung aufrufen, „durch allgemeine Stimmabgabe ihre Vertreter zu wählen. Diese Vertreter sollen zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Stadt zusammenkommen und sich als Konstituierende Versammlung erklären..." So „muss die Liquidierung der Selbstherrschaft erfolgen" (Siehe „Proletari" Nr. 15, wo Martows „Plan" mitgeteilt wird.) Mit anderen Worten, obgleich die Selbstherrschaft noch am Leben ist, können wir dennoch in ganz Rußland allgemeine Wahlen durchführen! Obgleich die Selbstherrschaft wütet, können „illegale" Vertreter des Volkes sich dennoch als Konstituierende Versammlung erklären und die demokratische Republik errichten! Es bedarf, wie sich herausstellt, keiner Bewaffnung, keines Aufstands, keiner provisorischen Regierung - die demokratische Republik wird von selbst kommen, es ist nur notwendig, dass die „illegalen" Vertreter sich als Konstituierende Versammlung bezeichnen! Der biedere Martow hat nur vergessen, dass diese sagenhafte „Konstituierende Versammlung" sich eines schönen Tages in der Peter-Pauls-Festung wieder finden wird! Der Genfer Martow begreift nicht, dass die Praktiker in Rußland nicht die Muße haben, sich mit bürgerlichem Tändelspiel zu befassen. Nein, wir wollen etwas anderes tun.

Die schwarze Reaktion sammelt die finsteren Kräfte und bemüht sich mit aller Macht, sie zu vereinigen - unsere Aufgabe ist es, die sozialdemokratischen Kräfte zu sammeln und sie fester zusammenzuschließen. Die schwarze Reaktion beruft die Duma ein, sie will neue Bundesgenossen gewinnen und die Armee der Konterrevolution vergrößern - unsere Aufgabe ist es, der Duma den aktiven Boykott zu erklären, der ganzen Welt ihr konterrevolutionäres Gesicht zu zeigen und die Reihen der Anhänger der Revolution zu mehren.

Die schwarze Reaktion geht zum tödlichen Angriff gegen die Revolution vor, sie will Verwirrung in unsere Reihen tragen und der Volksrevolution das Grab graben - unsere Aufgabe ist es, die Reihen zu schließen, an allen Orten zum gleichzeitigen Angriff gegen die Selbstherrschaft des Zaren vorzugehen und die Erinnerung an sie für immer auszulöschen. Nicht Martows Kartenhaus, sondern den allgemeinen Aufstand - das ist es, was wir brauchen. Die Rettung des Volkes liegt im siegreichen Aufstand des Volkes selber. Entweder den Tod - oder den Sieg der Revolution - das muss heute unsere revolutionäre Losung sein.

„Proletariatis Brdsola" („Der Kampf des Proletariats") Nr. 12.

15. Oktober 1905. Artikel ohne Unterschrift.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Die Bourgeoisie stellt eine Falle

Mitte September hat ein Kongress von „Semstwo- und Stadtmännern" stattgefunden. Auf diesem Kongress wurde eine neue „Partei"[Anmerkung 49] gegründet, an deren Spitze ein Zentralkomitee steht und die in verschiedenen Städten örtliche Organe hat. Der Kongress hat ein „Programm" angenommen, die „Taktik" festgelegt und einen besonderen Aufruf ausgearbeitet, mit dem sich die soeben aus dem Ei gekrochene „Partei" an das Volk wenden soll. Kurzum, die „Semstwo- und Stadtmänner" haben ihre eigene „Partei" gegründet. Was sind das für „Männer", wie nennen sie sich? Liberale Bourgeois. Was sind das, liberale Bourgeois? Bewusste Vertreter der vermögenden Bourgeoisie.

Die vermögende Bourgeoisie ist unser unversöhnlicher Feind, ihr Reichtum beruht auf unserer Armut, ihre Freude auf unserem Leid. Es ist klar, dass ihre bewussten Vertreter unsere geschworenen Feinde sein und versuchen werden, uns bewusst zu zerschlagen. Also hat sich eine „Partei" von Volksfeinden gebildet, die beabsichtigt, sich mit ihrem Aufruf an das Volk zu wenden.

Was wollen diese Herrschaften, wofür treten sie in ihrem Aufruf ein? Sie sind keine Sozialisten, sie hassen die sozialistische Bewegung. Dies bedeutet, dass sie die bürgerlichen Zustände festigen und einen Kampf auf Leben und Tod gegen das Proletariat führen. Das ist der Grund, weshalb sie in den bürgerlichen Kreisen große Sympathien genießen.

Sie sind auch keine Demokraten, sie hassen die demokratische Republik. Dies bedeutet, dass sie den Zarenthron festigen und einen wütenden Kampf auch gegen die hart geprüfte Bauernschaft führen. Das ist der Grund, weshalb Nikolaus II. „geruht hat", ihre Versammlungen zu bewilligen, und ihnen gestattet hat, einen „Parteitag" einzuberufen.

Sie wollen die Rechte des Zaren nur ein wenig beschneiden, und auch das nur unter der Bedingung, dass diese Rechte in die Hände der Bourgeoisie übergehen. Der Zarismus aber muss ihrer Meinung nach unbedingt bestehen bleiben als das zuverlässige Bollwerk der vermögenden Bourgeoisie, das sie gegen das Proletariat ausnutzt. Deshalb sagen sie in ihrem „Verfassungsprojekt", dass „der Thron der Romanows unangetastet bleiben muss", d. h. sie wollen eine gestutzte Verfassung mit einer beschränkten Monarchie.

Die Herren liberalen Bourgeois „haben nichts dagegen", wenn auch dem Volke die Wahlrechte gegeben werden, aber nur unter der Bedingung, dass über der Kammer der Volksvertreter eine Kammer der Reichen thront, die sich unbedingt bemühen wird, die Beschlüsse der Kammer der Volksvertreter zu korrigieren und aufzuheben. Deshalb eben sagen sie in ihrem Programm: „Wir brauchen zwei Kammern."

Die Herren liberalen Bourgeois werden „sehr froh" sein, wenn die Freiheit des Wortes, der Presse und der Koalitionen verliehen wird, möge nur die Freiheit der Streiks beschränkt sein. Das ist der Grund, weshalb sie sich in Phrasen ergehen über „Menschen- und Bürgerrechte", während sie von der Streikfreiheit nichts Bestimmtes sagen, es sei denn, dass sie pharisäische Worte über irgendwelche „ökonomischen Reformen" stammeln.

Diese sonderbaren Herrschaften übergehen mit ihrer Mildtätigkeit auch die Bauernschaft nicht, - sie „haben nichts gegen" den Übergang der Gutsbesitzerländereien an die Bauern, aber unter der Bedingung, dass die Bauern diese Ländereien von den Gutsbesitzern loskaufen, nicht aber „umsonst erhalten". Da sieht man, wie gütig doch diese Jammer-„männer" sind!

Wenn sie die Erfüllung aller dieser Wünsche erleben, so werden sich die Rechte des Zaren schließlich in den Händen der Bourgeoisie befinden und die Selbstherrschaft des Zaren wird allmählich zu einer Selbstherrschaft der Bourgeoisie werden. Dahin zerren uns die „Semstwound Stadtvertreter ".Eben aus diesem Grunde schreckt sie die Volksrevolution sogar im Schlafe und sprechen sie so viel von einer „Befriedung Rußlands".

Es ist hiernach kein Wunder, dass diese Unglücks„männer" große Hoffnungen auf die so genannte Reichsduma setzten. Bekanntlich ist die zaristische Duma die Negation der Volksrevolution, und dies ist für unsere liberalen Bourgeois sehr vorteilhaft. Bekanntlich räumt die zaristische Duma der vermögenden Bourgeoisie „ein gewisses" Wirkungsfeld ein, und dies haben unsere liberalen Bourgeois so nötig. Das ist der Grund, weshalb ihr ganzes „Programm", ihre ganze Tätigkeit auf die Existenz der Duma berechnet ist, - mit dem Scheitern der Duma stürzen unvermeidlich auch alle ihre „Pläne" zusammen. Eben deshalb schreckt sie der Boykott der Duma, eben deshalb raten sie uns, in die Duma zu gehen. „Es wäre ein großer Fehler, wenn wir uns an der zaristischen Duma nicht beteiligten", erklären sie durch den Mund ihres Führers Jakuschkin. Und in der Tat wäre dies ein „großer Fehler", aber für wen: für das Volk oder für seine Feinde? - das ist die Frage. Welches ist die Bestimmung der zaristischen Duma, was sagen darüber die „Semstwo- und Stadtmänner"?

„...Die erste und wichtigste Aufgabe der Duma ist die Umgestaltung der Duma selbst...", erklären sie in ihrem Aufruf. „Die Wähler müssen es den Wahlmännern zur Pflicht machen, solche Kandidaten zu wählen, die vor allem die Duma umgestalten wollen", sagen sie an der gleichen Stelle.

Worin aber besteht diese „Umgestaltung"? Darin, dass die Duma eine „entscheidende Stimme bei der Ausarbeitung von Gesetzen ... und bei der Erörterung der Staatseinnahmen und - ausgaben ... sowie das Recht der Kontrolle über die Tätigkeit der Minister" haben soll. Vor allem also sollen die Wahlmänner die Erweiterung der Dumarechte verlangen. Das also bedeutet die „Umgestaltung" der Duma. Wer wird in die Duma gelangen? Zum größten Teil die Großbourgeoisie. Es ist klar, dass die Erweiterung der Dumarechte die politische Stärkung der Großbourgeoisie bedeutet. Und da raten nun die „Semstwo- und Stadtmänner" dem Volk, liberale Bourgeois in die Duma zu wählen und sie vor allem zu beauftragen, an der Stärkung der Großbourgeoisie mitzuwirken! Vor allem und in erster Linie sollen wir also dafür sorgen, dass wir mit unseren eigenen Händen unsere Feinde stärken, - das raten uns heute die Herren liberalen Bourgeois. Ein sehr „freundschaftlicher" Ratschlag, nichts zu sagen! Und die Rechte des Volkes, wer wird denn für sie sorgen? Oh, man zweifle ja nicht, die Herren liberalen Bourgeois werden das Volk nicht vergessen. Sie versichern, sie würden, sobald sie in die Duma kommen, sobald sie sich in ihr festsetzen, auch fürs Volk Rechte verlangen. Und mit einem solchen Pharisäertum hoffen die „Semstwo- und Stadtmänner" ihren Zweck zu erreichen... Deshalb also raten sie uns, vor allem die Rechte der Duma zu erweitern...

Bebel sagte: Was uns der Feind rät, das ist für uns schädlich. Der Feind rät uns: beteiligt euch an der Duma, - es ist klar, dass die Teilnahme an der Duma für uns schädlich ist. Der Feind rät: erweitert die Rechte der Duma, - es ist klar, dass die Erweiterung der Rechte der Duma für uns schädlich ist. Das Vertrauen zur Duma untergraben und sie in den Augen des Volkes diskreditieren, - das ist es, was wir tun müssen. Keine Erweiterung der Dumarechte, sondern Erweiterung der Volksrechte, - das ist es, was wir brauchen. Und wenn derselbe Feind uns gleichzeitig süßliche Reden hält und uns irgendwelche „Rechte" verheißt, - so bedeutet dies, dass er uns eine Falle stellt und mit unseren eigenen Händen eine Zwingburg für sich errichten will. Etwas Besseres können wir von liberalen Bourgeois ja auch gar nicht erwarten. Was aber soll man von einigen „Sozialdemokraten" sagen, die uns die Taktik der liberalen Bourgeoisie predigen? Was soll man von der kaukasischen „Minderheit" sagen, die wortwörtlich die tückischen Ratschläge unserer Feinde wiederholt? Da sagt z. B. die kaukasische „Minderheit" : „Wir erachten es für notwendig, uns an der Reichsduma zu beteiligen" (siehe „Zweite Konferenz", S. 7). Ganz genau so, wie es die Herren liberalen Bourgeois „für notwendig erachten".

Die gleiche „Minderheit" rät uns: „Wenn dieBulyginkommission... das Recht der Deputiertenwahl nur den 'Besitzenden gewährt, so müssen wir uns in diese Wahlen einmischen und die Wähler auf revolutionärem Wege zwingen, fortschrittliche Kandidaten zu wählen und auf dem Semski Sobor eine Konstituierende Versammlung fordern. Schließlich gilt es, mit allen erdenklichen Maßnahmen ... den Semski Sobor zu zwingen, eine Konstituierende Versammlung einzuberufen, oder sich als solche zu erklären." (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 1.) Also sogar wenn nur die Besitzenden das Wahlrecht haben, sogar wenn in der Duma nur Besitzende zusammentreten, sollen wir dennoch fordern, dass dieser Versammlung der Besitzenden die Rechte einer Konstituierenden Versammlung gegeben werden! Sogar wenn die Rechte des Volkes beschnitten werden, sollen wir uns dennoch bemühen, die Rechte der Duma möglichst zu erweitern! Es erübrigt sich zu sagen, dass die Wahl „fortschrittlicher Kandidaten" ein leeres Wort bleibt, wenn nur die Besitzenden das Wahlrecht erhalten. Wie wir oben gesehen haben, predigen uns die liberalen Bourgeois dasselbe.

Von zwei Dingen eins: entweder haben sich die liberalen Bourgeois menschewisiert oder die kaukasische „Minderheit" (Menschinstwo) hat sich liberalisiert. So oder so, kein Zweifel, dass die soeben aus dem Ei gekrochene „Partei" der liberalen Bourgeois ihre Falle schlau aufstellt... Diese Falle zerschlagen, sie allen sichtbar machen, schonungsloser Kampf gegen die liberalen Feinde des Volkes, - das ist es, was wir jetzt brauchen.

„Proletariats "Brdsola" („Der Kampf des Proletariats") Nr. 12.

15. Oktober 1905.

Artikel ohne Unterschrift.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Bürger!

Der mächtige Riese - das Proletariat Rußlands ist erneut in Bewegung geraten... Rußland ist von einer breiten, alle Gegenden erfassenden Streikbewegung ergriffen. Wie auf einen Wink mit dem Zauberstab ist in dem ganzen unermesslichen Räume Rußlands das Wirtschaftsleben mit einem Schlage zum Stillstand gekommen. Allein in Petersburg mit seinen Eisenbahnen ist mehr als eine Million Arbeiter in den Streik getreten. Moskau - die stille, regungslose, romanowtreue alte Hauptstadt - ist völlig von der revolutionären Feuersbrunst ergriffen. Charkow, Kiew, Jekaterinoslaw und andere Kultur- und Industriezentren, ganz Zentral- und Südrußland, ganz Polen und schließlich ganz Kaukasien halten ein und schauen der Selbstherrschaft drohend ins Auge.

Was wird werden? Mit Zittern und mit stockendem Herzen erwartet ganz Rußland die Antwort auf diese Frage. Das Proletariat sagt dem verfluchten zweiköpfigen Ungeheuer den Kampf an. Wird dieser Herausforderung ein wirkliches Ringen folgen, wird der Streik in den offenen bewaffneten Aufstand übergehen, oder wird er, ähnlich wie frühere Streiks, „friedlich" enden und „abklingen"?

Bürger! Wie auch die Antwort auf diese Frage lauten möge, wie der jetzige Streik auch enden möge, eins muss allen klar und unzweifelhaft sein: Wir stehen am Vorabend eines Auf Stands, der das gesamte Volk ganz Rußlands erfaßt - und die Stunde dieses Aufstands ist nahe. Der in solcher Großartigkeit nicht nur in der Geschichte Rußlands, sondern auch der ganzen Welt noch nie dagewesene, beispiellose politische Generalstreik, der sich jetzt abspielt, kann vielleicht heute enden, ohne in einen allgemeinen Volksaufstand auszumünden, aber nur, um morgen erneut und mit noch größerer Gewalt das Land zu erschüttern und in jenen grandiosen bewaffneten Aufstand auszumünden, der die uralte Fehde des russischen Volkes mit der Selbstherrschaft des Zaren entscheiden und diesem abscheulichen Ungeheuer den Kopf zerschmettern muss.

Der allgemeine bewaffnete Volksaufstand - das ist die Entwirrung des Schicksalsknotens, zu der in der letzten Zeit die Ereignisse des politischen und gesellschaftlichen Lebens unseres Landes in ihrer Gesamtheit mit historischer Unvermeidlichkeit treiben! Der bewaffnete Aufstand des ganzen Volkes - das ist die große Aufgabe, vor der gegenwärtig das Proletariat Rußlands steht und die gebieterisch Lösung heischt! Bürger! Es liegt im Interesse euer aller, mit Ausnahme der Handvoll Finanz- und Bodenaristokraten, dem Kampfruf des Proletariats Folge zu leisten und mit ihm gemeinsam diesem rettenden allgemeinen Volksaufstand zuzustreben.

Die verbrecherische Selbstherrschaft des Zaren hat unser Land an den Rand des Abgrundes gebracht. Der Ruin der mehr als hundert Millionen zählenden Bauernschaft Rußlands, die gedrückte und elende Lage der Arbeiterklasse, die maßlosen Staatsschulden und drückenden Steuern, die Rechtlosigkeit der ganzen Bevölkerung, die endlosen Willkür- und Gewalttaten, die in allen Sphären des Lebens herrschen, schließlich die völlige Unsicherheit für das Leben und Eigentum der Bürger - das ist das furchtbare Bild, das Rußland heute bietet. So kann es nicht mehr lange weitergehen! Die Selbstherrschaft, die alle diese düsteren Schrecken ins Leben gerufen hat, muss vernichtet werden! Und sie wird vernichtet werden! Die Selbstherrschaft wird sich dessen bewusst, und je mehr sie sich dessen bewusst wird, desto düsterer werden diese Schrecken, desto grauenvoller wird der Höllentanz, den sie um sich her veranstaltet. Außer den Hunderten und Tausenden friedlicher Bürger, jenen Arbeitern, die sie auf den Straßen der Städte getötet hat, außer den zehntausenden Arbeitern und Intellektuellen, den besten Söhnen des Volkes, die in den Gefängnissen und in der Verbannung schmachten, außer den unaufhörlichen Morden und Gewalttaten, die die Zarenschergen in den Dörfern, unter der Bauernschaft in dem ganzen weiten Rußland verüben, hat die Selbstherrschaft nun noch neue Schrecken ersonnen. Sie hat begonnen, Feindschaft und Groll inmitten des Volkes selbst zu säen und einzelne Schichten der Bevölkerung sowie ganze Nationalitäten gegeneinander zu hetzen. Sie hat russische Rowdys bewaffnet und auf russische Arbeiter und Intellektuelle losgelassen, sie hetzt rückständige und hungernde Massen der Russen und Moldauer in Bessarabien auf die Juden und schließlich die unwissende und fanatische Tatarenmasse auf die Armenier. Sie hat mit Hilfe der Tataren eines der revolutionären Zentren Rußlands und das revolutionärste Zentrum Kaukasiens - Baku - zertrümmert und die gesamte armenische Provinz von der Revolution abgeschreckt. Sie hat das ganze vielstämmige Kaukasien in ein Kriegslager verwandelt, wo die Bevölkerung jeden Augenblick Überfälle nicht nur von seiten der Selbstherrschaft erwartet, sondern auch von seiten der Nachbarstämme, dieser unglückseligen Opfer der Selbstherrschaft. So kann es nicht weitergehen! Und nur die Revolution kann alledem ein Ende setzen!

Es wäre seltsam und lächerlich, zu erwarten, dass die Selbstherrschaft, die die Urheberin aller dieser höllischen Schrecken ist, mit ihnen selber Schluss machen wollte oder könnte. Keinerlei Reformen, keinerlei Flicken auf die Selbstherrschaft - vom Schlage der Reichsduma, der Semstwos u. dgl. -, auf die die liberale Partei sich, beschränken will, können diesen Schrecken ein Ende setzen. Im Gegenteil, alle Versuche in dieser Richtung und die Zurückdämmung des revolutionären Dranges des Proletariats werden dazu beitragen, diese Schrecken zu steigern.

Bürger! Das Proletariat, die revolutionärste Klasse unserer Gesellschaft, das den ganzen Kampf gegen die Selbstherrschaft bisher auf seinen Schultern getragen hat und ihr entschlossenster und standhaftester Gegner bis zum letzten ist, rüstet zur offenen bewaffneten Aktion. Es ruft euch, alle Klassen der Gesellschaft, auf, ihm Hilfe und Unterstützung zu erweisen. Bewaffnet euch, helft ihm, sich zu bewaffnen, und rüstet zum entscheidenden Kampf. Bürger! Die Stunde des Aufstands ist nahe! Notwendig ist, dass wir für sie vollauf gerüstet sind! Nur in diesem Falle, nur mit Hilfe des allgemeinen, allerorts und gleichzeitig beginnenden bewaffneten Aufstands werden wir unseren niederträchtigen Feind - die verfluchte Selbstherrschaft des Zaren - besiegen und auf ihren Trümmern die für uns notwendige freie demokratische Republik errichten können.

Nieder mit der Selbstherrschaft!

Es lebe der allgemeine bewaffnete Aufstand!

Es lebe die demokratische Republik!

Es lebe das kämpf ende Proletariat Rußlands!

Russischer Wortlaut nach der im Oktober 1905 in der Druckerei des Tifliser Komitees der SDAPR gedruckten Proklamation.

Unterschrift: Das Tifliser Komitee.

An alle Arbeiter

Die Revolution marschiert! Das revolutionäre Volk Rußlands hat sich erhoben und die Zarenregierung umzingelt, um zum Sturmangriff auf sie anzusetzen! Es flattern die roten Banner, es werden Barrikaden gebaut, das Volk greift zu den Waffen und stürmt die staatlichen Ämter. Wieder erklingt der Kampfruf der Tapferen, wieder erbraust das verstummte Leben. Das Schiff der Revolution hat die Segel gehisst und ist zur Freiheit ausgelaufen. Dieses Schiff wird vom Proletariat Rußlands geführt. Was wollen die Proletarier Rußlands, wohin streben sie?

Stürzen wir die zaristische Duma und schaffen wir eine Konstituierende Versammlung des ganzen Volkes - sagen heute die Proletarier Rußlands. Das Proletariat wird von der Regierung nicht kleine Zugeständnisse fordern, es wird von ihr nicht die Aufhebung des „Ausnahmezustands" und die Einstellung der „Exekutionen" in einigen Städten und Dörfern fordern, - das Proletariat wird sich nicht mit solchen Kleinigkeiten abgeben. Wer von der Regierung Zugeständnisse fordert, der glaubt nicht an den Tod der Regierung, - das Proletariat aber lebt und webt in diesem Glauben. Wer von der Regierung „Vergünstigungen" erwartet, der glaubt nicht an die Macht der Revolution, - das Proletariat aber lebt in diesem Glauben. Nein! Das Proletariat wird seine Energie nicht auf unvernünftige Forderungen verzetteln. Es hat an die zaristische Selbstherrschaft nur eine Forderung: Nieder mit ihr, Tod der Selbstherrschaft! Und da erklingt in den Weiten Rußlands immer kühner der revolutionäre Kampfruf der Arbeiter: Nieder mit der Reichsduma! Es lebe die Konstituierende Versammlung des ganzen Volkes! Das ist es, was das Proletariat Rußlands heute anstrebt.

Der Zar wird keine vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung gewähren, der Zar wird seine eigene Selbstherrschaft nicht aufheben - er wird das nicht tun! Die gestutzte „Verfassung", die er „gewährt", ist ein zeitweiliges Zugeständnis, ein pharisäisches Versprechen des Zaren und weiter nichts! Selbstredend werden wir uns dieses Zugeständnis zunutze machen, wir werden es nicht ablehnen, der Krähe die Nuss zu entreißen und ihr mit dieser Nuss den Schädel einzuschlagen. Aber die Tatsache bleibt dennoch Tatsache, dass das Volk sich nicht auf das Versprechen des Zaren verlassen kann - es darf sich nur auf sich selbst verlassen, es darf sich nur auf seine eigene Kraft stützen: die Befreiung des Volkes muss mit den Händen des Volkes selber vollzogen werden. Nur auf den Knochen der Unterdrücker kann die Volksfreiheit errichtet werden, nur mit dem Blut der Unterdrücker kann der Boden für die Selbstherrschaft des Volkes gedüngt werden! Nur wenn das bewaffnete Volk mit dem Proletariat an der Spitze auf den Plan tritt und das Banner des allgemeinen Aufstands erhebt - nur dann kann die auf Bajonette gestützte Zarenregierung gestürzt werden. Keine leeren Phrasen, keine sinnlose „Selbstbewaffnung", sondern wirkliche Bewaffnung und bewaffneter Aufstand - dahin streben heute die Proletarier ganz Rußlands.

Der siegreiche Aufstand wird zur Niederlage der Regierung führen. Aber besiegte Regierungen sind nicht selten wieder auf die Beine gekommen. Auch bei uns kann sie wieder auf die Beine kommen. Die dunklen Kräfte, die sich während des Aufstands in den Schlupfwinkeln verbergen, werden gleich am Tage nach dem Aufstand aus ihren Löchern kriechen und die Regierung wieder auf die Beine stellen wollen. So werden besiegte Regierungen von den Toten auferweckt. Das Volk muss unbedingt dieser dunklen Kräfte Herr werden, es muss sie vom Antlitz der Erde hinwegfegen! Dazu aber ist es notwendig, dass sich das ganze siegreiche Volk, klein und groß, gleich am Tage nach dem Aufstand bewaffnet, sich in eine revolutionäre Armee verwandelt und immer bereit ist, mit den Waffen in der Hand die eroberten Rechte zu verteidigen.

Nur wenn das siegreiche Volk sich in eine revolutionäre Armee verwandelt, nur dann wird es imstande sein, die verkrochenen dunklen Kräfte endgültig zu schlagen. Nur die revolutionäre Armee kann den Handlungen der provisorischen Regierung Nachdruck verleihen, nur die provisorische Regierung wird eine vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung einberufen können, die die demokratische Republik errichten soll. Die revolutionäre Armee und die revolutionäre provisorische Regierung - dahin streben heute die Proletarier Rußlands.

Das ist der Weg, den die russische Revolution beschritten hat. Dieser Weg führt zur Selbstherrschaft des Volkes, und das Proletariat ruft alle Freunde des Volkes auf, diesen Weg zu beschreiten. Die Selbstherrschaft des Zaren stellt sich der Volksrevolution in den Weg, sie will mit ihrem gestrigen Manifest diese große Bewegung hemmen - es ist klar, dass die Wogen der Revolution die Selbstherrschaft des Zaren verschlingen und beiseite werfen werden...

Verachtung und Hass allen denjenigen, die nicht den Weg des Proletariats beschreiten - sie sind niederträchtige Verräter an der Revolution! Schmach und Schande denjenigen, die diesen Weg in Wirklichkeit beschritten haben, in Worten aber anderes sagen - denn sie fürchten kleinmütig die Wahrheit! Wir fürchten die Wahrheit nicht, wir fürchten die Revolution nicht! Möge der Donner stärker rollen, möge der Sturm stärker losbrechen! Die Stunde des Sieges ist nahe! So lasst uns denn begeistert die Losungen des Proletariats Rußlands verkünden:

Nieder mit der Reichsduma!

Es lebe der bewaffnete Aufstand!

Es lebe die revolutionäre Armee!

Es lebe die revolutionäre provisorische 'Regierung!

Es lebe die Konstituierende Versammlung des ganzen Volkes!

Es lebe die demokratische Republik!

Es lebe das Proletariat!

Nach dem Wortlaut der am 19. Oktober 1905 in der illegalen (Awlabarer) Druckerei des "Kaukasischen Bundes der SDAPR gedruckten Proklamation.

Unterschrift: Das Tifliser "Komitee.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Tiflis, den 20. November 1905

Die Große Russische Revolution hat begonnen! Schon haben wir den ersten stürmischen Akt dieser Revolution erlebt, der formal mit dem Manifest vom 17. Oktober abgeschlossen wurde. Der selbstherrliche Zar „von Gottes Gnaden" hat sein „gekröntes Haupt" vor dem revolutionären Volke gebeugt und ihm die „unerschütterlichen Grundlagen der bürgerlichen Freiheit" versprochen...

Aber dies ist nur der erste Akt. Dies ist erst der Anfang vom Ende. Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse, die der Großen Russischen Revolution würdig sind. Diese Ereignisse rücken mit der unerbittlichen Strenge der Geschichte, mit eherner Notwendigkeit auf uns zu. Der Zar und das Volk, die Selbstherrschaft des Zaren und die Selbstherrschaft des Volkes - das sind zwei feindliche, einander diametral entgegengesetzte Elemente. Die Niederlage des einen und der Sieg des anderen kann nur das Resultat eines entschiedenen Ringens zwischen beiden, das Resultat eines verzweifelten Kampfes, eines Kampfes auf Leben und Tod sein. Dieser Kampf hat noch nicht stattgefunden. Er steht noch bevor. Und der mächtige Titan der russischen Revolution - das Proletariat ganz Rußlands - rüstet zu ihm mit allen Kräften, mit allen Mitteln.

Die liberale Bourgeoisie versucht dieses schicksalsschwere Ringen abzuwenden. Sie findet, es sei bereits an der Zeit, der „Anarchie" ein Ende zu setzen und mit friedlicher „schöpferischer" Arbeit, mit der Arbeit des „Staatsaufbaus" zu beginnen. Sie hat recht. Ihr genügt das, was das Proletariat dem Zarismus bereits bei seinem ersten revolutionären Ansturm entrissen hat. Jetzt kann sie ruhig mit der Zarenregierung ein Bündnis schließen - zu für sie vorteilhaften Bedingungen -, und mit vereinten Kräften gegen den gemeinsamen Feind, gegen ihren „Totengräber" - das revolutionäre Proletariat - vorgehen. Die bourgeoise Freiheit, die Freiheit der Ausbeutung ist bereits gesichert, und das genügt ihr vollauf. Die russische Bourgeoisie, die auch nicht für einen Augenblick lang revolutionär ist, tritt bereits offen auf die Seite der Reaktion. Viel Glück auf den Weg! Wir werden ihr keine Tränen nachweinen. Das Schicksal der Revolution lag niemals in der Hand des Liberalismus. Gang und Ausgang der russischen Revolution hängen ganz und gar von der Haltung des revolutionären Proletariats und der revolutionären Bauernschaft ab.

Das von der Sozialdemokratie geführte revolutionäre städtische Proletariat und mit ihm die revolutionäre Bauernschaft werden trotz aller Ränke der Liberalen ihren Kampf unentwegt fortsetzen, bis sie den völligen Sturz der Selbstherrschaft erreicht und auf ihren Trümmern die freie demokratische Republik errichtet haben. Das ist die nächste politische Aufgabe des sozialistischen Proletariats, das ist sein Ziel in der gegenwärtigen Revolution, und es wird, unterstützt von der Bauernschaft, dieses Ziel erreichen, koste es, was es wolle. Der Weg, der es zur demokratischen Republik führen soll, ist von ihm ebenfalls klar und bestimmt vorgezeichnet worden.

1. Das entschlossene, verzweifelte Ringen, von dem wir oben gesprochen haben, 2. die revolutionäre Armee, die im Prozesse dieses „Ringens" organisiert wird, 3. die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft in Gestalt der revolutionären provisorischen Regierung, errichtet als Ergebnis des siegreichen „Ringens", 4. die Konstituierende Versammlung, die von ihr auf der Grundlage des allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Wahlrechts einberufen wird, - das sind die Etappen, die die Große Russische Revolution durchschreiten muss, bevor sie an das ersehnte Ende gelangt.

Keinerlei Drohungen der Regierung oder großspurige Manifeste des Zaren, keinerlei provisorische Regierungen vom Schlage der Regierung Witte, von der Selbstherrschaft zu ihrer eigenen Rettung eingesetzt, keinerlei von der Zarenregierung einberufene Reichsduma, auch wenn sie auf der Grundlage des allgemeinen usw. Wahlrechts einberufen wird, können das Proletariat von seinem einzig richtigen revolutionären Wege abbringen, der es zur demokratischen Republik führen soll. Wird das Proletariat genügend Kraft haben, um diesen Weg bis zu Ende zu gehen, genügend Kraft, um aus dem gigantischen, blutigen Kampf, der ihm auf diesem Wege bevorsteht, in Ehren hervorzugehen? Gewiss! So denkt das Proletariat selbst und rüstet kühn und entschlossen zum Kampfe.

„Kawkaski Rabotschi Listok" („Kaukasisches Arbeiterblatt")[Anmerkung 50] Nr. 1.

20. November 1905.

Artikel ohne Unterschrift.

1906

Zwei Schlachten

(Zum 9. Januar)

Ihr erinnert euch gewiss des 9. Januar vorigen Jahres... Das war der Tag, wo das Petersburger Proletariat der Zarenregierung von Angesicht zu Angesicht gegenübertrat und gegen seinen Willen mit ihr zusammenprallte. Jawohl, gegen seinen Willen, denn es ging friedlich zum Zaren mit der Bitte um „Brot und Gerechtigkeit", aber man empfing es feindselig und überschüttete es mit einem Hagel von Kugeln. Es setzte seine Hoffnungen auf die Zarenbilder und Kirchenfahnen, aber die einen und die ändern wurden in Fetzen gerissen und ihm ins Gesicht geschleudert, wodurch man ihm augenscheinlich zeigte, dass man den Waffen nur Waffen entgegenstellen kann. Und es griff zu den Waffen - wo es nur irgend Waffen hatte -, es griff zu ihnen, um dem Feind auf Feindesart zu begegnen und an ihm Rache zu nehmen. Aber es ließ Tausende von Opfern auf dem Kampffelde, zog sich unter großen Verlusten zurück und verschloss seinen Groll in der Brust... Das ist es, woran uns der 9. Januar des vorigen Jahres erinnert.

Heute, wo das Proletariat Rußlands den Jahrestag des 9. Januar begeht, dürfte es nicht überflüssig sein, die Frage zu stellen: Warum hatte sich das Petersburger Proletariat im vorigen Jahre aus dem damaligen Ringen zurückgezogen und wodurch unterscheidet sich das damalige Ringen von dem Generalringen im Dezember? Vor allem zog es sich zurück, weil es auch jenes Minimum des revolutionären Bewusstseins nicht besaß, das für den Sieg des Aufstands unbedingt notwendig ist. Ein Proletariat, das betend und hoffend zu dem Blutzaren geht, der seine ganze Existenz auf der Unterdrückung des Volkes aufgebaut hat, ein Proletariat, das vertrauensvoll zu seinem geschworenen Feind geht, um ein „Körnchen Gnade" zu erflehen - kann ein solches Proletariat etwa im Straßenkampf die Oberhand gewinnen?...

Allerdings öffneten später, kurze Zeit nachher, die Gewehrsalven dem betrogenen Proletariat die Augen und zeigten ihm klar das abscheuliche Gesicht der Selbstherrschaft, allerdings rief es schon wuterfüllt: „Der Zar hat uns gedroschen, nun gut - auch wir werden ihn dreschen!" Aber was nützt das, wenn man keine Waffen in der Hand hat, was kann man mit bloßen Händen im Straßenkampf tun, auch wenn man Bewusstsein besitzt - trifft die Kugel des Feindes einen aufgeklärten Kopf nicht ebenso wie einen unaufgeklärten? Jawohl, das Fehlen von Waffen - das war die zweite Ursache für den Rückzug des Petersburger Proletariats.

Aber was konnte Petersburg allein tun, auch wenn es Waffen gehabt hätte? Als in Petersburg das Blut floss und Barrikaden gebaut wurden, rührte in den anderen Städten niemand einen Finger - das ist der Grund, weshalb die Regierung aus anderen Gegenden Truppen heranziehen und die Straßen mit Blut röten konnte. Und erst später, als das Petersburger Proletariat, das die getöteten Kameraden bestattet hatte, zu seiner Alltagsarbeit zurückgekehrt war - erst dann ertönte in verschiedenen Städten der Kampfruf der streikenden Arbeiter: Gruß den Petersburger Helden! Wem aber galt dieser verspätete Gruß und was konnte er nützen? Das ist der Grund, weshalb die Regierung diese zersplitterten und unorganisierten Aktionen nicht ernst nahm und das in einzelnen Gruppen zersprengte Proletariat ohne große Mühe zerstreute.

Folglich waren das Fehlen des organisierten allgemeinen Aufstands, die Unorganisiertheit der Aktionen des Proletariats die dritte Ursache für den Rückzug des Petersburger Proletariats. Ja, und wer sollte auch den allgemeinen Aufstand organisieren? Das Volk im ganzen konnte dies nicht übernehmen, und der fortgeschrittene Teil des Proletariats - die Partei des Proletariats - war selbst nicht organisiert, da sie von Meinungsverschiedenheiten in der Partei zerrissen wurde - der innere Kampf, die Parteispaltung machten sie von Tag zu Tag schwächer. Kein Wunder, dass die in zwei Teile getrennte junge Partei die Organisierung des allgemeinen Aufstands nicht auf sich nehmen konnte.

Folglich war das Fehlen einer einheitlichen und geschlossenen Partei die vierte Ursache für den Rückzug des Proletariats. Wenn schließlich die Bauernschaft und die Truppen sich dem Aufstand nicht anschlossen und ihm keine neuen Kräfte zuführten, so geschah auch dies, weil sie in dem schwachen und kurzfristigen Aufstand keine besondere Kraft sehen konnten, Schwachen aber pflegt man sich bekanntlich nicht anzuschließen. Das ist der Grund, weshalb das heroische Proletariat Petersburgs im Januar vorigen Jahres sich zurückzog.

Die Zeit verging. Das von der Krise und der Rechtlosigkeit aufgerüttelte Proletariat rüstete zu einer neuen Schlacht. Es irrten sich diejenigen, die gedacht hatten, die Opfer des 9. Januar würden im Proletariat jeden Kampfwillen ertöten - im Gegenteil, noch fieberhafter und opfermütiger rüstete es zur „letzten" Schlacht, noch mutiger und hartnäckiger kämpfte es gegen die Truppen und die Kosaken. Der Aufstand der Matrosen auf dem Schwarzen Meer und auf der Ostsee, der Aufstand der Arbeiter in Odessa, Lodz und anderen Städten, die unaufhörlichen Zusammenstöße der Bauern mit der Polizei bewiesen klar, welches unverlöschliche revolutionäre Feuer in der Brust des Volkes brennt.

Das revolutionäre Bewusstsein, das dem Proletariat am 9. Januar fehlte, hat es sich in der letzten Zeit mit erstaunlicher Geschwindigkeit angeeignet. Man sagt, dass zehn Jahre Propaganda das Bewusstsein des Proletariats nicht so stark heben könnten, wie die Tage des Aufstands es gehoben haben. So muss es auch sein, denn der Prozess der Klassenschlachten ist jene hohe Schule, in der das revolutionäre Bewusstsein des Volkes nicht täglich, sondern stündlich wächst.

Der allgemeine bewaffnete Aufstand, den in der ersten Zeit nur eine kleine Gruppe des Proletariats propagierte, der bewaffnete Aufstand, dem manche Genossen sogar zweifelnd gegenüberstanden - hat allmählich die Sympathie des Proletariats gefunden, und es organisierte fieberhaft rote Abteilungen, beschaffte sich Waffen usw. Der Generalstreik im Oktober hat anschaulich gezeigt, dass eine gleichzeitige Aktion des Proletariats möglich ist. Damit war die Möglichkeit des organisierten Aufstands bewiesen - und das Proletariat beschritt entschlossen diesen Weg.

Notwendig war nur eine geschlossene Partei, eine einheitliche und unteilbare sozialdemokratische Partei, die sich bei der Organisierung des allgemeinen Aufstands an die Spitze gestellt, die revolutionäre Vorbereitungsarbeit, die von den einzelnen Städten isoliert betrieben wurde, zusammengefasst und die Initiative zum Angriff übernommen hätte. Um so mehr, als das Leben selbst den neuen Aufschwung vorbereitete - Krise in der Stadt, Hunger auf dem Lande und andere derartige Ursachen machten eine neue revolutionäre Explosion von Tag zu Tag unvermeidlicher. Das Unglück war, dass eine solche Partei erst jetzt geschaffen wurde: die von der Spaltung entkräftete Partei begann sich eben erst zu erholen und die Sache des Zusammenschlusses in die Wege zu leiten. Eben in diesem Augenblick stand das Proletariat Rußlands vor seiner zweiten Schlacht, der ruhmreichen Dezemberschlacht. Sprechen wir jetzt von dieser Schlacht.

Sagten wir von der Januarschlacht, dass es ihr an revolutionärem Bewusstsein gebrach, so müssen wir von der Dezemberschlacht sagen, dass ein solches Bewusstsein diesmal vorhanden war. Die elf Monate revolutionären Sturms hatten dem kämpfenden Proletariat Rußlands die Augen genügend geöffnet, und die Losungen: Nieder mit der Selbstherrschaft! Es lebe die demokratische Republik! waren zu Losungen des Tages, zu Losungen der Massen geworden. Hier sahen wir keine Kirchenfahnen, keine Ikonen und Zarenbilder mehr - stattdessen flatterten rote Banner und prangten die Porträte von Marx und Engels. Hier hörten wir nicht mehr den Gesang von Psalmen und „Gott, schütze den Zaren", - statt dessen wurden die Klänge der „Marseillaise" und der „Warschawjanka" laut, die den Unterdrückern in die Ohren gellten.

Folglich unterschied sich die Dezemberschlacht hinsichtlich des revolutionären Bewusstseins in grundlegender Weise von der Januarschlacht. Der Januarschlacht fehlte es an Waffen, das Volk ging damals unbewaffnet in den Kampf. Die Dezemberschlacht tat einen Schritt vorwärts, alle Kämpfer drängten jetzt zu den Waffen, mit Revolvern, Gewehren, Bomben und an manchen Stellen sogar mit Maschinengewehren in der Hand. Waffen mit Waffengewalt zu erlangen - wurde zur Tageslosung. Alle suchten Waffen, alle fühlten die Notwendigkeit, Waffen zu besitzen, bedauerlich war nur, dass es sehr wenig Waffen gab und dass nur eine unbedeutende Anzahl von Proletariern bewaffnet auftreten konnte.

Der Januaraufstand war völlig isoliert und unorganisiert, jeder handelte damals aufs Geratewohl.. Der Dezemberaufstand tat auch hierin einen Schritt vorwärts. Der Petersburger und der Moskauer Sowjet der Arbeiterdeputierten und die Zentren der „Mehrheit" und der „Minderheit" „trafen Maßnahmen", soweit das möglich war, damit die revolutionäre Aktion gleichzeitig erfolgte - sie riefen das Proletariat Rußlands zum gleichzeitigen Angriff auf. Während des Januaraufstands aber war nichts Derartiges getan worden. Da jedoch diesem Aufruf keine längere und zähe Vorbereitung der Partei auf den Aufstand vorangegangen war, so blieb der Aufruf ein Aufruf und die Aktion erwies sich faktisch als ein isoliertes, unorganisiertes Vorgehen. Nur ein Streben nach dem gleichzeitigen und organisierten Aufstand war vorhanden.

Den Januaraufstand „leiteten" hauptsächlich die Gapons. Der Dezemberaufstand hatte in dieser Beziehung den Vorzug, dass Sozialdemokraten an seiner Spitze standen. Bedauerlich war jedoch, dass die letzteren in einzelne Gruppen geteilt waren, die keine einheitliche, geschlossene Partei darstellten und deshalb nicht koordiniert handeln konnten. Noch einmal fand der Aufstand die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands unvorbereitet und zersplittert...

Die Januarschlacht hatte keinen Plan, sie ließ sich von keiner bestimmten Politik leiten, sie stand nicht vor der Frage: Angriff oder Verteidigung? Die Dezemberschlacht hatte nur den Vorzug, dass sie diese Frage klar aufwarf, aber auch das nur im Laufe des Kampfes und nicht gleich am Anfang des Kampfes. Was die Lösung dieser Frage betrifft, so zeigte der Dezemberaufstand eine ebensolche Schwäche wie der Januaraufstand. Wären die Moskauer Revolutionäre gleich von Anfang an der Politik des Angriffs gefolgt, hätten sie, sagen wir, gleich am Anfang den Nikolaus-Bahnhof angegriffen und besetzt, so wäre der Aufstand selbstredend von längerer Dauer gewesen und hätte eine erwünschtere Richtung eingeschlagen. Oder wenn z. B. die lettischen Revolutionäre die Politik des Angriffs entschlossen durchgeführt und nicht zu schwanken begonnen hätten, so hätten sie sich zweifellos zu allererst der Geschützbatterien bemächtigt, die Administration dadurch jeder Stütze beraubt, die anfänglich die Besetzung der Städte durch die Revolutionäre zuließ, dann aber, neuerlich zum Angriff übergehend, die besetzten Gegenden mit Hilfe der Geschütze zurückeroberte.[Anmerkung 51] Das gleiche muss auch hier über die anderen Städte gesagt werden. Nicht umsonst sagte Marx: Im Aufstand siegt die Kühnheit, und restlos kühn kann nur derjenige sein, der sich an die Angriffspolitik hält. Das sind die Ursachen, die den Rückzug des Proletariats Mitte Dezember hervorriefen.

Wenn sich die Bauernschaft und die Truppen in ihrer erdrückenden Masse dem Dezemberaufstand nicht anschlössen, wenn diese Schlacht sogar in manchen „demokratischen" Kreisen Unzufriedenheit hervorrief, so geschah dies, weil sie nicht mit dem Krafteinsatz geführt wurde und anhaltend genug war, wie das für die Ausbreitung des Aufstands und seinen Sieg so notwendig ist. Aus dem Gesagten ist klar, was wir, die Sozialdemokraten Rußlands, heute tun müssen. Erstens ist es unsere Aufgabe, das von uns bereits begonnene Werk - die Schaffung einer einheitlichen und unteilbaren Partei - zu vollenden. Die gesamtrussischen Konferenzen der „Mehrheit" und der „Minderheit" haben bereits die organisatorischen Grundlagen für die Vereinigung ausgearbeitet. Die Leninsche Formulierung der Parteimitgliedschaft und der demokratische Zentralismus wurden angenommen. Die ideologischen Zentren und die mit der praktischen Arbeit beauftragten Zentren sind bereits verschmolzen, und die Verschmelzung der örtlichen Organisationen ist schon fast beendet. Notwendig ist nur ein Vereinigungsparteitag, der die faktische Vereinigung formell vollendet und damit die einheitliche und unteilbare Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands schafft. Unsere Aufgabe ist es, dieses für uns teure Werk zu fördern und den Vereinigungsparteitag sorgfältig vorzubereiten, der bekanntlich in der nächsten Zeit eröffnet werden soll.

Zweitens ist es unsere Aufgabe, der Partei bei der Organisierung des bewaffneten Aufstands Beistand zu leisten, aktiv in diese heilige Sache einzugreifen und unermüdlich für sie zu arbeiten. Unsere Aufgabe ist es, die roten Kampfscharen zu mehren, sie auszubilden und zusammenzuschweißen, unsere Aufgabe ist es, mit Waffengewalt Waffen zu beschaffen, die Lage der staatlichen Institutionen zu ermitteln, die Kräfte des Feindes zu berechnen, seine starken und schwachen Seiten auszuforschen und dementsprechend den Aufstandsplan auszuarbeiten. Unsere Aufgabe ist es, eine systematische Agitation für den Aufstand in der Armee und auf dem Lande zu betreiben, besonders in den Dörfern nahe den Städten, die zuverlässigen Elemente dieser Dörfer zu bewaffnen usw. usw...

Drittens ist es unsere Aufgabe, mit allen Schwankungen Schluss zu machen, jede Unbestimmtheit zu verurteilen und entschlossen die Angriffspolitik durchzuführen... Kurzum, eine geschlossene Partei, ein von der Partei organisierter Aufstand und eine Angriffspolitik - das ist es, was wir heute für den Sieg des Aufstands nötig haben. Und diese Aufgabe wird umso akuter und dringlicher, je mehr sich der Hunger auf dem Lande und die Industriekrise in der Stadt vertiefen und verschärfen.

Manche Leute sind, wie sich herausstellt, von Zweifeln an der Richtigkeit dieser AbcWahrheit befallen, und sie sagen hoffnungslos: was kann die Partei tun, und wäre sie auch einheitlich, wenn sie es nicht versteht, das Proletariat um sich zu scharen, das Proletariat aber sei zerschlagen, es habe die Hoffnung verloren und ihm sei nicht nach Initiative zumute, Rettung dürften wir jetzt nur vom Dorf e erwarten, die Initiative müsste vom Dorf ausgehen usw. Man kann nicht umhin zu bemerken, dass die Genossen, die so urteilen, schwer im Irrtum sind. Das Proletariat ist keineswegs zerschlagen, denn dies würde seinen Tod bedeuten, im Gegenteil, es lebt nach wie vor und gewinnt jeden Tag an Kräften. Es hat sich nur zurückgezogen, um, wenn es Kräfte gesammelt hat, die letzte Schlacht mit der Zarenregierung aufzunehmen.

Als am 15. Dezember der Sowjet der Arbeiterdeputierten Moskaus - des gleichen Moskaus, das faktisch den Dezemberaufstand geleitet hat - vor dem ganzen Volke erklärte: wir stellen zeitweilig den Kampf ein, um uns ernstlich vorzubereiten, um das Banner des Aufstands abermals zu erheben - da sprach er die sehnlichsten Wünsche des Proletariats ganz Rußlands aus. Wenn nun manche Genossen trotzdem die Tatsachen leugnen, wenn sie keine Hoffnungen mehr auf das Proletariat setzen und sich jetzt an die Dorfbourgeoisie klammern - so fragt es sich: Mit wem haben wir es zu tun, mit Sozialrevolutionären oder mit Sozialdemokraten? Denn kein einziger Sozialdemokrat wird die Wahrheit bezweifeln, dass das städtische Proletariat der faktische (und nicht nur der ideologische) Führer des Dorfes ist. Man versicherte uns seinerzeit, die Selbstherrschaft sei nach dem 17. Oktober zerschlagen gewesen, wir aber glaubten auch das nicht, denn dies würde ihren Tod bedeutet haben, sie aber ist nicht nur nicht gestorben, sondern sie hat neue Kräfte gesammelt für einen neuen Angriff. Wir sagten, dass die Selbstherrschaft sich nur zurückgezogen hatte. Es hat sich herausgestellt, dass wir recht hatten...

Nein, Genossen! Das Proletariat Rußlands ist nicht geschlagen, es hat sich nur zurückgezogen und rüstet jetzt zu neuen, ruhmreichen Kämpfen. Das Proletariat Rußlands wird das blutgerötete Banner nicht senken, es wird die Leitung des Aufstands an niemand abtreten, es wird der einzige würdige Führer der russischen Revolution sein.

7. Januar 1906.

Nach dem "Wortlaut der vom Kaukasischen Bundeskomitee der SDAPR herausgegebenen Broschüre.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Die Reichsduma und die Taktik der Sozialdemokratie

[Anmerkung 52]

Ihr habt gewiss von der Bauernbefreiung gehört. Sie erfolgte zu einer Zeit, als die Regierung einen doppelten Schlag erhalten hatte: von außen durch die Niederlage auf der Krim, von innen durch die Bauernbewegung. Eben aus diesem Grunde war die Regierung, von zwei Seiten bedrängt, zum Nachgeben gezwungen und begann, von der Bauernbefreiung zu reden: „Wir selbst müssen die Bauern von oben befreien, sonst erhebt sich das Volk und wird mit eigenen Händen die Befreiung von unten durchsetzen." Wir wissen, was das für eine „Befreiung von oben" war... Und wenn sich das Volk damals täuschen ließ, wenn der Regierung ihre pharisäischen Pläne gelangen, wenn sie mit Hilfe von Reformen ihre Stellung festigte und dadurch den Sieg des Volkes hinausschob, so bedeutet das unter anderem, dass das Volk damals noch nicht vorbereitet war und dass es sich leicht täuschen ließ.

Die gleiche Geschichte wiederholt sich im Leben Rußlands auch jetzt. Bekanntlich erhält die Regierung auch jetzt einen ebensolchen doppelten Schlag: von außen durch die Niederlage in der Mandschurei, von innen durch die Volksrevolution. Bekanntlich ist die Regierung, von zwei Seiten bedrängt, noch einmal zum Nachgeben genötigt und redet ebenso wie damals über „Reformen von oben": „Wir müssen dem Volk eine Reichsduma von oben geben, sonst erhebt sich das Volk und beruft selbst eine Konstituierende Versammlung von unten ein." Auf diese Weise wollen sie durch die Einberufung der Duma die Volksrevolution beschwichtigen, ebenso wie sie schon einmal durch die „Bauernbefreiung" die große Bauernbewegung beschwichtigt haben. Daraus ergibt sich unsere Aufgabe, mit aller Entschlossenheit die Pläne der Reaktion zu durchkreuzen, die Reichsduma wegzufegen und dadurch den Weg zu bahnen für die Volksrevolution. Was ist das, die Duma, aus was für Leuten besteht sie?

Die Duma ist eine Missgeburt von Parlament. Sie wird nur zum Schein eine beschließende Stimme besitzen, in Wirklichkeit aber wird sie nur eine beratende Stimme haben, denn über ihr werden als Zensoren ein Oberhaus und die mit allen Machtmitteln gerüstete Regierung stehen. In dem Manifest wird direkt gesagt, dass kein Beschluß der Duma durchgeführt werden kann, wenn er nicht vom Oberhaus und dem Zaren gebilligt wird. Die Duma ist kein Volksparlament, sie ist ein Parlament der Volksfeinde, denn die Wahlen zur Duma werden weder allgemein noch gleich, weder direkt noch geheim sein. Das geringfügige Wahlrecht, das den Arbeitern eingeräumt wird, existiert nur auf dem Papier. Von den 98 Wahlmännern, die für das Gouvernement Tiflis die Dumadeputierten wählen sollen, können nur zwei aus der Arbeiterschaft sein, die übrigen 96 Wahlmänner müssen anderen Klassen angehören - heißt es im Manifest. Von den 32 Wahlmännern, die für die Kreise Batum und Suchum die Dumadeputierten entsenden sollen, kann nur einer aus der Arbeiterschaft sein, die übrigen 31 Wahlmänner müssen aus den anderen Klassen sein - heißt es im Manifest. Das gleiche muss auch von den anderen Gouvernements gesagt werden. Es erübrigt sich zu sagen, dass nur Vertreter der anderen Klassen als Deputierte durchkommen werden. Kein einziger Deputierter von den Arbeitern, keine einzige Stimme für die Arbeiter - auf dieser Grundlage wird die Duma aufgebaut. Fügt man zu alledem noch den Ausnahmezustand, berücksichtigt man die Unterdrückung der Rede-, Presse-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit, so ist ganz von selbst klar, was für ein Publikum in der zaristischen Duma zusammenkommen wird...

Es erübrigt sich zu sagen, dass wir mit um so größerer Entschlossenheit bemüht sein müssen, diese Duma wegzufegen und das Banner der Revolution zu entrollen. Wie können wir die Duma wegfegen: durch die Beteiligung an den Wahlen oder durch den Boykott der Wahlen? - das ist jetzt die Frage. Die einen sagen: Wir müssen uns unbedingt an den Wahlen beteiligen, um die Reaktion in den von ihr selbst ausgelegten Netzen zu verstricken und dadurch die Reichsduma endgültig zum Scheitern zu bringen.

