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Gesammelte Werke Band 8 | |
|---|---|
| Autor*in | Josef Stalin |
| Verfasst in | 1926 Januar bis November |
| Verlag | Verlag Roter Morgen |
| Veröffentlicht | 1971 Hamburg |
| http://ciml.250x.com/archive/stalin/german/stalinwerke_08.pdf | |
Vorwort
Der achte Band der Werke J. W. Stalins enthält die Schriften, die von Januar bis November 1926 geschrieben worden sind.
Das Jahr 1926 war das erste Jahr des entfalteten Kampfes der bolschewistischen Partei für die Verwirklichung der auf die sozialistische Industrialisierung des Landes gerichteten Generallinie der Partei und der Sowjetmacht.
In den Arbeiten „Zu den Fragen des Leninismus” und „Über die wirtschaftliche Lage der Sowjetunion und die Politik der Partei” entlarvt J. W. Stalin die feindlichen Entstellungen der Grundlagen des Leninismus durch die Gruppe Sinowjew-Kamenew, verficht er die Beschlüsse des XIV. Parteitags der KPdSU(B) und deckt er die Versuche der „neuen Opposition” auf, die Partei mit Unglauben an den Sieg des Sozialismus in der UdSSR zu verseuchen.
In seinem Referat auf der XV. Konferenz der KPdSU(B) „Über die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei” und im Schlusswort zu dem Referat verteidigt J. W. Stalin die ideologische und organisatorische Einheit der bolschewistischen Partei und entlarvt die Kapitulantenideologie und die Wühl- und Spaltungsarbeit des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks.
In diesen Schriften J. W. Stalins wird die Leninsche Lehre von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern entwickelt, wird die Möglichkeit, die Notwendigkeit und die internationale Bedeutung der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft in der UdSSR unter den Bedingungen der kapitalistischen Umkreisung begründet; es werden die praktischen Aufgaben der Partei beim sozialistischen Aufbau vorgezeichnet und die konkreten Wege und Methoden der Verwirklichung der auf die sozialistische Industrialisierung des Landes gerichteten Generallinie der Partei festgelegt.
In den Schriften „Über den englischen Streik und die Ereignisse in Polen”, „Über das Englisch-Russische Einheitskomitee”, „Über den Kampf gegen die rechten und ,ultralinken’ Abweichungen”, „Rede in der deutschen Kommission des VI. erweiterten Plenums des EKKI” und in anderen Arbeiten unterstreicht J. W. Stalin die Notwendigkeit des beharrlichen und konsequenten Kampfes für die Einheit der Arbeiterklasse, gegen die imperialistische Reaktion, gegen die Gefahr neuer imperialistischer Kriege; er entlarvt die abenteuerliche trotzkistische Theorie vom Überspringen einer noch nicht überholten Bewegung und zeigt die Wege und Methoden des ideologischen und organisatorischen Kampfes gegen den Opportunismus in den kommunistischen Parteien des Auslands.
In der Rede „Über die Perspektiven der Revolution in China” deckt J. W. Stalin die Besonderheiten der chinesischen Revolution, ihren Charakter und ihre Richtung auf.
Zum erstenmal veröffentlicht werden im achten Band folgende Dokumente: „Über die Bauernschaft als Verbündeten der Arbeiterklasse”, „Über die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande”, „Rede in der französischen Kommission des VI. erweiterten Plenums des EKKI”, die Rede „Über das Englisch-Russische Komitee”, „Brief an Slepkow”, „Über die Maßnahmen zur Milderung des innerparteilichen Kampfes”, J. W. Stalins Brief „An die Redaktion des Zentralorgans der Arbeiterpartei Amerikas - ,The Daily Worker”. In vollem Wortlaut wird J. W. Stalins Brief „An Genossen Kaganowitsch und andere Mitglieder des Politbüros des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine (Bolschewiki)” veröffentlicht.
Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU(B)
1926
Über den Kampf gegen die rechten und "ultralinken" Abweichungen
Seite 1 - 9
Zwei Reden in der Sitzung des Präsidiums des EKKI, 22. Januar 1926
„Prawda“ Nr. 40, 18. Februar 1926.
I.
Ich denke, dass Hansen und Ruth Fischer auf einem falschen Standpunkt stehen. Sie fordern, dass der Kampf gegen die Rechten und die „Ultralinken”, sozusagen der Gerechtigkeit halber, immer und überall, unter allen Umständen mit der gleichen Schlagkraft geführt werde. Dieser Standpunkt, dass die Schläge gegen die Rechten und die „Ultralinken” unter allen Umständen und in jeder Situation der Gerechtigkeit halber gleichmäßig verteilt werden müssen, ist ein kindischer Standpunkt. So kann ein Politiker die Frage nicht stellen. Die Frage des Kampfes gegen die Rechten und die „Ultralinken” darf man nicht unter dem Gesichtswinkel der Gerechtigkeit betrachten, sie muss unter dem Gesichtswinkel der Erfordernisse des politischen Augenblicks, unter dem Gesichtswinkel der politischen Bedürfnisse der Partei in jedem gegebenen Augenblick betrachtet werden. Warum ist in der französischen Partei der Kampf gegen die Rechten gegenwärtig die dringlichste aktuelle Aufgabe, während in der deutschen Kommunistischen Partei die aktuelle Aufgabe der Kampf gegen die „Ultralinken” ist? Weil die Lage in der deutschen und der französischen Kommunistischen Partei nicht die gleiche ist. Weil die politischen Bedürfnisse dieser zwei Parteien im gegebenen Augenblick verschieden sind.
Deutschland ist erst vor kurzem aus einer tiefen revolutionären Krise[Anmerkung 1] hervorgegangen, in der die Partei den Kampf mit der Methode des direkten Angriffs führte. Jetzt macht die deutsche Kommunistische Partei eine Periode des Kräftesammelns und der Vorbereitung der Massen auf die künftigen entscheidenden Kämpfe durch. Zur Erreichung der alten Ziele unter neuen Verhältnissen taugt die Methode des direkten Angriffs jetzt bereits nicht mehr. Jetzt ist erforderlich, dass die deutsche Kommunistische Partei zur Methode der Umgehungsbewegungen übergeht, mit dem Ziel, die Mehrheit der Arbeiterklasse in Deutschland zu gewinnen. Es ist nur natürlich, dass sich unter solchen Verhältnissen in Deutschland eine Gruppe „Ultralinker” gefunden hat, die, in schülerhafter Weise alte Losungen wiederholend, es nicht verstanden hat oder nicht willens ist, sich den neuen Kampfbedingungen, die neue Arbeitsmethoden erfordern, anzupassen. Daher die „Ultralinken”, die die Partei durch ihre Politik daran hindern, sich den neuen Kampfbedingungen anzupassen und sich den Weg zu den breiten Massen des deutschen Proletariats zu erschließen. Entweder bricht die deutsche Kommunistische Partei den Widerstand der „Ultralinken”, und dann wird sie den breiten Weg der Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse beschreiten, oder aber sie tut dies nicht, und dann wird sie die gegenwärtige Krise in eine chronische und für die Partei verderbliche Krise verwandeln. Daher der Kampf gegen die „Ultralinken” in der deutschen Kommunistischen Partei, als die aktuelle Aufgabe der Partei.
In Frankreich haben wir eine andere Lage. Dort hat es noch keine tiefe revolutionäre Krise gegeben. Dort wurde der Kampf im Rahmen der Legalität, mit ihren ausschließlich oder fast ausschließlich legalen Kampfmethoden, geführt. Jetzt aber macht sich in Frankreich eine Krise bemerkbar. Ich denke an den Krieg in Marokko und in Syrien sowie an die finanziellen Schwierigkeiten Frankreichs.[Anmerkung 2] Wie tief diese Krise geht, lässt sich noch schwer sagen, dennoch aber ist es eine Krise, die von der Partei die Verbindung legaler und illegaler Kampfbedingungen erfordert, die von der Partei ein Höchstmaß an Bolschewisierung erfordert. Es ist nur natürlich, dass sich unter solchen Verhältnissen in der französischen Partei eine Gruppe gefunden hat - ich meine die Gruppe der Rechten -, die es nicht verstanden hat oder nicht willens ist, sich den neuen Kampfbedingungen anzupassen, und die mechanisch weiterhin auf den alten Kampfmethoden als den einzig richtigen beharrt. Dieser Umstand muss natürlich die Bolschewisierung der französischen Kommunistischen Partei hemmen. Daher die rechte Gefahr in der französischen Kommunistischen Partei, als die aktuelle Gefahr. Daher die Aufgabe, gegen die rechte Gefahr zu kämpfen, als die dringlichste Aufgabe der französischen Kommunistischen Partei.
Einige Beispiele aus der Geschichte der KPdSU(B). Nach der Revolution von 1905 hatte sich bei uns in der Partei ebenfalls eine „ultralinke” Gruppe mit dem Namen „Otsowisten” gebildet, die es nicht verstand oder nicht willens war, sich den neuen Kampfbedingungen anzupassen und die die Methode der Ausnutzung der legalen Möglichkeiten (Duma, Arbeiterklubs, Versicherungskassen u. a.) nicht anerkannte. Es ist bekannt, dass Lenin einen entschiedenen Kampf gegen diese Gruppe führte und dass es der Partei gelang, den richtigen Weg zu beschreiten, nachdem sie diese Gruppe überwunden hatte. Dasselbe war bei uns nach der Revolution von 1917 der Fall, als eine „ultralinke” Gruppe[Anmerkung 3] gegen den Brester Frieden auftrat. Es ist bekannt, dass auch diese Gruppe von unserer Partei, mit Lenin an der Spitze, zerschlagen wurde.
Was besagen alle diese Tatsachen? Sie besagen, dass die Frage des Kampfes gegen die Rechten und die „Ultralinken” nicht abstrakt gestellt werden darf, sondern dass sie konkret, je nach den politischen Verhältnissen, gestellt werden muss.
Ist es ein Zufall, dass die Franzosen dem Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale eine Resolution gegen die rechten Elemente ihrer Partei vorlegen, die Deutschen aber eine Resolution gegen die „Ultralinken”? Natürlich ist das kein Zufall. Wo es schmerzt, da greift man hin.
Darum ist der Standpunkt, dass die Schläge gegen die Rechten und die „Ultralinken” der Gerechtigkeit halber gleichmäßig verteilt werden müssen, unhaltbar.
Gerade deshalb würde ich vorschlagen, im Entwurf der Resolution über die „Ultralinken” in Deutschland den Satz zu streichen, in dem es heißt, dass in der deutschen Kommunistischen Partei der Kampf in gleicher Weise sowohl gegen die Redeten als auch gegen die „Ultralinken” zugespitzt werden muss. Ich schlage vor, diesen Satz aus dem gleichen Grunde zu streichen, aus dem der Satz über die Zuspitzung des Kampfes gegen die „Ultralinken” aus der Resolution über die Rechten in der französischen Kommunistischen Partei gestrichen wurde. Dass man gegen die Rechten und die „Ultralinken” immer und überall kämpfen muss, ist absolut richtig. Aber nicht hierum geht es jetzt, sondern darum, worauf gegenwärtig die Frage in Frankreich einerseits und in Deutschland anderseits zugespitzt werden soll. Ich glaube, dass in der französischen Kommunistischen Partei die Frage auf den Kampf gegen die Rechten zugespitzt werden muss, denn dies erfordert im gegenwärtigen Augenblick die politische Notwendigkeit; in der deutschen Kommunistischen Partei hingegen muss die Frage auf den Kampf gegen die „Ultralinken” zugespitzt werden, da dies im gegenwärtigen Augenblick die politischen Bedürfnisse der deutschen Kommunistischen Partei erfordern.
Welches ist die Stellung der Zwischengruppe in der deutschen Kommunistischen Partei, der Gruppe Ruth Fischer-Maslow, wenn man diese Frage von dem soeben dargelegten Gesichtspunkt aus betrachtet? Diese Gruppe deckt meiner Ansicht nach in diplomatischer Weise die „ultralinke” Scholem-Gruppe. Ohne sich offen mit der Scholem-Gruppe solidarisch zu erklären, tut die Gruppe Ruth Fischer-Maslow jedoch alles, was von ihr abhängt, um den Schlag der Partei gegen die Scholem-Gruppe abzuschwächen. Die Gruppe Ruth Fischer-Maslow hindert somit das Zentralkomitee der deutschen Kommunistischen Partei daran, die „ultralinken” Vorurteile der deutschen Kommunistischen Partei zu überwinden und auszumerzen. Daher muss die deutsche Kommunistische Partei gegen diese Gruppe, gegen die Gruppe Ruth Fischer-Maslow, einen entschiedenen Kampf führen. Entweder wird die Gruppe Ruth Fischer-Maslow zerschlagen, und dann wird die Partei die Möglichkeit erhalten, die jetzige Krise im Kampf gegen die Scholem-Gruppe zu überwinden, oder aber die deutsche Kommunistische Partei lässt sich durch die diplomatischen Schliche der Gruppe Ruth Fischer-Maslow einfangen, und dann wird der Kampf zugunsten Scholems verloren sein.
II.
Mir scheint, dass Hansen hinsichtlich des innerparteilichen ideologischen Kampfes eine Art Pfaffenmoral predigt, die einer kommunistischen Partei ganz und gar nicht ansteht. Er ist offenbar nicht gegen einen ideologischen Kampf. Aber er möchte diesen Kampf so führen, dass es dabei zu keiner Diskreditierung der Führer der Opposition kommt. Ich muss sagen, dass es einen solchen Kampf auf der Welt nicht gibt. Ich muss sagen: Wer einen Kampf nur unter der Bedingung für zulässig hält, dass die Führer nicht auf diese oder jene Weise kompromittiert werden, der verneint faktisch die Möglichkeit jeglichen ideologischen Kampfes innerhalb der Partei. Müssen wir die Fehler dieser oder jener Parteiführer aufdecken? Müssen wir diese Fehler ans Tageslicht bringen, um die Parteimassen an Hand der Fehler der Führer zu erziehen? Ich denke, wir müssen das tun. Ich denke, dass es keine anderen Wege zur Korrigierung der Fehler gibt. Ich denke, dass die Methode der Vertuschung von Fehlern nicht unsere Methode ist. Daraus folgt aber, dass der innerparteiliche Kampf und die Korrigierung von Fehlern nicht vor sich gehen können, ohne dass dieser oder jener Führer auf diese oder jene Weise kompromittiert wird. Das mag betrüblich sein, aber daran lässt sich nichts ändern, denn gegen das Unvermeidliche zu kämpfen, steht nicht in unserer Kraft.
Müssen wir überhaupt sowohl gegen die „Ultralinken” als auch gegen die Rechten kämpfen? - fragt Hansen. Natürlich müssen wir das. Diese Frage ist bei uns schon längst entschieden. Nicht um diese Frage geht der Streit. Der Streit geht darum, auf welche Gefahr wir jetzt den Kampf in den zwei verschiedenen Parteien, der französischen und der deutschen, die sich jetzt nicht in einer gleichen Lage befinden, zuspitzen müssen. Ist es ein Zufall’, dass die Franzosen dem Präsidium des EKKI eine Resolution gegen die Rechten, die Deutschen aber eine Resolution gegen die „Ultralinken” vorgelegt haben? Vielleicht haben sich die Franzosen geirrt, als sie die Frage auf den Kampf gegen die Rechten zuspitzten? Warum hat sich denn Hansen dann nicht bemüht, dem Präsidium eine Gegenresolution über den Kampf gegen die „Ultralinken” in Frankreich vorzulegen? Vielleicht haben sich die Deutschen geirrt, als sie die Frage auf den Kampf gegen die „Ultralinken” zuspitzten? Warum haben sich denn Hansen und Ruth Fischer dann nicht bemüht, dem Präsidium eine Gegenresolution über die Zuspitzung der Frage auf den Kampf gegen die Rechten vorzulegen? Worum geht es eigentlich? Es geht eben darum, dass es sich bei uns nicht um die abstrakte Frage des Kampfes gegen die Rechten und die „Ultralinken” überhaupt handelt, sondern um die konkrete Frage der nächsten Aufgaben der deutschen Partei im gegebenen Augenblick. Und die nächste Aufgabe der deutschen Kommunistischen Partei besteht darin, die „ultralinke” Gefahr zu überwinden, ebenso wie die nächste Aufgabe der französischen Kommunistischen Partei darin besteht, die rechte Gefahr zu überwinden.
Woraus lässt sich zum Beispiel die allgemein bekannte Tatsache erklären, dass die Kommunistischen Parteien Englands, Frankreichs, der Tschechoslowakei schon ernstliche Stützpunkte in der Gewerkschaftsbewegung ihres Landes haben, sich den Weg zu den breiten Massen der Arbeiterklasse bereits erschlossen haben und das Vertrauen, wenn nicht der Mehrheit, so doch beträchtlicher Massen der Arbeiterklasse zu erringen beginnen, während es in Deutschland in dieser Beziehung immer noch schwach bestellt ist? Dieser Umstand erklärt sich vor allem daraus, dass in der deutschen Kommunistischen Partei die „Ultralinken” noch stark sind, die den Gewerkschaften, der Losung der Einheitsfront, der Losung der Eroberung der Gewerkschaften immer noch skeptisch gegenüberstehen. Es ist allen bekannt, dass die „Ultralinken” noch vor kurzer Zeit die Losung „Heraus aus den Gewerkschaften!” verfochten. Es ist allen bekannt, dass die Überreste dieser antiproletarischen Losung unter den „Ultralinken” bis auf den heutigen Tag noch nicht restlos überwunden sind. Eins von beiden: Entweder vermag die deutsche Kommunistische Partei die Vorurteile der „Ultralinken” in der Frage der Methode der Arbeit unter den Massen schnell und entschieden zu überwinden, indem sie die Scholem-Gruppe aufs Haupt schlägt, sie ideologisch zerschlägt, oder aber sie vermag das nicht, und dann kann die Krise in der deutschen Kommunistischen Partei eine höchst gefährliche Richtung nehmen.
Man sagt, dass es bei den „Ultralinken” ehrliche revolutionäre Arbeiter gibt, die man nicht abstoßen darf und soll. Das ist vollkommen richtig. Wir schlagen auch gar nicht vor, sie abzustoßen. Deshalb enthält ja unser Resolutionsentwurf auch keine Vorschläge, irgendeinen der „Ultra-linken”, geschweige denn einen Arbeiter, abzustoßen oder aus der Partei auszuschließen. Wie aber sind diese Arbeiter auf das Bewusstseinsniveau einer leninistischen Partei zu heben? Wie sind sie von den Irrungen zu befreien, in denen sie jetzt infolge der Fehler und Vorurteile ihrer „ultralinken” Führer befangen sind? Dafür gibt es nur ein Mittel: Das ist das Mittel der politischen Desavouierung der „ultralinken” Führer, das Mittel der Aufdeckung der „ultralinken” Fehler, die die ehrlichen revolutionären Arbeiter irremachen und daran hindern, auf den richtigen Weg zu gelangen. Können wir in den Fragen des ideologischen Kampfes in der Partei und der politischen Erziehung der Massen ein faules diplomatisches Spiel, eine Vertuschung von Fehlern zulassen? Nein, das können wir nicht. Das wäre ein Betrug an den Arbeitern. Was ist nun der Ausweg in einem solchen Fall? Es gibt nur einen Ausweg: die Fehler der „ultralinken” Führer aufzudecken und auf diese Weise den ehrlichen revolutionären Arbeitern zu helfen, auf den richtigen Weg zu gelangen.
Man sagt, dass der Schlag gegen die „Ultralinken” die Beschuldigung hervorrufen könne, die deutsche Kommunistische Partei habe eine Rechtsschwenkung gemacht. Das ist alles Unsinn, Genossen. Als Lenin im Jahre 1908 auf der gesamtrussischen Parteikonferenz[Anmerkung 4] den Kampf gegen die russischen „Ultralinken” führte und sie aufs Haupt schlug, fanden sich damals bei uns ebenfalls Leute, die Lenin einer rechten Einstellung, der Rechtsschwenkung bezichtigten. Die ganze Welt weiß jetzt jedoch, dass Lenin damals recht hatte, dass sein Standpunkt der einzig revolutionäre war, dass aber die russischen „Ultralinken”, die sich damals in „revolutionären” Phrasen ergingen, in Wirklichkeit Opportunisten waren.
Man darf nicht vergessen, dass Rechte und „Ultralinke” in Wirklichkeit Zwillingsbrüder sind, dass sie folglich auf dem opportunistischen Standpunkt stehen, mit dem Unterschied jedoch, dass die Rechten ihren Opportunismus nicht immer verbergen, während die Linken ihren Opportunismus stets mit „revolutionären” Phrasen verhüllen. Wir können unsere Politik nicht danach bestimmen, was diese oder jene Schwätzer oder Spießbürger über uns sagen könnten. Wir müssen unbeirrt und sicher unsern Weg verfolgen, ohne darauf zu achten, welche Lügenmärchen müßige Leute über uns noch erfinden könnten. Die Russen haben ein gutes Sprichwort: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.” Wir sollten uns dieses Sprichwort merken, es kann uns noch manches Mal von Nutzen sein.
Ruth Fischer sagt, dass in Zukunft in der deutschen Kommunistischen Partei die rechte Gefahr zu einer akuten Frage der Partei werden könne. Das ist durchaus möglich und sogar wahrscheinlich. Was aber folgt daraus? Ruth Fischer zieht daraus die eigenartige Folgerung, dass der Schlag gegen die „Ultralinken” in Deutschland, die jetzt bereits eine reale Gefahr darstellen, abgeschwächt werden müsse, der Schlag gegen die Rechten aber, die in der Zukunft eine ernsthafte Gefahr darstellen können, gleich jetzt verstärkt werden müsse. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass eine solche Fragestellung ein wenig lächerlich und grundfalsch ist. Zu einem solch lächerlichen Standpunkt konnte nur die diplomatische Zwittergruppe gelangen, die Gruppe Ruth Fischer-Maslow, die sich bemüht, den Kampf der Partei gegen die „Ultralinken” abzuschwächen und dadurch die Scholem-Gruppe zu retten, sie vor dem Schlage zu bewahren. Darin liegt der einzige Sinn des Vorschlags Ruth Fischers. Ich glaube, dass eine ebensolche diplomatische Zwischengruppe auch in Frankreich bestehen dürfte, eine Gruppe, die sich bemüht, durch liebliche Reden die rechten Elemente der französischen Kommunistischen Partei zu decken. Darum stellt der Kampf gegen die diplomatischen Zwischengruppen sowohl in der deutschen als auch in der französischen Partei die aktuelle Tagesaufgabe dar.
Ruth Fischer versichert, dass die Annahme der Resolution gegen die „Ultralinken” in Deutschland die Lage innerhalb der Partei nur verschärfen könne. Mich dünkt, dass Ruth Fischer die Krise in der deutschen Kommunistischen Partei hinziehen, sie zu einer langwierigen, zu einer chronischen Krise machen will. Wir können deshalb nicht den Weg Ruth
Fischers gehen, trotz all ihrer Diplomatie und ihrer lieblichen Worte über den Frieden in der Partei.
Ich denke, Genossen, dass sich in der deutschen Partei bereits ernste marxistische Elemente herauskristallisiert haben. Ich denke, dass der jetzige Arbeiterkern der deutschen Kommunistischen Partei eben jenen marxistischen Kern bildet, den die deutsche Kommunistische Partei braucht. Diesen Kern zu unterstützen und ihm im Kampf gegen Abweichungen aller Art, vor allem gegen die „ultralinke” Abweichung zu helfen, das ist die Aufgabe des Präsidiums des EKKI. Darum müssen wir die Resolution gegen die „Ultralinken” in Deutschland annehmen.
„Prawda“ Nr. 40, 18. Februar 1926.
Vorwort zur ersten Ausgabe des Sammelbandes "Fragen des Leninismus"
Seite 10 - 11
Moskau / Leningrad 1926.
Als einer der Hauptteile des vorliegenden Sammelbands ist die Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus“[1] anzusehen. Diese Schrift erschien erstmalig vor fast zwei Jahren, im Mai 1924. Jetzt erscheint im vorliegenden Sammelband die zweite Auflage dieser Schrift. In diesen zwei Jahren ist viel Wasser ins Meer geflossen: die Partei hat zwei Diskussionen hinter sich, eine ganze Reihe von Schriften und Leitfäden über den Leninismus ist erschienen, neue praktische Fragen des sozialistischen Aufbaus sind auf die Tagesordnung gekommen. Begreiflicherweise konnten in dieser Schrift weder die neuen Fragen, die in diesen zwei Jahren auftauchten, noch die Ergebnisse der Diskussionen, die nach dem Erscheinen dieser Schrift stattfanden, Berücksichtigung finden. Begreiflicherweise konnten auch die konkreten Fragen unseres Aufbaus (NÖP, Staatskapitalismus, Frage der Mittelbauernschaft usw.) in einer kleinen Schrift, die eine „konspektartige Darlegung der Grundlagen des Leninismus” darstellt, nicht in vollem Umfang beleuchtet werden. Diese und ähnliche Fragen konnten erst in den folgenden Schriften des Verfassers beleuchtet werden („Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten”,[2] „Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Konferenz der KPR(B),[3] „Fragen und Antworten”[4] usw.), die in den vorliegenden Sammelband aufgenommen wurden und mit den in der ursprünglichen Broschüre „Über die Grundlagen des Leninismus” dargelegten Grundthesen organisch zusammenhängen. Dieser Umstand rechtfertigt völlig die Herausgabe des vorliegenden Sammelbands, der somit ein einheitliches und in sich geschlossenes Werk über die Fragen des Leninismus darstellt.
Die letzte Diskussion auf dem XIV. Parteitag zog die Bilanz der ideologischen Arbeit und der Aufbauarbeit der Partei während der letzten Periode, der Periode vom XIII. bis zum XIV. Parteitag. Sie brachte gleichzeitig eine gewisse Überprüfung der seinerzeit von der „neuen Opposition” aufgestellten Thesen mit sich. Es sei gestattet zu fragen: Welches sind die Ergebnisse dieser Überprüfung?
J.W. Stalin, Zu den Fragen des Leninismus.
Moskau / Leningrad 1926.
Zu den Fragen des Leninismus
Seite 12 - 81
vom 25. Januar 1926 (aus: Zu den Fragen des Leninismus, Verlag Roter Morgen (KPD/ML) Hamburg 1971)
Kapitel 1: Die Definition des Leninismus
Der Leningrader Organisation der KPdSU (B) gewidmet
J. Stalin
In der Schrift "Über die Grundlagen des Leninismus" ist die bekannte Definition des Leninismus gegeben, die offenbar Bürgerrecht erworben hat. Sie lautet:
"Der Leninismus ist der Marxismus in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer: der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im besonderen."
Ist diese Definition richtig?
Ich glaube, daß sie richtig ist. Sie ist erstens richtig, weil sie richtig auf die historischen Wurzeln des Leninismus hinweist, indem sie ihn als den Marxismus der EPOCHE DES IMPERIALISMUS kennzeichnet, im Gegensatz zu gewissen Kritikern Lenins, die irrtümlich glauben, daß der Leninismus nach dem imperialistischen Kriege entstanden sei. Sie ist zweitens richtig, weil sie den internationalen Charakter des Leninismus richtig hervorhebt, im Gegensatz zur Sozialdemokratie, die der Ansicht ist, der Leninismus sei nur unter den nationalen russischen Verhältnissen anwendbar. Sie ist drittens richtig, weil sie den organischen Zusammenhang des Leninismus mit der Marxschen Lehre richtig hervorhebt, indem sie ihn als den MARXISMUS der Epoche des Imperialismus kennzeichnet, im Gegensatz zu gewissen Kritikern des Leninismus, die diesen nicht für eine Weiterentwicklung des Marxismus halten, sondern nur für eine Wiederherstellung des Marxismus und dessen Anwendung auf die russische Wirklichkeit.
Dies alles bedarf wohl keiner besonderen Kommentare.
Dennoch gibt es, wie es sich herausstellt, in unserer Partei Leute, die es für nötig halten, den Leninismus etwas anders zu definieren. So meint z.B. Sinowjew:
"Der Leninismus ist der Marxismus in der Epoche der imperialistischen Kriege und der Weltrevolution, die UNMITTELBAR IN EINEM LANDE BEGONNEN HAT, IN DEM DIE BAUERNSCHAFT ÜBERWIEGT."[Anmerkung 6]
Was können die von Sinowjew hervorgehobenen Worte bedeuten? Was bedeutet es, wenn man in die Definition des Leninismus die Rückständigkeit Rußlands, dessen bäuerlichen Charakter, aufnimmt?
Das bedeutet, daß man den Leninismus aus einer internationalen proletarischen Lehre in ein Produkt spezifisch russischer Verhältnisse verwandelt.
Das bedeutet, daß man Bauer und Kautsky, die die Tauglichkeit des Leninismus für andere, kapitalistisch entwickeltere Länder leugnen, in die Hand arbeitet.
Es erübrigt sich zu sagen, daß die Bauernfrage für Rußland größte Bedeutung hat, daß unser Land ein Bauernland ist. Aber welche Bedeutung kann diese Tatsache für die Charakteristik der Grundlagen des Leninismus haben? Erfolgte etwa die Ausarbeitung des Leninismus nur auf dem Boden Rußlands und nur für Rußland und nicht auf dem Boden des Imperialismus und für die imperialistischen Länder überhaupt? Haben etwa Werke Lenins wie "Der Imperialismus", "Staat und Revolution", "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky", "Die Kinderkrankheit des 'Radikalismus' " usw. nur für Rußland Bedeutung und nicht für alle imperialistischen Länder überhaupt? Ist etwa der Leninismus nicht die Zusammenfassung der Erfahrungen der revolutionären Bewegung ALLER Länder? Sind etwa die Grundlagen der Theorie und Taktik des Leninismus nicht für die proletarischen Parteien ALLER Länder geeignet und obligatorisch? Hatte Lenin etwa nicht recht, als er sagte, "daß sich der Bolschewismus als Vorbild der Taktik FÜR ALLE[Anmerkung 7] eignet" ? (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXIII, S. 499.) Hatte Lenin etwa nicht recht, als er von der "INTERNATIONALEN BEDEUTUNG[Anmerkung 8] der Sowjetmacht und der Grundlagen der bolschewistischen Theorie und Taktik" sprach ? (Lenin, Ausgew. Werke, Band 10, S. 55.) Sind etwa z.B. die folgenden Worte Lenins nicht richtig:
"In Rußland muß sich die Diktatur des Proletariats infolge der sehr großen Rückständigkeit und des kleinbürgerlichen Charakters unseres Landes unvermeidlich durch gewisse Besonderheiten im Vergleich mit den fortgeschrittenen Ländern unterscheiden. Aber die Hauptkräfte - und die Hauptformen der gesellschaftlichen Produktion - sind in Rußland die gleichen wie in jedem beliebigen kapitalistischen Lande, so daß DIESE BESONDERHEITEN KEINESWEGS DAS ALLERWICHTIGSTE BETREFFEN KÖNNEN." (Lenin, Ökonomik und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariats, Sämtl. Werke, Bd. XXIV, S. 508 russ.)
Aber, wenn das alles richtig ist, folgt nicht daraus, daß die von Sinowjew gegebene Definition des Leninismus nicht als richtig anzusehen ist? Wie ist diese national-beschränkte Definition des Leninismus mit dem Internationalismus zu vereinbaren?
Kapitel 2: Das Wichtigste im Leninismus
In der Schrift "Über die Grundlagen des Leninismus" heißt es:
"Manche glauben, daß das Grundlegende im Leninismus die Bauernfrage sei, daß die Frage der Bauernschaft, ihrer Rolle, ihrer Bedeutung den Ausgangspunkt des Leninismus bilde. Das ist vollkommen unrichtig. Die Hauptfrage im Leninismus, sein Ausgangspunkt ist nicht die Bauernfrage, sondern die Frage der Diktatur des Proletariats, der Bedingungen ihrer Eroberung, der Bedingungen ihrer Festigung. Die Bauernfrage als die Frage nach dem Verbündeten des Proletariats in seinem Kampfe um die Macht ist eine abgeleitete Frage."
Ist dieser Leitsatz richtig?
Ich glaube, ja. Dieser Leitsatz ergibt sich völlig aus der Definition des Leninismus. In der Tat, wenn der Leninismus die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution ist und die Diktatur des Proletariats den Hauptinhalt der proletarischen Revolution bildet, so ist es klar, daß das Wichtigste im Leninismus in der Frage der Diktatur des Proletariats besteht, in der Ausarbeitung, in der Begründung und der Konkretisierung dieser Frage.
Dennoch ist Sinowjew mit diesem Leitsatz offenbar nicht einverstanden. In seinem Artikel: "Lenin zum Gedächtnis", sagt er:
"Die Frage der Bauernschaft ist, wie ich schon sagte, die HAUPTFRAGE[Anmerkung 9] des Bolschewismus, des Leninismus."
Dieser Satz Sinowjews ergibt sich, wie man sieht, gänzlich aus der von ihm aufgestellten unrichtigen Definition des Leninismus. Deshalb ist er ebenso falsch, wie seine Definition des Leninismus falsch ist.
Ist die These, daß die Diktatur des Proletariats der "Wesensinhalt der proletarischen Revolution" ist (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXIII, S. 427), richtig? Gewiß ist sie richtig. Ist die These, daß der Leninismus die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution ist, richtig? Ich glaube, ja. Was folgt aber daraus? Daraus folgt, daß die Hauptfrage des Leninismus, sein Ausgangspunkt, sein Fundament die Frage der Diktatur des Proletariats ist.
Ist es etwa nicht richtig, daß die Frage des Imperialismus, die Frage des sprunghaften Charakters der Entwicklung des Imperialismus, die Frage des Sieges des Sozialismus in EINEM Lande, die Frage des Staates des Proletariats, die Frage der Sowjetform dieses Staates, die Frage der Rolle der Partei im System der Diktatur des Proletariats, die Frage nach den Wegen des Aufbaus des Sozialismus - daß alle diese Fragen gerade von Lenin ausgearbeitet wurden? Ist es etwa nicht richtig, daß gerade diese Fragen die Grundlage, das Fundament der Idee der Diktatur des Proletariats bilden? Ist es etwa nicht richtig, daß ohne die Ausarbeitung dieser Hauptfragen die Ausarbeitung der Bauernfrage vom Standpunkt der Diktatur des Proletariats undenkbar wäre?
Gewiß war Lenin ein Kenner der Bauernfrage. Gewiß hat die Bauernfrage als die Frage nach dem Verbündeten des Proletariats größte Bedeutung für das Proletariat und ist ein Bestandteil der Hauptfrage, der Frage der Diktatur des Proletariats. Aber ist denn nicht klar: stünde vor dem Leninismus nicht die Hauptfrage, die Frage der Diktatur des Proletariats, dann gäbe es auch nicht die abgeleitete Frage nach dem Verbündeten des Proletariats, die Frage der Bauernschaft? Ist es etwa nicht klar: stünde vor dem Leninismus nicht die praktische Frage der Eroberung der Macht durch das Proletariat, dann gäbe es auch keine Frage des Bündnisses mit der Bauernschaft?
Lenin wäre nicht der gewaltige proletarische Ideologe, der er zweifellos ist, er wäre ein einfacher "Bauernphilosoph", als den ihn nicht selten ausländische literarische Spießer darstellen, wenn er die Bauernfrage nicht auf der Basis der Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats ausgearbeitet hätte, sondern abseits von dieser Basis, außerhalb dieser Basis.
Eins von beiden:
ENTWEDER ist die Bauernfrage das Wichtigste im Leninismus, und dann ist der Leninismus ungeeignet, nicht obligatorisch für die kapitalistisch entwickelten Länder, für die Länder, die nicht Bauernländer sind;
ODER das Wichtigste im Leninismus ist die Dikatatur des Proletariats, und dann ist der Leninismus die internationale Lehre der Proletarier aller Länder, geeignet und obligatorisch für alle Länder ohne Ausnahme, darunter auch für die kapitalistisch entwickelten Länder.
Hier gilt es, die Wahl zu treffen.
Kapitel 3: Die Frage der "permanenten" Revolution
In der Schrift "Über die Grundlagen des Leninismus" wird die "Theorie der permanenten Revolution" als "Theorie" der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft bewertet. Dort heißt es:
"Lenin kämpfte also gegen die Anhänger der 'permanenten' Revolution nicht wegen der Frage der Permanenz, denn Lenin selbst stand auf dem Standpunkt der ununterbrochenen Revolution, sondern weil sie die Rolle der Bauernschaft unterschätzten, die eine gewaltige Reserve des Proletariats bildet."
Diese Charakteristik der russischen "Permanenzler" galt bis in die letzte Zeit hinein als allgemein anerkannt. Dennoch kann sie, obwohl im allgemeinen richtig, nicht als erschöpfend betrachtet werden. Die Diskussion von 1924 einerseits und eine sorgfältige Analyse der Werke Lenins andererseits zeigten, daß der Fehler der russischen "Permanenzler" nicht nur in der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft bestand, sondern auch in der Unterschätzung der Kräfte und der Fähigkeiten des Proletariats, die Bauernschaft zu führen, im Unglauben an die Idee der Hegemonie des Proletariats.
Deshalb habe ich in meiner Broschüre "Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten" (Dezember 1924) diese Charakteristik erweitert und sie durch eine andere, vollständigere ersetzt. Darüber wird in dieser Broschüre gesagt:
"Bisher wurde gewöhnlich EINE Seite der Theorie der 'permanenten Revolution' betont - der Unglaube an die revolutionären Möglichkeiten der Bauernbewegung. Jetzt muß, der Gerechtigkeit halber, diese Seite durch eine ANDERE Seite ergänzt werden - durch den Unglauben an die Kräfte und Fähigkeiten des Proletariats Rußlands."
Das bedeutet natürlich nicht, daß der Leninismus gegen die Idee der permanenten Revolution, ohne Gänsefüßchen, wie sie von Marx in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verkündet wurde, war oder ist. Im Gegenteil. Lenin war der einzige Marxist, der die Idee der permanenten Revolution richtig verstanden und entwickelt hat. Lenin unterscheidet sich in dieser Frage von den "Permanenzlern" darin, daß die "Permanenzler" die Marxsche Idee der permanenten Revolution entstellten, indem sie sie in eine leblose Bücherweisheit verwandelten, während Lenin sie in ihrer reinen Gestalt nahm und zu einer der Grundlagen seiner Theorie der Revolution machte. Man muß bedenken, daß die Idee des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution, wie wie von Lenin bereits im Jahre 1905 entwickelt wurde, eine der Formen der Verkörperung der Marxschen Theorie der permanenten Revolution ist. Darüber schrieb Lenin bereits im Jahre 1905:
"Von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Maßgabe unserer Kraft, der Kraft des klassenbewußten und organisierten Proletariats, den Übergang zur sozialistischen Revolution beginnen. WIR SIND FÜR DIE UNUNTERBROCHENE REVOLUTION. Wir werden nicht auf halben Wege stehenbleiben ...
Ohne in Abenteurertum zu verfallen, ohne unserem wissenschaftlichen Gewissen untreu zu werden, ohne nach billiger Popularität zu haschen, können wir sagen und sagen wir NUR DAS EINE: wir werden mit allen Kräften der gesamten Bauernschaft helfen, die demokratische Revolution zu vollbringen, DAMIT es uns, der Partei des Proletariats, UM SO LEICHTER MÖGLICH SEI, möglichst rasch zu einer neuen und höheren Aufgabe, zur sozialistischen Revolution, überzugehen." (Lenin, Ausgew. Werke, Band 3, Seite 138.)
Und sechzehn Jahre später, nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat, schreibt Lenin über dieses Thema:
"Die Kautsky, Hilferding, Martow, Tschernow, Hillquit, Longuet, MacDonald, Turati und sonstigen Helden des 'zweieinhalbten' Marxismus vermochten nicht, ... das Wechselverhältnis zwischen der bürgerlich-demokratischen und der proletarisch-sozialistischen Revolution zu verstehen. DIE ERSTE WÄCHST IN DIE ZWEITE HINÜBER.[Anmerkung 10] Die zweite löst im Vorbeigehen die Frage der ersten. Die zweite verankert das Werk der ersten. Der Kampf, und nur der Kampf entscheidet, wie weit es der zweiten gelingt, über die erste hinauszuwachsen." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 6, S. 514.)
Ich verweise besonders auf das erste Zitat, das dem Artikel Lenins "Die Stellung der Sozialdemokratie zur Bauernbewegung" entnommen ist, der am 1. (14.) September 1905 veröffentlicht wurde. Ich betone das zur Kenntnisnahme für diejenigen, die noch immer behaupten, Lenin sei erst nach dem Ausbruch des imperialistischen Krieges, ungefähr im Jahre 1916, zur Idee des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution, zur Idee der permanenten Revolution gelangt. Dieses Zitat läßt keinen Zweifel darüber, daß diese Leute in einem tiefen Irrtum befangen sind.
Kapitel 4: Die proletarische Revolution und die Diktatur des Proletariats
Worin bestehen die charakteristischen Züge der proletarischen Revolution zum Unterschied von der bürgerlichen Revolution?
Den Unterschied zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Revolution könnte man in fünf Hauptpunkten zusammenfassen:
- Die bürgerliche Revolution beginnt gewöhnlich, wenn mehr oder weniger fertige Formen der kapitalistischen Ordnung vorhanden sind, die schon vor der offenen Revolution im Schoße der feudalen Gesellschaft herangewachsen und ausgereift sind, während bei Beginn der proletarischen Revolution fertige Formen des sozialistischen Systems fehlen oder fast fehlen.
- Die Hauptaufgabe der bürgerlichen Revolution besteht darin, die Macht zu ergreifen und sie mit der vorhandenen bürgerlichen Ökonomik in Einklang zu bringen, während die Hauptaufgabe der proletarischen Revolution darin besteht, nach der Machtergreifung eine neue, die sozialistische Ökonomik aufzubauen.
- Die bürgerliche Revolution wird gewöhnlich mit der Machtergreifung ABGESCHLOSSEN, während die Machtergreifung in der proletarischen Revolution bloß deren Anfang bildet, wobei die Macht als Hebel für den Umbau der alten Ökonomik und die Organisierung der neuen benutzt wird.
- Die bügerliche Revolution beschränkt sich darauf, die Herrschaft einer Ausbeutergruppe durch die einer anderen Ausbeutergruppe zu ersetzen, und bedarf deshalb nicht der Zertrümmerung der alten Staatsmaschine, während die proletarische Revolution alle und jede Ausbeutergruppen von der Macht verdrängt und den Führer aller Werktätigen und Ausgebeuteten, die Klasse der Proletarier, an die Macht bringt, weshalb sie nicht ohne die Zertrümmerung der alten Staatsmaschine und deren Ersetzung durch eine neue auskommen kann.
- Die bürgerliche Revolution kann die Millionenmassen der Werktätigen und Ausgebeuteten nicht für eine einigermaßen lange Periode mit der Bourgeoisie zusammenschließen, und zwar deshalb nicht, weil sie Werktätige und Ausgebeutete sind, während die proletarische Revolution sie gerade als Werktätige und Ausgebeutete mit dem Proletariat zu einem dauernden Bund vereinigen kann und muß, wenn sie ihre Hauptaufgabe, die Festigung der Macht des Proletariats und die Errichtung der neuen, der sozialistischen Ökonomik, erfüllen will.
Nachstehend einige grundlegende Thesen Lenins darüber:
"Einer der Hauptunterschiede", sagt Lenin, "zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Revolution besteht darin, daß für die bürgerliche Revolution, die aus dem Feudalismus hervorwächst, im Schoße der alten Ordnung die neuen Wirtschaftsorganisationen allmählich entstehen, die nach und nach alle Seiten der feudalen Gesellschaft ändern. Die bürgerliche Revolution stand nur vor EINER Aufgabe: alle Fesseln der früheren Gesellschaft hinwegzufegen, beiseitezuwerfen, zu zerstören. Jede bürgerliche Revolution, die diese Aufgabe erfüllt, erfüllt alles, was von ihr verlangt wird: sie stärkt das Wachstum des Kapitalismus. In einer ganz anderen Lage befindet sich die sozialistische Revolution. Je rückständiger das Land ist, das, infolge der Zickzackbewegung der Geschichte, die Revolution beginnen mußte, desto schwieriger ist für dieses Land der Übergang von den alten kapitalistischen Verhältnissen zu sozialistischen. Hier kommen zu den Aufgaben der Zerstörung neue, unerhört schwierige organisatorische Aufgaben hinzu." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 7, S. 288.)
"Wenn die Schöpferkraft des Volkes", fährt Lenin fort, "in der russischen Revolution, eine Kraft, die die große Erfahrung des Jahres 1905 durchgemacht hat, nicht schon im Februar 1917 Sowjets geschaffen hätte, so hätten sie auf keinen Fall vermocht, im Oktober die Macht zu ergreifen, denn der Erfolg hing lediglich davon ab, ob bereits fertige Organisationsformen der Bewegung vorhanden waren, die Millionen umfaßte. Diese fertige Form waren die Sowjets, und deshalb erwarteten uns auf politischem Gebiet jene glänzenden Erfolge, jener ununterbrochene Triumphzug, den wir erlebten, denn die neue Form der politischen Macht war da, und wir brauchten nur mit einigen Dekreten die Sowjetmacht aus dem Embryonalzustand, in dem sie sich in den ersten Monaten der Revolution befand, zur gesetzlich anerkannten Form zu machen, die im Russischen Staat - in der Russischen Sowjetrepublik feste Gestalt erhalten hat." (Ebenda, S. 288/289.)
"Es blieben", sagt Lenin, "noch zwei ungeheuer schwierige Aufgaben, deren Lösung auf keinen Fall ein Triumphzug sein konnte, wie ihn unsere Revolution in den ersten Monaten erlebte." (Ebenda S. 289.)
"Erstens waren das die Aufgaben der inneren Organisation, vor denen jede sozialistische Revolution steht. Der Unterschied zwischen der sozialistischen und der bürgerlichen Revolution besteht gerade darin, daß die bürgerliche Revolution die fertigen Formen der kapitalistischen Verhältnisse vorfindet, während die Sowjetmacht, die proletarische Macht, diese fertigen Verhältnisse nicht vorfindet, abgesehen von den entwickeltsten Formen des Kapitalismus, die im Grunde genommen nur unbedeutende Spitzen der Industrien erfaßt und die Landwirtschaft erst ganz wenig berührt haben. Die Organisierung der Rechnungsführung, die Kontrolle über die Großbetriebe, die Umwandlung des ganzen staatlichen Wirtschaftsmechanismus in eine einzige große Maschine, in einen Wirtschaftsorganismus, der so arbeitet, daß sich hunderte Millionen Menschen von einem einzigen Plan leiten lassen - das ist die gigantische organisatorische Aufgabe, die uns zugefallen ist. Unter den jetzigen Arbeitsbedingungen ist eine Bewältigung dieser Aufgabe im Sturmlaufen, in der Art, wie wir die Aufgaben des Bürgerkrieges zu lösen vermochten, in keiner Weise möglich." (Ebenda, S. 289/290.)
"Die zweite ungeheure Schwierigkeit ... ist die internationale Frage. Wenn wir mit den Banden Kerenskis so leicht fertig wurden, wenn wir so leicht eine Staatsmacht bei uns schufen, wenn wir ohne die geringste Mühe das Dekret über die Sozialisierung des Bodens, über die Arbeiterkontrolle bekamen, wenn wir das alles so leicht erzielten, so war das nur möglich, weil eine günstige Gestaltung der Verhältnisse uns für einen kurzen Augenblick vor dem internationalen Imperialismus schützte. Der internationale Imperialismus mit der ganzen Macht seines Kapitals, mit seiner hochorganisierten militärischen Technik, die eine wirkliche Macht, eine wirkliche Festung des internationalen Kapitals darstellt, konnte sich auf keinen Fall, unter keinen Umständen mit der Sowjetrepublik vertragen, sowohl infolge seiner objektiven Lage als auch infolge der ökonomischen Interessen der Kapitalistenklasse, die in ihm verkörpert war, er konnte es nicht wegen der Handelsverbindungen, der internationalen Finanzbeziehungen. Hier ist ein Konflikt unvermeidlich. Hier haben wir die größte Schwierigkeit der russischen Revolution, ihr größtes historisches Problem: die Notwendigkeit, die internationalen Aufgaben zu lösen, die Notwendigkeit, die internationale Revolution auszulösen." (Ebenda S. 291.)
Das ist der innere Charakter und der grundlegende Sinn der proletarischen Revolution.
Kann man eine so radikale Umgestaltung der alten, der bürgerlichen Verhältnisse ohne eine gewaltsame Revolution, ohne die Diktatur des Proletariats bewerkstelligen?
Es ist klar, daß man das nicht glauben kann. Zu glauben, daß man eine solche Revolution friedlich, im Rahmen der bürgerlichen Demokratie, die der Herrschaft der Bourgeoisie angepaßt ist, durchführen kann, bedeutet, entweder den Verstand verloren und die normalen menschlichen Begriffe eingebüßt zu haben oder sich in grober Weise und offen von der proletarischen Revolution loszusagen.
Diese Feststellung muß mit um so größerem Nachdruck und um so größerer Entschiedenheit betont werden, als wir es mit einer proletarischen Revolution zu tun haben, die vorläufig in einem Lande gesiegt hat, das von feindlichen kapitalistischen Ländern umgeben ist und dessen Bourgeoisie vom internationalen Kapital unvermeidlich unterstützt werden wird.
Deshalb sagt Lenin, daß "die Befreiung der unterdrückten Klasse nicht nur ohne gewaltsame Revolution unmöglich ist, SONDERN AUCH OHNE VERNICHTUNG des von der herrschenden Klasse geschaffenen Apparats der Staatsgewalt". (Lenin, Staat und Revolution, S. 4.)
" 'Möge sich zuerst, bei Aufrechterhaltung des Privateigentums, d.h. bei Aufrechterhaltung der Macht und des Jochs des Kapitals, die Mehrheit der Bevölkerung für die Partei des Proletariats aussprechen - dann erst kann und darf sie die Macht übernehmen', SAGEN DIE KLEINBÜRGERLICHEN DEMOKRATEN, DIE FAKTISCHEN LAKAIEN DER BOURGEOISIE, DIE SICH 'SOZIALISTEN' NENNEN." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 6, S. 493.)
