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Gesammelte Werke Band 6  (Josef Stalin)

Aus ProleWiki


Gesammelte Werke Band 6
Autor*inJosef Stalin
Verfasst in1924
VerlagVerlag Roter Morgen
Veröffentlicht1971
Hamburg
PDFhttp://ciml.250x.com/archive/stalin/german/stalinwerke_06.pdf


Vorwort

Im sechsten Band der Werke J. W. Stalins haben die Schriften Aufnahme gefunden, die im Jahre 1924 geschrieben worden sind.

Das Jahr 1924 war das erste Jahr, in dem die bolschewistische Partei und das Sowjetvolk ihre schöpferische Arbeit für den Aufbau des Sozialismus ohne W. I. Lenin, unter der Führung des Genossen Stalin fortführten. Genosse Stalin schloss die Partei um das Zentralkomitee zusammen und mobilisierte sie zum Kampf für den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR.

Die in diesem Band enthaltenen Schriften des Genossen Stalin spielten eine gewaltige Rolle bei der ideologischen Zerschlagung des Trotzkismus und der anderen antileninistischen Gruppierungen sowie bei der Verteidigung, Begründung und Weiterentwicklung des Leninismus.

Der sechste Band wird eingeleitet durch die Unterredung des Genossen Stalin mit einem Korrespondenten der Rosta "Über die Diskussion" und durch das Referat auf der XIII. Konferenz der KPR(B) "Über die nächsten Aufgaben des Parteiaufbaus", die der Entlarvung des Trotzkismus und dem Kampf für die ideologische und organisatorische Einheit der bolschewistischen Partei gewidmet sind.

In der Rede "Zum Tode Lenins" auf dem 11. Sowjetkongress der UdSSR legte Genosse Stalin im Namen der bolschewistischen Partei den großen Schwur ab, das Vermächtnis W.I. Lenins heilig zu halten und zu erfüllen.

In dem Band ist auch die bekannte Arbeit J. W. Stalins "über die Grundlagen des Leninismus" enthalten, in der eine meisterhafte Darlegung und theoretische Begründung des Leninismus gegeben wird.

Den Fragen der internationalen Lage, des inneren Lebens der Partei und ihrer Festigung, des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft, der Erziehung und Umerziehung der werktätigen Massen im Geiste des Sozialismus sind die Arbeiten gewidmet: "Organisatorischer Bericht, des Zentralkomitees an den XIII. Parteitag der KPR(B)", "Über die Ergebnisse des XIII. Parteitags der KPR(B)", "Zur internationalen Lage", "über die nächsten Aufgaben der Partei auf dem Lande" und andere.

Der Band wird mit der Schrift "Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten" abgeschlossen, in der die Erfahrungen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution theoretisch verallgemeinert werden und die Leninsche Lehre vom Siege des Sozialismus in einem Lande begründet und entwickelt wird.

Zum erstenmal veröffentlicht wird in diesem Band der "Brief an Genossen Demjan Bjedny".

Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU(B)

1924

Über die Diskussion

Seite 1- 2

Unterredung mit einem Korrespondenten der Rosta

9. Januar 1924

Erst die in einer Woche stattfindende Unions-Parteikonferenz wird die endgültige Bilanz der in der KPR(B) und ihrer Presse breit zur Entfaltung gekommenen Diskussion ziehen. Es steht schon jetzt auf Grund der vorliegenden Resolutionen, die aus den Ortsorganisationen der Partei einlaufen, außer Zweifel, dass die Position des Zentralkomitees von mehr als 90 Prozent der gesamten in der KPR(B) organisierten Mitgliedermasse gebilligt wird.

Die Partei ist sich darüber im klaren, dass unsere Feinde die zur Entfaltung gekommene Diskussion auszunutzen versuchen, um allerlei Lügenmärchen über angebliche Zersetzung der KPR(B), Schwächung der Sowjetmacht usw. zu verbreiten. Eine derartige Einschätzung unserer Diskussion ist zum mindesten lächerlich. In Wirklichkeit haben die in unserer Partei wiederholt stattgefundenen Diskussionen im Endergebnis jedesmal zur Beseitigung der Meinungsverschiedenheiten geführt. Die Partei ging aus diesen Diskussionen stets noch geschlossener und gefestigter hervor. Die gegenwärtige Diskussion zeigte eine außerordentlich hohe politische Reife der Arbeitermassen, die die Träger der Staatsmacht in der UdSSR sind. Ich muss erklären - und jeder, der mit dem Inhalt der Diskussion vertraut ist, kann sich davon überzeugen -, dass in allen grundlegenden politischen und ökonomischen Fragen bei der überwältigenden Mehrheit der Partei völlige Einheit der Ansichten herrscht. Die Grundlagen unserer Außen- und Innenpolitik bleiben unerschütterlich.

Das Wesen der in ausnahmslos allen Versammlungen der Parteiorganisationen mit großer Leidenschaftlichkeit geführten Diskussion besteht in folgendem:

1. Soll unsere Partei ein einheitlicher selbsttätiger Organismus mit einheitlichem Willen sein, oder aber soll die Bildung einzelner Fraktionen und Gruppierungen als Vertragspartner innerhalb der Partei zugelassen werden?

2. Hat sich die so genannte Neue Ökonomische Politik im wesentlichen bewährt, oder bedarf sie einer Revision?

Das Zentralkomitee ist mit der überwältigenden Mehrheit der Partei der Ansicht, dass die Partei einheitlich sein muss, dass die NÖP keiner Revision bedarf. Eine zahlenmäßig kleine Oppositionsgruppe, die in ihren Reihen ein paar bekannte Namen aufweist, vertritt einen anderen Standpunkt als die Partei in ihrer Gesamtheit.

Die Partei ist bemüht, durch eine erschöpfende und dabei absolut offene Diskussion alle Details dieser Frage zu klären. Die Parteikonferenz wird zu dieser Frage einen autoritativen, für alle Parteimitglieder verbindlichen Beschluss fassen.

Ich bin überzeugt, schloss Genosse Stalin, dass die Partei durch die Diskussion stärker und einheitlicher werden wird als je zuvor und dass sie die Aufgabe, das gesamte Leben des riesigen Landes unter den Verhältnissen des eingetretenen schnellen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs zu leiten, noch besser bewältigen wird.

"Sarja Wostoka" (Die Morgenröte des Ostens) Nr. 473, 10. Januar 1924.

Die XIII. Konferenz der KPR(B)

Seite 3 - 40

16.-18. Januar 1924

Die dreizehnte Konferenz der Kommunistischen Partei Rußlands (Bolschewiki).

Bulletin. Moskau 1924.

[Anmerkung 1]

  • 1. Referat über die nächsten Aufgaben des Parteiaufbaus
  • 2. Schlusswort

1. Referat über die nächsten Aufgaben des Parteiaufbaus

17. Januar

Genossen! Gewöhnlich beginnen unsere Redner in Diskussionsversammlungen mit der Geschichte der Frage: Wie ist die Frage der innerparteilichen Demokratie aufgekommen, wer hat als erster A, wer danach B gesagt, usw. Ich denke, diese Methode taugt nicht für uns, weil sie ein Element des Gezänks und gegenseitiger Beschuldigungen hereinbringt und nichts Brauchbares ergibt. Ich denke, es wird viel besser sein, wenn wir mit der Frage beginnen, wie die Partei die Resolution des Politbüros über die Demokratie,[Anmerkung 2] die dann vom Plenum des ZK bestätigt wurde, aufgenommen hat.

Ich muss feststellen, dass diese Resolution wohl die einzige in der ganzen Geschichte unserer Partei ist, die nach einer erbitterten Diskussion über die Frage der Demokratie die volle - ich möchte sagen: buchstäblich die einmütige - Billigung der gesamten Partei gefunden hat. Selbst die oppositionellen Organisationen und Zellen, die überhaupt gegen die Mehrheit der Partei und gegen das ZK eingestellt waren, selbst sie fanden trotz all ihres Bestrebens, an der Resolution etwas auszusetzen, keinen Anlass und keinen Grund zum Nörgeln, und diese Organisationen und Zellen waren allgemein bestrebt, sich in ihren Resolutionen, in denen sie die Grundthesen der vom Politbüro beschlossenen Resolution über die innerparteiliche Demokratie als richtig anerkannten, durch irgend etwas von den anderen Organisationen zu unterscheiden, indem sie ihr ein gewisses Schwänzchen anhängten, etwa der Art: Bei euch ist ja alles gut, aber stoßt Trotzki nicht vor den Kopf, oder auch der Art: Bei euch ist alles richtig, aber ihr seid ein klein wenig zu spät gekommen, hättet all dies schon früher tun sollen. Ich will hier nicht die Frage aufwerfen, wer wen vor den Kopf stößt. Ich denke, wenn man der Sache richtig auf den Grund geht, dann dürfte sich erweisen, dass der bekannte Ausspruch über Titus Titytsch (Gestalt aus einigen Schauspielen A. N. Ostrowskis. Der Übers.) ziemlich treffend auf Trotzki passt: "Wer wird dich, Titus Titytsch, schon vor den Kopf stoßen? Du selbst stößt ja alle anderen vor den Kopf." (Heiterkeit.) Aber wie gesagt, ich will auf diese Frage nicht eingehen. Ich halte es sogar für möglich, dass dieser oder jener Trotzki wirklich vor den Kopf stößt. Aber geht es etwa darum? Was gibt es denn hier Prinzipielles an der Frage, wer wen vor den Kopf stößt? Es geht doch um die prinzipielle Seite der Resolution, nicht aber darum, wer wen vor den Kopf gestoßen hat. Damit will ich sagen, dass selbst die Zellen und Organisationen, die in scharfer und entschiedener Opposition stehen, dass selbst sie es nicht wagten, irgend etwas Prinzipielles gegen die Resolution des Politbüros des ZK und des Präsidiums der ZKK vorzubringen. Ich stelle das als Tatsache fest, um nochmals zu betonen, dass sich in der ganzen Geschichte unserer Partei schwerlich ein ähnlicher Fall finden lässt, wo eine Resolution, die durch die Gewitter und Stürme einer erbitterten Diskussion gegangen ist, nicht nur bei der Mehrheit, sondern buchstäblich in der gesamten Partei überhaupt so eine einmütige Billigung gefunden hätte.

Hieraus ziehe ich zwei Schlussfolgerungen. Die erste Schlussfolgerung ist, dass die Resolution des Politbüros und der ZKK also den gegenwärtigen Erfordernissen und Bedürfnissen der Partei voll und ganz entspricht. Und die zweite Schlussfolgerung ist, dass die Partei also aus dieser Diskussion über die Frage der innerparteilichen Demokratie gestärkt und geschlossener hervorgehen wird. Diese Schlussfolgerung ist sozusagen ein Schlag ins Gesicht jener Leute im Ausland, die uns übelwollen und sich angesichts unserer Diskussion schon lange die Hände reiben, in dem Glauben, dass unsere Partei durch die Diskussion schwächer werde und dass die Staatsmacht zerfallen werde.

Ich will mich nicht über das Wesen der innerparteilichen Demokratie verbreiten. Die Grundlagen dieser Demokratie sind in der Resolution dargelegt, die Resolution ist des langen und breiten von der gesamten Partei durchdiskutiert worden - warum sollte ich das hier nochmals wiederholen? Ich will nur eins sagen: Eine voll entfaltete, vollständige Demokratie wird es offenbar nicht geben. Offenbar wird sich diese Demokratie in den vom X., XI. und XII. Parteitag umrissenen Grenzen halten. Worin diese Grenzen bestehen, wissen Sie sehr gut, und ich will es hier nicht wiederholen. Ich will mich auch nicht darüber verbreiten, dass die wichtigste Garantie dafür, dass unserer Partei die innerparteiliche Demokratie in Fleisch und Blut übergeht, in der Stärkung der Aktivität und der Bewusstheit der Parteimassen besteht. Auch hierüber wird in unserer Resolution ausführlich genug gesprochen.

Ich komme nun zu der Frage, wie bei uns einige Genossen und einige Organisationen aus der Frage der Demokratie einen Fetisch machen, indem sie diese als etwas Absolutes, außerhalb von Zeit und Raum, betrachten. Ich will damit sagen, dass die Demokratie nicht etwas für alle Zeiten und Bedingungen Gegebenes ist, denn es gibt Augenblicke, in denen es unmöglich und sinnlos ist, sie zu verwirklichen. Soll sie, diese innerparteiliche Demokratie, möglich werden, so sind zwei Bedingungen oder zwei Gruppen von Bedingungen, inneren und äußeren Charakters, notwendig, ohne die es müßig ist, von Demokratie zu reden.

Notwendig ist erstens, dass sich die Industrie entwickelt, dass sich die materielle Lage der Arbeiterklasse nicht verschlechtert, dass die Arbeiterklasse zahlenmäßig wächst, dass sich das Kulturniveau der Arbeiterklasse hebt und dass die Arbeiterklasse auch qualitativ wächst. Notwendig ist, dass die Partei als Vorhut der Arbeiterklasse gleichfalls wächst, vor allem qualitativ und vor allem durch die Aufnahme proletarischer Elemente des Landes. Diese Bedingungen inneren Charakters sind absolut notwendig, damit es möglich wird, die Frage der tatsächlichen und nicht papiernen Verwirklichung der innerparteilichen Demokratie aufzuwerfen.

Aber diese Bedingungen allein reichen nicht aus. Ich sagte schon, dass es noch eine zweite Gruppe von Bedingungen gibt, Bedingungen äußeren Charakters, ohne deren Vorhandensein eine Demokratie innerhalb der Partei unmöglich ist. Ich meine bestimmte internationale Bedingungen, Bedingungen, die den Frieden, die friedliche Entwicklung, ohne die die Demokratie in der Partei undenkbar ist, mehr oder weniger gewährleisten. Mit anderen Worten, wenn man uns überfällt und wir das Land mit der Waffe in der Hand werden verteidigen müssen, dann kann von Demokratie gar keine Rede sein, denn wir werden sie dann einschränken müssen. Die Partei mobilisiert dann ihre Reihen, wir militarisieren sie wahrscheinlich, und die Frage der innerparteilichen Demokratie wird von selbst entfallen.

Daher glaube ich, dass die Demokratie in Abhängigkeit von den jeweiligen Bedingungen betrachtet werden muss, dass es in Fragen der innerparteilichen Demokratie keinen Fetischismus geben darf, denn die Verwirklichung der innerparteilichen Demokratie hängt, wie Sie sehen, von den konkreten Bedingungen der Zeit und des Ortes in jedem gegebenen Augenblick ab.

Damit es keine unangebrachten Übertreibungen und unbegründeten Beschuldigungen mehr gebe, muss ich ferner an die Hindernisse erinnern, die der Partei bei der Verwirklichung der Demokratie im Wege stehen - Hindernisse, die die Verwirklichung der Demokratie selbst dann erschweren, wenn die beiden oben umrissenen günstigen Hauptbedingungen, inneren und äußeren Charakters, vorhanden sind. Solche Hindernisse gibt es, Genossen, sie haben tiefgehenden Einfluss auf unsere Parteiarbeit, und ich habe nicht das Recht, sie zu verschweigen. Worin bestehen diese Hindernisse?

Diese Hindernisse, Genossen, bestehen erstens darin, dass ein Teil unserer Funktionäre noch mit Überresten der alten, der Kriegsperiode, in der unsere Partei militarisiert war, behaftet ist - Überreste, die gewisse unmarxistische Anschauungen hervorbringen, die Anschauung, unsere Partei sei kein selbsttätiger Organismus mit selbständigem Leben, sowohl was die Ideen als auch was die Praxis betrifft, sondern so etwas wie ein System von Institutionen, unteren, mittleren und höheren. Diese absolut unmarxistische Anschauung hat zwar noch nirgends ihre vollendete Form erhalten, sie ist nirgends voll ausgesprochen worden, aber ein Teil unserer Funktionäre, die Parteiarbeit leisten, ist mit Elementen dieser Anschauung behaftet und wird dadurch gehindert, die innerparteiliche Demokratie konsequent zu verwirklichen. Daher ist der Kampf gegen solche Anschauungen, der Kampf gegen die Überreste der Kriegsperiode sowohl im Zentrum als auch draußen im Lande die nächste Aufgabe der Partei.

Das zweite Hindernis, das der Verwirklichung der Demokratie in der Partei im Wege steht, ist der Druck, den der bürokratische Staatsapparat auf den Parteiapparat, auf unsere Parteifunktionäre ausübt. Der Druck dieses schwerfälligen Apparats auf unsere Parteifunktionäre ist nicht immer zu bemerken und springt nicht immer ins Auge, aber er hört auch nicht für eine Sekunde auf. Dieser Druck des schwerfälligen bürokratischen Staatsapparats kommt in letzter Instanz darin zum Ausdruck, dass eine ganze Reihe unserer Funktionäre sowohl im Zentrum als auch draußen im Lande des öfteren, ungewollt und völlig unbewusst, von der innerparteilichen Demokratie, von der Linie abweichen, an deren Richtigkeit sie glauben, die sie jedoch des öfteren nicht restlos zu verwirklichen vermögen. Sie können sich den nicht weniger als eine Million Angestellte umfassenden bürokratischen Staatsapparat vorstellen, bestehend aus Elementen, die der Partei größtenteils fremd sind, und unseren Parteiapparat, der nicht mehr als 20000 bis 30000 Personen umfasst, die berufen sind, den Staatsapparat der Partei unterzuordnen, die berufen sind, ihn zu sozialisieren. Was ist unser Staatsapparat wert ohne die Hilfe der Partei? Ohne die Unterstützung, die Hilfe unseres Parteiapparats ist er leider wenig wert. Und so kommt es immer wieder dazu, dass unser Parteiapparat, wenn er mit seinen Fühlern in alle Zweige der Staatsverwaltung eindringt, seine Parteiarbeit in diesen Organen häufig auf die Linie der Staatsapparate ausrichten muss. Konkret: Die Partei muss an der politischen Aufklärung der Arbeiterklasse, an der Vertiefung des Bewusstseins der Arbeiterklasse arbeiten, zugleich aber muss die Naturalsteuer eingebracht und die und die Kampagne durchgeführt werden, denn ohne die Kampagnen, ohne die Hilfe der Partei sind die Staatsapparate nicht imstande, ihre Aufgaben zu bewältigen. Und dabei geraten unsere Funktionäre zwischen zwei Feuer: die Notwendigkeit, die Tätigkeit der in alter Weise arbeitenden Staatsapparate zu korrigieren, und die Notwendigkeit, die Verbindung mit den Arbeitern zu behalten. Und hierbei verfallen sie oft selbst in Bürokratismus.

Das ist das zweite Hindernis, das schwer zu überwinden ist, das man aber um jeden Preis überwinden muss, um die Verwirklichung der innerparteilichen Demokratie zu erleichtern.

Schließlich gibt es noch ein drittes Hindernis, das der Verwirklichung der Demokratie im Wege steht - das niedrige Kulturniveau einer ganzen Reihe unserer Organisationen, unserer Zellen, besonders in den Randgebieten (ich sage das nicht, um sie zu kränken), das unsere Parteiorganisationen daran hindert, die innerparteiliche Demokratie restlos zu verwirklichen. Um die Demokratie verwirklichen zu können, ist, wie Sie wissen, erforderlich, dass die Zellenmitglieder und die Organisation als Ganzes ein gewisses Mindestmaß an Bildung besitzen und dass eine gewisse Mindestzahl an aktiven Funktionären vorhanden ist, die gewählt werden und verantwortliche Posten bekleiden können. Was aber, wenn diese Mindestzahl aktiver Funktionäre in der Organisation nicht vorhanden, wenn das Kulturniveau der Organisation selbst niedrig ist? Es versteht sich, dass man dann von der Demokratie abgehen und zur Ernennung der Funktionäre u. a. schreiten muss.

Das sind die Hindernisse, die vor uns standen, die noch vor uns stehen werden und die wir überwinden müssen, um die innerparteiliche Demokratie ehrlich und restlos verwirklichen zu können.

Ich habe Sie an diese Hindernisse, die vor uns stehen, und an die äußeren und inneren Bedingungen, ohne die die Demokratie zu einer leeren demagogischen Phrase wird, deshalb erinnert, weil einige Genossen aus der Frage der Demokratie einen Fetisch, etwas Absolutes machen, in der Meinung, Demokratie sei immer und unter allen Bedingungen möglich, ihre Verwirklichung werde allein durch den "bösen" Willen der "Apparatleute" gestört. Und gegen diese idealistische Ansicht, eine Ansicht, die nicht die unsere ist, die nicht marxistisch, nicht leninistisch ist, wende ich mich, wenn ich Sie, Genossen, an die Bedingungen, ohne die die Demokratie nicht verwirklicht werden kann, und an die Hindernisse, die gegenwärtig vor uns stehen, erinnere.

Hiermit könnte ich mein Referat beenden, Genossen, aber ich glaube, dass wir verpflichtet sind, die Bilanz der Diskussion zu ziehen und aus dieser Bilanz einige Schlussfolgerungen abzuleiten, die von erheblicher Bedeutung für uns sein können. Ich könnte unseren ganzen Diskussionskampf, unseren Kampf in der Frage der Demokratie, in drei Perioden unterteilen.

Die erste Periode war die Zeit, als die Opposition das ZK angriff und es beschuldigte, dass während der letzten zwei Jahre, während der Periode der NÖP überhaupt, die gesamte Linie des ZK falsch gewesen wäre. Es war die Periode vor Veröffentlichung der Resolution des Politbüros und des Präsidiums der ZKK. Ich will hier nicht auf die Frage eingehen, wer dabei recht und wer unrecht hatte. Die Angriffe waren heftig und, wie Sie wissen, nicht immer begründet. Eins aber ist klar, dass diese Periode sich als Periode der größten Angriffe der Opposition gegen das ZK charakterisieren lässt.

Die zweite Periode begann in dem Augenblick, als die Resolution des Politbüros und der ZKK veröffentlicht wurde, als sich die Opposition vor die Notwendigkeit gestellt sah, der Resolution des ZK irgend etwas in sich Geschlossenes, Konkretes gegenüberzustellen, und als die Opposition weder etwas in sich Geschlossenes noch etwas Konkretes aufzuweisen hatte. Es war die Periode der größten Annäherung zwischen dem ZK und der Opposition. Offensichtlich liefen die Dinge darauf hinaus oder hätten darauf hinauslaufen können, dass eine gewisse Aussöhnung der Opposition mit der Linie des ZK erfolgen würde. Ich erinnere mich gut, wie in Moskau, im Zentrum des Diskussionskampfes, Preobrashenski, ich glaube am 12. Dezember in der Sitzung im Kolonnensaal, eine Resolution einbrachte, die aus irgendeinem Grunde abgelehnt wurde, sich aber nur wenig von der Resolution des ZK unterschied. Diese Resolution wies in ihrer Grundlage und sogar in einigen untergeordneten Punkten überhaupt keine Differenz gegenüber der Resolution des ZK auf. Und damals schien es mir, dass es eigentlich nichts mehr gäbe, worum man noch streiten müsse: es liegt die Resolution des ZK vor, sie befriedigt alle, mindestens zu neun Zehntel, die Opposition fühlt das offenbar selbst, sie kommt uns entgegen, und damit würden wir vielleicht die Meinungsverschiedenheiten beilegen. Dies war die zweite, die Versöhnungsperiode.

Aber dann begann die dritte Periode. Diese Periode setzte mit dem Auftreten Trotzkis, mit seinem Aufruf an die Rayons ein, einem Auftreten, das die Aussöhnungstendenzen im Nu beseitigte und alles wieder umwarf. Nach diesem Auftreten Trotzkis begann die Periode des erbittertsten innerparteilichen Kampfes - eines Kampfes, zu dem es nicht gekommen wäre, wenn Trotzki nicht, nachdem er für die Resolution des Politbüros gestimmt hatte, am nächsten Tage mit seinem Brief hervorgetreten wäre. Sie wissen, dass dem ersten Auftreten Trotzkis ein zweites, dem zweiten ein drittes folgte und dass sich der Kampf im Zusammenhang hiermit noch mehr verschärfte.

Ich denke, Genossen, Trotzki hat bei diesem seinem wiederholten Auftreten zumindest sechs ernste Fehler begangen. Diese Fehler haben zu einer Verschärfung des innerparteilichen Kampfes geführt. Ich gehe zur Analyse dieser Fehler über.

Der erste Fehler Trotzkis liegt schon in der Tatsache selbst, dass er am Tage nach Veröffentlichung der Resolution des Politbüros des ZK und der ZKK mit einem Artikel hervortrat, einem Artikel, den man nur als eine der Resolution des ZK gegenübergestellte Plattform qualifizieren kann. Ich wiederhole und betone, dass dies ein Artikel war, den man nur als eine neue, der einstimmig angenommenen Resolution des ZK gegenübergestellte Plattform betrachten kann. Bedenken Sie nur, Genossen: An dem und dem Tage treten das Politbüro und das Präsidium der ZKK zusammen, die Frage einer Resolution über die innerparteiliche Demokratie wird erörtert, die Resolution wird einstimmig angenommen, und nur einen Tag danach wird, unabhängig vom ZK, ungeachtet des Willens des ZK, über den Kopf des ZK hinweg, ein Artikel Trotzkis an die Rayons versandt - eine neue Plattform, die die Frage Apparat und Partei, Kader und Jugend, Fraktionen und Einheit der Partei, usw. usw. erneut aufwirft -, eine Plattform, die von der gesamten Opposition aufgegriffen und der Resolution des ZK gegenübergestellt wird. Das kann man nur so einschätzen, dass Trotzki sich dem Zentralkomitee gegenüberstellt. Das bedeutet, dass Trotzki sich offen und schroff dem gesamten ZK gegenüberstellt. Vor der Partei erhob sich die Frage: Haben wir ein ZK als führendes Organ oder haben wir es nicht mehr, gibt es ein ZK, dessen einstimmige Beschlüsse von den Mitgliedern dieses ZK geachtet werden, oder gibt es nur einen Übermenschen, der über dem ZK steht, einen Übermenschen, für den keine Gesetze geschrieben sind, der es sich erlauben kann, heute für die Resolution des ZK zu stimmen, morgen aber eine neue Plattform gegen diese Resolution aufzustellen und zu veröffentlichen? Man kann von den Arbeitern nicht verlangen, Genossen, dass sie sich der Parteidisziplin unterordnen, wenn eins der Mitglieder des ZK offen, vor aller Augen das Zentralkomitee und seinen einstimmig angenommenen Beschluss ignoriert. Man kann nicht zwei Disziplinen haben: eine für Arbeiter und eine andere für Würdenträger. Es kann nur eine Disziplin geben.

Der Fehler Trotzkis besteht eben darin, dass er sich dem ZK gegenüberstellte und sich ein Übermensch zu sein dünkte, der über dem ZK, über seinen Gesetzen, über seinen Beschlüssen steht, womit er einem gewissen Teil der Partei Veranlassung gab, auf Untergrabung des Vertrauens zu diesem ZK hinzuarbeiten.

Einige Genossen äußerten ihre Unzufriedenheit darüber, dass diese parteifeindliche Handlung Trotzkis in einigen Artikeln der "Prawda" und verschiedener Mitglieder des ZK hervorgehoben wurde. Genossen, ich muss diesen Genossen entgegnen, dass keine Partei ein ZK achten kann, das in einem so schwierigen Moment nicht die Fähigkeit zeigt, die Würde der Partei zu verteidigen, wenn ein Mitglied des ZK sich über das gesamte ZK zu stellen versucht. Das ZK hätte über sich selbst moralisch den Stab gebrochen, wenn es an diesem Versuch Trotzkis vorübergegangen wäre.

Der zweite Fehler, den Trotzki beging, besteht darin, dass er sich während der ganzen Periode der Diskussion zweideutig benahm, dass er den Willen der Partei, die seinen wirklichen Standpunkt zu erfahren wünschte, gröblich ignorierte und der von einer ganzen Reihe von Organisationen klar und deutlich gestellten Frage diplomatisch auswich: Für wen ist Trotzki denn zu guter Letzt - für das ZK oder für die Opposition? Eine Diskussion wird nicht geführt, um Ausflüchte zu machen, sondern um offen und ehrlich die ganze Wahrheit vor der Partei darzulegen, so, wie Iljitsch es zu tun versteht, so, wie das jeder Bolschewik zu tun verpflichtet ist. Man sagt, Trotzki sei ernstlich krank. Nehmen wir an, er ist ernstlich krank. Aber während seiner Krankheit hat er drei Artikel und vier neue Kapitel seiner heute erschienenen Broschüre geschrieben. Ist es dann nicht klar, dass Trotzki durchaus die Möglichkeit hat, die Fragen der Organisationen mit ein paar Zeilen zu beantworten, ob er für die Opposition oder gegen die Opposition ist? Man braucht kaum zu beweisen, dass diese Ignorierung des Willens einer Reihe von Organisationen zwangsläufig den innerparteilichen Kampf verschärfen musste.

Der dritte Fehler, den Trotzki beging, besteht darin, dass er bei seinem wiederholten Auftreten den Parteiapparat der Partei gegenüberstellte, indem er die Losung des Kampfes gegen die "Apparatleute" herausgab. Der Bolschewismus kann nicht zulassen, dass die Partei dem Parteiapparat gegenübergestellt wird. Woraus besteht unser Parteiapparat tatsächlich? Der Apparat der Partei - das ist das ZK, das sind die Gebietskomitees, die Gouvernementskomitees, die Kreiskomitees. Sind sie der Partei unterstellt? Natürlich sind sie ihr unterstellt, denn zu 90 Prozent werden sie von der Partei gewählt. Unrecht haben diejenigen, die behaupten, die Gouvernementskomitees seien durch Ernennung besetzt worden. Sie haben unrecht. Genossen, Sie wissen, dass die Gouvernementskomitees bei uns gewählt werden, ebenso wie die Kreiskomitees und das ZK. Sie sind der Partei unterstellt. Aber nachdem sie gewählt sind, müssen sie die Arbeit leiten - darum handelt es sich. Ist denn eine Parteiarbeit denkbar, ohne dass, nachdem das ZK vom Parteitag gewählt ist, nachdem das Gouvernementskomitee von der Gouvernementskonferenz gewählt ist, das ZK und die Gouvernementskomitees die Arbeit leiten? Ohne das ist doch eine Parteiarbeit bei uns undenkbar. Das ist doch eine leichtfertige anarchistisch-menschewistische Anschauung, die das Prinzip der Leitung der Parteiarbeit als solches verneint. Ich fürchte, dass Trotzki, den ich natürlich nicht mit den Menschewiki auf eine Stufe stellen will, dadurch, dass er den Parteiapparat der Partei gegenüberstellt, einigen unerfahrenen Elementen unserer Partei Anlass gibt, sich auf den Standpunkt der anarchistisch-menschewistischen Zerfahrenheit und organisatorischen Verlotterung zu stellen. Ich fürchte, dass dieser Fehler Trotzkis für die unerfahrenen Mitglieder der Partei, für unseren ganzen Parteiapparat eine Gefahr bedeutet - für den Apparat, ohne den die Partei undenkbar ist.

Der vierte Fehler, den Trotzki beging, besteht darin, dass er die Jugend den Kadern unserer Partei gegenüberstellte, dass er die grundlose Beschuldigung erhob, unsere Kader entarteten. Trotzki hat unsere Partei mit der Partei der Sozialdemokraten in Deutschland auf eine Stufe gestellt, er hat sich auf Beispiele berufen, die zeigen, wie einige Schüler von Marx, alte Sozialdemokraten, entarteten, und hat daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass unsere Parteikader vor der gleichen Gefahr der Entartung stehen. Eigentlich müsste man ja darüber lachen, wenn eins der Mitglieder des ZK, das gestern noch Hand in Hand mit den Opportunisten und Menschewiki gegen den Bolschewismus kämpfte, wenn es jetzt im siebenten Jahr der Sowjetmacht versucht, und sei es auch nur in Form einer Annahme, zu behaupten, die Kader unserer Partei, die im Kampf gegen den Menschewismus und Opportunismus entstanden, gewachsen und erstarkt sind, diese Kader stünden vor der Entartung. Man müsste, wie gesagt, über einen solchen Versuch lachen. Da aber diese Behauptung nicht in gewöhnlichen Zeiten aufgestellt wurde, sondern in Zeiten einer Diskussion, und da wir vor der Tatsache stehen, dass Kader, die entarten können, der Jugend, die von einer solchen Gefahr angeblich frei oder fast frei ist, gewissermaßen gegenübergestellt werden, so kann diese Annahme, die ihrem Wesen nach lächerlich und nicht ernst zu nehmen ist, gewisse praktische Bedeutung gewinnen und hat sie bereits gewonnen. Daher glaube ich, dass wir auf diese Frage eingehen müssen.

Bisweilen wird gesagt, man müsse die Alten achten, da sie schon länger lebten als die Jungen, mehr wüssten und besser beraten könnten. Ich muss sagen, Genossen, dass diese Ansicht völlig falsch ist. Nicht jeden Alten muss man achten, und nicht jede Erfahrung ist für uns wichtig. Was das für eine Erfahrung ist - das ist der springende Punkt. Die deutsche Sozialdemokratie hat ihre Kader, sehr erfahrene Kader: Scheidemann, Noske, Wels und andere, Kader, die in höchstem Maße erfahren, die auf den Kampf eingefuchst sind... Aber auf den Kampf gegen was? Auf den Kampf gegen wen? Was das für eine Erfahrung ist - das ist der springende Punkt. Dort haben sich die Kader im Kampf gegen das Revolutionäre, im Kampf nicht für die Diktatur des Proletariats, sondern gegen die Diktatur des Proletariats herausgebildet. Das ist eine riesige Erfahrung, aber diese Erfahrung ist eine negative Erfahrung. Diese Erfahrung zu zerschlagen, Genossen, sie zu zerstören und solche Alten zu verjagen, dazu ist die Jugend verpflichtet. Dort, in der deutschen Sozialdemokratie, wo die Jugend frei ist von der Erfahrung des Kampfes gegen das Revolutionäre, dort ist diese Jugend dem revolutionären Geist oder dem Marxismus näher als die alten Kader, die mit der Erfahrung des Kampfes gegen den revolutionären Geist des Proletariats belastet sind, die mit der Erfahrung des Kampfes für den Opportunismus, gegen den Revolutionismus belastet sind. Solche Kader muss man zerschlagen, und alle unsere Sympathien müssen auf der Seite jener Jugend sein, die, wie gesagt, von dieser Erfahrung des Kampfes gegen das Revolutionäre frei ist und die sich infolgedessen um so leichter die neuen Mittel und neuen Methoden des Kampfes für die Diktatur des Proletariats, gegen den Opportunismus, zu eigen macht. Dort, in Deutschland, ist mir diese Fragestellung verständlich. Wenn Trotzki von der Sozialdemokratie Deutschlands und von den Kadern einer solchen Partei gesprochen hätte, so würde ich seine Erklärung mit beiden Händen unterschreiben. Bei uns aber handelt es sich doch um eine andere Partei - um eine kommunistische Partei, um die Partei der Bolschewiki, deren Kader im Kampf gegen den Opportunismus entstanden sind, die im Kampf gegen den Opportunismus erstarkten, die wuchsen und die Macht erkämpften im Kampf gegen den Imperialismus, im Kampf gegen jederlei opportunistische Trabanten des Imperialismus. Ist es etwa nicht klar, dass wir es hier mit einem prinzipiellen Unterschied zu tun haben? Wie kann man Kader, die im Kampf für das Revolutionäre aufgewachsen sind, Kader, die den Kampf für das Revolutionäre geführt haben, Kader, die im Kampf gegen den Imperialismus zur Macht gekommen sind, Kader, die die Grundfesten des Weltimperialismus erschüttern, wie kann man diese Kader, wenn man offen, ohne Falsch spricht - wie kann man diese Kader auf eine Stufe stellen mit solchen Kadern, wie sie die deutsche Sozialdemokratie besitzt, die früher mit Wilhelm gegen die Arbeiterklasse gemeinsame Sache machte und heute mit Seeckt gemeinsame Sache macht, die im Kampf gegen den revolutionären Geist des Proletariats erstarkte und sich herausbildete - wie kann man diese prinzipiell verschiedenartigen Kader auf eine Stufe stellen, wie kann man sie durcheinanderbringen? Ist es denn schwer zu verstehen, dass zwischen diesen Kadern ein unüberbrückbarer Abgrund liegt? Ist es denn schwer zu verstehen, dass diese grobe Fälschung, diese grobe Verdrehung, die Trotzki beging, darauf berechnet ist, die Autorität unserer revolutionären Kader, des Kerns unserer Partei, zu untergraben? Ist es denn nicht klar, dass diese Fälschung nur die Leidenschaften entfachen und den innerparteilichen Kampf verschärfen konnte?

Der fünfte Fehler, den Trotzki beging, besteht darin, dass er in seinen Briefen Veranlassung gab, ja die Losung aufstellte, sich nach der studierenden Jugend zu richten, nach diesem "sichersten Barometer unserer Partei". "Die Jugend ist das sicherste Barometer der Partei, sie reagiert auf den Parteibürokratismus am empfindlichsten" - schreibt er in seinem ersten Artikel. Und damit kein Zweifel übrig bleibt, um welche Jugend es sich handelt, fügt Trotzki in dem zweiten Brief hinzu: "Besonders empfindlich reagiert, wie wir gesehen haben, auf den Bürokratismus die studierende Jugend." Wenn man von dieser These ausgeht, die absolut unrichtig, theoretisch falsch, praktisch schädlich ist, so muss man weiter gehen und die Losung ausgeben: "Mehr studierende Jugend in unsere Partei, die Tore unserer Partei weiter auf für die studierende Jugend."

Bisher war es so, dass wir uns auf den proletarischen Sektor unserer Partei orientierten und sagten: Die Tore der Partei weiter auf für die proletarischen Elemente, unsere Partei möge wachsen, indem ihr proletarischer Teil wächst. Jetzt stellt Trotzki diese Formel auf den Kopf.

Die Frage der Intelligenz und der Arbeiter in unserer Partei ist für uns nicht neu. Sie stand bereits auf dem II. Parteitag unserer Partei, als über die Formulierung des ersten Paragraphen des Statuts, über die Parteimitgliedschaft, gesprochen wurde. Es ist bekannt, dass Martow damals die Erweiterung des Rahmens der Partei für nichtproletarische Elemente verlangte, entgegen Genossen Lenin, der eine entschiedene Einschränkung des Zutritts nichtproletarischer Elemente zur Partei forderte. Später, auf dem III. Parteitag unserer Partei, wird diese Frage erneut und mit großem Nachdruck aufgeworfen. Ich erinnere mich, wie scharf dort Genosse Lenin die Frage der Arbeiter und der Intelligenz in unserer Partei stellte. Folgendes sagte damals Genosse Lenin:

"Es wurde darauf hingewiesen, dass an der Spitze der Spaltungen gewöhnlich Intellektuelle standen. Dieser Hinweis ist sehr wichtig, er löst aber die Frage nicht... Ich denke, die Sache muss weiter gefasst werden. Arbeiter in die Komitees aufzunehmen, ist nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine politische Aufgabe. Die Arbeiter haben Klasseninstinkt, und bei einiger politischer Übung werden sie ziemlich schnell standhafte Sozialdemokraten. Ich wäre sehr dafür, dass in unseren Komitees auf je 2 Intellektuelle 8 Arbeiter kämen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 8, S. 375, 376, russ.)

So stand die Frage schon im Jahre 1905. Seitdem diente uns dieser Hinweis des Genossen Lenin als Leitidee für den Parteiaufbau. Jetzt aber schlägt uns Trotzki im Grunde vor, mit der organisatorischen Linie des Bolschewismus zu brechen.

Und schließlich der sechste Fehler Trotzkis, der darin besteht, dass er die Freiheit der Gruppierungen proklamiert. Jawohl, die Freiheit der Gruppierungen! Ich erinnere mich, wie wir bereits in der Unterkommission, die den Entwurf der Resolution über die Demokratie ausarbeitete, mit Trotzki über Gruppierungen und Fraktionen stritten. Während Trotzki gegen das Verbot von Fraktionen keine Einwände erhob, verteidigte er entschieden die Idee Zulassung von Gruppierungen innerhalb der Partei. Denselben Standpunkt vertritt die Opposition. Diese Leute begreifen offenbar nicht, dass sie mit der Freiheit der Gruppierungen den Mjasnikow-Elementen eine Hintertür öffnen, da sie es ihnen erleichtern, die Partei zu betrügen und eine Fraktion für eine Gruppierung auszugeben. Denn welcher Unterschied besteht zwischen einer Gruppierung und einer Fraktion? Doch nur ein äußerlicher. Folgendermaßen definiert Genosse Lenin die Fraktionsmacherei, die er mit Gruppenbildung auf eine Stufe stellt:

"Schon vor der allgemeinen Parteidiskussion über die Gewerkschaften sind einige Anzeichen der Fraktionsmacherei in der Partei festzustellen gewesen, d. h. die Entstehung von Gruppen mit besonderen Plattformen und mit dem Bestreben, sich bis zu einem bestimmten Grade abzuschließen und eine eigene Gruppendisziplin zu schaffen." (Siehe den stenographischen Bericht des X. Parteitags der KPR(B), S.309 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 801).)

Wie Sie sehen, gibt es hier im Grunde keinen Unterschied zwischen Fraktion und Gruppe. Als die Opposition hier, in Moskau, ein besonderes Büro mit Serebrjakow an der Spitze schuf, als sie ihre Redner aussandte und sie verpflichtete, in den und den Versammlungen aufzutreten und die und die Einwände zu erheben, und als die Oppositionellen im Verlauf des Kampfes gezwungen waren zurückzuweichen und ihre Resolutionen auf Kommando änderten, war hier natürlich sowohl eine Gruppierung als auch eine Gruppendisziplin vorhanden. Man sagt, das wäre keine Fraktion, was aber dann eine Fraktion ist, das möge Preobrashenski erklären. Das Auftreten Trotzkis, seine Briefe, seine Artikel zur Frage der Generationen und der Fraktionen sollen die Partei dahin bringen, dass sie in ihrem Schoß Gruppierungen duldet. Das ist ein Versuch, die Fraktionen, vor allem die Fraktion Trotzkis, zu legalisieren.

Trotzki behauptet, Gruppierungen entstünden infolge des bürokratischen Regimes des Zentralkomitees, wenn es bei uns kein bürokratisches Regime gäbe, würde es auch keine Gruppierungen geben. Das ist eine unmarxistische Fragestellung, Genossen. Gruppierungen entstehen bei uns und werden entstehen, weil wir im Lande die verschiedenartigsten Wirtschaftsformen haben, von Keimformen des Sozialismus bis zu mittelalterlichen Wirtschaftsformen. Das als erstes. Ferner haben wir die NÖP, das heißt, wir haben den Kapitalismus, ein Wiederaufleben des Privatkapitals und ein Wiederaufleben der entsprechenden Ideen, die in die Partei eindringen, zugelassen. Das als zweites. Und drittens, weil unsere Partei aus drei Bestandteilen besteht: Es gibt Arbeiter, es gibt Bauern, es gibt Intellektuelle in der Partei. Das sind, wenn man an die Frage marxistisch herangeht, die Ursachen dafür, dass sich in der Partei gewisse Elemente für die Schaffung von Gruppierungen finden, die wir manchmal durch chirurgische Maßnahmen entfernen müssen und manchmal durch ideologische Beeinflussung auf dem Wege der Diskussion zum Verschwinden bringen müssen.

Nicht um das Regime geht es hier. Wenn wir ein Regime maximaler Freiheit hätten, so gäbe es weit mehr Gruppierungen. Also nicht das Regime ist schuld, sondern schuld sind die Bedingungen, in deren Rahmen wir leben, die Bedingungen, die wir in unserem Lande haben, die Entwicklungsbedingungen der Partei selbst.

Wenn wir in einer solchen Lage, angesichts einer solchen Kompliziertheit auch noch Gruppierungen zulassen, so werden wir die Partei zugrunde richten, sie aus einer fest geschlossenen Organisation, einer Organisation aus einem Guss in einen Bund von Gruppen und Fraktionen verwandeln, die untereinander Vereinbarungen treffen und zeitweilige Vereinigungen und Abkommen eingehen. Das wird keine Partei, das wird der Zerfall der Partei sein. Niemals, nicht für eine Minute, dachten sich die Bolschewiki die Partei anders denn als Organisation aus einem Guss, geschmiedet aus einem Stück, die einen Willen hat und in ihrer Arbeit alle Gedankenschattierungen in einem Strom praktischer Handlungen vereint.

Das aber, was Trotzki vorschlägt, ist grundfalsch, steht im Widerspruch zu den bolschewistischen Organisationsprinzipien und wird unvermeidlich zur Zersetzung der Partei, zu ihrer Zermürbung, zu ihrer Verwässerung, zur Verwandlung der einheitlichen Partei in eine Föderation von Gruppen führen. Wir, in unserer Lage, unter den Bedingungen der kapitalistischen Umkreisung, brauchen sogar nicht nur eine einheitliche, nicht nur eine fest zusammengeschlossene, sondern eine wirklich stählerne Partei, die fähig ist, dem Ansturm der Feinde des Proletariats standzuhalten, die fähig ist, die Arbeiter in den entscheidenden Kampf zu führen.

Was ist das Fazit?

Das Fazit besteht erstens darin, dass wir eine konkrete und bestimmte Resolution über die Ergebnisse dieser Diskussion ausgearbeitet haben, dass wir gesagt haben: Gruppierungen und Fraktionen können wir nicht dulden, die Partei muss eine einheitliche Partei, eine Partei aus einem Guss sein, man darf die Partei nicht dem Apparat gegenüberstellen, man darf nicht über die Gefahr einer Entartung der Kader schwatzen, denn diese Kader sind revolutionär, man darf nicht Risse finden wollen zwischen diesen revolutionären Kadern und der Jugend, die mit diesen Kadern gleichen Schritt hält und auch in Zukunft gleichen Schritt halten wird:

Wir haben auch einige positive Schlussfolgerungen. Die erste und grundlegende Schlussfolgerung besteht darin, dass die Partei sich künftig entschieden nach dem proletarischen Sektor unserer Partei orientieren und richten muss, dass der Zugang für nichtproletarische Elemente eingeschränkt, erschwert oder überhaupt gesperrt werden muss, während die Tore für proletarische Elemente weit geöffnet werden müssen.

Was die Gruppierungen und Fraktionen betrifft, so glaube ich, dass es an der Zeit für uns ist, jenen Punkt der Resolution über die Einheit zu veröffentlichen, der auf Vorschlag des Genossen Lenin vom X. Parteitag unserer Partei angenommen wurde, aber nicht zur Veröffentlichung bestimmt war. Die Mitglieder der Partei haben diesen Punkt vergessen. Ich fürchte, dass ihn nicht alle im Gedächtnis haben. Dieser Punkt, der bisher geheim geblieben ist, muss öffentlich bekannt werden und einen Platz in der Resolution finden, die wir zu den Ergebnissen der Diskussion annehmen werden. Wenn Sie gestatten, werde ich ihn verlesen. Er lautet:

,,Um innerhalb der Partei und in der gesamten Sowjetarbeit strenge Disziplin herbeizuführen und die größte Einheit bei Ausmerzung jeglicher Fraktionsmacherei zu erzielen, bevollmächtigt der Parteitag das ZK, im Falle (in Fällen) eines Disziplinbruchs oder des Wiederauflebens oder der Zulassung der Fraktionsmacherei, alle Disziplinarmaßnahmen der Partei, bis zum Ausschluss aus der Partei, und gegenüber Mitgliedern des ZK ihre Überführung in den Kandidatenstand und, als äußerste Maßnahme, sogar den Ausschluss aus der Partei in Anwendung zu bringen. Die Anwendung dieser äußersten Maßnahme (gegen Mitglieder des ZK, Kandidaten des ZK und Mitglieder der Kontrollkommission) kann nur unter der Bedingung erfolgen, dass ein Plenum des ZK einberufen wird, zu dem alle Kandidaten des ZK sowie alle Mitglieder der Kontrollkommission geladen werden. Erachtet diese gemeinsame Tagung der verantwortlichsten Leiter der Partei mit Zweidrittelmehrheit der Stimmen die Überführung eines ZK-Mitglieds in den Kandidatenstand oder den Ausschluss aus der Partei für notwendig, so muss diese Maßregel unverzüglich durchgeführt werden."

Ich denke, dass wir diesen Punkt in die Resolution über die Ergebnisse der Diskussion aufnehmen und ihn bekanntmachen müssen.

Schließlich eine Frage, die von der Opposition in einem fort gestellt wird und auf die sie offenbar nicht immer eine befriedigende Antwort erhält. Wessen Stimmungen bringen wir, die Opposition, denn zum Ausdruck? - fragen sie oft. Ich denke, dass die Opposition die Stimmungen des nichtproletarischen Sektors unserer Partei zum Ausdruck bringt. Ich denke, dass die Opposition, vielleicht ohne das selbst zu erkennen, ohne ihren Willen, unwillkürlich der Schrittmacher der Stimmungen des nicht-proletarischen Elements unserer Partei ist. Ich denke, dass die Opposition mit ihrer zügellosen Agitation für die Demokratie, die sie oft zu etwas Absolutem macht und zum Fetisch erhebt, die kleinbürgerliche Elementargewalt entfesselt.

Kennen Sie die Stimmungen solcher Genossen, wie die der Studenten Martynow, Kasarjan und anderer? Haben Sie Chodorowskis Feuilleton in der "Prawda" gelesen, in dem er Zitate aus Reden dieser Genossen wiedergab? Hier zum Beispiel ein Ausspruch Martynows (er ist, wie sich herausstellt, Mitglied der Partei): "Unsere Sache ist es, zu beschließen, die Sache des ZK aber ist es, den Beschluss auszuführen und weniger Überlegungen anzustellen." Es handelt sich hier um die Zelle der Hochschule beim Volkskommissariat für Verkehrswesen. Aber, Genossen, in unserer Partei gibt es insgesamt nicht weniger als 50000 Zellen; wenn jede Zelle so mit dem ZK umginge und meinte, dass es die Sache der Zellen sei, zu beschließen, die Sache des ZK aber, keine Überlegungen anzustellen, so fürchte ich, dass wir niemals zu irgendeiner Entscheidung gelangen werden. Woher kommt diese Stimmung bei den Martynows? Was gibt es dabei Proletarisches? Die Martynows aber sind für die Opposition - beachten Sie das. Gibt es einen Unterschied zwischen Martynow und Trotzki? Der Unterschied besteht nur darin, dass Trotzki die Attacke auf den Parteiapparat eröffnet hat, während Martynow ihn endgültig zerschlagen möchte.

Und hier ein anderer Hochschüler, Kasarjan, gleichfalls, wie sich herausstellt, Mitglied der Partei. "Was haben wir", fragt er, "die Diktatur des Proletariats oder die Diktatur der Kommunistischen Partei über das Proletariat?" Das, Genossen, sagt nicht der Menschewik Martow, sondern der "Kommunist" Kasarjan. Der Unterschied zwischen Trotzki und Kasarjan besteht darin, dass nach Trotzki die Kader entarten, während nach Kasarjan die Kader verjagt werden müssen, denn sie sitzen seiner Meinung nach dem Proletariat auf dem Nacken.

Ich frage: Welche Stimmungen bringen die Martynows und die Kasarjans zum Ausdruck? Die proletarischen? Natürlich nicht. Welche denn? Die Stimmungen der nichtproletarischen Elemente der Partei und des Landes. Ist es ein Zufall, dass diese Wortführer nichtproletarischer Stimmungen für die Opposition stimmen? Nein, das ist kein Zufall. (Beifall.)

2. Schlusswort

18. Januar

Ich sagte bereits im Referat, dass ich die Geschichte der Frage nicht berühren wollte, dass ich das nicht wollte, weil dadurch, wie ich mich ausdrückte, Elemente des Gezänks und gegenseitiger Beschuldigungen hereingebracht werden. Da aber Preobrashenski dies nun einmal wünscht, da er es nun einmal fordert, bin ich bereit, nachzugeben und ein paar Worte über die Geschichte der Frage der innerparteilichen Demokratie zu sagen.

Wie ist die Frage der innerparteilichen Demokratie im ZK aufgekommen? Sie kam erstmals auf dem ZK-Plenum im September auf, sie kam im Zusammenhang mit den Konflikten auf, die sich in den Betrieben ereigneten, und im Zusammenhang mit der von uns damals aufgedeckten Losgelöstheit einiger Partei- und Gewerkschaftsorganisationen von den Massen. Das ZK erkannte damals, dass es sich um eine ernste Sache handelte, dass sich in der Partei Mängel angehäuft hatten, dass es notwendig war, eine spezielle autoritative Kommission zu schaffen, die der Sache auf den Grund gehen, die Tatsachen studieren und konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Lage in der Partei einbringen sollte. Dasselbe gilt für die Frage der Absatzkrise, der "Schere". Sowohl die Erörterung der Fragen als auch die Wahl der Kommission zur Frage der innerparteilichen Lage und zur Frage der "Schere" erfolgten ohne jede Teilnahme der Opposition. Wo war damals die Opposition? Wenn ich nicht irre, war Preobrashenski damals auf der Krim, Sapronow in Kislowodsk, Trotzki beendete in Kislowodsk seine Artikel über Kunst und schickte sich an, nach Moskau zu fahren. Noch vor ihrer Ankunft erörterte das ZK diese Frage in einer seiner Sitzungen. Sie, die bei ihrer Ankunft die Dinge fertig vorfanden, mischten sich mit keinem einzigen Wort ein, brachten keinen einzigen Einwand gegen den Plan des ZK vor. Zur Frage der Lage in der Partei wurde im September auf der Beratung der Sekretäre der Gouvernementskomitees das Referat des Genossen Dzierzynski verlesen. Ich behaupte, dass weder auf dem Septemberplenum noch auf der Beratung der Sekretäre die heutigen Mitglieder der Opposition auch nur mit einem einzigen Wort auf die "schwere Wirtschaftskrise" oder auf die "Krise in der Partei" und die "Demokratie" hindeuteten.

Wie Sie sehen, wurden die Fragen der Demokratie und der "Schere" vom Zentralkomitee selbst aufgeworfen, die Initiative lag voll und ganz in den Händen des ZK, die Mitglieder der Opposition aber schwiegen, denn sie glänzten durch Abwesenheit.

Das war sozusagen der erste Akt, das erste Stadium der Geschichte der Frage.

Der zweite Akt begann mit dem Plenum des ZK und der ZKK im Oktober. Als die Opposition mit Trotzki an der Spitze sah, dass das Vorhandensein von Mängeln innerhalb der Partei festgestellt worden war, dass das ZK sich dieser Sache bereits angenommen und Kommissionen geschaffen hatte und dass die Initiative - da sei Gott vor - in den Händen des ZK bleiben würde, versuchte sie, ja stellte sich das Ziel, dem ZK die Initiative zu entreißen und sich auf das Steckenpferd der Demokratie zu setzen, denn dieses Pferdchen ist bekanntlich hurtig, und man kann versuchen, mit ihm dem ZK zuvorzukommen. Auf dieser Grundlage entstanden jene Dokumente, über die sich Preobrashenski hier verbreitete - das Dokument der 46[Anmerkung 3] und der Brief Trotzkis. Derselbe Trotzki, der im September, einige Tage vor seinem fraktionellen Auftreten, auf dem Plenum geschwiegen und jedenfalls keine Einwände gegen die Beschlüsse des ZK erhoben hatte, entdeckte plötzlich, zwei Wochen danach, dass das Land und die Partei zugrunde gehen und dass er, Trotzki, dieser Patriarch der Bürokraten, ohne Demokratie nicht leben kann.

Uns mutete es etwas lächerlich an, aus dem Munde Trotzkis Reden über Demokratie zu hören, desselben Trotzki, der auf dem X. Parteitag die Durchrüttelung der Gewerkschaften von oben gefordert hatte. Aber wir wussten, dass zwischen dem Trotzki aus der Zeit des X. Parteitags und dem Trotzki unserer Tage kein großer Unterschied ist, denn sowohl damals als auch heute ist er für die Durchrüttelung der Leninschen Kader. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass er auf dem X. Parteitag die Leninschen Kader auf dem Gebiet der Gewerkschaften von oben durchrütteln wollte, während er jetzt dieselben Leninschen Kader auf dem Gebiet der Partei von unten durchrütteln will. Er braucht die Demokratie als Steckenpferd, als strategisches Manöver. Das ist die ganze Geschichte.

Denn wenn die Opposition der Sache wirklich hätte helfen wollen, wenn sie sachlich, kameradschaftlich an die Sache hätte herangehen wollen, so hätte sie sich mit ihrer Erklärung vor allem an die Kommissionen des Septemberplenums wenden und beispielsweise sagen müssen: "Wir sind der Meinung, dass eure Arbeit unbefriedigend ist, wir fordern, dass dem Politbüro über die Resultate eurer Arbeit Bericht erstattet und ein Plenum des ZK einberufen wird, dem wir unsere neuen Vorschläge unterbreiten werden" usw. Und wenn die Kommissionen sie nicht angehört hätten, oder wenn das Politbüro sie nicht angehört hätte, wenn es die Meinung der Opposition ignoriert oder sich geweigert hätte, das Plenum zur Prüfung der Vorschläge Trotzkis und überhaupt der Opposition einzuberufen, dann - und nur dann - hätte die Opposition das volle Recht gehabt, offen, über den Kopf des ZK hinweg an die Mitglieder der Partei zu appellieren und der Partei zu sagen: "Das Land steht vor dem Untergang, die Wirtschaftskrise greift um sich, die Partei geht zugrunde, wir haben die Kommissionen des ZK ersucht, diese Fragen zu prüfen - sie haben sich geweigert, uns anzuhören, wir haben versucht, uns an das Politbüro zu wenden - dabei ist nichts herausgekommen, wir sehen uns jetzt gezwungen, an die Partei zu appellieren, damit die Partei selbst sich der Sache annimmt." Ich zweifle nicht, dass die Partei hierauf geantwortet hätte: "Ja, das sind Revolutionäre der Tat, denn sie stellen das Wesen der Sache höher als deren Form."

Aber hat etwa die Opposition derart gehandelt? Hat sie auch nur ein einziges Mal versucht, sich mit ihren Vorschlägen an die Kommissionen des ZK zu wenden? Hat sie etwa daran gedacht, hat sie etwa versucht, die Fragen im Rahmen des ZK oder seiner Organe aufzuwerfen und zu lösen? Nein, einen solchen Versuch hat die Opposition nicht unternommen. Offenbar ging es der Opposition nicht darum, die innerparteiliche Lage zu verbessern, der Partei bei der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu helfen, sondern darum, der Arbeit der Kommission und des ZK-Plenums zuvorzukommen, dem ZK die Initiative zu entreißen, sich auf das Steckenpferd der Demokratie zu setzen und, ehe es zu spät ist, recht viel Lärm zu machen, um zu versuchen, damit das Vertrauen zum ZK zu untergraben. Die Opposition hatte es offenbar eilig, "Dokumente" gegen das ZK fertig zustellen, wie Trotzkis Brief und die Erklärung der 46, um sie an die Studenten der Swerdlow-Universität, an die Rayons versenden und erklären zu können, sie, die Opposition, sei für die Demokratie, für die Verbesserung der Wirtschaft, das ZK aber hindere sie daran, sie brauche Hilfe gegen das ZK usw.

Das sind die Tatsachen.

Ich verlange, dass Preobrashenski diese meine Behauptungen widerlege. Ich verlange, dass er sie wenigstens in der Presse widerlege. Soll Preobrashenski die Tatsache widerlegen, dass das ZK-Plenum im September ohne die Opposition, vor dem Auftreten der Opposition, Kommissionen geschaffen hat. Soll Preobrashenski die Tatsache widerlegen, dass weder Trotzki noch die übrigen Oppositionellen versucht haben, sich mit ihren Vorschlägen an diese Kommissionen zu wenden. Soll Preobrashenski die Tatsache widerlegen, dass die Opposition von der Existenz dieser Kommissionen wusste, dass sie ihre Arbeit ignorierte, dass sie nicht versucht hat, die Angelegenheit im Rahmen des ZK zu erledigen.

Darum hat das ZK, als Preobrashenski und Trotzki im Oktober vor dem Plenum erklärten, sie wollten die Partei durch die Demokratie retten, das ZK aber sei blind und sehe nichts, sie ausgelacht und gesagt: Nein, Genossen, wir, das ZK, sind voll und ganz für die Demokratie, aber an eure Demokratie glauben wir nicht, denn wir sind der Ansicht, dass eure "Demokratie" ein strategisches Manöver gegen das ZK ist, ein Manöver, das von eurer Fraktionsmacherei diktiert ist.

Was beschloss nun damals die gemeinsame Plenartagung des ZK und der ZKK zur Frage der innerparteilichen Demokratie? Sie beschloss folgendes:

"Die gemeinsame Plenartagung billigt voll und ganz den vom Politbüro rechtzeitig festgelegten Kurs auf die innerparteiliche Demokratie sowie die vom Politbüro vorgeschlagene Verstärkung des Kampfes gegen jeden überflüssigen Aufwand und den zersetzenden Einfluss der NÖP auf einzelne Elemente der Partei.

Die gemeinsame Plenartagung beauftragt das Politbüro, alles Notwendige zu unternehmen, um die Arbeit der vom Politbüro und vom Septemberplenum eingesetzten Kommissionen zu beschleunigen: der Kommissionen 1. zur Frage der ´Schere´, 2. zur Frage des Arbeitslohns, 3. zur Frage der innerparteilichen Lage.

Das Politbüro soll nach Ausarbeitung der notwendigen Maßnahmen zu diesen Fragen beginnen, sie unverzüglich in die Tat umzusetzen, und hierüber auf dem nächsten ZK-Plenum Bericht erstatten."

Trotzki schreibt in einem seiner Briefe an das ZK, das Oktoberplenum sei der "krasseste Ausdruck des bürokratischen Kurses des Apparats" gewesen. Ist es nicht klar, dass diese Erklärung Trotzkis eine Verleumdung des ZK ist? Nur ein Mensch, der den Kopf verloren hat und von Fraktionsmacherei verblendet ist, kann nach dem verlesenen Dokument sagen, das Oktoberplenum sei der krasseste Ausdruck des Bürokratismus gewesen.

Was aber beschloss damals die gemeinsame Plenartagung des ZK und der ZKK über die "demokratischen" Manöver Trotzkis und der 46? Sie beschloss folgendes:

"Die gemeinsame Plenartagung des ZK und der ZKK mit Vertretern von 10 Parteiorganisationen erachtet das Auftreten Trotzkis in einer für die internationale Revolution und die Partei höchst verantwortungsvollen Zeit für einen schweren politischen Fehler, insbesondere weil der gegen das Politbüro gerichtete Angriff Trotzkis objektiv den Charakter eines fraktionellen Auftretens angenommen hat, das die Einheit der Partei zu gefährden droht und eine Parteikrise herbeiführt. Die gemeinsame Plenartagung stellt mit Bedauern fest, dass Trotzki zur Behandlung der von ihm aufgeworfenen Fragen den Weg gewählt hat, an einzelne Mitglieder der Partei zu appellieren, anstatt den einzig zulässigen Weg zu gehen diese Fragen zuvor in den Kollegien, deren Mitglied Trotzki ist, zur Diskussion zu stellen.

Der von Trotzki gewählte Weg war das Signal zu einer fraktionellen Gruppenbildung (Erklärung der 46).

Die gemeinsame Plenartagung des ZK und der ZKK und die Vertreter der 10 Parteiorganisationen verurteilen entschieden die Erklärung der 46 als Schritt fraktioneller Spaltungspolitik, die, wenn auch ohne den Willen der Unterzeichner dieser Erklärung, einen solchen Charakter angenommen hat. Diese Erklärung droht, dem gesamten Leben der Partei für die nächsten Monate den Stempel des innerparteilichen Kampfes aufzudrücken und so die Partei in einer für das Schicksal der internationalen Revolution höchst verantwortungsschweren Zeit zu schwächen."

Wie Sie sehen, Genossen, widerlegen die oben dargelegten Tatsachen entschieden das Bild der Lage, das Preobrashenski hier gezeichnet hat.

Der dritte Akt oder das dritte Stadium der Geschichte der Frage ist die Periode nach dem Oktoberplenum. Das Oktoberplenum beschloss, dem Politbüro vorzuschlagen, alle Maßnahmen zu treffen, um eine einträchtige Arbeit zu gewährleisten. Ich muss erklären, Genossen, dass wir in der Periode nach dem Oktober alle Maßnahmen getroffen haben, um eine einträchtige Arbeit mit Trotzki in Gang zu bringen, wenn ich auch sagen muss, dass dies nicht gerade eine leichte Sache ist. Wir hatten zwei inoffizielle Beratungen mit Trotzki, wir gingen alle Fragen der Wirtschaft und der Partei durch, wobei wir zu bestimmten Auffassungen gelangten, die keinerlei Meinungsverschiedenheiten hervorriefen. Die Fortsetzung dieser inoffiziellen Beratungen und dieser Versuche, innerhalb des Politbüros eine einträchtige Arbeit in Gang zu bringen, war, worüber ich schon gestern berichtete, die Schaffung einer Unterkommission aus drei Mitgliedern. Diese Unterkommission arbeitete auch den Resolutionsentwurf aus, der später vom ZK und von der ZKK als Resolution über die Demokratie angenommen wurde.

So war es.

Uns schien, dass nach der einstimmigen Annahme der Resolution kein Grund für Streitigkeiten, kein Grund für einen innerparteilichen Kampf mehr vorhanden sei. Und so war es auch in der Tat, bis Trotzki erneut auftrat und an die Rayons appellierte. Das unabhängig vom ZK und über den Kopf des ZK hinweg erfolgte Auftreten Trotzkis am Tage nach der Veröffentlichung der ZK-Resolution verdarb alles, änderte die Lage radikal und warf die Partei zurück, zurück zu neuen Diskussionen, zu neuem Kampf, einem schärferen Kampf als vorher. Man sagt, das ZK hätte die Veröffentlichung des Artikels Trotzkis verbieten sollen. Das ist falsch, Genossen. Das wäre von seiten des ZK ein überaus gefährlicher Schritt gewesen. Versuchen Sie mal, einen Artikel Trotzkis zu verbieten, der in den Rayons von Moskau bereits publik gemacht ist! Das ZK konnte sich auf solch einen unüberlegten Schritt nicht einlassen.

Das ist die Geschichte der Frage.

Aus dem Gesagten folgt, dass es der Opposition nicht so sehr um die Demokratie als darum ging, die Idee der Demokratie dazu auszunutzen, das ZK zu erschüttern, dass wir es bei der Opposition nicht mit Menschen zu tun haben, die der Partei zu helfen gewillt sind, sondern mit einer Fraktion, die dem ZK auflauerte: "Hoffentlich begeht es einen Fehler, verpasst etwas, dann werden wir ihm eins versetzen." Das ist eben eine Fraktion, wenn eine Gruppe von Parteimitgliedern gegen zentrale Parteiinstitutionen an einer Ecke auf der Lauer liegt, um entweder aus einer Missernte oder aus dem Fallen des Tscherwonzen oder aus anderen Schwierigkeiten der Partei Kapital zu schlagen, um dann hinter der Ecke, aus dem Hinterhalt hervorzuspringen und der Partei einen Schlag zu versetzen. Ja, das ZK hatte im Oktober recht, als es Ihnen, Genossen von der Opposition, sagte, dass die Demokratie eine Sache ist, eine andere Sache aber das Ränkeschmieden gegen die Partei, dass die Demokratie eine Sache ist, eine andere Sache aber - die Ausnutzung einer Sensationsmache mit Demokratie gegen die Mehrheit der Partei.

Das, Preobrashenski, ist die Geschichte der Frage, über die ich hier nicht sprechen wollte, über die zu sprechen ich aber gezwungen war, um Ihrem ausdrücklichen Wunsch nachzukommen.

Die Opposition hat es sich zur Regel gemacht, Genossen Lenin als den genialsten aller genialen Männer zu preisen. Ich fürchte, dass dieses Lob unaufrichtig ist und dass sich auch dahinter eine strategische List verbirgt: Man will mit einem Wortschwall von der Genialität des Genossen Lenin die Abkehr von Lenin verbergen und gleichzeitig die Schwächeseiner Schüler unterstreichen. Natürlich, wie sollten wir, die Schüler des Genossen Lenin, nicht wissen, dass Genosse Lenin der genialste aller genialen Männer ist und dass solche Männer nur einmal in Jahrhunderten geboren werden. Aber gestatten Sie, Preobrashenski, das ich Sie frage, warum Sie in der Frage des Brester Friedens mit diesem genialsten Mann auseinandergingen? Warum haben Sie diesen genialsten Mann in einem schwierigen Augenblick verlassen und nicht auf ihn gehört? Wo, in welchem Lager befanden Sie sich damals?

Und Sapronow, der jetzt heuchlerisch und pharisäisch Loblieder auf Genossen Lenin singt, ist derselbe Sapronow, der die Stirn hatte, Genossen Lenin auf einem der Parteitage einen "Ignoranten" und "Oligarchen" zu nennen! Warum unterstützte er den genialen Lenin zum Beispiel nicht auf dem X. Parteitag, warum fand man ihn in schwierigen Augenblicken stets im entgegengesetzten Lager, wenn er wirklich glaubt, dass Genosse Lenin der genialste aller genialen Männer ist? Weiß Sapronow, dass Genosse Lenin, als er auf dem X. Parteitag die Resolution über die Einheit einbrachte, die den Ausschluss der Fraktionsmacher aus der Partei forderte, unter anderem auch Sapronow im Auge hatte?

Und weiter: Warum fand man Preobrashenski nicht nur in der Periode des Brester Friedens, sondern auch später, in der Periode der Gewerkschaftsdiskussion, im Lager der Gegner des genialen Lenin? Ist das alles ein Zufall? Gibt es hier nicht eine gewisse Gesetzmäßigkeit? (Preobrashenski: "Ich habe versucht, mich nach meinem eigenen Verstand zu richten.")

Das ist sehr löblich, Preobrashenski, dass Sie sich nach Ihrem eigenen Verstand richten wollten. Aber sehen Sie, was dabei herauskommt: In der Brester Frage haben Sie sich nach Ihrem eigenen Verstand gerichtet und danebengehauen; dann bei der Diskussion über die Gewerkschaften haben Sie wiederum versucht, sich nach Ihrem eigenen Verstand zu richten, und haben wiederum danebengehauen; jetzt weiß ich nicht, ob Sie sich nach Ihrem eigenen oder einem fremden Verstand richten, aber anscheinend haben Sie doch wieder danebengehauen. (Heiterkeit.) Immerhin glaube ich, wenn sich Preobrashenski jetzt mehr nach seinem eigenen Verstand als nach dem Verstand Trotzkis richtete - einem Verstand, der in seinem Brief vom 8. Oktober Ausdruck gefunden hat -, so stünde er näher zu uns als zu Trotzki.

Preobrashenski hat dem ZK vorgeworfen, dass, solange bei uns Iljitsch an der Spitze stand, die Fragen rechtzeitig und ohne Verspätung entschieden worden wären, da Iljitsch es verstand, die neuen Ereignisse im Keim zu erfassen und Losungen auszugeben, die den Ereignissen vorgriffen, dass das ZK jetzt aber, nach Iljitsch, hinter den Ereignissen zurückzubleiben beginne. Was will Preobrashenski hiermit sagen? dass Iljitsch seine Schüler überragt? Aber zweifelt denn jemand daran? Hat denn irgendjemand Zweifel daran, dass Iljitsch im Vergleich zu seinen Schülern ein Goliath ist? Wenn es sich um den Führer der Partei handelt, nicht um einen Zeitungshelden, der einen Haufen Begrüßungen erhält, sondern um den wirklichen Führer, so gibt es bei uns nur einen Führer - Genossen Lenin. Eben deshalb wurde bei uns wiederholt betont, dass wir unter den gegenwärtigen Verhältnissen, da Genosse Lenin zeitweilig abwesend ist, auf ein Kollegium Kurs halten müssen. Was aber die Schüler des Genossen Lenin betrifft, so könnte man zum Beispiel auf die Ereignisse hinweisen, die mit dem Ultimatum Curzons[Anmerkung 4] im Zusammenhang standen und die eine Art Prüfung, ein Examen für sie darstellten. Die Tatsache, dass wir damals ohne Schaden für die Sache aus den Schwierigkeiten herausgekommen sind, zeugt zweifellos davon, dass die Schüler des Genossen Lenin bei ihrem Lehrer bereits einiges gelernt haben.

Preobrashenski hat Unrecht, wenn er behauptet, dass unsere Partei in den früheren Jahren nicht hinter den Ereignissen zurückgeblieben wäre. Er hat Unrecht, weil diese Behauptung faktisch unwahr und theoretisch falsch ist. Man kann auf eine Reihe von Beispielen verweisen. Nehmen wir beispielsweise den Brester Frieden. Haben wir uns mit Brest etwa nicht verspätet? Bedurfte es etwa nicht solcher Tatsachen wie der Offensive der Deutschen und der allgemeinen Flucht unserer Soldaten, damit wir endlich die Notwendigkeit des Friedens einsahen? Der Zerfall der Front, die Offensive Hoffmanns,[Anmerkung 5][Anmerkung 5] sein Vormarsch auf Petrograd, der Druck der Bauern auf uns - bedurfte es etwa nicht aller dieser Tatsachen, damit wir einsahen, dass das Tempo der internationalen Revolution nicht so schnell ist, wie wir es wünschten, dass unsere Armee nicht so stark ist, wie wir glaubten, und dass die Bauernschaft nicht so geduldig ist, wie einige von uns glaubten, dass sie den Frieden will und dass sie den Frieden mit Gewalt herbeiführen wird?

Oder nehmen wir als Beispiel die Aufhebung der Ablieferungspflicht. Haben wir uns etwa mit der Aufhebung der Ablieferungspflicht nicht verspätet? Bedurfte es etwa nicht solcher Tatsachen wie Kronstadt und Tambow,[Anmerkung 6] damit wir einsahen, dass es unmöglich war, unter den Bedingungen des Kriegskommunismus weiterzuleben? Hat etwa Iljitsch nicht selbst zugegeben, dass wir an dieser Front eine ernstlichere Niederlage erlitten hatten als jemals an den Fronten gegen Denikin und Koltschak?

Ist die Tatsache ein Zufall, dass die Partei in allen diesen Fällen hinter den Ereignissen zurückblieb, sich etwas verspätete? Nein, das ist kein Zufall. Wir hatten es hier mit einer Gesetzmäßigkeit zu tun. Es liegt auf der Hand, dass, da es sich hier nicht um allgemeine theoretische Voraussichten, sondern um die unmittelbare praktische Führung handelt, die regierende Partei, die am Steuer steht und von den Tagesereignissen in Anspruch genommen ist, nicht die Möglichkeit hat, die Prozesse, die tief unter der Oberfläche des Lebens vor sich gehen, sofort wahrzunehmen und zu erfassen, und dass es eines Anstoßes von außen und eines gewissen Entwicklungsgrades der neuen Prozesse bedarf, damit die Partei diese Prozesse wahrnimmt und sich auf sie orientiert. Eben deshalb blieb unsere Partei in der Vergangenheit hinter den Ereignissen etwas zurück und wird auch in Zukunft zurückbleiben. Und es geht hier gar nicht um das Zurückbleiben, sondern darum, den Sinn der Geschehnisse, den Sinn der neuen Prozesse zu erfassen und sie dann entsprechend der allgemeinen Entwicklungstendenz geschickt zu lenken. Gerade so ist es um die Frage bestellt, wenn man die Dinge mit den Augen eines Marxisten betrachtet und nicht mit den Augen eines Fraktionsmachers, der überall Schuldige sucht.

Preobrashenski entrüstet sich, dass die Vertreter des ZK über die Abweichungen Trotzkis vom Leninismus sprechen. Er entrüstet sich, hat aber, was das Wesen der Sache betrifft, keine Entgegnungen vorgebracht und überhaupt nicht versucht, seine Entrüstung zu begründen, er hat vergessen, dass Entrüstung kein Argument ist. Jawohl, es stimmt, dass Trotzki in Organisationsfragen vom Leninismus abweicht. Wir haben das behauptet und werden das weiter behaupten. Die bekannten Artikel in der "Prawda" mit der Überschrift "Nieder mit der Fraktionsmacherei", die der Feder Bucharins entstammen, sind voll und ganz der Frage der Abweichungen Trotzkis vom Leninismus gewidmet. Warum hat Preobrashenski, was das Wesen der Sache betrifft, keine Entgegnungen gegen die Grundgedanken dieser Artikel vorgebracht? Warum hat Preobrashenski nicht versucht, seine Entrüstung durch Beweisgründe oder durch etwas Ähnliches wie Beweisgründe zu erhärten? Ich sagte gestern und muss heute wiederholen, dass solche Schritte Trotzkis, wie die, dass er sich dem Zentralkomitee gegenüberstellt, dass er den Willen einer Reihe von Organisationen, die eine klare Antwort von Trotzki verlangen, ignoriert, dass er die Partei dem Apparat der Partei gegenüberstellt, dass er die Jugend den Kadern der Partei gegenüberstellt, dass er die Partei auf die studierende Jugend orientieren will und die Freiheit der Gruppierungen proklamiert - dass solche Schritte mit den Organisationsprinzipien des Leninismus unvereinbar sind. Warum hat denn Preobrashenski nicht versucht, diese meine Behauptung zu widerlegen?

Man spricht von einer Hetze gegen Trotzki. Hiervon haben Preobrashenski und Radek gesprochen. Genossen, ich muss erklären, dass die Erklärungen dieser Genossen über Hetze der Wirklichkeit keineswegs entsprechen. Ich will Sie an zwei Tatsachen erinnern, damit Sie die Möglichkeit haben, hierüber zu urteilen. Die erste Tatsache ist der Zwischenfall, zu dem es auf dem Septemberplenum des ZK kam, als Trotzki die Erklärung des ZK-Mitglieds Komarow, dass die ZK-Mitglieder die Ausführung der ZK-Beschlüsse nicht verweigern dürfen, damit beantwortete, dass er aufsprang und die Plenarsitzung verließ. Sie werden sich erinnern, dass das ZK-Plenum damals eine "Delegation" zu Trotzki sandte mit dem Ersuchen, zur Plenarsitzung zurückzukehren. Sie werden sich erinnern, dass Trotzki sich weigerte, dem Ersuchen des Plenums nachzukommen, und damit bekundete, dass er auch nicht die geringste Dosis Achtung für sein ZK hat.

Oder weiter die Geschichte einer anderen Tatsache, die darin besteht, dass Trotzki sich entschieden weigert, in den zentralen Sowjetorganen, im Rat für Arbeit und Verteidigung und im Rat der Volkskommissare, zu arbeiten, obwohl das ZK zweimal beschlossen hat, dass Trotzki endlich die Arbeit in den Sowjetorganen aufnehmen soll. Sie wissen, dass Trotzki nicht versucht hat, auch nur einen Finger zu rühren, um den Beschluss des ZK auszuführen. Wahrhaftig, warum sollte Trotzki nicht im Rat für Arbeit und Verteidigung, im Rat der Volkskommissare arbeiten? Warum sollte Trotzki, der sich darin gefällt, so viel über den Plan zu sprechen, warum sollte er nicht einmal in unsere Staatliche Plankommission hineinschauen? Kann man eine Lage als normal ansehen, wenn ein Mitglied des ZK einen Beschluss des ZK ignoriert? Zeugen nicht alle diese Tatsachen davon, dass das Gerede von Hetze leeres Geschwätz ist, dass, wenn es schon gilt, jemand zu beschuldigen, Trotzki selbst beschuldigt werden muss, dessen Verhalten man nur als eine Verhöhnung des ZK ansehen kann?

Völlig falsch sind die Betrachtungen Preobrashenskis über Demokratie. Preobrashenski stellt die Frage so: Entweder gibt es bei uns Gruppierungen, und dann gibt es eine Demokratie, oder man verbietet die Gruppierungen, und dann gibt es keine Demokratie. Freiheit der Gruppierungen und Demokratie sind bei ihm untrennbar miteinander verbunden. Wir fassen die Demokratie nicht so auf. Wir verstehen unter Demokratie Hebung der Aktivität und der Bewusstheit der Parteimasse, systematische Heranziehung der Parteimasse nicht nur zur Erörterung von Fragen, sondern auch zur Leitung der Arbeit. Die Freiheit der Gruppierungen, das heißt die Freiheit der Fraktionen - das ist ein und dasselbe - ist ein Übel, das die Partei zu zersplittern und in einen Diskussionsklub zu verwandeln droht. Sie haben sich selbst entlarvt, Preobrashenski, denn Sie verteidigen die Freiheit der Fraktionen. Die Parteimasse versteht unter Demokratie die Schaffung von Bedingungen, die eine aktive Teilnahme der Parteimitglieder an der Führung unseres Landes gewährleisten, ein paar Intellektuelle aus der Opposition aber fassen die Sache so auf, dass man ihnen die Möglichkeit geben müsse, eine Fraktion zu schaffen. Sie haben sich selbst entlarvt, Preobrashenski.

Und woher kommt bei Ihnen diese Angst vor dem siebenten Punkt über die Einheit der Partei, was gibt es hier zu fürchten? Der siebente Punkt besagt: "Um innerhalb der Partei und in der gesamten Sowjetarbeit strenge Disziplin herbeizuführen und die größte Einheit bei Ausmerzung jeglicher Fraktionsmacherei zu erzielen"... Aber sind Sie etwa gegen eine "strenge Disziplin innerhalb der Partei und in der Sowjetarbeit", Genossen von der Opposition, sind Sie etwa gegen all das? Ich habe ja gar nicht gewusst, Genossen, dass Sie dagegen sind. Und sind Sie, Sapronow und Preobrashenski, etwa dagegen, eine maximale Einheit und die "Ausmerzung der Fraktionsmacherei" zu erzielen? Sagen Sie es offen - vielleicht nehmen wir dann einige kleine Abänderungen vor. (Heiterkeit.)

Weiter: "Der Parteitag bevollmächtigt das ZK, im Falle eines Bruchs der Parteidisziplin oder des Wiederauflebens der Fraktionsmacherei, Disziplinarmaßnahmen der Partei in Anwendung zu bringen"... Fürchten Sie sich denn auch hiervor? Haben denn Sie, Preobrashenski, Radek, Sapronow, wirklich die Absicht, die Parteidisziplin zu verletzen, die Fraktionsmacherei wieder aufleben zu lassen? Nun, und wenn Sie das nicht beabsichtigen, was haben Sie dann zu fürchten? Sie entlarven sich selbst, Genossen, durch die Panik, die Sie ergriffen hat. Da Sie den siebenten Punkt der Resolution über die Einheit fürchten, sind Sie offenbar für die Fraktionsmacherei, für den Disziplinbruch, gegen die Einheit. Wenn Sie aber nicht gegen all das sind, warum geraten Sie dann in Panik? Wenn Sie ein reines Gewissen haben, wenn Sie für die Einheit, gegen die Fraktionsmacherei und gegen den Disziplinbruch sind, ist es dann nicht klar, dass die strafende Hand der Partei Sie nicht treffen wird? Was gibt es da zu fürchten? (Zwischenruf: "Warum kommen Sie denn damit, wenn man keine Angst zu haben braucht?")

Wir wollen es Ihnen ins Gedächtnis rufen. (Heiterkeit, Beifall. Preobrashenski: "Sie schrecken die Partei.")

Wir schrecken die Fraktionsmacher, aber nicht die Partei. Glauben Sie wirklich, Preobrashenski, dass Partei und Fraktionsmacher ein und dasselbe seien? Man sieht, ein schlechtes Gewissen verrät sich selbst. (Heiterkeit.)

Weiter: "Und, gegenüber Mitgliedern des ZK Überführung in den Kandidatenstand und, als äußerste Maßnahme, sogar den Ausschluss aus der Partei ... Die Anwendung dieser äußersten Maßnahme gegen Mitglieder des ZK, Kandidaten des ZK und Mitglieder der ZKK kann nur unter der Bedingung erfolgen, dass ein Plenum des ZK einberufen wird."

Was ist hieran schrecklich? Wenn Sie nicht Fraktionsmacher sind, wenn Sie gegen die Freiheit der Gruppierungen sind, wenn Sie für die Einheit sind, so müssen Sie, Genossen von der Opposition, für den siebenten Punkt der Resolution des X. Parteitags stimmen, denn er ist ausschließlich gegen Fraktionsmacher gerichtet, ausschließlich gegen diejenigen, die die Einheit der Partei, ihre Stärke beeinträchtigen, ihre Disziplin verletzen. Ist das etwa nicht klar?

Ich komme zu Radek. Es gibt Menschen, denen die Zunge gegeben ist, um ihrer Herr zu sein und sie in Gewalt zu haben. Das sind gewöhnliche Menschen. Und es gibt Menschen, die ihrer eigenen Zunge unterliegen und in ihrer Gewalt sind. Das sind ungewöhnliche Menschen. Zu dieser Art ungewöhnlicher Menschen gehört Radek. Ein Mensch, dem die Zunge gegeben ist, nicht um sie in seiner Gewalt zu haben, sondern um sich von seiner eigenen Zunge beherrschen zu lassen, wird nicht wissen können, wann und was diese Zunge schwatzt. Wenn Sie die Möglichkeit gehabt hätten, die Reden Radeks in verschiedenen Versammlungen zu hören, so würden Sie über sein heutiges Auftreten erstaunt sein. In einer der Diskussionsversammlungen behauptete Radek, die Frage der innerparteilichen Demokratie sei eine belanglose Frage, er, Radek, sei eigentlich gegen die Demokratie, es gehe jetzt im Grunde genommen nicht um die Demokratie, sondern darum, was das ZK mit Trotzki zu tun gedenke. In einer anderen Diskussionsversammlung erklärte derselbe Radek, der Demokratie innerhalb der Partei komme keine große Bedeutung zu, die Demokratie innerhalb des ZK hingegen sei von allergrößter Wichtigkeit, denn im ZK habe sich seiner Meinung nach ein Direktorium gebildet. Heute aber erklärt derselbe Radek unumwunden, dass die innerparteiliche Demokratie ebenso notwendig sei wie Luft und Wasser, denn ohne Demokratie gäbe es, wie sich herausstellt, keine Möglichkeit, die Partei zu leiten. Welchem von diesen drei Radeks soll man nun glauben - dem ersten, dem zweiten oder dem dritten? Wo ist die Garantie dafür, dass Radek, beziehungsweise seine Zunge, nicht in der nächsten Zukunft neue unerwartete Erklärungen abgeben wird, die alle vorangegangenen Erklärungen widerlegen? Kann man sich auf einen Menschen wie Radek verlassen? Kann man hiernach zum Beispiel der Erklärung Radeks, Boguslawski und Antonow seien aus "fraktionellen Erwägungen" bestimmter Funktionen enthoben worden, einen Wert beimessen?

Über Boguslawski habe ich bereits gesprochen, Genossen... Was Antonow-Owsejenko betrifft, so gestatten Sie mir, Ihnen folgendes mitzuteilen. Antonow ist auf Grund eines vom ZK-Plenum bestätigten Beschlusses des Orgbüros des ZK seines Postens in der PUR (Abkürzung für Polititscheskoje Uprawlenije rabotsche-krestjanskoi Krasnoi Armii = Politische Verwaltung der Roten Arbeiter- und Bauernarmee. Der Übers) enthoben worden. Er ist vor allem deshalb seines Postens enthoben worden, weil er ohne Wissen des ZK und ohne Vereinbarung mit dem ZK ein Rundschreiben über die Einberufung einer Konferenz der Zellen der Militärhochschulen und der Luftflotte versandte, auf deren Tagesordnung die internationale Lage, der Parteiaufbau usw. stehen sollten, obwohl Antonow wusste, dass die PUR einer Abteilung des ZK gleichkommt. Er ist ferner deshalb seines Postens in der PUR enthoben worden, weil er an alle Militärzellen ein Rundschreiben über die Formen der Anwendung der innerparteilichen Demokratie versandte, entgegen dem Willen des ZK und ungeachtet der vorherigen Aufforderung des ZK, dieses Rundschreiben mit den Plänen des ZK in Einklang zu bringen. Er ist schließlich deshalb seines Postens enthoben worden, weil er an das ZK und die ZKK einen im Ton völlig ungehörigen und dem Inhalt nach absolut unzulässigen Brief sandte, der dem ZK und der ZKK androhte, die "überheblich gewordenen Führer" zur Ordnung rufen zu wollen.

Genossen! Man kann und muss Oppositionelle zu verantwortlichen Funktionen zulassen. Man kann und muss zulassen, dass die Abteilungsleiter des ZK die Arbeit des ZK kritisieren. Aber man kann nicht zulassen, dass der Leiter der PUR, die einer Abteilung des ZK gleichkommt, sich systematisch weigert, in der Arbeit Kontakt mit seinem ZK herzustellen, man kann nicht zulassen, dass ein verantwortlicher Funktionär die elementaren Anstandsregeln mit Füßen tritt. Man kann einem solchen Genossen nicht die Erziehung der Roten Armee anvertrauen. So verhält es sich mit Antonow.

Schließlich muss ich einige Worte zu der Frage sagen, wessen Stimmungen eigentlich die Genossen von der Opposition bei ihrem Auftreten zum Ausdruck bringen. Ich muss zu dem "Fall" der Genossen Kasarjan und Martynow aus der Hochschule des Volkskommissariats für Verkehrswesen zurückkehren. Dieser "Fall" zeugt davon, dass bei einem Teil der Hochschüler nicht alles wohlbestellt ist, dass der Parteikern in ihnen schon verfault ist, dass sie innerlich bereits mit der Partei gebrochen haben und eben deshalb mit Vergnügen für die Opposition stimmen. Ich bitte um Entschuldigung, Genossen, aber Leute, die in parteilicher Hinsicht durch und durch verfault sind, gibt es nicht unter denen, die für die Resolution des ZK gestimmt haben, und kann es nicht geben. Bei uns gibt es solche Menschen nicht, Genossen. Bei uns, in unseren Reihen, gibt es keinen, der sagen würde: "Was haben wir denn eigentlich - die Diktatur des Proletariats oder die Diktatur der Kommunistischen Partei über das Proletariat?" Das ist ein Satz von Martow und Dan. Das ist ein Satz aus den "Dni"[Anmerkung 7] der Sozialrevolutionäre, und wenn Sie in Ihren Reihen solche Verteidiger haben, was ist dann Ihre Position wert, Genossen von der Opposition? Oder zum Beispiel ein anderer Genosse, Genosse Martynow, der glaubt, dass das ZK zu schweigen habe, die Zellen aber beschließen müssten. Ihr, das ZK, so sagen sie, könnt das ausführen, was wir, die Zellen, beschlossen haben. Bei uns gibt es aber 50000 Zellen. Wenn sie zum Beispiel die Frage des Ultimatums Curzons zu entscheiden hätten, so würden wir in zwei Jahren zu keiner Entscheidung in dieser Frage kommen. Das ist doch Anarcho-Menschewismus von reinstem Wasser. Wenn diese Leute, die den Kopf verloren haben und in parteilicher Hinsicht durch und durch verfault sind, bei Ihnen in der Fraktion sitzen, was ist dann Ihre Fraktion wert? (Zwischenruf: "Sind sie Mitglieder der Partei?")

Ja, leider sind sie Mitglieder der Partei, aber ich bin bereit, alle Maßnahmen zu ergreifen, damit solche Menschen nicht weiterhin Mitglieder unserer Partei bleiben. (Beifall.) Ich sagte, dass die Opposition die Stimmungen und Bestrebungen der nichtproletarischen Elemente in der Partei und außerhalb der Partei zum Ausdruck bringt. Ohne sich dessen bewusst zu sein, entfesselt die Opposition die kleinbürgerliche Elementargewalt. Die Fraktionsarbeit der Opposition ist Wasser auf die Mühle der Feinde unserer Partei, auf die Mühle derjenigen, die die Diktatur des Proletariats schwächen, die sie stürzen wollen. Ich habe dies gestern gesagt und ich bestätige dies heute.

Aber vielleicht möchten Sie andere, neue Zeugen hören? Nun wohl, ich kann Ihnen dieses Vergnügen bereiten und zum Beispiel auf die Aussagen des Ihnen bekannten S. Iwanowitsch verweisen. Wer ist dieser S. Iwanowitsch? Er ist ein Menschewik und war Mitglied der Partei, als wir zusammen mit den Menschewiki noch eine Partei bildeten. Später geriet er in Differenzen mit dem ZK der Menschewiki und wurde ein rechter Menschewik. Die rechten Menschewiki aber sind eine Gruppe menschewistischer Interventionisten, deren Tagesaufgabe darin besteht, die Sowjetmacht zu stürzen, und sei es mit Hilfe ausländischer Bajonette. Ihr Organ ist die "Sarja".[Anmerkung 8] Redakteur dieses Organs ist S. Iwanowitsch. Wie steht nun dieser rechte Menschewik zu unserer Opposition, was für ein Zeugnis stellt er ihr aus? Hören Sie:

"Wir wollen der Opposition dankbar sein, dass sie in so markanter Weise das Bild der grauenerregenden moralischen Kloake, die sich KPR betitelt, wiedergegeben hat. Wir wollen ihr dankbar sein, dass sie der KPR einen ernstlichen moralischen und organisatorischen Schlag versetzt hat. Wir wollen ihr dankbar sein, dass ihre Arbeit die Sache aller derer erleichtert, die im Sturz der Sowjetmacht die Aufgabe der sozialistischen Parteien sehen."

Da haben Sie Ihr Zeugnis, Genossen von der Opposition.

Zum Schluss meiner Rede möchte ich den Genossen von der Opposition dennoch wünschen, dieser Kuss S. Iwanowitschs möge nicht allzu fest an ihnen haften bleiben. (Anhaltender Beifall.)

Zum Tode Lenins

Seite 41- 46

Rede auf dem II. Sowjetkongress der UdSSR, 26. Januar 1924

"Prawda" Nr. 23, 30.Januar 1924.

[Anmerkung 9]

Genossen!

Wir Kommunisten sind Menschen von besonderem Schlag. Wir sind aus besonderem Material geformt. Wir sind diejenigen, die die Armee des großen proletarischen Strategen bilden, die Armee des Genossen Lenin. Es gibt nichts Höheres als die Ehre, dieser Armee anzugehören. Es gibt nichts Höheres als den Namen eines Mitglieds der Partei, deren Gründer und Führer Genosse Lenin ist. Nicht jedem ist es gegeben, Mitglied dieser Partei zu sein. Nicht jedem ist es gegeben, die Unbilden und Stürme zu bestehen, die mit der Mitgliedschaft in dieser Partei verbunden sind. Die Söhne der Arbeiterklasse, die Söhne der Not und des Kampfes, die Söhne unsagbarer Entbehrungen und heroischer Anstrengungen - sie vor allem sollen Mitglieder dieser Partei sein. Deswegen nennt sich die Partei der Leninisten, die Partei der Kommunisten, zugleich die Partei der Arbeiterklasse.

Als Genosse Lenin von uns schied, hinterließ er uns das Vermächtnis, den erhabenen Namen eines Mitglieds der Partei hochzuhalten und in Reinheit zu bewahren. Wir schwören Dir, Genosse Lenin, dass wir dieses Dein Gebot in Ehren erfüllen werden!

25 Jahre hat Genosse Lenin unsere Partei gehegt und gepflegt und sie zur stärksten und gestähltesten Arbeiterpartei der Welt gemacht. Die Schläge des Zarismus und seiner Schergen, das Wüten der Bourgeois und Gutsbesitzer, die bewaffneten Überfälle Koltschaks und Denikins, die bewaffnete Intervention Englands und Frankreichs, die Lügen und Verleumdungen der hundertmäuligen bürgerlichen Presse - alle diese Skorpione fielen ein Vierteljahrhundert lang unausgesetzt über unsere Partei her. Aber unsere Partei stand fest wie ein Fels, wehrte die zahllosen Schläge der Feinde ab und führte die Arbeiterklasse vorwärts, zum Sieg. In harten Kämpfen schmiedete unsere Partei die Einheit und Geschlossenheit ihrer Reihen. Durch Einheit und Geschlossenheit errang sie den Sieg über die Feinde der Arbeiterklasse.

Als Genosse Lenin von uns schied, hinterließ er uns das Vermächtnis, die Einheit unserer Partei wie unseren Augapfel zu hüten. Wir schwören Dir, Genosse Lenin, dass wir auch dieses Dein Gebot in Ehren erfüllen werden!

Schwer und unerträglich ist das Los der Arbeiterklasse. Qualvoll und drückend sind die Leiden der Werktätigen. Sklaven und Sklavenhalter, Leibeigene und Feudalherren, Bauern und Gutsbesitzer, Arbeiter und Kapitalisten, Unterdrückte und Unterdrücker - so war die Ordnung der Welt seit Menschengedenken, so ist sie auch jetzt in der überwiegenden Mehrzahl der Länder. Dutzende und Hunderte Male versuchten die Werktätigen im Laufe der Jahrhunderte, ihre Unterdrücker abzuschütteln und Herr ihrer Lage zu werden. Aber jedesmal mussten sie, geschlagen und geschmäht, zurückweichen, bargen in ihrer Seele Kränkung und Demütigung, Zorn und Verzweiflung und richteten ihre Blicke auf den geheimnisvollen Himmel, wo sie Erlösung zu finden hofften. Die Ketten der Sklaverei blieben unangetastet, oder die alten Ketten wurden durch neue ersetzt, die ebenso drückend und demütigend waren. Nur in unserem Lande gelang es den unterdrückten und getretenen Massen der Werktätigen, die Herrschaft der Gutsbesitzer und Kapitalisten abzuschütteln und statt ihrer die Herrschaft der Arbeiter und Bauern zu errichten. Sie wissen, Genossen, und die ganze Welt erkennt es jetzt an, dass dieser gigantische Kampf von Genossen Lenin und seiner Partei geleitet wurde. Die Größe Lenins besteht vor allem gerade darin, dass er die Sowjetrepublik schuf und damit den unterdrückten Massen der ganzen Welt durch die Tat zeigte, dass die Hoffnung auf Erlösung nicht verloren, dass die Herrschaft der Gutsbesitzer und Kapitalisten nicht von langer Dauer ist, dass das Reich der Arbeit durch die Anstrengungen der Werktätigen selbst geschaffen werden kann, dass das Reich der Arbeit auf Erden und nicht im Himmel errichtet werden muss. Dadurch hat er in den Herzen der Arbeiter und Bauern der ganzen Welt die Hoffnung auf Befreiung entzündet. Eben daraus erklärt sich die Tatsache, dass der Name Lenin für die werktätigen und ausgebeuteten Massen zum geliebtesten Namen wurde.

Als Genosse Lenin von uns schied, hinterließ er uns das Vermächtnis, die Diktatur des Proletariats zu schützen und zu festigen. Wir schwören Dir, Genosse Lenin, dass wir unsere Kräfte nicht schonen werden, um auch dieses Dein Gebot in Ehren zu erfüllen!

Die Diktatur des Proletariats wurde in unserem Lande auf der Grundlage des Bündnisses der Arbeiter und Bauern geschaffen. Das ist die erste und wichtigste Grundlage der Republik der Sowjets. Die Arbeiter und Bauern hätten die Kapitalisten und Gutsbesitzer nicht besiegen können, wenn dieses Bündnis nicht bestanden hätte. Die Arbeiter hätten die Kapitalisten nicht schlagen können ohne die Hilfe der Bauern. Die Bauern hätten die Gutsbesitzer nicht schlagen können ohne die Führung der Arbeiter. Davon zeugt die ganze Geschichte des Bürgerkriegs in unserem Lande. Aber der Kampf für die Festigung der Republik der Sowjets ist bei weitem noch nicht beendet, er hat nur eine neue Form angenommen. Früher hatte das Bündnis der Arbeiter und Bauern die Form eines militärischen Bündnisses, denn es war gegen Koltschak und Denikin gerichtet. Jetzt muss das Bündnis der Arbeiter und Bauern die Form der wirtschaftlichen Zusammenarbeit von Stadt und Land, der Zusammenarbeit der Arbeiter und Bauern annehmen, denn es ist gegen den Händler und Kulaken gerichtet, denn es hat die wechselseitige Versorgung der Bauern und Arbeiter mit allem Notwendigen zum Ziel. Sie wissen, dass niemand diese Aufgabe so beharrlich durchführte wie Genosse Lenin.

Als Genosse Lenin von uns schied, hinterließ er uns das Vermächtnis, mit allen Kräften das Bündnis der Arbeiter und Bauern zu festigen. Wir schwören Dir, Genosse Lenin, dass wir auch dieses Dein Gebot in Ehren erfüllen werden!

Die zweite Grundlage der Republik der Sowjets ist das Bündnis zwischen den Werktätigen der Nationalitäten unseres Landes. Russen und Ukrainer, Baschkiren und Bjelorussen, Georgier und Aserbaidshaner, Armenier und Daghestaner, Tataren und Kirgisen, Usbeken und Turkmenen - sie alle sind in gleicher Weise an der Festigung der Diktatur des Proletariats interessiert. Nicht nur, dass die Diktatur des Proletariats diese Völker von den Ketten und der Unterdrückung erlöst, sondern diese Völker erlösen auch durch ihre grenzenlose Ergebenheit für die Sowjetrepublik, durch ihre Bereitschaft, für sie Opfer zu bringen, unsere Republik, die Republik der Sowjets, von den Ränken und Ausfällen der Feinde der Arbeiterklasse. Deswegen sprach Genosse Lenin uns unermüdlich von der Notwendigkeit eines freiwilligen Bündnisses der Völker unseres Landes, von der Notwendigkeit ihres brüderlichen Zusammenwirkens im Rahmen der Union der Republiken.

Als Genosse Lenin von uns schied, hinterließ er uns das Vermächtnis, die Union der Republiken zu festigen und zu erweitern. Wir schwören Dir, Genosse Lenin, dass wir auch dieses Dein Gebot in Ehren erfüllen werden!

Die dritte Grundlage der Diktatur des Proletariats ist unsere Rote Armee und unsere Rote Flotte. Lenin sprach uns wiederholt davon, dass die Atempause, die wir den kapitalistischen Staaten abgerungen haben, von kurzer Dauer sein kann. Lenin verwies uns wiederholt darauf, dass die Stärkung der Roten Armee und ihre Vervollkommnung eine der wichtigsten Aufgaben unserer Partei ist. Die Ereignisse, die mit dem Ultimatum Curzons und mit der Krise in Deutschland[Anmerkung 10] zusammenhängen, bestätigten ein übriges Mal, dass Lenin, wie immer, Recht hatte. Schwören wir denn, Genossen, dass wir unsere Kräfte nicht schonen werden, um unsere Rote Armee und unsere Rote Flotte zu stärken!

Gleich einem gewaltigen Fels steht unser Land da, umgeben von einem Ozean bürgerlicher Staaten. Welle auf Welle rollt gegen unser Land an und droht, es zu überfluten und wegzuschwemmen. Aber der Fels steht unerschütterlich. Worin besteht die Kraft unseres Landes? Nicht nur darin, dass unser Land auf dem Bündnis der Arbeiter und Bauern beruht, dass es einen Bund freier Nationalitäten verkörpert, dass es von dem mächtigen Arm der Roten Armee und der Roten Flotte geschützt wird. Die Kraft unseres Landes, seine Stärke, seine Festigkeit besteht darin, dass es in den Herzen der Arbeiter und Bauern der ganzen Welt tiefe Sympathien und unerschütterliche Hilfsbereitschaft findet. Die Arbeiter und Bauern der ganzen Welt wollen die Sowjetrepublik erhalten als einen Pfeil, der von der sicheren Hand des Genossen Lenin in das Lager der Feinde abgeschossen wurde, als eine Stütze ihrer Hoffnungen auf Erlösung von Unterdrückung und Ausbeutung, als einen verlässlichen Leuchtturm, der ihnen den Weg zur Befreiung weist. Sie wollen sie erhalten und werden es nicht zulassen, dass sie von den Gutsbesitzern und Kapitalisten zerstört wird. Darin besteht unsere Kraft. Darin besteht die Kraft der Werktätigen aller Länder. Darin besteht auch die Schwäche der Bourgeoisie der ganzen Welt.