Die anderen antworten ihnen: Durch die Wahlbeteiligung helft ihr unwillkürlich der Reaktion bei der Schaffung der Duma und geratet auf diese Weise selber mit beiden Beinen in die von der Reaktion ausgelegten Netze. Dies bedeutet aber, dass ihr zuerst gemeinsam mit der Reaktion die zaristische Duma schafft, und dann unter dem Druck des Lebens versucht, die von euch selbst geschaffene Duma zu zerstören, was unvereinbar ist mit den sich aus der Prinzipienfestigkeit unserer Politik ergebenden Anforderungen. Damit ihr es später nicht nötig habt, das zu zerstören, was ihr selbst geschaffen habt, von zwei Dingen eins: entweder verzichtet ihr auf die Beteiligung an den Wahlen und schreitet zur Sprengung der Duma oder ihr verzichtet auf die Sprengung der Duma und geht zu den Wahlen. Es ist klar, dass der einzig richtige Weg der aktive Boykott ist, mit dem wir die Reaktion vom Volke isolieren, die Sprengung der Duma organisieren und damit diesem Scheinparlament jeden Boden entziehen. So urteilen die Anhänger des Boykotts. Wer von ihnen hat nun recht?

Für eine wahrhaft sozialdemokratische Taktik sind zwei Bedingungen notwendig: die erste ist die, dass sie dem Gang des gesellschaftlichen Lebens nicht widersprechen darf, und die zweite, dass sie den revolutionären Geist der Massen immer höher heben muss. Die Taktik der Wahlbeteiligung widerspricht dem Gang des gesellschaftlichen Lebens, denn das Leben untergräbt die Grundpfeiler der Duma, während die Wahlbeteiligung diese Grundpfeiler festigt und sich dadurch mit dem Leben in Widerspruch setzt. Die Taktik des Boykotts dagegen ergibt sich von selbst aus dem Gang der Revolution, denn zusammen mit der Revolution diskreditiert und untergräbt sie von allem Anfang an die Grundpfeiler der Polizeiduma.

Die Taktik der Wahlbeteiligung schwächt den revolutionären Geist des Volkes, denn die Anhänger der Beteiligung rufen das Volk zu Polizeiwahlen auf, nicht aber zu revolutionären Handlungen, sie sehen das Heil im Stimmzettel und nicht in der Aktion des Volkes. Die Polizeiwahlen aber werden im Volk eine trügerische Vorstellung von der Reichsduma hervorrufen, in ihm falsche Hoffnungen wecken und es unwillkürlich auf den Gedanken bringen: Die Duma ist offenbar gar nicht so schlecht, denn sonst würden uns die Sozialdemokraten nicht raten, uns an ihr zu beteiligen: vielleicht wird uns das Glück gewogen und die Duma uns von Nutzen sein.

Die Taktik des Boykotts dagegen sät keinerlei falsche Hoffnungen auf die Duma, sondern besagt direkt und unzweideutig, dass die einzige Rettung in der siegreichen Aktion des Volkes liegt, dass die Befreiung des Volkes nur mit den Händen des Volkes selbst verwirklicht werden kann, und da die Duma hierfür ein Hindernis ist, so gilt es, sich jetzt gleich an ihre Beseitigung zu machen. Hier verlässt sich das Volk nur auf sich selbst und nimmt von allem Anfang an eine der Duma als der Zitadelle der Reaktion feindliche Stellung ein, und dies wird seine revolutionäre Stimmung immer höher heben und den Boden für eine allgemeine siegreiche Aktion bereiten. Die revolutionäre Taktik muss klar, exakt und bestimmt sein, und die Boykott-Taktik besitzt gerade diese Eigenschaften.

Man sagt, Agitation in Worten allein sei ungenügend, die Massen müssten durch Tatsachen von der Untauglichkeit der Duma überzeugt werden, und auf diese Weise müsse man zu ihrer Sprengung beitragen, für alles dies aber bedürfe es der Wahlbeteiligung, und nicht des aktiven Boykotts. Hierauf antworten wir folgendes. Gewiss kommt der Agitation durch Tatsachen viel mehr Bedeutung zu als einer Erläuterung mit Worten. Eben aus diesem Grunde gehen wir in die Wahlversammlungen des Volkes, um im Kampfe mit anderen Parteien, in Zusammenstößen mit ihnen dem Volk handgreiflich die Wortbrüchigkeit der Reaktion und der Bourgeoisie zu zeigen und damit die Wähler „durch Tatsachen zu agitieren". Wenn nun die Genossen sich hiermit nicht zufrieden geben, wenn sie zu alledem auch noch die Wahlbeteiligung hinzufügen, so muss bemerkt werden, dass die Wahlen an und für sich - die Abgabe oder Nichtabgabe von Stimmzetteln - weder zu der Agitation „durch Tatsachen" noch zu der Agitation „in Worten" auch nur einen Deut hinzufügen. Der sich hieraus ergebende Schaden aber ist groß, da die Anhänger der Beteiligung bei dieser „Agitation durch Tatsachen" unwillkürlich die Existenz der Duma billigen und dadurch den Boden unter ihren Füßen festigen. Wodurch wollen denn nun die Genossen diesen gewaltigen Schaden wettmachen? Durch die Abgabe von Stimmzetteln? Es lohnt nicht, davon auch nur zu reden.

Auf der anderen Seite muss auch die „Agitation durch Tatsachen" ihre Grenzen haben. Als Gapon mit Kreuz und Ikonen den Petersburger Arbeitern voranschritt, da sagte er ebenfalls, das Volk glaube an die Güte des Zaren, es habe sich noch nicht davon überzeugt, dass die Regierung verbrecherisch sei, und wir müssten es zum Palast des Zaren führen. Gapon irrte sich selbstverständlich. Seine Taktik war eine schädliche Taktik, wie der 9. Januar bestätigt hat. Dies bedeutet aber, dass wir uns von der Gaponschen Taktik fernhalten müssen. Die Boykott-Taktik dagegen ist die einzige Taktik, die mit Gapons Schlichen radikal aufräumt. Man sagt, der Boykott werde die Massen von ihrem fortgeschrittenen Teil losreißen, da uns beim Boykott nur der fortgeschrittene Teil folgen wird, während die Massen bei den Reaktionären und Liberalen bleiben, die sie auf ihre Seite hinüberziehen werden.

Wir antworten hierauf, dass die Massen, wo eine solche Erscheinung zu verzeichnen sein wird, offenbar mit anderen Parteien sympathisieren und sowieso keine Sozialdemokraten als Bevollmächtigte wählen werden, und wenn wir uns noch so sehr an den Wahlen beteiligen. Denn die Wahlen an sich können doch nicht die Massen revolutionieren! Was nun die Wahlagitation anbelangt, so wird sie von beiden Seiten betrieben, nur mit dem Unterschied, dass die Boykottanhänger gegen die Duma eine unversöhnlichere und entschlossenere Agitation betreiben als die Anhänger der Wahlbeteiligung, denn eine scharfe Kritik der Duma kann die Massen zum Verzicht auf die Wahlen veranlassen, und das passt den Anhängern der Wahlbeteiligung nicht in den Kram. Wird diese Agitation eine Wirkung haben, so wird sich das Volk um die Sozialdemokraten zusammenschließen, und wenn diese zum Boykott der Duma aufrufen, so wird das Volk ihnen unverzüglich folgen - und die Reaktionäre bleiben mit ihren wohlgeborenen Banditen allein. Hat die Agitation dagegen „keine Wirkung", so werden die Wahlen nur Schaden bringen, denn wir würden mit der Taktik der Beteiligung an der Duma gezwungen sein, die Tätigkeit der Reaktionäre zu billigen. Wie ihr seht, ist der Boykott das beste Mittel zum Zusammenschluss des Volkes um die Sozialdemokratie, natürlich nur dort, wo ein solcher Zusammenschluss möglich ist, während die Wahlen dort, wo er unmöglich ist, nur Schaden bringen.

Außerdem trübt die Taktik der Beteiligung an der Duma das revolutionäre Bewusstsein des Volkes. Die Sache ist die, dass alle reaktionären und liberalen Parteien sich an den Wahlen beteiligen. Welcher Unterschied zwischen ihnen und den Revolutionären besteht, auf diese Frage gibt die Taktik der Beteiligung den Massen keine direkte Antwort. Die Massen können die nichtrevolutionären Kadetten leicht mit den revolutionären Sozialdemokraten verwechseln. Die Boykott-Taktik aber zieht eine scharfe Scheidelinie zwischen den Revolutionären und den Nichtrevolutionären, die mit Hilfe der Duma die Grundlagen des alten Regimes retten wollen. Diese Scheidelinie zu ziehen aber ist von großer Bedeutung für die revolutionäre Aufklärung des Volkes. Schließlich sagt man uns, wir würden mit Hilfe der Wahlen Sowjets der Arbeiterdeputierten schaffen und dadurch die revolutionären Massen organisatorisch vereinigen.

Wir antworten hierauf, dass die Tätigkeit der Sowjets der Arbeiterdeputierten unter den gegenwärtigen Verhältnissen, wo die Teilnehmer auch der harmlosesten Versammlungen verhaftet werden, ganz unmöglich ist, so dass es folglich Selbstbetrug ist, sich eine solche Aufgabe zu stellen. Also dient die Taktik der Beteiligung unwillkürlich der Festigung der zaristischen Duma, sie schwächt den revolutionären Geist der Massen, sie trübt das revolutionäre Bewusstsein des Volkes, sie ist nicht imstande, irgendwelche revolutionären Organisationen zu schaffen, sie setzt sich in Widerspruch mit der Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens und muss daher von der Sozialdemokratie abgelehnt werden. Boykott-Taktik - dahin treibt heute die Entwicklung der Revolution. In der gleichen Richtung muss sich auch die revolutionäre Sozialdemokratie bewegen.

„Gantiadi" („Die Morgendämmerung") Nr. 3, 8. März 1906. Unterschrift: J. Bessoschwili.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgi

Die Agrarfrage

I

Die alten Zustände brechen zusammen, das Dorf ist in Wallung geraten. Die Bauernschaft, die gestern noch verschüchtert und erniedrigt war, richtet sich heute auf und strafft den Rücken. Die Bauernbewegung, die gestern noch hilflos war, drängt heute wie ein stürmischer Strom gegen die alten Zustände an: Bahn frei - sonst werdet ihr weggefegt! „Die Bauern wollen die Gutsländereien haben", „die Bauern wollen die Überreste der Leibeigenschaft vernichten", - solche Stimmen werden jetzt in den aufständischen Dörfern Rußlands laut. Auf dem Holzweg sind diejenigen, die die Bauern mit Kugeln zum Schweigen zu bringen gedenken: das Leben hat uns gezeigt, dass dies die revolutionäre Bewegung der Bauern noch mehr anfacht und verschärft.

Auf dem Holzweg sind auch diejenigen, die den Versuch machen, mit leeren Versprechungen und „Bauernbanken" die Bauern zu beschwichtigen: die Bauern wollen Land, sie sehen sogar im Traum dieses Land und sie werden sich begreiflicherweise nicht beruhigen, bis sie nicht von den Gutsländereien Besitz ergriffen haben. Was können leere Versprechungen und irgendwelche „Bauernbanken" ihnen geben? Die Bauern wollen von den Gutsländereien Besitz ergreifen. Auf diesem Wege streben sie die Vernichtung der Überreste der Leibeigenschaft an - und wer die Bauern nicht verrät, der muss sich bemühen, eben auf dieser Grundlage die Agrarfrage zu lösen. Wie aber kann die Bauernschaft die Gutsländereien in die Hand bekommen?

Man sagt, der einzige Ausweg liege darin, die Ländereien „zu Vorzugsbedingungen loszukaufen". Die Regierung und die Gutsbesitzer haben viele freie Ländereien, sagen uns diese Herrschaften, wenn die Bauern diese Ländereien loskaufen, so kommt alles von selbst in Ordnung und es werden die Wölfe satt sein und auch die Schafe unversehrt bleiben. Man fragt jedoch nicht, womit denn die Bauern diese Ländereien loskaufen sollen, wenn man ihnen nicht nur das Geld abgenommen, sondern auch ihr eigenes Fell abgezogen hat. Man denkt jedoch nicht daran, dass die Bauern beim Loskauf nur den unbrauchbaren Boden bekommen werden, während die Herren das brauchbare Land selbst behalten, wie sie das bei der „Befreiung der Leibeigenen" zu tun gewusst haben! Ja, und wozu sollen auch die Bauern das Land loskaufen, das ihnen von alters her gehört? Ist denn das Land des Fiskus nicht ebenso wie das der Gutsbesitzer mit dem Schweiße der Bauern getränkt, hat denn dieses Land nicht den Bauern gehört, wurde denn nicht der Besitz der Väter und der Vorväter den Bauern geraubt? Wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn man von den Bauern den Loskauf der doch ihnen selbst abgenommenen Ländereien verlangt? Und ist etwa die Frage der Bauernbewegung eine Frage des Kaufs und Verkaufs? Ist etwa die Bauernbewegung nicht auf die Befreiung der Bauern gerichtet? Wer aber wird die Bauern aus dem Joch der Leibeigenschaft befreien, wenn nicht die Bauern selbst? Diese Herrschaften aber versichern uns, die Bauern würden durch die Gutsbesitzer befreit werden, wenn man diesen nur einen Batzen Bargeld hinwürfe. Wie denn sonst! Diese „Befreiung" soll doch, erfährt man, unter der Leitung der zaristischen Bürokratie durchgeführt werden, der nämlichen Bürokratie, die die hungernde Bauernschaft so manches Mal mit Kanonen und Maschinengewehren empfangen hat! ...

Nein! Die Bauern wird der Loskauf der Ländereien nicht retten. Diejenigen, die ihnen einen „Loskauf zu Vorzugsbedingungen" anraten, sind Verräter, denn sie bemühen sich, die Bauernschaft in Maklernetzen zu fangen, und wollen nicht, dass die Befreiung der Bauern durch die Hände der Bauern selbst vollzogen werde. Wenn die Bauern von den Gutsländereien Besitz ergreifen wollen, wenn sie auf diese Weise die Überbleibsel der Leibeigenschaft vernichten sollen, wenn ein „Loskauf zu Vorzugsbedingungen" sie nicht rettet, wenn die Befreiung der Bauern durch die Hände der Bauern selbst vollzogen werden soll, so gibt es keinen Zweifel, dass der einzige Weg der ist, die Gutsländereien wegzunehmen, d. h. diese Ländereien zu konfiszieren. Das ist der Ausweg. Es fragt sich, wie weit diese Konfiskation gehen soll, ob sie eine Grenze hat, ob die Bauern nur einen Teil oder aber alle Ländereien wegnehmen sollen?

Manche sagen, alle Ländereien wegnehmen - das sei zuviel, es genüge, nur einen Teil der Ländereien wegzunehmen, um die Bauern zu befriedigen. Räumen wir das ein, aber was soll werden, wenn die Bauern mehr verlangen? Wir werden ihnen doch nicht quer in den Weg treten und sagen: Haltet ein, geht nicht weiter! Das wäre doch reaktionär! Haben denn die Ereignisse in Rußland nicht bewiesen, dass die Bauern wirklich die Konfiskation aller Gutsländereien verlangen? Außerdem, was heißt das, „einen Teil wegnehmen", welcher Teil soll den Gutsbesitzern weggenommen werden, die Hälfte oder ein Drittel? Wer soll über diese Frage entscheiden - die Gutsbesitzer allein oder die Gutsbesitzer und die Bauern zusammen? Wie man sieht, bleibt hier noch viel Spielraum für Maklertätigkeit, hier ist noch ein Schacher zwischen den Gutsbesitzern und den Bauern möglich, das aber widerspricht von Grund aus der Bauernbefreiung. Die Bauern müssen sich ein für allemal mit dem Gedanken vertraut machen, dass man mit den Gutsbesitzern nicht schachern soll, sondern kämpfen muss. Es gilt, das Joch der Leibeigenschaft nicht zu flicken, sondern zu zerschlagen, um die Überreste der Leibeigenschaft für immer zu vernichten. „Nur einen Teil wegnehmen" - das bedeutet, sich mit der Reparatur der Überbleibsel der Leibeigenschaft befassen, was mit der Befreiung der Bauern unvereinbar ist.

Es ist klar, dass der einzige Weg darin besteht, den Gutsbesitzern alle Ländereien wegzunehmen. Nur das kann die Bauernbewegung zum Ziel führen, nur das kann die Energie des Volkes verstärken, nur das kann die überalterten Reste der Leibeigenschaft beseitigen. Also: die gegenwärtige Bewegung des Dorfes ist eine demokratische Bauernbewegung. Das Ziel dieser Bewegung ist die Vernichtung der Überreste der Leibeigenschaft. Zur Vernichtung dieser Überreste aber ist die Konfiskation des gesamten Grund und Bodens der Gutsbesitzer und des Fiskus notwendig. Manche Herrschaften beschuldigen uns: Weshalb hat die Sozialdemokratie bisher nicht die Konfiskation alles Grund und Bodens verlangt, weshalb hat sie bisher nur von der Konfiskation der Boden-„abschnitte" gesprochen?

Deshalb, ihr Herren, weil im Jahre 1903, als die Partei von den Boden „abschnitten" sprach, die russische Bauernschaft noch nicht in die Bewegung hineingezogen war. Pflicht der Partei war es, eine Losung ins Dorf zu werfen, die die Herzen der Bauern entflammte und die Bauernschaft zum Kampf gegen die Überreste der Leibeigenschaft emporrisse. Eine solche Losung waren gerade die Boden„abschnitte", die die russische Bauernschaft eindringlich an die Ungerechtigkeit der Überreste der Leibeigenschaft erinnerte. Dann aber haben sich die Zeiten geändert. Die Bauernbewegung ist gewachsen. Sie braucht jetzt nicht mehr entfacht zu werden, sie flammt und prasselt schon. Heute ist nicht davon die Rede, wie die Bauernschaft in Bewegung gebracht werden soll, sondern davon, was die in Bewegung geratene "Bauernschaft fordern soll. Es ist klar, dass hier bestimmte Forderungen notwendig sind, und deshalb sagt die Partei der Bauernschaft, dass sie die Konfiskation des gesamten Grund und Bodens der Gutsbesitzer und des Fiskus fordern muss. Dies aber bedeutet, dass alles seine Zeit und seinen Ort hat, sowohl die Boden-„abschnitte" als auch die Konfiskation aller Ländereien.

II

Wir haben gesehen, dass die jetzige Bewegung des Dorfes eine Befreiungsbewegung der Bauern ist, wir haben ferner gesehen, dass es für die Befreiung der Bauern notwendig ist, die Überreste der Leibeigenschaft zu vernichten, dass es aber für die Vernichtung dieser Überreste notwendig ist, den Gutsbesitzern und dem Fiskus alle Ländereien wegzunehmen, um den Weg zu bahnen für ein neues Leben, für die freie Entwicklung des Kapitalismus. Nehmen wir an, alles dies sei geschehen. Wie sollen dann aber diese Ländereien verteilt werden, wem sollen sie als Eigentum übergeben werden? Die einen sagen, die weggenommenen Ländereien müssten dem Dorf als Gemeineigentum übergeben werden, es müsse sofort das Privateigentum an Grund und Boden aufgehoben werden, so dass das Dorf zum unumschränkten Herrn der Ländereien wird, sodann werde das Dorf selbst an die Bauern gleiche „Anteile" verteilen und auf diese Weise werde sofort der Sozialismus im Dorfe verwirklicht werden - an die Stelle der Lohnarbeit werde die ausgleichende Bodennutzung treten. Dies heiße „Sozialisierung des Grund und Bodens“, sagen uns die Sozialrevolutionäre.

Ist ein solcher Ausweg für uns annehmbar? Gehen wir der Sache auf den Grund. Zunächst einmal wollen die Sozialrevolutionäre die Verwirklichung des Sozialismus mit dem Dorfe beginnen. Ist das möglich? Jedermann weiß, dass die Stadt entwickelter ist als das Dorf, das die Stadt die Führerin des Dorfes ist, dass also jedwedes sozialistische Werk von der Stadt aus beginnen muss. Demgegenüber wollen die Sozialrevolutionäre das Dorf zum Führer der Stadt machen und es veranlassen, die Verwirklichung des Sozialismus zu beginnen, was wegen der Rückständigkeit des Dorfs selbstverständlich unmöglich ist. Man ersieht hieraus, dass der „Sozialismus" der Sozialrevolutionäre ein totgeborener Sozialismus sein würde.

Gehen wir jetzt zu der Frage über, dass sie sofort den Sozialismus im Dorfe verwirklichen wollen. Die Verwirklichung des Sozialismus - das ist die Aufhebung der Warenproduktion, die Abschaffung der Geldwirtschaft, die Zerstörung des Kapitalismus bis auf sein Fundament und die Vergesellschaftung aller Produktionsmittel. Die Sozialrevolutionäre aber wollen alles dies unangetastet lassen und nur den Grund und Boden vergesellschaften, was ganz unmöglich ist. Bleibt die Warenproduktion unversehrt, so wird auch der Grund und Boden zu einer Ware und wird sehr bald auf dem Markt erscheinen, so dass der „Sozialismus" der Sozialrevolutionäre in die Luft fliegt. Es ist klar, dass sie den Sozialismus im Rahmen des Kapitalismus verwirklichen wollen, was natürlich undenkbar ist. Ebendeshalb sagt man, dass der „Sozialismus" der Sozialrevolutionäre ein bürgerlicher Sozialismus ist.

Was die ausgleichende "Bodennutzung anbelangt, so muss gesagt werden, dass dies lediglich leere Worte sind. Die ausgleichende Bodennutzung erfordert Vermögensgleichheit, innerhalb der Bauernschaft aber existiert eine Vermögensungleichheit, die aufzuheben die gegenwärtige demokratische Revolution nicht in der Lage ist. Ist anzunehmen, dass der Besitzer von acht Paar Ochsen den Boden in dem gleichen Maße ausnutzen wird wie ein Bodenbesitzer, der keinen einzigen Ochsen hat? Die Sozialrevolutionäre aber glauben, die „ausgleichende Bodennutzung" werde die Lohnarbeit aus der Welt schaffen und der Entwicklung des Kapitals werde ein Ende gesetzt, was natürlich absurd ist. Offenbar wollen die Sozialrevolutionäre gegen die weitere Entwicklung des Kapitalismus kämpfen und das Rad der Geschichte zurückdrehen - darin sehen sie die Rettung. Die Wissenschaft aber sagt uns, dass der Sieg des Sozialismus von der Entwicklung des Kapitalismus abhängt, und wer gegen diese Entwicklung kämpft, der kämpft gegen den Sozialismus. Eben darum nennt man die Sozialrevolutionäre auch Sozialreaktionäre.

Wir sprechen schon gar nicht davon, dass die Bauern die Aufhebung des Feudaleigentums nicht gegen das bürgerliche Eigentum erkämpfen wollen, sondern auf dem Boden des bürgerlichen Eigentums - sie wollen die weggenommenen Ländereien als Privateigentum unter sich verteilen und werden sich nicht mit der „Sozialisierung des Grund und Bodens" zufrieden geben. Wie man sieht, ist die „Sozialisierung des Grund und Bodens" unannehmbar. Andere sagen, dass die weggenommenen Ländereien dem demokratischen Staat übergeben werden sollen, während die Bauern den Grund und Boden beim Staat nur pachten werden. Dies nennt man „Nationalisierung des Grund und Bodens".

Ist die Nationalisierung des Grund und Bodens annehmbar? Berücksichtigen wir, dass der künftige Staat, und sei er noch so demokratisch, dennoch ein bürgerlicher Staat sein wird, dass der Übergabe der Ländereien an einen solchen Staat eine politische Stärkung der Bourgeoisie folgen wird, was für das ländliche und städtische Proletariat äußerst unvorteilhaft ist; berücksichtigen wir ferner, dass auch die Bauern selbst gegen die „Nationalisierung des Grund und Bodens" sein und sich mit der Rolle bloßer Pächter nicht zufrieden geben werden - so begreift man von selbst, dass die „Nationalisierung des Grund und Bodens" den Interessen der gegenwärtigen Bewegung nicht entspricht. Folglich ist die „Nationalisierung des Grund und Bodens" ebenfalls unannehmbar. Wieder andere sagen, der Grund und Boden müsse das Eigentum der lokalen Selbstverwaltung werden, während die Bauern den Grund und Boden von den Organen der Selbstverwaltung pachten sollen. Dies nennt man „Munizipalisierung des Grund und Bodens".

Ist die Munizipalisierung des Grund und Bodens annehmbar? Was bedeutet „Munizipalisierung des Grund und Bodens"? Erstens bedeutet dies, dass die Bauern die Ländereien, die sie den Gutsbesitzern und dem Fiskus während des Kampfes abnehmen, nicht als Eigentum erhalten. Wie werden sich die Bauern dazu stellen? Die Bauern wollen den Boden als Eigentum erhalten, die Bauern wollen die weggenommenen Ländereien aufteilen, sie sehen sogar im Traum diese Ländereien als ihr Eigentum, und wenn man ihnen sagt, dass die Ländereien nicht ihnen, sondern Organen der Selbstverwaltung übergeben werden sollen, dann werden sich die Bauern zweifellos mit den Anhängern der „Munizipalisierung" nicht einverstanden erklären. Dies dürfen wir nicht vergessen. Wie soll es außerdem werden, wenn die von der Revolution hingerissenen Bauern sich alle weggenommenen Ländereien aneignen und den Organen der Selbstverwaltung nichts übriglassen? Wir werden ihnen doch nicht quer in den Weg treten und sagen: Haltet ein, diese Ländereien müssen den Organen der Selbstverwaltung, und nicht euch übergeben werden, für euch genügt auch die Pacht!

Zweitens müssten wir bei der Annahme der Losung der „Munizipalisierung" sogleich diese Losung ins Volk werfen und sofort den Bauern erklären, dass die Ländereien, für die sie kämpfen, die sie in ihre Hände nehmen wollen, den Organen der Selbstverwaltung, und nicht den Bauern als Eigentum übergeben werden sollen. Allerdings, hat die Partei großen Einfluss auf die Bauern, so werden diese sich möglicherweise mit ihr einverstanden erklären, aber es erübrigt sich zu sagen, dass die Bauern nun nicht mehr mit dem früheren Feuereifer kämpfen werden, was für die gegenwärtige Revolution äußerst schädlich sein würde. Hat aber die Partei keinen großen Einfluss auf die Bauern, dann werden sich die Bauern von ihr abwenden und ihr den Rücken kehren, was einen Konflikt zwischen den Bauern und der Partei hervorrufen und die Kräfte der Revolution in bedeutendem Maße schwächen wird.

Man wird uns sagen: Häufig widersprechen die Wünsche der Bauern dem Gang der Entwicklung, wir aber können nicht den Gang der Geschichte ignorieren und den Wünschen der Bauern stets folgen, - die Partei muss ihre Prinzipien haben. Die reinste Wahrheit! Die Partei muss sich von ihren Prinzipien leiten lassen. Eine Partei jedoch, die alle die oben erwähnten Bestrebungen der Bauern ablehnen wollte, würde ihren Prinzipien untreu werden. Wenn die Bestrebungen der Bauern, von den Gutsländereien Besitz zu ergreifen und sie aufzuteilen, dem Gang der Geschichte nicht widersprechen, wenn diese Bestrebungen sich im Gegenteil restlos aus der gegenwärtigen demokratischen Revolution ergeben, wenn ein wahrer Kampf gegen das Feudaleigentum nur auf dem Boden des bürgerlichen Eigentums möglich ist, wenn die Bestrebungen der Bauern gerade diese Tendenz widerspiegeln, - so begreift man von selbst, dass die Partei diese Forderungen der Bauern nicht ablehnen kann, denn diese Forderungen nicht zu unterstützen wäre gleichbedeutend mit einem Verzicht auf die Entwicklung der Revolution. Umgekehrt, wenn die Partei Prinzipien hat, wenn sie nicht zu einem Hemmschuh der Revolution werden will, so muss sie zur Verwirklichung dieser Bestrebungen der Bauern beitragen. Diese Bestrebungen widersprechen aber von Grund aus der „Munizipalisierung des Grund und Bodens"! Wie man sieht, ist auch die „Munizipalisierung des Grund und Bodens" unannehmbar.

III

Wir haben gesehen, dass weder die „Sozialisierung" noch die „Nationalisierung" noch die „Munizipalisierung", dass keine einzige von ihnen den Interessen der gegenwärtigen Revolution in der gehörigen Weise Genüge leisten kann. Wie aber sollen nun die weggenommenen Ländereien verteilt werden, wem sollen sie als Eigentum übergeben werden? Es ist klar, dass die durch die Bauern weggenommenen Ländereien den Bauern selbst übergeben werden müssen, damit diese die Möglichkeit erhalten, diese Ländereien unter sich aufzuteilen. So muss die oben aufgeworfene Frage gelöst werden. Die Aufteilung des Grund und Bodens wird eine Mobilisierung des Eigentums hervorrufen. Die Minderbemittelten werden ihr Land verkaufen und den Weg der Proletarisierung gehen, die Wohlhabenden werden neues Land erwerben und zur Verbesserung der Bearbeitungstechnik schreiten, das Dorf wird sich in Klassen teilen, es wird ein verschärfter Klassenkampf entbrennen, und so wird das Fundament für die weitere Entwicklung des Kapitalismus gelegt werden. Wie man sieht, ergibt sich die Aufteilung des Grund und Bodens aus der gegenwärtigen ökonomischen Entwicklung von selbst.

Auf der anderen Seite wird die Losung: „Der Boden den Bauern, nur den Trauern und niemand sonst" die Bauernschaft aufmuntern, ihr neue Kraft verleihen und mithelfen, die bereits begonnene revolutionäre Bewegung im Dorf zu Ende zu führen. Wie man sieht, weist auch der Gang der gegenwärtigen Revolution auf die Notwendigkeit hin, die Ländereien aufzuteilen. Die Gegner beschuldigen uns, wir erweckten mit alledem die Kleinbourgeoisie zu neuem Leben, und das widerspreche von Grund aus der Lehre von Marx. Da schreibt die „Rewoluzionnaja Rossija"[Anmerkung 53] „Indem ihr der Bauernschaft helft, die Gutsbesitzer zu expropriieren, fördert ihr unbewusst die Verbreitung der kleinbürgerlichen Wirtschaft auf den Trümmern bereits mehr oder weniger entwickelter Formen der kapitalistischen Landwirtschaft. Ist das nicht ein ‚Schritt zurück’ gegenüber dem Standpunkt des orthodoxen Marxismus?" (Siehe „Rewoluzionnaja Rossija" Nr. 75.)

Ich muss sagen, dass die Herren „Kritiker" die Tatsachen durcheinander gebracht haben. Sie haben vergessen, dass die Gutsherrenwirtschaft keine kapitalistische Wirtschaft ist, dass sie ein Überbleibsel der Leibeigenenwirtschaft darstellt, und dass folglich durch die Expropriation der Gutsbesitzer die Überreste der Leibeigenenwirtschaft zerstört werden, nicht aber die kapitalistische Wirtschaft. Sie haben auch vergessen, dass, wie der Marxismus zeigt, der Leibeigenenwirtschaft niemals unmittelbar die kapitalistische Wirtschaft gefolgt ist, noch folgen kann - zwischen ihnen steht die kleinbürgerliche Wirtschaft, die die feudale Wirtschaft ablöst und dann in kapitalistische Wirtschaft übergeht. Karl Marx hat schon in Band III des „Kapitals" gesagt, dass der Feudalwirtschaft in der Geschichte zunächst die kleinbürgerliche Landwirtschaft folgte und erst danach sich die großkapitalistische Wirtschaft entwickelte - es gab keinen unmittelbaren Sprung von der einen zu der anderen, und es konnte ihn auch nicht geben. Demgegenüber aber sagen uns diese seltsamen „Kritiker", die Wegnahme der Gutsländereien und ihre Aufteilung seien vom Standpunkt des Marxismus aus ein Rückschritt! Bald werden sie uns noch beschuldigen, auch die „Aufhebung der Leibeigenschaft" sei vom Standpunkt des Marxismus aus ein Rückschritt, da auch damals einige Ländereien den Gutsbesitzern „weggenommen" und den kleinen Landwirten, den Bauern übergeben worden seien! Komische Leute! Sie begreifen nicht, dass der Marxismus alles vom historischen Standpunkt aus betrachtet, dass die kleinbürgerliche Landwirtschaft vom Standpunkt des Marxismus aus der Leibeigenenwirtschaft gegenüber fortschrittlich ist, dass die Zerstörung der Leibeigenenwirtschaft und die Einführung der kleinbürgerlichen Wirtschaft eine notwendige Voraussetzung ist für die Entwicklung des Kapitalismus, der in der Folgezeit diese kleinbürgerliche Wirtschaft verdrängen wird... Aber lassen wir die „Kritiker" in Ruhe.

Es kommt darauf an, dass die Tibergabe der Ländereien an die "Bauern und ihre darauf folgende Aufteilung die Überbleibsel der Leibeigenschaft in ihren Grundlagen untergräbt, der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft den Boden bereitet, den revolutionären Aufschwung bedeutend verstärkt, und gerade deshalb ist dies für die Sozialdemokratische Partei annehmbar. Somit ist zur Vernichtung der Überreste der Leibeigenschaft die Konfiskation aller Gutsländereien notwendig, und diese Ländereien müssen die Bauern als Eigentum erhalten und entsprechend ihren Interessen unter sich aufteilen. Auf dieser Grundlage muss das Agrarprogramm der Partei aufgebaut werden.

Man wird uns sagen: Alles dies bezieht sich auf die Bauern, aber was gedenkt ihr mit den Landproletariern zu tun? Wir antworten ihnen: Brauchen die Bauern ein demokratisches Agrarprogramm, so gibt es für die Dorf- und Stadtproletarier ein sozialistisches Programm, worin ihre Klasseninteressen zum Ausdruck gebracht werden, während ihre Tagesinteressen in den 16 Punkten des Minimalprogramms berücksichtigt sind, wo von der Verbesserung der Arbeitsbedingungen gesprochen wird (siehe das auf dem II. Parteitag angenommene Parteiprogramm). Vorläufig aber kommt die unmittelbare sozialistische Arbeit der Partei darin zum Ausdruck, dass sie unter den Landproletariern sozialistische Propaganda betreibt, sie zu eigenen sozialistischen Organisationen zusammenschließt und sie mit den Stadtproletariern zu einer besonderen politischen Partei verschmelzt. Die Partei hat es ständig mit diesem Teil der Bauern zu tun und sagt ihnen: Soweit ihr die demokratische Revolution verwirklicht, haltet Verbindung mit den kämpfenden Bauern und kämpft gegen die Gutsbesitzer, soweit ihr aber zum Sozialismus schreitet, vereinigt euch entschlossen mit den Stadtproletariern und kämpft schonungslos gegen jeden Bourgeois, ob er nun Bauer oder Adliger sei. Gemeinsam mit den Bauern für die demokratische Republik! Gemeinsam mit den Arbeitern für den Sozialismus! - das sagt die Partei den Dorfproletariern. Entfachen die Bewegung der Proletarier und ihr sozialistisches Programm die Flamme des Klassenkampfes, um dadurch für immer jedwedes Klassenwesen zu vernichten, so entfachen die Bauernbewegung und ihr demokratisches Agrarprogramm ihrerseits im Dorfe die Flamme des Ständekampes, um damit von Grund aus jedwedes Ständewesen zu vernichten.

P. S. Zum Schluss des Artikels können wir nicht umhin, auf den Brief eines Lesers einzugehen, der uns folgendes schreibt: „Mich hat Ihr erster Artikel dennoch nicht befriedigt. War denn die Partei nicht gegen die Konfiskation aller Ländereien? Wenn dem aber so war, warum hat sie davon nichts gesagt?" Nein, verehrter Leser, die Partei war niemals gegen eine solche Konfiskation. Schon auf dem II. Parteitag, eben auf dem Parteitag, wo der Punkt über die Boden „abschnitte" angenommen wurde, schon auf diesem Parteitag (1903) erklärte die Partei durch den Mund Plechanows und Lenins, dass wir die Bauern unterstützen werden, wenn sie die Konfiskation aller Ländereien verlangen. (Siehe Protokoll des II. Parteitags) Zwei Jahre später (1905) gaben beide Fraktionen der Partei, die „Bolschewiki" auf dem III. Parteitag und die „Menschewiki" auf der ersten Konferenz, einmütig die Erklärung ab, dass sie die Bauern in der Frage der Konfiskation aller Ländereien voll und ganz unterstützen werden. (Siehe Protokoll des III. Parteitags und die „Erste Konferenz".) Später wurde in den Zeitungen der beiden Parteiströmungen, sowohl in der „Iskra" und dem „Proletari" als auch in der „Nowaja Shisn"[Anmerkung 54] und im „Natschalo",[Anmerkung 55] die Bauernschaft wiederholt zur Konfiskation aller Ländereien aufgefordert... Sie sehen also, die Partei war gleich von Anfang an für die Konfiskation aller Ländereien, und folglich haben Sie keinerlei Anlass zu glauben, die Partei trottete im Nachtrab der Bauernbewegung einher. Die Bauernbewegung hatte noch gar nicht richtig begonnen, die Bauern hatten noch nicht einmal die Boden „abschnitte" verlangt, die Partei aber sprach bereits auf ihrem II. Parteitag von der Konfiskation aller Ländereien.

Fragen Sie uns nun trotzdem, weshalb wir damals, in demselben Jahre 1903, die Forderungen nach der Konfiskation aller Ländereien nicht in das Programm aufgenommen haben, so antworten wir Ihnen mit einer Gegenfrage: Weshalb haben denn die Sozialrevolutionäre nicht gleich im Jahre 1900 die Forderung der demokratischen Republik in ihr Programm aufgenommen, waren sie etwa gegen diese Forderung? (Siehe „Unsere Aufgaben", Verlag des „Bundes der Sozialrevolutionäre"; 1900.) Weshalb sprach man damals nur von der Nationalisierung, während man uns heute mit der Sozialisierung in den Ohren liegt? Und wenn wir heute in unserem Minimalprogramm nichts vom siebenstündigen Arbeitstag sagen, heißt das etwa, dass wir dagegen wären? Worum handelt es sich also? Nur darum, dass 1903, als die Bewegung noch nicht erstarkt war, die Konfiskation aller Ländereien auf dem Papier geblieben wäre, dass die noch nicht erstarkte Bewegung mit dieser Forderung nicht fertig geworden wäre, weshalb jener Zeit die Boden „abschnitte" mehr entsprachen. In der Folgezeit aber, als die Bewegung heranwuchs und praktische Fragen aufwarf, musste die Partei zeigen, dass die Bewegung bei den Boden „abschnitten" nicht stehen bleiben kann und darf, dass die Konfiskation aller Ländereien notwendig ist. Das sind die Tatsachen.

Schließlich einige Worte über „Znobis Purzeli"[Anmerkung 56] (siehe Nr. 3033). Diese Zeitung faselt von „Mode" und „Prinzip" und versichert, die Partei habe einst die Boden „abschnitte" zum Prinzip erhoben. Dass dies Lüge ist, dass die Partei gleich von allem Anfang an prinzipiell vor aller Welt die Konfiskation aller Ländereien anerkannt hat, das konnte der Leser auch oben sehen. Was nun die Tatsache anbelangt, dass „Znobis Purzeli" Prinzipien nicht von den praktischen Fragen unterscheiden kann, so ist das kein Malheur - es wird älter werden und sie unterscheiden lernen. („Znobis Purzeli" hat irgendwo „gehört", dass die „Sozialdemokraten Rußlands ... ein neues Agrarprogramm angenommen haben, demzufolge sie ... die Munizipalisierung der Ländereien unterstützen". Ich muss erklären, dass die Sozialdemokraten Rußlands keinerlei derartiges Programm angenommen haben. Die Annahme eines Programms ist Sache des Parteitags, dieser Parteitag aber hat noch nicht stattgefunden. Es ist klar, dass „Znobis Purzeli" von irgendjemand oder durch irgendetwas irregeführt worden ist. „Znobis Purzeli" würde sehr gut tun, seine Leser nicht mit Gerüchten zu traktieren.)

„Elwa" („Der 'Blitz") "Nr. 5, 9 und 10, 17., 22. und 23. März 1906. Unterschrift: J. Bessoschwili.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Zur Agrarfrage (2)

Man erinnert sich gewiss des letzten Artikels über die „Munizipalisierung" (siehe „Elwa"[Anmerkung 57] Nr. 12). Wir wollen uns nicht auf eine Erörterung aller Fragen, die der Autor berührt, einlassen: das wäre weder von Interesse noch von Nutzen. Wir wollen lediglich die beiden Hauptfragen streifen: Widerspricht die Munizipalisierung der Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und ist die Aufteilung der Ländereien reaktionär? Eben in dieser Weise stellt unser Genösse die Frage. Offenbar scheinen ihm die Munizipalisierung, die Aufteilung der Ländereien und ähnliche Fragen prinzipielle Fragen zu sein, während unsere Partei die Agrarfrage auf eine ganz andere Grundlage stellt. Die Sache ist die, dass die Sozialdemokratie weder die Nationalisierung noch die Munizipalisierung noch die Aufteilung der Ländereien für eine prinzipielle Frage hält und gegen keine von ihnen prinzipielle Einwendungen hat. Man nehme das „Manifest" von Marx, „Die Agrarfrage" Kautskys, das „Protokoll des II. Parteitags", „Die Agrarfrage in Rußland" des nämlichen Kautsky, und man wird sehen, dass dem so ist. Die Partei betrachtet alle diese Fragen vom Standpunkt der Praxis und stellt die Agrarfrage auf eine praktische Grundlage: Was verwirklicht unser Prinzip vollständiger - die Munizipalisierung, die Nationalisierung oder die Aufteilung der Ländereien? Eben auf diese Grundlage stellt die Partei die Frage.

Man begreift, dass das Prinzip des Agrarprogramms - die Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und die freie Entwicklung des Klassenkampfes - unverändert geblieben ist, verändert haben sich nur die Mittel zur Verwirklichung dieses Prinzips. Eben auf diese Weise hätte auch der Autor die Frage stellen sollen: Was ist besser für die Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und die Entwicklung des Klassenkampfes - die Munizipalisierung oder die Aufteilung der Ländereien? Er aber ist ganz plötzlich auf das Gebiet der Prinzipien hinübergeschwenkt, gibt praktische Fragen für prinzipielle Fragen aus und fragt uns: „Widerspricht der Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und der Entwicklung des Kapitalismus" die so genannte Munizipalisierung? Der Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und der Entwicklung des Kapitalismus widerspricht weder die Nationalisierung noch die Aufteilung der Ländereien, aber das heißt doch nicht, dass es zwischen ihnen keinen Unterschied gibt, dass ein Anhänger der Munizipalisierung gleichzeitig auch Anhänger sowohl der Nationalisierung als auch der Aufteilung der Ländereien sein muss! Es ist klar, dass es zwischen ihnen irgendeinen praktischen Unterschied gibt. Gerade darauf kommt es an, und eben deshalb hat die Partei die Frage ja auf eine praktische Grundlage gestellt. Der Autor aber, wie wir oben bemerkt haben, brachte die Frage auf eine ganz andere Ebene, vermengte das Prinzip und die Mittel zu seiner Verwirklichung und umging auf diese Weise unwillkürlich die von der Partei aufgeworfene Frage.

Weiter versichert uns der Autor, die Aufteilung der Ländereien sei reaktionär, d. h. er macht uns den gleichen Vorwurf, den wir von den Sozialrevolutionären wiederholt zu hören bekommen haben. Wenn die Sozialrevolutionären Metaphysiker uns sagen, die Aufteilung der Ländereien sei vom Standpunkt des Marxismus aus reaktionär, so setzt uns ein solcher Vorwurf nicht im geringsten in Erstaunen, denn wir wissen ausgezeichnet, dass sie die Sache nicht vom Standpunkt der Dialektik aus betrachten - sie wollen nicht begreifen, dass alles seine Zeit und seinen Ort hat, und was morgen reaktionär wird, heute revolutionär sein kann. Wenn uns jedoch materialistische Dialektiker mit demselben Vorwurf kommen, so müssen wir allerdings fragen: Wodurch unterscheiden sich dann Dialektiker und Metaphysiker voneinander? Selbstverständlich wäre die Aufteilung der Ländereien reaktionär, wenn sie gegen die Entwicklung des Kapitalismus gerichtet wäre, wenn sie jedoch gegen die Überreste der Leibeigenschaft gerichtet ist, so ist es von selbst klar, dass die Aufteilung der Ländereien ein revolutionäres Mittel ist, das die Sozialdemokratie unterstützen muss. Wogegen ist heute die Aufteilung der Ländereien gerichtet: gegen den Kapitalismus oder gegen die Überreste der Leibeigenschaft? Kein Zweifel, dass sie gegen die Überreste der Leibeigenschaft gerichtet ist. Die Frage erledigt sich also von selber.

Natürlich wird die Aufteilung der Ländereien, nachdem sich der Kapitalismus im Dorfe genügend durchgesetzt hat, zu einer reaktionären Maßnahme werden, da sie gegen die Entwicklung des Kapitalismus gerichtet sein wird, aber dann wird die Sozialdemokratie sie auch nicht unterstützen. Gegenwärtig verficht die Sozialdemokratie eifrig die Forderung der demokratischen Republik als revolutionär, später aber, wenn die Frage der Diktatur des Proletariats praktische Gestalt annimmt, wird die demokratische Republik bereits reaktionär sein und die Sozialdemokratie wird bemüht sein, sie zu beseitigen. Das gleiche muss auch von der Aufteilung der Ländereien gesagt werden. Die Aufteilung der Ländereien und die kleinbürgerliche Wirtschaft überhaupt sind revolutionär, wenn gegen die Überreste der Leibeigenschaft gekämpft wird, aber die gleiche Aufteilung der Ländereien ist reaktionär, wenn sie gegen die Entwicklung des Kapitalismus gerichtet ist. Das ist die dialektische Auffassung von der gesellschaftlichen Entwicklung. Auf diese dialektische Art sieht Karl Marx die kleinbürgerliche Landwirtschaft an, wenn er sie in Band III des „Kapitals" im Vergleich zur Feudalwirtschaft als fortschrittlich bezeichnet. Abgesehen von alledem sagt übrigens K. Kautsky über die Aufteilung: „Die Verteilung der Bodenreserve, das heißt des großen Grundeigentums, wie sie heute die russische Bauernschaft fordert und auch schon anfängt, praktisch durchzuführen..., ist also nicht bloß unvermeidlich und notwendig, sondern auch höchst nützlich, und die Sozialdemokratie hat alle Ursache, diesen Prozess zu unterstützen." (Siehe „Die Agrarfrage in Rußland", S. 11.)

Bei der Lösung der Frage kommt der richtigen Fragestellung gewaltige Bedeutung zu. Jede Frage muss dialektisch gestellt werden, d. h. wir dürfen niemals vergessen, dass sich alles verändert, dass alles seine Zeit und seinen Ort hat, dass wir folglich auch die Fragen in Übereinstimmung mit den konkreten Bedingungen stellen müssen. Das ist die erste Voraussetzung für die Lösung der Agrarfrage. Zweitens dürfen wir ferner nicht vergessen, dass die Sozialdemokraten Rußlands die Agrarfrage heute auf eine praktische Grundlage stellen, und dass, wer diese Frage lösen will, sich eben auf diese Grundlage stellen muss. Das ist die zweite Voraussetzung für die Lösung der Agrarfrage. Unser Genösse aber hat keine dieser Voraussetzungen in Betracht gezogen.

Gut, wird der Genösse antworten, nehmen wir an, die Aufteilung der Ländereien sei revolutionär. Es ist klar, dass wir uns bemühen werden, diese revolutionäre Bewegung zu unterstützen, aber das heißt durchaus nicht, dass wir die Forderungen dieser Bewegung in unser Programm aufnehmen müssen, - solche Forderungen sind im Programm durchaus nicht am Platze usw. Offenbar verwechselt der Autor das Minimalprogramm und das Maximalprogramm. Er weiß, dass es in einem sozialistischen Programm (d. h. im Maximalprogramm) nur proletarische Forderungen geben darf, er vergisst jedoch, dass das demokratische Programm (d. h. das Minimalprogramm), um so mehr also auch das Agrarprogramm, kein sozialistisches ist, und deshalb also in ihm unbedingt bürgerlichdemokratische Forderungen, die wir unterstützen, enthalten sein werden. Die politische Freiheit ist eine bürgerliche Forderung, und trotzdem nimmt sie in unserem Minimalprogramm einen Ehrenplatz ein. Ja, wozu brauchen wir in die Ferne zu schweifen, man sehe sich Punkt 2 des Agrarprogramms an und lese: die Partei verlangt „...die Aufhebung aller Gesetze, die den Bauern in der Verfügungsgewalt über seinen Grund und Boden behindern", - man lese alles dies und antworte: was gibt es in diesem Punkt Sozialistisches?

Nichts, werdet ihr sagen, da dieser Punkt die Freiheit des bürgerlichen Eigentums, nicht aber seine Aufhebung fordert. Trotzdem ist dieser Punkt in unserem Minimalprogramm enthalten. Worum handelt es sich also? Nur darum, dass das Maximalprogramm und das Minimalprogramm zwei verschiedene Begriffe sind, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Allerdings werden die Anarchisten hiermit unzufrieden sein, aber da ist nichts zu machen, wir sind ja keine Anarchisten! ... Was das Bestreben der Bauern nach Aufteilung der Ländereien anbelangt, so haben wir bereits gesagt, dass seine Bedeutung durch die Tendenz der ökonomischen Entwicklung gemessen wird, und da das Bestreben der Bauern sich aus dieser Tendenz „direkt ergibt", so muss unsere Partei es unterstützen, nicht aber ihm entgegenwirken.

„Elwa“ („Der Blitz“) Nr. 14.

29. März 1906. Unterschrift: J. Bessoschwili.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Über die Revision des Agrarprogramms

(Rede auf der 7. Sitzung des IV. Parteitags der SDAPR[Anmerkung 58] am 13. (26.) April 1906)

Vor allem möchte ich über die Methoden der Argumentation einiger Genossen sprechen. Genösse Plechanow hat sehr viel von „anarchistischen Manieren" des Genossen Lenin, von der Verderblichkeit des „Leninismus" usw. usf. gesprochen, aber über die Agrarfrage hat er uns im Grunde sehr wenig gesagt. Dabei war er zu einem der Referenten über die Agrarfrage bestimmt. Ich meine, dass eine solche Argumentationsweise, die eine Atmosphäre der Gereiztheit erzeugt, abgesehen davon, dass sie dem Charakter unseres Parteitags, der sich Vereinigungsparteitag nennt, widerspricht, absolut nichts zur Klärung der Agrarfrage beiträgt. Wir könnten unsererseits so manches von den kadettischen Manieren des Genossen Plechanow sagen, aber damit würden wir bei der Lösung der Agrarfrage um keinen Schritt weiterkommen.

Weiter zieht John,[Anmerkung 59] gestützt auf einige Angaben aus der Praxis Guriens, der lettischen Gebiete usw., Schlussfolgerungen zugunsten einer Munizipalisierung für ganz Rußland. Ich muss sagen, dass man, allgemein gesprochen, in dieser Weise kein Programm aufstellt. Bei der Aufstellung des Programms muss man nicht von den spezifischen Zügen einiger Teile einiger Randgebiete ausgehen, sondern von den allgemeinen Zügen, die den meisten Gegenden Rußlands eigen sind: ohne eine dominierende Linie ist das Programm kein Programm, sondern eine mechanische Vereinigung verschiedener Leitsätze. So steht die Sache auch mit dem Projekt Johns. Außerdem beruft sich John auf unrichtige Angaben. Seiner Meinung nach spricht der ganze Prozess der Entwicklung der Bauernbewegung für sein Projekt, denn in Gurien z. B. habe sich eben im Prozess der Bewegung eine Gebietsselbstverwaltung gebildet, die über die Waldungen verfügt habe usw. Erstens aber ist Gurien kein Gebiet, sondern ein Kreis des Gouvernements Kutais; zweitens hat es in Gurien niemals eine für ganz Gurien einheitliche revolutionäre Selbstverwaltung gegeben; es gab dort nur kleine Selbstverwaltungsorgane, die folglich durchaus nicht Gebietsselbstverwaltungen gleichzusetzen sind; drittens ist Verfügung eine Sache, Besitz aber eine ganz andere Sache, überhaupt sind über Gurien viele Legenden verbreitet, und die russischen Genossen tun sehr unrecht, diese Legenden für bare Münze zu nehmen...

Was das Wesen der Sache anbelangt, so muss ich sagen, dass als Ausgangspunkt unseres Programms der folgende Leitsatz dienen muss: Da wir ein zeitweiliges revolutionäres Bündnis mit der kämpfenden Bauernschaft schließen, da wir folglich nicht umhin können, mit den Forderungen dieser Bauernschaft zu rechnen, so müssen wir diese Forderungen unterstützen, wenn sie im großen und ganzen der Tendenz der ökonomischen Entwicklung und dem Gang der Revolution nicht widersprechen. Die Bauern verlangen die Aufteilung; die Aufteilung widerspricht den oben erwähnten Erscheinungen nicht - also müssen wir die volle Konfiskation und die Aufteilung unterstützen. Von diesem Standpunkt aus sind sowohl die Nationalisierung als auch die Munizipalisierung in gleicher Weise unannehmbar. Wenn wir die Losung der Munizipalisierung oder der Nationalisierung aufstellen, so machen wir, ohne irgendetwas zu gewinnen, das Bündnis der revolutionären Bauernschaft mit dem Proletariat unmöglich. Wer von dem reaktionären Charakter der Aufteilung spricht, der verwechselt zwei Entwicklungsstadien: das kapitalistische und das vorkapitalistische. Zweifellos ist die Aufteilung im kapitalistischen Stadium reaktionär, aber unter vorkapitalistischen Bedingungen (z. B. unter den Bedingungen des russischen Dorfes) ist die Aufteilung im großen und ganzen revolutionär. Natürlich lassen sich Waldungen, Gewässer u. dgl. unmöglich aufteilen, aber sie können nationalisiert werden, was den von den Bauern aufgestellten revolutionären Forderungen durchaus nicht widerspricht. Ferner widerspricht die von John vorgeschlagene Losung: revolutionäre Komitees, an Stelle der Losung: revolutionäre Bauernkomitees, von Grund aus dem Geiste der Agrarrevolution. Die Agrarrevolution hat vor allem und hauptsächlich die Befreiung der Bauern zum Ziel, also ist die Losung: Bauernkomitees die einzige Losung, die dem Geiste der Agrarrevolution entspricht. Kann die Befreiung des Proletariats die Sache des Proletariats selbst sein, so kann auch die Befreiung der Bauern die Sache der Bauern selbst sein.

Protokoll des Vereinigungsparteitags der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, abgehalten in Stockholm 1906.

Moskau 1907, S. 59-60, russ.