" 'Möge zuerst das revolutionäre Proletariat die Bourgeoisie stürzen, das Joch des Kapitals abschütteln, den bürgerlichen Staatsapparat zerschlagen - dann wird das siegreiche Proletariat rasch die Sympathien und die Unterstützung der Mehrheit der werktätigen nichtproletarischen Massen für sich gewinnen können, indem es sie auf Kosten der Ausbeuter zufriedenstellt' - SAGEN WIR[Anmerkung 11]." (Ebenda)
"Um die Mehrheit der Bevölkerung für sich zu gewinnen", führt Lenin weiter aus, "muß das Proletariat erstens die Bourgeoisie stürzen, und die Staatsmacht erobern; es muß zweitens die Sowjetmacht einführen, indem es den alten Staatsapparat in Trümmer schlägt, wodurch es sofort die Herrschaft, die Autorität, den Einfluß der Bourgeoisie und der kleinbürgerlichen Paktierer unter den nichtproletarischen werktätigen Massen untergräbt. Es muß drittens den Einfluß der Bourgeoisie und der kleinbürgerlichen Paktierer unter der MEHRHEIT der nichtproletarischen werktätigen Massen durch REVOLUTIONÄRE Befriedigung IHRER ökonomischen Bedürfnisse auf KOSTEN DER AUSBEUTER endgültig vernichten." (Ebenda S. 486.)
Das sind die charakteristischen Merkmale der proletarischen Revolution.
Welches sind im Zusammenhang damit die Grundzüge der Diktatur des Proletariats, wenn anerkannt wird, daß die Diktatur des Proletariats den Hauptinhalt der proletarischen Revolution bildet?
Nachstehend die allgemeinste Definition der Diktatur des Proletariats, wie sie von Lenin gegeben wurde:
"Die Diktatur des Proletariats ist nicht die Beendigung des Klassenkampfes, sondern seine Fortführung in neuen Formen. Die Diktatur des Proletariats ist der Klassenkampf des Proletariats, das gesiegt und die politische Macht erobert hat, gegen die Bourgeoisie, die zwar besiegt, aber nicht vernichtet, nicht verschwunden ist, nicht aufgehört hat, Widerstand zu leisten, gegen die Bourgeoisie, die ihren Widerstand verstärkt hat." (Lenin, Vorwort zu: Wie das Volk mit den Losungen der Freiheit und Gleichheit betrogen wird, Sämtl. Werke, Bd. XXIV, S. 311 russ.)
Lenin wendet sich gegen die Verwechslung der Diktatur des Proletariats mit der "vom gesamten Volk ausgehenden", "aus allgemeinen Wahlen hervorgehenden", "klassenlosen" Macht und sagt:
"Die Klasse, die die politische Herrschaft erobert hat, tut das in dem Bewußtsein, daß sie sie ALLEIN übernimmt. Das ist im Begriff der Diktatur des Proletariats enthalten. Dieser Begriff hat nur dann einen Sinn, wenn die Klasse weiß, daß sie allein die politische Macht in die Hand nimmt und weder sich selbst noch die anderen durch ein Gerede über die 'vom gesamten Volk ausgehende, aus allgemeinen Wahlen hervorgehende, vom ganzen Volk geheiligte' Macht betrügt." (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 354.)
Das bedeutet jedoch nicht, daß die Macht EINER Klasse, der Klasse der Proletarier, die die Macht mit anderen Klassen nicht teilt und nicht teilen kann, zur Verwirklichung ihrer Ziele nicht der Hilfe, des Bündnisses mit den werktätigen und ausgebeuteten Massen anderer Klassen bedarf. Im Gegenteil. Diese Macht, die Macht EINER Klasse, kann nur durch eine besondere Form des Bündnisses zwischen der Klasse der Proletarier und den werktätigen Massen der kleinbürgerlichen Klassen, vor allem den werktätigen Massen der Bauernschaft, errichtet und bis zu Ende verwirklicht werden.
Was ist das für eine besondere Form des Bündnisses, worin besteht sie? Widerspricht dieses Bündnis mit den werktätigen Massen anderer, nichtproletarischer Klassen nicht überhaupt der Idee der Diktatur einer Klasse?
Diese besondere Form des Bündnisses besteht darin, daß die führende Kraft dieses Bündnisses das Proletariat ist. Diese besondere Form des Bündnisses besteht darin, daß der Führer des Staates, der Führer im System der Diktatur des Proletariats EINE Partei ist, die Partei des Proletariats, die Partei der Kommunisten, die die Führung mit anderen Parteien NICHT TEILT UND NICHT TEILEN KANN.
Wie man sieht, ist der Widerspruch hier nur ein vermeintlicher, ein scheinbarer.
"Die Diktatur des Proletariats", sagt Lenin, "ist eine BESONDERE FORM DES KLASSENBÜNDNISSES[Anmerkung 12] zwischen dem Proletariat, der Avantgarde der Werktätigen, und den zahlreichen nichtproletarischen Schichten der Werktätigen (Kleinbürgertum, Kleineigentümer, Bauernschaft, Intelligenz usw.), oder deren Mehrheit, eines Bündnisses gegen das Kapital, eines Bündnisses zum Zwecke des völligen Sturzes des Kapitals, der völligen Unterdrückung des Widerstandes der Bourgeoisie und ihrer Restaurationsversuche, eines Bündnisses zum Zwecke der endgültigen Errichtung und Festigung des Sozialismus. Das ist ein Bündnis besonderer Art, das sich in einer besonderen Situation herausbildet, nämlich in der Situation eines wütenden Bürgerkrieges; das ist ein Bündnis der festen Anhänger des Sozialismus mit dessen schwankenden Verbündeten, manchmal mit 'Neutralen' (dann wird das Bündnis aus einem Kampfabkommen ein Neutralitätsabkommen), ein BÜNDNIS ZWISCHEN ÖKONOMISCH, POLITISCH, SOZIAL, GEISTIG UNGLEICHARTIGEN KLASSEN." (Lenin, Vorwort zu: Wie das Volk mit den Losungen der Freiheit und Gleichheit betrogen wird, Sämtl. Werke, Bd. XXIV, S. 311 russ.)
In einem seiner Instruktionsreferate sagt Kamenev, gegen diese Auffassung von der Diktatur des Proletariats polemisierend:
"Die Diktatur ist KEIN[Anmerkung 13] Bündnis einer Klasse mit einer anderen."
Ich glaube, daß Kamenev hier vor allem eine Stelle aus meiner Schrift "Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten" im Auge hat, wo es heißt:
"Die Diktatur des Proletariats ist keine einfache Regierungsspitze, die von der sorgsamen Hand eines 'erfahrenen Strategen' 'geschickt' 'ausgewählt' wurde und sich auf diese oder jene Schichten der Bevölkerung 'vernünftig stützt'. Die Diktatur des Proletariats ist ein Klassenbündnis des Proletariats und der werktätigen Massen der Bauernschaft zum Sturze des Kapitals, zum endgültigen Sieg des Sozialismus, unter der Bedingung, daß die führende Kraft in diesem Bündnis das Proletariat ist."
Ich stehe vollständig zu dieser Formulierung der Diktatur des Proletariats, denn ich glaube, daß sie mit der eben angeführten Formulierung Lenins völlig übereinstimmt.
Ich behaupte, daß die Erklärung Kamenevs, daß "die Diktatur des Proletariats KEIN Bündnis einer Klasse mit einer anderen " sei, in dieser vorbehaltlosen Form gegeben, mit der Leninschen Theorie der Diktatur des Proletariats nichts gemein hat.
Ich behaupte, daß so nur Leute sprechen können, die den Sinn der Idee des Zusammenschlusses, der Idee des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, der Idee der HEGEMONIE des Proletariats in diesem Bündnis nicht begriffen haben.
So können nur Leute sprechen, die die folgende Leninsche These nicht verstanden haben:
"NUR EINE VERSTÄNDIGUNG MIT DER BAUERNSCHAFT kann die sozialistische Revolution in Rußland retten, solange die Revolution in den anderen Ländern nicht eingetreten ist." (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 294.)
So können nur Leute sprechen, die den folgenden Leitsatz Lenins nicht begriffen haben:
"DAS HÖCHSTE PRINZIP DER DIKTATUR ist die Wahrung des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, damit das Proletariat die leitende Rolle und die Staatsmacht behaupten könne." (Ebenda S. 568.)
Lenin hebt eines der wichtigsten Ziele der Diktatur, die Unterdrückung der Ausbeuter, hervor und sagt:
"Der wissenschaftliche Begriff der Diktatur bedeutet nichts anderes als die durch nichts eingeschränkte, durch keinerlei Gesetze, absolut durch keinerlei Regel gehemmte, sich unmittelbar auf die Gewalt stützende Macht" ... "Die Diktatur bedeutet - nehmt das ein für allemal zur Kenntnis, ihr Herren Kadetten - die uneingeschränkte, sich auf die Gewalt und nicht auf das Gesetz stützende Macht. Während des Bürgerkrieges kann jede Macht, die den Sieg errungen hat, nur eine Diktatur sein." (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXV, S. 549 und 522.)
Aber die Diktatur des Proletariats erschöpft sich natürlich nicht in der Gewalt, obwohl es keine Diktatur ohne Gewalt gibt.
"Die Diktatur", sagt Lenin, "bedeutet nicht nur Gewalt, obwohl sie ohne Gewalt unmöglich ist, sie bedeutet auch eine Organisation der Arbeit, und zwar eine höhere, als es die vorhergehende war." (Rede Lenins, Wie das Volk mit den Losungen der Freiheit und Gleichheit betrogen wird, Sämtl. Werke, Bd. XXIV, S. 305 russ.)
"Die Diktatur des Proletariats ... ist nicht bloß Gewalt gegenüber den Ausbeutern, und sogar nicht einmal hauptsächlich Gewalt. Die ökonomische Grundlage dieser revolutionären Gewalt, die Bürgschaft ihrer Lebensfähigkeit und ihres Erfolges besteht darin, daß das Proletariat einen höheren Typus der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit im Vergleich zum Kapitalismus repräsentiert und verwirklicht. Das ist das Wesentliche. Darin liegt die Quelle der Kraft und die Bürgschaft für den unausbleiblichen vollen Sieg des Kommunismus." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 9, S. 467.) "Ihr (der Diktatur J. St.) Hauptwesen besteht in der Organisation und Disziplin der fortgeschrittensten Abteilung der Werktätigen, ihrer Avantgarde, ihres einzigen Führers, des Proletariats. Sein Ziel ist, den Sozialismus zu schaffen, die Teilung der Gesellschaft in Klassen aufzuheben, alle Mitglieder der Gesellschaft zu Werktätigen zu machen, jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen den Boden zu entziehen. Dieses Ziel kann nicht auf einmal verwirklicht werden, es erfordert eine ziemlich lange Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus, einmal deshalb, weil die Neuorganisation der Produktion eine schwierige Sache ist, dann auch deshalb, weil man für radikale Änderungen auf allen Gebieten des Lebens Zeit braucht, und schließlich deshalb, weil die gewaltige Macht der Gewöhnung an kleinbürgerliches und bürgerliches Wirtschaften nur in langem, beharrlichem Kampfe überwunden werden kann. Deshalb spricht auch Marx von einer ganzen Periode der Diktatur des Proletariats als der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus." (Lenin, Gruß an die ungarischen Arbeiter, Sämtl. Werke, Bd. XXIV, S. 314 russ.)
Das sind die charakteristischen Züge der Diktatur des Proletariats.
Daraus ergeben sich drei grundlegende Seiten der Diktatur des Proletariats:
- Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur Unterdrückung der Ausbeuter, zur Verteidigung des Landes, zur Festigung der Verbindungen mit den Proletariern der anderen Länder, zur Entfaltung und zum Sieg der Revolution in allen Ländern.
- Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur endgültigen Loslösung der werktätigen und ausgebeuteten Massen von der Bourgeoisie, zur Festigung des Bündnisses des Proletariats mit diesen Massen, zur Einbeziehung dieser Massen in den sozialistischen Aufbau, zur staatlichen Leitung dieser Massen durch das Proletariat.
- Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur Organisierung des Sozialismus, zur Aufhebung der Klassen, zum Übergang in eine Gesellschaft ohne Klassen, in eine Gesellschaft ohne Staat.
Die proletarische Diktatur ist die Vereinigung aller dieser drei Seiten. Keine dieser Seiten kann als das EINZIGE charakteristische Merkmal der Diktatur des Proletariats hingestellt werden, und umgekehrt, das Fehlen auch nur eines dieser drei Merkmale genügt, damit die Diktatur des Proletariats angesichts der kapitalistischen Umwelt aufhört, eine Diktatur zu sein. Deshalb darf keine dieser drei Seiten ausgeschaltet werden, wenn man nicht Gefahr laufen will, den Begriff der Diktatur des Proletariats zu entstellen. Nur alle diese drei Seiten zusammengenommen geben uns einen vollständigen und abgeschlossenen Begriff von der Diktatur des Proletariats.
Die Diktatur des Proletariats hat ihre Perioden, ihre besonderen Formen, ihre verschiedenartigen Arbeitsmethoden. In der Periode des Bürgerkrieges ist das Merkmal der Gewalt in der Diktatur besonders augenfällig. Aber daraus folgt keineswegs, daß in der Periode des Bürgerkrieges keine Aufbauarbeit geleistet wird. Ohne Aufbauarbeit ist es unmöglich, den Bürgerkrieg zu führen. In der Periode des Aufbaus des Sozialismus ist umgekehrt die friedliche, organisatorische, kulturelle Arbeit der Diktatur, die revolutionäre Gesetzlichkeit usw. besonders augenfällig. Aber daraus folgt wiederum keineswegs, daß das Merkmal der Gewalt in der Diktatur während der Periode des Aufbaus wegfällt oder wegfallen kann. Die Organe der Unterdrückung, die Armee und andere Organisationen sind jetzt, in der Zeit des Aufbaus, nicht minder notwendig als in der Zeit des Bürgerkrieges. Ohne das Vorhandensein dieser Organe ist keine einigermaßen gesicherte Aufbauarbeit der Diktatur möglich. Man darf nicht vergessen, daß die Revolution vorläufig nur in EINEM Lande gesiegt hat. Man darf nicht vergessen, daß, solange es eine kapitalistische Umwelt gibt, auch die Gefahr der Intervention mit allen sich aus dieser Gefahr ergebenden Folgen bestehen wird.
Kapitel 5: Partei und Arbeiterklasse im System der Diktatur des Proletariats
Oben sprach ich von der Diktatur des Proletariats vom Standpunkt ihrer historischen Unvermeidlichkeit, vom Standpunkt ihres Klasseninhalts, vom Standpunkt ihres staatlichen Charakters, schließlich vom Standpunkt ihrer destruktiven und konstruktiven Aufgaben, die im Verlaufe einer ganzen historischen Periode zu erfüllen sind, die als die Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus bezeichnet wird.
Jetzt müssen wir über die Diktatur des Proletariats vom Standpunkt ihres Aufbaus, vom Standpunkt ihres "Mechanismus", vom Standpunkt der Rolle und Bedeutung jener "Transmissionen", "Hebel" und "lenkenden Kraft" sprechen, die in ihrer Gesamtheit das "System der Diktatur des Proletariats" (Lenin) ergeben, und mit deren Hilfe die alltägliche Arbeit der Diktatur des Proletariats geleistet wird.
Was sind das für "Transmissionen" oder "Hebel" im System der Diktatur des Proletariats? Was ist das für eine "lenkende Kraft"? Wozu braucht man sie?
Die Hebel oder Transmissionen - das sind jene Massenorganisationen des Proletariats, ohne deren Hilfe die Verwirklichung der Diktatur unmöglich ist.
Die lenkende Kraft - das ist die fortgeschrittenste Abteilung des Proletariats, seine Avantgarde, die die grundlegende führende Kraft der Diktatur des Proletariats ist.
Diese Transmissionen, diese Hebel und diese lenkende Kraft hat das Proletariat nötig, weil es sich ohne sie in seinem Kampfe um den Sieg in der Lage einer unbewaffneten Armee angesichts des organisierten und bewaffneten Kapitals erweisen würde. Diese Organisationen hat das Proletariat nötig, weil es ohne sie in seinem Kampfe für den Sturz der Bourgeoisie, in seinem Kampfe für die Befestigung seiner Macht, in seinem Kampfe für den Aufbau des Sozialismus unweigerlich eine Niederlage erleiden würde. Die systematische Hilfe dieser Organisationen und die lenkende Kraft der Avantgarde sind notwendig, weil ohne diese Bedingungen eine einigermaßen dauernde und feste Diktatur des Proletariats unmöglich wäre.
Was sind das für Organisationen?
Es sind dies erstens die Gewerkschaften der Arbeiter mit ihren Verzweigungen in der Hauptstadt und in der Provinz in Gestalt einer ganzen Reihe von Produktions-, kulturellen, erzieherischen und anderen Organisationen. Sie vereinigen die Arbeiter aller Berufe. Es sind dies keine Parteiorganisationen. Die Gewerkschaften kann man als die allumfassende Organisation der bei uns herrschenden Arbeiterklasse bezeichnen. Sie sind die Schule des Kommunismus. Sie stellen aus ihrer Mitte die besten Leute für die leitende Arbeit in allen Verwaltungszweigen. Sie verwirklichen die Verbindung zwischen den fortgeschrittenen und den zurückgebliebenen Elementen innerhalb der Arbeiterklasse. Sie verbinden die Arbeitermassen mit der Avantgarde der Arbeiterklasse.
Es sind dies zweitens die Sowjets mit ihren zahlreichen Verzweigungen in der Hauptstadt und in der Provinz in Gestalt administrativer, wirtschaftlicher, militärischer, kultureller und anderer staatlicher Organisationen, zuzüglich einer ungeheuren Anzahl spontan entstandener Massenvereinigungen der Werktätigen, die diese Organisationen umgeben und sie mit der Bevölkerung verbinden. Die Sowjets sind die Massenorganisationen aller Werktätigen in Stadt und Land. Es sind dies keine Parteiorganisationen. Die Sowjets sind der unmittelbare Ausdruck der Diktatur des Proletariats. Durch die Sowjets werden die verschiedenartigsten Maßnahmen zur Festigung der Diktatur und zum Aufbau des Sozialismus durchgeführt. Durch die Sowjets verwirklicht das Proletariat seine staatliche Leitung der Bauernschaft. Die Sowjets verbinden die Millionenmassen der Werktätigen mit der Avantgarde des Proletariats.
Es sind dies drittens die Genossenschaften aller Art mit allen ihren Verzweigungen. Dies ist eine Massenorganisation der Werktätigen, keine Parteiorganisation, eine Organisation, die die Werktätigen vor allem als Konsumenten, und im Laufe der Zeit auch als Produzenten (landwirtschaftliche Genossenschaft) vereinigt. Sie gewinnt besondere Bedeutung nach der Festigung der Diktatur des Proletariats, in der Periode des breit entfalteten Aufbaus. Sie erleichtert die Verbindung der Avantgarde des Proletariats mit den Massen der Bauernschaft und schafft die Möglichkeit, diese Massen in den Strom des sozialistischen Aufbaus hineinzuziehen.
Es ist dies viertens der Jugendverband. Dies ist eine Massenorganisation der Arbeiter- und Bauernjugend, keine Parteiorganisation, sie lehnt sich aber an die Partei an. Ihre Aufgabe ist es, der Partei bei der Erziehung der jungen Generation im Geiste des Sozialismus zu helfen. Sie stellt die jungen Reserven für alle übrigen Massenorganisationen des Proletariats in allen Verwaltungszweigen. Der Jugendverband erlangt besondere Bedeutung nach der Festigung der Diktatur des Proletariats, in der Periode der umfassenden Kultur- und Erziehungsarbeit des Proletariats.
Es ist dies schließlich die Partei des Proletariats, seine Avantgarde. Ihre Kraft besteht darin, daß sie die Besten des Proletariats aus allen seinen Massenorganisationen in sich aufnimmt. Ihre Bestimmung ist es, die Arbeit aller Massenorganisationen des Proletariats ohne Ausnahme zusammenzufassen und deren Tätigkeit auf ein Ziel, auf das Ziel der Befreiung des Proletariats, zu richten. Diese zusammenzufassen und auf ein einheitliches Ziel zu lenken, ist aber absolut notwendig, da sonst die Einheit des Kampfes des Proletariats unmöglich ist, da sonst die Führung der proletarischen Massen in ihrem Kampfe um die Macht, in ihrem Kampfe um den Aufbau des Sozialismus unmöglich ist. Aber die Arbeit der Massenorganisationen des Proletariats zusammenzufassen und zu lenken vermag nur die Avantgarde des Proletariats, seine Partei. Nur die Partei des Proletariats, nur die Partei der Kommunisten vermag diese Rolle des Hauptführers im System der Diktatur des Proletariats zu erfüllen.
Warum?
"Erstens, weil die Partei ein Sammelbecken der besten Elemente der Arbeiterklasse ist, die mit den parteilosen Organisationen des Proletariats unmittelbar verbunden sind und diese sehr oft leiten; zweitens, weil die Partei, als Sammelbecken der Besten der Arbeiterklasse, die beste Schule zur Heranbildung von Führern der Arbeiterklasse ist, die fähig sind, die Organisation ihrer Klasse in allen ihren Formen zu leiten; drittens, weil die Partei als die beste Schule von Führern der Arbeiterklasse, dank ihrer Erfahrung und Autorität, die einzige Organisation ist, die fähig ist, die Leitung des Kampfes des Proletariats zu zentralisieren und auf diese Weise alle wie immer gearteten parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse in Hilfsorgane und Transmissionsriemen zu verwandeln, die sie mit der Klasse verbinden." (Siehe "Über die Grundlagen des Leninismus".)
Die Partei ist die grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats.
"Die Partei ist die höchste Form des klassenmäßigen Zusammenschlusses des Proletariats." (Lenin.)
Also: die Gewerkschaften als Massenorganisationen des Proletariats, die die Partei mit der Klasse, vor allem auf dem Gebiete der Produktion verbindet; die Sowjets als Massenorganisationen der Werktätigen, die die Partei mit diesen, vor allem auf staatlichem Gebiete verbindet; die Genossenschaften als Massenorganisationen, hauptsächlich der Bauernschaft, die die Partei mit den Bauernmassen, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiete, auf dem Gebiete der Erziehung der Bauernschaft in den sozialistischen Aufbau, verbindet; der Jugendverband als Massenorganisation der Arbeiter- und Bauernjugend, eine Organisation, die berufen ist, der Avantgarde des Proletariats die sozialistische Erziehung der neuen Generation und die Heranbildung der jungen Reserven zu erleichtern; und schließlich die Partei als grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats, die berufen ist, alle diese Massenorganisationen zu leiten - das ist im allgemeinen das Bild des "Mechanismus" der Diktatur, das Bild des "Systems der Diktatur des Proletariats".
Ohne die Partei als die grundlegende führende Kraft ist eine einigermaßen dauernde und feste Diktatur des Proletariats unmöglich.
Wir haben also, um mit Lenin zu sprechen, "im großen und ganzen einen formal nichtkommunistischen, elastischen und verhältnismäßig umfassenden, überaus mächtigen proletarischen Apparat, durch den die Partei mit der Klasse und der Masse eng verbunden ist und durch den unter Führung der Partei die Diktatur der Klasse verwirklicht wird" (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 10, S. 82).
Das bedeutet natürlich nicht, daß die Partei die Gewerkschaften, die Sowjets und die anderen Massenorganisationen ersetzen kann oder soll. Die Partei verwirklicht die Diktatur des Proletariats. Aber sie verwirklicht sie nicht unmittelbar, sondern mit Hilfe der Gewerkschaften, durch die Sowjets und deren Verzweigungen. Ohne diese "Transmissionen" würde eine einigermaßen feste Diktatur unmöglich sein.
"Die Diktatur läßt sich nicht verwirklichen", sagt Lenin, "ohne einige 'Transmissionen' von der Avantgarde zur Masse der fortgeschrittenen Klasse und von dieser zur Masse der Werktätigen." "...Die Partei saugt sozusagen die Avantgarde des Proletariats in sich auf, und diese Avantgarde verwirklicht die Diktatur des Proletariats. Und ohne ein solches Fundament wie die Gewerkschaften zu besitzen, kann die Diktatur nicht verwirklicht, können die staatlichen Funktionen nicht ausgeübt werden. Ausgeübt werden müssen sie mit Hilfe einer Reihe besonderer Institutionen, wiederum neuer Art, nämlich: mit Hilfe des Sowjetapparats." (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 80 und 78/79.)
Als höchster Ausdruck der führenden Rolle der Partei, z.B. bei uns, in der Sowjetunion, im Lande der Diktatur des Proletariats, muß die Tatsache bezeichnet werden, daß keine einzige wichtige politische oder organisatorische Frage durch unsere Sowjet- und andere Massenorganisationen ohne leitende Weisungen der Partei entschieden wird. In diesem Sinne könnte man sagen, daß die Diktatur des Proletariats dem Wesen nach die "Diktatur" seiner Avantgarde, die "Diktatur" seiner Partei als der grundlegenden führenden Kraft des Proletariats ist. Darüber sagt Lenin auf dem II. Kongreß der Komintern:
"Tanner erklärt, daß er für die Diktatur des Proletariats sei, daß er sich aber die Diktatur des Proletariats nicht ganz so vorstelle wie wir. Wir verstünden unter der Diktatur des Proletariats im Grunde genommen die Diktatur seiner organisierten und klassenbewußten Minderheit. Und in der Tat, im Zeitalter des Kapitalismus, wo die Arbeitermassen unaufhörlich ausgebeutet werden und nicht imstande sind, ihre menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln, ist für die politischen Parteien der Arbeiter gerade der Umstand am charakteristischsten, daß sie nur eine Minderheit ihrer Klasse erfassen können. Die politische Partei kann nur die Minderheit der Klasse erfassen, ebenso wie die wirklich klassenbewußten Arbeiter in jeder kapitalistischen Gesellschaft nur die Minderheit aller Arbeiter bilden. Deshalb müssen wir anerkennen, daß nur diese klassenbewußte Minderheit die breiten Arbeitermassen leiten und führen kann. Wenn Genosse Tanner sagt, daß er ein Feind der Partei sei, daß er aber gleichzeitig dafür sei, daß eine Minderheit der am besten organisierten und revolutionärsten Arbeiter dem ganzen Proletariat den Weg weise, so sage ich, daß zwischen uns in Wirklichkeit keine Differenz besteht." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 10, S. 206.)
Heißt das aber, daß man zwischen der Diktatur des Proletariats und der führenden Rolle der Partei (der 'Diktatur' der Partei) das Gleichheitszeichen setzen kann, daß man die erste der zweiten gleichstellen kann, die erste durch die zweite ersetzen kann? Natürlich heißt es das nicht. Natürlich kann man das nicht. Sorin z. B. sagt: "Die Diktatur des Proletariats ist die Diktatur unserer Partei." ('Lenins Lehre von der Partei', S. 95 russ.) Diese These stellt, wie man sieht, die 'Diktatur der Partei' der Diktatur des Proletariats gleich. Kann man diese Gleichstellung als richtig bezeichnen, ohne den Boden des Leninismus zu verlassen? Nein, das kann man nicht. Und zwar aus folgenden Gründen.
Erstens. In dem oben angeführten Zitat aus der Rede Lenins auf dem II. Kongreß der Komintern stellt Lenin keineswegs die führende Rolle der Partei der Diktatur des Proletariats gleich. Er spricht bloß davon, daß "nur die klassenbewußte Minderheit (d.h. die Partei. J. St.) die breiten Arbeitermassen leiten und führen kann", daß wir also eben in diesem Sinne "unter der Diktatur des Proletariats im Grunde genommen die Diktatur seiner organisierten und klassenbewußten Minderheit verstehen". Wenn man "im Grunde genommen" sagt, so heißt das noch nicht "vollständig". Wir sagen oft, daß die nationale Frage im Grunde genommen eine Bauernfrage sei. Und das ist völlig richtig. Doch bedeutet das noch nicht, daß die nationale Frage sich mit der Bauernfrage deckt, daß die Bauernfrage ihrem Umfange nach der nationalen Frage gleich, daß die Bauernfrage mit der nationalen Frage identisch ist. Es bedarf keiner Beweise, daß die nationale Frage ihrem Umfange nach breiter und reichhaltiger ist als die Bauernfrage. Das gleiche ist, als Analogie hierzu, über die Führerrolle der Partei und über die Diktatur des Proletariats zu sagen. Verwirklicht die Partei die Diktatur des Proletariats und ist in diesem Sinne die Diktatur des Proletariats im Grunde genommen "die Diktatur" seiner Partei, so bedeutet das noch nicht, daß die "Diktatur der Partei" (die führende Rolle) identisch ist mit der Diktatur des Proletariats, daß die erste und die zweite ihrem Umfang nach gleich sind. Es bedarf keiner Beweise, daß die Diktatur des Proletariats ihrem Umfange nach breiter und reichhaltiger ist als die führende Rolle der Partei. Die Partei verwirklicht die Diktatur des Proletariats, es ist dies aber die Diktatur des Proletariats und keine andere. Wer die Führerrolle der Partei der Diktatur des Proletariats gleichstellt, der ersetzt die Diktatur des Proletariats durch die "Diktatur" der Partei.
Zweitens. Kein einziger wichtiger Beschluß der Massenorganisationen des Proletariats kommt ohne leitende Weisungen der Partei zustande. Das ist völlig richtig. Doch bedeutet das, daß die Diktatur des Proletariats sich in den leitenden Weisungen der Partei erschöpft? Bedeutet das, daß man die leitenden Weisungen der Partei aus diesem Grunde der Diktatur des Proletariats gleichstellen kann? Natürlich nicht. Die Diktatur des Proletariats besteht aus den leitenden Weisungen der Partei samt der Durchführung dieser Weisungen durch die Massenorganisationen des Proletariats, samt ihrer Umsetzung in die Tat durch die Bevölkerung. Hier haben wir es, wie man sieht, mit einer ganzen Reihe von Übergängen und Zwischenstufen zu tun, die ein bei weitem nicht unwichtiges Moment der Diktatur des Proletariats ausmachen. Zwischen den leitenden Weisungen der Partei und ihrer Umsetzung in die Tat liegen folglich der Wille und die Handlungen der Gefährten, der Wille und die Handlungen der Klasse, ihre Bereitschaft (oder Weigerung), solche Weisungen zu unterstützen, ihre Fähigkeit (oder Unfähigkeit), diese Weisungen durchzuführen, ihre Fähigkeit (oder Unfähigkeit), sie gerade so durchzuführen, wie die Lage es erfordert. Es bedarf wohl keiner Beweise, daß die Partei, die die Führung auf sich genommen hat, mit dem Willen, mit dem Zustande, mit dem Bewußtseinsgrade der von ihr Geführten rechnen muß, daß sie den Willen, den Zustand und den Bewußtseinsgrad ihrer Klasse nicht außer Rechnung lassen darf. Wer daher die führende Rolle der Partei der Diktatur des Proletariats gleichstellt, der ersetzt den Willen und die Handlungen der Klasse durch die Weisungen der Partei.
Drittens. "Die Diktatur des Proletariats", sagt Lenin, "ist der Klassenkampf des Proletariats, das gesiegt und die politische Macht erobert hat." (Lenin, Vorwort zu: "Wie das Volk mit den Losungen der Freiheit und Gleichheit betrogen wird, Sämtl. Werke, Bd. XXIV, S. 311 russ.) Worin kann dieser Klassenkampf zum Ausdruck kommen? Er kann zum Ausdruck kommen in einer Reihe bewaffneter Aktionen des Proletariats gegen die Vorstöße der gestürzten Bourgeoisie oder gegen die Intervention der ausländischen Bourgeoisie. Er kann zum Ausdruck kommen im Bürgerkrieg, wenn die Diktatur des Proletariats noch nicht gefestigt ist. Er kann zum Ausdruck kommen in einer breiten Organisations- und Aufbauarbeit des Proletariats, unter Heranziehung der breiten Massen zu diesem Werke, wenn sich die Macht schon gefestigt hat. In allen diesen Fällen ist die handelnde Person das Proletariat als Klasse. Es ist niemals vorgekommen, daß die Partei, die Partei allein, alle diese Aktionen ausschließlich mit ihren eigenen Kräften, ohne Unterstützung der Klasse, organisiert hätte. Gewöhnlich leitet sie bloß diese Aktionen, und zwar leitet sie sie in dem Maße, in dem sie die Unterstützung der Klasse besitzt. Denn die Partei kann sich nicht mit der Klasse decken, sie kann nicht die Klasse ersetzen. Denn die Partei bleibt, bei all ihrer wichtigen, führenden Rolle, dennoch ein Teil der Klasse. Wer daher die führende Rolle der Partei der Diktatur des Proletariats gleichstellt, der verwechselt die Klasse mit der Partei.
Viertens. Die Partei verwirklicht die Diktatur des Proletariats. "Die Partei ist die unmittelbar regierende Avantgarde des Proletariats, sie ist der Führer." (Lenin.) In diesem Sinne übernimmt die Partei die Macht, regiert die Partei das Land. Doch bedeutet das noch nicht, daß die Partei die Diktatur des Proletariats unter Außerachtlassung der Staatsmacht, ohne die Staatsmacht, verwirklicht, daß die Partei das Land unabhängig von den Sowjets, nicht durch die Sowjets, regiert. Das bedeutet noch nicht, daß man die Partei den Sowjets, der Staatsmacht, gleichstellen kann. Die Partei ist der Kern der Macht. Aber sie ist nicht die Staatsmacht und kann nicht der Staatsmacht gleichgestellt werden. "Als regierende Partei", sagt Lenin, "konnten wir nicht umhin, die 'Spitzen' der Sowjets mit den 'Spitzen' der Partei zu verschmelzen - sie sind bei uns verschmolzen und werden es bleiben." (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 254.) Das ist völlig richtig. Aber damit will Lenin keineswegs sagen, daß unsere Sowjetinstitutionen als Ganzes, z.B. unsere Armee, unser Verkehrswesen, unsere Wirtschaftsinstitutionen usw., Institutionen unserer Partei sind, daß die Partei die Sowjets und ihre Verzweigungen ersetzen, daß man die Partei der Staatsmacht gleichstellen kann.
Lenin hat wiederholt davon gesprochen, daß "das Sowjetsystem die Diktatur des Proletariats ist", daß "die Sowjetmacht die Diktatur des Proletariats ist" (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 7, S. 233 und 231), aber er hat niemals gesagt, daß die Partei die Staatsmacht sei, daß sie Sowjets und die Partei ein und dasselbe seinen. Die Partei, die einige hunderttausend Mitglieder zählt, leitet in der Hauptstadt und in der Provinz die Sowjets und deren Verzweigungen, die einige Millionen Menschen, Parteimitglieder und Parteilose, umfassen, aber sie kann und darf sie nicht ersetzen. Deshalb sagt Lenin, daß die "Diktatur verwirklicht wird durch das in den Sowjets organisierte Proletariat, das von der Kommunistischen Partei der Bolschewiki geführt wird", daß "die ganze Arbeit der Partei mit Hilfe der Sowjets erfolgt, die die werktätigen Massen ohne Unterschied des Berufs vereinigen" (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 10, S. 81 und 83), daß man die Diktatur "... mit Hilfe des Sowjetapparates verwirklichen muß" (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 79). Wer daher die führende Rolle der Partei mit der Diktatur des Proletariats gleichstellt, der verwechselt die Sowjets, die Staatsmacht, mit der Partei.
Fünftens. Der Begriff der Diktatur des Proletariats ist ein staatlicher Begriff. Die Diktatur des Proletariats schließt unbedingt den Begriff der Gewalt ein. Ohne Gewalt gibt es keine Diktatur, wenn man die Diktatur im strengen Sinne dieses Wortes auffaßt. Lenin definiert die Diktatur des Proletariats als "Staatsmacht, die sich unmittelbar auf die Gewalt stützt" (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XIX, S. 397). Spricht man daher von der Diktatur der Partei gegenüber der Klasse der Proletarier und stellt diese Diktatur der Diktatur des Proletariats gleich, so wird damit gesagt, daß die Partei gegenüber ihrer Klasse nicht bloß Leiter, nicht bloß Führer und Lehrer sein muß, sondern auch eine Art Staatsmacht, die ihr gegenüber Gewalt anwendet. Wer daher die "Diktatur der Partei" der Diktatur des Proletariats gleichstellt, der geht stillschweigend davon aus, daß man die Autorität der Partei auf Gewalt aufbauen kann, was absurd und mit dem Leninismus völlig unvereinbar ist. Die Autorität der Partei beruht auf dem Vertrauen der Arbeiterklasse. Das Vertrauen der Arbeiterklasse aber wird nicht durch Gewalt erworben - durch Gewalt könnte es nur vernichtet werden -, sondern durch die richtige Theorie der Partei, durch die richtige Politik der Partei, durch die Ergebenheit der Partei für die Sache der Arbeiterklasse, durch ihre Verbundenheit mit den Massen der Arbeiterklasse, durch ihre Bereitschaft, ihre Fähigkeit, die Massen von der Richtigkeit ihrer Losungen zu überzeugen.
Was aber folgt aus alledem?
- Lenin wendet das Wort Diktatur der Partei nicht im strengen Sinne dieses Wortes an ("Staatsmacht, die sich auf die Gewalt stützt"), sondern im übertragenen Sinne, im Sinne der Führung;
- wer die Führerrolle der Partei der Diktatur des Proletariats gleichstellt, der entstellt Lenin, da er der Partei fälschlich Funktionen der Gewalt gegenüber der Arbeiterklasse als Ganzem zuschreibt;
- wer der Partei Funktionen der Gewalt gegenüber der Arbeiterklasse zuschreibt, die ihr nicht eigen sind, der verletzt die elementaren Forderungen nach richtigen Wechselbeziehungen zwischen Avantgarde und Klasse, zwischen Partei und Proletariat.
Wir stehen somit unmittelbar vor der Frage der Wechselbeziehungen zwischen Partei und Klasse, zwischen Parteimitgliedern und Parteilosen innerhalb der Arbeiterklasse.
Lenin definiert diese Wechselbeziehungen als "gegenseitiges Vertrauen zwischen der Vorhut der Arbeiterklasse und der Arbeitermasse" (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 291).
Was bedeutet das?
Das bedeutet erstens, daß die Partei für die Stimme der Massen ein feines Ohr haben muß, daß sie sich dem revolutionären Instinkt der Massen gegenüber aufmerksam verhalten muß, daß sie die Praxis des Kampfes der Massen studieren muß, indem sie daran die Richtigkeit ihrer Politik prüft, daß sie folglich nicht nur die Massen lehren, sondern auch von ihnen lernen muß.
Das bedeutet zweitens, daß die Partei tagaus, tagein sich das Vertrauen der proletarischen Massen erobern muß, daß sie durch ihre Politik und ihre Arbeit die Unterstützung der Massen erringen muß, daß sie nicht kommandieren darf, sondern vor allem überzeugen muß, indem sie es den Massen erleichtert, an Hand ihrer eigenen Erfahrungen die Richtigkeit der Politik der Partei zu erkennen, daß sie folglich Leiter, Führer, Lehrer ihrer Klasse sein muß.
Die Verletzung dieser Bedingungen bedeutet die Verletzung der richtigen Wechselbeziehungen zwischen Avantgarde und Klasse, die Untergrabung des "gegenseitigen Vertrauens", den Zerfall sowohl der Klassen- als auch der Parteidisziplin.
"Sicherlich sieht jetzt schon fast jeder", sagt Lenin, "daß die Bolschewiki keine zweieinhalb Monate, geschweige denn zweieinhalb Jahre die Macht hätten behaupten können ohne die strengste, wahrhaft eiserne Disziplin in unserer Partei, ohne die vollste und grenzenloseste Unterstützung der Partei durch die gesamte Masse der Arbeiterklasse (Von mir hervorgehoben, J. St.), d.h. durch alles, was in dieser Klasse denkt, ehrlich, selbstlos ist, Einfluß hat und fähig ist, die rückständigen Schichten zu führen oder mit sich fortzureißen." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 10, S. 56.)
"Die Diktatur des Proletariats", sagt Lenin weiter, "ist ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten Gesellschaft. Die Macht der Gewohnheit von Millionen und aber Millionen ist die fürchterlichste Macht. Ohne eine eiserne und kampfgestählte Partei, ohne eine Partei, die das Vertrauen alles dessen genießt, was in der gegebenen Klasse ehrlich ist, ohne eine Partei, die es versteht, die Stimmung der Massen zu verfolgen und zu beeinflussen, ist es unmöglich, einen solchen Kampf erfolgreich zu führen." (Ebenda S. 78.)
Wie erwirbt aber die Partei dieses Vertrauen und diese Unterstützung der Klasse? Wie bildet sich die für die Diktatur des Proletariats notwendige eiserne Disziplin heraus, auf welchem Boden erwächst sie?
Darüber sagt Lenin folgendes:
"Worauf stützt sich die Disziplin der revolutionären Partei des Proletariats? Wodurch wird sie kontrolliert? Wodurch gestärkt? Erstens durch das Klassenbewußtsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus. Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nicht proletarischen werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern und, wenn ihr wollt, bis zu einem gewissen Grad sich sogar mit ihnen zu verschmelzen. Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, daß die breitesten Massen sich durch die eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen. Ohne diese Bedingungen kann in einer revolutionären Partei, die wirklich fähig ist, die Partei der fortgeschrittenen Klasse zu sein, die die Bourgeoisie zu stürzen und die ganze Gesellschaft umzugestalten hat, die Disziplin nicht verwirklicht werden. Ohne diese Bedingungen werden Versuche, eine Disziplin zu schaffen, unvermeidlich zu einer Fiktion, zu einer Phrase, zu einer Farce. Diese Bedingungen können aber andererseits nicht auf einmal entstehen. Sie werden nur durch langwierige Arbeit, durch harte Erfahrung entwickelt; die Entwicklung wird durch die richtige, revolutionäre Theorie erleichtert, die ihrerseits kein Dogma ist, sondern nur in engem Zusammenhang mit der Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären Bewegung endgültige Gestalt annimmt." (Ebenda S. 57 / 58.)
Und ferner:
"Um über den Kapitalismus zu siegen, bedarf es richtiger Wechselbeziehungen zwischen der führenden, der kommunistischen Partei, der revolutionären Klasse, dem Proletariat, und der Masse, d.h. der Gesamtheit der Werktätigen und Ausgebeuteten. Nur die kommunistische Partei, wenn sie tatsächlich die Avantgarde der revolutionären Klasse ist, wenn sie die besten Vertreter dieser Klasse in ihren Reihen zählt, wenn sie aus völlig bewußten, der Sache treu ergebenen Kommunisten besteht, die in zähen revolutionären Kämpfen geschult und gestählt worden sind, wenn sie es verstanden hat, sich mit dem ganzen Leben ihrer Klasse und durch sie mit der ganzen Masse der Ausgebeuteten unzertrennlich zu verknüpfen und dieser Klasse und dieser Masse volles Vertrauen einzuflößen, nur eine solche Partei ist fähig, das Proletariat in dem schonungslosesten, in dem entscheidenden, letzten Kampfe gegen alle Mächte des Kapitalismus zu führen. Andererseits ist das Proletariat nur unter der Führung einer solchen Partei fähig, die ganze Macht seines revolutionären Ansturms zu entfalten, die unausbleibliche Apathie und selbst den Widerstand einer kleinen Minderheit der vom Kapitalismus verdorbenen Arbeiteraristokratie, der alten Führer der Gewerkschaften, Genossenschaften usw. zu überwinden, seine ganze Kraft zu entfalten, die infolge der wirtschaftlichen Struktur der kapitalistischen Gesellschaft unvergleichlich größer ist als sein Anteil an der Bevölkerung." (Ebenda S. 157 / 158.)
Aus diesen Zitaten folgt:
- die Autorität der Partei und die für die Diktatur des Proletariats notwendige eiserne Disziplin in der Arbeiterklasse beruhen nicht auf der Furcht oder den "unbeschränkten" Rechten der Partei, sondern auf dem Vertrauen der Arbeiterklasse zur Partei, auf der Unterstützung der Partei durch die Arbeiterklasse;
- das Vertrauen der Arbeiterklasse zur Partei wird nicht auf einmal und nicht durch Gewaltanwendung gegenüber der Arbeiterklasse erworben, sondern durch langwierige Arbeit der Partei in den Massen, durch die richtige Politik der Partei, durch die Fähigkeit der Partei, die Massen von der Richtigkeit ihrer Politik an Hand der eigenen Erfahrung der Massen zu überzeugen, durch die Fähigkeit der Partei, sich die Unterstützung der Arbeiterklasse zu sichern, die Massen der Arbeiterklasse zu führen;
- ohne die richtig Politik der Partei, die durch die Erfahrung des Kampfes der Massen bekräftigt wird, und ohne das Vertrauen der Arbeiterklasse gibt es keine wirkliche Führung durch die Partei und kann es sie auch nicht geben;
- die Partei und ihre Führung können - wenn die Partei das Vertrauen der Klasse genießt und wenn ihre Führung eine wirkliche Führung ist - nicht der Diktatur des Proletariats gegenübergestellt werden, denn ohne Führung durch die das Vertrauen der Arbeiterklasse genießende Partei ("Diktatur" der Partei) ist eine einigermaßen feste Diktatur des Proletariats unmöglich.
Ohne diese Bedingungen sind die Autorität der Partei und die eiserne Disziplin entweder eine hohle Phrase oder Überheblichkeit und Abenteurertum.
Man darf die Diktatur des Proletariats nicht der Führung durch die Partei (ihrer "Diktatur") gegenüberstellen. Man darf es nicht, weil die Führung durch die Partei das Wesentliche an der Diktatur des Proletariats ist, wenn man eine einigermaßen feste und vollständige Diktatur im Auge hat und nicht etwa eine solche, wie es z.B. die Pariser Kommune war, die keine vollständige und feste Diktatur darstellte. Man darf es nicht, weil die Diktatur des Proletariats und die Führung durch die Partei sozusagen auf derselben Linie der Arbeit liegen und in derselben Richtung wirksam sind.
"Schon die Fragestellung allein", sagt Lenin, " 'Diktatur der Partei oder Diktatur der Klasse? Diktatur (Partei) der Führer oder Diktatur (Partei) der Massen?' zeugt von einer ganz unglaublichen und ausweglosen Gedankenverwirrung ... Jedermann weiß, daß die Massen sich in Klassen teilen ..., daß die Klassen gewöhnlich und in der Mehrzahl der Fälle, wenigstens in den modernen zivilisierten Ländern, von den politischen Parteien geführt werden; daß die politischen Parteien als allgemeine Regel von mehr oder minder festen Gruppen der autoritativsten, einflußreichsten, erfahrensten, auf die verantwortungsvollsten Posten gewählten Personen gelenkt werden, die Führer genannt werden ... Sich aus diesem Anlaß bis zur Gegenüberstellung der Diktatur der Massen und der Diktatur der Führer überhaupt zu versteigen, ist ein lächerlicher Unsinn und eine Dummheit." (Ebenda S. 75 und 77.)
Das ist völlig richtig. Aber diese richtige Auffassung geht von der Voraussetzung aus, daß die richtige Wechselbeziehung zwischen der Avantgarde und den Arbeitermassen, zwischen Partei und Klasse vorhanden sind. Sie geht von der Voraussetzung aus, daß die Wechselbeziehungen zwischen Avantgarde und Klasse sozusagen normal, im Rahmen des "gegenseitigen Vertrauens" bleiben.
Wie aber, wenn die richtigen Wechselbeziehungen zwischen Avantgarde und Klasse, wenn die Beziehungen des "gegenseitigen Vertrauens" zwischen Partei und Klasse gestört sind? Wie dann, wenn die Partei selbst beginnt, auf die eine oder die andere Weise sich der Klasse gegenüberzustellen, indem sie die Grundlagen der richtigen Wechselbeziehungen zur Klasse, die Grundlagen des "gegenseitigen Vertrauens" verletzt? Sind solche Fälle überhaupt möglich? Ja, sie sind möglich. Sie sind möglich:
- wenn die Partei beginnt, ihre Autorität in den Massen nicht auf ihre Arbeit und das Vertrauen der Massen, sondern auf ihre "unbeschränkten Rechte" zu gründen;
- wenn die Politik der Partei offenkundig unrichtig ist, sie aber ihren Fehler nicht überprüfen und korrigieren will;
- wenn die Politik der Partei im allgemeinen zwar richtig ist, die Massen aber noch nicht bereit sind, sie sich zu eigen zu machen, die Partei jedoch nicht abwarten will oder nicht abzuwarten versteht, um den Massen die Möglichkeit zu geben, sich an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit der Politik der Partei zu überzeugen.
Die Geschichte unserer Partei kennt eine ganze Reihe solcher Fälle. Die verschiedenen Gruppierungen und Fraktionen in unserer Partei kamen zu Fall und zerstoben deshalb, weil sie eine dieser drei Bedingungen oder manchmal auch alle diese Bedingungen zusammen verletzten.
Daraus folgt aber, daß die Gegenüberstellung von Diktatur des Proletariats und "Diktatur" (Führung) der Partei nur dann nicht als richtig anerkannt werden kann:
- wenn man unter der Diktatur der Partei gegenüber der Arbeiterklasse nicht die Diktatur im eigentlichen Sinne dieses Wortes ("die Macht, die sich auf die Gewalt stützt"), sondern die Führung durch die Partei versteht, die eine Gewaltanwendung gegenüber der Klasse als Ganzes, gegenüber ihrer Mehrheit ausschließt, wie dies eben auch von Lenin gemeint ist;
- wenn die Partei die nötigen Voraussetzungen hat, um wirklicher Führer der Klasse zu sein, das heißt, wenn die Politik der Partei richtig ist, wenn diese Politik den Interessen der Klasse entspricht;
- wenn die Klasse, wenn die Mehrheit der Klasse mit dieser Politik einverstanden ist, sie sich zu eigen macht, sich dank der Arbeit der Partei von der Richtigkeit dieser Politik überzeugt, der Partei vertraut und sie unterstützt.
Die Verletzung dieser Bedingungen ruft unweigerlich einen Konflikt zwischen Partei und Klasse, eine Spaltung zwischen den beiden, ihre Gegenüberstellung hervor.
Kann man der Klasse mit Gewalt die Führung der Partei aufdrängen? Nein, das kann man nicht. Jedenfalls kann eine solche Führung keine auch nur einigermaßen dauernde sein. Wenn die Partei die Partei des Proletariats bleiben will, so muß sie wissen, daß sie vor allem und hauptsächlich Leiter, Führer, Lehrer der Arbeiterklasse ist. Wir dürfen die Worte Lenins nicht vergessen, die er darüber in seiner Schrift "Staat und Revolution" gesagt hat:
"Durch Erziehung der Arbeiterpartei erzieht der Marxismus die Avantgarde des Proletariats, die fähig ist, die Macht zu ergreifen und das ganze Volk zum Sozialismus zu führen, die neue Ordnung zu leiten und zu organisieren, Leiter, Lehrer, Führer aller Werktätigen und Ausgebeuteten zu sein bei der Gestaltung ihres gesellschaftlichen Lebens ohne die Bourgeoisie und gegen die Bourgeoisie." (Lenin, Staat und Revolution, S. 18.)