Lenin betrachtete die Republik der Sowjets niemals als Selbstzweck. Er betrachtete sie stets als notwendiges Kettenglied zur Verstärkung der revolutionären Bewegung in den Ländern des Westens und Ostens, als notwendiges Kettenglied zur Erleichterung des Sieges der Werktätigen der ganzen Welt über das Kapital. Lenin wusste, dass nur diese Auffassung richtig ist, nicht nur vom internationalen Standpunkt, sondern auch vom Standpunkt der Erhaltung der Sowjetrepublik selbst. Lenin wusste, dass man nur dadurch die Herzen der Werktätigen der ganzen Welt für die entscheidenden Befreiungskämpfe entflammen kann. Deswegen legte er, der genialste unter den genialen Führern des Proletariats, schon am Tage nach der Errichtung der proletarischen Diktatur das Fundament der Arbeiterinternationale. Deswegen erweiterte und festigte er unermüdlich den Bund der Werktätigen der ganzen Welt - die Kommunistische Internationale.

Sie haben in diesen Tagen die Wallfahrt Zehntausender und Hunderttausender von Werktätigen zur Bahre des Genossen Lenin gesehen. Bald werden Sie die Wallfahrt der Vertreter von Millionen Werktätiger zum Grabe des Genossen Lenin sehen. Und Sie können dessen sicher sein, dass nach den Vertretern von Millionen die Vertreter von Dutzenden und Hunderten Millionen aus allen Gegenden der Welt aufbrechen werden, um Zeugnis davon abzulegen, dass Lenin der Führer nicht nur des russischen Proletariats, nicht nur der europäischen Arbeiter, nicht nur des kolonialen Ostens, sondern der werktätigen Welt des Erdballs überhaupt war.

Als Genosse Lenin von uns schied, hinterließ er uns das Vermächtnis, den Grundsätzen der Kommunistischen Internationale die Treue zu bewahren. Wir schwören Dir, Genosse Lenin, dass wir unser Leben nicht schonen werden, um den Bund der Werktätigen der ganzen Welt, die Kommunistische Internationale, zu festigen und zu erweitern!

"Prawda" Nr. 23, 30. Januar 1924.

Über Lenin

Seite 47- 57

Rede auf dem Gedenkabend der Kremlkursanten 28. Januar 1924

"Prawda" Nr. 34, 12. Februar 1924.

Genossen!

Man hat mir gesagt, dass Sie hier einen Lenin-Gedenkabend veranstalten und ich zu diesem Abend als einer der Referenten eingeladen sei. Ich denke, dass es nicht notwendig ist, ein zusammenhängendes Referat über Lenins Wirken zu halten. Ich glaube, dass es besser wäre, sich auf die Mitteilung einer Reihe von Tatsachen zu beschränken, die einige Besonderheiten des Menschen und Politikers Lenin kennzeichnen. Mag zwischen diesen Tatsachen vielleicht auch der innere Zusammenhang fehlen, dies kann aber nicht von entscheidender Bedeutung sein, wenn man eine allgemeine Vorstellung von Lenin gewinnen will. Jedenfalls habe ich nicht die Möglichkeit, Ihnen bei dieser Gelegenheit mehr zu geben, als ich eben versprochen habe.

Der Bergadler

Zum erstenmal lernte ich Lenin im Jahre 1903 kennen. Allerdings war es keine persönliche und unmittelbare Bekanntschaft, sondern sie erfolgte auf schriftlichem Wege. Aber sie hinterließ in mir einen unauslöschlichen Eindruck, der mich während der ganzen Zeit meiner Arbeit in der Partei nicht verließ. Ich war damals in Sibirien in der Verbannung. Die Bekanntschaft mit Lenins revolutionärer Tätigkeit seit Ende der neunziger Jahre, besonders nach dem Jahre 1901, nach der Herausgabe der "Iskra",[Anmerkung 11] hatte mich zu der Überzeugung gebracht, dass wir in Lenin einen außergewöhnlichen Menschen besitzen. Er war damals in meinen Augen nicht ein einfacher Führer der Partei, sondern ihr tatsächlicher Schöpfer, denn er allein verstand das innere Wesen und die dringenden Bedürfnisse unserer Partei. Wenn ich ihn mit den übrigen Führern unserer Partei verglich, schien es mir immer, dass Lenin seine Kampfgefährten - Plechanow, Martow, Axelrod und andere - um einen ganzen Kopf überragt, dass Lenin im Vergleich zu ihnen nicht einfach einer der Führer, sondern ein Führer von höherem Typus ist, ein Bergadler, der keine Furcht im Kampfe kennt und kühn die Partei vorwärts führt auf den unerforschten Wegen der russischen revolutionären Bewegung. Dieser Eindruck war mir so tief in die Seele gedrungen, dass ich das Bedürfnis empfand, einem nahen Freund, der damals in der Emigration lebte, darüber zu schreiben und ihn um seine Meinung zu bitten. Nach einiger Zeit, als ich schon in Sibirien in der Verbannung war - es war Ende 1903 -, erhielt ich von meinem Freund eine begeisterte Antwort und einen schlichten, aber sehr inhaltsreichen Brief von Lenin, den mein Freund, wie es sich herausstellte, mit dem Inhalt meines Schreibens bekannt gemacht hatte. Lenins Brief war verhältnismäßig kurz, aber er gab eine kühne, furchtlose Kritik der Praxis unserer Partei und eine ausgezeichnet klare und gedrängte Darlegung des ganzen Plans der Parteiarbeit für die nächste Periode. Nur Lenin verstand, über die verwickeltsten Dinge so einfach und klar, so gedrängt und kühn zu schreiben, dass jeder Satz nicht nur sprach, sondern wie ein Schuss traf. Dieser schlichte und kühne Brief festigte in mir noch mehr die Überzeugung, dass wir in Lenin den Bergadler unserer Partei besitzen. Ich kann mir nicht verzeihen, dass ich diesen Brief Lenins, wie auch viele andere Briefe, nach Art und Gewohnheit eines alten illegalen Parteiarbeiters verbrannt habe.

Zu diesem Zeitpunkt begann meine Bekanntschaft mit Lenin.

Bescheidenheit

Zum erstenmal begegnete ich Lenin im Dezember 1905 auf der Konferenz der Bolschewiki in Tammerfors (Finnland). Ich hoffte, den Bergadler unserer Partei, also einen großen Mann, nicht nur einen politisch, sondern, wenn Sie wollen, auch physisch großen Mann zu erblicken, denn in meiner Phantasie erschien Lenin als Riese, stattlich und von hohem Wuchs. Wie groß war aber meine Enttäuschung, als ich einen ganz gewöhnlichen, kaum mittelgroßen Mann erblickte, der sich durch nichts, buchstäblich durch nichts von gewöhnlichen Sterblichen unterschied...

Es gilt als ausgemacht, dass ein "großer Mann" sich gewöhnlich zu den Versammlungen verspätet, so dass die Versammlungsteilnehmer klopfenden Herzens auf sein Erscheinen warten, wobei vor dem Erscheinen des "großen Mannes" ein Raunen durch die Reihen der Versammlungsteilnehmer geht: "Pst ... Ruhe ... er kommt." Diese Zeremonie schien mir nicht überflüssig, denn sie imponiert, flößt Achtung ein. Wie groß war aber meine Enttäuschung, als ich erfuhr, dass Lenin schon vor den Delegierten zur Versammlung gekommen war und in irgendeiner Ecke schlicht und einfach ein Gespräch führte, ein ganz gewöhnliches Gespräch mit ganz gewöhnlichen Konferenzdelegierten. Ich verhehle nicht, dass mir dies damals als eine gewisse Verletzung gewisser notwendiger Regeln erschien.

Erst später begriff ich, dass diese Schlichtheit und Bescheidenheit Lenins, dieses Bestreben, unbemerkt zu bleiben oder jedenfalls nicht aufzufallen und seine hohe Stellung nicht hervorzukehren - dass dieser Zug eine der stärksten Seiten Lenins ist, dieses neuen Führers neuer Massen, der einfachen und gewöhnlichen Massen der "untersten" Schichten der Menschheit.

Kraft der Logik

Ausgezeichnet waren zwei Reden Lenins, die er auf dieser Konferenz hielt: über die gegenwärtige Lage und über die Agrarfrage. Leider sind sie nicht erhalten geblieben. Es waren zündende Reden, die die ganze Konferenz in stürmische Begeisterung versetzten. Die ungewöhnliche Überzeugungskraft, die Einfachheit und Klarheit der Beweisführung, die kurzen und allgemeinverständlichen Sätze, das Fehlen jeder Pose, das Fehlen aller auf Eindruck berechneten schwindelerregenden Gesten und effektvollen Phrasen - all das unterschied Lenins Reden vorteilhaft von den Reden gewöhnlicher "Parlamentsredner".

Aber mich fesselte damals nicht diese Seite der Reden Lenins. Mich fesselte jene unüberwindliche Kraft der Logik in Lenins Reden, die zwar ein wenig trocken ist, dafür aber die Zuhörerschaft völlig in ihren Bann zieht, sie allmählich elektrisiert und sie dann, wie man zu sagen pflegt, restlos gefangen nimmt. Ich erinnere mich, wie viele der Delegierten damals sagten: "Die Logik in Lenins Reden gleicht allmächtigen Fangarmen, die dich wie Zangen von allen Seiten umfassen und aus deren Umklammerung du dich nicht befreien kannst: entweder du ergibst dich oder du kannst deiner völligen Niederlage sicher sein."

Ich glaube, dass diese Besonderheit der Reden Lenins die stärkste Seite seiner Rednerkunst ist.

Kein Lamentieren

Das zweite Mal traf ich Lenin im Jahre 1906 auf dem Stockholmer Parteitag[Anmerkung 12] unserer Partei. Es ist bekannt, dass die Bolschewiki auf diesem Parteitag in der Minderheit geblieben waren, eine Niederlage erlitten hatten. Damals sah ich Lenin zum erstenmal als Besiegten. Er glich nicht im Geringsten jenen Führern, die nach einer Niederlage lamentieren und den Mut sinken lassen. Im Gegenteil, die Niederlage verwandelte Lenin in eine Zusammenballung von Energie, aus der seine Anhänger Begeisterung zu neuen Kämpfen, zum künftigen Siege schöpften. Ich spreche von einer Niederlage Lenins. Aber was war das für eine Niederlage? Man musste sich Lenins Gegner, die Sieger auf dem Stockholmer Parteitag - Plechanow, Axelrod, Martow und andere - ansehen: sie glichen sehr wenig wirklichen Siegern, denn Lenin hatte mit seiner schonungslosen Kritik des Menschewismus, wie man zu sagen pflegt, keine heile Stelle an ihnen gelassen. Ich entsinne mich, wie wir bolschewistischen Delegierten, eng zusammengedrängt, auf Lenin blickten und ihn um Rat fragten. Die Äußerungen mancher Delegierten verrieten Müdigkeit, Niedergeschlagenheit. Ich erinnere mich, wie Lenin als Antwort auf solche Reden bissig durch die Zähne hervorstieß: "Lamentieren Sie nicht, Genossen, wir werden sicher siegen, denn wir haben recht." Hass gegen lamentierende Intellektuelle, Glauben an die eigenen Kräfte, Glauben an den Sieg - darüber sprach damals Lenin mit uns. Man fühlte, die Niederlage der Bolschewiki ist nur vorübergehend, die Bolschewiki müssen in nächster Zukunft siegen.

"Nicht lamentieren im Fall einer Niederlage" - das ist gerade jene Besonderheit in Lenins Wirken, die ihm half, eine grenzenlos ergebene und auf ihre Kräfte vertrauende Armee um sich zusammenzuschweißen.

Keine Überheblichkeit

Auf dem nächsten Parteitag im Jahre 1907 in London[Anmerkung 13] waren die Bolschewiki die Sieger. Damals sah ich Lenin zum erstenmal als Sieger. Der Sieg pflegt manchen Führern zu Kopf zu steigen, sie hochmütig und überheblich zu machen. Meist beginnen sie in solchen Fällen den Sieg zu feiern, auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Lenin aber glich solchen Führern nicht im Geringsten. Im Gegenteil, gerade nach dem Sieg wurde er besonders wachsam und vorsichtig. Ich erinnere mich, wie Lenin damals den Delegierten nachdrücklich auseinandersetzte: "Erstens darf man sich vom Sieg nicht berauschen lassen und überheblich werden; zweitens muss man den Sieg verankern; drittens muss man den Gegner vernichten, denn er ist nur geschlagen, aber bei weitem noch nicht vernichtet." Mit beißendem Spott überschüttete er die Delegierten, die leichtsinnig versicherten: "Von nun an ist es aus mit den Menschewiki." Es war ihm ein leichtes zu beweisen, dass die Menschewiki noch immer in der Arbeiterbewegung Wurzeln haben, dass man sie geschickt bekämpfen muss, wobei man die Überschätzung der eigenen Kräfte und besonders die Unterschätzung der Kräfte des Gegners auf jede Weise zu vermeiden hat.

"Nicht durch den Sieg überheblich werden" - das ist jene Besonderheit im Charakter Lenins, die ihm half, die Kräfte des Gegners nüchtern abzuwägen und die Partei vor möglichen Überraschungen zu sichern.

Prinzipienfestigkeit

Parteiführer müssen die Meinung der Mehrheit ihrer Partei achten. Die Mehrheit ist eine Macht, mit der der Führer rechnen muss. Lenin verstand das nicht schlechter als jeder andere Parteiführer. Aber Lenin wurde niemals zum Gefangenen der Mehrheit, besonders, wenn diese Mehrheit keine prinzipielle Basis hatte. Es gab Momente in der Geschichte unserer Partei, da die Meinung der Mehrheit oder die Augenblicksinteressen der Partei mit den Grundinteressen des Proletariats in Konflikt gerieten. In solchen Fällen trat Lenin ohne Bedenken entschlossen für die Prinzipientreue ein und wandte sich gegen die Mehrheit der Partei. Mehr noch, er scheute sich nicht, in solchen Fällen buchstäblich einer gegen alle aufzutreten, wobei er davon ausging - wie er oft sagte -, dass "prinzipienfeste Politik die einzig richtige Politik ist".

Besonders charakteristisch sind in dieser Beziehung die folgenden beiden Tatsachen:

Erste Tatsache. Die Periode von 1909 bis 1911, in der die Partei, von der Konterrevolution zerschlagen, in voller Zersetzung begriffen war. Es war eine Periode des Unglaubens an die Partei, eine Periode der Massenflucht aus der Partei, nicht nur von Intellektuellen, sondern teilweise auch von Arbeitern, eine Periode der Ablehnung der Illegalität, eine Periode des Liquidatorentums und Zerfalls. Nicht nur bei den Menschewiki, sondern auch bei den Bolschewiki gab es damals eine ganze Reihe von Fraktionen und Strömungen, die zum größten Teil von der Arbeiterbewegung losgelöst waren. Es ist bekannt, dass gerade in dieser Periode die Idee entstand, die illegale Organisation vollständig zu liquidieren und die Arbeiter in einer legalen, liberalen Stolypinpartei zu organisieren. Lenin war damals der einzige, der der allgemeinen Epidemie nicht erlag und das Banner der Partei hochhielt, die zersplitterten und zerschlagenen Kräfte der Partei mit erstaunlicher Geduld und beispielloser Beharrlichkeit sammelte, gegen alle und jegliche parteifeindlichen Strömungen in der Arbeiterbewegung kämpfte, den Parteigedanken mit beispiellosem Mut und unvergleichlicher Zähigkeit verteidigte.

Es ist bekannt, dass in diesem Streit für den Parteigedanken später Lenin sich als der Sieger erwies.

Zweite Tatsache. Die Periode von 1914 bis 1917, die Periode des Wütens des imperialistischen Krieges, in der alle oder fast alle sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien dem allgemeinen patriotischen Taumel erlagen und sich in den Dienst des Imperialismus ihres Landes stellten. Es war die Periode, in der die II. Internationale ihre Fahnen vor dem Kapital einholte, als selbst Männer wie Plechanow, Kautsky, Guesde und andere der chauvinistischen Welle nicht widerstanden. Lenin war damals der einzige, oder fast der einzige, der den entschiedenen Kampf gegen Sozialchauvinismus und Sozialpazifismus aufnahm, den Verrat der Guesde und Kautsky entlarvte und die Halbheit der Zwitter-"revolutionäre" brandmarkte. Lenin war sich bewusst, dass hinter ihm eine unbeträchtliche Minderheit steht, aber das war für ihn nicht von entscheidender Bedeutung, denn er wusste, dass die einzig richtige Politik, der die Zukunft gehört, die Politik des konsequenten Internationalismus ist, denn er wusste, dass eine prinzipienfeste Politik die einzig richtige Politik ist.

Es ist bekannt, dass auch in diesem Streit für die neue Internationale Lenin sich als der Sieger erwies.

"Prinzipienfeste Politik ist die einzig richtige Politik" - das ist die Formel, mit deren Hilfe Lenin neue "uneinnehmbare" Stellungen im Sturme nahm und die besten Elemente des Proletariats für den revolutionären Marxismus gewann.

Glaube an die Massen

Theoretiker und Parteiführer, die die Geschichte der Völker kennen, die die Geschichte der Revolutionen von Anfang bis Ende studiert haben, sind zuweilen von einer peinlichen Krankheit befallen. Diese Krankheit heißt Scheu vor den Massen, Unglaube an die schöpferischen Fähigkeiten der Massen. Auf diesem Boden entsteht manchmal ein gewisser Aristokratismus der Führer den Massen gegenüber, die zwar in der Geschichte der Revolutionen nicht bewandert, aber berufen sind, das Alte niederzureißen und das Neue aufzubauen. Die Furcht, dass das spontane Element entfesselt werden könnte, dass die Massen "allzuviel zerstören" könnten, der Wunsch, die Rolle eines Schulmeisters zu spielen, der die Massen nach Büchern zu lehren sucht, aber nicht von den Massen lernen will - das ist die Grundlage dieser Art von Aristokratismus.

Lenin war das gerade Gegenteil solcher Führer. Ich kenne keinen anderen Revolutionär, der so fest an die schöpferischen Kräfte des Proletariats und an die revolutionäre Zweckmäßigkeit des proletarischen Klasseninstinkts geglaubt hätte wie Lenin. Ich kenne keinen anderen Revolutionär, der so schonungslos die selbstgefälligen Kritiker des "Chaos der Revolution" und der "Bacchanalien der eigenmächtigen Aktionen der Massen" zu geißeln verstanden hätte wie Lenin. Ich erinnere mich, wie Lenin während eines Gesprächs auf die Äußerung eines Genossen, dass "nach der Revolution die normale Ordnung wiederhergestellt werden muss", sarkastisch bemerkte: "Es ist schlimm, wenn Menschen, die Revolutionäre sein wollen, vergessen, dass die normalste Ordnung in der Geschichte die Ordnung der Revolution ist."

Daher Lenins Geringschätzung gegen alle diejenigen, die auf die Massen von oben herabsahen und sie nach Büchern lehren wollten. Daher Lenins unermüdliche Mahnung: Von den Massen lernen, den Sinn ihres Handelns erfassen, die praktische Erfahrung des Kampfes der Massen sorgfältig studieren.

Glaube an die schöpferischen Kräfte der Massen - das ist gerade jene Besonderheit im Wirken Lenins, die es ihm ermöglichte, das Walten des spontanen Elements zu erfassen und seine Bewegung in die Bahn der proletarischen Revolution zu leiten.

Genius der Revolution

Lenin war für die Revolution geboren. Er war wahrhaftig der Genius der revolutionären Explosionen und der größte Meister der revolutionären Führung. Nie fühlte er sich so frei, nie war er so froh wie in einer Epoche revolutionärer Erschütterungen. Ich will damit durchaus nicht sagen, dass Lenin jede revolutionäre Erschütterung gleichermaßen guthieß oder dass er immer und unter allen Umständen für revolutionäre Explosionen war. Keineswegs. Ich will damit nur sagen, dass sich Lenins genialer Scharfblick nie so voll und klar offenbarte wie in der Zeit revolutionärer Explosionen. In den Tagen der Wendepunkte der Revolution blühte er gleichsam auf, wurde zum Hellseher, erriet die Bewegung der Klassen und die wahrscheinlichen Zickzackwege der Revolution, sah sie ganz klar vor sich. Nicht umsonst heißt es in unseren Parteikreisen, dass "Iljitsch in den Wellen der Revolution zu schwimmen versteht wie der Fisch im Wasser".

Daher die "erstaunliche" Klarheit der taktischen Losungen und die "schwindelerregende" Kühnheit der revolutionären Pläne Lenins.

Ich erinnere mich zweier besonders charakteristischer Tatsachen, die diese Besonderheit Lenins kennzeichnen.

Erste Tatsache. Die Periode vor dem Oktoberumsturz, als Millionen Arbeiter, Bauern und Soldaten, von der Krise im Hinterland und an der Front getrieben, Frieden und Freiheit forderten; als die Generalität und die Bourgeoisie im Interesse des "Krieges bis zum Ende" eine Militärdiktatur vorbereiteten; als die gesamte so genannte "öffentliche Meinung", alle so genannten "sozialistischen Parteien" gegen die Bolschewiki auftraten, sie als "deutsche Spione" beschimpften; als Kerenski versuchte, die Partei der Bolschewiki in die Illegalität zu treiben, was ihm schon teilweise gelungen war; als die noch immer mächtigen und disziplinierten Armeen der österreichisch-deutschen Koalition unseren müden, in Zersetzung begriffenen Armeen gegenüberstanden und die westeuropäischen "Sozialisten" nach wie vor ruhig einen Block mit ihren Regierungen im Interesse des "Krieges bis zum vollen Siege" bildeten...

Was bedeutete es, in diesem Moment den Aufstand zu entfachen? Den Aufstand in einer solchen Situation entfachen bedeutete alles aufs Spiel setzen. Aber Lenin scheute das Risiko nicht, denn er wusste, er sah mit hellsichtigem Blick, dass der Aufstand unvermeidlich ist, dass der Aufstand siegen wird, dass der Aufstand in Rußland dein imperialistischen Kriege ein Ende bereiten wird, dass der Aufstand in Rußland die gepeinigten Massen des Westens aufrütteln wird, dass der Aufstand in Rußland den imperialistischen Krieg in den Bürgerkrieg umwandeln wird, dass der Aufstand die Republik der Sowjets bringen wird, dass die Republik der Sowjets der revolutionären Bewegung in der ganzen Welt als Bollwerk dienen wird.

Es ist bekannt, dass diese revolutionäre Voraussicht Lenins in der Folge mit beispielloser Genauigkeit in Erfüllung gegangen ist.

Zweite Tatsache. Die ersten Tage nach der Oktoberrevolution, als der Rat der Volkskommissare einen meuternden General, den Oberbefehlshaber Duchonin, zu zwingen versuchte, die Kriegshandlungen einzustellen und Waffenstillstandsverhandlungen mit den Deutschen aufzunehmen. Ich erinnere mich, wie wir - Lenin, Krylenko (der später Oberbefehlshaber wurde) und ich - uns zum Hauptstab in Petrograd begaben, um über die direkte Leitung mit Duchonin zu verhandeln. Es war eine schwere Minute. Duchonin und das Hauptquartier lehnten kategorisch ab, den Befehl des Rates der Volkskommissare auszuführen. Das Kommandeurkorps der Armee befand sich vollständig in der Hand des Hauptquartiers. Was die Soldaten betrifft, so war es unbekannt, was die Vierzehnmillionenarmee sagen würde, die den so genannten Armeeorganisationen unterstand, die gegen die Sowjetmacht eingestellt waren. In Petrograd selbst reifte damals, wie bekannt, der Aufstand der Offiziersschüler heran. Außerdem zog Kerenski mit Truppen gegen Petrograd. Ich erinnere mich, wie sich nach einer gewissen Pause am Apparat Lenins Gesicht ungewöhnlich aufhellte. Es war zu sehen, dass er bereits einen Entschluss gefasst hatte. "Gehen wir zur Funkstation", sagte Lenin, "sie wird uns gute Dienste leisten: Wir werden in einem Sonderbefehl General Duchonin absetzen, an seiner Stelle Genossen Krylenko zum Oberbefehlshaber ernennen und über die Köpfe des Kommandeurkorps hinweg einen Aufruf an die Soldaten richten, die Generale in Gewahrsam zu nehmen, die Kriegshandlungen einzustellen, mit den österreichischen und deutschen Soldaten in Verbindung zu treten und die Sache des Friedens in die eigene Hand zu nehmen."

Es war ein "Sprung ins Ungewisse". Aber Lenin fürchtete diesen "Sprung" nicht, im Gegenteil, er ging ihm entgegen, denn er wusste, dass die Armee den Frieden will und den Frieden erkämpfen wird, alle und jegliche Hindernisse auf dem Wege zum Frieden hinwegfegend; denn er wusste, dass eine solche Art, Frieden zu machen, nicht ohne Wirkung auf die österreichischen und deutschen Soldaten bleiben, dass sie an ausnahmslos allen Fronten den Drang zum Frieden entfachen wird.

Es ist bekannt, dass diese revolutionäre Voraussicht Lenins in der Folge ebenfalls mit aller Genauigkeit in Erfüllung gegangen ist.

Genialer Scharfblick, die Fähigkeit, den inneren Sinn der herannahenden Ereignisse rasch zu erfassen und zu enträtseln - das ist jene Eigenschaft Lenins, die ihm half, an den Wendepunkten der revolutionären Bewegung die richtige Strategie und die klare Linie des Handelns festzulegen.

"Prawda" Nr. 34, 12. Februar 1924.

Über die Widersprüche im Kommunistischen Jugendverband

Seite 58 - 61

Rede in der Beratung über Fragen der Arbeit unter der Jugend beim ZK der KPR(B), 3. April 1924

[Anmerkung 14]

Ich muss vor allem einiges über die Stellung sagen, die das ZK der Jugend in der Frage der Parteidiskussion bezogen hat. Es war ein Fehler, dass das ZK des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands noch hartnäckig zu schweigen fortfuhr, als die Ortsorganisationen sich bereits geäußert hatten. Es wäre jedoch falsch, das Schweigen des ZK des Verbands mit Neutralität erklären zu wollen. Man war einfach allzu vorsichtig.

Jetzt einiges zu dem Meinungsaustausch. Ich bin der Ansicht, dass es bei Ihnen keine prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten gibt. Ich habe Ihre Thesen und Artikel studiert und dennoch keine prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten feststellen können. Dafür aber herrscht Konfusion, und es gibt einen Haufen eingebildeter "unversöhnlicher" Widersprüche.

Der erste Widerspruch - das ist die Gegenüberstellung: der Verband als "Reserve" und der Verband als "Instrument" der Partei. Was ist der Verband: eine Reserve oder ein Instrument? Sowohl das eine als auch das andere. Das ist klar, und in den Reden der Genossen selbst wurde das auch gesagt. Der Kommunistische Jugendverband ist eine Reserve, eine Reserve aus Bauern und Arbeitern, aus der die Partei ihre Reihen auffüllt. Zugleich aber ist er auch ein Instrument, ein Instrument in den Händen der Partei, mit dem sie die Massen der Jugend unter ihren Einfluss bringt. Konkreter ausgedrückt, könnte man sagen, dass der Verband ein Instrument der Partei, ein Hilfswerkzeug der Partei in dem Sinne ist, dass der aktive Mitgliederbestand des Kommunistischen Jugendverbands das Instrument ist, mit dem die Partei auf die außerhalb des Verbands stehende Jugend einwirkt. Diese Begriffe widersprechen einander nicht, und sie dürfen einander nicht gegenübergestellt werden.

Der zweite angeblich unversöhnliche Widerspruch besteht darin, dass, nach Meinung einiger Genossen, die "Klassenpolitik des Verbands nicht durch seine Mitgliederschaft bestimmt wird, sondern durch die Prinzipienfestigkeit der Menschen, die an der Spitze stehen". Die Prinzipienfestigkeit wird der Mitgliederschaft gegenübergestellt. Dieser Widerspruch besteht ebenfalls in der Einbildung, denn die Klassenpolitik des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands wird sowohl von dem einen als auch von dem andern, sowohl von der Mitgliederschaft als auch von der Prinzipienfestigkeit der Spitze bestimmt. Wenn sich eine wesensfremde Mitgliederschaft des Verbands, dessen Mitglieder die gleichen Rechte genießen, auf die prinzipienfesten Menschen auswirkt, so kann die Tatsache einer solchen Zusammensetzung der Mitgliederschaft für die Arbeit und die Politik des Verbands nicht ohne Folgen sein. Warum reguliert die Partei die Zusammensetzung ihrer Mitgliederschaft? Weil sie weiß, dass die Zusammensetzung ihrer Mitgliederschaft ihre Arbeit beeinflusst.

Schließlich noch ein Widerspruch - ebenfalls ein eingebildeter -, der die Rolle des Verbands und seine Arbeit unter den Bauern betrifft. Die einen stellen die Frage so, als bestände die Aufgabe des Verbands in der "Verankerung" des Einflusses unter den Bauern, nicht aber in seiner Erweiterung, während die anderen angeblich den "Einfluss erweitern" wollen, aber nicht einverstanden sind, ihn zu verankern. Hierauf will man eine Diskussionsplattform aufbauen. Es ist klar, dass die Gegenüberstellung dieser beiden Aufgaben gekünstelt ist, denn alle verstehen ausgezeichnet, dass der Verband seinen Einfluss im Dorf gleichzeitig sowohl verankern als auch erweitern muss. Es stimmt, dass an einer Stelle der Thesen des ZK des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands ein ungeschickt formulierter Satz über die Arbeit unter den Bauern steht. Aber weder Tarchanow noch andere Vertreter der Mehrheit des ZK des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands bestehen auf dieser ungeschickten Formulierung, sondern sind bereit, sie zu korrigieren. Lohnt es sich hiernach, um Kleinigkeiten zu streiten?

Es gibt jedoch einen Widerspruch im Leben und in der Tätigkeit des Kommunistischen Jugendverbands, einen wirklichen, nicht eingebildeten Widerspruch, über den ich einige Worte sagen möchte. Ich meine das Vorhandensein zweier Tendenzen im Verband: der Arbeitertendenz und der Bauerntendenz. Ich meine den Widerspruch zwischen diesen Tendenzen, der sich fühlbar macht und an dem man nicht vorübergehen kann. Die Frage dieses Widerspruchs ist die schwächste Stelle in den Ausführungen der Redner. Alle sprechen davon, dass es notwendig sei, den Verband durch die Aufnahme von Arbeitern zu erweitern, aber alle stolpern, sobald sie auf die Bauernschaft zu sprechen kommen, auf die Frage der Heranziehung der Bauernschaft. Selbst die Redner, die nicht klügelten und keine Winkelzüge machten, stolperten über diese Frage.

Der Kommunistische Jugendverband Rußlands steht offensichtlich vor zwei Problemen: dem Arbeiterproblem und dem Bauernproblem. Da der Kommunistische Jugendverband ein Arbeiter- und Bauernverband ist, so werden diese beiden Tendenzen, diese Widersprüche im Verband offenbar auch in Zukunft bleiben. Die einen werden sagen, dass man die Arbeiter hereinziehen muss, und übergehen dabei die Bauernschaft mit Schweigen, die anderen aber werden sagen, dass man die Bauern hereinziehen muss, und unterschätzen dabei die Bedeutung des proletarischen Elements im Verband als des führenden Elements. Dieser innere Widerspruch, der in der Natur des Verbands selbst enthalten ist, lässt eben die Redner stolpern. In den Reden wurde eine Parallele gezogen zwischen der Partei und dem Kommunistischen Jugendverband. Die Sache ist aber die, dass ein solcher Parallelismus in Wirklichkeit nicht besteht, denn unsere Partei ist eine Arbeiterpartei, und keine Arbeiter- und Bauernpartei, während der Kommunistische Jugendverband ein Arbeiter- und Bauernverband ist. Darum kann der Kommunistische Jugendverband nicht lediglich ein Arbeiterverband sein, sondern muss gleichzeitig sowohl ein Arbeiter- als auch ein Bauernverband sein. Eins ist klar: Bei der gegenwärtigen Struktur des Verbands werden innere Widersprüche und ein Kampf der Tendenzen auch in Zukunft unvermeidlich sein.

Recht haben diejenigen, die sagen, dass man die Mittelbauernjugend in die Partei hereinziehen müsse, aber man muss hier vorsichtig sein und darf nicht zu dem Standpunkt einer Arbeiter- und Bauernpartei abgleiten, zu dem zuweilen sogar manche verantwortliche Funktionäre neigen. Viele erhoben ein Geschrei und sagten: "Ihr nehmt Arbeiter auf, warum sollte man nicht in demselben Maße auch Bauern in die Partei aufnehmen? Lasst uns hundert- oder zweihunderttausend Bauern aufnehmen." Das ZK ist dagegen, weil unsere Partei eine Arbeiterpartei sein muss. Etwa 70 oder 80 Prozent Arbeiter und etwa 20 bis 25 Prozent Nichtarbeiter - das ist das ungefähre Verhältnis, das wir in der Partei haben müssen. Etwas anders als mit der Partei verhält es sich mit dem Kommunistischen Jugendverband. Der Kommunistische Jugendverband ist eine freiwillige, freie Organisation der revolutionären Elemente der Arbeiter- und Bauernjugend. Ohne die Bauern, ohne die Masse der bäuerlichen Jugend wird er aufhören, ein Arbeiter- und Bauernverband zu sein. Dabei muss die Sache aber so eingerichtet werden, dass das proletarische Element die führende Rolle behält.

Zuerst veröffentlicht in dem Buch: J. Stalin, Über den Kommunistischen Jugendverband, Moskau 1926.

Über die Grundlagen des Leninismus

Seite 62 - 166

Vorlesungen an der Swerdlow-Universität

Dem Lenin-Aufgebot gewidmet

J. Stalin


Die Grundlagen des Leninismus sind ein großes Thema. Um es zu erschöpfen, wäre ein ganzes Buch notwendig. Mehr noch, es wäre eine ganze Reihe von Büchern notwendig. Es ist deshalb natürlich, dass meine Vorlesungen keine erschöpfende Darlegung des Leninismus sein können. Sie können im besten Fall nur ein gedrängter Konspekt der Grundlagen des Leninismus sein. Dennoch halte ich es für nützlich, diesen Konspekt darzulegen, um einige grundlegende Ausgangspunkte zu geben, die für ein erfolgreiches Studium des Leninismus nötig sind.

Die Grundlagen des Leninismus darlegen heißt noch nicht die Grundlagen der Weltanschauung Lenins darlegen. Die Weltanschauung Lenins und die Grundlagen des Leninismus sind dem Umfang nach nicht ein und dasselbe. Lenin ist Marxist, und die Grundlage seiner Weltanschauung ist selbstverständlich der Marxismus. Daraus folgt aber durchaus nicht, dass die Darlegung des Leninismus mit der Darlegung der Grundlagen des Marxismus begonnen werden muss. Den Leninismus darlegen bedeutet, das Besondere und Neue in den Werken Lenins darlegen, womit Lenin die allgemeine Schatzkammer des Marxismus bereichert hat und das natürlicherweise mit seinem Namen verknüpft ist. Nur in diesem Sinne werde ich in meinen Vorlesungen über die Grundlagen des Leninismus sprechen.

Was ist also der Leninismus?

Die einen sagen, dass der Leninismus die Anwendung des Marxismus auf die eigenartigen Verhältnisse in Rußland sei. In dieser Definition steckt ein Teil Wahrheit, aber sie erschöpft bei weitem nicht die ganze Wahrheit. Lenin wandte tatsächlich den Marxismus auf die russische Wirklichkeit an und wandte ihn meisterhaft an. Wäre aber der Leninismus weiter nichts als die Anwendung des Marxismus auf die eigenartigen Verhältnisse Rußlands, dann wäre der Leninismus eine rein nationale und ausschließlich nationale, eine rein russische und ausschließlich russische Erscheinung. Indes wissen wir, dass der Leninismus eine internationale, in der ganzen internationalen Entwicklung verwurzelte, und nicht ausschließlich russische Erscheinung ist. Deshalb meine ich, dass diese Definition an Einseitigkeit leidet.

Andere sagen, dass der Leninismus die Wiederbelebung der revolutionären Elemente des Marxismus der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts sei, zum Unterschied vom Marxismus der nachfolgenden Jahre, in denen er angeblich gemäßigt, nichtrevolutionär geworden sei. Wenn man von dieser dummen und banalen Teilung der Lehre von Marx in zwei Teile, in einen revolutionären und einen gemäßigten, absieht, so muss man zugeben, dass sogar in dieser völlig unzulänglichen und unbefriedigenden Definition ein Teil Wahrheit steckt. Dieser Teil Wahrheit besteht darin, dass Lenin tatsächlich den revolutionären Inhalt des Marxismus wiederbelebt hat, den die Opportunisten der II. Internationale hatten in Vergessenheit geraten lassen. Doch ist das nur ein Teil der Wahrheit. Die ganze Wahrheit über den Leninismus besteht darin, dass der Leninismus den Marxismus nicht nur wiederbelebt hat, sondern noch einen Schritt vorwärts getan und den Marxismus weiterentwickelt hat unter den neuen Bedingungen des Kapitalismus und des Klassenkampfes des Proletariats.

Was ist also schließlich der Leninismus?

Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im Allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im Besonderen. Marx und Engels wirkten in der vorrevolutionären Periode (wir meinen vor der proletarischen Revolution), als es noch keinen entwickelten Imperialismus gab, in der Periode der Vorbereitung der Proletarier zur Revolution, in jener Periode, als die proletarische Revolution praktisch noch keine unmittelbare Notwendigkeit war. Lenin dagegen, der Schüler von Marx und Engels, wirkte in der Periode des entwickelten Imperialismus, in der Periode der sich entfaltenden proletarischen Revolution, als die proletarische Revolution bereits in einem Lande gesiegt, die bürgerliche Demokratie zerschlagen und die Ära der proletarischen Demokratie, die Ära der Sowjets, eröffnet hatte.

Deshalb ist der Leninismus die Weiterentwicklung des Marxismus.

Man betont gewöhnlich den überaus kämpferischen und überaus revolutionären Charakter des Leninismus. Das ist völlig richtig. Aber diese Besonderheit des Leninismus erklärt sich aus zwei Gründen: erstens daraus, dass der Leninismus aus dem Schoße der proletarischen Revolution hervorging, deren Stempel er notwendigerweise tragen muss; zweitens daraus, dass er heranwuchs und erstarkte im Ringen mit dem Opportunismus der II. Internationale, dessen Bekämpfung die notwendige Vorbedingung für den erfolgreichen Kampf gegen den Kapitalismus war und ist. Man darf nicht vergessen, dass zwischen Marx und Engels einerseits und Lenin anderseits ein ganzer Zeitabschnitt der ungeteilten Herrschaft des Opportunismus der II. Internationale liegt, dessen rücksichtslose Bekämpfung eine der wichtigsten Aufgaben des Leninismus sein musste.

I. Die historischen Wurzeln des Leninismus

Der Leninismus erwuchs und gestaltete sich unter den Bedingungen des Imperialismus, als sich die Widersprüche des Kapitalismus bis zum äußersten zugespitzt hatten, als die proletarische Revolution zu einer Frage der unmittelbaren Praxis wurde, als die alte Periode der Vorbereitung der Arbeiterklasse zur Revolution an die neue Periode des direkten Sturms auf den Kapitalismus heranrückte und in sie hinüberwuchs.

Lenin bezeichnete den Imperialismus als "sterbenden Kapitalismus". Weshalb? Weil der Imperialismus die Widersprüche des Kapitalismus bis zum höchsten Grad, bis zu den äußersten Grenzen steigert, jenseits deren die Revolution beginnt. Von diesen Widersprüchen sind drei Widersprüche als die wichtigsten zu betrachten.

Der erste Widerspruch ist der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital. Der Imperialismus ist die Allmacht der monopolistischen Truste und Syndikate, der Banken und der Finanzoligarchie in den Industrieländern. Im Kampf gegen diese Allmacht erwiesen sich die üblichen Methoden der Arbeiterklasse - Gewerkschaften und Genossenschaften, parlamentarische Parteien und parlamentarischer Kampf - als völlig unzureichend. Entweder du ergibst dich dem Kapital auf Gnade und Ungnade, vegetierst in alter Weise weiter und sinkst immer tiefer, oder du greifst zu einer neuen Waffe - so stellt der Imperialismus die Frage vor den Millionenmassen des Proletariats. Der Imperialismus führt die Arbeiterklasse an die Revolution heran.

Der zweite Widerspruch ist der Widerspruch zwischen den verschiedenen Finanzgruppen und imperialistischen Mächten in ihrem Kampf um Rohstoffquellen, um fremde Territorien. Der Imperialismus ist Kapitalexport nach den Rohstoffquellen, wütender Kampf um den Monopolbesitz dieser Rohstoffquellen, Kampf um die Neuaufteilung der bereits aufgeteilten Welt, ein Kampf, der mit besonderer Verbissenheit von den neuen Finanzgruppen und Mächten, die "einen Platz an der Sonne" suchen, gegen die alten Gruppen und Mächte geführt wird, die an dem Eroberten zäh festhalten. Dieser wütende Kampf zwischen den verschiedenen Kapitalistengruppen ist deshalb bedeutsam, weil er als unausbleibliches Element imperialistische Kriege in sich schließt, Kriege zur Eroberung fremder Gebiete. Dieser Umstand ist seinerseits deshalb bedeutsam, weil er zur Folge hat, dass sich die Imperialisten gegenseitig schwächen, dass die Position des Kapitalismus überhaupt geschwächt wird, dass der Moment der proletarischen Revolution näher rückt und dass diese Revolution zur praktischen Notwendigkeit wird.

Der dritte Widerspruch ist der Widerspruch zwischen der Handvoll herrschender "zivilisierter" Nationen und den Hunderten von Millionen der kolonialen und abhängigen Völker der Welt. Der Imperialismus ist die schamloseste Ausbeutung und unmenschlichste Unterdrückung der Hunderte von Millionen zählenden Bevölkerung riesiger Kolonien und abhängiger Länder. Extraprofit herauszupressen - das ist das Ziel dieser Ausbeutung und dieser Unterdrückung. Der Imperialismus ist aber gezwungen, in den Ländern, die er ausbeutet, Eisenbahnen, Fabriken und Werke zu bauen, Industrie- und Handelszentren anzulegen. Das Aufkommen der Klasse der Proletarier, das Entstehen einer einheimischen Intelligenz, das Erwachen des nationalen Selbstbewusstseins, das Erstarken der Befreiungsbewegung - das sind die unvermeidlichen Folgen dieser "Politik". Das Erstarken der revolutionären Bewegung in allen Kolonien und abhängigen Ländern ohne Ausnahme beweist dies augenfällig. Dieser Umstand ist für das Proletariat deshalb wichtig, weil er die Positionen des Kapitalismus an der Wurzel unterhöhlt, indem er die Kolonien und abhängigen Länder aus Reserven des Imperialismus in Reserven der proletarischen Revolution verwandelt.

Das sind im Allgemeinen die wichtigsten Widersprüche des Imperialismus, die den alten, "blühenden" Kapitalismus in den sterbenden Kapitalismus verwandelt haben.

Die Bedeutung des imperialistischen Krieges, der vor zehn Jahren ausbrach, besteht unter anderem darin, dass er alle diese Widersprüche zu einem Knoten schürzte und sie in die Waagschale warf, wodurch er die revolutionären Schlachten des Proletariats beschleunigte und erleichterte.

Mit anderen Worten: Der Imperialismus führte nicht nur dazu, dass die Revolution praktisch unvermeidlich wurde, sondern auch dazu, dass für den unmittelbaren Sturm auf die Festen des Kapitalismus günstige Bedingungen geschaffen wurden.

Das war die internationale Situation, die den Leninismus hervorbrachte.

Das ist ja alles ganz gut, wird man uns erwidern, aber was hat das mit Rußland zu tun, das doch kein klassisches Land des Imperialismus war und es auch nicht sein konnte? Was hat das mit Lenin zu tun, der vor allem in Rußland und für Rußland gewirkt hat? Weshalb ist gerade Rußland zur Heimstätte des Leninismus geworden, zum Geburtsland der Theorie und Taktik der proletarischen Revolution?

Weil Rußland der Knotenpunkt aller dieser Widersprüche des Imperialismus war.

Weil Rußland mehr als irgendein anderes Land mit der Revolution schwanger ging, und weil aus diesem Grunde nur Rußland imstande war, diese Widersprüche auf revolutionärem Wege zu lösen.

Beginnen wir damit, dass das zaristische Rußland ein Herd jeder Art von Unterdrückung war, sowohl der kapitalistischen als auch der kolonialen und militärischen, in ihrer unmenschlichsten und barbarischsten Form. Wem ist es nicht bekannt, dass in Rußland die Allmacht des Kapitals mit dem Despotismus des Zarismus verschmolz, die Aggressivität des russischen Nationalismus mit dem Henkertum des Zarismus gegenüber den nichtrussischen Völkern, die Ausbeutung ganzer Gebiete - der Türkei, Persiens, Chinas - mit der Eroberung dieser Gebiete durch den Zarismus, mit dem Eroberungskrieg? Lenin hatte Recht, als er sagte, dass der Zarismus ein "militärisch-feudaler Imperialismus" sei. Der Zarismus war die Konzentration der ins Quadrat erhobenen negativsten Seiten des Imperialismus.

Ferner. Das zaristische Rußland war eine gewaltige Reserve des westlichen Imperialismus nicht nur in dem Sinne, dass es dem ausländischen Kapital, das so ausschlaggebende Zweige der Volkswirtschaft Rußlands wie die Brennstoff- und Hüttenindustrie in seinen Händen hielt, freien Zutritt gewährte, sondern auch in dem Sinne, dass es den westlichen Imperialisten Millionen Soldaten zur Verfügung stellen konnte. Erinnern Sie sich der russischen Vierzehnmillionenarmee, die an den imperialistischen Fronten ihr Blut vergoss, um die Riesenprofite der englischen und französischen Kapitalisten zu sichern.

Weiter. Der Zarismus war nicht nur der Wachhund des Imperialismus im Osten Europas, sondern auch eine Agentur des westlichen Imperialismus, dazu bestimmt, aus der Bevölkerung Hunderte von Millionen an Zinsen für die Anleihen herauszupressen, die ihm in Paris und London, in Berlin, in Brüssel gewährt worden waren.

Schließlich war der Zarismus der treueste Bundesgenosse des westlichen Imperialismus bei der Aufteilung der Türkei, Persiens, Chinas usw. Wem ist es nicht bekannt, dass der imperialistische Krieg vom Zarismus im Bündnis mit den Imperialisten der Entente geführt wurde, dass Rußland ein wesentliches Element dieses Krieges war?

Deshalb waren die Interessen des Zarismus und des westlichen Imperialismus miteinander verschlungen und verflochten sich schließlich zu einem einzigen Knäuel imperialistischer Interessen.

Konnte sich der westliche Imperialismus mit dem Verlust einer so mächtigen Stütze im Osten und eines so reichen Reservoirs an Kräften und Mitteln abfinden, wie es das alte, zaristische, bürgerliche Rußland war, ohne alle seine Kräfte zu einem Kampf auf Leben und Tod gegen die Revolution in Rußland eingesetzt zu haben, um den Zarismus zu verteidigen und zu erhalten? Natürlich konnte er das nicht!

Daraus folgt aber: Wer den Schlag gegen den Zarismus führen wollte, musste unvermeidlich gegen den Imperialismus ausholen, wer sich gegen den Zarismus erhob, musste sich auch gegen den Imperialismus erheben, denn wer den Zarismus zu stürzen suchte, der musste auch den Imperialismus stürzen, sofern er wirklich gedachte, den Zarismus nicht nur zu zerschlagen, sondern ihn auch restlos zu vernichten. Die Revolution gegen den Zarismus näherte sich somit der Revolution gegen den Imperialismus, der proletarischen Revolution und musste in sie hinüberwachsen.

Indessen wuchs in Rußland eine gewaltige Volksrevolution empor, an deren Spitze das revolutionärste Proletariat der Welt stand, das einen so ernst zu nehmenden Verbündeten besaß wie die revolutionäre Bauernschaft Rußlands. Bedarf es noch eines Beweises, dass eine solche Revolution nicht auf halbem Wege stehen bleiben konnte, dass sie im Falle ihres Erfolges weitergehen und das Banner der Erhebung gegen den Imperialismus aufpflanzen musste?

Deshalb musste Rußland zum Knotenpunkt der Widersprüche des Imperialismus werden, nicht nur in dem Sinne, dass diese Widersprüche wegen ihres besonders ungeheuerlichen und besonders unerträglichen Charakters gerade in Rußland am leichtesten aufbrachen; nicht nur, weil Rußland eine höchst wichtige Stütze des westlichen Imperialismus war, die das Finanzkapital des Westens mit den Kolonien des Ostens verband, sondern auch deshalb, weil nur in Rußland die reale Kraft vorhanden war, die die Widersprüche des Imperialismus auf revolutionärem Wege zu lösen vermochte.

Daraus folgt aber, dass die Revolution in Rußland unvermeidlich zu einer proletarischen Revolution werden musste, dass sie gleich in den ersten Tagen ihrer Entwicklung internationalen Charakter annehmen, dass sie folglich unvermeidlich den Weltimperialismus in seinen Grundfesten er-schüttern musste.

Konnten sich die russischen Kommunisten bei einer solchen Sachlage in ihrer Arbeit auf den eng nationalen Rahmen der russischen Revolution beschränken? Natürlich nicht! Im Gegenteil, die ganze Situation, sowohl die innere (die tiefgehende revolutionäre Krise) als auch die äußere (der Krieg), trieb sie dazu, in ihrer Arbeit über diesen Rahmen hinauszugehen, den Kampf in die internationale Arena zu tragen, die Eiterbeulen des Imperialismus aufzudecken, die Unvermeidlichkeit des Zusammenbruchs des Kapitalismus zu beweisen, den Sozialchauvinismus und Sozialpazifismus zu zerschmettern und schließlich im eigenen Lande den Kapitalismus zu stürzen und für das Proletariat eine neue Kampfwaffe, die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution, zu schmieden, um den Proletariern aller Länder den Sturz des Kapitalismus zu er-leichtern. Die russischen Kommunisten konnten gar nicht anders handeln, denn nur auf diesem Wege konnte man auf gewisse Veränderungen in der internationalen Lage rechnen, die Rußland vor einer Restauration der bürgerlichen Zustände sicherzustellen vermochten.

Deshalb wurde Rußland zur Heimstätte des Leninismus und der Führer der russischen Kommunisten, Lenin, zu seinem Schöpfer.

Mit Rußland und Lenin "passierte" hier ungefähr dasselbe wie mit Deutschland und Marx-Engels in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Deutschland ging damals ebenso wie Rußland zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der bürgerlichen Revolution schwanger. Marx schrieb damals im "Kommunistischen Manifest":

"Auf Deutschland richten die Kommunisten ihre Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerlichen Revolution steht, und weil es diese Umwälzung unter fortgeschritteneren Bedingungen der europäischen Zivilisation überhaupt, und mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt als England im siebenzehnten und Frankreich im achtzehnten Jahrhundert, die deutsche bürgerliche Revolution also nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann."[Anmerkung 15]

Mit anderen Worten, das Zentrum der revolutionären Bewegung verschob sich nach Deutschland.

Es ist wohl kaum daran zu zweifeln, dass gerade dieser Umstand, der von Marx in dem angeführten Zitat hervorgehoben wird, die wahrscheinliche Ursache dafür bildete, dass gerade Deutschland das Geburtsland des wissenschaftlichen Sozialismus und die Führer des deutschen Proletariats, Marx und Engels, seine Schöpfer wurden.

Dasselbe gilt, jedoch in noch höherem Grade, von Rußland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Rußland befand sich in dieser Periode am Vorabend der bürgerlichen Revolution, es sollte diese Revolution unter fortgeschritteneren Bedingungen in Europa und mit einem entwickelteren Proletariat als Deutschland in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts (ganz zu schweigen von England und Frankreich) vollbringen, wobei alle Umstände dafür sprachen, dass diese Revolution zum Ferment und Vorspiel der proletarischen Revolution werden musste.

Es ist gewiss kein Zufall, dass Lenin schon im Jahre 1902, als die russische Revolution erst zu keimen begann, in seiner Schrift "Was tun?" die folgenden prophetischen Worte schrieb:

"Die Geschichte hat uns (d. h. den russischen Marxisten. J. St.) jetzt die nächste Aufgabe gestellt, welche die revolutionärste von allen nächsten Aufgaben des Proletariats irgendeines anderen Landes ist."

"Die Verwirklichung dieser Aufgabe, die Zerstörung des mächtigsten Bollwerks nicht nur der europäischen, sondern (wir können jetzt sagen) auch der asiatischen Reaktion, würde das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen revolutionären Proletariats machen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 5, S. 345 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd.!, S. 197).)

Mit anderen Worten, das Zentrum der revolutionären Bewegung musste sich nach Rußland verschieben.

Bekanntlich hat der Verlauf der Revolution in Rußland diese Voraussage Lenins vollauf bestätigt.

Ist es nach alledem verwunderlich, dass das Land, das eine solche Revolution vollbracht hat und ein solches Proletariat besitzt, zum Geburtsland der Theorie und Taktik der proletarischen Revolution geworden ist?

Ist es da verwunderlich, dass der Führer des russischen Proletariats, Lenin, zugleich auch zum Schöpfer dieser Theorie und Taktik und zum Führer des internationalen Proletariats geworden ist?

II. Die Methode

Ich habe bereits gesagt, dass zwischen Marx und Engels einerseits und Lenin anderseits ein ganzer Zeitabschnitt der Herrschaft des Opportunismus der II. Internationale liegt. Im Interesse der Genauigkeit muss ich hinzufügen, dass es sich hier nicht um die formale, sondern lediglich um die faktische Herrschaft des Opportunismus handelt. Formal standen an der Spitze der II. Internationale "rechtgläubige" Marxisten, die "Orthodoxen" - Kautsky und andere. In Wirklichkeit aber verlief die Hauptarbeit der II. Internationale auf der Linie des Opportunismus. Die Opportunisten passten sich infolge ihrer anpassungssüchtigen, kleinbürgerlichen Natur der Bourgeoisie an, die "Orthodoxen" aber passten sich ihrerseits den Opportunisten an, im Interesse der "Wahrung der Einheit" mit den Opportunisten, im Interesse des "Friedens in der Partei". Das Ergebnis war die Herrschaft des Opportunismus, denn die Kette zwischen der Politik der Bourgeoisie und der Politik der "Orthodoxen" erwies sich als geschlossen.

Das war die Periode einer verhältnismäßig friedlichen Entwicklung des Kapitalismus, sozusagen die Vorkriegsperiode, als die katastrophalen Widersprüche des Imperialismus noch nicht mit voller Deutlichkeit zutage getreten waren, als die wirtschaftlichen Streiks der Arbeiter und die Gewerkschaften sich mehr oder weniger "normal" entwickelten, als der Wahlkampf und die Parlamentsfraktionen "schwindelerregende" Erfolge brachten, als die legalen Formen des Kampfes in den Himmel gehoben wurden und man glaubte, mit Legalität den Kapitalismus "erledigen" zu können - mit einem Wort, als die Parteien der II. Internationale Fett ansetzten und nicht gewillt waren, an die Revolution, an die Diktatur des Proletariats und an die revolutionäre Erziehung der Massen ernsthaft zu denken.

Statt einer revolutionären Theorie aus einem Guss - einander widersprechende theoretische Sätze und Bruchstücke einer Theorie, die vom lebendigen revolutionären Kampf der Massen losgelöst waren und sich in morsche Dogmen verwandelt hatten. Zur Wahrung des Scheins gedachte man natürlich zuweilen der Theorie von Marx, aber nur, um aus ihr den lebendigen revolutionären Geist auszutreiben.

Statt einer revolutionären Politik - welkes Philistertum und "nüchterne" Politikasterei, parlamentarische Diplomatie und parlamentarische Kombinationen. Zur Wahrung des Scheins wurden natürlich "revolutionäre" Beschlüsse und Losungen angenommen, aber nur, um sie zu den Akten zu legen.

Statt die Partei an Hand ihrer eigenen Fehler zu erziehen und sie eine richtige revolutionäre Taktik zu lehren - geflissentliches Umgehen der brennenden Fragen, ihre Vertuschung und Verkleisterung. Zur Wahrung des Scheins war man natürlich nicht abgeneigt, über heikle Fragen auch mal zu reden, aber nur, um die Sache mit irgendeiner "Kautschuk"-Resolution abzutun.

Das war die Physiognomie der II. Internationale, ihre Arbeitsmethode, ihr Arsenal.

Indessen rückte eine neue Phase imperialistischer Kriege und revolutionärer Schlachten des Proletariats heran. Die alten Kampfmethoden erwiesen sich gegenüber der Allmacht des Finanzkapitals als offenkundig ungenügend und wirkungslos.

Es war notwendig, die gesamte Tätigkeit der II. Internationale, ihre ganze Arbeitsmethode einer Revision zu unterziehen und das Philistertum, die Engstirnigkeit, die Politikasterei und das Renegatentum, den Sozialchauvinismus und Sozialpazifismus auszumerzen. Es war notwendig, das gesamte Arsenal der II. Internationale zu überprüfen, alles, was verrostet und morsch war, über Bord zu werfen und neue Arten von Waffen zu schmieden. Ohne eine solche Vorarbeit war es zwecklos, in den Krieg gegen den Kapitalismus zu ziehen. Ohne diese Vorarbeit lief das Proletariat Gefahr, angesichts der neuen revolutionären Schlachten ungenügend gerüstet oder sogar ganz ungerüstet dazustehen.

Diese Ehre der Generalüberprüfung und der Generalsäuberung der Augiasställe der II. Internationale fiel dem Leninismus zu.

Das war die Lage, in der die Methode des Leninismus geboren und geschmiedet wurde.

Worin bestehen die Erfordernisse dieser Methode?

Erstens in der Überprüfung der theoretischen Dogmen der II. Internationale im Feuer des revolutionären Kampfes der Massen, im Feuer der lebendigen Praxis, das heißt in der Wiederherstellung der gestörten Einheit von Theorie und Praxis, in der Beseitigung der Kluft zwischen beiden, denn nur so ist es möglich, eine wirklich proletarische Partei zu schaffen, die mit der revolutionären Theorie gewappnet ist.

Zweitens in der Überprüfung der Politik der Parteien der II. Internationale nicht nach ihren Losungen und Resolutionen (denen man nicht glauben darf), sondern nach ihren Taten, nach ihren Handlungen, denn nur so ist es möglich, das Vertrauen der proletarischen Massen zu gewinnen und sich zu verdienen.

Drittens in der Umstellung der gesamten Parteiarbeit auf neue, auf revolutionäre Art, im Geiste der Erziehung und Vorbereitung der Massen zum revolutionären Kampf, denn nur so ist es möglich, die Massen zur proletarischen Revolution vorzubereiten.

Viertens in der Selbstkritik der proletarischen Parteien, in ihrer Schulung und Erziehung an Hand der eigenen Fehler, denn nur so ist es möglich, wirkliche Kader und wirkliche Führer der Partei zu erziehen.

Das ist die Grundlage und das Wesen der Methode des Leninismus.

Wie wurde diese Methode in der Praxis angewandt?

Bei den Opportunisten der II. Internationale gibt es eine Reihe theoretischer Dogmen, auf denen sie ständig herumreiten. Greifen wir einige von ihnen heraus.

Das erste Dogma betrifft die Bedingungen, unter denen das Proletariat die Macht ergreifen kann. Die Opportunisten versichern, das Proletariat könne und dürfe die Macht nicht ergreifen, wenn es nicht selbst die Mehrheit im Lande bildet. Von Beweisen keine Spur, denn diese unsinnige These lässt sich unmöglich theoretisch oder praktisch begründen. Nehmen wir an, dem wäre so, erwidert Lenin den Herrschaften aus der II. Internationale. Was aber, wenn eine historische Situation entstanden ist (Krieg, Agrarkrise usw.), die dem Proletariat, das die Minderheit der Bevölkerung ausmacht, die Möglichkeit bietet, die gewaltige Mehrheit der werktätigen Massen um sich zu scharen - warum sollte es dann nicht die Macht ergreifen? Warum sollte das Proletariat die günstige internationale und innere Situation nicht benutzen, um die Front des Kapitals zu durchbrechen und die allgemeine Entscheidung zu beschleunigen? Hat nicht Marx bereits in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gesagt, dass es um die proletarische Revolution in Deutschland "vorzüglich" bestellt sein könnte, wenn man sie unterstützen könnte sozusagen "durch eine Art zweite Auflage des Bauernkrieges"?[Anmerkung 16] Ist es nicht aller Welt bekannt, dass es damals in Deutschland verhältnismäßig weniger Proletarier gab als zum Beispiel im Jahre 1917 in Rußland? Hat nicht die Praxis der russischen proletarischen Revolution bewiesen, dass dieses Lieblingsdogma der Helden der II. Internationale für das Proletariat jeder lebenswichtigen Bedeutung entbehrt? Ist es nicht klar, dass die Praxis des revolutionären Kampfes der Massen dieses morsche Dogma widerlegt und zunichte macht?

Das zweite Dogma: Das Proletariat könne die Macht nicht behaupten, wenn es nicht über eine genügende Menge fertiger, kulturell hochstehender und in der Administration bewanderter Kader verfüge, die imstande sind, die Verwaltung des Landes zu organisieren; zuerst müsse man diese Kader unter den Verhältnissen des Kapitalismus heranbilden, und dann erst könne man die Macht übernehmen. Nehmen wir an, dem wäre so, erwidert Lenin. Aber warum sollte man die Sache nicht so bewerkstelligen können, dass zuerst die Macht übernommen wird, günstige Bedingungen für die Entwicklung des Proletariats geschaffen werden, und dass man dann mit Siebenmeilenschritten vorwärts schreitet zur Hebung des Kulturniveaus der werktätigen Massen, zur Heranbildung zahlreicher Kader von Leitern und Administratoren aus den Reihen der Arbeiter? Hat nicht die russische Praxis gezeigt, dass die Führerkader aus den Reihen der Arbeiter unter der proletarischen Macht hundertmal schneller und gründlicher wachsen als unter der Macht des Kapitals? Ist es nicht klar, dass die Praxis des revolutionären Kampfes der Massen auch dieses theoretische Dogma der Opportunisten schonungslos zunichte macht?

Das dritte Dogma: Die Methode des politischen Generalstreiks sei für das Proletariat unannehmbar, denn sie sei theoretisch unhaltbar (siehe die Kritik von Engels), praktisch gefährlich (sie könne den normalen Gang des Wirtschaftslebens des Landes zerrütten und auf die Gewerkschaftskassen verheerend wirken), und könne nicht die parlamentarischen Kampfformen ersetzen, die die Hauptform des Klassenkampfs des Proletariats seien. Schön, antworten die Leninisten, aber erstens kritisierte Engels nicht jeden Generalstreik, sondern nur eine bestimmte Art des Generalstreiks, und zwar den ökonomischen Generalstreik der Anarchisten,[Anmerkung 17] den die Anarchisten als Ersatz für den politischen Kampf des Proletariats vorschlugen - was hat das mit der Methode des politischen Generalstreiks zu tun? Zweitens, wo und von wem wurde bewiesen, dass die parlamentarische Form des Kampfes die Hauptform des Kampfes des Proletariats ist? Zeigt nicht die Geschichte der revolutionären Bewegung, dass der parlamentarische Kampf nur Schule und Hilfsmittel für die Organisierung des außerparlamentarischen Kampfes des Proletariats ist, dass die Grundfragen der Arbeiterbewegung unter dem Kapitalismus durch die Gewalt, durch den unmittelbaren Kampf der proletarischen Massen, durch ihren Generalstreik, ihren Aufstand entschieden werden? Drittens, wie kommt man auf die Frage einer Ersetzung des parlamentarischen Kampfes durch die Methode des politischen Generalstreiks? Wo und wann haben die Anhänger des politischen Generalstreiks versucht, die parlamentarischen Kampfformen durch außerparlamentarische Kampfformen zu ersetzen? Viertens, hat etwa die Revolution in Rußland nicht gezeigt, dass der politische Generalstreik eine gewaltige Schule der proletarischen Revolution und ein unersetzliches Mittel zur Mobilisierung und Organisierung der breitesten Massen des Proletariats am Vorabend des Sturmes auf die Festen des Kapitalismus ist- wozu hier also die philisterhaften Klagen über die Zerrüttung des normalen Ganges des Wirtschaftslebens und über die Gewerkschaftskassen? Ist es nicht klar, dass die Praxis des revolutionären Kampfes auch dieses Dogma der Opportunisten zerschlägt?

Usw. usf.

Deshalb sagte Lenin, dass "die revolutionäre Theorie kein Dogma ist", dass sie "nur in engem Zusammenhang mit der Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären Bewegung endgültige Gestalt annimmt" ("Die Kinderkrankheit"[Anmerkung 18]), denn die Theorie muss der Praxis dienen, denn "die Theorie soll auf die von der Praxis gestellten Fragen Antwort geben" ("Die Volksfreunde"[Anmerkung 19]), denn sie muss an Hand der Praxis überprüft werden.

Was die politischen Losungen und die politischen Beschlüsse der Parteien der II. Internationale betrifft, so genügt es, sich der Geschichte der Losung "Krieg dem Kriege" zu erinnern, um die ganze Falschheit und die ganze Fäulnis der politischen Praxis dieser Parteien zu erkennen, die ihre antirevolutionäre Tätigkeit mit pompösen revolutionären Losungen und Resolutionen bemänteln. Allen erinnerlich ist die pompöse Demonstration der II. Internationale auf dem Baseler Kongress,[Anmerkung 20] wo den Imperialisten mit allen Schrecken des Aufstands gedroht wurde, falls die Imperialisten es wagen sollten, den Krieg zu beginnen, und wo die dräuende Losung "Krieg dem Kriege" ausgegeben wurde. Aber wer erinnert sich nicht, dass nach einiger Zeit, unmittelbar vor Beginn des Krieges, die Baseler Resolution zu den Akten gelegt wurde und den Arbeitern eine neue Losung gegeben wurde - einander hinzumorden zum Ruhme des kapitalistischen Vaterlands? Ist es da nicht klar, dass revolutionäre Losungen und Resolutionen keinen Pfifferling wert sind, wenn sie nicht durch die Tat bekräftigt werden? Es genügt, die Leninsche Politik der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg und die verräterische Politik der II. Internationale während des Krieges einander gegenüberzustellen, um die ganze Plattheit der opportunistischen Politikaster, die ganze Größe der Methode des Leninismus zu erkennen.

Ich kann nicht umhin, hier eine Stelle aus Lenins Buch "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky" anzuführen, wo Lenin den opportunistischen Versuch des Führers der II. Internationale K. Kautsky, die Parteien nicht nach ihren Taten, sondern nach ihren papiernen Losungen und Dokumenten zu beurteilen, scharf geißelt:

"Kautsky treibt eine typisch spießbürgerliche, philisterhafte Politik, wenn er sich einbildet..., das Aufstellen einer Losung ändere etwas an der Sache. Die ganze Geschichte der bürgerlichen Demokratie entlarvt diese Illusion: um das Volk zu betrügen, gaben und geben die bürgerlichen Demokraten stets die beliebigsten ´Losungen´ aus. Es handelt sich darum, ihre Aufrichtigkeit zu prüfen, die Worte mit den Taten zu vergleichen, sich nicht mit idealistischen oder marktschreierischen Phrasen zufrieden zu geben, sondern zu suchen, der Klassenrealität auf den Grund zu kommen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 260 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 461).)

Ich rede schon gar nicht von der Furcht der Parteien der II. Internationale vor Selbstkritik, von ihrer Manier, ihre Fehler zu verheimlichen, heikle Fragen zu vertuschen, ihre Mängel durch die Vorspiegelung zu bemänteln, als sei alles in bester Ordnung, wodurch jeder lebendige Gedanke abgestumpft und die revolutionäre Erziehung der Partei an Hand der eigenen Fehler gehemmt wird, einer Manier, die von Lenin verspottet und angeprangert wurde. In seiner Schrift "Die Kinderkrankheit" schrieb Lenin über die Selbstkritik der proletarischen Parteien:

"Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. Einen Fehler offen zugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen - das ist das Merkmal einer ernsten Partei, das heißt Erfüllung ihrer Pflichten, das heißt Erziehung und Schulung der Klasse und dann auch der Masse." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 39 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 703).)

Manche sagen, es sei für die Partei gefährlich, die eigenen Fehler aufzudecken und Selbstkritik zu üben, da das vom Gegner gegen die Partei des Proletariats ausgenutzt werden könne. Lenin hielt solche Einwände für unernst und völlig falsch. Schon im Jahre 1904, als unsere Partei noch schwach und unbedeutend war, schrieb er darüber in seiner Schrift "Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück":

"Sie (das heißt die Gegner der Marxisten. J. St.) feixen und sind schadenfroh über unsere Streitigkeiten; sie werden sich natürlich bemühen, einzelne Stellen aus meiner Broschüre, die den Mängeln und Unzulänglichkeiten unserer Partei gewidmet ist, für ihre Zwecke aus dem Zusammenhang zu reißen. Die russischen Sozialdemokraten haben bereits genügend im Kugelregen der Schlachten gestanden, um sich durch diese Nadelstiche nicht beirren zu lassen, um dessen ungeachtet ihre Arbeit - Selbstkritik und rücksichtslose Enthüllung der eigenen Mängel - fortzusetzen, die durch das Wachstum der Arbeiterbewegung unbedingt und unvermeidlich ihre Überwindung finden werden." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 7, S. 190 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 327/328).)

Das sind im allgemeinen die charakteristischen Züge der Methode des Leninismus.

Was uns die Methode Lenins gibt, war in der Hauptsache bereits in der Marxschen Lehre enthalten, die nach den Worten von Marx "ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär"[Anmerkung 21] ist. Gerade dieser kritische und revolutionäre Geist durchdringt von Anfang bis zu Ende die Methode Lenins. Es wäre aber verfehlt anzunehmen, dass die Methode Lenins eine einfache Wiederherstellung dessen sei, was Marx gegeben hat. In Wirklichkeit bedeutet die Methode Lenins nicht nur die Wiederherstellung, sondern auch die Konkretisierung und Weiterentwicklung der kritischen und revolutionären Methode von Marx, seiner materialistischen Dialektik.

III. Die Theorie

Aus diesem Thema greife ich drei Fragen heraus:

a) die Bedeutung der Theorie für die proletarische Bewegung;

b) die Kritik der "Theorie" der Spontaneität;

c) die Theorie der proletarischen Revolution.

1. Die Bedeutung der Theorie. Manche glauben, der Leninismus sei das Primat der Praxis über die Theorie in dem Sinne, dass das Wesentliche in ihm die Umsetzung der marxistischen Grundsätze in die Tat, die "Ausführung" dieser Grundsätze sei, was dagegen die Theorie anbelangt, so sei der Leninismus in dieser Hinsicht ziemlich unbekümmert. Es ist bekannt, dass Plechanow sich mehr als einmal über die "Unbekümmertheit" Lenins bezüglich der Theorie und besonders der Philosophie lustig machte. Es ist auch bekannt, dass viele unter den heutigen praktisch tätigen Leninisten der Theorie nicht sehr gewogen sind, besonders angesichts der Unmasse praktischer Arbeit, die die Umstände ihnen aufzwingen. Ich muss erklären, dass diese mehr als sonderbare Meinung über Lenin und den Leninismus ganz falsch ist und in keiner Weise der Wirklichkeit entspricht, dass das Bestreben der Praktiker, sich über die Theorie hinwegzusetzen, dem ganzen Geiste des Leninismus widerspricht und große Gefahren für unsere Sache in sich birgt.

Die Theorie ist die Erfahrung der Arbeiterbewegung aller Länder, in ihrer allgemeinen Form genommen. Natürlich wird die Theorie gegenstandslos, wenn sie nicht mit der revolutionären Praxis verknüpft wird, genauso wie die Praxis blind wird, wenn sie ihren Weg nicht durch die revolutionäre Theorie beleuchtet. Aber die Theorie kann zu einer gewaltigen Kraft der Arbeiterbewegung werden, wenn sie sich in untrennbarer Verbindung mit der revolutionären Praxis herausbildet, denn sie, und nur sie, kann der Bewegung Sicherheit, Orientierungsvermögen und Verständnis für den inneren Zusammenhang der sich rings um sie abspielenden Ereignisse verleihen, denn sie, und nur sie, kann der Praxis helfen zu erkennen, nicht nur wie und wohin sich die Klassen in der Gegenwart bewegen, sondern auch, wie und wohin sie sich in der nächsten Zukunft werden bewegen müssen. Kein anderer als Lenin prägte und wiederholte Dutzende Male den bekannten Leitsatz:

"Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 5, S. 341 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S.194).)

Lenin verstand besser als jeder andere die große Bedeutung der Theorie, besonders für eine Partei wie die unsrige, angesichts der ihr zugefallenen Rolle, Vorkämpfer des internationalen Proletariats zu sein, und angesichts der komplizierten inneren und internationalen Lage, in der sie sich befindet. Lenin sah diese besondere Rolle unserer Partei bereits im Jahre 1902 voraus und hielt es schon damals für notwendig, darauf hinzuweisen, dass

"die Rolle des Vorkämpfers nur eine Partei erfüllen kann, die von einer fortgeschrittenen Theorie geleitet wird" (ebenda, S. 342, russ. (S. 195, deutsch)).

Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass jetzt, wo die Voraussage Lenins über die Rolle unserer Partei bereits zur Wirklichkeit geworden ist, dieser Leitsatz Lenins besondere Kraft und Bedeutung gewinnt.

Als den prägnantesten Ausdruck der hohen Bedeutung, die Lenin der Theorie beimaß, sollte man vielleicht die Tatsache betrachten, dass kein anderer als Lenin die Lösung der überaus ernsten Aufgabe in Angriff nahm, das Wichtigste von dem, was die Wissenschaft in der Periode von Engels bis Lenin gezeitigt hatte, auf dem Gebiet der materialistischen Philosophie zu verallgemeinern und die antimaterialistischen Strömungen unter den Marxisten einer allseitigen Kritik zu unterziehen. Engels sagte vom Materialismus: "Mit jeder epochemachenden Entdeckung... muss er seine Form ändern".[Anmerkung 22] Es ist bekannt, dass diese Aufgabe für seine Zeit kein anderer als Lenin in seinem vortrefflichen Buch "Materialismus und Empiriokritizismus"[Anmerkung 23] gelöst hat. Man weiß, dass Plechanow, der sich gern über die "Unbekümmertheit" Lenins bezüglich der Philosophie lustig machte, es nicht einmal gewagt hat, ernsthaft an die Lösung einer solchen Aufgabe heranzugehen.

2. Die Kritik der "Theorie" der Spontaneität oder die Rolle der Avantgarde in der Bewegung. Die "Theorie" der Spontaneität ist die Theorie des Opportunismus, die Theorie der Anbetung der Spontaneität der Arbeiterbewegung, die Theorie der tatsächlichen Leugnung der führenden Rolle der Avantgarde der Arbeiterklasse, der Partei der Arbeiterklasse.

Die Theorie der Anbetung der Spontaneität richtet sich entschieden gegen den revolutionären Charakter der Arbeiterbewegung, sie ist dagegen, dass die Bewegung in die Bahnen des Kampfes gegen die Grundlagen des Kapitalismus gelenkt werde, sie ist dafür, dass die Bewegung ausschließlich auf der Linie "erfüllbarer", für den Kapitalismus "annehmbarer" Forderungen verlaufe, sie ist ganz und gar für "die Linie des geringsten Widerstandes". Die Theorie der Spontaneität ist die Ideologie des Trade-Unionismus.

Die Theorie der Anbetung der Spontaneität wendet sich entschieden dagegen, dass der spontanen Bewegung ein bewusster, planmäßiger Charakter verliehen werde, sie ist dagegen, dass die Partei der Arbeiterklasse vorangehe, dass die Partei die Massen auf das Niveau der Bewusstheit erhebe, dass die Partei die Bewegung führe, sie ist dafür, dass die bewussten Elemente der Bewegung diese nicht hindern sollen, ihren eigenen Weg zu gehen, sie ist dafür, dass die Partei lediglich auf die spontane Bewegung höre und hinter ihr einhertrotte. Die Theorie der Spontaneität ist die Theorie der Herabminderung der Rolle des bewussten Elements in der Bewegung, die Ideologie der "Nachtrabpolitik", die logische Grundlage jeder Art von Opportunismus.

Praktisch führte diese Theorie, die schon vor der ersten Revolution in Rußland auf den Plan trat, dazu, dass ihre Anhänger, die so genannten "Ökonomisten", die Notwendigkeit einer selbständigen Arbeiterpartei in Rußland leugneten, sich dem revolutionären Kampf der Arbeiterklasse für den Sturz des Zarismus widersetzten, eine trade-unionistische Politik in der Bewegung predigten und überhaupt die Arbeiterbewegung der Hegemonie der liberalen Bourgeoisie auslieferten.

Durch den Kampf der alten "Iskra" und die glänzende Kritik der Theorie der "Nachtrabpolitik" in Lenins Schrift "Was tun?" wurde nicht nur der so genannte "Ökonomismus" geschlagen, sondern es wurden auch die theoretischen Grundlagen für eine wirklich revolutionäre Bewegung der russischen Arbeiterklasse geschaffen.

Ohne diesen Kampf wäre an die Schaffung einer selbständigen Arbeiterpartei in Rußland und an ihre führende Rolle in der Revolution nicht zu denken gewesen.

Aber die Theorie der Anbetung der Spontaneität ist nicht nur eine russische Erscheinung. Sie ist, allerdings in etwas anderer Form, in allen Parteien der II. Internationale ohne Ausnahme aufs weiteste verbreitet. Ich denke hier an die so genannte Theorie der "Produktivkräfte", die, von den Führern der II. Internationale verflacht, alles rechtfertigt und alle versöhnt, die Tatsachen konstatiert und erklärt, wenn sie bereits allen zum Halse heraushängen, und sich mit dieser Konstatierung zufrieden gibt. Marx sagte, dass sich die materialistische Theorie nicht darauf beschränken darf, die Welt zu interpretieren, dass es vielmehr darauf ankommt, sie zu verändern.[Anmerkung 24] Aber Kautsky und Konsorten kümmert das nicht, sie ziehen es vor, bei dem ersten Teil der Marxschen Formel stehen zu bleiben.

Hier eins von vielen Beispielen dafür, wie diese "Theorie" angewandt wird. Man sagt, die Parteien der II. Internationale hätten vor dem imperialistischen Krieg gedroht, "Krieg dem Kriege" zu erklären, falls die Imperialisten den Krieg beginnen sollten. Man sagt, dass unmittelbar vor Beginn des Krieges diese Parteien die Losung "Krieg dem Kriege" zu den Akten gelegt und die entgegengesetzte Losung "Krieg für das imperialistische Vaterland" verwirklicht haben. Man sagt, dass infolge dieses Losungswechsels Millionen Arbeiter ihr Leben haben opfern müssen. Es wäre aber falsch zu glauben, dass es hier Schuldige gebe, dass irgendwer der Arbeiterklasse untreu geworden sei oder sie verraten habe. Weit gefehlt! Alles sei so gekommen, wie es kommen musste. Erstens, weil die Internationale, so erfährt man, "ein Instrument des Friedens" und nicht des Krieges sei. Zweitens, weil bei dem damals vorhandenen "Entwicklungsstand der Produktivkräfte" nichts anderes unternommen werden konnte. "Schuld" seien die "Produktivkräfte". Herrn Kautskys "Theorie der Produktivkräfte" erklärt "uns" das haargenau. Und wer an diese "Theorie" nicht glaubt, sei kein Marxist. Die Rolle der Parteien? Ihre Bedeutung in der Bewegung? Aber was kann die Partei ausrichten gegen einen so entscheidenden Faktor wie den "Entwicklungsstand der Produktivkräfte"?...

Solcher Beispiele der Verfälschung des Marxismus könnte man eine ganze Menge anführen.

Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass dieser verfälschte "Marxismus", der die Blöße des Opportunismus verdecken soll, nur eine europäisch umgemodelte Form der Theorie der "Nachtrabpolitik" ist, gegen die Lenin schon vor der ersten russischen Revolution kämpfte.

Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die Vorbedingung für die Schaffung wirklich revolutionärer Parteien im Westen darin besteht, diese theoretische Verfälschung zunichte zu machen.

3. Die Theorie der proletarischen Revolution. Die Leninsche Theorie der proletarischen Revolution geht von drei grundlegenden Leitsätzen aus:

Erster Leitsatz. Herrschaft des Finanzkapitals in den fortgeschrittenen Ländern des Kapitalismus; Emission von Wertpapieren als eine der wichtigsten Operationen des Finanzkapitals; Kapitalexport nach den Rohstoffquellen als eine der Grundlagen des Imperialismus; Allmacht der Finanzoligarchie als Resultat der Herrschaft des Finanzkapitals - all dies enthüllt den brutal-parasitären Charakter des Monopolkapitalismus, macht das Joch der kapitalistischen Truste und Syndikate hundertmal fühlbarer, lässt die Empörung der Arbeiterklasse gegen die Grundlagen des Kapitalismus noch stärker anwachsen und führt die Massen zur proletarischen Revolution als der einzigen Rettung (siehe "Imperialismus"[Anmerkung 25] von Lenin).

Daraus ergibt sich als erste Schlussfolgerung: die Verschärfung der revolutionären Krise innerhalb der kapitalistischen Länder, die Anhäufung von Zündstoff an der inneren, der proletarischen Front in den "Mutterländern".

Zweiter Leitsatz. Verstärkter Kapitalexport in die kolonialen und abhängigen Länder; Ausbreitung der "Einflusssphären" und des Kolonialbesitzes bis zur Erfassung des ganzen Erdballs; Umwandlung des Kapitalismus in ein Weltsystem der finanziellen Versklavung und kolonialen Unterdrückung der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung der Erde durch eine Handvoll "fortgeschrittener" Länder - all dies hat einerseits die einzelnen nationalen Wirtschaften und nationalen Territorien in Glieder einer einheitlichen Kette, genannt Weltwirtschaft, verwandelt und anderseits die Bevölkerung des Erdballs in zwei Lager gespalten: in eine Handvoll "fortgeschrittener" kapitalistischer Länder, die ausgedehnte koloniale und abhängige Länder ausbeuten und unterdrücken, und in eine übergroße Mehrheit von kolonialen und abhängigen Ländern, die gezwungen sind, für die Befreiung vom imperialistischen Joch zu kämpfen (siehe "Imperialismus").

Daraus ergibt sich als zweite Schlussfolgerung: die Verschärfung der revolutionären Krise in den Kolonialländern, das Anwachsen der Elemente der Empörung gegen den Imperialismus an der äußeren, an der kolonialen Front.

Dritter Leitsatz. Monopolistische Herrschaft über die "Einflusssphären" und die Kolonien; ungleichmäßige Entwicklung der kapitalistischen Länder, die zu einem wütenden Kampf um die Neuaufteilung der Welt zwischen jenen Ländern führt, die bereits Territorien an sich gerissen haben, und jenen, die ebenfalls ihren "Anteil" erhalten wollen; imperialistische Kriege als einziges Mittel, das gestörte "Gleichgewicht" wiederherzustellen - all dies führt zur Verstärkung der dritten Front, der zwischenkapitalistischen Front, die den Imperialismus schwächt und die Vereinigung der beiden ersten Fronten, der revolutionär-proletarischen Front und der Front der kolonialen Befreiungsbewegung, gegen den Imperialismus erleichtert (siehe "Imperialismus").

Daraus ergibt sich als dritte Schlussfolgerung: die Unabwendbarkeit von Kriegen unter dem Imperialismus und die Unausbleiblichkeit der Koalition zwischen der proletarischen Revolution in Europa und der kolonialen Revolution im Osten zu einer einheitlichen Weltfront der Revolution gegen die Weltfront des Imperialismus.

Alle diese Schlussfolgerungen vereinigt Lenin zu der allgemeinen Schlussfolgerung: "Der Imperialismus ist der Vorabend der sozialistischen Revolution" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 22, 5.175 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 767)).

Demgemäß ändert sich auch die Stellungnahme zur Frage der proletarischen Revolution, des Charakters der Revolution, ihres Umfangs, ihrer Tiefe, ändert sich das Schema der Revolution überhaupt.

Früher pflegte man an die Analyse der Voraussetzungen der proletarischen Revolution vom Standpunkt des ökonomischen Zustands dieses oder jenes einzelnen Landes heranzugehen. Jetzt ist diese Art des Herangehens bereits unzulänglich. Jetzt muss man an diese Frage vom Standpunkt des ökonomischen Zustands aller Länder oder ihrer Mehrheit, vom Standpunkt des Zustands der Weltwirtschaft herangehen, denn die einzelnen Länder und die einzelnen nationalen Wirtschaften haben aufgehört, sich selbst genügende Einheiten zu sein, sie haben sich in Glieder einer einheitlichen Kette, genannt Weltwirtschaft, verwandelt, denn der alte "zivilisierte" Kapitalismus ist zum Imperialismus geworden, der Imperialismus aber ist ein Weltsystem finanzieller Versklavung und kolonialer Unterdrückung der gigantischen Mehrheit der Bevölkerung der Erde durch eine Handvoll "fortgeschrittener" Länder.

Früher war es üblich, vom Vorhandensein oder Fehlen objektiver Bedingungen für die proletarische Revolution in den einzelnen Ländern oder, genauer gesagt, in diesem oder jenem entwickelten Lande zu sprechen. Jetzt ist dieser Standpunkt bereits unzulänglich. Jetzt muss man vom Vorhandensein objektiver Bedingungen für die Revolution im ganzen System der imperialistischen Weltwirtschaft als eines einheitlichen Ganzen sprechen, wobei der Umstand, dass diesem System einige industriell mangelhaft entwickelte Länder angehören, kein unüberwindliches Hindernis für die Revolution bilden kann, wenn das System als Ganzes oder, richtiger gesagt, da das System als Ganzes bereits für die Revolution reif geworden ist.

Früher war es üblich, von der proletarischen Revolution in diesem oder jenem entwickelten Lande als von einer einzelnen, sich selbst genügenden Größe zu sprechen, die der einzelnen, nationalen Front des Kapitals als ihrem Antipoden entgegengestellt wurde. Jetzt ist dieser Standpunkt bereits unzulänglich. Jetzt muss man von der proletarischen Weltrevolution sprechen, denn die einzelnen nationalen Fronten des Kapitals haben sich in Glieder einer einheitlichen Kette verwandelt, genannt die Weltfront des Imperialismus, der die allgemeine Front der revolutionären Bewegung aller Länder entgegengestellt werden muss.

Früher betrachtete man die proletarische Revolution ausschließlich als Ergebnis der inneren Entwicklung des betreffenden Landes. Jetzt ist dieser Standpunkt bereits unzulänglich. Jetzt muss man die proletarische Revolution vor allem als Ergebnis der Entwicklung der Widersprüche im Weltsystem des Imperialismus betrachten, als Ergebnis dessen, dass die Kette der imperialistischen Weltfront in diesem oder jenem Lande reißt.

Wo wird die Revolution beginnen, wo kann am ehesten die Front des Kapitals durchbrochen werden, in welchem Lande?

Dort, wo die Industrie am entwickeltsten ist, wo das Proletariat die Mehrheit bildet, wo es mehr Kultur, wo es mehr Demokratie gibt - pflegte man früher zu antworten.

Nein - entgegnet die Leninsche Theorie der Revolution -, nicht unbedingt dort, wo die Industrie am entwickeltsten ist usw. Die Front des Kapitals wird dort reißen, wo die Kette des Imperialismus am schwächsten ist, denn die proletarische Revolution ist das Ergebnis dessen, dass die Kette der imperialistischen Weltfront an ihrer schwächsten Stelle reißt, wobei es sich erweisen kann, dass das Land, das die Revolution begonnen hat, das Land, das die Front des Kapitals durchbrochen hat, kapitalistisch weniger entwickelt ist als andere, entwickeltere Länder, die jedoch im Rahmen des Kapitalismus verblieben sind.

Im Jahre 1917 erwies sich die Kette der imperialistischen Weltfront in Rußland als schwächer denn in anderen Ländern. Dort riss sie auch und gab der proletarischen Revolution den Weg frei. Warum? Weil sich in Rußland eine gewaltige Volksrevolution entfaltete, an deren Spitze ein revolutionäres Proletariat marschierte, das einen so ernst zu nehmenden Verbündeten hatte wie die Millionenmassen der von Gutsbesitzern unterdrückten und ausgebeuteten Bauernschaft. Weil dort der Revolution ein so widerlicher Vertreter des Imperialismus gegenüberstand wie der Zarismus, der jedes moralischen Gewichts entbehrte und sich den all-gemeinen Hass der Bevölkerung zugezogen hatte. In Rußland erwies sich die Kette als schwächer, obgleich Rußland kapitalistisch weniger entwickelt war als, sagen wir, Frankreich oder Deutschland, England oder Amerika.

Wo wird die Kette in nächster Zukunft reißen? Wiederum dort, wo sie am schwächsten ist. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kette, sagen wir, in Indien reißen kann. Warum? Weil es dort ein junges, kämpferisches, revolutionäres Proletariat gibt, das einen Bundesgenossen hat wie die nationale Befreiungsbewegung, einen unzweifelhaft großen und unzweifelhaft ernst zu nehmenden Bundesgenossen. Weil der Revolution dort ein so allbekannter Gegner gegenübersteht wie der fremdländische Imperialismus, der jedes moralischen Kredits entbehrt und sich den allgemeinen Hass der unterdrückten und ausgebeuteten Massen Indiens zugezogen hat.

Es ist auch durchaus möglich, dass die Kette in Deutschland reißen kann. Warum? Weil die, sagen wir, in Indien wirkenden Faktoren auch in Deutschland zu wirken beginnen, wobei selbstverständlich der gewaltige Unterschied im Entwicklungsniveau, der zwischen Indien und Deutschland besteht, dem Gang und Ausgang der Revolution in Deutschland seinen Stempel aufdrücken muss.

Aus diesem Grunde sagt Lenin:

"Die westeuropäischen kapitalistischen Länder werden ihre Entwicklung zum Sozialismus ... nicht dadurch vollenden, dass der Sozialismus in diesen Ländern gleichmäßig ,ausreift´, sondern auf dem Wege der Ausbeutung der einen Staaten durch die anderen, auf dem Wege der Ausbeutung des ersten während des imperialistischen Krieges besiegten Staates, verbunden mit der Ausbeutung des gesamten Ostens. Der Osten anderseits wurde eben infolge dieses ersten imperialistischen Krieges endgültig von einer revolutionären Bewegung erfasst und endgültig in den allgemeinen Strudel der revolutionären Weltbewegung hineingerissen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 457 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.10171.))

Kurzum: Die Kette der imperialistischen Front muss, als Regel, dort reißen, wo die Glieder der Kette am schwächsten sind, und keinesfalls unbedingt dort, wo der Kapitalismus am entwickeltsten ist und wo es soundso viel Prozent Proletarier, soundso viel Prozent Bauern gibt usw.

Deshalb kommt den statistischen Berechnungen über die prozentuale Stärke des Proletariats in den einzelnen Ländern bei der Lösung der Frage der proletarischen Revolution nicht jene hervorragende Bedeutung zu, die ihnen so gern von den Schriftgelehrten der II. Internationale beigemessen wurde, die den Imperialismus nicht begriffen haben und die Revolution wie die Pest fürchten.

Ferner. Die Helden der II. Internationale behaupteten (und behaupten auch weiter), dass zwischen der bürgerlich-demokratischen Revolution einerseits und der proletarischen anderseits ein Abgrund klaffe oder jedenfalls eine chinesische Mauer stehe, die die eine von der anderen durch ein mehr oder minder langes Intervall trennt, in dessen Verlauf die zur Macht gelangte Bourgeoisie den Kapitalismus entwickelt, während das Proletariat seine Kräfte sammelt und sich zum "entscheidenden Kampf" gegen den Kapitalismus vorbereitet. Dieses Intervall wird in der Regel auf viele Jahrzehnte, wenn nicht auf noch längere Zeit veranschlagt. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass diese "Theorie" der chinesischen Mauer unter den Verhältnissen des Imperialismus jedes wissenschaftlichen Sinnes bar ist, dass sie nur eine Bemäntelung, eine Beschönigung der konterrevolutionären Gelüste der Bourgeoisie ist und nichts anderes sein kann. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass unter den Verhältnissen des Imperialismus, der mit Zusammenstößen und Kriegen schwanger geht, unter den Verhältnissen des "Vorabends der sozialistischen Revolution", wo der "blühende" Kapitalismus sich in den "sterbenden" Kapitalismus verwandelt (Lenin) und die revolutionäre Bewegung in allen Ländern der Welt anwächst, wo sich der Imperialismus mit allen reaktionären Kräften ohne Ausnahme, einschließlich des Zarismus und Feudalismus, verbündet und damit den Zusammenschluss aller revolutionären Kräfte, von der proletarischen Bewegung im Westen bis zur nationalen Befreiungsbewegung im Osten, notwendig macht, wo die Abschüttelung der Überreste der feudal-fronherrschaftlichen Zustände ohne den revolutionären Kampf gegen den Imperialismus unmöglich wird - es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die bürgerlich-demokratische Revolution in einem mehr oder weniger entwickelten Lande unter solchen Verhältnissen an die proletarische Revolution herankommen muss, dass die erste in die zweite hinüberwachsen muss. Die Geschichte der Revolution in Rußland hat augenfällig die Richtigkeit und Unbestreitbarkeit dieser These bewiesen. Nicht umsonst hat Lenin bereits im Jahre 1905, am Vorabend der ersten russischen Revolution, in seiner Schrift "Zwei Taktiken" die bürgerlich-demokratische Revolution und die sozialistische Umwälzung als zwei Glieder einer Kette dargestellt, als einheitliches und geschlossenes Bild vom Schwung der russischen Revolution.

"Das Proletariat muss die demokratische Umwälzung zu Ende führen, indem es die Masse der Bauernschaft an sich heranzieht, um den Widerstand des Absolutismus mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren. Das Proletariat muss die sozialistische Umwälzung vollziehen, indem es die Masse der halbproletarischen Elemente der Bevölkerung an sich heranzieht, um den Widerstand der Bourgeoisie mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu paralysieren. Das sind die Aufgaben des Proletariats, die sich die Leute von der neuen ´Iskra´ in allen ihren Betrachtungen und Resolutionen über den Schwung der Revolution so beschränkt vorstellen." (Siehe Lenin, 4. Ausgabe, Bd.9, S. 81 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S.49714981.)

Ich spreche schon gar nicht von den anderen, späteren Werken Lenins, wo die Idee des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die proletarische als einer der Grundpfeiler der Leninschen Revolutionstheorie noch plastischer hervortritt als in den "Zwei Taktiken".

Manche Genossen sind, wie sich herausstellt, der Ansicht, Lenin sei erst im Jahre 1916 zu dieser Idee gelangt, bis dahin habe er gemeint, dass sich die Revolution in Rußland im bürgerlichen Rahmen halten, dass also die Macht aus den Händen des Organs der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft in die Hände der Bourgeoisie und nicht des Proletariats übergehen würde. Diese Behauptung soll sogar in unsere kommunistische Presse eingedrungen sein. Ich muss sagen, dass diese Behauptung völlig falsch ist, dass sie keineswegs der Wirklichkeit entspricht.

Ich könnte mich auf die bekannte Rede Lenins auf dem III. Parteitag (1905) berufen, wo er die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, das heißt den Sieg der demokratischen Revolution, nicht als "Organisation der ,Ordnung´", sondern als "Organisation des Krieges" qualifizierte (siehe 4. Ausgabe, Bd. 8, S. 353, russ.).

Ich könnte mich weiter auf die bekannten Artikel Lenins "Über die provisorische Regierung" (1905)[Anmerkung 26] berufen, wo er die Perspektive der Entfaltung der russischen Revolution entwirft und der Partei die Aufgabe stellt, "zu erreichen, dass die russische Revolution nicht eine Bewegung von einigen Monaten, sondern eine Bewegung von vielen Jahren werde, dass sie nicht nur zu kleinen Zugeständnissen der Gewalthaber, sondern zu deren völligem Sturz führe", und wo er, diese Perspektive weiterentwickelnd und sie mit der Revolution in Europa verbindend, fortfährt:

"Wenn dies aber gelingt, dann ... dann wird der revolutionäre Brand Europa in Flammen setzen; der unter der bürgerlichen Reaktion schmachtende europäische Arbeiter wird sich seinerseits erheben und uns zeigen, ,wie man´s macht´; dann wird der revolutionäre Aufschwung Europas auf Rußland zurückwirken und aus der Epoche einiger Revolutionsjahre eine Epoche von mehreren Revolutionsjahrzehnten machen ..." (Ebenda, S. 259, russ.)

Ich könnte mich ferner auf einen bekannten, im November 1915 veröffentlichten Artikel Lenins berufen, wo er schreibt:

"Das Proletariat kämpft - und wird selbstlos weiterkämpfen - für die Eroberung der Macht, für die Republik, für die Konfiszierung der Ländereien, ...für die Beteiligung der ´nichtproletarischen Volksmassen´ an der Befreiung des bürgerlichen Rußlands vom militärisch-feudalen ´Imperialismus´ (=Zarismus). Und diese Befreiung des bürgerlichen Rußlands vom Zarismus, von der Herrschaft der Gutsbesitzer über den Boden, wird das Proletariat unverzügliche ausnutzen, nicht um den wohlhabenden Bauern in ihrem Kampf gegen die Landarbeiter zu helfen, sondern um die sozialistische Revolution im Bunde mit den Proletariern Europas zu vollbringen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 382/383, russ.)

Ich könnte mich schließlich auf die bekannte Stelle in der Schrift Lenins "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky" berufen, wo er, unter Hinweis auf das oben angeführte Zitat aus "Zwei Taktiken" über den Schwung der russischen Revolution, zu folgender Schlussfolgerung gelangt:

"Es kam denn auch so, wie wir gesagt hatten. Der Verlauf der Revolution hat die Richtigkeit unserer Argumentation bestätigt. Zuerst zusammen mit der ´gesamten´ Bauernschaft gegen die Monarchie, gegen die Gutsbesitzer, gegen das Mittelalter (und insoweit bleibt die Revolution eine bürgerliche, bürgerlich-demokratische Revolution). Dann zusammen mit der armen Bauernschaft, zusammen mit dem Halbproletariat, zusammen mit allen Ausgebeuteten gegen den Kapitalismus, einschließlich der Dorfreichen, der Kulaken, der Spekulanten, und insofern wird die Revolution zu einer sozialistischen Revolution. Der Versuch, künstlich eine chinesische Mauer zwischen dieser und jener aufzurichten, sie voneinander durch etwas anderes zu trennen als durch den Grad der Vorbereitung des Proletariats und den Grad seines Zusammenschlusses mit der Dorfarmut, ist die größte Entstellung und Vulgarisierung des Marxismus, seine Ersetzung durch den Liberalismus." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 2761277 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. 11, S. 477/4781.)

Das genügt wohl.

Schön, wird man sagen, aber weshalb bekämpfte dann Lenin die Idee der "permanenten (ununterbrochenen) Revolution"?

Weil Lenin vorschlug, die revolutionären Fähigkeiten der Bauernschaft "auszuschöpfen" und ihre revolutionäre Energie restlos zur völligen Beseitigung des Zarismus, zum Übergang zur proletarischen Revolution auszunutzen, während die Anhänger der "permanenten Revolution" die große Rolle der Bauernschaft in der russischen Revolution nicht verstanden, die Kraft der revolutionären Energie der Bauernschaft ebenso wie die Kraft und die Fähigkeit des russischen Proletariats, die Bauernschaft zu führen, unterschätzten, und so die Befreiung der Bauernschaft vom Einfluss der Bourgeoisie, den Zusammenschluss der Bauernschaft um das Proletariat erschwerten.

Weil Lenin vorschlug, das Werk der Revolution durch den Übergang der Macht an das Proletariat zu krönen, während die Anhänger der "permanenten" Revolution direkt mit der Macht des Proletariats beginnen wollten, ohne zu begreifen, dass sie damit eine solche "Kleinigkeit" übersehen wie die Überreste des Feudalismus und eine so ernst zu nehmende Kraft außer acht lassen wie die russische Bauernschaft, ohne zu begreifen, dass eine solche Politik die Gewinnung der Bauernschaft für das Proletariat nur hemmen kann.

Lenin kämpfte also gegen die Anhänger der "permanenten" Revolution nicht wegen der Frage der Permanenz, denn Lenin selbst stand auf dem Standpunkt der ununterbrochenen Revolution, sondern weil sie die Rolle der Bauernschaft unterschätzten, die eine gewaltige Reserve des Proletariats bildet, weil sie die Idee der Hegemonie des Proletariats nicht begriffen.

Die Idee der "permanenten" Revolution darf nicht als eine neue Idee betrachtet werden. Sie wurde zum erstenmal von Marx Ende der vierziger Jahre in seiner bekannten "Ansprache" an den "Bund der Kommunisten" (1850) entwickelt. Diesem Dokument haben denn auch unsere "Permanenzler" die Idee der ununterbrochenen Revolution entnommen. Zu bemerken ist, dass unsere "Permanenzler" diese von Marx entlehnte Idee etwas abgeändert und durch diese Abänderung "verballhornt" und für den praktischen Gebrauch untauglich gemacht haben. Es bedurfte der erfahrenen Hand Lenins, damit dieser Fehler korrigiert, die Marxsche Idee der ununterbrochenen Revolution in ihrer reinen Gestalt aufgenommen und zu einem der Grundpfeiler seiner Theorie der Revolution gemacht wurde.

Folgendes sagt Marx in seiner "Ansprache" nach Aufzählung einer Reihe revolutionär-demokratischer Forderungen, zu deren Durchsetzung er die Kommunisten auffordert, über die ununterbrochene (permanente) Revolution:

"Während die demokratischen Kleinbürger die Revolution möglichst rasch und unter Durchführung höchstens der obigen Ansprüche zum Abschlusse bringen wollen, ist es unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, dass die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat, und dass wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind."[Anmerkung 27]

Mit anderen Worten:

a) Marx hat keineswegs vorgeschlagen, das Werk der Revolution im Deutschland der fünfziger Jahre direkt mit der proletarischen Macht zu beginnen, im Gegensatz zu den Plänen unserer russischen "Permanenzler";

b) Marx hat lediglich vorgeschlagen, das Werk der Revolution mit der proletarischen Staatsmacht zu krönen, indem Schritt für Schritt eine Fraktion der Bourgeoisie nach der anderen von der Höhe der Macht verdrängt wird, um dann, nach Erringung der Macht des Proletariats, die Revolution in allen Ländern zu entfachen - in vollem Einklang mit alledem, was Lenin lehrte und im Laufe unserer Revolution verwirklichte, indem er seiner Theorie der proletarischen Revolution unter den Verhältnissen des Imperialismus folgte.

Demnach haben unsere russischen "Permanenzler" nicht nur die Rolle der Bauernschaft in der russischen Revolution und die Bedeutung der Idee der Hegemonie des Proletariats unterschätzt, sondern auch die Marxsche Idee von der "permanenten" Revolution (zum Schlechteren) abgeändert und für die Praxis untauglich gemacht.

Deshalb machte sich Lenin über die Theorie unserer "Permanenzler" lustig, nannte sie "originell" und "wunderbar" und warf ihnen vor, dass sie sich "keine Gedanken darüber machen wollen, aus welchen Gründen das Leben volle zehn Jahre an dieser wunderbaren Theorie vorbeigegangen ist". (Lenins Artikel wurde 1915 geschrieben, 10 Jahre nach dem Aufkommen der Theorie der "Permanenzler" in Rußland - siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 381, russ.)

Deshalb hielt Lenin diese Theorie für halbmenschewistisch und sagte, dass sie "von den Bolschewiki den Appell zum entschlossenen revolutionären Kampf des Proletariats und zur Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, von den Menschewiki aber die ,Negierung´ der Rolle der Bauernschaft übernimmt" (siehe Lenins Artikel "Über die zwei Linien der Revolution", ebenda, S. 381/382, russ.).