Über die gegenwärtige Lage

(Rede auf der 15. Sitzung des IV. Parteitags der SDAPR am 17. (30.) April 1906)

Es ist für niemand ein Geheimnis, dass in der Entwicklung des gesellschaftlichen und politischen Lebens Rußlands zwei Wege sichtbar geworden sind: der Weg der Pseudoreformen und der Weg der Revolution. Klar ist auch, dass den ersten Weg die Großfabrikanten und Gutsbesitzer mit der Zarenregierung an der Spitze beschreiten, den zweiten Weg aber die revolutionäre Bauernschaft und die Kleinbourgeoisie mit dem Proletariat an der Spitze. Die sich entwickelnde Krise in den Städten und die Hungersnot in den Dörfern machen eine neue Explosion unvermeidlich - folglich sind Schwankungen hier unzulässig: entweder nimmt die Revolution einen Aufschwung, und wir müssen sie zu Ende führen, oder sie ebbt ab, und wir können und dürfen uns eine solche Aufgabe nicht stellen. Rudenko glaubt mit Unrecht, eine solche Fragestellung sei nicht dialektisch. Rudenko sucht eine Mittellinie, er möchte sagen, dass die Revolution gleichzeitig ansteigt und nicht ansteigt, dass man sie zu Ende führen und nicht zu Ende führen müsse, denn seiner Meinung nach verpflichtet die Dialektik gerade zu einer solchen Fragestellung! Wir haben eine andere Vorstellung von der Marxschen Dialektik...

Wir stehen also am Vorabend einer neuen Explosion, die Revolution steigt an, und wir müssen sie zu Ende führen. Darüber sind wir uns alle einig. Unter welchen Verhältnissen aber können und müssen wir dies tun: unter den Verhältnissen der Hegemonie des Proletariats oder unter den Verhältnissen der Hegemonie der bürgerlichen Demokratie? Eben hier beginnt die grundlegende Meinungsverschiedenheit. Genösse Martynow hat schon in „Zwei Diktaturen“ gesagt, die Hegemonie des Proletariats sei in der gegenwärtigen bürgerlichen Revolution eine schädliche Utopie. Durch seine gestrige Rede zieht sich der gleiche Gedanke. Die Genossen, die ihm applaudiert haben, sind gewiss mit ihm einverstanden. Wenn dem so ist, wenn wir nach der Meinung der menschewistischen Genossen nicht die Hegemonie des Proletariats, sondern die Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie brauchen, dann ist es von selbst klar, dass wir uns weder an der Organisierung des bewaffneten Auf Stands noch an der Machtergreifung unmittelbar aktiv beteiligen müssen. Das ist das „Schema“ der Menschewiki.

Umgekehrt, wenn die Klasseninteressen des Proletariats zu seiner Hegemonie führen, wenn das Proletariat nicht im Nachtrab, sondern an der Spitze der gegenwärtigen Revolution marschieren soll, so ist es klar, dass das Proletariat weder auf die aktive Teilnahme an der Organisierung des bewaffneten Aufstands noch auf die Machtergreifung verzichten kann. Das ist das „Schema“ der Bolschewiki. Entweder Hegemonie des Proletariats oder Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie - so wird die Frage in der Partei gestellt, darin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten.

Protokoll des Vereinigungsparteitags der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, abgehalten in Stockholm 1906.

Moskau 1907. S. 187, russ.

Marx und Engels über den Aufstand

Der Menschewik N. Ch.[Anmerkung 60] weiß, dass Kühnheit Städte erstürmt und ... erkühnt sich noch einmal, die Bolschewiki des Blanquismus zu bezichtigen (siehe „Simartle“[Anmerkung 61] Nr. 7). Daran ist natürlich nichts Erstaunliches. Die deutschen Opportunisten Bernstein und Vollmar bezeichnen Kautsky und Bebel schon lange als Blanquisten. Die französischen Opportunisten Jaurès und Millerand bezichtigen Guesde und Lafargue schon lange des Blanquismus und des Jakobinertums. Trotzdem weiß die ganze Welt, dass Bernstein, Millerand, Jaurès und andere Opportunisten sind, dass sie den Marxismus verraten, während Kautsky, Bebel, Guesde, Lafargue und andere revolutionäre Marxisten sind. Was ist daran Erstaunliches, wenn die Opportunisten Rußlands und ihr Parteigänger N. Ch. die Opportunisten Europas nachahmen und uns als Blanquisten bezeichnen? Das bedeutet nur, dass die Bolschewiki ebenso wie Kautsky und Guesde revolutionäre Marxisten sind.[Anmerkung 62] Damit könnten wir das Gespräch mit N. Ch. beenden. Aber er „vertieft“ die Frage und bemüht sich, seine Behauptung zu beweisen. „Wir wollen ihn also nicht kränken, sondern hören ihn an.

N.Ch. ist mit der folgenden Meinung der Bolschewiki nicht einverstanden: „Sagen wir (Hier hat N. Ch. die Worte „sagen wir“ durch das Wort „wenn“ ersetzt, was den Sinn etwas ändert.), das Stadtvolk ist von Hass gegen die Regierung (Hier hat N. Ch. die Worte „gegen die Regierung“ ausgelassen (siehe „Achali Zchowreba“[Anmerkung 63] Nr. 6) erfüllt, es kann sich stets zum Kampf erheben, wenn die Gelegenheit dazu sich bietet. Dies bedeutet, dass wir quantitativ schon bereit sind. Aber das ist noch ungenügend. Um den Aufstand zu gewinnen, muss man im voraus den Kampfplan aufstellen, muss man die Kampftaktik im voraus ausarbeiten, muss man organisierte Kampfabteilungen haben usw.“ (Siehe „Achali Zchowreba“ Nr. 6.) N. Ch. ist damit nicht einverstanden. Weshalb? Weil dies Blanquismus sei! Also will N.Ch. weder die „Kampftaktik“ noch die „organisierten Kampfabteilungen“ noch auch eine organisierte Aktion, - alles dies sei, so erfährt man, etwas Unwesentliches und überflüssiges. Die Bolschewiki sagen, dass „Hass gegen die Regierung allein ungenügend“ ist, dass das Bewusstsein allein „ungenügend“ ist, man braucht außerdem noch „Kampfabteilungen und eine Kampftaktik“. N.Ch. lehnt alles das ab und nennt es Blanquismus. Merken wir uns dies und gehen wir weiter.

N. Ch. gefällt der folgende Gedanke Lenins nicht: „Wir müssen die Erfahrungen des Auf Standes in Moskau, im Donezbecken, in Rostow und anderer Aufstände sammeln, diese Erfahrungen verbreiten, beharrlich und geduldig neue Kampfkräfte vorbereiten und sie in einer Anzahl von Kampfaktionen der Partisanen schulen und stählen. Vielleicht wird die neue Explosion im Frühjahr noch nicht eintreten, aber sie rückt heran und ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht allzufern. Wir müssen ihr bewaffnet, militärisch organisiert und zu entschlossenen Angriffsaktionen fähig entgegentreten.“ (Siehe „Partinyje Iswestija“.[Anmerkung 64]) N. Ch. ist mit diesem Gedanken Lenins nicht einverstanden. Weshalb? Weil dies Blanquismus sei!

Nach der Meinung N. Ch’s ergibt sich also, dass wir nicht „die Erfahrungen des Dezemberaufstands sammeln“ müssen und nicht „sie verbreiten“ müssen. Allerdings rückt die Explosion näher, aber nach der Meinung N. Ch.'s müssen wir nicht „ihr bewaffnet entgegentreten“, wir müssen uns nicht „zu entschlossenen Angriffsaktionen“ rüsten. Weshalb? Wahrscheinlich weil wir unbewaffnet und unvorbereitet eher siegen werden! Die Bolschewiki sagen, dass die Explosion zu erwarten ist und dass es deshalb unsere Pflicht ist, uns auf sie sowohl hinsichtlich der Bewusstheit als auch hinsichtlich der Bewaffnung vorzubereiten. N. Ch. weiß, dass eine Explosion zu erwarten ist, aber außer einer Agitation in Worten erkennt er nichts an und deshalb zweifelt er an der Notwendigkeit der Bewaffnung und hält sie für überflüssig. Die Bolschewiki sagen, in einen spontan begonnenen und isolierten Aufstand müsse Bewusstheit und Organisiertheit hineingetragen werden. N. Ch. gibt auch das nicht zu - das sei Blanquismus. Die Bolschewiki sagen, in einem bestimmten Augenblick seien „entschlossene Angriffsaktionen“ notwendig. Weder die Entschlossenheit noch die Angriffsaktionen gefallen N. Ch. - alles dies sei Blanquismus. Merken wir uns alles dies und sehen wir, wie Marx und Engels zum bewaffneten Aufstand standen.

Marx schrieb in den fünfziger Jahren: „...hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands... überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sicherere Seite schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik zu sprechen: de l'audace, de l'audace, encore de l'audace!“ [Kühnheit, Kühnheit und abermals Kühnheit!] (Siehe K. „Marx, „Historische Skizzen“, S. 95.)[Anmerkung 65] So spricht der größte Marxist - Karl Marx.

Wie man sieht, muss, nach Ansicht von Marx, wer den Sieg des Aufstands will, den Weg der Offensive einschlagen. Wir wissen jedoch, dass derjenige, der den Weg der Offensive einschlägt, sowohl über Warfen als auch über militärische Kenntnisse als auch über ausgebildete Kampfabteilungen verfügen muss, - ohne das ist eine Offensive unmöglich. Was nun die kühnen Angriffsaktionen anbelangt, so sind diese nach der Meinung von Marx das Fleisch und Blut jedes Aufstands. N. Ch. aber verspottet sowohl die kühnen Angriffsaktionen als auch die Politik der Offensive, sowohl die organisierten Kampfabteilungen als auch die Verbreitung militärischer Kenntnisse, - alles dies sei Blanquismus! Es ergibt sich, dass N. Ch. Marxist, Marx aber Blanquist wäre! Armer Marx! Könnte er doch aus dem Grabe aufstehen und das Gestammel N.Ch’s anhören.

Und was sagt Engels vom Aufstand? Engels spricht an einer Stelle in einer seiner Broschüren über den spanischen Aufstand und erhebt Einwände gegen die Anarchisten, um dann fortzufahren: „Trotzdem hatte der, wenn auch hirnlos eingeleitete, Aufstand immer noch große Aussicht auf Erfolg, wäre er nur mit einigem Verstand geleitet worden, selbst nur nach der Weise der spanischen Militärrevolten, wo die Garnison einer Stadt sich erhebt, zur nächsten zieht, die schon vorher bearbeitete Garnison dieser Stadt mit sich fortreißt, und lawinenartig anschwellend gegen die Hauptstadt vordringt, bis ein glückliches Gefecht oder der Übertritt der gegen sie gesandten Truppen den Sieg entscheidet. Diese Methode war diesmal ganz besonders anwendbar. Die Insurgenten waren überall seit längerer Zeit in Freiwilligenbataillone organisiert“ (hören Sie, Genosse, Engels spricht von Bataillonen!), „deren Disziplin zwar erbärmlich war, aber sicher nicht erbärmlicher als die der Reste der alten, größtenteils auseinander gegangnen spanischen Armee. Die einzig zuverlässigen Truppen der Regierung waren die Gendarmen (guardias civiles), und diese waren über das ganze Land zerstreut. Es kam vor allem darauf an, die Zusammenziehung der Gendarmen zu verhindern, und dies konnte nur geschehn, indem man angriffsweise verfuhr und sich aufs offne Feld wagte...“ (Achtung, Achtung, Genossen!) „und wollte man siegen, so gab's kein anderes Mittel...“ Weiter liest Engels den Bakunisten die Leviten, die als ihr Prinzip erklärten, was man vermeiden konnte; nämlich „die Zersplitterung und Vereinzelung der revolutionären Kräfte, die denselben Regierungstruppen erlaubte, einen Aufstand nach dem ändern niederzuschlagen...“ (Siehe F. Engels, „Die Bakunisten an der Arbeit“.)[Anmerkung 66] So spricht der bekannte Marxist Friedrich Engels...

Organisierte Bataillone, Politik der Offensive, Organisierung des Aufstands, Zusammenfassung der einzelnen Aufstände - das war nach der Meinung von Engels für den Sieg des Aufstands notwendig. Es ergibt sich, dass N. Ch. Marxist ist, Engels aber Blanquist! Armer Engels! Wie man sieht, ist N. Ch. mit der Ansicht von Marx und Engels über den Aufstand nicht bekannt. Das wäre noch nicht so schlimm. Wir erklären aber, dass die von N. Ch. vorgeschlagene Taktik die Bedeutung der Bewaffnung, der roten Kampfabteilungen, der militärischen Kenntnisse herabsetzt und faktisch leugnet. Diese Taktik ist eine Taktik des unbewaffneten Aufstands. Diese Taktik drängt uns zur „Dezemberniederlage“. Weshalb hatten wir im Dezember keine Waffen, keine Kampfabteilungen, keine militärischen Kenntnisse u. dgl.? Weil die Taktik der Genossen vom Schlage eines N. Ch. in der Partei große Verbreitung hatte... Der Marxismus und das reale Leben widerlegen aber gleicherweise eine derartige unbewaffnete Taktik. Das besagen die Tatsachen.

„Achali Zchowreba“ („Neues Leben“) Nr. 19.

13. Juli 1906.

Unterschrift: Koba.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Die internationale Konterrevolution

Das heutige Rußland erinnert in vieler Hinsicht an das Frankreich der Zeiten der großen Revolution. Diese Ähnlichkeit kommt u. a. darin zum Ausdruck, dass sich bei uns wie damals in Frankreich die Konterrevolution breit macht und, da es ihr in den eigenen Grenzen zu eng ist, ein Bündnis mit der Konterrevolution anderer Staaten eingeht - sie nimmt allmählich internationalen Charakter an. In Frankreich schloss die alte Regierung ein Bündnis mit dem Kaiser von Österreich und dem König von Preußen, rief deren Truppen zu Hilfe und leitete eine Offensive gegen die Volksrevolution ein. In Rußland schließt die alte Regierung ein Bündnis mit dem deutschen und dem österreichischen Kaiser - sie will deren Truppen zu Hilfe rufen und die Volksrevolution in Blut ertränken.

Schon vor einem Monat waren bestimmte Gerüchte im Umlauf, dass „Rußland“ und „Deutschland“ Geheimverhandlungen führen (siehe „Sewernaja Semlja“[Anmerkung 67] Nr. 3). Hiernach verbreiteten sich die Gerüchte immer hartnäckiger. Jetzt aber ist es dahin gekommen, dass die Schwarzhunderterzeitung „Rossija“[71] direkt erklärt, an der jetzigen schwierigen Lage „Rußlands“ (d. h. der Konterrevolution) seien die revolutionären Elemente schuld. Das Blatt erklärt: „Die kaiserlich deutsche Regierung legt sich über diese Lage vollauf Rechenschaft ab, und sie hat deshalb eine ganze Anzahl entsprechender Maßnahmen unternommen, die nicht verfehlen werden, zu den gewünschten Resultaten zu führen.“ Diese Maßnahmen bestehen, wie sich herausstellt, darin, dass „Österreich“ und „Deutschland“ sich rüsten, „Rußland“ Truppen zu Hilfe zu schicken für den Fall, dass die russische Revolution Erfolge erzielen sollte. Dabei haben sie bereits aus diesem Anlass Vereinbarungen getroffen und beschlossen: „Unter bestimmten Voraussetzungen könnte ein aktives Eingreifen in die inneren Angelegenheiten Rußlands zwecks Unterdrückung oder Einschränkung der revolutionären Bewegung als erwünscht und nützlich erscheinen...“ Das berichtet „Rossija“.

Wie man sieht, trifft die internationale Konterrevolution schon seit langem große Vorbereitungen. Man weiß, dass sie schon lange dem konterrevolutionären Rußland im Kampf gegen die Revolution mit Geld zu Hilfe kommt. Allein sie beschränkt sich nicht darauf. Jetzt hat sie, wie sich herausstellt, beschlossen, auch mit Truppen Hilfe zu leisten. Hiernach wird auch ein Kind den wahren Sinn der Auflösung der Duma ebenso wie auch den Sinn der „neuen“ Verfügungen Stolypins[72] und der „alten“ Pogrome Trepows[73] leicht begreifen... Man sollte meinen, dass sich hiernach die falschen Hoffnungen verschiedener Liberaler und anderer naiver Leute zerstreuen, und dass sie sich endlich davon überzeugen werden, dass es bei uns keine „Verfassung“ gibt, dass es bei uns einen Bürgerkrieg gibt und dass der Kampf auf militärische Art geführt werden muss...

Aber das heutige Rußland ähnelt dem damaligen Frankreich auch in einer anderen Beziehung. Damals bewirkte die internationale Konterrevolution die Ausbreitung der Revolution, die Revolution überschritt die Grenzen Frankreichs und ergoss sich als ein mächtiger Strom über Europa. Vereinigten sich die „gekrönten Häupter“ Europas zu einem gemeinsamen Bunde, so reichten auch die Völker Europas einander die Hand. Die gleiche Erscheinung beobachten wir heute in Rußland. „Brav wühlt der Maulwurf...“ Die Konterrevolution Rußlands, die sich mit der europäischen Konterrevolution vereinigt, erweitert unermüdlich die Revolution, vereinigt die Proletarier aller Länder miteinander und legt das Fundament der internationalen Revolution. Das Proletariat Rußlands marschiert an der Spitze der demokratischen Revolution und streckt dem europäischen Proletariat, das die sozialistische Revolution beginnen wird, die Bruderhand hin, schließt sich mit ihm zusammen. Bekanntlich fanden nach den Ereignissen vom 9. Januar überall in Europa Versammlungen statt. Die Dezemberaktion hat in Deutschland und Frankreich Demonstrationen hervorgerufen. Kein Zweifel, dass der kommende neue Ausbruch der russischen Revolution das europäische Proletariat noch entschiedener zum Kampf mobilisieren wird. Die internationale Konterrevolution wird die internationale Revolution nur stärken und vertiefen, stärken und auf einen festen Boden stellen. Die Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ wird ihren wahren Ausdruck finden. Wohlan, arbeitet nur, Herrschaften, arbeitet! Der russischen Revolution, die sich verbreitert, wird die europäische Revolution folgen und dann ... dann wird die Stunde schlagen nicht nur für die Überbleibsel der Leibeigenschaft, sondern auch für euren geliebten Kapitalismus. Jawohl, ihr „wühlt brav“, ihr Herren Konterrevolutionäre!

„Achali Zchowreba“ („Neues Leben“) Nr. 20.

14.Juli 1906.

Unterschrift: Koba.

Nach der autorisierten russischen „Übersetzung aus dem Georgischen.

Die gegenwärtige Lage und der Vereinigungsparteitag der Arbeiterpartei

[74]

I

Es ist eingetroffen, was wir mit so großer Ungeduld erwartet haben - der Vereinigungsparteitag hat friedlich geendet, die Partei hat die Spaltung vermieden, die Verschmelzung der Fraktionen ist formal besiegelt und damit ist das Fundament gelegt worden, auf dem die Partei zu einer politischen Macht werden kann. Jetzt muss man sich Rechenschaft ablegen, muss sich näher bekannt machen mit der Physiognomie des Parteitags und seine guten und schlechten Seiten nüchtern abwägen. Was hat der Parteitag getan? Was musste der Parteitag tun? Auf die erste Frage geben die Resolutionen des Parteitags Antwort. Was jedoch die zweite Frage anbelangt, so muss man, um sie zu beantworten, wissen, in welcher Situation der Parteitag eröffnet wurde und welche Aufgaben ihm die gegenwärtige Lage stellte. Wir wollen mit der zweiten Frage beginnen.

Jetzt ist es bereits klar, dass die Volksrevolution nicht untergegangen ist, dass sie trotz der „Dezemberniederlage“ dennoch wächst und ihrem Höhepunkt zustrebt. Wir sagen, dass dem auch so sein muss: die Triebkräfte der Revolution leben und wirken weiter, die ausgebrochene Industriekrise wird immer stärker, die Hungersnot, die das Dorf vollends ruiniert, wird von Tag zu Tag stärker - und dies bedeutet, dass die Stunde nahe ist, wo die revolutionäre Volksempörung als ein mächtiger Strom hervorbrechen wird. Die Tatsachen besagen, dass im gesellschaftlichen Leben Rußlands eine neue Aktion heranreift - eine entschiedenere und mächtigere Aktion, als es der Dezemberangriff war. Wir durchleben den Vorabend des Aufstands. Auf der anderen Seite sammelt auch die dem Volke verhaßte Konterrevolution ihre Kräfte und nimmt an Stärke zu. Sie hat bereits eine Kamarilla organisiert, sie ruft alle dunklen Kräfte unter ihre Fahne, sie tritt an die Spitze der „Bewegung“ der Schwarzhunderter, sie bereitet einen neuen Überfall auf die Volksrevolution vor, sie schart die blutdürstigen Gutsbesitzer und Fabrikanten um sich - folglich bereitet sie sich darauf vor, die Volksrevolution zu zerschmettern.

Je weiter, desto schärfer teilt sich das Land in zwei feindliche Lager, das Lager der Revolution und das Lager der Konterrevolution, desto drohender treten die beiden Führer der beiden Lager einander gegenüber - das Proletariat und die Zarenregierung, und desto klarer wird es, dass alle Brücken zwischen ihnen verbrannt sind. Von zwei Dingen eins: entweder Sieg der Revolution und Selbstherrschaft des Volkes oder Sieg der Konterrevolution und Selbstherrschaft des Zaren. Wer sich zwischen zwei Stühle setzt, der verrät die Revolution. Wer nicht mit uns ist, der ist wider uns! Die jämmerliche Duma mit ihren jämmerlichen Kadetten hat sich eben gerade zwischen diese beiden Stühle gesetzt. Sie will die Revolution mit der Konterrevolution versöhnen, damit Wölfe und Schafe zusammen weiden - und auf diese Weise „auf einen Schlag“ mit der Revolution fertig werden. Eben aus diesem Grunde schöpft die Duma bisher nur Wasser in ein Sieb, eben aus diesem Grunde hat sie niemand für sich gewinnen können, und da sie keinen Boden unter den Füßen hat, baumelt sie in der Luft. Die Hauptarena des Kampfes bleibt nach wie vor die Straße. Das besagen die Tatsachen. Die Tatsachen besagen, dass in dem jetzigen Kampf, im Straßenkampf, nicht aber in der geschwätzigen Duma, die Kräfte der Konterrevolution mit jedem Tage schwächer und lockerer werden, während die Kräfte der Revolution wachsen und sich rüsten, dass der Zusammenschluss und die Organisierung der revolutionären Kräfte unter der Führerschaft der fortgeschrittenen Arbeiter, nicht aber der Bourgeoisie vor sich gehen. Dies bedeutet aber, dass der Sieg der gegenwärtigen Revolution und ihre Vollendung durchaus möglich ist. Möglich allerdings nur dann, wenn an ihrer Spitze auch weiterhin die fortgeschrittenen Arbeiter stehen, wenn das klassenbewusste Proletariat die Führung der Revolution würdig verwirklicht. Hieraus ist klar, welche Aufgaben die gegenwärtige Lage dem Parteitag stellte und was der Parteitag tun musste.

Engels hat gesagt, die Arbeiterpartei sei „die bewusste Vollstreckerin des unbewussten Prozesses“, d. h. die Partei muss bewusst den Weg beschreiten, den das Leben selbst unbewusst geht, sie muss bewusst die Ideen zum Ausdruck bringen, die das brausende Leben unbewusst auf die Tagesordnung setzt. Die Tatsachen besagen, dass es dem Zarismus nicht gelungen ist, die Volksrevolution zu unterdrücken, dass sie im Gegenteil von Tag zu Tag wächst, höher ansteigt und einer neuen Aktion entgegengeht, - folglich ist es die Aufgabe der Partei, sich bewusst für diese Aktion zu rüsten und die Volksrevolution zu Ende zu führen. Es ist klar, dass der Parteitag diese Aufgabe stellen und die Parteimitglieder verpflichten musste, sie ehrlich zu erfüllen.

Die Tatsachen besagen, dass eine Versöhnung der Revolution und der Konterrevolution unmöglich ist, dass die Duma, die von allem Anfang an den Weg dieser Versöhnung beschriften hat, nichts wird tun können, dass eine solche Duma niemals das politische Zentrum des Landes werden, das Volk nicht um sich scharen und gezwungen sein wird, zu einem Anhängsel der Reaktion zu werden, - folglich ist es die Aufgabe der Partei, die auf die Duma gesetzten falschen Hoffnungen zu zerstreuen, die politischen Illusionen des Volkes zu bekämpfen und vor aller Welt zu erklären, dass die Hauptarena der Revolution die Straße und nicht die Duma ist, dass hauptsächlich die Straße, der Kampf auf der Straße, nicht aber die Duma, nicht das Geschwätz in der Duma den Sieg des Volkes bringen muss. Es ist klar, dass der Vereinigungsparteitag in seinen Resolutionen auch diese Aufgabe stellen musste, um dadurch die Richtung der Parteitätigkeit klar zu bestimmen.

Die Tatsachen besagen, dass die Revolution nur dann zum Sieg und zu Ende geführt und die Selbstherrschaft des Volkes errichtet werden kann, wenn an der Spitze der Revolution die klassenbewussten Arbeiter marschieren, wenn die Führung der Revolution in den Händen der Sozialdemokratie, nicht aber der Bourgeoisie liegt, - folglich ist es die Aufgabe der Partei, der Hegemonie der Bourgeoisie das Grab zu graben, die revolutionären Elemente in Stadt und Land um sich zu scharen, ihnen im revolutionären Kampf führend voranzuschreiten, von jetzt an ihre Aktionen zu leiten und auf diese Weise den Boden zu festigen für die Hegemonie des Proletariats. Es ist klar, dass der Vereinigungsparteitag dieser dritten und grundlegenden Aufgabe besondere Aufmerksamkeit schenken musste, um dadurch der Partei ihre überragende Bedeutung zu zeigen. Das verlangte die gegenwärtige Lage vom Vereinigungsparteitag und das musste der Parteitag tun. Hat der Parteitag diese Aufgaben erfüllt?

II

Zwecks Klärung dieser Frage ist es notwendig, das Gesicht des Parteitags selbst kennen zu lernen. Der Parteitag hat auf seinen Sitzungen viele Fragen berührt, die Hauptfrage aber, um die sich alle übrigen Fragen bewegten, das war die Frage der gegenwärtigen Lage. Die gegenwärtige Lage der demokratischen Revolution und die Klassenaufgaben des Proletariats - das war die Frage, in der sich alle unsere taktischen Meinungsverschiedenheiten wie in einem Knoten verflochten.

In der Stadt verschärft sich die Krise, sagten die Bolschewik!, auf dem Lande verstärkt sich die Hungersnot, das Zarenregime zersetzt sich bis auf den Grund, die Volksempörung aber wird mit jedem Tag stärker, - folglich ebbt die Revolution nicht nur nicht ab, sondern im Gegenteil, sie wächst mit jedem Tage an und rüstet sich für einen neuen Angriff. Daher die Aufgabe, die anwachsende Revolution zu fördern, sie zu Ende zu führen und sie durch die Selbstherrschaft des Volkes zu krönen (siehe die Resolution der Bolschewik! „Die gegenwärtige Lage...“). Fast das gleiche sagten die Menschewiki. Wie aber soll die jetzige Revolution zu Ende geführt werden, welche Voraussetzungen sind hierfür nötig?

Nach der Meinung der Bolschewik! kann die jetzige Revolution nur dann zu Ende geführt und durch die Selbstherrschaft des Volkes gekrönt werden, wenn die klassenbewussten Arbeiter an die Spitze dieser Revolution treten, wenn die Führung der Revolution in den Händen des sozialistischen Proletariats, nicht aber der bürgerlichen Demokraten konzentriert ist. Die Bolschewiki sagten: „Die demokratische Revolution zu vollenden, ist nur das Proletariat imstande, und zwar unter der „Bedingung, dass es ... die Massen der Bauernschaft führt und ihrem spontanen Kampf politisches Bewusstsein verleiht...“ Im entgegengesetzten Falle würde das Proletariat gezwungen sein, auf die Rolle des „Führers der Volksrevolution“ zu verzichten, und würde „in den Nachtrab der liberal-monarchistischen Bourgeoisie“ geraten, die niemals danach streben wird, die Revolution zu Ende zu führen (siehe die Resolution „Die Klassenaufgaben des Proletariats...“). Freilich ist unsere Revolution eine bürgerliche Revolution, und in dieser Hinsicht erinnert sie an die große französische Revolution, deren Früchte sich die Bourgeoisie aneignete. Klar ist aber auch, dass es zwischen diesen beiden Revolutionen auch einen großen Unterschied gibt. Während der französischen Revolution gab es keine maschinelle Großproduktion, wie wir sie heute bei uns sehen, und die Klassengegensätze waren nicht so scharf ausgeprägt wie bei uns, deshalb war dort das Proletariat schwach, während es hier stärker und geschlossener ist. Es muss ferner berücksichtigt werden, dass das Proletariat dort keine eigene Partei hatte, während es hier eine eigene Partei mit eigenem Programm und eigener Taktik besitzt. Kein Wunder, dass an der Spitze der französischen Revolution bürgerliche Demokraten standen, während die Arbeiter diesen Herren nachtrabten, „die Arbeiter kämpften, und die Bourgeois erlangten die Macht“. Auf der anderen Seite begreift man auch vollauf, dass das Proletariat Rußlands sich nicht damit zufrieden gibt, im Nachtrab der Liberalen einherzutrotten, dass es als Hegemon der Revolution auftritt und alle „Geknechteten und Enterbten“ unter sein Banner ruft. Darin liegt der Vorzug unserer Revolution vor der großen französischen Revolution, und deshalb glauben wir, dass unsere Revolution zu Ende geführt werden und mit der Selbstherrschaft des Volkes enden kann. Notwendig ist nur, die Hegemonie des Proletariats bewusst zu fördern und das kämpf ende Volk um das Proletariat zusammenzuschließen, um dadurch die Vollendung der jetzigen Revolution zu ermöglichen. Die Vollendung der Revolution aber ist notwendig, damit sich die Früchte dieser Revolution nicht die Bourgeoisie allein aneignet, damit die Arbeiterklasse außer der politischen Freiheit den achtstündigen Arbeitstag, eine Erleichterung der Arbeitsbedingungen erhält, ihr Minimalprogramm restlos verwirklicht und auf diese Weise den Weg zum Sozialismus bahnt. Wer daher die Interessen des Proletariats verteidigt, wer nicht will, dass das Proletariat zu einem Anhängsel der Bourgeoisie werde und für sie die Kastanien aus dem Feuer hole, wer dafür kämpft, dass das Proletariat zu einer selbständigen Macht werde und die jetzige Revolution für seine Zwecke ausnutze - der muss die Hegemonie der bürgerlichen Demokraten offen verurteilen, der muss den Boden festigen für die Hegemonie des sozialistischen Proletariats in der jetzigen Revolution. So urteilten die Bolschewiki.

Ganz anders redeten die Menschewiki. Freilich erstarke die Revolution, freilich müsse sie zu Ende geführt werden, aber dazu bedürfe es durchaus nicht der Hegemonie des sozialistischen Proletariats - sollen doch die nämlichen bürgerlichen Demokraten als Führer der Revolution auftreten, sagten sie. Weshalb, was ist hier los? fragten die Bolschewiki. Weil die jetzige Revolution eine bürgerliche sei und weil als ihr Führer die Bourgeoisie auftreten müsse, antworteten die Menschewiki. Was also müsse dann das Proletariat tun? Es müsse den bürgerlichen Demokraten folgen, „sie vorwärts schieben“ und auf diese Weise „die bürgerliche Revolution voranbringen“. So sprach Martynow, der Führer der Menschewiki, den sie zum „Berichterstatter“ ausersahen. Der gleiche Gedanke ist, wenn auch nicht so klar, in der Resolution der Menschewiki „über die gegenwärtige Lage“ zum Ausdruck gebracht worden. Martynow hat bereits in seinen „Zwei Diktaturen“ gesagt, dass „die Hegemonie des Proletariats eine gefährliche Utopie“, eine Phantasie sei, dass die bürgerliche Revolution „von der extremen demokratischen Opposition geführt werden muss“, nicht aber vom sozialistischen Proletariat, dass das kämpfende Proletariat „der bürgerlichen Demokratie folgen“ und sie auf dem Wege zur Freiheit vorwärts schieben müsse (siehe die bekannte Broschüre Martynows „Zwei Diktaturen“). Den gleichen Gedanken wiederholte er auf dem Vereinigungsparteitag. Seiner Meinung nach war die große französische Revolution das Original, während unsere Revolution nur ein blasser Abklatsch von diesem Original ist, und da in Frankreich zu Anfang die „Nationalversammlung“ und dann der „Nationalkonvent“, in denen die Bourgeoisie die Herrschaft hatte, an der Spitze der Revolution standen, so müsse auch bei uns zu dem Führer der Revolution, der das Volk um sich schart, zunächst die Reichsduma werden, und dann irgendeine andere Vertretungskörperschaft, die revolutionärer sein werde als die Duma. Sowohl in der Duma als auch in dieser zukünftigen Vertretungskörperschaft würden die bürgerlichen Demokraten die Herrschaft haben, - folglich brauchten wir die Hegemonie der bürgerlichen Demokratie, nicht aber die des sozialistischen Proletariats. Man brauche der Bourgeoisie nur Schritt für Schritt zu folgen und sie noch weiter voranzubringen, der wahren Freiheit entgegen. Kennzeichnend ist, dass die Menschewiki Martynows Rede mit lautem Beifall begrüßten. Kennzeichnend ist auch, dass sie in keiner einzigen von ihren Resolutionen die Notwendigkeit der Hegemonie des Proletariats erwähnen, - der Ausdruck „Hegemonie des Proletariats“ ist aus ihren Resolutionen ebenso wie auch aus den Resolutionen des Parteitags völlig verbannt (siehe die Resolutionen des Parteitags). Das war der Standpunkt der Menschewiki auf dem Parteitag. Wie man sieht, gibt es hier zwei einander ausschließende Standpunkte, und eben hier nehmen alle die übrigen Meinungsverschiedenheiten ihren Anfang.

Ist der Führer der jetzigen Revolution das klassenbewusste Proletariat, in der jetzigen Duma aber herrschen die Kadetten, die Bourgeois, - so ist es von selbst klar, dass die jetzige Duma nicht zu einem „politischen Zentrum des Landes“ werden kann, sie wird das revolutionäre Volk nicht um sich vereinigen und durch keinerlei Anstrengungen zum Führer der anwachsenden Revolution werden können. Ferner, ist der Führer der Revolution das klassenbewusste Proletariat und ist es unmöglich, von der Duma aus die Revolution zu führen, - so ist es von selbst klar, dass die Hauptarena unserer Tätigkeit gegenwärtig die Straße sein muss und nicht der Sitzungssaal der Duma. Weiter, ist der Führer der Revolution das klassenbewusste Proletariat und ist die Hauptarena des Kampfes die Straße, - so ist es von selbst klar, dass unsere Aufgabe darin besteht, uns aktiv zu beteiligen an der Organisierung des Kampfes der Straße, der Bewaffnung verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken, die roten Kampfabteilungen zu mehren und unter den fortgeschrittenen Elementen militärische Kenntnisse zu verbreiten. Schließlich, ist der Führer der Revolution das fortgeschrittene Proletariat und soll es sich an der Organisierung des Aufstands aktiv beteiligen, - so ist es von selbst klar, dass wir nicht unsere Hände in Unschuld waschen, uns nicht von der provisorischen revolutionären Regierung ausschalten können, wir müssen gemeinsam mit der Bauernschaft die politische Macht erobern und uns an der provisorischen Regierung beteiligen (Wir berühren hier nicht die prinzipielle Seite dieser Frage.): der Führer der revolutionären Straße muss auch in der Regierung der Revolution der Führer sein. Das war der Standpunkt der Bolschewiki.

Und umgekehrt, wenn, wie die Menschewiki sich das denken, die Führung der Revolution den bürgerlichen Demokraten gehören wird, und die Dumakadetten „solchen Demokraten nahe kommen“, - so wäre es von selbst klar, dass die jetzige Duma zu einem „politischen Zentrum des Landes“ werden könnte, dass die jetzige Duma das revolutionäre Volk um sich vereinigen, sein Führer werden und zur Hauptarena des Kampfes werden könnte. Ferner, wenn die Duma zur Hauptarena des Kampfes werden könnte, so wäre es überflüssig, der Bewaffnung und der Organisation der roten Kampfabteilungen verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken, es wäre nicht unsere Sache, der Organisierung des Kampfes der Straße besondere Aufmerksamkeit zu schenken, und um so weniger wäre es unsere Sache, gemeinsam mit der Bauernschaft die politische Macht zu erobern und uns an der provisorischen Regierung zu beteiligen, - sollen doch dafür die bürgerlichen Demokraten sorgen, die die Führer der Revolution sein werden. Es wäre natürlich nicht schlecht, Waffen und rote Kampfabteilungen zu haben, im Gegenteil, dies wäre sogar notwendig, aber diese Sache habe keine so große Bedeutung, wie die Bolschewiki sie ihr beimessen. Das war der Standpunkt der Menschewiki. Der Parteitag hat den zweiten Weg eingeschlagen, d.h. er hat die Hegemonie des sozialistischen Proletariats abgelehnt und den Standpunkt der Menschewiki gebilligt. Hierdurch hat der Parteitag klar gezeigt, dass er die dringenden Forderungen der gegenwärtigen Lage nicht begriffen hat. Darin liegt der grundlegende Fehler des Parteitags, dem alle übrigen Fehler ganz von selbst folgen mussten.

III

Nachdem der Parteitag die Idee der Hegemonie des Proletariats abgelehnt hatte, wurde es klar, wie er die übrigen Fragen lösen musste: „über das Verhältnis zur Reichsduma“, „über den bewaffneten Aufstand“ u. a. Gehen wir zu diesen Fragen über. Wir wollen mit der Frage der Reichsduma beginnen.

Wir werden uns nicht darauf einlassen, zu untersuchen, welche Taktik richtiger war - der Boykott oder die Wahlbeteiligung. Wir bemerken nur folgendes: Wenn sich heute die Duma mit nichts anderem als Redereien befasst, wenn sie zwischen Revolution und Konterrevolution stecken geblieben ist, so heißt das, dass die Anhänger der Wahlbeteiligung sich irrten, als sie das Volk zu den Wahlen riefen und in ihm falsche Hoffnungen erweckten. Aber lassen wir dies beiseite. Die Sache ist die, dass die Wahlen, als der Parteitag zusammentrat, bereits beendet waren (außer in Kaukasien und Sibirien), dass wir bereits über die Wahlergebnisse verfügten und folglich nur von der Duma selbst die Rede sein konnte, die wenige Tage später zusammentreten sollte. Es ist klar, dass der Parteitag nicht zur Vergangenheit zurückkehren konnte und die Hauptaufmerksamkeit darauf verwenden musste, was die Duma selbst darstellt und wie unser Verhältnis zu ihr sein muss. Was also ist die heutige Duma und wie muss unser Verhältnis zu ihr sein?

Schon aus dem Manifest vom 17. Oktober war es bekannt, dass die Duma nicht über besonders große Rechte verfügt: sie ist eine Versammlung von Deputierten, die „das Recht haben“, sich zu beraten, aber „nicht das Recht haben“, die geltenden „Grundgesetze“ zu überschreiten. Sie wird überwacht vom Reichsrat, der „das Recht hat“, jeden beliebigen Beschluß der Duma aufzuheben. Auf der Wacht aber steht das von Kopf bis Fuß bewaffnete Zarenregiment, das „das Recht hat“, die Duma auseinanderzujagen, wenn sie sich mit ihrer beratenden Rolle nicht zufrieden gibt.

Was nun das Gesicht der Duma anbelangt, so wussten wir auch vor der Eröffnung des Parteitags schon, aus was für Elementen sie bestehen wird, wir wussten auch damals, dass die Duma zum großen Teil aus Kadetten werde bestehen müssen. Hiermit wollen wir durchaus nicht sagen, dass die Kadetten selbst die Mehrheit in der Duma bildeten, - wir sagen bloß, dass von den 500 Dumamitgliedern die Kadetten annähernd ein Drittel stellen würden, ein zweites Drittel würde bestehen aus den Zwischengruppen und den Rechten (der „Partei der demokratischen Reformen“[75] den gemäßigten Elementen unter den parteilosen Deputierten, den Oktobristen[76] u. a.), die in Augenblicken des Kampfes gegen die äußersten Linken (die Arbeitergruppe und die Gruppe der revolutionären Bauern) sich um die Kadetten vereinigen und für sie stimmen würden, so dass auf diese Weise die Kadetten in der Duma die Herren der Lage wären.

Wer aber sind die Kadetten? Kann man sie Revolutionäre nennen? Natürlich nicht! Also wer sind dann die Kadetten? Die Kadetten sind eine Partei der Paktierer-, sie wollen eine Einschränkung der Rechte des Zaren, aber nicht etwa, weil sie Anhänger des Sieges des Volkes wären - die Kadetten wollen die Selbstherrschaft des Zaren ersetzen durch die Selbstherrschaft der Bourgeoisie, nicht aber durch die Selbstherrschaft des Volkes (siehe ihr Programm) -, sondern damit auch das Volk sein revolutionäres Feuer mäßige, seine revolutionären Forderungen zurücknehme und irgendwie mit dem Zaren übereinkomme, - die Kadetten wollen eine Verständigung des Zaren mit dem Volke. Wie man sieht, musste die Mehrheit der Duma aus Paktierern und nicht aus Revolutionären bestehen. Das war schon in der ersten Aprilhälfte von selbst klar.

Also boykottiert und ohnmächtig, mit geringfügigen Rechten einerseits, in ihrer Mehrheit nicht revolutionär und paktiererisch anderseits - das war die Duma. Ohnmächtige pflegen sowieso den Weg des Paktierertums zu beschreiten, haben sie aber außerdem noch nichtrevolutionäre Bestrebungen, so gleiten sie umso schneller zum Paktierertum hinab. Das gleiche musste auch mit der Reichsduma passieren. Sie konnte nicht ganz und gar auf die Seite des Zaren treten, da sie eine Beschränkung der Rechte des Zaren will, aber sie konnte auch nicht auf die Seite des Volkes übergehen, da das Volk revolutionäre Forderungen erhebt. Deshalb musste sie sich zwischen den Zaren und das Volk stellen und darangehen, sie zu versöhnen, d. h. Wasser in ein Sieb zu schöpfen. Einerseits musste sie das Volk zu überreden versuchen, auf „übermäßige Forderungen“ zu verzichten und sich irgendwie mit dem Zaren zu verständigen, anderseits aber musste sie zu einem Makler vor dem Zaren werden, damit er dem Volke eine Kleinigkeit zugestehe und dadurch den „revolutionären Wirren“ ein Ende setze. Mit einer Solchen Duma hatte es der Vereinigungsparteitag zu tun.

Wie musste das Verhältnis der Partei zu einer solchen Duma sein? Es erübrigt sich zu sagen, dass die Partei es nicht auf sich nehmen konnte, eine solche Duma zu unterstützen, da die Unterstützung der Duma die Unterstützung der Paktiererpolitik ist und die Paktiererpolitik der Aufgabe, die Revolution zu vertiefen, von Grund aus widerspricht - die Arbeiterpartei darf sich nicht dazu hergeben, die Revolution zu beschwichtigen. Natürlich musste die Partei sowohl die Duma als auch die Konflikte der Duma mit der Regierung ausnutzen, aber dies bedeutet noch nicht, dass sie die nichtrevolutionäre Taktik der Duma unterstützen muss. Im Gegenteil, die Entlarvung der Doppelzüngigkeit der Duma, ihre schonungslose Kritik, die klare Bloßstellung ihrer Verrätertaktik - das muss das Verhältnis der Partei zur Reichsduma sein. Ist dem aber so, so ist es klar, dass die kadettische Duma den Willen des Volkes nicht zum Ausdruck bringt, dass sie der Rolle einer Volksvertretung nicht gerecht werden kann, dass sie nicht zu einem politischen Zentrum des Landes werden und das Volk nicht um sich zusammenschließen kann.

Hierbei war es die Pflicht der Partei, die falschen Hoffnungen zu zerstreuen, die auf die Duma gesetzt wurden, und für alle laut vernehmlich zu erklären, dass die Duma den Willen des Volkes nicht zum Ausdruck bringt, dass sie folglich nicht zu einem Werkzeug der Revolution werden kann und dass die Hauptarena des Kampfes jetzt die Straße und nicht die Duma ist.

Gleichzeitig war es klar, dass die in der Duma vertretene bäuerliche „Gruppe der Trudowiki“[77] die im Vergleich mit den Kadetten zahlenmäßig schwach war, der Paktierertaktik der Kadetten nicht bis zu Ende folgen konnte, dass sie sehr bald den Kampf gegen sie als gegen Verräter des Volkes aufnehmen und den Weg der Revolution einschlagen musste. Es war die Pflicht der Partei, die „Gruppe der Trudowiki“ in ihrem Kampf gegen die Kadetten zu unterstützen, ihre revolutionären Tendenzen bis zu Ende zu entwickeln, ihre revolutionäre Taktik der nichtrevolutionären Taktik der Kadetten gegenüberzustellen und dadurch die verräterischen Tendenzen der Kadetten noch klarer aufzudecken. Wie aber verfuhr der Parteitag, was sagte der Parteitag in seiner Resolution über die Reichsduma? Die Resolution des Parteitags besagt, die Duma sei eine „aus dem Schöße der Nation“ hervorgegangene Körperschaft. Also brächte die Duma trotz ihrer Mängel den Willen des Volkes dennoch zum Ausdruck.

Es ist klar, dass der Parteitag es nicht verstanden hat, die kadettische Duma gebührend einzuschätzen, der Parteitag hat vergessen, dass die Dumamehrheit aus Paktierern besteht, dass Paktierer als Menschen, die die Revolution ablehnen, nicht dem Willen des Volkes Ausdruck geben können, und dass wir folglich nicht das Recht haben zu sagen, die Duma sei „aus dem Schöße der Nation“ hervorgegangen. Was sagten hierüber auf dem Parteitag die Bolschewiki? Sie sagten: „Die Reichsduma mit ihrer schon jetzt sichtbar gewordenen (vorwiegend) kadettischen Zusammensetzung kann auf keinen Fall der Rolle einer wirklichen Volksvertretung gerecht werden.“ Das heißt, die jetzige Duma ist nicht aus dem Schoße des Volkes hervorgegangen, sie ist volksfeindlich und bringt deshalb den Willen des Volkes nicht zum Ausdruck (siehe die Resolution der Bolschewiki). Der Parteitag lehnte in dieser Frage den Standpunkt der Bolschewiki ab.

Die Resolution des Parteitags besagt, die „Duma“ werde trotz ihres „pseudokonstitutionellen“ Charakters dennoch „zu einem Werkzeug der Revolution werden“ ... ihre Konflikte mit der Regierung könnten Ausmaße annehmen, „die die Möglichkeit geben, diese Konflikte zum Ausgangspunkt breiter, auf den Sturz der heutigen politischen Ordnung gerichteter Massenbewegungen zu machen“. Das heißt, die Duma könnte zum politischen Zentrum werden, das revolutionäre Volk um sich scharen und das Banner der Revolution erheben. Ihr hört es, Arbeiter: Die kadettische Paktiererduma könnte also zum Zentrum der Revolution werden und an ihre Spitze gelangen: eine Hündin könnte also ein Lamm gebären! Ihr braucht euch nicht zu beunruhigen - von jetzt an bedarf es weder der Hegemonie des Proletariats noch des Zusammenschlusses des Volkes eben um das Proletariat: die nichtrevolutionäre Duma werde selbst das revolutionäre Volk um sich zusammenscharen, und alles werde in Ordnung sein! So einfach ist also die Revolution zu machen, so muss man also die jetzige Revolution zu Ende führen!

Offenbar hat der Parteitag nicht begriffen, dass die doppelzüngige Duma mit ihren doppelzüngigen Kadetten sich unweigerlich zwischen zwei Stühle setzen, den Zaren und das Volk miteinander zu versöhnen versuchen und dann, wie jeder Doppelzüngler, gezwungen sein wird, sich auf die Seite desjenigen zu neigen, der am meisten verspricht! Was sagten hierüber auf dem Parteitag die Bolschewiki? Sie erklärten, „die Voraussetzungen dafür, dass unsere Partei den parlamentarischen Weg betritt, liegen noch nicht vor“, d.h. vorläufig können wir ein ruhiges parlamentarisches Leben noch nicht beginnen, die Hauptarena des Kampfes bleibt immer noch die Straße und nicht die Duma (siehe die Resolution der Bolschewiki). Der Parteitag lehnte auch in diesem Teil die Resolution der Bolschewiki ab. Die Resolution des Parteitags sagt nichts Bestimmtes darüber, dass es in der Duma in der Minderheit bleibende Vertreter der revolutionären Bauernschaft (die „Gruppe der Trudowiki“) gibt, die gezwungen sein werden, das Paktierertum der Kadetten abzulehnen und den Weg der Revolution einzuschlagen, dass es notwendig ist, sie zu ermuntern, sie im Kampf gegen die Kadetten zu unterstützen und ihnen zu helfen, noch entschlossener den revolutionären Weg zu beschreiten.

Offenbar hat der Parteitag nicht begriffen, dass das Proletariat und die Bauernschaft die beiden Hauptkräfte der jetzigen Revolution sind, dass das Proletariat als der Führer der Revolution im gegenwärtigen Augenblick die revolutionären Bauern sowohl auf der Straße als auch in der Duma unterstützen muss, sobald sie den Kampf gegen die Feinde der Revolution aufnehmen. Was sagten hierüber auf dem Parteitag die Bolschewiki? Sie erklärten, schonungslos entlarven müsse die Sozialdemokratie „die Inkonsequenz und Wankelmütigkeit der Kadetten, dabei besonders aufmerksam die Elemente der bäuerlichen revolutionären Demokratie beachten, sie vereinigen, sie den Kadetten gegenüberstellen, diejenigen ihrer Aktionen unterstützen, die den Interessen des Proletariats entsprechen“ (siehe die Resolution).

Der Parteitag hat auch diesen Vorschlag der Bolschewiki nicht angenommen. Wahrscheinlich deswegen, weil hier die führende Rolle des Proletariats im jetzigen Kampf allzu offenkundig zum Ausdruck gebracht wird, während sich der Parteitag, wie wir oben gesehen haben, der Hegemonie des Proletariats gegenüber misstrauisch verhielt - die Bauernschaft müsse sich um die Duma, nicht aber um. das Proletariat zusammenschließen! Das ist der Grund, weshalb die bürgerliche Zeitung „Nascha Shisn“[78] die Resolution des Parteitags lobt, das ist der Grund, weshalb die Kadetten von „Nascha Shisn“ wie aus einem Munde zu schreien begonnen haben: Endlich haben die Sozialdemokraten sich besonnen und sind vom Blanquismus abgerückt (siehe „Nascha Shisn“ Nr. 432). Es ist augenscheinlich, dass die Feinde des Volkes - die Kadetten - nicht umsonst die Resolution des Parteitags loben! Nicht umsonst hat Bebel gesagt: Was unseren Feinden gefällt, das ist für uns von Schaden!

IV

Gehen wir zur Frage des bewaffneten Aufstands über. Heute ist es für niemand mehr ein Geheimnis, dass eine Volksaktion unabwendbar ist. Wenn in den Städten und in den Dörfern die Krise und die Hungersnot um sich greifen, wenn die Gärung im Proletariat und in der Bauernschaft mit jedem Tage stärker wird, wenn das Zarenregiment sich zersetzt, wenn die Revolution also im Aufschwung begriffen ist, - so ist es von selbst klar, dass das Leben eine neue Volksaktion vorbereitet, eine umfassendere und mächtigere, als es die Oktober- und die Dezemberaktion waren. Ob diese neue Aktion wünschenswert ist oder nicht, ob sie gut oder schlecht - darüber zu reden ist heute überflüssig: es handelt sich nicht um unsere Wünsche, sondern darum, dass die Volksaktion von selbst heranreift, dass sie unabwendbar ist.

Aber es gibt Aktionen und Aktionen. Kein Zweifel, dass der Januar-Generalstreik in Petersburg (1905) eine Volksaktion war. Eine Volksaktion war auch der politische Generalstreik im Oktober. Eine Volksaktion war ferner die „Dezemberschlacht“ in Moskau und die der Letten. Es ist klar, dass es zwischen ihnen auch einen Unterschied gab. Während im Januar (1905) der Streik die Hauptrolle spielte, bildete der Streik im Dezember nur den Anfang, um dann in den bewaffneten Aufstand umzuschlagen und die Hauptrolle an diesen abzutreten. Die Aktionen im Januar, Oktober und Dezember haben bewiesen, dass es, und wenn man den Generalstreik noch so „friedlich“ beginnt, und wenn man bei der Vorlegung von Forderungen noch so „delikat“ verfährt, und wenn man noch so unbewaffnet das Kampffeld betritt, dennoch zu einem Zusammenprall kommen muss (man denke an den 9. Januar in Petersburg, als das Volk mit Kreuzen und dem Zarenbild aufmarschierte), dass die Regierung dennoch zu Kanonen und Gewehren ihre Zuflucht nehmen wird, dass das Volk dennoch zu den Warfen greifen wird und dass der Generalstreik somit dennoch in den bewaffneten Aufstand umschlagen wird. Was bedeutet dies? Nur, dass die kommende Volksaktion keine einfache Aktion sein wird, dass sie unbedingt einen bewaffneten Charakter annehmen wird und dass die entscheidende Rolle somit dem. bewaffneten Aufstand gehören wird. Ob ein Blutvergießen wünschenswert ist oder nicht, ob es gut ist oder schlecht, darüber braucht man nicht zu sprechen: wir wiederholen - es kommt nicht auf unsere Wünsche an, sondern darauf, dass der bewaffnete Aufstand unzweifelhaft kommen wird und dass es unmöglich ist, ihn zu vermeiden.

Unser heutiges Ziel ist die Selbstherrschaft des Volkes. Wir wollen, dass die Zügel der Verwaltung dem Proletariat und der Bauernschaft in die Hände gelegt werden. Lässt sich dieses Ziel durch den Generalstreik erreichen? Die Tatsachen besagen, dass dies unmöglich ist (man erinnere sich des oben Gesagten). Oder wird uns vielleicht die Duma mit ihren redseligen Kadetten helfen und wird mit ihrer Hilfe die Selbstherrschaft des Volkes errichtet werden? Die Tatsachen besagen, dass dies gleichfalls unmöglich ist, denn die kadettische Duma will die Selbstherrschaft der Großbourgeoisie und nicht die Selbstherrschaft des Volkes (man erinnere sich des oben Gesagten).

Es ist klar, dass der einzig verlässliche Weg der bewaffnete Aufstand des Proletariats und der Bauernschaft ist. Nur auf dem Wege des bewaffneten Aufstands kann die Herrschaft des Zaren gestürzt und die Herrschaft des Volkes errichtet werden, natürlich nur, wenn dieser Aufstand mit dem Sieg endet. Ist dem aber so, ist ein Sieg des Volkes ohne den Sieg des Aufstands heute unmöglich und bereitet anderseits das Leben selbst die bewaffnete Volksaktion vor, ist diese Aktion unvermeidlich, - so ist es von selbst klar, dass die Aufgabe der Sozialdemokratie darin besteht, sich bewusst für diese Aktion zu rüsten, ihren Sieg bewusst vorzubereiten. Von zwei Dingen eins: entweder müssen wir die Selbstherrschaft des Volkes (die demokratische Republik) ablehnen und uns mit einer konstitutionellen Monarchie zufrieden geben, - dann werden wir das Recht haben zu sagen, es sei nicht unsere Sache, den bewaffneten Aufstand zu organisieren, oder aber wir müssen uns die Selbstherrschaft des Volkes (die demokratische Republik) nach wie vor als heutiges Ziel setzen und die konstitutionelle Monarchie entschieden ablehnen, - dann werden wir nicht das Recht haben zu sagen, es sei nicht unsere Sache, die spontan heranreifende Aktion bewusst zu organisieren. Wie aber sollen wir uns auf den bewaffneten Aufstand vorbereiten, wie können wir zu seinem Siege beitragen?