Kann man die Ansicht vertreten, daß die Partei der wirkliche Führer der Klasse ist, wenn ihre Politik unrichtig ist, wenn ihre Politik mit den Interessen der Klasse in Kollision gerät? Natürlich kann man das nicht. In solchen Fällen muß die Partei, wenn sie Führer bleiben will, ihre Politik überprüfen, muß sie ihre Politik richtigstellen, ihren Fehler zugeben und wiedergutmachen. Man könnte sich zur Bestätigung dieses Leitsatzes auf eine solche Tatsache aus der Geschichte unserer Partei berufen, wie die Periode der Abschaffung der Ablieferungspflicht, als die Arbeiter- und Bauernmassen offensichtlich ihre Unzufriedenheit mit unserer Politik bekundeten und als die Partei offen und ehrlich an die Überprüfung dieser Politik schritt. Sehen wir, was Lenin damals auf dem X. Parteitag über die Frage der Abschaffung der Ablieferungspflicht und der Einführung der Neuen Ökonomischen Politik sagte:
"Wir dürfen nichts zu verheimlichen suchen, sondern müssen unverblümt aussprechen, daß die Bauernschaft mit der Form der Beziehungen, wie sie sich bei uns zu ihr herausgebildet hat, unzufrieden ist, daß sie diese Form der Beziehungen nicht will und so nicht weiterleben wird. Das ist unbestreitbar. Dieser Wille der Bauernschaft ist in ganz bestimmter Weise zum Ausdruck gekommen. Das ist der Wille der ungeheuren Massen der werktätigen Bevölkerung. Dem müssen wir Rechnung tragen, und wir sind nüchterne Politiker genug um geradeheraus zu sagen: Laßt uns unsere Politik gegenüber der Bauernschaft revidieren." (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 295.)
Kann man die Ansicht vertreten, daß die Partei die Initiative und die Leitung bei der Organisierung der entscheidenden Massenaktionen lediglich aus dem Grund auf sich nehmen muß, weil ihre Politik im allgemeinen richtig ist, wenn diese Politik noch nicht das Vertrauen und die Unterstützung der Klasse findet infolge, sagen wir, der politischen Rückständigkeit der Klasse, wenn es der Partei noch nicht gelungen ist, die Klasse von der Richtigkeit ihrer Politik zu überzeugen, weil, sagen wir, die Ereignisse noch nicht herangereift sind? Nein, keineswegs. In solchen Fällen muß die Partei, wenn sie ein wirklicher Führer sein will, abzuwarten verstehen, muß sie die Massen von der Richtigkeit ihrer Politik überzeugen, muß sie den Massen helfen, sich an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit dieser Politik zu überzeugen.
"Hat die revolutionäre Partei", sagt Lenin, "nicht die Mehrheit in der Vorhut der revolutionären Klassen und im Lande, so kann von einem Aufstand keine Rede sein." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 6, S. 296.)
"Ohne eine Änderung in den Anschauungen der Mehrheit der Arbeiterklasse ist die Revolution unmöglich, diese Änderung aber wird durch die politische Erfahrung der Massen geschaffen." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 10, S. 119.)
"Die proletarische Avantgarde ist ideologisch gewonnen. Das ist das Wesentliche. Ohne diese Vorbedingungen kann man nicht einmal den ersten Schritt zum Siege machen. Aber von hier bis zum Siege ist es noch ziemlich weit. Mit der Avantgarde allein kann man nicht siegen. Die Avantgarde allein in den entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze Klasse, solange die breiten Massen nicht eine Position eingenommen haben, wo sie die Avantgarde entweder direkt unterstützen oder wenigstens eine wohlwollende Neutralität ihr gegenüber üben und eine völlige Unfähigkeit, ihren Gegner zu unterstützen, an den Tag gelegt haben, wäre nicht nur eine Dummheit, sondern auch ein Verbrechen. Damit aber wirklich die ganze Klasse, damit wirklich die breiten Massen der Werktätigen und vom Kapital Unterdrückten zu dieser Position gelangen, dazu ist Propaganda allein, Agitation allein zu wenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen." (Ebenda S. 128.)
Es ist bekannt, daß unsere Partei in der Periode von den Aprilthesen Lenins bis zum Oktoberaufstand 1917 eben in dieser Weise handelte. Und gerade deshalb, weil sie gemäß diesen Hinweisen Lenins handelte, hat sie den Aufstand siegreich durchgeführt.
Das sind im wesentlichen die Bedingungen für die richtigen Wechselbeziehungen zwischen Avantgarde und Klasse.
Was heißt führen, wenn die Politik der Partei richtig ist und die richtigen Beziehungen zwischen Avantgarde und Klasse nicht gestört werden?
Führen heißt unter diesen Bedingungen: verstehen, die Massen von der Richtigkeit der Politik der Partei zu überzeugen, heißt solche Losungen aufstellen und durchführen, die die Massen an die Positionen der Partei heranführen und es ihnen erleichtern, an Hand ihrer eigenen Erfahrungen die Richtigkeit der Politik der Partei zu erkennen, die Massen auf das Niveau des Bewußtseins der Partei heben und sich somit die Unterstützung der Massen, ihre Bereitschaft zum entscheidenden Kampfe sichern.
Deshalb ist die Methode der Überzeugung die Hauptmethode der Führung der Klasse durch die Partei.
"Wenn wir", sagt Lenin, "jetzt in Rußland, nach zweieinhalb Jahren ungeahnter Siege über die Bourgeoisie Rußlands und der Entente, die 'Anerkennung der Diktatur' zur Bedingung für den Eintritt in die Gewerkschaften machen wollten, so würden wir eine Dummheit begehen, unserem Einfluß auf die Massen Abbruch tun und den Menschewiki Vorschub leisten. Denn die ganze Aufgabe der Kommunisten besteht darin, es zu verstehen, die Rückständigen zu überzeugen, unter ihnen zu arbeiten, nicht aber sich von ihnen durch ausgeklügelte, kindisch-'radikale' Losungen abzusondern." (Ebenda S. 88.)
Das bedeutet natürlich nicht, daß die Partei alle Arbeiter, bis auf den letzten Mann, überzeugen muß, daß man erst, wenn dies erreicht ist, zu Aktionen schreiten kann, daß man erst dann die Aktionen einleiten kann. Keineswegs. Das bedeutet bloß, daß die Partei, ehe sie zu entscheidenden politischen Aktionen schreitet, sich durch langwierige revolutionäre Arbeit die Unterstützung der Mehrheit der Arbeitermassen, zumindest aber die wohlwollende Neutralität der Mehrheit der Klasse sichern muß. Andernfalls wäre der Leninsche Leitsatz, daß die Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse für die Partei eine unerläßliche Bedingung der siegreichen Revolution ist, jeden Sinnes bar.
Aber wie steht es um die Minderheit, wenn sie nicht will, wenn sie nicht einverstanden ist, sich freiwillig dem Willen der Mehrheit zu unterwerfen? Kann die Partei, soll die Partei, die das Vertrauen der Mehrheit auf ihrer Seite hat, die Minderheit zur Unterwerfung unter den Willen der Mehrheit zwingen? Jawohl, sie kann und muß es. Die Führung wird durch die Methode der Überzeugung der Massen gesichert, die die Hauptmethode der Einwirkung der Partei auf die Massen ist. Das schließt aber die Anwendung von Zwang nicht aus, sondern setzt sie voraus, wenn dieser Zwang sich auf das Vertrauen und die Unterstützung der Partei durch die Mehrheit der Arbeiterklasse gründet, wenn er gegenüber der Minderheit angewendet wird, nachdem man es vermocht hat, die Mehrheit zu überzeugen.
Man denke an die diesbezüglichen Auseinandersetzungen in unserer Partei, die in der Periode der Gewerkschaftsdiskussion stattfanden. Worin bestand damals der Fehler der Opposition, der Fehler des ZK der Eisenbahn- und Schiffahrtsarbeiter? Etwa darin, daß die Opposition damals die Anwendung von Zwang für möglich hielt? Nein, nicht darin. Der Fehler der Opposition bestand damals darin, daß sie, außerstande, die Mehrheit von der Richtigkeit ihrer Stellungnahme zu überzeugen, und nachdem sie das Vertrauen der Mehrheit eingebüßt hatte, dennoch Zwangsmaßnahmen anzuwenden begann und das "Durchrütteln" der Leute forderte, die das Vertrauen der Mehrheit besaßen.
Sehen wir, was Lenin damals auf dem X. Parteitag in seiner Rede über die Gewerkschaften sagte:
"Um die Wechselbeziehungen und das gegenseitige Vertrauen zwischen der Avantgarde der Arbeiterklasse und der Arbeitermasse herzustellen, hätte man, wenn das ZK der Eisenbahn- und Schiffahrtsarbeiter einen Fehler begangen hat ..., diesen Fehler korrigieren sollen. Wenn man aber anfängt, diesen Fehler zu verteidigen, so wird das zur Quelle der politischen Gefahr. Wenn wir nicht das Möglichste im Geiste der Demokratie täten, um den Stimmungen, die hier Kutusow zum Ausdruck bringt, Rechnung zu tragen, so würden wir einen politischen Zusammenbruch erleben. Vor allem müssen wir überzeugen und dann erst Zwang anwenden. Wir müssen um jeden Preis zuerst überzeugen und dann erst Zwang anwenden. Wir haben es nicht verstanden, die breiten Massen zu überzeugen, und haben das richtige Verhältnis zwischen Avantgarde und Massen gestört.." (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 291.)
Dasselbe sagt Lenin in seiner Schrift "Über die Gewerkschaften":
"Wir haben dann richtig und erfolgreich Zwang angewandt, wenn wir es verstanden, vorher für ihn eine Basis durch Überzeugung zu schaffen." (Ebenda S. 92.)
Und das ist völlig richtig. Denn ohne diese Bedingungen ist keinerlei Führung möglich. Denn nur auf diese Weise kann man die Einheit der Aktion in der Partei sichern, wenn es sich um die Partei handelt, und die Einheit der Aktion der Klasse, wenn es sich um die Klasse als Ganzes handelt. Ohne diese Bedingungen kommt es zu Spaltung, Zerfahrenheit, Zersetzung in den Reihen der Arbeiterklasse.
Das sind im allgemeinen die Grundlagen der richtigen Führung durch die Partei.
Jede andere Auffassung von der Führung ist Syndikalismus, Anarchismus, Bürokratismus, was man will - nur nicht Bolschewismus, nur nicht Leninismus.
Man darf die Diktatur des Proletariats nicht der Führung durch die Partei (ihrer "Diktatur") gegenüberstellen, wenn richtige Wechselbeziehungen zwischen Partei und Arbeiterklasse, zwischen Avantgarde und Arbeitermassen vorhanden sind. Daraus folgt aber, daß man erst recht nicht die Partei der Arbeiterklasse, die Führung durch die Partei (ihrer "Diktatur") der Diktatur der Arbeiterklasse gleichstellen darf. Aus dem Grunde, weil man die "Diktatur" der Partei nicht der Diktatur des Proletariats gegenüberstellen darf, kam Sorin zu der unrichtigen Schlußfolgerung, daß "die Diktatur des Proletariats die Diktatur unserer Partei ist". Aber Lenin spricht nicht nur von der Unzulässigkeit einer solchen Gegenüberstellung. Er spricht gleichzeitig davon, daß es unzulässig ist, "die Diktatur der Massen der Diktatur der Führer" gegenüberzustellen. Soll man etwa aus diesem Grunde die Diktatur der Führer der Diktatur des Proletariats gleichstellen? Wollten wir diesen Weg beschreiten, so müßten wir sagen, daß "die Diktatur des Proletariats die Diktatur unserer Führer ist". Eben zu dieser Dummheit führt ja eigentlich die Politik der Gleichstellung der "Diktatur" der Partei mit der Diktatur des Proletariats ...
Wie steht die Sache in dieser Hinsicht bei Sinowjew?
Sinowjew steht im Grunde genommen auf demselben Standpunkt der Gleichstellung der "Diktatur" der Partei mit der Diktatur des Proletariats wie Sorin, mit dem Unterschied jedoch, daß Sorin sich unumwundener und klarer ausdrückt, während Sinowjew "sich windet". Es genügt, wenn wir z.B. folgende Stelle aus dem Buche Sinowjews "Leninismus" nehmen, um uns davon zu überzeugen:
"Was ist", sagt Sinowjew, "die in der Sowjetunion bestehende Ordnung vom Standpunkte ihres Klasseninhalts? Das ist die Diktatur des Proletariats. Was ist die unmittelbare Triebfeder der Staatsmacht in der UdSSR? Wer verwirklicht die Macht der Arbeiterklasse? Die Kommunistische Partei! In diesem Sinne besteht bei uns die Diktatur der Partei. Welches ist die juridische Form der Staatsmacht in der UdSSR? Welches ist der neue Typ der Staatsordnung, der von der Oktoberrevolution geschaffen wurde? Das ist das Sowjetsystem. Das eine widerspricht in keiner Weise dem anderen."
Daß das eine dem anderen nicht widerspricht, ist natürlich richtig, wenn man unter der Diktatur der Partei gegenüber der Arbeiterklasse als Ganzem die Führung durch die Partei versteht. Wie kann man aber aus diesem Grunde ein Gleichheitszeichen zwischen Diktatur des Proletariats und "Diktatur" der Partei, zwischen Sowjetsystem und "Diktatur" der Partei setzen? Lenin stellte das Sowjetsystem der Diktatur des Proletariats gleich, und er hatte recht, denn die Sowjets, unsere Sowjets, sind Organisationen, die die werktätigen Massen um das Proletariat unter Führung der Partei zusammenfassen. Aber wann, wo, in welchem seiner Werke hat Lenin ein Gleichheitszeichen zwischen "Diktatur" der Partei und Diktatur des Proletariats, zwischen "Diktatur" der Partei und System der Sowjets gesetzt, wie das jetzt Sinowjew tut?
Der Diktatur des Proletariats widerspricht weder die Führung ("Diktatur") durch die Partei noch die Führung ("Diktatur") durch die Führer. Soll man etwa aus diesem Grunde verkünden, daß unser Land das Land der Diktatur des Proletariats ist, das heißt das Land der Diktatur der Partei, das heißt das Land der Diktatur der Führer? Aber gerade zu dieser Dummheit führt doch das "Prinzip" der Gleichstellung der "Diktatur" der Partei mit der Diktatur des Proletariats, für das Sinowjew verstohlen und zaghaft eintritt.
In den zahlreichen Werken Lenins habe ich nur fünf Fälle finden können, wo Lenin im Vorbeigehen die Frage der Diktatur der Partei streift.
Der erste Fall betrifft eine Polemik gegen die Sozialrevolutionäre und Menschewiki, wo er sagt:
"Wenn man uns die Diktatur einer Partei zum Vorwurf macht und uns, wie ihr gehört habt, die sozialistische Einheitsfront vorschlägt, so sagen wir: 'Jawohl, die Diktatur einer Partei! Dabei bleiben wir, und diesen Boden können wir nicht verlassen, weil das die Partei ist, die sich im Laufe von Jahrzehnten die Stellung als Avantgarde des gesamten Fabrik- und Industrieproletariats erobert hat.' " (Rede Lenins auf dem I. Allrussischen Kongreß der Bildungsarbeiter, Sämtl. Werke, Bd. XXIV, S. 423 russ.)
Der zweite Fall betrifft den "Brief an die Arbeiter und Bauern anläßlich des Sieges über Koltschak". Dort sagt er:
"Die Bauern schrecken sie (besonders die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, sie alle, sogar die 'Linken' unter ihnen) mit dem Schreckgespenst der 'Diktatur einer Partei', der Partei der Bolschewiki, der Kommunisten. Das Beispiel Koltschak hat die Bauern gelehrt, ein Schreckgespenst nicht zu fürchten. Entweder die Diktatur (das heißt die eiserne Macht) der Gutsbesitzer und Kapitalisten oder die Diktatur der Arbeiterklasse." (Lenin, Brief an die Arbeiter und Bauern, ebenda S. 436 russ.)
Der dritte Fall betrifft die Rede Lenins auf dem II. Kongreß der Komintern, in der er gegen Tanner polemisiert. Diese Rede habe ich oben zitiert.
Der vierte Fall, das sind einige Zeilen in der Schrift "Die Kinderkrankheit". Die betreffenden Zitate wurden schon oben angeführt.
Und der fünfte Fall betrifft den Entwurf einer Disposition über die Diktatur des Proletariats, veröffentlicht im "Lenin-Sammelband" Nr. III, wo ein Untertitel "Diktatur einer Partei" vorkommt ("Lenin-Sammelband" Nr. III, S. 497 russ.).
Es muß festgestellt werden, daß Lenin in zwei von den fünf Fällen, nämlich im letzten und im zweiten Fall, die Worte "Diktatur einer Partei" in Anführungszeichen setzt und damit offenkundig den ungenauen, übertragenen Sinn dieser Formel unterstreicht.
Es muß ferner festgestellt werden, daß Lenin in allen diesen Fällen unter "Diktatur der Partei" gegenüber der Arbeiterklasse nicht die Diktatur im eigentlichen Sinne dieses Wortes ("sich auf die Gewalt stützende Macht"), sondern die Führung durch die Partei versteht.
Es ist charakteristisch, daß in keinem einzigen seiner Werke, weder in den grundlegenden noch in den übrigen, wo Lenin die Diktatur des Proletariats und die Rolle der Partei im System der Diktatur des Proletariats behandelt oder einfach erwähnt, auch nur eine Andeutung darauf zu finden ist, daß "die Diktatur des Proletariats die Diktatur unserer Partei ist". Im Gegenteil: jede Seite, jede Zeile dieser Werke schlägt dieser Formel ins Gesicht (siehe "Staat und Revolution", "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky", "Die Kinderkrankheit" usw.).
Noch charakteristischer ist es, daß wir in den Thesen des II. Kongresses der Komintern über die Rolle der politischen Partei, die unter der unmittelbaren Leitung Lenins ausgearbeitet wurden und auf die sich Lenin in seinen Reden wiederholt als auf ein Muster für die richtige Formulierung der Rolle und der Aufgaben der Partei berief, kein einziges, buchstäblich kein einziges Wort über die Diktatur der Partei finden.
Was besagt das alles?
Es besagt:
- a) daß Lenin die Formel "Diktatur der Partei" nicht für einwandfrei und genau hielt, weshalb sie in den Werken Lenins äußerst selten gebraucht und manchmal in Anführungszeichen gesetzt wird;
- b) daß Lenin in jenen wenigen Fällen, wo er in der Polemik mit Gegnern gezwungen war, von der Diktatur der Partei zu sprechen, gewöhnlich von der "Diktatur einer Partei", d.h. davon sprach, daß unsere Partei allein an der Macht steht, daß sie die Macht nicht mit anderen Parteien teilt, wobei er stets erläuterte, daß man unter der Diktatur der Partei gegenüber der Arbeiterklasse die Führung durch die Partei, ihre führende Rolle verstehen muß;
- c) daß Lenin in allen Fällen, wo er es für nötig hielt, die Rolle der Partei im System der Diktatur des Proletariats wissenschaftlich zu definieren, ausschließlich von der führenden Rolle der Partei gegenüber der Arbeiterklasse sprach (und solche Fälle gibt es Tausende);
- d) daß gerade deshalb Lenin sich nicht "einfallen" ließ, in die grundlegende Resolution über die Rolle der Partei - ich meine die Resolution des II. Kongresses der Komintern - die Formel "Diktatur der Partei" aufzunehmen;
- e) daß vom Standpunkt des Leninismus diejenigen Genossen nicht im Rechte und politisch kurzsichtig sind, die die "Diktatur" der Partei und folglich auch die "Diktatur der Führer" der Diktatur des Proletariats gleichstellen oder gleichzustellen versuchen, denn sie verletzen dadurch die Bedingungen für die richtigen Wechselbeziehungen zwischen Avantgarde und Klasse.
Ich spreche schon gar nicht davon, daß die Formel "Diktatur der Partei", wenn sie ohne die obenerwähnten Vorbehalte genommen wird, eine ganze Reihe von Gefahren und politischen Nachteilen in unserer praktischen Arbeit hervorrufen kann. Durch diese Formel, ohne Vorbehalte genommen, wird gleichzeitig gesagt:
- a) zu den parteilosen Massen: wagt nicht zu widersprechen, wagt nicht zu räsonieren, denn die Partei ist allmächtig, denn wir haben die Diktatur der Partei;
- b) zu den Parteikadern: handelt kühner, greift fester zu, man braucht gar nicht auf die Stimme der parteilosen Massen zu hören - wir haben die Diktatur der Partei;
- c) zu den Parteispitzen: man kann sich den Luxus einer gewissen Selbstzufriedenheit erlauben, man kann wohl auch ein wenig überheblich sein, denn wir haben ja die Diktatur der Partei und "folglich" auch die Diktatur der Führer.
Auf diese Gefahren hinzuweisen, ist gerade jetzt angebracht, in der Periode des Aufschwungs der politischen Aktivität der Massen, wo die Bereitschaft der Partei, aufmerksam auf die Stimme der Massen zu lauschen, für uns von besonderem Wert ist, wo die Feinfühligkeit gegenüber den Anforderungen der Massen das grundlegende Gebot unserer Partei ist, wo von der Partei besondere Umsicht und besondere Beweglichkeit in der Politik verlangt werden, wo die Gefahr der Selbstüberhebung eine der ernstesten Gefahren ist, vor denen die Partei in der Frage der richtigen Führung der Massen steht.
Man muß an die goldenen Worte Lenins denken, die er auf dem XI. Parteitag unserer Partei gesagt hat:
"In der Volksmasse sind wir (Kommunisten. J. St.) immerhin nur ein Tropfen im Meere, und wir können nur dann regieren, wenn wir das richtig ausdrücken, dessen sich das Volk bewußt ist. Andernfalls wird die kommunistische Partei nicht das Proletariat führen und das Proletariat nicht die Massen führen, und die ganze Maschinerie wird zerfallen." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 9, S. 393.)
"Das richtig ausdrücken, dessen sich das Volk bewußt ist" - das ist gerade jene unerläßliche Bedingung, die der Partei die ehrenvolle Rolle sichert, die grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats zu sein.
Kapitel 6: Die Frage des Sozialismus in einem Lande
In der Schrift "Über die Grundlagen des Leninismus" (April 1924, erste Ausgabe) kommen zwei Formulierungen zur Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande vor. Die erste Formulierung lautet:
"Früher hielt man den Sieg der Revolution in einem Lande für unmöglich, da man annahm, daß zum Siege über die Bourgeoisie eine gemeinsame Aktion der Proletarier aller fortgeschrittenen Länder oder jedenfalls der Mehrzahl dieser Länder erforderlich sei. Jetzt entspricht dieser Standpunkt nicht mehr der Wirklichkeit. Jetzt muß man von der Möglichkeit eines solchen Sieges ausgehen, denn der ungleichmäßige und sprunghafte Charakter der Entwicklung der verschiedenen kapitalistischen Länder unter den Verhältnissen des Imperialismus, die Entwicklung der katastrophalen Widersprüche innerhalb des Imperialismus, die unausweichlich zu Kriegen führen, das Anwachsen der revolutionären Bewegung in allen Ländern der Welt - alles das macht den Sieg des Proletariats in einzelnen Ländern nicht nur möglich, sondern auch notwendig." (Siehe "Über die Grundlagen des Leninismus".)
Dieser Leitsatz ist völlig richtig und bedarf keines Kommentars. Er ist gegen die Theorie der Sozialdemokraten gerichtet, die die Machtergreifung durch das Proletariat in einem Lande, ohne die gleichzeitige siegreiche Revolution in anderen Ländern, für eine Utopie halten.
Aber die Schrift "Über die Grundlagen des Leninismus" enthält noch eine zweite Formulierung. Es heißt dort:
"Aber die Macht der Bourgeoisie stürzen und die Macht des Proletariats in einem Lande aufrichten, heißt noch nicht, den vollen Sieg des Sozialismus zu sichern. Die Hauptaufgabe des Sozialismus - die Organisierung der sozialistischen Produktion - steht noch bevor. Kann man diese Aufgabe lösen, kann man den endgültigen Sieg des Sozialismus in einem Lande erreichen, ohne die gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer fortgeschrittener Länder? Nein, das kann man nicht. Zum Sturze der Bourgeoisie genügen die Anstrengungen eines Landes - davon zeugt die Geschichte unserer Revolution. Zum endgültigen Sieg des Sozialismus, zur Organisierung der sozialistischen Produktion genügen nicht die Anstrengungen eines Landes, zumal eines Bauernlandes wie Rußland, dazu sind die Anstrengungen der Proletarier mehrerer fortgeschrittener Länder notwendig." (Siehe "Über die Grundlagen des Leninismus", erste Ausgabe.)
Diese zweite Formulierung war gegen die Behauptung der Kritiker des Leninismus, gegen die Trotzkisten gerichtet, die erklärten, die Diktatur des Proletariats in einem Lande könne sich nicht "gegen das konservative Europa behaupten", wenn der Sieg in anderen Ländern ausbleibt.
Insofern - aber nur insofern - war diese Formulierung damals (April 1924) ausreichend, und sie hat zweifellos einen gewissen Dienst geleistet.
In der Folge aber, als die Kritik am Leninismus auf diesem Gebiete in der Partei schon überwunden war und als eine neue Frage auftauchte, die Frage nach der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften unseres Landes, ohne Hilfe von außen, da erwies sich diese zweite Formulierung bereits als offenkundig ungenügend und deshalb unrichtig.
Worin besteht der Mangel dieser Formulierung?
Ihr Mangel besteht darin, daß sie zwei verschiedene Fragen zu einer Frage zusammenzieht: die Frage der Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus mit den Kräften eines Landes, worauf eine bejahende Antwort gegeben werden muß, und die Frage, ob sich ein Land, in dem die Diktatur des Proletariats errichtet ist, als völlig gesichert gegen eine Intervention und folglich gegen die Restauration der alten Ordnung betrachtet werden kann ohne die siegreiche Revolution in einer Reihe anderer Länder, worauf eine verneinende Antwort gegeben werden muß. Ich spreche schon gar nicht davon, daß diese Formulierung zu dem Gedanken Anlaß geben kann, daß die Organisierung der sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften eines Landes unmöglich sei, was natürlich unrichtig ist.
Aus diesem Grunde habe ich diese Formulierung in meiner Schrift "Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten" (Dezember 1924) abgeändert und richtiggestellt, indem ich diese Frage in zwei Fragen zerlegte: in die Frage der vollen Garantie gegen die Restauration der bürgerlichen Zustände und in die Frage der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem Lande. Das wurde erreicht, erstens, durch Auslegung des "vollen Sieges des Sozialismus" als "volle Garantie gegen die Wiederherstellung der alten Ordnung", die nur durch die "gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder" erreicht werden kann, und zweitens dadurch, daß auf Grund der Leninschen Schrift "Über das Genossenschaftswesen" die unbestreitbare Wahrheit ausgesprochen wurde, daß wir alles Notwendige zur Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft besitzen ("Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten").
Diese neue Formulierung wurde denn auch der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz "Über die Aufgaben der Komintern und der KPR (B)" zugrunde gelegt, die die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande in Verbindung mit der Stabilisierung des Kapitalismus behandelt (April 1925) und die Errichtung des Sozialismus mit den Kräften unseres Landes für möglich und notwendig hält.
Sie diente auch als Grundlage für meine Schrift "Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Parteikonferenz", die unmittelbar nach der XIV. Parteikonferenz, im Mai 1925, erschien.
Über die Behandlung der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande wird in dieser Schrift gesagt:
"Unser Land weist zwei Gruppen von Gegensätzen auf. Die eine Gruppe von Gegensätzen - das sind die inneren Gegensätze, die zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft bestehen (gemeint ist hier die Errichtung des Sozialismus in einem Lande. J. St.). Die andere Gruppe von Gegensätzen - das sind die äußeren Gegensätze, die zwischen unserem Lande, als dem Land des Sozialismus, und allen übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus, vorhanden sind (gemeint ist hier der endgültige Sieg des Sozialismus. J. St.) ..."
"Wer die erste Gruppe von Gegensätzen, die durchaus mit den Kräften eines Landes überwunden werden können, mit der zweiten Gruppe von Gegensätzen verwechselt, die zu ihrer Lösung die Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder erfordern, der begeht den gröbsten Fehler gegen den Leninismus, der ist entweder ein Wirrkopf oder ein unverbesserlicher Opportunist." (Siehe "Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Parteikonferenz".)
Über die Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande wird in der Schrift gesagt:
"Wir können den Sozialismus errichten, und wir werden ihn zusammen mit der Bauernschaft, unter der Führung der Arbeiterklasse aufbauen", ... denn "unter der Diktatur des Proletariats sind bei uns ... alle Vorbedingungen gegeben, die notwendig sind, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten, wobei alle und jede inneren Schwierigkeiten überwunden werden, denn wir können und müssen sie durch unsere eigenen Kräfte überwinden." (Ebenda.)
Über die Frage des endgültigen Sieges des Sozialismus heißt es dort:
"Der endgültige Sieg des Sozialismus ist die volle Garantie gegen Interventions- und folglich auch gegen Restaurationsversuche, denn ein einigermaßen ernsthafter Restaurationsversuch kann nur mit ernster Unterstützung von außen, nur mit Unterstützung des internationalen Kapitals erfolgen. Deshalb ist die Unterstützung unserer Revolution durch die Arbeiter aller Länder, und noch mehr der Sieg dieser Arbeiter zum mindesten in einigen Ländern die unerläßliche Vorbedingung für die volle Sicherung des ersten siegreichen Landes gegen Interventions- und Restaurationsversuche, die unerläßliche Vorbedingung für den endgültigen Sieg des Sozialismus." (Ebenda.)
Das ist wohl klar.
Bekanntlich wird diese Frage in meiner Schrift "Fragen und Antworten" (Juni 1925) und in dem politischen Bericht des ZK auf dem XIV. Parteitag der KPdSU (B) (Dezember 1925) in dem gleichen Sinne behandelt.
Das sind die Tatsachen.
Diese Tatsachen sind, wie ich glaube, allen und jedem bekannt, darunter auch Sinowjew.
Hält es Sinowjew jetzt, fast zwei Jahre nach dem ideologischen Kampfe in der Partei und nach der auf der XIV. Parteikonferenz angenommenen Resolution (April 1925), für möglich, in seinem Schlußwort auf dem XIV. Parteitag (Dezember 1925) die alte, vollständig ungenügende Formel aus Stalins Schrift, die im April 1924 verfaßt wurde, als Grundlage für die Lösung der schon gelösten Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande hervorzuholen, so zeigt diese sonderbare Manier Sinowjews nur, daß er sich in dieser Frage vollständig verwirrt hat.
Die Partei rückwärtszerren, nachdem sie vorwärtsgeschritten ist, die Resolution der XIV. Parteikonferenz umgehen, nachdem sie vom Plenum des ZK bestätigt worden ist, das heißt, sich hoffnungslos in Widersprüche verstricken, an die Sache des Aufbaus des Sozialismus nicht glauben, den Weg Lenins verlassen und die eigene Niederlage dokumentieren.
Was bedeutet die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus einem Lande?
Das bedeutet die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft mit den inneren Kräften unseres Landes zu überwinden, die Möglichkeit, daß das Proletariat die Macht ergreifen und diese Macht zur Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande ausnutzen kann, gestützt auf die Sympathien und die Unterstützung der Proletarier der anderen Länder, aber ohne vorhergehenden Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern.
Ohne diese Möglichkeit ist der Aufbau des Sozialismus ein Aufbau ohne Perspektive, ein Aufbau ohne die Überzeugung, daß man den Sozialismus errichten wird. Man kann den Sozialismus nicht aufbauen, wenn man nicht überzeugt ist, daß es möglich ist, ihn zu errichten, wenn man nicht überzeugt ist, daß die technische Rückständigkeit unseres Landes kein unüberwindliches Hindernis für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft ist. Die Verneinung dieser Möglichkeit bedeutet Unglauben an die Sache des Aufbaus des Sozialismus, Abkehr vom Leninismus.
Was bedeutet die Unmöglichkeit des vollen, endgültigen Sieges des Sozialismus in einem Lande ohne den Sieg der Revolution in anderen Ländern?
Das bedeutet die Unmöglichkeit einer vollen Garantie gegen die Intervention und folglich auch gegen die Restauration der bürgerlichen Ordnung, wenn die Revolution nicht wenigstens in einer Reihe von Ländern gesiegt hat. Die Verneinung dieses unbestreitbaren Leitsatzes bedeutet Abkehr vom Internationalismus, Abkehr vom Leninismus.
"Wir leben", sagt Lenin, "nicht nur in einem Staat, sondern in einem Staatensystem, und die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das andere siegen. Aber bis dieses Ende eintritt, ist eine Reihe furchtbarster Zusammenstöße zwischen der Sowjetrepublik und den bürgerlichen Staaten unvermeidlich. Das heißt, daß die herrschende Klasse, das Proletariat, wenn es herrschen will und herrschen wird, dies auch durch seine militärische Organisation beweisen muß." (Lenin, Bericht auf dem VIII. Parteitag, Sämtl. Werke, Bd. XXIV. S. 122 russ.)
"Wir haben", sagt Lenin an anderer Stelle, "ein im höchsten Grade schwankendes, aber immerhin unzweifelhaftes, unbestreitbares gewisses Gleichgewicht vor uns. Ob es von langer Dauer sein wird, weiß ich nicht, und ich glaube, daß man das nicht wissen kann. Und deshalb ist unsererseits die größte Vorsicht am Platze. Und das erste Gebot unserer Politik, die erste Lehre, die sich aus unserer Regierungstätigkeit während eines Jahres ergibt, eine Lehre, die sich alle Arbeiter und Bauern zu eigen machen müssen, ist die: auf der Hut sein, daran denken, daß wir von Leuten, Klassen, Regierungen umgeben sind, die offen den größten Haß gegen uns bekunden. Man muß daran denken, daß wir stets nur um ein Haar von einem Überfall entfernt sind." (Rede Lenins auf dem IX. Allrussischen Sowjetkongreß, Sämtl. Werke, Bd. XXVII, S. 117 russ.)
Das ist wohl klar.
Wie steht es bei Sinowjew bezüglich der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande?
Man höre:
"Unter dem endgültigen Sieg des Sozialismus ist mindestens zu verstehen: 1. die Aufhebung der Klassen und folglich 2. die Abschaffung der Diktatur einer Klasse, im gegebenen Falle der Diktatur des Proletariats ..." "Um noch genauer klarzustellen", sagt Sinowjew weiter, "wie die Frage bei uns in der UdSSR im Jahre 1925 steht, muß man zweierlei unterscheiden: 1. die gesicherte Möglichkeit, den Sozialismus aufzubauen, ist natürlich auch im Rahmen eines Landes durchaus vorstellbar, und 2. die endgültige Errichtung und Festigung des Sozialismus, das heißt die Verwirklichung der sozialistischen Ordnung, der sozialistischen Gesellschaft."
Was kann das alles bedeuten?
Nichts anderes, als daß Sinowjew unter dem endgültigen Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht die Garantie gegen Intervention und Restauration versteht, sondern die Möglichkeit der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft. Unter dem Sieg des Sozialismus in einem Lande aber versteht Sinowjew einen Aufbau des Sozialismus, der nicht zur Errichtung des Sozialismus führen kann und führen soll. Ein Aufbau aufs Geratewohl, ohne Perspektive, ein Aufbau des Sozialismus, bei dem man nicht die Möglichkeit hat, die sozialistische Gesellschaft zu errichten - das ist die Position Sinowjews.
Am Sozialismus bauen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn wirklich aufzubauen, mit dem Bewußtsein bauen, daß man ihn doch nicht aufbauen wird - bis zu solchen Ungereimtheiten hat sich Sinowjew verstiegen.
Aber das ist doch ein Hohn auf die Frage und keine Lösung der Frage!
Noch eine Stelle aus dem Schlußwort Sinowjews auf dem XIV. Parteitag:
"Man sehe nur, wie weit sich z.B. Genosse Jakowljew auf der letzten Kursker Gouvernements-Parteikonferenz verstiegen hat: 'Können wir', fragt er, 'in einem Lande, wo uns von allen Seiten kapitalistische Feinde umgeben, können wir unter solchen Verhältnissen in einem Lande den Sozialismus errichten?' Und er antwortet: 'Auf Grund des Gesagten haben wir das Recht zu behaupten, daß wir nicht nur am Sozialismus bauen, sondern daß wir, obwohl wir einstweilen allein sind, obwohl wir einstweilen das einzige Sowjetland der Welt, der einzige Sowjetstaat sind, den Sozialismus wirklich aufbauen werden.' (Kurskaja Prawda Nr. 279 vom 8. Dezember 1925.) Ist das eine leninistische Fragestellung, riecht das nicht nach nationaler Beschränktheit?"
Somit heißt es nach Sinowjew, auf dem Standpunkte der nationalen Beschränktheit stehen, wenn man die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande anerkennt, und auf dem Standpunkte des Internationalismus stehen, wenn man diese Möglichkeit verneint.
Wenn das aber stimmt, lohnt es sich dann überhaupt, den Kampf für den Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft zu führen? Folgt nicht daraus, daß ein solcher Sieg unmöglich ist?
Kapitulation vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft - dahin führt die innere Logik der Argumentation Sinowjews.
Und diese Ungereimtheit, die mit dem Leninismus nichts gemein hat, wird uns von Sinowjew als "Internationalismus", als "hundertprozentiger Leninismus" aufgetischt!
Ich behaupte, daß Sinowjew in der so wichtigen Frage des Aufbaus des Sozialismus sich vom Leninismus abkehrt und zum Standpunkt des Menschewiks Suchanow hinabsinkt.
Wenden wir uns Lenin zu. Lenin sagte über den Sieg des Sozialismus in einem Lande noch vor der Oktoberrevolution, im August 1915:
"Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unabdingbares Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, daß der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande (von mir hervorgehoben. J. St.) der übrigen, kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 5, S. 134 / 135.)
Was bedeuten die von uns hervorgehobenen Worte Lenins: "nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande"? Das bedeutet, daß das Proletariat des siegreichen Landes die sozialistische Produktion im eigenen Lande nach der Machtergreifung organisieren kann und muß. Und was bedeutet "die Organisierung der sozialistischen Produktion"? Das bedeutet, die sozialistische Gesellschaft errichten. Es erübrigt sich nachzuweisen, daß diese klare und bestimmte These Lenins keines weiteren Kommentars bedarf. Andernfalls wäre es nicht verständlich, warum Lenin im Oktober 1917 zur Machtergreifung durch das Proletariat aufrief.
Man sieht, daß sich dieser klare Leitsatz Lenins von dem verworrenen und antileninistischen "Leitsatz" Sinowjews, wonach wir am Sozialismus "im Rahmen eines Landes" bauen können, daß es aber unmöglich ist, ihn aufzubauen, unterscheidet wie Himmel und Erde.
Das sagte Lenin im Jahre 1915, vor der Machtergreifung durch das Proletariat. Aber vielleicht haben sich seine Ansichten nach den Erfahrungen der Machtergreifung, nach 1917, geändert? Wenden wir uns der Schrift Lenins "Über das Genossenschaftswesen" zu, die im Jahre 1923 verfaßt wurde.
"In der Tat", sagt Lenin, "die Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft uws. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als Krämerei behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NÖP, genau so zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist." (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 9, S. 437.)
Mit anderen Worten: wir können und müssen die vollendete sozialistische Gesellschaft errichten, denn wir haben alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist.
Ich glaube, klarer kann man sich kaum ausdrücken.
Man vergleiche diesen klassischen Leitsatz Lenins mit der antileninistischen Erwiderung Sinowjews an Jakowljew, und man wird begreifen, daß Jakowljew nur die Worte Lenins über die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande wiederholt hat, während Sinowjew, der sich gegen diesen Leitsatz wendet und Jakowljew geißelt, von Lenin abgerückt ist und sich auf den Standpunkt des Menschewiks Suchanow gestellt hat, auf den Standpunkt, daß die Errichtung des Sozialismus in unserem Lande infolge seiner technischen Rückständigkeit unmöglich sei.
Unbekannt bleibt nur, wozu wir denn im Oktober 1917 die Macht ergriffen haben, wenn wir nicht darauf rechneten, den Sozialismus zu errichten?
Man hätte im Oktober 1917 nicht die Macht ergreifen sollen - das ist die Schlußfolgerung, zu der die innere Logik der Argumentation Sinowjews führt.
Ich behaupte ferner, daß Sinowjew in der so wichtigen Frage des Sieges des Sozialismus gegen bestimmte Beschlüsse unserer Partei zu Felde zieht, die in der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz "Über die Aufgaben der Komintern und der KPR (B) im Zusammenhang mit der Erweiterten Plenartagung des EKKI" festgelegt worden sind.
Wenden wir uns dieser Resolution zu. Dort wird über den Sieg des Sozialismus in einem Lande gesagt:
"Das Bestehen zweier diametral entgegengesetzter gesellschaftlicher Systeme ruft die ständige Gefahr der kapitalistischen Blockade, anderer Formen des ökonomischen Druckes, der bewaffneten Intervention und der Restauration hervor. Die einzige Garantie für den endgültigen Sieg des Sozialismus, das heißt die Garantie gegen die Restauration ist folglich die siegreiche sozialistische Revolution in einer Reihe von Ländern ..." "Der Leninismus lehrt, daß der endgültige Sieg des Sozialismus im Sinne der vollen Garantie gegen eine Restauration der bürgerlichen Verhältnisse nur im internationalen Maßstab möglich ist ..." "Daraus folgt keineswegs, daß die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem so rückständigen Lande wie Rußland ohne 'staatliche Hilfe' (Trotzki) der in technischer und ökonomischer Hinsicht entwickelteren Länder unmöglich sei." (Siehe Resolution.)
Man sieht, die Resolution behandelt den endgültigen Sieg des Sozialismus im Sinne der Garantie gegen die Intervention und die Restauration - in vollem Gegensatz zur Auffassung Sinowjews in seinem Buche "Leninismus".
Man sieht, die Resolution erkennt an, daß die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem so rückständigen Lande wie Rußland ohne 'staatliche Hilfe' der in technischer und ökonomischer Hinsicht entwickelteren Länder möglich ist - in vollem Gegensatz zu der gegenteiligen Behauptung Sinowjews in seiner Erwiderung an Jakowljew im Schlußwort auf dem XIV. Parteitag.
Wie soll man das anders nennen als einen Kampf Sinowjews gegen die Resolutionen der XIV. Parteikonferenz?
Freilich sind Parteiresolutionen manchmal nicht ohne Mängel. Es kommt vor, daß Parteiresolutionen Fehler enthalten. Allgemein gesprochen wäre die Annahme zulässig, daß auch die Resolution der XIV. Parteikonferenz einige Fehler enthalte. Es ist möglich, daß Sinowjew diese Resolution für fehlerhaft hält. Dann aber muß man das klar und offen aussprechen, wie es einem Bolschewik ziemt. Das tut jedoch Sinowjew aus irgendeinem Grunde nicht. Er zog es vor, einen anderen Weg zu wählen und die Resolutionen der XIV. Parteikonferenz aus dem Hinterhalt anzugreifen, ohne diese Resolution zu erwähnen und ohne irgendeine offene Kritik an der Resolution zu üben. Sinowjew glaubt offenbar, daß man auf diesem Wege am besten zum Ziele kommt. Sein Ziel aber ist das eine: die Resolution zu "verbessern" und Lenin "ein klein wenig" zu korrigieren. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, daß Sinowjew sich in seinen Berechnungen getäuscht hat.
Woher kommt der Fehler Sinowjews? Wo steckt die Wurzel dieses Fehlers?
Die Wurzel dieses Fehlers liegt meines Erachtens in der Überzeugung Sinowjews, daß die technische Rückständigkeit unseres Landes ein unüberwindliches Hindernis für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft sei, daß das Proletariat infolge der technischen Rückständigkeit unseres Landes den Sozialismus nicht errichten könne. Sinowjew und Kamenew versuchten einmal, mit diesem Argument in einer der Sitzungen des Zentralkomitees der Partei vor der Aprilkonferenz der Partei aufzutreten. Aber sie holten sich eine Abfuhr und waren gezwungen, den Rückzug anzutreten, indem sie sich formell dem entgegengesetzten Standpunkt, dem Standpunkt der Mehrheit des Zentralkomitees, unterordneten. Obwohl sich aber Sinowjew formell diesem Standpunkt untergeordnet hatte, setzte er den Kampf gegen denselben die ganze Zeit fort. Über diesen "Zwischenfall" im ZK der KPdSU (B) sagt das Moskauer Komitee unserer Partei in seiner "Antwort" auf den Brief der Leningrader Gouvernements-Parteikonferenz:
"Noch vor kurzem haben Kamenew und Sinowjew im Politbüro den Standpunkt vertreten, daß wir infolge unserer technischen und ökonomischen Rückständigkeit nicht imstande sein würden, mit den inneren Schwierigkeiten fertig zu werden, es sei denn, daß uns die internationale Revolution rette. Wir aber, zusammen mit der Mehrheit des Zentralkomitees, meinen, daß wir den Sozialismus bauen können, daß wir ihn bauen und den Aufbau zu Ende führen werden, ungeachtet unserer technischen Rückständigkeit und ihr zum Trotz.
Wir meinen, daß dieser Aufbau selbstverständlich viel langsamer vor sich gehen wird, als es bei einem Sieg im Weltmaßstabe der Fall wäre, aber dennoch schreiten wir vorwärts und werden vorwärtsschreiten. Ebenso sind wir der Ansicht, daß der Standpunkt Kamenews und Sinowjews den Unglauben an die inneren Kräfte unserer Arbeiterklasse und der ihr folgenden Bauernmassen zum Ausdruck bringt. Wir sind der Ansicht, daß dieser Standpunkt eine Abkehr von der Leninschen Position bedeutet." (Siehe 'Antwort'.)
Dieses Dokument erschien in der Presse während der ersten Sitzungen des XIV. Parteitages. Sinowjew hatte natürlich die Möglichkeit, noch auf dem Parteitag gegen dieses Dokument Stellung zu nehmen. Es ist bezeichnend, daß Sinowjew und Kamenew keine Argumente gegen diese schwere Beschuldigung fanden, die vom Moskauer Komitee unserer Partei gegen sie erhoben wurde. Ist das ein Zufall? Ich glaube, daß es kein Zufall ist. Die Beschuldigung hat offenbar ins Schwarze getroffen. Sinowjew und Kamenew haben auf diese Beschuldigung darum mit Schweigen "geantwortet", weil sie nichts hatten, was sie dagegen ins Treffen führen konnten.
Die neue Opposition ist gekränkt, daß man Sinowjew des Unglaubens an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande beschuldigt. Aber wenn Sinowjew, nachdem die Frage des Sieges des Sozialismus ein einem Lande ein volles Jahr diskutiert wurde, nachdem der Standpunkt Sinowjews vom Politbüro des Zentralkomitees (April 1925) abgelehnt wurde, nachdem sich schon eine bestimmte Meinung der Partei über diese Frage herausgebildet hatte, die in der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz (April 1925) niedergelegt worden ist, wenn Sinowjew sich nach alledem entschließt, in seinem Buch "Leninismus" (September 1925) gegen den Standpunkt der Partei aufzutreten, wenn er dann dieses Auftreten auf dem XIV. Parteitag wiederholt - wie soll man das alles, diese Verstocktheit, diese Hartnäckigkeit bei der Verteidigung seines Fehlers, anders erklären als damit, daß Sinowjew angesteckt, hoffnungslos angesteckt ist mit dem Unglauben an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande?
Sinowjew beliebt, diesen seinen Unglauben als Internationalismus hinzustellen. Aber seit wann wird bei uns die Abkehr vom Leninismus in der Kardinalfrage des Leninismus als Internationalismus hingestellt?
Wird es nicht richtiger sein zu sagen, daß nicht die Partei, sondern Sinowjew sich hier gegen den Internationalismus und die internationale Revolution versündigt? Denn was ist unser Land, das Land "des Sozialismus im Aufbau", anderes als die Basis der Weltrevolution? Kann es aber die wirkliche Basis der Weltrevolution sein, wenn es nicht fähig ist, die sozialistische Gesellschaft zu errichten? Kann es das gewaltige Anziehungszentrum für die Arbeiter aller Länder, das es jetzt zweifellos ist, bleiben, wenn es unfähig ist, im eigenen Lande den Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft, den Sieg des sozialistischen Aufbaus zu erringen? Ich glaube, nein. Folgt aber daraus nicht, daß der Unglaube an den Sieg des sozialistischen Aufbaus, die Propagierung dieses Unglaubens zur Diskreditierung unseres Landes als der Basis der Weltrevolution führt, die Diskreditierung unseres Landes führt aber zur Schwächung der revolutionären Weltbewegung.
Wodurch suchten die Herren Sozialdemokraten die Arbeiter von uns abzuschrecken? Durch die Propaganda, daß "bei den Russen nichts herauskommen wird". Womit schlagen wir jetzt die Sozialdemokraten, indem ganze Scharen von Arbeiterdelegationen zu uns strömen und dadurch die Positionen des Kommunismus in der ganzen Welt gestärkt werden? Mit unseren Erfolgen beim Aufbau des Sozialismus. Ist es aber nunmehr nicht klar, daß derjenige, der den Unglauben an unsere Erfolge beim Aufbau des Sozialismus propagiert, indirekt den Sozialdemokraten hilft, die Schwungkraft der internationalen revolutionären Bewegung schwächt und sich unvermeidlich vom Internationalismus abwendet? ...
Man sieht, daß es mit dem "Internationalismus" Sinowjews durchaus nicht besser bestellt ist als mit seinem "hundertprozentigen Leninismus" in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande.
Deshalb hat der XIV. Parteitag richtig gehandelt, als er die Ansichten der neuen Opposition als "Unglauben an den Aufbau des Sozialismus" und als "Entstellung des Leninismus" kennzeichnete.
Kapitel 7: Der Kampf für den Sieg des sozialistischen Aufbaus
Ich denke, daß der Unglaube an den Sieg des sozialistischen Aufbaus der Hauptfehler der neuen Opposition ist. Dieser Fehler ist meines Erachtens deshalb der Hauptfehler, weil sich aus ihm alle übrigen Fehler der neuen Opposition ergeben. Die Fehler der neuen Opposition in der Frage der NÖP, des Staatskapitalismus, der Natur unserer sozialistischen Industrie, der Rolle der Genossenschaften unter der Diktatur des Proletariats, der Methoden des Kampfes gegen das Kulakentum, der Rolle und Bedeutung der Mittelbauernschaft - alle diese Fehler folgen aus dem Hauptfehler der Opposition, dem Unglauben an die Möglichkeiten der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften unseres Landes.
Was ist der Unglaube an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande?