So verhält es sich mit der Idee Lenins vom Hinüberwachsen der bürgerlich-demokratischen Revolution in die proletarische, von der Ausnutzung der bürgerlichen Revolution für den "sofortigen" Übergang zur proletarischen Revolution.

Weiter. Früher hielt man den Sieg der Revolution in einem Lande für unmöglich, da man annahm, dass zum Siege über die Bourgeoisie eine gemeinsame Aktion der Proletarier aller fortgeschrittenen Länder oder jedenfalls der Mehrzahl dieser Länder erforderlich sei. Jetzt entspricht diese Ansicht nicht mehr der Wirklichkeit. Jetzt muss man von der Möglichkeit eines solchen Sieges ausgehen, denn der ungleichmäßige und sprunghafte Charakter der Entwicklung der verschiedenen kapitalistischen Länder unter den Verhältnissen des Imperialismus, die Entwicklung der katastrophalen Widersprüche innerhalb des Imperialismus, die unausweichlich zu Kriegen führen, das Anwachsen der revolutionären Bewegung in allen Ländern der Welt - all das macht den Sieg des Proletariats in einzelnen Ländern nicht nur möglich, sondern auch notwendig. Die Geschichte der Revolution in Rußland ist ein direkter Beweis dafür. Nur muss man dabei im Auge behalten, dass die Bourgeoisie nur dann erfolgreich gestürzt werden kann, wenn gewisse, absolut notwendige Bedingungen vorhanden sind, ohne die an eine Machtergreifung durch das Proletariat nicht zu denken ist.

Über diese Bedingungen sagt Lenin in seiner Schrift "Die Kinderkrankheit":

"Das Grundgesetz der Revolution, das durch alle Revolutionen und insbesondere durch alle drei russischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts bestätigt worden ist, besteht in folgendem: Zur Revolution genügt es nicht, dass sich die ausgebeuteten und geknechteten Massen der Unmöglichkeit, in der alten Weise weiterzuleben, bewusst werden und eine Änderung fordern; zur Revolution ist es notwendig, dass die Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können. Erst dann, wenn die ,unteren Schichten´ die alte Ordnung nicht mehr wollen und die ,Oberschichten´ nicht mehr in der alten Weise leben können, erst dann kann die Revolution siegen. Mit anderen Worten kann man diese Wahrheit so ausdrücken: Die Revolution ist unmöglich ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise. Folglich ist zur Revolution notwendig: erstens, dass die Mehrheit der Arbeiter (oder jedenfalls die Mehrheit der klassenbewussten, denkenden, politisch aktiven Arbeiter) die Notwendigkeit des Umsturzes völlig begreift und bereit ist, seinetwegen in den Tod zu gehen; zweitens, dass die herrschenden Klassen eine Regierungskrise durchmachen, die sogar die rückständigsten Massen in die Politik hineinzieht..., die Regierung kraftlos macht und den Revolutionären den schnellen Sturz dieser Regierung ermöglicht." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 65/66 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.729/730).)

Aber die Macht der Bourgeoisie stürzen und die Macht des Proletariats in einem Lande errichten heißt noch nicht, den vollen Sieg des Sozialismus sichern. Das Proletariat des siegreichen Landes, das seine Macht gefestigt hat und die Führung über die Bauernschaft ausübt, kann und muss die sozialistische Gesellschaft aufbauen. Bedeutet das aber, dass es damit schon den vollständigen, endgültigen Sieg des Sozialismus erreichen wird, das heißt, bedeutet es, dass das Proletariat mit den Kräften eines Landes allein endgültig den Sozialismus verankern und das Land gegen die Intervention und folglich auch gegen eine Restauration völlig sichern kann? Nein, das bedeutet es nicht. Dazu ist der Sieg der Revolution wenigstens in einigen Ländern notwendig. Deshalb ist die Entwicklung und Unterstützung der Revolution in den anderen Ländern eine wesentliche Aufgabe der siegreichen Revolution. Deshalb soll sich die Revolution des siegreichen Landes nicht als eine sich selbst genügende Größe betrachten, sondern als Stütze, als Mittel zur Beschleunigung des Sieges des Proletariats in den anderen Ländern.

Lenin drückte diesen Gedanken in wenigen Worten aus, indem er sagte, die Aufgabe der siegreichen Revolution bestehe in der Durchführung "des Höchstmaßes dessen, was in einem Lande für die Entwicklung, Unterstützung, Entfachung der Revolution in allen Ländern durchführbar ist" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 269 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 470)).

Das sind in allgemeinen Zügen die charakteristischen Merkmale der Leninschen Theorie der proletarischen Revolution.

IV. Die Diktatur des Proletariats

Aus diesem Thema greife ich drei Grundfragen heraus:

a) die Diktatur des Proletariats als Instrument der proletarischen Revolution;

b) die Diktatur des Proletariats als Herrschaft des Proletariats über die Bourgeoisie;

c) die Sowjetmacht als Staatsform der Diktatur des Proletariats.

1. Die Diktatur des Proletariats als Instrument der proletarischen Revolution. Die Frage der proletarischen Diktatur ist vor allem die Frage nach dem Grundgehalt der proletarischen Revolution. Die proletarische Revolution, ihre Bewegung, ihr Schwung, ihre Errungenschaften erhalten erst durch die Diktatur des Proletariats Form und Gestalt. Die Diktatur des Proletariats ist das Instrument der proletarischen Revolution, ihr Organ, ihr wichtigster Stützpunkt, ins Leben gerufen erstens, um den Widerstand der gestürzten Ausbeuter zu unterdrücken und die eigenen Errungenschaften zu verankern, zweitens, um die proletarische Revolution zu Ende zu führen, die Revolution bis zum vollständigen Sieg des Sozialismus zu führen. Die Bourgeoisie besiegen und ihre Macht niederwerfen, das vermag die Revolution auch ohne die Diktatur des Proletariats. Aber den Widerstand der Bourgeoisie unterdrücken, den Sieg behaupten und weiterschreiten zum endgültigen Sieg des Sozialismus kann die Revolution nicht mehr, wenn sie nicht auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung ein spezielles Organ in Form der Diktatur des Proletariats als ihre wichtigste Stütze schafft.

"Die Frage der Macht ist die Grundfrage jeder Revolution" (Lenin). Bedeutet das, die Sache sei damit abgetan, dass man die Macht ergreift, sie an sich reißt? Nein, keineswegs. Die Machtergreifung ist nur der Anfang. Die in dem einen Lande gestürzte Bourgeoisie bleibt, aus vielen Gründen, noch lange Zeit stärker als das Proletariat, von dem sie gestürzt wurde. Deshalb kommt alles darauf an, die Macht zu behaupten, sie zu festigen, sie unbesiegbar zu machen. Was ist notwendig, um dieses Ziel zu erreichen? Dazu ist notwendig, zum mindesten drei Hauptaufgaben zu erfüllen, vor die sich die Diktatur des Proletariats "am Tage nach dem Siege" gestellt sieht:

a) den Widerstand der durch die Revolution gestürzten und expropriierten Gutsbesitzer und Kapitalisten zu brechen, alle ihre Versuche zur Wiederherstellung der Macht des Kapitals zunichte zu machen;

b) den Aufbau im Geiste des Zusammenschlusses aller Werktätigen um das Proletariat zu organisieren und diese Arbeit in einer Richtung durchzuführen, die die Liquidierung, die Aufhebung der Klassen vorbereitet;

c) die Revolution zu bewaffnen, die Armee der Revolution zum Kampf gegen die äußeren Feinde, zum Kampf gegen den Imperialismus zu organisieren.

Die Diktatur des Proletariats ist notwendig, um diese Aufgaben durchzuführen, zu bewältigen.

"Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus", sagt Lenin, "umfasst eine ganze geschichtliche Epoche. Solange sie nicht abgeschlossen ist, behalten die Ausbeuter unvermeidlich die Hoffnung auf eine Restauration, und diese Hoffnung verwandelt sich in Versuche der Restauration. Und nach der ersten ernsten Niederlage werfen sich die gestürzten Ausbeuter, die ihren Sturz nicht erwartet, an ihn nicht geglaubt, keinen Gedanken an ihn zugelassen haben, mit verzehnfachter Energie, mit rasender Leidenschaft, mit hundertfachem Hass in den Kampf für die Wiedererlangung des ihnen weggenommenen ,Paradieses´, für ihre Familien, die ein so schönes Leben geführt haben und die jetzt von dem ,gemeinen Pack´ zu Ruin und Elend (oder zu ,einfacher´ Arbeit...) verurteilt werden. Und hinter den kapitalistischen Ausbeutern trottet die breite Masse des Kleinbürgertums einher, von dem Jahrzehnte geschichtlicher Erfahrungen in allen Ländern bezeugen, dass es schwankt und wankt, dass es heute dem Proletariat folgt, morgen vor den Schwierigkeiten der Umwälzung zurückschreckt, bei der ersten Niederlage oder halben Niederlage der Arbeiter in Panik gerät, die Nerven verliert, sich hin und her wirft, flennt, aus einem Lager in das andere überläuft" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 233 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 434/435)).

Die Bourgeoisie hat ihre Gründe, Restaurationsversuche zu unternehmen, denn sie bleibt nach ihrem Sturz noch lange Zeit stärker als das Proletariat, von dem sie gestürzt wurde.

"Wenn die Ausbeuter nur in einem Lande geschlagen sind", sagt Lenin, "- und das ist natürlich der typische Fall, denn eine gleichzeitige Revolution in einer Reihe von Ländern ist eine seltene Ausnahme -, so bleiben sie doch stärker als die Ausgebeuteten" (ebenda, S.232, russ. (S.434, deutsch)).

Worin besteht die Stärke der gestürzten Bourgeoisie?

Erstens "in der Stärke des internationalen Kapitals, in der Stärke und Festigkeit der internationalen Verbindungen der Bourgeoisie" (siehe 4. Ausgabe, Bd.31, S.7 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.672)).

Zweitens darin, dass "die Ausbeuter noch lange Zeit nach dem Umsturz unvermeidlich eine Reihe gewaltiger tatsächlicher Vorteile behalten: Es bleibt ihnen das Geld (die sofortige Abschaffung des Geldes ist unmöglich), es bleiben ihnen gewisse, oft bedeutende Mobilien, die Beziehungen, die Routine der Organisation und Verwaltung, die Kenntnis aller ,Geheimnisse´ (Gebräuche, Methoden, Mittel, Möglichkeiten) der Verwaltung, es bleibt ihnen die höhere Bildung, die nahe Fühlung mit dem (bürgerlich lebenden und denkenden) höheren technischen Personal, es bleibt ihnen die unvergleichlich größere Routine im Militärwesen (das ist sehr wichtig) und so weiter, und so weiter." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 232 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.433/434).)

Drittens "in der Macht der Gewohnheit, in der Stärke der Kleinproduktion. Denn Kleinproduktion gibt es auf der Welt leider noch sehr, sehr viel; die Kleinproduktion aber erzeugt Kapitalismus und Bourgeoisie unausgesetzt, täglich, stündlich, elementar und im Massenumfang"..., denn "die Klassen aufheben heißt nicht nur die Gutsbesitzer und Kapitalisten vertreiben - das haben wir verhältnismäßig leicht getan -, das heißt auch die kleinen Warenproduzenten beseitigen, diese aber kann man nicht vertreiben, man kann sie nicht unterdrücken, mit ihnen muss man zurechtkommen, sie kann (und muss) man nur durch eine sehr langwierige, langsame, vorsichtige organisatorische Arbeit ummodeln und umerziehen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 718 und 26127 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 672 und 691).)

Deshalb sagt Lenin:

"Die Diktatur des Proletariats ist der aufopferungsvollste und schonungsloseste Krieg der neuen Klasse gegen den mächtigeren Feind, gegen die Bourgeoisie, deren Widerstand sich durch ihren Sturz verzehnfacht."

"Die Diktatur des Proletariats ist ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten Gesellschaft." (Ebenda, S. 7 und 27, russ. (S. 672 und 691, deutsch).)

Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die Erfüllung dieser Aufgaben in kurzer Zeit, die Durchführung alles dessen in ein paar Jahren ein Ding der Unmöglichkeit ist. Deshalb darf man die Diktatur des Proletariats, den Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus nicht als eine schnell vorübergehende Periode mit einer Reihe von "hochrevolutionären" Akten und Dekreten betrachten, sondern man muss sie als eine ganze historische Epoche betrachten, die ausgefüllt ist mit Bürgerkriegen und äußeren Zusammenstößen, hartnäckiger organisatorischer Arbeit und wirtschaftlichem Aufbau, Angriffen und Rückzügen, Siegen und Niederlagen. Diese historische Epoche ist notwendig, nicht nur um die wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen für den vollständigen Sieg des Sozialismus zu schaffen, sondern auch, um dem Proletariat die Möglichkeit zu geben, erstens sich selbst zu erziehen und zu stählen als diejenige Kraft, die fähig ist, das Land zu verwalten, und zweitens, die kleinbürgerlichen Schichten umzuerziehen und umzumodeln in einer Richtung, die die Organisierung der sozialistischen Produktion sicherstellt.

"Ihr habt", sagte Marx den Arbeitern, "15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen" (siehe Bd. VIII der "Werke" von K. :Marx und T. Engels, S. 506 (deutsch in Karl Marx, Enthüllungen über den Kommunistenprozess zu Köln, Moskau 1940, S. 32133)).

Den Gedanken von Marx fortsetzend und weiterentwickelnd, schreibt Lenin:

"Unter der Diktatur des Proletariats wird man Millionen Bauern und Kleinproduzenten, Hunderttausende Angestellte, Beamte, bürgerliche Intellektuelle umerziehen und sie alle dem proletarischen Staat und der proletarischen Führung unterstellen, in ihnen die bürgerlichen Gewohnheiten und Traditionen besiegen müssen", ebenso wie es notwendig sein wird, "in langwierigen Kämpfen, auf dem Boden der Diktatur des Proletariats, auch die Proletarier selbst umzuerziehen, die sich von ihren eigenen kleinbürgerlichen Vorurteilen nicht auf einmal, nicht durch ein Wunder, nicht auf Geheiß der Mutter Gottes, nicht auf Geheiß einer Losung, einer Resolution, eines Dekrets befreien, sondern nur in langwierigen und schweren Massenkämpfen gegen den Masseneinfluss des Kleinbürgertums" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 95/96 und 94 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 756 und 755)).

2. Die Diktatur des Proletariats als Herrschaft des Proletariats über die Bourgeoisie. Bereits aus dem Gesagten ist ersichtlich, dass die Diktatur des Proletariats nicht ein einfacher Personenwechsel in der Regierung, nicht ein Wechsel des "Kabinetts" usw. ist, bei dem die alten ökonomischen und politischen Zustände unangetastet bleiben. Für die Menschewiki und Opportunisten aller Länder, die die Diktatur wie das Feuer fürchten und vor Schreck den Begriff Diktatur mit dem Begriff "Machteroberung" vertauschen, besteht die "Machteroberung" gewöhnlich in einem Wechsel des "Kabinetts", darin, dass eine neue Regierung aus Leuten vom Schlage Scheidemanns und Noskes, MacDonalds und Hendersons zur Macht gelangt. Es braucht wohl kaum erklärt zu werden, dass solche und ähnliche Kabinettswechsel mit der Diktatur des Proletariats, mit der Eroberung der wirklichen Macht durch das wirkliche Proletariat nichts gemein haben. Wo die MacDonalds und Scheidemänner an der Macht stehen, die alten bürgerlichen Zustände bestehen bleiben, da können ihre, mit Verlaub zu sagen, Regierungen nichts anderes sein als ein Hilfsapparat in den Händen der Bourgeoisie, als eine Hülle für die Eiterbeulen des Imperialismus, als ein Werkzeug in den Händen der Bourgeoisie gegen die revolutionäre Bewegung der unterdrückten und ausgebeuteten Massen. Das Kapital braucht sie, diese Regierungen, als Kulisse, wenn es ihm unbequem und unvorteilhaft ist, wenn es ihm schwer fällt, die Massen ohne Kulisse zu unterdrücken und auszubeuten. Freilich ist das Aufkommen solcher Regierungen ein Anzeichen dafür, dass es "dort, bei ihnen" (das heißt bei den Kapitalisten), "am Schipkapass" (Am Schipkapass alles ruhig" - russische Redensart, die aus dem Russisch-Türkischen Krieg 1877/78 stammt. In den Kämpfen am Schipkapass erlitten die russischen Truppen große Verluste, doch meldete der russische Generalstab in seinen Heeresberichten: "Am Schipkapass alles ruhig." Der Übers.) nicht ruhig ist, aber trotzdem bleiben Regierungen solcher Art unvermeidlich übertünchte Regierungen des Kapitals. Zwischen einer Regierung MacDonalds oder Scheidemanns und der Machteroberung durch das Proletariat besteht ein himmelweiter Unterschied. Die Diktatur des Proletariats ist kein Regierungswechsel, sondern ein neuer Staat, mit neuen Machtorganen in der Hauptstadt und im Lande, ein Staat des Proletariats, der auf den Trümmern des alten Staates, des Staates der Bourgeoisie, entstanden ist.

Die Diktatur des Proletariats entsteht nicht auf der Grundlage der bürgerlichen Zustände, sondern im Verlauf ihrer Zertrümmerung, nach dem Sturz der Bourgeoisie, im Verlauf der Expropriierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten, im Verlauf der Sozialisierung der wichtigsten Produktionsinstrumente und -mittel, im Verlauf der gewaltsamen Revolution des Proletariats. Die Diktatur des Proletariats ist eine revolutionäre Macht, die sich auf die Gewaltanwendung gegen die Bourgeoisie stützt.

Der Staat ist eine Maschine in den Händen der herrschenden Klasse zur Unterdrückung des Widerstands ihrer Klassengegner. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Diktatur des Proletariats im Grunde genommen durch nichts von der Diktatur jeder anderen Klasse, denn der proletarische Staat ist eine Maschine zur Niederhaltung der Bourgeoisie. Aber es gibt hier einen wesentlichen Unterschied. Er besteht darin, dass alle Klassenstaaten, die bisher existierten, eine Diktatur der ausbeutenden Minderheit über die ausgebeutete Mehrheit waren, während die Diktatur des Proletariats die Diktatur der ausgebeuteten Mehrheit über die ausbeutende Minderheit ist.

Kurzum: Die Diktatur des Proletariats ist die durch kein Gesetz beschränkte und sich auf Gewalt stützende Herrschaft des Proletariats über die Bourgeoisie - eine Herrschaft, die die Sympathien und die Unterstützung der werktätigen und ausgebeuteten Massen besitzt (Lenin "Staat und Revolution").

Daraus ergeben sich zwei grundlegende Schlussfolgerungen:

Erste Schlussfolgerung. Die Diktatur des Proletariats kann keine "vollständige" Demokratie, keine Demokratie für alle, sowohl für die Reichen als auch für die Armen, sein - die Diktatur des Proletariats "muss ein Staat sein, auf neue Art demokratisch (fürs die Proletarier und überhaupt für die Besitzlosen) und auf neue Art diktatorisch (gegen die Bourgeoisie)" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 384 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, 5.183)). Das Gerede der Kautsky und Konsorten über allgemeine Gleichheit, über "reine" Demokratie, über "vollkommene" Demokratie usw. ist eine bürgerliche Verschleierung der unzweifelhaften Tatsache, dass eine Gleichheit zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern unmöglich ist. Die Theorie der "reinen" Demokratie ist die Theorie der Oberschicht der Arbeiterklasse, die von den imperialistischen Räubern gezähmt wurde und gefüttert wird. Sie wurde geschaffen, um die Eiterbeulen des Kapitalismus zu verdecken, den Imperialismus zu übertünchen und ihm moralische Kraft im Kampf gegen die ausgebeuteten Massen zu verleihen. Unter dem Kapitalismus gibt es und kann es keine wirklichen "Freiheiten" für die Ausgebeuteten geben, schon aus dem Grunde, weil die Räumlichkeiten, Druckereien, Papierlager usw., die notwendig sind, um von den "Freiheiten" Gebrauch machen zu können, ein Privileg der Ausbeuter bilden. Unter dem Kapitalismus gibt es und kann es keine wirkliche Beteiligung der ausgebeuteten Massen an der Verwaltung des Landes geben, schon aus dem Grunde, weil selbst bei demokratischsten Zuständen unter den Verhältnissen des Kapitalismus die Regierungen nicht vom Volk, sondern von den Rothschild und Stinnes, den Rockefeller und Morgan eingesetzt werden. Die Demokratie unter dem Kapitalismus ist eine kapitalistische Demokratie, eine Demokratie der ausbeutenden Minderheit, die auf Beschränkung der Rechte der ausgebeuteten Mehrheit beruht und gegen diese Mehrheit gerichtet ist. Nur unter der proletarischen Diktatur sind wirkliche Freiheiten für die Ausgebeuteten und eine wirkliche Beteiligung der Proletarier und der Bauern an der Verwaltung des Landes möglich. Die Demokratie unter der Diktatur des Proletariats ist eine proletarische Demokratie, eine Demokratie der ausgebeuteten Mehrheit, die auf Beschränkung der Rechte der ausbeutenden Minderheit beruht und gegen diese Minderheit gerichtet ist.

Zweite Schlussfolgerung. Die Diktatur des Proletariats kann nicht entstehen als Resultat der friedlichen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und der bürgerlichen Demokratie, sie kann nur entstehen im Gefolge der Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschine, der bürgerlichen Armee, des bürgerlichen Beamtenapparats, der bürgerlichen Polizei.

"Die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen", sagen Marx und Engels im Vorwort zum "Kommunistischen Manifest". Die Aufgabe der proletarischen Revolution ist es, "...nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen, und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent", sagt Marx in einem Brief an Kugelmama vom Jahre 1871.[Anmerkung 28]

Marx´ einschränkende Worte vom Kontinent gaben den Opportunisten und Menschewiki aller Länder Anlass, mit Geschrei zu behaupten, Marx habe also die Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung der bürgerlichen Demokratie zur proletarischen Demokratie eingeräumt, zum mindesten für einige Länder, die nicht zum europäischen Kontinent gehören (England, Amerika). Marx hatte wirklich eine solche Möglichkeit eingeräumt, und er hatte Grund dazu, dies für das England und Amerika der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu tun, als es noch keinen Monopolkapitalismus, keinen Imperialismus gab und in diesen Ländern infolge ihrer besonderen Entwicklungsbedingungen noch kein entwickelter Militarismus und Bürokratismus bestand. So war die Lage vor dem Aufkommen des entwickelten Imperialismus. Später aber, nach 30 bis 40 Jahren, als sich die Lage der Dinge in diesen Ländern von Grund aus geändert, als der Imperialismus sich entwickelt und alle kapitalistischen Länder ohne Ausnahme erfasst hatte, als der Militarismus und Bürokratismus auch in England und Amerika aufgekommen, als die besonderen Bedingungen einer friedlichen Entwicklung Englands und Amerikas verschwunden waren - da musste die Einschränkung für diese Länder von selbst fortfallen.

"Jetzt", sagt Lenin, "im Jahre 1917, in der Epoche des ersten großen imperialistischen Krieges, fällt diese Einschränkung von Marx fort. Sowohl England als auch Amerika, die größten und letzten Vertreter angelsächsischer ,Freiheit´ in der Welt, im Sinne des Fehlens von Militarismus und Bürokratismus, sind vollständig in den allgemeinen europäischen, schmutzigen, blutigen Sumpf der bürokratisch-militärischen Institutionen hinab gesunken, die sich alles unterordnen, die alles erdrücken. Jetzt bildet sowohl für England als auch für Amerika die Zerbrechung, die Zerstörung der ´fertigen Staatsmaschine´ (die dort in den Jahren 1914 bis 1917 die ´europäische´ allgemein-imperialistische Vollkommenheit erreicht hat) die ´Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution´." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 387 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.1861.)

Mit anderen Worten, das Gesetz von der gewaltsamen Revolution des Proletariats, das Gesetz von der Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschine als Vorbedingung dieser Revolution ist ein unumgängliches Gesetz der revolutionären Bewegung der imperialistischen Länder der Welt.

In ferner Zukunft, wenn das Proletariat in den wichtigsten kapitalistischen Ländern gesiegt und die gegenwärtige kapitalistische Umwelt einer sozialistischen Umwelt Platz gemacht haben wird, ist natürlich ein "friedlicher" Entwicklungsweg für manche kapitalistischen Länder durchaus möglich, deren Kapitalisten infolge der "ungünstigen" internationalen Lage es für zweckmäßig halten werden, "freiwillig" dem Proletariat ernsthafte Zugeständnisse zu machen. Aber diese Annahme betrifft nur eine ferne und mögliche Zukunft. Für die nächste Zukunft gibt es für diese Annahme keinen, rein gar keinen Grund.

Deshalb hat Lenin Recht, wenn er sagt:

"Die proletarische Revolution ist unmöglich ohne gewaltsame Zerstörung der bürgerlichen Staatsmaschinerie und ohne ihre Ersetzung durch eine neue" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 217 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.419)).

3. Die Sowjetmacht als Staatsform der Diktatur des Proletariats. Der Sieg der Diktatur des Proletariats bedeutet die Unterdrückung der Bourgeoisie, die Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschine, die Ersetzung der bürgerlichen Demokratie durch die proletarische Demokratie. Das ist klar. Aber welcher Art sind die Organisationen, mit deren Hilfe diese kolossale Arbeit geleistet werden kann? dass die alten Formen der Organisation des Proletariats, die auf dem Boden des bürgerlichen Parlamentarismus entstanden sind, für diese Arbeit unzureichend sind, unterliegt wohl keinem Zweifel. Welcher Art sind aber die neuen Formen der Organisation des Proletariats, die imstande sind, die Rolle des Totengräbers der bürgerlichen Staatsmaschine zu spielen, die imstande sind, nicht nur diese Maschine zu zerbrechen und nicht nur die bürgerliche Demokratie durch die proletarische Demokratie zu ersetzen, sondern auch zur Grundlage der proletarischen Staatsmacht zu werden?

Diese neue Form der Organisation des Proletariats sind die Sowjets. Worin besteht die Stärke der Sowjets im Vergleich mit den alten Organisationsformen?

Darin, dass die Sowjets die umfassendsten, die alles umfassenden Massenorganisationen des Proletariats sind, denn sie und nur sie allein erfassen alle Arbeiter ohne Ausnahme.

Darin, dass die Sowjets die einzigen Massenorganisationen sind, die alle Unterdrückten und Ausgebeuteten, Arbeiter und Bauern, Soldaten und Matrosen, zusammenschließen und wo infolgedessen die politische Führung des Kampfes der Massen durch die Avantgarde der Massen, durch das Proletariat, am leichtesten und am vollständigsten verwirklicht werden kann.

Darin, dass die Sowjets die mächtigsten Organe des revolutionären Kampfes der Massen, der politischen Aktionen der Massen, des Aufstands der Massen sind, Organe, die fähig sind, die Allmacht des Finanzkapitals und seiner politischen Anhängsel zu brechen.

Darin, dass die Sowjets die unmittelbaren Organisationen der Massen selbst sind, das heißt die demokratischsten und deshalb auch autoritativsten Organisationen der Massen, die ihnen die Beteiligung an der Einrichtung des neuen Staates und an seiner Verwaltung maximal erleichtern und die revolutionäre Energie, die Initiative, die schöpferischen Fähigkeiten der Massen im Kampf für die Zerstörung der alten Ordnung, im Kampf für die neue, proletarische Ordnung maximal zur Entfaltung bringen.

Die Sowjetmacht ist die Vereinigung und Konstituierung der örtlichen Sowjets zu einer gesamtstaatlichen Organisation, zur Staatsorganisation des Proletariats als der Avantgarde der unterdrückten und ausgebeuteten Massen und als der herrschenden Klasse - die Vereinigung zur Republik der Sowjets.

Das Wesen der Sowjetmacht besteht darin, dass die die breitesten Massen erfassenden und revolutionärsten Organisationen gerade derjenigen Klassen, die von den Kapitalisten und Gutsbesitzern unterdrückt wurden, jetzt "die ständige und einzige Grundlage der gesamten Staatsmacht, des gesamten Staatsapparats" sind, dass "gerade diejenigen Massen, die selbst in den demokratischsten bürgerlichen Republiken" dem Gesetz nach zwar gleichberechtigt, aber "in der Tat durch tausenderlei Mittel und Kniffe von der Beteiligung am politischen Leben und vom Gebrauch der demokratischen Rechte und Freiheiten ferngehalten wurden, jetzt zur ständigen, unbedingten und dabei entscheidenden Beteiligung an der demokratischen Verwaltung des Staates herangezogen werden" (siehe Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 443, russ.).

Deshalb ist die Sowjetmacht eine neue Form der Staatsorganisation, die sich von der alten, bürgerlich-demokratischen und parlamentarischen Form grundsätzlich unterscheidet, ein neuer Typus des Staates, der nicht den Aufgaben der Ausbeutung und Unterdrückung der werktätigen Massen angepasst ist, sondern den Aufgaben ihrer völligen Befreiung von jeder Unterdrückung und Ausbeutung, den Aufgaben der Diktatur des Proletariats.

Lenin hat recht, wenn er sagt, dass mit dem Aufkommen der Sowjetmacht "die Epoche des bürgerlich-demokratischen Parlamentarismus beendet ist und ein neues Kapitel der Weltgeschichte begonnen hat: die Epoche der proletarischen Diktatur".

Worin bestehen die charakteristischen Züge der Sowjetmacht?

Darin, dass die Sowjetmacht, solange es Klassen gibt, den ausgeprägtesten Massencharakter trägt und die demokratischste Staatsorganisation von allen erdenklichen Staatsorganisationen darstellt, denn dadurch, dass sie die Arena für den Zusammenschluss und die Zusammenarbeit der Arbeiter mit den ausgebeuteten Bauern im Kampf gegen die Ausbeuter abgibt und dass sie sich in ihrem Wirken auf diesen Zusammenschluss und diese Zusammenarbeit stützt, ist sie die Macht der Mehrheit der Bevölkerung über die Minderheit, der Staat dieser Mehrheit, der Ausdruck ihrer Diktatur.

Darin, dass die Sowjetmacht die internationalistischste aller Staatsorganisationen der Klassengesellschaft ist, denn dadurch, dass sie jede nationale Unterdrückung beseitigt und dass sie sich auf die Zusammenarbeit der werktätigen Massen der verschiedenen Nationalitäten stützt, erleichtert sie die Vereinigung dieser Massen in einem einheitlichen Staatsverband.

Darin, dass die Sowjetmacht infolge ihrer ganzen Struktur es der Avantgarde dieser Massen, dem Proletariat, als dem geschlossensten und klassenbewusstesten Kern der Sowjets, erleichtert, die unterdrückten und ausgebeuteten Massen zu führen.

"Die Erfahrungen aller Revolutionen und aller Bewegungen der unterdrückten Klassen, die Erfahrungen der sozialistischen Bewegung in der ganzen Welt lehren uns", sagt Lenin, "dass nur das Proletariat imstande ist, die zersplitterten und rückständigen Schichten der werktätigen und ausgebeuteten Bevölkerung zu vereinigen und zu führen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd.28, S.444, russ.) Es handelt sich darum, dass die Struktur der Sowjetmacht es erleichtert, die aus diesen Erfahrungen hervorgehenden Lehren zu verwirklichen.

Darin, dass die Sowjetmacht, indem sie die gesetzgebende und vollziehende Gewalt in einer einheitlichen Staatsorganisation vereinigt und die territorialen Wahlkreise durch Produktionseinheiten, durch Werke und Fabriken, ersetzt, die Arbeiter und die werktätigen Massen überhaupt unmittelbar mit dem staatlichen Verwaltungsapparat verknüpft und sie das Land verwalten lehrt.

Darin, dass nur die Sowjetmacht imstande ist, die Armee von der Unterordnung unter die bürgerliche Kommandogewalt zu befreien und sie aus einem Werkzeug der Unterdrückung des Volkes, das sie in der bürgerlichen Ordnung ist, in ein Werkzeug der Befreiung des Volkes vom Joch der Bourgeoisie, der eigenen und der fremden, zu verwandeln.

Darin, dass "nur die Sowjetorganisation des Staates imstande ist, den alten, das heißt den bürgerlichen, Beamten- und Justizapparat wirklich mit einem Schlag zu zerbrechen und endgültig zu zerstören" (ebenda).

Darin, dass nur die Sowjetform des Staates, die die Massenorganisationen der Werktätigen und Ausgebeuteten zur ständigen und unbedingten Teilnahme an der Verwaltung des Staates heranzieht, imstande ist, das Absterben des Staates vorzubereiten, das eins der grundlegenden Elemente der zukünftigen staatslosen, kommunistischen Gesellschaft ist.

Die Republik der Sowjets ist also jene gesuchte und endlich gefundene politische Form, in deren Rahmen die ökonomische Befreiung des Proletariats, der vollständige Sieg des Sozialismus erreicht werden muss.

Die Pariser Kommune war die Keimzelle dieser Form. Die Sowjetmacht ist ihre Entwicklung und Vollendung.

Deshalb sagt Lenin:

"Die Republik der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten ist nicht nur eine Form demokratischer Einrichtungen von höherem Typus ..., sondern sie ist auch die einzige´ Form, die imstande ist, den schmerzlosesten Übergang zum Sozialismus zu sichern." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 340 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 279).)

V. Die Bauernfrage

Aus diesem Thema greife ich vier Fragen heraus:

a) die Fragestellung;

b) die Bauernschaft während der bürgerlich-demokratischen Revolution,

c) die Bauernschaft während der proletarischen Revolution;

d) die Bauernschaft nach der Festigung der Sowjetmacht.

1. Die Fragestellung. Manche glauben, dass das Grundlegende im Leninismus die Bauernfrage sei, dass die Frage der Bauernschaft, ihrer Rolle, ihrer Bedeutung den Ausgangspunkt des Leninismus bilde. Das ist völlig falsch. Die Hauptfrage im Leninismus, sein Ausgangspunkt ist nicht die Bauernfrage, sondern die Frage der Diktatur des Proletariats, der Bedingungen ihrer Eroberung, der Bedingungen ihrer Festigung. Die Bauernfrage als die Frage nach dem Verbündeten des Proletariats in seinem Kampf um die Macht ist eine abgeleitete Frage.

Dieser Umstand nimmt ihr jedoch nicht im Geringsten die ernste, lebenswichtige Bedeutung, die ihr für die proletarische Revolution zweifellos zukommt. Es ist bekannt, dass eine ernste Bearbeitung der Bauernfrage in den Reihen der russischen Marxisten gerade am Vorabend der ersten Revolution (1905) begann, als die Frage des Sturzes des Zarismus und der Verwirklichung der Hegemonie des Proletariats sich in ihrer ganzen Größe vor der Partei erhob und die Frage nach dem Verbündeten des Proletariats in der bevorstehenden bürgerlichen Revolution zu einer lebenswichtigen Frage wurde. Bekannt ist auch, dass die Bauernfrage in Rußland noch aktueller wurde zur Zeit der proletarischen Revolution, als die Frage der Diktatur des Proletariats, ihrer Eroberung und Behauptung zur Frage nach den Verbündeten des Proletariats in der bevorstehenden proletarischen Revolution geführt hatte. Das ist auch verständlich: Wer zur Machtergreifung schreitet und sich auf sie vorbereitet, der muss sich für die Frage interessieren, wer seine wirklichen Verbündeten sind.

In diesem Sinne ist die Bauernfrage ein Teil der allgemeinen Frage der Diktatur des Proletariats und als solche eine der lebenswichtigsten Fragen des Leninismus.

Das gleichgültige, zuweilen geradezu ablehnende Verhalten der Parteien der II. Internationale gegenüber der Bauernfrage erklärt sich nicht nur aus den besonderen Entwicklungsbedingungen im Westen. Es erklärt sich vor allem daraus, dass diese Parteien nicht an die proletarische Diktatur glauben, die Revolution fürchten und nicht daran denken, das Proletariat zur Macht zu führen. Wer aber die Revolution fürchtet, wer nicht daran denkt, die Proletarier zur Macht zu führen, der kann sich auch nicht für die Frage nach den Verbündeten des Proletariats in der Revolution interessieren - für ihn ist die Frage nach den Verbündeten eine gleichgültige, nicht aktuelle Frage. Die Ironie, mit der sich die Helden der II. Internationale zur Bauernfrage verhalten, gehört bei ihnen zum guten Ton, gilt als Zeichen des "echten" Marxismus. In Wirklichkeit gibt es hier auch nicht ein Gran Marxismus, denn die Gleichgültigkeit gegenüber einer so wichtigen Frage wie der Bauernfrage am Vorabend der proletarischen Revolution ist die Kehrseite der Ablehnung der Diktatur des Proletariats, ist ein unzweifelhaftes Merkmal des direkten Verrats am Marxismus.

Die Frage ist die: Sind die revolutionären Möglichkeiten, die in der Bauernschaft infolge bestimmter Bedingungen ihrer Existenz schlummern, bereits erschöpft oder nicht, und falls sie nicht erschöpft sind, besteht begründete Hoffnung darauf, diese Möglichkeiten für die proletarische Revolution nutzbar machen, die Bauernschaft, ihre ausgebeutete Mehrheit, aus einer Reserve der Bourgeoisie, die sie in den bürgerlichen Revolutionen des Westens war und heute noch ist, zu einer Reserve des Proletariats, zu seinem Bundesgenossen machen zu können?

Der Leninismus bejaht diese Frage, das heißt, er vertritt die Ansicht, dass in den Reihen der Mehrheit der Bauernschaft revolutionäre Potenzen vorhanden sind, und hält es für möglich, diese im Interesse der proletarischen Diktatur nutzbar zu machen.

Die Geschichte der drei Revolutionen in Rußland bestätigt die diesbezüglichen Schlussfolgerungen des Leninismus in vollem Umfang.

Daraus ergibt sich die praktische Folgerung, dass die werktätigen Massen der Bauernschaft in ihrem Kampf gegen Knechtung und Ausbeutung, in ihrem Kampf für die Befreiung von Unterdrückung und Elend unterstützt werden müssen. Das bedeutet natürlich nicht, dass das Proletariat jede Bauernbewegung unterstützen muss. Es handelt sich hier um die Unterstützung solcher Bewegungen und Kämpfe der Bauernschaft, die direkt oder indirekt die Befreiungsbewegung des Proletariats fördern, die so oder so Wasser auf die Mühle der proletarischen Revolution leiten und dazu beitragen, die Bauernschaft in eine Reserve und einen Verbündeten der Arbeiterklasse zu verwandeln.

2. Die Bauernschaft während der bürgerlich-demokratischen Revolution. Diese Periode umfasst den Zeitraum von der ersten russischen Revolution (1905) bis zur zweiten (Februar 1917) einschließlich. Das charakteristische Merkmal dieser Periode ist die Loslösung der Bauernschaft vom Einfluss der liberalen Bourgeoisie, die Abkehr der Bauernschaft von den Kadetten, die Hinwendung der Bauernschaft zum Proletariat, zur Partei der Bolschewiki. Die Geschichte dieser Periode ist die Geschichte des Kampfes zwischen den Kadetten (liberale Bourgeoisie) und den Bolschewiki (Proletariat) um die Bauernschaft. Der Ausgang dieses Kampfes wurde durch die Dumaperiode entschieden, denn die Periode der vier Dumas war für die Bauernschaft ein Anschauungsunterricht, der den Bauern augenfällig zeigte, dass sie aus den Händen der Kadetten weder Land noch Freiheit erhalten würden, dass der Zar ganz und gar für die Gutsbesitzer ist, die Kadetten aber den Zaren unterstützen, dass die einzige Kraft, auf deren Hilfe man rechnen kann, die städtische Arbeiterschaft, das Proletariat ist. Der imperialistische Krieg hat die Lehre der Dumaperiode nur bestätigt, indem er die Abkehr der Bauernschaft von der Bourgeoisie, die Isolierung der liberalen Bourgeoisie vollendete, denn die Jahre des Krieges hatten gezeigt, wie vergeblich, wie trügerisch die Hoffnungen waren, vom Zaren und seinen bürgerlichen Bundesgenossen den Frieden zu erlangen. Ohne die anschaulichen Lehren der Dumaperiode wäre die Hegemonie des Proletariats unmöglich gewesen.

So bildete sich das Bündnis der Arbeiter und Bauern in der bürgerlich-demokratischen Revolution. So bildete sich die Hegemonie (Führerrolle) des Proletariats in dem gemeinsamen Kampf für den Sturz des Zarismus, die Hegemonie, die zur Februarrevolution des Jahres 1917 führte.

Die bürgerlichen Revolutionen des Westens (England, Frankreich, Deutschland, Österreich) gingen, wie bekannt, einen anderen Weg. Dort hatte die Hegemonie in der Revolution nicht das Proletariat inne, das wegen seiner Schwäche keine selbständige politische Kraft darstellte und auch nicht darstellen konnte, sondern die liberale Bourgeoisie. Dort erhielt die Bauernschaft die Befreiung von den feudalen Zuständen nicht aus den Händen des Proletariats, das zahlenmäßig schwach und unorganisiert war, sondern aus den Händen der Bourgeoisie. Dort marschierte die Bauernschaft gemeinsam mit der liberalen Bourgeoisie gegen die alte Ordnung. Dort bildete die Bauernschaft eine Reserve der Bourgeoisie. Dort führte infolgedessen die Revolution zu einer gewaltigen Verstärkung des politischen Gewichts der Bourgeoisie.

In Rußland dagegen zeitigte die bürgerliche Revolution ganz entgegengesetzte Resultate. Die Revolution in Rußland führte nicht zur Stärkung, sondern zur Schwächung der Bourgeoisie als einer politischen Kraft, nicht zur Vermehrung ihrer politischen Reserven, sondern zum Verlust ihrer grundlegenden Reserve, zum Verlust der Bauernschaft. Die bürgerliche Revolution in Rußland rückte nicht die liberale Bourgeoisie in den Vordergrund, sondern das revolutionäre Proletariat, um das sie die Millionenmassen der Bauernschaft zusammenschloss.

Daraus erklärt sich unter anderem auch die Tatsache, dass die bürgerliche Revolution in Rußland in verhältnismäßig kurzer Zeit in die proletarische Revolution hinüberwuchs. Die Hegemonie des Proletariats war der Keim der Diktatur des Proletariats und die Übergangsstufe zu ihr.

Wie erklärt sich diese eigenartige Erscheinung in der russischen Revolution, die ohne Präzedenzfälle in der Geschichte der bürgerlichen Revolutionen im Westen ist? Woher kam diese Eigenart?

Sie erklärt sich daraus, dass sich die bürgerliche Revolution in Rußland unter entwickelteren Bedingungen des Klassenkampfs entfaltete als im Westen, dass sich das russische Proletariat zu dieser Zeit bereits in eine selbständige politische Kraft verwandelt hatte, während die liberale Bourgeoisie, durch den revolutionären Geist des Proletariats erschreckt, jeden Schimmer revolutionären Geistes verloren hatte (besonders nach den Lehren des Jahres 1905) und nun Kurs nahm auf ein Bündnis mit dem Zaren und den Gutsbesitzern gegen die Revolution, gegen die Arbeiter und Bauern.

Es sind folgende Umstände zu berücksichtigen, die die Eigenart der russischen bürgerlichen Revolution bestimmten:

a) Die beispiellose Konzentration der russischen Industrie am Vorabend der Revolution. Es ist zum Beispiel bekannt, dass in Rußland 54 Prozent aller Arbeiter in Betrieben mit mehr als 500 Arbeitern beschäftigt waren, während in einem so entwickelten Land wie Nordamerika in gleichartigen Betrieben nur 33 Prozent aller Arbeiter beschäftigt waren. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass schon dieser Umstand allein beim Bestehen einer so revolutionären Partei wie der Partei der Bolschewiki die Arbeiterklasse Rußlands zu einer gewaltigen Kraft des politischen Lebens des Landes werden ließ.

b) Die ungeheuerlichen Formen der Ausbeutung in den Betrieben, verbunden mit dem unerträglichen Polizeiregime der Zarenschergen, ein Umstand, der jeden ernsthaften Streik der Arbeiter in einen überaus bedeutsamen politischen Akt verwandelte und die Arbeiterklasse stählte, bis sie eine bis zum letzten revolutionäre Kraft wurde.

c) Die politische Schlappheit der russischen Bourgeoisie, die sich nach der Revolution von 1905 in Liebedienerei vor dem Zarismus und in direkte Konterrevolution verwandelte, was sich nicht nur aus dem revolutionären Geist des russischen Proletariats erklärt, das die russische Bourgeoisie in die Arme des Zarismus trieb, sondern auch aus der direkten Abhängigkeit dieser Bourgeoisie von Regierungsaufträgen.

d) Das Vorhandensein ungeheuerlichster und unerträglichster Überreste der Leibeigenschaft im Dorfe, ergänzt durch die Allgewalt des Gutsbesitzers, ein Umstand, der die Bauernschaft in die Arme der Revolution trieb.

e) Der Zarismus, der alles Lebendige drosselte und mit seiner Willkür die Unterdrückung durch den Kapitalisten und Gutsbesitzer noch schlimmer machte, ein Umstand, der den Kampf der Arbeiter und Bauern zu einem einheitlichen revolutionären Strom vereinigte.

f) Der imperialistische Krieg, der alle diese Gegensätze des politischen Lebens Rußlands zu einer tiefen revolutionären Krise zusammenfließen ließ und der Revolution ungeheure Stoßkraft verlieh.

Wo sollte die Bauernschaft unter solchen Verhältnissen hin? Bei wem sollte sie Unterstützung suchen gegen die Allgewalt des Gutsbesitzers, gegen die Willkür des Zaren, gegen den verheerenden Krieg, der ihre Wirtschaft ruinierte? Bei der liberalen Bourgeoisie? Aber sie ist ein Feind - davon zeugte die langjährige Erfahrung aller vier Dumas. Bei den Sozialrevolutionären? Die Sozialrevolutionäre sind allerdings "besser" als die Kadetten, und ihr Programm ist "etwas Passendes", beinahe bäuerlich; aber was können die Sozialrevolutionäre bieten, wenn sie sich auf die Bauern allein zu stützen gedenken und in der Stadt schwach sind, dem Ort, woher der Gegner seine Kräfte in erster Linie nimmt? Wo ist die neue Kraft, die vor nichts haltmachen wird, weder auf dem Lande noch in der Stadt, die kühn in den vordersten Reihen gegen den Zaren und den Gutsbesitzer kämpfen und der Bauernschaft helfen wird, sich von Unterjochung, Landnot, Unterdrückung, Krieg frei zu machen? Gab es überhaupt eine solche Kraft in Rußland? Ja, es gab sie. Das war das russische Proletariat, das bereits im Jahre 1905 seine Kraft, seine Fähigkeit, bis zum letzten zu kämpfen, seinen Mut und seinen revolutionären Geist gezeigt hatte.

Jedenfalls gab es keine andere solche Kraft, und man hätte sie nirgends finden können.

Deshalb gelangte die Bauernschaft, die sich von den Kadetten abwandte und den Sozialrevolutionären zuwandte, zugleich zur Erkenntnis der Notwendigkeit, sich der Führung eines so mutigen Führers der Revolution unterzuordnen, wie es das russische Proletariat ist.

Das sind die Umstände, die die Eigenart der russischen bürgerlichen Revolution bestimmten.

3. Die Bauernschaft während der proletarischen Revolution. Diese Periode umfasst den Zeitraum von der Februarrevolution (1917) bis zur Oktoberrevolution (1917). Es ist dies eine verhältnismäßig kurze Periode, im ganzen acht Monate - aber diese acht Monate können, vom Standpunkt der politischen Aufklärung und der revolutionären Erziehung der Massen, getrost ganzen Jahrzehnten gewöhnlicher verfassungsmäßiger Entwicklung gleichgestellt werden, denn es waren acht Monate Revolution. Der charakteristische Zug dieser Periode ist die weitere Revolutionierung der Bauernschaft, ihre Enttäuschung über die Sozialrevolutionäre, die Abkehr der Bauernschaft von den Sozialrevolutionären, eine neue Wendung der Bauernschaft zum direkten Zusammenschluss um das Proletariat als die einzige, bis zum letzten revolutionäre Kraft, die das Land zum Frieden führen konnte. Die Geschichte dieser Periode ist die Geschichte des Kampfes der Sozialrevolutionäre (der kleinbürgerlichen Demokratie) und der Bolschewiki (der proletarischen Demokratie) um die Bauernschaft, um die Gewinnung der Mehrheit der Bauernschaft. Das Schicksal dieses Kampfes wurde entschieden durch die Koalitionsperiode, durch die Kerenskiperiode, durch die Weigerung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, das Land der Gutsbesitzer zu konfiszieren, durch den Kampf der Sozialrevolutionäre und Menschewiki für die Fortführung des Krieges, durch die Junioffensive an der Front, durch die Todesstrafe für die Soldaten, durch den Kornilowaufstand.

War früher, in der vorhergehenden Periode, der Sturz des Zaren und der gutsherrlichen Macht die Hauptfrage der Revolution, so wurde jetzt, in der Periode nach der Februarrevolution, wo es keinen Zaren mehr gab und wo der nicht enden wollende Krieg die Wirtschaft des Landes restlos zerrüttete und die Bauernschaft völlig zugrunde richtete, die Frage der Liquidierung des Krieges zur Hauptfrage der Revolution. Das Schwergewicht verschob sich offenkundig von den Fragen rein innerer Natur auf die Hauptfrage, den Krieg. "Schluss mit dem Krieg!", "Heraus aus dem Krieg!" - das war der allgemeine Schrei des erschöpften Landes und vor allem der Bauernschaft.

Um sich aber aus dem Kriege herauszureißen, musste man die Provisorische Regierung stürzen, musste man die Macht der Bourgeoisie stürzen, musste man die Macht der Sozialrevolutionäre und Menschewiki stürzen, denn sie, und nur sie, verschleppten den Krieg bis zum "siegreichen Ende". Einen anderen Ausweg aus dem Kriege als den Sturz der Bourgeoisie gab es praktisch nicht.

Das war eine neue Revolution, eine proletarische Revolution, denn sie fegte die letzte, die äußerste linke Fraktion der imperialistischen Bourgeoisie, die Partei der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, von der Macht hinweg, uni eine neue, die proletarische Macht, die Macht der Sowjets, zu schaffen, um die Partei des revolutionären Proletariats, die Partei der Bolschewiki, an die Macht zu bringen, die Partei des revolutionären Kampfes gegen den imperialistischen Krieg und für einen demokratischen Frieden. Die Mehrheit der Bauernschaft unterstützte den Kampf der Arbeiter für den Frieden, für die Macht der Sowjets.

Einen anderen Ausweg gab es für die Bauernschaft nicht. Einen anderen Ausweg konnte es auch nicht geben.

Die Kerenskiperiode war somit für die werktätigen Massen der Bauernschaft eine gewaltige praktische Lehre, denn sie zeigte anschaulich, dass sich das Land unter der Herrschaft der Sozialrevolutionäre und Menschewiki nicht aus dem Kriege herausreißen wird, die Bauern weder Land noch Freiheit zu sehen bekommen werden, dass sich die Menschewiki und Sozialrevolutionäre von den Kadetten nur durch ihre süßen Reden und verlogenen Versprechungen unterscheiden, in Wirklichkeit aber dieselbe imperialistische, kadettische Politik treiben, dass die einzige Macht, die imstande ist, das Land aus der Sackgasse zu führen, nur die Macht der Sowjets sein kann. Die weitere Verschleppung des Krieges bestätigte nur die Richtigkeit dieser Lehre, trieb die Revolution voran und drängte die Millionenmassen der Bauern und Soldaten auf den Weg des direkten Zusammenschlusses um die proletarische Revolution. Die Isolierung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki wurde zur unumstößlichen Tatsache. Ohne den Anschauungsunterricht der Koalitionsperiode wäre die Diktatur des Proletariats unmöglich gewesen.

Das sind die Umstände, die den Prozess des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die proletarische Revolution erleichterten. So entstand die Diktatur des Proletariats in Rußland.

4. Die Bauernschaft nach der Festigung der Sowjetmacht. Handelte es sich früher, in der ersten Periode der Revolution, hauptsächlich um den Sturz des Zarismus und dann, nach der Februarrevolution, vor allem um das Ausscheiden aus dem imperialistischen Kriege durch den Sturz der Bourgeoisie, so traten jetzt, nach der Liquidierung des Bürgerkriegs und der Festigung der Sowjetmacht, die Fragen des wirtschaftlichen Aufbaus in den Vordergrund. Die nationalisierte Industrie stärken und entwickeln; zu diesem Zweck die Industrie mit der Bauernwirtschaft durch den vom Staat regulierten Handel verknüpfen; die Ablieferungspflicht durch die Naturalsteuer ersetzen, um dann durch allmähliche Herabsetzung der Naturalsteuer den Austausch von Industrieerzeugnissen gegen die Produkte der Bauernwirtschaft herbeizuführen; den Handel beleben und die Genossenschaften entwickeln, in die die Millionenmassen der Bauernschaft einbezogen werden - so umriss Lenin die nächsten Aufgaben des wirtschaftlichen Aufbaus auf dem Wege zur Errichtung des Fundaments der sozialistischen Wirtschaft.

Man sagt, diese Aufgabe könne die Kraft eines Bauernlandes wie Rußland übersteigen. Manche Skeptiker sagen sogar, dass sie einfach utopisch, unausführbar sei, denn die Bauernschaft sei eben Bauernschaft - sie bestehe aus Kleinproduzenten und könne deshalb nicht zur Organisierung des Fundaments der sozialistischen Produktion herangezogen werden.

Aber die Skeptiker irren, denn sie berücksichtigen nicht gewisse Umstände, die im gegebenen Fall von entscheidender Bedeutung sind. Untersuchen wir die wichtigsten dieser Umstände.

Erstens. Man darf die Bauernschaft der Sowjetunion nicht mit der Bauernschaft des Westens verwechseln. Eine Bauernschaft, die durch die Schule dreier Revolutionen gegangen ist, die zusammen mit dem Proletariat und mit dem Proletariat an der Spitze gegen den Zaren und die bürgerliche Macht gekämpft hat, eine Bauernschaft, die Boden und Frieden aus der Hand der proletarischen Revolution erhalten hat und infolgedessen zur Reserve des Proletariats geworden ist - eine solche Bauernschaft muss sich zwangsläufig von einer Bauernschaft unterscheiden, die während der bürgerlichen Revolution unter der Führung der liberalen Bourgeoisie gekämpft hat, die den Grund und Boden aus der Hand dieser Bourgeoisie erhalten hat und infolgedessen zur Reserve der Bourgeoisie geworden ist. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die Sowjetbauernschaft, die die politische Freundschaft und die politische Zusammenarbeit mit dem Proletariat schätzen gelernt hat und die dieser Freundschaft und dieser Zusammenarbeit ihre Freiheit verdankt, für die ökonomische Zusammenarbeit mit dem Proletariat ganz besonders geeignet sein muss.

Engels sagte: "Die Eroberung der politischen Macht durch die sozialistische Partei ist in absehbare Nähe gerückt. Um aber die politische Macht zu erobern, muss diese Partei vorher von der Stadt aufs Land gehen, muss eine Macht werden auf dem Land." (Siehe Engels, "Bauernfrage", Ausgabe 1922[Anmerkung 29].) Das schrieb er in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Hinblick auf die Bauernschaft des Westens. Braucht erst noch nachgewiesen zu werden, dass es den russischen Kommunisten, die in dieser Beziehung im Verlauf dreier Revolutionen eine kolossale Arbeit geleistet haben, bereits gelungen ist, sich auf dem Lande einen Einfluss und eine Stütze zu schaffen, von denen unsere Genossen im Westen nicht einmal zu träumen wagen? Wie kann man leugnen, dass dieser Umstand es von Grund aus erleichtern muss, die ökonomische Zusammenarbeit zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft Rußlands in die Wege zu leiten?

Die Skeptiker reden immer wieder von den Kleinbauern als einem Faktor, der mit dem sozialistischen Aufbau unvereinbar sei. Hören wir jedoch, was Engels über die Kleinbauern des Westens sagt:

"Und wir stehe ja entschieden auf Seite des Kleinbauern; wir werden alles nur irgend Zulässige tun, um sein Los erträglicher zu machen, um ihm den Übergang zur Genossenschaft zu erleichtern, falls er sich dazu entschließt, ja sogar um ihm, falls er diesen Entschluss noch nicht fassen kann, eine verlängerte Bedenkzeit auf seiner Parzelle zu ermöglichen. Wir tun dies nicht nur, weil wir den selbst arbeitenden Kleinbauern als virtuell zu uns gehörend betrachten, sondern auch aus direktem Parteiinteresse. Je größer die Anzahl der Bauern ist, denen wir den wirklichen Absturz ins Proletariat ersparen, die wir schon als Bauern für uns gewinnen können, desto rascher und leichter vollzieht sich die gesellschaftliche Umgestaltung. Es kann uns nicht dienen, wenn wir mit dieser Umgestaltung warten müssten, bis die kapitalistische Produktion sich überall bis auf ihre letzten Konsequenzen entwickelt hat, bis auch der letzte Kleinhandwerker und der letzte Kleinbauer dem kapitalistischen Großbetrieb zum Opfer gefallen sind. Die materiellen Opfer, die in diesem Sinn im Interesse der Bauern aus öffentlichen Mitteln zu bringen sind, können vom Standpunkt der kapitalistischen Ökonomie aus nur als weggeworfenes Geld erscheinen, aber sie sind trotzdem eine vortreffliche Anlage, denn sie ersparen vielleicht den zehnfachen Betrag bei den Kosten der gesellschaftlichen Reorganisation überhaupt. In diesem Sinn können wir also sehr liberal mit den Bauern verfahren." (Ebenda.)

Das sagte Engels im Hinblick auf die Bauernschaft des Westens. Ist es aber nicht klar, dass das von Engels Gesagte nirgends so leicht und so vollständig verwirklicht werden kann wie im Lande der Diktatur des Proletariats? Ist es nicht klar, dass man nur in Sowjetrußland sofort und vollständig den Übergang des "virtuell zu uns gehörenden selbst arbeitenden Kleinbauern" auf unsere Seite durchsetzen, die dazu erforderlichen "materiellen Opfer" bringen und das dazu nötige "sehr liberale Verfahren mit den Bauern" praktizieren kann, dass diese und ähnliche Maßnahmen zugunsten der Bauern in Rußland bereits durchgeführt werden? Wie kann man leugnen, dass dieser Umstand seinerseits den wirtschaftlichen Aufbau des Sowjetlandes erleichtern und vorantreiben muss?

Zweitens. Man darf die Landwirtschaft Rußlands nicht mit der Landwirtschaft des Westens verwechseln. Dort vollzieht sich die Entwicklung der Landwirtschaft in den gewöhnlichen Bahnen des Kapitalismus, unter den Verhältnissen einer tiefgehenden Differenzierung der Bauernschaft, mit großen Gütern und privatkapitalistischen Latifundien auf dem einen Pol und mit Pauperismus, Elend und Lohnsklaverei auf dem andern. Dort sind infolgedessen Zerfall und Zersetzung ganz natürlich. Anders in Rußland. Bei uns kann die Entwicklung der Landwirtschaft schon deswegen nicht diesen Weg gehen, weil das Bestehen der Sowjetmacht und die Nationalisierung der wichtigsten Produktionsinstrumente und -mittel eine solche Entwicklung nicht zulassen. In Rußland muss die Entwicklung der Landwirtschaft einen anderen Weg gehen, den Weg des genossenschaftlichen Zusammenschlusses von Millionen Klein- und Mittelbauern, den Weg der Entwicklung von Massengenossenschaften auf dem Lande, die vom Staat durch Gewährung von Vorzugskrediten unterstützt werden. Lenin hat in seinen Artikeln über das Genossenschaftswesen treffend darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Landwirtschaft bei uns einen neuen Weg gehen muss, den Weg der Einbeziehung der Mehrheit der Bauern in den sozialistischen Aufbau durch die Genossenschaften, den Weg der allmählichen Durchdringung der Landwirtschaft mit den Prinzipien des Kollektivismus, zuerst auf dem Gebiet des Absatzes und dann auch auf dem Gebiet der Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse.

Höchst interessant sind in dieser Beziehung einige neue Erscheinungen auf dem Lande im Zusammenhang mit der Tätigkeit der landwirtschaftlichen Genossenschaften. Es ist bekannt, dass innerhalb des Allrussischen Verbands landwirtschaftlicher Genossenschaften[Anmerkung 30] neue große Organisationen für einzelne Zweige der Landwirtschaft, für Flachs, Kartoffeln, Öl usw., entstanden sind, die eine große Zukunft haben. Unter diesen umfasst zum Beispiel die Flachszentrale ein ganzes Netz von Produktivgenossenschaften der Flachsbauern. Die Flachszentrale beliefert die Bauern mit Saatgut und Produktionsinstrumenten, kauft dann von denselben Bauern den gesamten erzeugten Flachs auf und setzt ihn im großen auf dem Markt ab; sie sichert den Bauern Beteiligung am Gewinn und verknüpft so die Bauernwirtschaft durch den Allrussischen Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften mit der staatlichen Industrie. Wie soll man eine solche Organisationsform der Produktion nennen? Meiner Ansicht nach ist es ein Heimgewerbesystem staatssozialistischer Großproduktion in der Landwirtschaft. Ich spreche hier vom Heimgewerbesystem staatssozialistischer Produktion in Anlehnung an das Heimgewerbesystem des Kapitalismus, zum Beispiel in der Textilproduktion, wo die Heimarbeiter, die vom Kapitalisten die Rohstoffe und Werkzeuge erhielten und ihm ihre gesamten Erzeugnisse ablieferten, faktisch halbe Lohnarbeiter waren, die zu Hause arbeiteten. Das ist eins der vielen Kennzeichen dafür, welchen Weg die Entwicklung der Landwirtschaft bei uns gehen muss. Von anderen Kennzeichen der gleichen Art in anderen Zweigen der Landwirtschaft will ich hier absehen.

Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die gewaltige Mehrheit der Bauernschaft gern diesen neuen Entwicklungsweg beschreiten und den Weg der privatkapitalistischen Latifundien und der Lohnsklaverei, den Weg des Elends und des Ruins verschmähen wird.

Über die Entwicklungswege unserer Landwirtschaft sagt Lenin:

"Die Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als Krämerei behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NÖP, ebenso zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 428 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 989).)

Lenin spricht weiter von der Notwendigkeit der finanziellen und sonstigen Unterstützung der Genossenschaften als des "neuen Prinzips der Organisierung der Bevölkerung" und der neuen "Gesellschaftsordnung" unter der Diktatur des Proletariats wie folgt:

"Jede Gesellschaftsordnung entsteht nur, wenn sie durch eine bestimmte Klasse finanziell unterstützt wird. Man braucht nicht an jene Hunderte und aber Hunderte Millionen Rubel zu erinnern, die die Geburt des ´freien´ Kapitalismus kostete. Jetzt müssen wir erkennen, dass gegenwärtig diejenige Gesellschaftsordnung, die wir über das gewöhnliche Maß hinaus unterstützen müssen, die genossenschaftliche Ordnung ist, und diese Erkenntnis in die Tat umsetzen. Aber unterstützen müssen wir sie im wahren Sinne dieses Wortes, das heißt, es genügt nicht, unter dieser Unterstützung die Förderung eines beliebigen genossenschaftlichen Umsatzes zu verstehen, unter dieser Unterstützung muss man die Unterstützung eines genossenschaftlichen Umsatzes verstehen, an dem wirkliche Massen der Bevölkerung wirklich teilnehmen." (Ebenda, 5.429, russ. (S.990, deutsch).)

Wovon zeugen alle diese Umstände?

Davon, dass die Skeptiker unrecht haben.

Davon, dass der Leninismus recht hat, der die werktätigen Massen der Bauernschaft als Reserve des Proletariats betrachtet.

Davon, dass das an der Macht stehende Proletariat diese Reserve heranziehen kann und muss, um die Industrie mit der Landwirtschaft zusammenzuschließen, den sozialistischen Aufbau zu entfalten und für die Diktatur des Proletariats jenes unerlässliche Fundament zu schaffen, ohne das der Übergang zur sozialistischen Wirtschaft unmöglich ist.

VI. Die nationale Frage

Aus diesem Thema greife ich zwei Hauptfragen heraus:

a) die Fragestellung;

b) die Befreiungsbewegung der unterdrückten Völker und die proletarische Revolution.

1. Die Fragestellung. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die nationale Frage eine Reihe höchst bedeutsamer Wandlungen erfahren. Die nationale Frage in der Periode der II. Internationale und die nationale Frage in der Periode des Leninismus sind bei weitem nicht ein und dasselbe. Sie unterscheiden sich gründlich voneinander nicht nur dem Umfang, sondern auch ihrem inneren Charakter nach.

Früher beschränkte sich die nationale Frage gewöhnlich auf einen engen Kreis von Fragen, die hauptsächlich die "zivilisierten" Nationalitäten betrafen. Irländer, Ungarn, Polen, Finnen, Serben und einige andere Nationalitäten Europas - das war der Kreis der nicht vollberechtigten Völker, für deren Schicksal sich die Führer der II. Internationale interessierten. Die Millionen und aber Millionen der Völker Asiens und Afrikas, die unter der nationalen Bedrückung in ihrer rohesten und grausamsten Form litten, blieben gewöhnlich außerhalb ihres Gesichtsfeldes. Man konnte sich nicht entschließen, Weiße und Farbige, "Zivilisierte" und "Unzivilisierte" auf eine Stufe zu stellen. Zwei, drei nichts sagende und süßsaure Resolutionen, die die Frage der Befreiung der Kolonien geflissentlich umgingen - das war alles, womit die Führer der II. Internationale paradieren konnten. Jetzt muss diese Zwiespältigkeit und Halbheit in der nationalen Frage als beseitigt angesehen werden. Der Leninismus hat dieses schreiende Missverhältnis aufgedeckt, die Scheidewand zwischen Weißen und Farbigen, zwischen Europäern und Asiaten, zwischen "zivilisierten" und "unzivilisierten" Sklaven des Imperialismus niedergerissen und auf diese Weise die nationale Frage mit der Frage der Kolonien verknüpft. Dadurch wurde die nationale Frage aus einer Einzelfrage und innerstaatlichen Frage zu einer allgemeinen und internationalen, zur Weltfrage der Befreiung der unterdrückten Völker der abhängigen Länder und der Kolonien vom Joche des Imperialismus.

Früher wurde das Prinzip der Selbstbestimmung der Nationen gewöhnlich falsch ausgelegt und nicht selten zu dem Recht der Nationen auf Autonomie eingeengt. Manche Führer der II. Internationale gingen sogar so weit, dass sie aus dem Selbstbestimmungsrecht ein Recht auf kulturelle Autonomie machten, das heißt das Recht der unterdrückten Nationen, ihre eigenen Kultureinrichtungen zu besitzen, während die gesamte politische Macht in den Händen der herrschenden Nation belassen werden sollte. Dieser Umstand führte dazu, dass die Idee der Selbstbestimmung Gefahr lief, sich aus einem Mittel des Kampfes gegen Annexionen in ein Mittel zur Rechtfertigung der Annexionen zu verwandeln. Jetzt muss diese Konfusion als überwunden angesehen werden. Der Leninismus hat den Begriff der Selbstbestimmung erweitert, indem er ihn auslegte als das Recht der unterdrückten Völker der abhängigen Länder und der Kolonien auf voll-ständige Lostrennung, als das Recht der Nationen auf selbständige staatliche Existenz. Damit wurde die Möglichkeit ausgeschlossen, Annexionen zu rechtfertigen durch die Auslegung des Selbstbestimmungsrechts als des Rechtes auf Autonomie. Das Prinzip der Selbstbestimmung selbst wurde somit aus einem Mittel zur Täuschung der Massen, das es in den Händen der Sozialchauvinisten während des imperialistischen Krieges zweifellos war, zu einem Mittel der Entlarvung aller und jeglicher imperialistischer Gelüste und chauvinistischer Machinationen, zu einem Mittel der politischen Aufklärung der Massen im Geiste des Internationalismus.

Früher pflegte man die Frage der unterdrückten Nationen als rein rechtliche Frage zu behandeln. Feierliche Proklamierung der "nationalen Gleichberechtigung", unzählige Deklarationen über "Gleichheit der Nationen" - damit begnügten sich die Parteien der II. Internationale, die die Tatsache zu vertuschen suchten, dass "Gleichheit der Nationen" unter dem Imperialismus, wo eine Gruppe von Nationen (die Minderheit) von der Ausbeutung der anderen Gruppe von Nationen lebt, eine Verhöhnung der unterdrückten Völker ist. Jetzt muss diese bürgerlich-rechtliche Auffassung in der nationalen Frage als entlarvt angesehen werden. Der Leninismus hat die nationale Frage von den Himmelshöhen hochtrabender Deklarationen auf die Erde heruntergeholt, indem er erklärte, dass Deklarationen über "Gleichheit der Nationen", die nicht von den proletarischen Parteien durch direkte Unterstützung des Befreiungskampfes der unterdrückten Völker bekräftigt werden, hohle und verlogene Deklarationen sind. Damit wurde die Frage der unterdrückten Nationen zur Frage der Unterstützung, der Hilfe, der wirklichen und ständigen Hilfe für die unterdrückten Nationen in ihrem Kampf gegen den Imperialismus, für die wirkliche Gleichheit der Nationen, für ihre selbständige staatliche Existenz.

Früher pflegte man die nationale Frage reformistisch zu behandeln, als eine gesonderte, selbständige Frage, ohne Zusammenhang mit der allgemeinen Frage der Herrschaft des Kapitals, des Sturzes des Imperialismus, der proletarischen Revolution. Stillschweigend wurde vorausgesetzt, dass der Sieg des Proletariats in Europa möglich sei ohne direktes Bündnis mit der Befreiungsbewegung in den Kolonien, dass die nationale und koloniale Frage im stillen, "ganz von selbst", gelöst werden könne, abseits von der breiten Heerstraße der proletarischen Revolution, ohne revolutionären Kampf gegen den Imperialismus. Jetzt muss dieser antirevolutionäre Standpunkt als entlarvt angesehen werden. Der Leninismus hat den Beweis erbracht, und der imperialistische Krieg und die Revolution in Rußland haben bestätigt, dass die nationale Frage nur im Zusammenhang mit der proletarischen Revolution und auf dem Boden der proletarischen Revolution gelöst werden kann, dass der Weg zum Siege der Revolution im Westen über das revolutionäre Bündnis mit der Befreiungsbewegung der Kolonien und der abhängigen Länder gegen den Imperialismus führt. Die nationale Frage ist ein Teil der allgemeinen Frage der proletarischen Revolution, ein Teil der Frage der Diktatur des Proletariats.

Die Frage ist die: Sind die im Schoße der revolutionären Befreiungsbewegung der unterdrückten Länder vorhandenen revolutionären Möglichkeiten bereits erschöpft oder nicht, und falls sie nicht erschöpft sind, besteht begründete Hoffnung darauf, diese Möglichkeiten für die proletarische Revolution nutzbar machen, die abhängigen und kolonialen Länder aus einer Reserve der imperialistischen Bourgeoisie zu einer Reserve des revolutionären Proletariats, zu seinem Bundesgenossen machen zu können?

Der Leninismus bejaht diese Frage, das heißt, er vertritt die Ansicht, dass im Schoße der nationalen Befreiungsbewegung der unterdrückten Länder revolutionäre Potenzen vorhanden sind, und hält es für möglich, diese für den Sturz des gemeinsamen Feindes, für den Sturz des Imperialismus nutzbar zu machen. Die Mechanik der Entwicklung des Imperialismus, der imperialistische Krieg und die Revolution in Rußland bestätigen völlig die Schlussfolgerungen des Leninismus in dieser Hinsicht.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, dass das Proletariat der "herrschenden" Nationen die nationale Befreiungsbewegung der unterdrückten und abhängigen Völker unterstützen, entschieden und aktiv unterstützen muss.

Das bedeutet natürlich nicht, dass das Proletariat jede nationale Bewegung, immer und überall, in allen einzelnen konkreten Fällen unterstützen muss. Es handelt sich um die Unterstützung der nationalen Bewegungen, die auf die Schwächung, auf den Sturz des Imperialismus und nicht auf seine Festigung und Erhaltung gerichtet sind. Es gibt Fälle, wo die nationalen Bewegungen einzelner unterdrückter Länder mit den Interessen der Entwicklung der proletarischen Bewegung in Konflikt geraten. Es ist selbstverständlich, dass in solchen Fällen von einer Unterstützung keine Rede sein kann. Die Frage nach den Rechten der Nationen ist keine isolierte, in sich abgeschlossene Frage, sondern ein Teil der allgemeinen Frage der proletarischen Revolution, der dem Ganzen untergeordnet ist und vom Standpunkt des Ganzen aus betrachtet werden muss. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war Marx für die nationale Bewegung der Polen und Ungarn und gegen die nationale Bewegung der Tschechen und Südslawen. Warum? Weil die Tschechen und Südslawen damals "reaktionäre Völker", "russische Vorposten" in Europa, Vorposten des Absolutismus waren, während die Polen und Ungarn "revolutionäre Völker" waren, die gegen den Absolutismus kämpften. Weil die Unterstützung der nationalen Bewegung der Tschechen und Südslawen damals eine indirekte Unterstützung des Zarismus, des gefährlichsten Feindes der revolutionären Bewegung in Europa, bedeutete.

Die einzelnen Forderungen der Demokratie", sagt Lenin, "darunter das Selbstbestimmungsrecht, sind nichts Absolutes, sondern ein kleiner Teil der allgemein-demokratischen (jetzt: allgemein-sozialistischen) Weltbewegung. Es ist möglich, dass in einzelnen konkreten Fällen der Teil dem Ganzen widerspricht, dann muss man den Teil verwerfen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 22, S. 326, russ.)

So verhält es sich mit der Frage der einzelnen nationalen Bewegungen, des möglichen reaktionären Charakters dieser Bewegungen, natürlich nur, wenn man sie nicht vom formalen Standpunkt, nicht vom Standpunkt abstrakter Rechte, sondern konkret, vom Standpunkt der Interessen der revolutionären Bewegung betrachtet.

Das gleiche gilt auch für den revolutionären Charakter der nationalen Bewegungen überhaupt. Die zweifellos revolutionäre Natur der gewaltigen Mehrzahl der nationalen Bewegungen ist ebenso relativ und eigenartig, wie die mögliche reaktionäre Natur mancher einzelner nationaler Bewegungen relativ und eigenartig ist. Der revolutionäre Charakter einer nationalen Bewegung unter den Verhältnissen der imperialistischen Unterdrückung setzt keinesfalls voraus, dass an der Bewegung unbedingt proletarische Elemente teilnehmen müssen, dass die Bewegung ein revolutionäres beziehungsweise republikanisches Programm, eine demokratische Grundlage haben muss. Der Kampf des Emirs von Afghanistan für die Unabhängigkeit Afghanistans ist objektiv ein revolutionärer Kampf, trotz der monarchistischen Anschauungen des Emirs und seiner Kampfgefährten, denn dieser Kampf schwächt, zersetzt, unterhöhlt den Imperialismus, während der Kampf solcher "verbissenen" Demokraten und "Sozialisten", "Revolutionäre,´ und Republikaner wie, sagen wir, Kerenski und Zereteli, Renaudel und Scheidemann, Tschernow und Dan, Henderson und Clynes während des imperialistischen Krieges ein reaktionärer Kampf war, denn er hatte die Beschönigung, die Festigung und den Sieg des Imperialismus zur Folge. Der Kampf der ägyptischen Kaufleute und bürgerlichen Intellektuellen für die Unabhängigkeit Ägyptens ist aus denselben Gründen objektiv ein revolutionärer Kampf, obgleich die Führer der ägyptischen nationalen Bewegung bürgerlicher Herkunft und bürgerlichen Standes sind, obgleich sie gegen den Sozialismus sind, wohingegen der Kampf der englischen "Arbeiter"regierung für die Aufrechterhaltung der abhängigen Stellung Ägyptens aus denselben Gründen ein reaktionärer Kampf ist, obgleich die Mitglieder dieser Regierung proletarischer Herkunft und proletarischen Standes sind, obgleich sie "für" den Sozialismus sind. Schon gar nicht zu reden von der nationalen Bewegung anderer, größerer kolonialer und abhängiger Länder, wie Indien und China, bei denen jeder Schritt auf dem Wege zur Befreiung, auch wenn er gegen die Forderungen der formalen Demokratie verstößt, ein wuchtiger Hammerschlag gegen den Imperialismus, das heißt zweifellos ein revolutionärer Schritt ist.

Lenin hat recht, wenn er sagt, dass man die nationale Bewegung der unterdrückten Länder nicht vom Standpunkt der formalen Demokratie, sondern vom Standpunkt der wirklichen Resultate in der Gesamtbilanz des Kampfes gegen den Imperialismus einschätzen muss, das heißt "nicht isoliert, sondern im Weltausmaß" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 22, S. 326, russ.).

2. Die Befreiungsbewegung der unterdrückten Völker und die proletarische Revolution. Bei der Lösung der nationalen Frage geht der Leninismus von folgenden Sätzen aus:

a) Die Welt ist in zwei Lager geteilt: in das Lager einer Handvoll zivilisierter Nationen, die über das Finanzkapital verfügen und die die gewaltige Mehrheit der Bevölkerung des Erdballs ausbeuten, und in das Lager der unterdrückten und ausgebeuteten Völker der Kolonien und der abhängigen Länder, die diese Mehrheit bilden;

b) die Kolonien und die abhängigen Länder, die vom Finanzkapital unterdrückt und ausgebeutet werden, bilden eine gewaltige Reserve und eine überaus wichtige Kraftquelle des Imperialismus;

c) der revolutionäre Kampf der unterdrückten Völker in den abhängigen und kolonialen Ländern gegen den Imperialismus ist der einzige Weg zu ihrer Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung;

d) die wichtigsten kolonialen und abhängigen Länder haben bereits den Weg der nationalen Befreiungsbewegung beschritten, die zur Krise des Weltkapitalismus führen muss;

e) die Interessen der proletarischen Bewegung in den entwickelten Ländern und der nationalen Befreiungsbewegung in den Kolonien erheischen die Vereinigung dieser beiden Arten der revolutionären Bewegung zu einer gemeinsamen Front gegen den gemeinsamen Feind, gegen den Imperialismus;

f) der Sieg der Arbeiterklasse in den entwickelten Ländern und die Befreiung der unterdrückten Völker vom Joch des Imperialismus sind unmöglich ohne die Bildung und Festigung einer gemeinsamen revolutionären Front;

g) die Bildung einer gemeinsamen revolutionären Front ist unmöglich ohne direkte und entschiedene Unterstützung der Befreiungsbewegung der unterdrückten Völker durch das Proletariat der unterdrückenden Nationen gegen den "vaterländischen" Imperialismus, denn "ein Volk, das andere Völker unterdrückt, kann nicht frei sein" (Engels);

h) diese Unterstützung bedeutet die Verfechtung, Verteidigung und Verwirklichung der Losung: Recht der Nationen auf Lostrennung, auf selbständige staatliche Existenz;

i) ohne Verwirklichung dieser Losung ist es unmöglich, die Vereinigung und das Zusammenwirken der Nationen in einer einheitlichen Weltwirtschaft in die Wege zu leiten, die die materielle Basis für den Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt bildet;

j) diese Vereinigung kann nur eine freiwillige Vereinigung sein, die auf der Grundlage des gegenseitigen Vertrauens und der brüderlichen Beziehungen der Völker zustande kommt.

Hieraus ergeben sich zwei Seiten, zwei Tendenzen in der nationalen Frage: die Tendenz zur politischen Befreiung von den imperialistischen Fesseln und zur Bildung eines selbständigen Nationalstaates, eine Tendenz, die auf der Grundlage der imperialistischen Unterdrückung und kolonialen Ausbeutung entstanden ist, und die Tendenz zur wirtschaftlichen Annäherung der Nationen, die sich aus der Bildung des Weltmarkts und der Weltwirtschaft ergeben hat.

"Der in Entwicklung begriffene Kapitalismus", sagt Lenin, "kennt in der nationalen Frage zwei historische Tendenzen. Die erste Tendenz: Erwachen des nationalen Lebens und der nationalen Bewegungen, Kampf gegen jede nationale Unterdrückung, Schaffung von Nationalstaaten. Die zweite Tendenz: Entwicklung und Vervielfachung der verschiedenartigen Beziehungen zwischen den Nationen, Niederreißung der nationalen Schranken, Schaffung der internationalen Einheit des Kapitals, des Wirtschaftslebens überhaupt, der Politik, der Wissenschaft usw.

Beide Tendenzen sind ein Weltgesetz des Kapitalismus. Die erste überwiegt im Anfangsstadium seiner Entwicklung, die zweite kennzeichnet den reifen, seiner Umwandlung in die sozialistische Gesellschaft entgegengehenden Kapitalismus." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 20, S. 11, russ.)

Für den Imperialismus sind diese beiden Tendenzen unversöhnliche Widersprüche, denn der Imperialismus kann nicht leben, ohne Kolonien auszubeuten und sie gewaltsam im Rahmen des "einheitlichen Ganzen" festzuhalten, denn der Imperialismus kann nur durch Annexionen und koloniale Eroberungen, ohne die er, allgemein gesprochen, undenkbar ist, die Nationen einander näher bringen.

Für den Kommunismus dagegen sind diese Tendenzen nur zwei Seiten ein und derselben Sache, der Sache der Befreiung der unterdrückten Völker vom Joch des Imperialismus, denn der Kommunismus weiß, dass die Vereinigung der Völker in einer einheitlichen Weltwirtschaft nur auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens und freiwilligen Übereinkommens möglich ist, er weiß, dass der Weg zur Bildung einer freiwilligen Vereinigung der Völker über die Lostrennung der Kolonien von dem "einheitlichen" imperialistischen "Ganzen", über ihre Umwandlung in selbständige Staaten führt.

Daher die Notwendigkeit eines hartnäckigen, ununterbrochenen, entschlossenen Kampfes gegen den Großmachtchauvinismus der "Sozialisten" der herrschenden Nationen (England, Frankreich, Amerika, Italien, Japan usw.), die nicht gewillt sind, gegen ihre eigenen imperialistischen Regierungen zu kämpfen, nicht gewillt sind, den Kampf der unterdrückten Völker "ihrer" Kolonien für die Befreiung von der Unterdrückung und für die staatliche Lostrennung zu unterstützen.

Ohne diesen Kampf wäre es undenkbar, die Arbeiterklasse der herrschenden Nationen im Geiste des wahren Internationalismus, im Geiste der Annäherung an die werktätigen Massen der abhängigen Länder und der Kolonien, im Geiste der wirklichen Vorbereitung der proletarischen Revolution zu erziehen. Die Revolution in Rußland hätte nicht gesiegt und Koltschak und Denikin wären nicht geschlagen worden, wenn das russische Proletariat nicht die Sympathien und die Unterstützung der unterdrückten Völker des ehemaligen Russischen Reiches genossen hätte. Um aber die Sympathien und die Unterstützung dieser Völker zu erwerben, musste es vor allem die Ketten des russischen Imperialismus sprengen und diese Völker von der nationalen Unterdrückung befreien.

Sonst wäre es unmöglich gewesen, die Sowjetmacht zu festigen, den wirklichen Internationalismus durchzusetzen und jene großartige Organisation der Völkergemeinschaft zu schaffen, die den Namen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken trägt und das lebendige Vorbild der künftigen Vereinigung der Völker in einer einheitlichen Weltwirtschaft ist.

Daher die Notwendigkeit des Kampfes gegen die nationale Abgeschlossenheit, Beschränktheit und Isoliertheit der Sozialisten der unterdrückten Länder, die nicht über ihren nationalen Kirchturm hinaussehen wollen und den Zusammenhang zwischen der Befreiungsbewegung ihres Landes und der proletarischen Bewegung der herrschenden Länder nicht begreifen.

Ohne diesen Kampf wäre es undenkbar, eine selbständige Politik des Proletariats der unterdrückten Nationen und seine Klassensolidarität mit dem Proletariat der herrschenden Länder im Kampf für den Sturz des gemeinsamen Feindes, im Kampf für den Sturz des Imperialismus durchzusetzen.

Ohne diesen Kampf wäre der Internationalismus unmöglich.

Das ist der Weg zur Erziehung der werktätigen Massen der herrschenden und der unterdrückten Nationen im Geiste des revolutionären Internationalismus.

Über diese zweifache Arbeit des Kommunismus zur Erziehung der Arbeiter im Geiste des Internationalismus sagt Lenin:

"Kann diese Erziehung ... konkret die gleiche sein für die großen, unterdrückenden und für die kleinen, unterdrückten Nationen, für die annektierenden und für die annektierten Nationen?

Offenbar nicht. Der Vormarsch zum gemeinsamen Ziel: zur vollen Gleichberechtigung, zur engsten Annäherung und weiteren Verschmelzung aller Nationen erfolgt hier offenbar auf verschiedenen konkreten Wegen, ebenso wie, sagen wir, der Weg zu einem Punkt, der sich in der Mitte der vorliegenden Buchseite befindet, von einem Rande aus nach links, vom gegenüberliegenden Rande aus nach rechts führt. Wenn der Sozialdemokrat einer großen, unterdrückenden und annektierenden Nation, der sich im allgemeinen zur Verschmelzung der Nationen bekennt, auch nur eine Minute lang vergisst, dass ,sein´ Nikolaus II., ,sein´ Wilhelm, Georg, Poincaré usw. ebenfalls für die Verschmelzung mit den kleinen Nationen ist (mittels Annexionen) - Nikolaus II. für die ,Verschmelzung´ mit Galizien, Wilhelm II. für die ,Verschmelzung´ mit Belgien usw. -, so ist ein solcher Sozialdemokrat ein lächerlicher Doktrinär in der Theorie, ein Helfershelfer des Imperialismus in der Praxis.

Der Schwerpunkt der internationalistischen Erziehung der Arbeiter in den unterdrückenden Ländern muss unbedingt darin liegen, dass sie die Freiheit der Lostrennung der unterdrückten Länder propagieren und verfechten. Ohne das gibt es keinen Internationalismus. Wir haben das Recht und die Pflicht, jeden Sozialdemokraten einer unterdrückenden Nation, der diese Propaganda nicht betreibt, als Imperialisten und Schurken zu behandeln. Das ist eine unbedingte Forderung, selbst wenn der all der Lostrennung vor der Errichtung des Sozialismus auch nur in einem von tausend Fällen möglich und ´durchführbar´ wäre...

Umgekehrt muss der Sozialdemokrat einer kleinen Nation den Schwerpunkt seiner Agitation auf das zweite Wort unserer allgemeinen Formel legen: ´freiwillige Vereinigung´ der Nationen. Er kann, ohne seine Verpflichtungen als Internationalist zu verletzen, sowohl für die politische Unabhängigkeit seiner Nation als auch für ihren Anschluss an den Nachbarstaat X, Y, Z usw. sein. In allen Fällen aber muss er gegen die engnationale Beschränktheit, Abgeschlossenheit und Isoliertheit kämpfen, für die Berücksichtigung des Ganzen und Allgemeinen, für die Unterordnung der Interessen des Teils unter die Interessen der Gesamtheit.

Leute, die sich nicht in diese Frage hineingedacht haben, finden, dass es ´widerspruchsvoll´ sei, wenn die Sozialdemokraten der unterdrückenden Nationen auf der ´Freiheit der Lostrennung´ beharren, die Sozialdemokraten der unterdrückten Nationen dagegen auf der ´Freiheit der Vereinigung´. Einige Überlegung zeigt jedoch, dass es einen anderen Weg zum Internationalismus und zur Verschmelzung der Nationen, dass es einen anderen Weg zu diesem Ziel aus der gegebenen Lage nicht gibt und nicht geben kann." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 22, S. 330-332, russ.)

VII. Strategie und Taktik

Aus diesem Thema greife ich sechs Fragen heraus:

a) Strategie und Taktik als Wissenschaft von der Führung des Klassenkampfs des Proletariats;

b) die Etappen der Revolution und die Strategie;

c) Flut und Ebbe der Bewegung und die Taktik;

d) die strategische Führung;

e) die taktische Führung;

f) Reformismus und Revolutionismus.

1. Strategie und Taktik als Wissenschaft von der Führung des Klassenkampfs des Proletariats. Die Periode der Herrschaft der II. Internationale war vorwiegend die Periode der Formierung und Schulung der proletarischen politischen Armeen angesichts einer mehr oder weniger friedlichen Entwicklung. Das war die Periode des Parlamentarismus als der vorwiegenden Form des Klassenkampfs. Die Fragen der großen Zusammenstöße der Klassen, der Vorbereitung des Proletariats zu revolutionären Schlachten, der Wege zur Eroberung der Diktatur des Proletariats standen damals, wie es schien, nicht auf der Tagesordnung. Man beschränkte die Aufgabe darauf, alle Wege der legalen Entwicklung zur Formierung und Schulung der proletarischen Armeen auszunutzen, den Parlamentarismus entsprechend den Bedingungen auszunutzen, bei denen das Proletariat in der Lage der Opposition blieb und, wie es schien, auch bleiben musste. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass es in einer solchen Periode und bei einer solchen Auffassung von den Aufgaben des Proletariats weder eine fest umrissene Strategie noch eine ausgearbeitete Taktik geben konnte.

Wohl gab es Bruchstücke, einzelne Gedanken über Taktik und Strategie, aber eine Taktik und Strategie gab es nicht.

Die Todsünde der II. Internationale besteht nicht darin, dass sie seinerzeit die Taktik der Ausnutzung der parlamentarischen Kampfformen anwandte, sondern darin, dass sie die Bedeutung dieser Formen überschätzte, sie als die nahezu einzigen Kampfformen betrachtete und dass die Parteien der II. Internationale, als die Periode der offenen revolutionären Schlachten anbrach und die Frage der außerparlamentarischen Kampfformen in den Vordergrund rückte, sich von den neuen Aufgaben abwandten, sie ablehnten.

Erst in der nachfolgenden Periode, in der Periode der offenen Aktionen des Proletariats, in der Periode der proletarischen Revolution, als die Frage des Sturzes der Bourgeoisie zu einer Frage der unmittelbaren Praxis wurde, als die Frage nach den Reserven des Proletariats (Strategie) zu einer der brennendsten Fragen wurde, als alle Formen des Kampfes und der Organisation - die parlamentarischen wie die außerparlamentarischen (Taktik) - mit voller Bestimmtheit hervortraten, erst in dieser Periode konnten eine fest umrissene Strategie und eine ausgearbeitete Taktik des Kampfes des Proletariats geschaffen werden. Die genialen Gedanken von Marx und Engels über Taktik und Strategie, die die Opportunisten der II. Internationale hatten in Vergessenheit geraten lassen, wurden gerade in dieser Periode von Lenin ans Licht gezogen. Aber Lenin beschränkte sich nicht auf die Wiederherstellung der einzelnen taktischen Leitsätze von Marx und Engels. Er entwickelte sie weiter und ergänzte sie durch neue Gedanken und Leitsätze, wobei er all dies zu einem System von Regeln und leitenden Grundsätzen für die Führung des Klassenkampfs des Proletariats vereinigte. Lenins Schriften wie "Was tun?", "Zwei Taktiken", "Der Imperialismus", "Staat und Revolution", "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky", "Die Kinderkrankheit" werden zweifellos als wertvollster Beitrag in die allgemeine Schatzkammer des Marxismus, in sein revolutionäres Arsenal eingehen. Die Strategie und Taktik des Leninismus ist die Wissenschaft von der Führung des revolutionären Kampfes des Proletariats.

2. Die Etappen der Revolution und die Strategie. Die Strategie ist die Festlegung der Richtung des Hauptschlags des Proletariats auf der Grundlage der gegebenen Etappe der Revolution, die Ausarbeitung eines entsprechenden Planes für die Aufstellung der revolutionären Kräfte (der Haupt- und Nebenreserven), der Kampf für die Durchführung dieses Planes während des ganzen Verlaufs der gegebenen Etappe der Revolution.

Unsere Revolution hat bereits zwei Etappen durchgemacht und ist nach dem Oktoberumsturz in die dritte Etappe eingetreten. Dementsprechend änderte sich auch die Strategie.

Erste Etappe. 1903 bis Februar 1917. Ziel - Niederwerfung des Zarismus, vollständige Liquidierung der Überreste des Mittelalters. Hauptkraft der Revolution - das Proletariat. Nächste Reserve - die Bauernschaft. Richtung des Hauptschlags: Isolierung der liberal-monarchistischen Bourgeoisie, die bestrebt ist, die Bauernschaft unter ihren Einfluss zu bringen und die Revolution durch eine Verständigung mit dem Zarismus zu liquidieren. Plan der Aufstellung der Kräfte: Bündnis der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft. "Das Proletariat muss die demokratische Umwälzung zu Ende führen, indem es die Masse der Bauernschaft an sich heranzieht, um den Widerstand des Absolutismus mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren." (Siehe Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 9, S. 81 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 497).)

Zweite Etappe. März 1917 bis Oktober 1917. Ziel - Niederwerfung des Imperialismus in Rußland und Ausscheiden aus dem imperialistischen Krieg. Hauptkraft der Revolution - das Proletariat. Nächste Reserve - die arme Bauernschaft. Das Proletariat der Nachbarländer als wahrscheinliche Reserve. Der sich in die Länge ziehende Krieg und die Krise des Imperialismus als günstiges Moment. Richtung des Hauptschlags: Isolierung der kleinbürgerlichen Demokratie (Menschewiki, Sozialrevolutionäre), die bestrebt ist, die werktätigen Bauernmassen unter ihren Einfluss zu bringen und die Revolution durch eine Verständigung mit dem Imperialismus zu beenden. Plan der Aufstellung der Kräfte: Bündnis des Proletariats mit der armen Bauernschaft. "Das Proletariat muss die sozialistische Umwälzung vollziehen, indem es die Masse der halbproletarischen Elemente der Bevölkerung an sich heranzieht, um den Widerstand der Bourgeoisie mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu paralysieren." (Ebenda.)

Dritte Etappe. Sie begann nach dem Oktoberumsturz. Ziel - Festigung der Diktatur des Proletariats in einem Lande, die zugleich als Stützpunkt zur Überwindung des Imperialismus in allen Ländern benutzt wird. Die Revolution geht über den Rahmen eines einzelnen Landes hinaus, die Epoche der Weltrevolution hat begonnen. Hauptkräfte der Revolution: die Diktatur des Proletariats in einem Lande, die revolutionäre Bewegung des Proletariats in allen Ländern. Hauptreserven: die halbproletarischen und kleinbäuerlichen Massen in den entwickelten Ländern, die Befreiungsbewegung in den Kolonien und abhängigen Ländern. Richtung des Hauptschlags: Isolierung der kleinbürgerlichen Demokratie, Isolierung der Parteien der II. Internationale, die die Hauptstütze der Politik der ‘Verständigung mit dem Imperialismus bilden. Plan der Aufstellung der Kräfte: Bündnis der proletarischen Revolution mit der Befreiungsbewegung in den Kolonien und abhängigen Ländern.

Die Strategie befasst sich mit den Hauptkräften der Revolution und ihren Reserven. Sie ändert sich mit dem Übergang der Revolution von einer Etappe zur andern, bleibt jedoch während der ganzen Zeitdauer der gegebenen Etappe im Wesentlichen unverändert.

3. Flut und Ebbe der Bewegung und die Taktik. Die Taktik ist die Festlegung der Linie des Handelns des Proletariats für die verhältnismäßig kurze Periode der Flut oder Ebbe der Bewegung, des Aufstiegs oder Abstiegs der Revolution, sie ist der Kampf für die Durchführung dieser Linie mittels Ersetzung der alten Kampf- und Organisationsformen durch neue, der alten Losungen durch neue, mittels Kombinierung dieser Formen usw. Verfolgt die Strategie das Ziel, den Krieg, sagen wir, gegen den Zarismus oder gegen die Bourgeoisie zu gewinnen, den Kampf gegen den Zarismus oder gegen die Bourgeoisie zu Ende zu führen, so setzt sich die Taktik weniger wesentliche Ziele, denn sie zielt nicht darauf ab, den Krieg als Ganzes, sondern diese oder jene Schlacht, dieses oder jenes Gefecht zu gewinnen, diese oder jene Kampagne, diese oder jene Aktion erfolgreich durchzuführen, die der konkreten Lage in der Periode des gegebenen Aufstiegs oder Abstiegs der Revolution entsprechen. Die Taktik ist ein Teil der Strategie, der ihr untergeordnet ist und ihr dient.

Die Taktik ändert sich, je nachdem, ob wir Flut oder Ebbe haben. Während in der Zeit der ersten Etappe der Revolution (1903 bis Februar 1917) der strategische Plan keine Änderung erfuhr, änderte sich die Taktik in dieser Zeit mehrere Male. In der Periode 1903-1905 war die Taktik der Partei offensiv, denn wir hatten eine Flut der Revolution, die Bewegung war im Aufstieg, und die Taktik musste von dieser Tatsache ausgehen. Dementsprechend waren auch die Kampfformen revolutionär und entsprachen den Anforderungen der Flut der Revolution. Örtliche politische Streiks, politische Demonstrationen, politischer Generalstreik, Boykott der Duma, Aufstand, revolutionäre Kampflosungen - das waren die einander ablösenden Kampfformen in dieser Periode. Mit den Kampfformen änderten sich damals auch die Organisationsformen. Fabrikkomitees, revolutionäre Bauernkomitees, Streikkomitees, Sowjets der Arbeiterdeputierten, eine mehr oder weniger offen auftretende Arbeiterpartei - das waren die Organisationsformen in dieser Periode.

In der Periode 1907-1912 war die Partei gezwungen, zur Taktik des Rückzugs überzugehen, denn wir hatten damals einen Niedergang der revolutionären Bewegung, eine Ebbe der Revolution, und die Taktik musste dieser Tatsache Rechnung tragen. Dementsprechend änderten sich sowohl die Kampfformen als auch die Organisationsformen. Anstatt des Boykotts der Duma - Teilnahme an der Duma, anstatt offener revolutionärer Aktionen außerhalb der Duma - Aktionen und Arbeit in der Duma, anstatt politischer Generalstreiks - wirtschaftliche Teilstreiks oder einfach Windstille. Es versteht sich von selbst, dass die Partei in dieser Periode in die Illegalität gehen musste, die revolutionären Massenorganisationen aber wurden durch Kultur- und Bildungsorganisationen, Genossenschaften, Versicherungskassen und andere legale Organisationen ersetzt.

Dasselbe ist von der zweiten und dritten Etappe der Revolution zu sagen, in deren Verlauf sich die Taktik Dutzende Male änderte, während die strategischen Pläne unverändert blieben.

Die Taktik befasst sich mit den Kampf- und Organisationsformen des Proletariats, mit ihrem Wechsel, ihrer Kombinierung. Auf der Grundlage der gegebenen Etappe der Revolution kann sich die Taktik mehrere Male ändern, je nach Flut oder Ebbe, Aufstieg oder Abstieg der Revolution.


4. Die strategische Führung. Reserven der Revolution gibt es:

direkte: a) die Bauernschaft und überhaupt die Zwischenschichten des eigenen Landes; b) das Proletariat der benachbarten Länder; c) die revolutionäre Bewegung in den Kolonien und abhängigen Ländern; d) die Eroberungen und Errungenschaften der Diktatur des Proletariats - wobei das Proletariat, nachdem es sich das Kräfteübergewicht gesichert hat, auf einen Teil derselben vorübergehend verzichten kann, um durch Zugeständnisse an den starken Gegner eine Atempause zu erkaufen, und

indirekte: a) die Gegensätze und Konflikte zwischen den nichtproletarischen Klassen des eigenen Landes, die vom Proletariat ausgenutzt werden können, um den Gegner zu schwächen und die eigenen Reserven zu stärken; b) die Gegensätze, Konflikte und Kriege (z. B. der imperialistische Krieg) zwischen den dem proletarischen Staat feindlichen bürgerlichen Staaten, die vom Proletariat ausgenutzt werden können bei seiner Offensive oder beim Manövrieren im Falle eines erzwungenen Rückzugs.

Über die Reserven der ersten Art braucht man sich nicht zu verbreiten, da ihre Bedeutung jedermann klar ist. Was die Reserven der zweiten Art betrifft, deren Bedeutung nicht immer klar ist, so muss gesagt werden, dass sie zuweilen von hervorragender Bedeutung für den Gang der Revolution sind. Kaum zu leugnen ist wohl die gewaltige Bedeutung zum Beispiel des Konflikts zwischen der kleinbürgerlichen Demokratie (Sozialrevolutionäre) und der liberal-monarchistischen Bourgeoisie (Kadetten) während und nach der ersten Revolution, der zweifellos dazu beitrug, dass die Bauernschaft dem Einfluss der Bourgeoisie entzogen wurde. Man hat noch weniger Grund, die kolossale Bedeutung der Tatsache zu leugnen, dass die Hauptgruppen der Imperialisten während der Periode des Oktoberumsturzes einen Krieg auf Leben und Tod gegeneinander führten, als die Imperialisten, durch den Krieg gegeneinander in Anspruch genommen, nicht die Möglichkeit hatten, ihre Kräfte gegen die junge Sowjetmacht zu konzentrieren, und das Proletariat gerade deshalb die Möglichkeit erhielt, die Organisierung der eigenen Kräfte unmittelbar in Angriff zu nehmen, seine Macht zu festigen und die Zerschmetterung Koltschaks und Denikins vorzubereiten. Es ist anzunehmen, dass jetzt, wo sich die Gegensätze zwischen den imperialistischen Gruppen immer mehr vertiefen und ein neuer Krieg zwischen ihnen unvermeidlich wird, die Reserven dieser Art für das Proletariat immer größere Bedeutung haben werden.

Die Aufgabe der strategischen Führung besteht darin, alle diese Reserven richtig auszunutzen, um das Hauptziel der Revolution in der gegebenen Etappe ihrer Entwicklung zu erreichen.

Worin besteht die richtige Ausnutzung der Reserven?

In der Erfüllung einiger notwendiger Bedingungen, von denen die folgenden als die Hauptbedingungen zu betrachten sind.

Erstens. Die Hauptkräfte der Revolution sind im entscheidenden Augenblick an dem verwundbarsten Punkt des Gegners zu konzentrieren, wenn die Revolution bereits herangereift ist, wenn die Offensive mit Volldampf eingesetzt hat, wenn der Aufstand an die Tore pocht und die Heranziehung der Reserven an die Avantgarde die entscheidende Bedingung für den Erfolg ist. Als Beispiel, das eine derartige Ausnutzung der Reserven veranschaulicht, kann die Strategie der Partei in der Periode April bis Oktober 1917 gelten. Unzweifelhaft war der verwundbarste Punkt des Gegners in dieser Periode der Krieg. Unzweifelhaft hat die Partei gerade durch Aufwerfung dieser Frage, als der Grundfrage, die breitesten Massen der Bevölkerung um die proletarische Avantgarde gesammelt. Die Strategie der Partei in dieser Periode lief darauf hinaus, die Avantgarde durch Kundgebungen und Demonstrationen in Straßenaktionen zu schulen und gleichzeitig durch die Sowjets im Hinterland und durch die Soldatenkomitees an der Front die Reserven an die Avantgarde heranzuziehen. Der Ausgang der Revolution hat gezeigt, dass die Ausnutzung der Reserven die richtige war. Über diese Bedingung der strategischen Ausnutzung der Kräfte der Revolution sagt Lenin, die bekannten Sätze von Marx und Engels über den Aufstand erläuternd:

"1. Wie mit dem Aufstand spielen, hat man ihn aber einmal begonnen, so muss man genau wissen, dass man bis zu Ende gehen muss.

2. Am entscheidenden Ort und im entscheidenden Augenblick muss ein großes Übergewicht an Kräften konzentriert werden, denn sonst wird der Feind, der besser ausgebildet und organisiert ist, die Aufständischen vernichten.