Die Dezemberaktion hat bewiesen, dass wir Sozialdemokraten, abgesehen von allen anderen Sünden, noch eine große Sünde vor dem Proletariat begangen haben. Diese Sünde besteht darin, dass wir nicht oder zu wenig für die Bewaffnung der Arbeiter und für die Organisierung roter Kampfabteilungen gesorgt haben. Man denke an den Dezember. Wem wäre das erregte, kampfentschlossene Volk in Tiflis, in Westkaukasien, in Südrußland, in Sibirien, in Moskau, in Petersburg, in Baku nicht mehr in Erinnerung? Warum gelang es der Selbstherrschaft, dieses von Kampfeifer entbrannte Volk so leicht zu zerstreuen? Etwa deshalb, weil das Volk noch nicht von der Schlechtigkeit der Zarenregierung überzeugt gewesen wäre? Natürlich nicht! Warum also?

Vor allem deshalb, weil das Volk keine oder doch zu wenig Waffen hatte, - wie klassenbewusst ihr auch sein mögt, mit bloßen Händen könnt ihr den Kugeln nicht standhalten! Jawohl, mit Recht wurden wir gerügt, wenn man sagte: Das Geld nehmt ihr, Waffen aber sind nicht zu sehen. Zweitens deshalb, weil wir keine ausgebildeten roten Kampfabteilungen hatten, die die übrigen mitgerissen, mit Waffengewalt weitere Waffen erobert und das Volk damit ausgerüstet hätten: in den Straßenkämpfen ist das Volk ein Held, wenn es aber nicht von seinen bewaffneten Brüdern geführt wird, wenn diese ihm nicht mit ihrem Beispiel vorangehen, so kann es sich in einen Haufen verwandeln.

Drittens deshalb, weil der Aufstand zersplittert und unorganisiert war. Ais Moskau auf den Barrikaden kämpfte, war Petersburg stumm. Tiflis und Kutais rüsteten zum Sturm, als Moskau bereits „bezwungen“ war. Sibirien griff zu den Waffen, als der Süden und die Letten bereits „besiegt“ waren. Dies bedeutet, dass das kämpfende Proletariat dem Aufstand in Gruppen zersplittert begegnete, wodurch die Regierung verhältnismäßig leicht imstande war, ihm eine „Niederlage“ beizubringen. Viertens deshalb, weil unser Aufstand sich an die Politik der Verteidigung, nicht aber des Angriffs hielt. Die Regierung selber rief den Dezemberaufstand hervor, die Regierung selber griff uns an, sie hatte ihren Plan, während wir diesem Angriff der Regierung unvorbereitet begegneten, keinen durchdachten Plan hatten, gezwungen waren, uns an die Politik der Selbstverteidigung zu halten, und somit im Nachtrab der Ereignisse einhertrotteten. Hätten die Moskauer gleich zu Anfang die Politik der Offensive gewählt, so hätten sie unverzüglich den Nikolaus-Bahnhof besetzt, die Regierung wäre dann außerstande gewesen, Truppen aus Petersburg nach Moskau zu werfen, und der Moskauer Aufstand wäre somit von längerer Dauer gewesen, was einen entsprechenden Einfluss auch auf die anderen Städte ausgeübt haben würde. Dasselbe muss auch über die Letten gesagt werden: hätten sie gleich zu Anfang den Weg des Angriffs beschritten, so hätten sie sich vor allem der Geschütze bemächtigt und die Regierungskräfte erschüttert.

Nicht umsonst sagte Marx: „...hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Jod jedes bewaffneten Aufstands... überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sicherere Seite schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionäreer Taktik zu sprechen: de l’audace, de l’audace, encore de l’audace!“ [Kühnheit, Kühnheit und abermals Kühnheit!] (Siehe „Historische Skizzen“ von Karl Marx, S. 95 [K. Marx/F. Engels, „Revolution und Konterrevolution in Deutschland“, deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, S. 119].)

Eben an dieser „Kühnheit“ und Offensivpolitik hat es dem Dezemberaufstand gefehlt. Man wird uns sagen: Damit sind die Ursachen der Dezember“niederlage“ nicht erschöpft, ihr habt vergessen, dass die Bauernschaft es im Dezember nicht vermocht hat, sich mit dem Proletariat zu vereinigen, und auch das ist eine der Hauptursachen des Dezemberrückzugs. Gewiss zutreffend, und wir wollen das nicht vergessen. Warum aber hat die Bauernschaft es nicht vermocht, sich mit dem Proletariat zu vereinigen, worin lag die Ursache? Man wird uns sagen: mangelnde Bewusstheit. Schön, wie aber sollen wir den Bauern Bewusstheit beibringen? Durch Verbreitung von Broschüren? Natürlich genügt das nicht! Wie also? Durch Kampf, durch Hereinziehung der Bauern in den Kampf, und durch unsere Führung während des Kampfes. Heute ist die Stadt berufen, das Dorf zu leiten, der Arbeiter - den Bauern, und ist der Aufstand in den Städten nicht organisiert, so wird die Bauernschaft im Aufstand niemals mit dem fortgeschrittenen Proletariat zusammengehen. Das sind die Tatsachen. Hieraus wird von selbst klar, wie der Parteitag sich zum bewaffneten Aufstand stellen musste, welche Losungen er den Parteigenossen geben musste. Die Bewaffnung war eine schwache Seite der Partei, bis auf den heutigen Tag hat sie die Bewaffnung vernachlässigt - folglich musste der Parteitag der Partei sagen: bewaffnet euch, schenkt der Bewaffnung verstärkte Aufmerksamkeit, um der kommenden Aktion wenigstens einigermaßen gerüstet zu begegnen.

Ferner. Die Organisierung bewaffneter Kampfabteilungen war eine schwache Seite der Partei, sie schenkte der Vermehrung der roten Kampfabteilungen nicht die gebührende Aufmerksamkeit - folglich musste der Parteitag der Partei sagen: Schafft rote Kampfabteilungen, verbreitet im Volke militärische Kenntnisse, schenkt der Organisierung der roten Kampfabteilungen verstärkte Aufmerksamkeit, damit es später möglich sei, mit Waffengewalt weitere Waffen zu erlangen und den Aufstand zu verbreitern. Weiter. Dem Dezemberaufstand begegnete das Proletariat zersplittert, niemand hatte ernstlich an die Organisierung des Aufstands gedacht - folglich musste der Parteitag der Partei die Losung geben, energisch dazu überzugehen, die Kampfelemente zu vereinigen, sie nach einem einheitlichen Plan in Bewegung zu setzen und den bewaffneten Aufstand aktiv zu organisieren.

Weiter. Bisher hielt sich das Proletariat im bewaffneten Aufstand an die Politik der Defensive, es beschritt niemals den Weg des Angriffs, und dieser Umstand behinderte den Sieg des Aufstands, - folglich war der Parteitag verpflichtet, die Parteigenossen darauf hinzuweisen, dass der Augenblick des siegreichen Aufstands näher rückt und dass es notwendig ist, zur Politik der Offensive überzugehen. Wie aber ist der Parteitag vorgegangen und welche Losungen hat er der Partei gegeben? Der Parteitag sagte: „...Die Hauptaufgabe der Partei in der gegenwärtigen- Lage ist die Entwicklung der Revolution durch Verbreiterung und Verstärkung der agitatorischen Tätigkeit in den breiten Schichten des Proletariats, der Bauernschaft, der städtischen Kleinbourgeoisie und unter den Truppen sowie ihre Hineinziehung in den aktiven Kampf gegen die Regierung durch ständiges Eingreifen der Sozialdemokratie und des von ihr geführten Proletariats in das politische Leben des Landes in allen seinen Erscheinungsformen...“ Die Partei „kann die falsche Hoffnungen erweckende Verpflichtung, das Volk zu bewaffnen, nicht auf sich nehmen, und muss ihre Aufgaben darauf beschränken, die Selbstbewaffnung der Bevölkerung zu fördern und Kampfscharen zu organisieren und zu bewaffnen...“ „Es ist Pflicht der Partei, sich allen Versuchen zu widersetzen, das Proletariat unter ungünstigen Voraussetzungen in einen bewaffneten Zusammenstoß hineinzuziehen...“ usw. usf. (siehe die Resolution des Parteitags).

Es ergibt sich, dass heute, in der gegebenen Lage, wo wir an der Schwelle einer neuen Volksaktion stehen, die „Hauptsache für den Sieg des Aufstandes - die Agitation wäre, während die Bewaffnung und die Organisierung roter Kampfabteilungen etwas Unwesentliches wäre, wovon wir uns nicht hinreißen lassen sollen und in Hinsicht worauf wir unsere Tätigkeit auf eine „Förderung“ „beschränken“ sollen. Davon aber, dass es notwendig ist, den Aufstand zu organisieren, und ihn nicht zersplittert durchzuführen, davon, dass wir eine Politik des Angriffs brauchen (man erinnere sich der Worte von Marx), - davon sagt der Parteitag kein Wort. Es ist klar, dass diese Fragen für ihn keine Bedeutung haben. Die Tatsachen besagen: Bewaffnet euch und festigt mit allen Mitteln die roten Kampfabteilungen, der Parteitag aber antwortet: Lasst euch nicht so sehr von der Bewaffnung und Organisierung roter Kampfabteilungen hinreißen, „beschränkt“ eure Tätigkeit in dieser Beziehung, da die Hauptsache die Agitation ist.

Man könnte meinen, wir hätten bisher sehr viel für die Bewaffnung gesorgt, eine Masse von Genossen bewaffnet, sehr viele Kampfabteilungen organisiert, die Agitation aber vernachlässigt - und da belehrt uns nun der Parteitag: Genug der Bewaffnung, macht euch darüber weiter keine Sorgen, die Hauptaufgabe ist ja die Agitation! Selbstverständlich ist die Agitation stets und überall eines der Hauptinstrumente der Partei, aber wird denn etwa die Agitation über den Sieg des bevorstehenden Aufstands entscheiden? Hätte der Parteitag dies vor vier Jahren gesagt, als die Frage des Aufstands bei uns nicht auf der Tagesordnung stand, so wäre das noch begreiflich gewesen, heute aber, wo wir an der Schwelle des bewaffneten Aufstands stehen, wo die Frage des Aufstands auf die Tagesordnung gestellt ist, wo er unabhängig von uns und gegen unseren Willen beginnen kann - was kann da die „als Hauptsache“ betriebene Agitation tun, was kann man durch diese „Agitation“ erreichen?

Oder weiter: Nehmen wir an, wir erweitern die Agitation, nehmen wir an, das Volk habe sich erhoben, was dann? Wie kann es ohne Warfen kämpfen? Hat denn das unbewaffnete Volk nicht genügend Blut vergossen? Und was soll das Volk mit Waffen, wenn es sie nicht zu benutzen weiß, wenn es nicht über genügend rote Kampfabteilungen verfügt? Man wird uns sagen: Wir verzichten nicht auf die Bewaffnung und auf rote Kampfabteilungen. Zugegeben, aber wenn ihr der Bewaffnung nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenkt, wenn ihr sie vernachlässigt, so heißt das, dass ihr faktisch auf sie verzichtet. Wir sprechen schon gar nicht davon, dass der Parteitag kein Sterbenswörtchen von der Organisierung des Aufstands und von der Politik des Angriffs gesagt hat. Übrigens musste das auch so kommen, denn die Resolution des Parteitags ist um vier bis fünf Jahre hinter dem Leben zurückgeblieben, und für den Parteitag war der Aufstand immer noch eine theoretische Frage. Was sagten über diese Frage auf dem Parteitag die Bolschewiki?

Sie sagten: „...In der propagandistischen und agitatorischen Tätigkeit der Partei muss dem Studium der praktischen Erfahrungen des Dezemberaufstands, seiner militärischen Kritik und der Herausarbeitung der unmittelbaren Lehren für die Zukunft verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt werden.“ „Es muss eine noch energischere Tätigkeit entfaltet werden, um die Zahl der Kampfscharen zu vergrößern, ihre Organisation zu verbessern und sie mit Waffen aller Art zu versorgen, wobei es, wie die Erfahrung gezeigt hat, notwendig ist, nicht nur Kampfscharen der Partei zu organisieren, sondern auch solche, die sich an die Partei anlehnen oder auch ganz parteilos sind...“ „Angesichts der wachsenden Bauernbewegung, die in der allernächsten Zukunft zu einem richtigen Aufstand aufflammen kann, ist es wünschenswert, die Kräfte auf die Vereinigung der Aktionen der Arbeiter und der Bauern zu richten, um nach Möglichkeit gemeinsame und gleichzeitige Kampfaktionen durchzuführen...“ Folglich „...beginnt angesichts der Steigerung und Verschärfung der neuen politischen Krise der „Übergang von den defensiven zu den offensiven Formen des bewaffneten Kampfes...“, und gemeinsam mit den Soldaten sind „...die entschlossensten Angriffsaktionen gegen die Regierung...“ notwendig usw. (siehe die Resolution der Bolschewiki). Das sagten die Bolschewiki. Aber der Standpunkt der Bolschewiki wurde vom Parteitag abgelehnt.

Hiernach ist es nicht schwer zu begreifen, weshalb die Resolutionen des Parteitags von den liberalen Kadetten mit solcher Begeisterung aufgenommen wurden (siehe „Mascha Shisn“ Nr. 432): sie begriffen, dass diese Resolutionen um mehrere Jahre hinter der jetzigen Revolution zurückgeblieben sind, dass diese Resolutionen die Klassenaufgaben des Proletariats absolut nicht zum Ausdruck bringen, dass das Proletariat durch diese Resolutionen eher zu einem Anhängsel der Liberalen werden kann als zu einer selbständigen Macht, - sie begriffen dies alles und ebendeshalb loben sie sie. Die Aufgabe der Parteigenossen besteht darin, zu den Resolutionen des Parteitags kritisch Stellung zu nehmen und zur gegebenen Zeit die entsprechenden Korrekturen an ihnen vorzunehmen.

Ebendiese Aufgabe hatten wir im Auge, als wir darangingen, diese Broschüre zu schreiben. Allerdings haben wir hier nur die beiden Resolutionen „Über das Verhältnis zur Reichsduma“ und „über den bewaffneten Aufstand“ berührt, aber diese beiden Resolutionen sind zweifellos die Hauptresolutionen, die den taktischen Standpunkt des Parteitags am klarsten zum Ausdruck bringen. Somit sind wir zu der Hauptschlussfolgerung gelangt, dass die Frage in der Partei so gestellt ist: Soll das klassenbewusste Proletariat in der jetzigen Revolution der Hegemon sein oder im Nachtrab der bürgerlichen Demokraten einher trotten? Wir haben gesehen, dass von dieser oder jener Lösung dieser Frage auch die Lösung aller übrigen Fragen abhängt. Umso sorgfältiger müssen die Genossen das Wesen dieser beiden Auffassungen gegeneinander abwägen.

Nach der vom „Verlag „Proletariat“ 1906 herausgegebenen Broschüre.

Unterschrift: Genosse K.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Der Klassenkampf

Die Allianz der Bourgeoisie kann nur erschüttert werden durch die Allianz des Proletariats. - K. Marx

Außerordentlich kompliziert ist das moderne Leben! Es wimmelt von verschiedenen Klassen und Gruppen: Großbourgeoisie, Mittelbourgeoisie und Kleinbourgeoisie; große, mittlere und kleine Feudalherren; Gesellen, ungelernte Arbeiter und qualifizierte Fabrikarbeiter; höhere, mittlere und niedere Geistliche; höhere, mittlere und kleine Beamte; die verschiedensten Intellektuellen und andere ähnliche Gruppen - dieses buntscheckige Bild bietet unser Leben! Augenscheinlich ist aber auch, dass, je weiter sich das Leben entwickelt, desto klarer in diesem komplizierten Leben zwei Haupttendenzen hervortreten, desto schärfer sich dieses komplizierte Leben in zwei einander gegenüberstehende Lager teilt: das Lager der Kapitalisten und das Lager der Proletarier. Die ökonomischen Januarstreiks (1905) haben klar gezeigt, dass Rußland sich wirklich in zwei Lager teilt. Die Novemberstreiks in Petersburg (1905) und die Juni- und Julistreiks in ganz Rußland (1906) ließen die Führer beider Lager aufeinanderprallen und enthüllten damit restlos die heutigen Klassengegensätze. Seitdem schlummert das Lager der Kapitalisten nicht, in diesem Lager geht eine fieberhafte und unaufhörliche Vorbereitung vonstatten: es werden lokale Kapitalistenverbände gegründet, die lokalen Verbände vereinigen sich zu Gebietsverbänden, die Gebietsverbände zu gesamtrussischen Verbänden, es werden Kassen und Presseorgane gegründet, gesamtrussische Kongresse und Konferenzen der Kapitalisten einberufen... Somit organisieren die Kapitalisten sich zu einer besonderen Klasse, um das Proletariat zu zügeln.

Auf der anderen Seite schlummert auch das Lager der Proletarier nicht. Auch hier geht eine fieberhafte Vorbereitung auf den kommenden Kampf vor sich. Trotz der Verfolgungen der Reaktion werden auch hier lokale Gewerkschaften gegründet, die lokalen Verbände vereinigen sich zu Gebietsverbänden, es werden Gewerkschaftskassen gegründet, die Gewerkschaftspresse wird ausgebaut, es werden gesamtrussische Kongresse und Konferenzen der Arbeiterverbände einberufen... Also organisieren sich auch die Proletarier zu einer besonderen Klasse, um die Ausbeutung zu zügeln.

Es gab eine Zeit, wo „Ruhe und Stille“ im Leben herrschten. Damals waren auch diese Klassen mit ihren Klassenorganisationen nicht zu sehen. Selbstverständlich wurde auch damals gekämpft, aber dieser Kampf trug örtlichen Charakter, betraf nicht die ganze Klasse, die Kapitalisten hatten keine Verbände, und jeder von ihnen war gezwungen, aus eigenen Kräften mit „seinen“ Arbeitern fertig zu werden. Auch die Arbeiter hatten keine Verbände, und folglich waren die Arbeiter jedes Betriebs gezwungen, sich auf ihre eigenen Kräfte zu verlassen. Zwar leiteten lokale sozialdemokratische Organisationen den ökonomischen Kampf der Arbeiter, aber jeder wird zugeben, dass diese Leitung schwach und zufällig war: die sozialdemokratischen Organisationen wurden nicht einmal mit den Parteiangelegenheiten fertig.

Die ökonomischen Streiks im Januar aber bildeten einen Wendepunkt. Die Kapitalisten gerieten in Bewegung und begannen, lokale Verbände zu gründen. Die Kapitalistenverbände Petersburgs, Moskaus, Warschaus, Rigas und anderer Städte wurden durch die Januarstreiks ins Leben gerufen. Was die Kapitalisten der Erdölindustrie, der Manganerzgewinnung, des Steinkohlenbergbaus und der Zuckererzeugung anbelangt, so verwandelten sie ihre alten und „friedlichen“ Verbände in Verbände des „Kampfes“ und begannen ihre Positionen auszubauen. Allein die Kapitalisten gaben sich damit nicht zufrieden. Sie beschlossen, einen gesamtrussischen Verband zu schaffen, und so traten sie im März 1905 auf Initiative Morosows zu einem Gesamtkongress in Moskau zusammen. Dies war der erste gesamtrussische Kapitalistenkongress. Hier schlossen sie ein Abkommen, worin sie sich verpflichteten, ohne gegenseitiges Einvernehmen den Arbeitern keine Zugeständnisse zu machen und „im äußersten“ Falle einen Lockout (Lockout (Aussperrung) ist ein Streik der Unternehmer, der darin besteht, dass die Unternehmer die Betriebe absichtlich schließen, um den Widerstand der Arbeiter zu brechen und ihre Forderungen zu begraben.) zu verhängen. Mit diesem Zeitpunkt beginnt ein erbitterter Kampf der Kapitalisten gegen die Proletarier. Mit diesem Zeitpunkt beginnt die Phase der großen Aussperrungen in Rußland. Für einen ernstlichen Kampf braucht man einen ernstlichen Verband, und so beschlossen die Kapitalisten, noch einmal zusammenzutreten, um einen engeren Bund zu schließen. So wurde drei Monate nach dem ersten Kongress (im Juli 1905) in Moskau ein zweiter gesamtrussischer Kapitalistenkongress einberufen. Hier bestätigten sie noch einmal die Resolutionen des ersten Kongresses, erkannten noch einmal die Notwendigkeit der Aussperrungen an und wählten ein Büro, das ein Statut ausarbeiten und für die Einberufung eines neuen Kongresses sorgen sollte. Unterdessen wurden die Resolutionen der Kongresse in die Tat umgesetzt. Die Tatsachen zeigten, dass die Kapitalisten diese Resolutionen genau durchführen. Erinnert man sich der von den Kapitalisten verhängten Aussperrungen in Riga, Warschau, Odessa, Moskau und anderen großen Städten, erinnert man sich der Novembertage in Petersburg, wo 72 Kapitalisten 200000 Petersburger Arbeiter mit einer rücksichtslosen Aussperrung bedrohten, - so begreift man leicht, welche große Macht der gesamtrussische Kapitalistenverband repräsentiert und wie genau die Kapitalisten die Beschlüsse ihres Verbandes ausführen. Später, nach dem zweiten Kongress, veranstalteten die Kapitalisten noch einen Kongress (im Januar 1906), und schließlich fand im April des Jahres bereits ein gesamtrussischer Gründungskongress der Kapitalisten statt, der ein einheitliches Statut beschloss und ein Zentralbüro wählte. Wie die Zeitungen melden, ist dieses Statut bereits von der Regierung bestätigt. Es ist somit unzweifelhaft, dass die Großbourgeoisie Rußlands sich bereits zu einer besonderen Klasse organisiert hat, sie hat ihre lokalen Organisationen, ihre Gebietsorganisationen und ihre zentrale Organisation und kann nach einem einheitlichen Plan die Kapitalisten ganz Rußlands mobilisieren.

Den Arbeitslohn herabsetzen, den Arbeitstag verlängern, das Proletariat kraftlos machen und seine Organisationen zerstören - das ist das Ziel des Gesamtverbandes der Kapitalisten. Gleichzeitig wuchs und entwickelte sich die Gewerkschaftsbewegung der Arbeiter. Die ökonomischen Januarstreiks (1905) übten auch hier ihren Einfluss aus. Die Bewegung wurde zu einer Massenbewegung, ihre Anforderungen erhöhten sich, und im Laufe der Zeit wurde es klar, dass die sozialdemokratischen Organisationen nicht zu ein und derselben Zeit sowohl die Parteiangelegenheiten als auch die Gewerkschaftsangelegenheiten leiten können. Notwendig war eine Art Arbeitsteilung zwischen Partei und Gewerkschaften. Notwendig war, dass die Parteiangelegenheiten von den Parteiorganisationen und die Gewerkschaftsangelegenheiten von den Gewerkschaften geleitet wurden. So begann die Gründung von Verbänden. In Moskau, Petersburg, Warschau, Odessa, Riga, Charkow, Tiflis - überall wurden Verbände gegründet. Allerdings stand die Reaktion hindernd im Wege, aber trotzdem gewannen die Bedürfnisse der Bewegung die Oberhand, und die Verbände mehrten sich. Bald tauchten nach den lokalen Verbänden Gebietsverbände auf, und schließlich kam es so weit, dass im September des vorigen Jahres eine gesamtrussische Konferenz der Verbände einberufen wurde. Dies war die erste Konferenz der Arbeiterverbände. Eine Frucht dieser Konferenz war es u.a., dass sie die Verbände der verschiedenen Städte einander näher brachte und schließlich ein Zentralbüro wählte, das die Einberufung eines Gesamtkongresses der Verbände vorbereiten sollte. Die Oktobertage brachen an - und die Gewerkschaftsverbände verdoppelten ihre Kraft. Die lokalen Verbände und schließlich die Gebietsverbände wuchsen mit jedem Tage. Allerdings wirkte die „Dezemberniederlage“ auf die Schaffung von Verbänden sichtlich hemmend, aber später erholte sich die Gewerkschaftsbewegung wieder, und die Sache kam so weit in Schwung, dass im Februar d. J. eine zweite Konferenz der Verbände mit einer bedeutend breiteren und vollständigeren Beschickung einberufen wurde als die erste Konferenz. Die Konferenz erkannte die Notwendigkeit lokaler, gebietlicher und gesamtrussischer Zentralen an, wählte eine „Organisationskommission“ zwecks Einberufung des bevorstehenden gesamtrussischen Kongresses und beschloß die entsprechenden Resolutionen über aktuelle Fragen der Gewerkschaftsbewegung.

Es ist somit unzweifelhaft, dass auch das Proletariat sich trotz des Wütens der Reaktion zu einer besonderen Klasse organisiert, es stärkt unermüdlich seine lokalen Organisationen, seine Gebietsorganisationen und seine zentralen Gewerkschaftsorganisationen und bemüht sich ebenfalls unermüdlich, seine zahllosen Mitbrüder gegen die Kapitalisten zu vereinigen. Erhöhung des Arbeitslohns, Verkürzung des Arbeitstags, Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Einschränkung der Ausbeutung und Untergrabung der Kapitalistenverbände - das ist das Ziel der Gewerkschaftsverbände der Arbeiter. So spaltet sich die moderne Gesellschaft in zwei große Lager, jedes dieser Lager organisiert sich zu einer besonderen Klasse, der zwischen ihnen entbrannte Klassenkampf wird mit jedem Tage tiefer und stärker, und um diese beiden Lager scharen sich alle übrigen Gruppen zusammen.

Marx hat gesagt, jeder Klassenkampf sei ein politischer Kampf. Dies bedeutet: Wenn heute die Proletarier und die Kapitalisten gegeneinander einen ökonomischen Kampf führen, so werden sie morgen gezwungen sein, auch einen politischen Kampf zu führen und somit durch zweierlei Kämpfe ihre Klasseninteressen zu verteidigen. Die Kapitalisten haben ihre beruflichen Sonderinteressen. Eben zwecks Sicherung dieser Interessen existieren ihre ökonomischen Organisationen. Aber außer ihren beruflichen Sonderinteressen haben sie noch allgemeine Klasseninteressen, die darin bestehen, den Kapitalismus zu festigen. Eben um dieser allgemeinen Interessen willen bedürfen sie des politischen Kampfes und einer politischen Partei. Die Kapitalisten Rußlands haben diese Frage sehr einfach gelöst: sie haben gesehen, dass die einzige Partei, die „direkt und furchtlos“ ihre Interessen vertritt, die Partei der Oktobristen ist, und haben deshalb beschlossen, sich um diese Partei zusammenzuschließen und sich ihrer ideologischen Führung zu unterwerfen. Seitdem führen die Kapitalisten ihren politischen Kampf unter der ideologischen Führung dieser Partei, mit ihrer Hilfe beeinflussen sie die jetzige Regierung (die die Arbeiterverbände verbietet, dafür aber die Kapitalistenverbände sofort zulässt) und bringen ihre Kandidaten in die Duma hinein usw. usf. Also ökonomischer Kampf mit Hilfe der Verbände, allgemeiner politischer Kampf unter der ideologischen Führung der Partei der Oktobristen- diese Form nimmt heute der Klassenkampf der Großbourgeoisie an.

Auf der anderen Seite sind ähnliche Erscheinungen heute auch in der Klassenbewegung des Proletariats zu beobachten. Zwecks Verteidigung der beruflichen Interessen der Proletarier werden Gewerkschaftsverbände geschaffen, die für die Erhöhung des Arbeitslohns, für die Kürzung des Arbeitstags usw. kämpfen. Aber außer ihren beruflichen Interessen haben die Proletarier auch noch allgemeine Klasseninteressen, die in der sozialistischen Revolution und in der Errichtung des Sozialismus bestehen. Die sozialistische Revolution aber lässt sich nicht vollziehen, bevor nicht das Proletariat als eine einheitliche und unteilbare Klasse die politische Herrschaft erobert hat. Dazu eben braucht das Proletariat den politischen Kampf und eine politische Partei, die seiner politischen Bewegung die ideologische Führung gibt. Natürlich sind die Arbeiterverbände zum größten Teil parteilos und neutral. Aber dies bedeutet lediglich, dass sie von der Partei nur in finanzieller und organisatorischer Beziehung unabhängig sind, d. h. sie haben eigene Kassen, eigene leitende Organe, führen eigene Kongresse durch und sind formal nicht verpflichtet, sich den Beschlüssen der politischen Parteien unterzuordnen. Was dagegen die ideologische Abhängigkeit der Gewerkschaften von dieser oder jener politischen Partei anbelangt, so muss eine solche Abhängigkeit unbedingt bestehen, sie muss, abgesehen von allem anderen, schon deshalb bestehen, weil den Verbänden Mitglieder verschiedener Parteien angehören, die unvermeidlich ihre politischen Überzeugungen in die Verbände hineintragen werden. Klar ist: Kann das Proletariat nicht ohne den politischen Kampf auskommen, so kann es auch nicht ohne die ideologische Führung dieser oder jener politischen Partei auskommen. Noch mehr, es muss selbst eine Partei suchen, die seine Verbände in würdiger Weise in das „gelobte Land“, zum Sozialismus führen wird. Hier aber muss das Proletariat auf der Hut sein und umsichtig zu Werke gehen. Es muss sich über das ideologische Gepäck der politischen Parteien volle Klarheit verschaffen und sich frei zur ideologischen Führung derjenigen Partei bekennen, die seine Klasseninteressen mutig und konsequent verteidigen, das rote Banner des Proletariats hochhalten und es kühn zur politischen Herrschaft, zur sozialistischen Revolution führen wird. Bisher erfüllt diese Rolle die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands, folglich besteht die Aufgabe der Gewerkschaften darin, sich zu ihrer ideologischen Führung zu bekennen. Bekanntlich ist das in der Tat auch so.

Also ökonomische Schlachten mit Hilfe der Gewerkschaften, politische Attacken unter der ideologischen Führung der Sozialdemokratie - diese Form hat heute der Klassenkampf des Proletariats angenommen. Kein Zweifel, dass der Klassenkampf immer stärker entbrennen wird. Es ist Aufgabe des Proletariats, seinen Kampf in ein System zu bringen und den Geist der Organisation in ihn hineinzutragen. Hierzu aber bedarf es der Festigung der Verbände und ihrer Vereinigung untereinander, wofür ein gesamtrussischer Kongress der Verbände einen großen Dienst leisten könnte. Nicht einen „parteilosen Arbeiterkongress“, sondern einen Kongress der Gewerkschaftsverbände der Arbeiter brauchen wir jetzt, damit das Proletariat sich zu einer einheitlichen und unteilbaren Klasse organisiere. Gleichzeitig muss das Proletariat mit allen Mitteln danach streben, die Partei zu stärken und zu festigen, die seinen Klassenkampf ideologisch und politisch führen wird.

“Achali Drojeba” (“Neue Zeit”)[79] Nr. 1.

14. November 1906.

Unterschrift: Ko...

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Die „Fabrikgesetzgebung“ und der proletarische Kampf

(Zu den beiden Gesetzen vom 15. November)

Es gab eine Zeit, wo unsere Arbeiterbewegung sich auf den ersten Entwicklungsstufen befand. Damals war das Proletariat in einzelne Gruppen zersplittert und dachte nicht an einen gemeinsamen Kampf. Eisenbahnarbeiter, Bergarbeiter, Fabrikarbeiter, Handwerker, Handlungsgehilfen, Büroangestellte - in solche Gruppen war das Proletariat Rußlands zersplittert. Außerdem zerfiel jede Gruppe ihrerseits in die Arbeiter der verschiedenen Städte und Ortschaften, zwischen denen es keinerlei Verbindung gab, weder auf parteilicher noch auf gewerkschaftlicher Linie. Somit war das Proletariat als einheitliche und unteilbare Klasse nicht zu sehen. Folglich war auch der proletarische Kampf als eine Offensive der gesamten Klasse nicht zu sehen. Aus diesem Grunde konnte die Zarenregierung seelenruhig ihre „altvaterische“ Politik fortsetzen. Aus diesem Grunde empfing der Einpeitscher der Reaktion, Pobjedonoszew, als 1893 im Reichsrat ein „Gesetzentwurf für die Arbeiterversicherung“ eingebracht wurde, die Verfasser dieses Entwurfs mit spöttischen Bemerkungen und erklärte mit Aplomb: „Meine Herren, Sie haben sich vergeblich bemüht, Sie können ruhig sein: bei uns gibt es keine Arbeiterfrage...“

Aber die Zeit verging, die Wirtschaftskrise rückte näher, die Streiks wurden häufiger, und das zersplitterte Proletariat organisierte sich allmählich zu einer einheitlichen Klasse. Schon die Streiks vom Jahre 1903 zeigten, dass es „bei uns“ seit langem „eine Arbeiterfrage gibt“. Die Streiks im Januar und Februar 1905 verkündeten der Welt zum ersten Mal, dass in Rußland das Proletariat als einheitliche Klasse an Reife und Manneskraft zunimmt. Die Generalstreiks im Oktober, November und Dezember 1905 und die „fälligen“ Streiks im Juni und Juli 1906 schließlich brachten die Proletarier der verschiedenen Städte in der Praxis einander näher, sie schweißten die Handlungsgehilfen, Büroangestellten, Handwerker, Industriearbeiter in der Praxis zu einer einheitlichen Klasse zusammen und verkündeten damit der Welt laut und vernehmlich, dass die Kräfte des einstmals zersplitterten Proletariats jetzt bereits den Weg der Vereinigung beschriften haben und sich zu einer einheitlichen Klasse organisieren. Hier zeigte sich auch die Kraft des politischen Generalstreiks als einer Methode des gemeinsamen proletarischen Kampfes gegen die heutigen Zustände ... Jetzt war es bereits unmöglich, das Vorhandensein der „Arbeiterfrage“ zu leugnen, hier war die Zarenregierung schon gezwungen, mit der Bewegung zu rechnen. Und so begann in den Kabinetten der Reaktionäre die Bildung verschiedener Kommissionen und die Abfassung von Entwürfen für „Fabrikgesetze“: die Kommission Schidlowskis[80], die Kommission Kokowzews[81] das Vereinsgesetz[82] (siehe das „Manifest“ vom 17.Oktober), die Rundschreiben Wittes und Durnowos[83], verschiedene Entwürfe und Pläne und schließlich die beiden Gesetze vom 15. November über die Handwerker und Handelsangestellten.

Solange die Bewegung hilflos war, solange sie keine Massenbewegung war, kannte die Reaktion gegen das Proletariat nur ein Mittel - dieses Mittel waren Gefängnis, Sibirien, Kosakenpeitsche und Galgen. Die Reaktion verfolgt überall und immer ein einziges Ziel: das Proletariat in kleine Gruppen zu spalten, seinen Vortrupp zu zertrümmern, die neutrale Masse einzuschüchtern und auf ihre Seite zu ziehen und auf diese Weise Uneinigkeit im Lager des Proletariats hervorzurufen. Wir haben gesehen, dass sie dieses Ziel mit Kosakenpeitsche und Gefängnissen ausgezeichnet erreichte. Die Sache nahm jedoch eine ganz andere Wendung, als die Bewegung Massencharakter annahm. Jetzt hatte die Reaktion es nicht mehr allein mit „Anstiftern“ zu tun, - vor ihr stand eine unzählbare Masse in ihrer ganzen revolutionären Größe. Eben mit dieser Masse hatte sie zu rechnen. Eine Masse aber kann man nicht hängen, nicht nach Sibirien verbannen, nicht in die Gefängnisse stecken. Sie aber mit Peitschen zu schlagen, ist für die Reaktion nicht immer vorteilhaft, da der Boden unter ihren Füßen schon lange zu wanken begonnen hat. Es ist klar, dass neben den alten Mitteln ein neues, „kultivierteres“ Mittel notwendig war, das nach Ansicht der Reaktion die Meinungsverschiedenheiten im Lager des Proletariats vertiefen, in dem rückständigen Teil der Arbeiterschaft falsche Hoffnungen erwecken, sie zum Verzicht auf den Kampf zwingen und sie um die Regierung zusammenschließen konnte. Ein solches neues Mittel ist eben die „Fabrikgesetzgebung“.

Somit will die Zarenregierung, ohne das alte Mittel aus der Hand zu geben, gleichzeitig auch die „Fabrikgesetzgebung“ ausnutzen und folglich mit Hilfe der Kosakenpeitsche und des Gesetzes die „akute Arbeiterfrage“ lösen. Sie will durch verschiedene Versprechungen hinsichtlich einer Kürzung des Arbeitstags, eines Schutzes der Kinder- und Frauenarbeit, einer Verbesserung der sanitären Verhältnisse, einer Arbeiterversicherung, einer Aufhebung der Geldstrafen und anderer ähnlicher Wohltaten das Vertrauen des rückständigen Teils der Arbeiterschaft gewinnen und damit der Klasseneinheit des Proletariats das Grab schaufeln. Die Zarenregierung weiß sehr wohl, dass sie eine derartige „Tätigkeit“ niemals so nötig hatte wie jetzt, im gegebenen Augenblick, wo der Generalstreik im Oktober die Proletarier der verschiedenen Wirtschaftszweige vereinigt und die Reaktion an der Wurzel untergraben hat, wo der künftige Generalstreik in einen bewaffneten Kampf umschlagen und die alte Ordnung stürzen kann, wo die Reaktion folglich Uneinigkeit im Arbeiterlager, die Gewinnung des Vertrauens der rückständigen Arbeiter und ihre Herüberziehung auf ihre Seite wie die Luft zum Atmen nötig hat.

In dieser Beziehung ist die Tatsache äußerst interessant, dass die Reaktion durch die Gesetze vom 15. November ihren gnädigen Blick nur auf die Handlungsgehilfen und Handwerker richtet, und das zu einer Zeit, wo sie die besten Söhne des Industrieproletariats in die Gefängnisse und an den Galgen schickt. Denkt man sich in die Sache hinein, so ist das auch kein Wunder. Erstens sind die Handlungsgehilfen, Handwerker und Angestellten der Handelsbetriebe nicht wie die Industriearbeiter in großen Fabriken und Werken konzentriert, sie sind über die verschiedenen Kleinbetriebe zerstreut, ihr Klassenbewusstsein ist verhältnismäßig zurückgeblieben, und sie sind folglich leichter zu betrügen als die anderen. Zweitens bilden die Handlungsgehilfen, Büroangestellten und Handwerker einen bedeutenden Teil des Proletariats des modernen Rußlands, und folglich würde ihre Abkehr von den kämpfenden Proletariern die Kraft des Proletariats sowohl bei den heutigen Wahlen als auch während einer künftigen Aktion merklich schwächen. Schließlich ist es jedermann bekannt, dass die städtische Kleinbourgeoisie in der jetzigen Revolution von großer Bedeutung ist, jedermann weiß, dass es für die Sozialdemokratie notwendig ist, sie unter der Hegemonie des Proletariats zu revolutionieren, bekannt ist auch, dass niemand es so verstehen wird, die Kleinbourgeoisie auf ihre Seite zu ziehen, wie die Handwerker, Handlungsgehilfen und Büroangestellten, die ihr näher stehen als die übrigen Proletarier. Es ist klar, dass eine Abkehr der Handlungsgehilfen und der Handwerker vom Proletariat ihm auch die Kleinbourgeoisie entfremden und es in der Stadt isolieren würde, was die Zarenregierung so dringend wünscht. Hiernach ist es klar, weshalb die Reaktion die Gesetze vom 15. November zusammengebraut hat, die nur die Handwerker, Handlungsgehilfen und Büroangestellten betreffen. Was das Industrieproletariat anbelangt, so vertraut es der Regierung sowieso nicht, die „Fabrikgesetzgebung“ ist ihm keinen Pfifferling wert, und es ist wohl nur durch Kugeln zur Vernunft zu bringen. Was das Gesetz nicht fertig bringt, das soll die Kugel nachholen!... So denkt die Zarenregierung.

So aber denkt nicht nur unsere Regierung, sondern auch jede andere antiproletarische Regierung - ganz einerlei, ob diese Regierung eine feudal-absolutistische Regierung, eine bürgerlich-monarchistische oder eine bürgerlich-republikanische sein würde. Gegen das Proletariat kämpft man überall mit Hilfe der Kugeln und des Gesetzes, und so wird es sein, bis die sozialistische Revolution eintritt, bis der Sozialismus errichtet sein wird. Man erinnere sich der Jahre 1824 und 1825 im konstitutionellen England, als man ein Gesetz über die Streikfreiheit ausarbeitete und gleichzeitig die Gefängnisse mit streikenden Arbeitern gefüllt wurden. Man erinnere sich des republikanischen Frankreichs der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als man über die „Fabrikgesetzgebung“ redete und gleichzeitig die Straßen von Paris mit dem Blute der Arbeiter gerötet wurden. Man erinnere sich alles dessen und vieler anderer ähnlicher Tatsachen, und man wird sehen, dass es so und nicht anders ist. Dies heißt jedoch durchaus nicht, dass sich das Proletariat derartige Gesetze nicht zunutze machen kann. Zwar hat die Reaktion beim Erlass von „Fabrikgesetzen“ ihre eigenen Pläne, - sie will das Proletariat niederhalten, aber das Leben macht ihre Pläne Schritt für Schritt zunichte, und in solchen Fällen schleichen sich in das Gesetz stets für das Proletariat nützliche Artikel ein. Dies geschieht, weil kein einziges „Fabrikgesetz“ ohne Ursachen, ohne Kampf das Licht der Welt erblickt, - kein einziges „Fabrikgesetz“ wird von der Regierung erlassen, bevor nicht die Arbeiter zum Kampfe antreten, bevor nicht die Regierung sich vor die Notwendigkeit gestellt sieht, ihren Forderungen Genüge zu leisten. Die Geschichte zeigt, dass jedem „Fabrikgesetz“ Teilstreiks oder ein Generalstreik vorausgehen. Dem Junigesetz von 1882 (über die Einstellung von Kindern, über ihre Arbeitszeit und über die Einsetzung von Fabrikinspektionen) gingen Streiks in Narwa, Perm, Petersburg und Shirardow im gleichen Jahre voraus. Die Juni- und Oktobergesetze von 1886 (über die Geldstrafen, die Abrechnungsbücher usw.) waren das direkte Resultat der Streiks von 1885-86 im Zentralgebiet. Dem Junigesetz von 1897 (über die Verkürzung des Arbeitstags) gingen die Streiks von 1895-96 in Petersburg voraus. Die Gesetze von 1903 (über die „Verantwortlichkeit der Unternehmer“ und die „Fabrikältesten“) waren das direkte Resultat der „südrussischen Streiks“ vom gleichen Jahre. Die Gesetze vom 15. November 1906 (über die Verkürzung des Arbeitstags und die Sonntagsruhe für Handlungsgehilfen, Büroangestellte und Handwerker) schließlich sind das direkte Resultat der Juni- und Julistreiks des laufenden Jahres in ganz Rußland.

Wie man sieht, ging jedem „Fabrikgesetz“ eine Bewegung der Massen voraus, die so oder so die Befriedigung ihrer Forderungen, wenn nicht vollständig, so doch wenigstens teilweise durchsetzten. Daher ist es von selbst klar, dass sich in einem „Fabrikgesetz“, wie schlecht es auch sein möge, dennoch einige Artikel finden, die das Proletariat sich zunutze machen wird, um seinen Kampf zu verstärken. Man braucht nicht zu beweisen, dass es sich fest an solche Artikel halten und sie als Werkzeug benutzen muss, um seine Organisationen noch weiter zu festigen und noch kräftiger als früher den proletarischen Kampf, den Kampf für die sozialistische Revolution zu entfachen. Nicht umsonst hat Bebel gesagt: „Man muss dem Teufel mit seinem eigenen Schwert den Kopf abschlagen ...“ In dieser Beziehung sind die beiden Gesetze vom 15. November recht interessant. Es gibt in ihnen natürlich viele schlechte Artikel, aber es gibt auch Artikel, die die Reaktion unbewusst hineingebracht hat und die das Proletariat bewusst ausnutzen muss.

So gibt es z. B., obgleich die Gesetze alle beide Gesetze „über den Arbeitsschutz“ heißen, darin unerhörte Artikel, die jeden „Arbeitsschutz“ völlig negieren und von denen Gebrauch zu machen sich hier und da sogar Unternehmer scheuen werden. Beide Gesetze führen für Handels- und Handwerksbetriebe den zwölfstündigen Arbeitstag ein, obgleich in vielen Orten der zwölfstündige Arbeitstag bereits abgeschafft und der zehn- oder achtstündige Arbeitstag eingeführt ist. Beide Gesetze erkennen eine Überstundenarbeit von täglich zwei Stunden (den vierzehnstündigen Arbeitstag) im Laufe von vierzig Tagen in den Handelsbetrieben und von sechzig Tagen in den Werkstätten als zulässig an, obwohl jede Überstundenarbeit fast überall abgeschafft ist. Gleichzeitig haben die Unternehmer das Recht, auf „Vereinbarung mit den Arbeitern“, d. h. durch Nötigung der Arbeiter, die Überstundenarbeit zu verlängern, den Arbeitstag auf siebzehn Stunden auszudehnen, usw. usf. Natürlich wird das Proletariat kein Gran von den einmal eroberten Rechten an die Unternehmer abtreten, und die leeren Worte der erwähnten Gesetze werden nun einmal lächerliche leere Worte bleiben.

Auf der anderen Seite gibt es auch Artikel, die das Proletariat sich ausgezeichnet zum Ausbau seiner Positionen zunutze machen kann. Beide Gesetze besagen, dass dort, wo die Arbeit nicht weniger als acht Stunden täglich dauert, der Arbeiter zwei Stunden Tischzeit erhält, während die Handwerker, Handlungsgehilfen und Büroangestellten jetzt bekanntlich nicht überall eine zweistündige Erholungspause haben. Beide Gesetze besagen ferner, dass Personen unter siebzehn Jahren das Recht haben, sich außer diesen zwei Stunden für weitere drei Stunden täglich aus dem Geschäft oder der Werkstätte zu entfernen, um die Schule zu besuchen, was für unsere jungen Genossen selbstverständlich eine große Erleichterung sein wird... Kein Zweifel, dass das Proletariat diese Artikel der Gesetze vom 15. November gehörig ausnutzen wird, dass es seinen proletarischen Kampf gehörig verstärken und der Welt noch einmal beweisen wird, dass man dem Teufel mit seinem eigenen Schwert den Kopf abschlagen muss.

„Achali Drojeba“ („Neue Zeit“) Nr. 4.

4. Dezember 1906.

Unterschrift: Ko…

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Anarchismus oder Sozialismus?

[84]

Die Drehachse des modernen gesellschaftlichen Lebens ist der Klassenkampf. In diesem Kampfe aber lässt jede Klasse sich von ihrer eigenen Ideologie leiten. Die Bourgeoisie hat ihre eigene Ideologie - das ist der so genannte Liberalismus. Eine eigene Ideologie hat auch das Proletariat - das ist bekanntlich der Sozialismus. Man kann den Liberalismus nicht als etwas Geschlossenes und Unteilbares betrachten: er zerfällt in verschiedene Richtungen entsprechend den verschiedenen Schichten der Bourgeoisie. Auch der Sozialismus ist nicht geschlossen und unteilbar: auch in ihm gibt es verschiedene Richtungen. Wir wollen uns hier nicht mit der Untersuchung des Liberalismus befassen - das verschieben wir besser auf ein anderes Mal. Wir wollen den Leser nur mit dem Sozialismus und seinen Strömungen bekannt machen. Unserer Meinung nach wird das für ihn von größerem Interesse sein. Der Sozialismus teilt sich in drei Hauptströmungen: Reformismus, Anarchismus und Marxismus.

Der Reformismus (Bernstein u. a.), für den der Sozialismus nur ein fernes Ziel und weiter gar nichts ist, der Reformismus, der faktisch die sozialistische Revolution ablehnt und den Sozialismus auf friedlichem Wege zu errichten sucht, der Reformismus, der nicht den Kampf der Klassen predigt, sondern ihre Zusammenarbeit, - dieser Reformismus zersetzt sich von Tag zu Tag, verliert von Tag zu Tag immer mehr alle sozialistischen Kennzeichen, so dass, unserer Meinung nach, seine Untersuchung hier, in diesen Artikeln, bei Bestimmung des Sozialismus, in keiner Weise vonnöten ist. Ganz anders steht es um den Marxismus und den Anarchismus: beide werden heute als sozialistische Strömungen anerkannt, beide führen einen erbitterten Kampf gegeneinander, beide sind bemüht, sich in den Augen des Proletariats als wirklich sozialistische Lehren hinzustellen, so dass es natürlich für den Leser von bedeutend größerem Interesse ist, diese beiden Strömungen zu untersuchen und einander gegenüberzustellen.

Wir gehören nicht zu, den Leuten, die sich bei der Erwähnung des Wortes. „Anarchismus“ verächtlich abwenden, mit der Hand abwinken und erklären: „Da habt ihr was Rechtes gefunden, es lohnt nicht mal, von ihm zu reden!“ Wir meinen, dass eine so billige „Kritik“ sowohl unwürdig als auch nutzlos ist. Wir gehören ferner nicht zu den Leuten, die sich damit trösten, die Anarchisten hätten „keine Massen und sind deshalb nicht gar so gefährlich“. Die Sache ist nicht die, wem heute größere oder geringere „Massen“ folgen, - es handelt sich um das Wesen der Lehre. Bringt die „Lehre“ der Anarchisten die Wahrheit zum Ausdruck, so wird sie sich selbstverständlich den Weg bahnen und Massen um sich sammeln. Ist sie dagegen nicht stichhaltig und auf einer falschen Grundlage errichtet, so wird sie sich nicht lange halten und in der Luft hängen bleiben. Die Unstichhaltigkeit des Anarchismus aber bedarf des Beweises. Manche sind der Auffassung, der Marxismus und der Anarchismus hätten ein und dieselben Prinzipien, es gäbe zwischen ihnen lediglich taktische Meinungsverschiedenheiten, so dass es ihrer Meinung nach ganz unmöglich sei, diese beiden Strömungen einander gegenüberzustellen. Dies ist jedoch ein großer Irrtum.

Wir sind der Auffassung, dass die Anarchisten richtige Feinde des Marxismus sind. Wir erkennen also auch an, dass man gegen richtige Feinde einen richtigen Kampf führen muss. Deshalb aber ist es notwendig, die „Lehre“ der Anarchisten von Anfang bis zu Ende zu untersuchen und sie von allen Seiten gründlich zu erwägen. Die Sache ist die, dass der Marxismus und der Anarchismus sich auf völlig verschiedene Prinzipien gründen, obgleich beide unter sozialistischem Banner in der Kampfarena erscheinen. Der Grundstein des Anarchismus ist die Persönlichkeit, deren Befreiung seiner Ansicht nach die Hauptbedingung für die Befreiung der Masse, des Kollektivs ist. Nach Ansicht des Anarchismus ist die Befreiung der Masse unmöglich, solange die Persönlichkeit nicht befreit ist, weshalb seine Losung lautet: „Alles für die Persönlichkeit.“ Der Grundstein des Marxismus dagegen ist die Masse, deren Befreiung seiner Ansicht nach die Hauptbedingung für die Befreiung der Persönlichkeit ist. Das heißt, nach Ansicht des Marxismus ist die Befreiung der Persönlichkeit unmöglich, solange die Masse nicht befreit ist, weshalb seine Losung lautet: „Alles für die Masse.“ Es ist klar, dass wir es hier mit zwei einander negierenden Prinzipien zu tun haben, und nicht bloß mit taktischen Meinungsverschiedenheiten.

Der Zweck unserer Artikel besteht darin, diese beiden entgegengesetzten Prinzipien einander gegenüberzustellen, den Marxismus und den Anarchismus miteinander zu vergleichen und dadurch ihre Vorzüge und Mängel klarzustellen. Hierbei halten wir es für notwendig, den Leser sogleich mit dem Plan der Artikel vertraut zu machen. Wir werden mit einer Charakterisierung des Marxismus beginnen, beiläufig die Ansichten der Anarchisten über den Marxismus berühren und dann zur Kritik des Anarchismus selbst übergehen. Und zwar entwickeln wir die dialektische Methode, die Ansichten der Anarchisten über diese Methode und unsere Kritik; die materialistische Theorie, die Ansichten der Anarchisten und unsere Kritik (hier wird auch von der sozialistischen Revolution, der sozialistischen Diktatur, dem Minimalprogramm und überhaupt von der Taktik die Rede sein); die Philosophie der Anarchisten und unsere Kritik; den Sozialismus der Anarchisten und unsere Kritik; die Taktik und die Organisation der Anarchisten und zum Schluss ziehen wir unsere Schlussfolgerungen. Wir werden zu beweisen versuchen, dass die Anarchisten als „Prediger eines Sozialismus kleiner Gemeinden keine wirklichen Sozialisten sind. Wir werden ferner zu beweisen versuchen, dass die Anarchisten, da sie die Diktatur des Proletariats ablehnen, auch keine wirklichen Revolutionäre sind... Damit kommen wir zur Sache.

I. Die dialektische Methode

„Alles, was existiert, … existiert nur, lebt nur vermittelst irgendwelcher Bewegung … Wir leben inmitten einer beständigen Bewegung des Anwachsens der Produktivkräfte, der Zerstörung sozialer Verhältnisse…“ - K. Marx

Der Marxismus ist nicht nur die Theorie des .Sozialismus, sondern eine in sich geschlossene Weltanschauung, ein philosophisches System, aus dem sich der proletarische Sozialismus von Marx logisch ergibt. Dieses philosophische System heißt dialektischer Materialismus. Den Marxismus darlegen heißt deshalb auch den dialektischen Materialismus darlegen. Weshalb heißt dieses System dialektischer Materialismus? Weil seine Methode die dialektische und seine Theorie materialistisch ist. Was ist die dialektische Methode? Man sagt, das gesellschaftliche Leben befinde sich in einem Zustand unaufhörlicher Bewegung und Entwicklung. Das ist richtig: man kann das Leben nicht für etwas Unveränderliches und Erstarrtes halten, es bleibt niemals auf derselben Stufe stehen, es befindet sich in ewiger! Bewegung, ist in stetem Vergehen und Werden begriffen. Deshalb gibt es im Leben stets Neues und Altes, Wachsendes und Absterbendes, Revolutionäres und Konterrevolutionäres.