Das ist vor allem die mangelnde Überzeugung, daß die Hauptmassen der Bauernschaft, infolge bestimmter Entwicklungsbedingungen unseres Landes, in das Werk des sozialistischen Aufbaus EINBEZOGEN WERDEN KÖNNEN.
Das ist zweitens die mangelnde Überzeugung, daß das Proletariat unseres Landes, das die Kommandohöhen der Volkswirtschaft innehat, FÄHIG ist, die Hauptmassen der Bauernschaft in das Werk des sozialistischen Aufbaus einzubeziehen.
Von diesen Voraussetzungen geht die Opposition in ihren Entwürfen über die Wege unserer Entwicklung stillschweigend aus - einerlei, ob sie das bewußt oder unbewußt tut.
Kann man die Hauptmasse der Sowjetbauernschaft in das Werk des sozialistischen Aufbaus einbeziehen?
In der Schrift "Über die Grundlagen des Leninismus" sind diesbezüglich zwei grundlegende Leitsätze enthalten:
- "Man darf die Bauernschaft der Sowjetunion nicht mit der Bauernschaft des Westens verwechseln. Eine Bauernschaft, die durch die Schule dreier Revolutionen gegangen ist, die gegen den Zaren und die bürgerliche Macht zusammen mit dem Proletariat und mit dem Proletariat an der Spitze gekämpft hat, eine Bauernschaft, die Land und Frieden aus der Hand der proletarischen Revolution erhalten hat und infolgedessen zur Reserve des Proletariats geworden ist - eine solche Bauernschaft muß sich von derjenigen Bauernschaft unterscheiden, die während der bürgerlichen Revolution unter der Führung der liberalen Bourgeoisie gekämpft hat, die den Grund und Boden aus der Hand dieser Bourgeoisie erhalten hat und infolgedessen zur Reserve der Bourgeoisie geworden ist. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, daß die Sowjetbauernschaft, die die politische Freundschaft und die POLITISCHE Zusammenarbeit mit dem Proletariat schätzen gelernt hat und die dieser Freundschaft und dieser Zusammenarbeit ihre Freiheit verdankt, für die ÖKONOMISCHE Zusammenarbeit mit dem Proletariat ganz besonders geeignet sein muß."
- "Man darf die Landwirtschaft Rußlands nicht mit der Landwirtschaft des Westens verwechseln. Dort vollzieht sich die Entwicklung der Landwirtschaft in den gewöhnlichen Bahnen des Kapitalismus, unter den Verhältnissen einer tiefgehenden Differenzierung der Bauernschaft, mit großen Gütern und privatkapitalistischen Latifundien auf dem einen Pol und mit Pauperismus, Elend und Lohnsklaverei auf dem anderen. Dort sind infolgedessen Zerfall und Zersetzung ganz natürlich. Anders in Rußland. Bei uns kann die Entwicklung der Landwirtschaft schon deswegen nicht diesen Weg gehen, weil das Bestehen der Sowjetmacht und die Nationalisierung der wichtigsten Produktionsmittel und -instrumente eine solche Entwicklung nicht zulassen. In Rußland muß die Entwicklung der Landwirtschaft einen anderen Weg gehen, den Weg der genossenschaftlichen Organisierung der Millionen Klein- und Mittelbauern, den Weg der Entwicklung von Massengenossenschaften auf dem Lande, die vom Staat durch Gewährung von Vorzugskrediten unterstützt werden. Lenin hat in seinen Artikeln über das Genossenschaftswesen treffend darauf hingewiesen, daß die Entwicklung der Landwirtschaft bei uns einen neuen Weg gehen muß, den Weg der Einbeziehung der Mehrheit der Bauern in den sozialistischen Aufbau durch die Genossenschaft, den Weg der allmählichen Durchdringung der Landwirtschaft mit den Prinzipien des Kollektivismus, zuerst auf dem Gebiete des Absatzes und dann auf dem Gebiete der Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse ... Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, daß die gewaltige Mehrheit der Bauernschaft gern diesen neuen Entwicklungsweg beschreiten und den Weg der privatkapitalistischen Latifundien und der Lohnsklaverei, den Weg des Elends und des Ruins verschmähen wird."
Sind diese Leitsätze richtig?
Ich glaube, diese beiden Leitsätze sind richtig und unbestreitbar für unsere gesamte Aufbauperiode unter den Bedingungen der NÖP.
Sie sind nur der Ausdruck der bekannten Thesen Lenins über den Zusammenschluß des Proletariats und der Bauernschaft, über die Einbeziehung der Bauernwirtschaften in das System der sozialistischen Entwicklung des Landes, darüber, daß das Proletariat zusammen mit den Hauptmassen der Bauernschaft zum Sozialismus fortschreiten muß, daß die genossenschaftliche Organisierung der Millionenmassen der Bauernschaft die breite Heerstraße des sozialistischen Aufbaus im Dorfe ist, daß beim Wachstum unserer sozialistischen Industrie "das einfache Wachstum der Genossenschaften für uns identisch ist mit dem Wachstum des Sozialismus". (Lenin, Ausgewählte Werkek, Bd. 9, S. 442/443.)
In der Tat, welchen Weg kann und soll die Entwicklung der Bauernwirtschaft in unserem Lande gehen?
Die Bauernwirtschaft ist keine kapitalistische Wirtschaft. Die Bauernwirtschaft ist, wenn wir die erdrückende Mehrzahl der Bauernwirtschaften in Betracht ziehen, eine kleine Warenwirtschaft. Was aber ist eine kleine bäuerliche Warenwirtschaft? Das ist eine Wirtschaft, die am Scheidewege zwischen Kapitalismus und Sozialismus steht. Sie kann sich sowohl in der Richtung zum Kapitalismus entwickeln, wie das jetzt in den kapitalistischen Ländern geschieht, als auch in der Richtung zum Sozialismus, wie das bei uns, in unserem Lande, unter der Diktatur des Proletariats der Fall sein muß.
Woher kommt diese Unbeständigkeit, diese Unselbständigkeit der Bauernwirtschaft? Wodurch ist sie zu erklären?
Sie ist zu erklären durch die Zersplitterung der Bauernwirtschaften, durch ihre Unorganisiertheit, ihre Abhängigkeit von der Stadt, von der Industrie, vom Kreditsystem, vom Charakter der Staatsmacht im Lande, schließlich durch den allgemein bekannten Umstand, daß das Dorf sowohl in materieller als auch in kultureller Hinsicht der Stadt folgt und folgen muß.
Der kapitalistische Entwicklungsweg der Bauernwirtschaft bedeutet eine Entwicklung mit tiefgehender Differenzierung der Bauernschaft, mit großen Latifundien auf dem einen Pol und Massenverelendung auf dem anderen Pol. Dieser Entwicklungsweg ist in den kapitalistischen Ländern unvermeidlich, weil das Dorf, die Bauernwirtschaft, von der Stadt, von der Industrie, vom konzentrierten Kredit der Stadt, vom Charakter der Staatsmacht abhängt, in der Stadt aber die Bourgeoisie, die kapitalistische Industrie, das kapitalistische Kreditsystem, die kapitalistische Staatsmacht herrscht.
Ist dieser Entwicklungsweg der Bauernwirtschaften auch in unserem Lande obligatorisch, wo die Stadt ein völlig anderes Aussehen hat, wo die Industrie sich in der Hand des Proletariats befindet, wo das Verkehrswesen, das Kreditsystem, die Staatsmacht usw. in der Hand des Proletariats konzentriert sind, wo die Nationalisierung des Bodens ein allgemeines Gesetz im Lande ist? Natürlich nicht. Im Gegenteil. Gerade weil die Stadt der Führer des Dorfes ist und bei uns in der Stadt das Proletariat herrscht, das alle Kommandohöhen der Volkswirtschaft innehat, gerade deswegen müssen die Bauernwirtschaften in ihrer Entwicklung einen anderen Weg gehen, den Weg des sozialistischen Aufbaus.
Was ist das für ein Weg?
Das ist der Weg der genossenschaftlichen Massenorganisierung der Millionen Bauernwirtschaften in Genossenschaften aller Art, der Weg der Vereinigung der zersplitterten Bauernwirtschaften um die sozialistische Industrie, der Weg der Verbreitung der Grundlagen des Kollektivismus unter der Bauernschaft - zuerst auf dem Gebiete des ABSATZES der Erzeugnisse der Landwirtschaft und der VERSORGUNG der Bauernwirtschaften mit den Erzeugnissen der Stadt, späterhin aber auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen PRODUKTION.
Und je weiter, desto mehr wird dieser Weg unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats unvermeidlich, denn die genossenschaftliche Organisierung des Absatzes, die genossenschaftliche Organisierung der Versorgung und schließlich die genossenschaftliche Organisierung des Kredits und der Produktion (landwirtschaftliche Genossenschaften) ist der einzige Weg zur Hebung des Wohlstands im Dorfe, das einzige Mittel zur Rettung der breiten Bauernmassen vor Elend und Ruin.
Man sagt, daß die Bauernschaft bei uns ihrer Lage nach nicht sozialistisch, und daher einer sozialistischen Entwicklung unfähig sei. Es ist natürlich richtig, daß die Bauernschaft iher Lage nach nicht sozialistisch ist. Doch ist das kein Argument gegen die Entwicklung der Bauernwirtschaften in der Richtung zum Sozialismus, sobald erwiesen ist, daß das Dorf der Stadt folgt, in der Stadt aber die sozialistische Industrie herrscht. Während der Oktoberrevolution war die Bauernschaft ihrer Lage nach auch nicht sozialistisch, und sie wollte keineswegs den Sozialismus im Lande errichten. Sie wollte damals hauptsächlich die Beseitigung der Macht der Gutsbesitzer und die Beendigung des Krieges, sie wollte den Frieden. Nichtsdestoweniger folgte sie damals dem sozialistischen Proletariat. Warum? Weil der Sturz der Bourgeoisie und die Machtergreifung durch das sozialistische Proletariat damals der einzige Ausweg aus dem imperialistischen Kriege, der einzige Weg zum Frieden war. Weil es damals keine anderen Wege gab und geben konnte. Weil es unserer Partei damals gelungen war, herauszufühlen und herauszufinden, bis zu welchem Grad die Vereinigung und die Unterordnung der spezifischen Interessen der Bauernschaft (Sturz der Gutsbesitzer, Frieden) unter die allgemeinen Interessen des Landes (Diktatur des Proletariats) für die Bauernschaft annehmbar und vorteilhaft war. Und die Bauernschaft ist damals, obwohl sie nicht sozialistisch war, dem sozialistischen Proletariat gefolgt.
Das gleiche muß man vom sozialistischen Aufbau in unserem Lande, von der Einbeziehung der Bauernschaft in den Strom dieses Aufbaus sagen. Die Bauernschaft ist iherer Lage nach nicht sozialistisch. Aber sie muß und wird unbedingt den Weg der sozialistischen Entwicklung beschreiten, denn für die Bauernschaft gibt es und kann es keine anderen Wege geben, um sich vor Elend und Ruin zu retten, als den Zusammenschluß mit dem Proletariat, als den Zusammenschluß mit der sozialistischen Industrie, als die Einbeziehung der Bauernwirtschaft in den allgemeinen Strom der sozialistischen Entwicklung durch die genossenschaftliche Massenorganisierung der Bauernschaft.
Warum gerade durch die genossenschaftliche Massenorganisierung der Bauernschaft?
Weil wir in der genossenschaftlichen Massenorganisierung "jenen Grad der Vereinigung der Privatinteressen, der privaten Handelsinteressen, ihrer Überwachung und Kontrolle durch den Staat, den Grad ihrer Unterordnung unter die allgemeinen Interessen" (Lenin) gefunden haben, der für die Bauernschaft annehmbar und vorteilhaft ist und dem Proletariat die Möglichkeit sichert, die Hauptmasse der Bauernschaft in das Werk des sozialistischen Aufbaus einzubeziehen. Gerade weil es für die Bauernschaft vorteilhaft ist, den Absatz ihrer Waren und die Versorgung ihrer Wirtschaft mit Maschinen durch Genossenschaften zu organisieren, gerade darum muß und wird sie den Weg der genossenschaftlichen Massenorganisierung beschreiten.
Was bedeutet aber die genossenschaftliche Massenorganisierung der Bauernwirtschaften beim Vorherrschen einer sozialistischen Industrie?
Sie bedeutet die ABKEHR der bäuerlichen kleinen Warenwirtschaften von dem alten, dem kapitalistischen Weg, der die Bauernschaft zum Massenruin zu führen droht, und den Übergang auf einen neuen Entwicklungsweg, auf den Weg des sozialistischen Aufbaus.
Darum ist der Kampf für einen neuen Entwicklungsweg der Bauernschaft, der Kampf für die Einbeziehung der Hauptmasse der Bauernschaft in das Werk des Aufbaus des Sozialismus die nächste Aufgabe unserer Partei.
Der XIV. Parteitag der KpdSU (B) hat deshalb richtig gehandelt, als er beschloß:
"Der Hauptweg des Aufbaus des Sozialismus auf dem Lande besteht darin, bei zunehmender ökonomischer Führung seitens der sozialistischen staatlichen Industrie, der staatlichen Kreditinstitutionen und anderer in der Hand des Proletariats befindlicher Kommandohöhen die Hauptmasse der Bauernschaft in die genossenschaftliche Organisation einzubeziehen und dieser Organisation eine sozialistische Entwicklung zu sichern, wobei deren kapitalistische Elemente ausgenutzt, überwunden und verdrängt werden müssen."(Siehe Resolution des Parteitags zum Bericht des Zentralkomitees.)
Der größte Fehler der neuen Opposition besteht darin, daß sie an diesen neuen Entwicklungsweg der Bauernschaft nicht glaubt, die Unvermeidlichkeit dieses Weges unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats nicht sieht oder nicht begreift. Und zwar begreift sie dies deshalb nicht, weil sie nicht an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande glaubt, nicht an die Fähigkeit unseres Proletariats glaubt, die Bauernschaft den Weg des Sozialismus zu führen.
Daher das Unverständnis für den zwiespältigen Charakter der NÖP, die Überschätzung der negativen Seiten der NÖP und die Auffassung, daß die NÖP vorwiegend ein Rückzug sei.
Daher die Überschätzung der Rolle, die die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft spielen, und die Unterschätzung der Rolle, die den Hebeln unserer sozialistischen Entwicklung (sozialistische Industrie, Kreditsystem, Genossenschaften, Staatsmacht des Proletariats usw.) zukommt.
Daher das Unverständnis für die sozialistische Natur unserer staatlichen Industrie und die Zweifel an der Richtigkeit des Leninschen Genossenschaftsplans.
Daher die Überschätzung der Differenzierung im Dorfe, die Panik vor dem Kulaken, die Unterschätzung der Rolle des Mittelbauern, die Versuche, die Politik der Partei zur Sicherung des festen Bündnisses mit dem Mittelbauern zu vereiteln, und überhaupt das Hin- und Herpendeln in der Frage der Politik der Partei auf dem Lande.
Daher das Unverständnis für die so gewaltige Arbeit der Partei zur Einbeziehung der Millionenmassen der Arbeiter und Bauern in den Aufbau der Industrie und Landwirtschaft, in die Belebung der Genossenschaften und der Sowjets, in die Verwaltung des Landes, in den Kampf gegen den Bürokratismus, in den Kampf für die Verbesserung und Umgestaltung unseres Staatsapparates, ein Kampf, der eine neue Entwicklungsphase bezeichnet und ohne den kein sozialistischer Aufbau denkbar ist.
Daher die Hoffnungslosigkeit und Ratlosigkeit gegenüber den Schwierigkeiten unseres Aufbaus, die Zweifel an der Möglichkeit der Industrialisierung unseres Landes, das pessimistische Geschwätz über die Entartung der Partei usw.
Bei ihnen, bei den Bourgeois, sei alles mehr oder minder gut, bei uns aber, bei den Proletariern, mehr oder minder schlecht; wenn vom Westen nicht rechtzeitig die Revolution kommt, so sei unsere Sache verloren - das ist der allgemeine Ton der neuen Opposition, der meines Erachtens ein liquidatorischer Ton ist, aber von der Opposition aus irgendeinem Grunde (wohl spaßeshalber) für "Internationalismus" ausgegeben wird.
Die NÖP sei Kapitalismus, sagt die Opposition. Die NÖP sei vorwiegend ein Rückzug, sagt Sinowjew. Das alles ist natürlich falsch. In Wirklichkeit ist die NÖP eine Politik der Partei, die den Kampf der sozialistischen und der kapitalistischen Elemente zuläßt und auf den Sieg der sozialistischen Elemente über die kapitalistischen Elemente abzielt. In Wirklichkeit hatte die NÖP bloß mit einem Rückzug begonnen, sie zielt aber darauf ab, im Verlaufe des Rückzugs eine Umgruppierung der Kräfte vorzunehmen und die Offensive zu ergreifen. In Wirklichkeit führen wir schon seit mehreren Jahren eine Offensive, führen sie mit Erfolg, indem wir unsere Industrie entwickeln, den Sowjethandel entfalten und das Privatkapital zurückdrängen.
Was ist aber der Sinn der These: die NÖP ist Kapitalismus, die NÖP ist vorwiegend ein Rückzug? Wovon geht diese These aus?
Sie geht von der falschen Annahme aus, daß bei uns gegenwärtig eine einfache Wiederherstellung des Kapitalismus, eine einfache "Rückkehr" des Kapitalismus stattfinde. Nur durch diese Annahme kann man die Zweifel der Opposition über die sozialistische Natur unserer Industrie erklären. Nur durch diese Annahme kann man die Panik der Opposition vor dem Kulaken erklären. Nur durch diese Annahme kann man die Voreiligkeit erklären, mit der die Opposition die falschen Zahlen über die Differenzierung der Bauernschaft aufgriff. Nur durch diese Annahme kann man die besondere Vergeßlichkeit der Opposition gegenüber der Tatsache erklären, daß der Mittelbauer bei uns die zentrale Figur der Landwirtschaft ist. Nur durch diese Annahme kann man die Unterschätzung der Bedeutung des Mittelbauern und die Zweifel über Lenins Genossenschaftsplan erklären. Nur durch diese Annahme kann man den Unglauben der neuen Opposition an den Entwicklungsweg des Dorfes, an den Weg der Einbeziehung des Dorfes in den sozialistischen Aufbau "begründen".
In Wirklichkeit vollzieht sich bei uns jetzt nicht der einseitige Prozeß der Wiederherstellung des Kapitalismus, sondern der doppelseitige Prozeß der Entwicklung des Kapitalismus und der Entwicklung des Sozialismus, der widerspruchsvolle Prozeß des Kampfes der sozialistischen Elemente gegen die kapitalistischen Elemente, der Prozeß der Überwindung der kapitalistischen Elemente durch die sozialistischen Elemente. Dies ist gleichermaßen unbestreitbar für die Stadt, wo die staatliche Industrie die Basis für den Sozialismus ist, wie für das Dorf, wo die mit der sozialistischen Industrie eng verbundene Massengenossenschaft den grundlegenden Anknüpfungspunkt der sozialistischen Entwicklung bildet.
Die einfache Wiederherstellung des Kapitalismus ist schon deswegen unmöglich, weil bei uns die Staatsmacht proletarisch ist, die Großindustrie sich in der Hand des Proletariats befindet und der proletarische Staat über das Verkehrs- und Kreditwesen verfügt.
Die Differenzierung kann nicht die früheren Dimensionen annehmen, der Mittelbauer bleibt die Hauptmasse der Bauernschaft, der Kulak aber kann schon allein deswegen nicht die frühere Stärke erlangen, weil der Grund und Boden bei uns nationalisiert ist, nicht gekauft und verkauft werden kann, und weil unsere Handels-, Kredit-, Steuer- und Genossenschaftspolitik darauf gerichtet ist, die Ausbeutertendenzen des Kulakentums einzuschränken, den Wohlstand der breitesten Massen der Bauernschaft zu heben und die Extreme im Dorf auszugleichen. Ich spreche schon gar nicht davon, daß der Kampf gegen das Kulakentum bei uns jetzt nicht nur auf der alten Linie vor sich geht, auf der Linie der Organisierung der Dorfarmut gegen das Kulakentum, sondern auch auf einer neuen Linie, auf der Linie der Festigung des Bündnisses des Proletariats und der Dorfarmut mit den Massen der Mittelbauernschaft gegen den Kulaken. Die Tatsache, daß die Opposition Sinn und Bedeutung des Kampfes gegen das Kulakentum auf dieser zweiten Linie nicht versteht, diese Tatsache bestätigt ein übriges Mal, daß die Opposition auf den alten Entwicklungsweg des Dorfes abweicht, auf den Weg seiner kapitalistischen Entwicklung, unter welcher der Kulak und die Dorfarmut die Hauptkräfte des Dorfes bildeten, der Mittelbauer aber "weggespült" wurde.
Die Genossenschaften seien eine Abart des "Staatskapitalismus", sagt die Opposition unter Berufung auf Lenins Schrift "Die Naturalsteuer" und glaubt deswegen nicht an die Möglichkeit, die Genossenschaften als grundlegenden Anknüpfungspunkt für die sozialistische Entwicklung ausnützen zu können. Die Opposition begeht auch hier einen überaus groben Fehler. Diese Auffassung von den Genossenschaften war genügend und befriedigend im Jahre 1921, als die Schrift "Die Naturalsteuer" verfaßt wurde, als wir keine entwickelte sozialistische Industrie hatten, als Lenin an den Staatskapitalismus als die mögliche Grundform unserer Wirtschaft dachte und die Genossenschaften in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus betrachtete. Aber diese Auffassung genügt jetzt schon nicht mehr und ist von der Geschichte überholt, denn seither haben sich die Zeiten geändert, die sozialistische Industrie hat sich bei uns entwickelt, der Staatskapitalismus hat nicht in dem Maße, wie es wünschenswert war, Fuß gefaßt, die Genossenschaften aber, die jetzt über zehn Millionen Mitglieder umfassen, haben begonnen, sich mit der sozialistischen Industrie eng zu verbinden.
Wie ließe sich anders die Tatsache erklären, daß Lenin bereits zwei Jahre nach dem Erscheinen der Schrift "Die Naturalsteuer", im Jahre 1923, die Genossenschaften auf andere Art zu betrachten begann und meinte, daß "die Genossenschaften unter unseren Verhältnissen sich in der Regel völlig mit dem Sozialismus decken"? (Lenin, Ausgewählte Werke, Bd. 9, S. 442.)
Wie ließe sich das anders erklären als dadurch, daß die sozialistische Industrie während dieser zwei Jahre bereits emporzuwachsen vermochte, der Staatskapitalismus dagegen nicht in gebührendem Maße Fuß gefaßt hat, weswegen Lenin die Genossenschaften schon nicht mehr in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus, sondern in Gemeinschaft mit der sozialistischen Industrie zu betrachten begann?
Die Entwicklungsbedingungen der Genossenschaften hatten sich verändert. Auch die Behandlung der Frage des Genossenschaftswesens mußte sich ändern.
Da haben wir z.B. eine ausgezeichnete Stelle aus Lenins Schrift "Über das Genossenschaftswesen" (1923), die Licht in diese Frage bringt:
"UNTER DEM STAATSKAPITALISMUS[Anmerkung 14] unterscheiden sich genossenschaftliche Betriebe von staatskapitalistischen dadurch, daß sie erstens private, zweitens kollektive Betriebe sind. IN DER BEI UNS BESTEHENDEN GESELLSCHAFTSORDNUNG[Anmerkung 15] unterscheiden sich genossenschaftliche Betriebe von privatkapitalistischen als kollektive Betriebe, aber SIE UNTERSCHEIDEN SICH NICHT[Anmerkung 16] von sozialistischen Betrieben, wenn sie auf dem Grund und Boden gegründet und mit Produktionsmitteln ausgerüstet sind, die dem Staat, d.h. der Arbeiterklasse gehören." (Ebenda, S. 441/ 442.)
In diesem kleinen Zitat sind zwei große Fragen gelöst. Erstens, daß "die bei uns bestehende Gesellschaftsordnung" kein Staatskapitalismus ist. Zweitens, daß genossenschaftliche Betriebe, in Gemeinschaft mit "unserer Gesellschaftsordnung" genommen, sich von sozialistischen Betrieben "nicht unterscheiden".
Ich glaube, man könnte sich nicht deutlicher ausdrücken.
Und nun noch eine Stelle aus derselben Schrift Lenins:
"Das einfache Wachstum der Genossenschaften ist für uns (mit der obenerwähnten kleinen' Ausnahme) identisch mit dem Wachstum des Sozialismus, und zugleich damit müssen wir eine grundlegende Änderung unserer ganzen Auffassung vom Sozialismus zugeben." (Ebenda S. 442 / 443.)[5]
Es ist offenkundig, daß wir es in der Schrift "Über das Genossenschaftswesen" mit einer neuen Einschätzung der Genossenschaften zu tun haben, was die neue Opposition nicht zugeben will und was sie sorgfältig verschweigt, den Tatsachen zum Trotz, der offenkundigen Wahrheit zum Trotz, dem Leninismus zum Trotz.
Die Genossenschaften in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus und die Genossenschaften in Gemeinschaft mit der sozialistischen Industrie sind zwei verschiedene Dinge.
Daraus darf jedoch nicht gefolgert werden, daß zwischen den Schriften "Die Naturalsteuer" und "Über das Genossenschaftswesen" ein Abgrund liege. Das wäre natürlich falsch. Es genügt z.B. folgende Stelle aus der Schrift "Die Naturalsteuer" anzuführen, um sogleich die untrennbare Verbindung zwischen den Schriften "Die Naturalsteuer" und "Über das Genossenschaftswesen" in der Einschätzung der Genossenschaften festzustellen. Diese Stelle lautet:
"Der Übergang von den Konzessionen zum Sozialismus bedeutet den Übergang von einer Form der Großproduktion zu einer anderen Form der Großproduktion. Der Übergang von den Genossenschaften der Kleinbesitzer zum Sozialismus ist der Übergang von der Kleinproduktion zur Großproduktion, d.h. ein komplizierter Übergang, der aber dafür im Falle des Gelingens geeignet ist, breitere Massen der Bevölkerung zu erfassen, geeignet ist, die tieferen und zäheren Wurzeln der alten, VORSOZIALISTISCHEN,[Anmerkung 17] ja selbst vorkapitalistischen Verhältnisse auszureißen, die im Sinne des Widerstandes gegen jede Neuerung' am zählebigsten sind." (Lenin, sämtliche Werke, Bd. XXVI, S. 421.)
Aus diesem Zitat ist ersichtlich, daß Lenin bereits zur Zeit der "Naturalsteuer", als es bei uns noch keine entwickelte sozialistische Industrie gab, es für möglich hielt, die Genossenschaften IM FALLE DES GELINGENS in ein mächtiges Kampfmittel gegen die "vorsozialistischen" und folglich auch gegen die KAPITALISTISCHEN VERHÄLTNISSE zu verwandeln. Ich glaube, daß es gerade dieser Gedanke war, der ihm in der Folge als Ausgangspunkt für seine Schrift "Über das Genossenschaftswesen" diente.
Was aber folgt aus alledem?
Daraus folgt, daß die neue Opposition an die Genossenschaftsfrage nicht marxistisch, sondern metaphysisch herangeht. Sie betrachtet die Genossenschaften nicht als historische Erscheinung, die in Gemeinschaft mit anderen Erscheinungen genommen wird, sagen wir, in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus (im Jahre 1921) oder mit der sozialistischen Industrie (im Jahre 1923), sondern als etwas Feststehendes und ein für allemal Gegebenes, als "Ding an sich".
Daher die Fehler der Opposition in der Genossenschaftsfrage, daher ihr Unglaube an die Entwicklung des Dorfes zum Sozialismus mit Hilfe der Genossenschaft, daher das Abschwenken der Opposition auf den alten Weg, auf den Weg der kapitalistischen Entwicklung des Dorfes.
Das ist im allgemeinen die Stellung der neuen Opposition in den praktischen Fragen des sozialistischen Aufbaus.
Die Schlußfolgerung hieraus ist die eine: die Linie der Opposition, soweit sie eine Linie hat, die Schwankungen der Opposition, ihr Unglaube und ihre Ratlosigkeit gegenüber den Schwierigkeiten führen zur Kapitulation vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft. Denn, wenn die NÖP vorwiegend ein Rückzug ist, wenn die sozialistische Natur der staatlichen Industrie angezweifelt wird, wenn der Kulak nahezu allmächtig ist, wenn auf die Genossenschaften wenig zu hoffen ist, die Rolle des Mittelbauern fortschreitend geringer wird, der neue Entwicklungsweg des Dorfes zweifelhaft ist, die Partei fast entartet, die Revolution vom Westen aber noch nicht so nahe ist, was bleibt nach alledem im Arsenal der Opposition übrig, worauf rechnet sie im Kampfe gegen die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft? Man kann doch nicht allein mit der "Philosophie der Epoche" in den Kampf ziehen.
Es ist klar, daß das Arsenal der neuen Opposition kein beneidenswertes ist, wenn man es überhaupt ein Arsenal nennen kann. Das ist kein Arsenal für den Kampf. Noch weniger für den Sieg.
Es ist klar, daß sich die Partei mit einem solchen Arsenal "Hals über Kopf" ins Verderben stürzen würde, wenn sie sich in einen Kampf einließe, - sie würde einfach vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft kapitulieren müssen.
Darum hat der XIV. Parteitag völlig richtig gehandelt, als er in seinem Beschluß erklärte,
- daß "der Kampf für den Sieg des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion die grundlegende Aufgabe unserer Partei ist";
- daß eine der unerläßlichen Bedingungen zur Lösung dieser Aufgabe "der Kampf gegen den Unglauben an den Aufbau des Sozialismus in unserem Lande ist sowie gegen die Versuche, unsere Betriebe, die Betriebe von konsequent-sozialistischen Typus' (Lenin) sind, als staatskapitalistische' Betriebe hinzustellen";
- daß "ideologische Strömungen, die ein bewußtes Verhalten der Massen zum Aufbau des Sozialismus im allgemeinen und der sozialistischen Industrie im besonderen unmöglich machen, nur geeignet sind, das Wachstum der sozialistischen Elemente der Wirtschaft zu hemmen und ihre Bekämpfung durch das Privatkapital zu erleichtern";
- daß "der Parteitag deshalb eine umfassende Erziehungsarbeit zur Überwindung dieser Entstellungen des Leninismus für notwendig hält". (Siehe Resolution zum Bericht des ZK der KPdSU (B).)
Die historische Bedeutung des XIV. Parteitags der KPdSU (B) besteht darin, daß er es verstand, die Fehler der neuen Opposition bis auf die Wurzeln aufzudecken, daß er ihren Unglauben und ihr Flennen völlig unbeachtet ließ, klar und deutlich den Weg des weiteren Kampfes für den Sozialismus vorzeichnete, der Partei die Perspektive des Sieges gab und damit das Proletariat mit dem unerschütterlichen Glauben an den Sieg des sozialistischen Aufbaus ausgerüstet hat.
25. Januar 1926
Über die Bauernschaft als Verbündeten der Arbeiterklasse
Seite 82 - 84
Antwort an die Genossen P. F. Boltnew, W.I. Jefremow, W. I. Iwlew, 9. Februar 1926.
Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mit Verspätung antworte.
In meiner Rede[Anmerkung 18] heißt es keineswegs, dass die Arbeiterklasse die Bauernschaft als Verbündeten der Arbeiterklasse nur gegenwärtig braucht.
Dort heißt es nicht, dass nach dem Sieg der Revolution in einem der Länder Europas das Bündnis der Arbeiterklasse und Bauernschaft in Russland überflüssig sein wird. Ich glaube, Sie haben meine Rede auf der Moskauer Konferenz schlecht gelesen.
Dort heißt es lediglich, dass „die Bauernschaft der einzige Verbündete ist, der unserer Revolution schon jetzt direkte Hilfe leisten kann”. Folgt daraus, dass die Bauernschaft nach der siegreichen Revolution in Europa für die Arbeiterklasse unseres Landes überflüssig werden kann? Natürlich nicht.
Sie fragen: „Was wird aber, wenn die Weltrevolution stattgefunden hat, wenn man den vierten Verbündeten, die Bauernschaft, nicht mehr braucht? Welches wird unsere Einstellung ihr gegenüber sein?”
Erstens trifft es nicht zu, dass man die Bauernschaft „nach der Weltrevolution” nicht mehr braucht. Das trifft nicht zu, da unsere wirtschaftliche Aufbauarbeit „nach der Weltrevolution” mit Siebenmeilenstiefeln voranschreiten muss, man aber den Sozialismus ohne Bauernschaft ebenso wenig aufbauen kann, wie die Bauernschaft ohne das Proletariat aus dem Elend herauszukommen vermag. Also wird das Bündnis der Arbeiter und Bauern nach der siegreichen Revolution im Westen nicht schwächer werden, sondern im Gegenteil, es muss sich festigen.
Zweitens wird es „nach der Weltrevolution”, wenn sich unsere Aufbauarbeit um das Hundertfache verstärkt, dahin kommen, dass die Arbeiter und die Bauern als ökonomisch völlig verschiedene Gruppen verschwinden, dass sie sich in Werktätige der Landwirtschaft und der Fabrik verwandeln werden, das heißt, dass sie ihrer ökonomischen Lage nach einander gleichkommen werden. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass aus dem Bündnis der Arbeiter und Bauern allmählich eine Verschmelzung, eine völlige Einheit, eine einheitliche sozialistische Gesellschaft von ehemaligen Arbeitern und ehemaligen Bauern und sodann einfach von Werktätigen der sozialistischen Gesellschaft werden wird.
Das ist unsere Einstellung gegenüber der Bauernschaft „nach dem Sieg der Weltrevolution”.
In meiner Rede handelt es sich nicht darum, welche Einstellung unsere Partei in Zukunft zur Bauernschaft haben wird, sondern darum, welcher von den vier Verbündeten gerade jetzt, im gegebenen Augenblick, da die Kapitalisten im Westen sich etwas zu erholen beginnen, der unmittelbarste Verbündete und der unmittelbare Helfer der Arbeiterklasse ist.
Warum habe ich in meiner Rede die Frage gerade in diesem Sinne gestellt? Weil es in unserer Partei Leute gibt, die aus Dummheit oder Unverstand der Meinung sind, dass die Bauernschaft nicht unser Verbündeter sei. Ob es nun gut oder schlecht ist, dass es solche Leute in unserer Partei gibt, ist eine andere Frage, aber solche Leute gibt es. Ich wandte mich in meiner Rede gerade gegen diese Leute und erbrachte deshalb den Beweis, dass die Bauernschaft im gegebenen Augenblick der unmittelbarste Verbündete der Arbeiterklasse ist, dass Leute, die Misstrauen gegenüber der Bauernschaft säen, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind, die Sache unserer Revolution, das heißt sowohl die Sache der Arbeiter als auch die Sache der Bauern, zugrunde richten können.
Darum handelt es sich.
Mir scheint, Sie sind etwas gekränkt, weil ich die Bauernschaft als nicht sehr festen Verbündeten und nicht so zuverlässigen Verbündeten bezeichne, wie es das Proletariat der kapitalistisch entwickelten Länder ist. Ich sehe, Sie sind dadurch gekränkt. Aber habe ich etwa nicht Recht? Soll ich etwa die Wahrheit nicht offen aussprechen? Trifft es etwa nicht zu, dass die Bauernschaft während der Invasion Koltschaks und Denikins auf Schritt und Tritt schwankte, bald nach der Seite der Arbeiter hin, bald nach der Seite der Generale hin? Gab es denn wenig Bauern in den Armeen Denikins und Koltschaks, Bauern, die Freiwillige waren?
Ich beschuldige die Bauern nicht, denn ihr Schwanken erklärt sich durch ungenügendes Bewusstsein. Aber als Kommunist muss ich die Wahrheit offen aussprechen. So hat es uns Lenin gelehrt. Die Wahrheit aber ist, dass die Bauernschaft als Verbündeter der Arbeiterklasse in der schweren Stunde, als Koltschak und Denikin die Arbeiter hart bedrängten, nicht immer genügend Standhaftigkeit und Festigkeit aufbrachte.
Bedeutet das, dass man die Bauernschaft links liegenlassen kann, wie das jetzt einige unvernünftige Genossen tun, die die Bauernschaft überhaupt nicht für einen Verbündeten des Proletariats halten? Nein, das bedeutet es nicht. Die Bauernschaft links liegenlassen heißt sowohl gegen die Arbeiter als auch gegen die Bauern ein Verbrechen begehen. Wir werden alle Maßnahmen ergreifen, um das Bewusstsein der Bauern zu heben, sie aufzuklären, sie näher an die Arbeiterklasse als den Führer unserer Revolution heranzuziehen - und wir werden erreichen, dass die Bauernschaft ein immer festerer und zuverlässigerer Verbündeter des Proletariats in unserem Lande wird.
Und wenn die Revolution im Westen losbricht, dann wird die Bauernschaft vollends erstarken und zu einem der treuesten Verbündeten der Arbeiterklasse unseres Landes werden.
So ist die Einstellung der Kommunisten zur Bauernschaft als Verbündetem der Arbeiterklasse zu verstehen.
Mit kameradschaftlichem Gruß
J. Stalin
9. Februar 1926.
Zum erstenmal veröffentlicht.
Über die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande
Seite 85 - 87
Antwort an Genossen Pokojew, 10. Februar 1926.
Genosse Pokojew!
Ich schreibe mit Verspätung, wofür ich Sie und Ihre Genossen um Entschuldigung bitte.
Leider haben Sie unsere Meinungsverschiedenheiten auf dem XIV. Parteitag nicht verstanden. Es handelt sich gar nicht darum, dass die Opposition etwa behauptet habe, wir hätten noch nicht den Sozialismus erreicht, der Parteitag aber gesagt habe, wir hätten den Sozialismus bereits erreicht. Das stimmt nicht. In unserer Partei wird sich niemand finden, der sagen könnte, dass wir den Sozialismus bereits verwirklicht hätten.
Der Streit ging auf dem Parteitag gar nicht darum. Der Streit ging um folgendes: Der Parteitag sagte, dass die Arbeiterklasse im Bündnis mit der werktätigen Bauernschaft die Kapitalisten unseres Landes vollends schlagen und die sozialistische Gesellschaft errichten kann, selbst wenn ihr die siegreiche Revolution im Westen nicht zu Hilfe kommt. Die Opposition hingegen sagte, dass wir die eigenen Kapitalisten nicht vollends schlagen und die sozialistische Gesellschaft nicht errichten könnten, solange die Arbeiter im Westen nicht gesiegt hätten. Da sich nun aber die Sache mit dem Sieg der Revolution im Westen etwas verzögert, so bleibt uns offenbar nichts anderes übrig, als den Motor auf Leerlauf zu stellen. Der Parteitag sagte - und er sagte das in seiner Resolution zum Rechenschaftsbericht des ZK[6] -, dass solche Ansichten der Opposition Unglauben an den Sieg über die eigenen Kapitalisten bedeuten.
Darum ging es, werte Genossen.
Ds bedeutet natürlich nicht, dass wir die Hilfe der westeuropäischen Arbeiter nicht brauchen. Angenommen, die westeuropäischen Arbeiter sympathisierten nicht mit uns und erwiesen uns keine moralische Unterstützung. Angenommen, die westeuropäischen Arbeiter hinderten ihre Kapitalisten nicht daran, einen Feldzug gegen unsere Republik zu unternehmen. Was wäre die Folge davon? Die Folge davon wäre, dass die Kapitalisten gegen uns vorrücken und unsere Aufbauarbeit an der Wurzel untergraben oder gar uns völlig zerschlagen würden. Wenn die Kapitalisten einen solchen Versuch nicht unternehmen, so deshalb, weil sie fürchten, dass die Arbeiter im Falle eines Feldzugs gegen unsere Republik ihnen in den Rücken fallen. Das eben nennen wir Unterstützung unserer Revolution durch die westeuropäischen Arbeiter.
Aber zwischen der Unterstützung durch die Arbeiter des Westens und dem Sieg der Revolution im Westen besteht ein sehr, sehr großer Unterschied. Ohne die Unterstützung durch die Arbeiter des Westens könnten wir uns kaum gegen die uns umringenden Feinde behaupten. Schön und gut, wenn diese Unterstützung später in die siegreiche Revolution im Westen ausmündet. Dann wird der Sieg des Sozialismus in unserem Lande endgültig sein. Was aber dann, wenn diese Unterstützung nicht in den Sieg der Revolution im Westen ausmündet? Können wir ohne diesen Sieg im Westen die sozialistische Gesellschaft bauen und sie aufbauen? Der Parteitag hat geantwortet, dass wir das können. Sonst wäre es sinnlos gewesen, im Oktober 1917 die Macht zu ergreifen. Wenn wir nicht darauf gerechnet hätten, dass wir die eigenen Kapitalisten vollends schlagen können, dann hätten wir - das wird ein jeder sagen - die Macht im Oktober 1917 vergeblich ergriffen. Die Opposition hingegen sagt, dass wir die eigenen Kapitalisten mit unseren eigenen Kräften nicht vollends schlagen können.
Darin liegt der Unterschied zwischen uns.
Auf dem Parteitag wurde ferner über den endgültigen Sieg des Sozialismus gesprochen. Was bedeutet das? Das bedeutet die vollständige Garantie gegen die Intervention der ausländischen Kapitalisten und gegen die Wiederherstellung der alten Ordnung in unserem Land durch den bewaffneten Kampf dieser Kapitalisten gegen unser Land. Können wir mit unseren eigenen Kräften diese Garantie schaffen, das heißt die militärische Intervention des internationalen Kapitals unmöglich machen? Nein, das können wir nicht. Diese Aufgabe können wir nur gemeinsam mit den Proletariern des gesamten Westens lösen. Nur mit den Kräften der Arbeiterklasse aller Länder oder zumindest der ausschlaggebenden Länder Europas kann das internationale Kapital endgültig gezügelt werden. Hierzu bedarf es bereits des Sieges der Revolution in einigen Ländern Europas, ohne den der endgültige Sieg des Sozialismus unmöglich ist.
Und was ist schließlich die Schlussfolgerung?
Die Schlussfolgerung ist, dass wir die sozialistische Gesellschaft auch ohne den Sieg der Revolution im Westen aus eigener Kraft errichten können, für unser Land aber eine Garantie gegen die Anschläge des internationalen Kapitals zu schaffen, dazu ist unser Land allein nicht imstande - dazu bedarf es des Sieges der Revolution in einigen Ländern des Westens. Die Möglichkeit, den Sozialismus in unserem Lande zu errichten, und die Möglichkeit, unser Land gegen die Anschläge des internationalen Kapitals zu sichern, sind zwei verschiedene Dinge.
Ihr Fehler und der Fehler Ihrer Genossen bestehen meiner Meinung nach darin, dass Sie sich hierüber noch nicht klar geworden sind und diese beiden Fragen durcheinander gebracht haben.
Mit kameradschaftlichem Gruß
J. Stalin
PS. Sie sollten den (Moskauer) „Bolschewik”[Anmerkung 19] Nr. 3 zur Hand nehmen und dort meinen Artikel durchlesen. Das würde Ihnen die Sache erleichtern.
J. Stalin
10. Februar 1926.
Über Genossen Kotowski
Seite 88
„Kommunist“ (Charkow) Nr. 43 (1828), 23. Februar 1926.
Ich kannte Genossen Kotowski als vorbildlichen Parteiarbeiter, als erfahrenen militärischen Organisator und fähigen Kommandeur.
Besonders gut ist er mir von der polnischen Front her, aus dem Jahre 1920, in Erinnerung, als Genosse Budjonny durch das Hinterland der polnischen Armee hindurch gegen Shitomir vorstieß und Kotowski seine Kavalleriebrigade in tollkühnen Attacken gegen die im Gebiet Kiew stehende Armee der Polen führte. Er war der Schrecken der Weißpolen, denn er verstand es wie kein anderer, sie „kurz und klein zu schlagen” - wie die Rotarmisten damals sagten.
Als tapfersten unter unseren bescheidenen Kommandeuren und als bescheidensten unter den Tapferen - so habe ich Genossen Kotowski in Erinnerung.
Ihm sei ewiges Gedenken und ewiger Ruhm!
J. Stalin
„Kommunist“ (Charkow) Nr. 43 (1828), 23. Februar 1926.
Rede in der französischen Kommission des VI. erweiterten Plenums des EKKI
Seite 89 - 95
6. März 1926
Genossen! Leider bin ich mit den französischen Angelegenheiten wenig vertraut. Ich kann deshalb diese Frage nicht so erschöpfend behandeln, wie es hier notwendig wäre. Dennoch habe ich mir auf Grund der Reden, die ich hier auf der Plenartagung des EKKI gehört habe, eine bestimmte Meinung über die französischen Angelegenheiten gebildet, und ich halte es aus diesem Grunde für meine Pflicht, in der Kommission einige Bemerkungen zu machen.
Wir haben es hier mit mehreren Fragen zu tun.
Die erste Frage betrifft die politische Lage in Frankreich. Mich beunruhigt etwas die Sorglosigkeit gegenüber der gegenwärtigen politischen Lage in Frankreich, die in den Reden der Genossen durchklingt. Es entsteht der Eindruck, als sei die Lage in Frankreich mehr oder weniger ausgeglichen, als gehe es im allgemeinen so einigermaßen; es gibt zwar einige Schwierigkeiten, aber zu irgendeiner Krise werden sie wohl nicht führen usw. Das stimmt nicht, Genossen. Ich kann nicht sagen, dass Frankreich jetzt vor seinem Jahr 1923[Anmerkung 21] steht, bin aber dennoch der Meinung, dass es einer Krise entgegengeht. In dieser Beziehung halte ich sowohl die Thesen der Kommission als auch die Bemerkungen bestimmter Genossen für richtig.
Diese Krise ist von besonderer Art, denn in Frankreich gibt es keine Arbeitslosigkeit. Die Krise wird dadurch gemildert, dass Frankreich jetzt von deutschem Golde lebt. Aber das sind vorübergehende Erscheinungen, erstens, weil das deutsche Gold für Frankreich nicht ausreicht, um die Löcher im Innern zuzustopfen und die Schulden an England und Amerika zu bezahlen; zweitens, weil auch Frankreich der Arbeitslosigkeit nicht entgehen kann. Solange die Inflation, die den Export stimuliert, anhält, gibt es vielleicht keine Arbeitslosigkeit, später aber, wenn sich die Währung stabilisiert hat und sich die internationale Schuldenverrechnung auswirken wird, sind Konzentration der Industrie und Arbeitslosigkeit in Frankreich nicht zu vermeiden. Das untrüglichste Symptom dafür, dass Frankreich einer Krise entgegengeht, ist das Durcheinander, das in den regierenden Kreisen Frankreichs herrscht, ist der ständige Ministerwechsel, der in Frankreich vor sich geht.
Man darf die Entwicklung einer Krise niemals als aufsteigende Linie immer größer werdender Misserfolge darstellen. Eine solche Krise gibt es nicht. Eine revolutionäre Krise entwickelt sich gewöhnlich in einer Zickzacklinie; ein kleiner Misserfolg, dann eine Verbesserung der Lage, danach ein ernsterer Misserfolg, darauf ein gewisser Aufschwung usw. Die Tatsache, dass die Entwicklung der Krise im Zickzack vor sich geht, kann nicht zu der Annahme berechtigen, dass sich die Geschäfte der Bourgeoisie bessern.
Deshalb ist Sorglosigkeit hier gefährlich. Sie ist gefährlich, weil die Krise schneller voranschreiten kann, als man denkt, und dann können die französischen Genossen überrumpelt werden. Eine Partei aber, die überrumpelt wird, ist nicht imstande, die Ereignisse zu meistern. Deshalb hin ich der Meinung, dass die französische Kommunistische Partei auf das allmähliche Heranreifen einer revolutionären Krise Kurs halten muss. Und die französische Partei muss ihre Agitation und Propaganda darauf einstellen, dass die Hirne und Herzen der Arbeiter auf diese Krise vorbereitet werden.
Die zweite Frage betrifft die zunehmende rechte Gefahr innerhalb der Partei. Ich bin der Ansicht, dass es sowohl rings um die französische Kommunistische Partei als auch innerhalb der Partei bereits eine ziemlich solide Kampfgruppe von Rechten gibt, an deren Spitze Leute stehen, die aus der Partei ausgeschlossen sind und auch solche, die nicht ausgeschlossen sind - eine Gruppe, die der Kommunistischen Partei ständig zu schaffen machen wird. Ich habe soeben mit Cremet gesprochen. Er hat mir eine neue Tatsache darüber mitgeteilt, dass es nicht nur in der Partei, sondern auch in den Gewerkschaftsorganisationen Gruppierungen von Rechten gibt, die im geheimen arbeiten, manchenorts aber direkte Angriffe gegen den revolutionären Flügel der Kommunistischen Partei führen. Sogar Englers heutiges Auftreten ist in dieser Beziehung symptomatisch, und die Genossen müssen mit allem Ernst darauf aufmerksam gemacht werden.
In der Periode einer heranreifenden Krise erheben die Rechten stets das Haupt. Das ist ein allgemeines Gesetz der revolutionären Krise. Die Rechten erheben das Haupt, denn sie fürchten die revolutionäre Krise und sind deshalb bereit, alles zu tun, um die Partei zurückzuzerren und die heranreifende Krise nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Ich denke deshalb, dass die nächste Aufgabe der Kommunistischen Partei Frankreichs, die neue revolutionäre Kader schmieden und die Massen auf die Krise vorbereiten muss, darin besteht, den Rechten eine Abfuhr zu erteilen, sie zu isolieren.
Ist die Kommunistische Partei Frankreichs darauf vorbereitet, diese Abfuhr zu erteilen?
Ich komme zur dritten Frage, zur Lage in der führenden Gruppe der französischen Kommunistischen Partei. Es werden Stimmen darüber laut, dass man, uni die Rechten zu isolieren, aus der führenden Gruppe der französischen Kommunistischen Partei zwei Genossen entfernen müsse, die die Rechten zwar bekämpft, aber dabei grobe Fehler begangen haben. Ich meine Treint und Suzanne Girault. Ich will offen sprechen, denn es ist am besten, wenn man die Dinge bei ihrem Namen nennt.
Ich weiß nicht, inwieweit es zweckmäßig ist, den Angriff gegen die Rechten damit zu beginnen, dass man aus der führenden Gruppe diejenigen entfernt, die gegen die Rechten kämpfen. Ich nahm an, es würde im Gegenteil ein anderer Vorschlag eingebracht werden, etwa der Art: Da die Rechten frech geworden sind, da sie nach Einstellung des Erscheinens ihres Organs „Bulletin Communiste”[Anmerkung 22] eine Erklärung veröffentlicht haben, in der die Partei beschimpft wird - müsste man da die Angelegenheit nicht so anpacken, dass man diesen oder jenen von den Rechten politisch entlarvt, wenn nicht gar überhaupt aus der Partei ausschließt? Ich nahm an, die Frage würde angesichts der rechten Gefahr so gestellt werden. Ich nahm an, dass ich hier gerade eine solche Erklärung hören würde. Stattdessen schlägt man uns vor, die Isolierung der Rechten damit zu beginnen, dass man zwei der nicht zu den Rechten Gehörenden isoliert. Darin sehe ich keine Logik, Genossen!