3. Sobald der Aufstand begonnen hat, gilt es, mit der größten Entschiedenheit zu handeln und unter allen Umständen und unbedingt die Offensive zu ergreifen. ´Die Defensive ist der Tod der bewaffneten Erhebung.´

4. Man muss bestrebt sein, den Feind zu überrumpeln und den Augenblick abzupassen, wo seine Truppen zerstreut sind.

5. Es gilt, täglich (handelt es sich um eine Stadt, so können wir sagen stündlich) wenn auch kleine Erfolge zu erreichen und dadurch um jeden Preis das ´moralische Übergewicht´ festzuhalten." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 152 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 149).)

Zweitens. Die Wahl des Zeitpunkts für den entscheidenden Schlag, des Zeitpunkts für den Beginn des Aufstands, muss so berechnet sein, dass die Krise ihren Höhepunkt erreicht hat, dass die Bereitschaft der Avantgarde, sich bis zu Ende zu schlagen, die Bereitschaft der Reserve, die Avantgarde zu unterstützen, und die maximale Verwirrung in den Reihen des Gegners schon gegeben sind.

Die entscheidende Schlacht, sagt Lenin, kann als völlig herangereift betrachtet werden, wenn "1. alle uns feindlichen Klassenkräfte genügend in Verwirrung geraten sind, genügend miteinander in Fehde liegen, sich durch den Kampf, der ihre Kräfte übersteigt, genügend geschwächt haben"; wenn "2. alle schwankenden, unsicheren, unbeständigen Zwischenelemente, das heißt das Kleinbürgertum, die kleinbürgerliche Demokratie zum Unterschied von der Bourgeoisie, sich vor dem Volk genügend entlarvt haben, durch ihren Bankrott in der Praxis genügend bloßgestellt sind"; wenn "3. im Proletariat die Massenstimmung zugunsten der Unterstützung der entschiedensten, grenzenlos kühnen, revolutionären Aktionen gegen die Bourgeoisie begonnen hat und machtvoll ansteigt. Ist das der Fall, dann ist die Zeit für die Revolution reif, dann ist unser Sieg, wenn wir alle oben erwähnten... Bedingungen richtig eingeschätzt und den Augenblick richtig gewählt haben, dann ist unser Sieg sicher." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 74 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 7381.)

Als Muster einer solchen Strategie kann die Durchführung des Oktoberaufstands gelten.

Verstöße gegen diese Bedingung führen zu dem gefährlichen Fehler, den man "Tempoverlust" nennt: wenn die Partei hinter dem Gang der Bewegung zurückbleibt oder weit vorauseilt und dadurch die Gefahr der Niederlage heraufbeschwört. Als Beispiel eines solchen "Tempoverlusts", als Beispiel dafür, wie der Zeitpunkt für einen Aufstand nicht gewählt werden darf, ist der Versuch eines Teils der Genossen anzusehen, den Aufstand mit der Verhaftung der Demokratischen Beratung im September 1917 zu beginnen, als in den Sowjets noch ein Schwanken zu verspüren war, die Frontsoldaten noch am Scheideweg standen und die Reserven noch nicht an die Avantgarde herangezogen waren.

Drittens. Der einmal eingeschlagene Kurs muss unbeirrt durchgeführt werden, ungeachtet aller und jeglicher Schwierigkeiten und Komplikationen auf dem Wege zum Ziel; dies ist notwendig, damit die Avantgarde das Hauptziel des Kampfes nicht aus dem Auge verliert und damit die Massen, die diesem Ziel zustreben und bemüht sind, sich um die Avantgarde zusammenzuschließen, nicht vom Wege abirren. Verstöße gegen diese Bedingung führen zu einem gewaltigen Fehler, der den Seeleuten unter der Bezeichnung "Kurs verlieren" wohlbekannt ist. Als Beispiel eines solchen "Kursverlierens" ist die verfehlte Haltung unserer Partei unmittelbar nach der Demokratischen Beratung anzusehen, als die Partei den Beschluss fasste, sich am Vorparlament zu beteiligen. Die Partei vergaß in diesem Augenblick gleichsam, dass das Vorparlament ein Versuch der Bourgeoisie ist, das Land vom Wege der Sowjets auf den Weg des bürgerlichen Parlamentarismus hinüberzuführen, dass die Teilnahme der Partei an einer solchen Institution geeignet ist, alle Karten durcheinander zu bringen und die Arbeiter und Bauern, die den revolutionären Kampf unter der Losung "Alle Macht den Sowjets!" führen, von ihrem Wege abzubringen. Dieser Fehler wurde dadurch wieder gutgemacht, dass die Bolschewiki aus dem Vorparlament austraten.

Viertens. Mit den Reserven muss man so manövrieren, dass man einen geordneten Rückzug antreten kann, wenn der Feind stark ist, wenn der Rückzug unvermeidlich ist, wenn es offenkundig unvorteilhaft ist, den Kampf, den uns der Feind aufzwingen will, anzunehmen, wenn der Rückzug bei dem gegebenen Kräfteverhältnis das einzige Mittel ist, die Avantgarde den Schlägen des Gegners zu entziehen und ihr die Reserven zu erhalten.

"Revolutionäre Parteien", sagt Lenin, "müssen zulernen. Sie haben gelernt anzugreifen. Jetzt muss man begreifen, dass man diese Wissenschaft durch die Wissenschaft ergänzen muss, wie man sich richtiger zurückzieht. Man muss begreifen - und die revolutionäre Klasse lernt aus eigener bitterer Erfahrung zu begreifen -, dass man nicht siegen kann, ohne gelernt zu haben, richtig anzugreifen und sich richtig zurückzuziehen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S.11112 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 676].)

Das Ziel einer solchen Strategie ist, Zeit zu gewinnen, den Gegner zu zersetzen und Kräfte anzusammeln, um dann zum Angriff überzugehen.

Als das Muster einer solchen Strategie kann der Abschluss des Brester Friedens betrachtet werden, der der Partei die Möglichkeit gab, Zeit zu gewinnen, die Zusammenstöße im Lager des Imperialismus auszunutzen, die Kräfte des Gegners zu zersetzen, die Bauernschaft an ihrer Seite zu behalten und Kräfte zu sammeln, um die Offensive gegen Koltschak und Denikin vorzubereiten.

"Indem wir einen Separatfrieden schließen", sagte Lenin damals, "befreien wir uns im höchsten für den gegebenen Augenblick möglichen Grade von beiden einander bekämpfenden imperialistischen Gruppen, nutzen ihre Feindschaft und ihren Krieg - der es ihnen erschwert, ein Abkommen gegen uns zu treffen - aus, bekommen für eine gewisse Periode die Hände frei, um die sozialistische Revolution fortzusetzen und zu festigen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 407, russ.)

"Jetzt sieht auch der Dümmste", sagte Lenin drei Jahre nach dem Brester Frieden, "dass der ´Brester Friede´ ein Zugeständnis war, das uns stärkte und die Kräfte des internationalen Imperialismus zersplitterte" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 4, russ.).

Das sind die Hauptbedingungen, die die Richtigkeit der strategischen Führung sichern.

5. Die taktische Führung. Die taktische Führung ist ein Teil der strategischen Führung und deren Aufgaben und Erfordernissen untergeordnet. Die Aufgabe der taktischen Führung besteht darin, dass alle Kampf- und Organisationsformen des Proletariats gemeistert und ihre richtige Ausnutzung sichergestellt werden, um bei dem gegebenen Kräfteverhältnis das Maximum an Resultaten zu erzielen, das zur Vorbereitung des strategischen Erfolgs nötig ist.

Worin besteht die richtige Ausnutzung der Kampf- und Organisationsformen des Proletariats?

In der Erfüllung einiger notwendiger Bedingungen, unter denen die folgenden als die Hauptbedingungen zu betrachten sind:

Erstens. In den Vordergrund zu stellen sind diejenigen Kampf- und Organisationsformen, die den Bedingungen der gegebenen Ebbe oder Flut der Bewegung am besten entsprechen und geeignet sind, das Heranführen der Massen an die revolutionären Positionen, das Heranführen der Millionenmassen an die Front der Revolution und ihre Verteilung an der Front der Revolution zu erleichtern und sicherzustellen.

Es handelt sich nicht darum, dass die Avantgarde die Unmöglichkeit, die alte Ordnung aufrechtzuerhalten und die Unvermeidlichkeit ihres Sturzes erkennt. Es handelt sich darum, dass die Massen, die Millionenmassen, diese Unvermeidlichkeit begreifen und die Bereitschaft an den Tag legen, die Avantgarde zu unterstützen. Doch können die Massen dies nur auf Grund der eigenen Erfahrung begreifen. Den Millionenmassen die Möglichkeit zu geben, durch eigene Erfahrung die Unvermeidlichkeit des Sturzes der alten Macht zu erkennen, und diejenigen Kampfmethoden und Organisationsformen in den Vordergrund zu stellen, die es den Massen erleichtern würden, en Hand der Erfahrung die Richtigkeit der revolutionären Losungen zu erkennen - darin besteht die Aufgabe.

Die Avantgarde würde sich von der Arbeiterklasse losgelöst und die Arbeiterklasse würde ihre Verbindung mit den Massen verloren haben, wenn die Partei seinerzeit nicht beschlossen hätte, sich an der Duma zu beteiligen, wenn sie nicht beschlossen hätte, ihre Kräfte auf die Arbeit in der Duma zu konzentrieren und den Kampf auf der Grundlage dieser Arbeit zu entfalten, um es den Massen zu erleichtern, durch eigene Erfahrung die Zwecklosigkeit der Duma, die Verlogenheit der Versprechungen der Kadetten, die Unmöglichkeit einer Verständigung mit dem Zarismus und die Unvermeidlichkeit des Bündnisses zwischen Bauernschaft und Arbeiterklasse zu erkennen. Ohne die Erfahrungen der Massen in der Dumaperiode wäre die Entlarvung der Kadetten und die Hegemonie des Proletariats unmöglich gewesen.

Die Gefährlichkeit der Taktik des Otsowismus bestand darin, dass sie die Avantgarde von ihren Millionenreserven loszulösen drohte.

Die Partei würde sich von der Arbeiterklasse losgelöst und die Arbeiterklasse würde ihren Einfluss auf die breiten Massen der Bauern und Soldaten eingebüßt haben, wenn das Proletariat den "linken" Kommunisten Gefolgschaft geleistet hätte, die im April 1917 zum Aufstand riefen, als die Menschewiki und Sozialrevolutionäre sich noch nicht als Anhänger des Krieges und des Imperialismus entlarvt hatten, als die Massen noch nicht durch eigene Erfahrung die Verlogenheit der menschewistisch-sozialrevolutionären Reden über Frieden, Boden und Freiheit erkannt hatten. Ohne die Erfahrungen der Massen während der Kerenskiperiode wären die Menschewiki und Sozialrevolutionäre nicht isoliert worden, und die Diktatur des Proletariats wäre unmöglich gewesen. Deshalb war die Taktik der "geduldigen Aufklärung" über die Fehler der kleinbürgerlichen Parteien und des offenen Kampfes innerhalb der Sowjets die einzig richtige Taktik.

Die Gefährlichkeit der Taktik der "linken" Kommunisten bestand darin, dass sie die Partei aus der Führerin der proletarischen Revolution in ein Häuflein hohlköpfiger Verschwörer ohne Boden unter den Füßen zu verwandeln drohte.

"Mit der Avantgarde allein", sagt Lenin, "kann man nicht siegen. Die Avantgarde allein in den entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze Klasse, solange die breiten Massen nicht eine Position eingenommen haben, wo sie die Avantgarde entweder direkt unterstützen oder wenigstens wohlwollende Neutralität ihr gegenüber üben..., wäre nicht nur eine Dummheit, sondern auch ein Verbrechen. Damit aber wirklich die ganze Klasse, damit wirklich die breiten Massen der Werktätigen und vom Kapital Unterdrückten zu dieser Position gelangen, dazu ist Propaganda allein, Agitation allein zu wenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen. Das ist das grundlegende Gesetz aller großen Revolutionen, das sich jetzt mit überraschender Kraft und Anschaulichkeit nicht nur in Rußland, sondern auch in Deutschland bestätigt hat. Nicht nur die auf niedriger Kulturstufe stehenden, oft des Lesens und Schreibens unkundigen Massen Rußlands, sondern auch die auf hoher Kulturstufe stehenden, durchweg des Lesens und Schreibens kundigen Massen Deutschlands mussten am eigenen Leibe die ganze Ohnmacht, die ganze Charakterlosigkeit, die ganze Hilflosigkeit, die ganze Liebedienerei gegenüber der Bourgeoisie, die ganze Gemeinheit der Regierung der Ritter der II. Internationale, die ganze Unvermeidlichkeit der Diktatur der äußersten Reaktionäre (Kornilow in Rußland, Kapp und Konsorten in Deutschland) erfahren als einzige Alternative gegenüber der Diktatur des Proletariats, um sich entschieden dem Kommunismus zuzuwenden." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 73 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 737].)

Zweitens. In jedem gegebenen Augenblick ist jenes besondere Glied in der Kette der Prozesse aufzufinden, das man anpacken muss, um die ganze Kette festhalten und die Bedingungen für die Erreichung des strategischen Erfolgs vorbereiten zu können.

Es handelt sich darum, aus der Reihe der Aufgaben, vor denen die Partei steht, gerade diejenige aktuelle Aufgabe herauszugreifen, deren Lösung den Zentralpunkt bildet und deren Bewältigung die erfolgreiche Lösung der übrigen aktuellen Aufgaben sichert.

Die Bedeutung dieses Leitsatzes kann an zwei Beispielen veranschaulicht werden, von denen das eine einer fernen Vergangenheit (der Periode der Bildung der Partei) und das andere der uns nächstliegenden Gegenwart (der Periode der NÖP) entnommen ist.

In der Periode der Bildung der Partei, als die unzähligen Zirkel und Organisationen noch nicht miteinander verbunden waren, als die Handwerklerei und das Zirkelwesen die Partei von oben bis unten zerfraßen, als die ideologische Zerfahrenheit das charakteristische Merkmal des inneren Lebens der Partei bildete, in dieser Periode bestand das Hauptglied in der Kette der Glieder und die Hauptaufgabe in der Kette der Aufgaben, vor denen die Partei damals stand, in der Schaffung einer gesamt-russischen illegalen Zeitung ("Iskra"). Warum? Weil man nur mit Hilfe einer gesamtrussischen illegalen Zeitung unter den damaligen Verhältnissen einen Parteikern schaffen konnte, der in ein und dieselbe Kerbe hieb und imstande war, die unzähligen Zirkel und Organisationen zu einem einheitlichen Ganzen zu verbinden, die Bedingungen für die ideologische und taktische Einheit vorzubereiten und auf diese Weise das Fundament für die Bildung einer wirklichen Partei zu legen

In der Periode des Übergangs vom Krieg zum wirtschaftlichen Aufbau, als die Industrie in den Fängen der Zerrüttung dahinvegetierte und die Landwirtschaft unter dem Mangel an städtischen Erzeugnissen litt, als der Zusammenschluss zwischen der staatlichen Industrie und der bäuerlichen Wirtschaft zur Grundbedingung des erfolgreichen sozialistischen Aufbaus wurde, in dieser Periode bildete die Entwicklung des Handels das Hauptglied in der Kette der Prozesse, die Hauptaufgabe in der Reihe anderer Aufgaben. Warum? Weil unter den Verhältnissen der NÖP der Zusammenschluss zwischen der Industrie und der bäuerlichen Wirtschaft nicht anders möglich ist als durch den Handel, weil Produktion ohne Absatz unter den Verhältnissen der NÖP für die Industrie den Tod bedeutet, weil man die Industrie nur erweitern kann, wenn man den Absatz durch Entwicklung des Handels erweitert, weil man nur dann, wenn man auf dem Gebiet des Handels festen Fuß gefasst hat, nur wenn man den Handel gemeistert hat, nur wenn man dieses Kettenglied gemeistert hat, darauf hoffen kann, die Industrie und den bäuerlichen Markt eng miteinander zu verbinden und mit Erfolg andere aktuelle Aufgaben zu lösen, um die Bedingungen für die Errichtung des Fundaments der sozialistischen Wirtschaft zu schaffen.

"Es genügt nicht, Revolutionär und Anhänger des Sozialismus oder Kommunist im Allgemeinen zu sein...", sagt Lenin. "Man muss es verstehen, in jedem Augenblick jenes besondere Kettenglied zu finden, das man mit aller Kraft anpacken muss, um die ganze Kette festzuhalten und den Übergang zum nächsten Kettenglied sicher vorzubereiten..."

"Im gegebenen Augenblick ist ... ein solches Kettenglied die Belebung des inneren Handels bei einer richtigen Regulierung (Lenkung) durch den Staat. Der Handel ist jenes ´Glied´ in der historischen Kette der Ereignisse, in den Übergangsformen unseres sozialistischen Aufbaus der Jahre 1921-1922, das wir... ´mit aller Kraft anpacken müssen´." (Siehe 4.Ausgabe, Bd. 33, S.88, 89 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 895, 896].)

Das sind die Hauptbedingungen, die die Richtigkeit der taktischen Führung sichern.


6. Reformismus und Revolutionismus. Wodurch unterscheidet sich die revolutionäre Taktik von der reformistischen Taktik?

Manche meinen, dass der Leninismus überhaupt gegen Reformen, gegen Kompromisse und Verständigungen sei. Das ist völlig falsch. Die Bolschewiki wissen nicht weniger als alle anderen, dass in gewissem Sinne "jede Gabe genehm ist", dass unter gewissen Umständen Reformen im Allgemeinen, Kompromisse und Verständigungen im Besonderen notwendig und nützlich sind.

"Krieg führen zum Sturz der internationalen Bourgeoisie", sagt Lenin, "einen Krieg, der hundertmal schwieriger, langwieriger, komplizierter ist als der hartnäckigste der gewöhnlichen Kriege zwischen Staaten, und dabei im voraus auf Lavieren, auf die Ausnutzung der (wenn auch zeitweiligen) Interessengegensätze zwischen den Feinden, auf Verständigungen und Kompromisse mit möglichen (wenn auch zeitweiligen, unbeständigen, schwankenden, bedingten) Verbündeten verzichten - ist das nicht eine über alle Maßen lächerliche Sache? Ist das nicht dasselbe, als wollte man bei einem schwierigen Aufstieg auf einen noch unerforschten und bis dahin unzugänglichen Berg von vornherein darauf verzichten, manchmal im Zickzack zu gehen, manchmal umzukehren, die einmal gewählte Richtung aufzugeben und verschiedene Richtungen zu versuchen?" (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 51 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 715].)

Es kommt offenbar nicht auf die Reformen oder Kompromisse und Verständigungen selbst an, sondern auf den Gebrauch, den man von den Reformen und Verständigungen macht.

Für den Reformisten ist die Reform alles, die revolutionäre Arbeit aber Nebensache, ein Unterhaltungsthema, ein Täuschungsmanöver. Deshalb verwandelt sich die Reform bei einer reformistischen Taktik unter Verhältnissen des Bestehens der bürgerlichen Macht unvermeidlich in ein Werkzeug zur Festigung dieser Macht, in ein Werkzeug zur Zersetzung der Revolution.

Für den Revolutionär dagegen ist umgekehrt die revolutionäre Arbeit die Hauptsache und nicht die Reform, für ihn ist die Reform ein Nebenprodukt der Revolution. Deshalb verwandelt sich die Reform bei einer revolutionären Taktik unter Verhältnissen des Bestehens der bürgerlichen Macht naturgemäß in ein Werkzeug zur Zersetzung dieser Macht, in ein Werkzeug zur Festigung der Revolution, in einen Stützpunkt zur weiteren Entwicklung der revolutionären Bewegung.

Der Revolutionär akzeptiert die Reform nur, um sie als Anknüpfungspunkt zur Verbindung der legalen und der illegalen Arbeit und als Deckung zur Verstärkung der illegalen Arbeit zu benutzen zwecks revolutionärer Vorbereitung der Massen zum Sturz der Bourgeoisie.

Darin besteht das Wesen der revolutionären Ausnutzung der Reformen und Kompromisse unter den Bedingungen des Imperialismus.

Der Reformist dagegen ist umgekehrt für Reformen, um jede illegale Arbeit von sich zu weisen, die Vorbereitung der Massen zur Revolution zu hintertreiben und im Schatten der "geschenkten" Reform der Ruhe zu pflegen.

Darin besteht das Wesen der reformistischen Taktik.

So verhält es sich mit Reformen und Kompromissen unter den Bedingungen des Imperialismus.

Die Sache ändert sich jedoch einigermaßen nach dem Sturz des Imperialismus, unter der Diktatur des Proletariats. Unter bestimmten Umständen, in einer bestimmten Situation kann die proletarische Macht sich gezwungen sehen, vorübergehend vom Wege des revolutionären Umbaus der bestehenden Ordnung auf den Weg ihrer allmählichen Umgestaltung überzugehen, "auf den reformistischen Weg", wie Lenin in seinem bekannten Artikel "über die Bedeutung des Goldes"[Anmerkung 31] sagt, auf den Weg von Umgehungsbewegungen, auf den Weg von Reformen und Zugeständnissen an die nichtproletarischen Klassen, um diese Klassen zu zersetzen, der Revolution eine Atempause zu verschaffen, Kräfte zu sammeln und die Bedingungen für eine neue Offensive vorzubereiten. Es lässt sich nicht leugnen, dass dieser Weg in gewissem Sinne ein "reformistischer" Weg ist. Nur muss man daran denken, dass wir es hier mit einer grundlegenden Besonderheit zu tun haben, die darin besteht, dass die Reform in diesem Falle von der proletarischen Macht ausgeht, dass sie die proletarische Macht stärkt, dass sie ihr die notwendige Atempause verleiht, dass sie berufen ist, nicht die Revolution, sondern die nichtproletarischen Klassen zu zersetzen.

Die Reform verwandelt sich somit unter solchen Umständen in ihr Gegenteil.

Die Durchführung einer solchen Politik durch die proletarische Macht wird deshalb und nur deshalb möglich, weil der Schwung der Revolution in der vorangegangenen Periode groß genug war und somit genügend breiten Raum zum Rückzug geschaffen hat, um an die Stelle der Taktik des Angriffs die Taktik des vorübergehenden Rückzugs, die Taktik der Umgehungsbewegungen setzen zu können.

Waren also früher, unter der Macht der Bourgeoisie, die Reformen ein Nebenprodukt der Revolution, so sind jetzt, unter der Diktatur des Proletariats, die Quelle der Reformen die revolutionären Errungenschaften des Proletariats, die angehäufte Reserve in den Händen des Proletariats, die aus diesen Errungenschaften gebildet wird.

"Das Verhältnis von Reformen und Revolution", sagt Lenin, "ist nur vom Marxismus genau und richtig bestimmt worden, wobei Marx dieses Verhältnis nur von der einen Seite sehen konnte, nämlich in einer Situation, die dem ersten mehr oder weniger festen, mehr oder weniger dauerhaften Siege des Proletariats, sei es auch nur in einem Lande, vorausging. In einer solchen Situation war die Grundlage eines richtigen Verhältnisses die folgende: Reformen sind das Nebenprodukt des revolutionären Klassenkampfes des Proletariats... Nach dem Siege des Proletariats, sei es auch nur in einem Lande, tritt etwas Neues in dem Verhältnis von Reformen und Revolution ein. Prinzipiell hat sich nichts geändert, aber in der Form tritt eine Veränderung ein, die Marx persönlich nicht voraussehen konnte, der man sich jedoch nur auf dem Boden der Philosophie und Politik des Marxismus bewusst werden kann... Nach dem Siege sind sie (das heißt die Reformen. J. St.) (während sie im internationalen Maßstab nach wie vor ein ,Nebenprodukt´ bleiben) für das Land, in dem der Sieg erfochten ist, außerdem eine notwendige und berechtigte Atempause in Fällen, wo die Kräfte, nachdem man sie aufs höchste angespannt hat, zur revolutionären Ausführung dieses oder jenes Übergangs offensichtlich nicht ausreichen. Der Sieg liefert einen solchen ´Kräftevorrat´, dass man sogar bei einem erzwungenen Rückzug durchhalten kann - durchhalten sowohl im materiellen wie im moralischen Sinne." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 91, 92 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 898, 899].)

VIII. Die Partei

In der vorrevolutionären Periode, in der Periode der mehr oder weniger friedlichen Entwicklung, als die Parteien der II. Internationale in der Arbeiterbewegung die herrschende Kraft darstellten und die parlamentarischen Kampfformen als die Grundformen galten - unter diesen Bedingungen hatte die Partei nicht die ernste und entscheidende Bedeutung und konnte diese auch nicht haben, wie die Partei sie dann unter den Bedingungen der offenen revolutionären Schlachten gewann. Zur Verteidigung der II. Internationale gegen verschiedene Angriffe erklärte Kautsky, dass die Parteien der II. Internationale ein Friedensinstrument und kein Kriegsinstrument seien, dass sie gerade deshalb nicht imstande gewesen seien, während des Krieges, in der Periode der revolutionären Aktionen des Proletariats, irgend etwas Ernstes zu unternehmen. Das ist völlig richtig. Aber was bedeutet das? Das bedeutet, dass die Parteien der II. Internationale untauglich sind für den revolutionären Kampf des Proletariats, dass sie keine Kampfparteien des Proletariats sind, die die Arbeiter zur Macht führen, sondern ein Wahlapparat, der für Parlamentswahlen und den parlamentarischen Kampf eingerichtet ist. Daraus erklärt sich eigentlich auch die Tatsache, dass in der Periode der Herrschaft der Opportunisten der II. Internationale nicht die Partei, sondern die Parlamentsfraktion die maßgebende politische Organisation des Proletariats war. Es ist bekannt, dass die Partei in dieser Periode in Wirklichkeit ein Anhängsel und dienstbares Element der Parlamentsfraktion war. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass unter solchen Bedingungen und mit einer solchen Partei an der Spitze von einer Vorbereitung des Proletariats auf die Revolution nicht einmal die Rede sein konnte.

Die Sache änderte sich jedoch von Grund aus mit dem Anbruch der neuen Periode. Die neue Periode ist die Periode offener Zusammenstöße der Klassen, die Periode revolutionärer Aktionen des Proletariats, die Periode der proletarischen Revolution, die Periode der direkten Vorbereitung der Kräfte zum Sturz des Imperialismus, zur Ergreifung der Macht durch das Proletariat. Diese Periode stellt dem Proletariat neue Aufgaben: die gesamte Parteiarbeit auf neue, auf revolutionäre Art umzubauen, die Arbeiter im Geiste des revolutionären Kampfes um die Macht zu erziehen, Reserven auszubilden und heranzuziehen, das Bündnis mit den Proletariern der benachbarten Länder herzustellen, feste Verbindungen mit der Befreiungsbewegung der Kolonien und der abhängigen Länder zu schaffen usw. usf. Zu glauben, dass diese neuen Aufgaben mit den Kräften der alten sozialdemokratischen Parteien, die in den friedlichen Verhältnissen des Parlamentarismus erzogen wurden, gelöst werden können - heißt sich zu hoffnungsloser Verzweiflung, zu einer unausbleiblichen Niederlage verurteilen. Die alten Parteien weiter an der Spitze zu belassen, wo man solche Aufgaben zu bewältigen hat, heißt völlig ungerüstet dastehen. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass das Proletariat sich mit einer solchen Sachlage nicht abfinden konnte.

Daraus folgt die Notwendigkeit einer neuen Partei, einer Kampfpartei, einer revolutionären Partei, die kühn genug ist, die Proletarier in den Kampf um die Macht zu führen, die genügend Erfahrung hat, um sich in den komplizierten Verhältnissen der revolutionären Situation zurechtzufinden, und genügend Elastizität besitzt, um Klippen jeder Art auf dem Wege zum Ziel zu umgehen.

Ohne eine solche Partei ist an einen Sturz des Imperialismus, an die Eroberung der Diktatur des Proletariats gar nicht zu denken. Diese neue Partei ist die Partei des Leninismus.

Worin bestehen die Besonderheiten dieser neuen Partei?


1. Die Partei als Vortrupp der Arbeiterklasse. Die Partei muss vor allem der Vortrupp der Arbeiterklasse sein. Die Partei muss die besten Elemente der Arbeiterklasse mit ihrer Erfahrung, mit ihrem revolutionären Geist, ihrer grenzenlosen Ergebenheit für die Sache des Proletariats in sich aufnehmen. Um aber wirklich der Vortrupp zu sein, muss die Partei mit einer revolutionären Theorie, mit der Kenntnis der Gesetze der Bewegung, mit der Kenntnis der Gesetze der Revolution gewappnet sein. Sonst ist sie nicht imstande, den Kampf des Proletariats zu leiten, das Proletariat zu führen. Die Partei kann keine wirkliche Partei sein, wenn sie sich darauf beschränkt, zu registrieren, was die Masse der Arbeiterklasse empfindet und denkt, wenn sie hinter der spontanen Bewegung einhertrottet, wenn sie die Trägheit und die politische Gleichgültigkeit der spontanen Bewegung nicht zu überwinden vermag, wenn sie sich nicht über die Augenblicksinteressen des Proletariats zu erheben vermag, wenn sie die Massen nicht auf das Niveau zu heben vermag, auf dem sie die Klasseninteressen des Proletariats erkennen. Die Partei muss der Arbeiterklasse voraus sein, sie muss weiter sehen als die Arbeiterklasse, sie muss das Proletariat führen und darf nicht hinter der spontanen Bewegung einhertrotten. Die Parteien der II. Internationale, die die "Nachtrabpolitik" predigen, sind Schrittmacher der bürgerlichen Politik, die das Proletariat dazu verurteilt, ein Werkzeug in den Händen der Bourgeoisie zu sein. Nur eine Partei, die den Vortrupp des Proletariats bildet und imstande ist, die Massen auf das Niveau zu heben, auf dem sie die Klasseninteressen des Proletariats erkennen, nur eine solche Partei ist fähig, die Arbeiterklasse vom Wege des Trade-Unionismus abzubringen und sie in eine selbständige politische Kraft zu verwandeln.

Die Partei ist der politische Führer der Arbeiterklasse.

Ich sprach bereits über die Schwierigkeiten des Kampfes der Arbeiterklasse, über die Kompliziertheit der Kampfbedingungen, über Strategie und Taktik, über Reserven und Manövrieren, über Angriff und Rückzug. Diese Bedingungen sind nicht weniger kompliziert - wenn nicht gar komplizierter - als die Bedingungen des Krieges. Wer vermag sich in diesen Bedingungen zurechtzufinden, wer vermag den Millionenmassen der Proletarier eine richtige Orientierung zu geben? Keine Armee kann im Krieg ohne einen erfahrenen Stab auskommen, wenn sie nicht einer Niederlage entgegengehen will. Ist es nicht klar, dass das Proletariat erst recht nicht ohne einen solchen Stab auskommen kann, wenn es sich nicht seinen Todfeinden mit Haut und Haar ausliefern will? Aber wo ist dieser Stab? Dieser Stab kann nur die revolutionäre Partei des Proletariats sein. Die Arbeiterklasse ohne revolutionäre Partei - das ist eine Armee ohne Stab.

Die Partei ist der Kampfstab des Proletariats.

Aber die Partei kann nicht nur Vortrupp sein. Sie muss gleichzeitig ein Trupp der Klasse, ein Teil der Klasse sein, der durch sein ganzes Sein mit ihr fest verwurzelt ist. Der Unterschied zwischen dem Vortrupp und der übrigen Masse der Arbeiterklasse, zwischen Parteimitgliedern und Parteilosen kann nicht verschwinden, solange die Klassen nicht verschwunden sind, solange die Reihen des Proletariats durch Elemente aufgefüllt werden, die anderen Klassen entstammen, solange die Arbeiterklasse als Ganzes nicht die Möglichkeit hat, sich auf das Niveau des Vortrupps zu erheben. Aber die Partei würde aufhören, Partei zu sein, wenn aus diesem Unterschied ein Bruch würde, wenn sie sich abkapselte und von den parteilosen Massen losrisse. Die Partei kann die Klasse nicht führen, wenn sie nicht mit den parteilosen Massen verbunden ist, wenn es keine enge Verbindung zwischen Partei und parteilosen Massen gibt, wenn diese Massen ihre Führung nicht anerkennen, wenn die Partei bei den Massen keinen moralischen und politischen Kredit hat.

Vor kurzem wurden in unsere Partei zweihunderttausend neue Mitglieder aus der Arbeiterschaft aufgenommen. Bedeutsam ist hierbei der Umstand, dass sie nicht so sehr von selber in die Partei kamen, als vielmehr von der ganzen übrigen parteilosen Masse entsandt wurden, die bei der Aufnahme der neuen Mitglieder aktiv mitwirkte und ohne deren Zustimmung keine neuen Mitglieder aufgenommen wurden. Diese Tatsache besagt, dass die breiten Massen der parteilosen Arbeiter in unserer Partei ihre Partei sehen, die Partei, die ihnen nahe und vertraut ist, an deren Erweiterung und Festigung sie zutiefst interessiert sind und deren Führung sie freiwillig ihr Schicksal anvertrauen. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die Partei ohne diese ungreifbaren moralischen Fäden, die die Partei mit den parteilosen Massen verbinden, nicht zur entscheidenden Kraft ihrer Klasse hätte werden können.

Die Partei ist ein untrennbarer Teil der Arbeiterklasse.

"Wir sind", sagt Lenin, "die Partei der Klasse, und deshalb muss fast die gesamte Klasse (und in Kriegszeiten, in der Epoche des Bürgerkriegs, restlos die gesamte Klasse) unter der Leitung unserer Partei handeln, sie muss sich unserer Partei so eng wie möglich anschließen, doch wäre es Manilowerei und ´Nachtrabpolitik´, wollte man glauben, dass irgendwann unter der Herrschaft des Kapitalismus fast die gesamte Klasse oder die gesamte Klasse imstande wäre, sich bis zu der Bewusstheit und der Aktivität zu erheben, auf der ihr Vortrupp, ihre sozialdemokratische Partei, steht. Kein vernünftiger Sozialdemokrat hat je daran gezweifelt, dass unter dem Kapitalismus selbst die Gewerkschaftsorganisation (die primitiver, dem Bewusstsein der unentwickelten Schichten zugänglicher ist) außerstande ist, fast die gesamte oder die gesamte Arbeiterklasse zu erfassen. Es würde bedeuten, nur sich selbst zu betrügen, die Augen vor der gewaltigen Größe unserer Aufgaben zu verschließen, diese Aufgaben einzuengen, wollte man den Unterschied zwischen dem Vortrupp und all den Massen, die sich zu ihm hingezogen fühlen, vergessen, wollte man die ständige Pflicht des Vortrupps vergessen, immer breitere Schichten auf das Niveau dieses Vortrupps zu beben." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 7, S. 240 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 356].)


2. Die Partei als organisierter Trupp der Arbeiterklasse. Die Partei ist nicht nur ‘Vortrupp der Arbeiterklasse. Will sie wirklich den Kampf der Klasse leiten, so muss sie zugleich auch der organisierte Trupp ihrer Klasse sein. Die Aufgaben der Partei sind unter den Bedingungen des Kapitalismus außerordentlich groß und mannigfaltig. Die Partei muss den Kampf des Proletariats unter außerordentlich schwierigen Bedingungen der inneren und äußeren Entwicklung leiten, sie muss das Proletariat zur Offensive führen, wenn die Umstände eine Offensive erfordern, und sie muss das Proletariat den Schlägen eines starken Gegners entziehen, wenn die Umstände den Rückzug erfordern; sie muss in die Millionenmassen der unorganisierten parteilosen Arbeiter den Geist der Disziplin und der Planmäßigkeit im Kampf, den Geist der Organisiertheit und der Standhaftigkeit hineintragen. Aber die Partei kann diesen Aufgaben nur dann gerecht werden, wenn sie selbst die Verkörperung der Disziplin und Organisiertheit ist, wenn sie selbst der organisierte Trupp des Proletariats ist. Ohne diese Bedingungen kann von einer wirklichen Führung der Millionenmassen des Proletariats durch die Partei keine Rede sein.

Die Partei ist der organisierte Trupp der Arbeiterklasse.

Die Idee von der Partei als einem organisierten Ganzen ist in der bekannten Leninschen Formulierung des ersten Punkts unseres Parteistatuts verankert, wo die Partei als Summe von Organisationen und die Mitglieder der Partei als Mitglieder einer der Parteiorganisationen betrachtet werden. Die Menschewiki, die sich bereits im Jahre 1903 gegen diese Formulierung wandten, schlugen statt dessen ein "System" vor, bei dem man sich selbst zum Parteimitglied erklärt, ein "System" der Ausdehnung des "Namens" Parteimitglied auf jeden "Professor" und "Gymnasiasten", jeden "Sympathisierenden" und "Streikenden", der die Partei in irgendeiner Weise unterstützt, aber keiner Parteiorganisation angehört noch ihr anzugehören wünscht. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass dieses originelle "System", falls es sich in unserer Partei durchgesetzt hätte, unausbleiblich zur Überfüllung der Partei mit Professoren und Gymnasiasten und zu ihrer Ausartung in ein verschwommenes, formloses, desorganisiertes "Gebilde" geführt hätte, das im Meere der "Sympathisierenden" untergegangen wäre, die Grenzen zwischen Partei und Klasse verwischt und der Partei die Lösung der Aufgabe, die unorganisierten Massen auf das Niveau des Vortrupps zu heben, unmöglich gemacht hätte. Es erübrigt sich zu sagen, dass bei einem solchen opportunistischen "System" unsere Partei ihre Rolle als organisierender Kern der Arbeiterklasse in unserer Revolution nicht hätte erfüllen können.

"Vom Standpunkt des Genossen Martow", sagt Lenin, "bleibt die Grenze der Partei völlig unbestimmt, denn ´jeder Streikende´ darf ´sich für ein Parteimitglied erklären´. Welchen Nutzen bringt diese Verschwommenheit? Eine weite Verbreitung des ,Namens´. Der Schaden, den sie bringt, ist das Hereintragen der desorganisierenden Idee der Vermengung von Klasse und Partei." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 7, S.246 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 360].)

Aber die Partei ist nicht nur die Summe der Parteiorganisationen. Die Partei ist zugleich das einheitliche System dieser Organisationen, ihre Vereinigung in aller Form zu einem einheitlichen Ganzen, mit oberen und unteren Organen der Führung, mit der Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, mit praktischen Beschlüssen, die für alle Parteimitglieder bindend sind. Ohne diese Bedingungen kann die Partei kein einheitliches, organisiertes Ganzes sein, das fähig wäre, die planmäßige und organisierte Leitung des Kampfes der Arbeiterklasse zu verwirklichen.

"Früher", sagt Lenin, "war unsere Partei kein formal organisiertes Ganzes, sondern nur die Summe vereinzelter Gruppen, und darum konnte es auch keine anderen Beziehungen zwischen diesen Gruppen geben als die ideologische Beeinflussung. Jetzt sind wir eine organisierte Partei geworden, und dies eben bedeutet die Schaffung einer Macht, die Verwandlung der Autorität der Ideen in eine Autorität der Macht, die Unterordnung der unteren Parteikörperschaften unter die höheren." (Siehe 4. Ausgabe, Bd.7, S.338/339, russ.)

Das Prinzip der Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, das Prinzip der Leitung der Parteiarbeit durch ein Zentrum ruft nicht selten Angriffe seitens unbeständiger Elemente, Beschuldigungen wegen "Bürokratismus", "Formalismus" usw. hervor. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass eine planmäßige Arbeit der Partei als Ganzes und die Leitung des Kampfes der Arbeiterklasse ohne Durchführung dieser Prinzipien unmöglich wären. Leninismus in der Organisationsfrage bedeutet die unbeugsame Durchführung dieser Prinzipien. Den Kampf gegen diese Prinzipien nennt Lenin "russischen Nihilismus" und "Edelanarchismus", der es verdient, verspottet und verworfen zu werden.

In seinem Buch "Ein Schritt vorwärts" schreibt Lenin über diese unbeständigen Elemente:

"Dem russischen Nihilisten ist dieser Edelanarchismus besonders eigen. Die Parteiorganisation erscheint ihm als eine ungeheuerliche ´Fabrik´, die Unterordnung des Teils unter das Ganze und der Minderheit unter die Mehrheit erscheint ihm als ,Hörigkeit´..., die Arbeitsteilung unter" der Leitung des Zentrums ruft bei ihm ein tragikomisches Gezeter gegen die Verwandlung der Menschen in ,Rädchen und Schräubchen´ hervor..., die Erwähnung des Organisationsstatuts der Partei ruft eine verächtliche Grimasse und die geringschätzige Bemerkung ... hervor, dass es ja auch ganz ohne Statut gehen könnte."

"Es ist wohl klar, dass das Geschrei über den vielgenannten Bürokratismus bloß ein Deckmantel für die Unzufriedenheit mit der personellen Zusammensetzung der Zentren ist, ein Feigenblatt... Du bist ein Bürokrat, denn der Parteitag hat dich nicht meinem Willen gemäß, sondern gegen meinen Willen bestimmt; du bist ein Formalist, denn du stützt dich auf formale Parteitagsbeschlüsse und nicht auf meine Zustimmung; du handelst grob-mechanisch, denn du berufst dich auf die ,mechanische´ Parteitagsmehrheit und nimmst keine Rücksicht auf meinen Wunsch, kooptiert zu werden; du bist ein Selbstherrscher, denn du willst die Macht nicht an die alte traute Kumpanei abgeben" (Gemeint ist die "Kumpanei" Axelrod, Martow, Potressow u. a., die sich den Beschlüssen des II. Parteitags nicht fügten und Lenin "Bürokratismus" vorwarfen. J.St ) (siehe 4. Ausgabe, Bd. 7, S. 361 und 335 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 395]).


3. Die Partei als höchstenorm der Klassenorganisation des Proletariats. Die Partei ist der organisierte Trupp der Arbeiterklasse. Aber die Partei ist nicht die einzige Organisation der Arbeiterklasse. Das Proletariat hat noch eine ganze Reihe anderer Organisationen, ohne die es keinen erfolgreichen Kampf gegen das Kapital führen kann: Gewerkschaften, Genossenschaften, Betriebsorganisationen, Parlamentsfraktionen, parteilose Frauenvereinigungen, die Presse, Kultur- und Aufklärungsorganisationen, Jugendverbände, revolutionäre Kampforganisationen (zur Zeit offener revolutionärer Aktionen), Deputiertensowjets als staatliche Organisationsform (wenn sich das Proletariat an der Macht befindet) usw. In ihrer übergroßen Mehrheit sind es parteilose Organisationen, und nur ein gewisser Teil von ihnen lehnt sich direkt an die Partei an oder bildet eine Abzweigung von der Partei. Alle diese Organisationen sind unter bestimmten Verhältnissen für die Arbeiterklasse absolut notwendig, denn ohne sie ist es unmöglich, die Klassenpositionen des Proletariats in den mannigfaltigen Sphären des Kampfes zu festigen, denn ohne sie ist es unmöglich, das Proletariat zu stählen als die Kraft, die berufen ist, an die Stelle der bürgerlichen Gesellschaftsordnung die sozialistische zu setzen. Wie kann aber bei dieser Fülle an Organisationen eine einheitliche Leitung verwirklicht werden? Wo ist die Garantie, dass das Vorhandensein so .zahlreicher Organisationen nicht zu einem Durcheinander in der Leitung führen wird? Man könnte sagen, dass jede dieser Organisationen innerhalb ihrer abgesonderten Sphäre tätig ist und dass sie deshalb einander nicht behindern können. Das ist natürlich richtig. Aber richtig ist auch, dass alle diese Organisationen in einer Richtung tätig sein müssen, denn sie dienen einer Klasse, der Klasse der Proletarier. Es fragt sich nun: Wer bestimmt die Linie, die allgemeine Richtung, in der alle diese Organisationen ihre Arbeit ausführen sollen? Wo ist jene zentrale Organisation, die dank der notwendigen Erfahrungen nicht nur fähig ist, diese allgemeine Linie auszuarbeiten, sondern dank der hierzu ausreichenden Autorität auch die Möglichkeit hat, alle diese Organisationen zu veranlassen, diese Linie zu verwirklichen, um eine Einheitlichkeit in der Führung zu erzielen und Stockungen unmöglich zu machen?

Eine solche Organisation ist die Partei des Proletariats.

Die Partei verfügt über alle hierzu nötigen Voraussetzungen, erstens, weil die Partei das Sammelbecken der besten Elemente der Arbeiterklasse ist, die mit den parteilosen Organisationen des Proletariats unmittelbar verbunden sind und diese sehr oft leiten; zweitens, weil die Partei, als Sammelbecken der Besten der Arbeiterklasse, die beste Schule zur Heranbildung von Führern der Arbeiterklasse ist, die fähig sind, die Organisationen ihrer Klasse in allen ihren Formen zu leiten; drittens, weil die Partei, als die beste Schule von Führern der Arbeiterklasse, dank ihrer Erfahrung und Autorität die einzige Organisation bildet, die fähig ist, die Leitung des Kampfes des Proletariats zu zentralisieren und auf diese Weise alle wie immer gearteten parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse in Hilfsorgane und Transmissionsriemen zu verwandeln, die sie mit der Klasse verbinden.

Die Partei ist die höchste Form der Klassenorganisation des Proletariats.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die parteilosen Organisationen, die Gewerkschaften, Genossenschaften usw., der Leitung der Partei formal unterstellt sein müssen. Es handelt sich nur darum, dass die Parteimitglieder, die diesen Organisationen angehören, als zweifellos einflussreiche Menschen alle Mittel der Überzeugung anwenden, damit die parteilosen Organisationen in ihrer Tätigkeit der Partei des Proletariats möglichst nahe gebracht werden und freiwillig ihre politische Führung anerkennen.

Deshalb sagt Lenin, dass die Partei "die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier ist", deren politische Führung sich auf alle anderen Formen der Organisation des Proletariats zu erstrecken hat. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 32 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 697].)

Deshalb ist die opportunistische Theorie von der "Unabhängigkeit" und "Neutralität" der parteilosen Organisationen, die unabhängige Parlamentarier und von der Partei losgelöste Journalisten, engstirnige Gewerkschaftler und verspießerte Genossenschaftler züchtet, völlig unvereinbar mit der Theorie und Praxis des Leninismus.


4. Die Partei als Instrument der Diktatur des Proletariats. Die Partei ist die höchste Form der Organisation des Proletariats. Die Partei ist die grundlegende, führende Kraft innerhalb der Klasse der Proletarier und unter den Organisationen dieser Klasse. Daraus folgt aber keineswegs, dass man die Partei als Selbstzweck, als sich selbst genügende Kraft ansehen kann. Die Partei ist nicht nur die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier - sie ist zugleich das Instrument in der Hand des Proletariats zur Eroberung der Diktatur, solange diese noch nicht erobert ist, zur Festigung und zum Ausbau der Diktatur, nachdem sie erobert ist. Die Partei könnte nicht eine so hohe Bedeutung erlangen und könnte nicht alle übrigen Formen der Organisation des Proletariats überragen, wenn vor dem Proletariat nicht die Frage der Macht stünde, wenn die Verhältnisse des Imperialismus, die Unvermeidlichkeit von Kriegen, das Vorhandensein einer Krise nicht die Konzentration aller Kräfte des Proletariats auf einen Punkt, die Vereinigung aller Fäden der revolutionären Bewegung an einer Stelle erforderten, um die Bourgeoisie zu stürzen und die Diktatur des Proletariats zu erkämpfen. Das Proletariat braucht die Partei vor allem als seinen Kampfstab, der notwendig ist, um erfolgreich die Macht zu ergreifen. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass es dem Proletariat in Rußland nicht möglich gewesen wäre, seine revolutionäre Diktatur zu verwirklichen, wenn es keine Partei gehabt hätte, die fähig war, die Massenorganisationen des Proletariats um sich zu scharen und im Verlauf des Kampfes die Leitung der gesamten Bewegung zu zentralisieren.

Aber das Proletariat braucht die Partei nicht nur zur Eroberung der Diktatur, es braucht sie noch notwendiger, um die Diktatur zu behaupten und sie im Interesse des vollständigen Sieges des Sozialismus zu festigen und auszubauen.

"Sicherlich sieht jetzt schon fast jeder", sagt Lenin, "dass die Bolschewiki keine zweieinhalb Monate, geschweige denn zweieinhalb Jahre die Macht hätten behaupten können ohne die strengste, wahrhaft eiserne Disziplin in unserer Partei, ohne die vollste und grenzenlose Unterstützung der Partei durch die gesamte Masse der Arbeiterklasse, das heißt durch alle denkenden, ehrlichen, selbstlosen, einflussreichen Menschen dieser Klasse, die fähig sind, die rückständigen Schichten zu führen oder mit sich fortzureißen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 7 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.671/672].)

Was heißt aber, die Diktatur "behaupten" und "ausbauen"? Das heißt, die Millionenmassen der Proletarier mit dem Geist der Disziplin und Organisiertheit beseelen; das heißt, in den proletarischen Massen eine Schutzwehr und ein Bollwerk gegen die zerfressenden Einflüsse der klein-bürgerlichen Elementargewalt und der kleinbürgerlichen Gewohnheiten schaffen; das heißt, die organisatorische Arbeit der Proletarier zur Umerziehung und Ummodelung der kleinbürgerlichen Schichten unterstützen; das heißt, den proletarischen Massen helfen, sich selbst zu erziehen, als die Kraft, die fähig ist, die Klassen aufzuheben und die Bedingungen für die Organisierung der sozialistischen Produktion vorzubereiten. Aber das alles durchzuführen ist unmöglich ohne eine Partei, die durch ihre Geschlossenheit und Disziplin stark ist.

"Die Diktatur des Proletariats", sagt Lenin, "ist ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten Gesellschaft. Die Macht der Gewohnheit von Millionen und aber Millionen ist die fürchterlichste Macht. Ohne eine eiserne und kampfgestählte Partei, ohne eine Partei, die das Vertrauen alles dessen genießt, was in der gegebenen Klasse ehrlich ist, ohne eine Partei, die es versteht, die Stimmung der Massen zu verfolgen und zu beeinflussen, ist es unmöglich, einen solchen Kampf erfolgreich zu führen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 27 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. 11, S. 691].)

Das Proletariat braucht die Partei dazu, um die Diktatur zu erobern und zu behaupten. Die Partei ist ein Instrument der Diktatur des Proletariats.

Daraus folgt aber, dass mit dem Verschwinden der Klassen, mit dem Absterben der Diktatur des Proletariats auch die Partei absterben muss.


5. Die Partei als eine mit der Existenz von Fraktionen unvereinbare Einheit des Willens. Die Diktatur des Proletariats zu erobern und zu behaupten ist unmöglich ohne eine Partei, die durch ihre Geschlossenheit und eiserne Disziplin stark ist. Die eiserne Disziplin in der Partei aber ist undenkbar ohne die Einheit des Willens, ohne die völlige und unbedingte Einheit des Handelns aller Parteimitglieder. Das bedeutet natürlich nicht, dass dadurch die Möglichkeit eines Meinungskampfes in der Partei ausgeschlossen wird. Im Gegenteil, die eiserne Disziplin schließt Kritik und Meinungskampf in der Partei nicht nur nicht aus, sondern setzt sie vielmehr voraus. Das bedeutet erst recht nicht, dass die Disziplin "blind" sein soll. Im Gegenteil, die eiserne Disziplin schließt Bewusstheit und Freiwilligkeit der Unterordnung nicht aus, sondern setzt sie vielmehr voraus, denn nur eine bewusste Disziplin kann eine wirklich eiserne Disziplin sein. Aber nachdem der Meinungskampf beendet, die Kritik erschöpft und ein Beschluss gefasst ist, bildet die Einheit des Willens und die Einheit des Handelns aller Parteimitglieder jene unerlässliche Bedingung, ohne die weder eine einheitliche Partei noch eine eiserne Disziplin in der Partei denkbar ist.

"In der gegenwärtigen Epoche des verschärften Bürgerkriegs", sagt Lenin, "wird die Kommunistische Partei nur dann ihre Pflicht erfüllen können, wenn sie möglichst zentralistisch organisiert ist, wenn in ihr eine eiserne Disziplin herrscht, die an die militärische Disziplin grenzt, und wenn ihr Parteizentrum ein mit Machtbefugnissen ausgestattetes, autoritatives Organ mit weitgehenden Vollmachten ist, das das allgemeine Vertrauen der Parteimitgliedschaft genießt." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S.185, russ.)

So steht es mit der Disziplin in der Partei unter den Bedingungen des Kampfes vor Eroberung der Diktatur.

Dasselbe, jedoch in noch höherem Maße, muss von der Disziplin in der Partei nach Eroberung der Diktatur gesagt werden.

"Wer auch nur im geringsten", sagt Lenin, "die eiserne Disziplin der Partei des Proletariats (besonders während seiner Diktatur) schwächt, der hilft faktisch der Bourgeoisie gegen das Proletariat." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 27 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 692].)

Daraus folgt aber, dass das Bestehen von Fraktionen unvereinbar ist sowohl mit der Einheit der Partei als auch mit ihrer eisernen Disziplin. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die Existenz von Fraktionen zum Entstehen mehrerer Zentren führt, das Bestehen mehrerer Zentren aber bedeutet das Fehlen eines gemeinsamen Zentrums in der Partei, die Zersplitterung des einheitlichen Willens, die Schwächung und Zersetzung der Disziplin, die Schwächung und Zersetzung der Diktatur. Die Parteien der II. Internationale, die gegen die Diktatur des Proletariats kämpfen und die Proletarier nicht zur Macht führen wollen, können sich natürlich einen Liberalismus wie die Fraktionsfreiheit gestatten, da sie eine eiserne Disziplin gar nicht brauchen. Die Parteien der Kommunistischen Internationale aber, die ihre Arbeit auf die Aufgabe einstellen, die Diktatur des Proletariats zu erkämpfen und sie zu festigen, können weder auf "Liberalismus" noch auf Fraktionsfreiheit eingehen.

Die Partei ist eine Einheit des Willens, die jegliche Fraktionsmacherei und Machtzersplitterung in der Partei ausschließt.

Daher Lenins Hinweis auf die "Gefährlichkeit der Fraktionsmacherei vom Standpunkt der Parteieinheit und der Verwirklichung der Willenseinheit der Avantgarde des Proletariats als der Grundbedingung für den Erfolg der Diktatur des Proletariats", der in einer speziellen Resolution des X. Parteitags "Über die Einheit der Partei"[Anmerkung 32] verankert wurde.

Daher die Forderung Lenins, jegliche Fraktionsmacherei vollständig auszumerzen" und "ausnahmslos alle Gruppen, die sich auf der einen oder anderen Plattform gebildet haben, sofort aufzulösen", bei Strafe des "unbedingten und sofortigen Ausschlusses aus der Partei" (siehe Resolution "Über die Einheit der Partei").


6. Die Partei wird dadurch gestärkt, dass sie sich von opportunistischen Elementen säubert. Die Quelle der Fraktionsmacherei in der Partei sind ihre opportunistischen Elemente. Das Proletariat ist keine nach außen abgeschlossene Klasse. Es erhält ständigen Zustrom durch Elemente aus der Bauernschaft, dem Kleinbürgertum, der Intelligenz, die durch die Entwicklung des Kapitalismus proletarisiert wurden. Gleichzeitig geht in den Oberschichten des Proletariats ein Zersetzungsprozess vor sich, hauptsächlich unter den Gewerkschaftlern und Parlamentariern, die von der Bourgeoisie aus dem kolonialen Extraprofit gefüttert werden. "Diese Schicht der verbürgerlichten Arbeiter", sagte Lenin, "oder der ´Arbeiteraristokratie´, in ihrer Lebensart, durch ihr Einkommen, durch ihre ganze Weltanschauung vollkommen verspießert, ist die Hauptstütze der II. Internationale und in unseren Tagen die soziale (nicht militärische) Hauptstütze der Bourgeoisie. Denn sie sind wirkliche Agenten der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegung, die Arbeiterkommis der Kapitalistenklasse..., wirkliche Schrittmacher des Reformismus und Chauvinismus." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 22, S. 182 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 774].)

Alle diese kleinbürgerlichen Gruppen dringen auf eine oder die andere Weise in die Partei ein und tragen in sie den Geist des Schwankens und des Opportunismus, den Geist der Zersetzung und der Unsicherheit hinein. Sie sind es hauptsächlich, die die Quelle der Fraktionsmacherei und des Zerfalls bilden, die Quelle der Desorganisation und Sprengung der Partei von innen heraus. Gegen den Imperialismus kämpfen, wenn man solche "Bundesgenossen" im Rücken hat, heißt in die Lage von Leuten geraten, die von zwei Seiten beschossen werden - von der Front und vom Hinterland. Deshalb ist der schonungslose Kampf gegen solche Elemente, ihre Verjagung aus der Partei die Vorbedingung für den erfolgreichen Kampf gegen den Imperialismus.

Die Theorie der "Überwältigung" der opportunistischen Elemente durch ideologischen Kampf innerhalb der Partei, die Theorie der "Überwindung" dieser Elemente im Rahmen ein und derselben Partei ist eine faule und gefährliche Theorie, die die Gefahr heraufbeschwört, die Partei zu einem Zustand der Lähmung und des chronischen Siechtums zu verurteilen, sie mit Haut und Haar dem Opportunismus auszuliefern, das Proletariat ohne revolutionäre Partei zu lassen, das Proletariat der wichtigsten Waffe im Kampf gegen den Imperialismus zu berauben. Unsere Partei hätte sich nicht ihren Weg bahnen können, sie hätte nicht die Macht ergreifen und die Diktatur des Proletariats organisieren können, sie hätte aus dem Bürgerkrieg nicht als Sieger hervorgehen können, wenn sie die Martow und Dan, die Potressow und Axelrod in ihren Reihen gehabt hätte. Wenn es unserer Partei gelungen ist, in der Partei die innere Einheit, die beispiellose Geschlossenheit ihrer Reihen zu schaffen, so vor allem deshalb, weil sie es verstanden hat, sich rechtzeitig von dem Unrat des Opportunismus zu reinigen, weil sie es verstanden hat, die Liquidatoren und Menschewiki aus der Partei zu verjagen. Der Weg zur Entwicklung und Festigung der proletarischen Parteien führt über ihre Säuberung von den Opportunisten und Reformisten, den Sozialimperialisten und Sozialchauvinisten, den Sozialpatrioten und Sozialpazifisten.

Die Partei wird gestärkt dadurch, dass sie sich von den opportunistischen Elementen reinigt.

"Wenn man in seinen Reihen Reformisten, Menschewiki hat", sagt Lenin, "so ist es unmöglich, in der proletarischen Revolution zu siegen, so ist es unmöglich, sie zu behaupten. Das steht offenbar prinzipiell fest. Das ist sowohl in Rußland als auch in Ungarn durch die Erfahrung anschaulich bestätigt worden... In Rußland hat es oftmals schwierige Situationen gegeben, wo das Sowjetregime ganz sicher gestürzt worden wäre, wenn die Menschewiki, Reformisten, kleinbürgerlichen Demokraten innerhalb unserer Partei verblieben wären... In Italien stehen, wie allgemein angenommen wird, entscheidende Kämpfe zwischen Proletariat und Bourgeoisie um die Eroberung der Staatsmacht bevor. In einem solchen Augenblick ist nicht nur die Entfernung der Menschewiki, der Reformisten, der Turatileute aus der Partei unbedingt notwendig, sondern kann sich sogar die Entfernung ausgezeichneter Kommunisten, die zu Schwankungen neigen und Schwankungen in der Richtung der ´Einheit´ mit den Reformisten an den Tag legen, von allen verantwortlichen Posten als nützlich erweisen... Am Vorabend der Revolution und in Augenblicken des erbittertsten Kampfes um ihren Sieg können die geringsten Schwankungen innerhalb der Partei alles zugrunde richten, die Revolution vereiteln, die Macht den Händen des Proletariats entreißen, denn diese Macht ist noch nicht fest begründet und der Ansturm gegen sie noch allzu stark. Wenn schwankende Führer in einer solchen Zeit abtreten, so schwächt das nicht, sondern stärkt sowohl die Partei als auch die Arbeiterbewegung und die Revolution." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 357, 358, 359, russ.)

IX. Der Arbeitsstil

Es ist hier nicht vom literarischen Stil die Rede. Ich meine den Stil in der Arbeit, jenes Besondere und Eigenartige in der Praxis des Leninismus, das den besonderen Typus des leninistischen Funktionärs schafft. Der Leninismus ist die theoretische und praktische Schule, die einen besonderen Typus des Partei- und Staatsfunktionärs herausbildet, die einen besonderen, den Leninschen Arbeitsstil schafft.

Worin bestehen die charakteristischen Merkmale dieses Stils? Welches sind seine Besonderheiten?

Es sind zwei Besonderheiten:

a) der russische revolutionäre Schwung und

b) die amerikanische Sachlichkeit.

Der Stil des Leninismus besteht in der Vereinigung dieser beiden Besonderheiten in der Partei- und Staatsarbeit.

Der russische revolutionäre Schwung ist das Gegengift gegen Trägheit, Routine, Konservatismus, Denkfaulheit, sklavisches Festhalten an den Traditionen der Großväter. Der russische revolutionäre Schwung ist jene belebende Kraft, die das Denken weckt und vorwärts treibt, das Alte zerstört, Perspektiven eröffnet. Ohne diesen Schwung ist kein Fortschritt möglich.

Aber der russische revolutionäre Schwung hat alle Aussichten, in der Praxis in hohle "revolutionäre" Manilowerei auszuarten, wenn er nicht verbunden wird mit amerikanischer Sachlichkeit in der Arbeit. Beispiele einer solchen Entartung gibt es noch und noch. Wer kennt nicht die Krankheit der "revolutionären" Projektemacherei und des "revolutionären" Pläneschmiedens, deren Quelle der Glaube an die Macht des Dekrets ist, das imstande sei, alles zuwege zu bringen und alles umzugestalten? Ein russischer Schriftsteller, I. Ehrenburg, hat in der Erzählung "V. K. M." (Vervollkommneter kommunistischer Mensch) den Typus eines von dieser Krankheit befallenen "Bolschewiks" geschildert, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Schema eines ideal vervollkommneten Menschen zu entwerfen, und... in dieser "Arbeit" "ersoff". Die Erzählung enthält zwar große Übertreibungen, dass sie aber die Krankheit richtig erfasst hat, unterliegt keinem Zweifel. Niemand jedoch dürfte solche Kranke so ätzend und schonungslos verspottet haben wie Lenin. "Kommunistische Hoffart" - so nannte er diesen krankhaften Glauben an Projektemacherei und Dekretiererei.

"Kommunistische Hoffart heißt", sagt Lenin, "dass ein Mensch, der der Kommunistischen Partei angehört und aus ihr noch nicht hinausgereinigt worden ist, sich einbildet, alle seine Aufgaben durch kommunistisches Dekretieren erledigen zu können." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 54, russ.)

Dem "revolutionären" Wortgeklingel stellte Lenin gewöhnlich die einfachen und alltäglichen Taten gegenüber und unterstrich damit, dass "revolutionäre" Projektemacherei sowohl dem Geist wie dem Buchstaben des wahren Leninismus widerspricht.

"Weniger schwülstige Phrasen", sagt Lenin, "und mehr einfache, alltägliche Arbeit..."

"Weniger politisches Wortgeprassel und mehr Aufmerksamkeit für die einfachsten, aber lebendigen... Tatsachen des kommunistischen Aufbaus..." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 395 und 386 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 577 und 568].)

Die amerikanische Sachlichkeit ist wiederum das Gegengift gegen "revolutionäre" Manilowerei und phantastische Projektemacherei. Die amerikanische Sachlichkeit ist jene unbändige Kraft, die keinerlei Schranken kennt noch anerkennt, die mit ihrer sachlichen Beharrlichkeit alle wie immer gearteten Hindernisse hinwegfegt, die jede einmal begonnene Sache unbedingt bis zu Ende durchführt, selbst wenn es eine kleine Sache ist, und ohne die eine ernste aufbauende Arbeit undenkbar ist.

Doch hat die amerikanische Sachlichkeit alle Aussicht, in engen und prinzipienlosen Praktizismus auszuarten, wenn sie nicht mit dem russischen revolutionären Schwung verbunden wird. Wer kennt nicht die Krankheit des engen Praktizismus und der prinzipienlosen Geschäftigkeit, die nicht selten manche "Bolschewiki" zur Entartung und zur Abkehr von der Sache der Revolution fährt? Diese eigenartige Krankheit fand ihre Widerspiegelung in der Erzählung "Das nackte Jahr" von B. Pilnjak, wo Typen russischer "Bolschewiki" geschildert werden, die zwar von Willen und praktischer Entschlossenheit erfüllt sind und sehr "energisch" "fungieren", denen aber die Perspektive fehlt, die nicht wissen, "wie die Dinge zusammenhängen", und deshalb vom Wege der revolutionären Arbeit abirren. Niemand verspottete diese krankhafte Geschäftigkeit so ätzend wie Lenin. "Engstirniger Praktizismus", "kopflose Geschäftigkeit" - so titulierte Lenin diese Krankheit. Er stellte ihr gewöhnlich die lebendige revolutionäre Tat und die Notwendigkeit revolutionärer Perspektiven auf allen Gebieten unserer Alltagsarbeit entgegen und betonte damit, dass prinzipienloser Praktizismus dem wahren Leninismus ebenso widerspricht wie "revolutionäre" Projektemacherei.

Vereinigung des russischen revolutionären Schwungs mit amerikanischer Sachlichkeit - darin liegt das Wesen des Leninismus in der Partei- und in der Staatsarbeit.

Nur eine solche Vereinigung gibt uns den vollendeten Typus des leninistischen Funktionärs, den Arbeitsstil des Leninismus.

Der XIII. Parteitag der KPR(B)

Seite 167 - 209

23.-31. Mai 1924

"Prawda" Nr. 118 und 119, 27. und 28. Mai 1924.

[Anmerkung 33]

  • Organisatorischer Bericht des Zentralkomitees
  • Schlusswort

Organisatorischer Bericht des Zentralkomitees

24. Mai

Genossen!

Die allgemeine Lage, wie sie sich im Laufe des Jahres im Lande gestaltet hat, und die Verhältnisse, unter denen die Partei tätig war, können als günstig bezeichnet werden. Die grundlegenden Tatsachen sind: der Aufschwung in der Wirtschaft des Landes, das Anwachsen der Aktivität überhaupt, das Anwachsen der Aktivität der Arbeiterklasse im Besonderen, die Intensivierung des Parteilebens.

Die Frage läuft darauf hinaus, wieweit es der Partei gelungen ist, diese Lage während des letzten Jahres auszunutzen, um ihren Einfluss in den Massenorganisationen, die die Partei umgeben, zu verstärken, wie-weit es ihr gelungen ist, ihre Zusammensetzung zu verbessern, ihre Arbeit überhaupt zu verbessern, die Registrierung der verantwortlichen Funktionäre, ihre Verteilung und Beförderung zu verbessern, und schließlich, wieweit es der Partei gelungen ist, das innere Leben ihrer Organisationen zu verbessern.

Hieraus ergeben sich acht Fragen, über die ich sprechen werde:

a) der Zustand der Massenorganisationen, die die Partei umgeben und sie mit der Klasse verbinden, und das Anwachsen des kommunistischen Einflusses in diesen Organisationen;

b) der Zustand des Staatsapparats, sowohl des Apparats der Volkskommissariate und der Institutionen mit wirtschaftlicher Rechnungsführung als auch des unteren Sowjetapparats, und das Anwachsen des kommunistischen Einflusses auf diesem Gebiet;

c:) die Zusammensetzung der Partei und das Lenin-Aufgebot;

d) die Zusammensetzung der führenden Organe der Partei, die Parteikader und die jungen Parteimitglieder;

e) die Arbeit der Partei auf dem Gebiet der Agitation und Propaganda, die Arbeit im Dorfe;

f) die Arbeit der Partei auf dem Gebiet der Registrierung, Verteilung und Beförderung der verantwortlichen Funktionäre, sowohl der Parteimitglieder als auch der Parteilosen;

g) das innere Leben der Partei;

h) Schlussfolgerungen.

Ich werde im weiteren eine Reihe Zahlen anführen müssen, denn ohne sie würde der Bericht unvollständig und unbefriedigend sein. Dabei muss ich den Vorbehalt machen, dass ich an die absolute Genauigkeit dieser Zahlen nicht glaube, denn mit der Statistik hapert es bei uns, da leider nicht alle sowjetischen Statistiker das elementare Gefühl für ihre Berufsehre besitzen.

Nach diesem notwendigen Vorbehalt gehe ich nun zu den Zahlen über.

1. Die Massenorganisationen, die die Partei mit der Klasse verbinden

a) Die Gewerkschaften. Im vergangenen Jahr waren nach den statistischen Angaben 4800000 Personen in den Gewerkschaften organisiert. In diesem Jahr sind es 5 Millionen. Zweifellos ein Zuwachs. Nimmt man die 12 grundlegenden Industrieverbände, nimmt man die Zahl der in diesen Produktionszweigen beschäftigten und die Zahl der organisierten Arbeiter, so ergibt sich, dass 92 Prozent organisiert sind. In den grundlegenden Industriezweigen sind 91 bis 92 Prozent der gesamten Arbeiter-klasse gewerkschaftlich organisiert. So steht es auf dem Gebiet der Industrie.

Schlechter ist es um die Landwirtschaft bestellt, wo es etwa 800000 landwirtschaftliche Arbeiter gibt, wobei der Anteil der gewerkschaftlich Organisierten, wenn man die nicht in staatlichen Betrieben beschäftigten landwirtschaftlichen Arbeiter nimmt, 3 Prozent beträgt.

Was den kommunistischen Einfluss in den Verbänden betrifft, so haben wir Zahlen über die Vorsitzenden der Gouvernementsgewerkschaftsräte und der Kreisgewerkschaftsräte. Zur Zeit des XII. Parteitags waren etwas über 57 Prozent der Vorsitzenden Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität. Zur Zeit des jetzigen Parteitags sind es nur noch 35 Prozent. Eine Abnahme. Dafür ist der Prozentsatz der Vorsitzenden, die nach dem Februar 1917 in die Partei eingetreten sind, gestiegen. Das erklärt sich daraus, dass die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten gestiegen ist, dass es an Parteimitgliedern aus der Zeit der Illegalität mangelt, dass die jungen Parteimitglieder den Kadern zu Hilfe gekommen sind. Von diesen Vorsitzenden waren 55 Prozent Arbeiter, jetzt sind es 61 Prozent. Eine Verbesserung der sozialen Zusammensetzung der führenden Organe.

b) Die Genossenschaften. Auf diesem Gebiet sind die Zahlenangaben noch verwirrender als auf irgendeinem anderen Gebiet und keineswegs vertrauenerweckend. Die Konsumgenossenschaften hatten im vergangenen Jahr etwa 5 Millionen Mitglieder. In diesem Jahr haben sie etwa 7 Millionen. Gott gebe, dem wäre so, ich glaube aber nicht an diese Zahlen, denn die Konsumgenossenschaften sind noch nicht völlig zum Prinzip der Freiwilligkeit übergegangen, und zweifellos gibt es hier tote Seelen. In den landwirtschaftlichen Genossenschaften soll es im vergangenen Jahr 2 Millionen Mitglieder gegeben haben (obwohl ich Zahlenangaben über 4 Millionen Mitglieder besitze, die ich im vergangenen Jahr vom Allrussischen Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften erhalten habe), in diesem Jahr dagegen sind es 1500000 Mitglieder. Zweifellos ein Rückgang der Organisiertheit auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Genossenschaften. Die führenden Organe der Konsumgenossenschaftszentrale bestanden im vergangenen Jahr zu 87 Prozent aus Parteimitgliedern, jetzt zu 86 Prozent. Eine Abnahme. In den Organen der Gouvernements- und Rayonverbände gab es 68 Prozent; Kommunisten, jetzt sind es 86 Prozent. Eine Verstärkung des Einflusses. Wenn wir jedoch nicht nach den "führenden" Organen, sondern nach den verantwortlichen, wirklich leitenden Funktionären fragen, so finden wir unter allen überhaupt verantwortlichen Funktionären insgesamt nur 26 Prozent Kommunisten. Diese Zahl halte ich für glaubwürdiger. In den landwirtschaftlichen Genossenschaften haben wir für die Zusammensetzung der führenden Organe folgende Zahlen: 46 Prozent im vergangenen Jahr und 55 Prozent in diesem. Geht man dem aber etwas gründlicher nach und nimmt die verantwortlichen Funktionäre, so ergibt sich, dass unter ihnen nur 13 Prozent Kommunisten sind.

So verstehen es manche Statistiker bei uns, die Fassade, das Äußere, zu verschönern und das Faule den Augen zu entziehen.

c) Der Jugendverband. Die Zahl der Mitglieder und Kandidaten betrug im vergangenen Jahr 317000 (obwohl ich für das vergangene Jahr Zahlenangaben mit der Unterschrift eines Mitglieds des ZK des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands über 400000 Mitglieder habe), während die Zahl der Mitglieder und Kandidaten in diesem Jahr 570000 beträgt. Trotz einer gewissen Verworrenheit in der Zahlenangabe ist zweifellos ein Anwachsen der Organisiertheit zu verzeichnen. Arbeiter gab es im Kommunistischen Jugendverband Rußlands im vergangenen Jahr 34 Prozent, in diesem Jahr sind es 41 Prozent; Bauern gab es im vergangenen Jahr 42 Prozent, in diesem Jahr sind es 40 Prozent. Im vergangenen Jahr gab es 50000 Schüler von Betriebsschulen, in diesem Jahr sind es 47000. Die Zahl der Mitglieder der KPR(B) im gesamten Jugendverband betrug im vergangenen Jahr etwa 10 Prozent, in diesem Jahr beträgt sie 11 Prozent. Ebenfalls zweifellos eine Steigerung.

d) Die Vereinigungen der Arbeiterinnen und Bäuerinnen. Die grundlegende Organisation auf diesem Gebiet sind die Delegiertenversammlungen. Verworrene Zahlenangaben gibt es hier mehr als genug. Geht man der Sache aber einmal richtig auf den Grund, so stellt sich heraus, dass es in den Städten im vergangenen Jahr 37000 Frauendelegierte gab, während es in diesem Jahr 46000 sind, das heißt etwas mehr als im vergangenen. In den Dörfern gab es im vergangenen Jahr 58000 Frauendelegierte, während es jetzt 100000 sind. Wie groß die Zahl der Frauen aus den breiten Massen der Bäuerinnen und Arbeiterinnen ist, die diese Delegierten vertreten, darüber konnte ich keine einigermaßen genauen Zahlen erhalten.

Da die Frage der Heranziehung von Arbeiterinnen und Bäuerinnen zur Sowjet- und Parteiarbeit besonders wichtig ist, dürfte es nicht überflüssig sein, den prozentualen Anteil der Arbeiterinnen und Bäuerinnen an den Gewerkschaftsorganen, den Sowjets, den Gouvernements- und Kreiskomitees der Partei zu untersuchen. In den Dorfsowjets gab es im vergangenen Jahr nur etwa 1 Prozent Frauen (erschreckend wenig). In diesem Jahr sind es 2,9 Prozent (ebenfalls sehr wenig), aber immerhin ist ein Zuwachs zu verzeichnen. In den Exekutivkomitees der Amtsbezirke gab es im vergangenen Jahr 0,3 Prozent Frauen, in diesem Jahr sind es 0,5 Prozent, ein ganz geringer Zuwachs, der gar nicht der Rede wert ist. In den Kreisexekutivkomitees gab es im vergangenen Jahr etwa 2 Prozent Frauen, in diesem Jahr sind es etwas über 2 Prozent (ich bringe die Zahlen für die RSFSR, denn für alle Republiken gibt es keine Zahlen). In den Gouvernementsexekutivkomitees der RSFSR gab es im vergangenen Jahr etwas über 2 Prozent Frauen, jetzt sind es etwas über 3 Prozent. In den Gewerkschaften sind in diesem Jahr 26 Prozent der Mitglieder Frauen, für das vergangene Jahr haben wir keine Angaben. In den Betriebskomitees sind 14 Prozent der Mitglieder Frauen. In den Gouvernementsabteilungen der Gewerkschaftsverbände beträgt der Anteil der Frauen 6 Prozent, in den Zentralkomitees der Gewerkschaftsverbände etwas über 4 Prozent. In der Partei gab es im vergangenen Jahr etwa 8 Prozent Frauen, jetzt sind es 9 Prozent. Von den Kandidaten waren etwa 9 Prozent Frauen, jetzt sind es 11 Prozent. All dies bis zum Lenin-Aufgebot. In den Gouvernementskomitees gab es kurz vor dem XIII. Parteitag 3 Prozent Frauen, in den Kreiskomitees etwa 6 Prozent. In den wichtigsten Frauenvereinigungen, in den Delegiertenversammlungen, gab es 10 Prozent Kommunistinnen, jetzt gibt es 8 Prozent. Diese Verringerung erklärt sich durch das Anwachsen der Zahl der parteilosen Delegierten. Es muss festgestellt werden, dass die Hälfte der Bevölkerung unserer Sowjetunion - die Frauen - beim großen Werk des Sowjet- und Parteiaufbaus immer noch abseits oder fast abseits steht.

e) Die Armee. In der Armee, in den militärischen Lehranstalten und in der Flotte ist die Gesamtzahl der Kommunisten von 61000 auf 52000 gesunken. Das ist ein Mangel, der beseitigt werden muss. Gleichzeitig ist die Gesamtzahl der Parteimitglieder unter den Kommandeuren gestiegen. Zur Zeit des XII. Parteitags betrug die Zahl der Kommunisten unter den Kommandeuren 13 Prozent, jetzt haben wir 18 Prozent. Interessant ist die Zusammensetzung der Parteimitgliedschaft in der Armee vom Gesichtspunkt der Dauer der Parteizugehörigkeit. Von den 52000 Kommunisten, die in den Reihen der Armee tätig sind, gibt es 0,9 Prozent Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität, das heißt nicht einmal ein Prozent; etwas über 3 Prozent sind zwischen Februar und Oktober 1917 in die Partei eingetreten; 11 Prozent sind vor 1919 eingetreten; 22 Prozent sind 1919, 23 Prozent 1920 und 20 Prozent in den Jahren 1921 bis 1923 eingetreten. Hieraus ersehen Sie, dass in unserer Armee hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich, junge Parteimitglieder tätig sind.

f) Freiwillige Organisationen der gesellschaftlichen Initiative. Beachtung verdient die Tatsache, dass in diesem Jahr ein neuer Organisationstypus entstanden ist - freiwillige Organisationen, Organisationen der gesellschaftlichen Initiative -: die verschiedensten Kultur- und Bildungszirkel und -vereinigungen, Sportorganisationen, Förderungsgesellschaften, Organisationen der Arbeiter- und Bauernkorrespondenten usw. Die Zahl dieser Organisationen wächst ständig, wobei zu bemerken ist, dass es unter ihnen nicht nur mit der Sowjetmacht sympathisierende, sondern auch ihr feindlich gesinnte Organisationen gibt. Nimmt man die RSFSR, so konnte man im vergangenen Jahr etwa 78 bis 80 solcher Organisationen der gesellschaftlichen Initiative zählen, in diesem Jahr über 300. Nimmt man die Organisation für Körperkultur in der RSFSR, so betrug die Mitgliederzahl dieser Organisation im vergangenen Jahr 126000, in diesem Jahr dagegen beträgt sie 375000. Die soziale Zusammensetzung dieser Organisation ist folgende: Im vergangenen Jahr gab es 35 Prozent Arbeiter, jetzt sind es 42 Prozent. Die Hauptzentren dieser Organisationen sind die Betriebskomitees und die Betriebsklubs und auf dem Lande die Bauernkomitees für gegenseitige Hilfe.[Anmerkung 34] Beachtung verdienen die Organisationen der Arbeiterkorrespondenten und der Dorfkorrespondenten, deren Bestimmung es ist, das Sprachrohr der proletarischen öffentlichen Meinung zu sein. Die Organisationen der Arbeiterkorrespondenten umfassen 25000, die der Dorfkorrespondenten 5000 Personen. Wenden wir uns der Zusammensetzung der Gouvernementsorgane dieser Organisationen zu, so sehen wir dass die Kommunisten in ihnen im vergangenen Jahr in der RSFSR 19 Prozent ausmachten, in diesem Jahr sind es etwas mehr als 29 Prozent. Schließlich darf eine neue Organisation nicht unerwähnt bleiben,

die gestern bei uns vor dem Leninmausoleum demonstrierte,[Anmerkung 35] die Pionierorganisation, deren zahlenmäßige Stärke im Juni vergangenen Jahres nach Berechnungen unserer Statistik (mit der es, wie ich schon sagte etwas hapert) 75000 und im April dieses Jahres über 161000 betrug. Unter den Pionieren gibt es in den Industriegouvernements 71 Prozent Arbeiterkinder, Bauernkinder gibt es 7 Prozent. In den nationalen Gebieten beträgt die Zahl der Arbeiterkinder in dieser Organisation 38 Prozent. In den Bauerngouvernements machen die Arbeiterkinder 36. Prozent aus.

So ist es um die Massenorganisationen bestellt die die Partei umgeben und sie mit der Klasse verbinden. Im Wesentlichen steht das Wachstum des Einflusses der Partei in diesen Organisationen außer Zweifel.

2. Der Staatsapparat

a) Die Zahl der Angestellten. Nach den statistischen Angaben betrug die Zahl der Angestellten der Volkskommissariate das heißt der Angestellten von Institutionen, für die der Staatshaushalt aufkommt im vergangenen Jahr etwas über 1500000, in diesem Jahr sollen es nur 1200000 sein. Ein Abbau von 300000. Wenn wir uns aber den Institutionen zuwenden, die auf der Grundlage der wirtschaftlichen Rechnungsführung arbeiten, so sehen wir, dass wir das wir auf diesem Gebiet in diesem Jahr etwa 200 000 Angestellte haben (für das vergangene Jahr gibt es keine Zahlen), das heißt, das wir das, was wir in den Institutionen, für die der Staatshaushalt aufkommt, durch den Abbau gewonnen haben, in den Institutionen, die auf der Grundlage der wirtschaftlichen Rechnungsführung arbeiten, in bedeutendem Maße wieder verloren haben. Ich spreche schon gar nicht davon, dass ein Teil der Angestellten in den örtlichen Haushalt übergeführt wurde, das heißt in dieser Rechnung nicht erfasst ist. Insgesamt gesehen, ist die Zahl der Angestellten die gleiche geblieben, wenn sie nicht gar gestiegen ist. Es bleiben die Angestellten der Genossenschaften, im vergangenen Jahr 103000 an der Zahl und jetzt 125000 - eine Zunahme; die Angestellten der Gewerkschaften, im vergangenen Jahr 28000 an der Zahl und jetzt 27000, und die Angestellten des Parteiapparats, deren Zahl früher 26000 betrug und jetzt 23000 beträgt. Insgesamt also 1575000, die Zahl der in den örtlichen Haushalten erfassten Angestellten nicht eingerechnet. Wie Sie sehen, haben wir vorläufig keinen Grund, von Erfolgen in bezug auf den Abbau der Angestellten im Allgemeinen und der Angestellten des Staatsapparats im Besonderen zu sprechen.

b) Die parteimäßige Zusammensetzung der obersten Organe des Landes. Betrachten wir die Mitglieder der höchsten Institutionen, die Mitglieder der Kollegien, die Leiter der Hauptabteilungen und ihre Stellvertreter (ohne Industrie), so sehen wir, dass hier im Jahre 1923 die Zahl der Kommunisten 83 Prozent betrug und in diesem Jahr 86 Prozent beträgt. Zweifellos ein gewisser Fortschritt gegenüber der Lage, in der wir uns vor etwa zwei Jahren befanden. Die Arbeiter machten in diesen leitenden Organen im vergangenen Jahr 19 Prozent aus, in diesem Jahr sind es 21 Prozent. Das ist wenig, aber immerhin eine Zunahme.

c) Die parteimäßige Zusammensetzung der Industrieorgane. Was die Industrieorgane, die Truste, Syndikate und die größten Betriebe betrifft, so gewinnen wir hier folgendes Bild: In den Trusten gab es in der UdSSR im gesamten Apparat im vergangenen Jahr etwas über 6 Prozent Kommunisten, in diesem Jahr sind es etwas über 10 Prozent. In den leitenden Organen der Truste, Syndikate und größten Betriebe gab es im vergangenen Jahr etwas über 47 Prozent Kommunisten, in diesem Jahr sind es etwas über 52 Prozent. Nehmen wir die Direktoren der größten Betriebe, so hatten wir im vergangenen Jahr 31 Prozent und haben in diesem Jahr 61 Prozent Kommunisten. In den Trusten der RSFSR hatten wir im gesamten Apparat 9,5 Prozent Kommunisten, in diesem Jahr haben wir etwas über 12 Prozent (etwa 13 Prozent). In der Leitung der Truste der RSFSR gab es 37 Prozent Kommunisten, jetzt sind es 49 Prozent. In den Syndikaten hatten wir im vergangenen Jahr im gesamten Apparat 9 Prozent, in diesem Jahr sind es 10 Prozent. In der Leitung der Syndikate hatten wir 42 Prozent, jetzt haben wir 55 Prozent.

Insgesamt gesehen, muss festgestellt werden, dass wir in den Wirtschaftsorganen, wenn man die Leitungen nimmt, 48 bis 50 Prozent Kommunisten haben.

d) Die parteimäßige Zusammensetzung der Handels- und Kreditinstitutionen. Ein völlig anderes Bild bieten unsere Handels- und Kreditinstitutionen, die gegenwärtig in unserer gesamten Wirtschaft außerordentliche Bedeutung gewonnen haben. Nehmen wir zum Beispiel die Kommission für Innenhandel, die für unsere ganze Entwicklung von größter Bedeutung ist. Bis zu der letzten Reform gab es dort in der Leitung der zentralen Institution insgesamt nur 4 Prozent Kommunisten. Nehmen wir das wichtigste Organ des Volkskommissariats für Außenhandel, das Staatliche Export- und Importhandelskontor, so sehen wir, dass wir dort unter den verantwortlichen Funktionären nur 19 Prozent Kommunisten haben, wobei Sie darüber, was für Kommunisten das sind, auf Grund der Tatsache urteilen können, dass in der zentralen Stelle des Staatlichen Export- und Importhandelskontors die Kommunisten hundertprozentig aus der Partei hinausgereinigt wurden. (Heiterkeit.) Das zweite wichtige Organ, das für unsere gesamte Wirtschaft von erheblicher Bedeutung ist, die Allrussische Aktiengesellschaft für den Handel mit Getreide und landwirtschaftlichen Erzeugnissen, bietet folgendes Bild: 58 Kontore dieser Gesellschaft, den Apparat der zentralen Stelle, die Bevollmächtigten und ihre Stellvertreter nicht eingerechnet, beschäftigen insgesamt 9900 Angestellte. Davon sind 5,9 Prozent Kommunisten, 0,7 Prozent Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands, und die übrigen sind Parteilose. In den Organen, die in nächster Berührung mit der Bauernschaft stehen, in den Getreidesammelpunkten, in Nebenstellen aller Art und unter den Beauftragten gibt es insgesamt 17 Prozent Kommunisten. In der zentralen Stelle dieser Gesellschaft sind 137 verantwortliche Mitarbeiter tätig, davon sind 13, also 9 Prozent, Mitglieder der KPR(B). Zu bemerken ist, dass die Parteimitglieder in der Gesellschaft in höchstem Grade unrationell verwendet werden - nur 20 Prozent von ihnen leisten verantwortliche Arbeit, während die übrigen 80 Prozent Angestellte in untergeordneten Stellen sind. Nicht besser ist es um eine solche Kreditinstitution wie die Staatsbank bestellt. Das ist die wichtigste Kreditinstitution, die für unser gesamtes Wirtschaftsleben erhebliche Bedeutung hat. Sie kennen die Kraft des Kredits - das ist eine Kraft, mit deren Hilfe jede beliebige Bevölkerungsschicht zugrunde gerichtet beziehungsweise wirtschaftlich gehoben werden kann, man braucht nur den so genannten Vorzugskredit anzuwenden. Und diese Staatsbank nun hat in ihrem gesamten Apparat nur 7 Prozent Kommunisten und in ihrer Leitung nur 12 Prozent, dabei aber entscheidet die Staatsbank über das Schicksal einer ganzen Reihe von Betrieben und sehr vieler Wirtschaftsinstitutionen.

e) Die parteimäßige Zusammensetzung der Sowjets. Wir haben Angaben über die RSFSR. In den Dorfsowjets hatten wir im vergangenen Jahr etwa 6 Prozent Kommunisten, jetzt haben wir etwas über 7 Prozent. Die Exekutivkomitees der Amtsbezirke bestanden zu etwas über 39 Prozent aus Kommunisten, jetzt zu 48 Prozent. In den Kreisexekutivkomitees hatten wir etwas über 80 Prozent, jetzt haben wir etwas über 87 Prozent. In den Stadtsowjets der Kreisstädte hatten wir 61 Prozent, jetzt aber haben wir nur noch 58 Prozent. In den Gouvernementsexekutivkomitees hatten wir 90 Prozent, jetzt haben wir 89 Prozent. In den Stadtsowjets der Gouvernementsstädte waren es früher 78 Prozent, jetzt sind es 71 Prozent. In diesen letztgenannten drei Sowjets, den Stadtsowjets der Kreisstädte, den Gouvernementsexekutivkomitees und den Stadtsowjets der Gouvernementsstädte, ist der Einfluss der Parteilosen unbedeutend, aber immerhin im Steigen begriffen. Was die Gouvernementsexekutivkomitees betrifft, so haben wir von 69 Gouvernements Angaben, die sich auf 2623 Funktionäre erstrecken. Und was zeigt sich da? Die Gouvernementsexekutivkomitees bestehen zu etwa 11 Prozent aus parteilosen Mitgliedern. Den höchsten Prozentsatz an Parteilosen haben wir in Sibirien und im Fernöstlichen Gebiet, wo er 20 ausmacht. Was die nationalen Republiken betrifft, so haben wir dort 7 Prozent Parteilose. Das ist der geringste Prozentsatz an Parteilosen in den Gouvernementsexekutivkomitees. Und das in den nationalen Republiken, wo es überhaupt wenige Parteimitglieder gibt!

3. Die Zusammensetzung der Partei. Das Lenin-Aufgebot

a) Die zahlenmäßige Stärke. Zur Zeit des XII. Parteitags hatten wir etwas über 485000 Mitglieder und Kandidaten der Partei. Jetzt haben wir 472000 ohne das Lenin-Aufgebot. Zusammen mit dem Lenin-Aufgebot beträgt nach den Angaben für den 1. Mai (bis zu diesem Zeitpunkt wurden 128000 Mitglieder aufgenommen) die Zahl der Mitglieder 600000. Wenn man berücksichtigt, dass in etwa zwei Wochen das Lenin-Aufgebot im ganzen nicht weniger als 200000 neue Mitglieder ergeben wird, kann man die zahlenmäßige Stärke der Partei mit 670000 bis 680000 angeben.

b) Die soziale Zusammensetzung der Partei. Im vergangenen Jahr hatten wir 44,9 Prozent Arbeiter, in diesem Jahr haben wir, ohne das Lenin-Aufgebot, 45,75 Prozent, also eine Zunahme um 0,8 Prozent. Bauern gab es 25,7 Prozent, jetzt sind es 24,6 Prozent, also eine Abnahme um 1,1 Prozent. Angestellte und sonstige gab es etwas über 29 Prozent, jetzt sind es ein wenig mehr als etwas über 29 Prozent, das heißt eine geringfügige Zunahme. Nehmen wir die soziale Zusammensetzung einschließlich des Lenin-Aufgebots nach dem Stand vom 1. Mai, so haben wir unter den Mitgliedern und Kandidaten der KPR(B) 55,4 Prozent Arbeiter, 23 Prozent Bauern, 21,6 Prozent Angestellte und sonstige.

c) Die Zusammensetzung der Partei unter dem Gesichtswinkel der Dauer der Parteizugehörigkeit. Im vergangenen Jahr betrug die Zahl der Mitglieder, die vor 1905 in die Partei eingetreten sind, 0,7 Prozent, jetzt beträgt sie 0,6 Prozent; die Zahl derjenigen, die in den Jahren 1905 bis 1916 eingetreten sind, betrug 2 Prozent und ist unverändert geblieben. 1917 Eingetretene gab es etwas über 9 Prozent, jetzt sind es etwas unter 9 Prozent. 1918 Eingetretene gab es 16,5 Prozent, jetzt sind es 15,7 Prozent. 1920 Eingetretene gab es 31,5 Prozent, jetzt sind es 30,4 Prozent. 1921 Eingetretene gab es 10,5 Prozent, jetzt sind es 10,1 Prozent. 1922 Eingetretene gibt es jetzt 3,2 Prozent - die Zahl für das vergangene Jahr haben wir nicht. 1923 Eingetretene gibt es 2,3 Prozent. All dies ohne Berücksichtigung des Lenin-Aufgebots.

d) Die Zusammensetzung der Partei nach Nationalität und Geschlecht. Die Großrussen machten in der Partei kurz vor dem XIII. Parteitag 72 Prozent aus, nach dem Lenin-Aufgebot wird sich der Prozentsatz offenbar erhöhen. Die zweite Gruppe bilden die Ukrainer mit 5,88 Prozent. Die dritte Gruppe bilden die Juden mit 5,2 Prozent. Weiter folgen die turkischen Nationalitäten mit etwas über 4 Prozent und nach ihnen die anderen Nationalitäten, wie Letten, Georgier, Armenier usw. Zur Zeit des XII. Parteitags gab es 7,8 Prozent Frauen unter den Parteimitgliedern, jetzt gibt es 8,8 Prozent. Unter den Kandidaten gab es 9 Prozent Frauen, jetzt gibt es 10,5 Prozent. Von den auf Grund des Lenin-Aufgebots in die Partei Aufgenommenen sind 13 Prozent Frauen, was den oben genannten Prozentsatz der Frauen ein wenig vergrößern wird.

Schließlich beträgt die Zahl der als Industriearbeiter tätigen Kommunisten am 1. Dezember 1923 (Mitglieder und Kandidaten) 17 Prozent und unter Hinzurechnung des Lenin Aufgebots 35,3 Prozent, wenn man die Zahl 128000 zugrunde legt.

e) Die parteimäßige Organisiertheit der Arbeiterklasse. Nimmt man den gesamten Arbeiterteil unserer Partei, das heißt sowohl die Anzahl, die wir zum 1. Mai hatten, als auch diejenige, die wir in etwa zwei Wochen haben werden, wenn das Lenin-Aufgebot 200000 erreicht (und wohl noch überstiegen) hat, so wird die Gesamtstärke des Arbeiterteils unserer Partei 410000 von der Gesamtzahl 672000 betragen. Das sind 10 Prozent des gesamten Industrie- und Landproletariats der Union, das 4 100 000 beträgt.

Wir haben erreicht, dass von je 100 Arbeitern 10 in der Partei organisiert sind.

4. Die Zusammensetzung der leitenden Organe der Partei - Die Kader und die jungen Parteimitglieder

a) Die Zusammensetzung der leitenden Organe im Lande. Ich nehme die Gouvernementskomitees und die Gebietskomitees in 45 Organisationen. Die Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität machen im Plenum der Gouvernementskomitees und der Gebietskomitees etwas über 32 Prozent aus, die übrigen 67 Prozent sind Mitglieder, die später in die Partei eingetreten sind: 23 Prozent von ihnen sind 1917 eingetreten, 33 Prozent 1918-1919, 9 Prozent 1920. In den leitenden Organen, sowohl in den Gouvernementskomitees als auch in den Gebietskomitees, überwiegen nicht die Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität, sondern die nach dem Oktober eingetretenen. Nehmen wir die Präsidien der Gouvernementskomitees und der Gebietskomitees in den 52 Organisationen, aus denen wir Angaben über die Dauer der Parteizugehörigkeit haben, so ergibt sich, dass vor der Revolution 49 Prozent, nach dem Februar 1917 19 Prozent, in den Jahren 1918-1919 26 Prozent und in den folgenden Jahren 6 Prozent eingetreten sind. Immerhin überwiegen hier die Parteimitglieder, die nach dem Februar in unsere Partei eingetreten sind. Von den Leitern der Organisationsabteilungen der Gouvernements- und Gebietskomitees waren zur Zeit des XII. Parteitags 27,4 Prozent Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität, zur Zeit des XIII. Parteitags sind es 30 Prozent; von den Leitern der Agitations- und Propagandaabteilungen waren zur Zeit des XII. Parteitags 31 Prozent Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität, jetzt sind es 23 Prozent. Was die Sekretäre der Gouvernementskomitees und der Gebietskomitees betrifft, so haben wir hier eine entgegengesetzte Tendenz. Zur Zeit des XII. Parteitags waren von den Sekretären der Gouvernementskomitees und der Gebietskomitees 62,5 Prozent Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität, zur Zeit des gegenwärtigen Parteitags sind es 71 Prozent.

Die Aufgabe ist klar - wir müssen die für die Sekretäre der Gouvernementskomitees erforderliche Dauer der Parteizugehörigkeit herabsetzen.

Die Zusammensetzung der Kreiskomitees in 67 Kreisen bietet folgendes Bild: Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität 12 Prozent; 22 Prozent sind 1917 eingetreten, 43 Prozent sind 1918-1919 eingetreten. Unter den Sekretären der Kreiskomitees gibt es zur Zeit unseres XIII. Parteitags nach Angaben aus 248 Kreisen 25 Prozent Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität; 27Prozent sind 1917, vor dem Oktober eingetreten, 37 Prozent sind vor 1919 eingetreten. Unter den Sekretären der Zellen gibt es in 28 Gouvernements (es stehen Angaben über 6541 Sekretäre zur Verfügung) nur etwas über 3 Prozent Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität; die Hauptgruppe - 55 Prozent - besteht aus Sekretären, die nach dem Oktober, 1917-1918 in die Partei eingetreten sind.

Was die soziale Zusammensetzung betrifft, so gab es dieses Jahr in den Gouvernementskomitees und Gebietskomitees in 45 Organisationen 48 Prozent Arbeiter. In den Präsidien der Gouvernementskomitees und der Gebietskomitees gab es in 52 Organisationen 41 Prozent Arbeiter. Unter den Sekretären der Gouvernementskomitees und der Gebietskomitees gab es zur Zeit des XII. Parteitags 44,6 Prozent Arbeiter, zur Zeit des XIII. Parteitags sind es 48,6 Prozent. In den Kreiskomitees (von 67 Kreisen) gab es 63,4 Prozent Arbeiter. Unter den Sekretären der Kreiskomitees (von 248 Kreisen) betrug die Zahl der Arbeiter 50 Prozent.

Alle diese Angaben gelten für die Periode vor den letzten Gouvernements- und Kreisparteikonferenzen.

Ich habe aber auch einige Angaben über die Ergebnisse der letzten dem Parteitag unmittelbar vorangegangenen Konferenzen erhalten. Diese Angaben, die 11 Gouvernements und 16 Gebiete betreffen, zeigen, dass die Zahl der Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität in den Gouvernementskomitees und den Gebietskomitees sich auf 27 Prozent verringert hat, die Zahl der Arbeiter hingegen auf 53 Prozent gestiegen ist.

Daraus geht klar hervor, dass wir es mit zwei Tendenzen zu tun haben: mit einer Auffüllung der Kader durch junge Parteimitglieder und einer Erweiterung der Kader einerseits und mit einer Verbesserung der sozialen Zusammensetzung der Parteiorganisationen anderseits.

b) Die Zusammensetzung des ZK und der Zentralen Kontrollkommission. Nimmt man die Kandidaten und Mitglieder des ZK, insgesamt 56, so sind von ihnen 44,6 Prozent Arbeiter und 55,3 Prozent Bauern und Intellektuelle. Das ZK muss also durch Vergrößerung seines Arbeiterbestandteils erweitert werden. Von den Mitgliedern und Kandidaten der ZKK sind 48 Prozent Arbeiter und 52 Prozent Bauern und Intellektuelle. Die Schlussfolgerung, die sich ergibt, ist die gleiche. Was die Dauer der Parteizugehörigkeit betrifft, so sind unter den Mitgliedern und Kandidaten des ZK 96 Prozent Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität. Sie alle sind vor dem Februar in die Partei eingetreten. Von den 56 Mitgliedern und Kandidaten des ZK gibt es nur 2, die später eingetreten sind, das sind 4 Prozent. Das gleiche ist auch in der ZKK der Fall. Von 60 Personen sind hier 57 Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität, und 3 (das heißt 5 Prozent) sind es nicht. Folglich müssen junge Parteimitglieder herangezogen werden.

c) Die Zusammensetzung des gegenwärtigen Parteitags. Insgesamt sind 742 Delegierte registriert. Davon sind 63,2 Prozent Arbeiter, 48,4 Prozent waren Parteimitglieder schon während der Illegalität. Die übrigen sind mehr oder minder junge Mitglieder.

5. Die Arbeit der Partei auf dem Gebiet der Agitation und Propaganda

a) Die kommunistische Schulungsarbeit. Auffallend ist der große Prozentsatz der politisch Ungeschulten in der Partei: in einigen Gouvernements erreicht ihre Zahl 70 Prozent. In einigen Gouvernements Zentralrußlands gibt es durchschnittlich 57 Prozent politisch Ungeschulte (geprüft wurden 60000 Personen); im vergangenen Jahr waren es etwa 60 Prozent. Das ist einer der grundlegenden Mängel unserer Arbeit. Offenbar geht unsere Arbeit nicht so sehr in die Tiefe als vielmehr in die Breite. Die Zahl der Schulen zur Heranbildung von Sowjet- und Parteifunktionären, eigentlich der Schüler dieser Schulen, hat sich infolge der Tatsache, dass für einen Teil dieser Schulen jetzt der örtliche Haushalt aufkommen muss, etwas verringert. Die Zahl der Studenten der kommunistischen Hochschulen hat sich gegenüber dem vergangenen Jahr vergrößert. Sie wird aber etwas verringert werden müssen, damit die materielle Lage der Studenten entsprechend den zur Verfügung stehenden Mitteln verbessert und der Nachdruck auf die Vertiefung der kommunistischen Schulungsarbeit gelegt wird. Besonders zu betonen ist die Propaganda des Leninismus, die bei der kommunistischen Schulungsarbeit von entscheidender Bedeutung ist.

b) Die Presse. Im vergangenen Jahr hatten wir 560 Zeitungen, in diesem Jahr haben wir weniger, und zwar 495; ihre Auflage ist jedoch von 1½ Millionen auf 2½ Millionen gestiegen. Von Interesse ist die Zunahme der Zahl der Zeitungen in nichtrussischen Sprachen. Wir haben sogar Republiken, wo keine einzige russische Zeitung erscheint, wie zum Beispiel Armenien, wo 100 Prozent aller Zeitungen in armenischer Sprache erscheinen. In Georgien erscheinen 91 Prozent der Zeitungen in georgischer Sprache, in Bjelorußland 88 Prozent in nichtrussischer Sprache. Eine Zunahme der Zahl der Zeitungen in nationalen Sprachen ist buchstäblich in allen nationalen Gebieten und Republiken festzustellen. Unser Augenmerk muss auf die Zusammensetzung der Redaktionen unserer periodischen Organe gerichtet werden. 287 Presseorgane wurden inspiziert, und es zeigt sich, dass in diesen Presseorganen nur 10 Prozent der Redakteure Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität sind. Den Großteil bilden Mitglieder, die 1918-1919 in die Partei eingetreten sind. Das ist ein Mangel, dem abgeholfen werden sollte, indem den jungen Mitarbeitern der Zeitungen ältere und erfahrenere zur Seite gestellt werden.

c) Die Arbeit unter den Bauern. Auf diesem Gebiet haben wir eine ganze Reihe von Mängeln. Die Sowjets in den Dörfern und Amtsbezirken sind vorläufig noch Organe des Steuerapparats. Die Bauern sehen in ihnen vor allem Organe, die Steuern erheben. Die Tätigkeit der örtlichen Organe in den Dörfern ist nach dem allgemeinen Urteil von Funktionären, die das Dorf kennen, folgende: Unsere Politik ist richtig, wird aber draußen im Lande falsch durchgeführt. Die Zusammensetzung der Sowjetorgane in den Dörfern und Amtsbezirken lässt sehr viel zu wünschen übrig. Schlecht wirkt sich auf die Arbeit der Umstand aus, dass die Zellen im Dorfe fast ausschließlich aus Angehörigen der Verwaltungsorgane bestehen. Noch schlechter wirkt sich der Umstand aus, dass die mit dem Dorfe in naher Berührung stehenden Funktionäre die Sowjetgesetze nicht kennen, dass sie es nicht verstehen, der Dorfarmut diese Gesetze zu erklären, dass sie es nicht verstehen, die Interessen der Dorfarmut und der Mittelbauern auf der Grundlage der Sowjetgesetze, auf der Grundlage der Vergünstigungen, die die Sowjetgesetze der Dorfarmut gewähren, gegen das Kulakenunwesen zu schützen. Dann gibt es einen allgemeinen Fehler: Man will den Bauern mit Worten überzeugen und begreift nicht, dass der Bauer nicht Worte braucht, sondern eine gegenständliche Agitation, eine Agitation, die unmittelbaren Nutzen bringt. Heranziehung zu den Genossenschaften, Ausnutzung von Vergünstigungen für die Dorfarmut, landwirtschaftlicher Kredit, durch die Bauernkomitees organisierte gegenseitige Hilfe, das sind die Fragen, die den Bauern vor allem interessieren können.