Die dialektische Methode besagt, dass man das Leben gerade so betrachten muss, wie es in Wirklichkeit ist. Wir haben gesehen, dass das Leben sich in unaufhörlicher Bewegung Befindet, folglich müssen wir das Leben in seiner Bewegung betrachten und die Frage stellen: Wohin geht das Leben? Wir haben gesehen, dass das Leben ein Bild ständigen Vergehens und Werdens bietet, folglich ist es unsere Pflicht, das Leben in seinem Vergehen und Werden zu betrachten und die Frage zu stellen: Was vergeht und was entsteht im Leben? Das, was im Leben entsteht und von Tag zu Tag wächst, ist unüberwindlich, kann in seiner Vorwärtsbewegung nicht aufgehalten werden. Das heißt, wenn z. B. im Leben das Proletariat als Klasse entsteht und von Tag zu Tag wächst, so wird es, auch wenn es heute noch so schwach und wenig zahlreich sein mag, zu guter Letzt doch .siegen. Weshalb? Weil es wächst, erstarkt und vorwärts schreitet. Umgekehrt muss das, was im Leben altert und dem Grabe entgegengeht, unvermeidlich eine Niederlage erleiden, auch wenn es heute noch eine Riesenkraft darstellt. Das heißt, wenn z. B. die Bourgeoisie allmählich den Boden unter den Füßen verliert und von Tag zu Tag zurückgeht, so kann sie heute noch so stark und zahlreich sein, sie wird zu guter Letzt dennoch eine Niederlage erleiden. Weshalb? Weil sie sich als Klasse zersetzt, schwächer wird, altert und zu einem Ballast im Leben wird. Daher auch der bekannte dialektische Leitsatz: Alles, was wirklich ist, d. h. alles, was von Tag zu Tag wächst, ist vernünftig, und alles das, was sich von Tag zu Tag zersetzt, ist unvernünftig und wird deshalb der Niederlage nicht entgehen.

Ein Beispiel. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand unter der russischen revolutionären Intelligenz ein großer Streit. Die Volkstümler behaupteten, der Hauptfaktor der die „Befreiung Rußlands“ bewerkstelligen könne, sei die Kleinbourgeoisie in Dorf und Stadt. Wieso? fragten die Marxisten sie. Weil die Kleinbourgeoisie in Dorf und Stadt, sagten die Volkstümler, jetzt die Mehrheit bildet und außerdem, weil sie arm ist und im Elend lebt. Die Marxisten erwiderten: Richtig ist, dass die Kleinbourgeoisie in Dorf und Stadt heute die Mehrheit bildet und dass sie tatsächlich arm ist, aber kommt es denn darauf an? Die Kleinbourgeoisie bildet schon lange die Mehrheit, doch hat sie bis jetzt ohne die Hilfe des Proletariats keinerlei Initiative im Kampf für die „Freiheit“ an den Tag gelegt. Und warum? Weil die Kleinbourgeoisie als Klasse nicht wächst, sondern sich im Gegenteil von Tag zu Tag zersetzt und in Bourgeois und Proletarier zerfällt. Auf der anderen Seite kommt selbstverständlich auch der Armut hier nicht die entscheidende Bedeutung zu: die „Barfüßler“ sind noch ärmer als die Kleinbourgeoisie, doch wird niemand behaupten, dass sie die „Befreiung Rußlands“ bewerkstelligen können.

Es kommt, wie man sieht, nicht darauf an, welche Klasse heute die Mehrheit bildet oder welche Klasse ärmer ist, sondern darauf, welche Klasse erstarkt und welche sich zersetzt. Da nun das Proletariat die einzige Klasse ist, die unaufhörlich wächst und erstarkt, die das gesellschaftliche Leben vorantreibt und alle revolutionären Elemente um sich sammelt, so ist es unsere Pflicht, es als Hauptfaktor in der heutigen Bewegung anzuerkennen, sich seinen Reihen anzuschließen und seine fortschrittlichen Bestrebungen zu unseren eigenen Bestrebungen zu machen. So erwiderten die Marxisten. Die Marxisten betrachteten offensichtlich das Leben dialektisch, während die Volkstümler metaphysisch urteilten, - sie stellten das gesellschaftliche Leben als auf einem Punkt erstarrt dar.

So betrachtet die dialektische Methode die Entwicklung des Lebens. Es gibt jedoch Bewegungen und Bewegungen. Es gab eine Bewegung im gesellschaftlichen Leben in den „Dezembertagen“, als das Proletariat, den Rücken gestrafft, die Waffenlager stürmte und die Reaktion angriff. Aber eine gesellschaftliche Bewegung muss auch die Bewegung der vorhergehenden Jahre genannt werden, wo das Proletariat unter „friedlichen“ Entwicklungsbedingungen sich auf einzelne Streiks und die Schaffung kleiner Gewerkschaften beschränkte. Es ist klar, dass die Bewegung verschiedene Formen hat. Die. dialektische Methode besagt denn auch, dass die Bewegung zweierlei Formen hat: eine evolutionäre und eine revolutionäre. Die Bewegung ist evolutionär, wenn die progressiven Elemente spontan ihre alltägliche Wirksamkeit fortsetzen und in den alten Zuständen kleine, Quantitative Veränderungen herbeiführen. Die Bewegung ist revolutionär, wenn dieselben Elemente sich vereinigen, von einer einheitlichen Idee ergriffen werden und gegen das feindliche Lager stürmen, um die alten Zustande mit Stumpf und Stiel auszurotten und im Leben qualitative Veränderungen herbeizuführen, neue Zustände herzustellen. Die Evolution bereitet die Revolution vor und schafft den Boden für sie, während die Revolution die Evolution vollendet und ihr weiteres Wirken fördert.

Ebensolche Prozesse gehen auch im Leben der Natur vor sich. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt, dass die dialektische Methode die wahrhaft wissenschaftliche Methode ist: von der Astronomie bis zur Soziologie - überall findet der Gedanke Bestätigung, dass es in der Welt nichts Ewiges gibt, dass alles sich verändert, alles sich entwickelt. Folglich, muss alles in der Natur vom Standpunkt der Bewegung, der Entwicklung aus betrachtet werden. Dies bedeutet aber, dass der Geist der Dialektik die ganze moderne Wissenschaft durchdringt. Was nun die Formen der Bewegung anbelangt, was die Tatsache anbelangt, dass der Dialektik zufolge kleine, quantitative Veränderungen schließlich zu großen, qualitativen Veränderungen führen - so gilt dieses Gesetz in gleichem Maße in der Naturgeschichte. Das „Periodische System der Elemente“ von Mendelejew zeigt klar, von welcher großen Bedeutung in der Naturgeschichte das Eintreten qualitativer Veränderungen infolge quantitativer Veränderungen ist. Das gleiche bezeugt in der Biologie die Theorie des Neolamarckismus, dem der Neodarwinismus Platz macht.

Wir sprechen gar nicht von den anderen Tatsachen, die F. Engels in seinem „AntiDühring“ genügend vollständig beleuchtet hat. Das ist der Inhalt der dialektischen Methode.

Wie stellen sich die Anarchisten zur dialektischen Methode? Jedermann weiß, dass der Stammvater der dialektischen Methode Hegel war, Marx hat diese Methode geläutert und verbessert. Dieser Umstand ist natürlich auch den Anarchisten bekannt. Sie wissen, dass Hegel ein konservativer Denker war, und da benutzen sie die Gelegenheit, um Hegel als Anhänger der „Restauration“ aus Leibeskräften zu beschimpfen und mit großem Eifer zu „beweisen“, dass „Hegel der Philosoph der Restauration ist, ... dass er den bürokratischen Konstitutionalismus in seiner absoluten Form lobpreist, dass die Gesamtidee seiner Geschichtsphilosophie der philosophischen Richtung der Restaurationsepoche untergeordnet ist und ihr dient“, und so weiter und dergleichen mehr (siehe „Nobati“[85] Nr. 6, Artikel von W. Tscherkesischwili). Das gleiche versucht in seinen Werken auch der bekannte Anarchist Kropotkin zu „beweisen“ (siehe z. B. seine in russischer Sprache veröffentlichte Schrift „Wissenschaft und Anarchismus“).

Kropotkin findet einstimmige Nachbeter in unseren Kropotkinleuten, von Tscherkesischwili bis zu S. G. (siehe die Nummern des „Nobati“). Allerdings streitet niemand mit ihnen darüber, im Gegenteil, jeder ist damit einverstanden, dass Hegel kein Revolutionär war. Marx und Engels selbst haben früher als alle anderen in ihrer „Kritik der kritischen Kritik“ bewiesen, das Hegels historische Ansichten der Selbstherrschaft des Volkes von Grund aus widersprechen. Trotzdem aber versuchen die Anarchisten zu „beweisen“ und halten es für notwendig, jeden Tag zu „beweisen“, dass Hegel ein Anhänger der „Restauration“ war. Wozu tun sie das? Wahrscheinlich, um mit alledem Hegel zu diskreditieren und den Leser auf den Gedanken zu bringen, der „Reaktionär“ Hegel könne eben nur eine „abscheuliche“ und unwissenschaftliche Methode haben. Auf diesem Wege wollen die Anarchisten die dialektische Methode widerlegen.

Wir erklären, dass sie auf diesem Wege nichts beweisen als ihre eigene Unwissenheit. Pascal und Leibniz waren keine Revolutionäre, aber die von ihnen entdeckte mathematische Methode wird jetzt als eine wissenschaftliche Methode anerkannt. Mayer und Helmholtz waren keine Revolutionäre, aber ihre Entdeckungen auf dem Gebiete der Physik sind zu einer Grundlage der Wissenschaft geworden. Keine Revolutionäre waren auch Lamarck und Darwin, aber ihre evolutionistische Methode hat die biologische Wissenschaft auf die Füße gestellt... Warum kann man nicht die Tatsache zugeben, dass es Hegel trotz seines Konservatismus gelungen ist, die wissenschaftliche Methode herauszuarbeiten, die sich die dialektische nennt? Nein, auf diesem Wege werden die Anarchisten nichts beweisen als ihre eigene Unwissenheit. Gehen wir weiter. Die Anarchisten meinen: „Dialektik ist Metaphysik“, und da sie „die Wissenschaft von der Metaphysik und die Philosophie von der Theologie befreien wollen“, so lehnen sie die dialektische Methode ab (siehe „Nobati“ Nr. 3 und 9, S. G. Siehe auch „Wissenschaft und Anarchismus“ von Kropotkin).

Das ist ja allerhand von den Anarchisten! „Der Sieche nennt den Gesunden krank“, heißt es in einem Sprichwort. Die Dialektik ist im Kampf gegen die Metaphysik gereift, in diesem Kampf hat sie sich Ruhm erworben, nach der Meinung der Anarchisten aber wäre die Dialektik - Metaphysik! Die Dialektik besagt, dass es in der Welt nichts Ewiges gibt, dass in der Welt alles vorübergehend und veränderlich ist, dass die Natur sich ändert ,die Gesellschaft sich ändert, die Sitten und Gebräuche sich ändern, die Gerechtigkeitsbegriffe sich ändern, die Wahrheit selbst sich ändert, - eben deshalb sieht die Dialektik auch alles kritisch an, eben deshalb lehnt sie auch eine ein für allemal festgestellte Wahrheit ab, folglich verneint sie auch die abstrakten „dogmatischen Sätze, die, einmal gefunden, nur auswendig gelernt sein wollen“ (siehe F. Engels, „Ludwig Feuerbach“)[86] .

Die Metaphysik dagegen sagt uns etwas ganz anderes, Für sie ist die Welt etwas Ewiges und Unveränderliches (siehe F. Engels, „Anti-Dühring“), die Welt sei ein für allemal durch irgendjemand oder irgendetwas bestimmt; und ebendeshalb führen die Metaphysiker stets die „ewige Gerechtigkeit“ und die „unveränderliche Wahrheit“ im Munde. Der „Stammvater“ der Anarchisten, Proudhon, sagte, in der Welt gäbe es eine ein für allemal bestimmte unveränderliche Gerechtigkeit, die der zukünftigen Gesellschaft zugrunde gelegt werden müsse. Deswegen bezeichnete man Proudhon als Metaphysiker. Marx bekämpfte Proudhon mit Hilfe der dialektischen Methode und bewies, dass, sich in der Welt alles verändert, auch die „Gerechtigkeit“ sich verändern muss und folglich die „unveränderliche Gerechtigkeit“ ein metaphysischer Unsinn ist (siehe K. Marx, „Das Elend der Philosophie“). Die georgischen Schüler des Metaphysikers Proudhon aber leiern uns vor: „Die Dialektik von Marx ist Metaphysik“!

Die Metaphysik erkennt verschiedene nebelhafte Dogmen an, wie z.B. das „Unerkennbare“, das „Ding an sich“, um schließlich in inhaltslose Gottesgelehrtheit überzugehen. Im Gegensatz zu Proudhon und Spencer bekämpfte Engels diese Dogmen mit Hilfe der dialektischen Methode (siehe „Ludwig Feuerbach“). Die Anarchisten aber - die Schüler Proudhons und Spencers - sagen uns, Proudhon und Spencer seien Wissenschaftler, Marx und Engels aber seien Metaphysiker! Von zwei Dingen eins: entweder betrügen die Anarchisten sich selbst, oder sie wissen nicht, was sie reden. Jedenfalls ist es unzweifelhaft, dass die Anarchisten das metaphysische System Hegels mit seiner dialektischen Methode verwechseln. Es erübrigt sich zu sagen, dass das philosophische System Hegels, das sich auf eine unveränderliche Idee stützt, von Anfang bis zu Ende metaphysisch ist. Klar ist aber auch, dass die dialektische Methode Hegels die jede unveränderliche Idee ablehnt, von Anfang bis zu Ende wissenschaftlich und revolutionär ist.

Aus diesem Grunde hat sich Karl Marx, der Hegels metaphysisches System vernichtend kritisierte, gleichzeitig lobend ausgesprochen über seine dialektische Methode, die, wie .Marx sagte, „sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist“ (siehe „Das Kapital“, Bd. I, Nachwort zur 2. Aufläge [deutsche Neuausgabe Berlin 1947]). Aus diesem Grunde sieht Engels einen großen Unterschied zwischen Hegels Methode und seinem System. „Wer das Hauptgewicht auf das System Hegels legte, konnte auf beiden Gebieten ziemlich konservativ sein; wer in der dialektischen Methode die Hauptsache sah, konnte religiös wie politisch zur äußersten Opposition gehören.“ (Siehe „Ludwig Feuerbach“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1946, S. 11].) Die Anarchisten sehen diesen Unterschied nicht und schwatzen gedankenlos, „Dialektik ist Metaphysik“.

Gehen wir weiter. Die Anarchisten sagen, die dialektische Methode sei eine „Spitzfindigkeit“, eine „Methode von Sophismen“, ein „logischer Salto mortale“ (siehe „Nobati“ Nr. 8, S. G.), „mit dessen Hilfe sich Wahrheit und Lüge gleicherweise leicht beweisen lassen“ (siehe „Nobati“ Nr. 4, Artikel von W. Tscherkesischwili). Also nach Ansicht der Anarchisten beweist die dialektische Methode gleicherweise Wahrheit und Lüge. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob die von den Anarchisten erhobene Beschuldigung nicht ganz unbegründet wäre. Man höre z. B., was Engels über einen Anhänger der metaphysischen Methode sagt: „... Seine Rede ist Ja, ja, Nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein Ding kann ebenso wenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus ...“ (Siehe „Anti-Dühring“, Einleitung [deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, S. 24].)

Aber wieso denn, ereifern sich die Anarchisten. Ist es denn möglich, dass ein und dasselbe Ding zu ein und derselben Zeit sowohl gut als auch schlecht ist?! Das ist doch ein „Sophismus“, ein „Wortspiel“, das bedeutet doch, dass „ihr mit gleicher Leichtigkeit Wahrheit und Lüge beweisen wollt“!... Denken wir uns jedoch in das Wesen der Sache hinein.

Heute fordern wir die demokratische Republik. Können wir sagen, die demokratische Republik sei in jeder Beziehung gut oder in jeder Beziehung schlecht? Nein, das können wir nicht! Warum? Weil die demokratische Republik nur von einer Seite her gut ist, da sie die Feudalordnung zerstört, dafür aber ist sie von der anderen Seite schlecht, da sie die bürgerliche Ordnung festigt. Eben deshalb sagen wir: soweit die demokratische Republik die Feudalordnung zerstört, insofern ist sie gut, - und wir kämpfen für sie, soweit sie aber die bürgerliche Ordnung festigt, insofern ist sie schlecht, - und wir kämpfen gegen sie. Es ergibt sich, dass ein und dieselbe demokratische Republik zu ein und derselben Zeit sowohl „gut“ als auch „schlecht“ ist - sowohl Ja als auch Nein. t Genau das gleiche lässt sich über den achtstündigen Arbeitstag sagen, der zu ein und derselben Zeit „gut“ ist, soweit er das Proletariat stärker macht, aber auch „schlecht“ ist, soweit er das System der Lohnarbeit festigt. Eben solche Tatsachen hatte Engels im Auge, als er in den oben angeführten Worten die dialektische Methode charakterisierte. Die Anarchisten aber begriffen das nicht, und der völlig klare Gedanke erschien ihnen als ein nebelhafter „Sophismus“.

Natürlich ist es den Anarchisten freigestellt, diese Tatsachen zu bemerken oder nicht zu bemerken, sie können sogar am Strande den Sand nicht bemerken - das ist ihr gutes Recht. Was aber hat damit die dialektische Methode zu schaffen, die zum Unterschied vom Anarchismus das Leben nicht mit geschlossenen Augen ansieht, sondern den Pulsschlag des Lebens fühlt und geradeheraus erklärt: Da das Leben sich verändert und sich in Bewegung befindet, hat jede Lebenserscheinung zwei Tendenzen: eine positive und eine negative, von denen wir die erstere verteidigen, die letztere aber ablehnen müssen. Gehen wir noch weiter. Nach Ansicht unserer Anarchisten „ist die dialektische Entwicklung eine Entwicklung in Katastrophen, derzufolge zuerst das Vergangene restlos vernichtet wird und dann völlig gesondert das Zukünftige sich durchsetzt... Die Kataklysmen von Cuvier wurden durch unbekannte Ursachen hervorgerufen, die Katastrophen von Marx und Engels aber werden durch die Dialektik hervorgerufen“ (siehe „Nobati“ Nr. 8, S. G.). An einer anderen Stelle aber schreibt der gleiche Autor: „Der Marxismus stützt sich auf den Darwinismus und nimmt eine unkritische Stellung ihm gegenüber ein.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6.) Man gebe acht!

Cuvier lehnt die Darwinsche Evolution ab, er erkennt nur die Kataklysmen an, ein Kataklysmus aber ist eine plötzliche Explosion, „von unbekannten Ursachen hervorgerufen“. Die Anarchisten behaupten, die Marxisten schlössen sich Cuvier an und folglich lehnten sie den Darwinismus ab. Darwin lehnt Cuviers Kataklysmen ab, er erkennt nur die allmähliche Evolution an. Da sagen nun die gleichen Anarchisten: „Der Marxismus stützt sich auf den Darwinismus und nimmt eine unkritische Stellung ihm gegenüber ein“, d. h. die Marxisten lehnten Cuviers Kataklysmen ab. Kurzum, die Anarchisten beschuldigen die Marxisten, dass sie sich Cuvier anschließen, und gleichzeitig werfen sie ihnen vor, dass sie sich Darwin und nicht Cuvier anschließen.

Da habt ihr sie - die Anarchie! Die Unteroffizierswitwe hat, wie die Rede geht, sich selbst verprügelt! Es ist klar, dass der S. G. aus Nr. 8 des „Nobati“ vergessen hat, was der S. G. aus Nr. 6 geschrieben hat. Welche von ihnen hat recht: Nr. 8 oder Nr. 6? Wenden wir uns den Tatsachen zu. Marx erklärt: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widersprach mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen... Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“ Aber „eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist...“ (Siehe K. Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie“, Vorwort.)[87]

Wendet man diese These von Marx auf das moderne gesellschaftliche Leben an, so ergibt sich, dass zwischen den modernen Produktivkräften, die gesellschaftlichen Charakter tragen, und der Form der Aneignung der Produkte, die privaten Charakter trägt, ein grundlegender Konflikt besteht, der durch die sozialistische Revolution abgeschlossen werden muss (siehe F. Engels, „Anti-Dühring“, Zweites Kapitel des Dritten Abschnitts). Wie man sieht, wird nach Ansicht von Marx und Engels die Revolution nicht durch die „unbekannten Ursachen“ Cuviers hervorgerufen, sondern durch ganz bestimmte und lebendige gesellschaftliche Ursachen, die „Entwicklung der Produktivkräfte“ heißen. Wie man sieht, wird nach Ansicht von Marx und Engels die Revolution erst dann vollzogen, wenn die Produktivkräfte genügend herangereift sind, und nicht plötzlich, wie Cuvier sich das dachte. Es ist klar, dass Cuviers Kataklysmen und Marx' dialektische Methode nichts miteinander gemein haben.

Auf der anderen Seite lehnt der Darwinismus nicht mir die Kataklysmen Cuviers, sondern auch die dialektisch aufgefasste Entwicklung ab, die die Revolution einschließt, während vom Standpunkt der dialektischen Methode Evolution und Revolution, quantitative und qualitative Veränderungen - zwei notwendige Formen einer und derselben Bewegung sind. Offensichtlich lässt sich auch nicht behaupten: „Der Marxismus... nimmt gegenüber dem Darwinismus eine unkritische Stellung ein.“ Es ergibt sich, dass „Nobati“ in beiden Fällen irrt, sowohl in Nr. 6 als auch in Nr. 8. Schließlich werfen die Anarchisten uns vor: „Die Dialektik ... gibt nicht die Möglichkeit, aus sich herauszugehen oder herauszuhüpfen noch sich selbst zu überspringen.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 8, S. G.) Dies allerdings, ihr Herren Anarchisten, ist die reinste Wahrheit, hier habt ihr, Verehrte, absolut recht: eine solche Möglichkeit gibt die dialektische Methode wirklich nicht. Warum aber tut sie das nicht? Weil „aus sich herauszuhüpfen und sich selbst zu überspringen“ eine Beschäftigung für Gemsböcke ist, während die dialektische Methode für Menschen geschaffen ist. Das ist das ganze Geheimnis!...

Das sind im großen und ganzen die Ansichten der Anarchisten über die dialektische Methode. Es ist klar, dass die Anarchisten die dialektische Methode von Marx und Engels nicht begriffen haben, - sie haben sich ihre eigene Dialektik ausgedacht und eben mit dieser schlagen sie sich so erbittert herum. Wir aber können nur lachen, wenn wir auf dieses Schauspiel blicken, denn man muss unwillkürlich lachen, wenn man sieht, wie ein Mensch mit den Gebilden seiner eigenen Phantasie kämpft, auf seine eigenen Fiktionen einschlägt und gleichzeitig emphatisch versichert, er treffe den Gegner.

II. Die materialistische Theorie

„Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ - K. Marx

Mit der dialektischen Methode sind wir bereits vertraut. Was ist die materialistische Theorie? Alles in der Welt verändert sich, alles im Leben entwickelt sich, aber wie geht diese Veränderung vor sich und in welcher Form vollzieht sich diese Entwicklung? Wir wissen z. B., dass die Erde einstmals eine glühende Feuermasse war, die dann allmählich erkaltete, dass später Pflanzen und Tiere entstanden, mit der Entwicklung der Tierwelt eine bestimmte Gattung von Affen auftauchte, und schließlich nach alledem der Mensch auftauchte. So vollzog sich im großen und ganzen die Entwicklung der Natur.

Wir wissen ferner, dass auch das gesellschaftliche Leben nicht an einer Stelle stillgestanden hat. Es gab eine Zeit, wo die Menschen in der kommunistischen Urgemeinschaft lebten; damals fristeten sie ihre Existenz durch die primitive Jagd, sie streiften durch die Wälder und erwarben sich auf diese Weise Nahrung. Es brach eine Zeit an, wo der Urkommunismus abgelöst wurde durch das Matriarchat, - damals befriedigten die Menschen ihre Bedürfnisse vorwiegend vermittels des primitiven Ackerbaus. Dann wurde das Matriarchat abgelöst durch das Patriarchat, wo die Menschen ihre Existenz vorwiegend durch die Viehzucht fristeten. Dann wurde das Patriarchat abgelöst von der auf Sklaverei beruhenden Gesellschaftsordnung, - damals fristeten die Menschen ihre Existenz durch einen relativ entwickelteren Ackerbau. Der Sklavenhaltergesellschaft folgte die Leibeigenschaft, und später folgte alledem die bürgerliche Gesellschaftsordnung. So verlief im großen und ganzen die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens.

Jawohl, alles dies ist bekannt... Aber wie vollzog sich diese Entwicklung: rief das Bewusstsein die Entwicklung der „Natur“ und der „Gesellschaft“ hervor, oder rief umgekehrt die Entwicklung der „Natur“ und der „Gesellschaft“ die Entwicklung des Bewusstseins hervor? So stellt die materialistische Theorie die Frage. Manche sagen, der „Natur“ und dem „gesellschaftlichen Leben“ sei eine Weltidee vorausgegangen, die dann die Grundlage ihrer Entwicklung bildete, so dass die Entwicklung der Erscheinungen der „Natur'' und des „gesellschaftlichen Lebens“ sozusagen die äußere Form, ein einfaches Abbild der Entwicklung der Weltidee wäre.

Das war z. B. die Lehre der Idealisten, die sich mit der Zeit in mehrere Strömungen teilten. Andere wiederum sagen, dass in der Welt von Anbeginn an zwei einander negierende Kräfte bestehen - Idee und Materie, Bewusstsein und Sein -, und dass dementsprechend die Erscheinungen sich in zwei Reihen teilen - eine ideelle und eine materielle, die einander negieren und bekämpfen, so dass die Entwicklung der Natur und der Gesellschaft ein beständiger Kampf zwischen den ideellen und den materiellen Erscheinungen wäre. Das war z. B. die Lehre der Dualisten, die sich mit der Zeit ebenso wie die Idealisten in mehrere Strömungen teilten. Die materialistische Theorie lehnt sowohl den Dualismus als auch den Idealismus entschieden ab.

Gewiss, in der Welt existieren ideelle und materielle Erscheinungen, aber dies bedeutet keineswegs, dass sie einander negieren. Im Gegenteil, die ideelle und die materielle Seite sind zwei verschiedene Formen ein und derselben Natur oder Gesellschaft, sie lassen sich nicht ohne einander vorstellen, sie existieren zusammen, entwickeln sich zusammen, und wir haben folglich keinen Grund zu glauben, dass sie einander negieren. Der so genannte Dualismus erweist sich somit als nicht stichhaltig. Eine einheitliche und unteilbare Natur, in zwei verschiedenen Formen, der ideellen und der materiellen, ausgeprägt; ein einheitliches und unteilbares gesellschaftliches Leben, in zwei verschiedenen Formen, der ideellen und der materiellen, ausgeprägt - so müssen wir die Entwicklung der Natur und des gesellschaftlichen Lebens betrachten. Das ist der Monismus der materialistischen Theorie. Gleichzeitig lehnt die materialistische Theorie auch den Idealismus ab.

Falsch ist der Gedanke, dass die ideelle Seite, und überhaupt das Bewusstsein, in ihrer Entwicklung der materiellen Seite voraus gehe. Es gab noch keine Lebewesen, aber es existierte bereits die so genannte äußere, „unbelebte“ Natur. Das erste Lebewesen besaß keinerlei Bewusstsein, es besaß lediglich die Eigenschaft der Reizbarkeit und die ersten Keimformen der Empfindung. Dann entwickelte sich bei den Tieren allmählich die Fähigkeit der Empfindung, die langsam in Bewusstsein überging, entsprechend der Entwicklung des Baus ihres Organismus und Nervensystems. Wäre der Affe immer auf allen vieren gegangen, hätte er nicht den Rücken gestrafft, so hätte sein Nachkomme - der Mensch - sich nicht frei seiner Lungen und seiner Stimmbänder bedienen können und würde somit nicht von der Sprache haben Gebrauch machen können, was die Entwicklung seines Bewusstseins von Grund aus aufgehalten hätte. Oder aber: wenn der Affe sich nicht auf die Hinterbeine gestellt hätte, so wäre sein Nachkomme - der Mensch - gezwungen gewesen, immer auf allen vieren zu gehen, nach unten zu blicken und von dort seine Eindrücke zu schöpfen; er hätte nicht die Möglichkeit gehabt, nach oben um sich zu blicken, und folglich hätte er nicht die Möglichkeit gehabt, seinem Hirn mehr Eindrücke zuzuführen, als ein vierfüßiges Tier sie hat. Alles dies hätte die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins in grundlegender Weise aufgehalten.

Es ergibt sich, dass für die Entwicklung des Bewusstseins ein bestimmter Bau des Organismus und eine bestimmte Entwicklung seines Nervensystems notwendig sind. Es ergibt sich, dass der Entwicklung der ideellen Seite, der Entwicklung des Bewusstseins, die Entwicklung der materiellen Seite, die Entwicklung der äußeren Bedingungen vorausgeht: zuerst verändern sich die äußeren Bedingungen, zuerst verändert sich die materielle Seite, und dann verändert sich dementsprechend das Bewusstsein, die ideelle Seite. Die Entwicklungsgeschichte der Natur untergräbt somit von Grund aus den so genannten Idealismus.

Das gleiche ist auch von der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Gesellschaft zu sagen. Die Geschichte zeigt: Wenn die Menschen zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Gedanken und Wünschen ergriffen werden, so liegt die Ursache hierfür darin, dass die Menschen zu verschiedenen Zeiten auf verschiedene Art mit der Natur kämpften, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und dass sich dementsprechend ihre wirtschaftlichen Verhältnisse verschieden gestalteten. Es gab eine Zeit, wo die Menschen den Kampf mit der Natur gemeinsam, in der kommunistischen Urgemeinschaft, führten, und damals war auch ihr Eigentum ein kommunistisches Eigentum, so dass sie fast gar nicht „Mein“ und „Dein“ unterschieden, ihr Bewusstsein war kommunistisch. Es brach eine Zeit an, wo eine Unterscheidung zwischen „Mein“ und „Dein“ in die Produktion eindrang, - da nahm auch das Eigentum einen privaten, individualistischen Charakter an, und deshalb wurde das Bewusstsein der Menschen von dem Gefühl des Privateigentums durchdrungen. Es bricht eine Zeit an, die Gegenwart, wo die Produktion abermals gesellschaftlichen Charakter annimmt, folglich wird auch das Eigentum bald gesellschaftlichen Charakter annehmen, - und eben deshalb wird das Bewusstsein der Menschen allmählich vom Sozialismus durchdrungen.

Ein einfaches Beispiel. Man stelle sich einen Schuhmacher vor, der eine winzige Werkstätte besessen hat, aber nicht mit den großen Unternehmern konkurrieren konnte, seine Werkstätte zugemacht und sich, sagen wir, in die Schuhfabrik von Adelchanow in Tiflis verdingt hat. Er ist in Adelchanows Fabrik eingetreten, aber nicht, um zu einem ständigen Lohnarbeiter zu werden, sondern um zu Geld zu kommen, sich ein kleines Kapital zusammenzusparen und dann seine Werkstätte wieder aufzumachen. Wie man sieht, sind die Verhältnisse dieses Schuhmachers bereits proletarisch, sein Bewusstsein aber ist vorläufig noch kein proletarisches, sondern ein durch und durch kleinbürgerliches. Mit anderen Worten, die Verhältnisse dieses Schuhmachers sind bereits nicht mehr kleinbürgerlich, die kleinbürgerlichen Verhältnisse sind verschwunden, aber sein kleinbürgerliches Bewusstsein ist noch nicht verschwunden, es ist hinter seiner faktischen Lage zurückgeblieben. Es ist klar, dass auch hier, im gesellschaftlichen Leben, sich zuerst die äußeren Bedingungen ändern - zuerst ändert sich die Lage der Menschen, und dann ändert sich dementsprechend ihr Bewusstsein.

Kehren wir jedoch zu unserem Schuhmacher zurück. Wie wir bereits wissen, gedenkt er zu Geld zu kommen, um dann seine Werkstätte zu eröffnen. Der proletarisierte Schuhmacher arbeitet und sieht, dass es sehr schwer ist, zu Geld zu kommen, da der Arbeitslohn kaum für die nackte Existenz reicht. Außerdem bemerkt er, dass auch die Eröffnung einer privaten Werkstätte nicht gar so verlockend ist: die Mietzahlung, die Launen der Kunden, der Geldmangel, die Konkurrenz der Großunternehmer und ähnliche Plagen - so viele Sorgen bedrücken den privaten Meister. Demgegenüber ist der Proletarier relativ frei von solchen Sorgen, ihn beunruhigt weder der Kunde noch die Mietzahlung, er kommt morgens in die Fabrik, geht „unbekümmert“ am Abend wieder weg und steckt am Sonnabend ebenso unbekümmert seine „Lohntüte“ in die Tasche. Hier werden den kleinbürgerlichen Träumen unseres Schuhmachers zum ersten Mal die Flügel beschnitten, hier entstehen in seiner Seele zum ersten Mal proletarische Bestrebungen.

Die Zeit vergeht, und unser Schuhmacher sieht, dass das Geld nicht einmal für das Notwendigste reicht, dass er eine Erhöhung des Arbeitslohns äußerst nötig hat. Gleichzeitig merkt er, dass seine Kollegen von irgendwelchen Verbänden und Streiks reden. Hier wird unser Schuhmacher sich dessen bewusst, dass es zwecks Verbesserung seiner Lage notwendig ist, gegen die Unternehmer zu kämpfen, nicht aber eine eigene Werkstätte aufzumachen. Er tritt in den Verband ein, schließt sich der Streikbewegung an und gerät bald in den Bann der sozialistischen Ideen... Auf diese Weise folgte der Veränderung der materiellen Lage des Schuhmachers schließlich eine Veränderung seines Bewusstseins: zuerst änderte sich seine materielle Lage und dann, einige Zeit später, änderte sich dementsprechend auch sein Bewusstsein. Dasselbe muss auch von den Klassen und von der Gesellschaft im ganzen gesagt werden.

Im gesellschaftlichen Leben ändern sich ebenfalls zuerst die äußeren Bedingungen, es ändern sich zuerst die materiellen Bedingungen, und dann dementsprechend auch das Denken der Menschen, ihre Sitten, Gewohnheiten, ihre Weltanschauung. Deshalb sagt Marx: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Wenn wir die materielle Seite, die äußeren Bedingungen, das Sein und andere derartige Erscheinungen den Inhalt nennen, dann können wir die ideelle Seite, das Bewusstsein und andere derartige Erscheinungen die Form nennen. Hieraus entsprang der bekannte materialistische Satz: Im Prozess der Entwicklung geht der Inhalt der Form voraus, bleibt die Form hinter dem Inhalt zurück.

Da nun nach Ansicht von Marx die ökonomische Entwicklung die „materielle Basis“ des gesellschaftlichen Lebens, sein Inhalt ist, während die juristisch-politische und religiösphilosophische Entwicklung die „ ideologische Form“ dieses Inhalts, sein „Oberbau“ ist, so zieht Marx die Schlussfolgerung: „Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“ Dies bedeutet natürlich keineswegs, dass nach Ansicht von Marx ein Inhalt ohne Form möglich sei, wie dies S. G. schwante (siehe „Nobati“ Nr. l, „Kritik des Monismus“). Ein Inhalt ohne Form ist unmöglich, aber die Sache ist die, dass diese oder jene Form, da sie hinter ihrem Inhalt zurückbleibt, diesem Inhalt niemals restlos entspricht, so dass der neue Inhalt „gezwungenermaßen“ sich zeitweilig in die alte Form kleidet, was einen Konflikt zwischen ihnen hervorruft. Dem gesellschaftlichen Inhalt der Produktion entspricht z. B. gegenwärtig nicht die Form der Aneignung des erzeugten Produkts, die privaten Charakter trägt, und eben auf diesem Boden spielt sich der soziale „Konflikt“ der Gegenwart ab.

Auf der anderen Seite bedeutet der Gedanke, dass das Bewusstsein eine Form des Seins ist, keineswegs, dass das Bewusstsein seiner Natur nach gleichfalls Materie wäre. So dachten nur die Vulgärmaterialisten (z. B. Büchner und Moleschott), deren Theorien dem Materialismus von Marx von Grund aus widersprechen und die Engels in seinem „Ludwig Feuerbach“ mit Recht verspottet hat. Gemäß dem Materialismus von Marx sind Bewusstsein und Sein, Idee und Materie zwei verschiedene Formen ein und derselben Erscheinung, die, allgemein gesprochen, Natur oder Gesellschaft genannt wird. Also negieren sie einander nicht (Dies widerspricht keineswegs dem Gedanken, dass zwischen Form and Inhalt ein Konflikt besteht. Die Sache ist die, dass der Konflikt nicht zwischen dem Inhalt und der Form überhaupt, sondern zwischen der alten Form und dem neuen Inhalt besteht, der sich eine neue Form sucht und ihr zustrebt.) und sind doch gleichzeitig nicht ein und dasselbe. Die Sache ist nur die, dass in der Entwicklung der Natur und der Gesellschaft dem Bewusstsein, d. h. dem, was in unserem Kopfe vor sich geht, eine entsprechende materielle Veränderung vorausgeht, d. h. das, was außer uns vor sich geht, - dieser oder jener materiellen Veränderung folgt früher oder später unvermeidlich die entsprechende ideelle Veränderung.

Ausgezeichnet, wird man uns sagen, vielleicht stimmt das für die Geschichte der Natur und der Gesellschaft. Auf welche Weise aber entstehen in unserem Kopf heutzutage verschiedene Vorstellungen und Ideen? Existieren denn in Wirklichkeit die so genannten äußeren Bedingungen, oder aber existieren nur unsere Vorstellungen von diesen äußeren Bedingungen? Und wenn die äußeren Bedingungen existieren, in welchem Maße ist dann ihre Wahrnehmung und Erkenntnis möglich? Hierzu erklärt die materialistische Theorie, dass unsere Vorstellungen, unser „Ich“ nur insoweit existiert, als die äußeren Bedingungen existieren, die in unserem „Ich“ Eindrücke hervorrufen. Wer ohne Überlegung sagt, dass nichts existiere als unsere Vorstellungen, ist gezwungen, alle wie immer gearteten äußeren Bedingungen zu leugnen und folglich die Existenz der übrigen Menschen zu leugnen, da er nur die Existenz seines eigenen „Ich“ gelten lässt, was absurd ist und den Grundlagen der Wissenschaft völlig widerspricht.

Es ist einleuchtend, dass die äußeren Bedingungen wirklich existieren; diese Bedingungen haben vor uns existiert und werden nach uns existieren, und ihre Wahrnehmung und Erkenntnis ist um so leichter möglich, je häufiger und stärker sie auf unser Bewusstsein einwirken. Was die Frage anbelangt, auf welche Weise heutzutage in unserem Kopfe verschiedene Vorstellungen und Ideen entstehen, so müssen wir bemerken, dass sich hier in Kürze wiederholt, was in der Geschichte der Natur und der Gesellschaft vor sich geht. Auch im vorliegenden Fall ist der Gegenstand, der sich außerhalb von uns befindet, unserer Vorstellung von diesem Gegenstand vorausgegangen, auch im vorliegenden Fall bleibt unsere Vorstellung, die Form, hinter dem Gegenstand - ihrem Inhalt - zurück. Betrachte ich einen Baum und sehe ich ihn, so bedeutet das lediglich, dass, noch bevor in meinem Kopf die Vorstellung von dem Baum entstand, der Baum selber existierte, der die entsprechende Vorstellung in mir hervorgerufen hat... Das ist kurz der Inhalt der materialistischen Theorie von Marx.

Man begreift unschwer, welche Bedeutung die materialistische Theorie für die praktische Tätigkeit der Menschen haben muss. Wenn sich zuerst die ökonomischen Bedingungen ändern, und dann dementsprechend auch das Bewusstsein der Menschen ändert, so ist es klar, dass die Begründung eines bestimmten Ideals nicht im Hirn der Menschen, nicht in ihrer Phantasie gesucht werden darf, sondern in der Entwicklung ihrer ökonomischen Bedingungen gesucht werden muss. Gut und annehmbar ist nur dasjenige Ideal, das auf der Grundlage der Erforschung der ökonomischen Bedingungen entstanden ist. Untauglich und unannehmbar sind alle diejenigen Ideale, die nicht mit den ökonomischen Bedingungen rechnen, sich nicht auf ihre Entwicklung stützen. Das ist die erste praktische Schlussfolgerung aus der materialistischen Theorie. Wenn das Bewusstsein der Menschen, ihre Sitten und Gewohnheiten von den äußeren Bedingungen bestimmt werden, wenn die Untauglichkeit der juristischen und politischen Formen auf dem ökonomischen Inhalt beruht, so ist es klar, dass wir uns für die grundlegende Umgestaltung der ökonomischen Verhältnisse einsetzen müssen, damit sich zugleich mit ihnen auch die Sitten und Gewohnheiten des Volkes und die politischen Zustände von Grund aus verändern.

Hierüber sagt Karl Marx: „Es bedarf keines großen Scharfsinnes, um aus den Lehren des Materialismus ... seinen notwendigen Zusammenhang mit dem ... Sozialismus einzusehen. Wenn der Mensch aus der Sinnenwelt... alle Kenntnis, Empfindung etc. sich bildet, so kommt es also darauf an, die empirische Welt so einzurichten, dass er das wahrhaft Menschliche in ihr erfährt, sich angewöhnt, dass er sich als Mensch erfährt... Wenn der Mensch unfrei im materialistischen Sinne, d. h. frei ist, nicht durch die negative Kraft, dies und jenes zu meiden, sondern durch die positive Macht, seine wahre Individualität geltend zu machen, so muss man nicht das Verbrechen am einzelnen strafen, sondern die antisozialen Geburtsstätten des Verbrechens zerstören... Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände menschlich bilden.“ (Siehe „Ludwig Feuerbach“, Beilage „K. Marx über den französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts“ .)[88] Das ist die zweite praktische Schlussfolgerung der materialistischen Theorie.

Wie stellen sich die Anarchisten zu der materialistischen Theorie von Marx und Engels? Nimmt die dialektische Methode von Hegel ihren Ausgang, so ist die materialistische Theorie eine Entwicklung des Materialismus von Feuerbach. Die Anarchisten wissen dies sehr wohl, und sie versuchen, sich die Mängel Hegels und Feuerbachs zunutze zu machen, um den dialektischen Materialismus von Marx und Engels anzuschwärzen. Hinsichtlich Hegels und der dialektischen Methode haben wir bereits darauf hingewiesen, dass solche Schliche der Anarchisten nichts weiter zu beweisen vermögen als ihre eigene Unwissenheit. Das gleiche muss auch hinsichtlich ihrer Ausfälle gegen Feuerbach und die materialistische Theorie gesagt werden.

Da sagen uns z.B. die Anarchisten mit großem Aplomb: „Feuerbach war Pantheist...“ Er habe „den Menschen vergöttlicht...“ (siehe „Nobati“ Nr.7, D. Delendi), „nach Ansicht Feuerbachs ist der Mensch das, was er isst...“, woraus Marx angeblich die Schlussfolgerung gezogen habe: „folglich ist das wichtigste und erste die ökonomische Lage...“ (siehe „Nobati“ Nr.6, S.G.). Allerdings zweifelt niemand an dem Pantheismus Feuerbachs, an seiner Vergöttlichung des Menschen und an anderen ähnlichen Fehlern von ihm. Im Gegenteil, Marx und Engels haben Feuerbachs Fehler als erste aufgedeckt. Die Anarchisten aber halten es trotzdem für notwendig, die bereits enthüllten Fehler erneut zu „enthüllen“. Weshalb? Wahrscheinlich weil sie durch die Anpöbelung Feuerbachs indirekt auch die materialistische Theorie von Marx und Engels anschwärzen wollen. Freilich, wenn wir die Sache unvoreingenommen ansehen, so werden wir gewiss finden, dass es bei Feuerbach neben unrichtigen Gedanken auch richtige gab, genau so, wie das in der Geschichte mit vielen anderen Gelehrten gegangen ist. Die Anarchisten aber fahren trotzdem fort zu „enthüllen“... Wir erklären noch einmal, dass sie durch derartige Schliche nichts anderes beweisen als ihre eigene Unwissenheit.

Bemerkenswert ist, dass die Anarchisten (wie wir weiter unten noch sehen werden) die materialistische Theorie nach dem Hörensagen kritisieren wollen, ohne auch nur im geringsten mit ihr bekannt zu sein. Infolgedessen widersprechen sie sich häufig und widerlegen einander, was unsere „Kritiker“ natürlich in eine lächerliche Lage bringt. Hört man z. B. Herrn Tscherkesischwili, so hätten Marx und Engels den monistischen Materialismus gehasst, so wäre ihr Materialismus ein vulgärer und kein monistischer gewesen: „Jene große Wissenschaft der Naturforscher mit ihrem System der Evolution, dem Transformismus und dem monistischen Materialismus, den Engels so stark hasst..., hat die Dialektik gemieden“ usw. (siehe „Nobati“ Nr. 4, W. Tscherkesischwili). Es ergäbe sich, dass der naturwissenschaftliche Materialismus, den Tscherkesischwili billigt und den Engels „hasste“, ein monistischer Materialismus war und folglich Billigung verdient, während der Materialismus von Marx und Engels kein monistischer gewesen wäre und natürlich keine Anerkennung verdient.

Ein anderer Anarchist wieder sagt, der Materialismus von Marx und Engels sei monistisch, und deshalb verdiene er, abgelehnt zu werden. „Die historische Konzeption von Marx ist ein Atavismus von Hegel. Der monistische Materialismus des absoluten Objektivismus überhaupt und der ökonomische Monismus von Marx im besonderen sind in der Natur unmöglich und in der Theorie irrig... Der monistische Materialismus ist ein schlecht verhüllter Dualismus und ein Kompromiss zwischen Metaphysik und Wissenschaft...“ (Siehe „Nobati“ Nr.6, S.G.) Es ergäbe sich, dass der monistische Materialismus unannehmbar wäre, dass Marx und Engels ihn nicht hassen, sondern im Gegenteil selbst monistische Materialisten sind, weshalb der monistische Materialismus abgelehnt werden müsse.

Der eine ruft hü! der andere hott! Man kenne sich da aus, wer die Wahrheit sagt: der erste oder der zweite! Sie sind selbst noch nicht über die Vorzüge oder Mängel des Materialismus von Marx miteinander einig geworden, sie haben selbst noch nicht herausgebracht, ob er monistisch ist oder nicht, sie sind mit sich selbst noch nicht darüber ins reine gekommen, was annehmbarer ist: der vulgäre oder der monistische Materialismus, - aber schon prahlen sie uns die Ohren voll: wir, meinen sie, haben den Marxismus kurz und klein geschlagen! Ja, ja, wenn bei den Herren Anarchisten auch in Zukunft einer die Ansichten des anderen so eifrig vernichtet, so wird die Zukunft zweifellos den Anarchisten gehören...

Nicht weniger lächerlich ist auch die Tatsache, dass einige „berühmte“ Anarchisten sich trotz ihrer „Berühmtheit“ noch nicht mit den verschiedenen Richtungen in der Wissenschaft vertraut gemacht haben. Sie wissen nicht, wie sich herausstellt, dass es in der Wissenschaft verschiedene Arten des Materialismus gibt, dass zwischen ihnen große Unterschiede bestehen: es gibt z. B. einen vulgären Materialismus, der die Bedeutung der ideellen Seite und ihre Rückwirkung auf die materielle Seite leugnet, es gibt aber auch den so genannten monistischen Materialismus - die materialistische Theorie von Marx -, der die Wechselbeziehungen zwischen der ideellen und der materiellen Seite wissenschaftlich untersucht. Die Anarchisten aber verwechseln diese verschiedenen Arten des Materialismus, sie sehen nicht einmal die offenkundigen Unterschiede zwischen ihnen und erklären gleichzeitig mit großem Aplomb: Wir erneuern die Wissenschaft!

Da erklärt beispielsweise P. Kropotkin in seinen „philosophischen“ Schriften selbstbewusst, der kommunistische Anarchismus stütze sich auf die „moderne materialistische Philosophie“, ohne jedoch mit einem Sterbenswörtchen zu erläutern, auf welche „materialistische Philosophie“ sich denn nun der kommunistische Anarchismus stützt: auf die vulgäre, die monistische oder irgendeine andere. Er weiß offenbar nicht, dass zwischen den verschiedenen Strömungen des Materialismus ein grundlegender Gegensatz besteht, er begreift nicht, dass eine Verwechslung dieser Strömungen bedeutet, nicht „die Wissenschaft zu erneuern“, sondern eine direkte Unwissenheit an den Tag zu legen (siehe 'Kropotkin, „Wissenschaft und Anarchismus“, ferner „Die Anarchie und ihre Philosophie“).

Das gleiche muss auch von den georgischen Schülern Kropotkin gesagt werden. Man höre: „Nach Engels' Ansicht, und auch nach Ansicht Kautskys, hat Marx der Menschheit einen großen Dienst dadurch geleistet, dass er...“ u. a. die „materialistische Konzeption“ entdeckt hat. „Ist das richtig? Wir glauben nicht, denn wir wissen... dass alle Historiker, Gelehrten und Philosophen, die die Ansicht vertreten, der gesellschaftliche Mechanismus werde durch die geographischen, klimatisch-tellurischen, kosmischen, anthropologischen und biologischen Bedingungen in Bewegung gesetzt, dass sie alle Materialisten sind.“ (Siehe „Nobati“ Nr.2.) Es ergäbe sich, dass zwischen dem „Materialismus“ von Aristoteles und Holbach oder zwischen dem „Materialismus“ von Marx und Moleschott keinerlei Unterschied bestehe! Auch eine Kritik! Und solche Leute mit solchen Kenntnissen haben es sich in den Kopf gesetzt, die Wissenschaft zu erneuern! Nicht umsonst sagt man: „Es ist schlimm, wenn der Schuster anfängt, Kuchen zu backen!“ ...

Ferner. Unsere „berühmten“ Anarchisten haben irgendwo gehört, der Materialismus von Marx sei eine „Theorie des Magens“, und sie werfen uns Marxisten vor: „Nach Feuerbachs Ansicht ist der Mensch das, was er isst. Diese Formel hatte eine magische Wirkung auf Marx und Engels“, weshalb Marx die Schlussfolgerung gezogen habe: „Das wichtigste und erste ist die ökonomische Lage, sind die Produktionsverhältnisse...“ Dann belehren uns die Anarchisten philosophisch: „Zu sagen, das einzige Mittel zu diesem Zweck (dem gesellschaftlichen Leben) sei das Essen und die ökonomische Produktion, wäre ein Irrtum.. .Wenn hauptsächlich, monistisch, durch das Essen und die ökonomische Lage die Ideologie bestimmt würde, so wäre mancher Vielfraß ein Genie“ (siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.). So leicht ist es also, den Materialismus von Marx und Engels zu widerlegen. Es genügt, von irgendeiner höheren Tochter Straßenklatschereien über Marx und Engels zu hören, es genügt, diese Straßenklatschereien mit philosophischem Aplomb in den Spalten irgendeines „Nobati“ zu wiederholen, um sich mit einem Schlage den Ruhm eines „Kritikers“ des Marxismus zu erwerben!

Aber sagt doch, ihr Herren: Wo, wann, auf welchem Planeten hat welcher Marx gesagt, dass das „Essen die Ideologie bestimmt„? Warum, habt ihr keinen einzigen Satz, kein einziges Wort aus den Werken von Marx angeführt, um eure Behauptung zu erhärten? Allerdings hat Marx gesagt, dass die ökonomische Lage der Menschen ihr Bewusstsein, ihre Ideologie bestimmt, aber wer hat euch gesagt, dass das Essen und die ökonomische Lage ein und dasselbe seien? Wisst ihr etwa nicht, dass eine physiologische Erscheinung, wie es z. B. das Essen ist, sich von Grund aus unterscheidet von einer soziologischen Erscheinung, wie es z. B. die ökonomische Lage der Menschen ist? Diese beiden verschiedenen Erscheinungen miteinander zu verwechseln, das kann man, sagen wir, irgendeiner höheren Tochter verzeihen, aber wie kommt es, dass ihr, „Vernichter der Sozialdemokratie“, „Erneuerer der Wissenschaft“, den Fehler der höheren Töchter so unbekümmert nachsprecht?

Und wie könnte auch das Essen die gesellschaftliche Ideologie bestimmen? Denkt euch doch in eure eigenen Worte hinein: das Essen, die Form des Essens ändert sich nicht, auch in alter Zeit haben die Menschen ebenso gegessen, gekaut und die Speise verdaut wie jetzt, ihre Ideologie aber verändert sich fortwährend. Die antike, die feudale, die bürgerliche, die proletarische - diese Formen hat, nebenbei gesagt, die Ideologie. Ist es denkbar, dass das, was sich nicht verändert, dasjenige bestimmt, was sich fortwährend ändert? Gehen wir weiter. Nach Ansicht der Anarchisten ist der Materialismus von Marx „nichts anderes als Parallelismus...“ Oder aber: „Der monistische Materialismus ist ein schlecht verhüllter Dualismus und ein Kompromiss zwischen Metaphysik und Wissenschaft...“ „Marx verfällt deshalb in Dualismus, weil er die Produktionsverhältnisse als das Materielle, die Bestrebungen und den Willen der Menschen aber als Illusion und Utopie darstellt, die keine „Bedeutung haben, obgleich sie existieren.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.) Erstens hat der monistische Materialismus von Marx mit dem albernen Parallelismus nichts gemein. Vom Standpunkt dieses Materialismus geht die materielle Seite, der Inhalt, der ideellen Seite, der Form, notwendig voraus. Der Parallelismus dagegen lehnt diese Ansicht ab und erklärt entschieden, dass weder die materielle noch die ideelle Seite einander vorausgehen, dass sich beide gemeinsam, parallel entwickeln.

Zweitens, hätte sogar in der Tat „Marx die Produktionsverhältnisse als das Materielle, die Bestrebungen und den Willen der Menschen aber als Illusion und Utopie dargestellt, die keine Bedeutung haben“ - bedeutete das etwa, dass Marx Dualist wäre? Ein Dualist schreibt bekanntlich der ideellen und der materiellen Seite als den beiden entgegen gesetzten Prinzipien gleiche Bedeutung zu. Stellt Marx aber, wie ihr erklärt, die materielle Seite höher, und umgekehrt, misst er der ideellen Seite als einer „Utopie“ keine Bedeutung bei, wo habt ihr dann, ihr Herren „Kritiker“, den Dualismus von Marx herausgeangelt? Drittens, was für ein Zusammenhang kann bestehen zwischen dem materialistischen Monismus und dem Dualismus, wo doch auch ein Kind weiß, dass der Monismus von einem Prinzip ausgeht, der Natur oder dem Sein, das eine materielle und eine ideelle Form hat, während der Dualismus von zwei Prinzipien ausgeht, dem materiellen und dem ideellen, die dem Dualismus zufolge einander negieren?

Viertens, wann hätte Marx „die Bestrebungen und den Willen der Menschen als Utopie und Illusion dargestellt“? Allerdings hat Marx „die Bestrebungen und den Willen der Menschen“ durch die ökonomische Entwicklung erklärt, und wenn die Bestrebungen mancher Stubenhocker der ökonomischen Situation nicht entsprachen, so nannte er sie utopisch. Bedeutet dies aber etwa, dass die menschlichen Bestrebungen nach Ansicht von Marx überhaupt utopisch sind? Bedarf denn auch dies der Erklärung? Habt ihr denn die Worte von Marx nicht gelesen: „Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann“ (siehe Vorwort zu „Zur Kritik der politischen Ökonomie“), d. h. allgemein gesprochen, die Menschheit verfolgt keine utopischen Ziele. Es ist klar, dass unser „Kritiker“ entweder nicht begreift, wovon er redet, oder dass er die Tatsachen absichtlich entstellt.