Aber mit dieser Frage, der Frage des Kampfes gegen die Rechten, verflicht sich eine andere Frage, dass es nämlich innerhalb des Politbüros der Kommunistischen Partei Frankreichs keine geschlossene Mehrheitsgruppe gibt. Es ist völlig richtig, dass die Partei den Kampf weder gegen die rechte Gruppe noch gegen die „ultralinke” Gruppe führen kann, wenn es in der führenden Gruppe der Partei keine kompakte Mehrheit gibt, die an einem Strang zieht. Das ist völlig richtig. Ich bin der Ansicht, dass sich eine solche Gruppe herausbilden muss, und sie hat sich meiner Meinung nach um solche Genossen wie Semard, Cremet, Thorez, Monmousseau bereits herausgebildet oder wird sich in Kürze herausbilden. Eine solche Gruppe zu schaffen oder unter den Genossen, von denen ich sprach, sozusagen eine gute Zusammenarbeit in einer führenden Gruppe herzustellen, bedeutet, die Kräfte zu konzentrieren im Kampf gegen die Rechten. Sie können die Rechten nicht schlagen, da die Rechten im Wachsen begriffen sind und offenbar einige Wurzeln in der Arbeiterklasse Frankreichs haben. Sie können, wie gesagt, die Rechten nicht schlagen, wenn Sie nicht innerhalb der führenden Gruppe alle revolutionären Kommunisten zusammenfassen, die bereit sind, den Kampf gegen die Rechten bis zur letzten Konsequenz zu führen. Den Kampf gegen die Rechten damit zu beginnen, dass man die eigenen Kräfte zersplittert, ist unklug, ist unvernünftig. Sie können sowohl sich selbst schwächen als auch den Kampf gegen die Rechten verlieren, wenn die Kräfte nicht konzentriert werden.
Natürlich kann es sein, dass die französischen Genossen eine Konzentration aller Kräfte einschließlich Treint und Suzanne Girault nicht für möglich halten; es kann sein, dass sie das für unmöglich halten. Dann mögen die französischen Genossen auf ihrem ZK-Plenum oder auf ihrem Kongress entsprechende Veränderungen in der Zusammensetzung ihres Politbüros vornehmen. Mögen sie das allein tun, ohne das EKKI. Sie haben das Recht dazu.
Wir russischen Genossen haben erst kürzlich auf dem XIV. Parteitag eine bestimmte Entschließung angenommen, dass den Sektionen die Möglichkeit gegeben werden muss, in größerem Maße die Führung selbständig auszuüben. Wir verstehen darunter, dass nach Möglichkeit eine direkte Einmischung des EKKI in die Angelegenheiten der Sektionen, besonders in Fragen der Herausbildung führender Gruppen in unseren Kominternsektionen, vermieden werden soll. Zwingen Sie uns also nicht, Genossen, gegen die eben erst auf unserem Parteitag angenommenen Entschließungen zu verstoßen. Natürlich gibt es Fälle, in denen Repressalien gegenüber einzelnen Genossen notwendig sind, aber im gegebenen Augenblick sehe ich keine solche Notwendigkeit.
Deshalb denke ich, dass von unserer Kommission folgendes verlangt wird:
Erstens, eine klare politische Resolution zur französischen Frage auszuarbeiten, die die Losung des entschiedenen Kampfes gegen die Rechten enthält und die Fehler aufzeigt, die einige Genossen begangen haben.
Zweitens, den französischen Genossen den Rat zu erteilen, die führende Gruppe im ZK der Kommunistischen Partei Frankreichs um diese Resolution, die sich mit ihrer Spitze gegen die Rechten richten muss, zusammenzuschließen, das heißt, die Mitglieder dieser Gruppe zu verpflichten, diese Resolution mit vereinten Kräften gewissenhaft durchzuführen.
Drittens, den französischen Genossen den Rat zu erteilen, sich in ihrer praktischen Arbeit nicht zur Methode des Absägens, zur Methode der Repressalien hinreißen zu lassen.
Die vierte Frage ist die Frage der Arbeitergewerkschaften in Frankreich. Ich habe den Eindruck, dass einige französische Genossen diese Sache zu leicht nehmen. Ich kann mir denken, dass von Vertretern der Gewerkschaftskonföderation Fehler gemacht wurden, ich kann mir daher ebenfalls denken, dass auch vom ZK der französischen Kommunistischen Partei gegenüber der Konföderation Fehler gemacht wurden. Es ist ganz natürlich, dass Genosse Monmousseau weniger Bevormundung von Seiten der Partei wünscht. Das liegt in der Natur der Dinge, da zwei Organisationen parallel nebeneinander bestehen: die Partei und die Gewerkschaftskonföderation, zwischen denen es bisweilen zu gewissen Reibungen kommen muss. Das ist sowohl bei uns Russen als auch in allen kommunistischen Parteien der Fall - so etwas ist unvermeidlich. Aber es wird umso weniger Reibungen geben, je weniger sich das ZK der französischen Kommunistischen Partei in alle möglichen Kleinigkeiten der Gewerkschaften einmischt. Die Führung der Gewerkschaften lässt sich nur mit Hilfe der Kommunisten ausüben, die ständig in den Gewerkschaften arbeiten, nicht aber, wenn man sie umgeht. Bei uns, in der russischen Partei, gab es Fälle von Hypertrophie in Bezug auf die Führung der Gewerkschaften. Im Archiv unserer Partei könnten Sie eine ganze Reihe von Resolutionen unserer Parteitage finden, in denen gesagt wird, dass die Partei die Gewerkschaften nicht bevormunden, dass sie diese führen, nicht aber bevormunden soll. Ich fürchte, die französische Partei - mögen mir die Genossen das nicht übel nehmen - hat sich in dieser Beziehung ebenfalls ein wenig gegen die Gewerkschaften versündigt. Ich bin der Ansicht, dass die Partei die höchste Form der Organisation der Arbeiterklasse ist und dass man gerade deshalb größere Anforderungen an sie stellen muss. Deshalb müssen in erster Linie die Fehler des ZK beseitigt werden, damit das Verhältnis zu den Gewerkschaften besser und fester wird und Genosse Monmousseau und die anderen Gewerkschaftsfunktionäre in der Richtung arbeiten können, die vom Standpunkt der Kommunistischen Partei notwendig ist.
Die Partei kann sich, besonders unter den im Westen obwaltenden Verhältnissen nicht weiterentwickeln, die Partei kann sich nicht festigen, wenn sie nicht in den Gewerkschaften und ihren Führern eine starke Stütze hat. Nur die Partei, die es versteht, mit den Gewerkschaften und ihren Führern weitestgehend Verbindung zu halten, und die es versteht, auf wirklich proletarische Art Kontakt mit ihnen herzustellen, nur eine solche Partei kann die Mehrheit der Arbeiterklasse im Westen gewinnen. Sie wissen selbst, dass es ohne Gewinnung der Mehrheit der Arbeiter-klasse unmöglich ist, auf den Sieg zu rechnen.
Welches sind also die Schlussfolgerungen?
Die Schlussfolgerungen sind:
a) Frankreich geht einer Krise entgegen;
b) die rechten Elemente, die diese Krise wittern und sie fürchten, erheben das Haupt und sind bemüht, die Partei zurückzuzerren;
c) die nächste Aufgabe der Partei ist, die rechte Gefahr zu beseitigen, die Rechten zu isolieren;
d) um die Rechten zu isolieren, ist eine Konzentration aller wirklich kommunistischen Führer in der Parteiführung notwendig, die fähig sind, den Kampf gegen die Rechten bis zu Ende auszutragen;
e) damit die Konzentration der Kräfte im Kampf gegen die Rechten und bei der Vorbereitung der Arbeiter auf die revolutionäre Krise die gewünschten Resultate zeitigt, ist es erforderlich, dass sich die führende Gruppe auf die Gewerkschaften stützt und es versteht, mit den Gewerkschaften und ihren Funktionären auf wirklich proletarische Art Kontakt zu halten;
f) in der praktischen Arbeit darf man sich nicht zur Methode des Absägens, zur Methode der Repressalien gegenüber einzelnen Genossen hinreißen lassen, sondern muss hauptsächlich von der Methode der Überzeugung Gebrauch machen.
Zum erstenmal veröffentlicht.
Zum Internationalen Kommunistischen Frauentag
Seite 96
„Prawda“ Nr. 55, 7. März 1926
Flammende Grüße den Arbeiterinnen und werktätigen Frauen der ganzen Welt, die sich um das sozialistische Proletariat zu einer Familie der Werktätigen zusammenschließen.
Ich wünsche ihnen vollen Erfolg:
1. bei der Festigung der internationalen Verbundenheit der Arbeiter aller Länder und der Erringung des Sieges der proletarischen Revolution;
2. bei der Befreiung der rückständigen Schichten der werktätigen Frauen aus der geistigen und ökonomischen Knechtschaft der Bourgeoisie;
3. beim Zusammenschluss der Bäuerinnen um das Proletariat - den Führer der Revolution und die führende Kraft beim sozialistischen Aufbau;
4. bei der Verwandlung der beiden ihrer Lage nach noch ungleichen Teile der unterdrückten Massen in eine einheitliche Armee von Kämpfern für die Beseitigung jeglicher Nichtgleichberechtigung, für die Beseitigung jeglicher Unterdrückung, für den Sieg des Proletariats, für die Errichtung der neuen, sozialistischen Gesellschaft in unserem Land.
Es lebe der Internationale Kommunistische Frauentag!
J. Stalin
„Prawda“ Nr. 55, 7. März 1926
Rede in der deutschen Kommission des VI. erweiterten Plenums des EKKI
Seite 97 - 102
8. März 1926
Genossen!
Ich habe nur einige Bemerkungen.
1. Einige Genossen glauben, die kommunistischen Parteien des Westens müssten, wenn die Interessen der UdSSR dies erforderten, eine rechte Politik betreiben. Ich bin damit nicht einverstanden, Genossen. Ich muss sagen, dass eine solche Annahme mit den Grundsätzen, von denen wir russischen Genossen uns in unserer Arbeit leiten lassen, völlig unvereinbar ist. Ich vermag mir nicht vorzustellen, dass es jemals einen Fall geben könnte, wo die Interessen unserer Sowjetrepublik von unseren Bruderparteien Abweichungen nach rechts erforderten. Denn was bedeutet eine rechte Politik betreiben? Das bedeutet so oder anders die Interessen der Arbeiterklasse verraten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Interessen der UdSSR auch nur für eine Sekunde von unseren Bruderparteien einen Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse erfordern könnten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Interessen unserer Republik, die die Basis der revolutionären proletarischen Bewegung der ganzen Welt ist, nicht ein Höchstmaß an revolutionärem Elan und politischer Aktivität der Arbeiter des Westens, sondern eine Herabsetzung dieser Aktivität, ein Dämpfen des revolutionären Elans erfordern könnten. Eine solche Annahme ist für uns russische Genossen eine Beleidigung. Ich halte es daher für meine Pflicht, diese widersinnige und gänzlich widernatürliche Annahme voll und ganz zurückzuweisen.
2. Über das ZK der deutschen Kommunistischen Partei. Bei einigen Intellektuellen werden Stimmen laut, das ZK der deutschen Kommunistischen Partei sei schwach, es leite die Partei schwach an, das Fehlen der Intellektuellen im ZK wirke sich negativ auf seine Arbeit aus, es existiere gar kein ZK usw. All das trifft nicht zu, Genossen. Derartige Redereien halte ich für eines Kommunisten unwürdige Ausfälle von Intellektuellen. Das jetzige ZK der deutschen Kommunistischen Partei ist nicht durch Zufall zustande gekommen. Es wurde im Kampf gegen die rechten Fehler geboren. Es erstarkte im Kampf gegen die „ultralinken” Fehler. Daher ist es weder ein rechtes noch ein „ultralinkes” ZK. Es ist ein leninistisches ZK. Dies ist gerade die führende Arbeitergruppe, die die deutsche Kommunistische Partei jetzt braucht.
Man sagt, das jetzige ZK glänze nicht durch theoretische Kenntnisse. Nun, wenn nur die Politik richtig ist, an den theoretischen Kenntnissen soll es nicht liegen. Wissen kann man erwerben, hat man es heute nicht, so wird man es morgen erworben haben; sich aber die gegenwärtig vom ZK der deutschen Partei betriebene richtige Politik zu eigen zu machen, dürfte manchen hochnäsigen Intellektuellen durchaus nicht so leicht fallen. Die Stärke des jetzigen ZK besteht ja eben darin, dass es eine richtige leninistische Politik durchführt, was die mit ihren „Kenntnissen” prahlenden Intelligenzler nicht begreifen wollen. Es gibt Genossen, die da glauben, ein Intellektueller brauche nur zwei, drei Bücher mehr zu lesen oder ein paar Broschüren mehr zu verfassen, um das Recht auf die Führung der Partei beanspruchen zu können. Das ist falsch, Genossen. Das ist so falsch, dass es einfach lächerlich ist. Sie können ganze Bücher über Philosophie schreiben, wenn Sie sich aber nicht die richtige Politik des ZK der Kommunistischen Partei Deutschlands zu eigen gemacht haben, darf man Sie nicht an das Steuer der Partei heranlassen.
Genosse Thälmann! Nehmen Sie diese Intellektuellen in Dienst, wenn sie in der Tat der Arbeitersache dienen wollen, oder Sie können sie zum Teufel jagen, wenn sie um jeden Preis kommandieren wollen... Die Tatsache, dass im jetzigen ZK Arbeiter überwiegen, ist ein großer Vorzug der deutschen Kommunistischen Partei.
Worin besteht die Aufgabe der Kommunistischen Partei Deutschlands?
Sie besteht darin, sich den Weg zu den sozialdemokratisch eingestellten Arbeitermassen, die sich in dem Labyrinth der sozialdemokratischen Wirrnis verirrt haben, zu bahnen und auf diese Weise die Mehrheit der Arbeiterklasse für die Kommunistische Partei zu gewinnen. Ihre Aufgabe besteht darin, ihren auf Irrwege geratenen Brüdern zu helfen, den richtigen Weg zu finden und mit der Kommunistischen Partei in Verbindung zu treten. Hierbei sind zwei Methoden des Herangehens an die Arbeitermassen möglich. Die eine ist eine spezifisch intelligenzlerische Methode, die Methode des Anpeitschens der Arbeiter, die Methode der „Gewinnung“ der Arbeiter sozusagen mit der Peitsche in der Hand Es bedarf wohl nicht erst des Nachweises, dass diese Methode mit der kommunistischen Methode nichts gemein hat, da sie die Arbeiter nicht anzieht, sondern nur abstößt. Die andere Methode besteht darin, mit den verirrten, ins Lager der Sozialdemokraten geratenen Brüdern eine gemeinsame Sprache zu finden, ihnen zu helfen, aus dem Labyrinth des Sozialdemokratismus herauszukommen, ihnen den Übergang auf die Seite des Kommunismus zu erleichtern. Diese Methode ist die einzig kommunistische Arbeitsmethode. Die Tatsache, dass das gegenwärtige ZK seiner Zusammensetzung nach proletarisch ist, diese Tatsache erleichtert erheblich die Anwendung dieser zweiten Methode in Deutschland. Daraus sind auch die Erfolge zu erklären, die das jetzige ZK der Kommunistischen Partei Deutschlands bei der Herstellung der Einheitsfront zweifellos zu verzeichnen hat.
3. Über Meyer. Ich habe die klugen Ausführungen Meyers aufmerksam verfolgt. Doch muss ich sagen, dass ich ihm in einem Punkt seiner Ausführungen nicht beipflichten kann. Bei Meyer kommt es so heraus, als ob nicht er zum ZK der deutschen Kommunistischen Partei, sondern umgekehrt das ZK zu ihm gekommen sei. Das trifft nicht zu, Genossen. Er hat das zwar nicht offen ausgesprochen, dieser Gedanke geht aber aus seinen ganzen Ausführungen hervor. Das trifft nicht zu, das ist ein großer Irrtum. Das gegenwärtige ZK ist im Kampf gegen die Rechten entstanden, in deren Reihen Meyer sich noch vor kurzem betätigte. Das ZK kann sich nicht auf die Position der Rechten stellen, wenn es sich nicht selbst verleugnen will, wenn es nicht das Rad der Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands zurückdrehen will. Steht nun Meyer dessen ungeachtet dem jetzigen ZK heute näher als ehedem, so folgt daraus, dass Meyer nach links gerückt ist und begonnen hat, die Fehler der Rechten einzusehen, von den Rechten abzurücken. Also nicht das ZK nähert sich Meyer, sondern, umgekehrt, Meyer nähert sich dem ZK. Er nähert sich dem ZK, ist aber noch nicht bei ihm angelangt. Er muss auf dem Wege von den Rechten zum ZK noch zwei, drei Schritte machen, um endgültig bei der gegenwärtigen Führung der deutschen Kommunistischen Partei anzugelangen. Ich bin weit davon entfernt, Meyer für einen Aussätzigen zu halten, ich empfehle nicht, Meyer zurückzustoßen, ich sage lediglich, dass er noch zwei, drei Schritte nach vorn zu machen hat, um seine endgültige Annäherung an das jetzige ZK der Kommunistischen Partei Deutschlands zu vollziehen.
4. Über Scholem. Ich will auf die „Ultralinken” in Deutschland und auf die Politik Scholems nicht weiter eingehen. Darüber ist hier genug gesprochen worden. Ich möchte nur eine Stelle aus der Rede Scholems aufzeigen und an ihr Kritik üben. Scholem ist jetzt für die innerparteiliche Demokratie. Er beantragt daher, eine allgemeine Diskussion zu eröffnen, Brandler und Radek einzuladen, alle, von den Rechten bis zu den „Ultralinken”, einzuladen, eine allgemeine Amnestie zu erlassen und eine allgemeine Diskussion zu eröffnen. Das ist falsch, Genossen. Das brauchen wir nicht. Früher war Scholem gegen die innerparteiliche Demokratie. Jetzt verfällt er ins andere Extrem, indem er sich für eine grenzenlose, durch nichts beschränkte Demokratie ausspricht. Gott behüte uns vor einer solchen Demokratie. Nicht ohne Grund lautet ein russisches Sprichwort: „Lass einen Dummkopf beten, und er zerschlägt sich die Stirn.” (Heiterkeit.) Nein, eine solche Demokratie brauchen wir nicht. Die deutsche Kommunistische Partei hat die Krankheit der Rechten bereits überwunden. Wir haben keine Veranlassung, ihr diese Krankheit jetzt künstlich einzuimpfen. Die deutsche Kommunistische Partei krankt jetzt am „ultralinken” Übel. Wir haben keine Veranlassung, diese Krankheit zu verschlimmern - sie muss ausgemerzt, aber nicht verschlimmert werden. Wir brauchen nicht jede Diskussion und nicht jegliche Demokratie, sondern eine solche Diskussion und eine solche Demokratie, die die kommunistische Bewegung in Deutschland fördern. Deshalb wende ich mich gegen die Scholemsche allgemeine Amnestie.
5. Über die Gruppe Ruth Fischer. Über diese Gruppe ist hier bereits so viel gesprochen worden, dass ich mich auf einige Worte beschränken kann. Ich bin der Ansicht, dass von allen unerwünschten und negativen Gruppen der Kommunistischen Partei Deutschlands diese Gruppe die unerwünschteste und negativste ist. Einer von den „ultralinken” Proletariern ließ hier die Bemerkung fallen, die Arbeiter verlören das Vertrauen zu den Führern. Wenn das zutrifft, so ist das sehr traurig. Denn dort, wo das Vertrauen zu den Führern fehlt, kann es keine wirkliche Partei geben. Wer aber trägt die Schuld daran? Die Schuld daran trägt die Gruppe Ruth Fischer, ihre doppelte Buchführung in der Politik, ihre Praxis, das eine zu sagen und etwas ganz anderes zu tun, der ewige Widerspruch zwischen Wort und Tat in der Praxis dieser diplomatischen Gruppe. Die Arbeiter können kein Vertrauen zu ihren Führern haben, wenn die Führer im diplomatischen Spiel versumpft sind, wenn das Wort nicht durch die Tat bekräftigt wird, wenn die Führer das eine sagen und etwas ganz anderes tun.
Warum haben die russischen Arbeiter Lenin ein so unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht? Etwa bloß deshalb, weil seine Politik richtig war? Nein, nicht nur deshalb. Sie vertrauten ihm auch deshalb, weil sie wussten, dass bei Lenin zwischen Wort und Tat kein Widerspruch bestand, dass Lenin „nicht betrügt”. Darauf gründete sich unter anderem die Autorität Lenins. Mit dieser Methode erzog Lenin die Arbeiter, so hat er ihnen das Vertrauen zu den Führern anerzogen. Die Methode der Gruppe Ruth Fischer, die Methode der faulen Diplomatie, ist der Methode Lenins direkt entgegengesetzt. Ich kann Bordiga, den ich für keinen Leninisten und keinen Marxisten halte, achten und ihm glauben, kann ihm deshalb glauben, weil er das ausspricht, was er denkt. Sogar Scholem kann ich glauben, obwohl er nicht immer das ausspricht, was er denkt (Heiterkeit), der sich aber zuweilen verplappert. (Heiterkeit.) Ruth Fischer aber, die niemals das ausspricht, was sie denkt, kann ich beim besten Willen auch nicht für eine Sekunde glauben. Darum halte ich die Gruppe Ruth Fischer für die negativste aller negativen Gruppen der Kommunistischen Partei Deutschlands.
6. Über Urbahns. Ich habe für Urbahns als Revolutionär größte Achtung. Ich bin bereit, ihm für seine gute Haltung vor Gericht meine Hochachtung zu bekunden. Doch muss ich sagen, dass man mit diesen Eigenschaften Urbahns allein noch nicht weit kommt. Revolutionärer Geist ist eine gute Sache, Standhaftigkeit ist noch besser. Wenn man jedoch außer diesen Eigenschaften nichts im Arsenal hat, so ist das wenig, Genossen, furchtbar wenig. Eine solche Ausrüstung mag ein, zwei Monate herhalten, dann aber schwindet sie dahin, schwindet ganz bestimmt dahin, wenn sie nicht durch eine richtige Politik verstärkt wird. Gegenwärtig ist in der deutschen Kommunistischen Partei zwischen dem ZK der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Katz-Bande ein unerbittlicher Kampf im Gange. Für wen ist Urbahns? Für die Katz-Bande oder für das ZK? Für den spießbürgerlichen Philosophen Korsch oder für das ZK? Hier heißt es, seine Wahl treffen. Man kann nicht auf halbem Wege zwischen diesen beiden kämpfenden Kräften stecken bleiben. Hier muss Urbahns den Mut haben, offen und ehrlich zu erklären, für wen er ist, für das ZK oder für dessen erbitterte Gegner. Hier bedarf es einer klaren Entscheidung. Urbahns Missgeschick besteht darin, dass er diese Entscheidung offenbar noch nicht getroffen hat, dass er an politischer Kurzsichtigkeit leidet. Politische Kurzsichtigkeit kann man einmal, kann man auch zweimal verzeihen, wenn Kurzsichtigkeit jedoch zur Politik erhoben wird, so grenzt sie an Verbrechen. Darum glaube ich, dass Urbahns, sofern er nicht den letzten Rest seines Einflusses in der Partei einbüßen will, sich offen und ehrlich entscheiden muss. Die Arbeitermassen können nicht dauernd von den Erinnerungen an Urbahns’ gutes Verhalten vor Gericht zehren. Die Arbeitermassen brauchen eine richtige Politik. Wird Urbahns keine klare und bestimmte Politik verfolgen, so braucht man kein Prophet zu sein, um sagen zu können, dass nicht einmal die Erinnerung an Urbahns’ Autorität übrig bleiben wird.
Zeitschrift „Kommunistische Internationale”, (Die Kommunistische Internationale) Nr. 3 (52), März 1926.
Über die wirtschaftliche Lage der Sowjetunion und die Politik der Partei
Seite 103 - 131
Referat über die Arbeit des Plenums des ZK der KPdSU(B) vor dem Aktiv der Leningrader Organisation, 13. April 1926
„Leningrads Prawda” (Leningrader Prawda) Nr. 89, 18. April 1926
- I. Zwei Perioden der NÖP
- II. Der Kurs auf die Industrialisierung
- III. Fragen der sozialistischen Akkumulation
- IV. Die richtige Verwendung des akkumulierten Mittel. Das Sparsamkeitsregieme
- V. Kader von Baumeistern der Industrie müssen herangebildet werden
- VI. Die Aktivität der Arbeiterklasse muss gehoben werden
- VII. Das Bündnis der Arbeiter und Bauern muss gefestigt werden
- VIII. Die innerparteiliche Demokratie muss verwirklicht werden
- IX. Die Einheit der Partei muss gewahrt werden
- X. Schlussfolgerungen
Genossen!
Gestatten Sie, dass ich mit dem Referat beginne.
Auf der Tagesordnung des Aprilplenums des ZK unserer Partei standen vier Punkte.
Der erste Punkt: Die wirtschaftliche Lage unseres Landes und die Wirtschaftspolitik unserer Partei.
Der zweite Punkt: Die Reorganisierung unserer Getreidebeschaffungsapparate im Sinne ihrer Vereinfachung und Verbilligung.
Der dritte Punkt: Der Arbeitsplan des Politbüros unseres ZK und des ZK-Plenums für das Jahr 1926 unter dem Gesichtswinkel der Herausarbeitung der zentralen Fragen unseres Wirtschaftsaufbaus.
Der vierte Punkt: Die Ersetzung des Sekretärs des ZK Jewdokimow durch einen anderen Kandidaten, durch Genossen Schwernik.
Wenn man von der letzten Frage, der Ersetzung eines Sekretärs durch einen andern, absieht, so ließen sich alle übrigen Fragen, um die sich hauptsächlich die Diskussion auf dem ZK-Plenum drehte, in einer Frage zusammenfassen, der Frage der wirtschaftlichen Lage unseres Landes und der Politik der Partei. Darum werde ich in meinem Referat nur die eine Hauptfrage behandeln, die Frage der wirtschaftlichen Lage unseres Landes
I. Zwei Perioden der NÖP
Die wichtigste Tatsache, die für unsere Politik bestimmend ist, besteht darin, dass unser Land in seiner wirtschaftlichen Entwicklung in eine neue Periode der NÖP, in eine neue Periode der Neuen Ökonomischen Politik eingetreten ist, in die Periode der unmittelbaren Industrialisierung.
Fünf Jahre sind vergangen, seit Wladimir Iljitsch die Neue Ökonomische Politik proklamiert hat. Die Hauptaufgabe, die damals vor uns, vor der Partei, stand, war, unter den Verhältnissen der Neuen Ökonomischen Politik, unter den Verhältnissen des entfalteten Warenumsatzes das sozialistische Fundament unserer Volkswirtschaft zu errichten. Diese strategische Aufgabe steht auch jetzt als unsere Hauptaufgabe vor uns. An die Lösung dieser Hauptaufgabe gingen wir damals, in der ersten Periode der NÖP, angefangen mit dem Jahre 1921, unter dem Gesichtswinkel heran, dass vor allem die Landwirtschaft entwickelt werden musste. Genosse Lenin sagte: Unsere Aufgabe ist es, das sozialistische Fundament der Volkswirtschaft zu errichten; um aber dieses Fundament errichten zu können, müssen wir eine entwickelte Industrie haben, denn die Industrie ist die Grundlage, das A und O des Sozialismus, des sozialistischen Aufbaus; um aber die Industrie entwickeln zu können, müssen wir das Werk mit der Landwirtschaft beginnen.
Warum?
Aus folgendem Grunde: Um die Industrie unter den Verhältnissen der wirtschaftlichen Zerrüttung, die wir damals durchmachten, entwickeln zu können, mussten für die Industrie vor allem gewisse Voraussetzungen auf dem Gebiet des Absatzes sowie der Rohstoff- und Lebensmittelversorgung geschaffen werden. Eine Industrie lässt sich nicht aus dem Nichts heraus entwickeln, eine Industrie lässt sich nicht entwickeln, wenn es im Lande keine Rohstoffe gibt, wenn keine Lebensmittel für die Arbeiter da sind und wenn keine auch nur einigermaßen entwickelte Landwirtschaft vorhanden ist, die den Hauptmarkt für die Industrie bildet. Um also die Industrie entwickeln zu können, mussten mindestens drei Voraussetzungen gegeben sein: erstens ein innerer Markt, der bei uns einstweilen vorwiegend ein bäuerlicher Markt ist; zweitens musste man über eine mehr oder weniger entwickelte Rohstoffproduktion in der Landwirtschaft (Zuckerrüben, Flachs, Baumwolle usw.) verfügen; und drittens musste die Möglichkeit geschaffen werden, dass das Dorf ein bestimmtes Minimum landwirtschaftlicher Produkte für die Versorgung der Industrie, für die Versorgung der Arbeiter abgibt. Darum eben sagte Lenin, dass wir die Errichtung des sozialistischen Fundaments unserer Wirtschaft, den Aufbau der Industrie mit der Landwirtschaft beginnen müssen.
Damals glaubten viele nicht an dieses Werk. Diese Politik stieß damals besonders auf den Widerspruch der so genannten „Arbeiteropposition”. Wie ist denn das möglich, fragten sie, unsere Partei nennt sich eine Arbeiterpartei und beginnt die Entwicklung der Wirtschaft mit der Landwirtschaft? Wie soll man denn das verstehen? Diese Politik stieß damals auch bei anderen Oppositionellen auf Widerspruch, die der Meinung waren, man könne die Industrie unter beliebigen Verhältnissen, selbst aus dem Nichts heraus aufbauen, ohne den realen Möglichkeiten Rechnung zu tragen. Aber die Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes in dieser Periode hat anschaulich bewiesen, dass die Partei im Recht war, dass man, um das sozialistische Fundament unserer Wirtschaft errichten, um die Industrie entwickeln zu können, das Werk mit der Landwirtschaft beginnen musste.
Solcherart war die erste Periode der Neuen Ökonomischen Politik.
Jetzt sind wir in die zweite Periode der NÖP eingetreten. Das Wichtigste und Charakteristischste für den Zustand unserer Wirtschaft ist jetzt, dass sich der Schwerpunkt nunmehr zur Industrie hin verschoben hat. Wenn wir damals, in der ersten Periode der Neuen Ökonomischen Politik, mit der Landwirtschaft beginnen mussten, da die Landwirtschaft den Angelpunkt für die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft bildete, so muss jetzt, um den Aufbau des sozialistischen Fundaments unserer Wirtschaft weiterführen, um die Wirtschaft als Ganzes vorantreiben zu können, die Aufmerksamkeit gerade auf die Industrie konzentriert werden. Jetzt kann sich die Landwirtschaft selbst nicht weiterentwickeln, wenn man ihr nicht rechtzeitig landwirtschaftliche Maschinen, Traktoren, Industrieerzeugnisse usw. liefert. Wenn daher damals, in der ersten Periode der Neuen Ökonomischen Politik, die Landwirtschaft den Angelpunkt für die Entwicklung der Volkswirtschaft als Ganzes bildete, so ist es jetzt die unmittelbare Entfaltung der Industrie, die diesen Angelpunkt bildet und ohne die die Volkswirtschaft als Ganzes in eine Sackgasse gerät.
II. Der Kurs auf die Industrialisierung
Darin besteht das Wesen und der eigentliche Sinn der vom XIV. Parteitag verkündeten Losung, die jetzt in die Tat umgesetzt wird, des Kurses auf die Industrialisierung des Landes. Diese Hauptlosung machte die Plenartagung des Zentralkomitees im April dieses Jahres zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Folglich besteht jetzt die nächste und wichtigste Aufgabe darin, das Entwicklungstempo unserer Industrie zu beschleunigen, unsere Industrie mit aller Macht und unter Ausnutzung der vorhandenen Hilfsquellen voranzutreiben und dadurch die Entwicklung der gesamten Wirtschaft zu beschleunigen.
Diese Aufgabe wird gerade jetzt, im gegebenen Augenblick, unter anderem deshalb besonders akut, weil sich bei uns infolge der bekannten Entwicklung der Wirtschaft ein gewisses Missverhältnis zwischen der Nachfrage nach Industrieerzeugnissen in Stadt und Land und dem Angebot an diesen Erzeugnissen durch die Industrie herausgebildet hat, weil die Nachfrage nach Industrieerzeugnissen schneller wächst als die Industrie selbst, weil der bei uns herrschende Warenhunger mit allen seinen Folgeerscheinungen der Ausdruck und das Ergebnis dieses Missverhältnisses ist. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass die schnelle Entwicklung unserer Industrie das sicherste Mittel ist, um dieses Missverhältnis zu beseitigen und den Warenhunger zu überwinden.
Manche Genossen glauben, Industrialisierung bedeute überhaupt Entwicklung irgendeiner beliebigen Industrie. Es gibt sogar Sonderlinge, die da meinen, dass bereits Iwan Grosny, der dereinst daranging, gewisse Keimformen einer Industrie zu schaffen, ein Industrialist gewesen sei. Wenn man diesen Weg weiter verfolgt, dann müsste man Peter den Großen einen Industrialisten ersten Ranges nennen. Das trifft natürlich nicht zu. Nicht jede beliebige Entwicklung der Industrie bedeutet Industrialisierung. Den Schwerpunkt der Industrialisierung, ihre Grundlage bildet die Entwicklung der Schwerindustrie (Brennstoffe, Metall und dergleichen), die Entwicklung letzten Endes der Produktion von Produktionsmitteln, die Entwicklung eines eigenen Maschinenbaus. Die Industrialisierung hat nicht nur die Aufgabe, eine Vergrößerung des Anteils der Industrie an der Volkswirtschaft als Ganzem herbeizuführen, sondern sie hat darüber hinaus die Aufgabe, bei dieser Entwicklung unserem von kapitalistischen Staaten umringten Lande die wirtschaftliche Selbständigkeit zu sichern, es davor zu bewahren, dass es sich in ein Anhängsel des Weltkapitalismus verwandelt. Ein Land der Diktatur des Proletariats kann angesichts der kapitalistischen Umkreisung wirtschaftlich nicht selbständig bleiben, wenn es nicht im eigenen Lande selbst Produktionsinstrumente und -mittel produziert, wenn es auf einer Entwicklungsstufe stecken bleibt, bei der seine Volkswirtschaft zwangsläufig an die kapitalistisch entwickelten Länder gefesselt bleibt, die Produktionsinstrumente und -mittel produzieren und ausführen. Auf einer solchen Stufe stecken bleiben heißt sich dem Weltkapital unterwerfen.
Nehmen Sie Indien. Jedermann weiß, dass Indien eine Kolonie ist. Gibt es in Indien eine Industrie? Zweifellos. Entwickelt sie sich? Ja, sie entwickelt sich. Aber dort entwickelt sich eine Industrie, die keine Produktionsinstrumente und -mittel produziert. Dort werden die Produktionsinstrumente aus England eingeführt. Aus diesem Grunde (wenn auch natürlich nicht nur aus diesem Grunde) ist die Industrie dort ganz und gar der englischen Industrie unterworfen. Es ist dies eine besondere Methode des Imperialismus, in den Kolonien eine Industrie zu entwickeln, derart, dass diese an die Metropole, an den Imperialismus gefesselt bleibt.
Daraus folgt aber, dass sich die Industrialisierung unseres Landes nicht in der Entwicklung irgendeiner beliebigen Industrie, sagen wir der Leichtindustrie, erschöpfen kann, wenn auch die Leichtindustrie und ihre Entwicklung für uns absolut notwendig sind. Daraus folgt, dass unter Industrialisierung vor allem die Entwicklung unserer Schwerindustrie und insbesondere die Entwicklung unseres eigenen Maschinenbaus, dieses Hauptnervs der Industrie überhaupt, zu verstehen ist. Ohne das kann von einer Sicherung der ökonomischen Selbständigkeit unseres Landes gar keine Rede sein.
III. Fragen der sozialistischen Akkumulation
Um aber die Industrialisierung voranzutreiben, Genossen, ist es notwendig, die alte Ausrüstung unserer Werke zu erneuern und neue Werke zu errichten. Die gegenwärtige Periode der Entwicklung unserer Industrie ist dadurch gekennzeichnet, dass wir die alten, uns von den Kapitalisten der Zarenzeit hinterlassenen Werke und Fabriken bereits ausgelastet haben, voll ausgelastet haben und dass wir jetzt, um Weiterschreiten zu können, die Technik verbessern, die alten Werke neu ausrüsten und neue Werke errichten müssen. Ohne das ist es jetzt unmöglich, voranzuschreiten.
Um aber unsere Industrie auf der Grundlage der modernen Technik erneuern zu können, dazu, Genossen, sind große, sehr große Kapitalien erforderlich. Kapitalien aber gibt es, wie Ihnen allen bekannt ist, bei uns wenig. In diesem Jahr wird es uns gelingen, für die Hauptausgaben der Industrie etwas über 800 Millionen Rubel anzulegen. Das ist natürlich wenig. Aber es ist immerhin etwas. Das ist unsere erste bedeutsame Investition in unserer Industrie. Ich sage, das ist wenig, weil unsere Industrie bequem ein Mehrfaches dieser Summe aufnehmen könnte. Wir müssen unsere Industrie vorwärts bringen. Wir müssen unsere Industrie in möglichst schnellem Tempo ausbauen, die Zahl der Arbeiter verdoppeln und verdreifachen. Wir müssen unser Land aus einem Agrarland in ein Industrieland verwandeln, und zwar je schneller, desto besser. Dazu sind aber große Kapitalien erforderlich.
Darum gewinnt die Frage der Akkumulation für die Entwicklung der Industrie, die Frage der sozialistischen Akkumulation für uns jetzt erstrangige Bedeutung.
Sind wir, auf uns selbst gestellt, imstande und in der Lage, ohne Anleihen von außen mit den inneren Kräften unseres Landes unserer Industrie die Akkumulation und die Reserven zu sichern, die notwendig sind, um den Kurs auf die Industrialisierung bis zu Ende verfolgen zu können, um dem sozialistischen Aufbau in unserem Lande zum Siege zu verhelfen?
Das ist eine ernste Frage, der wir besondere Aufmerksamkeit schenken müssen.
Die Geschichte kennt verschiedene Methoden der Industrialisierung.
England verdankt seine Industrialisierung dem Umstand, dass es jahrzehnte- und jahrhunderte lang Kolonien ausplünderte, dort „zusätzliche” Kapitalien zusammenraffte, sie in seiner Industrie anlegte und so das Tempo der Industrialisierung beschleunigte. Das ist die eine Methode der Industrialisierung.
Deutschland beschleunigte seine Industrialisierung im Ergebnis des siegreichen Krieges gegen Frankreich in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als es den Franzosen eine Kontribution von fünf Milliarden Franken abpresste und diese seiner Industrie zuführte. Das ist die zweite Methode der Industrialisierung.
Beide Methoden kommen für uns nicht in Betracht, denn wir sind das Land der Sowjets, denn die Ausplünderung von Kolonien und militärische Eroberungen zum Zwecke der Ausplünderung sind mit dem Wesen der Sowjetmacht unvereinbar.
Russland, das alte Russland, erteilte Konzessionen zu knechtenden Bedingungen und nahm knechtende Anleihen auf in dem Bestreben, auf diese Weise allmählich auf den Weg der Industrialisierung zu gelangen. Das ist die dritte Methode. Aber das ist der Weg der Knechtschaft oder der halben Knechtschaft, der Weg der Verwandlung Russlands in eine Halbkolonie. Dieser Weg kommt für uns gleichfalls nicht in Betracht, denn nicht darum haben wir drei Jahre lang einen Bürgerkrieg geführt und alle und jegliche Interventionisten zurückgeschlagen, um uns dann, nach dem Siege über die Interventionisten, freiwillig in imperialistische Knechtschaft zu begeben.
Bleibt der vierte Weg der Industrialisierung, der Weg eigener Ersparnisse für die Industrie, der Weg der sozialistischen Akkumulation, auf den Genosse Lenin wiederholt als auf den einzigen Weg der Industrialisierung unseres Landes hingewiesen hat.
Ist also die Industrialisierung unseres Landes auf der Grundlage der sozialistischen Akkumulation möglich?
Verfügen wir über die Quellen einer solchen Akkumulation, Quellen, die ausreichen, um die Industrialisierung zu gewährleisten?
Ja, die Industrialisierung ist möglich. Ja, wir verfügen über solche Quellen.
Ich könnte auf eine Tatsache verweisen wie die Enteignung der Gutsbesitzer und Kapitalisten in unserem Lande als Ergebnis der Oktoberrevolution, die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden, Fabriken, Werken usw. und deren Übergang in das Eigentum des gesamten Volkes. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass diese Tatsache eine ziemlich solide Quelle der Akkumulation bedeutet.
Ich könnte ferner auf eine Tatsache verweisen wie die Annullierung der Zarenschulden, die unsere Volkswirtschaft von einer Schuldenlast von Milliarden Rubel befreit hat. Es darf nicht vergessen werden, dass wir bei Weiterbestehen dieser Schulden jährlich einige Hundert Millionen Rubel allein an Zinsen hätten zahlen müssen, auf Kosten der Industrie, auf Kosten unserer gesamten Volkswirtschaft. Es braucht nicht betont zu werden, dass dieser Umstand das Werk unserer Akkumulation bedeutend erleichtert hat.
Ich könnte auf unsere nationalisierte Industrie hinweisen, die wiederhergestellt worden ist, die sich entwickelt und die gewisse, für die weitere Entwicklung der Industrie notwendige Gewinne abwirft. Auch dies ist eine Quelle der Akkumulation.
Ich könnte auf unseren nationalisierten Außenhandel hinweisen, der einen gewissen Gewinn abwirft und folglich eine bestimmte Quelle der Akkumulation bildet.
Man könnte auf unseren mehr oder weniger organisierten staatlichen Innenhandel verweisen, der gleichfalls einen gewissen Gewinn abwirft und somit eine bestimmte Quelle der Akkumulation bildet.
Man könnte auf einen Hebel der Akkumulation hinweisen wie unser nationalisiertes Banksystem, das einen bestimmten Gewinn abwirft und unsere Industrie nach Kräften nährt.
Schließlich besitzen wir eine Waffe wie die Staatsmacht, die über den Staatshaushalt verfügt und ein kleines Sümmchen Geld für die weitere Entwicklung der Volkswirtschaft überhaupt und unserer Industrie im Besonderen aufbringt.
Dies sind im Wesentlichen die wichtigsten Quellen unserer inneren Akkumulation.
Sie sind insofern von Interesse, als sie uns die Möglichkeit geben, die notwendigen Reserven zu schaffen, ohne die die Industrialisierung unseres Landes unmöglich ist.
Aber Möglichkeit ist noch nicht Wirklichkeit, Genossen. Wenn man ungeschickt zu Werke geht, kann es sich erweisen, dass von der Möglichkeit der Akkumulation bis zur tatsächlichen Akkumulation ein ziemlich weiter Weg ist. Darum können wir uns mit dem Vorhandensein bloßer Möglichkeiten nicht zufrieden geben. Wir müssen die Möglichkeit der sozialistischen Akkumulation in eine tatsächliche Akkumulation verwandeln, wenn wir wirklich beabsichtigen, die für unsere Industrie notwendigen Reserven zu schaffen.
Daraus ergibt sich die Frage: Wie muss die Akkumulation ins Werk gesetzt werden, damit dies der Industrie zum Nutzen gereicht, an welchen Knotenpunkten des Wirtschaftslebens müssen wir vor allem den Hebel ansetzen, um die Möglichkeit der Akkumulation in eine tatsächliche sozialistische Akkumulation zu verwandeln?
Es gibt eine Reihe von Kanälen der Akkumulation, von denen wenigstens die wichtigsten vermerkt werden müssten.
Erstens. Die Überschüsse der Akkumulation im Lande dürfen nicht verzettelt werden, sondern müssen in unseren Kreditanstalten, den genossenschaftlichen wie den staatlichen, sowie mittels innerer Anleihen konzentriert werden, damit sie vor allem für die Bedürfnisse der Industrie verwandt werden können. Natürlich müssen die Deponenten dafür bestimmte Zinsen erhalten. Man kann nicht sagen, dass es damit bei uns auch nur einigermaßen befriedigend bestellt wäre. Aber die Aufgabe, unser Kreditnetz zu verbessern, die Aufgabe, das Ansehen der Kreditanstalten in den Augen der Bevölkerung zu heben, die Aufgabe, die inneren Anleihen zu organisieren, steht zweifellos als dringliche Aufgabe vor uns, die wir um jeden Preis lösen müssen.
Zweitens. All die Rinnen und Ritzen müssen sorgfältig dicht gemacht werden, durch die ein Teil der Akkumulationsüberschüsse des Landes zum Schaden der sozialistischen Akkumulation in die Taschen des Privatkapitals fließt. Dazu muss eine Preispolitik betrieben werden, die keine Kluft zwischen Großhandels- und Einzelhandelspreisen aufkommen lässt. Es müssen alle Maßnahmen getroffen werden, um die Einzelhandelspreise für Industrieerzeugnisse und landwirtschaftliche Produkte zu senken und dadurch dem Abfluss der Akkumulationsüberschüsse in die Taschen der Privatkapitalisten Einhalt zu gebieten oder ihn wenigstens auf ein Mindestmaß zu beschränken. Das ist eine der wichtigsten Fragen unserer Wirtschaftspolitik. Hier liegt der Ausgangspunkt einer der ernstesten Gefahren sowohl für unsere Akkumulation als auch für den Tscherwonez.
Drittens. In der Industrie selbst, in jedem ihrer Zweige müssen bestimmte Reserven zur Amortisation der Betriebe, zu ihrer Erweiterung, zu ihrer weiteren Entwicklung zurückgelegt werden. Das ist notwendig, das ist absolut unerlässlich, wir müssen damit um jeden Preis vorankommen.
Viertens. In den Händen des Staates müssen bestimmte Reserven angehäuft werden, die notwendig sind, um das Land gegen alle möglichen Eventualitäten (Missernte) zu sichern, um die Industrie zu versorgen, um die Landwirtschaft zu unterstützen, um die Kultur zur Entfaltung zu bringen usw. Ohne Reserven kann man heutzutage nicht leben und nicht arbeiten. Selbst der Bauer mit seiner kleinen Wirtschaft kann heutzutage nicht ohne bestimmte Vorräte auskommen. Umso weniger kann der Staat eines großen Landes ohne Reserven auskommen.
Vor allem müssen wir auf der Linie des Außenhandels eine Reserve haben. Wir müssen unsere Ausfuhr und unsere Einfuhr so organisieren, dass der Staat eine bestimmte Reserve in der Hand behält, über einen bestimmten Aktivsaldo im Außenhandel verfügt. Das ist unbedingt notwendig, nicht nur, um uns gegen unvorhergesehene Ereignisse auf den Auslandsmärkten zu sichern, sondern auch als Mittel, um unseren Tscherwonez zu stützen, der einstweilen stabil ist, der aber ins Schwanken geraten kann, wenn wir nicht eine aktive Außenhandelsbilanz erzielen. Verstärkung unseres Exports, Anpassung unseres Imports an die Exportmöglichkeiten - das ist die Aufgabe.
Wir können nicht sagen, was man früher sagte: „Wir selbst werden uns nicht satt essen, aber ausführen werden wir.” Wir können das nicht sagen, denn die Arbeiter und Bauern wollen menschenwürdig essen, und wir unterstützen sie darin voll und ganz. Aber dennoch könnten wir, ohne dass der Konsum des Volkes darunter leidet, alle Maßnahmen ergreifen, um unseren Export zu steigern und dem Staat eine bestimmte Valutareserve in die Hand zu geben. Wenn wir im Jahre 1923 vermocht haben, vom Papierrubel zur festen Valuta überzugehen, so unter anderem deshalb, weil wir damals auf Grund unserer aktiven Außenhandelsbilanz über eine bestimmte Valutareserve verfügten. Wenn wir unseren Tscherwonez stützen wollen, so müssen wir den Außenhandel auch in Zukunft so organisieren, dass wir eine Valutareserve als eine der Grundlagen für unseren Tscherwonez in der Hand behalten.
Ferner brauchen wir gewisse Reserven auf der Linie des Innenhandels. Ich denke hauptsächlich an die Schaffung von Getreidereserven, über die der Staat verfügen muss, um in die Angelegenheiten des Getreidemarktes eingreifen und das Kulakentum sowie die sonstigen Getreidespekulanten bekämpfen zu können, die die Preise für landwirtschaftliche Produkte maßlos in die Höhe treiben. Dies ist schon allein dazu notwendig, um der Gefahr einer künstlichen Verteuerung der Lebenshaltung in den Industriezentren und einer Untergrabung des Lohnes der Arbeiter vorzubeugen.
Wir brauchen schließlich eine Steuerpolitik, die die Steuerlast den besitzenden Schichten aufbürdet und zugleich auf der Linie des Staatshaushalts dem Staat eine bestimmte Reserve in die Hand gibt. Wie der Verlauf der Realisierung unseres staatlichen Haushaltsplans, der sich auf 4 Milliarden beläuft, zeigt, können wir erreichen, dass die Einnahmen die Ausgaben um etwa 100 Millionen und mehr übersteigen. Dem einen oder anderen Genossen scheint dies eine kolossale Ziffer zu sein. Aber diese Genossen haben offenbar ein schwaches Sehvermögen, sonst würden sie bemerken, dass eine Reserve von 100 Millionen für ein Land wie das unsere ein Tropfen ins Meer ist. Manch einer glaubt, wir hätten diese Reserve überhaupt nicht nötig. Was soll aber werden, wenn in diesem Jahr eine Missernte oder irgendeine andere Katastrophe über uns hereinbricht? Woher sollen wir die Mittel nehmen, um Abhilfe zu schaffen? Umsonst hilft man uns doch nicht und wird man uns nicht helfen. Also muss man selbst einige Reserven haben. Und wenn in diesem Jahr nichts Unvorhergesehenes passiert, so werden wir diese Reserve der Volkswirtschaft und vor allem der Industrie zuführen. Keine Angst, diese Reserven gehen nicht verloren.
Das, Genossen, sind im allgemeinen die Knotenpunkte unseres Wirtschaftslebens, an denen wir vor allem den Hebel ansetzen müssen, um die Möglichkeit der inneren Akkumulation in unserem Lande zum Zwecke seiner Industrialisierung in eine tatsächliche sozialistische Akkumulation zu verwandeln.