6. Die Arbeit der Partei auf dem Gebiet der Registrierung, Verteilung und Beförderung der Funktionäre

a) Registrierung und Verteilung. Im vorigen Jahr waren ungefähr 5000 verantwortliche Funktionäre registriert, in diesem Jahr haben wir ungefähr 15000 registrierte verantwortliche Funktionäre aller Grade. dass sich unsere Registrierungsarbeit bessert, steht außer Zweifel. Die Zahlen besagen, dass im vergangenen Jahr 10000 Funktionäre aller Art verteilt wurden, davon etwas mehr als 4000 verantwortliche. In diesem Jahr wurden 6000 verteilt, davon 4000 verantwortliche. Die Hauptarbeit in bezug auf die Verteilung konzentrierte die Partei vor allem auf die Versorgung der Partei mit Funktionären, sodann der Organe des Obersten Volkswirtschaftsrats und schließlich der Organe des Volkskommissariats für Finanzen, hauptsächlich seines Steuerapparats. Alle übrigen Arbeitszweige wurden in geringerem Umfang mit Kommunisten versorgt. Das ist ein großer Fehler in unserer Arbeit. Während sich der Schwerpunkt des Wirtschaftslebens auf den Handel verschoben hat, haben wir nicht genügend Initiative und Entschlossenheit bekundet, um dazu überzugehen, die Handels- und Kreditinstitutionen, ihre Vertretungen im Lande und im Auslande im größtmöglichen Umfang mit aktiven Funktionären zu versorgen. Namentlich denke ich hierbei an solche Organe wie das Staatliche Export- und Importhandelskontor und die Allrussische Aktiengesellschaft für den Handel mit Getreide und landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

7. Das innere Leben der Partei

Ich werde nicht aufzählen, wieviel Fragen im ZK und in seinen Organen erörtert wurden und welcher Art diese Fragen waren - das ist nicht von entscheidender Bedeutung, und zudem ist darüber ja bereits in dem an Sie verteilten schriftlichen Rechenschaftsbericht gesprochen worden. Ich möchte Sie nur auf folgende Umstände aufmerksam machen.

Erstens hat sich das innere Leben unserer Organisationen zweifellos gebessert. Man gewinnt den Eindruck, dass die Organisationen reifer geworden sind, Zwistigkeiten gibt es wenig, und es wird sachliche Arbeit geleistet. Ausnahmen gibt es in den Randgebieten, wo neben den alten, im Kommunismus nicht sehr festen Funktionären Kader junger marxistischer Funktionäre heranwachsen, die die Swerdlow-Universität und andere Lehranstalten besucht haben und in der Parteiarbeit stark, in der Sowjetarbeit aber furchtbar schwach sind. Diese Konflikte zwischen jungen und alten Funktionären in den Randgebieten lassen sich nicht so bald aus der Welt schaffen. In diesem Sinne bilden die Randgebiete eine Ausnahme. Was die Mehrzahl der Gouvernements Zentralrußlands betrifft, so kann festgestellt werden, dass dort die Organisationen reifer geworden sind und die sachliche Arbeit vorwärts geht. In der Republik mit den meisten Zwistigkeiten, in Georgien, über das wir auf dem vergangenen Parteitag so viel gesprochen haben, herrscht jetzt Frieden in der Partei. Die besten Menschen unter den früheren Abweichlern, wie Philipp Macharadse und Okudshawa, haben mit den extremen Abweichlern endgültig gebrochen und ihre Bereitschaft zu einträchtiger Zusammenarbeit bekundet.

Zweitens hat in den Gouvernementskomitees und insbesondere im ZK der Partei während dieses Jahres eine Verlagerung des Schwerpunkts der Arbeit von den Büros oder Präsidien auf die Plenartagungen stattgefunden. Früher überantworteten die Plenartagungen des ZK dem Politbüro das Recht, grundlegende Fragen zu entscheiden. Jetzt ist das nicht mehr der Fall. Jetzt werden die grundlegenden Fragen unserer Politik und unserer Wirtschaft vom Plenum entschieden. Schauen Sie sich die Tagesordnung unserer Plenartagungen, die Stenogramme an, die an alle Gouvernementskomitees verteilt werden, und Sie werden verstehen, dass sich der Schwerpunkt vom Politbüro und Orgbüro auf das Plenum verlagert hat. Das ist insofern sehr wichtig, als sich im Plenum bei uns etwa hundert bis hundertzwanzig Personen versammeln (es sind die Mitglieder des ZK und der ZKK sowie deren Kandidaten) und das Plenum infolge der Verlagerung des Schwerpunkts auf das Plenum zur bedeutendsten Schule für die Heranbildung von Führern der Arbeiterklasse, von politischen Führern der Arbeiterklasse geworden ist. Vor unseren Augen wachsen und reifen neue Menschen heran, die morgigen Führer der Arbeiterklasse - hierin liegt die unschätzbare Bedeutung unserer erweiterten Plenartagungen.

Es ist bezeichnend, dass die gleiche Tendenz im Lande zu verzeichnen ist. Die wichtigsten Fragen werden aus den Büros der Gouvernementskomitees in die Plenartagungen verlegt, die Plenartagungen werden erweitert, ihre Sitzungen dauern länger, die besten Funktionäre des Gouvernements werden hinzugezogen, und auf diese Weise werden die Plenartagungen der Gouvernementskomitees zu einer Schule für die Heranbildung von Führern im Orts- und Gebietsmaßstab. Es muss erreicht werden, dass diese Tendenz draußen im Lande, in den Gouvernements und Kreisen, zur Wirklichkeit wird.

Drittens hatte das innere Leben unserer Partei während dieses Jahres eine nie dagewesene Intensität aufzuweisen, man kann sagen, dass es voll schäumender Kraft war. Wir Bolschewiki sind gewohnt, schwere Aufgaben zu bewältigen, und vollbringen oft große Dinge, ohne es selbst zu bemerken. Solche Tatsachen wie die Diskussion und das Lenin-Aufgebot sind - das braucht nicht erst bewiesen zu werden - gewaltige Ereignisse im Leben des Landes und der Partei, und sie mussten natürlich zwangsläufig belebend auf das innere Leben der Partei wirken.

Wovon zeugen diese beiden Tatsachen? Davon, dass unsere Partei, nach der Diskussion, die sie durchgemacht hat, fest wie ein Fels dasteht. Davon, dass unsere Partei, die nach dem Willen und mit Zustimmung der gesamten Arbeiterklasse 200000 neue Mitglieder aufgenommen hat, ihrem Wesen nach eine gewählte Partei, ein gewähltes Organ der Arbeiterklasse ist.

Schlussfolgerungen

1. Von den Massenorganisationen, die unsere Partei umgeben, ist den Genossenschaften und den Vereinigungen der Arbeiterinnen und Bäuerinnen besondere Beachtung zu schenken. Ich hebe diese Organisationen deshalb hervor, weil sie gegenwärtig am meisten bedroht sind.

a) Es steht außer Zweifel, dass der Apparat der Konsumgenossenschaften, der berufen ist, das Bindeglied zwischen der staatlichen Industrie und der bäuerlichen Wirtschaft zu sein, sich seiner Aufgabe nicht gewachsen gezeigt hat. Davon zeugt die unbestreitbare Tatsache, dass der bäuerliche Sektor in den Konsumgenossenschaften nur ein Drittel der Gesamtmitgliederzahl ausmacht. Es muss erreicht werden, dass die Bauern in den Konsumgenossenschaften die ihnen zukommende Stellung einnehmen. Die Kommunisten müssen den Schwerpunkt der Arbeit aus den Gouvernements in die Kreise und Rayons verlegen, um zu den Massen der Bauernschaft Verbindung zu bekommen und auf diese Weise die Konsumgenossenschaften zu einem Bindeglied zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft zu machen.

b) Nicht besser ist es um die landwirtschaftlichen Genossenschaften bestellt. Das Durcheinander in den Zahlenangaben, der Rückgang der Mitgliederzahl im letzten Jahr - all das sind Tatsachen, die zum Nachdenken veranlassen. Auch hier müssen die Kommunisten, wie in den Konsumgenossenschaften, den Schwerpunkt in die Kreise und Rayons verlegen - näher an die Bauernmassen, und sich zum Ziel setzen, zu erreichen, dass die Organe des Allrussischen Verbands landwirtschaftlicher Genossenschaften draußen im Lande nicht als Deckmantel für das Kulakenunwesen dienen. Das genügt aber nicht. Die leitenden Organe des Allrussischen Verbands landwirtschaftlicher Genossenschaften, deren Arbeit in letzter Zeit bedenkliche Schwächen aufweist, müssen mit kommunistischen Kräften gestärkt werden.

c) Schlechter ist es um die Arbeit unter den Frauen bestellt. Zwar sind die Delegiertenversammlungen der Arbeiterinnen und Bäuerinnen im Wachsen begriffen und nehmen an Umfang zu, aber das, was die Funktionäre der Frauenbewegung auf dem Gebiet der Agitation erreichen konnten, ist bei weitem noch nicht, nicht einmal zum hundertsten Teil des erforderlichen Minimums, organisatorisch verankert. Der prozentuale Anteil der Arbeiterinnen und Bäuerinnen in den Sowjets und Gewerkschaften sowie in der Partei zeigt das mit aller Klarheit. Die Partei muss alle Maßnahmen treffen, um diese Lücke in nächster Zukunft auszufüllen. Wir dürfen nicht dulden, dass die Hälfte der Bevölkerung der Sowjetunion beim großen Werk des Sowjet- und Parteiaufbaus immer noch abseits steht.

d) Besondere Beachtung verdienen die freiwilligen Organisationen der gesellschaftlichen Initiative, besonders die Organisationen der Arbeiterkorrespondenten und Dorfkorrespondenten. Die Organisationen der Arbeiterkorrespondenten und Dorfkorrespondenten haben eine große Zukunft. Unter bestimmten Entwicklungsbedingungen können diese Organisationen die Rolle eines gewaltigen Sprachrohrs und mächtigen Willenskünders der proletarischen öffentlichen Meinung spielen. Sie kennen die Kraft der proletarischen öffentlichen Meinung bei den Aufdeckung und Beseitigung der Mängel unseres sowjetischen Gesellschaftslebens - sie ist viel bedeutender als die Kraft administrativen Drucks. Aus diesem Grunde muss die Partei diesen Organisationen allseitige Hilfe angedeihen lassen.

2. Die Frage des Staatsapparats erheischt besondere Beachtung. dass die Lage auf diesem Gebiet unbefriedigend ist, dürfte wohl kaum angezweifelt werden.

a) Lenins Vermächtnis, den Staatsapparat einzuschränken und zu vereinfachen, ist nur zum Teil, in minimalstem Umfang, erfüllt worden. Der Abbau von 200000 bis 300000 Angestellten in den Apparaten der Volkskommissariate, wenn gleichzeitig neben ihnen neue Apparate - Truste, Syndikate usw. - entstehen, kann eigentlich weder als Abbau noch als Vereinfachung des Apparats bezeichnet werden. Die Partei muss alle Maßnahmen treffen, damit das Vermächtnis Lenins auf diesem Gebiet mit eiserner Hand durchgeführt wird.

b) Ich habe Ihnen Zahlen angeführt, die von dem minimalen prozentualen Anteil der Parteilosen in unseren Sowjets zeugen. Genossen, so kann es nicht weitergehen, so kann der Aufbau des neuen Staates nicht fortgesetzt werden. Wenn man der Aufgabe, Parteilose zur Sowjetarbeit in den Gouvernements und Kreisen heranzuziehen, keine besondere Beachtung schenkt, ist eine ernsthafte Aufbauarbeit unmöglich. Hier könnten verschiedene Wege ins Auge gefasst werden. Als ein zweckmäßiger Weg wäre der folgende anzusehen: bei den Abteilungen der Gouvernements- und Kreissowjets Sektionen zu schaffen oder, noch besser, regelmäßig zusammentretende sachliche Beratungen für Parteilose - in den Städten aus Arbeitern, in den Kreisen aus Bauern - einzuberufen, um Parteilose zur praktischen Arbeit in den verschiedenen Verwaltungszweigen heranzuziehen und dann aus diesen zur praktischen Arbeit herangezogenen parteilosen Arbeitern und Bauern die besten und fähigsten auszuwählen und sie mit staatlicher Arbeit zu betrauen. Ohne eine solche Erweiterung der Basis der Stadt- und Kreissowjets, ohne Erweiterung der Basis der Sowjetarbeit, ohne Einbeziehung der Parteilosen können die Sowjets ernstlich an Gewicht und Einfluss verlieren.

c) In unserer Partei besteht die Meinung, wirkliche Parteiarbeit sei die Arbeit in den Gouvernementskomitees, Gebietskomitees, Kreiskomitees und Zellen. Was alle übrigen Arten der Arbeit betrifft, so sei dies keine eigentliche Parteiarbeit. Oft macht man sich über Leute, die in Trusten und Syndikaten arbeiten, lustig: "Sie haben sich", so heißt es, "von der Partei losgelöst." (Zwischenruf: "Sie werden hinausgereinigt.") Hinausgereinigt werden müssen einige Genossen sowohl in den Wirtschaftsorganen als auch in den Parteiorganisationen. Ich nehme aber keinen Ausnahmefall, sondern einen Fall, wie er massenhaft vorkommt. Gewöhnlich teilt man bei uns die Parteiarbeit in zwei Kategorien ein: in eine höhere Kategorie, das ist die eigentliche Parteiarbeit in den Gouvernementskomitees und Gebietskomitees, in den Zellen, im ZK, und in eine niedrigere Kategorie, die Parteiarbeit in Anführungszeichen genannt wird, das ist die Arbeit in allen Sowjetorganen und besonders in den Handelsorganen. Genossen! Eine solche Einstellung zu den Wirtschaftsfunktionären widerspricht dem Leninismus von Grund aus. Jeder Wirtschaftsfunktionär, auch wenn er im schäbigsten Laden, in der schäbigsten Handelsinstitution arbeitet, ist, wenn er aufbaut und die Sache vorwärts bringt, ein echter Parteifunktionär, der die volle Unterstützung der Partei verdient. Bei einer solchen hochnäsigen, intelligenzlerischen Einstellung zum Handel können wir unsern Aufbau um keinen Schritt vorwärts bringen. Unlängst habe ich an der Swerdlow-Universität eine Vorlesung gehalten, in der ich davon sprach, dass wir vielleicht etwa zehntausend Kommunisten aus dem Gebiet der Parteiarbeit oder der Industrie auf das Gebiet der Handelstätigkeit werden überführen müssen. Man brach in Lachen aus. Man will keinen Handel treiben! Indes ist klar, dass alle unsere Reden über sozialistischen Aufbau Gefahr laufen, in leeres Geschwätz auszuarten, wenn wir in der Partei die hochnäsig-intelligenzlerischen Vorurteile gegenüber dem Handel nicht ausrotten und wenn wir Kommunisten nicht alle Zweige des Handels meistern.

d) Genossen, keine Aufbauarbeit, keine Staatsarbeit, keine Planarbeit ist ohne eine richtige Rechnungsführung denkbar. Eine Rechnungsführung aber ist nicht ohne Statistik denkbar. Ohne Statistik können, wir in der Rechnungsführung keinen Schritt vorwärtskommen. Vor kurzem sagte Rykow auf der Konferenz, dass er in der Periode des Kriegskommunismus im Obersten Volkswirtschaftsrat einen Statistiker hatte, der heute in einer Frage diese Zahlen gab und morgen in der gleichen Frage andere. Leider gibt es bei uns noch immer solche Statistiker. Die Arbeit der Statistiker ist so beschaffen, dass die einzelnen Zweige des Ganzen eine zusammenhängende Kette bilden, und wenn ein Kettenglied verdorben ist, so läuft die ganze Arbeit Gefahr, verdorben zu werden. Im bürgerlichen Staat besitzt der Statistiker ein gewisses Mindestmaß an Berufsehre. Er kann nicht lügen. Er kann eine beliebige politische Überzeugung und Richtung vertreten, was aber Tatsachen, Ziffern betrifft, so würde er sich eher die Zunge abbeißen, als die Unwahrheit zu sagen. Hätten wir nur mehr solcher bürgerlicher Statistiker, Menschen, die Selbstachtung und ein gewisses Mindestmaß an Berufsehre besitzen! Wenn die statistische Arbeit bei uns nicht in dieser Weise organisiert wird, so werden wir in der Aufbauarbeit keinen Schritt vorwärtskommen.

Das gleiche gilt auch für die Rechenschaftslegung. Keine wirtschaftliche Tätigkeit kann ohne Rechenschaftslegung vorankommen. Unsere Buchhalter weisen aber leider nicht immer die elementaren Eigenschaften eines gewöhnlichen bürgerlichen, ehrlichen Buchhalters auf. Ich verbeuge mich vor manchen von ihnen, es gibt unter ihnen ehrliche und der Sache ergebene Mitarbeiter, dass es aber auch räudige Schafe gibt, die nach Belieben eine Abrechnung zusammendichten können und die gefährlicher als Konterrevolutionäre sind - das ist eine Tatsache. Ohne Überwindung dieser Mängel, ohne ihre Beseitigung können wir weder die Wirtschaft des Landes noch seinen Handel vorwärts bringen.

e) Der Prozentsatz der Arbeiter und Kommunisten in den leitenden Organen mancher staatlicher Institutionen ist immer noch minimal und ungenügend. Dieser Mangel springt besonders ins Auge bei den leitenden Institutionen und Auslandsvertretungen der Handelsorgane (Außenhandel, Innenhandel, Syndikate) und bei den Kreditinstitutionen, die gegenwärtig für das Leben und die Entwicklung der Volkswirtschaft und vor allem der Staatsindustrie von entscheidender Bedeutung sind. Die Partei muss alle Maßnahmen treffen, um diese Lücke auszufüllen. Ohne das ist an eine Verwirklichung der wirtschaftspolitischen Direktiven der Partei gar nicht zu denken.

f) Bisher war die Frage der Organisierung und Gestaltung der Truste die wichtigste Frage des wirtschaftlichen Aufbaus. Jetzt, da sich der Schwerpunkt auf das Gebiet des Handels verlagert hat, sind die Fragen der Organisierung gemischter Gesellschaften und Aktiengesellschaften[Anmerkung 36] für Innen- und Außenhandel aktuell geworden. Die Praxis hat gezeigt, dass wir zwar die Trustfrage bewältigt haben, dass aber die Arbeit unserer Institutionen in bezug auf die Lösung der Frage der gemischten Gesellschaften und der Aktiengesellschaften auf beiden Beinen hinkt. Es ist eine Tendenz vorhanden, die Organisierung eines Typus von Handelsinstitutionen durchzusetzen, die die Bedeutung der staatlichen Kontrolle auf diesem äußerst wichtigen Gebiet auf ein Minimum beschränken würden. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Partei mit allen Mitteln gegen derartige Tendenzen kämpfen wird.


3. Die Verbesserung der Zusammensetzung der Partei im Allgemeinen und ihrer führenden Organe im Besonderen ist weiter fortzusetzen. Auf keinen Fall dürfen die Kader der Partei als etwas in sich Abgeschlossenes betrachtet werden. Die Kader müssen Schritt für Schritt durch Heranziehung junger Parteimitglieder erweitert werden. Die Kader müssen durch junge Parteimitglieder aufgefüllt werden. Ohne das ist das Bestehen der Kader zwecklos.


4. Auf dem Gebiet der Agitation:

a) Schlecht ist es um das politische Wissensniveau der Parteimitglieder bestellt (60 Prozent sind politisch ungeschult). Das Lenin-Aufgebot vergrößert den Prozentsatz der politisch Ungeschulten. Eine systematische Arbeit zur Behebung dieses Mangels ist erforderlich. Unsere Aufgabe ist es, diese Sache voranzutreiben.

b) Schlecht ist es um das Kino bestellt. Der Film ist ein Massenagitationsmittel von größter Bedeutung. Unsere Aufgabe ist es, diese Sache in die Hand zu nehmen.

c) Die Presse entwickelt sich, jedoch ungenügend. Unsere Aufgabe ist es, die Auflage der "Krestjanskaja Gaseta"[Anmerkung 37] auf eine Million, die Auflage der "Prawda" auf 600000 zu bringen und eine populäre Zeitung für das Lenin-Aufgebot zu schaffen, deren Auflageziffer wenigstens auf eine halbe Million zu bringen ist.

d) Die Wandzeitungen entwickeln sich, jedoch ungenügend. Unsere Aufgabe ist es, die Korrespondenten der Wandzeitungen zu unterstützen und diese Sache voranzutreiben.

e) Schlecht ist es um die Arbeit im Dorfe bestellt. Die Agitation im Dorfe muss hauptsächlich gegenständlich sein und auf der Linie jeglicher Unterstützung der armen Bauern und Mittelbauern, einschließlich der Gewährung von Vorzugskrediten, verlaufen, auf der Linie der Entwicklung der Ansätze von Kollektivwirtschaften (nicht Kommunen) nach der Art der Komitees unbegüterter Bauern[Anmerkung 38] in der Ukraine, wo es etwa 5000 Kollektivwirtschaften gibt, auf der Linie der Einbeziehung der Bauernschaft in die Genossenschaften, vor allem in die landwirtschaftlichen Genossenschaften. Als besonders wichtig ist die Aufgabe anzusehen, dass wir uns die Bauernkomitees sichern. Wir dürfen die territorialen Truppenteile[Anmerkung 39] nicht vergessen, die für die Agitation im Dorfe von großer Bedeutung sind.


5. Auf dem Gebiet der Registrierung, Verteilung und Beförderung der Funktionäre, der Parteimitglieder und der Parteilosen:

a) Die Registrierung ist mehr oder minder in Gang gekommen.

b) Mit der Verteilung sieht es etwas schlechter aus; denn die von Lenin auf dem XI. Parteitag[Anmerkung 40] gestellten grundlegenden Aufgaben, die Kräfte entsprechend der neuen, durch die innere Entwicklung bedingten Lage umzugruppieren, sind noch nicht erfüllt. Die nächste Aufgabe, alle und jegliche Handelsorganisationen in größtmöglichem Umfang mit den besten Kräften zu durchsetzen, harrt noch ihrer Lösung.

Im vergangenen Jahr hat die Abteilung für Registrierung und Verteilung eigentlich nur für die Organe des Obersten Volkswirtschaftsrats und des Volkskommissariats für Finanzen, namentlich für dessen Steuerapparat, gearbeitet und vorwiegend diese Organe mit Funktionären versorgt. Jetzt besteht unsere Aufgabe darin, uns auf die Handelsorgane und Kreditinstitutionen einzustellen und sie vorzugsweise, vor anderen Institutionen, mit Funktionären zu versorgen. Es dürften hier wohl etwa 5000 Kommunisten erforderlich sein.

Gleichzeitig besteht unsere Aufgabe darin, die bestehende Methode der Kräfteverteilung durch neue Methoden zu ergänzen: durch die Methode der Freiwilligkeit, durch die Methode des Aufgebots von Freiwilligen zur Organisierung der Arbeit an besonders wichtigen Stellen des Sowjetaufbaus. Diese Methode steht in unmittelbarer Beziehung zur Organisierung einer mustergültigen Arbeit in bestimmten Rayons, ohne die (die Organisierung einer mustergültigen Arbeit) wir unmöglich auskommen können. Der von Lenin in der "Naturalsteuer[Anmerkung 41] entwickelte Gedanke einer mustergültigen Arbeit muss verwirklicht werden.

c) Besondere Aufmerksamkeit ist der Beförderung von Funktionären, Parteimitgliedern und Parteilosen, zu widmen. Die Methode, neue Leute nur von oben zu befördern, ist ungenügend. Sie muss durch Methoden einer Beförderung von unten, im Verlauf der praktischen Arbeit, im Verlauf der Heranziehung neuer Kräfte zur praktischen Arbeit, ergänzt werden. In dieser Hinsicht müssen die Produktions-, Betriebs- und Trustkonferenzen bei der Beförderung von Arbeitern auf verantwortliche Posten in den Betrieben und Trusten eine große Rolle spielen. Es müssen Sektionen bei den Abteilungen der Sowjets in den Gouvernements- und Kreisstädten entwickelt und in periodische Beratungen praktischer Natur umgewandelt werden, zu denen sowohl die Mitglieder der Sowjets als auch namentlich Nichtmitglieder, Arbeiter und Arbeiterinnen, Bauern und Bäuerinnen, hinzuzuziehen sind. Nur im Verlauf einer solchen breit angelegten praktischen Arbeit wird man neue Leute aus den Reihen der parteilosen Arbeiter und Bauern aufrücken lassen können. Der mächtige Widerhall, den das Lenin-Aufgebot in den Städten gefunden hat, und die gewachsene politische Aktivität der Bauernschaft zeugen mit aller Deutlichkeit davon, dass dieser Weg der Beförderung große Resultate zeitigen muss.


6. Zwei Schlussfolgerungen aus dem Gebiet des inneren Lebens der Partei:

a) Das so genannte "Prinzip" der Erweiterung des ZK der Partei hat sich als richtig erwiesen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Erweiterung des ZK gewaltigen Nutzen gebracht hat, dass die Genossen, die das "Prinzip" der Einengung des ZK vertraten, auf dem falschen Wege waren.

b) Jetzt ist es für alle klar, dass die Opposition, als sie während der Diskussion von einer Zersetzung der Partei sprach, völlig im Unrecht war. Es dürfte sich in unserer Partei wohl kaum eine ernst zu nehmende Organisation finden, die angesichts der Entwicklung des inneren Lebens der Partei und ihres machtvollen Wachstums nicht sagen würde, dass die Leute, die noch vor kurzem von einem Untergang unserer Partei geunkt haben, die Partei in Wirklichkeit nicht kannten, der Partei fern standen und stark an Leute erinnerten, die man Fremdlinge in der Partei nennen sollte.

Das Fazit: Unsere Partei wächst, sie schreitet vorwärts, sie lernt verwalten, sie wird zum autoritativsten Organ der Arbeiterklasse. Das Lenin-Aufgebot ist der direkte Beweis dafür. (Lang anhaltender Beifall.)

Schlusswort

27. Mai

Genossen! Ich habe in den Ausführungen der Redner keine Einwände gegen den organisatorischen Bericht des ZK gefunden. Ich werte dies als Zustimmung des Parteitags zu den Schlussfolgerungen dieses Berichts. (Beifall.)

In meinem Bericht habe ich unsere innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten absichtlich nicht berührt, und zwar deshalb nicht, weil ich die Wunden, die schon verheilt schienen, nicht aufreißen wollte. Nachdem aber Trotzki und Preobrashenski diese Fragen angeschnitten, dabei eine Reihe von Ungenauigkeiten begangen und uns herausgefordert haben, ist Schweigen unangebracht. In einer solchen Lage wäre Schweigen unbegreiflich.

Genossin Krupskaja wandte sich hier gegen eine Wiederholung der Diskussion über die Meinungsverschiedenheiten. Ich bin entschieden gegen eine Wiederholung, und gerade aus diesem Grunde habe ich in meinem Bericht die Meinungsverschiedenheiten nicht berührt. Da aber nun die der Opposition angehörenden Genossen diese Meinungsverschiedenheiten berührt und uns herausgefordert haben, haben wir nicht das Recht zu schweigen.

Trotzki und Preobrashenski, beide konzentrieren, wenn sie über die Meinungsverschiedenheiten sprechen, die Aufmerksamkeit des Parteitags auf eine Resolution, auf die Resolution vom 5. Dezember, und vergessen dabei, dass es außer dieser Resolution noch eine andere Resolution gibt, die Resolution über die Ergebnisse der Diskussion,[Anmerkung 42] sie vergessen dabei, dass eine Konferenz stattgefunden hat und dass nach der vom ZK am 5. Dezember angenommenen Resolution eine neue Diskussionswelle einsetzte, die in einer besonderen Resolution der XIII. Konferenz über die Ergebnisse der Diskussion ihre Einschätzung erhalten hat. Sie vergessen, dass ein Verschweigen der XIII. Konferenz für die Opposition nicht glatt ablaufen wird.

Ich mache den Parteitag darauf aufmerksam, dass die Konferenz eine Resolution über die Wirtschaftspolitik und zwei Resolutionen über den Parteiaufbau angenommen hat. Warum geschah dies? Es gab eine von der gesamten Partei bestätigte und vom ZK am 5. Dezember angenommene Resolution; dann aber erwies es sich als notwendig, eine weitere Resolution zu derselben Frage - über die kleinbürgerliche Abweichung - anzunehmen. Wie kam es zu dieser misslichen Lage, und wie ist sie zu erklären? Sie erklärt sich daraus, dass die ganze Diskussion in zwei Perioden zerfiel. Die erste Periode, die mit der einstimmig angenommenen Resolution vom 5. Dezember abschloss, und die zweite Periode, die mit der Resolution über die kleinbürgerliche Abweichung abschloss. Wir nahmen damals, das heißt in der ersten Periode, an, dass mit der Resolution vom 5. Dezember die Streitigkeiten in der Partei wohl erledigt sein würden, und gerade darum habe ich das vergangene Mal, in meinem Bericht auf der XIII. Konferenz, als ich über diese Periode sprach, gesagt, dass die Resolution vom 5. Dezember bei einigem guten Willen von seiten der Opposition den Kampf in der Partei beenden könnte. Hierüber sprach ich, und wir alle waren dieser Auffassung. Die Sache ist aber die, dass die Diskussion nicht mit dieser Periode endete. Auf die Resolution vom 5. Dezember folgten die Briefe Trotzkis - eine neue Plattform mit neuen Fragen - und es setzte eine neue Welle der Diskussion ein, einer schärferen, als sie es bis dahin war. Dadurch wurde die Möglichkeit des Friedens in der Partei vereitelt. Dies war die zweite Periode, die die Oppositionellen jetzt zu verschweigen, zu übergehen suchen.

Die Sache ist die, dass zwischen der Diskussion in der zweiten Periode und der Diskussion in der ersten Periode, die in der Resolution vom 5. Dezember ihre Widerspiegelung fand, ein gewaltiger Unterschied besteht. In der Resolution vom 5. Dezember wurde die Frage der Entartung der Kader nicht aufgeworfen. Trotzki, mit dem zusammen wir damals diese Resolution ausarbeiteten, sprach kein Sterbenswörtchen von einer Entartung der Kader. Er sparte diesen Zusatz offenbar auf, um später damit hervorzutreten. Ferner ist in der Resolution vom 5. Dezember nichts darüber enthalten, dass die studierende Jugend das sicherste Barometer wäre. Auch diese Frage hielt Trotzki offenbar in Reserve, um später in der Diskussion damit hervorzutreten. In der Resolution vom 5. Dezember finden wir nichts von jener Tendenz zu einem Angriff auf den Apparat, nichts von jenen Forderungen nach Strafmaßnahmen gegen den Parteiapparat, worüber sich Trotzki in seinen nachfolgenden Briefen sehr breit ausließ. Schließlich enthält die Resolution vom 5. Dezember nicht einmal eine Andeutung, dass Gruppierungen notwendig seien, während sich Trotzki in seinen nachfolgenden Briefen sehr ausführlich über die Gruppierungen ausließ.

So gewaltig ist der Unterschied zwischen der Stellung der Opposition vor dem 5. Dezember und der Stellung ihrer Führer nach dem 5. Dezember.

Jetzt sind Trotzki und Preobrashenski bemüht, ihre zweite Plattform in der zweiten Diskussionsperiode zu verschweigen, zu verbergen, und glauben offenbar, die Partei übertölpeln zu können. Nein, das wird Ihnen nicht gelingen! Mit plumper List und Diplomatie können Sie den Parteitag nicht täuschen. Ich zweifle nicht daran, dass der Parteitag sowohl zu dem ersten Stadium der Diskussion, das in der Resolution vom 5. Dezember seinen Ausdruck fand, als auch zu dem zweiten Stadium, das in der Resolution der Konferenz über die kleinbürgerliche Abweichung seinen Ausdruck fand, Stellung nehmen wird.

Diese beiden Resolutionen sind zwei Teile eines Ganzen, das Diskussion heißt. Wer diese beiden Teile zu vermengen gedenkt und glaubt, dadurch den Parteitag hinters Licht führen zu können, der täuscht sich. Die Partei ist gewachsen, ihr Bewusstsein hat eine höhere Stufe erreicht, und mit Diplomatie ist die Partei nicht zu täuschen. Der ganze Irrtum der Opposition besteht darin, dass sie dies nicht begreift.

Untersuchen wir, wer in den Fragen der von der Opposition nach dem 5. Dezember aufgestellten Plattform Recht behielt. Wer behielt recht in den vier neuen Fragen, die in Trotzkis Briefen angeschnitten wurden?

Erste Frage: die Kader entarten. Wir alle verlangten und verlangen Tatsachen, die auf eine Entartung der Kader hinweisen. Solche Tatsachen hat man uns aber nicht gegeben und kann man uns auch nicht geben, denn solche Tatsachen gibt es einfach nicht. Nachdem wir uns die Sache etwas näher betrachtet hatten, stellten wir alle fest, dass es bei uns keine Entartung gibt, dass aber zweifellos eine Abweichung mancher Führer der Opposition zu kleinbürgerlicher Politik vorhanden ist. Wer also behielt Recht? Offenbar nicht die Opposition.

Zweite Frage: die studierende Jugend, die das sicherste Barometer sein soll. Wer behielt in dieser Frage Recht? Wiederum offenbar nicht die Opposition. Betrachten wir das Wachstum unserer Partei während dieser Zeit, die Aufnahme von 200000 neuen Mitgliedern, so ergibt sich, dass das Barometer nicht in den Reihen der studierenden Jugend, sondern in den Reihen des Proletariats zu suchen ist, dass die Partei sich nicht auf die studierende Jugend, sondern auf den proletarischen Kern der Partei orientieren muss. 200000 neue Parteimitglieder - das ist das Barometer. Auch hier zeigte sich, dass die Opposition Unrecht hatte.

Dritte Frage: Strafmaßnahmen gegen den Apparat, ein Angriff auf den Parteiapparat. Wer behielt Recht? Wiederum nicht die Opposition. Sie blies ihren Angriff auf den Apparat ab und ging zur Verteidigung über. Sie waren hier Zeuge dessen, wie sie sich herauszuwinden suchte, während sie sich im Kampf gegen den Parteiapparat in Unordnung zurückzog.

Vierte Frage: die Fraktionen, die Gruppierungen. Trotzki erklärte, dass er entschieden gegen Gruppierungen sei. Das ist sehr gut. Wenn es aber schon notwendig geworden ist, auf die Geschichte einzugehen, so gestatten Sie mir, an einige Tatsachen zu erinnern. Im Dezember hatten wir eine Unterkommission des ZK der Partei zur Ausarbeitung der Resolution, die dann am 5. Dezember veröffentlicht wurde. Diese Unterkommission bestand aus drei Personen: Trotzki, Kamenew und Stalin.

Ist Ihnen aufgefallen, dass die Resolution vom 5. Dezember den Satz über Gruppierungen nicht enthält? Dort ist vom Verbot der Fraktionen die Rede, aber von einem Verbot der Gruppierungen ist nichts gesagt. Die Resolution enthält lediglich einen Hinweis auf den bekannten Beschluss des X. Parteitags über die Einheit der Partei. Wodurch ist das zu erklären? Durch einen Zufall? Das ist kein Zufall. Kamenew und ich verlangten entschieden ein Verbot der Gruppierungen. Trotzki protestierte in ultimativer Weise gegen das Verbot von Gruppierungen und erklärte, dass er angesichts einer solchen Sachlage nicht für die Resolution stimmen könne. Wir begnügten uns damals mit einem Hinweis auf die Resolution des X. Parteitags, die Trotzki damals offenbar nicht gelesen hatte und in der nicht nur von einem Verbot der Fraktionen, sondern auch von einem Verbot der Gruppierungen die Rede ist. (Heiterkeit. Beifall.) Trotzki setzte sich damals für die Freiheit der Gruppierungen ein. Hier hat er die Resolution vom 5. Dezember gelobt. In seinem Brief an das ZK der KPR(B), vier Tage nach Annahme der Resolution über den Parteiaufbau, das heißt am 9. Dezember, schrieb Trotzki jedoch: "Besonders beunruhigt mich der rein formale Standpunkt der Mitglieder des Politbüros in der Frage von Gruppierungen und Fraktionsbildungen." Wie gefällt Ihnen das? Ein Mann, der auf diese Resolution schwört, ist, wie sich herausstellt, im tiefsten Innern besonders beunruhigt über die Einstellung des Politbüros zur Frage der Gruppierungen und der Fraktionen. Es sieht gar nicht danach aus, als ob er damals für das Verbot von Gruppierungen gewesen wäre. Nein, Trotzki war damals für die Bildung von Gruppierungen, für ihre Freiheit.

Ferner, wer erinnert sich nicht der bekannten Resolution Preobrashenskis in Moskau, in der gefordert wurde, die auf dem X. Parteitag entschiedene Frage der Fraktionen dahingehend zu präzisieren, dass gewisse Einschränkungen aufgehoben würden? Daran können sich´ in Moskau alle erinnern. Und wer von Ihnen erinnert sich nicht, dass Preobrashenski in seinen Feuilletons die Wiederherstellung des Regimes in der Partei forderte, das in der Epoche des Brester Friedens bestand? Wir wissen aber, dass die Partei in der Brester Epoche gezwungen war, das Bestehen von Fraktionen zuzulassen; wir wissen das sehr wohl. Und wer erinnert sich nicht, wie alle Oppositionellen auf der XIII. Konferenz, als ich das Einfachste von der Welt beantragte, nämlich den Parteimitgliedern den 7. Punkt der Resolution über die Einheit, und zwar über das Verbot von Gruppierungen, ins Gedächtnis zu rufen - wie alle Oppositionellen tobten und forderten, dass dieser Punkt nicht aufgenommen würde? Folglich stand die Opposition in dieser Frage voll und ganz auf dem Standpunkt der Freiheit für Gruppierungen, in der Annahme, sie könnte die Wachsamkeit der Partei einlullen, wenn sie sagte, sie fordere nicht die Freiheit der Fraktionen, sondern die Freiheit der Gruppierungen. Wenn sie uns jetzt erklären, sie seien gegen Gruppierungen, so ist das sehr gut. Ich kann das aber keinesfalls als eine Offensive ihrerseits bezeichnen: es ist ein ungeordneter Rückzug, es ist ein Zeichen dafür, dass das ZK auch in dieser Frage im Recht ist.

Nach dieser Erläuterung gestatten Sie mir, Genossen, etliche Worte über einige prinzipielle Fehler zu sagen, die Trotzki und Preobrashenski in ihren Ausführungen zu den Fragen der Organisation der Partei begangen haben.

Trotzki erklärte, das Wesen der Demokratie laufe auf die Frage der Generationen hinaus. Das ist falsch, prinzipiell falsch. Das Wesen der Demokratie läuft keineswegs hierauf hinaus. Die Frage der Generationen ist eine zweitrangige Frage. Die Zahlenangaben über das Leben unserer Partei besagen, das Leben unserer Partei zeugt davon, dass die junge Generation der Partei Schritt für Schritt in die Kader hineinwächst, dass die Kader durch die Jugend aufgefüllt und erweitert werden. Die Partei beschritt stets diesen Weg und wird ihn stets beschreiten. Nur wer die Kader als ein in sich abgeschlossenes Ganzes, als einen privilegierten Stand betrachtet, der keine neuen Mitglieder in seine Mitte aufnimmt, nur wer diese Kader wie ein Offizierkorps aus der alten Zeit betrachtet, wer alle übrigen Parteimitglieder als "unter seiner Würde stehend" ansieht, nur wer eine Kluft zwischen den Kadern und den jungen Parteimitgliedern aufreißen will - nur der kann die Frage der Demokratie auf die Frage der Generationen in der Partei zuspitzen. Das Wesen der Demokratie läuft nicht auf die Frage der Generationen hinaus, sondern auf die Frage der Selbsttätigkeit, der aktiven Teilnahme der Parteimitglieder an der Führung der Partei. So und nur so kann die Frage der Demokratie aufgefasst werden, vorausgesetzt natürlich, dass es sich nicht um eine formal-demokratische Partei, sondern um eine wirklich proletarische Partei handelt, die durch unlösbare Bande mit den Massen der Arbeiterklasse verbunden ist.

Die zweite Frage. Die größte Gefahr, sagt Trotzki, besteht in einer Bürokratisierung des Parteiapparats. Das ist ebenfalls falsch. Nicht darin liegt die Gefahr, sondern in der Möglichkeit einer wirklichen Loslösung der Partei von den parteilosen Massen. Es kann eine Partei geben, die ihren Apparat demokratisch aufgebaut hat - wenn sie aber mit der Arbeiterklasse nicht verbunden ist, so wird diese Demokratie unnütz und keinen Groschen wert sein. Die Partei ist für die Klasse da. Wenn sie mit der Klasse verbunden ist, Kontakt mit ihr hat, Autorität unter den parteilosen Massen besitzt und deren Achtung genießt, kann sie selbst bei bürokratischen Mängeln bestehen und sich entwickeln. Ist all dies nicht vorhanden, so können Sie die Partei organisatorisch beliebig aufbauen - bürokratisch oder demokratisch -, die Partei wird bestimmt zugrunde gehen. Die Partei ist ein Teil der Klasse, sie ist für die Klasse, nicht aber für sich selbst da.

Die dritte These ist ebenfalls prinzipiell falsch: Die Partei, erklärt Trotzki, macht keine Fehler. Das stimmt nicht. Die Partei macht nicht selten Fehler. Iljitsch lehrte uns, dass man die Partei an Hand ihrer eigenen Fehler lehren muss, richtig zu führen. Würde die Partei keine Fehler machen, so wäre nichts da, an Hand dessen man die Partei lehren könnte. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Fehler herauszufinden, ihre Wurzeln bloßzulegen und der Partei und der Arbeiterklasse zu zeigen, welche Fehler wir begangen haben und wie wir diese Fehler in Zukunft vermeiden können. Ohne das wäre eine Entwicklung der Partei unmöglich. Ohne das wäre die Heranbildung von Führern und Kadern der Partei unmöglich, denn sie werden im Kampf gegen ihre eigenen Fehler, in Überwindung dieser Fehler herangebildet und erzogen. Ich glaube, dass eine solche Erklärung Trotzkis ein gewisses Kompliment mit einem gewissen Versuch zur Verspottung, allerdings einem missglückten Versuch, darstellt.

Ferner über Preobrashenski. Er sprach über die Parteireinigung. Preobrashenski ist der Ansicht, die Reinigung sei ein Instrument der Parteimehrheit gegen die Opposition, und billigt offenbar die Methoden der Reinigung nicht. Das ist eine prinzipielle Frage. Es ist ein großer Fehler Preobrashenskis, dass er nicht versteht, dass sich die Partei ohne eine periodische Reinigung ihrer Reihen von unzuverlässigen Elementen nicht festigen kann. Genosse Lenin lehrte, dass sich die Partei nur festigen kann, wenn sie sich Schritt für Schritt von unzuverlässigen Elementen, die in die Partei eindringen und noch eindringen werden, frei macht. Wir würden uns gegen den Leninismus vergehen, wenn wir eine Reinigung überhaupt ablehnen wollten. Was nun die gegenwärtige Reinigung betrifft, so frage ich, was ist an ihr schlecht? Man sagt, es gebe einzelne Fehler. Gewiss gibt es sie. Hat es jemals bei einem großen Werk keine einzelnen Fehler gegeben? Das war noch nie der Fall. Einzelne Fehler kann es geben und muss es geben: im Wesentlichen aber ist die Reinigung richtig. Mir wurde erzählt, dass manche nichtproletarischen Elemente aus den Reihen der Intellektuellen und Angestellten mit Zittern und Zagen der Parteireinigung entgegensahen. Man schilderte mir folgenden Vorfall. In einem Zimmer sitzen Leute, die zur Parteireinigung gekommen sind. Es handelt sich um die Parteizelle einer Sowjetinstitution. In einem anderen Zimmer sitzt die Kommission für die Parteireinigung. Ein Mitglied der Zelle stürzt, nachdem es die Reinigung hinter sich hat, ganz in Schweiß gebadet heraus. Man bittet ihn, zu erzählen, was los sei. "Lasst mich zu Atem kommen", gibt er zur Antwort, "lasst mich zu Atem kommen - ich kann nicht." (Heiterkeit.) Leuten, die sich so quälen und so schwitzen, tut die Reinigung vielleicht nicht gut, der Partei aber tut sie sehr gut. (Beifall.) Leider gibt es bei uns noch eine gewisse Anzahl von Parteimitgliedern, die ein Monatsgehalt von 1000 und 2000 Rubel beziehen, als Mitglieder der Partei gelten und vergessen, dass die Partei existiert. Mir sind Tatsachen bekannt, zum Beispiel, dass die Zelle eines Kommissariats, in dem solche Parteimitglieder tätig sind, eine Zelle, der unter anderem auch Chauffeure angehören, einen Chauffeur zur Durchführung der Parteireinigung entsandte und eine Reihe von Vorwürfen der Art heraufbeschwor, ein Chauffeur dürfe keine sowjetischen Würdenträger reinigen. Solche Tatsachen hat es bei uns in Moskau gegeben. Parteimitglieder, die sich offenbar von der Partei losgelöst haben, entrüsten sich und können es nicht verwinden, dass sie von "irgendeinem Chauffeur" gereinigt werden sollen. Solche Parteimitglieder müssen erzogen und umerzogen werden, mitunter durch Ausschluss aus der Partei. Das Wesentliche bei der Reinigung ist, solche Leute fühlen zu lassen, dass ein Herr im Hause ist, dass die Partei da ist, die Rechenschaft über die gegen die Partei begangenen Sünden fordern kann. Ich glaube, es wäre unbedingt notwendig, dass man wie der Herr im Hause mitunter, von Zeit zu Zeit, die Reihen der Partei mit einem Besen von Unrat säuberte. (Beifall.)

Preobrashenski erklärt: Eure Politik ist richtig, aber die organisatorische Linie ist falsch, und darin liegt die Möglichkeit eines Untergangs der Partei begründet. Das ist dummes Zeug, Genossen. Das gibt es nicht, dass die Politik einer Partei richtig ist und dass sie trotzdem an organisatorischen Mängeln zugrunde geht. So etwas gibt es ganz und gar nicht. Die Grundlage des Parteilebens und der Parteiarbeit liegt nicht in den Organisationsformen, die sie im jeweiligen Augenblick annimmt oder annehmen kann, sondern in der Politik der Partei, in ihrer Innen- und Außenpolitik. Ist die Politik der Partei richtig, handhabt sie die politischen und wirtschaftlichen Fragen, die für die Arbeiterklasse von entscheidender Bedeutung sind, richtig, so können die organisatorischen Mängel nicht von ausschlaggebender Bedeutung sein - die Politik gleicht sie aus. So war es immer und so wird es auch in Zukunft bleiben. Leute, die das nicht verstanden haben, sind schlechte Marxisten, sie vergessen das Abc des Marxismus.

Hatte die Partei recht in den Fragen, um die es in der Diskussion ging, in den Fragen wirtschaftlicher Natur, in den Fragen des Parteiaufbaus? Wenn das jemand auf dem schnellsten Wege, ohne viele Worte prüfen will, so muss er sich an die Partei und die Arbeitermasse wenden und die Frage stellen: Wie steht die parteilose Arbeitermasse zur Partei, sympathisiert sie mit ihr, oder tut sie das nicht? Wenn die Mitglieder der Opposition die Frage so stellten, wenn sie sich fragten: Wie schätzt die Arbeiterklasse die Partei ein - sympathisiert sie mit ihr, oder tut sie das nicht? -, so würden sie begreifen, dass die Partei sich auf dem richtigen Wege befindet. Der Schlüssel zum Verständnis aller Dinge, die die Ergebnisse der Diskussion betreffen, ist das Lenin-Aufgebot. Entsendet die Arbeiterklasse 200000 Arbeiter in die Partei und wählt dabei die ehrlichsten und standhaftesten aus, so bedeutet dies, dass eine solche Partei unbesiegbar ist, denn die Partei ist dem Wesen der Sache nach zum gewählten Organ der Arbeiterklasse geworden, das das ungeteilte Vertrauen der Arbeiterklasse genießt. Eine solche Partei wird leben, den Feinden zum Schrecken, eine solche Partei kann sich nicht zersetzen. Das Malheur unserer Opposition besteht darin, dass sie an die Fragen der Partei, an die Fragen der Diskussionsergebnisse nicht vom Standpunkt eines Marxisten herangegangen ist, der das Gewicht der Partei unter dem Gesichtswinkel ihres Einflusses unter den Massen beurteilt - denn die Partei ist für die Massen da und nicht umgekehrt -, sondern von einem formalen Standpunkt, vorn Standpunkt des "reinen" Apparats. Wer einen einfachen und direkten Schlüssel zum Verständnis der Diskussionsergebnisse finden will, darf sich nicht dem Geschwätz über den Apparat hingeben, sondern muss sich den 200000 zuwenden, die in die Partei eingetreten sind und die den tiefgehenden Demokratismus der Partei dargetan haben. Die Äußerungen der oppositionellen Redner über Demokratie sind leeres Geschwätz, wenn aber die Arbeiterklasse 200000 neue Mitglieder in die Partei schickt, so ist das wirklicher Demokratismus. Unsere Partei ist zum gewählten Organ der Arbeiterklasse geworden. Zeigen Sie mir eine andere solche Partei. Sie können mir keine zeigen, denn es gibt sie nicht auf der Welt. Aber seltsamerweise gefällt selbst eine so mächtige Partei unseren Oppositionellen nicht. Wo werden sie aber auf dem Erdball eine bessere Partei finden? Ich befürchte, dass sie auf der Suche nach einer besseren auf den Mars werden übersiedeln müssen. (Beifall.)

Die letzte Frage: über die kleinbürgerliche Abweichung der Opposition, über die Behauptung, es sei ungerecht, die Opposition einer klein-bürgerlichen Abweichung zu beschuldigen. Ist dem so? Nein, dem ist nicht so. Woher kam eine solche Beschuldigung, worauf beruht diese Beschuldigung? Diese Beschuldigung beruht darauf, dass die Oppositionellen durch ihre hemmungslose Agitation für Demokratie in der Partei unwillkürlich, ohne es zu wollen, zu einer Art Sprachrohr der neuen Bourgeoisie wurden, die auf die Demokratie in unserer Partei pfeift, aber gern, sehr gern eine Demokratie im Lande haben möchte. Der Teil der Partei, der das Geschrei um die Fragen der Demokratie erhob, diente unwillkürlich als ein Sprachrohr der neuen Bourgeoisie, als ein Kanal für die Agitation, die im Lande durch die neue Bourgeoisie entfaltet wird und auf die Schwächung der Diktatur, auf die "Erweiterung" der Sowjetverfassung und die Wiederherstellung der politischen Rechte der Ausbeuter abzielt. Hier liegt die Triebfeder und das Geheimnis, dass die Mitglieder der Opposition, denen die Partei zweifellos teuer ist usw. usw., ohne es selbst zu bemerken, zum Sprachrohr für diejenigen geworden sind, die außerhalb der Partei stehen und die die Diktatur schwächen und zersetzen wollen.

Nicht umsonst sympathisieren die Menschewiki und Sozialrevolutionäre mit der Opposition. Ist das ein Zufall? Nein, das ist kein Zufall. Die Kräfteverteilung im internationalen Maßstab ist derart, dass jeder Versuch, die Autorität unserer Partei und die Festigkeit der Diktatur in unserem Lande zu schwächen, von den Feinden der Revolution unbedingt als vorteilhaft für sie aufgegriffen werden wird, ganz gleich, ob dieser Versuch von unserer Opposition oder den Sozialrevolutionären nebst Menschewiki unternommen wird. Wer das nicht begreift, der hat die Logik des Fraktionskampfes in unserer Partei nicht begriffen, der hat nicht begriffen, dass die Ergebnisse dieses Kampfes nicht von Personen und Wünschen abhängen, sondern von den Resultaten, die sich auf Grund der Gesamtbilanz des Kampfes der sowjetischen und antisowjetischen Elemente ergeben. Hier liegt der Grund dafür, dass wir es bei der Opposition mit einer kleinbürgerlichen Abweichung zu tun haben.

Lenin sagte einst über die Parteidisziplin und über die Geschlossenheit unserer Reihen: "Wer auch nur im geringsten die eiserne Disziplin der Partei des Proletariats (besonders während seiner Diktatur) schwächt, der hilft faktisch der Bourgeoisie gegen das Proletariat." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 27 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 692].) Bedarf es etwa noch eines Beweises, dass die Genossen von der Opposition durch ihre Angriffe gegen die Moskauer Organisation und das Zentralkomitee der Partei die Parteidisziplin schwächten und die Grundlagen der Diktatur untergruben, denn die Partei ist der Grundkern der Diktatur?

Aus diesem Grunde denke ich, dass die XIII. Konferenz Recht hatte, als sie sagte, dass wir es hier mit einer Abweichung zu kleinbürgerlicher Politik zu tun haben. Es ist noch keine kleinbürgerliche Politik. Keineswegs! Lenin erklärte auf dem X. Parteitag, dass eine Abweichung etwas noch nicht Abgeschlossenes, nicht endgültig Geformtes ist. Wenn Sie, Genossen von der Opposition, auf dieser kleinbürgerlichen Abweichung, auf diesen Fehlern, die keine großen Fehler sind, nicht beharren, dann wird alles behoben werden, und die Arbeit der Partei wird vorangehen. Wenn Sie aber darauf beharren, so kann sich die kleinbürgerliche Abweichung zu einer kleinbürgerlichen Politik entwickeln. Von Ihnen hängt folglich alles ab, Genossen von der Opposition.

Was sind nun die Schlussfolgerungen? Die Schlussfolgerungen sind, dass wir in der Partei auch weiterhin auf der Grundlage der völligen Einheit der Partei arbeiten müssen. Blicken Sie auf den Parteitag, der fest und geschlossen für die Linie des ZK einsteht - da haben Sie die Einheit der Partei. Die Opposition bildet eine geringfügige Minderheit in unserer Partei. dass unsere Partei einheitlich ist, dass sie auch weiterhin einheitlich sein wird, davon zeugt der gegenwärtige Parteitag, seine Einheit, seine Geschlossenheit. Ob wir eine Einheit mit der unbedeutenden Gruppe der Partei, die sich Opposition nennt, haben werden, hängt von jenen ab. Wir sind für eine einträchtige Zusammenarbeit mit der Opposition. Als die Diskussion im vergangenen Jahr in vollem Gange war, erklärten wir, dass eine Zusammenarbeit mit der Opposition notwendig sei. Wir bekräftigen das hier noch einmal. Ob aber diese Einheit zustande kommt, das weiß ich nicht, denn die Einheit hängt in Zukunft ganz und gar von der Opposition ab. Die Einheit ist im gegebenen Fall das Resultat der Wechselwirkung zweier Faktoren, der Mehrheit der Partei und der Minderheit. Die Mehrheit will die Einheit in der Arbeit. Ob die Minderheit dies aufrichtig will, weiß ich nicht. Das hängt ganz und gar von den Genossen der Opposition ab.

Das Fazit. Das Fazit besteht darin, die Resolutionen der XIII. Konferenz zu bestätigen und die Tätigkeit des ZK zu billigen. Ich zweifle nicht, dass der Parteitag diese Resolutionen bestätigen und die politische und organisatorische Tätigkeit des ZK billigen wird. (Anhaltender Beifall.)

Über die Ergebnisse des XIII. Parteitages der KPR(B)

Seite 210 - 233

Referat im Rahmen eines Lehrgangs für Sekretäre der Kreiskomitees beim ZK der KPR(B)

17. Juni 1924

Genossen!

Ich werde die Resolutionen des XIII. Parteitags nicht ausführlich analysieren. Es gibt recht viele Resolutionen, sie bilden eine ganze Broschüre, und es ist wohl kaum möglich, sie jetzt ausführlich zu analysieren, zumal weder ich noch Sie hierfür gegenwärtig Zeit haben. Ich denke daher, dass es zweckmäßiger sein wird, in meinem Referat die grundlegenden Ausgangspunkte anzugeben und klarzustellen, um es Ihnen zu erleichtern, die Resolutionen dann zu Hause zu studieren.

Nun wohl, wenn man an die Resolutionen des XIII. Parteitags herangeht und sie eingehend studiert, so lassen sich die in den Resolutionen berührten mannigfaltigen Fragen auf vier Grundfragen zurückführen, die sich wie ein roter Faden durch alle Resolutionen ziehen.

Was sind das nun für Fragen?

Die erste Grundfrage oder die erste Fragengruppe - das sind die Fragen, die die außenpolitische Lage unserer Republik betreffen, die Fragen der Festigung der internationalen Stellung unserer Republik.

Die zweite Grundfrage oder die zweite Fragengruppe betrifft die Fragen des Zusammenschlusses zwischen der staatlichen Industrie und der bäuerlichen Wirtschaft, die Fragen des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft.

Die dritte Fragengruppe umfasst die Fragen der Erziehung und Umerziehung der werktätigen Massen im Geiste der Diktatur des Proletariats und des Sozialismus. Hierunter fallen Fragen wie der Staatsapparat, die Arbeit unter den Bauern, die Arbeit unter den werktätigen Frauen, die Arbeit unter der Jugend.

Schließlich die vierte Fragengruppe - das sind die Fragen, die die Partei selbst, ihr inneres Leben, ihr Dasein, ihre Entwicklung betreffen.

Am Ende meines Referats werde ich besonders auf die sich aus den Beschlüssen des XIII. Parteitags ergebenden Aufgaben der Kreisfunktionäre zu sprechen kommen.

Auswärtige Angelegenheiten

Was hat das verflossene Jahr hinsichtlich der internationalen Stellung Sowjetrußlands Neues ergeben? Worin besteht das Neue und Grundlegende in der internationalen Welt, das an der Wende vom alten, verflossenen Jahr zum neuen Jahr zu berücksichtigen war und das auch der XIII. Parteitag zwangsläufig berücksichtigen musste?

Dieses Neue besteht erstens darin, dass wir im verflossenen Jahr Gelegenheit hatten, eine Reihe von Versuchen zu beobachten, Westeuropa in seiner Innenpolitik unverhüllt faschistisch zu machen, und dass diese Versuche keinen Boden gewonnen haben, gescheitert sind. Wenn man von Italien absieht, wo der Faschismus in Zersetzung begriffen ist, so sind in den ausschlaggebenden Ländern Europas, in Frankreich und England, die Versuche, Europas Politik zu faschisieren, gescheitert, die Urheber dieser Versuche aber, Poincaré und Curzon, wurden glatt hinweggefegt, über Bord geworfen.

Das ist das erste, was uns das verflossene Jahr an Neuem gebracht hat.

Das zweite, was uns das verflossene Jahr gebracht hat, ist eine Reihe von Versuchen der kriegslüsternen Imperialisten Englands und Frankreichs, unser Land zu isolieren, Versuche, die Schiffbruch erlitten haben. Es lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass die zahlreichen Machenschaften Poincarés gegen die Sowjetunion und das bekannte Ultimatum Curzons das Ziel verfolgten, unser Land zu isolieren. Und was geschah? An Stelle einer Isolierung der Sowjetunion kam es zu ihrer faktischen Anerkennung. Mehr noch, an Stelle einer Isolierung der Sowjetunion kam es zur Isolierung der Isolierer, zum Rücktritt Poincarés und Curzons. Das Gewicht unseres Landes erwies sich als bedeutender, als es einigen alten Politikern des Imperialismus scheinen mochte.

Das ist das zweite, was uns das verflossene Jahr auf dem Gebiet der Außenpolitik an Neuem gebracht hat.

Woraus lässt sich all das erklären?

Manch einer ist geneigt, dies mit der Weisheit unserer Politik zu erklären. Ich leugne nicht, dass unsere Politik, wenn nicht weise, so doch auf jeden Fall richtig war, was auch vom XIII. Parteitag bestätigt worden ist. Die Sache lässt sich aber nicht allein aus der Weisheit oder Richtigkeit unserer Politik erklären. Es handelt sich hierbei nicht so sehr um die Richtigkeit unserer Politik als vielmehr um die Situation, die in der letzten Zeit in Europa entstanden ist und die die Erfolge unserer Politik bedingt hat. Hierbei sind drei Umstände zu erwähnen.

Erstens. Das Unvermögen der imperialistischen Mächte, mit den Resultaten ihrer militärischen Siege fertig zu werden und in Europa einen einigermaßen erträglichen Frieden herbeizuführen, ihre Unfähigkeit, sich weiter zu entwickeln ohne Ausplünderung der besiegten Länder und Kolonien, ohne gegenseitige Konflikte und Zusammenstöße wegen der Teilung des Geraubten. Daher das erneute Aufrüsten. Daher die Gefahr eines neuen Krieges. Nun, die Volksmassen wollen aber keinen Krieg, denn sie haben die Opfer noch nicht vergessen, die sie für die Profite der Kapitalisten bringen mussten. Daher die wachsende Unzufriedenheit der Völker mit der Politik des kriegslüsternen Imperialismus.

Darin liegt die Ursache der inneren Schwäche des Imperialismus. Warum wurden Curzon und Poincaré davongejagt? Weil die Volksmeinung sie für Anstifter eines neuen Krieges hält. Weil sie mit ihrer offen kriegslüsternen Politik die Unzufriedenheit der Massen gegen den Imperialismus überhaupt hervorgerufen und dadurch den Imperialismus in Gefahr gebracht haben.

Zweitens. Die Festigung der Sowjetmacht innerhalb des Landes. Die kapitalistischen Staaten hielten Kurs auf einen Zusammenbruch der

Sowjetmacht innerhalb des Landes. Der Psalmist sagt, dass Gott manchmal durch den Mund eines Kindleins die Wahrheit sagt. Wenn man den westlichen Imperialismus als Gott ansieht, so ist es natürlich, dass er nicht ohne ein solches Kindlein auskommen kann. Und wirklich, dieses Kindlein fand sich in Person des sattsam bekannten Benesch, des Außenministers der Tschechoslowakei, durch dessen Mund der Imperialismus verkündete, man brauche sich im Hinblick auf die Labilität der Sowjetmacht mit der Anerkennung der Union der Republiken nicht zu beeilen; da die Sowjetmacht bald von einer neuen, bürgerlich-demokratischen Macht abgelöst werden würde, sei es besser, einstweilen von "normalen Beziehungen" mit der Sowjetunion "abzusehen". So war es noch vor kurzem. Aber die "Wahrheiten" des Imperialismus, verkündet durch den Mund dieses seines Kindleins, langten kaum für ein paar Monate, denn bekanntlich wurde die Politik des "Absehens" von einer ganzen Reihe Staaten bald durch die Politik der "Anerkennung"[Anmerkung 43] abgelöst. Warum? Weil sich offensichtliche Tatsachen schwer hinwegleugnen lassen, und offensichtliche Tatsache ist, dass die Sowjetmacht fest wie ein Fels dasteht. Vor allem konnte der Durchschnittsbürger, wie naiv er auch in der Politik sein mag, nicht umhin zu bemerken, dass die Sowjetmacht vielleicht stabiler ist als jede beliebige bürgerliche Regierung, denn in den sieben Jahren Diktatur des Proletariats hat er gesehen, dass die bürgerlichen Regierungen kommen und gehen, die Sowjetmacht aber bleibt. Ferner konnte derselbe Durchschnittsbürger nicht umhin zu bemerken, dass die Wirtschaft unseres Landes voranschreitet, und sei es allein auf Grund der Tatsache, dass unser Export Schritt für Schritt zunimmt. Bedarf es noch eines Beweises, dass diese Umstände für die Sowjetunion, nicht aber gegen sie sprechen? Man beschuldigt uns, wir trieben in Westeuropa Propaganda gegen den Kapitalismus. Ich muss sagen, dass wir eine solche Propaganda nicht nötig haben, dass wir ihrer nicht bedürfen. Allein schon die Existenz der Sowjetmacht, ihr Wachstum, ihr materielles Gedeihen, ihre unbestreitbare Festigung sind eine überaus ernstliche Propaganda unter den europäischen Arbeitern zugunsten der Sowjetmacht. Jeder Arbeiter, der unser Sowjetland besucht und sich unsere proletarische Ordnung angesehen hat, konnte wahrnehmen, was die Sowjetmacht ist und wozu die Arbeiterklasse fähig ist, wenn sie an der Macht steht. Das eben ist wirkliche Propaganda, eine Propaganda mit Tatsachen, die auf die Arbeiter weit mehr wirkt als eine Propaganda mit Worten oder durch die Presse. Man beschuldigt uns, wir trieben Propaganda im Osten. Das ist gleichfalls Unsinn. Wir benötigen keine Propaganda im Osten. Der Bürger eines abhängigen Landes oder einer Kolonie braucht nur ins Sowjetland zu reisen und zu sehen, wie die Menschen bei uns das Land regieren, er braucht nur zu sehen, wie Farbige und Weiße, Russen und Nichtrussen, Menschen aller Hautfarben und Völkerschaften am gleichen Strang ziehen und gemeinsam die Verwaltung des gewaltigen Landes bewerkstelligen, um sich zu überzeugen, dass dies das einzige Land ist, wo die Brüderlichkeit der Völker nicht Phrase, sondern Wirklichkeit ist. Wir brauchen keine Pressepropaganda und keine mündliche Propaganda, wenn wir eine solche Propaganda mit Tatsachen haben wie die Existenz der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.

Drittens. Das steigende Gewicht der Sowjetmacht, ihre wachsende Popularität unter den Volksmassen der kapitalistischen Länder, was vor allem daraus zu erklären ist, dass unser Land das einzige Land der Welt ist, das imstande ist, eine Politik des Friedens zu betreiben, und sie tatsächlich betreibt, nicht pharisäisch, sondern ehrlich und offen, entschieden und konsequent betreibt. Jetzt erkennen alle an, sowohl die Feinde als auch die Freunde, dass unser Land das einzige Land ist, das man mit Recht Bollwerk und Bannerträger der Friedenspolitik in der ganzen Welt nennen kann. Bedarf es eines Beweises, dass dieser Umstand das Wohlwollen und die Sympathie der Volksmassen Europas für die Sowjetmacht zwangsläufig verstärken musste? Haben Sie darauf geachtet, dass gewisse europäische Machthaber bemüht sind, ihre Karriere auf "Freundschaft" mit der Sowjetunion aufzubauen, dass sogar solche von ihnen wie Mussolini nicht abgeneigt sind, bisweilen aus dieser "Freundschaft" "Kapital zu schlagen"? Dies ist ein direkter Gradmesser dafür, dass die Sowjetmacht unter den breiten Massen der kapitalistischen Staaten wirklich populär geworden ist. Aber nichts anderem verdankt die Sowjetmacht ihre Popularität mehr als der Politik des Friedens, die von ihr unter den schwierigen Verhältnissen der kapitalistischen Umkreisung ehrlich und tapfer durchgeführt wird.

Das sind im Allgemeinen die Umstände, die die Erfolge unserer Außenpolitik im verflossenen Jahr bedingt haben.

Der XIII. Parteitag hat in seiner Resolution die Politik des ZK auf dem Gebiet der auswärtigen Beziehungen gebilligt. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass der Parteitag die Partei verpflichtet hat, auch weiterhin die Politik des Friedens durchzuführen, die Politik des entschiedenen Kampfes gegen einen neuen Krieg, die Politik der schonungslosen Entlarvung aller und jedweder Anhänger oder Begünstiger neuer Aufrüstungen, neuer Zusammenstöße.

Fragen des Zusammenschlusses zwischen Stadt und Land

Was bedeutet dieser Zusammenschluss? Der Zusammenschluss bedeutet ständige Verbindung, ständigen Austausch zwischen Stadt und Land, zwischen unserer Industrie und der bäuerlichen Wirtschaft, ständigen Austausch der Erzeugnisse unserer Industrie gegen Lebensmittel und Rohstoffe der bäuerlichen Wirtschaft. Die bäuerliche Wirtschaft kann nicht leben, kann nicht existieren, ohne Lebensmittel und Rohstoffe auf den städtischen Markt zu bringen und dafür die notwendigen Erzeugnisse und Arbeitsgeräte aus der Stadt zu erhalten. Ebenso kann sich die staatliche Industrie nicht entwickeln, ohne ihre Erzeugnisse auf den bäuerlichen Markt zu bringen und ohne sich aus dem Dorf mit Lebensmitteln und Rohstoffen zu versorgen. Die Existenzquelle unserer sozialistischen Industrie ist also der innere Markt und vor allem der bäuerliche Markt, die bäuerliche Wirtschaft. Daher ist die Frage des Zusammenschlusses eine Existenzfrage für unsere Industrie, eine Existenzfrage für das Proletariat selbst, eine Frage von Sein oder Nichtsein unserer Republik, eine Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande.

Diesen Zusammenschluss, die ständige Verbindung zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft auf dem Wege des direkten Austauschs der Industrieerzeugnisse gegen die Erzeugnisse der bäuerlichen Wirtschaft herzustellen, ist uns nicht gelungen. Es ist uns nicht gelungen, weil unsere Industrie wenig entwickelt ist, weil wir keine Versorgungsapparate mit vielen Zweigstellen im ganzen Lande besaßen und weil sich die gesamte Volkswirtschaft nach dem Kriege im Zustand der Zerrüttung befand. Daher sahen wir uns gezwungen, die so genannte Neue Ökonomische Politik einzuführen, das heißt, wir sahen uns gezwungen, die Freiheit des Handels, die Freiheit der Warenzirkulation zu proklamieren, den Kapitalismus zuzulassen, die Tatkraft von Millionen Bauern und Kleineigentümern zu mobilisieren, um im Lande einen Strom des Warenumsatzes zu schaffen, den Handel zu entwickeln, und dann, nach Eroberung der wichtigsten Positionen auf dem Gebiet des Handels, den Zusammenschluss zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft über den Handel herzustellen. Das ist die Herstellung des Zusammenschlusses, wie Lenin sagt, auf einem Umweg, nicht direkt, nicht auf dem Wege des direkten Austauschs von Erzeugnissen der bäuerlichen Wirtschaft gegen Erzeugnisse der Industrie, sondern über den Handel.

Die Aufgabe besteht darin, unter Ausnutzung der Anstrengungen von Millionen Kleineigentümern den Handel in die Hand zu bekommen, die Hauptfäden der Versorgung des Dorfes und der Stadt in den Händen des Staates und der Genossenschaften zusammenzufassen und so eine unlösbare Verbindung, einen unauflöslichen Zusammenschluss zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft zu organisieren.

Man kann nicht sagen, dass diese Aufgabe über unsere Kräfte gehe. Man kann das nicht, weil das Proletariat, das an der Macht steht, sozusagen alle grundlegenden Mittel besitzt, um einen solchen Zusammenschluss auf dem Umweg über den Handel herzustellen. Erstens hat das Proletariat die Macht. Zweitens hat es die Industrie in seinem Besitz. Drittens verfügt es über das Kreditwesen, und das Kreditwesen ist eine gewaltige Kraft in den Händen des Staates. Viertens besitzt es seinen Handelsapparat, einen Handelsapparat, der schlecht oder gut sein mag, sich aber jedenfalls entwickelt und festigt. Endlich besitzt es gewisse Warenfonds, die man von Zeit zu Zeit auf den Markt werfen kann, um die Launen des Marktes zu zügeln oder zu neutralisieren, um auf den Stand der Preise einzuwirken usw. Alle diese Mittel besitzt der Arbeiterstaat, und daher kann man nicht sagen, die Herstellung des Zusammenschlusses über den Handel stelle eine Aufgabe dar, die über unsere Kraft gehe.

So ist es um die Frage des Zusammenschlusses zwischen Stadt und Land, um die Möglichkeiten dieses Zusammenschlusses bestellt.

Was also hat das verflossene Jahr für den Zusammenschluss zwischen Stadt und Land an Neuem und Wichtigem ergeben?

Mit welchen neuen Materialien hatte es der XIII. Parteitag bei der Lösung der Fragen des Zusammenschlusses zu tun?

Das Neue, das im letzten Jahr auf diesem Gebiet auftrat, besteht darin, dass wir im verflossenen Jahr erstmalig in unserer praktischen Arbeit auf einen umfassenden Kampf stießen, einen in großem Maßstab geführten Kampf zwischen den sozialistischen und den privatkapitalistischen Elementen in unserer Volkswirtschaft, und dass wir hiernach die Frage des Zusammenschlusses erstmalig ganz konkret auf praktischer Grundlage behandelten. Die Fragen des Zusammenschlusses und des Handels erhoben sich vor uns nicht mehr als Fragen der Theorie, sondern als brennende Fragen der unmittelbaren Praxis, die eine sofortige Lösung erforderten.

Wie Sie sich vielleicht erinnern, sagte Lenin schon auf dem XI. Parteitag,[Anmerkung 44] dass die Erfassung des Marktes mit den Kräften des Staates und der Genossenschaften, die Eroberung der wichtigsten Fäden des Handels nicht in friedlicher Arbeit vor sich gehen wird, sondern im Kampf zwischen den sozialistischen Elementen und den privatkapitalistischen Elementen, dass diese Arbeit in einem verzweifelten Wettkampf zwischen diesen entgegengesetzten Elementen unserer Volkswirtschaft vor ‘sich gehen wird. Und dieser Kampf ist nun entbrannt. Er trat hauptsächlich auf zwei Linien in Erscheinung: auf der Linie des Handels zwischen Stadt und Land und auf der Linie des Kreditwesens, hauptsächlich auf dem Lande.

Welches sind nun die Resultate dieses Kampfes?

Erstens. Es hat sich gezeigt, dass das Privatkapital nicht in der Produktion Fuß gefasst hat, wo das Risiko größer und der Umschlag des Kapitals langsamer ist, sondern im Handel, in jenem selben Handel, der, wie Lenin sagt, das Hauptglied in der Kette der Prozesse unserer Übergangszeit ist. Und nachdem das Privatkapital im Handel Fuß gefasst hatte, setzte es sich dort derart fest, dass es etwa 80 Prozent des gesamten Einzelhandels und etwa 50 Prozent des gesamten Groß- und Einzelhandels im Lande in seine Hände bekommen hat. Das ist daraus zu erklären, dass unsere Handels- und Genossenschaftsapparate noch jung waren und nicht richtig funktionierten, dass unsere Syndikate eine falsche Politik betrieben, indem sie ihre Monopolstellung missbrauchten und die Warenpreise in die Höhe trieben, dass unsere Kommission für Innenhandel, die den Handel vom Gesichtspunkt des Staates aus zu regulieren verpflichtet ist, schwach war und schließlich daraus, dass unsere damalige Papiergeldwährung nicht stabil war, wodurch hauptsächlich der Bauer getroffen wurde und seine Kaufkraft sank.

Zweitens. Es hat sich gezeigt, dass das Kreditwesen auf dem Lande ganz und gar in den Händen des Kulaken und des Wucherers liegt, dass die unbemittelte Bauernschaft, die kein Inventar besitzt, gezwungen ist, sich unter das Joch des Wucherers zu begeben, dass sie gezwungen ist, unerhörte Zinsen zu zahlen und die Herrschaft des Wucherers ohne Murren zu ertragen. Das erklärt sich daraus, dass wir unten noch kein Netz landwirtschaftlicher Kreditanstalten haben, die den Bauern billigen Kredit gewähren und den Wucherer in den Hintergrund drängen könnten, dass das Kampffeld hier voll und ganz vom Wucherer behauptet wird.

So drängten sich zwischen den Staat einerseits und die bäuerliche Wirtschaft anderseits der Händler und der Wucherer, wodurch der Zusammenschluss zwischen der sozialistischen Industrie und der bäuerlichen Wirtschaft erschwert wurde und nicht in Gang kam. Ein Ausdruck dafür, dass dieser Zusammenschluss erschwert wurde und nicht in Gang kam, war die Absatzkrise im vorigen Sommer.

Die Partei traf schon damals, noch vor dem Parteitag, Maßnahmen, um die Absatzkrise zu liquidieren und die Grundlagen des landwirtschaftlichen Kreditwesens zu legen. Es wurde eine neue, stabile Währung eingeführt, die eine Besserung brachte. Es wurden Warenmassen auf den Markt geworfen, um die Preise zu senken, was sich gleichfalls günstig auswirkte. Die Kommission für Innenhandel wurde auf Grundlagen reorganisiert, die einen erfolgreichen Kampf gegen das Privatkapital gewährleisten. Die Frage einer Umgestaltung der Arbeit der Handels- und Genossenschaftsorgane unter dem Gesichtspunkt des Zusammenschlusses zwischen Stadt und Land wurde aufgeworfen. Die Absatzkrise wurde im Wesentlichen liquidiert.

Aber die Partei konnte sich nicht auf diese Maßnahmen beschränken. Die Aufgabe des XIII. Parteitags bestand darin, die Frage des Zusammenschlusses erneut in ihrem ganzen Umfang aufzuwerfen und die grundlegenden Linien für die Lösung dieser Frage in der neuen Situation nach der Liquidierung der Absatzkrise anzugeben.

Was brachte nun der XIII. Parteitag in dieser Hinsicht?

Erstens. Der Parteitag brachte die Losung der weiteren Entwicklung der Industrie, vor allem der Leichtindustrie und ferner der Metallindustrie, denn es ist klar, dass wir angesichts der Vorräte an Industriewaren, über die wir verfügen, den Warenhunger des Bauern nicht stillen können. Ich spreche dabei schon gar nicht von dem Anwachsen der Arbeitslosigkeit, die dringend eine Erweiterung der Industrie erfordert. Die weitere Entwicklung der Industrie ist daher eine Frage von Sein oder Nichtsein (siehe die Resolution des Parteitags zum Rechenschaftsbericht des ZK[Anmerkung 45]).

Zweitens. Der Parteitag brachte die Losung der weiteren Entwicklung der bäuerlichen Wirtschaft, die Losung, die bäuerliche Wirtschaft bei der weiteren Vergrößerung der Anbaufläche zu unterstützen. Das ist für den Zusammenschluss gleichfalls erforderlich, denn es ist klar, dass die Bauernschaft daran interessiert ist, nicht nur die Bedürfnisse unserer Industrie zu befriedigen, natürlich im Austausch gegen Industriewaren, sondern auch die Bedürfnisse des auswärtigen Marktes, natürlich im Austausch gegen Maschinen. Daher die weitere Entwicklung der bäuerlichen Wirtschaft als nächste Aufgabe der Parteipolitik (siehe die Resolution "Über die Arbeit auf dem Lande"[Anmerkung 46]).

Drittens. Der Parteitag bestätigte die Schaffung des Volkskommissariats für Innenhandel und machte es allen unseren Handels- und Genossenschaftsorganen zur Hauptaufgabe, den Kampf gegen das Privatkapital zu führen, die Herrschaft über den Markt zu erlangen und das Privatkapital aus dem Handel zu verdrängen durch Maßnahmen ökonomischen Charakters, durch Senkung der Warenpreise und Verbesserung der Warenqualität, durch Manövrieren mit den Warenmassen, Ausnutzung des Vorzugskredits usw. (siehe die Resolutionen "über den Innenhandel" und "Über das Genossenschaftswesen"[Anmerkung 47]).

Viertens. Der Parteitag behandelte und löste die überaus wichtige Frage des landwirtschaftlichen Kreditwesens. Es handelt sich dabei nicht nur um die Zentrale Landwirtschaftsbank oder selbst um die Gouvernementskomitees für landwirtschaftliches Kreditwesen. Es handelt sich hauptsächlich um die Organisierung des unteren Netzes der Kreditgenossenschaften in den Kreisen und Amtsbezirken, es kommt darauf an, das Kreditwesen zu demokratisieren, den landwirtschaftlichen Kredit dem Bauern zugänglich zu machen, den knechtenden Kredit des Wucherers durch den billigen Kredit des Staates zu ersetzen und den Wucherer aus dem Dorf zu verjagen. Das ist eine für unsere gesamte Wirtschaft überaus wichtige Frage, ohne deren Lösung ein einigermaßen dauerhafter Zusammenschluss zwischen Proletariat und Bauernschaft unmöglich ist. Daher richtete der XIII. Parteitag auf diese Frage seine besondere Aufmerksamkeit (siehe die Resolution "Über die Arbeit auf dem Lande"). Das Zentralkomitee hat erreicht, dass der Landwirtschaftsbank 40 Millionen Rubel als Grundkapital zur Verfügung gestellt wurden, die durch eine gewisse Kombination mit der Staatsbank auf 80 Millionen Rubel erhöht werden sollen. Ich denke, dass diese Summe mit einiger Anstrengung auf 100 Millionen Rubel gebracht werden könnte. Natürlich ist das nicht sehr viel für solch einen Giganten wie unsere Union, aber immerhin ist es bereits etwas, um dem Bauern die Verbesserung seiner Wirtschaft zu erleichtern und das Joch des Wucherers zu erschüttern. Ich sprach oben von der Bedeutung, die die unteren bäuerlichen Kreditgenossenschaften für die unbemittelten Bauern, für den Zusammenschluss der Bauernschaft mit dem Arbeiterstaat haben. Aber die unteren Kreditgenossenschaften werden nicht nur dem Bauern helfen können. Unter bestimmten Bedingungen können sie zu einem großartigen Mittel nicht nur für die Unterstützung des Bauern durch den Staat, sondern auch für die Unterstützung des Staates durch den Bauern werden. In der Tat, wenn sich bei uns draußen im Lande, in den Kreisen und Amtsbezirken, ein umfassendes Netz landwirtschaftlicher Kreditanstalten entfaltet und die entsprechenden Institutionen unter den bäuerlichen Massen Autorität gewinnen, so wird die Bauernschaft vom Staat nicht nur nehmen - das heißt, diese Institutionen werden nicht nur aktive Operationen durchführen -, sondern die Bauernschaft wird ihm auch etwas geben -, das heißt, es werden dort auch passive Operationen zu verzeichnen sein. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass bei einer günstigen Wendung der Dinge in den unteren Kreditinstitutionen diese - unvergleichlich mehr als jede Auslandsanleihe - zum Mittel einer soliden Unterstützung des Staates durch die viele Millionen zählende Bauernsthaft werden können. Wie Sie sehen, beging der Parteitag keinen Fehler, als er seine besondere Aufmerksamkeit auf die Bereitstellung billiger Kredite auf dem Lande richtete.

Fünftens. Der Parteitag verkündete nochmals die Unerschütterlichkeit des Außenhandelsmonopols. Ich denke, dass es nicht notwendig ist, die Bedeutung zu erklären, die dieses Institut sowohl für die Industrie und Landwirtschaft als auch für den Zusammenschluss zwischen ihnen hat. Die kardinale Bedeutung des Außenhandelsmonopols bedarf keiner neuen Beweise (siehe die Resolution zum Rechenschaftsbericht des ZK).

Sechstens. Der Parteitag bestätigte die Notwendigkeit, den Export überhaupt und vor allem den Getreideexport zu verstärken. Ich denke, dass auch dieser Beschluss keines Kommentars bedarf (siehe die Resolution zum Rechenschaftsbericht des ZK).

Siebentens. Der Parteitag beschloss, alle Maßnahmen zu treffen, damit die Währungsreform,[Anmerkung 48] die den Warenumsatz und die Herstellung einer dauerhaften Verbindung zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft erleichtert hat, bis ins letzte durchgeführt wird und damit alle hierfür notwendigen Bedingungen sowohl von den Kräften im Zentrum als auch von den Kräften im Lande realisiert werden (siehe die Resolution zum Rechenschaftsbericht des ZK).

Das sind die Losungen des XIII. Parteitags zur Frage des Zusammenschlusses, die darauf abzielen, den Handel in die Hand zu bekommen, einen dauerhaften Zusammenschluss zwischen unserer Industrie und der bäuerlichen Wirtschaft herzustellen und auf diese Weise die Bedingungen für den Sieg der sozialistischen Elemente der Volkswirtschaft über die kapitalistischen Elemente vorzubereiten.

Fragen der Erziehung und Umherziehung der Werktätigen

Eine der wesentlichen Aufgaben der Partei in der Epoche der Diktatur des Proletariats besteht darin, die Arbeit zur Umerziehung der alten und zur Erziehung der neuen Generationen im Geiste der Diktatur des Proletariats und des Sozialismus zu entfalten. Die alten Gepflogenheiten und Gewohnheiten, Traditionen und Vorurteile, die uns die alte Gesellschaft als Erbteil hinterlassen hat, sind ein überaus gefährlicher Feind des Sozialismus. Sie, diese Traditionen und Gepflogenheiten, halten Millionenmassen der Werktätigen in ihrem Bann, sie überfluten mitunter ganze Schichten des Proletariats, sie beschwören mitunter eine gewaltige Gefahr für die Existenz der Diktatur des Proletariats herauf. Daher stellen der Kampf gegen diese Traditionen und Gepflogenheiten, ihre unbedingte Überwindung in allen Sphären unserer Arbeit, schließlich die Erziehung neuer Generationen im Geiste des proletarischen Sozialismus die nächsten Aufgaben unserer Partei dar, ohne deren Durchführung der Sieg des Sozialismus unmöglich ist. Die Arbeit zur Verbesserung des Staatsapparats, die Arbeit auf dein Lande, die Arbeit unter den werktätigen Frauen, die Arbeit unter der Jugend - das sind die Hauptsphären der Tätigkeit der Partei zur Verwirklichung dieser Aufgaben.

a) Der Kampf zur Verbesserung des Staatsapparats. Der Parteitag widmete der Frage des Staatsapparats wenig Zeit. Der Bericht der ZKK über den Kampf gegen die Mängel des Staatsapparats wurde ohne Diskussion bestätigt. Die Resolution "Über die Arbeit der Kontrollkommissionen"[Anmerkung 49] wurde gleichfalls ohne Diskussion angenommen. Das geschah meiner Meinung nach infolge Zeitmangels und infolge der großen Fülle der auf dem Parteitag behandelten Fragen. Es wäre aber absolut falsch, hieraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass die Partei die Frage des Staatsapparats nicht für eine überaus wichtige Frage hielte. Im Gegenteil, die Frage des Staatsapparats ist eine der wesentlichsten Fragen unseres ganzen Aufbaus. Arbeitet der Staatsapparat ehrlich, oder ist er bestechlich; ist er in seinen Ausgaben sparsam, oder verschwendet er das Volkseigentum; hintergeht er den Staat in seiner Arbeit, oder dient er ihm auf Treu und Glauben; ist er eine Bürde für die Werktätigen, oder ist er eine Organisation zur Unterstützung der Werktätigen; verbreitet er die Idee der proletarischen Gesetzlichkeit, oder demoralisiert er das Bewusstsein der Bevölkerung durch Ablehnung dieser Idee; entwickelt er sich vorwärts in Richtung auf den Übergang zur staatslosen kommunistischen Gesellschaft, oder zerrt er rückwärts, zurück zum muffigen Bürokratismus eines gewöhnlichen bürgerlichen Staates - all das sind Fragen, deren richtige Lösung entscheidende Bedeutung für die Partei und den Sozialismus haben muss. Dass unser Staatsapparat voller Mängel ist, dass er schwerfällig und teuer, dass er zu neun Zehntel bürokratisch ist, dass der Bürokratismus des Staatsapparats auf die Partei und ihre Organisationen drückt und den Kampf für die Verbesserung des Staatsapparats erschwert - daran kann es kaum einen Zweifel geben. Indes ist klar, dass unser Staatsapparat, wenn er sich wenigstens von einigen seiner Hauptfehler frei machte, in den Händen des Proletariats ein mächtiges Mittel zur Erziehung und Umerziehung breiter Schichten der Bevölkerung im Geiste der Diktatur des Proletariats und des Sozialismus sein könnte.

Daher schenkte Lenin der Verbesserung des Staatsapparats besondere Beachtung.

Daher wurden von der Partei spezielle Organisationen von Arbeitern und Bauern (die reorganisierte Arbeiter- und Bauerninspektion und die erweiterte ZKK) zum Kampf gegen die Mängel unseres Staatsapparats geschaffen.

Die Aufgabe besteht darin, der ZKK und der Arbeiter- und Bauerninspektion bei ihrer schwierigen Arbeit zur Verbesserung, Vereinfachung, Verbilligung und moralischen Gesundung aller Glieder des Staatsapparats zu helfen (siehe die Resolution des Parteitags "über die Arbeit der Kontrollkommissionen").

b) Über die Arbeit auf dem Lande. Diese Frage ist eine der kompliziertesten und schwierigsten Fragen unserer Parteipraxis. Der Parteitag hat eine vortreffliche Resolution über die Grundlinien unserer Arbeit auf dem Lande angenommen. Man braucht diese Resolution nur mit der Resolution des VIII. Parteitags über die Arbeit auf dem Lande[Anmerkung 50] zu vergleichen, um zu verstehen, wie weit die Partei auf diesem Gebiet vorangeschritten ist. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, der XIII. Parteitag in diesem Jahr hätte die überaus komplizierte Frage des Dorfes erschöpfend behandelt oder erschöpfend behandeln können. Fragen wie die Organisationsformen der Kollektivwirtschaften, die Umgestaltung der Sowjetwirtschaften, die Regelung der Flurbereinigung in Zentralrußland und in den Randgebieten, die neuen Formen der Arbeitsorganisation im Zusammenhang mit der Tätigkeit der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die Feststellung der Besonderheiten in den verschiedenartigen Bezirken unserer Union und die Berücksichtigung dieser Besonderheiten bei unserer Arbeit - all diese Fragen konnten aus verständlichen Gründen in der Resolution des Parteitags keine erschöpfende Lösung finden. Die Resolution des Parteitags ist deshalb wichtig, weil sie die Grundlinien der Arbeit festlegt und so die weitere Bearbeitung dieser Fragen erleichtert. Sie wissen wohl, dass das ZK-Plenum[Anmerkung 51] eine ständige Kommission für die Arbeit auf dem Lande eingesetzt hat, die sich mit diesen Fragen eingehend beschäftigen soll.

Im Mittelpunkt der Resolution steht die Losung des genossenschaftlichen Zusammenschlusses der Bauernmassen. Der genossenschaftliche Zusammenschluss soll auf drei Linien erfolgen: auf der Linie der Konsumgenossenschaften, auf der Linie der landwirtschaftlichen Genossenschaften und auf der Linie der Kreditgenossenschaften. Das ist einer der sichersten Wege zur Verbreitung der Idee und der Methoden des Kollektivismus unter der Bauernschaft, unter ihren unbemittelten und mittelbäuerlichen Schichten (siehe die Resolution des Parteitags "über die Arbeit auf dem Lande").

c) Über die Arbeit unter den werktätigen Trauen. Schon in meinem Referat auf dem Parteitag habe ich gesagt, dass dieses Arbeitsgebiet bei uns vernachlässigt wird, dass diese Arbeit für die Partei außerordentlich wichtig ist und in manchen Fällen ein entscheidendes Arbeitsfeld für die Erziehung neuer Generationen im Geiste des Sozialismus darstellt. Das zu wiederholen, was schon auf dem Parteitag gesagt wurde, ist natürlich nicht notwendig. Ich möchte Sie nur darauf aufmerksam machen, dass der Parteitag, dem es leider nicht möglich war, die Frage der Arbeit unter den werktätigen Frauen speziell zu behandeln, nichtsdestoweniger einen besonderen Beschluss annahm, wonach "der Parteitag die besondere Aufmerksamkeit der gesamten Partei auf die Notwendigkeit der Verstärkung der Arbeit unter den Arbeiterinnen und Bäuerinnen und deren Einbeziehung in alle wählbaren Partei- und Sowjetorgane lenkt" (siehe die Resolution zum Rechenschaftsbericht des ZK). Ich denke, dass sich der nächste Parteitag mit dieser Frage speziell befassen muss. In Übereinstimmutig mit der Resolution des Parteitags beschloss das ZK-Plenum sofort nach Beendigung des Parteitags, das Organisationsbüro unseres ZK zu beauftragen, besondere Maßnahmen zu ergreifen, um die Arbeit unter den werktätigen Frauen auf die notwendige Höhe zu bringen.

d) Über die Arbeit unter der Jugend. Der Frage der Arbeit unter der Jugend widmete der Parteitag besondere Aufmerksamkeit. Die entsprechende Resolution des Parteitags ist meiner Meinung nach eingehender ausgearbeitet und erschöpfender als alle anderen Resolutionen des Parteitags. Sie ist daher für die Partei und die Jugend von großem Wert.

Die Bedeutung der Jugend - ich spreche von der Arbeiter- und Bauernjugend - besteht darin, dass sie den dankbarsten Boden für den Aufbau der Zukunft bietet, dass sie die Zukunft unseres Landes ist und sie verkörpert. Wenn unsere Arbeit im Staatsapparat, unter den Bauern, unter den werktätigen Frauen gewaltige Bedeutung für die Überwindung der alten Gepflogenheiten und Traditionen, für die Umerziehung der alten Generationen werktätiger Massen hat, so gewinnt die Arbeit unter der von diesen Traditionen und diesen Gepflogenheiten mehr oder weniger freien Jugend unschätzbare Bedeutung für die Erziehung neuer Kader der Werk-tätigen im Geiste der Diktatur des Proletariats und des Sozialismus, denn hier ist der Boden - das versteht sich von selbst - außerordentlich günstig.

Daher die überaus große Bedeutung des Jugendverbands und seiner Pionierorganisationen.

Der Jugendverband ist eine freiwillige Organisation der Arbeiter- und Bauernjugend. Sein Zentrum, sein Kern ist die Arbeiterjugend. Seine Stütze ist die Bauernjugend. Das Bündnis der Arbeiter- und Bauernjugend, das ist die Grundlage der Jugendorganisation. Alles Ehrliche und Revolutionäre in der Bauernjugend um den proletarischen Kern zu scharen; die Mitglieder des Verbands in alle Arbeitsgebiete, in die Wirtschaftsund Kulturarbeit, die militärische Arbeit und die Verwaltungsarbeit hineinzuziehen; aus ihnen Kämpfer und Erbauer, Menschen der Arbeit und Führer unseres Landes zu machen - das sind die Aufgaben des Jugendverbands (siehe die Resolution "Über die Arbeit unter der Jugend"[Anmerkung 52]).

Die Partei

Hier gibt es vier Fragen: die Opposition, das Lenin-Aufgebot, die Demokratisierung der Parteiführung, die Theorie im Allgemeinen und die Propagierung des Leninismus im Besonderen.

a) Über die Opposition. Jetzt, da die Frage der Opposition durch den Parteitag entschieden und die Angelegenheit somit erledigt ist, könnte man die Frage aufwerfen: Was stellt die Opposition dar, und worum ging eigentlich der Kampf in der Periode der Diskussion? Ich denke, Genossen, dass der Kampf um Sein oder Nichtsein der Partei ging. Die Opposition war sich dessen vielleicht selbst nicht bewusst. Aber darauf kommt es nicht an. Es kommt nicht darauf an, welche Ziele sich dieser oder jener Genosse beziehungsweise diese oder jene oppositionelle Gruppe stellt. Es geht um die objektiven Ergebnisse, die sich unvermeidlich aus den Handlungen der betreffenden Gruppe ergeben. Denn was bedeutet es, dem Parteiapparat den Krieg zu erklären? Es bedeutet, die Partei zu zerstören. Was bedeutet es, die Jugend gegen die Kader aufzubringen? Es bedeutet, die Partei zu zersetzen. Was bedeutet es, für die Freiheit der Gruppierungen zu kämpfen? Es bedeutet, den Versuch zu unternehmen, die Partei, ihre Einheit zu zerschlagen. Was bedeutet es, die Parteikader durch das Geschwätz über ihre Entartung zu diskreditieren? Es bedeutet den Versuch, die Partei zugrunde zu richten, ihr das Rückgrat zu brechen. Ja, Genossen, es ging um Sein oder Nichtsein der Partei. Daraus ist denn auch die Leidenschaftlichkeit zu erklären, mit der die Diskussion bei uns geführt wurde. Und eben daraus ist auch die in der Geschichte unserer Partei noch nie dagewesene Tatsache zu erklären, dass der Parteitag die Plattform der Opposition einstimmig verurteilt hat. Die überaus ernste Gefahr schmiedete die Partei zu einem festen eisernen Ring zusammen.

Interessant ist ein geschichtlicher Aufschluss über die Opposition. Beginnen wir, sagen wir, mit dem VII. Parteitag unserer Partei. Es war der erste Parteitag nach der Errichtung der Sowjetmacht (Anfang 1918). Hier hatten wir eine Opposition mit denselben Personen an der Spitze, die auch auf dem XIII. Parteitag an der Spitze der Opposition standen. Es ging um Krieg und Frieden, um den Brester Frieden. Damals hatte die Opposition ein Viertel des ganzen Parteitags auf ihrer Seite. Das ist immerhin nicht wenig. Nicht umsonst sprach man damals von einer Spaltung.

Zwei Jahre später, auf dem X. Parteitag, entbrannte in der Partei erneut ein Kampf, der Kampf um die Frage der Gewerkschaften, wobei dieselben Personen an der Spitze der Opposition standen. Damals hatte die Opposition ein Achtel des Parteitags hinter sich. Das ist natürlich weniger als ein Viertel.

Noch zwei Jahre später, auf dem soeben abgeschlossenen XIII. Parteitag, entbrennt ein neuer Kampf. Auch hier trat die Opposition in Erscheinung, aber sie erhielt auf dem Parteitag nun keine einzige Stimme mehr. Das ist, wie Sie sehen, für die Opposition schon ganz und gar schlecht.

Dreimal also versuchte die Opposition, gegen die Hauptkader der Partei zu Felde zu ziehen. Zum ersten Mal auf dem VII., zum zweiten Mal auf dem X. und zum dritten Mal auf dem XIII. Parteitag, und stets erlitt sie eine Niederlage und büßte jedesmal Anhänger ein, so dass ihre Armee Schritt für Schritt zusammenschmolz.

Was besagen alle diese Tatsachen? Erstens, dass die Geschichte unserer Partei in den letzten sechs Jahren die Geschichte des fortschreitenden Zusammenschlusses der Mehrheit unserer Partei um die Hauptkader der Partei ist. Zweitens, dass sich Schritt für Schritt ein Element nach dem andern von der Opposition trennte, sich dem Grundkern der Partei anschloss und in ihm aufging. Hieraus ergibt sich die Schlussfolgerung: Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich von der Opposition, die auf dem XIII. Parteitag keine Delegierte hatte (wir haben keine Proportionalwahlen), in der Partei aber zweifellos ihre Anhänger hat, eine Reihe von Genossen abspalten und dem Grundkern der Partei anschließen wird, wie dies auch in der Vergangenheit der Fall war.

Wie muss nun unsere Politik gegenüber solchen Oppositionellen oder, genauer, früheren Oppositionellen sein? Sie muss äußerst kameradschaftlich sein. Es müssen alle Maßnahmen getroffen werden, um solchen Genossen den Übergang zum Grundkern der Partei, eine gemeinsame und einträchtige Arbeit mit diesem Kern, zu erleichtern.

b) Über das Lenin-Aufgebot. Ich will nicht darauf eingehen, dass das Lenin-Aufgebot, das heißt die Tatsache der Aufnahme von 250000 neuen Mitgliedern aus der Arbeiterschaft in unsere Partei, davon zeugt, dass unsere Partei durch und durch demokratisch ist, dass unsere Partei im Grunde genommen ein gewähltes Organ der Arbeiterklasse ist. In dieser Hinsicht ist die Bedeutung des Lenin-Aufgebots zweifellos gewaltig. Aber nicht hierüber möchte ich heute sprechen. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf jene gefährlichen Übertreibungen lenken, zu denen in letzter Zeit im Zusammenhang mit dem Lenin-Aufgebot einige in unserer Partei neigen. Die einen sagen, man müsse noch weiter gehen und die Zahl der Mitglieder auf eine Million bringen. Andere wollen noch weiter gehen und erklären, es wäre besser, auf zwei Millionen zu kommen. Ich zweifle nicht, dass sich wieder andere finden werden, die noch weiter gehen wollen. Das, Genossen, ist eine gefährliche Übertreibung. Die größten Armeen in der Welt sind zugrunde gegangen, weil sie sich übernahmen, vieles eroberten und dann, nicht fähig, das Eroberte zu verdauen, zerfielen. Die größten Parteien können zugrunde gehen, wenn sie sich übernehmen, zu vieles erfassen und sich dann unfähig erweisen, das Erfasste festzuhalten, zu verdauen. Urteilen Sie selbst. In unserer Partei gibt es etwa 60 Prozent politisch Ungeschulter. 60 Prozent politisch Ungeschulter - das war vor dem Lenin-Aufgebot, und nach dem Lenin-Aufgebot werden es, fürchte ich, etwa 80 Prozent sein. Ist es nicht an der Zeit, Genossen, haltzumachen? Ist es nicht an der Zeit, sich auf die 800000 Mitglieder zu beschränken und scharf und bestimmt die Frage der Verbesserung der qualitativen Zusammensetzung der Partei, der Unterweisung des Lenin-Aufgebots in den Grundlagen des Leninismus, der Erziehung dieser Mitglieder zu bewussten Leninisten auf die Tagesordnung zu setzen? Ich denke, dass es an der Zeit ist.

c) Über die Demokratisierung der Parteiführung. Das Lenin-Aufgebot zeugt von dem tiefgehenden Demokratismus unserer Partei, von der proletarischen Zusammensetzung ihrer Grundzellen, von dem unzweifelhaften Vertrauen der Millionenmassen Parteiloser zu unserer Partei. Aber hiermit ist der Demokratismus unserer Partei nicht erschöpft. Das ist nur die eine Seite des Demokratismus. Die andere Seite besteht darin, dass die Parteiführung selbst sich Schritt für Schritt demokratisiert. Schon auf dem Parteitag wurde gesagt, dass sich der Schwerpunkt der Parteiführung immer mehr von den eng begrenzten Spitzenorganen und Büros zu den umfassenderen Organisationen, zu den Plenartagungen der örtlichen und zentralen Organisationen verschiebt, wobei sich diese Plenartagungen selbst in ihrer Zusammensetzung erweitern und verbessern. Sie wissen wohl, dass der Parteitag diese Tendenz in der Entwicklung unserer leitenden Organisationen voll und ganz gebilligt hat. Wovon zeugt dies alles? Davon, dass unsere leitenden Organisationen mit allen Wurzeln ihrer Existenz tief in die proletarischen Massen zu dringen beginnen. Es ist interessant, die Entwicklung des Zentralkomitees unserer Partei in den letzten sechs Jahren vom Standpunkt seiner zahlenmäßigen und sozialen Zusammensetzung aus zu verfolgen. Zur Zeit des VII. Parteitags (1918) bestand unser ZK aus 15 Mitgliedern, davon ein Arbeiter (7 Prozent) und 14 Intellektuelle (93 Prozent). Das war auf dem VII. Parteitag. Jetzt aber, nach dem XIII. Parteitag, besteht das ZK bereits aus 54 Mitgliedern, davon 29 Arbeiter (53 Prozent) und 25 Intellektuelle (47 Prozent). Das ist ein unzweifelhaftes Zeichen für die Demokratisierung der maßgebenden Parteiführung.

d) Über die Theorie im Allgemeinen und die Propagierung des Leninismus im Besonderen. Ein gefährlicher Mangel unserer Partei besteht in dem Sinken des theoretischen Niveaus ihrer Mitglieder. Der Grund ist die Unmasse praktischer Arbeit, die die Lust zum theoretischen Studium vertreibt und einer gewissen gefährlichen Sorglosigkeit - um nicht mehr zu sagen - gegenüber Fragen der Theorie Vorschub leistet. Einige Beispiele.