Fünftens, wer hat euch gesagt, nach Ansicht von Marx und Engels hätten die „Bestrebungen und der Wille der Menschen keine Bedeutung“? Warum sagt ihr nicht, wo sie hiervon sprechen? Spricht denn Marx nicht im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“, in den „Klassenkämpfen in Frankreich“, im „Bürgerkrieg in Frankreich“ und in anderen derartigen Schriften von der Bedeutung „der Bestrebungen und des Willens“? Warum hat Marx sich dann bemüht, „den Willen und die Bestrebungen“ der Proletarier im sozialistischen Geist zu entwickeln, wozu trieb er unter ihnen Propaganda, wenn er „den Bestrebungen und dem Willen“ keine Bedeutung beimaß? Oder wovon spricht Engels in seinen bekannten Artikeln aus den Jahren 1891-1894 anders als von „der Bedeutung des Willens und der Bestrebungen“? Allerdings schöpfen „der Wille und die Bestrebungen“ der Menschen nach Ansicht von Marx ihren Inhalt aus der ökonomischen Lage, aber heißt dies etwa, dass sie selbst keinen Einfluss auf die Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse ausüben? Fällt es den Anarchisten denn wirklich so schwer, einen so einfachen Gedanken zu kapieren?

Noch eine „Beschuldigung“ der Herren Anarchisten: „Man kann sich die Form nicht ohne Inhalt vorstellen...“, deshalb dürfe man nicht sagen, dass „die Form dem Inhalt folgt (hinter dem Inhalt zurückbleibt. - K.) ... dass sie nebeneinander bestehen'... Sonst ist der Monismus ein Absurdum.“ (Siehe „Nobati“ Nr. l, S.G.) Wieder hat unser „Gelehrter“ sich ein klein wenig verheddert. Dass der Inhalt ohne Form undenkbar ist - das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass die bestehende Form niemals vollständig dem bestehenden Inhalt entspricht: die erstere bleibt hinter dem zweiten zurück, der neue Inhalt kleidet sich in einem gewissen Maße stets in die alte Form, so dass zwischen der alten Form und dem neuen Inhalt immer ein Konflikt besteht. Eben auf diesem Boden erfolgen die Revolutionen, und darin kommt u. a. der revolutionäre Geist des Materialismus von Marx zum Ausdruck. Die „berühmten“ Anarchisten aber haben das nicht begriffen, woran sie selbstverständlich selber schuld sind, nicht aber die materialistische Theorie. Das sind die Ansichten der Anarchisten über die materialistische Theorie von Marx und Engels, wenn man sie überhaupt als Ansichten bezeichnen kann.

III. Der proletarische Sozialismus

Wir kennen jetzt die theoretische Lehre von Marx: wir kennen seine Methode, wir kennen auch seine Theorie. Welche praktischen Schlussfolgerungen müssen wir aus dieser Lehre ziehen? Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem dialektischen Materialismus und dem proletarischen Sozialismus? Die dialektische Methode besagt, dass nur diejenige Klasse bis zu Ende fortschrittlich sein kann, dass nur diejenige Klasse das Joch der Sklaverei zerschlagen kann, die von Tag zu Tage wächst, die sich stets vorwärts bewegt und unermüdlich für eine bessere Zukunft kämpft. Wir sehen, dass die einzige Klasse, die unentwegt wächst, die sich stets vorwärts bewegt und für die Zukunft kämpft, das städtische und ländliche Proletariat ist. Folglich müssen wir dem Proletariat dienen und auf das Proletariat unsere Hoffnungen setzen. Das ist die erste praktische Schlussfolgerung aus der theoretischen Lehre von Marx.

Aber dienen kann man auf verschiedene Arten. Audi Bernstein „dient“ dem Proletariat, wenn er ihm predigt, es solle den Sozialismus vergessen. Auch Kropotkin „dient“ dem Proletariat, wenn er ihm einen zersplitterten, einer breiten industriellen Basis entbehrenden Gemeinde“sozialismus“ anbietet. Auch Karl Marx dient dem Proletariat, wenn er es zum proletarischen Sozialismus aufruft, der sich auf die breite Basis der modernen Großindustrie stützt. Wie müssen wir verfahren, damit unsere Arbeit dem Proletariat Nutzen bringe? Wie müssen wir dem Proletariat dienen?

Die materialistische Theorie besagt, dass ein bestimmtes Ideal dem Proletariat nur dann einen direkten Dienst leisten kann, wenn dieses Ideal der ökonomischen Entwicklung des Landes nicht widerspricht, wenn es den Anforderungen dieser Entwicklung restlos entspricht. Die ökonomische Entwicklung der kapitalistischen Ordnung zeigt, dass die moderne Produktion gesellschaftlichen Charakter annimmt, dass der gesellschaftliche Charakter der Produktion das existierende kapitalistische Eigentum von Grund aus verneint, und folglich besteht unsere Hauptaufgabe darin, die Abschaffung des kapitalistischen Eigentums und die Einführung des sozialistischen Eigentums zu fördern. Dies bedeutet aber, dass die Lehre Bernsteins, dessen Predigt besagt, man solle den Sozialismus vergessen, den Anforderungen der ökonomischen Entwicklung von Grund aus widerspricht, - sie würde dem Proletariat nur Schaden bringen. Die ökonomische Entwicklung der kapitalistischen Ordnung zeigt ferner, dass die moderne Produktion sich mit jedem Tage erweitert, dass sie schon nicht mehr in den Grenzen einzelner Städte und Gouvernements Platz findet, dass sie diese Grenzen unaufhörlich niederreißt und das Territorium des ganzen Staates erfasst, - folglich müssen wir die Erweiterung der Produktion begrüßen und als die Grundlage des künftigen Sozialismus nicht einzelne Städte und Gemeinden erkennen, sondern das ganze und ungeteilte Territorium des gesamten Staates, das sich natürlich in Zukunft immer mehr erweitern wird. Dies bedeutet aber, dass die Lehre Kropotkin, der den künftigen Sozialismus in den Rahmen einzelner Städte und Gemeinden hineinzwängt, den Interessen der machtvollen Erweiterung der Produktion widerspricht, - sie würde dem Proletariat nur Schaden bringen. Für ein voll entfaltetes sozialistisches Leben als für das wichtigste Ziel kämpfen, - so müssen wir dem Proletariat dienen. Das ist die zweite praktische Schlussfolgerung aus der theoretischen Lehre von Marx. Es ist klar, dass der proletarische Sozialismus eine direkte Schlussfolgerung aus dem dialektischen Materialismus ist.

Was ist der proletarische Sozialismus? Die moderne Gesellschaftsordnung ist die kapitalistische Gesellschaftsordnung. Dies bedeutet, dass die Welt in zwei einander entgegengesetzte Lager geteilt ist, in das Lager einer kleinen Handvoll von Kapitalisten und in das Lager der Mehrheit, der Proletarier. Die Proletarier arbeiten Tag und Nacht, aber trotzdem bleiben sie nach wie vor arm. Die Kapitalisten arbeiten nicht, aber trotzdem sind sie reich. Dies geschieht nicht, weil die Proletarier nicht genügend Verstand hätten und die Kapitalisten genial wären, sondern weil die Kapitalisten die Früchte der Arbeit der Proletarier einheimsen, weil die Kapitalisten die Proletarier ausbeuten. Weshalb heimsen gerade die Kapitalisten, und nicht die Proletarier selbst, die Früchte der Arbeit der Proletarier ein? Weshalb beuten die Kapitalisten die Proletarier aus, und nicht die Proletarier die Kapitalisten?

Weil die kapitalistische Ordnung auf der Warenproduktion beruht: hier nimmt alles die Form der Ware an, überall herrscht das Prinzip des Kaufs und Verkaufs. Hier kann man nicht nur Verbrauchsgüter, nicht nur Nahrungsmittel kaufen, sondern auch die Arbeitskraft von Menschen, ihr Blut, ihr Gewissen. Die Kapitalisten wissen alles dies und kaufen die Arbeitskraft der Proletarier, nehmen sie in Dienst. Dies bedeutet aber, dass die Kapitalisten zu Eigentümern der von ihnen gekauften Arbeitskraft werden. Die Proletarier dagegen verlieren das Recht auf diese verkaufte Arbeitskraft. Dies bedeutet, dass alles, was durch diese Arbeitskraft erzeugt wird, nun nicht mehr den Proletariern gehört, sondern nur den Kapitalisten und in ihre Tasche wandert. Es ist möglich, dass die von euch verkaufte Arbeitskraft täglich für 100 Rubel Waren erzeugt, aber das geht euch nichts an und gehört euch nicht, das geht nur die Kapitalisten an und gehört ihnen, - ihr habt nur euren täglichen Arbeitslohn zu bekommen, der vielleicht hinreicht, um eure dringenden Bedürfnisse zu befriedigen - natürlich nur, wenn ihr sparsam lebt. Kurzum, die Kapitalisten kaufen die Arbeitskraft der Proletarier, sie nehmen die Proletarier in Dienst, und eben deshalb heimsen die Kapitalisten die Früchte der Arbeit der Proletarier ein, eben deshalb beuten die Kapitalisten die Proletarier aus, und nicht die Proletarier die Kapitalisten.

Weshalb aber kaufen gerade die Kapitalisten die Arbeitskraft der Proletarier? Weshalb verdingen sich die Proletarier an die Kapitalisten, und nicht die Kapitalisten an die Proletarier? Weil die Hauptgrundlage der kapitalistischen Ordnung das Privateigentum an den Produktionsinstrumenten und -mitteln ist. Weil die Fabriken, die Werke, der Boden und seine Schätze, die Waldungen, die Eisenbahnen, die Maschinen und andere Produktionsmittel zum Privateigentum einer kleinen Handvoll von Kapitalisten geworden sind. Weil die Proletarier alles dessen beraubt sind. Eben deshalb stellen die Kapitalisten die Proletarier ein, um die Fabriken und Werke in Betrieb zu setzen - sonst würden ihre Produktionsinstrumente und - mittel keinen Profit abwerfen. Eben deshalb verkaufen die Proletarier ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten - sonst würden sie Hungers sterben.

Alles dies wirft Licht auf den gesamten Charakter der kapitalistischen Produktion. Erstens versteht es sich von selbst, dass die kapitalistische Produktion nichts Einheitliches und Organisiertes sein kann: sie ist ganz und gar in Privatbetriebe der einzelnen Kapitalisten zersplittert. Zweitens ist es ebenfalls klar, dass das direkte Ziel dieser zersplitterten Produktion nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung ist, sondern die Produktion von Waren für den Verkauf zwecks Steigerung des Profits der Kapitalisten. Da jedoch alle Kapitalisten nach der Steigerung ihres Profits streben, so ist jeder von ihnen bemüht, möglichst viele Waren zu produzieren, wodurch der Markt rasch überfüllt wird, die Warenpreise fallen und eine allgemeine Krise eintritt. Somit sind die Krisen, die Arbeitslosigkeit, die Stockungen in der Produktion, die Anarchie der Produktion und dergleichen mehr das direkte Resultat der Unorganisiertheit der modernen kapitalistischen Produktion. Wenn nun diese unorganisierte Gesellschaftsordnung vorläufig noch nicht beseitigt ist, wenn sie vorläufig noch den Angriffen der Proletarier zähe widersteht, so erklärt sich dies vor allem daraus, dass der kapitalistische Staat, die kapitalistische Regierung sie verteidigt. Das ist die Grundlage der modernen kapitalistischen Gesellschaft.

Kein Zweifel, dass die zukünftige Gesellschaft auf einer ganz anderen Grundlage errichtet werden wird. Die zukünftige Gesellschaft ist die sozialistische Gesellschaft. Dies bedeutet vor allem, dass es dort keinerlei Klassen geben wird: es wird weder Kapitalisten noch Proletarier geben, es wird folglich auch keine Ausbeutung geben. Dort wird es nur kollektiv arbeitende Schaffende geben. Die zukünftige Gesellschaft ist die sozialistische Gesellschaft. Dies bedeutet ferner, dass dort zusammen mit der Ausbeutung auch die Warenproduktion und der Kauf und Verkauf beseitigt sein werden, so dass es dort keinen Platz geben wird für Käufer und Verkäufer der Arbeitskraft, für Unternehmer und Lohnarbeiter, - es wird dort nur freie Schaffende geben.

Die zukünftige Gesellschaft ist die sozialistische Gesellschaft. Dies bedeutet schließlich, dass dort zusammen mit der Lohnarbeit auch jedes Privateigentum an den Produktionsinstrumenten und -mitteln aufgehoben sein wird, dort wird es keine armen Proletarier und keine reichen Kapitalisten geben, - dort wird es nur Schaffende geben, die kollektiv den ganzen Boden und seine Schätze, alle Waldungen, alle Fabriken und Werke, alle Eisenbahnen usw. besitzen. Wie man sieht, ist das Hauptziel der zukünftigen Produktion die unmittelbare Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft, und nicht die Produktion von Waren für den Verkauf um der Steigerung des Profits der Kapitalisten willen. Hier wird es keinen Platz geben für die Warenproduktion, für den Kampf um Profite usw. Klar ist ferner auch, dass die zukünftige Produktion eine sozialistisch organisierte, hoch entwickelte Produktion sein wird, die die Bedürfnisse der Gesellschaft berücksichtigen und nur genau soviel produzieren wird, wie die Gesellschaft braucht. Hier wird es keinen Platz geben für zersplitterte Produktion, für Konkurrenz, Krisen und Arbeitslosigkeit. Wo es keine Klassen gibt, wo es keine Reichen und Armen gibt, da bedarf man auch keines Staates, da bedarf man auch keiner politischen Gewalt, die die Armen bedrängt und die Reichen schützt. Folglich wird die sozialistische Gesellschaft auch nicht der Existenz einer politischen Gewalt bedürfen.

Deshalb sagte Karl Marx schon im Jahre 1846: „Die arbeitende Klasse wird im Laufe der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt, und es wird keine eigentliche politische Gewalt mehr geben ...“ (Siehe „Das Elend der Philosophie“.) [89] Deshalb sagte Engels im Jahre 1884: „Der Staat ist also nicht von Ewigkeit her. Es hat Gesellschaften gegeben, die ohne ihn fertig wurden, die von Staat und Staatsgewalt keine Ahnung hatten. Auf einer bestimmten Stufe der ökonomischen Entwicklung, die mit Spaltung der Gesellschaft in Klassen notwendig verbunden war, wurde ... der Staat eine Notwendigkeit. Wir nähern uns jetzt mit raschen Schritten einer Entwicklungsstufe der Produktion, auf der das Dasein dieser Klassen nicht nur aufgehört hat, eine Notwendigkeit zu sein, sondern ein positives Hindernis der Produktion wird. Sie werden fallen, ebenso unvermeidlich, wie sie früher entstanden sind. Mit ihnen fällt unvermeidlich der Staat. Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten neu organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.“ (Siehe „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“.)[90]

Gleichzeitig wird die sozialistische Gesellschaft selbstredend zwecks Leitung der gemeinsamen Angelegenheiten neben den örtlichen Büros, in denen die verschiedenen Angaben zusammenlaufen werden, ein statistisches Zentralbüro brauchen, das Angaben über die Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft sammeln und dann die verschiedene Arbeit unter die Schaffenden entsprechend verteilen wird. Auch Konferenzen wird man brauchen und insbesondere Kongresse, deren Beschlüsse für die in der Minderheit gebliebenen Genossen bis zum nächsten Kongress unter allen Umständen bindend sein werden.

Schließlich ist es augenscheinlich, dass die freie und kameradschaftliche Arbeit eine ebenso kameradschaftliche und restlose Befriedigung aller Bedürfnisse in der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft zur Folge haben muss. Dies bedeutet aber, dass, wenn die zukünftige Gesellschaft von jedem ihrer Mitglieder genau soviel Arbeit verlangt, wie er leisten kann, sie ihrerseits jedem so viel Produkte zur Verfügung stellen muss, wie er nötig hat. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen! - auf dieser Grundlage muss die zukünftige kollektivistische Ordnung errichtet werden. Selbstverständlich werden auf der ersten Stufe des Sozialismus, wo noch nicht an die Arbeit gewöhnte Elemente sich in das neue Leben eingliedern werden, auch die Produktivkräfte noch nicht genügend entwickelt sein, es wird noch „schwarze“ und „weiße“ Arbeit geben, die Verwirklichung des Prinzips - „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ - wird zweifellos stark erschwert sein, weshalb die Gesellschaft gezwungen sein wird, zeitweilig einen anderen, mittleren Weg zu beschreiten. Klar ist aber auch, dass, wenn die zukünftige Gesellschaft in Fluss gekommen ist, wenn die Überbleibsel des Kapitalismus mit der Wurzel ausgerodet sein werden, das einzige Prinzip, das der sozialistischen Gesellschaft entspricht, das oben erwähnte Prinzip sein wird.

Deshalb sagte Marx im Jahre 1875: „In einer höhern Phase der kommunistischen (d. h. sozialistischen) Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind, ... erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ (Siehe „Kritik des Gothaer Programms“.)[91] Das ist im großen und ganzen das Bild der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft nach der Theorie von Marx. Alles dies ist gut und schön. Aber ist die Verwirklichung des Sozialismus denkbar? Kann man annehmen, dass der Mensch es fertig bringt, die in ihm steckenden „barbarischen Gewohnheiten“ zu überwinden?

Oder aber: wenn jeder nach seinen Bedürfnissen erhält, kann man dann annehmen, dass das Niveau der Produktivkräfte der sozialistischen Gesellschaft hierfür ausreichend sein wird? Die sozialistische Gesellschaft setzt genügend entwickelte Produktivkräfte und ein sozialistisches Bewusstsein der Menschen, ihre sozialistische Aufklärung voraus. Die Entwicklung der modernen Produktivkräfte wird behindert durch das bestehende kapitalistische Eigentum, wenn man jedoch im Auge hat, dass es dieses Eigentum in der zukünftigen Gesellschaft nicht geben wird, so ist es von selbst klar, dass sich die Produktivkräfte verzehnfachen werden. Man darf auch nicht den Umstand vergessen, dass in der zukünftigen Gesellschaft die Hunderttausende der heutigen Müßiggänger und auch die Arbeitslosen Hand anlegen und die Reihen der Werktätigen auffüllen werden, was die Entwicklung der Produktivkräfte erheblich voranbringen wird. Was die „barbarischen“ Gefühle und Anschauungen der Menschen anbelangt, so sind sie durchaus nicht so ewig, wie manche glauben-, es gab eine Zeit, die Zeit des Urkommunismus, wo der Mensch kein Privateigentum anerkannte; es kam eine Zeit, die Zeit der individualistischen Produktion, wo das Privateigentum sich des Fühlens und Denkens der Menschen bemächtigte; es bricht eine neue Zeit an, die Zeit der sozialistischen Produktion, - und was Wunder, wenn das Fühlen und Denken der Menschen von sozialistischen Bestrebungen durchdrungen wird! Bestimmt denn nicht das Sein die „Gefühle“ und Anschauungen der Menschen?

Wo aber sind die Beweise für die Unvermeidlichkeit der Errichtung der sozialistischen Ordnung? Wird der Entwicklung des modernen Kapitalismus unvermeidlich der Sozialismus folgen? Oder mit anderen Worten: woher wissen wir, dass der proletarische Sozialismus von Marx nicht lediglich ein schöner Traum, ein Phantasiegebilde ist? Wo sind die wissenschaftlichen Beweise hierfür?

Die Geschichte zeigt, dass die Form des Eigentums unmittelbar abhängt von der Form der Produktion, weshalb mit einer Veränderung der Form der Produktion sich früher oder später auch die Form des Eigentums unvermeidlich ändert. Es gab eine Zeit, wo das Eigentum kommunistischen Charakter trug, wo die Wälder und Felder, in denen die Urmenschen umherstreiften, allen gehörten, nicht aber einzelnen Personen. Weshalb gab es damals ein kommunistisches Eigentum? Weil die Produktion kommunistisch war, weil die Arbeit gemeinsam, kollektiv war, - alle arbeiteten vereint und konnten ohne einander nicht auskommen. Es kam eine andere Zeit, die Zeit der kleinbürgerlichen Produktion, wo das Eigentum individualistischen (privaten) Charakter annahm, wo alles, was der Mensch brauchte (natürlich mit Ausnahme der Luft, des Sonnenlichts usw.), als Privateigentum anerkannt wurde. Weshalb trat diese Veränderung ein? Weil die Produktion individualistisch wurde, weil jeder für sich selbst zu arbeiten begann und sich in seine Ecke verkroch. Schließlich bricht eine Zeit an, die Zeit der kapitalistischen Großproduktion, wo Hunderte und Tausende von Arbeitern sich unter einem Dach, in einer Fabrik zusammenfinden und gemeinsame Arbeit leisten. Hier sieht man nicht die alte Arbeit voneinander getrennter Menschen, wo jeder nur an sich dachte, - hier sind jeder Arbeiter und alle Arbeiter jeder Werkabteilung in der Arbeit eng mit ihren Kameraden aus ihrer Werkabteilung und ebenso mit den anderen Werkabteilungen verbunden. Es genügt, dass irgendeine Werkabteilung stillsteht damit die Arbeiter der ganzen Fabrik ohne Arbeit bleiben. Wie man sieht, hat der Produktionsprozess, die Arbeit, bereits gesellschaftlichen Charakter, eine sozialistische Prägung, angenommen. Und das geschieht nicht nur in den einzelnen Fabriken, sondern auch in ganzen Produktionszweigen und zwischen den Produktionszweigen: es brauchen nur die Eisenbahnarbeiter zu streiken, damit die Produktion in eine schwere Lage gerät, es braucht nur die Erdöl- und Steinkohlengewinnung stillzustehen, damit einige Zeit später ganze Fabriken und Werke stillgelegt werden. Es ist klar, dass der Produktionsprozess hier gesellschaftlichen, kollektiven Charakter angenommen hat. Da nun dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion der private Charakter der Aneignung nicht entspricht, da die moderne kollektive Arbeit unvermeidlich zum kollektiven Eigentum führen muss, so ist es von selbst klar, dass die sozialistische Ordnung mit der gleichen Unvermeidlichkeit dem Kapitalismus folgen wird, wie der Nacht der Tag folgt. So begründet die Geschichte die Unvermeidlichkeit des proletarischen Sozialismus von Marx.

Die Geschichte lehrt uns, dass diejenige Klasse oder soziale Gruppe, die in der gesellschaftlichen Produktion die Hauptrolle spielt und die Hauptfunktionen der Produktion in ihren Händen hält, im Laufe der Zeit unvermeidlich zum Herrn dieser Produktion werden muss. Es gab eine Zeit, die Zeit des Matriarchats, wo die Frauen als die Herrinnen der Produktion galten. Wodurch ist dies zu erklären? Dadurch, dass die Frauen in der damaligen Produktion, im primitiven Ackerbau, die Hauptrolle spielten, dass sie die Hauptfunktionen ausübten, während die Männer auf der Suche nach Wild die Wälder durchstreiften. Es kam eine Zeit, die Zeit des Patriarchats, wo die herrschende Stellung in der Produktion an die Männer überging. Weshalb trat diese Änderung ein? Weil in der damaligen Produktion, der Viehzuchtwirtschaft, wo die wichtigsten Produktionsinstrumente Speer und Schlinge, Bogen und Pfeil waren, die Männer die Hauptrolle spielten... Es bricht eine Zeit an, die Zeit der kapitalistischen Großproduktion, wo die Proletarier die Hauptrolle in der Produktion zu spielen beginnen, wo alle wichtigen Produktionsfunktionen an sie übergehen, wo ohne sie die Produktion keinen einzigen Tag funktionieren kann (erinnern wir uns der Generalstreiks), wo die Kapitalisten nicht nur für die Produktion unnötig sind, sondern sie sogar behindern. Was aber bedeutet dies? Dies bedeutet, dass entweder alles gesellschaftliche Leben völlig zusammenbrechen muss, oder dass das Proletariat früher oder später, aber unvermeidlich, zum Herrn der modernen Produktion, zu ihrem einzigen Eigentümer, ihrem sozialistischen Eigentümer werden muss.

Die modernen Industriekrisen, die das kapitalistische Eigentum zu Grabe läuten und entschieden die Frage stellen: entweder Kapitalismus oder Sozialismus - machen diese Schlussfolgerung ganz augenscheinlich, enthüllen anschaulich den Parasitismus der Kapitalisten und die Unvermeidlichkeit des Sieges des Sozialismus. Auch auf diese Weise begründet die Geschichte die Unvermeidlichkeit des proletarischen Sozialismus von Marx. Nicht auf sentimentalen Gefühlen, nicht auf einer abstrakten ,,Gerechtigkeit“, nicht auf Liebe zum Proletariat, sondern auf den oben angeführten wissenschaftlichen Grundlagen beruht der proletarische Sozialismus. Das ist der Grund, weshalb der proletarische Sozialismus auch „wissenschaftlicher Sozialismus“ genannt wird.

Engels sagte schon im Jahre 1877: „Wenn wir für die hereinbrechende Umwälzung der heutigen Verteilungsweise der Arbeitserzeugnisse ... keine bessere Sicherheit hätten als das Bewusstsein, dass diese Verteilungsweise ungerecht ist, und dass das Recht doch endlich einmal siegen muss, so wären wir übel dran und könnten lange warten...“ Das Wichtigste hierbei besteht darin, dass „die von der modernen kapitalistischen Produktionsweise erzeugten Produktivkräfte wie auch das von ihr geschaffne System der Güterverteilung in brennenden Widerspruch geraten sind mit jener Produktionsweise selbst und zwar in solchem Grad, dass eine Umwälzung der Produktions- und Verteilungsweise stattfinden muss, die alle Klassenunterschiede beseitigt, falls nicht die ganze moderne Gesellschaft untergehn soll. In dieser handgreiflichen, materiellen Tatsache,... nicht aber in den Vorstellungen dieses oder jenes Stubenhockers von Recht und Unrecht, begründet sich die Siegesgewissheit des modernen Sozialismus.“ (Siehe „Anti-Dühring“.[92]

Dies bedeutet natürlich nicht, dass, da sich der Kapitalismus zersetzt, die sozialistische Ordnung zu jeder beliebigen Zeit errichtet werden kann, sobald wir nur wollen. So denken nur die Anarchisten und andere kleinbürgerliche Ideologen. Das sozialistische Ideal ist nicht das Ideal aller Klassen. Es ist das Ideal nur des Proletariats, und an seiner Verwirklichung sind nicht alle Klassen, sondern nur das Proletariat unmittelbar interessiert. Dies bedeutet aber, dass die Errichtung der sozialistischen Ordnung so lange unmöglich ist, als das Proletariat nur einen kleinen Teil der Gesellschaft bildet. Der Untergang der alten Produktionsform, die weitere Zusammenballung der kapitalistischen Produktion und die Proletarisierung der Mehrheit der Gesellschaft - das sind die notwendigen Bedingungen für die Verwirklichung des Sozialismus. Aber auch dies genügt noch nicht. Die Mehrheit der Gesellschaft kann bereits proletarisiert sein, aber der Sozialismus trotzdem noch nicht verwirklicht werden, und zwar, weil es für die Verwirklichung des Sozialismus außerdem noch des Klassenbewusstseins, des Zusammenschlusses des Proletariats und der Fähigkeit bedarf, seine eigene Sache zu führen. Um aber alles dies zu erlangen, ist wiederum die so genannte politische Freiheit erforderlich, d.h. die Freiheit des Wortes, der Presse, der Streiks und der Koalitionen, kurzum, die Freiheit des Klassenkampfes. Die politische Freiheit aber ist nicht überall gleichmäßig gesichert. Deshalb ist es für das Proletariat nicht gleichgültig, unter welchen Bedingungen es den Kampf zu führen hat: unter den absolutistisch-feudalen Bedingungen (Rußland), unter den Bedingungen der konstitutionellen Monarchie (Deutschland), der Republik der Großbourgeoisie (Frankreich) oder der demokratischen Republik (wie die Sozialdemokratie Rußlands sie fordert). Am besten und vollständigsten ist die politische Freiheit in der demokratischen Republik gesichert, selbstredend nur insoweit, als sie unter dem Kapitalismus überhaupt gesichert sein kann. Deshalb streben alle Anhänger des proletarischen Sozialismus unbedingt nach der Errichtung der demokratischen Republik als der besten „Brücke“ zum Sozialismus. Aus diesem Grunde zerfällt das marxistische Programm unter den gegenwärtigen Bedingungen in zwei Teile: das Maximalprogramm, das den Sozialismus zum Ziel hat, und das Minimalprogramm, das den Zweck hat, den Weg zum Sozialismus durch die demokratische Republik zu bahnen.

Wie muss das Proletariat handeln, welchen Weg muss es einschlagen, um sein Programm bewusst zu verwirklichen, den Kapitalismus zu stürzen und den Sozialismus zu errichten? Die Antwort ist klar: das Proletariat kann nicht durch Versöhnung mit der Bourgeoisie zum Sozialismus gelangen, - es muss unbedingt den Weg des Kampfes beschreiten, und dieser Kampf muss ein Klassenkampf, ein Kampf des gesamten Proletariats gegen die gesamte Bourgeoisie sein. Entweder die Bourgeoisie mit ihrem Kapitalismus, oder das Proletariat mit seinem Sozialismus! Darauf müssen die Aktionen des Proletariats, sein Klassenkampf beruhen.

Aber der Klassenkampf des Proletariats hat mannigfaltige Formen. Klassenkampf ist z.B. der Streik - ganz einerlei, ob er ein Teilstreik oder ein Generalstreik ist. Klassenkampf sind zweifellos der Boykott und die Sabotage. Klassenkampf sind auch Kundgebungen, Demonstrationen, Teilnahme an Vertretungskörperschaften u. a. - ganz einerlei, ob dies Landesparlamente oder örtliche Selbstverwaltungen sind. Alles dies sind verschiedene Formen ein und desselben Klassenkampfes. Wir wollen hier nicht untersuchen, welche dieser Kampfformen für das Proletariat in seinem Klassenkampf von größerer Bedeutung sind, wir bemerken nur, dass das Proletariat jede von ihnen zur rechten Zeit und am rechten Ort unbedingt braucht als das notwendige Mittel zur Entwicklung seines Selbstbewusstseins und seiner Organisiertheit. Selbstbewusstsein und Organisiertheit aber braucht das Proletariat so notwendig wie die Luft. Es muss aber auch bemerkt werden, dass für das Proletariat alle diese Kampfformen nur vorbereitende Mittel sind, dass keine dieser Formen, einzeln genommen, ein entscheidendes Mittel ist, mit dessen Hilfe das Proletariat dem Kapitalismus den Garaus machen könnte. Man kann den Kapitalismus nicht durch den Generalstreik allein aus der Welt schaffen: der Generalstreik kann nur einige Voraussetzungen für die Abschaffung des Kapitalismus vorbereiten. Es ist undenkbar, dass das Proletariat den Kapitalismus nur durch seine Beteiligung am Parlament stürzen könnte: mit Hilfe des Parlamentarismus können nur einige Voraussetzungen für den Sturz des Kapitalismus vorbereitet werden.

Worin besteht dann das entscheidende Mittel, mit dessen Hilfe das Proletariat die kapitalistische Ordnung stürzen wird? Dieses Mittel ist die sozialistische Revolution. Streiks, Boykott, Parlamentarismus, Kundgebungen, Demonstrationen - alle diese Kampfformen sind gut als Mittel, die das Proletariat schulen und organisieren. Aber kein einziges dieser Mittel ist imstande, die bestehende Ungleichheit zu beseitigen. Es ist notwendig, dass alle diese Mittel zu einem entscheidenden Hauptmittel konzentriert werden, das Proletariat muss sich erheben und zu einem entschlossenen Angriff auf die Bourgeoisie übergehen, um den Kapitalismus bis auf den Grund zu zerstören. Eben dieses entscheidende Hauptmittel ist die sozialistische Revolution.

Die sozialistische Revolution darf nicht als plötzlicher und kurz dauernder Schlag betrachtet werden, - sie ist ein lang andauernder Kampf der proletarischen Massen, die der Bourgeoisie eine Niederlage beibringen und ihre Positionen besetzen. Da nun der Sieg des Proletariats gleichzeitig die Herrschaft über die besiegte Bourgeoisie ist, da während des Zusammenstoßes der Klassen die Niederlage der einen Klasse die Herrschaft der anderen bedeutet - so wird die erste Stufe der sozialistischen Revolution die politische Herrschaft des Proletariats über die Bourgeoisie sein. Sozialistische Diktatur des Proletariats, Ergreifung der Macht durch das Proletariat - damit muss die sozialistische Revolution beginnen.

Dies bedeutet aber, dass, solange die Bourgeoisie nicht völlig besiegt ist, solange ihr Reichtum nicht beschlagnahmt worden ist, das Proletariat unbedingt über eine militärische Macht verfügen muss, es unbedingt seine „proletarische Garde“ haben muss, mit deren Hilfe es die konterrevolutionären Attacken der sterbenden Bourgeoisie zurückschlagen wird, genau so, wie dies beim Pariser Proletariat während der Kommune der Fall war. Die sozialistische Diktatur des Proletariats aber ist notwendig, damit das Proletariat mit ihrer Hilfe die Bourgeoisie expropriieren, damit es mit ihrer Hilfe der ganzen Bourgeoisie den Boden, die Waldungen, die Fabriken und Werke, die Maschinen, die Eisenbahnen usw. abnehmen kann. Expropriation der Bourgeoisie - dazu muss die sozialistische Revolution führen. Dies ist das wichtigste und entscheidende Mittel, mit dessen Hilfe das Proletariat die heutige kapitalistische Ordnung stürzen wird.

Deshalb sagte Karl Marx schon im Jahre 1847, dass „...der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse... ist. Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen ... des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren...“ (Siehe „Kommunistisches Manifest“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1948, S. 31].) Diesen Weg muss das Proletariat gehen, wenn es den Sozialismus verwirklichen will. Aus diesem allgemeinen Grundsatz ergeben sich alle übrigen taktischen Anschauungen. Streiks, Boykott, Demonstrationen, Parlamentarismus sind nur insoweit von Bedeutung, als sie die Organisierung des Proletariats, die Festigung und Erweiterung seiner Organisationen zwecks Durchführung der sozialistischen Revolution fördern.

Also, für die Verwirklichung des Sozialismus ist die sozialistische Revolution notwendig, die sozialistische Revolution aber muss mit der Diktatur des Proletariats beginnen, d. h. das Proletariat muss die politische Macht in seine Hände nehmen, um mit ihrer Hilfe die Bourgeoisie zu expropriieren. Für alles dies aber sind die Organisiertheit des Proletariats, der Zusammenschluss des Proletariats, seine Vereinigung, die Schaffung starker proletarischer Organisationen und ihr unaufhörliches Wachstum notwendig. Welche Formen aber müssen die Organisationen des Proletariats annehmen?

Die verbreitesten Massenorganisationen sind die Gewerkschaften und die Arbeitergenossenschaften (vorwiegend Produktiv- und Konsumgenossenschaften). Der Zweck der Gewerkschaftsverbände ist der Kampf (hauptsächlich) gegen das Industriekapital, für die Verbesserung der Lage der Arbeiter im Rahmen des heutigen Kapitalismus. Der Zweck der Genossenschaften ist der Kampf (hauptsächlich) gegen das Handelskapital, für die Erweiterung des Konsums der Arbeiter durch Senkung der Preise für Waren des dringenden Bedarfs, selbstverständlich wiederum im Rahmen des Kapitalismus. Sowohl die Gewerkschaften als auch die Genossenschaften sind für das Proletariat unbedingt notwendig als Mittel, die die proletarischen Massen organisieren. Deshalb muss das Proletariat vom Standpunkt des proletarischen Sozialismus von Marx und Engels sich unbedingt an diese beiden Organisationsformen halten, sie festigen und stärken - versteht sich, soweit die vorhandenen politischen Bedingungen dies erlauben.

Aber Gewerkschaften und Genossenschaften allein können den organisatorischen Bedürfnissen des kämpfenden Proletariats nicht Genüge leisten, und zwar deshalb, weil die erwähnten Organisationen den Rahmen des Kapitalismus nicht überschreiten können, denn ihr Zweck ist die Verbesserung der Lage der Arbeiter im Rahmen des Kapitalismus. Die Arbeiter aber wollen die volle Befreiung von der kapitalistischen Knechtschaft, sie wollen eben diesen Rahmen sprengen, und sich nie bloß im Rahmen des Kapitalismus bewegen. Folglich bedarf es noch einer Organisation, die die klassenbewussten Elemente der Arbeiter aller Berufe um sich schart, das Proletariat in eine ihrer selbst bewusste Klasse verwandelt und sich die Zertrümmerung der kapitalistischen Zustände, die Vorbereitung der sozialistischen Revolution zum Hauptziel setzt.

Eine solche Organisation ist die sozialdemokratische Partei des Proletariats. Diese Partei muss eine Klassenpartei sein, die von den anderen Parteien völlig unabhängig ist, und zwar deshalb, weil sie die Partei der Klasse der Proletarier ist, deren Befreiung nur das Werk ihrer eigenen Hände sein kann. Diese Partei muss eine revolutionäre Partei sein, und zwar deshalb, weil die Befreiung der Arbeiter nur auf revolutionärem Wege, nur mit Hilfe der sozialistischen Revolution möglich ist. Diese Partei muss eine internationale Partei sein, die Tore der Partei müssen jedem klassenbewussten Proletarier offen stehen, und zwar deshalb, weil die Befreiung der Arbeiter keine nationale, sondern eine soziale Frage ist, von gleicher Bedeutung für den georgischen Proletarier wie für den russischen Proletarier und die Proletarier der anderen Nationen.

Hieraus folgt klar: Je enger sich die Proletarier der verschiedenen Nationen zusammenschließen, je gründlicher die zwischen ihnen aufgerichteten nationalen Schranken niedergerissen werden, desto stärker wird die Partei des Proletariats sein, desto mehr wird die Organisierung des Proletariats zu einer unteilbaren Klasse erleichtert. Es ist deshalb notwendig, soweit dies möglich ist, in den Organisationen des Proletariats das Prinzip des Zentralismus im Gegensatz zu der föderalistischen Zersplitterung durchzuführen - ganz einerlei, ob es sich bei diesen Organisationen um die Partei, die Gewerkschaften oder die Genossenschaften handelt. Klar ist ferner auch, dass sich alle diese Organisationen auf einer demokratischen Grundlage aufbauen müssen, soweit natürlich irgendwelche politischen und anderen Bedingungen dies nicht verhindern.

Welches müssen die gegenseitigen Beziehungen zwischen der Partei einerseits und den Genossenschaften und Gewerkschaften anderseits sein? Sollen diese letzteren unter der Führung der Partei stehen oder parteilos sein? Die Entscheidung dieser Frage hängt davon ab, wo und unter welchen Bedingungen das Proletariat zu kämpfen hat. Es steht jedenfalls außer Zweifel, dass sich die Gewerkschaften wie auch die Genossenschaften um so besser entwickeln, je freundschaftlicher ihre Beziehungen zu der sozialistischen Partei des Proletariats sind, und zwar deshalb, weil diese beiden ökonomischen Organisationen, wenn sie nicht einer starken sozialistischen Partei nahe stehen, nicht selten verflachen, die Interessen der Gesamtklasse zugunsten rein beruflicher Interessen vergessen und dadurch dem Proletariat großen Schaden zufügen. Deshalb ist es notwendig, in allen Fällen den ideologisch-politischen Einfluss der Partei auf die Gewerkschaften und Genossenschaften sicherzustellen. Nur unter dieser Bedingung werden die erwähnten Organisationen zu jener sozialistischen Schule werden, die das in einzelne Gruppen zersplitterte Proletariat zu einer ihrer selbst bewussten Klasse organisieren. Das sind im großen und ganzen die Charakterzüge des proletarischen Sozialismus von Marx und Engels.

Wie stellen sich die Anarchisten zum proletarischen Sozialismus? Vor allem muss man wissen, dass der proletarische Sozialismus nicht einfach eine philosophische Lehre ist. Er ist die Lehre der proletarischen Massen, ihr Banner, ihn ehren und vor ihm „verneigen sich“ die Proletarier der ganzen Welt. Folglich sind Marx und Engels nicht einfach die Begründer irgendeiner philosophischen „Schule“ - sie sind die lebendigen Führer der lebendigen proletarischen Bewegung, die mit jedem Tage wächst und erstarkt. Wer gegen diese Lehre kämpft, wer sie „stürzen“ will, der muss alles dies gut in Rechnung ziehen, damit er sich nicht in einem ungleichen Kampf zwecklos den Kopf einrenne. Die Herren Anarchisten wissen das wohl. Sie greifen deshalb im Kampf gegen Marx und Engels zu einer ganz ungewöhnlichen, in ihrer Art neuen Waffe.

Was ist das für eine neue Waffe? Ist es eine neue wissenschaftliche Analyse der kapitalistischen Produktion? Ist es eine Widerlegung des „Kapitals“ von Marx? Natürlich nicht! Oder vielleicht widerlegen sie, gewappnet mit „neuen Tatsachen“ und einer „induktiven“ Methode, „wissenschaftlich“ das „Evangelium“ der Sozialdemokratie - das „Kommunistische Manifest“ von Marx und Engels? Auch das nicht! Was also ist dieses ungewöhnliche Mittel? Es besteht in der Beschuldigung, Marx und Engels härten einen „literarischen Diebstahl“ begangen! Was glaubt man wohl? Man erfährt, dass Marx und Engels nichts Eigenes geleistet hätten, dass der wissenschaftliche Sozialismus ein Hirngespinst sei, und zwar weil das „Kommunistische Manifest“ von Marx und Engels von Anfang bis zu Ende aus dem „Manifest“ Victor Considérants „gestohlen“ worden sei. Dies ist natürlich in höchstem Maße lächerlich, aber der „unvergleichliche Führer“ der Anarchisten, W. Tscherkesischwili, erzählt uns diese ergötzliche Geschichte mit solchem Aplomb, und ein gewisser Pierre Ramus, dieser leichtfertige „Apostel“ Tscherkesischwilis, und unsere hausbackenen Anarchisten wiederholen diese „Entdeckung“ mit solchem Eifer, dass es lohnt, wenigstens kurz auf diese „Geschichte“ einzugehen. Hören wir also Tscherkesischwili:

„So dass der ganze theoretische Teil des Kommunistischen Manifests, also der erste und zweite Abschnitt ... einfach (bei V. Considérant) entliehen worden ist. Dieses Manifest von Marx und Engels, diese Bibel der legal-revolutionären Demokratie, ist eine sehr mittelmäßige Paraphrasierung ... des Manifests von Considérant. Und nicht nur, dass Marx und Engels den Inhalt ihres Manifests in dem Manifest von Considérant fanden: sogar ... die Titel der einzelnen Kapitel wurden von diesen Nachahmern beibehalten.“ (Siehe die gesammelten Artikel von Tscherkesischwili, Ramus und Labriola, die in deutscher Sprache unter dem Titel „Die Urheberschaft des Kommunistischen Manifests“ erschienen sind, S. 10.)

Das gleiche wiederholt auch ein anderer Anarchist, P. Ramus: „Über allen Zweifel ist es erhaben, dass das hauptsächliche Wirken dieser beiden (Marx und Engels) in Plagiaten bestand, die gerade darum unverzeihlicher werden, als sie, statt wie andere Plagiatoren es zu machen pflegen, Wort für Wort das Original abzuschreiben, Ideen, Gedanken und Theorien von anderen Denkern plagiierten ...“ (Ebenda S. 4.) Das gleiche wiederholen auch unsere Anarchisten in „Nobati“, „Mascha“[93], „Chma“[94] usw. Also ist, wie man erfährt, der wissenschaftliche Sozialismus mit seinen theoretischen Grundlagen aus dem „Manifest“ von Considérant „gestohlen“. Gibt es irgendwelche Gründe für eine derartige Behauptung? Wer ist V. Considérant? Wer ist Karl Marx? Der im Jahre 1893 verstorbene V. Considérant war ein Schüler des Utopisten Fourier und blieb ein unverbesserlicher Utopist, der die „Rettung Frankreichs“ in einer Versöhnung der Klassen sah. Der im Jahre 1883 verstorbene Karl Marx war Materialist, ein Feind der „Utopisten, er sah das Unterpfand der Befreiung der Menschheit in der Entwicklung der Produktivkräfte und im „Kampf der Klassen.

Was haben sie beide miteinander gemein? Die theoretische Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus ist die materialistische Theorie von Marx und Engels. Vom Standpunkt dieser Theorie wird die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens restlos bestimmt durch die Entwicklung der Produktivkräfte. Ist der Feudalordnung die bürgerliche Ordnung gefolgt, so lag die „Schuld“ hierfür daran, dass die Entwicklung der Produktivkräfte die Entstehung der bürgerlichen Ordnung unvermeidlich gemacht hatte. Oder aber: wird der heutigen bürgerlichen Ordnung unvermeidlich die sozialistische Ordnung folgen, so geschieht das, weil die Entwicklung der heutigen Produktivkräfte es erforderlich macht. Daraus entspringt die historische Notwendigkeit der Beseitigung des Kapitalismus und der Errichtung des Sozialismus. Daraus entspringt auch die marxistische These, dass wir unsere Ideale in der Entwicklungsgeschichte der Produktivkräfte, nicht aber in den Köpfen der Menschen suchen müssen. Das ist die theoretische Grundlage des „Kommunistischen Manifests“ von Marx und Engels (siehe das „Kommunistische Manifest“, Kapitel I, II). Sagt das „Demokratische Manifest“ von V. Considérant irgendetwas Derartiges? Steht Considérant auf materialistischem Standpunkt?

Wir behaupten, dass sowohl Tscherkesischwili als auch Ramus, und ebenso unsere „Nobatisten“ aus dem „Demokratischen Manifest“ Considérants keine einzige Äußerung, kein einziges Wort anführen, das bestätigen würde, dass Considérant Materialist gewesen wäre und die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens mit der Entwicklung der Produktivkräfte begründet hätte. Im Gegenteil, wir wissen sehr wohl, dass Considérant in der Geschichte des Sozialismus als utopischer Idealist bekannt ist (siehe Paul Louis, „Geschichte des Sozialismus in Frankreich“). Was also veranlasst diese seltsamen „Kritiker“ zu ihrem leeren Geschwätz, weshalb machen sie sich an eine Kritik von Marx und Engels, wenn sie sogar unfähig sind, den Idealismus vom Materialismus zu unterscheiden? Etwa um die Menschen zu belustigen?...

Die taktische Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus ist die Lehre vom unversöhnlichen Klassenkampf, denn diese ist die beste Waffe in den Händen des Proletariats. Der Klassenkampf des Proletariats ist die Waffe, mit deren Hilfe es die politische Macht erobern wird, um dann die Bourgeoisie zu expropriieren und den Sozialismus zu errichten. Das ist die taktische Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus, wie er im „Manifest“ von Marx und Engels dargelegt ist. Wird irgendetwas Derartiges in dem „Demokratischen Manifest“ von Considérant gesagt? Erkennt Considérant den Klassenkampf als die beste Waffe in den Händen des Proletariats an? Wie man aus den Artikeln von Tscherkesischwili und Ramus ersieht (siehe den oben erwähnten Sammelband), steht in Considérants „Manifest“ hierüber kein Wort - der Kampf der Klassen wird darin nur als eine bedauerliche Tatsache vermerkt. Was nun den Klassenkampf als das Mittel zur Beseitigung des Kapitalismus anbelangt, so sagt Considérant in seinem „Manifest“ hierüber folgendes:

in seinem „Manifest“ hierüber folgendes: „Kapital, Arbeit und Talent sind die drei Elemente der Produktion, die drei Quellen des Reichtums, die drei Räder des industriellen Mechanismus ... Die drei Klassen, die sie vertreten, haben gemeinsame Interessen, und die Aufgabe ist die, die Maschinen für die Kapitalisten und für das Volk ... arbeiten zu lassen. Man spreche endlich davon, die Vereinigung der „Klassen in der Einheit der Nation ... zu organisieren!“ (Siehe die Broschüre K. Kautskys „Das Kommunistische Manifest - ein Plagiat“, S. 14, wo diese Stelle aus dem „Manifest“ Considérants angeführt wird.) Alle Klassen, vereinigt euch! - diese Losung verkündet V. Considérant in seinem „Demokratischen Manifest“. Was hat diese Taktik der „Versöhnung der Klassen mit der Taktik des unversöhnlichen Klassenkampfes von Marx und Engels gemein, wo doch Marx und Engels entschieden dazu aufrufen: Proletarier aller Länder, vereinigt euch gegen alle antiproletarischen „Klassen!?

Natürlich hat sie nichts mit ihr gemein! Was für einen Unsinn reden also diese Herren Tscherkesischwili und ihre leichtfertigen Nachbeter! Halten sie uns denn für Leichname? Glauben sie denn etwa, dass wir ihnen nicht hinter ihre Schliche kommen?! Schließlich ist noch ein Umstand von Interesse. V. Considérant lebte bis 1893. Im Jahre 1843 gab er sein „Demokratisches Manifest“ heraus. Ende 1847 schrieben Marx und Engels ihr „Kommunistisches Manifest“. Seit dieser Zeit ist das „Manifest“ von Marx und Engels in allen europäischen Sprachen wiederholt neu herausgegeben worden. Jedermann weiß, dass Marx und Engels mit ihrem „Manifest“ Epoche gemacht haben. Trotzdem haben weder Considérant noch seine Freunde irgendwo auch nur ein einziges Mal bei Lebzeiten von Marx und Engels erklärt, Marx und Engels hätten den „Sozialismus“ aus dem „Manifest“ von Considérant gestohlen. Ist das nicht seltsam, lieber Leser?

Was also veranlasst diese „induktiven“ Möchtegerne ... Verzeihung - „Gelehrten“ -, dummes Zeug zu schwatzen? In wessen Namen sprechen sie? Kennen sie denn wirklich besser als Considérant dessen „Manifest“? Oder meinen sie vielleicht, V. Considérant und seine Anhänger hätten das „Kommunistische Manifest“ nicht gelesen? Aber genug... Genug, denn auch die Anarchisten selbst schenken dem Don-Quichotte-Feldzug von Ramus und Tscherkesischwili keine ernste Aufmerksamkeit: allzu augenscheinlich ist nun einmal das ruhmlose Ende dieses lachhaften Feldzuges, als dass man ihm viel Aufmerksamkeit widmen könnte... Gehen wir zur sachlichen Kritik über.

Die Anarchisten sind von einem krankhaften Hang besessen: sie lieben es sehr, die Parteien ihrer Gegner zu „kritisieren“, aber sie geben sich nicht die Mühe, diese Parteien auch nur einigermaßen kennen zulernen. Wir haben gesehen, dass die Anarchisten bei der „Kritik“ der dialektischen Methode und der materialistischen Theorie der Sozialdemokraten gerade so und nicht anders verfuhren (siehe Kapitel I und II). So verfahren sie auch, wenn sie die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus der Sozialdemokraten berühren.

Nehmen wir auch nur die folgende Tatsache. Wer wüsste nicht, dass zwischen den Sozialrevolutionären und den Sozialdemokraten prinzipielle Meinungsverschiedenheiten existieren. Wer wüsste nicht, dass die ersteren den Marxismus, die materialistische Theorie des Marxismus, seine dialektische Methode, sein Programm, den Klassenkampf ablehnen, während die Sozialdemokraten sich voll und ganz auf den Marxismus stützen? Für denjenigen, der auch nur mit einem halben Ohr von der Polemik zwischen der „Rewoluzionnaja Rossija“ (dem Organ der Sozialrevolutionäre) und der „Iskra“ (dem Organ der Sozialdemokraten) gehört hat, muss dieser prinzipielle Unterschied ganz von selbst augenscheinlich werden. Was aber wird man von denjenigen „Kritikern“ sagen, die diesen Unterschied nicht sehen und dauernd brüllen, sowohl die Sozialrevolutionäre als auch die Sozialdemokraten seien Marxisten? So behaupten die Anarchisten z. B., dass die „Rewoluzionnaja Rossija“ und die „Iskra“ beide marxistische Organe seien (siehe den Sammelband der Anarchisten „Brot und Freiheit“, S. 202). Von solcher Art ist die „Bekanntschaft“ der Anarchisten mit den Prinzipien der Sozialdemokratie!

Hiernach ist es von selbst klar, wie tiefgründig ihre „wissenschaftliche Kritik“ ist... Betrachten wir auch diese „Kritik“. Die wichtigste „Beschuldigung“ der Anarchisten besteht darin, dass sie die Sozialdemokraten nicht als wirkliche Sozialisten anerkennen; ihr seid keine Sozialisten, ihr seid Feinde des Sozialismus, so werden sie nicht müde zu wiederholen.

Hören wir, was Kropotkin hierüber schreibt: Wir sind zu anderen Schlussfolgerungen gelangt als die meisten Ökonomen ... der sozialdemokratischen Schule ... Wir ... gehen bis zum freien Kommunismus, während die meisten Sozialisten“ (gemeint sind auch die Sozialdemokraten. Der Verf.) „bis zum Staatskapitalismus und Kollektivismus gehen.“ (Siehe Kropotkin, „Die moderne Wissenschaft und der Anarchismus“, S. 74-75.) Worin besteht nun der „Staatskapitalismus“ und „Kollektivismus“ der Sozialdemokraten?

Hören wir, was Kropotkin hierüber schreibt: „Die deutschen Sozialisten sagen, dass alle angehäuften Reichtümer in den Händen des Staates konzentriert werden müssen, der sie den Arbeiterassoziationen zur Verfügung stellen, die Erzeugung und den Austausch organisieren und das Leben und Wirken der Gesellschaft überwachen wird.“ (Siehe Kropotkin, „Reden eines Rebellen“, S. 64.) Und weiter: „In ihren Projekten ... machen die Kollektivisten ... einen doppelten Fehler. Sie wollen die kapitalistische Ordnung beseitigen, zugleich aber zwei Einrichtungen beibehalten, die die Grundlage dieser Ordnung bilden: die repräsentative Verwaltung und die Lohnarbeit.“ (Siehe „Die Eroberung des Brotes“, S. 148.) ... „Der Kollektivismus behält bekanntlich ... die Lohnarbeit bei. Nur tritt... die repräsentative Regierung an die Stelle des Unternehmers...“ Die Repräsentanten dieser Regierung „behalten sich das Recht vor, den aus der Erzeugung gewonnenen Mehrwert im Interesse aller zu verwenden. Außerdem macht man in diesem System einen Unterschied ... zwischen der Arbeit des Arbeiters und der Arbeit des gelernten Menschen: die Arbeit des ungelernten Arbeiters ist nach Ansicht des Kollektivisten einfache Arbeit, während der Handwerker, der Ingenieur, der Gelehrte u. a. das leisten, was Marx komplizierte Arbeit nennt, und ein Recht auf einen höheren Arbeitslohn haben“ (ebenda S. 52). Somit werden die Arbeiter die von ihnen benötigten Produkte nicht nach ihren Bedürfnissen erhalten, sondern „proportional zu den der Gesellschaft geleisteten Diensten“ (ebenda S. 157).