IV. Die richtige Verwendung der akkumulierten Mittel. Das Sparsamkeitsregime
Aber mit der Akkumulation allein ist die Frage nicht erschöpft und kann sie nicht erschöpft sein. Darüber hinaus muss man es verstehen, die angehäuften Reserven mit Verstand, mit Berechnung zu verausgaben, so, dass nicht eine einzige Kopeke des Volksvermögens vergeudet wird, dass die akkumulierten Mittel entsprechend der von uns verfolgten grundlegenden Linie für die Befriedigung der dringendsten Erfordernisse der Industrialisierung unseres Landes verwandt werden. Ohne diese Voraussetzungen laufen wir Gefahr, plötzlich feststellen zu müssen, dass die akkumulierten Mittel veruntreut, dass sie für alle möglichen kleinen und großen Ausgaben verzettelt werden, die weder mit der Entwicklung der Industrie noch mit der Weiterentwicklung der Volkswirtschaft als Ganzes etwas gemein haben. Es verstehen, die Mittel mit Verstand, mit Berechnung zu verausgaben - das ist eine überaus wichtige Kunst, die man nicht auf einmal erlernt. Man kann nicht sagen, dass sich unsere Genossen, unsere Sowjet- und Genossenschaftsorgane, in dieser Beziehung durch große Geschicklichkeit auszeichnen. Im Gegenteil, alles zeugt davon, dass es bei uns in dieser Beziehung keineswegs zum Besten bestellt ist. Es fällt einem schwer, das zuzugeben, Genossen, aber das ist eine Tatsache, die sich durch keinerlei Resolutionen hinwegleugnen lässt. Es gibt Fälle, wo unsere leitenden Organe in die Lage jenes Bauern geraten, der sich ein bisschen Geld gespart hat und, statt dafür seinen Pflug zu reparieren und Neuanschaffungen für seine Wirtschaft zu machen, ein Riesengrammophon kauft und ... Pleite macht. Ich schweige ganz von Fällen direkter Veruntreuung angehäufter Reserven, von Fällen der Gefräßigkeit einer ganzen Reihe von Organen unseres Staatsapparats, von Fällen des Diebstahls usw.
Daher muss eine Reihe von Maßnahmen getroffen werden, um zu verhindern, dass unsere akkumulierten Mittel verzettelt, veruntreut, über unnütze Kanäle verschleudert und dem Aufbau unserer Industrie, der unsere grundlegende Linie bildet, entzogen werden.
Erstens dürfen unsere Industriepläne nicht das Produkt bürokratischer Erfindungen sein, sondern sie müssen in engem Zusammenhang mit dem Zustand unserer Volkswirtschaft und unter Berücksichtigung der Hilfsquellen, der Reserven unseres Landes aufgestellt werden. Man darf in der Planung des Industrieaufbaus nicht hinter der Entwicklung der Industrie zurückbleiben. Man darf aber auch nicht vorauseilen, sich von der Landwirtschaft loslösen und das Tempo der Akkumulation in unserem Lande außer Acht lassen.
Die Bedürfnisse unseres inneren Marktes und der Umfang unserer Hilfsquellen - das bildet die Basis für die Entfaltung unserer Industrie. Unsere Industrie basiert auf dem inneren Markt. In dieser Beziehung erinnert die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes an die Entwicklung der Vereinigten Staaten von Nordamerika, deren Industrie auf der Basis des inneren Marktes erwachsen ist, zum Unterschied von England, dessen Industrie vor allem auf den Auslandsmärkten basiert. In England gibt es eine Reihe von Industriezweigen, die zu 40-50 Prozent für Auslandsmärkte arbeiten. Amerika dagegen stützt sich immer noch auf seinen inneren Markt und exportiert nicht mehr als 10-20 Prozent seiner Produktion nach Auslandsmärkten. Die Industrie unseres Landes wird sich in noch höherem Maße als die Industrie Amerikas auf den inneren Markt stützen, vor allem auf den bäuerlichen Markt. Das bildet die Grundlage für den Zusammenschluss der Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft.
Das gleiche gilt für das Tempo unserer Akkumulation, für die Reserven, die uns für die Entwicklung unserer Industrie zur Verfügung stehen. Bisweilen stellt man bei uns gern phantastische Industriepläne auf, ohne unseren Hilfsquellen Rechnung zu tragen. Man vergisst bisweilen, dass sich ohne ein bestimmtes Minimum an Mitteln, ohne ein bestimmtes Minimum an Reserven weder Industriepläne aufstellen noch irgendwelche „groß angelegten” und „allumfassenden” Betriebe aufbauen lassen. Man vergisst das und eilt voraus. Was heißt aber bei der Industrieplanung vorauseilen? Das heißt über die Mittel hinaus bauen wollen. Das heißt, mit viel Geschrei groß angelegte Pläne ankündigen, neue Tausende und Zehntausende von Arbeitern einstellen, viel Lärm machen und dann, wenn sich herausstellt, dass die Mittel nicht reichen, die Arbeiter entlassen, ihnen die Papiere geben, dabei kolossale Verluste erleiden, Enttäuschung über das Aufbauwerk hervorrufen und einen politischen Skandal verursachen. Ist uns damit gedient? Nein, Genossen, damit ist uns nicht gedient. Wir dürfen weder hinter der Entwicklung der Industrie zurückbleiben, noch ihr vorauseilen. Wir müssen mit der Entwicklung Schritt halten, wir müssen die Industrie vorwärts bringen, ohne sie von ihrer Basis loszulösen.
Unsere Industrie ist das führende Element im Gesamtsystem der Volkswirtschaft, sie reißt unsere Volkswirtschaft, darunter auch die Landwirtschaft, mit sich und treibt sie voran. Sie reorganisiert unsere gesamte Volkswirtschaft nach ihrem Vorbild und Ebenbild, sie veranlasst die Landwirtschaft, ihr zu folgen, indem sie die Bauernschaft durch die Genossenschaften in den Strom des sozialistischen Aufbaus einbezieht. Aber unsere Industrie kann diese führende und umgestaltende Rolle nur dann in Ehren erfüllen, wenn sie sich von der Landwirtschaft nicht loslöst, wenn sie das Tempo unserer Akkumulation sowie die uns zur Verfügung stehenden Hilfsquellen und Reserven nicht außer Acht lässt. Ein Kommandeurkorps in der Armee, das sich von seiner Armee loslöst und die Verbindung zu ihr verliert, ist kein Kommandeurkorps. Ebenso wenig kann eine Industrie, die sich von der Volkswirtschaft als Ganzem loslöst und die Verbindung zu ihr verliert, das führende Element der Volkswirtschaft sein.
Darum ist die richtige und vernünftige Planung der Industrie eine der unerlässlichen Voraussetzungen für die zweckmäßige Verwendung der akkumulierten Mittel.
Zweitens ist es notwendig, unseren Staats- und Genossenschaftsapparat, die Institutionen unserer Volkskommissariate und die Institutionen mit wirtschaftlicher Rechnungsführung von unten bis oben einzuschränken und zu vereinfachen, zu verbilligen und zu verbessern. Die aufgeblähten Stellenpläne und die beispiellose Gefräßigkeit unserer Verwaltungsorgane sind bereits sprichwörtlich geworden. Nicht umsonst hat Lenin dutzende- und hundertemal betont, dass die Schwerfälligkeit und die Kostspieligkeit unseres Staatsapparats für die Arbeiter und die Bauern unerträglich sind, dass man ihn um jeden Preis, auf jede nur mögliche Art und mit allen Mitteln einschränken und verbilligen muss. Man muss hier endlich allen Ernstes auf bolschewistische Art ans Werk gehen und ein ganz strenges Sparsamkeitsregime einführen. (Beifall.) Man muss endlich ans Werk gehen, wenn wir nicht auch in Zukunft eine Verzettelung der von uns akkumulierten Mittel zum Schaden der Industrie dulden wollen.
Hier ein Beispiel aus dem Leben. Man sagt, die Ausfuhr unseres Getreides sei unvorteilhaft, unrentabel. Aber warum ist sie unvorteilhaft? Weil der Beschaffungsapparat für die Aufbringung des Getreides mehr verausgabt, als zulässig ist. Von allen unseren Planungsorganen ist festgestellt worden, dass zur Beschaffung eines Puds Getreide 8 Kopeken ausreichen. In Wirklichkeit stellte sich jedoch heraus, dass statt 8 Kopeken 13 Kopeken pro Pud, also 5 Kopeken zu viel, verausgabt wurden. Wie aber konnte das passieren? Dies passierte eben deshalb, weil jeder mehr oder weniger selbständige Mitarbeiter des Beschaffungsapparats - ganz gleich, ob Kommunist oder Parteiloser -, bevor er mit der Beschaffung des Getreides beginnt, es für nötig befindet, seinen Mitarbeiterstab aufzublähen, sich mit einem Heer von Stenographinnen und Maschinenschreiberinnen umgibt, sich unbedingt ein Auto verschafft, einen Haufen unproduktiver Ausgaben macht, und dann, wenn man alles zusammenrechnet, stellt sich heraus, dass der Export bei uns unrentabel ist. Wenn man berücksichtigt, dass wir Hunderte von Millionen Pud Getreide aufbringen und für jedes Pud fünf Kopeken zuviel bezahlen, so kommen Dutzende von Millionen hinausgeworfener Rubel zusammen. Da sieht man, wohin die von uns akkumulierten Mittel gehen und noch gehen werden, wenn wir nicht strengste Maßnahmen gegen die Gefräßigkeit unseres Staatsapparats treffen.
Ich habe hier nur ein einziges Beispiel angeführt. Aber wem ist nicht bekannt, dass es bei uns Hunderte und Tausende solcher Beispiele gibt?
Das Plenum des Zentralkomitees unserer Partei hat beschlossen, unseren Beschaffungsapparat zu vereinfachen und zu verbilligen. Die entsprechende Resolution des Plenums[Anmerkung 24] haben Sie sicher bereits gelesen, sie ist in der Presse veröffentlicht worden. Diese Resolution werden wir mit aller Strenge durchführen. Aber das genügt nicht, Genossen. Das ist nur ein Teil unseres Staatsapparats, der Unordnung aufweist und mit Mängeln behaftet ist. Wir müssen weitergehen und Maßnahmen treffen, um den gesamten Staatsapparat, den Apparat der Volkskommissariate und die Institutionen mit wirtschaftlicher Rechnungsführung, den gesamten Genossenschaftsapparat und das gesamte Warenverteilungsnetz von unten bis oben einzuschränken und zu verbilligen.
Drittens müssen wir einen entschiedenen Kampf gegen jede Art überflüssigen Aufwands in unseren Verwaltungsorganen und in unserem täglichen Leben führen, gegen das verbrecherische Umgehen mit Volkseigentum und staatlichen Reserven, das bei uns in der letzten Zeit zu beobachten ist. Bei uns feiert man jetzt Bacchanalien, man schwelgt in allen möglichen Feierlichkeiten, Festversammlungen, Jubiläen, Denkmalsenthüllungen usw. Zehntausende und Hunderttausende Rubel werden für derartige „Beschäftigungen” vergeudet. Bei uns gibt es eine solche Unmenge aller möglichen Jubilare und Liebhaber von Feierlichkeiten und eine so erstaunliche Bereitwilligkeit, ein halbjähriges, einjähriges, zweijähriges usw. Jubiläum zu feiern, dass wahrhaft Dutzende von Millionen Rubel erforderlich sind, um die Nachfrage zu befriedigen. Genossen, mit diesen eines Kommunisten unwürdigen Maßlosigkeiten muss Schluss gemacht werden. Es gilt, endlich zu begreifen, dass wir, auf deren Schultern die Sorge für die Bedürfnisse unserer Industrie liegt und die wir solche Tatsachen vor Augen haben wie die Masse Arbeitsloser und obdachloser Kinder, derartige Gelage und Bacchanalien der Verschwendungssucht nicht dulden können noch dulden dürfen.
Am bemerkenswertesten ist der Umstand, dass Parteilose, wie man beobachten kann, mit den Mitteln unseres Staates bisweilen sorgsamer umgehen als Parteimitglieder. Ein Kommunist handelt in solchen Fällen dreister und resoluter. Es kommt ihm nicht darauf an, einer Reihe von Angestellten eine Unterstützung zu geben, die er Tantieme nennt, obgleich hier von einer Tantieme gar keine Rede sein kann. Es kommt ihm nicht darauf an, sich über ein Gesetz hinwegzusetzen, es zu umgehen, es zu übertreten. Ein Parteiloser ist hier vorsichtiger und zurückhaltender. Das erklärt sich wohl daraus, dass der Kommunist die Gesetze, den Staat und dergleichen bisweilen als eine Familienangelegenheit betrachtet. (Heiterkeit.) Eben deshalb kostet es manchen Kommunisten bisweilen keine große Mühe, einem Schweine gleich (entschuldigen Sie bitte den Ausdruck, Genossen) in den Garten des Staates einzudringen und dort zu stibitzen oder seine auf Kosten des Staates gehende Freigebigkeit zu zeigen. (Heiterkeit.) Diesem Übelstand muss ein Ende gemacht werden, Genossen. Der Vergnügungssucht und der Verschwendung unserer Verwaltungsorgane sowie in unserem täglichen Leben muss ein entschiedener Kampf angesagt werden, wenn wir die von uns akkumulierten Mittel tatsächlich für die Bedürfnisse unserer Industrie zusammenhalten wollen.
Viertens müssen wir einen systematischen Kampf gegen den Diebstahl, gegen den so genannten „frischfröhlichen” Diebstahl in den Organen unseres Staates, in den Genossenschaften, in den Gewerkschaften usw. führen. Es gibt einen verschämten, versteckten Diebstahl, und es gibt einen dreisten, „frischfröhlichen” Diebstahl, wie man ihn in der Presse nennt. Vor kurzem las ich in der „Komsomolskaja Prawda” eine Notiz Okunews über den „frischfröhlichen” Diebstahl. Es gab da, so erfährt man, einen Stutzer, einen jungen Mann mit einem Schnurrbärtchen, der in einer unserer Institutionen frischfröhlich drauflos stahl, systematisch, ohne Unterlass stahl und immer mit Erfolg stahl. Hier verdient nicht so sehr der Dieb selbst Aufmerksamkeit als vielmehr die Tatsache, dass seine Umgebung, die von dem Diebe wusste, ihn nicht nur nicht bekämpfte, sondern im Gegenteil nicht abgeneigt war, ihm auf die Schulter zu klopfen und ihn seiner Geschicklichkeit wegen zu loben, so dass der Dieb in den Augen dieser Leute als eine Art Held dastand. Das ist es, Genossen, was Aufmerksamkeit verdient und was am gefährlichsten ist. Wenn man einen Spion oder einen Verräter erwischt, kennt die Empörung der Öffentlichkeit keine Grenzen, sie verlangt seine Erschießung. Wenn aber ein Dieb vor aller Augen sein Wesen treibt und Staatsvermögen stiehlt, beschränkt sich seine Umgebung auf gutmütiges Grinsen und klopft ihm auf die Schulter. Indes ist klar, dass ein Dieb, der Volksvermögen stiehlt und den Interessen der Volkswirtschaft Abbruch tut, nicht minder ein Spion und Verräter ist, wenn er nicht noch schädlicher ist. Dieses Bürschchen, diesen Stutzer mit dem Schnurrbärtchen, hat man natürlich schließlich und endlich verhaftet. Aber was bedeutet schon die Verhaftung eines einzelnen „frischfröhlichen” Diebes? Solcher Diebe gibt es bei uns Hunderte und Tausende. Man kann nicht alle mit Hilfe der GPU hinwegräumen. Hier ist eine andere Maßnahme erforderlich, eine wirksamere und ernsthaftere. Diese Maßnahme besteht darin, um solche Diebsgesellen eine Atmosphäre des allgemeinen moralischen Boykotts zu schaffen und sie mit Hass zu umgeben. Diese Maßnahme besteht darin, eine solche Kampagne einzuleiten und eine solche moralische Atmosphäre unter den Arbeitern und Bauern zu schaffen, dass die Möglichkeit des Diebstahls ausgeschlossen und den Dieben und Defraudanten des Volksvermögens, den „frischfröhlichen” wie den „nicht frischfröhlichen”, das Leben und Dasein unmöglich gemacht wird. Kampf gegen den Diebstahl als eins der Mittel, die von uns akkumulierten Reserven vor Veruntreuung zu schützen - das ist die Aufgabe.
Schließlich müssen wir eine Kampagne führen, um dem Bummelantentum in den Werken und Fabriken ein Ende zu machen, um die Arbeitsproduktivität zu steigern, um die Arbeitsdisziplin in unseren Betrieben zu festigen. Zehntausende und Hunderttausende von Arbeitstagen gehen der Industrie infolge von Bummelantentum verloren. Hunderttausende und Millionen Rubel gehen dadurch verloren, zum Schaden unserer Industrie, zum Schaden unserer Betriebe. Wir können unsere Industrie nicht vorwärts bringen, wir können den Arbeitslohn nicht erhöhen, wenn das Bummelantentum nicht aufhört, wenn die Arbeitsproduktivität auf einem Punkte stehen bleibt. Den Arbeitern, besonders denen, die erst vor kurzem in die Betriebe gekommen sind, muss klargemacht werden, dass sie der gemeinsamen Sache schaden, der gesamten Arbeiterklasse schaden, unserer Industrie schaden, wenn sie sich des Bummelantentums schuldig machen und die Arbeitsproduktivität nicht steigern. Kampf gegen das Bummelantentum, Kampf für die Steigerung der Arbeitsproduktivität im Interesse unserer Industrie, im Interesse der gesamten Arbeiterklasse - das ist die Aufgabe.
Das sind die Mittel und Wege, um die von uns akkumulierten Mittel und unsere Reserven vor Verzettelung, vor Veruntreuung zu bewahren, um diese Mittel und Reserven für die Industrialisierung unseres Landes nutzbar zu machen.
V. Kader von Baumeistern der Industrie müssen herangebildet werden
Ich habe vom Kurs auf die Industrialisierung gesprochen. Ich habe von den Wegen zur Akkumulation von Reserven für die Entfaltung der Industrialisierung gesprochen. Ich habe schließlich von den Mitteln gesprochen, die wir haben, um die akkumulierten Reserven rationell für die Bedürfnisse der Industrie verwenden zu können. Aber all das reicht noch nicht aus, Genossen. Um die Direktive der Partei über die Industrialisierung unseres Landes durchführen zu können, ist neben allem anderen erforderlich, Kader neuer Menschen, Kader neuer Baumeister der Industrie heranzubilden.
Keine Aufgabe, und insbesondere keine so große Aufgabe wie die Industrialisierung unseres Landes, kann ohne lebendige Menschen durchgeführt werden, ohne neue Menschen, ohne Kader neuer Baumeister. Früher, in der Periode des Bürgerkriegs, brauchten wir besonders Kommandeurkader zum Aufbau der Armee und zur Führung des Krieges, Regiments- und Brigadekommandeure, Divisions- und Korpskommandeure. Ohne diese neuen Kommandeurkader, die aus der Masse des Volkes gekommen und dank ihren Fähigkeiten emporgestiegen sind, hätten wir keine Armee aufbauen können, hätten wir unsere zahlreichen Feinde nicht besiegen können. Sie, diese neuen Kommandeurkader, haben damals unsere Armee und unser Land gerettet, natürlich mit der allgemeinen Unterstützung der Arbeiter und Bauern. Aber jetzt leben wir in der Periode des Aufbaus der Industrie. Jetzt sind wir von den Fronten des Bürgerkriegs zur Front der Industrie übergegangen. Dementsprechend brauchen wir jetzt neue Kommandeurkader für die Industrie, tüchtige Fabrik- und Werkdirektoren, tüchtige Trustleiter, sachkundige Kaufleute, gescheite Planwirtschaftler für den Aufbau der Industrie. Jetzt müssen wir neue Regiments- und Brigadekommandeure, Divisions- und Korpskommandeure für die Wirtschaft, für die Industrie heranbilden. Ohne diese Kader können wir keinen Schritt vorankommen.
Daher besteht die Aufgabe darin, zahlreiche Kader von Baumeistern der Industrie aus den Reihen der Arbeiter und der Sowjetintelligenz heranzubilden, derselben Sowjetintelligenz, die ihr Geschick mit dem Geschick der Arbeiterklasse verbunden hat und gemeinsam mit uns das sozialistische Fundament unserer Wirtschaft aufbaut.
Die Aufgabe besteht darin, solche Kader heranzubilden und in den Vordergrund zu rücken, wobei ihnen jede nur mögliche Unterstützung erwiesen werden muss.
Bei uns ist es in der letzten Zeit üblich geworden, auf die Wirtschaftler als auf korrupte Elemente einzuhauen, wobei man häufig geneigt ist, Einzelerscheinungen negativer Art auf alle Kader der Wirtschaftler auszudehnen. Manch einer, dem es gerade einfällt, hält es des Öfteren für nötig, den Wirtschaftlern Hiebe zu versetzen, sie aller möglichen Todsünden zu bezichtigen. Diese hässliche Angewohnheit muss man ablegen, Genossen, ein für allemal. Man muss begreifen, dass es überall schwarze Schafe gibt. Man muss begreifen, dass die Aufgabe der Industrialisierung unseres Landes und der Förderung neuer Kader von Baumeistern der Industrie nicht erheischt, dass man die Wirtschaftler prügelt, sondern im Gegenteil, dass man sie beim Aufbau unserer Industrie mit allen Mitteln unterstützt. Die Wirtschaftler mit einer Atmosphäre des Vertrauens und der Unterstützung zu umgeben, ihnen zu helfen, neue Menschen, Baumeister der Industrie, heranzubilden, und den Posten eines Baumeisters der Industrie zu einem Ehrenposten im sozialistischen Aufbau zu machen - das ist die Richtung, in der unsere Parteiorganisationen jetzt arbeiten müssen.
VI. Die Aktivität der Arbeiterklasse muss gehoben werden
Das sind die nächsten Aufgaben, vor denen wir im Zusammenhang mit dem Kurs auf die Industrialisierung unseres Landes stehen. Lassen sich diese Aufgaben ohne die direkte Unterstützung, ohne die direkte Hilfe der Arbeiterklasse verwirklichen? Nein, keineswegs. Unsere Industrie vorwärts zubringen, ihre Produktivität zu steigern, neue Kader von Baumeistern der Industrie heranzubilden, die sozialistische Akkumulation richtig zu betreiben, die akkumulierten Mittel vernünftig für die Bedürfnisse der Industrie zu verwenden, ein strenges Sparsamkeitsregime einzuführen, den Staatsapparat zu disziplinieren, ihn zu verbilligen und zu einem ehrlich arbeitenden Apparat zu machen, ihn von dem Unrat und Schmutz zu säubern, der ihm in der Periode unseres Aufbaus anzuhaften begann, einen systematischen Kampf gegen Diebe und Verschwender von Staatsvermögen zu führen - all das sind Aufgaben, die keine Partei ohne die direkte und systematische Unterstützung durch die Millionenmassen der Arbeiterklasse zu bewältigen vermag. Darum besteht die Aufgabe darin, die Millionenmassen der parteilosen Arbeiter allerorts in unsere Aufbauarbeit einzubeziehen. Jeder Arbeiter, jeder ehrliche Bauer muss der Partei und der Regierung helfen, das Sparsamkeitsregime durchzuführen, gegen die Veruntreuung und Verzettelung von staatlichen Reserven zu kämpfen, Diebe und Gauner hinwegzujagen, unter welcher Maske sie auch immer auftreten mögen, unseren Staatsapparat zu verbessern und zu verbilligen. In dieser Beziehung könnten die Produktionsberatungen unschätzbare Dienste leisten. Eine Zeitlang waren die Produktionsberatungen bei uns in Schwung. Jetzt ist es um sie recht still geworden. Das ist ein großer Fehler, Genossen. Die Produktionsberatungen müssen um jeden Preis belebt werden. In den Produktionsberatungen dürfen nicht nur kleine Fragen, sagen wir, Fragen der sanitären Einrichtungen behandelt werden. Das Programm der Produktionsberatungen muss umfassender und reichhaltiger gestaltet werden. In den Produktionsberatungen müssen die grundlegenden Fragen des Aufbaus der Industrie behandelt werden. Nur auf diesem Wege wird es möglich sein, die Aktivität der Millionenmassen der Arbeiterklasse zu heben und sie zu bewussten Teilnehmern am Aufbau der Industrie zu machen.
VII. Das Bündnis der Arbeiter und Bauern muss gefestigt werden
Wenn man aber von der Hebung der Aktivität der Arbeiterklasse spricht, darf man auch die Bauernschaft nicht vergessen. Lenin hat uns gelehrt, dass das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft das Grundprinzip der Diktatur des Proletariats ist. Das dürfen wir nicht vergessen. Die Entwicklung der Industrie, die sozialistische Akkumulation, das Sparsamkeitsregime - all das sind Aufgaben, ohne deren Lösung wir das Privatkapital nicht überwinden und die Schwierigkeiten unseres Wirtschaftslebens nicht beseitigen können. Keine einzige dieser Aufgaben jedoch kann ohne das Vorhandensein der Sowjetmacht, ohne die Diktatur des Proletariats gelöst werden. Die Diktatur des Proletariats aber stützt sich auf das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft. Darum würden alle unsere Aufgaben in der Luft hängen, wenn wir das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft untergrüben oder schwächten.
Wir haben in der Partei Leute, die die werktätigen Massen der Bauernschaft als Fremdkörper betrachten, als Ausbeutungsobjekt für die Industrie, als eine Art Kolonie für unsere Industrie. Diese Leute sind gefährliche Leute, Genossen. Die Bauernschaft kann für die Arbeiterklasse weder Ausbeutungsobjekt noch Kolonie sein. Die bäuerliche Wirtschaft bildet den Markt für die Industrie, ebenso wie die Industrie den Markt für die bäuerliche Wirtschaft bildet. Aber die Bauernschaft bildet nicht nur den Markt. Die Bauernschaft ist darüber hinaus Verbündeter der Arbeiterklasse. Eben deshalb sind die Hebung der bäuerlichen Wirtschaft, der massenhafte genossenschaftliche Zusammenschluss der Bauernschaft, die Besserung ihrer materiellen Lage die Voraussetzung, ohne die keine auch nur einigermaßen ernsthafte Entwicklung unserer Industrie gewährleistet werden kann. Und umgekehrt, die Entwicklung der Industrie, die Produktion von landwirtschaftlichen Maschinen und Traktoren, die massenweise Versorgung der Bauernschaft mit Industrieerzeugnissen sind die Voraussetzung, ohne die die Landwirtschaft nicht vorangebracht werden kann. Dies ist eine der wichtigsten Grundlagen des Bündnisses der Arbeiterklasse und der Bauernschaft. Wir können daher jenen Genossen nicht zustimmen, die immer wieder eine Verstärkung des Drucks auf die Bauernschaft fordern, in der Richtung, dass die Steuern aufs äußerste gesteigert, dass die Preise für Industrieerzeugnisse erhöht werden sollen usw. Wir können ihnen nicht zustimmen, da sie, ohne dies selbst zu bemerken, das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft untergraben, die Diktatur des Proletariats erschüttern. Wir aber wollen das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft festigen und nicht untergraben.
Wir treten jedoch nicht für jedes beliebige Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft ein. Wir sind für ein Bündnis, bei dem der Arbeiterklasse die führende Rolle gehört. Warum? Weil ohne die führende Rolle der Arbeiterklasse im System des Bündnisses der Arbeiter und Bauern ein Sieg der werktätigen und ausgebeuteten Massen über die Gutsbesitzer und Kapitalisten unmöglich ist. Ich weiß, dass einige Genossen damit nicht einverstanden sind. Sie sagen: Das Bündnis ist eine gute Sache, aber wozu noch die Führung durch die Arbeiterklasse? Diese Genossen sind sehr im Irrtum. Sie sind im Irrtum, weil sie nicht begreifen, dass das Bündnis der Arbeiter und Bauern nur dann zum Siege führen kann, wenn die führende Rolle in diesem Bündnis der erprobtesten und revolutionärsten Klasse, der Klasse der Arbeiter, gehört.
Warum scheiterte der Bauernaufstand unter Pugatschow oder unter Stepan Rasin? Warum vermochten es die Bauern damals nicht, die Vertreibung der Gutsbesitzer zu erzwingen? Weil sie solch einen revolutionären Führer wie die Arbeiterklasse damals nicht hatten noch haben konnten. Warum endete die französische Revolution mit dem Sieg der Bourgeoisie und mit der Rückkehr der zunächst vertriebenen Gutsbesitzer? Weil die französischen Bauern solch einen revolutionären Führer wie die Arbeiterklasse damals nicht hatten noch haben konnten - die Bauernschaft wurde damals von bürgerlichen Liberalen geführt. Unser Land ist das einzige Land der Welt, in dem das Bündnis der Arbeiter und Bauern den Sieg über die Gutsbesitzer und Kapitalisten davongetragen hat. Und woraus erklärt sich das? Daraus, dass an der Spitze der revolutionären Bewegung in unserem Lande die kampferprobte Arbeiterklasse stand und weiterhin steht. Man braucht nur bei uns die Idee von der führenden Rolle der Arbeiterklasse zu untergraben, und vom Bündnis der Arbeiter und Bauern bliebe kein Stein auf dem andern, die Kapitalisten und Gutsbesitzer aber würden in ihre alten Nester zurückkehren.
Darum müssen wir das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft in unserem Lande erhalten und festigen.
Darum müssen wir die führende Rolle der Arbeiterklasse im System dieses Bündnisses erhalten und festigen.
VIII. Die innerparteiliche Demokratie muss verwirklicht werden
Ich habe von der Hebung der Aktivität der Arbeiterklasse gesprochen, ich habe davon gesprochen, dass die Millionenmassen der Arbeiterklasse in das Werk des Aufbaus unserer Wirtschaft, in das Werk des Aufbaus der Industrie einbezogen werden müssen. Die Hebung der Aktivität der Arbeiterklasse aber ist eine ernste und große Aufgabe. Um die Aktivität der Arbeiterklasse heben zu können, muss vor allem die Partei selbst aktiviert werden. Die Partei selbst muss fest und entschlossen den Weg der innerparteilichen Demokratie beschreiten, unsere Organisationen müssen die breiten Massen der Parteimitglieder, die das Geschick unserer Partei gestalten, zur Erörterung der Fragen unseres Aufbaus heranziehen. Ohne das kann von einer Aktivierung der Arbeiterklasse gar keine Rede sein.
Ich betone das deshalb besonders, weil unsere Leningrader Organisation vor kurzem eine Periode durchgemacht hat, da einige Führer von der innerparteilichen Demokratie nicht anders als mit einem geringschätzigen Lächeln sprachen. Ich denke an die Periode vor dem Parteitag, während des Parteitags und unmittelbar nach dem Parteitag, als man den Parteikollektiven in Leningrad verwehrte, sich zu versammeln, als die Organisatoren einiger Kollektive - verzeihen Sie meine Geradheit - den Kollektiven gegenüber die Rolle eines Polizeiaufsehers spielten, als sie den Kollektiven verboten, sich zu versammeln. Das hat auch die so genannte „neue Opposition” mit Sinowjew an der Spitze zu Fall gebracht.
Wenn es den Mitgliedern unseres ZK mit Hilfe des Leningrader Aktivs gelungen ist, die Opposition, die bei Ihnen einen Kampf gegen die Beschlüsse des XIV. Parteitags führte, innerhalb von zwei Wochen zum Rückzug zu zwingen und zu isolieren, so deshalb, weil sich die Aufklärungskampagne über die Beschlüsse des Parteitags auf den Drang zum Demokratismus stützen konnte, der in der Leningrader Organisation vorhanden war, der sich geltend machte und der sich schließlich Bahn brach. Ich möchte, Genossen, dass Sie diese Lehre aus der jüngsten Vergangenheit beherzigen. Ich möchte, dass Sie diese Lehre beherzigen und ehrlich und entschieden die innerparteiliche Demokratie verwirklichen, die Aktivität der Massen der Parteimitglieder heben, sie zur Erörterung der grundlegenden Fragen des sozialistischen Aufbaus heranziehen und sie von der Richtigkeit der Beschlüsse überzeugen, die vom Aprilplenum des ZK unserer Partei gefasst wurden. Ich möchte, dass Sie die Massen der Parteimitglieder eben überzeugen, da die Methode der Überzeugung die Hauptmethode unserer Arbeit in den Reihen der Arbeiterklasse ist.
IX. Die Einheit der Partei muss gewahrt werden
Manche Genossen glauben, innerparteiliche Demokratie bedeute Freiheit fraktioneller Gruppierungen. Nein, Genossen, auf keinen Fall! Das verstehen wir keineswegs unter innerparteilicher Demokratie. Innerparteiliche Demokratie und Freiheit fraktioneller Gruppierungen haben nichts miteinander gemein und können nichts miteinander gemein haben.
Was ist innerparteiliche Demokratie? Innerparteiliche Demokratie bedeutet Hebung der Aktivität der Parteimitgliedermassen und Festigung der Einheit der Partei, Festigung der bewussten proletarischen Disziplin in der Partei.
Was ist Freiheit fraktioneller Gruppierungen? Freiheit fraktioneller Gruppierungen bedeutet Zersetzung der Parteireihen, Aufsplitterung der Partei in einzelne Zentren, Schwächung der Partei, Schwächung der Diktatur des Proletariats.
Was können beide miteinander gemein haben?
Bei uns in der Partei gibt es Leute, die davon träumen, in der Partei habe eine allgemeine Diskussion begonnen. Es gibt bei uns Leute, die sich die Partei ohne Diskussionen nicht vorstellen können, die auf den Titel Berufsdiskutierer Anspruch erheben. Halten wir uns diese Berufsdiskutierer vom Leibe! Was wir jetzt brauchen, ist nicht eine ausgeklügelte Diskussion und nicht die Verwandlung unserer Partei in einen Diskussionsklub, sondern die Verstärkung unserer Aufbauarbeit im allgemeinen, die Verstärkung des Industrieaufbaus im besonderen, die Stärkung unserer geschlossenen, einheitlichen und fest gefügten Kampfpartei, die unsere Aufbauarbeit sicher und siegesgewiss leitet. Wer endlose Diskussionen anstrebt, wer die Freiheit fraktioneller Gruppierungen anstrebt - der untergräbt die Einheit der Partei, der unterhöhlt die Macht unserer Partei.
Worin lag unsere Stärke in der Vergangenheit, und worin liegt sie jetzt? In der richtigen Politik und der Einheit unserer Reihen. Die richtige Politik ist uns vom XIV. Parteitag unserer Partei vorgezeichnet worden. Jetzt besteht die Aufgabe darin, die Einheit unserer Reihen zu gewährleisten, die Einheit unserer Partei, die bereit ist, die Beschlüsse des Parteitags um jeden Preis durchzuführen.
Das ist im wesentlichen der Sinn der Beschlüsse des ZK-Plenums unserer Partei.
X. Schlussfolgerungen
Gestatten Sie, dass ich jetzt zu den Schlussfolgerungen komme.
Erstens müssen wir die Industrie unseres Landes als die Grundlage des Sozialismus und als die führende Kraft, die die Volkswirtschaft als Ganzes vorwärts führt, voranbringen.
Zweitens müssen wir neue Kader von Baumeistern der Industrie heranbilden, die entsprechend dem eingeschlagenen Kurs die Industrialisierung direkt und unmittelbar durchführen.
Drittens müssen wir das Tempo unserer sozialistischen Akkumulation beschleunigen und Reserven für die Bedürfnisse unserer Industrie akkumulieren.
Viertens muss die richtige Verwendung der akkumulierten Reserven organisiert und ein strenges Sparsamkeitsregime eingeführt werden.
Fünftens müssen die Aktivität der Arbeiterklasse gehoben und die Millionenmassen der Arbeiter in das Werk des Aufbaus des Sozialismus einbezogen werden.
Sechstens muss das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft gefestigt und die führende Rolle der Arbeiterklasse innerhalb dieses Bündnisses stärker zur Geltung gebracht werden.
Siebentens muss die Aktivität der Mitgliedermassen unserer Partei gehoben und die innerparteiliche Demokratie verwirklicht werden.
Achtens müssen wir die Einheit unserer Partei, die Geschlossenheit unserer Reihen wahren und festigen.
Werden wir imstande sein, diese Aufgaben zu erfüllen? Ja, wir werden dazu imstande sein, wenn wir es nur wollen. Und dass wir das wollen, sieht ein jeder. Ja, wir werden dazu imstande sein, denn wir sind Bolschewiki, denn wir fürchten keine Schwierigkeiten, denn Schwierigkeiten sind dazu da, um bekämpft und überwunden zu werden. Ja, wir werden dazu imstande sein, denn unsere Politik ist richtig, und wir wissen, wohin wir gehen. Und wir werden fest und siegesgewiss auf dem Wege zum Ziel schreiten, auf dem Wege zum Sieg des sozialistischen Aufbaus.
Genossen! Wir waren eine kleine Gruppe in Leningrad im Februar 1917, vor 9 Jahren. Die alten Parteigenossen werden sich daran erinnern, dass wir Bolschewiki damals eine unbeträchtliche Minderheit im Leningrader Sowjet bildeten. Die alten Bolschewiki erinnern sich wohl daran, dass die zahlreichen Feinde des Bolschewismus damals über uns spotteten. Aber wir schritten vorwärts und nahmen Position um Position, denn unsere Politik war richtig, und wir führten den Kampf geschlossen und einig. Dann wurde diese kleine Kraft zu einer gewaltigen Kraft. Wir schlugen die Bourgeoisie und stürzten Kerenski. Wir organisierten die Macht der Sowjets. Wir schlugen Koltschak und Denikin. Wir verjagten die englisch-französischen und amerikanischen Gewalttäter aus unserem Land. Wir überwanden die wirtschaftliche Zerrüttung. Schließlich stellten wir unsere Industrie und unsere Landwirtschaft wieder her. Jetzt stehen wir vor einer neuen Aufgabe, der Aufgabe der Industrialisierung unseres Landes. Die größten Schwierigkeiten liegen hinter uns. Kann es einen Zweifel geben, dass wir auch mit dieser neuen Aufgabe, der Industrialisierung unseres Landes, fertig werden? Natürlich kann es keinen Zweifel daran geben. Im Gegenteil, wir haben jetzt alle Voraussetzungen, um die Schwierigkeiten zu überwinden und die neuen Aufgaben zu erfüllen, die uns der XIV. Parteitag unserer Partei gestellt hat.
Darum glaube ich, Genossen, dass wir an der neuen Front, an der Front der Industrie, ganz bestimmt siegen werden. (Stürmischer Beifall.)
An Genossen Kaganowitsch und andere Mitglieder des Politbüros des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine (Bolschewiki)
Seite 132 - 137
26. IV. 1926.
Ich hatte eine Unterredung mit Schumski. Die Unterredung war lang, sie währte etwas über zwei Stunden. Sie wissen, dass er mit der Lage in der Ukraine nicht zufrieden ist. Die Motive seiner Unzufriedenheit lassen sich auf zwei Hauptpunkte zurückführen.
1. Er ist der Meinung, dass die Ukrainisierung nur mühsam vonstatten geht, dass man die Ukrainisierung als lästige Pflicht betrachtet, die man nur widerstrebend, nur sehr zögernd erfüllt. Er ist der Meinung, dass das Wachstum der ukrainischen Kultur und der ukrainischen Intelligenz in schnellem Tempo vor sich geht, dass diese Bewegung, wenn wir sie nicht in die Hand nehmen, an uns vorbeigehen kann. Er ist der Meinung, dass an der Spitze dieser Bewegung Leute stehen müssen, die an die Sache der ukrainischen Kultur glauben, die diese Kultur kennen und sich mit ihr befassen wollen, die die anwachsende Bewegung für die ukrainische Kultur unterstütze und unterstützen können. Besonders unzufrieden ist er mit dem Verhalten der Partei- und Gewerkschaftsspitze in der Ukraine, die seiner Meinung nach die Ukrainisierung hemmt. Eine der Hauptsünden der Partei- und Gewerkschaftsspitze besteht seiner Ansicht nach darin, dass sie zur Leitung der Partei- und Gewerkschaftsarbeit keine Kommunisten heranzieht, die unmittelbar mit der ukrainischen Kultur verbunden sind. Er glaubt, dass die Ukrainisierung vor allem in den Reihen der Partei und unter dem Proletariat vorgenommen werden muss.
2. Er glaubt, dass zur Behebung dieser Mängel vor allem eine Veränderung in der Partei- und Sowjetspitze vorgenommen werden muss, und zwar unter dem Gesichtswinkel der Ukrainisierung, dass nur unter dieser Bedingung bei den Kadern unserer Funktionäre in der Ukraine ein Umschwung in Richtung auf die Ukrainisierung herbeigeführt werden kann. Er schlägt vor, Grinko zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, Tschubar zum politischen Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine (Bolschewiki) zu machen, die Zusammensetzung des Sekretariats und des Politbüros zu verbessern usw. Er ist der Meinung, dass es ihm, Schumski, ohne solche oder ähnliche Veränderungen unmöglich sein werde, in der Ukraine zu arbeiten. Er sagt, er sei bereit, wenn das ZK darauf besteht, in die Ukraine zurückzukehren, selbst wenn die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen unverändert bestehen bleiben, er sei aber überzeugt, dass dabei nichts herauskommen werde. Besonders unzufrieden ist er mit Kaganowitschs Arbeit. Er ist der Meinung, dass es Kaganowitsch gelungen ist, die organisatorische Arbeit der Partei in Fluss zu bringen, glaubt aber, dass das Überwiegen organisatorischer Methoden in der Arbeit des Genossen Kaganowitsch eine normale Arbeit unmöglich mache. Er versichert, dass die Resultate des organisatorischen Drucks in der Arbeit des Genossen Kaganowitsch, die Resultate des Beiseiteschiebens der höchsten Sowjetinstitutionen sowie der Leiter dieser Institutionen sich in nächster Zukunft zeigen würden, wobei er sich nicht dafür verbürgen könne, dass diese Resultate nicht die Formen eines ernsten Konflikts annehmen würden.
Meine Meinung hierzu:
1. In Schumskis Erklärungen zum ersten Punkt sind einige richtige Gedanken enthalten. Richtig ist, dass in der Ukraine eine breite Bewegung für die ukrainische Kultur und für ein ukrainisches öffentliches Leben begonnen hat und im Wachsen begriffen ist. Richtig ist, dass diese Bewegung auf keinen Fall uns fremden Elementen überlassen werden darf. Richtig ist, dass eine ganze Reihe von Kommunisten in der Ukraine Sinn und Bedeutung dieser Bewegung nicht begreift und daher keine Maßnahmen trifft, um sie in die Hand zu bekommen. Richtig ist, dass bei den Kadern unserer Partei- und Sowjetfunktionäre, die in der Frage der ukrainischen Kultur und des ukrainischen öffentlichen Lebens immer noch vom Geist der Ironie und des Skeptizismus durchdrungen sind, ein Umschwung herbeigeführt werden muss. Richtig ist, dass man sorgfältig Kader auswählen und heranbilden muss aus Menschen, die fähig sind, die neue Bewegung in der Ukraine in die Hand zu nehmen. Alles das ist richtig. Aber Schumski begeht dabei mindestens zwei schwerwiegende Fehler.
Erstens. Er verwechselt die Ukrainisierung des Apparats unserer Partei und anderer Institutionen mit der Ukrainisierung des Proletariats. Man kann und muss, unter Einhaltung eines bestimmten Tempos, den Apparat unserer Partei, des Staates und andere Apparate, die für die Bevölkerung arbeiten, ukrainisieren. Aber man darf das Proletariat nicht von oben her ukrainisieren. Man darf die russischen Arbeitermassen nicht zwingen, auf die russische Sprache und die russische Kultur zu verzichten und die ukrainische Kultur und Sprache als die ihrige anzuerkennen. Das widerspricht dem Prinzip der freien Entwicklung der Nationalitäten. Das wäre nicht nationale Freiheit, sondern eine eigentümliche Form der nationalen Unterdrückung. Es steht außer Zweifel, dass die Zusammensetzung des ukrainischen Proletariats sich in dem Maße ändern wird, wie sich die Ukraine industriell entwickeln wird, wie ukrainische Arbeiter aus den umliegenden Dörfern in die Industrie strömen werden. Es steht außer Zweifel, dass das ukrainische Proletariat sich ukrainisieren wird, ebenso wie das Proletariat, sagen wir, in Lettland und in Ungarn, das eine Zeit-lang deutschen Charakter hatte, sich später zu lettisieren beziehungsweise zu madjarisieren begann. Das ist aber ein lang währender, elementar verlaufender, natürlicher Prozess. Diesen elementaren Prozess durch eine gewaltsame Ukrainisierung des Proletariats von oben her ersetzen wollen - heißt eine utopische und schädliche Politik betreiben, die in den nichtukrainischen Schichten des Proletariats der Ukraine einen antiukrainischen Chauvinismus hervorrufen kann. Mir scheint, dass Schumski die Ukrainisierung falsch auffasst und mit dieser letztgenannten Gefahr nicht rechnet.
Zweitens. Schumski hebt zwar den positiven Charakter der in der Ukraine zu beobachtenden neuen Bewegung für die ukrainische Kultur und ein ukrainisches öffentliches Leben völlig richtig hervor, sieht jedoch nicht die Schattenseiten dieser Bewegung. Schumski übersieht, dass diese Bewegung, die meistens von nichtkommunistischen Intellektuellen geleitet wird, angesichts der Schwäche der einheimischen kommunistischen Kader in der Ukraine manchenorts den Charakter eines Kampfes für die Absonderung der ukrainischen Kultur und des ukrainischen öffentlichen Lebens von der Kultur und dem öffentlichen Leben des gesamten Sowjetlandes, den Charakter eines Kampfes gegen „Moskau” überhaupt, gegen die Russen überhaupt, gegen die russische Kultur und ihre höchste Errungenschaft, den Leninismus, annehmen kann. Ich brauche nicht den Beweis zu führen, dass diese Gefahr in der Ukraine immer realer wird. Ich möchte nur sagen, dass selbst manche ukrainische Kommunisten von solchen Fehlern nicht frei sind. Ich denke dabei an eine solch allgemein bekannte Tatsache wie den Artikel des bekannten Kommunisten Chwilewoi in der ukrainischen Presse. Chwilewois Forderung nach „unverzüglicher Entrussifizierung des Proletariats” in der Ukraine, seine Meinung, dass „die ukrainische Poesie sich so schnell wie möglich von der russischen Literatur, von ihrem Stil frei machen muss”, seine Erklärung, dass „die Ideen des Proletariats uns auch ohne die Moskauer Kunst bekannt sind”, seine Begeisterung für irgendeine Messiasrolle der ukrainischen „jungen” Intelligenz, sein lächerlicher und unmarxistischer Versuch, die Kultur von der Politik zu trennen - all das und vieles Ähnliche mutet jetzt, von einem ukrainischen Kommunisten ausgesprochen, mehr als seltsam an (und kann nicht anders anmuten!). Zu einer Zeit, da die westeuropäischen Proletarier und ihre kommunistischen Parteien von Sympathie für „Moskau”, diese Zitadelle der internationalen revolutionären Bewegung und des Leninismus, erfüllt sind, zu einer Zeit, da die westeuropäischen Proletarier begeistert auf das Banner blicken, das über Moskau weht, weiß der ukrainische Kommunist Chwilewoi zugunsten „Moskaus” nichts anderes zu sagen, als die ukrainischen Persönlichkeiten aufzufordern, sich „so schnell wie möglich” von „Moskau” frei zu machen. Und das nennt sich Internationalismus! Was soll man da noch von den anderen ukrainischen Intellektuellen aus dem nichtkommunistischen Lager sagen, wenn Kommunisten in der Sprache eines Chwilewoi zu reden, und nicht nur zu reden, sondern auch in unserer Sowjetpresse zu schreiben beginnen? Schamski begreift nicht, dass man die neue Bewegung für die ukrainische Kultur in der Ukraine nur dann in die Hand bekommen kann, wenn man die Auswüchse eines Chwilewoi in den Reihen der Kommunisten bekämpft. Schumski begreift nicht, dass man nur im Kampf gegen solche Auswüchse die im Aufstieg begriffene ukrainische Kultur in eine sowjetische Kultur und das im Aufstieg begriffene ukrainische öffentliche Leben in ein sowjetisches öffentliches Leben verwandeln kann.
2. Recht hat Schumski, wenn er behauptet, dass die führende Spitze (der Partei u. a.) in der Ukraine ukrainisch werden muss. Aber er irrt sich in Bezug auf das Tempo. Das aber ist jetzt die Hauptsache. Er vergisst, dass es vorerst an rein ukrainischen marxistischen Kadern hier für mangelt. Er vergisst, dass sich solche Kader nicht künstlich schaffen lassen. Er vergisst, dass solche Kader nur im Prozess der Arbeit heranwachsen können, dass man dafür Zeit braucht ... Was bedeutet es, Grinko jetzt zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare zu machen? Wie kann das von der Partei insgesamt und den Parteikadern im Besonderen eingeschätzt werden? Werden sie das nicht so auffassen, als ob wir Kurs darauf nehmen, die Bedeutung des Rates der Volkskommissare herabzusetzen? Denn es lässt sich vor der Partei doch nicht verheimlichen, dass Grinkos Parteiangehörigkeit und revolutionäre Tätigkeit viel jüngeren Datums ist als die Parteiangehörigkeit und revolutionäre Tätigkeit Tschubars. Können wir jetzt, in der gegenwärtigen Periode der Belebung der Sowjets und der Erhöhung der Bedeutung der Sowjetorgane einen solchen Schritt tun? Wäre es nicht besser, sowohl im Interesse der Sache als auch im Interesse Grinkos, vorläufig von derartigen Plänen Abstand zu nehmen? Ich bin dafür, dass das Sekretariat und das Politbüro des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine (Bolschewiki) sowie die Spitzen des Sowjetapparats durch ukrainische Elemente verstärkt werden. Aber man darf die Dinge doch nicht so hinstellen, als gäbe es in den führenden Organen der Partei und der Sowjets keine Ukrainer.
Sind etwa Skrypnik und Satonski, Tschubar und Petrowski, Grinko und Schumski keine Ukrainer? Schumskis Fehler besteht hier darin, dass er zwar eine richtige Perspektive hat, aber das Tempo nicht berücksichtigt. Das Tempo aber ist jetzt die Hauptsache.
Mit kommunistischem Gruß
J. Stalin
26. IV. 1926.
Zum ersten Mal in vollem Wortlaut veröffentlicht.