Unlängst las ich in der Zeitung das Referat eines Genossen über den XIII. Parteitag (ich glaube, es war Kamenews), wo schwarz auf weiß geschrieben stand, die nächste Losung unserer Partei sei die Verwandlung des "Rußlands der NÖP-Leute" in ein sozialistisches Rußland. Dabei wird - und das ist noch schlimmer - diese seltsame Losung niemand anderem als Lenin selbst zugeschrieben. Nicht mehr und nicht weniger! Indessen ist bekannt, dass Lenin nichts Derartiges sagte noch sagen konnte, denn ein Rußland "der NÖP-Leute" gibt es bekanntlich nicht. Lenin sprach zwar über das Rußland "der NOP". Aber ein Rußland "der NÖP" (das heißt Sowjetrußland, das die Neue Ökonomische Politik durchführt) ist eine Sache und eine völlig andere ein Rußland "der NÖP-Leute" (das heißt ein Rußland, an dessen Spitze die NÖP-Leute stehen). Versteht Kamenew diesen prinzipiellen Unterschied? Natürlich versteht er ihn. Warum platzte er dann mit dieser seltsamen Losung heraus? Infolge der üblichen Sorglosigkeit gegenüber Fragen der Theorie, gegenüber genauen theoretischen Definitionen. Indes ist es sehr wahrscheinlich, dass diese seltsame Losung in der Partei einen Haufen Missverständnisse hervorrufen kann, wenn der Fehler nicht korrigiert wird.

Ein weiteres Beispiel. Man sagt nicht selten, wir hätten eine "Diktatur der Partei". Ich bin, sagt so einer, für die Diktatur der Partei. Ich erinnere mich, dass in einer der Resolutionen unseres Parteitags, mir scheint sogar in einer Resolution des XII. Parteitags, ein solcher natürlich aus Versehen unterlaufener Ausdruck vorkommt. Offenbar ist dieser oder jener Genosse der Meinung, wir hätten eine Diktatur der Partei, nicht aber der Arbeiterklasse. Aber das ist doch Unsinn, Genossen. Wenn das zuträfe, dann hätte Lenin Unrecht, der uns lehrte, dass die Sowjets die Diktatur verwirklichen, während die Partei die Sowjets leitet. Dann hätte Lenin Unrecht, der von der Diktatur des Proletariats, nicht aber von der Diktatur der Partei sprach. Wenn das zuträfe, dann brauchten wir keine Sowjets, dann hätte Lenin auf dem XI. Parteitag nicht von der Notwendigkeit einer "Abgrenzung der Partei- und Sowjetorgane" zu sprechen brauchen. Aber wodurch und auf welche Weise drang dieser Unsinn in die Partei ein? Durch die übermäßige Begeisterung für die "Parteilichkeit", eine Begeisterung, die ja gerade der Parteilichkeit ohne Anführungszeichen den größten Schaden zufügt, durch die Sorglosigkeit gegenüber Fragen der Theorie, dadurch, dass man sich nicht daran gewöhnt, die Losungen zu durchdenken, bevor man sie in Umlauf bringt, denn man braucht nur einen Augenblick nachzudenken, um zu begreifen, wie unsinnig es ist, der Diktatur der Klasse die Diktatur der Partei zu unterschieben. Bedarf es eines Beweises, dass dieser Unsinn dazu angetan ist, in der Partei Verwirrung und Durcheinander hervorzurufen?

Oder weiter. Allen ist bekannt, dass sich ein Teil unserer Partei während der Diskussion von der parteifeindlichen Agitation der Oppositionellen gegen die organisatorischen Grundlagen des Leninismus beeinflussen ließ. Jeder Bolschewik, der auch nur die kurzfristigste Schulung in der Theorie des Leninismus durchgemacht hat, hätte sofort erraten, dass die Predigt der Opposition mit dem Leninismus nichts gemein hat. Jedoch vermochte ein Teil der Partei bekanntlich nicht, das wahre Gesicht der Opposition sofort zu erkennen. Wodurch ist das zu erklären? Das ist wiederum durch die Sorglosigkeit gegenüber der Theorie, durch das niedrige theoretische Niveau der Mitglieder unserer Partei zu erklären.

Durch die Diskussion wurde die Frage des Studiums des Leninismus auf die Tagesordnung gesetzt. Lenins Tod machte diese Frage noch akuter, indem er unter den Mitgliedern der Partei das Interesse für die Theorie verstärkte. Der XIII. Parteitag brachte diese Stimmungen lediglich zum Ausdruck, als er in einer ganzen Reihe von Resolutionen die Notwendigkeit des Studiums und der Propagierung des Leninismus bestätigte. Die Aufgabe der Partei besteht darin, das gewachsene Interesse für Fragen der Theorie auszunutzen und alle Maßnahmen zu ergreifen, uni das theoretische Niveau der Partei endlich auf die gebührende Höhe zu bringen. Man darf die Worte Lenins nicht vergessen, dass es ohne eine klare und richtige Theorie keine richtige Praxis geben kann.

Über die Aufgaben der Kreisfunktionäre

Genossen!

Es ist kein Zufall, dass ich gerade zu Ihnen gekommen bin, um ein Referat über den Parteitag zu halten. Ich bin zu Ihnen gekommen nicht nur, weil Sie es wünschten, sondern auch, weil im gegenwärtigen Entwicklungsstadium der Kreis überhaupt und die Kreisfunktionäre im Besonderen das Hauptbindeglied zwischen Partei und Bauernschaft, zwischen Stadt und Land sind. Sie wissen sehr wohl, dass der Zusammenschluss zwischen Stadt und Land jetzt die Grundfrage der praktischen Arbeit der Partei und des Staates darstellt.

Ich sagte oben, dass der Zusammenschluss zwischen staatlicher Industrie und bäuerlicher Wirtschaft auf drei Hauptlinien erfolgen muss: auf der Linie der Konsumgenossenschaften, der landwirtschaftlichen Genossenschaften und der unteren Kreditgenossenschaften. Ich sagte, dass diese drei Kanäle die Hauptkanäle für die Organisierung des Zusammenschlusses sind. Es wäre aber eine Illusion zu glauben, es könnte uns sogleich gelingen, die Industrie unmittelbar über die Amtsbezirke, unter Umgehung des Kreises, mit der bäuerlichen Wirtschaft zusammenzuschließen. Es bedarf keines Beweises, dass weder unsere Kräfte noch unsere Fähigkeiten und Mittel hierfür ausreichen. Daher bleibt der Kreis, der Landkreis im gegenwärtigen Moment der Knotenpunkt für den Zusammenschluss zwischen Stadt und Land. Um im Handel festen Fuß zu fassen, ist es keineswegs erforderlich, den letzten Krämer aus dem letzten Amtsbezirk zu verdrängen - dazu ist lediglich erforderlich, den Kreis zur Basis des Sowjethandels zu machen, um so zu erreichen, dass alle und jegliche Krämer gezwungen sind, sich um den sowjetischen Genossenschaftsladen im Landkreis wie die Planeten um die Sonne zu drehen. Um die Herrschaft über das Kreditwesen zu erlangen, ist keineswegs erforderlich, die Amtsbezirke und Dörfer sogleich mit einem Netz der Kreditgenossenschaft zu überziehen - es genügt, eine Basis im Kreis zu errichten, um zu erreichen, dass unverzüglich eine Abkehr der Bauernschaft vom Kulaken und vom Wucherer beginnt. Und so weiter und so fort.

Kurzum: In der nächsten Zeit muss der Kreis (Landkreis) zur Hauptbasis für den Zusammenschluss zwischen Stadt und Land, zwischen Proletariat und Bauernschaft werden.

Wie schnell das geschehen wird, hängt von Ihnen ab, Genossen Kreisfunktionäre. Sie sind jetzt 300 an der Zahl. Das ist eine ganze Armee. Von Ihnen und von Ihren Genossen in den Kreisen unseres Landes hängt es ab, den Kreis schon in nächster Zeit zum Knotenpunkt der auf den Zusammenschluss zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft gerichteten Arbeit unserer Partei und unseres Staates zu machen. Ich zweifle nicht, dass die Kreisfunktionäre ihre Pflicht gegenüber der Partei und dem Lande erfüllen werden.

"Prawda" Nr. 136 und 137, 19. und 20. Juni 1924.

Über die Arbeiterkorrespondenten

Seite 234 - 235

Unterredung mit einem Mitarbeiter der Zeitschrift "Rabotschi Korrespondent" (Der Arbeiterkorrespondent) Nr. 6, Juni 1924.

[Anmerkung 53]

Die Mitarbeit von Arbeitern an der Leitung einer Zeitung ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil sie - diese Mitarbeit - es ermöglicht, eine so scharfe Waffe des Klassenkampfs wie die Zeitung aus einer Waffe der Versklavung des Volkes zu einer Waffe der Befreiung zu machen. Nur die Arbeiter- und Dorfkorrespondenten können diese große Umwandlung vollbringen.

Nur als organisierte Kraft sind die Arbeiter- und Dorfkorrespondenten imstande, im Verlauf der Entwicklung der Presse ihrer Rolle gerecht zu werden, nämlich Willenskünder und Sprachrohr der proletarischen öffentlichen Meinung zu sein, Mängel des sowjetischen gesellschaftlichen Lebens aufzudecken und unermüdlich für die Verbesserung unseres Aufbaus zu kämpfen.

Sollen die Arbeiterkorrespondenten auf Arbeiterversammlungen gewählt oder von den Redaktionen ausgesucht werden? Meiner Meinung nach ist die zweite Methode (Auswahl durch die Redaktionen) die zweckmäßigere. Das Grundlegende bei dieser Sache muss die Unabhängigkeit des Korrespondenten von den Institutionen und Personen sein, mit denen er in seiner Arbeit auf diese oder jene Weise in Berührung kommt, was keineswegs seine Unabhängigkeit von der unsichtbaren, aber ständig wirkenden Kraft bedeutet, die proletarische öffentliche Meinung heißt und deren Sprachrohr der Arbeiterkorrespondent sein muss.

Man darf die Arbeiter- und Dorfkorrespondenten nicht nur als zukünftige Journalisten oder gesellschaftliche Funktionäre in den Betrieben im engeren Sinne dieses Wortes betrachten - sie haben vor allem die Aufgabe, Mängel unseres sowjetischen gesellschaftlichen Lebens aufzudecken, für die Beseitigung dieser Mängel zu kämpfen und Kommandeure der proletarischen öffentlichen Meinung zu sein, die bemüht sind, die unerschöpflichen Kräfte dieses gewaltigen Faktors auf die Unterstützung der Partei und der Sowjetmacht bei dem schwierigen Werk des sozialistischen Aufbaus zu lenken.

Hieraus ergibt sich auch die Frage der Erziehungsarbeit unter den Arbeiter- und Dorfkorrespondenten. Den Arbeiter- und Dorfkorrespondenten ein gewisses Minimum an technischen Kenntnissen in der Journalistik zu übermitteln, ist natürlich notwendig. Das ist aber nicht das Grundlegende. Das Grundlegende besteht darin, dass die Arbeiter- und Dorfkorrespondenten sich im Verlauf ihrer Arbeit schulen und das Fingerspitzengefühl eines Journalisten und Vertreters der Öffentlichkeit erwerben müssen, ohne das ein Korrespondent seine Mission nicht erfüllen kann und das ihm durch keinerlei künstliche Schulungsmaßnahmen im technischen Sinne dieses Wortes anerzogen werden kann.

Die unmittelbare ideologische Anleitung der Arbeiter- und Dorfkorrespondenten müssen sich die Zeitungsredaktionen, die mit der Partei verbunden sind, angelegen sein lassen. Die Zensur der Korrespondenzen muss in den Händen der Zeitungsredaktionen konzentriert sein.

Die Verfolgung von Arbeiter- und Dorfkorrespondenten ist eine Barbarei, ein Überbleibsel bürgerlicher Sitten. Den Schutz ihres Korrespondenten vor Verfolgungen muss die Zeitung übernehmen, die allein imstande ist, eine unnachgiebige Enthüllungskampagne gegen den Obskurantismus zu eröffnen.

Ich wünsche dem "Rabotschi Korrespondent" allen Erfolg.

J. Stalin

"Rabotschi Korrespondent" (Der Arbeiterkorrespondent) Nr. 6, Juni 1924.

Über die Kommunistische Partei Polens

Seite 236 - 243

Rede in der Sitzung der polnischen Kommission der Komintern, 3. Juli 1924

[Anmerkung 54]

Genossen!

Ich habe nicht genügend Material, um mit der Entschiedenheit sprechen zu können, mit der hier einige Redner gesprochen haben. Trotzdem habe ich mir auf Grund der Materialien, die ich mir dennoch verschaffen konnte, und auf Grund der hier geführten Diskussion eine bestimmte Meinung gebildet, die ich Ihnen mitteilen möchte.

Zweifellos befindet sich die polnische Kommunistische Partei gegenwärtig in einem anomalen Zustand. Innerhalb der polnischen Partei herrscht eine Krise - das ist Tatsache. Das hat Walecki zugegeben, das haben Sie alle zugegeben, das ist augenfällig zutage getreten, da hier festgestellt wurde, dass innerhalb des ZK der polnischen Partei ein Zwiespalt zwischen den Praktikern unter den ZK-Mitgliedern und den Führern des ZK besteht. Mehr noch. Das ZK der polnischen Partei selbst hat in den auf seinen Plenartagungen im Dezember vorigen Jahres und im März dieses Jahres beschlossenen Resolutionen anerkannt, dass eine ganze Reihe seiner Handlungen opportunistisch war, und ohne viele Worte zu machen, diese Handlungen verurteilt. Das dürfte wohl genügen. All dies zeugt, wie gesagt, von einer offensichtlichen Krise der Kommunistischen Partei Polens.

Worin liegt die Ursache dieser Krise?

Die Ursache liegt in einigen opportunistischen Sünden, die die offiziellen Führer der Kommunistischen Partei Polens in ihrer Tätigkeit begangen haben.

Gestatten Sie mir, einige Beispiele anzuführen, die diese Behauptung bestätigen.

Die "russische" Frage. Einige polnische Genossen sagen, diese Frage sei, als eine Frage der Außenpolitik, für die polnische Partei nicht von ernstlicher Bedeutung. Das ist falsch. Die "russische" Frage ist von entscheidender Bedeutung für die gesamte revolutionäre Bewegung, sowohl im Westen als auch im Osten. Warum? Weil die Sowjetmacht in Rußland die Basis, das Bollwerk, der Hort der revolutionären Bewegung der ganzen Welt ist. Und wenn es in dieser Basis, das heißt in Rußland, innerhalb von Partei und Regierung zu Schwankungen kommt, so bedeutet das ein äußerst ernstes Minus für die gesamte revolutionäre Bewegung der ganzen Welt.

Bei uns in der KPR(B) traten während der Diskussion Schwankungen innerhalb der Partei auf. Der Kampf der dem Wesen nach opportunistischen Opposition gegen die Partei musste zur Erschütterung, zur Schwächung der Partei, also auch zur Schwächung der Sowjetmacht selbst führen, denn unsere Partei ist eine regierende Partei, und sie ist das ausschlaggebende führende Element der Staatsmacht. Es ist natürlich, dass die Schwankungen innerhalb der KPR(B) im weiteren Verlauf zur Erschütterung, zur Schwächung der Sowjetmacht selbst hätten führen können. Erschütterung der Sowjetmacht aber bedeutet ein Minus für die revolutionäre Bewegung in der ganzen Welt. Gerade deshalb kann es nicht anders sein, als dass sich die Meinungsverschiedenheiten in der KPR(B) und überhaupt das Schicksal der KPR(B) direkt auf das Schicksal der revolutionären Bewegung anderer Länder auswirken. Daher stellt die "russische" Frage, auch wenn sie für Polen eine außenpolitische Frage ist, eine Frage von erstrangiger Bedeutung für alle kommunistischen Parteien dar, darunter auch für die polnische Kommunistische Partei.

Welche Stellung bezogen nun also die Führer der polnischen Partei zur "russischen" Frage? Wen unterstützten sie, die opportunistische Opposition oder die revolutionäre Mehrheit der KPR(B)? Für mich ist klar, dass die Führer der polnischen Partei in der ersten Periode des Kampfes innerhalb der KPR(B), des Kampfes gegen die opportunistische Opposition, diese Opposition eindeutig unterstützten. Ich will nicht die Gedankengänge Warskis oder Waleckis ergründen, für mich ist unwichtig, was Warski dachte, als er die bekannte Resolution des ZK der Kommunistischen Partei Polens, die für die Opposition in der KPR(B) Stellung nahm, verfasste. Wichtig für mich sind vor allem nicht die Absichten einzelner Personen, sondern die objektiven Resultate dieser Resolution. Die objektiven Resultate der Resolution aber laufen darauf hinaus, dass sie Wasser auf die Mühle der Opposition leitet. Diese Resolution war eine Unterstützung des opportunistischen Flügels der KPR(B). Darum handelt es sich hier. Als das ZK der polnischen Partei diese Resolution annahm und sie an das ZK der KPR(B) sandte, stellte es eine polnische Filiale der opportunistischen Opposition in der KPR(B) dar. Stellt man sich vor, dass die Opposition in der KPR(B) so etwas wie eine Firma war, die in verschiedenen Ländern Filialen zu unterhalten hat, so war die Kommunistische Partei Polens damals die polnische Filiale dieser Firma. Darin liegt das Wesen des opportunistischen Sündenfalls der Führer der polnischen Partei in der "russischen" Frage. Das ist traurig, aber leider wahr.

Die deutsche Trage. Sie hat nach der "russischen" Frage die ernsteste Bedeutung, erstens, weil Deutschland mehr als jedes andere europäische Land mit der Revolution schwanger geht, zweitens, weil ein Sieg der Revolution in Deutschland den Sieg in ganz Europa bedeutet. Wenn der revolutionäre Brand an irgendeinem Ende Europas anfängt, so gewiss in Deutschland. Nur Deutschland kann in dieser Hinsicht die Initiative ergreifen, und ein Sieg der Revolution in Deutschland bedeutet die Sicherung des Sieges der Revolution im internationalen Maßstab.

Sie wissen, dass in der Kommunistischen Partei Deutschlands im verflossenen Jahr ein Kampf zwischen ihrer revolutionären Mehrheit und ihrer opportunistischen Minderheit entbrannte. Sie wissen, welche gewaltige Bedeutung der Sieg des linken oder aber des rechten Flügels der deutschen Kommunistischen Partei für den gesamten Verlauf der Revolution im internationalen Maßstab hat. Und was geschah? Wen unterstützten die Führer des ZK der polnischen Kommunistischen Partei in diesem Kampfe? Sie unterstützten die Brandler-Gruppe[Anmerkung 55] gegen die revolutionäre Mehrheit der deutschen Kommunistischen Partei. Das gestehen heute alle ein, die Freunde sowohl als auch die Feinde. Es ergab sich das gleiche wie in der "russischen" Frage. Stellt man sich vor, dass in Deutschland so etwas wie eine Firma der opportunistischen Opposition in der kommunistischen Partei besteht, so erwiesen sich die polnischen Führer als polnische Filiale dieser Firma. Das ist wiederum traurig, aber an einer Tatsache lässt sich nichts ändern: Tatsachen muss man anerkennen.

Über die Methode des Kampf es gegen die opportunistische Opposition. Kostrzewa sagt, sie, das heißt die Führer des polnischen ZK, seien im Grunde genommen für das russische ZK und am Ende auch für das deutsche ZK in seiner jetzigen Zusammensetzung, in der Frage der Methoden des Kampfes gegen die Opposition aber seien sie anderer Auffassung als diese Stellen. Sie fordern, man denke nur, milde Methoden des Kampfes gegen die Opposition. Sie sind für den Krieg gegen die Opposition, aber für einen Krieg, der keine Opfer fordert. Walecki ging sogar so weit, dass er ausrief: Aber ich bitte Sie, wir sind ja für die "Drei"! Ich muss sagen, niemand verlangt von Walecki, dass er dem russischen ZK in allem zustimmt. Und dann weiß ich nicht, wer diese "Drei" sind, für die sich Walecki mit solchem Elan einsetzt. Er hat vergessen, dass niemand verpflichtet ist, dem russischen ZK in allein zuzustimmen. (Zwischenruf Waleckis: "Nicht verpflichtet, aber berechtigt.") Natürlich dürfen Sie es, aber man muss doch begreifen, dass ein solches Benehmen sowohl Walecki als auch das russische ZK in eine unangenehme Lage bringt. Es handelt sich keineswegs darum, dass man zustimmt, sondern darum, dass in Rußland, unter den Verhältnissen der NÖP, eine neue Bourgeoisie aufgekommen ist, die, da sie keine Möglichkeit hat, offen auf dem politischen Schauplatz aufzutreten, die Front des Kommunismus von innen sprengen will und dabei ihre Helden unter den Führern der KPR(B) sucht. Nun, und dieser Umstand führt zum Aufkommen oppositioneller Stimmungen innerhalb der KPR(B) und schafft den Boden für eine opportunistische Abweichung. Es kommt also darauf an, dass unsere Bruderparteien zu diesem Umstand Stellung nehmen und eine eindeutige Position beziehen. Wie gesagt, darauf kommt es an und nicht darauf, dem russischen ZK in allem zuzustimmen.

Was die mildere Methode der Kostrzewa anbelangt, so muss ich sagen, dass sie auch nicht der leisesten Kritik standhält. Kostrzewa ist für den Kampf gegen die opportunistische Opposition, aber für einen Kampf, der nicht zur Diskreditierung der Führer der Opposition führt. Erstens jedoch kennt die Geschichte keinen Kampf, der nicht gewisse Opfer forderte. Zweitens kann die Opposition nicht besiegt werden, wenn man nicht mit in Kauf nehmen will, dass der Sieg die Autorität der Oppositionsführer untergräbt - man müsste denn auf jeden Kampf gegen die Opposition verzichten. Drittens ist ein voller Sieg über die Opposition die einzige Garantie gegen eine Spaltung. Andere Garantien kennt die Parteipraxis nicht. Das besagt die ganze Geschichte der KPR(B).

Die deutsche Sozialdemokratie führte bereits in der Vorkriegszeit, als sie noch orthodox war, den Kampf gegen den Opportunismus mit eben jener milderen Methode, von der hier Kostrzewa spricht. Sie erreichte damit aber nur, dass der Opportunismus den Sieg davontrug und die Spaltung unvermeidlich wurde.

Die KPR(B) führte den Kampf gegen den Opportunismus mit der bewährten Methode entschiedener Isolierung der opportunistischen Führer. Und sie erreichte, dass der revolutionäre Marxismus den Sieg davontrug und die Partei fest gefügter dastand als je zuvor.

Ich denke, dass wir uns die Lehren der KPR(B) zunutze machen müssen. Die von Kostrzewa empfohlene Kampfmethode ist ein Rückfall in den sozialdemokratischen Opportunismus. Sie birgt die Gefahr der Parteispaltung in sich.

Schließlich die Frage der Parteiführung. Worin besteht das charakteristische Merkmal der gegenwärtigen Entwicklung der kommunistischen Parteien des Westens? Es besteht darin, dass die Parteien sich unmittelbar vor die Notwendigkeit gestellt sehen, die praktische Arbeit der Partei auf neue, revolutionäre Art umzustellen. Es kommt nicht darauf an, ein kommunistisches Programm anzunehmen und revolutionäre Losungen zu verkünden. Es kommt darauf an, die tagtägliche Arbeit der Partei, ihre praktische Arbeit dahingehend umzustellen, dass jeder Schritt und jede Aktion der Partei naturgemäß zur revolutionären Erziehung der Massen, zur Vorbereitung der Revolution beitragen. Das ist jetzt der springende Punkt, nicht aber die Annahme revolutionärer Direktiven.

Pruchniak hat hier gestern eine lange Reihe revolutionärer, von den Führern des ZK Polens angenommener Resolutionen verlesen. Er verlas diese Resolutionen mit Siegermiene in der Meinung, die Partei führen bedeute, lediglich Resolutionen auszuarbeiten. Er kommt nicht einmal auf den Gedanken, dass die Ausarbeitung von Resolutionen nur der erste Schritt, nur der Anfang bei der Ausübung der Parteiführung ist. Er begreift nicht, dass die Grundlage der Führung nicht in der Ausarbeitung von Resolutionen, sondern in ihrer Durchführung, in ihrer Verwirklichung besteht. In seiner großen Rede vergaß er deshalb, uns über das Schicksal dieser Resolutionen zu berichten, er hielt es nicht für nötig zu sagen, ob beziehungsweise inwieweit diese Resolutionen von der Kommunistischen Partei Polens durchgeführt worden sind. Das Wesen der Parteiführung besteht indessen gerade in der Durchführung der Resolutionen und Direktiven. Als ich ihn anschaute, musste ich an einen gewöhnlichen Sowjetbeamten denken, der sich vor einer Revisionskommission "verantwortet". "Ist die und die Direktive durchgeführt?" - fragt die Revisionskommission. "Es wurden Maßnahmen getroffen" - antwortet der Beamte. "Welche Maßnahmen wurden denn getroffen?" - fragt die Revisionskommission. "Es wurden Anweisungen gegeben" - antwortet der Beamte. Die Revisionskommission verlangt ein Dokument. Der Beamte überreicht mit Siegermiene die Kopie der Anweisung. Die Revisionskommission fragt: "Und was geschah mit der Anweisung, ist sie durchgeführt worden und wann?" Der Beamte macht große Augen und erklärt, dass hierüber "keine Meldungen vorliegen". Die Revisionskommission zieht einen solchen Beamten natürlich zur Verantwortung. Und gerade an einen solchen Sowjetbeamten erinnerte mich Pruchniak, als er hier mit Siegermiene die revolutionären Resolutionen verlas, über deren Durchführung ihm "keine Meldungen vorliegen". So kann man die Partei nicht führen, das ist ein Hohn auf jegliche Führung.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus? Die Schlussfolgerungen laufen auf folgendes hinaus:

Erstens. Ich bin entschieden dagegen, dass in der bevorstehenden Parteidiskussion in Polen die Scheidelinie zwischen der ehemaligen Polnischen Partei der Sozialisten (PPS) und der ehemaligen Polnischen Sozialdemokratie (PSD) gezogen wird. Das wäre für die Partei gefährlich. Die ehemalige PPS und die ehemalige PSD haben sich schon längst zu einer einheitlichen Partei verschmolzen, sie führen einen gemeinsamen Kampf gegen die polnischen Gutsbesitzer und Bourgeois, und es wäre der größte Fehler, sie jetzt retrospektiv in zwei Teile teilen zu wollen. Der Kampf darf nicht auf der alten Linie PPS und PSD, er muss auf einer neuen Linie geführt werden, die den opportunistischen Flügel der Kommunistischen Partei Polens isoliert. Voller Sieg über den opportunistischen Flügel - das ist die Garantie gegen die Spaltung und das Unterpfand für die Geschlossenheit der Partei.

Zweitens. Ich bin entschieden gegen das so genannte Absägen, das heißt gegen die Entfernung einiger Mitglieder des ZK aus dem ZK. Ich bin überhaupt gegen eine Umgestaltung des ZK von oben. Man muss sich überhaupt darüber im Klaren sein, dass ein chirurgischer Eingriff, der ohne besondere Notwendigkeit vorgenommen wird, einen schlechten Niederschlag in der Partei hinterlässt. Möge die Kommunistische Partei Polens auf dem bevorstehenden Parteitag oder auf der bevorstehenden Konferenz ihr ZK selbst umgestalten. Es kann nicht sein, dass eine wachsende Partei keine neuen Führer hervorbringt.

Drittens. Ich bin der Ansicht, dass die von Unschlicht gemachten praktischen Vorschläge durchaus richtig sind. Es wäre durchaus zweckmäßig, an Stelle des jetzigen Orgbüros und Politbüros, die sich voneinander losgelöst haben, aus Mitgliedern des jetzigen ZK Polens ein einheitliches politisches und praktisches Zentrum zu schaffen.

Es sind hier Zweifel laut geworden hinsichtlich der theoretischen Kenntnisse und der Parteierfahrungen der neuen Führer, die der revolutionäre Kampf in Polen hervorgebracht hat. Ich glaube, dass dieser Umstand keine ausschlaggebende Bedeutung haben kann. Im Leben der KPR(B) ist es vorgekommen, dass Arbeiter mit einem unzureichenden theoretischen und politischen Rüstzeug an die Spitze gewaltiger Gebietsorganisationengestellt wurden. Es zeigte sich jedoch, dass diese Arbeiter bessere Führer sind als viele Intellektuelle, denen der erforderliche revolutionäre Instinkt abgeht. Es ist durchaus möglich, dass es in der ersten Zeit mit den neuen Führern nicht ganz glatt gehen wird; das ist aber nicht schlimm, ein-, zweimal werden sie stolpern, und dann werden sie lernen, die revolutionäre Bewegung zu führen. Fertige Führer fallen nie vom Himmel. Sie bilden sich erst im Laufe des Kampfes heraus.

"Bolschewik" Nr. 11, 20. September 1924.

Brief an Genossen Demjan Bjedny

Seite 244 - 247

Werter Demjan!

Ich schreibe Ihnen mit großer Verspätung. Sie haben das Recht, mich zu schelten. Aber Sie müssen in Betracht ziehen, dass ich außerordentlich schreibfaul bin, was Briefe und überhaupt Korrespondenzen anbelangt.

Zu den einzelnen Punkten:

1. Es ist sehr schön, dass Sie "froher Stimmung" sind. Die Philosophie des "Weltschmerzes" ist nicht unsere Philosophie. Mögen sich die Abtretenden und Ablebenden dem Weltschmerz hingeben. Unsere Philosophie hat der Amerikaner Whitman ziemlich treffend wiedergegeben: "Wir leben, unser rotes Blut kocht vom Feuer unverbrauchter Kräfte." So ist´s, Demjan.

2. "Einerseits möchte ich niemand kränken, anderseits muss ich mich ärztlich behandeln lassen", schreiben Sie. Mein Ratschlag: Lieber ein paar Besucher und Besucherinnen kränken, als sich nicht nach allen Regeln der Kunst behandeln lassen. Lassen Sie sich behandeln, lassen Sie sich behandeln, lassen Sie sich unbedingt behandeln. Besucher nicht kränken wollen - heißt Augenblicksinteressen nachgehen. Sie um einer ernsten Kur willen ein klein wenig kränken, heißt schon, Interessen auf längere Sicht im Auge haben. Die Opportunisten unterscheiden sich eigentlich gerade dadurch von ihren Antipoden, dass sie die Interessen der ersten Art höher stellen als die Interessen der zweiten Art. Es steht außer Frage, dass Sie die Opportunisten nicht nachahmen werden.

3. "Die in Ihrem Referat vor den Sekretären der Kreiskomnitees anklingenden Amnestietöne sind sicher nicht ohne Hintergedanken", schreiben Sie. Richtiger wäre zu sagen, dass es sich hier um eine Politik handelt, die, allgemein gesprochen, auch einen gewissen Hintergedanken nicht ausschließt. Ich denke, nachdem wir die Führer der Opposition völlig zerschlagen haben, sind wir, dass heißt die Partei, verpflichtet, gegenüber den einfachen und mittleren Oppositionellen den Ton zu mildern, um ihnen die Abkehr von den Führern der Opposition zu erleichtern. Die Generale ohne Armee lassen - darauf kommt es an. Die Opposition hat vierzigtausend bis fünfzigtausend Mann in der Partei; die meisten von ihnen möchten ihre Führer fallenlassen, aber es hindert sie ihre Eigenliebe oder die Grobheit, die Überheblichkeit einiger Anhänger des ZK, die den einfachen Oppositionellen mit Nadelstichen zusetzen und dadurch ihren Übertritt auf unsere Seite hemmen. Der "Ton" meines Referats war gegen solche Anhänger des ZK gerichtet. So und nur so kann man die Opposition vollends zerschlagen, nachdem ihre Führer vor der ganzen Welt blamiert dastehen.

4. "Ob uns die Ernte keinen Streich spielen wird", fragen Sie. Sie hat uns schon einen kleinen Streich gespielt. Wenn wir im vergangenen Jahr etwas mehr als zwei Milliarden siebenhundert Millionen (brutto) geerntet haben, so wird in diesem Jahr mit etwa 200 Millionen weniger gerechnet. Das ist natürlich ein Schlag für den Export. Es gibt allerdings heute fünfmal weniger von der Missernte betroffene Wirtschaften als im Jahre 1921, und wir können ohne besondere Anstrengungen aus eigener Kraft mit diesem Übel fertig werden. Dessen können Sie gewiss sein. Aber immerhin bleibt es ein Schlag. Übrigens, alles Schlechte hat auch sein Gutes. Wir haben beschlossen, die stärker gewordene Bereitschaft der Bauernschaft, alles mögliche zu tun, um sich in Zukunft vor einer eventuellen Dürre zu sichern, auszunutzen, und wir werden diese Bereitschaft in jeder Hinsicht auszunutzen versuchen, um (gemeinsam mit der Bauernschaft) entschiedene Maßnahmen zur Melioration, zur Verbesserung der Ackerbaukultur u. a. durchzuführen. Wir denken, dieses Werk mit der Schaffung einer minimal notwendigen Meliorationsfläche in der Zone Samara-Saratow-Zarizyn-Astrachan-Stawropol zu beginnen. Hierfür legen wir fünfzehn bis zwanzig Millionen zurück. Im nächsten Jahr werden wir uns den südlichen Gouvernements zuwenden. Das wird den Beginn einer Revolution in unserer Landwirtschaft bedeuten. Einheimische sagen, dass die Bauernschaft uns beträchtlich unterstützen wird. Not lehrt beten. Es bedurfte also der Geißel der Dürre, um die Landwirtschaft auf eine höhere Stufe zu heben und unser Land für immer vor den Zufälligkeiten der Witterung zu sichern. Koltschak lehrte uns, die Infanterie aufzubauen, Denikin - die Kavallerie aufzubauen, und die Dürre lehrt uns, die Landwirtschaft aufzubauen. So sind die Wege der Geschichte. Und daran ist nichts Unnatürliches.

5. Sie schreiben: "Kommen Sie." Leider kann ich nicht kommen. Ich kann nicht, weil ich keine Zeit habe. Ich rate Ihnen, einen "Sprung nach Baku" zu machen, das ist notwendig. Tiflis ist nicht so interessant, obwohl es äußerlich anziehender ist als Baku. Wenn Sie die Wälder von Bohrtürmen noch nicht gesehen haben, dann haben Sie "überhaupt nichts gesehen". Ich bin überzeugt, dass Baku Ihnen überaus reichhaltiges Material für solche Perlen wie "Der Drang"[Anmerkung 56] geben wird.

Bei uns in Moskau ist die Periode der Kongresse noch nicht vorbei. Die Reden und Diskussionen auf dem V. Kongress sind natürlich eine gute Sache, aber eigentlich ist das nur die äußere Seite. Viel interessanter ist die freundschaftliche Unterhaltung, die wir hier alle mit den Delegierten des Westens (sowie des Ostens) geführt haben. Ich hatte eine lange Unterhaltung mit deutschen, französischen und polnischen Arbeitern. Ein groß-artiges revolutionäres "Material"! Allem nach zu urteilen, wächst dort, im Westen, der Hass, ein wirklicher revolutionärer Hass gegen die bürgerliche Ordnung. Mit Freuden hörte ich ihre schlichten, aber wirkungsstarken Ausführungen, dass sie wünschen, bei sich zu Hause "die Revolution auf russische Art durchzuführen". Das sind neue Arbeiter. Solche gab es noch nicht auf unseren Kongressen. Bis zur Revolution ist es natürlich noch ein gutes Stück, aber dass die Dinge zur Revolution treiben, darüber gibt es keinen Zweifel. Mich überraschte noch ein Zug bei diesen Arbeitern: die heiße und starke, fast mütterliche Liebe zu unserem Lande und der kolossale, unbegrenzte Glaube an die gerechte Sache unserer Partei, an die Fähigkeiten, an die Macht unserer Partei. Von der unlängst noch vorhandenen Skepsis ist nichts übrig geblieben. Das ist ebenfalls kein Zufall. Das ist ebenfalls ein Anzeichen der heranwachsenden Revolution.

So ist´s, Demjan.

Nun einstweilen genug. Ich drücke Ihnen fest die Hand.

15. VII. 24.

Ihr J. Stalin

Zum erstenmal veröffentlicht.

Über J.M Swerdlow

Seite 248 - 250

"Proletarskaja Rewoluzija" (Die proletarische Revolution), Nr. 11 (34), November 1924

Es gibt Menschen, Führer des Proletariats, von denen man in der Presse nicht viel Wesens macht, vielleicht, weil sie es selbst nicht lieben, viel Wesens von sich zu machen, die aber dennoch die Lebenssäfte der revolutionären Bewegung, ihre wahren Führer sind. Zu diesen Führern gehört J. M. Swerdlow.

Ein Organisator durch und durch, ein Organisator von Natur aus, auf Grund seiner Erfahrungen, seiner revolutionären Erziehung und Veranlagung, ein Organisator in seiner ganzen rastlosen Tätigkeit - das ist das Bild J.M. Swerdlows.

Was bedeutet es, bei uns, wo das Proletariat an der .Macht steht, Führer und Organisator zu sein? Es bedeutet nicht, sich Gehilfen auszusuchen, eine Kanzlei einzurichten und über sie seine Anordnungen zu treffen. Führer und Organisator unter unseren Verhältnissen zu sein bedeutet erstens - die Funktionäre kennen, ihre Vorzüge und Mängel zu erkennen verstehen, an die Funktionäre heranzugehen wissen, zweitens - verstehen, die Funktionäre so einzusetzen, dass

1. jeder Funktionär sich am richtigen Platz fühlt;

2. jeder Funktionär der Revolution ein Maximum dessen geben kann, was er auf Grund seiner persönlichen Qualitäten überhaupt zu geben imstande ist;

3. eine derartige Verteilung der Funktionäre keine Störung, sondern Koordinierung, Einheitlichkeit, allgemeinen Aufschwung der Arbeit im Ganzen zur Folge hat;

4. die allgemeine Richtung der auf diese Weise organisierten Arbeit die politische Idee zum Ausdruck bringt und realisiert, um derentwillen die Verteilung der Funktionäre auf die verschiedenen Posten durchgeführt wird.

J.M. Swerdlow war gerade ein solcher Führer und Organisator unserer Partei und unseres Staates.

Die Periode von 1917 bis 1918 war eine Periode der Wende für Partei und Staat. Die Partei wurde in dieser Periode zum erstenmal zur regierenden Kraft. Zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit entstand eine neue Macht, die Macht der Sowjets, die Macht der Arbeiter und Bauern. Die Partei, die bis dahin illegal war, auf neue Geleise zu führen, die organisatorischen Grundlagen des neuen proletarischen Staates zu schaffen, die organisatorischen Formen für die Wechselbeziehungen zwischen Partei und Sowjets zu finden, der Partei dabei die Führung und den Sowjets ihre normale Entwicklung zu sichern - das war die überaus komplizierte organisatorische Aufgabe, vor der die Partei damals stand. In der Partei wird sich niemand finden, der bestreiten wollte, dass J. M. Swerdlow einer der ersten, wenn nicht der erste war, der diese organisatorische Aufgabe, ein neues Rußland aufzubauen, sachkundig und reibungslos löste.

Die Ideologen und Agenten der Bourgeoisie wiederholen gern die abgedroschene Phrase, die Bolschewiki verstünden nicht aufzubauen, sie seien nur fähig zu zerstören. J. M. Swerdlow, seine ganze Arbeit ist eine lebendige Widerlegung dieses Gefasels. J. M. Swerdlow und seine Arbeit in unserer Partei sind kein Zufall. Eine Partei, die einen so großen Baumeister wie J. M. Swerdlow hervorgebracht hat, kann ohne weiteres sagen, dass sie ebensogut Neues zu erbauen wie Altes zu zerstören versteht.

Ich bin weit davon entfernt, Anspruch darauf zu erheben, alle Organisatoren und Baumeister unserer Partei genau zu kennen, aber ich muss sagen, von allen mir bekannten hervorragenden Organisatoren kenne ich - nach Lenin - nur zwei, auf die unsere Partei stolz sein kann und muss: J. F. Dubrowinski, der in der Turuchansker Verbannung umkam, und J. M. Swerdlow, der für die Arbeit am Aufbau der Partei und des Staates sein Leben aufgeopfert hat.

"Proletarskaja Rewoluzija" (Die proletarische Revolution), Nr. 11 (34), November 1924.

Unterschrift: J. Stalin.

Zur internationalen Lage

Seite 251 - 269

"Bolschewik" Nr. 11, 20. September 1924.

Ich glaube, es ist gar nicht notwendig, zur Kennzeichnung der gegenwärtigen internationalen Lage alle auch nur irgendwie bedeutenden Tatsachen, ausnahmslos alle Besonderheiten der jetzigen internationalen Situation zu berücksichtigen. In Betracht gezogen werden müssen die grundlegenden, entscheidenden Momente der heutigen Periode. Gegenwärtig gibt es meiner Ansicht nach drei solche Momente:

a) Der Anbruch einer "Ära" des bürgerlich-demokratischen "Pazifismus";

b) die Einmischung Amerikas in die Angelegenheiten Europas und die Londoner Abmachung der Entente über die Reparationen;

c) die Verstärkung der linken Elemente in der Arbeiterbewegung Europas und das zunehmende internationale Gewicht der Sowjetunion. Betrachten wir diese grundlegenden Momente.

1. Die Phase des bürgerlich-demokratischen "Pazifismus"

Die Entente hat sich als ohnmächtig erwiesen, mit den Ergebnissen ihrer militärischen Siege fertig zu werden. Deutschland zu schlagen und die Sowjetunion einzukreisen ist ihr durchaus gelungen. Einen Plan zur Ausplünderung Europas aufzustellen ist ihr gleichfalls gelungen. Davon zeugen die unzähligen Konferenzen und Verträge der Ententestaaten. Den Ausplünderungsplan auszuführen war sie jedoch außerstande. Warum? Weil die Gegensätze zwischen den Ententeländern zu groß sind. Weil es ihnen nicht gelungen ist und nicht gelingen wird, sich über die Teilung der Beute einig zu werden. Weil der Widerstand der Länder, die ausgeplündert werden sollen, immer ernster wird. Weil die Verwirklichung des Ausplünderungsplans die Gefahr militärischer Zusammenstöße in sich birgt, die Massen aber keinen Krieg wollen. Jetzt ist es "allen" klar, dass sich der imperialistische Frontalangriff auf die Ruhr, der darauf berechnet war, Deutschland zu vernichten, für den Imperialismus selbst als gefährlich erwiesen hat. Klar ist ferner, dass die offen imperialistische Politik der Ultimaten, die auf die Isolierung der Sowjetunion berechnet ist, nur gegenteilige Ergebnisse zeitigt. Es ist eine solche Lage entstanden, dass Poincare und Curzon, die dem Imperialismus auf Treu und Glauben dienen, trotzdem durch ihre "Arbeit" die wachsende Krise in Europa verschärften, den Widerstand der Massen gegen den Imperialismus hervorriefen und die Massen zur Revolution trieben. Daher musste die Bourgeoisie zwangsläufig von der Politik des Frontalangriffs zur Politik der Kompromisse, vom offenen Imperialismus zum verkappten Imperialismus, von Poincare und Curzon zu MacDonald und Herriot übergehen. Die Welt unverhüllt auszuplündern ist nicht mehr ungefährlich. Die Arbeiterpartei in England und der Linksblock in Frankreich[Anmerkung 57] sollen die Blöße des Imperialismus verdecken. Das ist der Ursprung des "Pazifismus" und des "Demokratismus".

Manch einer glaubt, die Bourgeoisie sei, nicht der Not gehorchend, sondern aus eigenem Triebe, sozusagen aus freien Stücken, zum "Pazifismus" und "Demokratismus" gekommen. Dabei wird angenommen, dass die Bourgeoisie, nachdem sie die Arbeiterklasse in entscheidenden Kämpfen (Italien, Deutschland) geschlagen habe, sich als Siegerin fühle und sich jetzt den "Demokratismus" erlauben könne. Mit anderen Worten, solange entscheidende Kämpfe im Gange waren, habe die Bourgeoisie eine Kampforganisation, den Faschismus, gebraucht, jetzt aber, da das Proletariat geschlagen sei, brauche die Bourgeoisie den Faschismus nicht mehr und könne ihn durch den "Demokratismus" als die beste Methode zur Verankerung ihres Sieges ersetzen. Daraus wird die Schlussfolgerung gezogen, die Macht der Bourgeoisie habe sich gefestigt, man müsse die "Ära des Pazifismus" als lang andauernd, die Revolution in Europa aber als auf die lange Bank geschoben ansehen.

Diese Annahme ist völlig falsch.

Erstens trifft es nicht zu, dass der Faschismus nur eine Kampforganisation der Bourgeoisie sei. Der Faschismus ist nicht nur eine militärtechnische Kategorie. Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus. Es liegt kein Grund zu der Annahme vor, die Kampforganisation der Bourgeoisie könnte ohne die aktive Unterstützung durch die Sozialdemokratie entscheidende Erfolge in den Kämpfen oder bei der Verwaltung des Landes erzielen. Ebensowenig liegt Grund zu der Annahme vor, die Sozialdemokratie könnte ohne die aktive Unterstützung durch die Kampforganisation der Bourgeoisie entscheidende Erfolge in den Kämpfen oder bei der Verwaltung des Landes erzielen. Diese Organisationen schließen einander nicht aus, sondern ergänzen einander. Das sind keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder. Der Faschismus ist der nicht ausgestaltete politische Block dieser beiden grundlegenden Organisationen, der unter den Verhältnissen der Nachkriegskrise des Imperialismus entstanden und auf den Kampf gegen die proletarische Revolution berechnet ist. Die Bourgeoisie kann sich ohne das Vorhandensein eines solchen Blocks nicht an der Macht behaupten. Darum wäre es ein Fehler, wollte man glauben, der "Pazifismus" bedeute die Beseitigung des Faschismus. "Pazifismus" unter den jetzigen Verhältnissen bedeutet Festigung des Faschismus, wobei sein gemäßigter, sozialdemokratischer Flügel in den Vordergrund geschoben wird.

Zweitens trifft es nicht zu, dass die entscheidenden Kämpfe schon stattgefunden hätten, dass das Proletariat in diesen Kämpfen geschlagen worden sei, dass sich die bürgerliche Macht infolgedessen gefestigt habe. Entscheidende Kämpfe haben schon allein deshalb noch nicht stattgefunden, weil es keine wirklich bolschewistischen Massenparteien gab, die fähig gewesen wären, das Proletariat zur Diktatur zu führen. Ohne solche Parteien sind unter den Verhältnissen des Imperialismus entscheidende Kämpfe um die Diktatur unmöglich. Die entscheidenden Kämpfe im Westen stehen noch bevor. Es haben nur die ersten ernstlichen Angriffe stattgefunden, die von der Bourgeoisie zurückgeschlagen wurden, die erste ernstliche Kraftprobe, die gezeigt hat, dass das Proletariat noch nicht imstande ist, die Bourgeoisie zu stürzen, die Bourgeoisie aber schon nicht mehr imstande ist, das Proletariat zu ignorieren. Und gerade deshalb, weil die Bourgeoisie schon nicht mehr imstande ist, die Arbeiterklasse auf die Knie zu zwingen, war sie genötigt, auf den Frontalangriff zu verzichten, Umwege zu machen, sich auf Kompromisse einzulassen und zum "demokratischen Pazifismus" Zuflucht zu nehmen.

Schließlich trifft es auch nicht zu, dass der "Pazifismus" ein Zeichen der Kraft, nicht aber der Schwäche der Bourgeoisie sei, dass sich aus dem "Pazifismus" eine Festigung der Macht der Bourgeoisie und eine Vertagung der Revolution auf unbestimmte Zeit ergeben müsse. Der gegenwärtige Pazifismus bedeutet den Machtantritt, den direkten oder indirekten Machtantritt der Parteien der II. Internationale. Was bedeutet aber der Machtantritt der Parteien der II. Internationale? Er bedeutet, dass sie sich unvermeidlich selbst als Lakaien des Imperialismus, als Verräter am Proletariat entlarven werden, denn die Regierungspraxis dieser Parteien kann nur zu einem Ergebnis führen: zu ihrem politischen Bankrott, zum Anwachsen der Gegensätze innerhalb dieser Parteien, zu ihrer Zersetzung und ihrem Zerfall. Aber die Zersetzung dieser Parteien führt unvermeidlich zur Zersetzung der Macht der Bourgeoisie, denn die Parteien der II. Internationale sind die Stütze des Imperialismus. Konnte sich die Bourgeoisie auf dieses gewagte Experiment mit dem Pazifismus, nicht der Not gehorchend, sondern aus eigenem Triebe, einlassen? Natürlich nicht! In der Periode nach dem imperialistischen Kriege macht die Bourgeoisie zum zweiten Mal ein Experiment mit dem Pazifismus: das erste Mal unmittelbar nach dem Kriege, als die Revolution ans Tor zu pochen schien, und das zweite Mal jetzt, nach den gewagten Experimenten Poincarés und Curzons. Wer wird zu leugnen wagen, dass dieses fieberhafte Gebaren der Bourgeoisie, die Schwenkung vom Pazifismus zum hemmungslosen Imperialismus und wieder zurück zum Pazifismus, nicht ohne Schaden für den Imperialismus vor sich gehen kann, dass sie Millionenmassen von Arbeitern aus den üblichen spießbürgerlichen Geleisen schleudert, dass sie die rückständigsten Schichten des Proletariats in die Politik hineinzieht, dass sie ihre Revolutionierung erleichtert? Natürlich ist der "demokratische Pazifismus" noch keine Kerenskiade, denn die Kerenskiade setzt die Doppelherrschaft, den Zerfall der bürgerlichen Macht und die Entstehung der Grundlagen der proletarischen Macht voraus. dass aber der Pazifismus eine gewaltige Aufrüttelung der Volksmassen und ihre Hineinziehung in die Politik bedeutet, dass er die bürgerliche Macht unterwühlt und den Boden für revolutionäre Erschütterungen vorbereitet, daran kann kaum gezweifelt werden. Und eben deshalb muss der Pazifismus nicht zur Festigung, sondern zur Schwächung der bürgerlichen Macht, nicht zur Vertagung der Revolution auf unbestimmte Zeit, sondern zu ihrer Beschleunigung führen.

Daraus folgt natürlich nicht, dass der Pazifismus keine ernstliche Gefahr für die Revolution darstelle. Der Pazifismus führt zur Untergrabung der Grundlagen der bürgerlichen Macht, er bereitet Bedingungen vor, die für die Revolution günstig sind. Aber der Pazifismus kann zu solchen Ergebnissen nur gegen den Willen der "Pazifisten" und "Demokraten" selbst führen, nur wenn die kommunistischen Parteien energisch an der Entlarvung der imperialistischen und konterrevolutionären Natur der pazifistisch-demokratischen Regierungen Herriots und MacDonalds arbeiten. Was den Willen der Pazifisten und Demokraten selbst betrifft, was die Politik der Imperialisten selbst betrifft, so verfolgen sie mit dem Pazifismus nur ein Ziel: die Massen mit tönenden Redensarten über Frieden zu betrügen, um einen neuen Krieg vorzubereiten; sie mit dem Glanz des "Demokratismus" zu blenden, um die Diktatur der Bourgeoisie zu behaupten; die Massen mit dem Lärm um die "souveränen" Rechte der Nationen und Staaten zu betäuben, um desto erfolgreicher die Intervention in China, ein Gemetzel in Afghanistan und im Sudan, die Zerstückelung Persiens vorzubereiten; sie mit marktschreierischem Geschwätz über "freundschaftliche" Beziehungen zur Sowjetunion, über diese oder jene "Verträge" mit der Sowjetregierung zum Narren zu halten, um in desto engere Verbindung mit den aus Rußland hinausgeworfenen konterrevolutionären Verschwörern zwecks Organisierung von Banditenüberfällen in Bjelorußland, in der Ukraine, in Georgien zu treten. Die Bourgeoisie braucht den Pazifismus zur Maskierung. In dieser Maskierung liegt die Hauptgefahr des Pazifismus. Ob die Bourgeoisie ihr Ziel, das Volk zu betrügen, erreichen wird, hängt davon ab, mit welcher Energie die kommunistischen Parteien des Westens und des Ostens an ihrer Entlarvung arbeiten werden, es hängt von der Fähigkeit dieser Parteien ab, den pazifistisch verkleideten Imperialisten die Maske herunterzureißen. Zweifellos werden die Ereignisse und die Praxis in dieser Beziehung für die Kommunisten arbeiten, indem sie einen Keil zwischen die pazifistischen Worte und die imperialistischen Taten der demokratischen Lakaien des Kapitals treiben. Es ist die Pflicht der Kommunisten, nicht hinter den Ereignissen zurückzubleiben und erbarmungslos jeden Schritt der Parteien der II. Internationale, jeden Lakaiendienst, den sie dem Imperialismus leisten, und jeden Verrat, den sie am Proletariat begehen, zu entlarven.

2. Die Einmischung Amerikas in die Angelegenheiten Europas und die Londoner Abmachung der Entente über die Reparationen

Die Londoner Konferenz der Entente[Anmerkung 58] ist der vollkommenste Ausdruck des verlogenen, heuchlerischen bürgerlich-demokratischen Pazifismus. Wenn der Regierungsantritt MacDonalds-Herriots und die Sensationsmache um die "Herstellung normaler Beziehungen" zur Sowjetunion den erbitterten Klassenkampf in Europa und die tödliche Feindschaft der bürgerlichen Staaten gegenüber der Sowjetunion verhüllen und maskieren sollten, so soll die Abmachung der Entente in London den verzweifelten Kampf Englands und Frankreichs um die Hegemonie in Europa, den wachsenden Gegensatz zwischen England und Amerika im Kampf um die Herrschaft auf dem Weltmarkt, den übermenschlichen Kampf des deutschen Volkes gegen das Joch der Entente verhüllen und maskieren. Es gibt keinen Krieg zwischen den Klassen mehr, es ist aus mit der Revolution, jetzt kann die ganze Sache mit einer Klassengemeinschaft beendet werden - rufen die MacDonalds und Renaudels. Es gibt keinen Kampf mehr zwischen Frankreich und England, zwischen Amerika und England, zwischen Deutschland und der Entente, es ist aus mit dem Krieg, jetzt kann die ganze Sache durch einen allgemeinen Frieden mit Amerika an der Spitze beendet werden - pflichten ihnen ihre Freunde bei der Londoner Abmachung und ihre Brüder beim Verrat an der Sache der Arbeiterklasse, die sozialdemokratischen Helden des Pazifismus, bei.

Was ist jedoch auf der Londoner Konferenz der Entente vor sich gegangen?

Vor der Londoner Konferenz ging Frankreich bei der Lösung der Reparationsfrage selbständig vor, mehr oder minder unabhängig von den "Alliierten", denn Frankreich hatte in der Reparationskommission eine gesicherte Mehrheit. Die Ruhrbesetzung war ein Mittel zur wirtschaftlichen Desorganisierung Deutschlands und eine Garantie dafür, dass Frankreich von Deutschland Reparationszahlungen, Kohle und Koks für die französische Hüttenindustrie, chemische Halbfabrikate und Farbstoffe für die französische chemische Industrie erhält und elsässische Textilerzeugnisse zollfrei nach Deutschland ausführen kann. Der Plan war auf die Schaffung der materiellen Grundlage für eine militärische und wirtschaftliche Hegemonie Frankreichs in Europa berechnet. Aber bekanntlich scheiterte dieser Plan. Die Methode der Besetzung hat lediglich zu gegenteiligen Ergebnissen geführt. Frankreich erhielt weder Zahlungen noch Sachlieferungen in auch nur irgendwie befriedigenden Ausmaßen. Schließlich wurde der Urheber der Besetzung selbst, Poincare, wegen seiner offen imperialistischen Politik, die die Gefahr eines neuen Krieges und der Revolution in sich barg, über Bord geworfen. Was die Hegemonie Frankreichs in Europa betrifft, so wurde daraus nichts, nicht nur weil die Methode der Besetzung und der offenen Ausplünderung die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses zwischen der französischen und der deutschen Industrie ausschloss, sondern auch weil England entschieden gegen einen derartigen Zusammenschluss war, denn es konnte England nicht unbekannt sein, dass die Vereinigung der deutschen Kohle mit dem französischen Erz die englische Hüttenindustrie zwangsläufig untergraben musste.

Was hat nun die Londoner Konferenz der Entente an all dem geändert?

Erstens hat die Konferenz den Weg der selbständigen Lösung der Reparationsfragen durch Frankreich verworfen und festgelegt, dass Streitfragen in letzter Instanz von einer Schiedskommission der Ententevertreter unter dem Vorsitz von Vertretern Amerikas entschieden werden sollen.

Zweitens hat die Konferenz die Ruhrbesetzung verworfen und die Notwendigkeit der (unverzüglichen) wirtschaftlichen und (binnen Jahresfrist oder früher durchzuführenden) militärischen Räumung anerkannt. Gründe: Die Ruhrbesetzung ist im gegenwärtigen Stadium vom Standpunkt der politischen Lage Europas gefährlich und vom Standpunkt der organisierten und systematischen Ausplünderung Deutschlands unzweckmäßig. dass aber die Entente drauf und dran ist, Deutschland gründlich und systematisch auszuplündern, daran kann es wohl kaum einen Zweifel geben.

Drittens hat die Konferenz die militärische Intervention verworfen, die finanzielle und wirtschaftliche Intervention jedoch voll und ganz gebilligt und folgendes festgestellt:

a) Es sei notwendig, in Deutschland eine Emissionsbank unter der Kontrolle eines besonderen ausländischen Kommissars zu schaffen;

b) die Deutsche Reichsbahn müsse in Privatbesitz übergeführt und unter der Kontrolle eines besonderen ausländischen Kommissars verwaltet werden;

c) es müsse ein so genanntes "Transferkomitee" aus Vertretern der Alliierten geschaffen werden, das alle Reparationszahlungen in deutscher Währung in seinen Händen zusammenfasst, die deutschen Sachlieferungen aus den Zahlungsbeträgen finanziert und einige Reparationsbeträge (im Falle der Unzweckmäßigkeit ihres Transfers nach Frankreich) in der deutschen Industrie anlegen kann, aber durchaus die Möglichkeit hat, den Geldmarkt Deutschlands in seinen Händen zu halten.

Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass dies die Verwandlung Deutschlands in eine Kolonie der Entente bedeutet.

Viertens hat die Konferenz Frankreich das Recht zugesprochen, von Deutschland Zwangslieferungen an Kohle und Chemikalien im Laufe einer bestimmten Zeitspanne zu erhalten, doch hat sie hier auch gleich den Vorbehalt gemacht, dass Deutschland das Recht verbleibt, bei der Schiedskommission die mengenmäßige Einschränkung, ja sogar die völlige Einstellung dieser Zwangslieferungen in natura zu beantragen. Damit hat sie die Rechte Frankreichs annulliert oder fast annulliert.

Wenn man zu alledem noch die Anleihe an Deutschland in Höhe von 800 Millionen Mark hinzufügt, die von englischen und hauptsächlich von amerikanischen Bankiers aufgebracht wird, wenn man weiter in Betracht zieht, dass auf der Konferenz die Bankiers, vor allem die amerikanischen Bankiers, herumkommandierten, so ergibt sich ein abgeschlossenes Bild: Von der französischen Hegemonie ist rein gar nichts übrig geblieben, an Stelle der Hegemonie Frankreichs hat sich die Hegemonie Amerikas ergeben.

Dies sind die Ergebnisse der Londoner Konferenz der Entente.

Manch einer glaubt auf Grund dieser Ergebnisse, von jetzt an müssten die Interessengegensätze innerhalb Europas angesichts der Hegemonie Amerikas verblassen; Amerika, an der Kapitalausfuhr nach Europa interessiert, werde es verstehen, die europäischen Länder auf Ration au setzen und sie zu zwingen, sich um der Bereicherung seiner Bankiers willen ruhig zu verhalten; infolgedessen könne der Friede in Europa, obwohl ein Zwangsfriede, für eine mehr oder minder lang dauernde Periode als mehr oder minder gesichert betrachtet werden. Diese Annahme ist völlig falsch.

Erstens hat die Konferenz die Lösung der Deutschland betreffenden Frage ohne den Wirt, ohne das deutsche Volk, vorgenommen. Man kann natürlich die Verwandlung Deutschlands in eine ausgesprochene Kolonie "planen". Aber jetzt, da selbst die rückständigen Kolonien nur mit Mühe in Botmäßigkeit gehalten werden können, versuchen zu wollen, ein Land wie Deutschland wirklich in eine Kolonie zu verwandeln, würde bedeuten, Europa zu unterminieren.

Zweitens hat die Konferenz Frankreich, das sich zu weit vorgedrängt hatte, etwas zurückgedrängt, so dass England ganz natürlich ein faktisches Übergewicht in Europa bekommen hat. Aber zu glauben, dass sich Frankreich mit dem Übergewicht Englands abfinden könne, bedeutet, nicht mit Tatsachen zu rechnen, nicht mit der Logik der Dinge zu rechnen, die sich gewöhnlich als stärker denn jede andere Logik erweist.

Drittens hat die Konferenz die Hegemonie Amerikas anerkannt. Aber das amerikanische Kapital ist an der Finanzierung der französisch-deutschen Industrie, an ihrer rationellsten Ausnützung, zum Beispiel im Sinne einer Kombination der französischen Hüttenindustrie mit der deutschen Kohlenindustrie, interessiert. Es kann kaum daran gezweifelt werden, dass das amerikanische Kapital seine Überlegenheit gerade in dieser, ihm günstigsten Richtung ausnützen wird. Aber zu glauben, dass England sich mit einer derartigen Lage abfinden werde, bedeutet, England nicht zu kennen, nicht zu wissen, wie sehr sich England die Interessen seiner Hüttenindustrie angelegen sein lässt.

Und schließlich, Europa ist kein isoliertes Land, es ist mit seinen Kolonien verbunden und lebt von den Säften dieser Kolonien. Zu glauben, dass die Konferenz irgend etwas an den Beziehungen zwischen Europa und den Kolonien zum "Besseren" ändern könne, dass sie die Entwicklung der Gegensätze zwischen ihnen aufhalten oder verlangsamen könne, bedeutet, an Wunder zu glauben.

Welche Schlussfolgerung ergibt sich hieraus?

Es gibt nur eine Schlussfolgerung: Die Londoner Konferenz hat keinen einzigen der alten Gegensätze in Europa gelöst, sie dafür aber durch neue Gegensätze ergänzt, durch Gegensätze zwischen Amerika und England. Es besteht kein Zweifel, dass England nach wie vor den Antagonismus zwischen Frankreich und Deutschland vertiefen wird, um seine politische Vorherrschaft auf dem Kontinent zu sichern. Es besteht kein Zweifel, dass Amerika seinerseits den Antagonismus zwischen England und Frankreich vertiefen wird, um seine Hegemonie auf dem Weltmarkt zu sichern. Wir sprechen schon gar nicht von dem tiefen Antagonismus zwischen Deutschland und der Entente.

Das Weltgeschehen wird von diesen Antagonismen, nicht aber von den "pazifistischen" Reden des Galgenvogels Hughes und des großsprecherischen Herriots bestimmt werden. Das Gesetz von der ungleichmäßigen Entwicklung der imperialistischen Länder und von der Unvermeidlichkeit imperialistischer Kriege bleibt jetzt mehr denn je in Kraft. Die Londoner Konferenz maskiert diese Antagonismen nur, um neue Voraussetzungen für ihre noch nie dagewesene Verschärfung zu schaffen.

3. Die Verstärkung der revolutionären Elemente in der Arbeiterbewegung Europas die wachsende internationale Popularität der Sowjetunion

Als eins der sichersten Anzeichen für die Labilität des "pazifistisch-demokratischen Regimes", als eins der eindeutigsten Anzeichen dafür, dass dieses "Regime" selbst nur Schaum ist, den die im Schoße der Arbeiterklasse vor sich gehenden tief schürfenden revolutionären Prozesse auf der Oberfläche hinterlassen, sind der entscheidende Sieg des revolutionären Hügels in den Kommunistischen Parteien Deutschlands, Frankreichs, Rußlands, die wachsende Aktivität des linken Hügels in der englischen Arbeiterbewegung und schließlich die wachsende Popularität der Sowjetunion unter den werktätigen Massen des Westens und des Ostens anzusehen.

Die kommunistischen Parteien entwickeln sich im Westen unter eigenartigen Bedingungen. Erstens sind sie ihrer Zusammensetzung nach ungleichartig, denn sie bestehen aus ehemaligen Sozialdemokraten, die die alte Schule durchgemacht haben, und aus jungen Parteimitgliedern, die noch nicht genügend revolutionäre Stählung besitzen. Zweitens sind die Kader dort nicht rein bolschewistisch; denn auf den verantwortlichen Posten stehen Leute, die aus anderen Parteien hervorgegangen sind und die es noch nicht fertig gebracht haben, endgültig mit den sozialdemokratischen Überresten zu brechen. Drittens haben sie einen so erfahrenen Gegner vor sich wie die mit allen Wassern gewaschene Sozialdemokratie, die immer noch eine gewaltige politische Kraft in den Reihen der Arbeiterklasse darstellt. Schließlich haben sie einen so mächtigen Feind gegen sich wie die europäische Bourgeoisie mit ihrem erprobten Staatsapparat, mit ihrer allmächtigen Presse. Anzunehmen, diese kommunistischen Parteien seien imstande, "von heute auf morgen" die bürgerliche Gesellschaftsordnung Europas zu stürzen, heißt, sich ganz gewaltig täuschen. Darum besteht die nächste Aufgabe darin, die kommunistischen Parteien des Westens zu wirklich bolschewistischen Parteien zu machen, in ihrer Mitte wahrhaft revolutionäre Kader zu schmieden, die fähig sind, die gesamte Parteipraxis im Geiste der revolutionären Erziehung der Massen, im Geiste der Vorbereitung der Revolution umzustellen.

So war es um die kommunistischen Parteien des Westens noch in jüngster Vergangenheit bestellt. Aber im letzten Halbjahr beginnt eine Wendung zum Besseren. Das letzte Halbjahr ist insofern bemerkenswert, als es im Leben der kommunistischen Parteien des Westens, was die Liquidierung der sozialdemokratischen Überreste, die Bolschewisierung der Parteikader, die Isolierung der opportunistischen Elemente betrifft, einen radikalen Umschwung gebracht hat.

Welche Gefahr für die Revolution die sozialdemokratischen Überreste in den kommunistischen Parteien darstellen können, zeigte sich mit aller Deutlichkeit bei der traurigen Erfahrung mit der Sächsischen Arbeiterregierung[Anmerkung 59] als die opportunistischen Führer versuchten, die Idee der Einheitsfront, als Mittel der revolutionären Mobilisierung und Organisierung der Massen, in eine Methode sozialdemokratisch-parlamentarischer Kombinationen zu verwandeln. Dies war ein Wendepunkt, der den Parteimassen die Augen öffnete und sie gegen die opportunistischen Führer aufbrachte.

Als zweite Frage, die das Ansehen der rechten Führer untergrub und die dazu führte, dass neue, revolutionäre Führer auf den Schauplatz traten, ist die so genannte "russische" Frage, das heißt die Diskussion in der KPR(B), zu betrachten. Es ist bekannt, dass die Brandler-Gruppe in Deutschland und die Souvarine-Gruppe[Anmerkung 60] in Frankreich die opportunistische Opposition in der KPR(B) entschieden gegen die Grundkader der KPR(B), gegen ihre revolutionäre Mehrheit unterstützten. Das war eine Herausforderung der revolutionären Arbeitermassen des Westens, die mit der Sowjetmacht und deren Führerin, der KPR(B), ausgesprochen sympathisieren. Das war eine Herausforderung der Parteimassen und des revolutionären Flügels der kommunistischen Parteien des Westens. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Herausforderung mit der vollständigen Zerschmetterung der Gruppen Brandlers und Souvarines endete. Es ist nicht verwunderlich, dass dies in allen übrigen kommunistischen Parteien des Westens Widerhall fand. Fügt man dem noch die Tatsache hinzu, dass die opportunistische Strömung in der KPR(B) vollständig isoliert ist, so ergibt sich ein abgeschlossenes Bild. Der V. Kongress der Komintern[Anmerkung 61] hat den Sieg des revolutionären Flügels in den maßgebenden Sektionen der Komintern lediglich verankert.

Zweifellos haben die Fehler der opportunistischen Führer eine bedeutende Rolle bei der Beschleunigung der Bolschewisierung der kommunistischen Parteien des Westens gespielt. Aber ebenso zweifellos haben hier auch andere, tiefere Ursachen gewirkt: die erfolgreiche Offensive des Kapitals in den letzten Jahren, die Verschlechterung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, das Vorhandensein einer ungeheuren Arbeitslosenarmee, der Zustand allgemeiner wirtschaftlicher Labilität des Kapitalismus, das Anwachsen der revolutionären Empörung unter den breiten Arbeitermassen. Die Arbeiter schreiten zur Revolution, und sie wollen revolutionäre Führer haben.

Das Fazit.

Der Prozess der endgültigen Herausbildung wirklich bolschewistischer Parteien im Westen, die die Stütze der kommenden Revolution in Europa darstellen, hat begonnen. Das ist das Fazit aus dem letzten Halbjahr.


Noch schwieriger und eigenartiger sind die Entwicklungsbedingungen der Gewerkschaften im Westen.

Erstens sind sie durch ihre "bewährte" Zunftpraxis beschränkt und dem Sozialismus feindlich gesinnt, denn da sie früher als die sozialistischen Parteien entstanden sind und sich ohne deren Hilfe entwickelt haben, sind sie es gewohnt, sich mit ihrer "Unabhängigkeit" zu brüsten, stellen sie die Zunftinteressen über die Klasseninteressen und wollen außer "Pfennigzulagen" nichts anerkennen.

Zweitens sind sie ihrem Geiste nach konservativ und jeglichem revolutionären Beginnen feindlich gesinnt, denn an ihrer Spitze steht die alte, korrupte, von der Bourgeoisie aufgepäppelte Gewerkschaftsbürokratie, die stets bereit ist, die Gewerkschaften in den Dienst des Imperialismus zu stellen.

Schließlich stellen diese Gewerkschaften, die um die Amsterdamer Reformisten vereinigt sind, jenes viele Millionen umfassende Heer des Reformismus dar, auf das sich die moderne kapitalistische Gesellschaftsordnung stützt.

Natürlich gibt es außer den Amsterdamer reaktionären Verbänden noch revolutionäre Verbände, die sich der Roten Gewerkschaftsinternationale[Anmerkung 62] anschließen. Aber erstens verbleibt ein beträchtlicher Teil der revolutionären Verbände, da er keine Spaltung in der Gewerkschaftsbewegung zu verursachen wünscht, in der Amsterdamer Vereinigung[Anmerkung 63] und unterwirft sich deren Disziplin; zweitens vertreten die Amsterdamer in den ausschlaggebenden Ländern Europas (England, Frankreich, Deutschland) immer noch die Mehrheit der Arbeiter. Es darf nicht vergessen werden, dass Amsterdam nicht weniger als vierzehn Millionen gewerkschaftlich organisierter Arbeiter vereinigt. Zu glauben, man könne in Europa die Diktatur des Proletariats gegen den Willen dieser Millionen Arbeiter erringen, heißt, sich ganz gewaltig täuschen, den Boden des Leninismus verlassen, sich unweigerlich zu einer Niederlage verurteilen. Daher besteht die Aufgabe darin, diese Millionenmassen für die Revolution und den Kommunismus zu gewinnen, sie vom Einfluss der reaktionären Gewerkschaftsbürokratie zu befreien oder zumindest zu erreichen, dass sie gegenüber dem Kommunismus eine Stellung wohlwollender Neutralität einnehmen.

So lagen die Dinge bis in die letzte Zeit hinein. Aber in den letzten Jahren beginnt das Bild, sich zum Besseren zu ändern. Die Heimat der abgekapselten und reaktionären Gewerkschaften ist England, das einst der industriekapitalistische Hegemon auf dem Weltmarkt war. Der Verlust dieser Monopolstellung hängt mit der Entwicklung des Finanzkapitals zusammen, das durch den Kampf einer Reihe Großmächte um das Kolonialmonopol gekennzeichnet ist. Die imperialistische Phase des Kapitalismus bringt eine Erweiterung des Territoriums für die engen reaktionären Gewerkschaften mit sich, aber zugleich engt sie ihre materielle Basis ein, denn um den imperialistischen Extraprofit kämpft eine Reihe von Ländern, die Kolonien aber sind immer weniger geneigt, weiterhin die Rolle von Kolonien zu spielen. Es darf auch nicht vergessen werden, dass der Krieg die Produktion Europas beträchtlich erschüttert hat. Bekanntlich beträgt die Gesamtproduktion Europas jetzt nicht mehr als 70 Prozent der Vorkriegsproduktion. Daher die Einschränkung der Produktion und die erfolgreiche Offensive des Kapitals gegen die Arbeiterklasse. Daher die Kürzung des Arbeitslohns, die faktische Abschaffung des Achtstundentags und eine Reihe erfolgloser Abwehrstreiks, die ein übriges Mal den Verrat der Gewerkschaftsbürokratie an der Arbeiter-klasse offenbart haben. Daher die kolossale Arbeitslosigkeit und die wachsende Unzufriedenheit der Arbeiter mit den reaktionären Gewerkschaften. Daher die Idee einer Einheitsfront auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Kampfes der Arbeiterklasse und der Plan einer Vereinigung der beiden Gewerkschaftsinternationalen zu einer einheitlichen Internationale, die imstande wäre, den Abwehrkampf gegen das Kapital zu organisieren. Die Reden der Reformisten auf dem Wiener Kongress der Amsterdamer Internationale (Juni 1924) über Verhandlungen mit den "russischen" Verbänden und der auf dem Kongress der Trade-Unions (Anfang September 1924) von den englischen Gewerkschaften ergangene Aufruf zur Einheit der Gewerkschaften sind nur die Widerspiegelung des wachsenden Drucks der Massen auf die reaktionäre Gewerkschaftsbürokratie. Als das Bemerkenswerteste an all dem ist die Tatsache zu betrachten, dass gerade die englischen Verbände, die einen Herd des Konservatismus und den Grundkern von Amsterdam darstellen, die Initiative zur Vereinigung der reaktionären und der revolutionären Gewerkschaften ergreifen. Das Auftreten von linken Elementen in der englischen Arbeiterbewegung ist das sicherste Anzeichen dafür, dass "bei ihnen dort" in Amsterdam nicht alles zum besten bestellt ist.

Manch einer glaubt, die Kampagne für die Vereinigung der Gewerkschaften sei gerade jetzt nötig, weil in Amsterdam linke Elemente aufgetreten sind, die man unbedingt mit allen Kräften und mit allen Mitteln unterstützen müsse. Das ist nicht richtig oder, genauer gesagt, nur zum Teil richtig. Die Sache ist die, dass die kommunistischen Parteien im Westen zu Massenorganisationen werden, sich in wirklich bolschewistische Parteien verwandeln, wachsen und sich mit dem Anwachsen der Unzufriedenheit breiter Arbeitermassen der Machtergreifung nähern, dass die Dinge also zur proletarischen Revolution treiben. Man kann aber die Bourgeoisie nicht stürzen, ohne ihr ihre Stütze, das reaktionäre Amsterdam, entrissen zu haben, man kann die Diktatur nicht erkämpfen, ohne diese bürgerliche Zitadelle in Amsterdam für die Revolution erobert zu haben. Das lässt sich aber nicht durch eine einseitige Arbeit von außen erreichen. Dieses Ziel wird im gegebenen Augenblick nur durch eine kombinierte Arbeit von innen und von außen auf der Linie der Sicherung der Einheit der Gewerkschaftsbewegung erreicht werden können. Darum wird die Frage der Vereinigung der Gewerkschaften und des Eintritts in internationale Industrieverbände zu einer höchst aktuellen Frage. Natürlich muss man die Linken unterstützen und vorantreiben. Aber zu einer tatsächlichen Unterstützung der Linken kann es nur dann kommen, wenn das Banner der revolutionären Gewerkschaften nicht eingeholt wird, wenn die reaktionären Führer von Amsterdam wegen ihres Verrats und ihrer Spaltungstätigkeit gegeißelt werden, wenn die linken Führer wegen ihrer Halbheit und Unentschlossenheit im Kampf gegen die reaktionären Führer kritisiert werden. Nur eine solche Politik kann die tatsächliche Vereinigung der Gewerkschaften vorbereiten. Andernfalls kann es zu der gleichen Lage kommen, zu der es im Oktober des vergangenen Jahres in Deutschland kam, als die linke Levi-Gruppe[Anmerkung 64] von der reaktionären rechten Sozialdemokratie mit Erfolg zur Einkreisung der deutschen revolutionären Arbeiter ausgenutzt wurde.


Schließlich das Wachsen der Popularität der Sowjetunion unter den Völkern der bürgerlichen Staaten. Als der sicherste Gradmesser für die Labilität des "pazifistisch-demokratischen Regimes" ist wohl die unbestreitbare Tatsache zu betrachten, dass der Einfluss und das Ansehen der Sowjetunion unter den werktätigen Massen des Westens und des Ostens nicht nur nicht abnimmt, sondern vielmehr von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat zunimmt. Es handelt sich nicht darum, dass die Sowjetunion von einer Reihe bürgerlicher Staaten "anerkannt" wird. Diese "Anerkennung" ist an sich noch nichts Besonderes, denn sie wird diktiert erstens durch die Erfordernisse der kapitalistischen Konkurrenz zwischen den bürgerlichen Ländern, die danach trachten, "ihren Platz" auf dem Markt der Sowjetunion einzunehmen, zweitens durch das "Programm" des Pazifismus, der die Herstellung "normaler Beziehungen" zum Sowjetland, die Unterzeichnung wenigstens irgendeines "Vertrags" mit der Sowjetunion fordert. Es handelt sich darum, dass die jetzigen "Demokraten" und "Pazifisten" ihre bürgerlichen Konkurrenten bei den Parlamentswahlen dank der Plattform der "Anerkennung" der Sowjetunion geschlagen haben, dass die MacDonald und Herriot unter anderem dank der Tatsache, dass sie ständig das Wort "Freundschaft mit Rußland" im Munde führen, an die Macht gekommen sind und sich an der Macht behaupten können, dass das Ansehen dieser "Demokraten" und "Pazifisten" ein Widerschein des Ansehens der Sowjetmacht unter den Volksmassen ist. Es ist bezeichnend, dass selbst ein so allbekannter "Demokrat" wie Mussolini es für nötig erachtet, vor den Arbeitern des Öfteren seine "Freundschaft" mit der Sowjetmacht zur Schau zu stellen. Nicht minder bezeichnend ist, dass selbst so allbekannte Raffer fremden Guts wie die jetzigen Machthaber Japans nicht ohne "Freundschaft" mit der Sowjetunion auskommen zu können glauben. Wir sprechen schon gar nicht von dem kolossalen Ansehen, das die Sowjetmacht unter den Volksmassen der Türkei, Persiens, Chinas, Indiens genießt.

Woraus sind dieses außerordentliche Ansehen und diese außergewöhnliche Popularität zu erklären, die eine so "diktatorische" und revolutionäre Macht wie die Sowjetmacht unter den Volksmassen fremder Staaten genießt?

Erstens aus dem Hass der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus und aus ihrem Bestreben, sich von ihm zu befreien. Die Arbeiter der bürgerlichen Staaten sympathisieren mit der Sowjetmacht vor allem als mit einer Macht, die den Kapitalismus gestürzt hat. Ein Vertreter der Eisenbahner Englands, der nicht unbekannte Bromley, hat vor kurzem auf dem Kongress der Trade-Unions erklärt:

"Die Kapitalisten wissen, dass die Augen der Arbeiter der ganzen Welt auf Rußland gerichtet sind und dass, wenn die russische Revolution siegt, die denkenden Arbeiter anderer Länder sich fragen werden: Warum können nicht auch wir den Kapitalismus vernichten?"

Bromley ist natürlich kein Bolschewik. Aber das, was er gesagt hat, ist ein Ausdruck des Sinnens und Trachtens der Arbeiter Europas. Denn in der Tat, warum sollte man den europäischen Kapitalismus nicht stürzen, wenn die "Russen" nun schon das siebente Jahr ohne Kapitalisten auskommen und davon nur Nutzen haben? Das ist der Ursprung der gewaltigen Popularität, die die Sowjetmacht unter den breiten Massen der Arbeiterklasse genießt. Daher bedeutet die wachsende internationale Popularität der Sowjetunion wachsenden Hass der Arbeiterklasse aller Länder gegen den Kapitalismus.

Zweitens aus dem Hass der Volksmassen gegen den Krieg und aus ihrem Bestreben, die Kriegsvorbereitungen der Bourgeoisie zunichte zu machen. Die Volksmassen wissen, dass die Sowjetmacht als erste den Angriff gegen den imperialistischen Krieg eröffnet und durch die Eröffnung des Angriffs dem Krieg das Wasser abgegraben hat. Die Volksmassen sehen, dass die Sowjetunion das einzige Land ist, das gegen einen neuen Krieg kämpft. Sie sympathisieren mit der Sowjetmacht, weil diese die Bannerträgerin des Friedens unter den Völkern und ein zuverlässiges Bollwerk gegen den Krieg ist. Daher zeugt die wachsende internationale Popularität der Sowjetmacht von dem wachsenden Hass der Volksmassen der ganzen Welt gegen den imperialistischen Krieg und seine Organisatoren.

Drittens aus dem Hass der unterdrückten Massen der abhängigen Länder und der Kolonien gegen das Joch des Imperialismus und aus ihrem Bestreben, es zu zerschlagen. Die Sowjetmacht ist die einzige Macht, die die Ketten des "vaterländischen" Imperialismus zerschlagen hat. Die Sowjetunion ist das einzige Land, das sein Leben auf der Grundlage der Gleichheit und der Zusammenarbeit der Nationen aufbaut. Die Sowjetregierung ist die einzige Regierung der Welt, die konsequent für die Einheit und Unabhängigkeit, die Freiheit und Souveränität der Türkei und Persiens, Afghanistans und Chinas, der kolonialen und der abhängigen Länder der ganzen Welt eintritt. Die unterdrückten Massen sympathisieren mit der Sowjetunion, weil sie in ihr einen Verbündeten bei ihrer Befreiung vom Imperialismus sehen. Daher bedeutet die wachsende internationale Popularität der Sowjetmacht wachsenden Hass der unterdrückten Völker der ganzen Welt gegen den Imperialismus.

Das sind die Tatsachen.

Es ist kaum daran zu zweifeln, dass diese drei Arten des Hasses nicht der Festigung des "pazifistisch-demokratischen Regimes" des modernen Imperialismus dienen werden.

Dieser Tage erließ der amerikanische Außenminister, der "Pazifist" und Koltschakanhänger Hughes, eine im Geiste der Schwarzhunderter gehaltene Deklaration gegen die Sowjetunion. Zweifellos lassen die Lorbeeren Poincarés Hughes nicht schlafen. Es lässt sich aber wohl kaum bezweifeln, dass die im Geiste der Schwarzhunderter gehaltene pazifistische Deklaration Hughes´ nur dazu dienen wird, den Einfluss und das Ansehen der Sowjetunion unter den werktätigen Massen der ganzen Welt weiter zu stärken.

Das sind die grundlegenden Momente, die die gegenwärtige internationale Lage kennzeichnen.

"Bolschewik" Nr. 11, 20. September 1924.

Unterschrift: J. Stalin.

Über die nächsten Aufgaben der Partei auf dem Lande

Seite 270 - 279

Rede in der Beratung der Sekretäre der Dorfzellen beim ZK der KPR(B), 22. Oktober 1924

[Anmerkung 65]

Die Mängel in den Berichten der Ortsorganisationen

Genossen!

Ich möchte vor allem auf die Mängel in den Berichten, die wir hier angehört haben, eingehen. Ich denke, dass zwei Hauptmängel zu verzeichnen waren.

Der erste Mangel besteht darin, dass die Delegierten ständig von den Arbeitserfolgen sprachen, die Mängel unserer Arbeit auf dem Lande - und ihrer gibt es eine große Menge - jedoch fast gar nicht erwähnten. Man berechnete die Dauer der Parteizugehörigkeit, stellte fest, wer wann geboren wurde, wieviel Mitglieder die Zelle hat und anderes, aber von den Mängeln unserer Arbeit wurde fast nicht gesprochen. Indessen ist die Frage der Mängel unserer Arbeit auf dem Lande die Grundfrage unserer praktischen Arbeit. Daher waren die Berichte - entschuldigen Sie den Ausdruck - etwas bürokratisch angehaucht. Ein beliebiger Zuhörer, der als Unbeteiligter hinzukäme, könnte glauben, dass hier Leute zusammengekommen sind, um vor dem ZK Rechenschaft abzulegen, und nun sagen: "Die Arbeit verläuft befriedigend" oder "Alles ist in bester Ordnung". So geht es nicht, Genossen, denn wir alle wissen - sowohl wir als auch Sie - dass weder bei Ihnen draußen noch bei uns im ZK mit der Arbeit alles in bester Ordnung ist.

Der zweite Mangel der Berichte besteht darin, dass in ihnen hauptsächlich von den Zellen selbst, von ihren Stimmungen gesprochen wird, die Stimmungen der Millionen parteiloser Bauern aber aus irgendeinem Grunde außer acht gelassen werden. Die Kommunisten, so zeigt sich, sind vor allem mit sich selbst beschäftigt: wie es um das innere Leben der Zellen bestellt ist, wieviel Vorträge gehalten wurden, was für eine Propaganda betrieben wird usw. Die Kommunisten, so zeigt sich, sehen hauptsächlich sich selbst und vergessen, dass sie von einem Ozean Parteiloser umgeben sind, ohne deren Unterstützung die ganze Arbeit der Zellen Gefahr läuft, sich in pure Stümperei zu verwandeln. Welcher Art das gegenseitige Verhältnis zwischen den Parteiorganisationen und der parteilosen Masse ist, darüber wurde nichts oder fast nichts gesagt. Man darf nicht nur sich selbst sehen. Man muss vor allem die Millionen parteiloser Bauern im Auge haben, ihre Nöte und Wünsche kennen lernen, ihren Bedürfnissen und Stimmungen Rechnung tragen. Daher die Trockenheit und der etwas bürokratische Charakter der Berichte.

Diese beiden Hauptmängel wollte ich hervorheben, damit die Genossen dies zur Kenntnis nehmen.

Ich bitte nochmals um Entschuldigung, Genossen, wegen der Wahrheit, die ich Ihnen gesagt habe. Aber ich bitte Sie sehr, auch uns die Wahrheit über die Mängel und Fehler in der Arbeit des ZK zu sagen.

Und jetzt zur Sache.

Der Hauptmangel der Partei - die Schwäche der Parteiarbeit auf dem Lande

Worin besteht der Hauptmangel unserer Partei gegenwärtig unter den Verhältnissen der NÖP, da die politische Aktivität der Bauernschaft gewachsen ist und da von der Partei weit mehr verlangt wird als, sagen wir, vor zwei Jahren?

Der Hauptmangel unserer Partei besteht darin, dass unsere Parteiarbeit auf dem Lande schwach ist, dass sie nicht richtig in Fluss gekommen ist, dass sie ein unerfreuliches Bild bietet. Woher kommt diese Schwäche? Woraus erklärt sich die Tatsache, dass die Parteiarbeit in den Städten mit Volldampf vorangeht, während sie im Dorf auf beiden Beinen hinkt? Entwickelt sich denn die Landwirtschaft nicht? Hat sich denn die Lage der Bauern in diesen zwei Jahren nach Aufhebung der Ablieferungspflicht nicht gebessert? Erleichtert denn das Wachsen der Industrie und die Zufuhr von städtischen Erzeugnissen nicht die Lage der Bauern? Hat denn die feste Währung nicht die Lage der Bauern erleichtert? Woher also eine solche Schwäche unserer Parteiarbeit auf dem Lande? Wer diese Frage beantworten will, der muss vor allem eine andere Frage beantworten: Woher kommt die Stärke unserer Partei in den Städten?

Worin besteht die Stärke unserer Partei - in den Städten?

Worin besteht also die Stärke unserer Partei in den Städten? Die Hauptstärke unserer Partei besteht darin, dass die Partei bei uns in den Städten von einem breiten Kreis eines parteilosen Aktivs umgeben ist, bestehend aus mehreren Hunderttausend Arbeitern, eines Aktivs, das eine Brücke zwischen der Partei und den Millionenmassen der Arbeiterklasse bildet. Die Stärke unserer Partei in den Städten besteht darin, dass zwischen der Partei und der Millionenmasse der Arbeiter nicht eine Scheidewand besteht, sondern eine Verbindungsbrücke, nämlich das parteilose Aktiv der Arbeitermasse, das mehrere Hunderttausend Menschen umfasst. Die Partei schöpft Kräfte aus diesem Aktiv. Durch dieses Aktiv wird das Vertrauen der Massen zur Partei geschmiedet. Sie haben davon gehört, dass sich vor einem halben Jahr mehr als 200000 Arbeiter in unsere Partei eingereiht haben. Woher sind sie gekommen? Aus dem parteilosen Aktiv, das unsere Partei mit einer Atmosphäre des Vertrauens umgibt, sie mit der übrigen parteilosen Masse verbindet. Das parteilose Aktiv ist folglich nicht nur eine Verbindungsbrücke, sondern auch das reichhaltigste Reservoir, aus dem unsere Partei neue Kräfte schöpft. Ohne ein solches Aktiv wäre eine Entwicklung unserer Partei unmöglich. Die Partei wächst und erstarkt, wenn um die Partei herum eine breite Schicht des parteilosen Aktivs wächst und erstarkt. Die Partei siecht dahin und verkümmert, wenn ein solches Aktiv fehlt.

Worin besteht die Schwäche unserer Arbeit auf dem Lande?

Worin besteht also die Schwäche unserer Parteiarbeit auf dem Lande?

Darin, dass die Partei auf dem Lande nicht über eine breite Schicht eines parteilosen Bauernaktivs verfügt, das sie mit den vielen Millionen der werktätigen Bauernschaft unseres Landes zu verbinden vermag.

Wie liegen die Dinge in den Dörfern? Da ist das schmale Band der Parteizellen in den Dörfern. Sodann ein ebenso schmales Band parteiloser Bauern, die mit der Partei sympathisieren. Dahinter aber erstreckt sich der Ozean der Parteilosen, der vielen Millionen Bauern, die das schmale Band des parteilosen Aktivs nicht mit der Partei verbindet und nicht verbinden kann. Daraus erklärt sich denn auch, dass dieses Band nicht hält, des Öfteren reißt, und statt einer Verbindungsbrücke entsteht mitunter eine Scheidewand zwischen der Partei und den parteilosen Massen auf dem Lande.

Die Hauptaufgabe - um die Partei ein Bauernaktiv schaffen

Darum besteht die Hauptaufgabe unserer Partei auf dem Lande darin, ein starkes parteiloses Aktiv aus einigen Hunderttausend Bauern zu schaffen, das die Partei mit den vielen Millionen werktätiger Bauern zu verbinden vermag. Genossen! Entweder wir schaffen ein solches Aktiv und gleichen dadurch die Lage unserer Partei auf dem Lande ihrer Lage in der Stadt an, und dann werden uns keine Fragen und keine Schwierigkeiten schrecken, oder wir schaffen ein solches Aktiv nicht, und dann wird unsere ganze Arbeit auf dem Lande auf beiden Beinen hinken. Hier liegt jetzt der Schwerpunkt unserer ganzen Arbeit. Ohne ein solches zahlenmäßig unbedingt starkes und unbedingt aus wirklichen Bauern bestehendes Aktiv ist unsere Partei auf dem Lande zu chronischer Schwäche verurteilt. Natürlich ist das eine schwere Aufgabe, und in einem Jahr lässt sich ein solches Aktiv nicht schaffen. Aber geschaffen muss es werden, und je eher wir damit beginnen, umso besser.

Die Sowjets müssen belebt werden

Wie können wir aber dieses Aktiv schaffen? Wie können wir zur Lösung dieser Aufgabe gelangen? Zu glauben, dass wir zur Lösung dieser Aufgabe mit propagandistischen Redensarten, mit dem Buch in der Hand, gelangen könnten, hieße, sich ganz gewaltig täuschen. Eine breite Schicht eines parteilosen Bauernaktivs um die Partei zu schaffen ist nur möglich im Verlauf einer auf die praktischen Bedürfnisse des Dorfes eingestellten Massenarbeit, im Verlauf eines groß angelegten Sowjetaufbaus im Dorfe, durch Heranziehung der Bauernschaft zur Verwaltung des Amtsbezirks, Rayons, Kreises und Gouvernements. Die Sowjets beleben, ihnen auf die Beine helfen, die besten Elemente der Bauernschaft in die Sowjets einbeziehen - das ist der Weg, den wir beschreiten müssen, um ein breites Aktiv aus parteilosen Bauern zu schmieden.

Lenin sagte, dass die Sowjets Organe des Zusammenschlusses der Arbeiter und Bauern sind, Organe, durch die die Arbeiter die Führung über die Bauern ausüben. Und wenn wir erreichen wollen, dass die politische Aktivität der werktätigen Bauernschaft nicht der Führung der Arbeiter entgleitet, müssen wir alle Maßnahmen ergreifen, um die Bauernschaft in die Sowjets einzubeziehen, um die Sowjets zu beleben und ihnen auf die Beine zu helfen, um die politische Aktivität der Bauernschaft unbedingt in Teilnahme an der Verwaltung des Landes ausmünden zu lassen. Nur im Verlauf einer solchen Arbeit kann die Bauernschaft breite Kader eines parteilosen Aktivs stellen. Nur aus einem solchen Aktiv kann die Partei Zehntausende Parteimitglieder im Dorfe auswählen.

Das Herangehen an die Bauernschaft muss geändert werden

Für die Belebung der Sowjets aber ist vor allem eine Bedingung unerlässlich. Dazu ist notwendig, dass das Herangehen an die Bauern von Grund aus geändert wird. Worin aber besteht diese Änderung? Darin, dass der Kommunist lernen muss, an den Parteilosen als Gleicher an einen Gleichen heranzugehen. Darin, dass er nicht kommandiert, sondern aufmerksam auf die Stimme der Parteilosen lauscht. Darin, dass er die Parteilosen nicht nur lehrt, sondern auch von ihnen lernt. Und wir können so manches von den Parteilosen lernen. Das gegenseitige Verhältnis zwischen den Parteimitgliedern und den Parteilosen ist eine überaus wichtige Frage unserer Parteipraxis. Lenin definiert dieses gegenseitige Verhältnis mit einem Wort: gegenseitiges Vertrauen. Der parteilose Bauer kann aber kein Vertrauen haben, wenn man nicht versteht, an ihn als Gleicher an einen Gleichen heranzugehen. In solchen Fällen entsteht statt Vertrauen Misstrauen, wobei die Sache nicht selten damit endet, dass zwischen der Partei und den Parteilosen eine Scheidewand entsteht, die Partei sich von den Massen loslöst und der Zusammenschluss der Arbeiter und Bauern sich in sein Gegenteil verkehrt.

Die Lehren des Aufstands in Georgien

Ein lebendiges Beispiel für eine solche Wendung der Dinge war vor kurzem der georgische Aufstand.[Anmerkung 66] In unseren Zeitungen schreibt man von inszenierten Aktionen in Georgien. Das ist richtig, denn insgesamt gesehen war der Aufstand in Georgien ein künstlicher, war es kein Volksaufstand. Es gelang jedoch den Menschewiki an einigen Orten, infolge der schlechten Verbindung der Kommunistischen Partei mit der Masse, einen Teil der bäuerlichen Masse in den Aufstand hineinzuziehen. Es ist bezeichnend, dass in diesen Gegenden die kommunistischen Kräfte am stärksten vertreten sind. In diesen Gegenden gibt es verhältnismäßig viel mehr Kommunisten als in den übrigen. Und hier haben nun die Leute überhört, übersehen, nicht bemerkt, dass es unter den Bauern gärt, dass die Bauern sich auf irgend etwas vorbereiten, dass unter ihnen Unzufriedenheit aufkommt, dass sie sich von Tag zu Tag anhäuft, die Partei aber hat nichts davon gewusst. Die Orte, in denen die Kommunisten am stärksten vertreten sind, waren, wie sich zeigte, von den Stimmungen, dem Sinnen und Trachten der parteilosen Bauernschaft am meisten losgelöst. Darin liegt der Kern der Frage.

Wieso konnte es zu diesem Widersinn kommen? Eben weil die Kommunisten es nicht verstanden haben, an die Bauern auf Leninsche Weise heranzugehen, weil sie statt einer Atmosphäre des Vertrauens eine Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens schufen und auf diese Weise die Partei von den parteilosen Bauern loslösten. Es ist interessant, dass einer der aktivsten Funktionäre Georgiens diesen Widersinn mit der Schwäche der örtlichen Sowjets und mit der Loslösung der Partei von den Parteilosen begründet. "Zweifellos", sagt er, "muss die allerwichtigste Ursache dafür, dass wir die zunehmende Bewegung übersehen konnten, in der Schwäche der örtlichen Sowjets gesucht werden." Lenin sagt, dass die Sowjets das sicherste Barometer, der sicherste Gradmesser für die Stimmung der Bauernschaft sind. Und gerade dieses Barometer befand sich in einigen Kreisen Georgiens nicht in den Händen der Kommunistischen Partei.

Genossen, wir müssen die Ereignisse in Georgien als bezeichnend betrachten. Das, was in Georgien passiert ist, kann sich in ganz Rußland wiederholen, wenn wir das Herangehen an die Bauernschaft nicht von Grund aus ändern, wenn wir nicht eine Atmosphäre des vollen Vertrauens zwischen der Partei und den Parteilosen schaffen, wenn wir nicht auf die Stimme der Parteilosen lauschen und schließlich, wenn wir nicht die Sowjets beleben, um der politischen Aktivität der werktätigen Massen der Bauernschaft Spielraum zu verschaffen.

Eins von beiden: Entweder wir bringen es fertig, richtig, auf Leninsche Art, an die parteilosen Bauern heranzugehen, um die wachsende politische Aktivität der Bauernschaft in die Bahnen des Sowjetaufbaus zu lenken und auf diese Weise die Führung der Bauern durch die Arbeiter zu sichern, oder wir bringen das nicht fertig, und dann wird die politische Aktivität der Massen an den Sowjets vorbeigehen, sich über die Sowjets hinwegsetzen und in Banditenaktionen vom Schlage des Aufstands in Georgien ausmünden.

So steht die Frage, Genossen.

Ein feinfühliges Herangehen an die Bauernschaft ist notwendig

Um zu charakterisieren, wie wenig feinfühlig man zuweilen an die Bauern herangeht, müssen einige Worte über die antireligiöse Propaganda gesagt werden. Zuweilen betrachten manche Genossen die Bauern als materialistische Philosophen und glauben, man brauche ihnen nur einen Vortrag über Naturwissenschaft zu halten, um den Bauern davon zu überzeugen, dass es keinen Gott gibt. Sie begreifen oft nicht, dass der Bauer Gott vom Standpunkt seiner Wirtschaft aus betrachtet, das heißt, der Bauer ist mitunter nicht abgeneigt, Gott den Rücken zu kehren, aber oft wird er von Zweifeln geplagt: "Wer weiß, vielleicht gibt es doch einen Gott; es wird wohl besser sein, sich sowohl mit den Kommunisten als auch mit Gott gut zu stellen, damit meine Wirtschaft besser gedeiht." Wer diese Besonderheit der Bauernmentalität nicht in Betracht zieht, der hat nichts von der Frage des gegenseitigen Verhältnisses zwischen Parteimitgliedern und Parteilosen begriffen, der hat nicht begriffen, dass in Fragen der antireligiösen Propaganda eine vorsichtige Einstellung selbst zu den Vorurteilen des Bauern erforderlich ist.

Die Hauptaufgaben der Partei

Wir kommen also zu folgenden Schlussfolgerungen:

1. Der Hauptmangel der Parteiarbeit auf dem Lande besteht im Fehlen eines breiten parteilosen Bauernaktivs zwischen der Partei und den vielen Millionen parteiloser Bauern.

2. Die nächste Aufgabe der Partei besteht darin, um die Partei im Dorfe ein solches Aktiv zu schaffen, aus dem die Partei neue Kräfte schöpfen kann.

3. Die Schaffung dieses Aktivs ist nur möglich durch die Belebung der Sowjets und durch die Heranziehung der Bauernschaft zur Verwaltung des Landes.

4. Zur Belebung der Sowjets ist eine radikale Änderung des Herangehens an die parteilosen Bauern, der Verzicht auf das Kommandieren sowie die Schaffung einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens zwischen den Parteimitgliedern und den Parteilosen erforderlich.

Das sind die Aufgaben der Partei.

Die Voraussetzungen für die Arbeit

Liegen Voraussetzungen vor, die für die Verwirklichung dieser Aufgaben günstig sind? Unbedingt ja. Solcher Voraussetzungen - ich habe die wichtigsten von ihnen im Auge - gibt es drei.

Erstens. Die wachsende politische Aktivität der Dorfarmut. Wir müssen das Augenmerk auf einige Besonderheiten der landwirtschaftlichen Entwicklung richten. Während die Entwicklung der Industrie die Arbeiter zusammenschließt, die Deklassierung der Arbeiterklasse beseitigt und die Arbeiterklasse als ein Ganzes wiedererstehen lässt, führt im Dorfe die Entwicklung der Landwirtschaft dagegen zum Zerfall, zur Differenzierung der Bauernschaft, zur Bildung zweier Lager: des Lagers der Kulaken, die die Kommandopositionen im Dorfe besetzen wollen, und des Lagers der Dorfarmut, die Verbündete gegen den Kulaken sucht. Zweifellos wird die Belebung der Sowjets zur Folge haben, dass sich die wachsende Aktivität der Dorfarmut auf die Schaffung einer von den Arbeitern geführten Einheitsfront gegen das Unwesen des Kulaken, Spekulanten und Wucherers richten wird.

Zweitens. Die Schaffung eines lokalen Haushalts als der materiellen Grundlage für die Belebung der Sowjets. Es erübrigt sich zu betonen, dass der Haushalt, die Erhebung der Steuern und die Art ihrer Verwendung für die Bauernschaft Fragen von erstrangiger Bedeutung sind. Daher gewinnt die Beteiligung der Bauernschaft am Sowjetaufbau jetzt eine viel aktuellere Bedeutung als je zuvor.

Drittens. Die rechtzeitige Hilfe, die die Sowjetmacht den von einer Hungersnot heimgesuchten Gebieten unseres Landes erwiesen hat. Diese Hilfe schuf unter der Bauernschaft zweifellos eine Atmosphäre des Vertrauens zur Sowjetmacht. Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass diese Atmosphäre es erleichtern wird, die Sowjets zu beleben.

Die Hauptsache - Wahrung der Verbindung mit den millionen Parteilosen

So hat unsere Partei nicht nur bestimmte aktuelle Aufgaben auf dem Lande zu erfüllen, es gibt auch eine Reihe von günstigen Voraussetzungen, die die Erfüllung dieser Aufgaben erleichtern. Es kommt jetzt darauf an, einmütig die Erfüllung dieser Aufgaben in Angriff zu nehmen.