Das gleiche, nur mit größerem Aplomb, wiederholen auch die georgischen Anarchisten. Unter ihnen ragt durch seine Hemmungslosigkeit ein Herr Bâton besonders hervor. Er schreibt: „Was ist der Kollektivismus der Sozialdemokraten? Der Kollektivismus oder, richtiger gesagt, der Staatskapitalismus, gründet sich auf das folgende Prinzip: Jeder muss so viel arbeiten, wie er will, oder so viel, wie der Staat bestimmt, wobei er den Gegenwert seiner Arbeit in Warenform als Entschädigung erhält...“ Also hier „ist eine gesetzgebende Versammlung notwendig..., ist (ferner) eine Vollzugsgewalt notwendig, d. h. Minister, allerlei Administratoren, Gendarmen und Spione, möglicherweise auch ein Heer, wenn es zu viele Unzufriedene gibt“ (siehe „Nobati“ Nr. 5, S. 68-69). Das ist die erste „Beschuldigung“ der Herren Anarchisten gegen die Sozialdemokratie.

Aus den Gedankengängen der Anarchisten folgt also: 1. Nach Ansicht der Sozialdemokraten wäre die sozialistische Gesellschaft unmöglich ohne eine Regierung, die als Hauptunternehmer die Arbeiter in Dienst stellt und unbedingt „Minister ... Gendarmen, Spione“ haben wird. 2. In der sozialistischen Gesellschaft werde nach Ansicht der Sozialdemokraten die Teilung in „schwarze“ und „weiße“ Arbeit angeblich nicht aufgehoben werden, dort werde das Prinzip „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ verworfen und ein anderes Prinzip anerkannt werden: „Jedem nach seinen Verdiensten.“ Auf diesen beiden Punkten baut sich die „Beschuldigung“ der Anarchisten gegen die Sozialdemokratie auf. Hat diese von den Herren Anarchisten aufgestellte „Beschuldigung“ irgendeine Grundlage? Wir behaupten: Alles, was die Anarchisten in diesem Falle sagen, ist entweder ein Resultat ihrer Denkschwäche oder aber unwürdigen Klatsches.

Hier sind die Tatsachen. Schon im Jahre 1846 sagte Karl Marx: „Die arbeitende Klasse wird im Laufe der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt, und es wird keine eigentliche politische Gewalt mehr geben ...“ (Siehe „Das Elend der Philosophie“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1947, S. 188].) Ein Jahr später sprachen Marx und Engels den gleichen Gedanken im „Kommunistischen Manifest“ aus („Kommunistisches Manifest“, Kap. II). Im Jahre 1877 schrieb Engels: „Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt - die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft - ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem ändern überflüssig und schläft dann von selbst ein... Der Staat wird nicht ‚abgeschafft’, er stirbt ab.“ („Anti-Dühring“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, S. 347-348].)

Im Jahre 1884 schrieb der nämliche Engels: „Der Staat ist also nicht von Ewigkeit her. Es hat Gesellschaften gegeben, die ohne ihn fertig wurden, die von Staat ... keine Ahnung hatten. Auf einer bestimmten Stufe der ökonomischen Entwicklung, die mit Spaltung der Gesellschaft in Klassen notwendig verbunden war, wurde ... der Staat eine Notwendigkeit. Wir nähern uns jetzt mit raschen Schritten einer Entwicklungsstufe der Produktion, auf der das Dasein dieser Klassen nicht nur aufgehört hat, eine Notwendigkeit zu sein, sondern ein positives Hindernis der Produktion wird. Sie werden fallen, ebenso unvermeidlich, wie sie früher entstanden sind. „Mit ihnen fällt unvermeidlich der Staat. Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten neu organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.“ (Siehe „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1946, S. 146].) Das gleiche wiederholt Engels im Jahre 1891 (siehe Einleitung zum „Bürgerkrieg in Frankreich“ [deutsche Neuausgabe Berlin 1949]).

Wie man sieht, ist nach Ansicht der Sozialdemokraten die sozialistische Gesellschaft eine Gesellschaft, in der es keinen Platz geben wird für den so genannten Staat, die politische Gewalt mit ihren Ministern, Gouverneuren, Gendarmen, Polizisten und Soldaten. Die letzte Etappe der Existenz des Staates wird die Periode der sozialistischen Revolution sein, in der das Proletariat die Staatsgewalt in seine Hände nimmt und seine eigene Regierung (Diktatur) schafft, um die Bourgeoisie endgültig zu vernichten. Wenn aber die Bourgeoisie vernichtet ist, wenn die Klassen vernichtet sind, wenn der Sozialismus sich durchgesetzt hat, dann bedarf es keiner politischen Gewalt mehr, und der so genannte Staat wird der Geschichte angehören. Wie man sieht, ist die erwähnte „Beschuldigung“ der Anarchisten ein jeder Grundlage entbehrender Klatsch.

Was nun den zweiten Punkt der „Beschuldigung“ anbelangt, so sagt Karl Marx hierüber folgendes: „In einer höhern Phase der kommunistischen (d. h. sozialistischen) Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit... selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind... erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ („Kritik des Gothaer Programms“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1946, S. 21].)

Wie man sieht, ist nach Ansicht von Marx die höhere Phase der kommunistischen (d. h. sozialistischen) Gesellschaft eine Ordnung, in der die Teilung in „schwarze“ und „weiße“ Arbeit und der Gegensatz zwischen geistiger und körperlicher Arbeit restlos beseitigt, die Arbeit gleichgestellt ist und in der Gesellschaft das wahrhaft kommunistische Prinzip herrscht: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Hier gibt es keinen Platz für die Lohnarbeit. Es ist klar, dass auch diese „Beschuldigung“ jeder Begründung entbehrt. Von zwei Dingen eins: entweder haben die Herren Anarchisten die oben erwähnten Schriften von Marx und Engels niemals vor Augen gehabt und befassen sich mit „Kritik“ nach dem Hörensagen, oder aber sie kennen die erwähnten Schriften von Marx und Engels, und lügen wissentlich. Das ist das Schicksal der ersten „Beschuldigung“.

Die zweite „Beschuldigung“ der Anarchisten besteht darin, dass sie den revolutionären Charakter der Sozialdemokratie leugnen. Ihr seid keine Revolutionäre, ihr lehnt die gewaltsame Revolution ab, ihr wollt den Sozialismus nur vermittels der Stimmzettel errichten, sagen uns die Herren Anarchisten. Man höre:

„...Die Sozialdemokraten ... lieben es, über das Thema ‚Revolution’, ‚Revolutionärer Kampf’, ‚Kampf mit der Waffe in der Hand’ zu deklamieren... Verlangt ihr aber in der Einfalt eures Gemüts von ihnen Waffen, so geben sie euch feierlich ein Zettelchen zur Stimmabgabe bei den Wahlen...“ „Sie versichern, dass ,die einzig zweckmäßige Taktik, die Revolutionären ansteht, der friedliche und legale Parlamentarismus mit dem Treueid an den Kapitalismus, die einmal eingeführte Staatsmacht und die ganze existierende bürgerliche Ordnung ist'.“ (Siehe Sammelband „Brot und Freiheit“, S. 21, 22-23.) Das gleiche sagen die georgischen Anarchisten, selbstverständlich mit noch größerem Aplomb. Man nehme doch nur Baton, der da schreibt: „Die ganze Sozialdemokratie ... erklärt offen, dass der Kampf mit Hilfe des Gewehrs und der Waffen eine bürgerliche Methode der Revolution sei und dass die Parteien nur vermittels der Stimmzettel, nur vermittels allgemeiner Wahlen die Macht erobern und dann über die parlamentarische Mehrheit und die Gesetzgebung die Gesellschaft umbilden können.“ (Siehe „Die Eroberung der Staatsmacht“, S. 3-4.)

So sprechen die Herren Anarchisten von den Marxisten. Hat diese „Beschuldigung“ irgendeinen Grund? Wir erklären, dass die Anarchisten auch hier ihre Unwissenheit und ihre Vorliebe für Klatschereien bewähren.

Hier sind die Tatsachen. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben schon Ende 1847: „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ (Siehe das „Manifest der Kommunistischen Partei“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1948, S. 50]. In einigen legalen Ausgaben sind in der Übersetzung mehrere Worte ausgelassen.)

Im Jahre 1850, in Erwartung einer neuen Erhebung in Deutschland, schrieb Karl Marx an die damaligen deutschen Genossen: „Die Waffen und die Munition dürfen unter keinem Vorwand aus den Händen gegeben ... werden, die Arbeiter müssen ... versuchen, sich selbständig als proletarische Garde, mit selbst gewählten Chefs und eigenem selbst gewählten Generalstabe zu organisieren...“ Und dies sei es, was das Proletariat „während und nach dem bevorstehenden Aufstand im Auge zu behalten hat“. (Siehe den „Kölner Prozess“, Ansprache von Marx an die Kommunisten.)[95]

In den Jahren 1851-52 schrieben Karl Marx und Friedrich Engels: „...hat man einmal den Weg des Aufstands beschriften, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands ... überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge ... zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik zu sprechen: de l’audace, de l’audace, encore de l’audace!“ [Kühnheit, Kühnheit und abermals Kühnheit!] („Revolution und Konterrevolution in Deutschland“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, S.119].)

Wir glauben, dass hier nicht nur von „Stimmzetteln“ die Rede ist. Schließlich erinnere man sich der Geschichte der Pariser Kommune, man erinnere sich, wie friedlich die Kommune vorging, als sie, sich mit dem Sieg in Paris zufrieden gebend, auf die Offensive gegen Versailles, gegen dieses Nest der Konterrevolution, verzichtete. Was, glaubt man, hat Marx damals gesagt? Hat er die Pariser zu Wahlen aufgerufen? Hat er die Sorglosigkeit der Pariser Arbeiter gebilligt (ganz Paris war in den Händen der Arbeiter), hat er ihre gutmütige Haltung gegenüber den besiegten Versaillern gebilligt? Man höre Marx: „Welche Elastizität, welche historische Initiative, welche Aufopferungsfähigkeit in diesen Parisern! Nach sechsmonatlicher Aushungerung ... erheben sie sich, unter preußischen Bajonetten... Die Geschichte hat kein ähnliches Beispiel ähnlicher Größe! Wenn sie unterliegen, so ist nichts daran schuld, als ihre ‚Gutmütigkeit’. Es galt gleich nach Versailles zu marschieren, nachdem erst Vinoy, dann der reaktionäre Teil der Pariser Nationalgarde selbst das Feld geräumt hatte. Der richtige Moment wurde versäumt aus Gewissensskrupel. Man wollte den Bürgerkrieg nicht eröffnen, als ob der rnischievous avorton (die bösartige Mißgeburt) Thiers den Bürgerkrieg nicht mit seinem Entwaffnungsversuch von Paris bereits eröffnet gehabt hätte!“ („Briefe an Kugelmann“.)[96]

So dachten und handelten Karl Marx und Friedrich Engels. So denken und handeln die Sozialdemokraten. Die Anarchisten aber behaupten immer wieder: Marx und Engels und ihre Anhänger interessieren sich nur für den Stimmzettel - sie erkennen gewaltsame revolutionäre Aktionen nicht an! Wie man sieht, ist auch diese „Beschuldigung“ ein Klatsch, der die Unwissenheit der Anarchisten hinsichtlich des Wesens des Marxismus enthüllt. Das ist das Schicksal der zweiten „Beschuldigung“.

Die dritte „Beschuldigung“ der Anarchisten besteht darin, dass sie der Sozialdemokratie die Volksverbundenheit absprechen, dass sie die Sozialdemokraten als Bürokraten hinstellen und behaupten, der sozialdemokratische Plan der Diktatur des Proletariats sei der Tod der Revolution, wobei die Sozialdemokraten, soweit sie für eine solche Diktatur eintreten, in der Praxis nicht die Diktatur des Proletariats, sondern ihre eigene Diktatur über das Proletariat errichten wollten.

Man höre Herrn Kropotkin: „Wir Anarchisten haben der Diktatur das endgültige Urteil gesprochen ... Wir wissen, dass jede Diktatur, und wenn sie noch so ehrliche Absichten hat, zum Tode der Revolution führt. Wir wissen..., dass die Idee der Diktatur nichts anderes ist als ein übles Produkt des Regierungsfetischismus, der ... stets bestrebt war, die Sklaverei zu verewigen.“ (Siehe Kropotkin, „Reden eines Rebellen“, S. 131.) Die Sozialdemokraten erkennten nicht nur die revolutionäre Diktatur an, sondern sie seien „Anhänger der Diktatur über das Proletariat... Die Arbeiter interessieren sie nur insoweit, als sie eine disziplinierte Armee in ihren Händen sind... Die Sozialdemokratie ist bestrebt, vermittels des Proletariats die Staatsmaschine in ihre Hände zu nehmen.“ (Siehe „Brot und Freiheit“, S. 62, 63.) Das gleiche sagen die georgischen Anarchisten: „Die Diktatur des Proletariats im direkten Sinne ist ganz unmöglich, da die Anhänger der Diktatur Staatsanhänger sind und ihre Diktatur nicht die freie Tätigkeit des ganzen Proletariats sein wird, sondern die Errichtung der nämlichen auch jetzt existierenden repräsentativen Staatsmacht an der Spitze der Gesellschaft.“ (Siehe Bâton, „Die Eroberung der Staatsmacht“, S. 45.) Die Sozialdemokraten seien für die Diktatur, nicht um die Befreiung des Proletariats zu fördern, sondern um - „durch ihre Herrschaft eine neue Sklaverei zu errichten“. (Siehe „Nobati“ Nr. l, S.5, Bâton.)

Das ist die dritte „Beschuldigung“ der Herren Anarchisten. Es bedarf keiner großen Mühe, um diese neueste Verleumdung der Anarchisten, mit der sie den Leser betrügen wollen, zu entlarven. Wir werden uns hier nicht mit einer Untersuchung der durchaus irrigen Ansicht Kropotkins befassen, derzufolge jede Diktatur den Tod der Revolution bedeutet. Hiervon werden wir später sprechen, wenn wir die Taktik der Anarchisten vornehmen. Jetzt wollen wir nur die „Beschuldigung“ selbst streifen.

Schon Ende 1847 sagten Karl Marx und Friedrich Engels, dass das Proletariat, um den Sozialismus errichten zu können, die politische Diktatur erobern muss, damit es mit Hilfe dieser Diktatur die konterrevolutionären Vorstöße der Bourgeoisie zurückschlage und ihr die Produktionsmittel entreiße, dass diese Diktatur nicht die Diktatur einiger Personen, sondern die Diktatur des ganzen Proletariats als Klasse sein muss: „Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des ... als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren...“ (Siehe „Kommunistisches Manifest“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1948, S. 31].)

Dies heißt, die Diktatur des Proletariats wird die Diktatur der ganzen Klasse des Proletariats über die Bourgeoisie sein, nicht aber die Herrschaft einiger Personen über das Proletariat. In der Folgezeit wiederholen sie den gleichen Gedanken fast in allen ihren Werken, z. B. im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“, in den „Klassenkämpfen in Frankreich“, im „Bürgerkrieg in Frankreich“, in „Revolution und Konterrevolution in Deutschland“, im „Anti-Dühring“ und in anderen Schriften.

Aber das ist noch nicht alles. Um klarzustellen, wie Marx und Engels die Diktatur des Proletariats auffassten, um klarzustellen, wie sehr sie diese Diktatur für realisierbar hielten, ist es höchst interessant, ihre Haltung zur Pariser Kommune zu kennen. Die Sache ist die, dass die Diktatur des Proletariats nicht nur unter den Anarchisten auf Einwände stößt, sondern auch unter den städtischen Kleinbürgern, darunter allerlei Fleischern und Kneipenwirten - unter allen denjenigen, die von Marx und Engels als Philister bezeichnet wurden. Hören wir, was Engels, an solche Philister gewandt, über die Diktatur des Proletariats sagte: „Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats.“ (Siehe „Der Bürgerkrieg in Frankreich“. Einleitung von Engels.)[97] Wie man sieht, stellte Engels sich die Diktatur des Proletariats nach dem Vorbild der Pariser Kommune vor.

Es ist klar, dass jeder, der erfahren möchte, was die Diktatur des Proletariats in der Vorstellung der Marxisten ist, sich mit der Pariser Kommune bekannt machen muss. Wenden auch wir uns der Pariser Kommune zu. Wenn sichh herausstellen sollte, dass die Pariser Kommune wirklich die Diktatur einzelner Personen über das Proletariat war, dann nieder mit dem Marxismus, nieder mit der Diktatur des Proletariats! Wenn wir dagegen sehen, dass die Pariser Kommune in der Tat die Diktatur des Proletariats über die Bourgeoisie war, dann ... dann werden wir von ganzem Herzen die anarchistischen Klatschbasen auslachen, denen im Kampf gegen die Marxisten nichts anderes zu tun übrig bleibt, als Klatschereien auszuhecken. Die Geschichte der Pariser Kommune kennt zwei Perioden: die erste Periode, als die Angelegenheiten in Paris durch das bekannte „Zentralkomitee“ geleitet wurden, und die zweite Periode, als nach Ablauf der Vollmachten des „Zentralkomitees“ die Leitung der Angelegenheiten an die soeben gewählte Kommune überging. Was stellte das „Zentralkomitee“ dar, aus was für Leuten bestand es? Vor uns liegt die „Volkstümliche Geschichte der Pariser Kommune“ von Arthur Arnould, die, wie der Verfasser sagt, diese Frage kurz beantwortet. Der Kampf hatte eben erst begonnen, als an die 300000 Pariser Arbeiter, die sich in Kompanien und Bataillonen organisiert hatten, aus ihrer Mitte Delegierte wählten. So wurde das „Zentralkomitee“ ins Leben gerufen.

„Alle diese Bürger“ (die Mitglieder des „Zentralkomitees“), „die in den Teilwahlen ihrer Kompanien oder ihrer Bataillone gewählt worden waren“, sagt Arnould, „waren nur der kleinen Gruppe bekannt, die sie delegiert hatte. Was waren das für Leute, was stellten sie vor und was wollten sie tun?“ Sie waren „eine anonyme Regierung, die fast ausschließlich aus einfachen Arbeitern oder kleinen Angestellten bestand, deren Namen zu drei Vierteln außerhalb des Umkreises ihrer Straße oder ihrer Werkstatt kaum bekannt waren... Es wurde mit der Tradition gebrochen. Etwas Unerwartetes war in der Welt vor sich gegangen. Hier gab es kein einziges Mitglied der herrschenden Klassen. Es brach eine Revolution aus, die weder durch einen Advokaten noch durch einen Deputierten, weder durch einen „Journalisten noch durch einen General vertreten wurde. An ihrer Stelle standen ein Bergmann aus Creuzot, ein Buchbinderarbeiter, ein Koch) usw.“ (Siehe „Volkstümliche Geschichte der Pariser Kommune“, S. 107.)

Arthur Arnould fährt fort: ,,’Wir’ (so erklärten die Mitglieder des „Zentralkomitees“), ‚sind unscheinbare Organe, gehorsame Werkzeuge des angegriffenen Volkes ... Wir sind Diener des Volkswillens, wir stehen hier, um ihm als Echo zu dienen, um es zum Triumph zu führen. Das Volk will die Kommune, und wir bleiben da, um zu den Kommunewahlen zu schreiten.' Nicht mehr und nicht weniger. Diese Diktatoren stellen sich nicht über die Menge und stehen nicht außerhalb der Menge. Man fühlt, dass sie mit ihr, in ihr, durch sie leben, dass sie sich jede Sekunde mit ihr beraten, dass sie sie anhören und das, was sie hören, weitersagen, nur bestrebt, den Willen von dreihunderttausend Menschen in einigen prägnanten Worten zu verdolmetschen.“ (Ebenda S. 109.) So verhielt sich die Pariser Kommune in der ersten Periode ihres Bestehens.

Das war die Pariser Kommune. Das ist die Diktatur des Proletariats. Gehen wir jetzt zu der zweiten Periode der Kommune über, als an Stelle des „Zentralkomitees“ die Kommune wirkte. Arnould spricht von diesen beiden Perioden, die zwei Monate gedauert haben, und ruft begeistert aus, dies sei eine wahre Diktatur des Volkes gewesen. Man höre: „Hier, in dem großartigen Schauspiel, das dieses Volk zwei Monate lang bot, schöpfen wir genügend Kraft und Zuversicht, um ... der Zukunft ins Auge zu blicken. Während dieser beiden Monate gab es in Paris eine wahre Diktatur, die vollste sowohl wie die unbestrittenste ... Diktatur nicht eines einzigen Menschen, sondern des Volkes, des einzigen Herrn der Lage... Diese Diktatur dauerte mehr als zwei Monate ohne Unterbrechung, vom 18.März bis zum 22.Mai (1871)...“ An und für sich „... war die Kommune nur eine moralische Macht und hatte keine andere materielle Kraft, als die allgemeine Zustimmung der Bürger, das Volk war der Machthaber, der einzige Machthaber, es war sich selbst Polizei und Magistrat...“ (Ebenda S. 242, 244.)

So charakterisiert die Pariser Kommune ein Mitglied der Kommune, das aktiv an ihren Straßenkämpfen teilgenommen hat, Arthur Arnould. Ebenso charakterisiert die Pariser Kommune ein anderes ihrer Mitglieder, das ebenfalls einer ihrer aktiven Teilnehmer war, Lissagaray (siehe sein Buch „Geschichte der Pariser Kommune“). Das Volk als „einziger Machthaber“, „nicht die Diktatur eines Menschen, sondern des ganzen Volkes“ - das war die Pariser Kommune. „Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats“, rief Engels aus, den Philistern zur Kenntnis. Das also ist die Diktatur des Proletariats in der Vorstellung von Marx und Engels. Wie man sieht, sind die Herren Anarchisten mit der Diktatur des Proletariats, mit der Pariser Kommune, mit dem Marxismus, den sie dauernd „kritisieren“, genau so bekannt, wie wir beide, lieber Leser, mit den chinesischen Hieroglyphen.

Es ist klar, dass es zwei Arten von Diktaturen gibt. Es gibt eine Diktatur der Minderheit, die Diktatur einer kleinen Gruppe, die Diktatur der Trepows und Ignatjews, die gegen das Volk gerichtet ist. An der Spitze dieser Diktatur steht gewöhnlich eine Kamarilla, die geheime Beschlüsse fasst und der Mehrheit des Volkes die Schlinge um den Hals zusammenzieht. Die Marxisten sind die Feinde dieser Diktatur, wobei sie gegen diese Diktatur viel hartnäckiger und selbstloser kämpfen als unsere Schreihälse von Anarchisten. Es gibt auch eine Diktatur anderer Art, die Diktatur der proletarischen Mehrheit, die Diktatur der Masse, die gegen die Bourgeoisie, gegen die Minderheit gerichtet ist. Hier steht an der Spitze der Diktatur die Masse, hier gibt es keinen Platz für eine Kamarilla noch für geheime Beschlüsse, hier geschieht alles offen, auf der Straße, in Versammlungen, und das, weil dies die Diktatur der Straße, der Masse ist, eine gegen alle Unterdrücker gerichtete Diktatur.

Eine solche Diktatur unterstützen die Marxisten „mit beiden Händen“, und das, weil eine solche Diktatur der grandiose Anfang der großen sozialistischen Revolution ist. Die Herren Anarchisten haben diese beiden einander negierenden Diktaturen verwechselt und sind deshalb in eine lächerliche Lage geraten: sie bekämpfen nicht den Marxismus, sondern ihr eigenes Phantasiegebilde, sie schlagen sich nicht mit Marx und Engels, sondern mit Windmühlen, wie das seinerzeit Don Quichotte seligen Angedenkens getan hat... Das ist das Schicksal der dritten „Beschuldigung“. (Fortsetzung folgt) (Eine Fortsetzung ist in der Presse nicht erschienen, da das Zentralkomitee der Partei Genossen Stalin Mitte 1907 zur Parteiarbeit nach Baku entsandte, wo er nach einigen Monaten verhaftet wurde; die Aufzeichnungen zu den letzten Kapiteln des Werkes „Anarchismus oder Sozialismus?“ gingen bei der Haussuchung verloren. Die Red.)

„Achali Drojeba“ („Neue Zeit“) Nr. 5, 6, 7 und 8; 11, 18., 25. Dezember 1906 und 1. Janua 1907. „Tschweni Zchowreba“ („Unser Leben“) Nr. 3, 5, 8 und 9; 21., 23., 27. und 28. Februar 1907. „Dro“ („Die Zeit“) Nr. 21, 22, 23 und 26; 4., 5., 6., und 10. April 1907.

Unterschrift: Ko...

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen.

Anhang

Anarchismus oder Sozialismus?

Der dialektische Materialismus

I

Wir gehören nicht zu den Leuten, die sich bei der Erwähnung des Wortes „Anarchismus“ verächtlich abwenden, mit der Hand abwinken und erklären: „Da habt ihr die richtige Beschäftigung gefunden, es lohnt nicht mal, von ihm zu reden!“ Wir meinen, dass eine so billige „Kritik“ sowohl unwürdig als auch nutzlos ist. Wir gehören ferner nicht zu den Leuten, die sich damit trösten, die Anarchisten hätten „keine Massen und sind deshalb nicht gar so gefährlich“. Die Sache ist nicht die, wem heute größere oder geringere „Massen“ folgen, - es handelt sich um das Wesen der Lehre. Bringt die „Lehre“ der Anarchisten die Wahrheit zum Ausdruck, so wird sie sich selbstverständlich den Weg bahnen und Massen um sich sammeln. Ist sie dagegen nicht stichhaltig und auf einer falschen Grundlage errichtet, so wird sie sich nicht lange halten und in der Luft hängen. Die Unstichhaltigkeit des Anarchismus aber bedarf des Beweises.

Wir sind der Auffassung, dass die Anarchisten richtige Feinde des Marxismus sind. Wir erkennen also auch an, dass man gegen richtige Feinde einen richtigen Kampf führen muss. Deshalb aber ist es notwendig, die „Lehre“ der Anarchisten von Anfang bis zu Ende zu untersuchen und sie von allen Seiten gründlich zu erwägen. Es gilt aber nicht nur, den Anarchismus zu kritisieren, sondern auch unseren eigenen Standpunkt auseinanderzusetzen, also in großen Zügen die Lehre von Marx und Engels darzulegen. Das ist umso notwendiger, als manche Anarchisten falsche Vorstellungen über den Marxismus verbreiten und die Köpfe der Leser zu verwirren versuchen. Damit kommen wir zur Sache.

„Alles, was existiert, … existiert nur, lebt nur vermittelst irgendwelcher Bewegung … Wir leben inmitten einer beständigen Bewegung des Anwachsens der Produktivkräfte, der Zerstörung sozialer Verhältnisse…“ - K. Marx

Der Marxismus ist nicht nur die Theorie des Sozialismus, sondern eine in sich geschlossene Weltanschauung, ein philosophisches System, aus dem sich der proletarische Sozialismus von Marx logisch ergibt. Dieses philosophische System heißt dialektischer Materialismus. Den Marxismus darlegen heißt klarerweise auch den dialektischen Materialismus darlegen. Weshalb heißt dieses System dialektischer Materialismus? Weil seine Methode die dialektische und seine Theorie materialistisch ist. Was ist die dialektische Methode? Was ist die materialistische Theorie? Man sagt, das Leben bestehe in ununterbrochenem Wachstum und Entwicklung, und das ist richtig: das gesellschaftliche Leben ist nicht irgendetwas Unveränderliches und Erstarrtes, es bleibt niemals auf derselben Stufe stehen - es befindet sich in ewiger Bewegung, ist in stetem Vergehen und Werden begriffen. Nicht umsonst hat Marx gesagt, ewige Bewegung, ewiges Zerstören und Entstehen seien das Wesen des Lebens. Ebendeshalb gibt es im Leben stets Neues und Altes, Wachsendes und Absterbendes, Revolution und Reaktion - unablässig ist darin stets irgend etwas im Sterben und gleichzeitig ist unablässig stets irgend etwas im Entstehen begriffen ...

Die dialektische Methode besagt, dass man das Leben gerade so betrachten muss, wie es in Wirklichkeit ist. Das Leben befindet sich in unaufhörlicher Bewegung, folglich müssen wir auch das Leben in seiner Bewegung, im Vergehen und Entstehen betrachten. Wohin das Leben geht, was abstirbt und was im Leben entsteht, was zerstört wird und was geschaffen wird - diese Fragen müssen uns vor allem interessieren. Das ist die erste Schlussfolgerung der dialektischen Methode.

Das, was im Leben entsteht und von Tag zu Tage wächst, ist unbesiegbar, kann in seiner Vorwärtsbewegung nicht aufgehalten werden, sein Sieg ist unvermeidlich. Das heißt, wenn z. B. im Leben das Proletariat entsteht und von Tag zu Tage wächst, so wird es, auch wenn es heute noch so schwach und wenig zahlreich sein mag, zu guter Letzt doch siegen. Umgekehrt muss das, was im Leben abstirbt und dem Grabe entgegengeht, unvermeidlich eine Niederlage erleiden, d. h. wenn z. B. die Bourgeoisie den Boden unter den Füßen verliert und von Tag zu Tage zurückgeht, so kann sie heut noch so stark und zahlreich sein, sie muss zu guter Letzt dennoch eine Niederlage erleiden und in die Grube fahren. Daher auch der bekannte dialektische Leitsatz: Alles, was wirklich ist, d. h. alles, was von Tag zu Tage wächst, ist vernünftig. Das ist die zweite Schlussfolgerung der dialektischen Methode.

In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstand unter der russischen revolutionären Intelligenz ein bemerkenswerter Streit. Die Volkstümler erklärten, der Hauptfaktor, der die „Befreiung Rußlands“ bewerkstelligen könne, sei die arme Bauernschaft. Wieso? fragten die Marxisten sie. Weil die Bauernschaft, sagten sie, zahlreicher und gleichzeitig ärmer ist als alle anderen in der russischen Gesellschaft. Die Marxisten erwiderten: Richtig ist, dass die Bauernschaft heute die Mehrheit bildet und dass sie sehr arm ist, aber kommt es denn darauf an? Die Bauernschaft bildet schon lange die Mehrheit, doch hat sie bis jetzt ohne die Hilfe des Proletariats keinerlei Initiative im Kampf für die „Freiheit“ an den Tag gelegt. Und warum? Weil es mit der Bauernschaft als Stand von Jag zu Jage abwärts gebt, weil sie in Proletariat und Bourgeoisie zerfällt, während das Proletariat als Klasse von Tag zu Tage wächst und erstarkt. Der Armut kommt hier ebenfalls nicht die entscheidende Bedeutung zu: die „Barfüßler“ sind noch ärmer als die Bauern, doch wird niemand behaupten, dass sie die „Befreiung Rußlands“ bewerkstelligen können. Es handelt sich nur darum, wer wächst und wer im Leben altert. Da nun das Proletariat die einzige Klasse ist, die unaufhörlich wächst und erstarkt, so ist es unsere Pflicht, uns seinen Reihen anzuschließen und es als Hauptfaktor in der russischen Revolution anzuerkennen, - so erwiderten die Marxisten. Die Marxisten betrachteten, wie man sieht, die Frage vom dialektischen Standpunkt aus, während die Volkstümler metaphysisch urteilten, da sie die Lebenserscheinungen als „unveränderte, erstarrte, ein für allemal gegebene“ ansahen (siehe F. Engels, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ [deutsche Neuausgabe Berlin 1949]).

So betrachtet die dialektische Methode die Bewegung des Lebens. Es gibt jedoch Bewegungen und Bewegungen. Es gab eine gesellschaftliche Bewegung in den „Dezembertagen“, als das Proletariat, den Rücken gestrafft, die Waffenlager stürmte und die Reaktion angriff. Aber eine gesellschaftliche Bewegung muss auch die Bewegung der vorhergehenden Jahre genannt werden, wo das Proletariat unter „friedlichen“ Entwicklungsbedingungen sich auf einzelne Streiks und die Schaffung kleiner Gewerkschaften beschränkte. Es ist klar, dass die Bewegung verschiedene Formen hat. Die dialektische Methode besagt denn auch, dass die Bewegung zweierlei Formen hat: eine evolutionäre und eine revolutionäre. Die Bewegung ist evolutionär, wenn die progressiven Elemente spontan ihre alltägliche Wirksamkeit fortsetzen und in den alten Zuständen kleine, quantitative Veränderungen herbeiführen. Die Bewegung ist revolutionär, wenn dieselben Elemente sich vereinigen, von einer einheitlichen Idee ergriffen werden und gegen das feindliche Lager anstürmen, um die alte Ordnung mit ihren qualitativen Zügen von Grund aus zu vernichten und eine neue Ordnung herzustellen. Die Evolution bereitet die Revolution vor und schafft den Boden für sie, während die Revolution die Krönung der Evolution ist und ihr weiteres Wirken fördert.

Ebensolche Prozesse gehen auch im Leben der Natur vor sich. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt, dass die dialektische Methode die wahrhaft wissenschaftliche Methode ist: von der Astronomie bis zur Soziologie - überall findet der Gedanke Bestätigung, dass es in der Welt nichts Ewiges gibt, dass alles sich verändert, alles sich entwickelt. Folglich muss alles in der Natur vom Standpunkt der Bewegung, der Entwicklung aus betrachtet werden. Dies bedeutet aber, dass der Geist der Dialektik die ganze moderne Wissenschaft durchdringt. Was nun die Formen der Bewegung anbelangt, was die Tatsache anbelangt, dass der Dialektik zufolge kleine, quantitative Veränderungen schließlich zu großen, qualitativen Veränderungen führen - so gilt dieses Gesetz in gleichem Maße auch in der Naturgeschichte. Das „Periodische System der Elemente“ von Mendelejew zeigt klar, von welcher großen Bedeutung in der Naturgeschichte das Eintreten qualitativer Veränderungen infolge quantitativer Veränderungen ist. Das gleiche bezeugt in der Biologie die Theorie des Neolamarckismus, dem der Neodarwinismus Platz macht. Wir sprechen gar nicht von den anderen Tatsachen, die F. Engels in seinem „AntiDühring“ genügend vollständig beleuchtet hat.

Jetzt kennen wir also die dialektische Methode. Wir wissen, dass die Welt, dieser Methode zufolge, in ewiger Bewegung, in ewigem Vergehen und Werden begriffen ist, und folglich dass jede Erscheinung in der Natur ebenso wie in der Gesellschaft in ihrer Bewegung, in ihrem Vergehen und Werden betrachtet werden muss, nicht aber als etwas Erstarrtes und Unbewegliches. Wir wissen ferner auch, dass diese Bewegung selbst zweierlei Formen hat: eine evolutionäre und eine revolutionäre...

Wie stellen sich nun unsere Anarchisten zur dialektischen Methode? Der Stammvater der dialektischen Methode war bekanntlich Hegel. Marx hat diese Methode nur geläutert und verbessert. Dieser Umstand ist den Anarchisten bekannt; sie wissen auch, dass Hegel ein konservativer Denker war, und da benutzen sie die „Gelegenheit“, um Hegel wütend zu beschimpfen, ihn als „Reaktionär“ und als Anhänger der „Restauration“ mit Schmutz zu bewerfen und sich eifrig um den Nachweis zu bemühen, „dass Hegel der Philosoph der Restauration ist..., dass er den bürokratischen Konstitutionalismus in seiner absoluten Form lobpreist, dass die Gesamtidee seiner Philosophie der Geschichte der philosophischen Richtung der Restauration der Epoche untergeordnet ist und ihr dient“, und so weiter, und dergleichen mehr (siehe „Nobati“ Nr. 6, Artikel von W. Tscherkesischwili). Allerdings streitet niemand mit ihnen darüber, im Gegenteil, jeder ist damit einverstanden, dass Hegel kein Revolutionär war, dass er ein Anhänger der Monarchie war, aber die Anarchisten versuchen dennoch zu „beweisen“ und halten es für notwendig, ohne Ende zu „beweisen“, dass Hegel ein Anhänger der „Restauration“ war. Wozu? Wahrscheinlich, um mit alledem Hegel zu diskreditieren und den Leser auf den Gedanken zu bringen, auch die Methode des „Reaktionärs“ Hegel sei eben nur „abscheulich“ und unwissenschaftlich. Ist dies wirklich so und wollen die Herren Anarchisten auf diesem „Wege die dialektische Methode widerlegen, so muss ich sagen, dass sie auf diesem Wege nichts beweisen als ihr eigenes Talent zum Missgeschick. Pascal und Leibniz waren keine Revolutionäre, aber die von ihnen entdeckte mathematische Methode wird jetzt als eine wissenschaftliche Methode anerkannt. Mayer und Helmholtz waren keine Revolutionäre, aber ihre Entdeckungen auf dem Gebiete der Physik sind zu einer Grundlage der Wissenschaft geworden, - keine Revolutionäre waren auch Lamarck und Darwin, aber ihre evolutionistische Methode hat die biologische Wissenschaft auf die Füße gestellt... Jawohl, auf diesem Wege werden die Anarchisten nichts beweisen als ihr eigenes Talent zum Missgeschick.

Gehen wir weiter. Die Anarchisten meinen: „Dialektik ist Metaphysik“ (siehe „Nobati“ Nr. 9, S. G.), und da sie „die Wissenschaft von der Metaphysik und die Philosophie von der Theologie befreien wollen“ (siehe „Nobati“ Nr. 3, S. G.), so lehnen sie die dialektische Methode ab. Das ist ja allerhand von den Anarchisten! „Der Sieche nennt den Gesunden krank“, heißt es in einem Sprichwort. Die Dialektik ist im Kampf gegen die Metaphysik gereift, in diesem Kampf hat sie sich Ruhm erworben, nach der Meinung der Anarchisten aber „ist Dialektik - Metaphysik“! Der „Stammvater“ der Anarchisten, Proudhon, glaubte daran, dass es in der Welt eine ein für allemal bestimmte, „unveränderliche Gerechtigkeit“ gebe (siehe Elzbachers „Anarchismus“, S.64-68, Auslandsausgabe), weswegen man Proudhon als Metaphysiker bezeichnete. Marx bekämpfte Proudhon mit Hilfe der dialektischen Methode und bewies, dass, da sich in der Welt alles verändert, auch die „Gerechtigkeit“ sich verändern muss, und folglich die „unveränderliche Gerechtigkeit“ eine metaphysische Phantasie ist (siehe „Das Elend der Philosophie“ von Marx). Die georgischen Schüler des Metaphysikers Proudhon aber kommen an und „beweisen“, dass „Dialektik - Metaphysik ist“, dass die Metaphysik das „Unerkennbare“ und das „Ding an sich“ anerkennt, um schließlich in eine inhaltslose Theologie überzugehen. Im Gegensatz zu Proudhon und Spencer bekämpfte Engels mit Hilfe der dialektischen Methode sowohl die Metaphysik als auch die Theologie (siehe „Ludwig Feuerbach“ und „Anti-Dühring“ von Engels). Er bewies ihre lächerliche Inhaltslosigkeit. Unsere Anarchisten aber „beweisen“, Proudhon und Spencer seien Wissenschaftler, Marx und Engels aber seien Metaphysiker. Von zwei Dingen eins: entweder betrügen die Herren Anarchisten sich selbst, oder sie begreifen nicht, was Metaphysik ist. Jedenfalls ist die dialektische Methode hier ganz unschuldig.

Was werfen die Herren Anarchisten der dialektischen Methode noch vor? Sie sagen, die dialektische Methode sei eine „Spitzfindigkeit“, eine „Methode von Sophismen“, ein „logischer und denkerischer Salto mortale“ (siehe „Nobati“ Nr. 8, S. G.), „mit dessen Hilfe sich Wahrheit und Lüge gleicherweise leicht beweisen lassen“ (siehe „Nobati“ Nr. 4, W. Tscherkesischwili).

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob die von den Anarchisten erhobene Beschuldigung richtig wäre. Man höre, was Engels über einen Anhänger der metaphysischen Methode sagt: „... seine Rede ist Ja, ja, Nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein Ding kann ebenso wenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus...“ (Siehe „AntiDühring“, Einleitung [deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, S. 24].) Aber wieso denn! ereifert sich der Anarchist. Ist es denn möglich, dass ein und dasselbe Ding zu ein und derselben Zeit sowohl gut als auch schlecht ist?! Das ist doch ein „Sophismus“, ein „Wortspiel“, das bedeutet doch, dass „ihr mit gleicher Leichtigkeit Wahrheit und Lüge beweisen wollt!“ ... Denken wir uns jedoch in das Wesen der Sache hinein. Heute fordern wir die demokratische Republik, die demokratische Republik aber festigt das bürgerliche Eigentum, - können wir sagen, die demokratische Republik sei überall und stets gut? Nein, das können wir nicht! Warum? Weil die demokratische Republik nur „heute“ gut ist, wo wir das feudale Eigentum zerstören, „morgen“ aber, wo wir zur Zerstörung des bürgerlichen und zur Herstellung des sozialistischen Eigentums schreiten werden, wird die demokratische Republik schon nicht mehr gut sein, im Gegenteil, sie wird zu einer Fessel, die wir sprengen und abwerfen werden, - da aber das Leben sich in ständiger Bewegung befindet, da Vergangenes und Gegenwärtiges nicht voneinander losgerissen werden können, da wir gleichzeitig sowohl gegen die Feudalen als auch gegen die Bourgeoisie kämpfen, so sagen wir eben: Soweit die demokratische Republik das feudale Eigentum abschafft, insofern ist sie gut, und wir verteidigen sie; soweit sie aber das bürgerliche Eigentum festigt, insofern ist sie schlecht, und wir kritisieren sie. Es ergibt sich, dass die demokratische Republik gleichzeitig „gut“ und „schlecht“ ist, so dass man auf die gestellte Frage mit „Ja“ und mit „Nein“ antworten kann. Ebensolche Tatsachen hatte Engels im Auge, als er mit den oben angeführten Worten die Richtigkeit der dialektischen Methode bewies. Die Anarchisten aber begriffen das nicht und nahmen es für einen „Sophismus“! Natürlich ist es den Anarchisten freigestellt, diese Tatsachen zu bemerken oder nicht zu bemerken, sie können sogar am Strande den Sand nicht bemerken - das ist ihr gutes Recht. Was aber hat damit die dialektische Methode zu schaffen, die zum Unterschied von den Anarchisten das Leben nicht mit geschlossenen Augen ansieht, sondern den Pulsschlag des Lebens fühlt und geradeheraus erklärt: Da das. Leben sich verändert, da das Leben sich bewegt, hat jede Lebenserscheinung zwei Tendenzen: eine positive und eine negative, - erstere müssen wir verteidigen, letztere aber ablehnen? Erstaunliche Leute, die Anarchisten: dauernd führen sie die „Gerechtigkeit“ im Munde, mit der dialektischen Methode aber gehen sie sehr ungerecht um!

Gehen wir weiter. Nach Ansicht unserer Anarchisten „ist die dialektische Entwicklung eine Entwicklung in Katastrophen, derzufolge zuerst das Vergangene restlos vernichtet wird und dann völlig gesondert das Zukünftige sich durchsetzt ... Die Kataklysmen von Cuvier wurden durch unbekannte Ursachen hervorgerufen, die Katastrophen von Marx und Engels aber werden durch die Dialektik hervorgerufen„ (siehe „Nobati“ Nr. 8, S. G.). An einer anderen Stelle aber sagt der gleiche Autor: „Der Marxismus stützt sich auf den Darwinismus und nimmt eine unkritische Stellung ihm gegenüber ein.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6.)

Hier möge sich der Leser hübsch hineindenken! Cuvier lehnt die Darwinsche Evolution ab, er erkennt nur die Kataklysmen an, ein Kataklysmus aber ist eine plötzliche Explosion, „von unbekannten Ursachen hervorgerufen“. Die Anarchisten behaupten, die Marxisten schlössen sich Cuvier an und folglich lehnten sie den Darwinismus ab. Darwin lehnt Cuviers Kataklysmen ab, er erkennt nur die allmähliche Evolution an. Da sagen nun die gleichen Anarchisten: „Der Marxismus stützt sich auf den Darwinismus und nimmt eine unkritische Stellung ihm gegenüber ein“, folglich sind die Marxisten keine Anhänger der Kataklysmen von Cuvier. Da habt ihr sie - die Anarchie! Die Unteroffizierswitwe hat, wie die Rede geht, sich selbst verprügelt! Es ist klar, dass der S. G. aus Nr. 8 des „Nobati“ vergessen hat, was der S. G. aus Nr. 6 geschrieben hat. Welche von ihnen hat denn nun recht: Nr. 6 oder Nr. 8? Oder lügen sie alle beide?

Wenden wir uns den Tatsachen zu. Marx erklärt: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen ... Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“ Aber „eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist ...“ (Siehe K. Marx, „ Zur Kritik der politischen Ökonomie“. Vorwort [deutsche Neuausgabe, Berlin 1947, S. 13-14].) Wendet man Marx’ Gedanken auf das moderne gesellschaftliche Leben an, so ergibt es sich, dass zwischen den modernen Produktivkräften, die gesellschaftlichen Charakter tragen, und der Aneignung der Produkte, die privaten Charakter trägt, ein grundlegender Konflikt besteht, der durch die sozialistische Revolution abgeschlossen werden muss (siehe F. Engels, „Anti-Dühring“, Kap. II des Dritten Abschnitts). Wie man sieht, wird nach Ansicht von Marx und Engels die „Revolution“ (die „Katastrophe“) nicht durch die „unbekannten Ursachen“ Cuviers hervorgerufen, sondern durch ganz bestimmte und lebendige gesellschaftliche Ursachen, die „Entwicklung der Produktivkräfte“ heißen. Wie man sieht, wird nach Ansicht von Marx und Engels die Revolution erst dann vollzogen, wenn die Produktivkräfte genügend herangereift sind, und nicht plötzlich, wie Cuvier sich das dachte. Es ist klar, dass Cuviers Kataklysmen und die dialektische Methode nichts miteinander gemein haben. Anderseits lehnt der Darwinismus nicht nur die Kataklysmen von Cuvier, sondern auch die dialektisch verstandene Revolution ab, während, gemäß der dialektischen Methode, Evolution und Revolution, quantitative und qualitative Veränderungen zwei notwendige Formen ein und derselben Bewegung sind. Es ist klar, dass man auch durchaus nicht sagen kann: „Der Marxismus ... nimmt gegenüber dem Darwinismus eine unkritische Stellung ein.“ Es ergibt sich, dass „Nobati“ in beiden Fällen lügt, sowohl in Nr. 6 als auch in Nr. 8.

Und diese verlogenen „Kritiker“ leiern uns aufdringlich vor: Ob euch recht oder nicht, unsere Lüge ist besser als eure Wahrheit! Sie meinen wahrscheinlich, einem Anarchisten sei alles zu verzeihen. Die Herren Anarchisten können noch etwas anderes der dialektischen Methode nicht verzeihen: „Die Dialektik ... gibt nicht die Möglichkeit, aus sich herauszugehen oder aus sich herauszuhüpfen noch sich selbst zu überspringen.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 8, S. G.) Dies allerdings, ihr Herren Anarchisten, ist die reinste Wahrheit, hier habt ihr, Verehrte, absolut recht: die dialektische Methode gibt eine solche Möglichkeit nicht. Warum aber tut sie das nicht? Weil „aus sich herauszuhüpfen und sich selbst zu überspringen“ eine Beschäftigung für Gemsböcke ist, während die dialektische Methode für Menschen geschaffen ist. Das ist das ganze Geheimnis!... Das sind im großen und ganzen die Ansichten unserer Anarchisten über die dialektische Methode. Es ist klar, dass die Anarchisten die dialektische Methode von Marx und Engels nicht begriffen haben - sie haben sich ihre eigene Dialektik ausgedacht und eben mit dieser schlagen sie sich so erbittert herum. Wir aber können nur lachen, wenn wir auf dieses Schauspiel blicken, denn man muss unwillkürlich lachen, wenn man sieht, wie ein Mensch mit den Gebilden seiner Phantasie kämpft, auf seine eigenen Fiktionen einschlägt und gleichzeitig leidenschaftlich versichert, er treffe den Gegner.

II

„Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ - K. Marx

Was ist die materialistische Theorie? Alles auf Erden verändert sich, alles in der Welt bewegt sich, aber wie geht diese Veränderung vor sich, und in welcher form vollzieht sich diese Bewegung, - das ist die Frage. Wir wissen z.B., dass die Erde einstmals eine glühende Feuermasse war, die dann allmählich erkaltete, dass später die Tierwelt entstand, dass mit der Entwicklung der Tierwelt eine Gattung von Affen auftauchte, aus der schließlich der Mensch hervorging. Wie aber vollzog sich diese Entwicklung? Manche sagen, der Natur und ihrer Entwicklung sei eine Weitidee vorausgegangen, die dann die Grundlage dieser Entwicklung bildete, so dass der Verlauf der Naturerscheinungen sich als eine leere Form der Entwicklung der Ideen erweist. Man nannte diese Leute Idealisten, und diese teilten sich später in mehrere Richtungen. Manche wiederum sagen, dass in der Welt von Anbeginn an zwei einander entgegengesetzte Kräfte bestehen - Idee und Materie -, dass dementsprechend die Erscheinungen sich in zwei Reihen teilen - eine ideelle und eine materielle -, zwischen ihnen gehe ein ständiger Kampf vonstatten; so dass die Entwicklung der Naturerscheinungen also einen ständigen Kampf zwischen ideellen und materiellen Erscheinungen darstelle. Diese Leute nannte man Dualisten, und ähnlich wie die Idealisten teilen sie sich in verschiedene Richtungen.

Die materialistische Theorie von Marx lehnt sowohl den Dualismus als auch den Idealismus entschieden ab. Gewiss, in der Welt existieren in der Tat ideelle und materielle Erscheinungen, aber dies bedeutet keineswegs, dass sie einander negieren. Im Gegenteil, das Ideelle und das Materielle sind zwei verschiedene Formen einer und derselben Erscheinung; sie existieren zusammen und entwickeln sich zusammen, zwischen ihnen besteht eine enge Verbindung. Also haben wir keinen Grund zu glauben, dass sie einander negieren. So stürzt der so genannte Dualismus in seinem Fundament zusammen. Eine einheitliche und unteilbare Natur, in zwei verschiedenen Formen, der ideellen und der materiellen, ausgeprägt - so muss die Entwicklung der Natur betrachtet werden. Ein einheitliches und unteilbares gesellschaftliches Leben, in zwei verschiedenen Formen, der ideellen und der materiellen, ausgeprägt - so müssen wir die Entwicklung des Lebens betrachten. Das ist der Monismus der materialistischen Theorie von Marx. Gleichzeitig lehnt Marx auch den Idealismus ab. Falsch ist der Gedanke, dass die Idee, und überhaupt die geistige Seite, in ihrer Entwicklung der Natur, und überhaupt der materiellen Seite voraus gehe. Es gab auf der Welt noch keine Lebewesen, als bereits die so genannte äußere, anorganische Natur existierte. Das erste Lebewesen - das Protoplasma - besaß keinerlei Bewusstsein (keine Idee), es besaß lediglich die Eigenschaft der Reizbarkeit und die ersten Keimformen der Empfindung. Dann entwickelte sich bei den Tieren allmählich die Fähigkeit der Empfindung, die langsam in Bewusstsein überging, entsprechend der Entwicklung ihres Nervensystems. Hätte der Affe nicht seinen Rücken gestrafft, wäre er immer auf allen vieren gegangen, so hätte sein Nachkomme - der Mensch - sich nicht frei seiner Lungen und seiner Stimmbänder bedienen können und würde somit nicht von der Sprache haben Gebrauch machen können, was die Entwicklung seines Bewusstseins wesentlich aufgehalten hätte. Oder aber: wenn der Affe sich nicht auf die Hinterbeine gestellt hätte, so wäre sein Nachkomme - der Mensch - gezwungen gewesen, immer nach unten zu blicken und nur von dort seine Eindrücke zu schöpfen; er hätte nicht die Möglichkeit gehabt, nach oben und um sich zu blicken und folglich hätte er nicht die Möglichkeit gehabt, seinem Hirn mehr Material (Eindrücke) zuzuführen, als ein Affe; und so wäre die Entwicklung seines Bewusstseins wesentlich aufgehalten worden. Es ergibt sich, dass für die Entwicklung der geistigen Seite selbst ein bestimmter Bau des Organismus und eine bestimmte Entwicklung seines Nervensystems notwendig sind. Es ergibt sich, dass der Entwicklung der geistigen Seite, der Entwicklung der Idee, die Entwicklung der materiellen Seite, die Entwicklung des Seins vorausgeht. Es ist klar, dass sich zuerst die äußeren Bedingungen verändern, zuerst ändert sich die Materie, und dann verändern sich dementsprechend das Bewusstsein und die anderen geistigen Erscheinungen, - die Entwicklung der ideellen Seite bleibt hinter der Entwicklung der materiellen Verhältnisse zurück. Nennen wir die materielle Seite, die äußeren Bedingungen, das Sein usw. den Inhalt, so müssen wir die ideelle Seite, das Bewusstsein und andere derartige Erscheinungen die form nennen. Hieraus entspringt der bekannte materialistische Satz: Im Prozess der Entwicklung geht der Inhalt der Form voraus, bleibt die Form hinter dem Inhalt zurück.

Das gleiche ist auch vom gesellschaftlichen Leben zu sagen. Auch hier geht die materielle Entwicklung der ideellen Entwicklung voraus, auch hier bleibt die Form hinter ihrem Inhalt zurück. Es gab noch keine Spur von wissenschaftlichem Sozialismus, als bereits der Kapitalismus existierte und ein heftiger Klassenkampf geführt wurde; noch nirgends war die sozialistische Idee aufgetaucht, aber der Produktionsprozess besaß bereits einen gesellschaftlichen Charakter. Deshalb sagt Marx: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ (Siehe „K. Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1947, S. 13].) Nach der Meinung von Marx ist die ökonomische Entwicklung die materielle Basis des gesellschaftlichen Lebens, sein Inhalt, während die juristisch-politische und religiösphilosophische Entwicklung die „ideologische Form“ dieses Inhalts, sein „Überbau“ ist, und deshalb sagt Marx: „Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“ (Ebenda.)