Über den englischen Streik und die Ereignisse in Polen
Seite 139 - 153
Referat in der Versammlung der Arbeiter der Eisenbahnhauptwerkstätten in Tiflis, 8. Juni 1926
„Sarja Wostoka” (Die Morgenröte des Ostens) (Tiflis) Nr. 1197, 10. Juni 1926.
Genossen!
Gestatten Sie mir, mit meiner Information über die Lage in England im Zusammenhang mit dem Streik[Anmerkung 26] und über die jüngsten Ereignisse in Polen[Anmerkung 27] zu beginnen - einer Information, die Genosse Tschcheidse, der hier den Vorsitz führt, ein Referat zu nennen beliebte, die aber wegen ihrer Kürze nicht anders als eine Information genannt werden kann.
Warum kam es in England zum Streik?
Die erste Frage ist die Frage nach den Ursachen des Streiks in England. Wie konnte es geschehen, dass England, dieses Land kapitalistischer Macht und beispielloser Kompromisse, sich in letzter Zeit in einen Schauplatz gewaltiger sozialer Konflikte verwandelt hat? Wie konnte es geschehen, dass das „große England”, der „Beherrscher der Meere”, sich in ein Land des Generalstreiks verwandelt hat?
Ich möchte eine Reihe von Umständen hervorheben, die für die Unvermeidlichkeit des Generalstreiks in England bestimmend waren. Die Zeit ist noch nicht gekommen, um diese Frage erschöpfend beantworten zu können. Aber einige entscheidende Ereignisse, die für die Unvermeidlichkeit des Streiks bestimmend waren, können und müssen wir hervorheben. Von diesen Umständen könnten vier Umstände als die wichtigsten hervorgehoben werden.
Erstens. Früher hatte England unter den kapitalistischen Staaten eine Monopolstellung inne. Als Herr über eine ganze Reihe riesiger Kolonien und im Besitz einer für die damalige Zeit vorbildlichen Industrie, hatte England die Möglichkeit, als „Werkstätte der Welt” aufzutreten und ungeheure Extraprofite einzustecken. Das war die Periode „der Eintracht und des Wohlergehens” in England. Das Kapital steckte Extraprofite ein, Brosamen dieses Extraprofits fielen der Oberschicht der englischen Arbeiterbewegung zu; die Führer der englischen Arbeiterbewegung wurden allmählich vom Kapital gefügig gemacht, und Konflikte zwischen Arbeit und Kapital wurden gewöhnlich durch Kompromisse beigelegt.
Die weitere Entwicklung des internationalen Kapitalismus, besonders aber die Entwicklung Deutschlands, Amerikas und zum Teil Japans, die als Konkurrenten Englands auf dem Weltmarkt auftraten, haben jedoch die ehemalige Monopolstellung Englands von Grund aus untergraben. Der Krieg und die Nachkriegskrise haben der Monopolstellung Englands einen weiteren entscheidenden Schlag versetzt. Die Extraprofite wurden geringer, die den Arbeiterführern Englands zufallenden Brosamen begannen zu schwinden. Immer häufiger wurden Stimmen laut über den sinkenden Lebensstandard der Arbeiterklasse in England. Die Periode „der Eintracht und des Wohlergehens” wurde von einer Periode der Konflikte, Aussperrungen und Streiks abgelöst. Der englische Arbeiter begann eine Linksentwicklung durchzumachen und wandte immer häufiger die Methode des direkten Kampfes gegen das Kapital an.
Es ist nicht schwer zu begreifen, dass bei diesem Stand der Dinge die grobe Drohung der Grubenbesitzer, die Arbeiter auszusperren, von den Bergarbeitern nicht unbeantwortet gelassen werden konnte.
Zweitens. Der zweite Umstand - das ist die Wiederherstellung der internationalen Marktverbindungen und die damit zusammenhängende Verschärfung des Kampfes der kapitalistischen Gruppen um die Märkte. Für die Nachkriegskrise ist charakteristisch, dass sie fast alle Verbindungen der kapitalistischen Staaten zum Weltmarkt unterbrochen und an die Stelle dieser Verbindungen ein Chaos in den Beziehungen gesetzt hat. Jetzt tritt dieses Chaos im Zusammenhang mit der zeitweiligen Stabilisierung des Kapitals in den Hintergrund, und die alten Verbindungen auf dem Weltmarkt werden allmählich wiederhergestellt. Wenn es vor einigen Jahren darum ging, Fabriken und Werke wiederherzustellen und die Arbeiter für das Kapital arbeiten zu lassen, so handelt es sich jetzt darum, Märkte und Rohstoffe für die wiederhergestellten Fabriken und Werke zu sichern. Im Zusammenhang damit ist der Kampf um die Märkte mit neuer Kraft entbrannt, wobei den Sieg in diesem Kampf die Kapitalistengruppe und der kapitalistische Staat davontragen, deren Waren am billigsten und deren Technik am weitesten entwickelt sind. Auf dem Markt treten aber neue Kräfte auf: Amerika, Frankreich, Japan, Deutschland, die Dominien Englands, die Kolonien Englands, die ihre Industrie während des Krieges entwickelt haben und jetzt um Märkte kämpfen. Aus all dem ergibt sich naturgemäß, dass es jetzt unmöglich geworden ist, aus den ausländischen Märkten mühelos Profit zu ziehen, was England von jeher getan hat. Die alte Kolonialmethode der monopolistischen Ausplünderung der Märkte und Rohstoffquellen musste einer neuen Methode weichen, der Eroberung der Märkte mit Hilfe billiger Waren. Daher das Bestreben des englischen Kapitals, die Produktion zu drosseln oder sie jedenfalls nicht wahllos zu erweitern. Daher die gewaltige Arbeitslosenarmee in England als ständige Erscheinung der letzten Jahre. Daher die Gefahr weiterer Arbeitslosigkeit, die die Arbeiter Englands aufbringt und in Kampfesstimmung versetzt. Daher die blitzartige Wirkung, die die Androhung der Aussperrung auf die Arbeiter überhaupt und auf die Bergarbeiter im Besonderen ausgeübt hat.
Drittens. Der dritte Umstand - das ist das Bestreben des englischen Kapitals, die Selbstkosten der englischen Industrieerzeugnisse zu senken und die Waren auf Kosten der Interessen der englischen Arbeiterklasse zu verbilligen. Die Tatsache, dass der Hauptschlag im gegebenen Fall gegen die Bergarbeiter geführt wurde - diese Tatsache kann nicht als Zufall bezeichnet werden. Das englische Kapital ist nicht nur deshalb über die Bergarbeiter hergefallen, weil die Kohlenindustrie technisch schlecht ausgerüstet ist und der „Rationalisierung” bedarf, sondern vor allem deshalb, weil die Bergarbeiter stets den Vortrupp des englischen Proletariats bildeten und bis auf den heutigen Tag bilden. Diesem Vortrupp den Zaum anzulegen, den Arbeitslohn herabzudrücken und den Arbeitstag zu verlängern, um sich nach Abrechnung mit diesem ausschlaggebenden Trupp auch die anderen Trupps der Arbeiterklasse vorzunehmen - das war die Strategie des englischen Kapitals. Daher der Heldenmut, mit dem die englischen Bergarbeiter ihren Streik führen. Daher die beispiellose Hilfsbereitschaft, die die englischen Arbeiter durch ihren Generalstreik den Bergarbeitern gegenüber bewiesen haben.
Viertens. Der vierte Umstand - das ist die Herrschaft der Konservativen Partei in England, einer Partei, die der schlimmste Feind der Arbeiterklasse ist. Zweifellos hätte jede andere bürgerliche Regierung zur Unterdrückung der Arbeiterklasse im Wesentlichen das gleiche getan wie die konservative Regierung. Es unterliegt jedoch ebenfalls keinem Zweifel, dass nur solch geschworene Feinde der Arbeiterklasse wie die Konservativen so skrupellos und zynisch zu einer so beispiellosen Herausforderung der gesamten Arbeiterklasse Englands greifen konnten, wie es die Konservativen getan haben, als sie mit der Aussperrungsdrohung auftraten. Es muss heute als völlig erwiesen gelten, dass die englische Konservative Partei die Aussperrung und den Streik nicht nur gewollt, sondern sich fast ein Jahr lang darauf vorbereitet hat. Im Juli vorigen Jahres schob sie den Überfall auf die Bergarbeiter hinaus, da sie den Augenblick für „ungeeignet” hielt. Aber während dieser ganzen Periode hat sie sich darauf vorbereitet, hat Kohlenvorräte angelegt, Streikbrecher organisiert und die öffentliche Meinung entsprechend bearbeitet, um im April dieses Jahres gegen die Bergarbeiter loszuschlagen. Nur die Partei der Konservativen konnte sich zu einem solch hinterhältigen Schritt entschließen.
Die Partei der Konservativen hat sich auf Grund von gefälschten Dokumenten und Provokationen die Regierungsmacht erschlichen. Gleich einen Tag nach ihrem Machtantritt überfiel sie Ägypten unter Ausnutzung aller Mittel der Provokation. Schon ein Jahr lang führt sie mit den bewährten Methoden kolonialer Ausplünderung und Unterdrückung direkt Krieg gegen das chinesische Volk. Sie spart keine Mittel, um eine Annäherung zwischen den Völkern der Sowjetunion und den Völkern Großbritanniens zu verhindern, und trifft nach und nach alle Vorbereitungen für eine mögliche Intervention. Jetzt überfällt sie die Arbeiterklasse ihres eigenen Landes, nachdem sie diesen Überfall ein ganzes Jahr lang mit einem Eifer vorbereitet hat, der einer besseren Sache wert wäre. Die Partei der Konservativen kann ohne Konflikte, sowohl innerhalb als auch außerhalb Englands, nicht leben. Kann man sich nach all dem wundern, dass die englischen Arbeiter den Schlag mit einem Gegenschlag beantwortet haben?
Das sind im Wesentlichen die Umstände, die für die Unvermeidlichkeit des Streiks in England bestimmend waren.
Warum scheiterte der Generalstreik in England?
Der englische Generalstreik scheiterte infolge einer ganzen Reihe von Umständen, von denen zumindest folgende hervorgehoben werden müssten:
Erstens. Die englischen Kapitalisten und die Partei der Konservativen haben sich, wie der Verlauf des Streiks gezeigt hat, im allgemeinen als erfahrener, organisierter, entschlossener und daher stärker erwiesen als die englischen Arbeiter und ihre Führer in Gestalt des Generalrats und der so genannten Arbeiterpartei. Es hat sich gezeigt, dass die Führer der Arbeiterklasse den vor der Arbeiterklasse stehenden Aufgaben nicht gewachsen waren.
Zweitens. Die englischen Kapitalisten und die Partei der Konservativen sind dem gewaltigen sozialen Konflikt wohl gerüstet und in voller und unbestreitbarer Bereitschaft begegnet, während die Führer der englischen Arbeiterbewegung von der Aussperrung der Bergarbeiter durch die Grubenbesitzer überrascht wurden und keine oder fast keine Vorbereitungsarbeit geleistet hatten. Dabei muss festgestellt werden, dass die Führer der Arbeiterklasse noch eine Woche vor dem Konflikt ihrer Überzeugung Ausdruck gaben, dass es zu keinem Konflikt kommen werde.
Drittens. Der Stab der Kapitalisten, die Partei der Konservativen, führte den Kampf geschlossen und organisiert und richtete die Schläge gegen die entscheidenden Punkte des Kampfes, während sich der Stab der Arbeiterbewegung, der Generalrat der Gewerkschaften und seine „politische Kommission”, die Arbeiterpartei, als innerlich demoralisiert und zersetzt erwiesen haben. Bekanntlich haben sich die Hauptpersonen dieses Stabes entweder als direkte Verräter der Bergarbeiter und der Arbeiterklasse Englands überhaupt erwiesen (Thomas, Henderson, MacDonald und Konsorten) oder als charakterlose Mitläufer dieser Verräter, die den Kampf der Arbeiterklasse und noch mehr ihren Sieg fürchten (Purcell, Hicks und andere).
Man mag fragen: Wie konnte es geschehen, dass das machtvolle Proletariat Englands, das mit beispiellosem Heldenmut gekämpft hat, sich entweder käuflichen oder feigen oder einfach charakterlosen Führern anvertraut hat? Das ist eine Frage von großer Bedeutung. Solche Führer haben sich nicht mit einem Male herausgebildet. Sie sind aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen, sie sind durch eine bestimmte Schule gegangen, die Schule der Erziehung von Arbeiterführern in England, die Schule zu einer Zeit, da das englische Kapital, das die Extraprofite einstrich, den Arbeiterführern Wohltaten erweisen und sie zu Kompromissen mit der englischen Arbeiterklasse ausnützen konnte; während sich diese Führer der Arbeiterklasse ihren Lebensgewohnheiten und ihrer Lage nach der Bourgeoisie näherten, entfremdeten sie sich den Arbeitermassen, kehrten ihnen den Rücken und hörten schließlich auf, sie zu verstehen. Das sind Führer der Arbeiterklasse, die der Glanz des Kapitalismus geblendet hat, die sich der Macht des Kapitals unterworfen haben und die davon träumen, „es zu etwas zu bringen” und in den Kreis der „Wohlhabenden” aufgenommen zu werden. Zweifellos sind diese, mit Verlaub zu sagen, Führer ein Nachhall der Vergangenheit, die den neuen Verhältnissen bereits nicht mehr entsprechen. Zweifellos werden sie mit der Zeit gezwungen sein, neuen Führern das Feld zu räumen, die dem Kampfgeist und dem Heldenmut des englischen Proletariats gerecht werden. Engels hatte Recht, als er solche Führer verbürgerte Führer der Arbeiterklasse[7] nannte.
Viertens. Der Stab des englischen Kapitalismus, die Partei der Konservativen, hatte begriffen, dass der großartige Streik der englischen Arbeiter eine Tatsache von gewaltiger politischer Bedeutung ist, dass gegen einen derartigen Streik ein ernstlicher Kampf nur mit Mitteln politischer Art geführt werden kann, dass zur Unterdrückung des Streiks sowohl die Autorität des Königs als auch die Autorität des Unterhauses und der Verfassung ins Feld geführt werden müssen, dass der Streik nicht ohne Mobilmachung von Truppen und Verhängung des Ausnahmezustands unterdrückt werden kann. Der Stab der Arbeiterbewegung Englands dagegen, der Generalrat, hatte diese einfache Sache nicht begriffen oder wollte sie nicht begreifen, oder er fürchtete sich, sie zuzugeben, denn er versicherte aller Welt, der Generalstreik sei ein Mittel ausschließlich ökonomischen Charakters, er wünsche und beabsichtige nicht, den Kampf auf das Geleise des politischen Kampfes überzuleiten, er denke nicht daran, den Schlag gegen den Generalstab des englischen Kapitals, die Partei der Konservativen, zu führen, er, der Generalrat, habe nicht die Absicht, die Frage der Macht auf die Tagesordnung zu stellen.
Dadurch hat der Generalrat den Streik unweigerlich zum Scheitern verurteilt. Denn die Geschichte zeigt, dass ein Generalstreik, der nicht auf das Geleis des politischen Kampfes übergeleitet wird, unvermeidlich scheitern muss.
Fünftens. Der Stab der englischen Kapitalisten hatte begriffen, dass die dem englischen Streik angebotene internationale Hilfe eine tödliche Gefahr für die Bourgeoisie darstellt, während der Generalrat nicht begriff oder so tat, als begreife er nicht, dass der Streik der englischen Arbeiter nur mit Hilfe der internationalen proletarischen Solidarität gewonnen werden konnte. Daher die Weigerung des Generalrats, von den Arbeitern der Sowjetunion[Anmerkung 28] und anderer Staaten finanzielle Hilfe anzunehmen.
Ein so gewaltiger Streik wie der Generalstreik in England konnte nur unter mindestens zwei Grundvoraussetzungen greifbare Ergebnisse zeitigen: wenn der Streik auf politische Geleise gelenkt und wenn er in eine Kampfaktion der Proletarier aller fortgeschrittenen Länder gegen das Kapital verwandelt worden wäre. Aber der englische Generalrat setzte sich mit der ihm eigenen „Weisheit” über beide Voraussetzungen hinweg und verurteilte damit von vornherein den Generalstreik zum Scheitern.
Sechstens. Es steht außer Zweifel, dass das mehr als zweideutige Verhalten der II. Internationale und der Amsterdamer Gewerkschaftsvereinigung in bezug auf die Unterstützung des englischen Generalstreiks eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Die ihrem Wesen nach platonischen Beschlüsse dieser Organisationen von Sozialdemokraten, den Streikenden Hilfe zu leisten, liefen faktisch darauf hinaus, jegliche finanzielle Hilfe zu verweigern, denn durch nichts anderes als durch das zweideutige Verhalten der sozialdemokratischen Internationale lässt sich die Tatsache erklären, dass die Gewerkschaften Europas und Amerikas zusammengenommen für die finanzielle Hilfe nur den achten Teil der Mittel aufbrachten, die die Gewerkschaften der Sowjetunion zur Unterstützung ihrer englischen Brüder aufzubringen vermochten. Ich spreche schon gar nicht von einer Hilfe anderer Art, von einer Hilfe, die darin besteht, dass die Kohlenzufuhr unterbunden wird, wo die Amsterdamer Gewerkschaftsvereinigung buchstäblich nach Streikbrecherart handelt.
Siebentens. Es steht gleichfalls außer Zweifel, dass eine nicht unbedeutende Rolle beim Scheitern des Generalstreiks die Schwäche der englischen Kommunistischen Partei gespielt hat. Es muss gesagt werden, dass die englische Kommunistische Partei eine der besten Sektionen der Kommunistischen Internationale ist. Es muss bemerkt werden, dass sie während der ganzen Zeit des Streiks in England eine absolut richtige Position einnahm. Es muss aber auch zugegeben werden, dass ihre Autorität unter den englischen Arbeitern immer noch gering ist. Und dieser Umstand musste für den Verlauf des Generalstreiks eine verhängnisvolle Rolle spielen.
Dies sind die Umstände, zumindest die wichtigsten von ihnen, die wir gegenwärtig auf Grund unserer Beobachtung klar sehen können und die für den unerwünschten Ausgang des Generalstreiks in England bestimmend waren.
Die Lehren des Generalstreiks
Welches sind die Lehren des Generalstreiks in England, zumindest die wichtigsten von ihnen? Diese Lehren lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Erstens. Die Krise in der Kohlenindustrie in England und der damit zusammenhängende Generalstreik stellen die Frage der Sozialisierung der Produktionsinstrumente und -mittel in der Kohlenindustrie bei gleichzeitiger Errichtung der Arbeiterkontrolle auf die Tagesordnung. Das ist die Frage des Kampfes um den Sozialismus. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass es keinen anderen Weg zur restlosen Überwindung der Krise in der Kohlenindustrie gibt noch geben kann als den von der englischen Kommunistischen Partei vorgeschlagenen Weg. Die Krise in der Kohlenindustrie und der Generalstreik führen die englische Arbeiterklasse unmittelbar an die Frage der praktischen Verwirklichung des Sozialismus heran.
Zweitens. Die englische Arbeiterklasse musste am eigenen Leibe erfahren, dass das Haupthindernis auf dem Wege zum Ziel die politische Macht der Kapitalisten ist, im gegebenen Fall die Partei der Konservativen und ihre Regierung. Wenn der Generalrat der Gewerkschaften wie die Pest fürchtete, den unlöslichen Zusammenhang zwischen ökonomischem Kampf und politischem Kampf zuzugeben, so müssen die englischen Arbeiter jetzt begreifen, dass in ihrem schweren Kampf gegen das organisierte Kapital die Machtfrage jetzt die Hauptfrage ist, dass ohne die Lösung der Machtfrage weder die Krise in der Kohlenindustrie noch überhaupt die Krise in der gesamten Industrie Englands überwunden werden kann.
Drittens. Der Verlauf und der Ausgang des Generalstreiks müssen die Arbeiterklasse Englands davon überzeugen, dass das Parlament, die Verfassung, der König und die übrigen Attribute der bürgerlichen Macht nichts anderes sind als ein Schirm und Schutz der Kapitalistenklasse gegen das Proletariat. Der Streik hat sowohl von dem Parlament als auch von der Verfassung die Hüllen heruntergerissen, die sie als Fetisch und unantastbares Heiligtum erscheinen ließen. Die Arbeiter werden begreifen, dass die gegenwärtige Verfassung eine Waffe der Bourgeoisie gegen die Arbeiter ist. Die Arbeiter müssen begreifen, dass sie gleichfalls eine eigene Arbeiterverfassung als Waffe gegen die Bourgeoisie brauchen. Ich glaube, dass die Erkenntnis dieser Wahrheit für die Arbeiterklasse Englands die größte Errungenschaft sein wird.
Viertens. Der Verlauf und der Ausgang des Streiks müssen die Arbeitermassen Englands von der Untauglichkeit der alten Führer überzeugen, von der Untauglichkeit der alten Führer, die in der Schule der alten englischen Kompromisspolitik herangewachsen sind. Sie müssen begreifen, dass die alten Führer durch neue, revolutionäre Führer ersetzt werden müssen.
Fünftens. Die englischen Arbeiter müssen jetzt begreifen, dass die Bergarbeiter Englands der Vortrupp der Arbeiterklasse Englands sind, dass es somit Sache der gesamten Arbeiterklasse Englands ist, den Streik der Bergarbeiter zu unterstützen und seinen Sieg zu gewährleisten. Der ganze Verlauf des Streiks beweist der Arbeiterklasse Englands eindringlich die absolute Unbestreitbarkeit dieser Lehre.
Sechstens. Die englischen Arbeiter mussten sich in den schwierigen Tagen des Generalstreiks, als die Plattformen und Programme der verschiedenen Parteien durch die Praxis überprüft wurden, davon überzeugen, dass die einzige Partei, die die Interessen der Arbeiterklasse konsequent, kühn und entschlossen vertreten kann, die Partei der Kommunisten ist.
Das sind im Allgemeinen die Hauptlehren des Generalstreiks in England.
Einige Schlussfolgerungen
Ich komme zu einigen Schlussfolgerungen, die von praktischer Bedeutung sind.
Die erste Frage ist die Frage der Stabilisierung des Kapitalismus. Der Streik in England hat gezeigt, dass die Entschließung der Kommunistischen Internationale über den zeitweiligen und unbeständigen Charakter der Stabilisierung völlig richtig ist.[Anmerkung 29] Der Überfall des englischen Kapitals auf die Bergleute Englands ist ein Versuch, die zeitweilige, unbeständige Stabilisierung in eine dauerhafte und ständige Stabilisierung zu verwandeln. Dieser Versuch war nicht von Erfolg gekrönt und konnte es auch nicht sein. Die englischen Arbeiter, die diesen Versuch mit einem gewaltigen Streik beantworteten, haben der ganzen kapitalistischen Welt gezeigt, dass eine dauerhafte Stabilisierung des Kapitalismus unter den Verhältnissen der Nachkriegszeit unmöglich ist, dass Experimente in der Art des englischen die Grundlagen des Kapitalismus zu zerstören drohen. Wenn aber die Behauptung, dass die kapitalistische Stabilisierung dauerhaft sei, falsch ist, so ist die entgegengesetzte Behauptung, dass die Stabilisierung vorüber sei, dass sie nicht mehr bestehe und dass wir jetzt in eine Periode größter revolutionärer Stürme eingetreten seien, nicht minder falsch. Die Stabilisierung des Kapitalismus, die zeitweilig, unbeständig, aber dennoch eine Stabilisierung ist, bleibt einstweilen bestehen.
Ferner. Gerade weil die jetzige zeitweilige und unbeständige Stabilisierung dennoch bestehen bleibt, gerade deshalb wird das Kapital auch in Zukunft versuchen, die Arbeiterklasse zu überfallen. Natürlich muss die Lehre des englischen Streiks der gesamten kapitalistischen Welt zeigen, wie gefährlich für das Leben und die Existenz des Kapitals ein Experiment ist, wie es die Konservative Partei in England angestellt hat. Dass das Experiment für die Partei der Konservativen nicht ohne Folgen bleiben wird, lässt sich kaum bezweifeln. Es lässt sich auch nicht bezweifeln, dass die Kapitalisten aller Länder diese Lehre in Rechnung ziehen werden. Dennoch wird das Kapital bemüht sein, die Arbeiterklasse erneut zu überfallen, denn es fühlt sich unsicher und hat das Bedürfnis, seine Lage zu sichern. Die Aufgabe der Arbeiterklasse und der kommunistischen Parteien besteht darin, ihre Kräfte für die Abwehr eines solchen Überfalls auf die Arbeiterklasse vorzubereiten. Die Aufgabe der kommunistischen Parteien besteht darin, auch in Zukunft die Organisierung der Einheitsfront der Arbeiter fortzusetzen und dabei alle Kräfte aufzubieten, um die Angriffe der Kapitalisten in einen Gegenangriff der Arbeiterklasse zu verwandeln, in eine revolutionäre Offensive der Arbeiterklasse, in einen Kampf der Arbeiterklasse um die Errichtung der Diktatur des Proletariats und um die Beseitigung des Kapitalismus.
Schließlich muss sich die Arbeiterklasse Englands, um diese dringenden Aufgaben erfüllen zu können, vor allem von ihren jetzigen Führern frei machen. Man kann nicht gegen die Kapitalisten zu Felde ziehen, wenn man solche Führer hat wie die Thomas und MacDonald. Man kann nicht auf einen Sieg hoffen, wenn man solche Verräter im Rücken hat wie Henderson und Clynes. Die Arbeiterklasse Englands muss lernen, solche Führer durch bessere zu ersetzen, denn eins von beiden: Entweder die Arbeiterklasse Englands lernt es, die Thomas und MacDonald ihrer Posten zu entheben, oder sie bekommt ihren Sieg ebensowenig zu sehen, wie man seine eigenen Ohren zu sehen bekommt.
Das, Genossen, sind einige Schlussfolgerungen, die sich von selbst aufdrängen.
Jetzt gestatten Sie mir, zur Frage der Ereignisse in Polen überzugehen.
Über die jüngsten Ereignisse in Polen
Es besteht die Ansicht, die Bewegung, an deren Spitze Pilsudski steht, sei eine revolutionäre Bewegung. Man sagt, Pilsudski sei für die Sache der Revolution in Polen, er sei für die Bauernschaft und gegen die Gutsbesitzer, für die Arbeiter und gegen die Kapitalisten, für die Freiheit der unterdrückten Nationalitäten Polens und gegen den polnischen Chauvinismus und Faschismus. Man sagt, Pilsudski verdiene es daher, von den Kommunisten unterstützt zu werden.
Das ist völlig falsch, Genossen!
In Wirklichkeit geht jetzt in Polen ein Kampf zwischen zwei Fraktionen der Bourgeoisie vor sich: zwischen der Fraktion der Großbourgeoisie mit den Posenern an der Spitze und der kleinbürgerlichen Fraktion mit Pilsudski an der Spitze. Dieser Kampf hat die Festigung, die Stabilisierung des bürgerlichen Staates zum Ziel, nicht aber die Verteidigung der Interessen der Arbeiter und Bauern, der Interessen der unterdrückten Nationalitäten. Der Kampf geht um die verschiedenen Methoden der Festigung des bürgerlichen Staates.
Die Sache ist die, dass der polnische Staat in eine Phase völliger Zersetzung eingetreten ist. Die Finanzen sind ruiniert. Der Zloty fällt. Die Industrie ist gelähmt. Die nichtpolnischen Nationalitäten werden unterdrückt. Oben aber, in den Kreisen, die den herrschenden Schichten nahe stehen, herrscht ein wahres Bacchanal von Unterschlagungen, worüber die Vertreter aller Sejmfraktionen[Anmerkung 30] ganz ungeniert sprechen. Infolgedessen stehen die bürgerlichen Klassen vor dem Dilemma: Entweder die Zersetzung des Staates geht so weit, dass sie den Arbeitern und Bauern die Augen öffnet und sie vor die Notwendigkeit stellt, sich gegen die Gutsbesitzer und Kapitalisten zu erheben und die revolutionäre Umgestaltung der Macht vorzunehmen, oder die Bourgeoisie muss sich beeilen, dem Verfall ein Ende zu bereiten, mit dem Bacchanal der Unterschlagungen Schluss zu machen und so dem wahrscheinlichen Ausbruch der revolutionären Bewegung der Arbeiter und Bauern zuvorzukommen, ehe es zu spät ist.
Es handelt sich jetzt darum, welche Fraktion der Bourgeoisie die Stabilisierung des polnischen Staates in ihre Hand nimmt, die Fraktion Pilsudskis oder die Fraktion der Posener?
Zweifellos verbinden die Arbeiter und Bauern mit dem Kampf Pilsudskis die Hoffnung auf eine gründliche Besserung ihrer Lage. Zweifellos unterstützt gerade deshalb die Oberschicht der Arbeiterklasse und der Bauernschaft in dieser oder jener Weise den Kampf Pilsudskis, als des Vertreters der Schichten des Kleinbürgertums und des niederen Adels, gegen die Posener, die die Großkapitalisten und Großgrundbesitzer vertreten. Aber auch darüber kann kein Zweifel bestehen, dass die Hoffnungen gewisser Schichten der werktätigen Klassen Polens gegenwärtig nicht im Interesse der Revolution ausgenützt werden, sondern im Interesse der Festigung des bürgerlichen Staates und der bürgerlichen Ordnung.
Natürlich spielen hier auch einige außenpolitische Faktoren eine Rolle. Polen ist kein großer Staat, es ist in finanzieller Hinsicht mit gewissen Kreisen der Entente liiert. Es, das bürgerliche Polen, kann bei dem jetzigen jämmerlichen Zustand seiner Finanzen natürlich nicht ohne Auslandsanleihen auskommen. Die so genannten Großmächte können aber keinen Staat finanziell unterstützen, dessen führende Kreise übereinstimmend zugeben, dass auf der ganzen Linie der staatlichen Verwaltung ein wahres Bacchanal von Unterschlagungen stattfindet. Um Anleihen zu bekommen, muss vor allem die staatliche Verwaltung „verbessert”, mit dem Bacchanal der Unterschlagungen Schluss gemacht und eine gewisse Garantie dafür geschaffen werden, dass die Zinsen für die Anleihen bezahlt werden usw. Daher die Notwendigkeit einer „Rationalisierung” des polnischen Staates.
Das sind im Wesentlichen die innenpolitischen und außenpolitischen Voraussetzungen, die für den gegenwärtigen Kampf der beiden Hauptfraktionen der Bourgeoisie Polens bestimmend waren.
Polen weist gegenwärtig eine Reihe grundlegender Widersprüche auf, die in ihrer Weiterentwicklung unvermeidlich eine unmittelbar revolutionäre Situation in Polen schaffen müssen. Diese Widersprüche sind im Wesentlichen auf drei Gebieten zu verzeichnen: auf dem Gebiet der Arbeiterfrage, auf dem Gebiet der Bauernfrage, auf dem Gebiet der nationalen Frage. Alle diese Widersprüche können im Nu hervorbrechen und eine Explosion hervorrufen, wenn Polen ein Kriegsabenteuer beginnt, wenn es nicht zuwege bringt, gutnachbarliche Beziehungen zu den umliegenden Staaten herzustellen. Kann Pilsudski, kann die buntscheckige Gruppe Pilsudskis diese Widersprüche aus der Welt schaffen? Kann diese kleinbürgerliche Gruppe die Arbeiterfrage lösen? Nein, das kann sie nicht, denn das würde sie dann zwangsläufig in einen grundsätzlichen Konflikt mit der Kapitalistenklasse bringen, worauf sie es nicht ankommen lassen kann und keinesfalls ankommen lassen wird, wenn sie nicht der finanziellen Unterstützung durch die Großmächte verlustig gehen will. Kann sie, diese Gruppe, die Bauernfrage im Sinne beispielsweise einer Konfiskation der Gutsbesitzerländereien lösen? Nein, das kann sie nicht - und sie wird es nicht tun, wenn sie nicht in das Kommandeurkorps der Pilsudskiarmee, das durchweg aus kleinen und mittleren Gutsbesitzern besteht, völlige Zersetzung hineintragen will. Kann sie, diese Gruppe, die nationale Frage in Polen in dem Sinne lösen, dass sie den unterdrückten Nationen, den Ukrainern, Litauern, Bjelorussen usw. die Freiheit der nationalen Selbstbestimmung gewährt? Nein, das kann sie nicht - und sie wird es nicht tun, wenn sie nicht jegliches Vertrauen in den Augen der großpolnischen Chauvinisten und Faschisten verlieren will, die die hauptsächliche moralische Existenzquelle der Pilsudskigruppe bilden.
Was bleibt also in einem solchen Fall übrig?
Es bleibt eins übrig: Nachdem man die Fraktion der Großbourgeoisie militärisch besiegt hat, sich der gleichen Fraktion politisch unterzuordnen und hinter ihr einher zu trotten, es sei denn, dass die Arbeiterklasse Polens und der revolutionäre Teil der polnischen Bauernschaft in nächster Zeit das Werk der revolutionären Umgestaltung des polnischen Staates in Angriff nehmen und beide Fraktionen der polnischen Bourgeoisie davonjagen - sowohl die Fraktion Pilsudskis als auch die Fraktion der Posener.
Im Zusammenhang damit erhebt sich die Frage nach der polnischen Kommunistischen Partei. Wie konnte es geschehen, dass die revolutionäre Unzufriedenheit eines beträchtlichen Teils der Arbeiter und Bauern in Polen Wasser auf die Mühle Pilsudskis, nicht aber auf die Mühle der Kommunistischen Partei Polens war? Das geschah unter anderem deshalb, weil die polnische Kommunistische Partei schwach, äußerst schwach ist, weil sie sich in dem vor sich gehenden Kampf durch ihre falsche Position gegenüber den Pilsudskitruppen noch mehr geschwächt hat und infolgedessen nicht an die Spitze der revolutionär gestimmten Massen treten konnte.
Vor kurzem las ich in unserer Sowjetpresse einen Artikel des Genossen Thälmann,[Anmerkung 31] Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands, über polnische Angelegenheiten. Genosse Thälmann geht in diesem Artikel auf die Position der polnischen Kommunisten ein, die die Losung der Unterstützung der Pilsudskitruppen aufgestellt haben, und kritisiert diese Position als unrevolutionär. Ich muss leider feststellen, dass die Kritik des Genossen Thälmann absolut richtig ist. Ich muss feststellen, dass unsere polnischen Genossen in diesem Fall einen ganz groben Fehler begangen haben.
Das ist alles, Genossen, was ich Ihnen über die Lage in England im Zusammenhang mit dem Generalstreik und über die jüngsten Ereignisse in Polen mitteilen wollte. (Stürmischer Beifall.)
„Sarja Wostoka” (Die Morgenröte des Ostens) (Tiflis) Nr. 1197, 10. Juni 1926.
Antwort auf die Begrüssungsansprachen der Arbeiter der Eisenbahnhauptwerkstätten in Tiflis
Seite 154 - 156
8. Juni 1926
„Sarja Wostoka” (Die Morgenröte des Ostens) (Tiflis) Nr. 1197, 10. Juni 1926.
Genossen!
Gestatten Sie mir vor allem, meinem kameradschaftlichen Dank für die Begrüßungsansprachen, die hier von Vertretern der Arbeiter gehalten wurden, Ausdruck zu geben.
Ich muss Ihnen, Genossen, ganz ehrlich sagen, dass ich nicht einmal die Hälfte des Lobes verdient habe, das mir hier gespendet wurde. Wie es sich herausstellt, bin ich’ der Held des Oktober und der Führer der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der Führer der Komintern und ein sagenhafter Recke und wer weiß, was noch alles. All das ist Unsinn, Genossen, und eine absolut überflüssige Übertreibung. In einem solchen Tone spricht man gewöhnlich am Grabe eines verstorbenen Revolutionärs. Ich aber habe noch nicht die Absicht zu sterben.
Ich sehe mich daher veranlasst, das wirkliche Bild dessen zu rekonstruieren, was ich früher war und wem ich meine jetzige Stellung in unserer Partei verdanke.
Genosse Arakel (A. Okuaschwili) hat hier gesagt, dass er sich ehemals für einen meiner Lehrer und mich für seinen Schüler hielt. Das ist völlig richtig, Genossen. Ich bin und bleibe in der Tat ein Schüler der fortgeschrittenen Arbeiter der Tifliser Eisenbahnwerkstätten.
Gestatten Sie, dass ich mich der Vergangenheit zuwende.
Ich erinnere mich des Jahres 1898, als man mir zum erstenmal einen Zirkel von Arbeitern der Eisenbahnwerkstätten zuteilte. Das war vor 28 Jahren. Ich erinnere mich, wie ich in der Wohnung des Genossen Sturua, in Anwesenheit von Dshibladse (er war damals auch einer meiner Lehrer), Tschodrischwili, Tschcheidse, Botschorischwili, Ninua und anderen fortgeschrittenen Tifliser Arbeitern meinen ersten Unterricht in der praktischen Arbeit erhielt. Im Vergleich zu diesen Genossen war ich damals recht jung. Vielleicht war ich damals ein wenig belesener als viele dieser Genossen, aber in der praktischen Arbeit war ich damals zweifellos ein Anfänger. Hier, im Kreise dieser Genossen, erhielt ich damals meine erste revolutionäre Feuertaufe. Hier, im Kreise dieser Genossen, wurde ich damals ein Lehrling der Revolution. Sie sehen, meine ersten Lehrer waren die Tifliser Arbeiter.
Gestatten Sie mir, ihnen meinen aufrichtigen, kameradschaftlichen Dank auszusprechen. (Beifall.)
Ich erinnere mich ferner der Jahre 1907-1909, als ich durch den Willen der Partei nach Baku zur Arbeit entsandt worden war. Drei Jahre revolutionärer Arbeit unter den Arbeitern der Erdölindustrie stählten mich als Kämpfer und einen der Leiter der praktischen Arbeit am Ort. Im Umgang mit so fortgeschrittenen Bakuer Arbeitern wie Wazek, Saratowez, Fioletow und anderen einerseits und im Sturm schwerster Konflikte zwischen Arbeitern und Erdölindustriellen anderseits erfuhr ich zum erstenmal, was es heißt, große Arbeitermassen zu führen. Dort, in Baku, erhielt ich somit meine zweite revolutionäre Feuertaufe. Dort wurde ich ein Geselle der Revolution.
Gestatten Sie mir, meinen Bakuer Lehrern meinen aufrichtigen, kameradschaftlichen Dank auszusprechen. (Beifall.)
Schließlich erinnere ich mich des Jahres 1917, als ich durch den Willen der Partei, nach meinen Wanderungen durch Gefängnisse und Verbannungsorte, nach Leningrad entsandt worden war. Dort, im Kreise der russischen Arbeiter, in der unmittelbaren Nähe des großen Lehrers der Proletarier aller Länder, des Genossen Lenin, im Sturm der großen Schlachten zwischen Proletariat und Bourgeoisie, unter den Verhältnissen des imperialistischen Krieges, lernte ich zum erstenmal verstehen, was es heißt, einer der Führer der großen Partei der Arbeiterklasse zu sein. Dort, im Kreise der russischen Arbeiter, der Befreier der unterdrückten Völker und der Vorkämpfer des Proletariats aller Länder und Völker, erhielt ich meine dritte revolutionäre Feuertaufe. Dort, in Rußland, wurde ich unter Lenins Leitung einer der Meister der Revolution.
Gestatten Sie mir, meinen russischen Lehrern meinen aufrichtigen, kameradschaftlichen Dank auszusprechen und mein Haupt zu neigen im Gedenken an meinen großen Lehrer Lenin. (Beifall.)
Vom Lehrling (Tiflis) über den Gesellen (Baku) zu einem der Meister unserer Revolution (Leningrad) - das, Genossen, ist die Schule meiner revolutionären Lehrzeit.
Das, Genossen, ist das wirkliche Bild dessen, was ich war und was ich geworden bin, wenn man ohne Übertreibung, ganz ehrlich sprechen will. (Beifall, der in eine stürmische Ovation übergebt.)
„Sarja Wostoka” (Die Morgenröte des Ostens) (Tiflis) Nr. 1197, 10. Juni 1926.
Über das Englisch-Russische Einheitskomitee
Seite 157 - 171
Rede auf der gemeinsamen Plenartagung des ZK und der ZKK der KPdSU(B),[Anmerkung 33] 15. Juli 1926 (In gekürzter Form veröffentlicht)
Zuerst veröffentlicht in dem Buch: J. Stalin, Über die Opposition. Artikel und Reden aus den Jahren 1921-1927.
Moskau/Leningrad 1928.
Genossen!
Wir leben jetzt in einer Periode der Sammlung der Kräfte, in einer Periode der Gewinnung der Massen und der Vorbereitung des Proletariats auf neue Kämpfe. Die Massen aber befinden sich in den Gewerkschaften. Die Gewerkschaften im Westen sind jetzt in ihrer Mehrzahl jedoch mehr oder weniger reaktionär. Wie sollen wir uns den Gewerkschaften gegenüber verhalten? Sollen und können wir Kommunisten in den reaktionären Gewerkschaften arbeiten? Im Grunde genommen, ist es gerade diese Frage, die Trotzki in seinem kürzlich in der „Prawda” veröffentlichten Brief aufwirft. Diese Frage enthält natürlich nichts Neues. Sie wurde bereits vor fünf Jahren, noch ehe Trotzki sie stellte, von den „Ultralinken” in Deutschland aufgeworfen. Trotzki aber hielt es für notwendig, sie erneut aufzuwerfen. Und wie beantwortet er sie? Gestatten Sie, ein Zitat aus Trotzkis Brief anzuführen.
„Der gesamte gegenwärtige ‚Überbau’ der britischen Arbeiterklasse - in ausnahmslos allen Schattierungen und Gruppierungen - ist ein Apparat, der die Revolution hemmt. Das deutet für eine lange Periode darauf hin, dass die spontane und halbspontane Bewegung auf den Rahmen der alten Organisationen Druck ausüben wird und dass es infolge dieses Druckes zur Bildung neuer revolutionärer Organisationen kommen wird.” (Siehe „Prawda” Nr. 119 vom 26. Mai 1926.)
Demnach dürften wir nicht in den „alten” Organisationen arbeiten. wenn wir die Revolution nicht „hemmen” wollen. Entweder soll das heißen, dass wir uns bereits in der Periode einer unmittelbar revolutionären Situation befinden und dass wir unverzüglich an Stelle der „alten” Organisationen, an Stelle der Gewerkschaften, auf eigene Faust proletarische Organisationen bilden müssen, was natürlich falsch und dumm wäre. Oder das soll heißen, dass wir die alten Gewerkschaften im Laufe einer „langen” Zeitspanne durch „neue revolutionäre Organisationen” ersetzen müssen.
Das ist das Signal, an Stelle der bestehenden Gewerkschaften jene „revolutionäre Arbeiterunion” zu organisieren, von der die „ultralinken” Kommunisten in Deutschland vor fünf Jahren sprachen und gegen die Genosse Lenin in seiner Schrift „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus” entschieden auftrat. Das ist, im Grunde genommen, das Signal zur Ersetzung der gegenwärtig bestehenden Gewerkschaften durch „neue”, scheinbar „revolutionäre” Organisationen, also das Signal zum Austritt aus den Gewerkschaften.
Ist diese Politik richtig? Sie ist grundfalsch. Sie ist grundfalsch, weil sie dem Leninschen Prinzip von der Führung der Massen widerspricht. Sie ist falsch, da die Gewerkschaftsverbände des Westens, so reaktionär sie auch sein mögen, die elementarsten, für die rückständigsten Arbeiter verständlichsten und deshalb umfassendsten Massenorganisationen des Proletariats sind. Wir können zu den Massen nicht Zugang erhalten, wir können sie nicht gewinnen, wenn wir diese Verbände ignorieren. Sich auf den Standpunkt Trotzkis stellen bedeutet den Kommunisten den Weg zu den Millionenmassen verschließen, bedeutet die Massen der Arbeiter Amsterdam,[Anmerkung 34] den Sassenbach und Oudegeest[Anmerkung 35] ausliefern.
Die Oppositionellen haben sich hier auf Genossen Lenin berufen. Gestatten Sie auch mir, Lenins Hinweise anzuführen.
„Als ein... lächerlicher, kindischer Unsinn muss uns auch das wichtigtuerische, überaus gelehrte und furchtbar revolutionäre Gerede der deutschen Linken über das Thema erscheinen, dass die Kommunisten in den reaktionären Gewerkschaften nicht arbeiten können und nicht arbeiten dürfen, dass es statthaft sei, diese Arbeit abzulehnen, dass man aus den Gewerkschaften austreten und unbedingt eine nagelneue, blitzsaubere, von sehr netten (und meistens wohl sehr jungen) Kommunisten ausgeheckte ,Arbeiterunion’ schaffen müsse.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 31/32 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 696].)
Und weiter:
„... den Kampf gegen die ‚Arbeiteraristokratie’ führen wir im Namen der Arbeitermassen und um sie für uns zu gewinnen; den Kampf gegen die opportunistischen und sozialchauvinistischen Führer führen wir, um die Arbeiterklasse für uns zu gewinnen. Diese ganz elementare, augenfällige Wahrheit zu vergessen, wäre eine Dummheit. Und gerade diese Dummheit begehen die ‚linken’ deutschen Kommunisten, die aus der Tatsache, dass die Spitzen der Gewerkschaften reaktionär und konterrevolutionär sind, den Schluss ziehen, dass ... man aus den Gewerkschaften austreten!!, die Arbeit in den Gewerkschaften ablehnen!! und neue, ausgeklügelte Formen von Arbeiterorganisationen schaffen müsse!! Das ist eine so unverzeihliche Dummheit, dass sie dem größten Dienst gleichkommt, den die Kommunisten der Bourgeoisie erweisen können.” (Ebenda, S. 34/35, russ. (S.699, deutsch).)
Ich denke, Genossen, Erläuterungen sind hier überflüssig.
Hier erhebt sich die Frage des Überspringens der Gewerkschaften im Westen, die ihren reaktionären Charakter noch nicht überwunden haben. Diese Frage wurde hier von Sinowjew aufs Tapet gebracht. Er berief sich auf Martow und versicherte, der Standpunkt, dass man nicht über die Rückständigkeit der Massen, über die Rückständigkeit und reaktionäre Gesinnung ihrer Führer hinweg springen darf, der Standpunkt, dass es für Marxisten unzulässig ist, darüber hinweg zuspringen - dieser Standpunkt sei menschewistisch.
Ich behaupte, Genossen, dass dieses unsaubere Manöver Sinowjews mit der Berufung auf Martow lediglich eins beweist - Sinowjews völlige Abkehr von der Linie des Leninismus.
Ich werde mich bemühen, das im Folgenden zu beweisen.
Können wir als Leninisten, als Marxisten überhaupt über eine noch nicht überholte Bewegung, über die Rückständigkeit der Massen hinweg springen, können wir ihnen den Rücken kehren, sie ignorieren, oder müssen wir derartige Erscheinungen dadurch überwinden, dass wir unter den Massen unermüdlich gegen diese Erscheinungen kämpfen? Das ist eine der grundlegenden Fragen der kommunistischen Politik, eine der grundlegenden Fragen der Leninschen Lehre von der Führung der Massen. Die Oppositionellen sprachen hier vom Leninismus. Gestatten Sie, dass ich mich auf die Urquelle, auf Lenin, berufe.
Es ist im April 1917. Lenin polemisiert gegen Kamenew. Lenin ist nicht einverstanden mit Kamenew, der die Rolle der kleinbürgerlichen Demokratie überschätzte. Lenin ist aber auch nicht einverstanden mit Trotzki, der die Rolle der Bauernbewegung unterschätzte und über die Bauernbewegung in Rußland „hinweg sprang”. Hier die Worte Lenins:
„Der Trotzkismus sagt: ‚Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung’. Das ist falsch. Das Kleinbürgertum existiert, man darf es nicht ignorieren. Aber es besteht aus zwei Teilen. Sein ärmerer Teil geht mit der Arbeiterklasse.” (Siehe Rede Lenins, Protokolle der Petrograder Konferenz im April 1917, S. 17, russ.[8])
„Hätten wir gesagt: ‚Weg mit dem Zaren, her mit der Diktatur des Proletariats’ - nun, das wäre ein Sprung über das Kleinbürgertum hinweg.” (Siehe Rede Lenins, Protokolle der Allrussischen Aprilkonferenz 1917, S. 76, russ.[Anmerkung 36])
Und weiter:
„Laufen wir aber nicht Gefahr, in Subjektivismus zu verfallen, in den Wunsch, über die unvollendete Revolution bürgerlich-demokratischen Charakters, die die Bauernbewegung noch nicht überholt hat, in die sozialistische Revolution ‚hinüber zu springen’? Hätte ich gesagt: ‚Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung’ - so würde mir diese Gefahr drohen. Doch ich habe nicht das gesagt, ich habe etwas anderes gesagt... Ich habe mich in meinen Thesen absolut gegen jegliches Überspringen der noch nicht überholten bäuerlichen oder überhaupt kleinbürgerlichen Bewegung, gegen jedes Spiel mit der ;Machtergreifung’ durch eine Arbeiterregierung, gegen jedes wie auch immer geartete blanquistische Abenteuer verwahrt, denn ich habe direkt auf die Erfahrungen der Pariser Kommune hingewiesen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 24, S. 28/29, russ.)
Das ist doch wohl klar. Die Theorie des Überspringens einer noch nicht überholten Bewegung ist eine Theorie des Trotzkismus. Lenin ist mit dieser Theorie nicht einverstanden. Er hält sie für abenteuerlich.
Und hier noch einige Zitate, allerdings aus anderen Schriften, aus den Schriften eines „sehr prominenten” Bolschewiks, dessen Namen und Vornamen ich vorläufig nicht nennen will, der aber auch gegen die Theorie des Überspringens ins Feld zieht.
„In der Frage der Bauernschaft, die Trotzki fortwährend ‚überspringt’, hätten wir die größten Fehler begangen. An Stelle der Ansätze eines Zusammenschlusses zwischen Arbeitern und Bauern hätten wir jetzt gerade das Gegenteil eines Zusammenschlusses.”
Weiter:
„Das ist die ‚theoretische’ Grundlage des Parvusismus und des Trotzkismus. Diese ‚theoretische’ Grundlage wurde später in politische Losungen umgemünzt, wie zum Beispiel in die Losung: ‚Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung’. Diese Losung nimmt sich jetzt - nachdem wir im Bündnis mit der Bauernschaft nach 15 Jahren die Sowjetmacht errungen haben - nicht übel aus. Weg mit dem Zaren! - das ist gut. Her mit der Arbeiterregierung - noch besser. Wenn man sich aber ins Gedächtnis ruft, dass diese Losung im Jahre 1905 aufgestellt wurde, so wird jeder Bolschewik zugeben, dass diese Losung damals die Bauernschaft völlig ‚übersprang’.”