Dabei dürfen wir die unsterblichen Worte Lenins nicht vergessen, dass die Kraft unserer Partei in der Wahrung des lebendigen Kontakts zwischen der Partei und den Millionenmassen der Parteilosen besteht, dass unsere Erfolge um so dauerhafter sein werden, je lebendiger dieser Kontakt ist. Er sagte diese Worte auf dein XI. Parteitag unserer Partei. Hier sind sie:

"In der Volksmasse sind wir (Kommunisten. J. St.) doch nur ein Tropfen im .Meer, und wir können nur dann regieren, wenn wir das Bewusstsein des Volkes richtig zum Ausdruck bringen. Andernfalls wird die Kommunistische Partei nicht das Proletariat führen und das Proletariat nicht die Massen führen, und die ganze Maschinerie wird zerfallen."[Anmerkung 67]

"Prawda" Nr. 242, 23. Oktober 1924.

Über die Aufgaben der Partei auf dem Lande

Seite 280 - 286

Rede auf dem Plenum des ZK der KPR(B), 26. Oktober 1924

[Anmerkung 68]

Genossen!

Da die Genossen, die vor mir aufgetreten sind, ziemlich ausführlich über die Arbeit auf dem Lande gesprochen haben, werde ich mich auf einige Bemerkungen über die Besonderheiten der gegenwärtigen Lage beschränken.

Worin bestehen die Besonderheiten der gegenwärtigen Situation vom Standpunkt der Lage der Bauern?

Die erste Besonderheit besteht darin, dass das alte Kapital, das moralische Kapital, das wir im Kampf für die Befreiung der Bauern vom Gutsherrn erworben haben, sich bereits zu erschöpfen beginnt. Manche Genossen sagen: "Aus welchem Anlass wird ein solches Geschrei um die Arbeit unter der Bauernschaft erhoben? Wir haben schon wiederholt über die Bauernschaft gesprochen, wir haben die Bauern niemals vergessen - warum nun dieses Geschrei um die Bauernschaft?" Aber diese Genossen verstellen anscheinend nicht, dass das alte, in den Perioden des Oktober und der Aufhebung der Ablieferungspflicht angesammelte moralische Kapital unserer Partei bereits versiegt. Sie verstehen nicht, dass wir jetzt neues Kapital brauchen. Wir müssen für die Partei neues Kapital unter den Bedingungen des neuen Kampfes schaffen. Wir müssen die Bauernschaft erneut gewinnen. Darin besteht die Frage. dass wir dem Bauern geholfen haben, den Gutsherrn abzuschütteln und Grund und Boden zu bekommen, dass wir den Krieg beendet haben, dass es keinen Zaren mehr gibt und dass zusammen mit dem Zaren die übrigen zaristischen Skorpione hinweggefegt worden sind - all das haben die Bauern bereits vergessen. Mit diesem alten Kapital kann man nun nicht mehr lange auskommen. Wer das nicht verstanden hat, der hat nichts von der neuen Situation, von den neuen Verhältnissen der NÖP verstanden. Wir erobern die Bauernschaft erneut - das ist die erste Besonderheit unserer inneren Lage.

Hieraus folgt aber, dass es nicht nur nicht überflüssig ist, erneut von der Bauernschaft zu sprechen, sondern auch, dass man sich damit sogar etwas verspätet hat.

Die zweite Besonderheit besteht darin, dass sich in dieser Periode unsere Hauptklassen - die Arbeiter und die Bauern - verändert haben, dass sie andere geworden sind. Früher war das Proletariat deklassiert, zersplittert, die Bauernschaft aber war von dem Wunsch durchdrungen, das den Gutsbesitzern weggenommene Land in ihren Händen zu behalten und den Krieg gegen die Gutsbesitzer zu gewinnen. So war es früher. Jetzt haben wir eine andere Lage. Wir haben keinen Krieg mehr. Die Industrie wächst. Die Landwirtschaft entwickelt sich. Das heutige Proletariat ist nicht mehr eine deklassierte Arbeiterklasse, sondern ein Proletariat voller Lebenskraft, dessen Kulturniveau und dessen Bedürfnisse von Tag zu Tag steigen. Was die Bauernschaft betrifft, so ist sie nicht mehr die alte, geplagte Bauernschaft, die von der Angst ergriffen war, sie könnte ihren Grund und Boden verlieren, und die um der Befreiung vom Gutsherrn willen zu allen Opfern bereit war. Es ist eine neue Klasse, frei und aktiv, eine Klasse, die den Gutsherrn bereits vergessen hat und jetzt darauf bedacht ist, billige Waren zu erhalten und ihr Getreide möglichst teuer abzusetzen. Ihr Wesenszug ist wachsende politische Aktivität. Jetzt darf man nicht mehr davon sprechen, dass "die Partei alles in Ordnung bringt", dass "die Partei alles für alle regelt". Solche Reden würden jetzt weder die Bauern noch viel weniger die Arbeiter verstehen. Jetzt muss man tiefer in die Massen gehen, jetzt muss man mehr als früher erläutern, erklären, überzeugen. Jetzt muss man das Vertrauen der Millionen Parteilosen erneut gewinnen und dieses Vertrauen organisatorisch - vor allem über die Sowjets - festigen. Die verstärkte politische Aktivität der Massen fordert das.

Aber nicht nur die Klassen haben sich verändert. Verändert hat sich auch das Kampffeld, denn es ist ein anderes, ein völlig anderes geworden. Worum ging der Kampf früher? Ist die Ablieferungspflicht notwendig, oder ist sie nicht notwendig? Noch früher war es darum gegangen, ob der Gutsherr notwendig oder nicht notwendig ist. Jetzt sind diese Fragen bereits erledigt, denn es gibt weder den Gutsherrn mehr noch die Ablieferungspflicht. Jetzt geht es nicht um den Gutsherrn und um die Ablieferungspflicht, sondern um die Getreidepreise. Das ist ein völlig neues Kampffeld, ein ausgedehntes und sehr kompliziertes Kampffeld, das ein ernstliches Studium und einen ernstlichen Kampf erfordert. Jetzt geht es nicht einmal mehr um die Steuern, denn der Bauer würde Steuern zahlen, wenn die Getreidepreise "genügend hoch" wären und wenn die Preise für Textilwaren und andere städtische Erzeugnisse "genügend" gesenkt würden. Die Grundfragen sind jetzt der Markt und die Preise für städtische Waren und für landwirtschaftliche Produkte.

Folgendes schreibt der Sekretär des Gouvernementskomitees von Gomel an das ZK:

"In drei Amtsbezirken kam es zu einer Massenweigerung, die Veranlagungslisten anzunehmen. Die Steuern gingen in einem Tempo ein, das nur ein Drittel des vorgesehenen ausmachte. Die Parteilosenkonferenzen, die in den Amtsbezirken abgehalten wurden, verliefen so stürmisch, dass einige geschlossen werden mussten, in anderen wurde ein Abänderungsantrag angenommen, das Zentrum um Senkung der Steuern und Erhöhung der Getreidepreise zu bitten. Ich weiß nicht, wie die Lage in den anderen Gouvernements ist, aber die Lage in unserem Gouvernement entspricht nicht den Schlussfolgerungen, die Sie" (das heißt ich) "in dem letzten vertraulichen Brief ziehen. Unsere örtlichen Funktionäre sind keiner besonders guten Stimmung. Das Dorf gleicht einem aufgescheuchten Bienenschwarm, alles spricht über die Steuer und über die Getreidepreise."

Ebensolche Mitteilungen erhielt das ZK aus Sibirien, aus dem Südosten, aus den Gouvernements Kursk, Tula, Nishni-Nowgorod, Uljanowsk und anderen.

Der Sinn aller dieser Mitteilungen besteht darin, dass unsere Preispolitik den Bauern beengt und dass er die Hebel zur Durchführung dieser Preispolitik, ohne die unsere Industrie keinen Schritt vorankommen könnte, schwächen oder sogar ganz beseitigen möchte. Der Bauer sagt

uns gleichsam: "Ihr fürchtet, die Preise für städtische Erzeugnisse bis zum äußersten zu senken, ihr befürchtet einen Zustrom ausländischer Waren, deshalb habt ihr alle möglichen Zollschranken geschaffen, die unsere junge Industrie vor der Konkurrenz schützen, aber was geht mich eure Industrie an, ich verlange billige Waren, woher sie auch kommen mögen." Oder weiter: "Ihr fürchtet, die Getreidepreise zu erhöhen, weil ihr befürchtet, dass dadurch der Arbeitslohn untergraben würde, deshalb habt ihr alle möglichen Beschaffungsorgane ausgeklügelt, das Außenhandelsmonopol und anderes geschaffen, aber was gehen mich eure Schranken und Hebel an, ich verlange hohe Getreidepreise."

Das ist der Sinn des Kampfes auf dem Gebiet der Preispolitik. Besonders bezeichnend ist in dieser Hinsicht der letzte Aufstand in Georgien. Dieser Aufstand war natürlich inszeniert, aber in einigen Kreisen, besonders im Kreise Gurien, trug er zweifellos Massencharakter. Was wollten die Bauern in Gurien erreichen? Billige Waren und hohe Preise für Mais. Gurien grenzt an den Westen, es sieht, dass die ausländischen Waren viel billiger sind als unsere sowjetischen Waren, und es möchte, dass die Preise für unsere Waren zumindest auf den Stand der ausländischen Preise gesenkt oder dass die Maispreise so weit erhöht werden, dass ein vorteilhafter Kauf sowjetischer Waren gewährleistet würde. Das ist die ökonomische Grundlage des gurischen Aufstands in Georgien. Eben deshalb ist dieser Aufstand für die neuen Kampfbedingungen im ganzen Sowjetland bezeichnend. Und deshalb lässt sich der Aufstand in Georgien nicht mit dem Aufstand in Tambow gleichsetzen, bei dem es nicht um die Preise für Industriewaren und landwirtschaftliche Erzeugnisse ging, sondern um die Aufhebung der Ablieferungspflicht.

Inspiratoren dieses neuen Kampfes gegen die sowjetische Preispolitik auf dem Markt und im Dorf sind die Kulaken, Spekulanten und andere sowjetfeindliche Elemente. Sie, diese Elemente, sind bemüht, die Millionenmassen der Bauernschaft von der Arbeiterklasse loszulösen und auf diese Weise die Diktatur des Proletariats zu unterhöhlen. Daher besteht unsere Aufgabe darin, die Kulaken und Spekulanten zu isolieren, die werktätige Bauernschaft von ihnen loszulösen, sie in den Sowjetaufbau einzubeziehen und so ihrer politischen Aktivität freie Bahn zu schaffen. Wir können das tun, und wir tun das bereits, weil die werktätigen Massen der Bauernschaft und besonders die Dorfarmut interessiert sind an dem Bündnis mit den Arbeitern, an der Aufrechterhaltung der Diktatur des Proletariats und also auch an der Aufrechterhaltung der ökonomischen Hebel, die für die Diktatur unerlässlich sind.

Was ist hierfür notwendig? Vor allem ist es notwendig, sich darum zu bemühen, auf dem Lande zahlreiche Kader parteiloser Bauern um die Partei zu schaffen, die unsere Partei mit den Millionen Bauern zu verbinden vermögen. Ohne das kann gar keine Rede davon sein, die Bauernschaft von den Kulaken und Spekulanten loszulösen, die vielen Millionen Bauern zu gewinnen und sie für die Partei zu sichern. Das ist natürlich ein schwieriges Werk. Aber Schwierigkeiten können für uns kein unüberwindbares Hindernis sein. Zur Unterstützung unserer Zellen müssen Hunderte und vielleicht Tausende erfahrener Funktionäre (es geht dabei nicht um die Anzahl) ins Dorf entsandt werden, Funktionäre, die das Dorf kennen und imstande sind, die parteilosen Bauern zu mobilisieren und zu einem Aktiv zusammenzufassen. Dabei muss das natürliche Misstrauen der Bauern gegenüber Städtern, das es auf dem Lande immer noch gibt und das wahrscheinlich nicht so bald verschwinden wird, berücksichtigt werden. Sie wissen, wie der Bauer einem Fremden aus der Stadt begegnet, besonders wenn dieser noch sehr jung ist: "Da kommt noch ein Tagedieb aus der Stadt, der uns nur übers Ohr hauen will." Das ist daraus zu erklären, dass der Bauer vor allem demjenigen glaubt, der selbst eine Wirtschaft hat und sich mehr oder weniger auf die Wirtschaft versteht. Daher denke ich, im Mittelpunkt unserer Tätigkeit auf dem Lande muss die Arbeit stehen, durch die ein richtiges Bauernaktiv, aus dem die Partei neue Kräfte schöpfen kann, geschaffen wird.

Aber wie ist das zu machen? Meiner Meinung nach müssen dazu vor allem die Sowjets belebt werden. Alles Lebendige, Ehrliche, Tatkräftige, Bewusste, besonders frühere Rotarmisten, die die bewusstesten und tatkräftigsten unter den Bauern sind, müssen zur Arbeit in den Sowjets herangezogen werden. Warum gerade in den Sowjets? Erstens, weil die Sowjets Machtorgane sind, die Heranziehung der werktätigen Bauernschaft zur Verwaltung des Landes aber die nächste Aufgabe der Partei ist. Zweitens, weil die Sowjets Organe des Zusammenschlusses der Arbeiter und Bauern, Organe zur Führung der Bauern durch die Arbeiter sind, die Führung der Bauern durch die Arbeiter jetzt aber notwendiger ist als je zuvor. Drittens, weil in den Sowjets der örtliche Haushalt ausgearbeitet wird und der Haushalt für die Bauernschaft eine lebenswichtige Frage ist. Endlich, weil die Sowjets das sicherste Barometer für die Stimmungen der Bauernschaft sind, auf die Stimme der Bauernschaft aber muss man unbedingt lauschen. Auf dem Lande gibt es auch andere im höchsten Maße wichtige parteilose Organisationen wie die Bauernkomitees, die Genossenschaften, die Organe des Kommunistischen Jugendverbands. Es besteht jedoch die Gefahr, dass diese Organisationen unter bestimmten Bedingungen zu rein bäuerlichen Vereinigungen werden, die sich von den Arbeitern loslösen könnten. Damit das nicht geschieht, muss die Arbeit dieser Organisationen durch die Sowjets koordiniert werden, in denen die Führung der Bauern durch die Arbeiter schon allein auf Grund der Struktur der Sowjets gewährleistet ist. Daher ist die Belebung der Sowjets jetzt, da die Organisationen der Bauern wie die Pilze nach dem Regen wachsen, eine Aufgabe von erstrangiger Bedeutung.

Vor kurzem rief ich in einer Beratung der Dorfzellen die. Genossen zu schonungsloser Kritik an den Mängeln unserer Parteiarbeit auf dem Lande auf. Das löste einige Unzufriedenheit aus. Wie sich zeigt, gibt es Kommunisten, die Kritik fürchten, die die Mängel unserer Arbeit nicht aufdecken wollen. Das ist gefährlich, Genossen. Ich möchte noch mehr sagen: Die Furcht vor Selbstkritik oder vor der Kritik durch Parteilose ist jetzt die gefährlichste Krankheit. Denn eins von beiden: Entweder kritisieren wir uns selbst und lassen die Parteilosen unsere Arbeit kritisieren - dann werden wir hoffen können, dass unsere Arbeit auf dem Lande voranschreitet; oder wir lassen eine solche Kritik nicht zu - und dann werden wir von den Ereignissen kritisiert, Ereignissen von der Art der Aufstände in Kronstadt, in Tambow, in Georgien. Ich denke, die Kritik der ersten Art ist der Kritik der zweiten Art vorzuziehen. Daher dürfen wir Kritik nicht fürchten weder von seiten der Parteimitglieder und erst recht nicht von seiten der Parteilosen.

Zuerst veröffentlicht in dem Buch: J. Stalin. Die Bauernfrage.

Moskau/Leningrad 1925.

Eintragung in das Rote Buch der "Dynamo"-Werke

Seite 287

Ich wünsche den Arbeitern der "Dynamo"-Werke und ebenso den Arbeitern ganz Rußlands, dass es mit unserer Industrie bergauf gehe, dass die Zahl der Proletarier Rußlands in der nächsten Periode auf 20 bis 30 Millionen ansteige, dass der kollektive Wirtschaftsbetrieb im Dorfe aufblühe und die private Wirtschaft seinem Einfluss unterordne, dass die hoch entwickelte Industrie und der kollektive Wirtschaftsbetrieb im Dorfe die Proletarier der Fabriken und die Werktätigen auf dem Lande endgültig zu einer sozialistischen Armee zusammenschweiße...

J. Stalin

7. XI. 1924.

Zuerst veröffentlicht in der "Prawda", Nr. 152, 4. Juni 1930.

An die Erste Reiterarmee

Seite 288

Gruß der ruhmreichen Reiterarmee, dem Schrecken der weißgardistischen Legionen Krasnows und Denikins, Wrangels und Pilsudskis!

Gruß den Führern der Reiterarmee, dem Genossen Budjonny, dem roten Bauerngeneral, und dem Genossen Woroschilow, dem roten Arbeitergeneral!

Rote Kavalleristen! Eure roten Fahnen sind mit dem unvergänglichen Ruhm glänzender Siege an den Fronten des vierjährigen Bürgerkriegs bedeckt. Am Tage der Feier des fünften Jahrestags müsst ihr schwören, dass ihr diesen Fahnen bis zum Grabe treu bleibt, dass ihr eure Pflicht gegenüber dem sozialistischen Vaterland in Ehren erfüllen werdet, wenn der Wille der Arbeiterklasse euch zu neuen Kämpfen für den Sieg des Kommunismus ruft.

Euer J. Stalin

"Prawda" Nr. 261, 16. November 1924.

An die "Krestjanskaja Gaseta"

Seite 289

Gruß der "Krestjanskaja gaseta", der treuen Hüterin der großen Sache des Bündnisses der Arbeiter und Bauern! "Krestjanskaja gaseta"! Gedenke der drei Gebote:

1. Hüte deine Dorfkorrespondenten wie deinen Augapfel - sie sind deine Armee;

2. knüpfe noch festere Bande mit den ehrlichsten und bewusstesten Bauern, besonders mit den früheren Rotarmisten - sie sind deine Stütze;

3. bringe die Wahrheit ins Dorf und verkünde der ganzen Welt, verkünde ihr ohne Unterlass, dass die Befreiung der Bauern ohne das brüderliche Bündnis mit den Arbeitern undenkbar ist, dass der Sieg der Arbeit über das Kapital ohne die Führung der Bauern durch die Arbeiter unmöglich ist.

J. Stalin

"Krestjanskaja gaseta" (Bauernzeitung) Nr. 51, 17. November 1924.

Trotzkismus oder Leninismus?

Seite 290 - 319

Rede auf dem Plenum der kommunistischen Fraktion des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion, 19. November 1924, J. Stalin. Auf dem Wege zum Oktober.

Staatsverlag, 1925.

  • I. Die Tatsachen über den Oktoberaufstand
  • II. Die Partei und die Vorbereitung des Oktobers
  • III. Trotzkismus oder Leninismus?

Genossen!

Nach dem eingehenden Referat Kamenews bleibt mir nicht viel zu sagen übrig. Ich werde mich deshalb darauf beschränken, einige Legenden zu entlarven, die von Trotzki und seinen Gesinnungsgenossen über den Oktoberaufstand, über die Rolle Trotzkis beim Aufstand, über die Partei und die Vorbereitung des Oktober usw. verbreitet werden. Hierbei werde ich auch auf den Trotzkismus als eine spezifische, mit dem Leninismus unvereinbare Ideologie sowie auf die Aufgaben der Partei im Zusammenhang mit den letzten literarischen Ergüssen Trotzkis eingehen.

I. Die Tatsachen über den Oktoberaufstand

Zunächst über den Oktoberaufstand. Unter den Parteimitgliedern werden eifrig Gerüchte verbreitet, das ZK als Ganzes sei im Oktober 1917 angeblich gegen den Aufstand gewesen. Man pflegt zu erzählen, das ZK habe sich am 10. Oktober, als es den Beschluss fasste, den Aufstand zu organisieren, ursprünglich in seiner Mehrheit gegen den Aufstand ausgesprochen, dann aber sei ein Arbeiter in die Sitzung des ZK hineingestürzt und habe gerufen: "Ihr entscheidet euch gegen den Aufstand, ich aber sage euch, dass der Aufstand doch stattfinden wird, trotz alledem." Und erst nach diesen Drohungen soll das ZK, dem angeblich bange geworden sei, die Frage des Aufstands erneut aufgeworfen und den Beschluss, den Aufstand zu organisieren, gefasst haben.

Das ist kein einfaches Gerücht, Genossen. Darüber schreibt der bekannte John Reed in seinem Buch "Zehn Tage, die die Welt erschütterten", John Reed, der unserer Partei fern stand, der selbstverständlich die Geschichte unserer konspirativen Versammlung vom 10.Oktober nicht kennen konnte und infolgedessen auf die Lügenmärchen hereinfiel, die von den Herren Suchanow in die Welt gesetzt werden. Diese Mär wird dann in einer Reihe von Broschüren, die der Feder von Trotzkisten entstammen, wiedergegeben und wiederholt, unter anderem auch in einer der letzten Broschüren über den Oktober, die von Syrkin verfasst ist. Diese Gerüchte werden durch die letzten literarischen Ergüsse Trotzkis mit Eifer aufrechterhalten.

Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass alle diese und ähnlichen orientalischen Märchen nicht den Tatsachen entsprechen, dass sich in Wirklichkeit in der Sitzung des ZK nichts dergleichen ereignet hat und auch nicht ereignen konnte. Wir könnten deshalb an diesen unsinnigen Gerüchten vorbeigehen: es werden ja so viele Gerüchte in den Arbeitszimmern der Oppositionellen oder der Partei fern stehender Leute fabriziert. Bisher haben wir das auch tatsächlich getan, ohne zum Beispiel die Fehler John Reeds zu beachten und uns darum zu kümmern, dass diese Fehler richtig gestellt werden. Nach den letzten Ergüssen Trotzkis jedoch können wir nicht länger an solchen Legenden vorbeigehen, denn man bemüht sich jetzt, an Hand solcher Legenden die Jugend zu erziehen, und hat leider in dieser Beziehung bereits gewisse Resultate erzielt. Angesichts dessen muss ich diesen widersinnigen Gerüchten die wirklichen Tatsachen entgegenstellen.

Ich nehme die Protokolle der Sitzung des ZK unserer Partei vom 10. (23.) Oktober 1917. Anwesend sind: Lenin, Sinowjew, Kamenew, Stalin, Trotzki, Swerdlow, Uritzki, Dzierzynski, Kollontaj, Bubnow, Sokolnikow, Lomow. Es wird die Frage der gegenwärtigen Lage und des Aufstands erörtert. Nach der Diskussion wird über die Resolution des Genossen Lenin über den Aufstand abgestimmt. Die Resolution wird mit einer Stimmenmehrheit von 10 gegen 2 angenommen. Die Sache scheint klar zu sein: Das ZK beschließt mit einer Stimmenmehrheit von 10 gegen 2, zur unmittelbaren praktischen Arbeit an der Organisierung des Aufstands überzugehen. Das Zentralkomitee wählt in der gleichen Sitzung ein politisches Zentrum zur Leitung des Aufstands unter dem Namen Politisches Büro, bestehend aus: Lenin, Sinowjew, Stalin, Kamenew, Trotzki, Sokolnikow und Bubnow.

Das sind die Tatsachen.

Diese Protokolle zerstören mehrere Legenden auf einmal. Sie zerstören die Legende, das ZK sei in seiner Mehrheit gegen den Aufstand gewesen. Sie zerstören auch die Legende, das ZK habe in der Frage des Aufstands vor einer Spaltung gestanden. Aus den Protokollen ist klar ersichtlich, dass die Gegner des sofortigen Aufstands, Kamenew und Sinowjew, ebenso wie die Anhänger des Aufstands in das Organ zur politischen Leitung des Aufstands gewählt wurden. Von irgendeiner Spaltung war keine Rede und konnte auch keine Rede sein.

Trotzki versichert, wir hätten es im Oktober bei Kamenew und Sinowjew mit einem rechten Flügel unserer Partei, man könnte fast sagen, mit Sozialdemokraten zu tun gehabt. Unverständlich ist nur: Wie konnte es geschehen, dass die Partei in einem solchen Fall um eine Spaltung herumkam; wie konnte es geschehen, dass die Meinungsverschiedenheiten mit Kamenew und Sinowjew nur einige Tage anhielten; wie konnte es geschehen, dass diese Genossen trotz der Meinungsverschiedenheiten von der Partei auf äußerst wichtige Posten gestellt, in das politische Zentrum des Aufstands gewählt wurden usw.? Die Unerbittlichkeit Lenins gegenüber den Sozialdemokraten ist in der Partei hinreichend bekannt; die Partei weiß, dass Lenin sich auch nicht einen Augenblick lang damit einverstanden erklärt hätte, sozialdemokratisch gesinnte Genossen in der Partei, und noch dazu in wichtigsten Funktionen, zu dulden. Woraus ist es zu erklären, dass die Partei um eine Spaltung herumkam? Das erklärt sich daraus, dass wir es trotz der Meinungsverschiedenheiten bei diesen Genossen mit alten Bolschewiki zu tun hatten, die auf dem gemeinsamen Boden des Bolschewismus standen. Worin bestand dieser gemeinsame Boden? In der Einheit der Ansichten über die Grundfragen: über den Charakter der russischen Revolution, über die Triebkräfte der Revolution, über die Rolle der Bauernschaft, über die Grundlagen der Parteiführung usw. Ohne solch einen gemeinsamen Boden wäre eine Spaltung unvermeidlich gewesen. Zu einer Spaltung kam es nicht, und die Meinungsverschiedenheiten hielten nur einige Tage an, und zwar deshalb und nur deshalb, weil wir es bei Kamenew und Sinowjew mit Leninisten, mit Bolschewiki zu tun hatten.

Wenden wir uns nun der Legende über die besondere Rolle Trotzkis beim Oktoberaufstand zu. Die Trotzkisten streuen eifrigst Gerüchte aus, die besagen, der Inspirator und alleinige Führer des Oktoberaufstands sei Trotzki gewesen. Besonders eifrig werden diese Gerüchte von dem so genannten Redakteur der Schriften Trotzkis, Lenzner, ausgestreut. Trotzki selbst fördert mit oder ohne Absicht die Verbreitung von Gerüchten über eine besondere Rolle Trotzkis beim Aufstand, indem er systematisch die Partei, das ZK der Partei und das Petrograder Parteikomitee übergeht, die führende Rolle dieser Organisationen beim Aufstand verschweigt und sich selbst eifrigst als die zentrale Figur des Oktoberaufstands herausstreicht. Es liegt mir fern, die zweifellos wichtige Rolle Trotzkis beim Aufstand in Abrede stellen zu wollen. Doch muss ich sagen, dass Trotzki beim Oktoberaufstand keineswegs eine besondere Rolle gespielt hat noch spielen konnte, dass er als Vorsitzender des Petrograder Sowjets lediglich den Willen der entsprechenden Parteiinstanzen ausführte, die jeden Schritt Trotzkis leiteten. Spießern vom Schlage Suchanows mag dies alles seltsam erscheinen, doch wird diese meine Behauptung voll und ganz von Tatsachen, von feststehenden Tatsachen bestätigt.

Nehmen wir die Protokolle der nächsten Sitzung des ZK, der Sitzung vom 16. (29.) Oktober 1917. Anwesend sind die Mitglieder des ZK, plus Vertreter des Petrograder Komitees, plus Vertreter der Militärorganisation, der Betriebskomitees, der Gewerkschaften und der Eisenbahner. Unter den Anwesenden befinden sich außer den Mitgliedern des ZK: Krylenko, Schotman, Kalinin, Wolodarski, Schljapnikow, Lazis und andere; insgesamt 25 Mann. Die Frage des Aufstands wird vom rein praktisch-organisatorischen Standpunkt erörtert. Die Resolution Lenins über den Aufstand wird mit einer Stimmenmehrheit von 20 gegen 2, bei 3 Stimmenthaltungen, angenommen. Es wird ein praktisches Zentrum zur organisatorischen Leitung des Aufstands gewählt. Wer wird nun in dieses Zentrum gewählt? In dieses Zentrum werden fünf Personen gewählt: Swerdlow, Stalin, Dzierzynski, Bubnow, Uritzki. Die Aufgaben des praktischen Zentrums sind: alle praktischen Aufstandsorgane entsprechend den Direktiven des Zentralkomitees zu leiten. Somit ist, wie man sieht, in dieser Sitzung des ZK etwas "Schreckliches" passiert, das heißt, der "Inspirator", die "Hauptfigur", der "alleinige Führer" des Aufstands, Trotzki, ist "seltsamerweise" nicht in das praktische Zentrum gewählt worden, das berufen war, den Aufstand zu leiten. Wie lässt sich das mit der häufig vertretenen Meinung über die besondere Rolle Trotzkis vereinbaren? Das ist doch alles etwas "seltsam", würden Suchanow oder die Trotzkisten sagen, nicht wahr? Indes ist hieran eigentlich nichts seltsam, denn Trotzki, ein in der Periode des Oktober für unsere Partei verhältnismäßig neuer Mann, hat weder in der Partei noch beim Oktoberaufstand irgendeine besondere Rolle gespielt, noch konnte er sie spielen. Wie alle anderen verantwortlichen Funktionäre führte er lediglich den Willen des ZK und seiner Organe aus. Wer mit dem Mechanismus der Parteiführung der Bolschewiki vertraut ist, wird ohne besondere Mühe verstehen, dass es auch gar nicht anders sein konnte: Trotzki brauchte nur gegen den Willen des ZK zu verstoßen, um jeden Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse einzubüßen. Das Gerede von einer besonderen Rolle Trotzkis ist eine Legende, die von dienstbeflissenen "Parteiklatschbasen" verbreitet wird.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass der Oktoberaufstand nicht seinen Inspirator gehabt hätte. Nein, er hatte seinen Inspirator und Führer. Aber das war Lenin und kein anderer, derselbe Lenin, dessen Resolutionen vom ZK bei der Entscheidung der Frage des Aufstands angenommen wurden, derselbe Lenin, den die Illegalität nicht hinderte, entgegen der Behauptung Trotzkis, der wirkliche Inspirator des Aufstands zu sein. Es ist dumm und lächerlich, heute durch Geschwätz über Illegalität die offensichtliche Tatsache verwischen zu wollen, dass der Inspirator des Aufstands der Führer der Partei, W. I. Lenin, war.

Das sind die Tatsachen.

Mag sein, sagt man uns, es kann aber nicht geleugnet werden, dass Trotzki in der Periode des Oktober gut gekämpft hat. Ja, das stimmt, Trotzki hat im Oktober wirklich gut gekämpft. Aber nicht nur Trotzki hat in der Periode des Oktober gut gekämpft, nicht übel gekämpft haben sogar solche Leute wie die linken Sozialrevolutionäre, die damals Schulter an Schulter mit den Bolschewiki standen. Überhaupt muss ich sagen, dass es in der Periode des siegreichen Aufstands, wenn der Feind isoliert ist und der Aufstand immer größere Ausmaße annimmt, nicht schwer ist, gut zu kämpfen. In solchen Augenblicken werden sogar Rückständige zu Helden.

Der Kampf des Proletariats ist jedoch keine durchgehende Offensive, keine ununterbrochene Kette von Erfolgen. Im Kampf des Proletariats gibt es auch Prüfungen, gibt es auch Niederlagen. Ein echter Revolutionär ist nicht derjenige, der in der Periode des siegreichen Aufstands mannhaft kämpft, sondern derjenige, der es versteht, bei der siegreichen Offensive der Revolution gut zu kämpfen, der zugleich aber auch in der Periode des Rückzugs der Revolution, in der Periode der Niederlage des Proletariats mannhaft ist, der den Kopf nicht verliert und bei Rückschlägen der Revolution, bei Erfolgen des Feindes, nicht schlappmacht, der in der Periode des Rückzugs der Revolution nicht in Panik verfällt und in Verzweiflung gerät. Die linken Sozialrevolutionäre haben in der Periode des Oktobers nicht übel gekämpft, als sie die Bolschewiki unterstützten. Aber wer wüsste nicht, dass diese "tapferen" Kämpfer in der Periode von Brest in Panik verfielen, als die Offensive des deutschen Imperialismus sie in Verzweiflung und Hysterie versetzte. Es ist sehr traurig, aber zweifellos wahr, dass Trotzki, der in der Periode des Oktober gut gekämpft hat, in der Periode von Brest, in der Periode zeitweiliger Rückschläge der Revolution nicht Manns genug war, um in diesem schwierigen Augenblick genügende Standhaftigkeit an den Tag zu legen und nicht in die Fußtapfen der linken Sozialrevolutionäre zu treten. Zweifellos war das ein schwieriger Augenblick, es bedurfte besonderer Mannhaftigkeit und einer eisernen Ruhe, um nicht den Kopf zu verlieren, sich rechtzeitig zurückzuziehen, rechtzeitig auf die Friedensbedingungen einzugehen, die proletarische Armee den Schlägen des deutschen Imperialismus zu entziehen, sich die Bauernreserven zu erhalten, auf diese Weise eine Atempause zu gewinnen und dann mit neuen Kräften gegen den Feind loszuschlagen. Leider brachte aber Trotzki in diesem schwierigen Augenblick nicht diese Mannhaftigkeit und revolutionäre Standhaftigkeit auf.

Nach Trotzkis Meinung besteht die Hauptlehre der proletarischen Revolution darin, dass man in einer Zeit wie der des Oktobers "nicht schlappmachen darf". Das stimmt nicht, denn diese Behauptung Trotzkis enthält nur einen Teil der Wahrheit über die Lehren der Revolution. Die ganze Wahrheit über die Lehren der proletarischen Revolution besteht darin, dass man nicht nur in den Tagen der Offensive der Revolution, sondern auch in den Tagen ihres Rückzugs, wenn der Feind die Oberhand gewinnt und die Revolution Rückschläge erleidet, "nicht schlappmachen darf". Die Revolution ist nicht mit dem Oktober erschöpft. Der Oktober ist nur der Beginn der proletarischen Revolution. Es ist schlimm, wenn man beim anwachsenden Aufstand schlappmacht. Noch schlimmer aber ist es, wenn man bei den schweren Prüfungen der Revolution, nach der Machtergreifung schlappmacht. Die Macht am Tage nach der Revolution zu behaupten ist nicht minder wichtig, als die Macht zu ergreifen. Wenn Trotzki in der Periode von Brest, in einer Periode schwerer Prüfungen unserer Revolution, als es beinahe zur "Aufgabe" der Macht gekommen wäre, schlappgemacht hat, so muss er begreifen, dass die Oktoberfehler Kamenews und Sinowjews damit absolut nichts zu tun haben.

So verhält es sich mit den Legenden über den Oktoberaufstand.

II. Die Partei und die Vorbereitung des Oktobers

Gehen wir nun zur Frage der Vorbereitung des Oktobers über.

Hört man Trotzki, so könnte man glauben, die Partei der Bolschewiki hätte während der ganzen Vorbereitungsperiode vom März bis zum Oktober nichts weiter getan, als auf der Stelle zu treten, sich in inneren Widersprüchen zu verzehren und Lenin auf jegliche Weise zu stören, und wenn Trotzki nicht gewesen wäre, so wisse man nicht, wie die Sache der Oktoberrevolution ausgelaufen wäre. Es mutet einen etwas lächerlich an, diese merkwürdigen Reden über die Partei von Trotzki zu hören, der im gleichen "Vorwort" zum III. Bande erklärt hat, dass das "Hauptinstrument des proletarischen Umsturzes die Partei ist", dass "die proletarische Revolution ohne die Partei, über den Kopf der Partei hinweg, unter Umgehung der Partei, mittels eines Parteisurrogats nicht siegen kann", wobei es selbst Allah unverständlich sein dürfte, wie unsere Revolution siegen konnte, wenn sich "ihr Hauptinstrument" als unbrauchbar erwies und man doch "unter Umgehung der Partei" unmöglich siegen kann. Aber Trotzki wartet uns nicht zum erstenmal mit merkwürdigen Dingen auf. Es ist anzunehmen, dass die komischen Reden über unsere Partei zu den üblichen Merkwürdigkeiten Trotzkis gehören.

Betrachten wir kurz die Geschichte der Vorbereitung des Oktobers nach Perioden.

1. Die Periode der neuen Orientierung der Partei (März-April). Die grundlegenden Tatsachen dieser Periode sind:

a) Sturz des Zarismus;

b) Bildung der Provisorischen Regierung (Diktatur der Bourgeoisie);

c) Entstehung der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten (Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft);

d) Doppelherrschaft;

e) Aprildemonstration;

f) erste Machtkrise.

Ein charakteristisches Merkmal dieser Periode ist die Tatsache, dass nebeneinander, zusammen, zu ein und derselben Zeit sowohl die Diktatur der Bourgeoisie als auch die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft bestehen, wobei sich diese gegenüber jener vertrauensselig verhält, an ihre Friedensbestrebungen glaubt, freiwillig die Macht an die Bourgeoisie abtritt und sich damit in ihr Anhängsel verwandelt. Ernste Konflikte zwischen den beiden Diktaturen sind noch nicht zu verzeichnen. Dafür gibt es aber eine "Kontaktkommission".[Anmerkung 69]

Dies war ein gewaltiger Umschwung in der Geschichte Rußlands und eine noch nie dagewesene Wendung in der Geschichte unserer Partei. Die alte, vorrevolutionäre Plattform des direkten Sturzes der Regierung war klar und bestimmt, aber sie entsprach nicht mehr den neuen Kampfbedingungen. Jetzt konnte man nicht mehr direkt auf den Sturz der Regierung hinsteuern, denn die Regierung war mit den Sowjets verknüpft, die unter dem Einfluss der "Vaterlandsverteidiger" standen, und die Partei hätte einen ihre Kräfte übersteigenden Kampf sowohl gegen die Regierung als auch gegen die Sowjets führen müssen. Aber man konnte auch nicht eine Politik der Unterstützung der Provisorischen Regierung betreiben, denn sie war eine Regierung des Imperialismus. Es bedurfte einer neuen Orientierung der Partei unter den neuen Kampfbedingungen. Die Partei (ihre Mehrheit) versuchte tastend zu dieser neuen Orientierung zu gelangen. Sie schlug eine Politik des Drucks der Sowjets auf die Provisorische Regierung in der Frage des Friedens ein und konnte sich nicht entschließen, sofort den Schritt vorwärts, von der alten Losung, Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, zu der neuen Losung, Macht der Sowjets, zu tun. Diese Politik der Halbheiten war darauf berechnet, den Sowjets Gelegenheit zu geben, an Hand der konkreten Fragen des Friedens das wahre imperialistische Wesen der provisorischen Regierung zu durchschauen und sie dadurch von dieser loszulösen. Dies war jedoch eine zutiefst falsche Position, denn sie erzeugte pazifistische Illusionen, leitete Wasser auf die Mühle der "Vaterlandsverteidiger" und erschwerte die revolutionäre Erziehung der Massen. Diese irrige Auffassung teilte ich damals mit anderen Parteigenossen und habe mich von ihr erst Mitte April vollständig losgesagt, als ich mich den Thesen Lenins anschloss. Es war eine neue Orientierung erforderlich. Diese neue Orientierung gab Lenin der Partei in seinen berühmten Aprilthesen.[Anmerkung 70] Ich gehe nicht weiter auf diese Thesen ein, denn sie sind allbekannt. Gab es damals Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und Lenin? Ja, es gab solche. Wie lange hielten diese Meinungsverschiedenheiten an? Nicht länger als zwei Wochen. Die Stadtkonferenz der Petrograder Organisation[Anmerkung 71] (zweite Aprilhälfte), die die Thesen Lenins annahm, bedeutete einen Wendepunkt in der Entwicklung unserer Partei. Die Allrussische Aprilkonferenz[Anmerkung 72] (Ende April) vollendete nur im gesamtrussischen Maßstab das Werk der Petrograder Konferenz, indem sie neun Zehntel der Partei um die einheitliche Parteiposition zusammenschloss.

Heute, nach sieben Jahren, ergeht sich Trotzki schadenfroh über die früheren Meinungsverschiedenheiten unter den Bolschewiki und stellt diese Meinungsverschiedenheiten beinahe als einen Kampf zweier Parteien innerhalb des Bolschewismus hin. Aber erstens übertreibt Trotzki hier ungeheuerlich und bauscht die Sache auf, denn die Partei der Bolschewiki überstand diese Meinungsverschiedenheiten ohne die geringste Erschütterung. Zweitens wäre unsere Partei eine Kaste und nicht eine revolutionäre Partei, ließe sie in ihrer Mitte keine Gedankenschattierungen zu, wobei bekannt ist, dass es bei uns auch in der Vergangenheit, zum Beispiel in der Periode der III. Duma, Meinungsverschiedenheiten gab, was jedoch die Einheit unserer Partei nicht störte. Drittens wird es nicht überflüssig sein, zu fragen, welche Position Trotzki selbst damals einnahm, der sich heute so gern schadenfroh über frühere Meinungsverschiedenheiten unter den Bolschewiki ergeht? Der so genannte Redakteur der Schriften Trotzkis, Lenzner, versichert, die amerikanischen Briefe Trotzkis (März) hätten die Leninschen "Briefe aus der Ferne"[Anmerkung 73] (März), die die Grundlage der Aprilthesen Lenins bildeten, "in vollem Umfange vorweggenommen". Geradeso heißt es: "In vollem Umfange vorweggenommen." Trotzki hat gegen eine solche Analogie nichts einzuwenden und nimmt sie offensichtlich dankbar an. Aber erstens sind die Briefe Trotzkis ihrem Geiste und ihren Schlussfolgerungen nach den Briefen Lenins "überhaupt nicht ähnlich", denn sie widerspiegeln voll und ganz die antibolschewistische Losung Trotzkis "Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung", eine Losung, die eine Revolution ohne die Bauernschaft bedeutet. Man braucht diese beiden Gruppen von Briefen nur durchzusehen, um sich davon zu überzeugen. Zweitens, woraus ist in diesem Fall zu erklären, dass Lenin es für notwendig hielt, sich gleich am Tage nach seiner Ankunft aus dem Ausland von Trotzki abzugrenzen? Wer kennt nicht die wiederholten Erklärungen Lenins, dass Trotzkis Losung "Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung" ein Versuch ist, "die noch nicht zum Abschluss gekommene bäuerliche Bewegung zu überspringen", dass diese Losung ein "Spiel mit der Machtergreifung durch eine Arbeiterregierung" bedeutet? (Siehe Lenins Werke, 4. Ausgabe, Bd. 24, S. 28, 29. Siehe ferner die Referate auf der Petrograder Stadtkonferenz und der Allrussischen Konferenz der SDAPR(B) (Mitte und Ende April 1917).)

Was kann es zwischen den bolschewistischen Thesen Lenins und dem antibolschewistischen Schema Trotzkis samt seinem "Spiel mit der Machtergreifung" Gemeinsames geben? Und woher kommt bei den Leuten diese Passion, eine armselige Hütte mit dem Montblanc zu vergleichen? Wozu musste Lenzner sich dazu versteigen, dem Haufen alter Legenden über unsere Revolution noch eine weitere Legende hinzuzufügen, dass Lenins bekannte "Briefe aus der Ferne" in den amerikanischen Briefen Trotzkis "vorweggenommen" seien?

(Zu diesen Legenden gehört auch die sehr verbreitete Version, Trotzki sei der "alleinige" Organisator oder der "Hauptorganisator" der Siege an den Fronten des Bürgerkriegs gewesen. Im Interesse der Wahrheit, Genossen, muss ich erklären, dass diese Version absolut nicht der Wirklichkeit entspricht. Es liegt mir fern, die wichtige Rolle Trotzkis im Bürgerkrieg in Abrede stellen zu wollen. Aber ich muss mit aller Entschiedenheit erklären, dass die hohe Ehre, Organisator unserer Siege zu sein, nicht Einzelpersonen zukommt, sondern dem großen Kollektiv fortgeschrittener Arbeiter unseres Landes - der Kommunistischen Partei Rußlands. Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein, einige Beispiele anzuführen. Sie wissen, dass Koltschak und Denikin als die Hauptfeinde der Sowjetrepublik galten. Sie wissen, dass unser Land erst nach dem Siege über diese Feinde frei aufatmen konnte. Und die Geschichte besagt nun, dass unsere Truppen diese beiden Feinde, das heißt sowohl Koltschak als auch Denikin, entgegen den Plänen Trotzkis endgültig geschlagen haben.

Urteilen Sie selbst.

1. Über Koltschak. Es ist Sommer 1919. Unsere Truppen greifen Koltschak an und operieren bei Ufa. Es findet eine Sitzung des Zentralkomitees statt. Trotzki beantragt, die Offensive auf der Linie des Flusses Bjelaja (bei Ufa) einzustellen, den Ural in Koltschaks Händen zu belassen, einen Teil der Truppen von der Ostfront abzuziehen und an die Südfront zu werfen. Es kommt zu einer heftigen Diskussion. Das Zentralkomitee ist nicht mit Trotzki einverstanden, sondern der Meinung, dass der Ural mit seinen Werken und seinem Eisenbahnnetz nicht in Koltschaks Händen gelassen werden darf, da er sich dort leicht erholen, seine Kräfte zusammenballen und erneut bis an die Wolga gelangen kann - zuerst muss Koltschak hinter das Uralgebirge, in die sibirischen Steppen vertrieben werden, und erst dann kann man darangehen, die Truppen nach dem Süden zu werfen. Das Zentralkomitee lehnt den Plan Trotzkis ab. Dieser erklärt seinen Rücktritt. Das Zentralkomitee nimmt den Rücktritt nicht an. Der Oberbefehlshaber Wazetis, der für Trotzkis Plan ist, tritt zurück. An seine Stelle tritt ein neuer Oberbefehlshaber, Kamenew. Von diesem Augenblick an bleibt Trotzki der direkten Teilnahme an den Angelegenheiten der Ostfront fern.

2. Über Denikin. Es ist Herbst 1919. Die Offensive gegen Denikin misslingt. Der "eiserne Ring" um Mamontow geht sichtlich in die Brüche (Mamontows Tiefenstoß). Denikin besetzt Kursk. Denikin nähert sich Orel. Trotzki wird von der Südfront zu einer Sitzung des Zentralkomitees geladen. Das Zentralkomitee erkennt die Lage als bedrohlich an und beschließt, neue militärische Funktionäre an die Südfront zu entsenden und Trotzki abzuberufen. Die neuen militärischen Funktionäre fordern "Nichteinmischung" Trotzkis in die Angelegenheiten der Südfront. Trotzki bleibt der direkten Teilnahme an den Angelegenheiten der Südfront fern. Die Operationen an der Südfront nehmen nun bis zur Einnahme von Rostow am Don und Odessa ihren Lauf ohne Trotzki.

Man versuche, diese Tatsachen zu widerlegen. )

Es heißt nicht von ungefähr, dass ein dienstbeflissener Tölpel gefährlicher ist als ein Feind.

2. Die Periode der revolutionären Mobilisierung der Massen (Mai bis August). Die grundlegenden Tatsachen dieser Periode sind:

a) Aprildemonstration in Petrograd und Bildung einer Koalitionsregierung unter Teilnahme der "Sozialisten";

b) 1. Maidemonstration in den Hauptzentren Rußlands unter der Losung eines "demokratischen Friedens";

c) Junidemonstration in Petrograd unter der Hauptlosung "Nieder mit den kapitalistischen Ministern!";

d) Junioffensive an der Front und Misserfolge der russischen Armee;

e) bewaffnete Julidemonstration in Petrograd und Austritt der Kadettenminister aus der Regierung;

f) Heranziehung konterrevolutionärer Truppen von der Front, Demolierung der Redaktionsräume der "Prawda", Kampf der Konterrevolution gegen die Sowjets und Bildung einer neuen Koalitionsregierung mit Kerenski an der Spitze;

g) VI. Parteitag unserer Partei, der die Losung der Vorbereitung des bewaffneten Aufstands ausgab;

h) konterrevolutionäre Staatsberatung und Generalstreik in Moskau;

i) misslungene Offensive Kornilows gegen Petrograd, Belebung der Sowjets, Rücktritt der Kadetten und Bildung eines "Direktoriums".

Als der charakteristische Zug dieser Periode ist die Verschärfung der Krise und die Erschütterung jenes labilen Gleichgewichts zwischen den Sowjets und der Provisorischen Regierung anzusehen, das in der vorhergehenden Periode - schlecht und recht - bestanden hatte. Die Doppelherrschaft wurde für beide Seiten untragbar. Das brüchige Gebäude der "Kontaktkommission" erlebt seine letzten Tage. "Machtkrise" und "Ministerkarussell" waren damals die meistgebrauchten Modeworte. Die Krise an der Front und die Zerrüttung im Hinterland tun das ihrige, verstärken die extremen Flügel und setzen die paktiererischen "Vaterlandsverteidiger" von zwei Seiten unter Druck. Die Revolution macht mobil und ruft damit eine Mobilmachung der Konterrevolution hervor. Die Konterrevolution treibt ihrerseits die Revolution an und ruft ein neues Anschwellen der revolutionären Flut hervor. Die Frage des Übergangs der Macht an die neue Klasse wird zur aktuellen Frage.

Gab es damals Meinungsverschiedenheiten in unserer Partei? Jawohl, es gab sie. Sie trugen jedoch ausschließlich sachlichen Charakter, trotz der Versicherungen Trotzkis, der einen "rechten" und einen "linken" Flügel der Partei zu entdecken sucht. Das heißt, es waren Meinungsverschiedenheiten, ohne die es überhaupt kein lebendiges Parteileben und keine wirkliche Parteiarbeit gibt.

Trotzki hat Unrecht, wenn er behauptet, die Aprildemonstration in Petrograd habe im Zentralkomitee Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen. Das Zentralkomitee war sich in dieser Frage absolut einig und verurteilte den Versuch einer Gruppe von Genossen, die Provisorische Regierung in einem Augenblick zu verhaften, da die Bolschewiki in den Sowjets und in der Armee in der Minderheit waren. Hätte Trotzki die "Geschichte" des Oktober nicht nach Suchanow, sondern nach authentischen Dokumenten geschrieben, so hätte er sich mühelos davon überzeugt, dass seine Behauptung falsch ist.

Trotzki hat absolut unrecht, wenn er behauptet, der "auf Initiative Lenins" unternommene Versuch, am 10. Juni eine Demonstration durchzuführen, sei von den "rechten" Mitgliedern des Zentralkomitees als "Abenteurertum" verurteilt worden. Hätte Trotzki nicht nach Suchanow geschrieben, so wüsste er ganz bestimmt, dass die Demonstration vom 10. Juni in vollem Einverständnis mit Lenin verschoben wurde, wobei Lenin in seiner großen Rede in der bekannten Sitzung des Petrograder Komitees die Notwendigkeit dieser Verschiebung verfochten hat (siehe Protokolle des Petrograder Komitees[Anmerkung 74]).

Trotzki hat ganz und gar Unrecht, wenn er von "tragischen" Meinungsverschiedenheiten im ZK in Verbindung mit der bewaffneten Julidemonstration spricht. Wenn Trotzki glaubt, dass einige Mitglieder der führenden Gruppe des ZK "in der Juliepisode ein schädliches Abenteuer sehen mussten", so heißt das einfach phantasieren. Es kann natürlich auch sein, dass Trotzki, der damals noch nicht unserem ZK angehörte und nur unser Sowjetparlamentarier war, nicht wusste, dass das ZK die Julidemonstration nur als ein Mittel betrachtete, den Gegner zu sondieren, dass das ZK (und Lenin) weder gewillt waren noch daran dachten, die Demonstration in einem Augenblick, da die Sowjets der Hauptstädte noch hinter den "Vaterlandsverteidigern" standen, in einen Aufstand zu verwandeln. Es ist durchaus möglich, dass dieser oder jener unter den Bolschewiki anlässlich der Juliniederlage tatsächlich geflennt hat. Mir ist zum Beispiel bekannt, dass dieser oder jener unter den damals verhafteten Bolschewiki sogar bereit war, unsere Reihen zu verlassen. Daraus aber irgendwelche Schlüsse gegen einige, angebliche "Rechte", angebliche Mitglieder des ZK, ziehen zu wollen, hieße die Geschichte ungeheuerlich entstellen.

Trotzki hat Unrecht, wenn er erklärt, während der Kornilowtage habe sich bei einem Teil der Parteispitzen die Tendenz zu einem Block mit den "Vaterlandsverteidigern", zur Unterstützung der Provisorischen Regierung gezeigt. Es handelt sich selbstverständlich um dieselben angeblichen "Rechten", die Trotzki nicht schlafen lassen. Trotzki hat Unrecht, denn es existieren Dokumente wie das damalige Zentralorgan der Partei, das die Erklärungen Trotzkis schlagend widerlegt. Trotzki beruft sich auf Lenins Brief an das ZK, in dem Lenin davor warnt, Kerenski zu unterstützen. Trotzki versteht jedoch nicht die Briefe Lenins, ihre Bedeutung und ihren Zweck. Lenin greift in seinen Briefen mitunter absichtlich vor, rückt Fehler, die möglicherweise begangen werden könnten, in den Vordergrund und kritisiert sie im voraus, mit dem Ziel, die Partei zu warnen und sie gegen Fehler zu sichern, oder aber er bauscht mit demselben pädagogischen Ziel mitunter eine "Kleinigkeit" auf und macht "aus einer Mücke einen Elefanten". Der Führer der Partei, besonders wenn er sich in der Illegalität befindet, kann auch gar nicht anders handeln, denn er muss weiter blicken als seine Kampfgefährten und ist verpflichtet, wegen jedes Fehlers, der möglicherweise begangen werden könnte, selbst wegen "Kleinigkeiten", Alarm zu schlagen. Aus solchen Briefen Lenins aber (und solche Briefe gibt es bei ihm nicht wenige) auf "tragische" Meinungsverschiedenheiten schließen und aus diesem Anlass ins Horn blasen heißt die Briefe Lenins nicht verstehen, Lenin nicht kennen. Daraus erklärt sich wohl auch, dass Trotzki bisweilen ganz und gar danebenhaut. Kurzum: In den Tagen des Kornilowputsches gab es im ZK keine, absolut keine Meinungsverschiedenheiten.

Nach der Juliniederlage gab es zwischen dem ZK und Lenin wirklich eine Meinungsverschiedenheit über die Frage des Schicksals der Sowjets. Bekanntlich warnte Lenin, der die Aufmerksamkeit der Partei auf die Vorbereitung des Aufstands außerhalb der Sowjets konzentrieren wollte, vor einer Überschätzung der Sowjets, da er der Meinung war, dass die von den "Vaterlandsverteidigern" geschändeten Sowjets ihre Bedeutung bereits völlig verloren hätten. Das Zentralkomitee und der VI. Parteitag schlugen eine vorsichtigere Linie ein und kamen zu dem Schluss, dass keine Gründe vorlagen, eine Wiederbelebung der Sowjets für ausgeschlossen zu halten. Der Kornilowputsch zeigte, dass dieser Schluss richtig war.

Übrigens war diese Meinungsverschiedenheit von keiner aktuellen Bedeutung für die Partei. Späterhin gab Lenin zu, dass die Linie des VI. Parteitags richtig war. Es ist interessant, dass Trotzki sich nicht an diese Meinungsverschiedenheit geklammert und sie nicht ins "Ungeheuerliche" aufgebauscht hat.

Eine einige und geschlossene Partei, die sich im Mittelpunkt der revolutionären Mobilisierung der Massen befindet - so steht unsere Partei in dieser Periode da.

3. Die Periode der Organisierung des Sturmangriffs (September- Oktober). Die grundlegenden Tatsachen dieser Periode sind:

a) Einberufung der Demokratischen Beratung und Zusammenbruch der Idee eines Blocks mit den Kadetten;

b) Übergang des Moskauer und des Petrograder Sowjets auf die Seite der Bolschewiki;

c) Sowjetkongress des Nordgebiets[Anmerkung 75] und Stellungnahme des Petrograder Sowjets gegen den Abtransport der Truppen;

d) Beschluss des ZK der Partei über den Aufstand und Bildung des Revolutionären Militärkomitees des Petrograder Sowjets;

e) Beschluss der Petrograder Garnison, dem Petrograder Sowjet bewaffnete Unterstützung zu erweisen, und Organisierung eines Systems von Kommissaren des Revolutionären Militärkomitees;

f) Vorgehen der bolschewistischen Streitkräfte und Verhaftung der Mitglieder der Provisorischen Regierung;

g) Machtergreifung durch das Revolutionäre Militärkomitee des Petrograder Sowjets und Schaffung des Rates der Volkskommissare durch den II. Sowjetkongress.

Als charakteristischer Zug dieser Periode ist die rasche Verschärfung der Krise, die völlige Kopflosigkeit in den Regierungskreisen, die Isolierung der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki sowie der Massenübertritt schwankender Elemente auf die Seite der Bolschewiki zu betrachten. Hervorzuheben ist eine originelle Besonderheit der revolutionären Taktik in dieser Periode. Sie, diese Besonderheit, besteht darin, dass die Revolution bemüht ist, jeden oder fast jeden Schritt ihrer Offensive unter dem Schein der Verteidigung zu unternehmen. Zweifellos war die Verhinderung des Abtransports der Truppen aus Petrograd ein ernstlicher Offensivschritt der Revolution, nichtsdestoweniger wurde diese Offensive unter der Losung der Verteidigung Petrograds gegen einen eventuellen Angriff des äußeren Feindes unternommen. Zweifellos war die Bildung des Revolutionären Militärkomitees ein noch ernsterer Offensivschritt gegen die Provisorische Regierung, nichtsdestoweniger wurde sie unter der Losung der Organisierung einer Kontrolle der Sowjets über die Handlungen des Stabs des Militärbezirks vollzogen. Zweifellos bedeuteten der offene Übertritt der Garnison auf die Seite des Revolutionären Militärkomitees und die Organisierung eines Netzes von Sowjetkommissaren den Beginn des Aufstands, nichtsdestoweniger wurden diese Schritte von der Revolution unter der Losung der Verteidigung des Petrograder Sowjets gegen eventuelle Aktionen der Konterrevolution unternommen. Die Revolution maskierte gleichsam ihre Offensivhandlungen mit dem Deckmantel der Verteidigung, um die unentschlossenen und schwankenden Elemente desto leichter in ihren Bann zu ziehen. Daraus erklärt sich wohl auch der äußerlich defensive Charakter der Reden, Artikel und Losungen dieser Periode, die ihrem innern Gehalt nach nichtsdestoweniger einen ausgesprochen offensiven Charakter trugen.

Gab es in dieser Periode Meinungsverschiedenheiten im Zentralkomitee? Ja, es gab solche und keine unwichtigen. Über die Meinungsverschiedenheiten in der Frage des Aufstands habe ich bereits gesprochen. Sie fanden ihre vollständige Widerspiegelung in den Protokollen des ZK vom 10. und 16. Oktober. Ich werde deshalb das bereits Gesagte nicht wiederholen. Jetzt ist es notwendig, auf drei Fragen einzugehen: auf die Beteiligung am Vorparlament, die Rolle der Sowjets beim Aufstand und den Zeitpunkt des Aufstands. Das ist umso notwendiger, als Trotzki, der eifrig bemüht ist, seine Person in den Vordergrund zu rücken, Lenins Stellungnahme zu den beiden letzten Fragen "unversehens" gefälscht hat.

Zweifellos trugen die Meinungsverschiedenheiten über das Vorparlament ernsten Charakter. Worin bestand sozusagen der Zweck des Vorparlaments? Es sollte der Bourgeoisie helfen, die Sowjets in den Hintergrund zu drängen und das Fundament des bürgerlichen Parlamentarismus zu legen. Oh das Vorparlament angesichts der entstandenen revolutionären Situation diese Aufgabe hätte erfüllen können - ist eine andere Frage. Die Ereignisse haben gezeigt, dass dieses Ziel nicht zu verwirklichen, das Vorparlament selbst aber eine Fehlgeburt des Kornilowputsches war. Es steht jedoch außer Zweifel, dass die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre gerade dieses Ziel verfolgten, als sie das Vorparlament ins Leben riefen. Was konnte unter diesen Umständen die Teilnahme der Bolschewiki am Vorparlament bedeuten? Nichts anderes als eine Irreführung der proletarischen Massen über das wahre Gesicht des Vorparlaments. Daraus erklärt sich in erster Linie auch die Leidenschaftlichkeit, mit der Lenin die Anhänger einer Teilnahme am Vorparlament in seinen Briefen geißelt. Die Teilnahme am Vorparlament war zweifellos ein ernster Fehler.

Es wäre jedoch ein Irrtum, wollte man glauben, wie Trotzki das tut, die Anhänger der Teilnahme seien in das Vorparlament gegangen, um sich organisch in seine Arbeit einzuschalten, um "die Arbeiterbewegung in das Fahrwasser der Sozialdemokratie zu leiten". Das trifft absolut nicht zu. Das ist nicht wahr. Wenn das zuträfe, so wäre es der Partei nicht gelungen, diesen Fehler durch das demonstrative Verlassen des Vorparlaments "im Handumdrehen" abzustellen. Die Lebensverbundenheit und die revolutionäre Kraft unserer Partei kamen unter anderem gerade darin zum Ausdruck, dass die Partei diesen Fehler im Nu korrigierte.

Sodann gestatten Sie mir, eine kleine Ungenauigkeit richtig zu stellen, die dem "Redakteur" der Schriften Trotzkis, Lenzner, in der Schilderung unterlaufen ist, die er über die Sitzung der bolschewistischen Fraktion gibt, in der die Frage des Vorparlaments entschieden wurde. Lenzner berichtet, in dieser Sitzung habe es zwei Referenten gegeben: Kamenew und Trotzki. Das stimmt nicht. In Wirklichkeit gab es vier Referenten: zwei, die für den Boykott des Vorparlaments waren (Trotzki und Stalin), und zwei, die für die Teilnahme daran waren (Kamenew und Nogin).

Noch schlimmer verhält es sich mit Trotzki, wo er auf Lenins Stellungnahme zur Form des Aufstands zu sprechen kommt. Trotzki stellt die Dinge so hin, als sei Lenin der Meinung gewesen, die Partei sollte im Oktober die Macht "unabhängig vom Sowjet und hinter seinem Rücken" ergreifen. Bei seiner nachfolgenden Kritik dieses Unsinns, den er Lenin zuschreibt, lässt Trotzki "alle seine Künste spielen", um dann in herablassendem Tone mit dem Satz abzuschließen: "Das wäre ein Fehler gewesen." Trotzki sagt hier eine Unwahrheit über Lenin, er entstellt die Ansicht Lenins über die Rolle der Sowjets beim Aufstand. Man könnte einen ganzen Haufen Dokumente anführen, die davon zeugen, dass Lenin vorschlug, die Macht durch die Sowjets, durch den Petrograder oder den Moskauer Sowjet, nicht aber hinter dem Rücken der Sowjets zu ergreifen. Wozu braucht Trotzki diese mehr als seltsame Legende über Lenin?

Nicht besser verhält es sich mit Trotzki, wo er die Stellungnahme des ZK und Lenins zum Zeitpunkt des Aufstands "untersucht". Bei seiner Schilderung der berühmten Sitzung des ZK vom 10. Oktober behauptet Trotzki, in dieser Sitzung sei "eine Resolution dahingehend angenommen worden, dass der Aufstand spätestens am 15. Oktober stattfinden müsse". Es kommt so heraus, als ob das ZK den Zeitpunkt des Aufstands auf den 15. Oktober festgesetzt, später aber diesen Beschluss selbst durchbrochen und den Aufstand bis zum 25. Oktober hinausgezögert hätte. Trifft das zu? Nein, das trifft nicht zu. Das Zentralkomitee nahm während dieser Periode insgesamt zwei Resolutionen über den Aufstand an, am 10. Oktober und am 16. Oktober. Wir wollen diese Resolutionen verlesen.

Die Resolution des ZK vom 10. Oktober lautet:

"Das Zentralkomitee stellt fest, dass sowohl die internationale Lage der russischen Revolution (der Aufstand in der deutschen Flotte als höchster Ausdruck des Heranreifens der sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa, ferner die Gefahr eines Friedens (Offenbar soll es heißen "eines Separatfriedens". J. St.) der Imperialisten mit dem Ziel, die Revolution in Rußland zu erdrosseln) als auch die militärische Lage (der nicht zu bezweifelnde Entschluss der russischen Bourgeoisie sowie Kerenskis und Konsorten, Petrograd den Deutschen auszuliefern) und die Eroberung der Mehrheit in den Sowjets durch die proletarische Partei - dass all dies im Zusammenhang mit dem Bauernaufstand und mit der Tatsache, dass sich das Vertrauen des Volkes unserer Partei zugewandt hat (Wahlen in Moskau), und endlich die offenkundige Vorbereitung eines zweiten Kornilowputsches (Abtransport von Truppen aus Petrograd, Zusammenziehung von Kosaken bei Petrograd, Umzingelung von Minsk durch Kosaken usw.) - dass all dies den bewaffneten Aufstand auf die Tagesordnung setzt.

Das Zentralkomitee stellt somit fest, dass der bewaffnete Aufstand unumgänglich und völlig herangereift ist, und fordert alle Parteiorganisationen auf, sich hiervon leiten zu lassen und von diesem Gesichtspunkt aus alle praktischen Fragen zu behandeln und zu entscheiden (Sowjetkongress des Nordgebiets, Abtransport von Truppen aus Petrograd, die Aktionen der Moskauer und der Minsker usw.)."[Anmerkung 76]

Die Resolution der Beratung des ZK mit den verantwortlichen Funktionären vom 16. Oktober lautet:

"Die Versammlung begrüßt die Resolution des ZK und billigt sie voll und ganz; sie fordert alle Organisationen und alle Arbeiter und Soldaten zur allseitigen und tatkräftigen Vorbereitung des bewaffneten Aufstands, zur Unterstützung des vom Zentralkomitee zu diesem Zweck geschaffenen Zentrums auf und gibt der vollen Überzeugung Ausdruck, dass das ZK und der Sowjet rechtzeitig den günstigen Zeitpunkt und die zweckmäßigen Mittel des Angriffs angeben werden."[Anmerkung 77]

Wie Sie sehen, ist Trotzki, was den Zeitpunkt des Aufstands und die Resolution des ZK über den Aufstand anbelangt, von seinem Gedächtnis im Stich gelassen worden.

Trotzki hat völlig unrecht, wenn er behauptet, Lenin habe die Sowjetlegalität unterschätzt, Lenin sei sich der ernsten Bedeutung der Machtergreifung durch den Allrussischen Sowjetkongress am 25. Oktober nicht bewusst gewesen und habe eben deswegen gefordert, man solle die Macht vor dem 25. Oktober ergreifen. Das stimmt nicht. Lenin schlug aus zwei Gründen vor, die Macht vor dem 25. Oktober zu ergreifen. Erstens, weil die Konterrevolutionäre Petrograd jeden Augenblick ausliefern konnten, was den anwachsenden Aufstand viel Blut gekostet hätte, und weil in Anbetracht dessen jeder Tag kostbar war. Zweitens, weil der Fehler des Petrograder Sowjets, der den Tag des Aufstands (25. Oktober) offen festgelegt und weitgehend publik gemacht hatte, nicht anders korrigiert werden konnte, als dadurch, dass der Aufstand tatsächlich vor diesem legalen Zeitpunkt des Aufstands durchgeführt wurde. Die Sache ist die, dass Lenin den Aufstand als eine Kunst betrachtete und deshalb sehr wohl wusste, dass der (durch die Unvorsichtigkeit des Petrograder Sowjets) über den Tag des Aufstands unterrichtete Feind unbedingt bemüht sein würde, sich auf diesen Tag vorzubereiten, dass es deshalb notwendig war, dem Feind zuvorzukommen, das heißt den Aufstand unbedingt vor dem legalen Zeitpunkt zu beginnen. Daraus erklärt sich hauptsächlich auch die Leidenschaftlichkeit, mit der Lenin in seinen Briefen diejenigen geißelte, die aus dem Datum, dem 25. Oktober, einen Fetisch machten. Die Ereignisse haben bewiesen, dass Lenin völlig Recht hatte. Bekanntlich wurde der Aufstand vor dem Allrussischen Sowjetkongress begonnen. Bekanntlich wurde die Macht faktisch vor Eröffnung des Allrussischen Sowjetkongresses ergriffen, und ergriffen wurde sie nicht vom Sowjetkongress, sondern vom Petrograder Sowjet, vom Revolutionären Militärkomitee. Der Sowjetkongress hat die Macht lediglich aus den Händen des Petrograder Sowjets empfangen. Und darum sind Trotzkis langatmige Betrachtungen über die Bedeutung der Sowjetlegalität völlig überflüssig.

Eine lebendige und mächtige Partei, an der Spitze der revolutionären Massen, die gegen die Macht der Bourgeoisie Sturm laufen und sie stürzen - das war der Zustand unserer Partei in dieser Periode.

So verhält es sich mit den Legenden über die Vorbereitung des Oktobers.

III. Trotzkismus oder Leninismus?

Wir haben bereits oben von den Legenden gesprochen, die Trotzki und seine Gesinnungsgenossen in Verbindung mit dem Oktober und seiner Vorbereitung gegen die Partei und über Lenin verbreiten. Wir haben diese Legenden entlarvt und widerlegt. Nun erhebt sich aber die Frage:

Wozu brauchte Trotzki alle diese Legenden über den Oktober und die Vorbereitung des Oktobers, über Lenin und die Partei Lenins? Wozu die neuen literarischen Ergüsse Trotzkis gegen die Partei? Was ist der Sinn, die Aufgabe, der Zweck dieser Ergüsse heute, da die Partei nicht diskutieren will, da die Partei mit einer Unmenge unaufschiebbarer Aufgaben überhäuft ist, da die Partei einmütige Arbeit am Wiederaufbau der Wirtschaft, nicht aber einen neuen Kampf um alte Fragen braucht? Wozu musste Trotzki die Partei zu neuen Diskussionen zurückzerren?

Trotzki versichert, das alles sei notwendig, um den Oktober "zu studieren". Kann man denn aber den Oktober wirklich nicht studieren, ohne wieder einmal der Partei und ihrem Führer Lenin eins zu versetzen? Was ist das für eine "Geschichte" des Oktober, die damit beginnt und endet, dass der Haupthandelnde des Oktoberaufstands, die Partei, die diesen Aufstand organisiert und durchgeführt hat, diffamiert wird? Nein, es geht hier nicht um das Studium des Oktobers. So studiert man nicht den Oktober. So schreibt man nicht die Geschichte des Oktobers. Offenbar liegt hier eine andere "Absicht" vor. Und allem Anschein nach besteht diese "Absicht" darin, dass Trotzki in seinen literarischen Ergüssen noch einen (noch einen!) Versuch macht, Vorbedingungen zu schaffen, um den Leninismus durch Trotzkismus ersetzen zu können. Trotzki muss "auf Biegen oder Brechen" die Partei und ihre Kader, die den Aufstand durchgeführt haben, diffamieren, um von der Diffamierung der Partei zur Diffamierung des Leninismus überzugehen. Die Diffamierung des Leninismus aber braucht er, um den Trotzkismus als die "einzige", "proletarische" (Scherz beiseite!) Ideologie einzuschmuggeln. All das geschieht selbstverständlich (oh, selbstverständlich!) unter der Flagge des Leninismus, damit die Prozedur des Einschmuggelns "möglichst schmerzlos" vor sich gehe.

Darin liegt das Wesen der letzten literarischen Ergüsse Trotzkis.

Deshalb machen diese literarischen Ergüsse Trotzkis es notwendig, die Frage des Trotzkismus mit aller Schärfe zu behandeln.

Also was ist der Trotzkismus?

Der Trotzkismus hat drei Besonderheiten aufzuweisen, die ihn in einen unversöhnlichen Gegensatz zum Leninismus bringen.

Was sind das für Besonderheiten?

Erstens. Trotzkismus ist die Theorie der "permanenten" (ununterbrochenen) Revolution. Was ist nun aber die permanente Revolution nach der trotzkistischen Auffassung? Es ist eine Revolution ohne Berücksichtigung der unbemittelten Bauernschaft als einer revolutionären Kraft. Die "permanente" Revolution Trotzkis ist, wie Lenin sagt, ein "überspringen" der Bauernbewegung, ein "Spiel mit der Machtergreifung". Worin besteht ihre Gefährlichkeit? Darin, dass eine solche Revolution, sollte man versuchen, sie durchzuführen, unvermeidlich mit einem Zusammenbruch enden würde, denn sie würde den Verbündeten des russischen Proletariats, das heißt die unbemittelte Bauernschaft, vom russischen Proletariat loslösen. Daraus erklärt sich auch der Kampf, den der Leninismus schon seit 1905 gegen den Trotzkismus führt.

Wie schätzt Trotzki den Leninismus vom Standpunkt dieses Kampfes ein? Er betrachtet ihn als eine Theorie, die "antirevolutionäre Züge" aufweist. Worauf beruht dieses grimmige Urteil über den Leninismus? Darauf, dass der Leninismus seinerzeit die Idee der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft verfocht und sie durchsetzte.

Trotzki beschränkt sich nicht auf dieses grimmige Urteil. Er geht weiter und behauptet: "Das gesamte Gebäude des Leninismus ist gegenwärtig auf Lüge und Fälschung aufgebaut und trägt den Giftkeim seiner eigenen Zersetzung in sich" (siehe den Brief Trotzkis an Tschcheidse von 1913). Wie Sie sehen, haben wir es mit zwei entgegengesetzten Linien zu tun.

Zweitens. Trotzkismus bedeutet Misstrauen gegenüber dem Wesen der bolschewistischen Partei, gegenüber ihrer homogenen Geschlossenheit, gegenüber ihrer Feindschaft gegen opportunistische Elemente. Auf organisatorischem Gebiet ist der Trotzkismus die Theorie des Nebeneinanderlebens von Revolutionären und Opportunisten, ihrer Gruppierungen und Grüppchen im Schoße einer gemeinsamen Partei. Sicher ist Ihnen die Geschichte des Augustblocks Trotzkis bekannt, in dem Martowanhänger und Otsowisten, Liquidatoren und Trotzkisten traulich zusammenwirkten und sich als eine "wirkliche" Partei aufspielten. Bekanntlich verfolgte dieses Flickwerk von "Partei" das Ziel, die bolschewistische Partei zu zerstören. Worin bestanden damals "unsere Meinungsverschiedenheiten"? Darin, dass der Leninismus das Unterpfand für die Entwicklung der proletarischen Partei in der Zerstörung des Augustblocks erblickte, während der Trotzkismus in diesem Block die Grundlage für die Schaffung einer "wirklichen" Partei sah.

Wie Sie sehen, haben wir es wiederum mit zwei entgegengesetzten Linien zu tun.

Drittens. Trotzkismus bedeutet Misstrauen gegenüber den Führern des Bolschewismus, bedeutet den Versuch, sie zu diskreditieren, sie zu diffamieren. Ich kenne keine einzige Strömung in der Partei, die sich mit dem Trotzkismus messen könnte, was die Diskreditierung der Führer des Leninismus oder der zentralen Institutionen der Partei anbelangt. Was soll man zum Beispiel zu dem "liebenswürdigen" Urteil Trotzkis über Lenin sagen, demzufolge Lenin als "berufsmäßiger Ausbeuter jeglicher Rückständigkeit in der russischen Arbeiterbewegung" charakterisiert wird (siehe ebenda). Das ist aber bei weitem noch nicht das "liebenswürdigste" Urteil aller vorliegenden "liebenswürdigen" Urteile Trotzkis.

Wie konnte es geschehen, dass Trotzki, der einen so unangenehmen Ballast mit sich schleppt, während der Oktoberbewegung dennoch in die Reihen der Bolschewiki geriet? Das geschah, weil Trotzki damals seinen Ballast abwarf (faktisch abwarf), ihn in den Schrank sperrte. Ohne diese "Operation" wäre eine ernstliche Zusammenarbeit mit Trotzki unmöglich gewesen. Die Theorie des Augustblocks, das heißt die Theorie der Einheit mit den Menschewiki, war bereits zerschlagen und von der Revolution hinweggefegt worden, denn von was für einer Einheit konnte während eines bewaffneten Kampfes zwischen Bolschewiki und Menschewiki überhaupt die Rede sein? Trotzki blieb nur übrig, die Tatsache anzuerkennen, dass diese Theorie unbrauchbar ist.

Mit der Theorie der permanenten Revolution "passierte" dieselbe unangenehme Geschichte, denn keiner der Bolschewiki dachte auch nur daran, die Macht unverzüglich am Tage nach der Februarrevolution zu ergreifen, und Trotzki musste wissen, dass die Bolschewiki ihm nicht erlauben würden, "mit der Machtergreifung zu spielen", um Lenins Worte zu gebrauchen. Trotzki blieb nur übrig, die Politik der Bolschewiki, die Politik des Kampfes um den Einfluss in den Sowjets, des Kampfes um die Gewinnung der Bauernschaft anzuerkennen. Was die dritte Besonderheit des Trotzkismus anbelangt (das Misstrauen gegenüber den bolschewistischen Führern), so musste sie angesichts des offenen Fiaskos der ersten beiden Besonderheiten naturgemäß in den Hintergrund treten.

Konnte denn Trotzki bei einer solchen Sachlage anders, als seinen Ballast in den Schrank sperren und den Bolschewiki folgen, er, der keine auch nur einigermaßen ernstliche Gruppe hinter sich hatte und der als politischer Einzelgänger ohne Armee zu. den Bolschewiki gekommen war? Selbstverständlich konnte er nicht anders!

Welche Lehre ergibt sich nun daraus? Nur die eine Lehre: Eine dauerhafte Zusammenarbeit der Leninisten mit Trotzki ist nur möglich, wenn dieser seinen alten Ballast vollends abwirft, wenn er sich dem Leninismus vollends anschließt. Trotzki schreibt über die Lehren des Oktobers, doch vergisst er, dass es neben allen übrigen Lehren noch eine Lehre des Oktobers gibt, die Lehre, die ich soeben dargelegt habe und die für den Trotzkismus von erstrangiger Bedeutung ist. Es wäre gut, wenn der Trotzkismus auch diese Lehre des Oktobers beherzigen wollte.

Aber wie man sieht, hat diese Lehre dem Trotzkismus nicht gefruchtet. Die Sache ist die, dass der alte, während der Tage der Oktoberbewegung in den Schrank gesperrte Ballast des Trotzkismus jetzt wieder ans Tageslicht gezerrt wird in der Hoffnung, ihn an den Mann bringen zu können - der Markt erweitert sich ja bei uns. Zweifellos haben wir es bei Trotzkis neuen literarischen Ergüssen mit einem Versuch zu tun, zum Trotzkismus zurückzukehren, den Leninismus "zu überwinden", alle Besonderheiten des Trotzkismus einzuschmuggeln und zu verbreiten. Der neue Trotzkismus ist nicht einfach eine Wiederholung des alten Trotzkismus, er ist ziemlich zerrupft und abgewetzt, ist unvergleichlich weicheren Geistes und gemäßigterer Form als der alte Trotzkismus, aber zweifellos bewahrt er im Grunde genommen alle Besonderheiten des alten Trotzkismus. Der neue Trotzkismus wagt nicht, als militante Kraft gegen den Leninismus aufzutreten, er zieht es vor, unter der gemeinsamen Flagge des Leninismus zu wirken und sich unter der Losung einer Auslegung und Verbesserung des Leninismus zu betätigen. Das kommt daher, weil er schwach ist. Man kann die Tatsache nicht als Zufall betrachten, dass das Auftreten des neuen Trotzkismus zeitlich mit Lenins Ableben zusammenfiel. Zu Lenins Lebzeiten hätte er sich nicht zu diesem gewagten Schritt entschlossen.

Worin bestehen die charakteristischen Züge des neuen Trotzkismus?

1. In der Frage der "permanenten" Revolution. Der neue Trotzkismus hält es nicht für notwendig, die Theorie der "permanenten" Revolution offen zu vertreten. Er stellt "einfach" fest, die Oktoberrevolution habe die Idee der "permanenten" Revolution voll und ganz bestätigt. Hieraus zieht er folgenden Schluss: Wichtig und annehmbar am Leninismus ist das, was nach dem Kriege, in der Periode der Oktoberrevolution war, und umgekehrt, falsch und unannehmbar am Leninismus ist das, was vor dem Kriege, vor der Oktoberrevolution war. Hieraus ergibt sich die Theorie der Trotzkisten von der Zweiteilung des Leninismus: in den Vorkriegsleninismus, den "alten", "unbrauchbaren" Leninismus mit seiner Idee der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, und in den neuen, Nachkriegsleninismus, Oktoberleninismus, den sie den Forderungen des Trotzkismus anzupassen gedenken. Diese Theorie der Zweiteilung des Leninismus braucht der Trotzkismus als den ersten, mehr oder weniger "annehmbaren" Schritt, der ihm die nächsten Schritte im Kampf gegen den Leninismus erleichtern soll.

Der Leninismus ist aber keine eklektische Theorie, die aus verschieden-artigen Elementen zusammengekleistert wäre und ihre Zweiteilung ermöglichte. Der Leninismus ist eine in sich geschlossene Theorie, die 1903 entstanden ist, die Prüfungen dreier Revolutionen bestanden hat und jetzt dem Weltproletariat als Kampfbanner voran getragen wird.

"Als Strömung des politischen Denkens", sagt Lenin, "und als politische Partei besteht der Bolschewismus seit dem Jahre 1903. Nur die Geschichte des Bolschewismus in der ganzen Zeit seines Bestehens vermag befriedigend zu erklären, warum er imstande war, die für den Sieg des Proletariats notwendige eiserne Disziplin zu schaffen und sie unter den schwierigsten Verhältnissen aufrechtzuerhalten." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 8 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.672].)

Bolschewismus und Leninismus sind eins. Es sind zwei Namen für ein und dieselbe Sache. Deshalb ist die Theorie von der Zweiteilung des Leninismus eine Theorie der Zerstörung des Leninismus, eine Theorie der Ersetzung des Leninismus durch den Trotzkismus.

Es erübrigt sich zu sagen, dass die Partei mit dieser seltsamen Theorie nicht einverstanden sein kann.

2. In der Frage des Parteiprinzips. Der alte Trotzkismus wollte das bolschewistische Parteiprinzip mit Hilfe der Theorie (und Praxis) einer Einheit mit den Menschewiki untergraben. Diese Theorie hat jedoch einen derart schmählichen Schiffbruch erlitten, dass man sich an sie nicht einmal mehr erinnern möchte. Um das Parteiprinzip zu untergraben, erfand der moderne Trotzkismus eine neue, weniger Anstoß erregende und fast "demokratische" Theorie, die Theorie der Gegenüberstellung der alten Kader und der jungen Parteimitglieder. Für den Trotzkismus existiert keine einheitliche und geschlossene Geschichte unserer Partei. Der Trotzkismus zerlegt die Geschichte unserer Partei in zwei ungleichwertige Teile, in die Zeit vor dem Oktober und in die Zeit nach dem Oktober. Der Teil der Geschichte unserer Partei, der vor dem Oktober liegt, sei eigentlich nicht die Geschichte, sondern die "Vorgeschichte", eine unwichtige oder jedenfalls eine nicht sehr wichtige Vorbereitungsperiode unserer Partei. Der Teil der Geschichte unserer Partei, der nach dem Oktober liegt, sei dagegen die wirkliche, die eigentliche Geschichte. Dort die "alten", "vor-historischen", unwichtigen Kader unserer Partei. Hier die neue, wirkliche, "historische" Partei. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass dieses originelle Schema der Parteigeschichte ein Schema zur Untergrabung der Einheit zwischen den alten und den neuen Kadern unserer Partei, ein Schema zur Zerstörung des bolschewistischen Parteiprinzips ist.

Es erübrigt sich zu sagen, dass die Partei mit diesem seltsamen Schema nicht einverstanden sein kann.

3. In der Frage der Führer des Bolschewismus. Der alte Trotzkismus war bemüht, Lenin mehr oder weniger offen zu diffamieren, ohne sich um die Folgen zu kümmern. Der neue Trotzkismus geht vorsichtiger vor. Er ist bemüht, das Werk des alten Trotzkismus unter dem Schein der Lobpreisung, unter dem Schein der Verherrlichung Lenins zu vollbringen. Ich glaube, dass es sich lohnt, einige Beispiele anzuführen.

Die Partei kennt Lenin als unerbittlichen Revolutionär. Sie weiß aber auch, dass Lenin vorsichtig war, dass er es nicht leiden konnte, wenn jemand über die Stränge schlug, und nicht selten mit fester Hand Terrorliebhabern in die Zügel fiel, darunter auch Trotzki selbst. Trotzki berührt dieses Thema in seinem Buch "Über Lenin". Seiner Charakteristik zufolge aber würde Lenin so gut wie nichts anderes getan haben, als "bei jeder passenden Gelegenheit den Gedanken von der Unvermeidlichkeit des Terrors einzuhämmern". Es entsteht der Eindruck, als ob Lenin der blutdürstigste aller blutdürstigen Bolschewiki gewesen wäre.

Wozu brauchte Trotzki diese überflüssige und durch nichts zu rechtfertigende dicke Auftragung der Farben?

Die Partei kennt Lenin als vorbildliches Parteimitglied, der es nicht liebte, Fragen allein zu entscheiden, ohne ein leitendes Kollegium, auf Anhieb, ohne sorgfältiges Sondieren und Überprüfen. Trotzki kommt in seinem Buch auch auf diese Seite der Sache zu sprechen. Aber was er schildert, ist nicht Lenin, sondern eine Art chinesischer Mandarin, der die wichtigsten Fragen in der Stille seines Arbeitszimmers aus Eingebung entscheidet.

Sie wollen wissen, wie unsere Partei über die Auseinanderjagung der Konstituierenden Versammlung entschied? Hören Sie Trotzki:

"´Selbstverständlich muss die Konstituierende Versammlung auseinandergejagt werden´, sagte Lenin, ´aber wie steht es mit den linken Sozialrevolutionären?´

Allein der alte Natanson erfreute uns sehr. Er kam zu uns, um sich ´zu beratschlagen´, und meinte gleich bei den ersten Worten: ´Die Konstituierende Versammlung wird wohl doch mit Gewalt auseinandergejagt werden müssen.´

´Bravo!´, rief Lenin aus, ´das ist ein wahres Wort! Werden die Ihrigen aber damit einverstanden sein?´

´Einige schwanken bei uns, doch glaube ich, dass sie schließlich zustimmen werden´, antwortete Natanson."

So wird Geschichte geschrieben.

Sie wollen wissen, wie die Partei über die Frage eines Obersten Kriegsrats entschied? Hören Sie Trotzki:

"´Ohne seriöse und erfahrene Militärs werden wir aus diesem Chaos nicht herauskommen´, sagte ich Wladimir Iljitsch jedesmal nach einem Besuch beim Stab.

´Das scheint richtig zu sein. Wenn sie nur nicht Verrat üben...´ ´Wir stellen einem jeden einen Kommissar zur Seite.´

´Noch besser zwei Kommissare´, rief Lenin aus, ´und zwar Leute, die richtig zupacken können. Es kann doch nicht sein, dass es bei uns keine Kommunisten mit richtigen Fäusten gibt.´

So kam es zum Aufbau des Obersten Kriegsrats."

So schreibt Trotzki Geschichte.

Wozu braucht Trotzki diese Lenin kompromittierenden orientalischen Märchen? Etwa, um den Führer der Partei, W. I. Lenin, zu verherrlichen? Es sieht nicht danach aus.

Die Partei kennt Lenin als größten Marxisten unserer Zeit, als tiefschürfenden Theoretiker und erfahrensten Revolutionär, dem jede Spur von Blanquismus fremd ist. Trotzki kommt in seinem Buch auch auf diese Seite der Sache zu sprechen. Aus seiner Charakteristik aber ersteht nicht der Riese Lenin, sondern ein zwerghafter Blanquist, der der Partei in den Oktobertagen rät, "die Macht mit eigener Hand zu ergreifen, unabhängig vom Sowjet und hinter seinem Rücken". Ich habe jedoch schon davon gesprochen, dass diese Charakteristik nicht im Geringsten der Wirklichkeit entspricht.

Wozu braucht Trotzki diese schreiende ... Ungenauigkeit? Haben wir es hier nicht mit einem Versuch zu tun, Lenin "ein klein wenig" zu diffamieren?

Das sind die Charakterzüge des neuen Trotzkismus.

Weshalb ist der neue Trotzkismus gefährlich? Weil der Trotzkismus seinem ganzen inneren Gehalt nach alle Chancen hat, zum Mittelpunkt und Sammelbecken nichtproletarischer Elemente zu werden, die die Schwächung, die Zersetzung der Diktatur des Proletariats anstreben.

Was aber weiter? - wird man fragen. Welches sind die nächsten Aufgaben der Partei angesichts der neuen literarischen Ergüsse Trotzkis?

Das jetzige Vorgehen des Trotzkismus hat den Zweck, den Bolschewismus zu diffamieren und seine Grundlagen zu untergraben. Die Aufgabe der Partei besteht darin, den Trotzkismus als ideologische Strömung zu begraben.

Man spricht von Repressalien gegen die Opposition und von der Möglichkeit einer Spaltung. Das ist Unsinn, Genossen. Unsere Partei ist stark und mächtig. Sie wird keine Spaltungen zulassen. Was die Repressalien anbelangt, so bin ich entschieden dagegen. Nicht Repressalien, sondern einen entfalteten ideologischen Kampf gegen den wiederauflebenden Trotzkismus brauchen wir jetzt.

Wir haben diese literarische Diskussion nicht gewollt und nicht angestrebt. Der Trotzkismus zwingt sie uns durch seine antileninistischen Vorstöße auf. Nun, wir sind bereit, Genossen.

Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten

Seite 320 - 358

Vorwort zu dem Buch "Auf dem Wege zum Oktober", 17. Dezember 1924.

[Anmerkung 78]

J. Stalin. Auf dem Wege zum Oktober.

Staatsverlag, 1925.

  • I. Die äussere und innere Situation während der Oktoberrevolution
  • II. Über zwei Besonderheiten der Oktoberrevolution, oder der Oktober und Trotzkis Theorie der "Permanenten" Revolution
  • III. Über einige Besonderheiten der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktobers
  • IV. Die Oktoberrevolution als Beginn und Vorraussetzung der Weltrevolution

I. Die äußere und innere Situation während der Oktoberrevolution

Drei Umstände äußerer Natur waren bestimmend für die verhältnismäßige Leichtigkeit, mit der es der proletarischen Revolution in Rußland gelungen ist, die Ketten des Imperialismus zu sprengen und so die Macht der Bourgeoisie zu stürzen.

Erstens der Umstand, dass die Oktoberrevolution in der Periode des verzweifelten Kampfes der beiden grundlegenden imperialistischen Gruppen, der englisch-französischen und der österreichisch-deutschen, ihren Anfang nahm, als diese Gruppen, durch den gegenseitigen Kampf auf Tod und Leben in Anspruch genommen, weder Zeit noch Mittel hatten, dem Kampf gegen die Oktoberrevolution ernsthafte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Dieser Umstand war für die Oktoberrevolution von gewaltiger Bedeutung, denn er gab ihr die Möglichkeit, die schweren Zusammenstöße innerhalb des Imperialismus zur Festigung und Organisierung ihrer Kräfte auszunutzen.

Zweitens der Umstand, dass die Oktoberrevolution während des imperialistischen Krieges begann, als die durch den Krieg erschöpften und nach Frieden lechzenden werktätigen Massen durch die innere Logik der Dinge an die proletarische Revolution als den einzigen Ausweg aus dem Kriege herangeführt wurden. Dieser Umstand hatte für die Oktoberrevolution überaus große Bedeutung, denn er gab ihr die mächtige Waffe des Friedens in die Hand, erleichterte es ihr, den Sowjetumsturz mit der Beendigung des verhassten Krieges zu verbinden, und verschaffte ihr damit Massensympathien sowohl im Westen, unter den Arbeitern, als auch im Osten, unter den unterdrückten Völkern.

Drittens der Umstand, dass es in Europa eine mächtige Arbeiterbewegung gab, und die Tatsache, dass im Westen und im Osten eine revolutionäre Krise heranreifte, hervorgerufen durch die lange Dauer des imperialistischen Krieges. Dieser Umstand war für die Revolution in Rußland von unschätzbarer Bedeutung, denn er sicherte ihr in ihrem Kampf gegen den Weltimperialismus treue Verbündete außerhalb Rußlands.

Aber neben den Umständen äußerer Natur gab es für die Oktoberrevolution noch eine ganze Reihe innerer günstiger Bedingungen, die ihr den Sieg erleichterten.

Als die wichtigsten dieser Bedingungen sind die folgenden zu betrachten.

Erstens fand die Oktoberrevolution bei der übergroßen Mehrheit der Arbeiterklasse Rußlands die aktivste Unterstützung.

Zweitens fand sie die unzweifelhafte Unterstützung der armen Bauernschaft und der Mehrheit der Soldaten, die nach Frieden und Land lechzten.

Drittens hatte sie an ihrer Spitze, als führende Kraft, eine so erprobte Partei wie die Partei der Bolschewiki, stark nicht nur durch ihre Erfahrung und durch eine in langen Jahren herausgearbeitete Disziplin, sondern auch durch ihre gewaltigen Verbindungen mit den werktätigen Massen.

Viertens standen der Oktoberrevolution so verhältnismäßig leicht überwindbare Feinde gegenüber wie die mehr oder weniger schwache russische Bourgeoisie, die durch die Bauern"revolten" vollends demoralisierte Klasse der Gutsbesitzer und die im Verlauf des Krieges vollständig bankrott gegangenen Paktiererparteien (die Parteien der Menschewiki und Sozialrevolutionäre).

Fünftens verfügte sie über das ungeheure Gebiet des jungen Staates, auf dem sie frei manövrieren, sich, wenn die Umstände es erforderten, zurückziehen, Atem schöpfen, Kräfte sammeln konnte usw.

Sechstens konnte die Oktoberrevolution in ihrem Kampf gegen die Konterrevolution auf eine genügende Menge von Nahrungsmitteln, Brenn- und Rohstoffen innerhalb des Landes rechnen.

Das Zusammentreffen dieser äußeren und inneren Umstände ergab jene eigenartige Situation, die für die verhältnismäßige Leichtigkeit des Sieges der Oktoberrevolution bestimmend war.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Oktoberrevolution, was die äußere und innere Situation betraf, nicht auch negative Momente hatte. Wie schwer wiegt schon ein solches Minus wie die bekannte Tatsache, dass die Oktoberrevolution vereinzelt blieb, dass es neben ihr und in ihrer Nachbarschaft kein anderes Sowjetland gab, auf das sie sich hätte stützen können? Zweifellos würde sich die nächste Revolution, zum Beispiel in Deutschland, in dieser Hinsicht in einer vorteilhafteren Lage befinden, denn sie hätte in ihrer Nachbarschaft ein seiner Stärke nach so ernst zu nehmendes Sowjetland wie unsere Sowjetunion. Ich spreche schon gar nicht von einem solchen Minus der Oktoberrevolution wie dem Fehlen einer proletarischen Mehrheit im Lande.

Aber diese negativen Momente lassen lediglich die gewaltige Bedeutung jener eigenartigen inneren und äußeren Bedingungen der Oktoberrevolution, von denen oben die Rede war, umso schärfer hervortreten.

Diese Eigenart darf man keinen Augenblick vergessen. An sie muss besonders gedacht werden bei der Analyse der deutschen Ereignisse im Herbst 1923. An sie müsste vor allem Trotzki denken, der summarisch eine Analogie zwischen der Oktoberrevolution und der Revolution in Deutschland zieht und hemmungslos die deutsche Kommunistische Partei wegen ihrer wirklichen und angeblichen Fehler geißelt.

"Für Rußland war es", sagt Lenin, "in der konkreten, historisch außerordentlich eigenartigen Situation von 1917 leicht, die sozialistische Revolution zu beginnen, während es für Rußland schwerer als für die europäischen Länder sein wird, sie fortzusetzen und zu Ende zu führen. Bereits zu Beginn des Jahres 1918 musste ich auf diesen Umstand hinweisen, und die spätere zweijährige Erfahrung hat die Richtigkeit dieser Erwägung vollauf bestätigt. Solche spezifische Bedingungen wie: 1. die Möglichkeit, den Sowjetumsturz mit der dank diesem Umsturz herbeigeführten Beendigung des imperialistischen Krieges zu verbinden, der die Arbeiter und Bauern aufs äußerste erschöpft hatte; 2. die Möglichkeit, eine gewisse Zeit lang den auf Tod und Leben geführten Kampf der beiden weltbeherrschenden Gruppen imperialistischer Räuber auszunutzen, der beiden Gruppen, die sich nicht gegen die Sowjets, ihren Feind, vereinigen konnten; 3. die Möglichkeit - teilweise dank der ungeheuren Ausdehnung des Landes und den schlechten Verkehrsmitteln -, einen verhältnismäßig langwierigen Bürgerkrieg auszuhalten; 4. das Vorhandensein einer so tiefgehenden bürgerlich-demokratischen revolutionären Bewegung unter der Bauernschaft, dass die Partei des Proletariats die revolutionären Forderungen von der Partei der Bauern (der Sozialrevolutionäre, einer Partei, die in ihrer Mehrheit dem Bolschewismus ausgesprochen feindlich gegenüberstand) übernehmen und sie dank der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat unverzüglich verwirklichen konnte - solche spezifische Bedingungen sind jetzt in Westeuropa nicht vorhanden, und die Wiederkehr solcher oder ähnlicher Bedingungen ist nicht allzu leicht möglich. Deshalb übrigens ist es, neben einer Reihe anderer Gründe, für Westeuropa schwerer, als es für uns war, die sozialistische Revolution zu beginnen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, 5.45146 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd.II, S.710].)

Diese Worte Lenins darf man nicht vergessen.

II. Über zwei Besonderheiten der Oktoberrevolution, oder der Oktober und Trotzkis Theorie der "Permanenten" Revolution

Es gibt zwei Besonderheiten der Oktoberrevolution, die vor allem klargestellt werden müssen, um den inneren Sinn und die historische Bedeutung dieser Revolution zu begreifen.

Was sind das für Besonderheiten?

Das ist erstens die Tatsache, dass die Diktatur des Proletariats bei uns als eine Macht ins Leben trat, die auf der Grundlage des Bündnisses des Proletariats und der werktätigen Massen der Bauernschaft entstand, wobei letztere vom Proletariat geführt wurden. Das ist zweitens die Tatsache, dass die Diktatur des Proletariats bei uns verankert wurde als Ergebnis des Sieges des Sozialismus in einem, kapitalistisch wenig entwickelten Lande, während in den anderen, kapitalistisch entwickelteren Ländern der Kapitalismus weiter bestehen blieb. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Oktoberrevolution keine anderen Besonderheiten hat. Doch sind für uns jetzt gerade diese beiden Besonderheiten wichtig, nicht nur deshalb, weil sie das Wesen der Oktoberrevolution deutlich zum Ausdruck bringen, sondern auch deshalb, weil sie die opportunistische Natur der Theorie der "permanenten Revolution" vortrefflich aufdecken.

Betrachten wir kurz diese Besonderheiten.

Die Frage der werktätigen Massen des städtischen und ländlichen Kleinbürgertums, die Frage der Gewinnung dieser Massen für das Proletariat ist eine höchst wichtige Frage der proletarischen Revolution. Wen das werktätige Volk in Stadt und Land im Kampfe um die Macht unterstützen wird, die Bourgeoisie oder das Proletariat, wessen Reserve es bilden wird, die Reserve der Bourgeoisie oder die Reserve des Proletariats - davon hängt das Schicksal der Revolution und die Festigkeit der Diktatur des Proletariats ab. Die Revolutionen von 1848 und 1871 in Frankreich sind hauptsächlich deswegen zugrunde gegangen, weil die bäuerlichen Reserven auf der Seite der Bourgeoisie standen. Die Oktoberrevolution hat deswegen gesiegt, weil sie es verstand, der Bourgeoisie ihre bäuerlichen Reserven wegzunehmen, weil sie es verstand, diese Reserven für das Proletariat zu gewinnen, und weil sich das Proletariat in dieser Revolution als die einzige führende Kraft der Millionenmassen des werktätigen Volkes in Stadt und Land erwiesen hat.

Wer das nicht begriffen hat, der wird niemals den Charakter der Oktoberrevolution noch das Wesen der Diktatur des Proletariats, noch die Eigenart der Innenpolitik unserer proletarischen Macht begreifen.

Die Diktatur des Proletariats ist nicht einfach eine Regierungsspitze, die von der sorgsamen Hand eines "erfahrenen Strategen" "geschickt" "ausgewählt" wurde und sich auf diese oder jene Schichten der Bevölkerung "vernünftig stützt". Die Diktatur des Proletariats ist ein Klassenbündnis des Proletariats und der werktätigen Massen der Bauernschaft zum Sturz des Kapitals, zum endgültigen Siege des Sozialismus, unter der Bedingung, dass die führende Kraft in diesem Bündnis das Proletariat ist. Es handelt sich hier also nicht darum, dass man die revolutionären Möglichkeiten der Bauernbewegung "ein klein wenig" unterschätzt oder "ein klein wenig" überschätzt, wie manche diplomatische Verteidiger der "permanenten Revolution" sich jetzt mit Vorliebe auszudrücken pflegen.

Es handelt sich um das Wesen des neuen proletarischen Staates, der infolge der Oktoberrevolution entstanden ist. Es handelt sich um den Charakter der proletarischen Macht, um die Grundlagen der Diktatur des Proletariats selbst.

"Die Diktatur des Proletariats", sagt Lenin, "ist eine besondere Form des Klassenbündnisses zwischen dem Proletariat, der Avantgarde der Werktätigen, und den zahlreichen nichtproletarischen Schichten der Werktätigen (Kleinbürgertum, Kleineigentümer, Bauernschaft, Intelligenz usw.) oder deren Mehrheit, eines Bündnisses gegen das Kapital, eines Bündnisses zum Zwecke des völligen Sturzes des Kapitals, der völligen Unterdrückung des Widerstands der Bourgeoisie und ihrer Restaurationsversuche, eines Bündnisses zum Zwecke der endgültigen Errichtung und Festigung des Sozialismus." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 350/351, russ.)

Und weiter:

"Diktatur des Proletariats bedeutet, wenn man diesen lateinischen, wissenschaftlichen, historisch-philosophischen Ausdruck in eine einfachere Sprache übersetzt:

Nur eine bestimmte Klasse, nämlich die städtischen Arbeiter und überhaupt die Fabrikarbeiter, die Industriearbeiter, ist imstande, die ganze Masse der Werktätigen und Ausgebeuteten zu führen im Kampf für das Abwerfen des kapitalistischen Jochs, im Verlauf des Abwerfens selbst, im Kampfe um die Sicherung und die Festigung des Sieges, bei der Schaffung der neuen, der sozialistischen Gesellschaftsordnung, in dem ganzen Kampfe für die völlige Aufhebung der Klassen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S.387 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 5701.)

Das ist die Theorie der Diktatur des Proletariats, wie sie von Lenin gegeben wurde.

Eine der Besonderheiten der Oktoberrevolution besteht darin, dass diese Revolution die klassische Verwirklichung der Leninschen Theorie der Diktatur des Proletariats ist.

Manche Genossen sind der Auffassung, diese Theorie sei eine rein "russische" Theorie, die lediglich auf die russische Wirklichkeit Bezug habe. Das ist falsch. Das ist ganz und gar falsch. Wenn Lenin von den vom Proletariat geführten werktätigen Massen der nichtproletarischen Klassen spricht, so meint er nicht allein die russischen Bauern, sondern auch die werktätigen Elemente der Randgebiete der Sowjetunion, die noch vor kurzem russische Kolonien darstellten. Lenin wiederholte unermüdlich, dass das Proletariat Rußlands ohne ein Bündnis mit diesen Massen der anderen Nationalitäten nicht siegen kann. In seinen Aufsätzen über die nationale Frage und in seinen Reden auf den Kongressen der Kommunistischen Internationale sagte Lenin wiederholt, dass der Sieg der Weltrevolution unmöglich ist ohne ein revolutionäres Bündnis, ohne einen revolutionären Block des Proletariats der fortgeschrittenen Länder mit den unterdrückten Völkern der versklavten Kolonien. Aber was sind denn Kolonien anderes als wiederum die unterdrückten werktätigen Massen, und vor allem die werktätigen Massen der Bauernschaft? Wer wüsste nicht, dass die Befreiung der Kolonien im Grunde genommen eine Frage der Befreiung der werktätigen Massen der nichtproletarischen Klassen von der Unterdrückung und Ausbeutung durch das Finanzkapital ist?