Auch im gesellschaftlichen Leben ändern sich zuerst die äußeren, die materiellen Bedingungen, und dann das Denken der Menschen, ihre Weltanschauung. Die Entwicklung des Inhalts geht der Entstehung und Entwicklung der Form voraus. Dies bedeutet natürlich keineswegs, dass nach Ansicht von Marx ein Inhalt ohne Form möglich sei, wie dies S. G. schien (siehe „Nobati“ Nr. l, „Kritik des Monismus“). Ein Inhalt ohne Form ist unmöglich, aber die Sache ist die, dass diese oder jene Form, da sie hinter ihrem Inhalt zurückbleibt, diesem Inhalt niemals restlos entspricht, so dass oft der neue Inhalt sich „gezwungenermaßen“ zeitweilig in die alte Form kleidet, was einen Konflikt zwischen ihnen hervorruft. Dem gesellschaftlichen Inhalt der Produktion entspricht z. B. gegenwärtig nicht der private Charakter der Aneignung des erzeugten Produkts, und eben auf diesem Boden spielt sich der soziale „Konflikt“ der Gegenwart ab. Auf der anderen Seite bedeutet der Gedanke, dass die Idee eine Form des Daseins ist, keineswegs, dass das Bewusstsein seiner Natur nach gleichfalls Materie wäre. So dachten nur die Vulgärmaterialisten (z.B. Büchner und Moleschott), deren Theorien dem Materialismus von Marx von Grund aus widersprechen und die Engels in seinem „Ludwig Feuerbach“ mit Recht verspottet hat. Gemäß dem Materialismus von Marx sind Bewusstsein und Sein, Geist und Materie zwei verschiedene Formen ein und derselben Erscheinung, die, allgemein gesprochen, Natur genannt wird; also negieren sie einander nicht (Dies widerspricht keineswegs dem Gedanken, dass zwischen Form und Inhalt ein Konflikt besteht. Die Sache ist die, dass dieser Konflikt nicht zwischen dem Inhalt und der Form überhaupt, sondern zwischen der alten Form und dem neuen Inhalt besteht, der sich eine neue Form sucht und ihr zustrebt.) und sind doch gleichzeitig nicht ein und dasselbe. Die Sache ist nur die, dass in der Entwicklung der Natur und der Gesellschaft dem Bewusstsein, d. h. dem, was in unserem Kopfe vor sich geht, eine entsprechende materielle Veränderung vorausgeht, d. h. das, was außer uns vor sich geht. Dieser oder jener materiellen Veränderung folgt früher oder später unvermeidlich die entsprechende ideelle Veränderung, weshalb wir denn auch sagen, dass die ideelle Veränderung eine Form der entsprechenden materiellen Veränderung ist.

Das ist in großen Zügen der Monismus des dialektischen Materialismus von Marx und Engels. Gut und schön, werden manche uns sagen, das alles stimmt hinsichtlich der Geschichte der Natur und der Gesellschaft. Auf welche Weise aber entstehen in unserem Kopf heutzutage verschiedene Vorstellungen und Ideen über diese oder jene Dinge? Existieren denn in Wirklichkeit die so genannten äußeren Bedingungen, oder aber existieren nur unsere Vorstellungen von diesen äußeren Bedingungen? Und wenn die äußeren Bedingungen existieren, in welchem Maße ist dann ihre Wahrnehmung und Erkenntnis möglich?

Hierzu erklären wir, dass unsere Vorstellungen, unser „Ich“ nur insoweit existiert, als die äußeren Bedingungen existieren, die in unserem „Ich“ Eindrücke hervorrufen. Wer ohne Überlegung sagt, dass nichts existiere als unsere Vorstellungen, ist gezwungen, alle wie immer gearteten äußeren Bedingungen zu leugnen und folglich auch die Existenz der übrigen Menschen, außer seinem eigenen „Ich“, zu leugnen, was den Grundprinzipien der Wissenschaft und der praktischen Tätigkeit von Grund aus widerspricht. Jawohl, die äußeren Bedingungen existieren wirklich; diese Bedingungen haben vor uns existiert und werden nach uns existieren, ihre Wahrnehmung und Erkenntnis ist um so leichter und rascher möglich, je häufiger und stärker sie auf unser Bewusstsein einwirken. Was die Frage anbelangt, auf welche Weise heutzutage in unserem Kopfe verschiedene Vorstellungen und Ideen von diesen oder jenen Dingen entstehen, so müssen wir dazu bemerken, dass sich hier in Kürze wiederholt, was in der Geschichte der Natur und der Gesellschaft vor sich geht. Auch im vorliegenden Fall ist der Gegenstand, der sich außerhalb von uns befindet, unserer Vorstellung von diesem Gegenstand vorausgegangen, auch im vorliegenden Fall bleibt unsere Vorstellung, die Form, hinter dem Gegenstand, als hinter ihrem Inhalt, zurück, usw. Betrachte ich einen Baum und sehe ich ihn, so bedeutet das lediglich, dass, noch bevor in meinem Kopf die Vorstellung von dem Baum entstand, der Baum selber existierte, der die entsprechende Vorstellung in mir hervorgerufen hat.

Man begreift unschwer, welche Bedeutung der monistische Materialismus von Marx und Engels für die praktische Tätigkeit der Menschen haben muss. Wenn unsere Weltanschauung, unsere Sitten und Gebräuche von den äußeren Bedingungen hervorgerufen werden, wenn die Untauglichkeit juristischer und politischer Formen auf dem Ökonomisten Inhalt beruht, so ist es klar, dass wir eine radikale Umgestaltung der ökonomischen Verhältnisse fördern müssen, damit sich zugleich mit ihnen auch die Sitten und Gebräuche des Volkes und die politische Ordnung des Landes von Grund aus ändern.

Hierüber sagt Karl Marx: „Es bedarf keines großen Scharfsinnes, um aus den Lehren des Materialismus ... seinen notwendigen Zusammenhang mit dem ... Sozialismus einzusehen. Wenn der Mensch aus der Sinnenwelt ... alle Kenntnis, Empfindung etc. sich bildet, so kommt es also darauf an, die empirische Welt so einzurichten, dass er das Menschliche in ihr erfährt, sich angewöhnt, dass er sich als Mensch erfährt ... Wenn der Mensch unfrei im materialistischen Sinne, d. h. frei ist, nicht durch die negative Kraft, dies und jenes zu meiden, sondern durch die positive Macht, seine wahre Individualität geltend zu machen, so muss man nicht das Verbrechen am einzelnen strafen, sondern die antisozialen Geburtsstätten des Verbrechens zerstören ... Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände menschlich bilden.“ (Siehe „Ludwig Feuerbach“, Beilage, „K. Marx über den französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts“ [Marx-Engels-Gesamtausgabe, Erste Abt., Bd. 3, Berlin 1932, S. 307].)

Das ist der Zusammenhang zwischen dem Materialismus und der praktischen Tätigkeit der Menschen. Wie stellen sich die Anarchisten zum monistischen Materialismus von Marx und Engels? Nimmt die Dialektik von Marx ihren Ausgang von Hegel, so ist sein Materialismus eine Entwicklung des Materialismus von Feuerbach. Die Anarchisten wissen dies sehr wohl, und sie versuchen, die Mängel Hegels und Feuerbachs ausnutzend, den dialektischen Materialismus von Marx und Engels anzuschwärzen. Hinsichtlich Hegels haben wir bereits darauf hingewiesen, dass solche Schliche der Anarchisten nichts weiter zu beweisen vermögen, als ihre eigene polemische Ohnmacht. Das gleiche muss auch hinsichtlich Feuerbachs gesagt werden. Da betonen sie z.B. nachdrücklich: „Feuerbach war Pantheist...“, er habe „den Menschen vergöttlicht...“ (siehe „Nobati“ Nr. 7, D. Delendi), „nach Ansicht Feuerbachs ist der Mensch das, was er isst ...“, woraus Marx angeblich die Schlussfolgerung gezogen habe: „Folglich ist das wichtigste und das erste die ökonomische Lage“ usw. (siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.). Allerdings zweifelt niemand von uns an dem Pantheismus Feuerbachs, an seiner Vergöttlichung des Menschen und an anderen, ähnlichen Fehlern von ihm, im Gegenteil, Marx und Engels haben Feuerbachs Fehler als erste aufgedeckt, die Anarchisten aber halten es trotzdem für notwendig, die bereits enthüllten Fehler Feuerbachs erneut zu „enthüllen“. Weshalb? Wahrscheinlich, weil sie durch die Anpöbelung Feuerbachs irgendwie auch den Materialismus, den Marx bei Feuerbach entlehnte und dann wissenschaftlich entwickelte, anschwärzen wollen. Konnte es denn bei Feuerbach neben irrigen Gedanken nicht auch richtige geben? Wir behaupten, dass die Anarchisten durch solche Schliche den monistischen Materialismus in keiner Weise erschüttern, sondern höchstens ihre eigene Ohnmacht beweisen werden.

Unter den Anarchisten selbst herrscht ein Durcheinander in den Ansichten über den Materialismus von Marx. Hört man Herrn Tscherkesischwili, so hätten Marx und Engels den monistischen Materialismus gehasst, so wäre ihr Materialismus ein vulgärer und kein monistischer gewesen: „Jene große Wissenschaft der Naturforscher mit ihrem System der Evolution, dem Transformismus und dem monistischen Materialismus, den Engels so stark hasst..., hat die Dialektik gemieden“ usw. (Siehe „Nobati“ Nr. 4, W. Tscherkesischwili.) Es ergäbe sich, dass der naturwissenschaftliche Materialismus, der Tscherkesischwili gefällt und den Engels hasste, ein monistischer Materialismus war. Ein anderer Anarchist wieder sagt uns, der Materialismus von Marx und Engel sei monistisch, und deshalb verdiene er, abgelehnt zu werden. „Die historische Konzeption von Marx ist ein Atavismus von Hegel. Der monistische Materialismus des absoluten Objektivismus überhaupt und der ökonomische Monismus von Marx im besonderen sind in der Natur unmöglich und in der Theorie irrig ... Der monistische Materialismus ist ein schlecht verhüllter Dualismus und ein Kompromiss zwischen Metaphysik und Wissenschaft ...“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.) Es ergäbe sich, dass der monistische Materialismus unannehmbar wäre, da Marx und Engels ihn nicht nur nicht hassten, sondern im Gegenteil selber monistische Materialisten waren, weshalb der monistische Materialismus abgelehnt werden müsse.

Da hat man die Anarchie! Sie sind mit sich selbst noch nicht über das Wesen des Materialismus von Marx ins reine gekommen, sie haben selber noch nicht herausgebracht, ob er ein monistischer Materialismus ist oder nicht, sie sind miteinander selbst noch nicht über seine Vorzüge und Mängel einig geworden, aber schon prahlen sie uns die Ohren voll: wir, meinen sie, kritisieren und machen den Materialismus von Marx dem Erdboden gleich. Schon hieraus ersieht man, wie begründet ihre „Kritik“ sein kann.

Gehen wir weiter. Manche Anarchisten wissen nicht einmal, wie sich herausstellt, dass es in der Wissenschaft verschiedene Arten des Materialismus gibt, und dass zwischen ihnen ein großer Unterschied besteht: es gibt z. B. einen vulgären Materialismus (in Naturwissenschaft und Geschichte), der die Bedeutung der ideellen Seite und ihre Rückwirkung auf die materielle Seite leugnet; es gibt aber auch den so genannten monistischen Materialismus, der die Wechselbeziehungen der ideellen und der materiellen Seite wissenschaftlich untersucht. Manche Anarchisten verwechseln das alles und erklären gleichzeitig mit großem Aplomb: Ob euch recht oder nicht, aber den Materialismus von Marx und Engels kritisieren wir gründlich! Man höre: „Nach Engels' Ansicht, und auch nach Ansicht Kautskys, hat Marx der Menschheit einen großen Dienst dadurch geleistet, dass er ...“ unter anderem die „materialistische Konzeption“ entdeckt hat. „Ist das richtig? Wir glauben nicht, denn wir wissen ..., dass alle Historiker, Gelehrten und Philosophen, die die Ansicht vertreten, der gesellschaftliche Mechanismus werde durch die geographischen, klimatischtellurischen, kosmischen, anthropologischen und biologischen Bedingungen in Bewegung gesetzt, dass sie alle Materialisten sind.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 2, S. G.) Mit solchen Leuten rede nun einer! Es ergäbe sich, dass kein Unterschied besteht zwischen dem „Ma340terialismus“ von Aristoteles und Montesquieu, zwischen dem „Materialismus“ von Marx und Saint-Simon. Und das nennt man, den Gegner verstehen und ihn gründlich kritisieren! ...

Manche Anarchisten haben irgendwo gehört, der Materialismus von Marx sei „eine Theorie des Magens“, und sie machten sich daran, diesen „Gedanken“ zu popularisieren, offenbar weil dem Papier in der Redaktion von „Nobati“ kein hoher Wert beigemessen wird und diese Operation ihr wohlfeil zu stehen kommt. Man höre: „Nach Feuerbachs Ansicht ist der Mensch das, was er isst. Diese Formel hatte eine magische Wirkung auf Marx und Engels“, und nach der Meinung der Anarchisten habe Marx daraus die Schlussfolgerung gezogen: „Also ist das wichtigste und erste die ökonomische Lage, die Produktionsverhältnisse ...“ Weiter belehren uns die Anarchisten philosophisch: „Zu sagen, das einzige Mittel zu diesem Zweck (dem gesellschaftlichen Leben) sei das Essen und die ökonomische Produktion, wäre ein Irrtum ... Wenn hauptsächlich, monistisch, durch das Essen und das ökonomische Sein die Ideologie bestimmt würde, so wäre mancher Vielfraß ein Genie.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.) So leicht ist es also, den Materialismus von Marx durch Kritik zu erledigen: es genügt, von irgendeiner höheren Tochter Straßenklatschereien über Marx und Engels zu hören, es genügt, diese Straßenklatschereien mit philosophischem Aplomb in den Spalten irgendeines „Nobati“ zu wiederholen, um mit einem Schlage den Ruhm eines „Kritikers“ zu erwerben. Aber sagt doch eins, ihr Herren: Wo, wann, in welchem Lande hat welcher Marx gesagt, dass „das Essen die Ideologie bestimmt“? Warum habt ihr keinen einzigen Satz, kein einziges Wort aus den Werken von Marx angeführt, um eure Beschuldigung zu erhärten? Sind denn ökonomisches Sein und Essen ein und dasselbe? Diese durchaus verschiedenen Begriffe miteinander verwechseln, kann man, sagen wir, irgendeiner höheren Tochter verzeihen, aber wie kommt es, dass ihr, „Vernichter der Sozialdemokratie“, „Erneuerer der Wissenschaft“, dass auch ihr den Fehler der höheren Töchter so unbekümmert nachsprecht? Und wie könnte auch das Essen die gesellschaftliche Ideologie bestimmen? Denkt euch doch in eure eigenen Worte hinein: das Essen, die Form des Essens ändert sich nicht, auch in alter Zeit haben die Menschen ebenso gegessen, gekaut und die Speise verdaut wie jetzt, während sich die Form der Ideologie fortwährend ändert und entwickelt. Die antike, die feudale, die bürgerliche, die proletarische - diese Formen hat, nebenbei gesagt, die Ideologie. Kann man etwa annehmen, dass, was sich, allgemein gesprochen, nicht verändert, dasjenige bestimmt, was sich fortwährend ändert? Das ökonomische Sein bestimmt die Ideologie - das sagt Marx wirklich, und das ist leicht zu begreifen, aber sind denn Essen und ökonomisches Sein ein und dasselbe? Warum beliebte es euch, eure eigene Denkschwäche auf Marx abzuwälzen?... Gehen wir weiter. Nach Ansicht unserer Anarchisten ist der Materialismus von Marx „gleichfalls Parallelismus ...“; oder aber: „Der monistische Materialismus ist ein schlecht verhüllter Dualismus und ein Kompromiss zwischen Metaphysik und Wissenschaft ...“ „Marx verfällt deshalb in Dualismus, weil er die Produktionsverhältnisse als das Materielle, die Bestrebungen und den Willen der Menschen aber als Illusion und Utopie darstellt, die keine Bedeutung haben, obgleich sie existieren.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.) Erstens hat der monistische Materialismus von Marx mit dem albernen Parallelismus nichts gemein. Während vom Standpunkt des Materialismus aus die materielle Seite, der Inhalt, der ideellen Seite, der Form, notwendig vorausgeht, lehnt der Parallelismus diese Ansicht ab und erklärt entschieden, dass weder die materielle noch die ideelle Seite einander vorausgehen, dass sich beide gemeinsam, parallel entwickeln. Zweitens, was haben der Monismus von Marx und der Dualismus miteinander gemein, wo wir doch sehr wohl wissen (auch ihr Herren Anarchisten solltet es wissen, wenn ihr die marxistische Literatur lest!), dass der erstere von einem Prinzip ausgeht - der Natur, die eine materielle und eine ideelle Form hat, während der letztere von zwei Prinzipien ausgeht -, dem materiellen und dem ideellen, die dem Dualismus zufolge einander negieren? Drittens, wer hat gesagt: „Die Bestrebungen und der Wille des Menschen haben keine Bedeutung“? Warum gebt ihr nicht an, wo Marx hiervon spricht? Spricht Marx denn nicht im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“, in den „Klassenkämpfen in Frankreich“, im „Bürgerkrieg in Frankreich“ und in anderen Broschüren von der Bedeutung „der Bestrebungen und des Willens“? Warum hat Marx sich dann bemüht, „den Willen und die Bestrebungen“ der Proletarier im sozialistischen Geist zu entwickeln, wozu trieb er unter ihnen Propaganda, wenn er die Bedeutung „der Bestrebungen und des Willens“ nicht anerkannte? Oder wovon spricht Engels in seinen bekannten Artikeln aus den Jahren 1891-94 anders als von „der Bedeutung der Bestrebungen und des Willens“? Die Bestrebungen und der Wille der Menschen schöpfen ihren Inhalt aus dem ökonomischen Sein, aber dies bedeutet durchaus nicht, dass sie keinen Einfluss auf die Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse ausüben. Fällt es unseren Anarchisten denn wirklich so schwer, diesen einfachen Gedanken zu verdauen? Ja, ja, nicht umsonst sagt man, die Lust zur Kritik und die Kritik selber seien zwei verschiedene Sachen!...

Noch eine von den Herren Anarchisten vorgebrachte Beschuldigung: „Man kann sich die Form nicht ohne Inhalt vorstellen ...“, deshalb dürfe man nicht sagen, dass „die Form hinter dem Inhalt zurückbleibt ... dass sie .nebeneinander bestehen' ... Sonst ist der Monismus ein Absurdum“ (siehe „Nobati“ Nr. l, S. G.). Die Herren Anarchisten haben sich ein klein wenig verheddert. Ein Inhalt ohne Form ist undenkbar, aber die bestehende Form entspricht niemals vollständig dem bestehenden Inhalt, der neue Inhalt kleidet sich in einem gewissen Maße stets in die alte Form, so dass zwischen der alten Form und dem neuen Inhalt immer ein Konflikt besteht. Eben auf diesem Boden erfolgen die Revolutionen, und darin kommt u. a. der revolutionäre Geist des Materialismus von Marx zum Ausdruck. Die Anarchisten aber haben das nicht begriffen und wiederholen eigensinnig, einen Inhalt ohne Form gebe es nicht... Das sind die Ansichten der Anarchisten über den Materialismus. Wir beschränken uns auf das Gesagte. Auch so schon ist es genügend klar, dass die Anarchisten sich einen eigenen Marx ausgedacht und ihm ihren, von ihnen ausgedachten „Materialismus“ zugeschrieben haben, um dann mit ihm zu ringen. Der wirkliche Marx aber und der wirkliche Materialismus wird von keiner einzigen Kugel getroffen... Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem dialektischen Materialismus und dem proletarischen Sozialismus?

„Achali Zchowreba“ („Neues Leben“) Nr. 2, 4, 7 und 16.

Vom 21., 24., 28. Juni und 9. Juli 1906.

Unterschrift: Koba.

Nach der autorisierten Übersetzung aus dem Georgischen.

Fußnoten

  1. „Brdsola" ("Der Kampf") - die erste illegale georgische Zeitung der Tifliser sozialdemokratischen Organisation, ihrer der Leninschen "Iskra" folgenden Gruppe. Der Initiator bei der Gründung der Zeitung "Brdsola" war J. W. Stalin. Die Herausgabe der Zeitung "Brdsola" war ein Resultat des Kampfes, den die revolutionäre Minderheit des "Messame-Dassi", der ersten sozialdemokratischen Organisation Georgiens (J. W. Stalin, W. Z. Kezchoweli, A. G. Zulukidse) seit 1898 gegen deren opportunistische Mehrheit (Jordania u. a.) in der Frage der Schaffung einer illegalen revolutionären marxistischen Presse führte. "Brdsola" wurde in Baku in der illegalen Druckerei gedruckt, die im Auftrag des revolutionären Flügels der Tifliser sozialdemokratischen Organisation von einem vertrauten Mitarbeiter J. W. Stalins, W. Z. Kezchoweli, eingerichtet worden war. Ihm wurde auch die mit der Herausgabe der Zeitung verbundene praktische Arbeit übertragen. Die richtunggebenden Artikel in "Brdsola" über die Fragen des Programms und der Taktik der revolutionären marxistischen Partei stammen aus der Feder J. W. Stalins. Es erschienen vier Nummern der Zeitung "Brdsola": Nr. 1 im September 1901, Nr. 2/3 im November/Dezember 1901 und Nr. 4 im Dezember 1902, "Brdsola", nächst der "Iskra" die beste marxistische Zeitung in Russland, verfocht die unauflösliche Verbindung des revolutionären Kampfes des transkaukasischen Proletariats mit dem revolutionären Kampf der Arbeiterklasse ganz Russlands. "Brdsola" verteidigte die theoretischen Grundlagen des revolutionären Marxismus und propagierte ebenso wie die Leninsche "Iskra" die Notwendigkeit des Übergangs der sozialdemokratischen Organisationen zur politischen Massenagitation, zum politischen Kampf gegen die Selbstherrschaft, und verfocht die Leninsche Idee der Hegemonie des Proletariats in der bürgerlich-demokratischen Revolution. Im Kampf gegen die "Ökonomisten" begründete "Brdsola" die Notwendigkeit der Schaffung einer einheitlichen revolutionären Partei der Arbeiterklasse und entlarvte die liberale Bourgeoisie, die Nationalisten und Opportunisten aller Spielarten. Die Leninsche "Iskra" vermerkte das Erscheinen von Nr. 1 der Zeitung "Brdsola" als ein Ereignis von großer Bedeutung.
  2. "Rabotschaja Myssl" ("Arbeitergedanke") - eine Zeitung, die offen die opportunistischen Ansichten der „Ökonomisten" vertrat; erschien von Oktober 1897 bis Dezember 1902. Es erschienen 16 Nummern.
  3. Gesetz vom 2. Juni 1897 setzte den Arbeitstag für die Arbeiter der Industriebetriebe und der Eisenbahnwerkstätten mit 11 ½ Stunden fest; gleichzeitig schränkte das Gesetz die Zahl der Feiertage für die Arbeiter ein.
  4. Gemeint sind die "Provisorischen Bestimmungen über die Ableistung der Militärpflicht durch die Studierenden der Hochschulen", die am 29. Juli 1899 von der Regierung bestätigt worden waren. Auf Grund dieser Bestimmungen wurden Studenten, die an kollektiven Kundgebungen gegen das in den Hochschulen aufgerichtete Polizeiregime teilnahmen, aus den Lehranstalten ausgeschlossen und als Gemeine für ein bis drei Jahre in die zaristische Armee gesteckt.
  5. "Sakartwelo" ("Georgien") - Zeitung der Auslandsgruppe der georgischen Nationalisten, die zum Kern der bürgerlich-nationalistischen Partei der Sozialföderalisten wurde; erschien 1903-1905 in georgischer und französischer Sprache in Paris. Der Partei der georgischen Föderalisten (die im April 1904 in Genf gebildet wurde) gehörten außer der Gruppe "Sakartwelo" Anarchisten, Sozialrevolutionäre und Nationaldemokraten an. Die Hauptforderung der Föderalisten war die nationale Autonomie Georgiens im Rahmen des gutsherrlich-bürgerlichen Russischen Reichs. In den Jahren der Reaktion wurden sie zu offenen Gegnern der Revolution.
  6. Die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" wurde bald nach dem II. Parteitag der SDAPR von armenischen nationalföderalistischen Elementen gegründet. W. I. Lenin vermerkte die enge Verbindung dieser Organisation mit dem "Bund". "Das ist eine Kreatur des ‚Bund‘, nicht mehr, eigens ersonnen zwecks Nährung des kaukasischen Bundismus ... Die kaukasischen Genossen sind alle gegen diese Bande von Literaten und Desorganisatoren", schrieb W. I. Lenin am 7. September (n. St.) 1905 an die Mitglieder des Zentralkomitees (siehe Lenin-Sammelband V, S. 493, russ.).
  7. „Bund“ (Allgemeiner Jüdischer Arbeiterverband in Litauen, Polen und Russland) - eine jüdische kleinbürgerliche, opportunistische Organisation. Wurde im Oktober 1897 auf einem Kongress in Wilna gegründet. Der "Bund" war vorwiegend unter den jüdischen Handwerkern tätig. Auf dem 1. Parteitag der SDAPR 1898 "als eine autonome Organisation, die nur in den das jüdische Proletariat speziell berührenden Fragen selbständig ist", in die Partei eingetreten, war der "Bund" der Träger des Nationalismus und des Separatismus in der Arbeiterbewegung Russlands. Der bürgerlich-nationalistische Standpunkt des "Bund" wurde von der Leninschen "Iskra" scharf kritisiert. Die kaukasischen "Iskra"-Anhänger unterstützten W. I. Lenin voll und ganz in seinem Kampf gegen den "Bund"
  8. Gemeint ist die neue, die menschewistische "Iskra". Nach dem II. Parteitag der SDAPR bemächtigten sich die Menschewiki unter Beihilfe Plechanows der "Iskra" und bedienten sich ihrer zur Bekämpfung W. I. Lenins und der Bolschewiki. Sie begannen in der Zeitung offen ihre opportunistischen Ansichten zu propagieren. Die menschewistische "Iskra" erschien bis zum Oktober 1905.
  9. Im Herbst 1904, nachdem sich die Menschewiki der Redaktion der "Iskra" bemächtigt hatten, gründete W. D. Bontsch-Brujewitsch im Auftrage W. I. Lenins einen besonderen Verlag, dessen Aufgabe es war, "Parteiliteratur, besonders den prinzipiellen Standpunkt der Mehrheit des II. Parteitags verfechtende Literatur", herauszugeben. Der Parteirat und das Zentralkomitee, die sich damals in den Händen der Menschewiki befanden, legten dem Druck und der Verbreitung der bolschewistischen Literatur alle erdenklichen Hindernisse in den Weg. Aus diesem Anlass fasste die Konferenz der bolschewistischen Komitees Kaukasiens im November 1904 die folgende Resolution "Über die Literatur der Mehrheit": "Die Konferenz fordert das ZK auf, den Parteikomitees neben der übrigen Parteiliteratur, die die Meinungsverschiedenheiten in der Partei klarstellt, die Literatur der Gruppe Bontsch-Brujewitschs und Lenins zuzustellen." Ende Dezember 1904 ging die Verlagstätigkeit an die von W. I. Lenin gegründete Zeitung "Wperjod" ("Vorwärts") über.
  10. Die "Deklaration der 22" ist ein von W. I. Lenin geschriebener Aufruf "An die Partei". Dieser Aufruf wurde auf einer Beratung der Bolschewiki, die im August 1904 unter Lenins Leitung in der Schweiz stattfand, angenommen. Die in dem Briefe J. W. Stalins erwähnte Broschüre "An die Partei" enthält außer dem Aufruf "An die Partei" die Resolutionen des Rigaer und des Moskauer Komitees, ferner die Resolution der Genfer bolschewistischen Gruppe, die sich den Beschlüssen der Beratung der 22 Bolschewiki anschlossen. Der Aufruf "An die Partei" wurde für die Bolschewiki zum Programm des Kampfes für den III. Parteitag. Die meisten Komitees der SDAPR erklärten sich mit den Beschlüssen der bolschewistischen Beratung solidarisch. Im September 1904 schlossen sich das Kaukasische Bundeskomitee sowie die Komitees von Tiflis und Imeretino-Mingrelien der "Deklaration der 22" an und entfalteten eine Agitation für die sofortige Einberufung des III. Parteitags.
  11. W. I. Lenins Artikel "Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" wurde im September 1904 geschrieben. Der Artikel ist die Antwort auf ein Feuilleton Rosa Luxemburgs "Die organisatorischen Fragen der russischen Sozialdemokratie", das in Nr. 69 der "Iskra" und in Nr. 42 und Nr. 43 der "Neuen Zeit" veröffentlicht worden war, ferner auf einen in Nr. 66 der "Iskra" abgedruckten Brief Karl Kautskys. Lenin wollte seine Antwort in der "Neuen Zeit" veröffentlichen, aber die mit den Menschewiki sympathisierende Redaktion lehnte die Veröffentlichung ab.
  12. Das "Protokoll des II. ordentlichen Kongresses der Auslandsliga der russischen revolutionären Sozialdemokratie"; herausgegeben von der Liga in Genf 1904.
  13. W. I. Lenins Buch "Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" wurde von Februar bis Mai 1904 geschrieben und erschien am 6. (19.) Mai 1904 im Druck (siehe "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, Moskau 1946, S. 314-402 [in der deutschen Ausgabe dieses Bandes, Moskau 1946, S. 325-415, sind einige Kapitel ausgelassen; vollständiger Abdruck in der deutschen Ausgabe von Lenin, „sämtliche werke“, Bd. VI, Wien-Berlin, 1930]
  14. Gemeint ist W. I. Lenins Buch "Was tun?" (siehe "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, Moskau 1946, S.169-313). [Deutsche Neuausgabe Berlin 1949.]
  15. Nach dem vom II. Parteitag der SDAPR beschlossenen Statut war der Parteirat die höchste Parteiinstanz. Der Parteirat bestand aus fünf Personen: je zwei Mitglieder des Rats ernannten das Zentralkomitee und das Zentralorgan, das fünfte Mitglied des Rats wurde vom Parteitag gewählt. Die Hauptaufgabe des Rates bestand darin, die Tätigkeit des ZK und des ZO zu koordinieren und zusammenzufassen. Bald nach dem II. Parteitag der SDAPR erlangten die Menschewiki im Parteirat das Übergewicht und verwandelten ihn in ihr Fraktionsorgan. Der III. Parteitag der SDAPR machte Schluss mit dem Bestehen mehrerer Zentren in der Partei und schuf ein einheitliches Parteizentrum - das Zentralkomitee -, das in einen ausländischen und einen russischen Teil gegliedert wurde. Nach dem vom III. Parteitag beschlossenen Statut wurde der Redakteur des Zentralorgans vom Zentralkomitee aus den Mitgliedern des Zentralkomitees ernannt.
  16. W. I. Lenins Broschüre „Brief an einen Genossen über unsere organisatorischen Aufgaben" mit einem Vorwort und einem Nachwort des Verfassers erschien 1904 in Genf im Verlage des ZK der SDAPR (siehe „Sämtliche Werke", Bd. V, S. 179-192, russ.)
  17. Kostrow, An - Pseudonyme N. Jordanias.
  18. „Kwali“ („Die Furche") - Wochenzeitung in georgischer Sprache, ein Organ liberalnationalistischer Richtung. In den Jahren 1893-1897 hatte das Blatt den angehenden Literaten aus dem „Messame-Dassi" seine Spalten geöffnet. Ende 1897 ging die Zeitung in die Hände der Mehrheit, des „Messame-Dassi" (N. Jordania u, a.) über und wurde zum Sprachrohr des „legalen Marxismus". Nachdem innerhalb der SDAPR die Fraktionen der Bolschewiki und der Menschewiki entstanden waren, wurde „Kwali" zum Organ der georgischen Menschewiki. Im Jahre 1904 wurde die Zeitung von der Regierung verboten.
  19. „Proletariatis Brdsola“ („Der Kampf des Proletariats") - eine georgische illegale Zeitung, Organ des Kaukasischen Bundes der SDAPR; erschien von April/Mai 1903 bis Oktober 1905; nach dem Erscheinen der zwölften Nummer wurde die Zeitung eingestellt. Nach seiner Rückkehr aus der Verbannung, im Jahre 1904, trat J. W. Stalin an die Spitze der Redaktion, der außerdem A. G. Zulukidse, S. G. Schaumian u. a. angehörten. Die richtunggebenden Artikel in der Zeitung schrieb J.W. Stalin. „Proletariatis Brdsola" war Nachfolger der Zeitung „Brdsola". Der I. Kongress des Kaukasischen Bundes der SDAPR fasste den Beschluß, mit der Zeitung „Brdsola" die armenische sozialdemokratische Zeitung „Proletariat" zu einem gemeinsamen Organ zu vereinigen, das gleichzeitig in drei Sprachen: georgisch („Proletariats Brdsola"), armenisch („Proletariati Kriw") und russisch („Borba Proletariata") erscheinen sollte. Der Inhalt aller drei Ausgaben war identisch. Die Nummernfolge entsprach dem vorhergehenden Organ in der betreffenden Sprache. „Proletariates Brdsola" war nächst dem „Wperjod" und dem „Proletari" die größte illegale bolschewistische Zeitung, die konsequent die ideologischen, organisatorischen und taktischen Grundlagen der marxistischen Partei verfocht. Die Redaktion von „Proletariatis Brdsola" unterhielt den engsten Kontakt mit W. I. Lenin und dem bolschewistischen Auslandszentrum. Als im Dezember 1904 die Benachrichtigung über das Erscheinen des „Wperjod" erging, setzte das Kaukasische Bundeskomitee eine literarische Gruppe ein, um den „Wperjod" zu unterstützen. In Erwiderung auf die Einladung des Bundeskomitees, an „Proletariatis Brdsola" mitzuarbeiten, schrieb W. I. Lenin in einem Brief vom 20. Dezember (n. St.) 1904: „Liebe Genossen! Habe Euren Brief über ‚Borba Proletariata’ erhalten. Werde mich bemühen zu schreiben und auch die Redaktionskollegen verständigen." (Siehe Lenin-Sammelband XV, S. 267, russ.) „Proletariatis Brdsola" druckte regelmäßig Artikel und Materialien aus der Leninschen „Iskra" und später aus dem „Wperjod" und dem „Proletari" ab. In der Zeitung wurden Artikel W. I. Lenins veröffentlicht. Im „Proletari" wurden wiederholt positive Rezensionen und Einschätzungen über „Proletariatis Brdsola" gegeben und auch Artikel und Korrespondenzen aus dieser Zeitung abgedruckt. In Nr. 12 des „Proletari" wurde das Erscheinen von Nr. l der Zeitung „Borba Proletariata" in russischer Sprache vermerkt. Am Schluss der Notiz heißt es: „Wir werden zum Inhalt dieser interessanten Zeitung noch zurückkehren. Wir begrüßen aufs wärmste die Erweiterung der Verlagstätigkeit des Kaukasischen Bundes und wünschen ihm weitere Erfolge bei der Erneuerung des Parteigedankens in Kaukasien."
  20. Gemeint ist J.W. Stalins Artikel „Welche Auffassung hat die Sozialdemokratie von der nationalen Frage?" (siehe vorl. Bd.)
  21. Der „Allerhöchste persönliche Ukas" des Zaren Nikolaus II. vom Dezember 1904 wurde zusammen mit einer besonderen Regierungsmitteilung in den Zeitungen vom 14. Dezember 1904 veröffentlicht. Abgesehen von dem Versprechen einiger „Reformen" zweitrangigen Charakters proklamierte der Ukas die Unerschütterlichkeit der selbstherrlichen Gewalt und enthielt Drohungen nicht nur gegen die revolutionären Arbeiter und Bauern, sondern auch gegen die Liberalen, die sich erdreisteten, der Regierung schüchterne konstitutionelle Forderungen vorzulegen. Nach dem Ausdruck W. I. Lenins war der Ukas Nikolaus' II. eine „direkte Ohrfeige für die Liberalen".
  22. Das „Verfassungsprojekt" wurde von einer Gruppe von Mitgliedern des liberalen „Befreiungsbundes" im Oktober 1904 ausgearbeitet und erschien als besondere Druckschrift unter dem Titel „Staatsgrundgesetz des Russischen Reiches. Entwurf einer russischen Verfassung", Moskau 1904.
  23. J. W. Stalins Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei" wurde Ende April 1905 geschrieben. Sie war eine Antwort auf die Artikel N. Jordanias „Mehrheit oder Minderheit?" im „Sozialdemokrat", „Was ist die Partei?" in „Mogsauri" u. a. Über das Erscheinen der Broschüre J. W. Stalins „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei" erfuhr man bald im bolschewistischen Auslandszentrum. Am 18. Juli 1905 ersuchte N. K. Krupskaja in einem Brief an das Kaukasische Bundeskomitee der SDAPR, die Broschüre ins Ausland zu schicken. Die Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei" fand in den bolschewistischen Organisationen Transkaukasiens weite Verbreitung; die fortgeschrittenen Arbeiter machten sich nach ihr mit den innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten und mit dem Standpunkt W. I. Lenins, der Bolschewiki, bekannt. Die Broschüre wurde in der illegalen (Awlabarer) Druckerei des Kaukasischen Bundes der SDAPR im Mai 1905 in georgischer und im Juni in russischer und armenischer Sprache veröffentlicht. Die Auflage betrug je 1500-2000 Exemplare.
  24. “Iskra" („Der Funke") - die erste gesamtrussische illegale marxistische Zeitung; gegründet 1900 von W. I. Lenin. Die erste Nummer der Leninschen „Iskra" erschien am 11. (24.) Dezember 1900 in Leipzig, die folgenden Nummern in München, von April 1902 an in London und vom Frühjahr 1903 an in Genf. In einer Reihe von Städten Rußlands (Petersburg, Moskau u. a.) wurden Gruppen und Komitees der SDAPR der Leninschen „Iskra"-Richtung gegründet. In Transkaukasien verfocht die Ideen der „Iskra" die illegale Zeitung „Brdsola" („Der Kampf") - das Organ der georgischen revolutionären Sozialdemokratie. (Über die Bedeutung und die Rolle der „Iskra" siehe „Geschichte der KPdSU (B). Kurzer Lehrgang", Moskau 1945, S. 40-48 [deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, Kapitel I, 5 und II, 2].)
  25. „Sozialdemokrat" - illegale Zeitung der kaukasischen Menschewiki; erschien von April bis November 1905 in georgischer Sprache in Tiflis. Geleitet wurde die Zeitung von N. Jordania. Die erste Nummer des „Sozialdemokrat" erschien als „Organ des Tifliser Komitees der SDAPR"; weiterhin nannte sich die Zeitung „Organ der kaukasischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen".
  26. „Rabotscheje Djelo" („Arbeitersache") - unregelmäßig erscheinendes Organ des Bundes russischer Sozialdemokraten im Ausland (der „Ökonomisten"). Erschien von 1899 bis 1902 in Genf.
  27. Siehe W. I. Lenin, „Sämtliche Werke", Bd. IV, S. 56, russ.
  28. Starowjer - Pseudonym A. N. Potressows.
  29. Siehe Karl Marx und Friedrich Engels, „Manifest der Kommunistischen Partei", Moskau 1945, S. 31 [vgl. deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, S. 22 bis 23].
  30. „Die Neue Zeit" - Zeitschrift der deutschen Sozialdemokratie, erschien in Stuttgart von 1883 bis 1923.
  31. „Mogsauri" („Der Reisende")-historisch-archäologische und geographischethnographische Zeitschrift; erschien in Tiflis von 1901 bis November 1905. Ab Januar 1905 wurde „Mogsauri" eine literarisch-politische Wochenschrift der georgischen Sozialdemokraten, die unter Redaktion von Ph. Macharadse erschien. In „Mogsauri" wurden neben Artikeln bolschewistischer Autoren auch Artikel der Menschewiki veröffentlicht.
  32. Das Hainfelder Programm wurde auf dem Gründungsparteitag der österreichischen Sozialdemokratie 1888 in der Stadt Hainfeld beschlossen. Dieses Programm enthielt in seinem prinzipiellen Teil eine Reihe von Sätzen, die den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung sowie die Aufgaben des Proletariats und der proletarischen Partei richtig beleuchteten. Später, auf dem Wiener Parteitag von 1901, wurde das Hainfelder Programm durch ein neues Programm ersetzt, das revisionistische Einstellungen enthielt.
  33. Siehe Karl Marx, „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte", Moskau 1939, S. 40-41 [deutsche Neuausgabe, Berlin 1946, S. 40-41].
  34. „Sarja" („Die Morgenröte") - theoretische Zeitschrift der Sozialdemokratie Rußlands, gegründet von W.I. Lenin; erschien gleichzeitig mit der „Iskra" unter einer gemeinsamen Redaktion. Die Zeitschrift erschien in Stuttgart von April 1901 bis August 1902
  35. Siehe W. L Lenin, „Sämtliche Werke", Bd. VI, S. 150, russ.
  36. „Dnjewnik Sozialdemokrat a" („Tagebuch des Sozialdemokraten") - eine von G. W. Plechanow in Genf herausgegebene Zeitschrift, die in unregelmäßiger Folge von März 1905 bis April 1912 erschien. Im Ganzen erschienen 16 Nummern. Im Jahre 1916 erschien noch eine Nummer der Zeitschrift.
  37. Gntschakisten - Mitglieder einer armenischen kleinbürgerlichen Partei „Gntschak", die 1887 in Genf auf Initiative armenischer Studenten gegründet wurde. In Transkaukasien betrieb die Partei „Gntschak", die den Namen Armenische Sozialdemokratische Partei angenommen hatte, eine Spalterpolitik in der Arbeiterbewegung. Nach der Revolution von 1905-1907 entartete die Partei „Gntschak" zu einer reaktionären nationalistischen Gruppierung.
  38. Siehe „Die KPdSU (B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Konferenzen und Plenartagungen des Zentralkomitees", Teil I, 6. Auflage, Moskau 1940, S. 45, russ.
  39. Der Amsterdamer Kongress der II. Internationale tagte im August 1904.
  40. Karl Marx und Friedrich Engels, „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund" (der Kommunisten) (siehe Karl Marx, „Enthüllungen über den Kommunistenprozess zu Köln", Moskau 1940, S. 113).
  41. Gemeint ist W.I. Lenins Schrift „über die provisorische revolutionäre Regierung", in der er den Artikel von Friedrich Engels „Die Bakunisten an der Arbeit" zitiert (siehe W. I. Lenin, „Sämtliche Werke", Bd. VII, S. 325, 326, 328, russ.).
  42. Gemeint sind der Entwurf eines Gesetzes über die Schaffung einer beratenden Reichsduma und die Bestimmungen über die Dumawahlen, ausgearbeitet von einer Kommission unter dem Vorsitz des Innenministers Bulygin. Der Gesetzentwurf und die Bestimmungen über die Wahlen wurden zusammen mit dem Manifest des Zaren am 6. (19.) August 1905 veröffentlicht. Die Bolschewiki erklärten der Bulyginschen Duma den aktiven Boykott. Bevor sie noch zusammentreten konnte, wurde sie von der Revolution hinweggefegt.
  43. Der in Nr. 11 von „Proletariatis Brdsola" veröffentlichte Artikel J.W. Stalins „Antwort an den Sozialdemokrat'" rief im bolschewistischen Auslandszentrum lebhaften Widerhall hervor. In einem kurzen Resumé des Hauptinhalts des Artikels von J. W. Stalin schrieb W. I. Lenin im „Proletari": „An dem Artikel .Antwort an den „Sozialdemokrat"' heben wir die ausgezeichnete Fragestellung hinsichtlich des berühmten ‚Hineintragens des Bewusstseins von außen’ hervor. Der Verfasser gliedert diese Frage in vier selbständige Teile: 1. Die philosophische Frage nach dem Verhältnis des Bewusstseins zum Sein: das Sein bestimmt das Bewusstsein. Entsprechend der Existenz von zwei Klassen wird auch ein zweifaches Bewusstsein herausgearbeitet: das bürgerliche und das sozialistische. Der Lage des Proletariats entspricht das sozialistische Bewusstsein. 2. Wer kann dieses sozialistische Bewusstsein (den wissenschaftlichen Sozialismus) herausarbeiten und wer arbeitet es heraus?’ ‚Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht' (Kautsky), d. h. seine Herausarbeitung, ist Sache einiger sozialdemokratischer Intellektueller, die über die hierfür erforderlichen Mittel und Mußestunden verfügen.’ 3. Wie dringt dieses Bewusstsein ins Proletariat ein? ‚Hier tritt nun die Sozialdemokratie auf (und nicht nur sozialdemokratische Intellektuelle), die das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung hineinträgt.’ 4.Was findet die Sozialdemokratie im Proletariat selbst vor, wenn sie mit der Propaganda des Sozialismus zu ihm kommt? Eine instinktive Hinneigung zum Sozialismus. ‚So entstehen naturnotwendig zugleich mit dem Proletariat sozialistische Tendenzen bei den Proletariern selbst wie bei jenen, die sich auf den Standpunkt des Proletariats stellen... Das erklärt... das Aufkommen der sozialistischen Bestrebungen.’ (Kautsky.) Der Menschewik zieht hieraus die lachhafte Schlussfolgerung: ‚Daher ist es klar, dass der Sozialismus nicht von außen in das Proletariat hineingetragen wird, sondern im Gegenteil aus dem Proletariat hervorgeht und in die Köpfe derjenigen eingeht, die sich die Anschauungen des Proletariats zu eigen machen.’!" (Siehe „Proletari" Nr. 22 vom 11. (24.) Oktober 1905, Rubrik „Aus der Partei", S. 6.)
  44. Die „Antwort an das Bundeskomitee" wurde in Form einer Beilage zu Nr. 3 des „Sozialdemokrat" vom 1. Juli 1905 veröffentlicht. Der Verfasser der „Antwort" war N. Jordania, der Führer der georgischen Menschewiki, dessen Ansichten J.W. Stalin in der Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei" und anderen Schriften einer schonungslosen Kritik unterzog.
  45. Siehe W.I. Lenin, „Sämtliche Werke", Bd. V, S. 187, russ.
  46. „Moskowskije Wjedomosti" („Moskauer Nachrichten") - begannen 1756 zu erscheinen; die Zeitung vertrat die Interessen der reaktionärsten Kreise der adligen Fronherren und der Geistlichkeit. Seit 1905 das Organ der Schwarzhunderter. Nach der Oktoberrevolution von 1917 eingestellt.
  47. „Russkije Wjedomosti" („Russische Nachrichten") - seit 1863 von liberalen Professoren der Moskauer Universität und Semstwovertretern in Moskau herausgegebene Zeitung; vertrat die Interessen der liberalen Gutsbesitzer und der Bourgeoisie. Nach 1905 Organ der rechten Kadetten.
  48. „Proletari" - illegale bolschewistische Wochenzeitung, Zentralorgan der SDAPR, begründet auf Beschluß des III. Parteitags; erschien in Genf vom 14. (27.) Mai bis zum 12. (25.) November 1905. Es erschienen 26 Nummern. Verantwortlicher Redakteur der Zeitung war W. I. Lenin. Der „Proletari" setzte die Linie der alten, der Leninschen „Iskra" fort und war der Nachfolger der bolschewistischen Zeitung „Wperjod". Die Herausgabe des „Proletari" wurde eingestellt, als W. I. Lenin nach Petersburg übersiedelte.
  49. Die Konstitutionell-Demokratische Partei (K.-D., Kadetten) war die Hauptpartei der liberal-monarchistischen Bourgeoisie; wurde im Oktober 1905 gegründet. Unter dem Deckmantel eines geheuchelten Demokratismus bemühten sich die Kadetten, die sich Partei der „Volksfreiheit" nannten, die Bauernschaft auf ihre Seite zu ziehen. Sie erstrebten die Erhaltung des Zarismus in Form einer konstitutionellen Monarchie. In der Folgezeit wurden die Kadetten zur Partei der imperialistischen Bourgeoisie. Nach dem Siege der sozialistischen Oktoberrevolution zettelten die Kadetten konterrevolutionäre Verschwörungen und Aufstände gegen die Sowjetrepublik an.
  50. „Kawkaski Rabotschi Listok" („Kaukasisches Arbeiterblatt") - erste legale bolschewistische Tageszeitung in Kaukasien; erschien in Tiflis vom 20. November bis zum 14. Dezember 1905 in russischer Sprache. Geleitet wurde die Zeitung von J. W. Stalin und S. G. Schaumian. Auf der 4. Konferenz des Kaukasischen Bundes der SDAPR wurde der „Kawkaski Rabotschi Listok" als offizielles Organ des Kaukasischen Bundes anerkannt. Es erschienen 17 Nummern. Die beiden letzten Nummern der Zeitung erschienen unter der Bezeichnung „Jelisawetpolski Westnik" („Jelisawetpoler Anzeiger").
  51. Im Dezember 1905 wurden Tuckum, Talsen, Rujen, Friedrichstadt und andere lettische Städte von bewaffneten Abteilungen aufständischer Arbeiter, Landarbeiter und Bauern besetzt. Es begann ein Partisanenkrieg gegen die zaristischen Truppen. Im Januar 1906 wurden die Aufstände in Lettland von Strafexpeditionen Orlows, Sologubs und anderer zaristischer Generale unterdrückt.
  52. J. W. Stalins Artikel „Die Reichsduma und die Taktik der Sozialdemokratie" wurde am 8. März 1906 in „Gantiadi" („Die Morgendämmerung") veröffentlicht - der Tageszeitung des vereinigten Tifliser Komitees der SDAPR, die vom 5. bis zum 10. März 1906 erschien. Der Artikel war eine offizielle Wiedergabe des Standpunktes der Bolschewiki in den Fragen der Dumataktik. In der vorhergehenden Nummer von „Gantiadi" war ein Artikel unter der Überschrift „Die Wahlen zur Reichsduma und unsere Taktik", gezeichnet X., abgedruckt worden, der den Standpunkt der Menschewiki in dieser Frage zum Ausdruck brachte. J. W. Stalins Artikel war begleitet von der folgenden Bemerkung der Redaktion: „In der gestrigen Nummer haben wir einen Artikel veröffentlicht, der die Ansicht eines Teils unserer Genossen in der Frage der Teilnahme an der Reichsduma wiedergibt. Heute wird dem Versprechen gemäß ein zweiter Artikel abgedruckt, der die prinzipielle Ansicht eines anderen Teiles unserer Genossen über diese Frage wiedergibt. Wie der Leser sehen wird, sind diese Artikel prinzipiell voneinander verschieden: der Verfasser des ersten ist für die Beteiligung an den Dumawahlen, der Verfasser des zweiten ist gegen die Beteiligung. Sowohl die eine als auch die andere Ansicht bringt nicht nur eine persönliche Meinung zum Ausdruck. Sie geben die taktische Einstellung der beiden in der Partei vorhandenen Strömungen wieder. So steht die Sache nicht nur bei uns, sondern auch im ganzen übrigen Rußland."
  53. „Rewoluzionnaja Rossija" („Revolutionäres Rußland") - Organ der Sozialrevolutionäre, erschien von Ende 1900 bis 1905; anfänglich vom „Bund der Sozialrevolutionäre" herausgegeben, wurde es im Januar 1902 das Zentralorgan der Partei der Sozialrevolutionäre.
  54. „Nowaja Shisn" („Neues Leben") - die erste legale bolschewistische Zeitung; erschien in Petersburg vom 27. Oktober bis zum 3. Dezember 1905. Von dem Augenblick an, da W. I. Lenin aus der Emigration zurückkehrte, begann „Nowaja Shisn" unter seiner unmittelbaren Führung zu erscheinen. Aktiven Anteil an der Zeitung nahm Maxim Gorki. Mit Nr. 27 wurde „Nowaja Shisn" von den Behörden verboten. Die letzte Nummer, Nr. 28, erschien illegal.
  55. „Natschalo" („Der Anfang") - legale Tageszeitung der Menschewiki; erschien in Petersburg vom 13. November bis zum 2. Dezember 1905.
  56. „Znobis Purzeli“ („Nachrichtenblatt") - georgische Tageszeitung; erschien in Tiflis von 1896 bis 1906. Seit Ende 1900 war die Zeitung das Sprachrohr der georgischen Nationalisten; 1904 wurde sie zum Organ der georgischen Sozialföderalisten.
  57. „Elwa" („Der Blitz") - georgische Tageszeitung, Organ des Vereinigten Tifliser Komitees der SDAPR; begann nach dem Verbot der Zeitung „Gantiadi" zu erscheinen. Die erste Nummer der Zeitung „Elwa" erschien am 12. März, die letzte am 15. April 1906. Für die Bolschewik! schrieb J. W. Stalin die führenden Artikel in der Zeitung. Insgesamt erschienen 27 Nummern.
  58. Der IV. Parteitag (der „Vereinigungsparteitag") der SDAPR fand vom 10.-25. April (23. April-8. Mai) 1906 in Stockholm statt. Auf dem Parteitag waren Vertreter der nationalen sozialdemokratischen Parteien Polens und Litauens, Lettlands sowie des „Bund" anwesend. Viele bolschewistische Organisationen waren von der Regierung nach dem bewaffneten Dezemberaufstand von 1905 zertrümmert worden und konnten keine Delegierten entsenden. Die Menschewiki hatten auf dem Parteitag eine, wenn auch unbedeutende, Mehrheit. Die Vorherrschaft der Menschewiki auf dem Parteitag bestimmte auch den Charakter der Parteitagsbeschlüsse in mehreren Fragen. J. W. Stalin war der Parteitagsdelegierte der Tifliser Organisation der Bolschewiki, und zwar unter dem Pseudonym Iwanowitsch. Er hielt auf dem Parteitag Diskussionsreden über den Entwurf des Agrarprogramms, über die Einschätzung der gegenwärtigen Lage und über die Reichsduma. Außerdem gab J. W. Stalin auf dem Parteitag mehrere sachliche Erklärungen ab, in denen er die opportunistische Taktik der transkaukasischen Menschewiki in der Frage der Reichsduma, des Abkommens mit dem „Bund" und in anderen Fragen entlarvte.
  59. John - Pseudonym von P. P. Maslow.
  60. N. Ch. - Noah Chomeriki, ein Menschewik.
  61. „Simartle" („Die Wahrheit") - politisch-literarische Tageszeitung der georgischen Menschewiki; erschien in Tiflis im Jahre 1906.
  62. Karl Kautsky und Jules Guesde waren damals noch nicht in das Lager der Opportunisten übergegangen. Unter dem Einfluss der russischen Revolution von 1905-1907, die überhaupt die internationale Arbeiterbewegung, besonders die Arbeiterklasse Deutschlands, gewaltig beeinflusste, trat Karl Kautsky in einer Anzahl von Fragen im Geiste der revolutionären Sozialdemokratie auf.
  63. „Achali Zchowreba" („Neues Leben") - bolschewistische Tageszeitung, die in Tiflis vom 20. Juni bis zum 14. Juli 1906 erschien. Der Leiter der Zeitung war J. W. Stalin. Ständige Mitarbeiter von „Achali Zchowreba" waren M. Dawitaschwili, G. Telia, G. Kikodse u. a. Es erschienen insgesamt 20 Nummern.
  64. Zitiert wird der Artikel W. I. Lenins „Rußlands gegenwärtige Lage und die Taktik der Arbeiterpartei" (siehe „Sämtliche Werke", Bd. IX, S. 16, russ.). Der Artikel wurde in den „Partinyje Iswestija" („Parteinachrichten"), dem Organ des vereinigten ZK der SDAPR, veröffentlicht. Die „Partinyje Iswestija" wurden in Petersburg am Vorabend des IV. Parteitags (des „Vereinigungsparteitags") illegal herausgegeben. Es erschienen zwei Nummern, Nr. l am 7. Februar und Nr. 2 am 20. März 1906.
  65. Karl Marx und Friedrich Engels, „Germany: Revolution and Counter-Revolution" (siehe Marx/Engels, „Revolution und Konterrevolution in Deutschland", Moskau 1940, S. 113 [deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, S. 119]).
  66. Friedrich Engels, „Die Bakunisten an der Arbeit", Moskau 1941, S. 16 bis 17.
  67. „Sewernaja Semlja" („Nordland") - bolschewistische legale Tageszeitung - erschien in Petersburg vom 23. bis zum 28. Juni 1906.
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