Daraus folgt aber, dass die Leninsche Theorie der Diktatur des Proletariats keine rein "russische" Theorie ist, sondern eine für alle Länder unbedingt gültige Theorie. Der Bolschewismus ist keine ausschließlich russische Erscheinung. "Der Bolschewismus", sagt Lenin, ist ein "Vorbild der Taktik für alle" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 270 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 471]).

Das sind die charakteristischen Züge der ersten Besonderheit der Oktoberrevolution.

Wie verhält es sich nun vom Standpunkt dieser Besonderheit der Oktoberrevolution mit Trotzkis Theorie der "permanenten Revolution"?

Wir wollen uns nicht über die Stellung Trotzkis im Jahre 1905 verbreiten, als er die Bauernschaft als revolutionäre Kraft "einfach" vergaß und die Losung "Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung", das heißt die Losung einer Revolution ohne die Bauernschaft, aufstellte. Sogar Radek, dieser diplomatische Verteidiger der "permanenten Revolution", ist jetzt gezwungen zuzugeben, dass die "permanente Revolution" im Jahre 1905 einen "Luftsprung" von der Wirklichkeit weg bedeutete. Jetzt erkennen offenbar alle an, dass es nicht lohnt, sich mit diesem "Luftsprung" weiter abzugeben.

Wir wollen uns auch nicht weiter über die Stellung Trotzkis während des Krieges verbreiten, sagen wir im Jahre 1915, als er in seinem Artikel "Der Kampf um die Macht", davon ausgehend, dass "wir in der Epoche des Imperialismus leben", dass der Imperialismus "nicht die bürgerliche Nation dem alten Regime, sondern das Proletariat der bürgerlichen Nation gegenüberstellt", zu dem Schluss gelangte, dass sich die revolutionäre Rolle der Bauernschaft verringern müsse, dass die Losung der Konfiskation des Bodens nicht mehr die Bedeutung habe, die ihr früher zukam. Bekanntlich hat Lenin damals, in einer Kritik an diesem Artikel Trotzkis, ihn der "Negierung" der "Rolle der Bauernschaft" bezichtigt, indem er sagte, dass "Trotzki in Wirklichkeit den liberalen Arbeiterpolitikern in Rußland hilft, die unter der ´Negierung´ der Rolle der Bauernschaft den mangelnden ‘Willen verstehen, die Bauern zur Revolution aufzurütteln!" (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 382, russ.)

Wir wollen uns lieber den späteren Schriften Trotzkis über diese Frage zuwenden, den Schriften aus der Periode, in der die proletarische Diktatur sich bereits gefestigt hatte und Trotzki die Möglichkeit besaß, seine Theorie der "permanenten Revolution" an Hand der Praxis zu überprüfen und seine Fehler zu korrigieren. Nehmen wir das im Jahre 1922 geschriebene "Vorwort" Trotzkis zu dem Buch "Das Jahr 1905". Trotzki sagt in diesem "Vorwort" über die "permanente Revolution":

"Gerade in der Zeitspanne zwischen dem 9. Januar und dem Oktoberstreik 1905 haben sich bei dem Verfasser die Ansichten über den Charakter der revolutionären Entwicklung Rußlands herausgebildet, die die Bezeichnung Theorie der ´permanenten Revolution´ erhielten. Diese hochgelehrte Bezeichnung brachte den Gedanken zum Ausdruck, dass die russische Revolution wohl unmittelbar vor bürgerlichen Zielen steht, jedoch bei ihnen nicht wird stehen bleiben können. Die Revolution wird ihre nächsten bürgerlichen Aufgaben nicht anders lösen können als dadurch, dass sie das Proletariat an die Macht bringt. Dieses aber wird, nachdem es die Macht erobert hat, sich nicht auf den bürgerlichen Rahmen der Revolution beschränken können. Im Gegenteil, gerade zur Sicherung ihres Sieges wird die proletarische Avantgarde schon in der ersten Zeit ihrer Herrschaft tiefstgehende Eingriffe nicht nur in das feudale, sondern auch in das bürgerliche Eigentum vornehmen müssen. Hierbei wird sie in feindliche Zusammenstöße nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie geraten, die sie im Anfang ihres revolutionären Kampfes unterstützt haben, sondern auch mit den breiten Massen der Bauernschaft, mit deren Beihilfe sie zur Macht gekommen ist. Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung werden nur im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung finden können."‘

So spricht Trotzki über seine "permanente Revolution".

Man braucht nur dieses Zitat mit den oben angeführten Zitaten aus den Werken Lenins über die Diktatur des Proletariats zu vergleichen, um die ganze Kluft zu erkennen, die die Leninsche Theorie der Diktatur des Proletariats von Trotzkis Theorie der "permanenten Revolution" trennt. Lenin spricht von dem Bündnis des Proletariats und der werktätigen Schichten der Bauernschaft als der Grundlage der Diktatur des Proletariats. Bei Trotzki dagegen ergeben sich "feindliche Zusammenstöße" der "proletarischen Avantgarde" mit den "breiten Massen der Bauernschaft". Lenin spricht von der Führung der werktätigen und ausgebeuteten Massen durch das Proletariat. Bei Trotzki dagegen ergeben sich "Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung".

Nach Lenin schöpft die Revolution ihre Kräfte vor allem unter den Arbeitern und Bauern Rußlands selbst. Bei Trotzki dagegen ergibt sich, dass man die notwendigen Kräfte nur "in der Arena der Weltrevolution des Proletariats" schöpfen kann.

Wie aber, wenn es der internationalen Revolution beschieden sein sollte, mit Verspätung einzutreffen? Gibt es da irgendeinen Lichtblick für unsere Revolution? Bei Trotzki gibt es keinen Lichtblick, denn "die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung... werden nur... in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung finden können". Nach diesem Plan verbleibt unserer Revolution nur die eine Perspektive: in ihren eigenen Widersprüchen fortzuvegetieren und in Erwartung der Weltrevolution auf dem Halm zu verfaulen.

Was ist die Diktatur des Proletariats nach Lenin?

Die Diktatur des Proletariats ist eine Macht, die sich auf das Bündnis des Proletariats und der werktätigen Massen der Bauernschaft stützt, um "das Kapital völlig niederzuwerfen", um "den Sozialismus endgültig zu errichten und zu festigen".

Was ist die Diktatur des Proletariats nach Trotzki?

Die Diktatur des Proletariats ist eine Macht, die mit "den breiten Massen der Bauernschaft" in "feindliche Zusammenstöße" gerät und die Lösung der "Widersprüche" lediglich "in der Arena der Weltrevolution des Proletariats" sucht.

Wodurch unterscheidet sich diese "Theorie der permanenten Revolution" von der bekannten Theorie des Menschewismus, die die Idee der Diktatur des Proletariats verneint?

Im Grunde genommen durch gar nichts.

Zweifel sind unmöglich. Die "permanente Revolution" ist keine einfache Unterschätzung der revolutionären Möglichkeiten der Bauernbewegung. Die "permanente Revolution" ist eine Unterschätzung der Bauernbewegung, die zur Verneinung der Leninschen Theorie der Diktatur des Proletariats führt.

Die "permanente Revolution" Trotzkis ist eine Abart des Menschewismus.

So verhält es sich mit der ersten Besonderheit der Oktoberrevolution. Welches sind die charakteristischen Züge der zweiten Besonderheit der Oktoberrevolution?

Beim Studium des Imperialismus, besonders während des Krieges, gelangte Lenin zu dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit, der Sprunghaftigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder. Diesem Gesetz zufolge vollzieht sich die Entwicklung der Betriebe, Truste, Industriezweige und einzelnen Länder nicht gleichmäßig, nicht in einer feststehenden Reihenfolge, nicht so, dass ein Trust, ein Industriezweig oder ein Land die ganze Zeit hindurch vorangeht, während die anderen Truste oder Länder der Reihe nach eins hinter dem andern zurückbleiben, sondern sprunghaft, mit Unterbrechungen in der Entwicklung der einen Länder und mit Sprüngen vorwärts in der Entwicklung anderer Länder. Dabei hat das "durchaus berechtigte" Streben der zurückbleibenden Länder, ihre alte Positionen zu behaupten, und das ebenso "berechtigte" Streben der vorausgeeilten Länder, neue Positionen an sich zu reißen, zur Folge, dass kriegerische Zusammenstöße der imperialistischen Länder zur unvermeidlichen Notwendigkeit werden. So war es zum Beispiel mit Deutschland, das vor einem halben Jahrhundert im Vergleich zu Frankreich und England ein zurückgebliebenes Land war. Dasselbe gilt von Japan im Vergleich zu Rußland. Es ist jedoch bekannt, dass schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Deutschland und Japan einen so großen Sprung vorwärts taten, dass es Deutschland gelang, Frankreich zu überholen, und dass es England auf dem Weltmarkt zu bedrängen begann, während Japan das gleiche gegenüber Rußland gelang. Diesen Widersprüchen entsprang denn auch bekanntlich der jüngste imperialistische Krieg.

Dieses Gesetz geht von folgendem aus:

1. "Der Kapitalismus ist zu einem Weltsystem kolonialer Unterdrückung und finanzieller Abwürgung der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung der Erde durch eine Handvoll ´fortgeschrittener´ Länder geworden." (Siehe Vorwort zur französischen Ausgabe des "Imperialismus" von Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 22, S. 179 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S.771}.)

2. "In diese ´Beute´ teilen sich zwei, drei weltbeherrschende, bis an die Zähne bewaffnete Räuber (Amerika, England, Japan), die die ganze Welt in ihren Krieg um die Teilung ihrer Beute mit hineinreißen." (Ebenda.)

3. Das Anwachsen der Widersprüche innerhalb des Weltsystems finanzieller Unterdrückung und die Unvermeidlichkeit kriegerischer Zusammenstöße führen dazu, dass die Weltfront des Imperialismus durch die Revolution leicht verwundbar und die Durchbrechung dieser Front seitens einzelner Länder wahrscheinlich wird.

4. Dieser Durchbruch kann am wahrscheinlichsten an jenen Punkten und in jenen Ländern vor sich gehen, wo die Kette der imperialistischen Front am schwächsten, das heißt, wo der Imperialismus am wenigsten gerüstet ist und die Revolution sich am leichtesten entfalten kann.

5. Infolgedessen ist der Sieg des Sozialismus in einem Lande, selbst wenn dieses Land kapitalistisch weniger entwickelt ist, bei Fortbestehen des Kapitalismus in den anderen Ländern, selbst wenn diese Länder kapitalistisch entwickelter sind, durchaus möglich und wahrscheinlich.

Das sind in wenigen Worten die Grundlagen der Leninschen Theorie der proletarischen Revolution.

Worin besteht die zweite Besonderheit der Oktoberrevolution?

Die zweite Besonderheit der Oktoberrevolution besteht darin, dass diese Revolution ein Musterbeispiel praktischer Anwendung der Leninschen Theorie der proletarischen Revolution ist.

Wer diese Besonderheit der Oktoberrevolution nicht begriffen hat, wird weder das internationale Wesen dieser Revolution noch ihre kolossale internationale Wirkungskraft, noch die Eigenart ihrer Außenpolitik jemals begreifen.

"Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung", sagt Lenin, "ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen." Denn "die freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rück-ständigen Staaten." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S.753].)

Die Opportunisten aller Länder behaupten, dass die proletarische Revolution nur in den industriell entwickelten Ländern beginnen könne - wenn sie ihrer Theorie zufolge überhaupt irgendwo beginnen sollte -, dass, je entwickelter in industrieller Hinsicht diese Länder sind, um so mehr Aussicht auf den Sieg des Sozialismus bestehe, wobei sie die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, und noch dazu in einem kapitalistisch schwach entwickelten Lande, als etwas völlig Unwahrscheinliches ausschließen. Lenin stellte schon während des Krieges, gestützt auf das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung der imperialistischen Staaten, den Opportunisten seine Theorie der proletarischen Revolution entgegen, die Theorie des Sieges des Sozialismus in einem Lande, selbst wenn dieses Land kapitalistisch weniger entwickelt ist.

Bekanntlich hat die Oktoberrevolution die Richtigkeit der Leninschen Theorie der proletarischen Revolution vollauf bestätigt.

Wie verhält es sich nun mit der "permanenten Revolution" Trotzkis vom Standpunkt der Leninschen Theorie des Sieges der proletarischen Revolution in einem Lande?

Nehmen wir die Broschüre Trotzkis "Unsere Revolution" (1906). Trotzki schreibt:

"Ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat wird die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein, die Macht zu behaupten und ihre zeitweilige Herrschaft in eine dauernde sozialistische Diktatur zu verwandeln. Daran darf man nicht einen Augenblick zweifeln."

Was besagt dieses Zitat? Es besagt, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande, im vorliegenden Falle in Rußland, unmöglich ist "ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat", das heißt vor der Machteroberung durch das europäische Proletariat.

Was hat diese "Theorie" mit dem Satze Lenins von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus "in einem einzeln genommenen kapitalistischen Lande" gemein?

Es ist klar, dass es hier nichts Gemeinsames gibt.

Aber angenommen, diese Broschüre Trotzkis, die 1906 erschien, als es schwer war, den Charakter unserer Revolution zu bestimmen, enthalte unwillkürliche Irrtümer und entspreche nicht ganz den Ansichten Trotzkis in einer späteren Periode. Betrachten wir eine andere Broschüre Trotzkis, sein "Friedensprogramm", die vor der Oktoberrevolution 1917 erschien und jetzt (1924) in dem Buch "1917" neu herausgegeben wurde. In dieser Broschüre kritisiert Trotzki die Leninsche Theorie der proletarischen Revolution, die Theorie des Sieges des Sozialismus in einem Lande und stellt ihr die Losung der Vereinigten Staaten von Europa entgegen. Er behauptet, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande unmöglich sei, dass der Sieg des Sozialismus nur möglich sei als Sieg in mehreren ausschlaggebenden Ländern Europas (England, Rußland, Deutschland), die sich zu den Vereinigten Staaten von Europa zusammenschließen, oder er sei überhaupt unmöglich. Er sagt unumwunden, dass "eine siegreiche Revolution in Rußland oder England undenkbar ist ohne eine Revolution in Deutschland und umgekehrt".

"Das einzige einigermaßen konkrete historische Argument", sagt Trotzki, "gegen die Losung der Vereinigten Staaten wurde im schweizerischen ´Sozialdemokrat´ (dem damaligen Zentralorgan der Bolschewiki. J. St.) in folgendem Satz formuliert: ´Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus.´ Daraus zog der ´Sozialdemokrat´ den Schluss, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich sei und dass es deshalb nicht notwendig sei, die Diktatur des Proletariats in jedem einzelnen Staat von der Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa abhängig zu machen. dass die kapitalistische Entwicklung der verschiedenen Länder ungleichmäßig ist, ist ein völlig unbestreitbares Argument. Aber diese Ungleichmäßigkeit selbst ist überaus ungleichmäßig. Das kapitalistische Niveau Englands, Österreichs, Deutschlands oder Frankreichs ist nicht ein und dasselbe. Aber im Vergleich zu Afrika und Asien stellen alle diese Länder das kapitalistische ´Europa´ dar, das für die soziale Revolution reif ist. dass kein einziges Land in seinem Kampfe auf die anderen ,warten´ soll, ist ein elementarer Gedanke, den zu wiederholen nützlich und notwendig ist, damit nicht die Idee der parallelen internationalen Tat durch die Idee der abwartenden internationalen Untätigkeit ersetzt werde. Ohne auf die anderen zu warten, beginnen wir den Kampf auf nationalem Boden und setzen ihn hier fort, in der vollen Überzeugung, dass unsere Initiative dem Kampf in den anderen Ländern einen Anstoß geben wird; wenn das aber nicht geschehen sollte, dann wäre es aussichtslos, zu glauben - davon zeugen sowohl die geschichtlichen Erfahrungen als auch theoretische Erwägungen -, dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten oder ein sozialistisches Deutschland in der kapitalistischen Welt isoliert bleiben könnte."

Wie man sieht, haben wir dieselbe Theorie des gleichzeitigen Sieges des Sozialismus in den ausschlaggebenden Ländern Europas vor uns, als eine Regel, die die Leninsche Revolutionstheorie des Sieges des Sozialismus in einem Lande ausschließt.

Es erübrigt sich zu sagen, dass zum vollständigen Siege des Sozialismus, zu einer vollständigen Garantie gegen die Wiederherstellung der alten Ordnung die gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder notwendig sind. Es erübrigt sich zu sagen, dass das Proletariat Rußlands ohne die Unterstützung unserer Revolution durch das Proletariat Europas dem allgemeinen Ansturm nicht hätte widerstehen können, ebenso wie ohne Unterstützung der revolutionären Bewegung im Westen durch die Revolution in Rußland diese Bewegung sich nicht in dem Tempo hätte entwickeln können, mit dem es sich nach der proletarischen Diktatur in Rußland zu entwickeln begann. Es erübrigt sich zu sagen, dass wir Unterstützung brauchen. Aber was bedeutet die Unterstützung unserer Revolution durch das westeuropäische Proletariat? Die Sympathie der europäischen Arbeiter für unsere Revolution, ihre Bereitschaft, die Interventionspläne der Imperialisten zu durchkreuzen - ist das alles eine Unterstützung, eine ernste Hilfe? Unbedingt. Ohne diese Unterstützung, ohne diese Hilfe nicht allein von Seiten der europäischen Arbeiter, sondern auch von Seiten der kolonialen und abhängigen Länder hätte es die proletarische Diktatur in Rußland recht schwer gehabt. Reichten bisher diese Sympathie und diese Hilfe, im Verein mit der Macht unserer Roten Armee und der Bereitschaft der Arbeiter und Bauern Rußlands, das sozialistische Vaterland mit Leib und Leben zu verteidigen - reichte das alles aus, um die Angriffe der Imperialisten abzuwehren und die notwendigen Vorbedingungen für eine ernsthafte Aufbauarbeit zu erkämpfen? Ja, es reichte aus. Wächst diese Sympathie an oder ebbt sie ab? Sie wächst unbedingt an. Sind somit bei uns günstige Bedingungen nicht nur dafür vorhanden, das Werk der Organisierung der sozialistischen Wirtschaft voranzutreiben, sondern auch dafür, unserseits sowohl die westeuropäischen Arbeiter als auch die unterdrückten Völker des Ostens zu unterstützen? Ja, sie sind vorhanden. Davon spricht in beredter Weise die siebenjährige Geschichte der proletarischen Diktatur in Rußland. Kann man leugnen, dass bei uns ein mächtiger Arbeitsaufschwung bereits begonnen hat? Nein, das kann man nicht leugnen.

Welche Bedeutung kann nach alledem die Erklärung Trotzkis haben, dass ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich nicht behaupten könnte?

Sie kann nur eine Bedeutung haben: Erstens, Trotzki fühlt nicht die innere Macht unserer Revolution; zweitens, Trotzki begreift nicht die unschätzbare Bedeutung der moralischen Unterstützung, die die Arbeiter des Westens und die Bauern des Ostens unserer Revolution erweisen; drittens, Trotzki merkt nicht jenes innere Siechtum, von dem der Imperialismus jetzt zerfressen wird.

Im Eifer seiner Kritik an der Leninschen Theorie der proletarischen Revolution hat Trotzki in seiner Broschüre "Das Friedensprogramm", die 1917 erschien und 1924 neu herausgegeben wurde, sich unversehens selbst den Kopf eingerannt.

Aber vielleicht ist auch diese Broschüre Trotzkis veraltet und entspricht aus irgendeinem Grunde nicht mehr seinen heutigen Ansichten? Nehmen wir die späteren Schriften Trotzkis, die nach dem Siege der proletarischen Revolution in einem Lande, in Rußland, geschrieben worden sind. Nehmen wir zum Beispiel das "Nachwort" Trotzkis zur neuen Auflage der Broschüre "Das Friedensprogramm", das 1922 geschrieben wurde. In diesem "Nachwort" schreibt er:

"Die im ´Friedensprogramm´ sich mehrere Male wiederholende Behauptung, dass die proletarische Revolution im nationalen Rahmen nicht siegreich zu Ende geführt werden kann, wird wohl manchen Lesern durch die fast fünf-jährige Erfahrung unserer Sowjetrepublik als widerlegt erscheinen. Eine solche Schlussfolgerung wäre aber unbegründet. Die Tatsache, dass der Arbeiterstaat sich in einem, und zwar überdies rückständigen Lande gegen die ganze Welt behaupten konnte, zeugt von der kolossalen Macht des Proletariats, die in anderen, fortgeschritteneren, zivilisierteren Ländern fähig sein wird, wahrhaft Wunder zu vollbringen. Aber wenn wir uns politisch und militärisch als Staat behauptet haben, so sind wir doch noch nicht zur Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft gekommen, ja nicht einmal an sie herangekommen... Solange in den übrigen europäischen Staaten die Bourgeoisie an der Macht steht, sind wir gezwungen, im Kampf gegen die ökonomische Isolierung eine Verständigung mit der kapitalistischen Welt zu suchen; gleichzeitig kann mit Bestimmtheit gesagt werden, dass diese Verständigung uns bestenfalls helfen kann, die einen oder die anderen ökonomischen Wunden zu heilen, den einen oder den anderen Schritt vorwärts zu tun, dass aber ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siegel des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird."

So spricht Trotzki, der sich offenkundig an der Wirklichkeit versündigt und sich hartnäckig bemüht, die "permanente Revolution" vor dem endgültigen Zusammenbruch zu retten.

Es kommt also heraus, dass wir, man mag sich drehen und wenden, wie man will, zur Schaffung der sozialistischen Gesellschaft nicht nur "nicht gekommen", sondern an sie "nicht einmal herangekommen" sind. So mancher hat also auf eine "Verständigung mit der kapitalistischen Welt" gehofft, aber auch aus dieser Verständigung kommt nichts heraus, wie sich erweist, denn, man mag sich drehen und wenden, wie man will, einen "wirklichen Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft" wird es nicht geben, solange das Proletariat "in den wichtigsten Ländern Europas" nicht gesiegt hat.

Da aber nun im Westen der Sieg noch nicht da ist, so bleibt der Revolution in Rußland nur die "Wahl": entweder auf dem Halm zu verfaulen oder zu einem bürgerlichen Staat zu entarten.

Nicht von ungefähr spricht Trotzki schon seit zwei Jahren von der "Entartung" unserer Partei.

Nicht von ungefähr prophezeite Trotzki im vorigen Jahr den "Untergang" unseres Landes.

Wie soll man diese seltsame "Theorie" mit Lenins Theorie vom "Siege des Sozialismus in einem Lande" in Einklang bringen?

Wie soll man diese seltsame "Perspektive" mit der Perspektive Lenins in Einklang bringen, dass die Neue Ökonomische Politik uns die Möglichkeit geben wird, "das Fundament der sozialistischen Ökonomik zu errichten"?

Wie soll man diese "permanente" Hoffnungslosigkeit zum Beispiel mit folgenden Worten Lenins in Einklang bringen:

"Der Sozialismus ist jetzt bereits keine Frage der fernen Zukunft oder irgendeines abstrakten Schemas oder irgendeines Heiligenbildes. Hinsichtlich der Heiligenbilder sind wir bei der alten, sehr schlechten Meinung geblieben. Wir haben den Sozialismus in das Alltagsleben einbezogen, und hier müssen wir uns zurechtfinden. Das eben ist die Aufgabe unserer Tage, das eben ist die Aufgabe unserer Epoche. Gestatten Sie mir, mit dem Ausdruck der Überzeugung zu schließen, dass wir, so schwer diese Aufgabe auch sein mag, so neu sie im Vergleich zu unserer früheren Aufgabe auch ist und so viele Schwierigkeiten sie uns auch bereiten mag - dass wir alle zusammen nicht morgen, wohl aber in einigen Jahren diese Aufgabe um jeden Preis lösen werden, so dass aus dem Rußland der NÖP das sozialistische Rußland werden wird." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, 5.405, russ.)

Wie soll man diese "permanente" Aussichtslosigkeit Trotzkis zum Beispiel mit folgenden Worten Lenins in Einklang bringen:

"In der Tat, die Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als Krämerei behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NÖP, ebenso zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S.428 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 989].)

Es ist klar, dass es hier keinen Einklang gibt noch geben kann. Die "permanente Revolution" Trotzkis ist die Verneinung der Leninschen Theorie der proletarischen Revolution und umgekehrt - die Leninsche Theorie der proletarischen Revolution ist die Verneinung der Theorie der "permanenten Revolution".

Unglaube an die Kräfte und Fähigkeiten unserer Revolution, Unglaube an die Kräfte und Fähigkeiten des russischen Proletariats - das ist die Grundlage der Theorie der "permanenten Revolution".

Bisher wurde gewöhnlich eine Seite der Theorie der "permanenten Revolution" betont - der Unglaube an die revolutionären Möglichkeiten der Bauernbewegung. Jetzt muss, der Gerechtigkeit halber, diese Seite durch eine andere Seite ergänzt werden - durch den Unglauben an die Kräfte und Fähigkeiten des Proletariats Rußlands.

Wodurch unterscheidet sich die Theorie Trotzkis von der gewöhnlichen Theorie des Menschewismus, dass der Sieg des Sozialismus in einem, und noch dazu in einem rückständigen Lande ohne den vorausgehenden Sieg der proletarischen Revolution "in den ausschlaggebenden Ländern Westeuropas" unmöglich ist?

Im Grunde genommen durch gar nichts.

Zweifel sind unmöglich. Trotzkis Theorie der "permanenten Revolution" ist eine Abart des Menschewismus.

In letzter Zeit sind in unserer Presse faule Diplomaten aufgetaucht, die sich bemühen, die Theorie der "permanenten Revolution" als etwas mit dem Leninismus Vereinbares einzuschmuggeln. Gewiss, sagen sie, habe sich diese Theorie im Jahre 1905 als untauglich erwiesen. Aber der Fehler Trotzkis bestehe darin, dass er damals vorausgeeilt sei, da er versucht habe, auf die Situation von 1905 etwas anzuwenden, was damals nicht angewandt werden konnte. Aber später, sagen sie, zum Beispiel im Oktober 1917, als die Revolution vollständig herangereift war, habe sich die Theorie Trotzkis als durchaus angebracht erwiesen. Es ist nicht schwer zu erraten, dass die Hauptperson unter diesen Diplomaten Radek ist. Man höre doch:

"Der Krieg hat eine Kluft zwischen der Bauernschaft, die den Grund und Boden erkämpfen wollte und nach Frieden strebte, und den kleinbürgerlichen Parteien aufgerissen; der Krieg brachte die Bauernschaft unter die Führung der Arbeiterklasse und ihrer Avantgarde, der Partei der Bolschewiki. Möglich wurde nicht die Diktatur der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, sondern die Diktatur der sich auf die Bauernschaft stützenden Arbeiterklasse. Was Rosa Luxemburg und Trotzki im Jahre 1905 gegen Lenin vorbrachten (das heißt die "permanente Revolution". J. St.), erwies sich in Wirklichkeit als zweite Etappe der historischen Entwicklung."

Hier ist jedes Wort eine Verdrehung.

Es ist nicht wahr, dass während des Krieges "nicht die Diktatur der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, sondern die Diktatur der sich auf die Bauernschaft stützenden Arbeiterklasse möglich wurde". In Wirklichkeit war die Februarrevolution 1917 die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft in eigenartiger Verflechtung mit der Diktatur der Bourgeoisie.

Es ist nicht wahr, dass die Theorie der "permanenten Revolution", die Radek schamhaft verschweigt, im Jahre 1905 von Rosa Luxemburg und Trotzki vorgebracht wurde. In Wirklichkeit wurde diese Theorie von Parvus und Trotzki vorgebracht. Jetzt, nach zehn Monaten, korrigiert sich Radek und hält es für notwendig, Parvus wegen der "permanenten Revolution" zu schelten. Aber die Gerechtigkeit verlangt von Radek, dass auch der Kompagnon von Parvus, Trotzki, gescholten werde.

Es ist nicht wahr, dass die "permanente Revolution", die durch die Revolution von 1905 über Bord geworfen wurde, sich in der "zweiten Etappe der historischen Entwicklung", das heißt während der Oktoberrevolution, als richtig erwiesen habe. Der ganze Verlauf der Oktoberrevolution, ihre ganze Entwicklung haben den völligen Bankrott der Theorie der "permanenten Revolution", ihre völlige Unvereinbarkeit mit den Grundlagen des Leninismus offenbart und bewiesen.

Mit süßlichen Reden und fauler Diplomatie lässt sich der klaffende Abgrund zwischen der Theorie der "permanenten Revolution" und dein Leninismus nicht verdecken.

III. Über einige Besonderheiten der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktober

Um die Taktik der Bolschewiki während der Periode der Vorbereitung des Oktobers zu verstehen, muss man sich wenigstens über einige besonders wichtige Besonderheiten dieser Taktik klar werden. Dies ist umso notwendiger, als in den zahlreichen Broschüren über die Taktik der Bolschewiki gerade diese Besonderheiten nicht selten übergangen werden.

Was sind das für Besonderheiten?

Erste Besonderheit. Wenn man Trotzki hört, könnte man meinen, in der Geschichte der Vorbereitung des Oktober gebe es im ganzen zwei Perioden, die Periode der Erkundung und die Periode des Aufstands, und was darüber ist, das ist vom Übel. Was ist die Aprilmanifestation des Jahres 1917? "Die Aprilmanifestation, die einen ´linkeren´ Kurs einschlug als angezeigt war, war ein Erkundungsvorstoß zur Prüfung der Stimmung der Massen und des gegenseitigen Verhältnisses zwischen ihnen und der Mehrheit in den Sowjets." Und was war die Julidemonstration des Jahres 1917? Nach der Meinung Trotzkis "lief die Sache im Grunde genommen auch diesmal auf eine neue, umfassendere Erkundung in einer neuen, höheren Etappe der Bewegung hinaus". Es erübrigt sich zu sagen, dass die Junidemonstration des Jahres 1917, die auf Verlangen unserer Partei veranstaltet wurde, nach der Auffassung Trotzkis erst recht als "Erkundung" bezeichnet werden muss.

Demnach hätten die Bolschewiki schon im März 1917 über eine fertige politische Armee aus Arbeitern und Bauern verfügt, und wenn sie diese weder im April noch im Juni, noch im Juli zum Aufstand einsetzten, sondern sich lediglich mit "Erkundung" beschäftigten, so sei dies einzig und allein aus dem Grunde geschehen, weil die "Ergebnisse der Erkundung" damals keine günstigen "Anhaltspunkte" geliefert hätten.

Es erübrigt sich zu sagen, dass diese versimpelte Vorstellung von der politischen Taktik unserer Partei nichts anderes ist als eine Verwechslung der gewöhnlichen militärischen Taktik mit der revolutionären Taktik der Bolschewiki.

In Wirklichkeit waren alle diese Demonstrationen in erster Linie das Ergebnis des elementaren Drucks der Massen, das Ergebnis der auf die Straße drängenden Empörung der Massen gegen den Krieg.

In Wirklichkeit bestand hier die Rolle der Partei darin, die elementar ausbrechenden Aktionen der Massen im Sinne der revolutionären Losungen der Bolschewiki zu gestalten und zu leiten.

In Wirklichkeit hatten die Bolschewiki im März 1917 keine fertige politische Armee und konnten sie auch nicht haben. Die Bolschewiki schufen eine solche Armee erst während der Kämpfe und Zusammenstöße der Klassen von April bis Oktober 1917 (und haben sie auch schließlich kurz vor dem Oktober 1917 geschaffen), sie schufen sie sowohl durch die Aprilmanifestation wie durch die Juni- und die Julidemonstration, durch die Wahlen zu den Bezirks- und Stadtdumas wie durch den Kampf gegen den Kornilowputsch und durch die Eroberung der Sowjets. Eine politische Armee ist etwas anderes als eine militärische Armee. Während die militärische Leitung den Krieg erst beginnt, wenn sie bereits eine fertige Armee in Händen hat, muss die Partei ihre Armee im Verlauf des Kampfes selbst, im Verlauf der Klassenzusammenstöße schaffen, in dem Maße, wie sich die Massen selbst durch ihre eigene Erfahrung von der Richtigkeit der Losungen der Partei, von der Richtigkeit ihrer Politik überzeugen.

Gewiss beleuchtete jede dieser Demonstrationen gleichzeitig auch in einem gewissen Maße die dem Auge verborgenen Kräfteverhältnisse, war eine gewisse Erkundung, aber die Erkundung war hier nicht der Beweggrund zur Demonstration, sondern ihr natürliches Ergebnis.

Bei der Analyse der Ereignisse vor dem Oktoberaufstand und bei ihrem Vergleich mit den Ereignissen von April bis Juli sagte Lenin:

"Die Dinge liegen eben nicht so wie vor dem 20. und 21. April, dem 9. Juni, dem 3. Juli, denn damals gab es eine elementare Erregung, die wir als Partei entweder nicht aufzufangen verstanden (20. April) oder zurückdämmten und zu einer friedlichen Demonstration gestalteten (9. Juni und 3. Juli). Denn wir wussten damals sehr gut, dass die Sowjets noch nicht in unseren Händen sind, dass die Bauern noch an den Weg der Liberdan-Tschernow und nicht an den bolschewistischen Weg (den Aufstand) glauben, dass folglich die Mehrheit des Volkes nicht hinter uns stehen kann, dass folglich der Aufstand verfrüht ist." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, 5.179, russ.)

Es ist klar, dass man da mit "Erkundung" allein nicht weit kommt.

Es handelt sich offensichtlich nicht um "Erkundung", sondern um folgendes:

1. Die Partei stützte sich während der ganzen Periode der Vorbereitung des Oktober in ihrem Kampfe unentwegt auf den elementaren Aufschwung der revolutionären Massenbewegung;

2. gestützt auf den elementaren Aufschwung, behauptete sie die ungeteilte Führung der Bewegung;

3. durch diese Führung der Bewegung wurde der Partei die Formierung einer politischen Massenarmee für den Oktoberaufstand erleichtert;

4. diese Politik musste dazu führen, dass sich die ganze Vorbereitung des Oktober unter Führung einer Partei, der Partei der Bolschewiki, vollzog;

5. diese Vorbereitung des Oktobers führte ihrerseits dazu, dass die Staatsgewalt infolge des Oktoberaufstands in die Hände einer Partei, der Partei der Bolschewiki, gelangte.

Also ungeteilte Führung durch eine Partei, die Partei der Kommunisten, als grundlegendes Moment bei der Vorbereitung des Oktobers - das ist der kennzeichnende Zug der Oktoberrevolution, das ist die erste Besonderheit der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktobers.

Es braucht wohl kaum nachgewiesen zu werden, dass der Sieg der Diktatur des Proletariats unter den Bedingungen des Imperialismus ohne diese Besonderheit der Taktik der Bolschewiki unmöglich gewesen wäre.

Dadurch unterscheidet sich die Oktoberrevolution vorteilhaft von der Revolution des Jahres 1871 in Frankreich, wo sich zwei Parteien in die Führung der Revolution teilten, von denen keine als eine kommunistische Partei bezeichnet werden kann.

Zweite Besonderheit. Die Vorbereitung des Oktober vollzog sich somit unter Führung einer Partei, der Partei der Bolschewiki. Wie aber wurde von der Partei diese Führung bewerkstelligt, auf welcher Linie vollzog sie sich? Diese Führung vollzog sich auf der Linie der Isolierung der Paktiererparteien als der gefährlichsten Gruppierungen in der Periode, da die Revolution ihrer Entscheidung entgegenging, auf der Linie der Isolierung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki.

Worin besteht die grundlegende strategische Regel des Leninismus? Sie besteht in der Erkenntnis:

1. dass die gefährlichste soziale Stütze der Feinde der Revolution in der Periode der herannahenden revolutionären Entscheidung die Paktiererparteien sind;

2. dass es ohne Isolierung dieser Parteien unmöglich ist, den Feind (den Zarismus oder die Bourgeoisie) zu stürzen;

3. dass infolgedessen in der Periode der Vorbereitung der Revolution die Hauptschläge darauf gerichtet sein müssen, diese Parteien zu isolieren und die breiten werktätigen Massen von ihnen loszulösen.

In der Periode des Kampfes gegen den Zarismus, in der Periode der Vorbereitung der bürgerlich-demokratischen Revolution (1905 bis 1916) war die liberal-monarchistische Partei, die Partei der Kadetten, die gefährlichste soziale Stütze des Zarismus. Warum? Weil sie eine Paktiererpartei war, eine Partei des Paktierens zwischen dem Zarismus und der Mehrheit des Volkes, das heißt der Bauernschaft als Ganzem. Es ist natürlich, dass die Partei damals die Hauptschläge gegen die Kadetten richtete, denn ohne die Kadetten isoliert zu haben, war es unmöglich, auf den Bruch der Bauernschaft mit dem Zarismus zu rechnen, ohne aber diesen Bruch herbeigeführt zu haben, war es unmöglich, auf den Sieg der Revolution zu rechnen. Viele begriffen damals nicht diese Besonderheit der bolschewistischen Strategie und warfen den Bolschewiki übermäßigen "Kadettenhass" vor, sie behaupteten, der Kampf gegen die Kadetten "überschatte" bei den Bolschewiki den Kampf gegen den Hauptfeind, den Zarismus. Diese jeder Grundlage entbehrenden Vorwürfe offenbarten jedoch direktes Unverständnis für die bolschewistische Strategie, die die Isolierung der Paktiererpartei fordert, um den Sieg über den Hauptfeind zu erleichtern und zu beschleunigen.

Es braucht wohl kaum nachgewiesen zu werden, dass die Hegemonie des Proletariats in der bürgerlich-demokratischen Revolution ohne diese Strategie unmöglich gewesen wäre.

In der Periode der Vorbereitung des Oktobers verschob sich das Schwergewicht der kämpfenden Kräfte auf eine neue Ebene. Es gab keinen Zaren mehr. Die Partei der Kadetten hatte sich aus einer paktierenden Kraft in die regierende, in die herrschende Kraft des Imperialismus verwandelt. Der Kampf ging nicht mehr zwischen Zarismus und Volk, sondern zwischen Bourgeoisie und Proletariat. In dieser Periode waren die klein-bürgerlichen demokratischen Parteien, die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki, die gefährlichste soziale Stütze des Imperialismus. Warum? Weil diese Parteien damals Paktiererparteien waren, Parteien des Paktierens zwischen dem Imperialismus und den werktätigen Massen. Es ist natürlich, dass die Hauptschläge der Bolschewiki damals gegen diese Parteien gerichtet wurden, denn ohne diese Parteien isoliert zu haben, war es unmöglich, auf den Bruch der werktätigen Massen mit dem Imperialismus zu rechnen, ohne aber diesen Bruch herbeigeführt zu haben, war es unmöglich, auf den Sieg der Sowjetrevolution zu rechnen. Viele begriffen damals nicht diese Besonderheit der bolschewistischen Taktik und warfen den Bolschewiki "übermäßigen Hass" gegen die Sozialrevolutionäre und Menschewiki sowie "Außerachtlassung" des Hauptziels vor. Doch zeugt die ganze Periode der Vorbereitung des Oktobers in beredter Weise davon, dass die Bolschewiki nur durch diese Taktik den Sieg der Oktoberrevolution sicherstellen konnten.

Der kennzeichnende Zug dieser Periode ist die weitere Revolutionierung der werktätigen Massen der Bauernschaft, ihre Enttäuschung über die Sozialrevolutionäre und Menschewiki, ihre Abkehr von diesen Parteien, ihre Hinwendung zum direkten Zusammenschluss um das Proletariat als der einzigen restlos revolutionären Kraft, die fähig war, das Land zum Frieden zu führen. Die Geschichte dieser Periode ist die Geschichte des Kampfes der Sozialrevolutionäre und Menschewiki auf der einen und der Bolschewiki auf der anderen Seite um die werktätigen Massen der Bauernschaft, um die Gewinnung dieser Massen. Das Schicksal dieses Kampfes wurde entschieden durch die Koalitionsperiode, durch die Kerenskiperiode, durch die Weigerung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, das Land der Gutsbesitzer zu konfiszieren, durch den Kampf der Sozialrevolutionäre und Menschewiki für die Fortführung des Krieges, durch die Junioffensive an der Front, durch die Todesstrafe für die Soldaten, durch den Kornilowaufstand. Und all das entschied dieses Schicksal ausschließlich zugunsten der bolschewistischen Strategie. Denn ohne Isolierung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki war es unmöglich, die Regierung der Imperialisten zu stürzen, ohne den Sturz dieser Regierung aber war es unmöglich, sich aus dem Kriege herauszureißen. Die Politik der Isolierung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki erwies sich als die einzig richtige Politik.

Also Isolierung der Parteien der Menschewiki und Sozialrevolutionäre als Grundlinie der Führung bei der Vorbereitung des Oktobers - das ist die zweite Besonderheit der Taktik der Bolschewiki.

Es braucht wohl kaum nachgewiesen zu werden, dass das Bündnis der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen der Bauernschaft ohne diese Besonderheit der Taktik der Bolschewiki in der Luft gehangen hätte.

Es ist bezeichnend, dass Trotzki in seinen "Lehren des Oktober" von dieser Besonderheit der bolschewistischen Taktik gar nichts oder nahezu gar nichts sagt.

Dritte Besonderheit. Die Führung der Partei bei der Vorbereitung des Oktober vollzog sich also auf der Linie der Isolierung der Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, auf der Linie der Loslösung der breiten Massen der Arbeiter und Bauern von diesen Parteien. Wie wurde aber diese Isolierung durch die Partei konkret verwirklicht, in welcher Form, unter welcher Losung? Sie wurde verwirklicht in der Form der revolutionären Bewegung der Massen für die Macht der Sowjets, unter der Losung "Alle Macht den Sowjets!", auf dem Wege des Kampfes für die Umwandlung der Sowjets aus Organen zur Mobilisierung der Massen in Organe des Aufstands, in Organe der Staatsmacht, in den Apparat des neuen, des proletarischen Staatswesens.

Weshalb griffen die Bolschewiki gerade nach den Sowjets als dem wichtigsten organisatorischen Hebel, der die Isolierung der Menschewiki und Sozial-revolutionäre erleichtern konnte, der geeignet war, die Sache der proletarischen Revolution voranzutreiben, und berufen war, die Millionenmassen der Werktätigen zum Siege der Diktatur des Proletariats zu führen?

Was sind die Sowjets?

"Die Sowjets", sagte Lenin schon im September 1917, "sind der neue Staatsapparat, der erstens die bewaffnete Macht der Arbeiter und Bauern schafft, wobei diese Macht nicht wie die Macht des alten stehenden Heeres vom Volke losgelöst, sondern aufs engste mit ihm verbunden ist; in militärischer Hinsicht ist diese Macht unvergleichlich stärker als die früheren; in revolutionärer Hinsicht ist sie durch nichts anderes zu ersetzen. Zweitens schafft dieser Apparat eine so enge, untrennbare, leicht zu kontrollierende und zu erneuernde Verbindung mit den Massen, mit der Mehrheit des Volkes, wie sie beim früheren Staatsapparat nicht einmal andeutungsweise vorhanden war. Drittens ist dieser Apparat dank der Wählbarkeit und Absetzbarkeit seines Personalbestands, die ohne bürokratische Formalitäten nach dem Willen des Volkes verwirklicht werden, viel demokratischer als die früheren Apparate. Viertens schafft er eine feste Verbindung mit den mannigfachsten Berufen, wodurch er es erleichtert, die verschiedensten Reformen von einschneidender Bedeutung ohne Bürokratie durchzuführen. Fünftens schafft er eine Organisationsform der Vorhut, das heißt des bewusstesten, energischsten und fortgeschrittensten Teils der unterdrückten Klassen, der Arbeiter und der Bauern, und stellt auf diese Weise einen Apparat dar, mit dessen Hilfe die Vorhut der unterdrückten Klassen die ganze gigantische Masse dieser Klassen, die bisher völlig außerhalb des politischen Lebens, außerhalb der Geschichte stand, zu heben, zu erziehen, zu schulen und zu führen vermag. Sechstens ermöglicht er es, die Vorteile des Parlamentarismus mit den Vorteilen der unmittelbaren und direkten Demokratie zu vereinigen, das heißt in der Person der gewählten Volksvertreter sowohl die gesetzgebende Funktion als auch den Vollzug der Gesetze zu vereinigen. Im Vergleich mit dem bürgerlichen Parlamentarismus ist das in der Entwicklung der Demokratie ein Fortschritt, der von welthistorischer Bedeutung ist...

Hätte die schöpferische Volkskraft der revolutionären Klassen nicht die Sowjets hervorgebracht, so wäre die proletarische Revolution in Rußland eine hoffnungslose Sache; denn mit dem alten Apparat würde das Proletariat die Macht zweifellos nicht behaupten können, ein neuer Apparat aber kann nicht auf einmal geschaffen werden." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 79/80, russ.)

Das war der Grund, weshalb die Bolschewiki nach den Sowjets als dem wichtigsten organisatorischen Kettenglied griffen, das die Organisierung der Oktoberrevolution und die Schaffung des neuen, mächtigen Apparats eines proletarischen Staatswesens erleichtern konnte.

Die Losung "Alle Macht den Sowjets!" durchlief vom Standpunkt ihrer inneren Entwicklung zwei Stadien: das erste (bis zur Juliniederlage der Bolschewiki, während der Doppelherrschaft) und das zweite (nach der Niederlage des Kornilowaufstands).

Im ersten Stadium bedeutete diese Losung die Sprengung des Blocks der Menschewiki und Sozialrevolutionäre mit den Kadetten, die Bildung einer Sowjetregierung aus Menschewiki und Sozialrevolutionären (denn die Sowjets waren damals sozialrevolutionär-menschewistisch), das Recht der freien Agitation für die Opposition (das heißt für die Bolschewiki) und den freien Kampf der Parteien innerhalb der Sowjets, darauf berechnet, dass es den Bolschewiki durch diesen Kampf gelingen werde, die Sowjets zu erobern und die Zusammensetzung der Sowjetregierung auf dem Wege einer friedlichen Entwicklung der Revolution zu ändern. Dieser Plan bedeutete natürlich nicht die Diktatur des Proletariats. Doch erleichterte er zweifellos die Schaffung der zur Sicherung der Diktatur notwendigen Voraussetzungen, denn dieser Plan hätte dadurch, dass er die Menschewiki und Sozialrevolutionäre an die Macht gebracht und gezwungen hätte, ihre antirevolutionäre Plattform in die Tat umzusetzen, die Entlarvung des wahren Wesens dieser Parteien, ihre Isolierung, ihre Loslösung von den Massen beschleunigt. Die Juliniederlage der Bolschewiki unterbrach jedoch diese Entwicklung, denn sie gab der Konterrevolution der Generale und Kadetten das Übergewicht und trieb die Sozialrevolutionäre und Menschewiki der Konterrevolution in die Arme. Dieser Umstand zwang die Partei, vorübergehend die Losung "Alle Macht den Sowjets!" zurückzuziehen, um sie bei einem neuen Aufschwung der Revolution erneut aufzustellen.

Die Niederlage des Kornilowaufstands leitete das zweite Stadium ein. Die Losung "Alle Macht den Sowjets!" wurde erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Aber jetzt bedeutete diese Losung schon nicht mehr dasselbe wie im ersten Stadium. Ihr Inhalt hatte sich von Grund aus geändert. Jetzt bedeutete diese Losung den völligen Bruch mit dem Imperialismus und den Übergang der Macht an die Bolschewiki, denn die Sowjets waren bereits in ihrer Mehrheit bolschewistisch. Jetzt bedeutete diese Losung, dass die Revolution auf dem Wege des Aufstands unmittelbar an die Diktatur des Proletariats heranrückte. Mehr noch, jetzt bedeutete diese Losung die Organisierung und staatliche Gestaltung der Diktatur des Proletariats.

Der unschätzbare Wert der Taktik der Umwandlung der Sowjets in Organe der Staatsmacht bestand darin, dass sie die Millionenmassen der Werktätigen vom Imperialismus loslöste, die Parteien der Menschewiki und Sozialrevolutionäre als Werkzeuge des Imperialismus entlarvte und diese Massen sozusagen auf direktem Wege an die Diktatur des Proletariats heranführte.

Somit bildet die Politik der Umwandlung der Sowjets in Organe der Staatsmacht als wichtigste Vorbedingung für die Isolierung der Paktiererparteien und für den Sieg der Diktatur des Proletariats die dritte Besonderheit der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktobers.

Vierte Besonderheit. Das Bild wäre unvollständig, wenn wir uns nicht mit der Frage befassten, wie und warum es den Bolschewiki gelang, ihre Parteilosungen in Losungen für die Millionenmassen zu verwandeln, in Losungen, die die Revolution vorantrieben, wie und warum es ihnen gelang, nicht nur die Avantgarde und nicht nur die Mehrheit der Arbeiterklasse, sondern auch die Mehrheit des Volkes von der Richtigkeit ihrer Politik zu überzeugen.

Die Sache ist die, dass für den Sieg der Revolution, falls diese Revolution wirklich eine Volksrevolution ist, die Millionenmassen erfasst, die Richtigkeit der Parteilosungen allein nicht genügt. Für den Sieg der Revolution ist noch eine Vorbedingung erforderlich, und zwar: dass die Massen sich selbst durch ihre eigene Erfahrung von der Richtigkeit dieser Losungen überzeugen. Nur dann werden die Losungen der Partei zu Losungen der Massen selbst. Nur dann wird die Revolution zu einer wirklichen Volksrevolution. Eine der Besonderheiten der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktober besteht darin, dass sie es verstanden hat, richtig die Wege und Wendungen zu bestimmen, die die Massen in natürlicher Weise an die Losungen der Partei, sozusagen direkt an die Schwelle der Revolution heranführen, und es ihnen auf diese Weise erleichterte, die Richtigkeit dieser Losungen an Hand ihrer eigenen Erfahrung zu fühlen, zu prüfen, zu erkennen. Mit anderen Worten, eine der Besonderheiten der Taktik der Bolschewiki besteht darin, dass sie die Aufgabe, die Partei zu führen, nicht mit der Aufgabe, die Massen zu führen, verwechselt, dass sie klar den Unterschied zwischen der Führung der ersten Art und der Führung der zweiten Art sieht, dass sie somit die Wissenschaft nicht nur von der Führung der Partei, sondern auch von der Führung der Millionenmassen der Werktätigen ist.

Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich diese Besonderheit der bolschewistischen Taktik äußerte, sind die Erfahrungen mit der Einberufung und Auseinanderjagung der Konstituierenden Versammlung.

Es ist bekannt, dass die Bolschewiki die Losung der Republik der Sowjets schon im April 1917 aufgestellt hatten. Es ist bekannt, dass die Konstituierende Versammlung ein bürgerliches Parlament war, dessen ganzes Wesen den Grundlagen einer Republik der Sowjets widersprach. Wie konnte es geschehen, dass die Bolschewiki, die die Republik der Sowjets anstrebten, gleichzeitig von der Provisorischen Regierung die sofortige Einberufung der Konstituierenden Versammlung forderten? Wie konnte es geschehen, dass die Bolschewiki nicht nur an den Wahlen teilnahmen, sondern auch selbst die Konstituierende Versammlung einberiefen? Wie konnte es geschehen, dass die Bolschewiki einen Monat vor dem Aufstand, beim Übergang vom Alten zum Neuen, eine vorübergehende Kombination der Republik der Sowjets und der Konstituierenden Versammlung für möglich hielten?

Es "geschah" dies aus folgenden Gründen:

1. Die Idee der Konstituierenden Versammlung war unter den breiten Massen der Bevölkerung eine der populärsten Ideen;

2. die Losung der sofortigen Einberufung der Konstituierenden Versammlung erleichterte die Entlarvung des konterrevolutionären Wesens der Provisorischen Regierung;

3. um der Idee der Konstituierenden Versammlung in den Augen der Volksmassen den Nimbus zu nehmen, war es notwendig, diese Massen mit ihren Forderungen nach Land, Frieden und Sowjetmacht an die Schwelle der Konstituierenden Versammlung heranzuführen und sie auf diese Weise mit der wirklichen und lebendigen Konstituierenden Versammlung zusammenprallen zu lassen;

4. nur auf diese Weise konnte man es den Massen erleichtern, sich durch ihre eigene Erfahrung von dem konterrevolutionären Wesen der Konstituierenden Versammlung und von der Notwendigkeit ihrer Auseinanderjagung zu überzeugen;

5. all dies setzte naturgemäß die Möglichkeit voraus, dass eine vorübergehende Kombination der Republik der Sowjets und der Konstituierenden Versammlung zugelassen wird als eins der Mittel zur Überwindung der Konstituierenden Versammlung;

6. eine solche Kombination, falls sie beim Übergang der ganzen Macht an die Sowjets verwirklicht worden wäre, konnte lediglich die Unterordnung der Konstituierenden Versammlung unter die Sowjets, ihre Verwandlung in ein Anhängsel der Sowjets, ihr schmerzloses Absterben bedeuten.

Es braucht wohl kaum nachgewiesen zu werden, dass die Auseinanderjagung der Konstituierenden Versammlung ohne diese Politik der Bolschewiki nicht so glatt vor sich gegangen wäre und dass die nachfolgenden Aktionen der Sozialrevolutionäre und Menschewiki unter der Losung "Alle Macht der Konstituierenden Versammlung!" nicht so schmählich zusammengebrochen wären.

"Wir haben uns", sagt Lenin, "im September-November 1917 an den Wahlen zum bürgerlichen Parlament Rußlands, zur Konstituierenden Versammlung, beteiligt. War unsere Taktik richtig oder nicht?... Hatten wir russischen Bolschewiki im September-November 1917 nicht mehr als jeder beliebige Kommunist im Westen das Recht, anzunehmen, dass der Parlamentarismus in Rußland sich politisch überlebt habe? Natürlich hatten wir es, denn es kommt ja nicht darauf an, ob die bürgerlichen Parlamente lange oder kurze Zeit bestehen, sondern darauf, wieweit die breiten Massen der Werktätigen (ideologisch, politisch, praktisch) dazu bereit sind, die Sowjetordnung anzuerkennen und das bürgerlich-demokratische Parlament auseinanderzujagen (oder seine Auseinanderjagung zuzulassen). dass in Rußland im September-November 1917 die Arbeiterklasse der Städte, die Soldaten und die Bauern infolge einer Reihe von besonderen Umständen für die Anerkennung der Sowjetordnung und die Auseinanderjagung selbst des demokratischsten bürgerlichen Parlaments außerordentlich gut vorbereitet waren, das ist eine ganz unbestreitbare und durchaus feststehende historische Tatsache. Und trotzdem haben die Bolschewiki die Konstituierende Versammlung nicht boykottiert, sondern haben sich sowohl vor als auch nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat an den Wahlen beteiligt." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S.41 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.705/706])

Warum haben sie nun die Konstituierende Versammlung nicht boykottiert? Weil, wie Lenin sagt,

"sogar einige Wochen vor dem Siege der Sowjetrepublik, ja sogar nach diesem Siege die Beteiligung am bürgerlich-demokratischen Parlament dem revolutionären Proletariat nicht nur nicht schadet, sondern es ihm erleichtert, den rückständigen Massen zu beweisen, weshalb solche Parlamente es verdienen, auseinandergejagt zu werden, es ihm erleichtert, sie mit Erfolg auseinanderzujagen, und dazu beiträgt, dass der bürgerliche Parlamentarismus sich ,politisch überlebt´." (Ebenda, S.42, russ. (S.706, deutsch).)

Es ist bezeichnend, dass Trotzki diese Besonderheit der bolschewistischen Taktik nicht begreift und über die "Theorie" der Kombination der Konstituierenden Versammlung und der Sowjets als über eine Hilferdingerei die Nase rümpft.

Er begreift nicht, dass die Zulassung einer derartigen Kombination - wenn die Losung des Aufstands gegeben und der Sieg der Sowjets wahrscheinlich ist -, verbunden mit der Einberufung der Konstituierenden Versammlung, die einzig revolutionäre Taktik ist, die mit der Hilferdingschen Taktik der Verwandlung der Sowjets in ein Anhängsel der Konstituierenden Versammlung nichts gemein hat, dass der Fehler einiger Genossen in dieser Frage ihm noch keine Berechtigung gibt, die vollkommen richtige Stellungnahme Lenins und der Partei zu einer "kombinierten Staatsform" unter gewissen Voraussetzungen (vgl. Bd. 26, S. 170) zu schmähen.

Er begreift nicht, dass es den Bolschewiki ohne ihre spezifische Politik gegenüber der Konstituierenden Versammlung nicht gelungen wäre, die Millionenmassen des Volkes für sich zu gewinnen, dass sie aber, ohne diese Massen gewonnen zu haben, den Oktoberaufstand nicht in eine tief greifende Volksrevolution hätten verwandeln können.

Es ist interessant, dass Trotzki sogar über Worte wie "Volk", "revolutionäre Demokratie" und dergleichen, die in den Artikeln der Bolschewiki anzutreffen sind, die Nase rümpft, da er sie im Munde von Marxisten für ungebührlich hält.

Trotzki vergisst offenbar, dass Lenin, zweifellos ein Marxist, sogar noch im September 1917, einen Monat vor dem Siege der Diktatur des Proletariats, schrieb, "dass die gesamte Macht sofort in die Hände der vom revolutionären Proletariat geführten revolutionären Demokratie übergehen muss" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 8 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 136]).

Trotzki vergisst offenbar, dass Lenin, zweifellos ein Marxist, als er den bekannten Brief von Marx an Kugelmann[Anmerkung 79] (vom April 1871) zitierte, in dem es heißt, dass das Zerbrechen des bürokratisch-militärischen Staatsapparats die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent ist, schwarz auf weiß folgende Zeilen schrieb:

"Besondere Beachtung verdient die außerordentlich tiefe Bemerkung von Marx, dass die Zerstörung der bürokratisch-militärischen Staatsmaschinerie ´die Vorbedingung jeder wirklichen ´Volksrevolution´ bilde. Dieser Begriff der ´Volks´revolution mutet im Munde von Marx sonderbar an, und die russischen Plechanowisten und Menschewiki, diese Nachfolger Struves, die als Marxisten gelten möchten, könnten am Ende diesen Ausdruck von Marx als ´falschen Zungenschlag´ hinstellen. Sie haben aus dem Marxismus ein so armselig-liberales Zerrbild gemacht, dass für sie außer der Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer Revolution nichts anderes existiert, und selbst diese Gegenüberstellung wird von ihnen unglaublich starr aufgefasst...

Auf dem europäischen Kontinent bildete 1871 das Proletariat in keinem Lande die Mehrheit des Volkes. Eine ´Volks´revolution, die tatsächlich die Mehrheit des Volkes in die Bewegung einbezieht, konnte nur dann eine solche sein, wenn sie sowohl das Proletariat als auch die Bauernschaft erfasst. Diese beiden Klassen bildeten damals eben das ´Volk´. Beide Klassen sind dadurch vereint, dass die ´bürokratisch-militärische Staatsmaschinerie´ sie knechtet, bedrückt, ausbeutet. Diese Maschinerie zu zerschlagen, sie zu zerbrechen - das verlangt das wirkliche Interesse des ´Volkes´, seiner Mehrheit, der Arbeiter und der Mehrzahl der Bauern, das ist die ,Vorbedingung´ für ein freies Bündnis der armen Bauern mit den Proletariern, ohne dieses Bündnis aber ist die Demokratie nicht von Dauer und die sozialistische Umgestaltung unmöglich." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 25, S.388 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 186, 187].)

Diese Worte Lenins darf man nicht vergessen.

Also die Fähigkeit, die Massen durch ihre eigenen Erfahrungen von der Richtigkeit der Parteilosungen zu überzeugen, dadurch, dass man diese Massen an die revolutionären Positionen heranführt, als wichtigste Vorbedingung für die Gewinnung von Millionen Werktätigen für die Partei das ist die vierte Besonderheit der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktober.

Ich glaube, dass das Gesagte vollauf genügt, uni sich die kennzeichnenden Züge dieser Taktik klarzumachen.

IV. Die Oktoberrevolution als Beginn der Weltrevolution

Es ist unzweifelhaft, dass die Universaltheorie des gleichzeitigen Sieges der Revolution in den ausschlaggebenden Ländern Europas, die Theorie der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, sich als künstliche, lebensunfähige Theorie erwiesen hat. Die siebenjährige Geschichte der proletarischen Revolution in Rußland spricht nicht für, sondern gegen diese Theorie. Diese Theorie ist nicht nur als Entwicklungsschema der Weltrevolution unannehmbar, denn sie steht im Widerspruch zu offenkundigen Tatsachen. Sie ist noch unannehmbarer als Losung, denn sie fördert nicht, sondern hemmt die Initiative der einzelnen Länder, die infolge gewisser historischer Bedingungen die Möglichkeit erhalten, die Front des Kapitals selbständig zu durchbrechen, denn sie spornt nicht zum aktiven Angriff auf das Kapital in den einzelnen Ländern an, sondern veranlasst zum passiven Abwarten des Augenblicks der "allgemeinen Entscheidung", denn sie pflegt unter den Proletariern der einzelnen Länder nicht den Geist revolutionärer Entschlossenheit, sondern den Geist Hamletscher Zweifel - "wie aber, wenn uns die anderen plötzlich im Stich lassen?". Lenin hat vollkommen Recht, wenn er sagt, dass der Sieg des Proletariats in einem Lande den "typischen Fall" darstellt, während eine "gleichzeitige Revolution in einer Reihe von Ländern" nur eine "seltene Ausnahme" sein kann. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S.232 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, 5.434].)

Die Leninsche Theorie der Revolution beschränkt sich bekanntlich jedoch nicht auf diese eine Seite der Frage. Sie ist gleichzeitig die Theorie der Entwicklung der Weltrevolution? Der Sieg des Sozialismus in einem Lande ist keine für sich allein zu nehmende Aufgabe. Die Revolution des siegreichen Landes darf sich nicht als eine sich selbst genügende Größe, sondern muss sich als Stütze, als Mittel zur Beschleunigung des Sieges des Proletariats in allen Ländern betrachten. Denn der Sieg der Revolution in einem Lande, im gegebenen Fall in Rußland, ist nicht nur das Produkt der ungleichmäßigen Entwicklung und des fortschreitenden Zerfalls des Imperialismus. Er ist zugleich der Beginn und die Voraussetzung der Weltrevolution.

Zweifellos sind die Entwicklungswege der Weltrevolution nicht so einfach, wie es früher, vor dem Siege der Revolution in einem Lande, vor dem Aufkommen des entwickelten Imperialismus, der der "Vorabend der sozialistischen Revolution" ist, scheinen mochte. Denn es ist ein neuer Faktor in Erscheinung getreten, wie das unter den Bedingungen des entwickelten Imperialismus wirkende Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung der kapitalistischen Länder, ein Gesetz, das von der Unvermeidlichkeit kriegerischer Zusammenstöße, von der allgemeinen Schwächung der Weltfront des Kapitals und von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern zeugt. Denn es ist ein neuer Faktor in Erscheinung getreten, wie das gewaltige Sowjetland, das zwischen West und Ost liegt, zwischen dem Zentrum der finanziellen Ausbeutung der Welt und dem Schauplatz der kolonialen Unterdrückung, ein Land, das allein durch seine Existenz die ganze Welt revolutioniert.

Das sind alles Faktoren (von anderen, weniger wichtigen sehe ich ab), die beim Studium der Wege der Weltrevolution unbedingt berücksichtigt werden müssen.

Früher glaubte man gewöhnlich, die Entwicklung der Revolution werde so vor sich gehen, dass die Elemente des Sozialismus, in erster Linie in den entwickeltsten, in den "fortgeschrittenen" Ländern, gleichmäßig "ausreifen". Jetzt bedarf diese Vorstellung wesentlicher Abänderungen.

"Es hat sich jetzt", sagt Lenin, "ein solches System internationaler Beziehungen herausgebildet, dass in Europa ein Staat von den Siegerstaaten geknechtet ist, nämlich Deutschland. Ferner befinden sich mehrere Staaten, und zwar die ältesten Staaten des Westens, infolge ihres Sieges in einer Lage, in der sie diesen Sieg dazu benutzen können, ihren unterdrückten Klassen eine Reihe unwesentlicher Zugeständnisse zu machen, Zugeständnisse, die die revolutionäre Bewegung in diesen Ländern immerhin hinauszögern und eine Art ´sozialen Friedens´ schaffen.

Gleichzeitig wurde eine ganze Reihe von Ländern: der Osten, Indien, China usw., gerade infolge des letzten imperialistischen Krieges endgültig aus dem Gleis geworfen. Ihre Entwicklung hat endgültig die allgemein-europäische kapitalistische Richtung genommen. In diesen Ländern begann die gleiche Gärung wie in ganz Europa. Und es ist jetzt aller Welt klar, dass sie von einer Entwicklung erfasst sind, die zwangsläufig zu einer Krise des ganzen Weltkapitalismus führen muss."

Infolgedessen und im Zusammenhang damit "werden die westeuropäischen kapitalistischen Länder ihre Entwicklung zum Sozialismus... nicht so vollenden, wie wir es früher erwartet haben. Sie vollenden sie nicht dadurch, dass der Sozialismus in diesen Ländern gleichmäßig ´ausreift´, sondern auf dem Wege der Ausbeutung der einen Staaten durch die anderen, auf dem Wege der Ausbeutung des ersten während des imperialistischen Krieges besiegten Staates, verbunden mit der Ausbeutung des gesamten Ostens. Der Osten anderseits wurde eben infolge dieses ersten imperialistischen Krieges endgültig von einer revolutionären Bewegung erfasst und endgültig in den allgemeinen Strudel der revolutionären Weltbewegung hineingerissen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 456/457 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. 11, S. 1016/1017].)

Fügt man die Tatsache hinzu, dass nicht nur die besiegten Länder und die Kolonien von den Siegerländern ausgebeutet werden, sondern dass auch ein Teil der Siegerländer in den Bereich der finanziellen Ausbeutung durch die mächtigsten Siegerländer, Amerika und England, gerät; dass die Gegensätze zwischen allen diesen Ländern einen überaus wichtigen Faktor der Zersetzung des Weltimperialismus bilden; dass außer diesen Gegensätzen noch innerhalb jedes dieser Länder die tiefsten Gegensätze bestehen und sich entwickeln; dass alle diese Gegensätze durch die Tatsache vertieft und verschärft werden, dass neben diesen Ländern die große Republik der Sowjets existiert - zieht man das alles in Betracht, dann wird das eigenartige Bild der internationalen Lage mehr oder weniger vollständig.

Es ist am wahrscheinlichsten, dass die Weltrevolution sich auf dem Wege des revolutionären Ausscheidens einer Reihe neuer Länder aus dem imperialistischen Staatensystem entwickeln wird, wobei die Proletarier dieser Länder von dem Proletariat der imperialistischen Staaten unterstützt werden. Wir sehen, dass das erste Land, das ausgeschieden ist, das erste siegreiche Land, bereits von den Arbeitern und den werktätigen Massen der anderen Länder unterstützt wird. Ohne diese Unterstützung könnte sich dieses Land nicht behaupten. Zweifellos wird diese Unterstützung sich verstärken und zunehmen. Zweifellos aber wird auch die Entwicklung der Weltrevolution, der Prozess des Ausscheidens einer Reihe neuer Länder aus dem Imperialismus, sich um so schneller und gründlicher vollziehen, je gründlicher sich der Sozialismus in dem ersten siegreichen Lande festigt, je schneller sich dieses Land in eine Basis für die weitere Entfaltung der Weltrevolution, in einen Hebel zur weiteren Zersetzung des Imperialismus verwandelt.

Wenn der Satz richtig ist, dass der endgültige Sieg des Sozialismus in dem Lande, das sich als erstes befreit hat, ohne die gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder unmöglich ist, so ist es ebenso richtig, dass die Weltrevolution sich um so schneller und gründlicher entfalten wird, je wirksamer die von dem ersten sozialistischen Lande den Arbeitern und werktätigen Massen aller übrigen Länder geleistete Hilfe ist.

Worin muss diese Hilfe zum Ausdruck kommen?

Sie muss erstens darin zum Ausdruck kommen, dass das siegreiche Land "ein Höchstmaß dessen durchführt, was in einem Lande für die Entwicklung, Unterstützung, Entfachung der Revolution in allen Ländern durchführbar ist" (siehe Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 269 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 470]).

Sie muss zweitens darin zum Ausdruck kommen, dass das "siegreiche Proletariat" des einen Landes "sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen würde und die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen würde." (Siehe Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 21, S.311 (deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S.753].)

Die kennzeichnende Besonderheit dieser Hilfe von seiten des siegreichen Landes besteht nicht nur darin, dass sie den Sieg der Proletarier in den anderen Ländern beschleunigt, sondern auch darin, dass sie durch die Erleichterung dieses Sieges zugleich den endgültigen Sieg des Sozialismus in dem ersten siegreichen Lande gewährleistet.

Es ist am wahrscheinlichsten, dass im Verlauf der Entwicklung der Weltrevolution neben den Zentren des Imperialismus in Form einzelner kapitalistischer Länder und neben dem System dieser Länder in der ganzen Welt Zentren des Sozialismus in Form einzelner Sowjetländer und ein System dieser Zentren in der ganzen Welt entstehen werden, wobei der Kampf zwischen diesen beiden Systemen die Geschichte der Entfaltung der Weltrevolution ausfüllen wird.

Denn, sagt Lenin, "die freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rückständigen Staaten". (Ebenda.)

Die weltgeschichtliche Bedeutung der Oktoberrevolution besteht nicht nur darin, dass sie der großen Initiative eines einzelnen Landes bei der Durchbrechung des Systems des Imperialismus entsprang und die erste Heimstätte des Sozialismus im Ozean der imperialistischen Länder ist, sondern auch darin, dass sie die erste Etappe der Weltrevolution und eine mächtige Basis für ihre weitere Entfaltung bildet.

Deshalb haben nicht nur diejenigen Unrecht, die den internationalen Charakter der Oktoberrevolution vergessen und den Sieg der Revolution in einem Lande als eine rein nationale und ausschließlich nationale Erscheinung hinstellen. Unrecht haben auch diejenigen, die zwar des internationalen Charakters der Oktoberrevolution eingedenk sind, aber dazu neigen, diese Revolution als etwas Passives zu betrachten, das lediglich dazu berufen ist, Unterstützung von außen entgegenzunehmen. In Wirklichkeit braucht nicht nur die Oktoberrevolution die Unterstützung der Revolution in den anderen Ländern, sondern die Revolution in diesen Ländern braucht auch die Unterstützung der Oktoberrevolution, um die Sache der Niederwerfung des Weltimperialismus zu beschleunigen und vorwärtszubringen.

17. Dezember 1924.

Fußnoten

  1. Die XIII. Konferenz der KPR(B) tagte vom 16. bis zum 18. Januar 1924 in Moskau. Es waren 128 Delegierte mit beschließender Stimme und 222 mit beratender Stimme anwesend. Die Konferenz erörterte Fragen des Parteiaufbaus, der internationalen Lage und die nächsten Aufgaben der Wirtschaftspolitik. Zu dem Referat J. W. Stalins "Über die nächsten Aufgaben des Parteiaufbaus" nahm die Konferenz zwei Resolutionen an: "Über den Parteiaufbau" und "über die Ergebnisse der Diskussion und über die klein-bürgerliche Abweichung in der Partei". Die Konferenz verurteilte die trotzkistische Opposition und erklärte, dass die Partei es in dieser Opposition mit einer kleinbürgerlichen Abweichung vom Marxismus zu tun habe; sie schlug dem Zentralkomitee vor, Punkt 7 der Resolution "Über die Einheit der Partei", die auf Vorschlag W.I. Lenins vom X. Parteitag der KPR(B) angenommen worden war, zu veröffentlichen. Diese Beschlüsse der Konferenz wurden vom XIII. Parteitag und vom V. Kongress der Komintern gebilligt. (Die Resolutionen der Konferenz siehe in "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 535-556, russ.)
  2. Gemeint ist die Resolution über den Parteiaufbau, die in der gemeinsamen Sitzung des Politbüros des ZK und des Präsidiums der ZKK der KPR(B) am 5. Dezember 1923 angenommen und in Nr. 278 der "Prawda" vom 7. Dezember 1923 veröffentlicht worden war. Das Plenum des ZK der KPR(B), das vom 14. bis zum 15. Januar 1924 tagte, zog die Bilanz der Parteidiskussion, billigte die Resolution des Politbüros des ZK und des Präsidiums der ZKK über den Parteiaufbau und beschloss, diese Resolution der XIII. Parteikonferenz zu unterbreiten (siehe "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 533-540, russ.).
  3. Über das Dokument der 46 Oppositionellen siehe "Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang", S. 253/254 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S. 331/332].
  4. Der englische Außenminister Curzon richtete am 8. Mai 1923 an die Sowjetregierung ein Ultimatum mit verleumderischen Beschuldigungen gegen die Sowjetregierung. In dem Ultimatum wurde gefordert, die bevollmächtigten Sowjetvertreter aus Persien und Afghanistan abzuberufen, die englischen Fischkutter, die wegen unerlaubten Fischfangs in den nördlichen Territorialgewässern der UdSSR beschlagnahmt worden waren, freizugeben usw. Für den Fall, dass die Bedingungen des Ultimatums nicht innerhalb 10 Tagen angenommen werden würden, drohte Curzon mit dem Abbruch der Handelsbeziehungen. Curzons Ultimatum beschwor die Gefahr einer neuen Intervention herauf. Die Sowjetregierung wies die unberechtigten Forderungen der englischen Regierung zurück, brachte aber gleichzeitig ihre völlige Bereitschaft zum Ausdruck, die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Ländern auf friedlichem Wege zu regeln, und ergriff Maßnahmen zur Verstärkung der Wehrkraft des Landes.
  5. 5,0 5,1 Gemeint ist die Offensive deutscher Truppen unter dem Kommando des Generals Hoffmann auf sowjetischem Territorium im Februar 1918. (Über die Offensive Hoffmanns siehe J. W. Stalin, "Werke", Bd. 4, S.38-48 [deutsche Ausgabe S. 33-41].)
  6. Gemeint sind die konterrevolutionäre Meuterei in Kronstadt im Jahre 1921 und der Kulakenaufstand im Gouvernement Tambow in den Jahren 1919 bis 1921.
  7. "Dni" (Die Tage) - Tageszeitung sozialrevolutionärer weißer Emigranten, die ab Oktober 1922 in Berlin erschien.
  8. "Sarja" (Die Morgenröte) - Zeitschrift rechtsmenschewistischer weißer Emigranten, die von April 1922 bis Januar 1924 in Berlin erschien.
  9. Der II. Sowjetkongress der UdSSR tagte vom 26. Januar bis zum 2. Februar 1924 in Moskau. In der ersten, dem Gedenken W. I. Lenins gewidmeten Sitzung des Kongresses hielt J. W. Stalin eine Rede, in der er im Namen der bolschewistischen Partei den großen Schwur leistete, das Vermächtnis Lenins zu wahren und zu erfüllen. Anlässlich des Todes Lenins nahm der Kongress einen Aufruf "An die werktätige Menschheit" an. Um Lenins Andenken zu verewigen, beschloss der Kongress die Herausgabe der Werke Lenins, die Umbenennung Petrograds in Leningrad, die Festsetzung eines Trauertags, den Bau des Lenin-Mausoleums auf dem Roten Platz in Moskau und die Errichtung von Denkmälern in den Hauptstädten der Unionsrepubliken sowie in den Städten Leningrad und Taschkent. Der Kongress erörterte den Bericht über die Tätigkeit der Sowjetregierung, den Haushalt der UdSSR und die Gründung der Zentralen Landwirtschaftsbank. Am 31. Januar bestätigte der Kongress die erste Verfassung (Grundgesetz) der UdSSR, die unter Leitung J. W. Stalins ausgearbeitet worden war. Der Kongress wählte das ZEK - den Unionssowjet und den Sowjet der Nationalitäten. J. W. Stalin wurde in den Unionssowjet gewählt.
  10. Gemeint ist die ökonomische und politische Krise des Jahres 1923 in Deutschland. Im Lande entfaltete sich eine revolutionäre Massenbewegung, die zur Bildung von Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen führte; in Hamburg kam es zum bewaffneten Aufstand. Nach der Niederwerfung der revolutionären Bewegung in Deutschland erstarkte die bürgerliche Reaktion in ganz Europa und wuchs die Gefahr einer neuen Intervention gegen die Sowjetrepublik.
  11. "Iskra" (Der Funke) - erste gesamtrussische illegale marxistische Zeitung, die im Dezember 1900 von W. I. Lenin im Ausland gegründet wurde, von wo sie geheim nach Rußland versandt wurde. (Über die Bedeutung und die Rolle der "Iskra" siehe "Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang", S. 30-38 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, 5.40-51].)
  12. Der Stockholmer Parteitag - der IV. ("Vereinigungs"-)Parteitag der SDAPR - tagte vom 10. bis zum 25. April (23. April-8. Mai) 1906. (Über den Stockholmer Parteitag siehe "Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang", S.81-83 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S. 108-110].)
  13. Der V. (Londoner) Parteitag der SDAPR tagte vom 30. April bis zum 19. Mai (13. Mai-1. Juni) 1907. (Über den V. Parteitag der SDAPR siehe J. W. Stalin, "Werke", Bd. 2 und "Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang", S. 85-87 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S. 113-115].)
  14. Am 3. April 1924 fand beim ZK der KPR(B) eine Beratung über die Arbeit unter der Jugend statt, an der Mitglieder des ZK der Partei, Mitglieder und Kandidaten des ZK des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands und Vertreter der 10 größten Gouvernementsorganisationen des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands teilnahmen. Die Beratung zog die Bilanz der Diskussion von Anfang 1924 über die nächsten Aufgaben des Kommunistischen Jugendverbands. Nach Erörterung der Ergebnisse der Beratung forderte das ZK der KPR(B) die Ortsorganisationen der Partei und des Kommunistischen Jugendverbands auf, die Arbeit des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands zu vereinheitlichen und zu koordinieren und den Funktionärkörper des Kommunistischen Jugendverbands zu einmütiger Arbeit an der Erfüllung der von der Partei gestellten Aufgaben aufzurufen.
  15. K. Marx und F. Engels, "Manifest der Kommunistischen Partei", 1939, S. 60 [deutsch in "Ausgewählte Schriften" in zwei Bänden, Bd. I, S. 54].
  16. Gemeint ist eine Äußerung von K. Marx in dem Brief an F. Engels vom 16. April 1856 (siehe K. Marx und F. Engels, "Ausgewählte Briefe", 1947, S. 86 [deutsch in Karl Marx und Friedrich Engels "Ausgewählte Schriften" in zwei Bänden, Bd. II, S. 426]).
  17. Gemeint ist der Artikel von F. Engels "Die Bakunisten an der Arbeit" (siehe K. Marx und F. Engels, "Werke", Bd. XV, 1933, S.105-124, russ.).
  18. W. I. Lenin, "Der ´linke Radikalismus´, die Kinderkrankheit im Kommunismus" (siehe "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 9 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 673]).
  19. W. I. Lenin, "Was sind die ´Volksfreunde´ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?" (siehe "Werke", 4. Ausgabe, Bd.1, S.278/279, russ.).
  20. Der Baseler Kongress der II. Internationale tagte vom 24. bis zum 25. November 1912. Er wurde anlässlich des Balkankrieges und der drohenden Gefahr eines Weltkrieges einberufen. Der Kongress erörterte nur eine Frage - die internationale Lage und gemeinsame Aktionen gegen den Krieg. In seinem Manifest rief der Kongress die Arbeiter auf, die Organisation und die Stärke des Proletariats für den revolutionären Kampf gegen die Kriegsgefahr auszunutzen, den "Krieg dem Kriege" zu erklären.
  21. Siehe Karl Marx, "Das Kapital", Band I, 1935, S. XXIII [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S. 18].
  22. Siehe F. Engels, "Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie", 1939, S.21 [deutsch in Karl Marx und Friedrich Engels "Ausgewählte Schriften" in zwei Bänden, Bd. II, S. 347].
  23. Siehe W. I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 14 (russ.).
  24. K. Marx, "Thesen über Feuerbach", (siehe F. Engels, "Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie", 1939, Anhang [deutsch in Karl Marx und Friedrich Engels "Ausgewählte Schriften" in zwei Bänden, Bd. II, S. 376-378]).
  25. W. I. Lenin, "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" (siehe "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 22, S. 173-290 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 767-875]).
  26. J. W. Stalin beruft sich auf W.I. Lenins 1905 geschriebene Artikel: "Die Sozialdemokratie und die provisorische revolutionäre Regierung", woraus er den Auszug anführt, "Die revolutionäre demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" und "Über die provisorische revolutionäre Regierung" (siehe W. I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 8, S. 247-263, 264-274, 427-447, russ.).
  27. K. Marx und F. Engels, "Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850" (siehe K. Marx und F. Engels, "Werke", Bd. VIII, 1931, S. 483 [deutsch in "Ausgewählte Schriften" in zwei Bänden, Bd. I, S.97]).
  28. Siehe K. Marx und F. Engels, "Manifest der Kommunistischen Partei", 1939, S. 10, und "Ausgewählte Briefe", 1947, 5.263 [deutsch in "Ausgewählte Schriften" in zwei Bänden, Bd.!, S. 16 und Bd. II, S. 435].
  29. Siehe F. Engels, "Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland", 1922, S. 41 und 66/67 [deutsch in Karl Marx und Friedrich Engels "Ausgewählte Schriften" in zwei Bänden, Bd. II, S. 395 und 408].
  30. Der Allrussische Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften bestand von August 1921 bis Juni 1929.
  31. Siehe W. I. Lenins Artikel "Über die Bedeutung des Goldes jetzt und nach dem vollen Sieg des Sozialismus" ("Werke", 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 85-92 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 892-899]).
  32. Die Resolution "über die Einheit der Partei" wurde von W. I. Lenin verfasst und auf dem X. Parteitag der KPR(B), der vom 8. bis zum 16. März 1921 tagte, angenommen. (Siehe W. I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 217-220 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.801 bis 804] und ferner "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 364-366, russ.)
  33. Der XIII. Parteitag der KPR(B) - der erste Parteitag der bolschewistischen Partei nach dem Tode W. I. Lenins - tagte vom 23. bis zum 31. Mai 1924. Der Parteitag arbeitete unter J. W. Stalins Führung. Auf dem Parteitag waren 748 Delegierte mit beschließender Stimme anwesend, die 735881 Parteimitglieder vertraten, von denen 241591 auf Grund des Lenin-Aufgebots in die Partei eingetreten waren und 127741 vor dem Lenin-Aufgebot Kandidaten waren. Delegierte mit beratender Stimme gab es 416. Der Parteitag erörterte den politischen und den organisatorischen Bericht des ZK, die Rechenschaftsberichte der Zentralen Revisionskommission und der ZKK, den Rechenschaftsbericht der Vertretung der KPR(B) im Exekutivkomitee der Komintern, Organisationsfragen der Partei, Fragen des Innenhandels und des Genossenschaftswesens, der Arbeit auf dem Lande, der Arbeit unter der Jugend und andere. Der Parteitag verurteilte einstimmig die Plattform der trotzkistischen Opposition, die er als kleinbürgerliche Abweichung vom Marxismus, als Revision des Leninismus kennzeichnete, und bestätigte die Resolutionen der XIII. Parteikonferenz "Über den Parteiaufbau" sowie "Über die Ergebnisse der Diskussion und über die kleinbürgerliche Abweichung in der Partei". Der Parteitag wies auf die gewaltige Bedeutung des Lenin-Aufgebots hin und machte die Partei auf die Notwendigkeit aufmerksam, an der Schulung der jungen Parteimitglieder verstärkt zu arbeiten, um ihnen die Grundlagen des Leninismus zu vermitteln. Der Parteitag verpflichtete das W. I. Lenin-Institut, eine völlig wissenschaftliche und äußerst sorgfältige Ausgabe sämtlicher Werke W. I. Lenins, sowie die Herausgabe ausgewählter Schriften Lenins für die breiten Arbeitermassen in den Sprachen aller Völkerschaften der UdSSR vorzubereiten.
  34. Die Bauernkomitees für gesellschaftliche gegenseitige Hilfe wurden entsprechend dem von W. I. Lenin unterzeichnetem Dekret des Rates der Volkskommissare vom 14. Mai 1921 bei den Dorfsowjets und den Exekutivkomitees der Amtsbezirke geschaffen und bestanden bis 1933. Die Bauernkomitees wurden gegründet, um die gesellschaftliche Hilfe für die Bauern und die Familien von Rotarmisten besser zu organisieren und die Selbsttätigkeit und Initiative der breiten Bauernmassen zu entfalten. Die vom Allrussischen ZEK und vom Rat der Volkskommissare der RSFSR im September 1924 bestätigten Satzungen der Bauerngesellschaften für gegenseitige Hilfe machten den Bauernkomitees ferner zur Aufgabe, die Entwicklung und Festigung verschiedener Formen der Genossenschaften unter der Landbevölkerung zu fördern und Massen der armen Bauern und Mittelbauern in die Genossenschaften hineinzuziehen.
  35. Am 23. Mai 1924 fand auf dem Roten Platz in Moskau eine Parade junger - Pioniere zu Ehren des XIII. Parteitags der KPR(B) und der Umbenennung der Organisation junger Pioniere in "Kommunistische Kinderorganisation namens W.I. Lenin" statt. Die Parade, an der etwa 10000 Pioniere teilnahmen, wurde vom Präsidium des XIII. Parteitags der KPR(B) abgenommen.
  36. Aktiengesellschaften (staatliche, gemischte und genossenschaftliche) wurden in der UdSSR mit Bestätigung des Rates für Arbeit und Verteidigung von den Volkskommissariaten für Außenhandel, Innenhandel und Finanzen gegründet. Zweck ihrer Organisierung war die Heranziehung von Mitteln, darunter auch der von Privatunternehmern, für die rascheste Wiederherstellung der Volkswirtschaft und für die Entwicklung des Warenaustauschs. Die gemischten Gesellschaften als eine der Arten der Aktiengesellschaften zogen ausländisches Kapital für die Aufbringung von Exportwaren innerhalb des Landes, für ihren Absatz im Ausland und für die Einfuhr der für die Wiederherstellung der Volkswirtschaft benötigten Artikel heran. Die gemischten Gesellschaften arbeiteten unter Kontrolle des Volkskommissariats für Außenhandel. Die Aktiengesellschaften bestanden in der ersten Periode der NÖP.
  37. "Krestjanskaja gaseta" (Bauernzeitung) - Organ des ZK der KPdSU(B), Massenzeitung für das Dorf, die von November 1923 bis Februar 1939 erschien.
  38. Die Komitees unbegüterter Bauern, die landarme und landlose Bauern der Ukraine vereinten, wurden zum Schutz der Interessen der Dorfarmut und der Mittelbauern gegründet. Sie bestanden seit 1920 und wurden nach der Durchführung der durchgängigen Kollektivierung im Jahre 1933 aufgelöst. In der ersten Periode ihres Bestehens (1920-1921) waren die Komitees unbegüterter Bauern politische Organisationen, die zur Festigung der Sowjetmacht auf dem Lande beitrugen. Mit dem Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik wurden sie reorganisiert und zu gesellschaftlichen Produktionsorganisationen gemacht, deren Hauptaufgabe es war, die Bauern in die verschiedenen landwirtschaftlichen Kollektive einzubeziehen. Die Komitees unbegüterter Bauern waren aktive Wegbereiter für die Politik der Partei und des Staates auf dem Lande.
  39. Die territorialen Truppenteile wurden durch das Dekret des ZEK und des Rates der Volkskommissare der UdSSR vom 8. August 1923 neben den bestehenden Kadereinheiten der Roten Armee geschaffen. Die territorialen Formationen wurden nach Milizgrundsätzen organisiert und hatten die Aufgabe, in kurzfristigen Waffenübungen die Werktätigen militärisch auszubilden.
  40. Siehe W. I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 231-291 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 912-958].
  41. Gemeint ist W.I. Lenins Schrift "Über die Naturalsteuer" (siehe "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 32, S.308-343 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. 11, S. 825-8611).
  42. Gemeint ist die Resolution "Über die Ergebnisse der Diskussion und über die kleinbürgerliche Abweichung in der Partei", die auf der XIII. Konferenz der KPR(B) am 18. Januar 1924 zu J.W. Stalins Referat "über die nächsten Aufgaben des Parteiaufbaus" angenommen wurde. (Siehe "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 540-545, russ.)
  43. Die Politik der Anerkennung der UdSSR durch die kapitalistischen Länder kam zum Ausdruck in der Herstellung diplomatischer Beziehungen zur UdSSR: im Februar 1924 durch England, Italien, Norwegen und Osterreich; im März durch Griechenland und Schweden; im Juni durch Dänemark; im Oktober durch Frankreich; im Januar 1925 durch Japan und eine Reihe anderer Staaten.
  44. Siehe W.I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 33, S.231-291 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. 11, 5.912-958].
  45. Siehe "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S.566-568 (russ.).
  46. Siehe "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 589-598 (russ.).
  47. Siehe "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S.582-588 (russ.).
  48. Die Währungsreform, die Ersetzung der entwerteten Geldscheine durch Tscherwonzen mit fester Golddeckung, wurde von der Sowjetregierung im Laufe des Jahres 1924 durchgeführt.
  49. Siehe "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 578-582 (russ.).
  50. Siehe "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 307-311 (russ.).
  51. Gemeint ist das Plenum des ZK der KPR(B), das nach dem XIII. Parteitag am 2. Juni 1924 stattfand. J. W. Stalin wurde zum Mitglied des Politbüros, des Orgbüros, des Sekretariats des ZK der KPR(B) und erneut zum Generalsekretär des ZK der KPR(B) gewählt. Das Plenum erörterte Fragen der Vertretung der KPR(B) im EKKI und auf dem V. Kongress der Komintern, Fragen des Arbeitslohns, der Metallindustrie, der Dürre u. a. Zwecks eingehender Beschäftigung mit der Arbeit auf dem Lande wurde die Einsetzung einer ständigen Kommission des Plenums des ZK der KPR(B) für die Arbeit auf dem Lande beschlossen. Im Auftrag des Plenums berief das Politbüro des ZK in diese Kommission W. M. Molotow (Vorsitzender), J. W. Stalin, M.I. Kalinin, L.M. Kaganowitsch, N.K. Krupskaja und andere. Durch Beschluss des Plenums des ZK der KPR(B) vom September 1924 wurde die Kommission in einen Beratungsausschuss beim ZK der KPR(B) für die Arbeit auf dem Lande umgebildet.
  52. Siehe "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 610-617 (russ.).
  53. "Rabotschi Korrespondent" (Der Arbeiterkorrespondent) - Monatszeitschrift, die von Januar 1924 bis Juni 1941 erschien. Ab Januar 1925 erschien sie unter dem Titel "Rabotsche-Krestjanski Korrespondent" (Der Arbeiter- und Bauernkorrespondent).
  54. Die polnische Kommission wurde auf dem V. Kongress der Komintern gebildet, der vom 17. Juni bis zum 8. Juli 1924 in Moskau tagte. J. W. Stalin war Mitglied der wichtigsten Kommissionen des Kongresses und Vorsitzender der polnischen Kommission. Die von der Kommission vorgelegte Resolution zur polnischen Frage wurde in der ersten Sitzung des erweiterten Plenums des Exekutivkomitees der Komintern am 12. Juli 1924 einstimmig angenommen.
  55. Brandler-Gruppe - rechtsopportunistische Gruppe in der deutschen Kommunistischen Partei. Durch ihre prinzipienlose Zusammenarbeit mit der Spitze der deutschen Sozialdemokratie trugen die Brandlerleute zur Niederlage der Arbeiterklasse Deutschlands während der revolutionären Ereignisse des Jahres 1923 bei. Der V. Kongress der Komintern (1924) verurteilte die Kapitulantenlinie der Brandler-Gruppe. Durch Beschluss des V. erweiterten Plenums des Exekutivkomitees der Komintern vom 4. April 1925 wurde der Brandler-Gruppe verboten, sich in die Angelegenheiten der deutschen Kommunistischen Partei einzumischen und an der Arbeit der Komintern teilzunehmen. Im Jahre 1929 wurde Brandler wegen fraktioneller Tätigkeit aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen.
  56. Gemeint ist D. Bjednys Gedicht "Der Drang". (Siehe D. Bjedny, "Sämtliche Werke", 1928, Bd. IX, S. 86-93, russ.)
  57. "Linksblock" in Frankreich - Block der Radikalen und der Radikalsozialisten mit Edouard Herriot an der Spitze, der im Mai 1924 zur Macht gelangte. Die Regierung des "Linksblocks", die sich der "linken" Phraseologie als Deckmantel bediente, unterstützte in der Praxis aktiv die Außen- und Innenpolitik des französischen Imperialismus. Die Regierung Herriot hielt sich bis April 1925 an der Macht.
  58. Die Londoner Konferenz der Entente tagte vom 16. Juli bis zum 16. August 1924 unter Teilnahme Englands, Frankreichs, der Vereinigten Staaten von Amerika und anderer Länder. Die Konferenz wurde zur Erörterung und Entscheidung der Frage der deutschen Reparationen einberufen.
  59. Die Sächsische Arbeiterregierung wurde am 11.Oktober 1923 als Ergebnis der revolutionären Massenbewegung, die sich in ganz Deutschland entfaltet hatte, gebildet. Ihr gehörten 5 Sozialdemokraten und 2 Kommunisten an. An der Spitze der Regierung stand der "linke" Sozialdemokrat Zeigner. Die der Sächsischen Regierung angehörenden Kommunisten führten die Kapitulantenpolitik der brandleristischen Führung der Kommunistischen Partei Deutschlands durch und vereitelten gemeinsam mit den "linken" Sozialdemokraten die Bewaffnung des Proletariats und die Entfaltung der Revolution in Deutschland. Am 30. Oktober 1923 wurde die Sächsische Arbeiterregierung von Reichswehrtruppen auseinandergejagt.
  60. Souvarine-Gruppe - opportunistische Gruppe in der französischen Kommunistischen Partei, die von Souvarine, einem eifrigen Anhänger Trotzkis geführt wurde. Die Souvarine-Gruppe, die die trotzkistische Opposition in der KPR(B) unterstützte, verleumdete die Kommunistische Partei Frankreichs und die Komintern und verstieß aufs gröbste gegen die Parteidisziplin. Im Jahre 1924 gab das IV. erweiterte Plenum des Exekutivkomitees der Komintern der Forderung der französischen Kommunistischen Partei nach Ausschluss Souvarines aus der Kommunistischen Partei Frankreichs statt, und das VII. erweiterte Plenum des Exekutivkomitees der Komintern schloss ihn im Jahre 1926 wegen konterrevolutionärer Propaganda aus der Kommunistischen Internationale aus.
  61. Der V. Weltkongress der Komintern tagte vom 17. Juni bis zum B. Juli 1924 in Moskau. An dem Kongress nahmen 510 Delegierte teil, die 60 Organisationen aus 49 Ländern vertraten. Der Kongress erörterte die Tätigkeit des Exekutivkomitees der Komintern, die Weltwirtschaftslage, die Wirtschaftslage in der UdSSR und die Diskussion in der KPR(B), die Frage des Faschismus, die Taktik in der Gewerkschaftsbewegung, die Frage der Betriebszellen, Fragen der Parteien einzelner Länder, die Programmfrage, die nationale Frage, die Agrarfrage und andere Fragen. J. W. Stalin war Mitglied des Präsidiums des Kongresses und Mitglied seiner wichtigsten Kommissionen: der politischen Kommission, der Programmkommission, der Kommission zur Ausarbeitung einer Resolution über den Leninismus, und Vorsitzender der polnischen Kommission. Der V. Kongress der Komintern unterstützte einmütig die bolschewistische Partei in ihrem Kampf gegen den Trotzkismus. Der Kongress bestätigte die Resolution der XIII. Parteikonferenz und des XIII. Parteitags der KPR(B) "Über die Ergebnisse der Diskussion und über die kleinbürgerliche Abweichung in der Partei" und beschloss, diese Resolution als Kongressbeschluss zu veröffentlichen. Der Kongress nahm eine Entschließung über die Festigung der kommunistischen Parteien der kapitalistischen Länder, über ihre Bolschewisierung und ihre Umwandlung in wirkliche, sich auf die Gewerkschaften stützende Massenparteien an.
  62. Die Rote Gewerkschaftsinternationale wurde 1921 gebildet und bestand bis Ende 1937. Die Rote Gewerkschaftsinternationale vereinigte die revolutionären Gewerkschaften und stand auf den Positionen der Kommunistischen Internationale.
  63. Die Amsterdamer Vereinigung (Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale) wurde im Juli 1919 auf einem internationalen Kongress in Amsterdam gegründet. Ihr gehörten die reformistischen Gewerkschaften einer Reihe westeuropäischer Länder und der USA an; in ihrem Programm und ihrer Taktik stand sie auf antirevolutionären, dem Kommunismus feindlichen Positionen. Mit der auf dem I. Weltgewerkschaftskongress (September bis Oktober 1945) erfolgten Gründung des Weltgewerkschaftsbundes hörte die Amsterdamer Vereinigung zu existieren auf.
  64. Linke Levi-Gruppe - Gruppe innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Im Oktober 1923, als die Sächsische Arbeiterregierung gebildet wurde, erklärte sich die Levi-Gruppe aus Furcht, ihren Einfluss unter den Arbeitermassen zu verlieren, zu gemeinsamer Arbeit mit den Kommunisten bereit, in der Tat aber deckte sie die konterrevolutionäre Politik der Sozialdemokratie und half der Bourgeoisie, die revolutionäre Bewegung des Proletariats zu unterdrücken.
  65. Die Beratung der Sekretäre der Dorfzellen beim ZK der KPR(B) fand vom 21. bis zum 24. Oktober 1924 statt. Es waren 62 Funktionäre aus dem Lande anwesend, darunter 4 Vertreter zentraler Gebiets- und Gouvernementskomitees, 15 Vertreter von Kreis- und Rayonkomitees, 17 Vertreter von Amtsbezirkskomitees, 11 Vertreter von Dorfzellen, 11 Vertreter von Zellen des Kommunistischen Jugendverbands und 4 Organisatoren der Bäuerinnen aus den Amtsbezirken. Es referierten: W.M. Molotow "Über die nächsten Aufgaben der Dorfzellen", M.I. Kalinin über "Die neuen Satzungen der Komitees für gegenseitige Hilfe der Bauern", L.M. Kaganowitsch "Über den unteren Sowjetapparat", N. K. Krupskaja über "Die politische Aufklärungsarbeit auf dem Lande". Ferner wurden Berichte der Ortsorganisationen entgegengenommen und noch andere Fragen behandelt. J. W. Stalin nahm an der Beratung teil und hielt in der Sitzung vom 22. Oktober die Rede "Über die nächsten Aufgaben der Partei auf dem Lande".
  66. Gemeint ist der von georgischen Menschewiki und bürgerlichen Nationalisten mit Unterstützung der Führer der II. Internationale und von Agenten ausländischer Staaten Ende August 1924 organisierte konterrevolutionäre Aufstand in Georgien. Der Aufstand wurde unter aktiver Mitwirkung der georgischen Arbeiter und werktätigen Bauernmassen schnell liquidiert.
  67. Siehe W. I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 33, S.273 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 952].
  68. Das Plenum des ZK der KPR(B) fand vom 25. bis zum 27. Oktober 1924 statt. Das Plenum erörterte Wirtschaftsfragen und das Referat W. M. Molotows über "Die nächsten Aufgaben der Arbeit auf dem Lande". Das Plenum nahm die Resolution "Über die nächsten Aufgaben der Arbeit auf dem Lande" an, in der in Weiterentwicklung der Beschlüsse des XIII. Parteitags über die Arbeit auf dem Lande den Parteiorganisationen zusätzliche Weisungen gegeben wurden. J. W. Stalin leitete die Arbeit des Plenums und hielt in der Sitzung vom 26.Oktober die Rede "Über die Aufgaben der Partei auf dem Lande".
  69. Die "Kontaktkommission", bestehend aus Tschcheidse, Steklow, Suchanow, Filippowski und Skobelew (später gehörten ihr auch Tschernow und Zereteli an), wurde von dem menschewistisch-sozialrevolutionären Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten am 7. März 1917 zur Herstellung des Kontakts mit der Provisorischen Regierung, zwecks "Einwirkung" auf diese und zwecks "Kontrolle" ihrer Tätigkeit eingesetzt. In Wirklichkeit half die "Kontaktkommission" der Provisorischen Regierung bei der Durchführung ihrer bürgerlichen Politik und suchte die Arbeitermassen vom aktiven revolutionären Kampf für den Übergang der gesamten Macht an die Sowjets zurückzuhalten. Die "Kontaktkommission" bestand bis Mai 1917, als die Vertreter der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre direkt in die Provisorische Regierung eintraten.
  70. Siehe W.I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 24, S.1-7 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.7-11].
  71. Die Petrograder Stadtkonferenz der SDAPR(B) tagte vom 27. April bis zum 5. Mai (14.-22. April) 1917. Es waren 57 Delegierte anwesend. An der Konferenz nahmen W. I. Lenin und J. W. Stalin teil. W. I. Lenin hielt ein Referat über die gegenwärtige Lage, dem seine Aprilthesen zugrunde lagen. J. W. Stalin war Mitglied der Kommission, die zu dem Referat W.I. Lenins eine Resolution ausarbeitete.
  72. Über die VII. Allrussische Aprilkonferenz der Bolschewiki siehe "Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang", S. 180-184 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S. 235-239].
  73. Siehe W. I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 23, S. 289-333 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 887-898].
  74. Siehe "Rede W. I. Lenins in der Sitzung des Petrograder Komitees der SDAPR(B) vom 24. (11.) Juni 1917 aus Anlass der Absage der Demonstration" ("Werke", 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 62/63, russ.).
  75. Der Kongress der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten des Nordgebiets tagte vom 24. bis zum 26.01.-13.) Oktober 1917 unter Leitung der Bolschewiki in Petrograd. Es waren Vertreter von Petrograd, Moskau, Kronstadt, Nowgorod, Reval, Helsingfors, Wiborg und anderen Städten - insgesamt 94 Delegierte, davon 51 Bolschewiki - anwesend. Der Kongress beschloss eine Resolution über die Notwendigkeit des sofortigen Übergangs der gesamten Macht an die Sowjets sowohl im Zentrum als auch im Lande, richtete an die Bauern den Aufruf, den Kampf für die Macht der Sowjets zu unterstützen, und rief die Sowjets selbst zu aktiven Aktionen sowie zur Schaffung revolutionärer Militärkomitees zwecks Organisierung der militärischen Verteidigung der Revolution auf. Der Kongress bildete ein Komitee des Nordgebiets und beauftragte es, die Einberufung des II. Allrussischen Sowjetkongresses vorzubereiten und die Tätigkeit aller Gebietssowjets zusammenzufassen.
  76. Siehe W. I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 26, 5.162 (russ.).
  77. Siehe W. I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 165 (russ.).
  78. J.W. Stalins Buch "Auf dem Wege zum Oktober" erschien in zwei Ausgaben im Januar und Mai 1925. Die in diesem Buch enthaltenen Artikel und Reden sind in Band 3 der Werke J. W. Stalins aufgenommen. Das Vorwort wurde vom Verfasser im Dezember 1924 beendet und vollständig nur in dem Buch "Auf dem Wege zum Oktober" veröffentlicht. Der größte Teil des Vorworts wurde unter dem Gesamttitel "Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten" außer in verschiedenen Sammelbänden und Einzelbroschüren in allen Ausgaben von J.W. Stalins "Fragen des Leninismus" veröffentlicht. Ein Teil des Vorworts ist als Anmerkung des Verfassers zu dem Artikel "Gegen den Föderalismus" in Band 3 der Werke J. W. Stalins veröffentlicht.
  79. "Siehe K. Marx und F. Engels, "Ausgewählte Briefe", 1947, S. 262-264 [deutsch in "Ausgewählte Schriften" in zwei Bänden, Bd. II, S.435/436].
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