Weiter:
„Aber die ‚Permanenzler’ wollten uns im Jahre 1905 die Losung ‚Nieder mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung’ aufzwingen. Wo bleibt aber die Bauernschaft? Sticht denn hier nicht die Tatsache des völligen Nichtverstehens und der Ignorierung der Bauernschaft in einem Land wie Rußland ins Auge? Wenn das kein ‚Überspringen’ der Bauernschaft ist, was ist es dann?”
Weiter:
„Der Trotzkismus, der die Rolle der Bauernschaft in Rußland nicht begriffen hat, der die Bauernschaft in einem bäuerlichen Lande ‚überspringt’, konnte um so weniger die Rolle der Bauernschaft in der internationalen Revolution begreifen.”
Sie werden fragen: Wer ist denn der Verfasser dieser gewichtigen Zitate gegen den Trotzkismus und gegen die trotzkistische Theorie des Überspringens? Der Verfasser dieser gewichtigen Zitate ist kein anderer als Sinowjew. Diese Zitate sind seinem Buch „Leninismus” und dem Artikel Sinowjews „Bolschewismus oder Trotzkismus” entnommen.
Wie konnte es passieren, dass Sinowjew vor einem Jahr den antileninistischen Charakter der Theorie des Überspringens verstand, jetzt aber, ein Jahr später, ihn nicht mehr versteht? Das ist ihm deshalb passiert, weil er damals, sozusagen, Leninist war, jetzt aber sich hoffnungslos verstrickt hat und mit einem Bein im Lager des Trotzkismus und mit dem andern im Lager Schljapnikows, im Lager der „Arbeiteropposition”[Anmerkung 37] steht. Und nun zappelt er zwischen diesen beiden Oppositionen und sieht sich veranlasst, hier, auf dieser Tribüne, unter Berufung auf Martow aufzutreten. Und gegen wen tritt er auf? Gegen Lenin. Für wen? Für die Trotzkisten.
So tief ist Sinowjew gesunken.
Man könnte sagen, das alles betreffe die Frage der Bauernschaft, das habe nichts mit den Gewerkschaften in England zu tun. Aber das ist falsch, Genossen. Das, was ich über die Untauglichkeit der Theorie des Überspringens in der Politik gesagt habe, hat unmittelbar Bezug auf die Gewerkschaften in England und in Europa überhaupt, hat unmittelbar Bezug auf die Frage der Führung der Massen, auf die Frage, wie man die Massen von dem Einfluss der reaktionären, reformistischen Führer befreien kann. Getreu der Theorie des Überspringens, versuchen Trotzki und Sinowjew, über die Rückständigkeit der englischen Gewerkschaften, über ihr reaktionäres Wesen hinweg zu springen, und drängen darauf, dass wir den Generalrat von Moskau aus, ohne die englischen Gewerkschaftsmassen stürzen. Wir aber behaupten, dass eine solche Politik dumm und abenteuerlich ist, dass die reaktionären Führer der englischen Gewerkschaftsbewegung von den englischen Gewerkschaftsmassen selbst, mit unserer Hilfe, gestürzt werden müssen, dass wir über das reaktionäre Wesen der Gewerkschaftsführer nicht hinweg springen dürfen, sondern den englischen Gewerkschaftsmassen helfen müssen, es zu überwinden.
Sie sehen, dass zwischen der Politik im Allgemeinen und der Politik gegenüber den Gewerkschaftsmassen zweifellos ein Zusammenhang besteht.
Gibt es dazu keine Hinweise bei Lenin? Hören Sie bitte:
„Zu Beginn der Entwicklung des Kapitalismus bedeuteten die Gewerkschaften als Übergang von der Zersplitterung und Hilflosigkeit der Arbeiter zu den Anfängen einer Klassenvereinigung einen riesigen Fortschritt der Arbeiterklasse. Als die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier, die revolutionäre Partei des Proletariats (die ihren Namen nicht verdient, solange sie es nicht gelernt hat, die Führer mit der Klasse und mit den Massen zu einem Ganzen, zu etwas Untrennbarem zu verbinden), sich herauszubilden anfing, da begannen die Gewerkschaften unvermeidlich gewisse reaktionäre Züge zu offenbaren, eine gewisse zünftlerische Beschränktheit, eine gewisse Neigung zum Apolitizismus, eine gewisse Stagnation usw. Aber anders als vermittels der Gewerkschaften, durch ihr Zusammenwirken mit der Partei der Arbeiterklasse ging die Entwicklung des Proletariats nirgendwo in der Welt vor sich und konnte auch nicht anders vor sich gehen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 32/33 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. 11, S. 697].)
Und weiter:
„Fürchtet man diese ,reaktionären Züge’, sucht man, sie zu ignorieren, über sie hinwegzuspringcn1, so ist das die größte Dummheit, denn das bedeutet, vor der Rolle der proletarischen Avantgarde zurückzuschrecken, die darin besteht, die rückständigsten Schichten und die Massen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft zu schulen, aufzuklären, zu erziehen und dem neuen Leben zuzuführen.” (Ebenda, S. 33, russ. (S. 697, deutsch).)
So ist es um die Theorie des Überspringens auf dem Gebiet der Gewerkschaftsbewegung bestellt.
Sinowjew täte besser daran, hier nicht unter Berufung auf Martow aufzutreten. Er täte besser daran, von der Theorie des Überspringens zu schweigen. Das wäre für ihn viel besser. Sinowjew brauchte nicht auf den Namen Trotzkis zu schwören: Wir wissen auch ohnehin, dass er vom Leninismus zum Trotzkismus übergegangen ist.
So, Genossen, ist es bestellt um die trotzkistische Theorie des Überspringens der Rückständigkeit der Gewerkschaften, der Rückständigkeit der Gewerkschaftsbewegung, der Rückständigkeit einer Massenbewegung überhaupt.
Leninismus und Trotzkismus sind zwei ganz verschiedene Dinge.
Damit sind wir bei der Frage des Englisch-Russischen Komitees angelangt. Hier wurde gesagt, dass das Englisch-Russische Komitee ein Übereinkommen, ein Block der Gewerkschaften unseres Landes mit den Gewerkschaften Englands sei. Das ist völlig richtig. Das Englisch-Russische Komitee ist der Ausdruck eines Blocks, der Ausdruck eines Übereinkommens unserer Gewerkschaften mit den Gewerkschaften Englands, und dieser Block trägt auch politischen Charakter.
Dieser Block stellt sich zwei Aufgaben. Die erste Aufgabe besteht in der Herstellung der Verbindung zwischen unseren Gewerkschaften und den Gewerkschaften Englands, in der Organisierung der Einheitsbewegung gegen die Offensive des Kapitals, in der Vertiefung des Risses, der zwischen Amsterdam und der englischen Gewerkschaftsbewegung entstanden ist und den wir mit allen Mitteln vertiefen werden, schließlich in der Schaffung der Voraussetzungen, die notwendig sind, um die Reformisten aus den Gewerkschaften zu verdrängen und die Gewerkschaften der kapitalistischen Länder für den Kommunismus zu gewinnen.
Die zweite Aufgabe dieses Blocks besteht in der Organisierung einer breiten Bewegung der Arbeiterklasse gegen neue imperialistische Kriege im Allgemeinen und gegen eine Intervention (ganz besonders) der stärksten imperialistischen Macht Europas, Englands, gegen unser Land im Besonderen.
Über die erste Aufgabe wurde hier ausführlich genug gesprochen. Ich werde deshalb nicht darauf eingehen. Ich möchte hier einige Worte über die zweite Aufgabe sagen, besonders soweit sie die Intervention der englischen Imperialisten gegen unser Land betrifft. Manche Oppositionellen sagen, es lohne nicht, über die letzte Aufgabe, die Aufgabe des Blocks zwischen unseren und den englischen Gewerkschaften zu sprechen, diese Aufgabe sei unwichtig. Es fragt sich warum? Warum sollte es sich nicht lohnen, darüber zu sprechen? Ist etwa die Aufgabe, sich für die Sicherheit der ersten Sowjetrepublik der Welt einzusetzen, die zudem noch das Bollwerk und die Basis der internationalen Revolution ist, keine revolutionäre Aufgabe? Sind etwa unsere Gewerkschaftsverbände von der Partei unabhängig? Stehen wir etwa auf dem Standpunkt der Unabhängigkeit unserer Gewerkschaftsverbände: der Staat sei eins, die Gewerkschaftsverbände aber seien etwas ganz anderes? Nein, auf einem solchen Standpunkt stehen wir nicht und können wir als Leninisten nicht stehen. Jeder Arbeiter, jeder gewerkschaftlich organisierte Arbeiter muss sich die Verteidigung der ersten Sowjetrepublik der Welt gegen eine Intervention angelegen sein lassen. Wenn die Gewerkschaften unseres Landes hierbei von den englischen Gewerkschaften, auch wenn sie reformistisch sind, unterstützt werden, ist dann etwa nicht klar, dass man das nur begrüßen kann?
Wer da glaubt, unsere Gewerkschaftsverbände könnten sich keine staatlichen Aufgaben stellen, gleitet auf den Standpunkt des Menschewismus hinab. Das ist der Standpunkt des „Sozialistitscheski Wjestnik”.[Anmerkung 38] Wir können diesen Standpunkt nicht einnehmen. Und wenn die reaktionären Gewerkschaften Englands bereit sind, mit den revolutionären Gewerkschaften unseres Landes einen Block gegen die konterrevolutionären Imperialisten ihres Landes zu bilden - warum sollte man diesen Block nicht begrüßen? Ich betone diese Seite der Sache deshalb, damit unsere Opposition, die bemüht ist, das Englisch-Russische Komitee zu sprengen, endlich begreifen möge, dass sie Wasser auf die Mühle der Interventionisten leitet.
Also, das Englisch-Russische Komitee ist ein Block unserer Gewerkschaften mit den reaktionären Gewerkschaften Englands mit dem Ziel, erstens die Verbindungen zwischen unseren Gewerkschaften und der Gewerkschaftsbewegung des Westens zu festigen und diese zu revolutionieren, und zweitens den Kampf gegen imperialistische Kriege überhaupt, gegen eine Intervention im Besonderen, zu führen.
Aber sind überhaupt - und das ist eine prinzipielle Frage - sind überhaupt politische Blocks mit reaktionären Gewerkschaften möglich? Sind solche Blocks für Kommunisten überhaupt zulässig?
Das ist für uns eine höchst aktuelle Frage, die wir hier lösen müssen. Die einen meinen, sie seien unmöglich - das sind unsere Oppositionellen. Das Zentralkomitee unserer Partei aber ist der Meinung, dass solche Blocks zulässig sind.
Die Oppositionellen haben hier den Namen Lenins erwähnt. Wenden wir uns Lenin zu.
„Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn das ,reine’ Proletariat nicht von einer Masse außerordentlich mannigfaltiger Übergangstypen vom Proletarier zum Halbproletarier (der seinen Lebensunterhalt zur Hälfte durch Verkauf seiner Arbeitskraft erwirbt), vom Halbproletarier zum Kleinbauern (und kleinen Handwerker, Heimarbeiter, kleinen Eigentümer überhaupt), vom Kleinbauern zum Mittelbauern usw. umgeben wäre; wenn es innerhalb des Proletariats selbst nicht Gliederungen in mehr oder minder entwickelte Schichten, Gliederungen nach Landsmannschaften, nach Berufen, manchmal nach Konfessionen usw. gäbe. Aus alledem aber ergibt sich für die Vorhut des Proletariats, für seinen klassenbewussten Teil, für die Kommunistische Partei absolut unumgänglich die Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit, zu lavieren, Übereinkommen, Kompromisse mit verschiedenen proletarischen Gruppen, mit verschiedenen Parteien der Arbeiter und der kleinen Besitzer zu schließen. Es kommt nur darauf an, zu verstehen, diese Taktik so anzuwenden, dass sie zur Hebung und nicht zur Senkung des allgemeinen Niveaus des proletarischen Klassenbewusstseins, des revolutionären Geistes, der Kampf- und Siegesfähigkeit beiträgt.” (Siehe 4.Ausgabe, Bd.31, 5.55/56 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.719/720].)
Und weiter:
„Dass die Henderson, Clynes, MacDonald und Snowden hoffnungslos reaktionär sind, stimmt. Ebenso stimmt es, dass sie in den Besitz der Macht kommen wollen (dabei aber, nebenbei bemerkt, eine Koalition mit der Bourgeoisie vorziehen), dass sie nach denselben althergebrachten bürgerlichen Regeln ,regieren’ wollen, dass sie, einmal zur Macht gelangt, sich unvermeidlich ebenso verhalten werden wie die Scheidemann und Noske. Das alles stimmt. Aber daraus folgt keineswegs, dass eine Unterstützung dieser Leute Verrat an der Revolution sei, vielmehr folgt daraus, dass die Revolutionäre aus der Arbeiterklasse im Interesse der Revolution diesen Herrschaften eine gewisse parlamentarische Unterstützung gewähren müssen.” (Ebenda, S.62, russ. (S. 726, deutsch).)
Also nach Lenin ergibt sich, dass politische Übereinkommen, politische Blocks der Kommunisten mit reaktionären Führern der Arbeiterklasse durchaus möglich und zulässig sind.
Mögen Trotzki und Sinowjew sich das merken.
Aber wozu brauchen wir eigentlich solche Übereinkommen?
Um zu den Arbeitermassen Zugang zu erhalten, um diese Massen über das reaktionäre Wesen ihrer politischen Führer und Gewerkschaftsführer aufzuklären, um die Teile der Arbeiterklasse, die sich im Prozess der Linksentwicklung und der Revolutionierung befinden, von den reaktionären Führern loszureißen, um somit die Kampffähigkeit der Arbeiterklasse im ganzen zu steigern.
Daher darf man sich auf solche Blocks nur unter zwei Hauptbedingungen einlassen: Wenn die Freiheit unserer Kritik an den reformistischen Führern gewährleistet ist, und wenn die für die Loslösung der Massen von den reaktionären Führern notwendigen Voraussetzungen gewährleistet sind.
Hierüber sagt Lenin folgendes:
„Die Kommunistische Partei schlägt den Henderson und Snowden ein ,Kompromiss’, ein Wahlabkommen vor: Wir kämpfen gemeinsam gegen das Bündnis Lloyd Georges und der Konservativen, verteilen die Parlamentssitze entsprechend der Zahl der von den Arbeitern für die Arbeiterpartei bzw. die Kommunisten abgegebenen Stimmen (nicht bei den Wahlen, sondern in einer besonderen Abstimmung), behalten uns aber die vollste Freiheit der Agitation, Propaganda und politischen Tätigkeit vor. Ohne die letzte Bedingung darf man sich natürlich nicht auf einen Block einlassen, denn das wäre Verrat: Die vollste Freiheit der Entlarvung der Henderson und Snowden müssen die englischen Kommunisten ebenso unbedingt verfechten und durchsetzen, wie die russischen Bolschewiki sie (fünfzehn Jahre lang, von 1903 bis 1917) gegenüber den russischen Henderson und Snowden, d. h. gegenüber den Menschewiki, verfochten und durchgesetzt haben.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 66/67 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 730/731].)
Und weiter:
„Die kleinbürgerlichen Demokraten (darunter auch die Menschewiki) schwanken unvermeidlich zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat, zwischen der bürgerlichen Demokratie und dem Sowjetsystem, zwischen Reformismus und Revolutionarismus, zwischen der Liebe zu den Arbeitern und der Furcht vor der proletarischen Diktatur usw. Die richtige Taktik der Kommunisten muss darin bestehen, dass man diese Schwankungen ausnutzt, sie aber keineswegs ignoriert; um sie auszunutzen, muss man Zugeständnisse an die Elemente machen, die sich dem Proletariat zuwenden, und zwar dann, wenn diese sich dem Proletariat zuwenden, und insoweit, wie diese sich dem Proletariat zuwenden - gleichzeitig aber muss man den Kampf gegen diejenigen führen, die zur Bourgeoisie abschwenken. Das Ergebnis der Anwendung der richtigen Taktik war, dass der Menschewismus bei uns immer mehr zerfiel und auch weiter zerfällt, wobei die verbohrten opportunistischen Führer isoliert und die besten Arbeiter, die besten Elemente aus der kleinbürgerlichen Demokratie in unser Lager geführt werden.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 56 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 720].)
Hier haben wir die Bedingungen für einen Block, ohne die keinerlei Blocks, keinerlei Übereinkommen mit reaktionären Gewerkschaftsführern zulässig sind.
Möge die Opposition sich auch das merken.
Es fragt sich nun: Entspricht die Politik unserer Gewerkschaften den Bedingungen, von denen Genosse Lenin spricht?
Ich bin der Meinung, dass sie ihnen durchaus entspricht. Erstens haben wir uns die volle Freiheit der Kritik an den reformistischen Führern der englischen Arbeiterklasse voll und ganz bewahrt und diese Freiheit restlos ausgenutzt, so, wie sie keine andere kommunistische Partei der Welt ausgenutzt hat. Zweitens haben wir zu den Arbeitermassen Englands Zugang erhalten und unsere Verbindungen mit ihnen gefestigt. Drittens haben wir mit Erfolg begonnen, und es ist uns auch bereits gelungen, ganze Trupps der Arbeiterklasse Englands von den reaktionären Führern loszureißen. Ich denke an die Loslösung der Bergarbeiter von den Führern des Generalrats.
Trotzki, Sinowjew und Kamenew haben hier die Frage der Konferenz der russischen und englischen Bergleute in Berlin und ihren Aufruf[Anmerkung 39] wohlweislich umgangen. Das ist aber doch eins der wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit. Wer sind denn die Richardson, Cook, Smith, Richards? Opportunisten, Reformisten. Die einen nennen sich Linke, die anderen Rechte. Sollen sie das! Die Geschichte wird klarstellen, wer von ihnen weiter links steht. Für uns ist es sehr schwierig, das jetzt zu klären; die Angelegenheit ist in Dunkel gehüllt. Eins aber ist klar: Wir haben diese schwankenden reformistischen Führer, denen eine Million zweihunderttausend streikende Bergarbeiter folgen, vorn Generalrat losgerissen und mit unseren Gewerkschaften zusammengebracht. Ist das etwa nicht Tatsache? Warum schweigt sich die Opposition darüber aus? Sollte sie sich etwa nicht über die Erfolge unserer Politik freuen? Und wenn Citrine jetzt schreibt, dass er und der Generalrat mit der Einberufung des Englisch-Russischen Komitees einverstanden sind, ist das nicht das Ergebnis dessen, dass es Schwarz und Akulow gelungen ist, Cook und Richardson auf ihre Seite zu ziehen, und dass der Generalrat aus Furcht vor einem offenen Kampf gegen die Bergarbeiter gezwungen war, der Einberufung des Englisch-Russischen Komitees zuzustimmen? Wer kann leugnen, dass alle diese Tatsachen von den Erfolgen’ unserer Politik zeugen, dass all das von dem völligen Zusammenbruch der Politik der Opposition zeugt?
Also Blocks mit reaktionären Führern der Gewerkschaften sind zulässig. Sie sind unter bestimmten Bedingungen notwendig. Freiheit der Kritik ist die erste Bedingung. Sie wird von unserer Partei erfüllt. Die Loslösung der Arbeitermassen von den reaktionären Führern ist die zweite Bedingung. Diese Bedingung wird ebenfalls von unserer Partei erfüllt. Unsere Partei hat Recht. Die Opposition hat Unrecht.
Es fragt sich: Was wollen Sinowjew und Trotzki noch von uns?
Sie wollen, dass unsere sowjetischen Gewerkschaften entweder mit dem Englisch-Russischen Komitee brechen oder von hier, von Moskau aus, den Generalrat stürzen. Aber das ist doch eine Dummheit, Genossen. Von uns zu verlangen, dass wir die Gewerkschaften der englischen Arbeiter übergehen, dass wir die englischen Gewerkschaftsmassen übergeben, dass wir die englischen Gewerkschaftskader übergeben, sie überspringen und von hier, von Moskau aus, den Generalrat stürzen - ist das etwa keine Dummheit, Genossen?
Sie verlangen einen demonstrativen Bruch. Aber ist es denn so schwer zu begreifen, dass dabei nichts herauskommen wird außer Konfusion? Ist es denn so schwer zu verstehen, dass wir im Falle des Bruchs die Verbindung mit der englischen Gewerkschaftsbewegung verlieren, die englischen Gewerkschaften den Sassenbach und Oudegeest in die Arme treiben, die Grundlagen der Taktik der Einheitsfront ins Wanken bringen, dass wir den Churchill und Thomas Freude bereiten und nichts dabei gewinnen außer Konfusion?
Trotzki geht bei seiner Politik der effektvollen Gesten nicht von konkreten Menschen aus, nicht von den konkreten und lebendigen Arbeitern, die in England leben und kämpfen, sondern von irgendwelchen idealen, körperlosen Menschen, die vom Scheitel bis zur Sohle revolutionär sind. Aber ist es denn so schwer zu begreifen, dass nur Toren in der Politik von idealen, körperlosen Menschen ausgehen können?
Aus diesem Grunde sind wir der Meinung, dass die Politik der effektvollen Gesten, die Politik, durch die man den Generalrat von Moskau aus, und nur mit den Kräften Moskaus, stürzen will, eine lächerliche, abenteuerliche Politik ist.
Die Politik der Gesten ist ein Charakterzug der gesamten Politik Trotzkis, seit er bei uns in der Partei ist. Die erstmalige Anwendung dieser Politik erlebten wir zur Zeit des Brester Friedens, als Trotzki das deutsch-russische Friedensabkommen nicht unterzeichnete und das Abkommen mit einer effektvollen Geste von sich wies in der Meinung, man könne die Proletarier aller Länder mit einer Geste dahin bringen, sich gegen den Imperialismus zu erheben. Das war die Politik der Gesten. Wie teuer uns diese Geste zu stehen kam, wissen Sie sehr wohl, Genossen. Wem hat diese effektvolle Geste in die Hände gespielt? Den Imperialisten, den Menschewiki, den Sozialrevolutionären und all denen, die bemüht waren, die damals noch nicht erstarkte Sowjetmacht zu erdrosseln.
Jetzt schlägt man uns die gleiche Politik der effektvollen Gesten gegenüber dem Englisch-Russischen Komitee vor. Man verlangt einen demonstrativen und effektvollen Bruch. Aber wem würde diese effektvolle Geste zum Nutzen gereichen? Churchill und Chamberlain, Sassenbach und Oudegeest. Das wollen sie nur. Darauf warten sie nur. Sie, die Sassenbach und Oudegeest wollen nur, dass wir demonstrativ mit der englischen Arbeiterbewegung brechen und Amsterdam dadurch die Sache erleichtern. Sie, die Churchill und Chamberlain, wollen nur den Bruch, weil ihnen dadurch die Intervention erleichtert und ein moralisches Argument zugunsten der Interventionisten gegeben wird.
Da sehen wir, auf wessen Mühle unsere Oppositionellen Wasser leiten.
Nein, Genossen, wir können diesen abenteuerlichen Weg nicht beschreiten.
Aber das ist nun einmal das Schicksal der „ultralinken” Phrasendrescher. In ihren Phrasen, da sind sie links, in der Tat aber helfen sie den Feinden der Arbeiterklasse. Man geht nach links und gelangt nach rechts.
Nein, Genossen, wir werden uns auf diese Politik der effektvollen Gesten nicht einlassen, wir werden uns heute ebensowenig darauf ein-lassen, wie wir uns zur Zeit des Brester Friedens darauf eingelassen haben. Wir werden uns nicht darauf einlassen, weil wir nicht wollen, dass unsere Partei ein Spielball in den Händen unserer Feinde werde.
Zuerst veröffentlicht in dem Buch: J. Stalin, Über die Opposition. Artikel und Reden aus den Jahren 1921-1927.
Moskau/Leningrad 1928.
F. Dzierzynski (Zum Tode F. Dzierzynski)
Seite 172 - 173
(Zum Tode F. Dzierzynski), 22. Juli 1926.
"Prawda" 166, 22. Juli 1926.
Nach Frunse - Dzierzynski.
Die alte Leninsche Garde hat wieder einen der besten Führer und Kämpfer verloren. Die Partei hat wieder einen unersetzlichen Verlust erlitten.
Wenn man sich jetzt, an der Bahre, den ganzen Weg ins Gedächtnis ruft, den Genosse Dzierzynski zurückgelegt hat - Gefängnisse, Zwangsarbeit, Verbannung, Außerordentliche Kommission zum Kampf gegen die Konterrevolution, Wiederherstellung des zerrütteten Verkehrswesens, Aufbau der jungen sozialistischen Industrie - so möchte man dieses mit rastloser Tätigkeit ausgefüllte Leben mit einem Wort charakterisieren und sagen: Es glich einer LODERNDEN FLAMME.
Die Oktoberrevolution stellte ihn auf einen schweren Posten - auf den Posten des Leiters der Außerordentlichen Kommission zum Kampf gegen die Konterrevolution. Die Bourgeoisie kannte keinen verhassteren Namen als den Namen Dzierzynskis, der die Schläge der Feinde der proletarischen Revolution mit stählerner Faust abwehrte. „Schrecken der Bourgeoisie” - so wurde Genosse Felix Dzierzynski damals genannt.
Nach Anbruch der „friedlichen Periode” setzt Genosse Dzierzynski seine rastlose Tätigkeit fort. Mit flammender Hingabe ist Genosse Dzierzynski bei der Arbeit, als er das zerrüttete Verkehrswesen in Gang bringt, mit flammender Hingabe arbeitet er später als Vorsitzender des Obersten Volkswirtschaftsrats am Aufbau unserer Industrie. Er kennt weder Rast noch Ruhe, scheut keine noch so schwere Arbeit, kämpft kühn gegen die Schwierigkeiten und überwindet sie; er stellt all seine Kraft, all seine Energie in den Dienst der Sache, mit der ihn die Partei betraut hat - so erlosch seine lodernde Lebensflamme mitten in der Arbeit, einer Arbeit, die nur den Interessen des Proletariats, dem Siege des Kommunismus galt.
Wir nehmen Abschied von Dir, Held des Oktobers! Wir nehmen Abschied von Dir, getreuer Sohn der Partei!
Wir nehmen Abschied von Dir, Baumeister der Einheit und der Macht unserer Partei!
J. Stalin
22. Juli 1926.
"Prawda" 166, 22. Juli 1926.
Über das Englisch-Russische Komitee
Seite 174 - 182
Rede in der Sitzung des Präsidiums des EKKI, 7. August 1926
Genossen!
Bereits vor den Ausführungen Murphys erhielt das ZK der KPdSU(B) vom ZK der englischen Kommunistischen Partei einen Brief, in dem gegen den bekannten vom Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion erlassenen Aufruf[Anmerkung 40] zur Frage des Generalstreiks in England protestiert wird. Mir scheint, dass Murphy hier die in diesem Brief angeführten Argumente wiederholt. Murphy stellt hauptsächlich formale Erwägungen an, unter anderem dahingehend, dass die strittigen Fragen nicht vorher gemeinsam mit der britischen Kommunistischen Partei erörtert wurden. Ich gebe zu, dass der letztgenannte Einwand Murphys nicht unbegründet ist. Die Komintern war tatsächlich zuweilen gezwungen, Beschlüsse zu fassen, ohne sie mit dem ZK der britischen Kommunistischen Partei vorher vereinbart zu haben. Aber hier gibt es Umstände, die das entschuldigen: die Dringlichkeit gewisser Fragen, die Unmöglichkeit, sich schnell mit dem ZK der britischen Kommunistischen Partei in Verbindung zu setzen usw.
Was jedoch die übrigen Erwägungen und Argumente Murphys anbelangt, die den Zentralrat der sowjetischen Gewerkschaften und seinen Aufruf betreffen, so müssen sie als völlig falsch bezeichnet werden.
Falsch ist die Behauptung, der Zentralrat habe mit dem Erlass des Aufrufs formell einen Fehler begangen, da er damit angeblich die Funktion der Roten Gewerkschaftsinternationale beziehungsweise der Komintern übernommen habe. Der Zentralrat hat ebenso das Recht, Aufrufe zu erlassen, wie jede beliebige gewerkschaftliche oder andere Vereinigung das Recht hat, Aufrufe zu erlassen. Wie kann man dem Zentralrat dieses elementare Recht absprechen?
Noch falscher ist die Behauptung, der Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion habe durch seinen Aufruf die Rechte der Roten Gewerkschaftsinternationale oder der Komintern verletzt, die Rote Gewerkschaftsinternationale und die Komintern seien hier die Leidtragenden, die Schaden erlitten hätten. Ich muss mitteilen, dass der Aufruf des Zentralrats mit Kenntnis und Billigung der Roten Gewerkschaftsinternationale und der Komintern erlassen wurde. Daraus erklärt sich denn auch die Tatsache, dass weder die Rote Gewerkschaftsinternationale noch die Komintern daran denken, den Zentralrat der sowjetischen Gewerkschaften der Verletzung der ihnen zustehenden Rechte zu beschuldigen. Wenn Murphy im gegebenen Fall gegen den Zentralrat auftritt, so tritt er damit dem Wesen der Sache nach gegen das EKKI und die Rote Gewerkschaftsinternationale auf.
Als völlig unzulässig muss schließlich Murphys Behauptung bezeichnet werden, die vom Zentralrat der sowjetischen Gewerkschaften am Generalrat geübte Kritik und der Aufruf des Zentralrats überhaupt seien eine „Einmischung” in die inneren Angelegenheiten der britischen Kommunistischen Partei, der Zentralrat als „nationale Organisation” dürfe sich eine solche „Einmischung” nicht erlauben. Es ist sehr bedauerlich, dass Murphy hier die „Argumente” wiederholt, die Pugh und Purcell auf der Pariser Beratung des Englisch-Russischen Komitees vorgebracht haben. Mit eben diesen „Argumenten” sind Pugh, Purcell und Citrine dieser Tage gegen die Delegation des Zentralrats der sowjetischen Gewerkschaften aufgetreten. Schon das allein spricht dafür, dass Murphy Unrecht hat. Man darf nicht aus formalen Beweggründen den Inhalt der Sache, das Wesen der Sache vergessen. So kann ein Kommunist nicht handeln. Um die Sache der englischen Bergarbeiter wäre es viel besser bestellt, und die falsche Handlungsweise des Generalrats wäre entlarvt worden, wenn außer dem Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion die „nationalen” Gewerkschaftsvereinigungen anderer Länder, sagen wir Frankreichs, Deutschlands usw., den Generalrat kritisiert hätten. Nicht als Fehler des Zentralrats, sondern als Verdienst des Zentralrats gegenüber den englischen Arbeitern ist die Veröffentlichung seines Aufrufs und seine Kritik am Generalrat zu betrachten.
Das ist alles, was ich zu Murphys Referat sagen wollte - unter Berücksichtigung hauptsächlich der formalen Seite der Sache.
Ich könnte mich auf das Gesagte beschränken, sofern es sich hier um die formale Seite der Sache handelt. Aber die Sache ist die, dass Murphy sich nicht allein auf die formale Seite der Sache beschränkt. Er benutzt die formale Seite der Sache, um gewisse Ergebnisse zu erzielen, die wesentlich sind und keineswegs formalen Charakter tragen. Murphys Taktik besteht darin, hier bestimmte Beschlüsse durchzudrücken, die das Wesen der Sache betreffen, wobei er sich hinter formalen Motiven versteckt und sich gewisse formale Unstimmigkeiten in der praktischen Arbeit des EKKI zunutze macht. Daher müssen über Murphys Argumente einige Worte gesagt werden, die das Wesen der Sache betreffen.
Worum geht es Murphy eigentlich?
Es geht ihm, um es kurz zu sagen, darum, den Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion zu zwingen, die offene Kritik am Generalrat einzustellen, den Zentralrat zum Schweigen zu bringen und ihn zu zwingen, sich in die „Angelegenheiten des Generalrats” „nicht einzumischen”.
Kann der Zentralrat oder unsere Partei oder die Komintern darauf eingehen?
Nein, keinesfalls. Denn was bedeutet es, den Zentralrat zum Schweigen zu bringen, wie wird das Schweigen des Zentralrats aufgefasst werden in einem Augenblick, da der Generalrat die Isolierung der streikenden englischen Bergarbeiter organisiert und ihre Niederlage vorbereitet? Unter diesen Umständen schweigen bedeutet zu den Sünden des Generalrats, zu seinem Verrat schweigen. Zu dem Verrat des Generalrats aber schweigen angesichts der Tatsache, dass zwischen dem Generalrat und dem Zentralrat der sowjetischen Gewerkschaften ein Block in Gestalt des Englisch-Russischen Komitees besteht, - bedeutet diesen Verrat schweigend gutheißen, folglich - die Verantwortung für den Verrat des Generalrats gegenüber der Arbeiterbewegung der ganzen Welt mit dem Generalrat teilen. Muss noch bewiesen werden, dass der Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion politischen und moralischen Selbstmord begehen würde, wenn er diesen Weg beschritte, wenn er auch nur eine einzige Minute auf die offene Kritik an dem Verrat des Generalrats verzichtete?
Urteilen Sie selbst. Im Mai brach der Generalrat den Generalstreik ab und verriet somit die englische Arbeiterklasse im Allgemeinen und die englischen Bergarbeiter im Besonderen. Im Juni und Juli rührte der Generalrat keinen Finger, um den streikenden Bergarbeitern zu helfen. Nicht genug damit, der Generalrat tat alles, was in seinen Kräften stand, um die Niederlage der Bergarbeiter vorzubereiten und somit den „ungehorsamen” Verband der englischen Bergarbeiter zu züchtigen. Im August weigern sich die Führer des Generalrats auf der Pariser Beratung des Englisch-Russischen Komitees, den von den Vertretern des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion gemachten Vorschlag über die Unterstützung der englischen Bergarbeiter zu erörtern, obwohl gegen die vom Zentralrat vorgeschlagene Tagesordnung dieser Beratung vom Generalrat kein Protest erhoben wurde. Wir haben somit eine ganze Kette fortgesetzten Verrats des Generalrats, der sich in eine faule Diplomatie verstrickt hat. Murphy aber fordert, dass der Zentralrat der sowjetischen Gewerkschaften vor all diesen Missständen die Augen verschließt und sich in Schweigen hüllt! Nein, Genossen, der Zentralrat kann diesen Weg nicht beschreiten, denn er hat nicht die Absicht, Selbstmord zu begehen.
Murphy ist der Meinung, dass es zweckmäßiger gewesen wäre, wenn der Aufruf gegen den Generalrat von der Roten Gewerkschaftsinternationale, als internationaler Organisation, erlassen worden wäre, während der Zentralrat der sowjetischen Gewerkschaften, als „nationale” Organisation, sich auf eine kurze Resolution hätte beschränken sollen, in der er sich dem Aufruf der Roten Gewerkschaftsinternationale anschließt. Vom ausschließlich formalen Standpunkt aus ist Murphys Plan, was die Stufenleiter der Instanzen betrifft, recht harmonisch aufgebaut. Von diesem Standpunkt aus hat er einiges für sich. Aber vom politischen Standpunkt aus ist Murphys Plan unter aller Kritik. Es bedarf keines Beweises, dass Murphys Plan, was die Entlarvung des Generalrats und die politische Erziehung der englischen Arbeitermassen betrifft, auch nicht ein Hundertstel der politischen Wirkung gehabt hätte, die der Aufruf des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion zweifellos gehabt hat. Die Sache ist die, dass die Rote Gewerkschaftsinternationale in den Reihen der englischen Arbeiterklasse weniger bekannt ist als der Zentralrat der sowjetischen Gewerkschaften, dass sie weniger populär ist als dieser und dass sie infolgedessen unvergleichlich geringeres Gewicht hat als dieser. Daraus aber folgt, dass gerade der Zentralrat als das Organ, das in den Augen der englischen Arbeiterklasse die größte Autorität besitzt, Kritik am Generalrat üben musste. Anders konnte man gar nicht handeln, wollte man ins Schwarze treffen und den Verrat des Generalrats entlarven. Nach dem Geheul zu urteilen, das die reformistischen Führer der englischen Arbeiterbewegung über den Aufruf des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion erhoben haben, kann man mit Gewissheit sagen, dass der Zentralrat ins Schwarze getroffen hat.
Murphy meint, die offene Kritik des Zentralrats der sowjetischen Gewerkschaften am Generalrat könne zur Sprengung des Blocks mit dem Generalrat, zum Zusammenbruch des Englisch-Russischen Komitees führen. Ich bin der Meinung, dass Murphy Unrecht hat. Ein Zusammenbruch des Englisch-Russischen Komitees ist, wenn der Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion die Bergarbeiter auf das aktivste unterstützt, für ausgeschlossen oder für fast ausgeschlossen zu erachten. Daraus erklärt sich denn auch, dass niemand einen Zusammenbruch des Englisch-Russischen Komitees so fürchtet, wie die Vertreter der Mehrheit des Generalrats, Purcell und Hicks. Natürlich werden sowohl Purcell als auch Hicks uns mit der Gefahr einer Sprengung zu erpressen versuchen. Aber man muss zwischen der Erpressung und der wirklichen Gefahr einer Sprengung zu unterscheiden verstehen.
Außerdem darf nicht vergessen werden, dass das Englisch-Russische Komitee für uns nicht Selbstzweck ist. Wir sind in das Englisch-Russische Komitee nicht bedingungslos gegangen und werden nicht bedingungslos darin verbleiben, sondern nur unter bestimmten Bedingungen, zu denen sowohl das Recht der freien Kritik des Zentralrats der sowjetischen Gewerkschaften am Generalrat als auch das Recht der freien Kritik des Generalrats am Zentralrat zu zählen sind. Wir können nicht, nur um die Respektabilität des Blocks zu wahren und um den Block unbedingt aufrechtzuerhalten, auf die Freiheit der Kritik verzichten.
Worin besteht der Sinn dieses Blocks? Darin, gemeinsame Aktionen der Mitglieder des Blocks gegen das Kapital, im Interesse der Arbeiterklasse, gemeinsame Aktionen der Mitglieder des Blocks gegen den imperialistischen Krieg, für den Frieden unter den Völkern zu organisieren. Nun, was soll aber geschehen, wenn ein Mitglied des Blocks oder einige Führer einer der Parteien gegen die Interessen der Arbeiterklasse verstoßen, sie verraten und damit gemeinsame Aktionen unmöglich machen? Man soll sie doch wohl nicht für solche Fehler loben? Folglich ist die gegenseitige Kritik, die Beseitigung der Fehler auf dem Wege der Kritik notwendig, um die Möglichkeit gemeinsamer Aktionen im Interesse der Arbeiterklasse wiederherzustellen. Deshalb hat das Englisch-Russische Komitee nur dann einen Sinn, wenn die Freiheit der Kritik garantiert ist.
Man sagt, die Kritik könne zur Diskreditierung gewisser reaktionärer Gewerkschaftsführer führen. Nun, und wenn schon? Ich sehe darin nichts Schlechtes. Für die Arbeiterklasse kann es nur ein Gewinn sein, wenn die alten Führer, die ihre Interessen verraten, diskreditiert und durch neue, der Sache der Arbeiterklasse ergebene Führer ersetzt werden. Und je schneller diese reaktionären und unzuverlässigen Führer abgesetzt und durch neue, bessere Führer ersetzt werden, die von den reaktionären Gepflogenheiten der alten Führer frei sind - umso besser.
Das bedeutet jedoch nicht, dass man etwa die Macht der reaktionären Führer mit einem Schlage brechen und sie innerhalb einer kurzen Zeitspanne isolieren, sie durch neue, revolutionäre Führer ersetzen könne.
Manche Pseudomarxisten glauben, eine „revolutionäre” Geste genüge, ein Auftritt mit viel Geschrei genüge, um die Macht der reaktionären Führer zu brechen. Wirkliche Marxisten haben mit solchen Leuten nichts gemein und können mit ihnen nichts gemein haben.
Andere glauben, die Kommunisten brauchten nur eine richtige Linie auszuarbeiten, und die breiten Massen der Arbeiter würden den reaktionären Reformisten im Nu den Rücken kehren und sich gleichfalls im Nu um die kommunistische Partei zusammenschließen. Das ist völlig falsch. So können nur Nichtmarxisten denken. In Wirklichkeit ist von der richtigen Linie der Partei bis zu dem Punkt, wo sich die Massen diese Linie zu Eigen machen und sie als richtig akzeptieren, noch ein weiter Weg. Damit die Partei die Millionenmassen führen könne, dazu genügt eine richtige Linie allein noch nicht - dazu gehört außerdem, dass sich die Massen an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit dieser Linie überzeugen, dass die Massen die Politik der Partei und ihre Losungen als ihre Politik und als ihre eigenen Losungen aufnehmen und beginnen, sie in die Tat umzusetzen. Nur unter dieser Bedingung kann eine Partei mit einer richtigen Politik tatsächlich zur führenden Kraft der Klasse werden.
War die Politik der britischen Kommunistischen Partei während des Generalstreiks in England richtig? Ja, sie war richtig. Warum ist es ihr dann nicht gelungen, die Millionen streikender Arbeiter für sich zu gewinnen? Weil sich diese Massen noch nicht von der Richtigkeit der Politik der Kommunistischen Partei überzeugt hatten. Die Massen von der Richtigkeit der Politik der Partei zu überzeugen, ist aber innerhalb einer kurzen Zeitspanne unmöglich. Um so weniger ist das mit Hilfe „revolutionärer” Gesten möglich. Dazu braucht man Zeit, dazu ist erforderlich, dass man in unermüdlicher, tatkräftiger Arbeit die reaktionären Führer entlarvt, die rückständigen Massen der Arbeiterklasse politisch erzieht und neue Kader aus der Arbeiterklasse auf führende Posten aufrücken lässt.
Hiernach ist nicht schwer zu verstehen, weshalb man die Macht der reaktionären Führer der Arbeiterklasse nicht im Nu brechen kann, weshalb das Zeit und unermüdliche Aufklärungsarbeit unter den Millionenmassen der Arbeiterklasse erfordert.
Aber um so weniger darf daraus gefolgert werden, dass man die Entlarvung der reaktionären Führer auf Jahrzehnte hinaus hinziehen solle, dass die Entlarvung von selbst, im Selbstlauf erfolge, ohne dass die reaktionären Führer irgendwie gekränkt und die „geheiligten Regeln” des Respekts übertreten werden. Nein, Genossen, nichts kommt jemals „von selbst”. Die Entlarvung der reaktionären Führer und die politische Aufklärung der Massen muss von Ihnen selbst, von den Kommunisten und den anderen linken politischen Führern, durch unermüdliche politische Aufklärungsarbeit unter den Massen bewerkstelligt werden. Nur so wird sich die Revolutionierung der breiten Arbeitermassen beschleunigen lassen.
Schließlich noch eine weitere Bemerkung zu Murphys Referat. Murphy verwies nachdrücklich auf die spezifischen Besonderheiten der Arbeiterbewegung in England, auf die Rolle und Bedeutung der Traditionen in England und spielte, wie mir scheint, darauf an, dass sich die üblichen marxistischen Führungsmethoden in England in Anbetracht dieser spezifischen Besonderheiten als ungeeignet erweisen könnten. Mir scheint, dass Murphy da auf die schiefe Ebene gerät. Natürlich weist die englische Arbeiterbewegung spezifische Besonderheiten auf, und sie müssen unbedingt berücksichtigt werden. Aber diese Besonderheiten zum Prinzip erheben und sie zur Grundlage der Arbeit machen - bedeutet sich auf den Standpunkt von Leuten stellen, die die Unanwendbarkeit des Marxismus auf die englischen Verhältnisse proklamieren. Ich glaube nicht, dass Murphy mit solchen Leuten irgendetwas gemein hat. Aber ich will sagen, dass er jener Grenze nahe ist, hinter der die Erhebung der englischen Besonderheiten zum Prinzip beginnt.
Ein paar Worte über Humboldts Rede. Humboldt erhebt Einwendungen und sagt, dass die Kritik keine leere, keine gegenstandslose Kritik sein darf. Das stimmt. Aber was hat das mit dem Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion und dem EKKI zu tun, deren Kritik völlig konkret ist? War die Kritik an den Helden des „schwarzen Freitags”[Anmerkung 41] eine leere Kritik? Natürlich war sie das nicht, denn diese Kritik wird jetzt, nachdem der „schwarze Freitag” bereits in die Geschichte eingegangen ist, von jedermann wiederholt. Aber wieso soll denn dann die Kritik am Verrat der Führer des Generalrats während des Generalstreiks und später, im Verlauf des anhaltenden Streiks der Bergarbeiter, eine leere Kritik sein? Wo bleibt da die Logik? Ist etwa der Verrat während des Generalstreiks weniger verhängnisvoll als der Verrat in der Periode des „schwarzen Freitags”?
Ich bin gegen die von Humboldt vorgeschlagene Methode der individuellen Kritik, wenn diese Methode als Hauptmethode vorgeschlagen wird. Ich bin der Meinung, dass unsere Kritik an den reaktionären Führern eine Kritik sein muss, die von der allgemeinen Linie der Führung, nicht aber von den individuellen Besonderheiten dieser Führer ausgeht. Ich bin nicht dagegen, dass in zweiter Linie, als Hilfsmittel, individuelle Kritik geübt wird. Aber ich bin dafür, dass unserer Kritik die grundsätzliche Linie zugrunde gelegt wird. Andernfalls kann dabei statt einer grundsätzlichen Kritik Klatsch und persönliches Gezänk herauskommen, was das Niveau unserer Kritik zum Schaden der Sache unbedingt hinabdrücken würde.
Zum erstenmal veröffentlicht.
An die Redaktion des Zentralorgans der Arbeiterpartei Amerikas - "The Daily Worker"
Seite 183 - 184
21. IX. 26.
„The Daily Worker” ( Chicago, USA), Nr. 220, 30. September 1926.
Werter Genosse Redakteur! Ich bitte Sie, in Ihrer Zeitung die folgende Mitteilung zu veröffentlichen.
Am 14. August wurden in der New Yorker pseudosozialistischen Wochenzeitschrift „The New Leader”[Anmerkung 43] ohne jede Quellenangabe gefälschte Schlussbemerkungen aus einer angeblich von mir gehaltenen - ebenfalls gefälschten - Rede auf der Plenartagung des ZK der KPdSU(B) veröffentlicht.
Ich habe weder die Möglichkeit noch auch Lust, alle Erfindungen bürgerlicher und halbbürgerlicher Zeitungen über sowjetische Politiker zu lesen, und hätte dieser wieder einmal fälligen Lüge der Presse der Kapitalisten und ihrer Lakaien gar keine Beachtung geschenkt.
Einen Monat nach Veröffentlichung dieser gefälschten Bemerkungen sandte mir die Zeitschrift „The New Leader” jedoch ein Telegramm mit der Bitte, „die ganze scharfe Kritik, die Sie nach Berichten der amerikanischen Zeitungen über die Sitzungen des ZK der KPR im Juli an Sinowjew geübt haben, zu bestätigen”.
Da ich es nicht für möglich erachte, mit einem Presseorgan zu korrespondieren, das selbst die Schurkerei beging und die „Bemerkungen” aus meiner Rede fälschte und jetzt die Stirn hat, mit Unschuldsmiene nach der Echtheit der „Bemerkungen” bei mir anzufragen, bitte ich, durch Ihre Zeitung erklären zu dürfen, dass der in der Zeitschrift „The New Leader” vom 14. August 1926 veröffentlichte Bericht über „Stalins Bemerkungen” weder dem Inhalt noch der Form, noch dem Ton nach irgend etwas mit meiner Rede auf der Plenartagung des ZK der KPdSU(B) gemein hat, dass dieser Bericht somit eine glatte und dabei stümperhafte Fälschung ist.
Mit kommunistischem Gruß
J. Stalin
21. IX. 26.
„The Daily Worker” ( Chicago, USA), Nr. 220, 30. September 1926.
In russischer Sprache zum erstenmal veröffentlicht.
Brief an Slepkow
Seite 185 - 187
8. Oktober 1926.
Ich habe heute Ihren Artikel in der „Prawda” (Nr. 232 vom 8. Oktober 1926) gelesen. Der Artikel ist meiner Meinung nach gut. Aber es gibt dort eine falsche Stelle, die das Bild verdirbt.
Sie schreiben, Trotzki habe erst vor einem Jahr „unterstrichen, dass das Proletariat keinerlei Zweifel darüber haben darf, dass wir in unserem technisch rückständigen Land den Sozialismus bauen können, dass wir mit unseren inneren Kräften die siegreiche Offensive der sozialistischen Elemente der Wirtschaft auf den Bahnen der NÖP sichern können”. Sie stellen diesen Satz dann Smilgas These gegenüber, dass „in unserem technisch rückständigen Land die Errichtung des Sozialismus unmöglich ist” und behaupten, zwischen Smilga und Trotzki gäbe es in dieser Frage einen Widerspruch.
Das trifft natürlich nicht zu, es gibt hier keinen Widerspruch.
Erstens. Trotzki hat noch nie, weder in der Broschüre „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?” noch in den darauffolgenden Schriften, gesagt, dass wir in unserem technisch rückständigen Land den Sozialismus errichten können. Den Sozialismus bauen und den Sozialismus errichten - das sind zwei verschiedene Dinge. Weder Sinowjew noch Kamenew leugnen oder haben je geleugnet, dass wir beginnen können, den Sozialismus in unserem Lande zu bauen, denn es wäre eine Idiotie, die für alle offensichtliche Tatsache des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande zu leugnen. Aber sie stellen die These entschieden in Abrede, dass wir den Sozialismus errichten können. Sinowjew, Kamenew, Trotzki, Smilga und andere vereinigt in der gegebenen Frage ihre ablehnende Einstellung zu Lenins These, dass wir den Sozialismus errichten können, dass wir „alles haben, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten”.[9] Sie vereinigt die Auffassung, dass es nur im Falle des Sieges der sozialistischen Revolution in den ausschlaggebenden Ländern Europas möglich sei, „die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten”. Deshalb ist es völlig falsch, Trotzki und Smilga in der Frage der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande einander entgegenzustellen.
Zweitens. Wenn man genau sein will, so muss man feststellen, dass Trotzki niemals gesagt hat, dass „wir in unserem technisch rückständigen Land... mit unseren inneren Kräften die siegreiche Offensive der sozialistischen Elemente der Wirtschaft auf den Bahnen der NÖP sichern können”. Trotzkis Phrase von der „historischen Musik des wachsenden Sozialismus” ist ein nichts sagendes diplomatisches Herumreden um die positive Lösung der Frage des siegreichen Aufbaus des Sozialismus in unserem Land. Trotzki redet hier um die Frage herum, und Sie nehmen dieses Herumreden für bare Münze. Trotzkis andere Phrase, dass es „keinerlei Grund geben kann, irgendwelche Überraschungen zu befürchten, soweit es um die inneren Faktoren unserer Wirtschaft geht” - ist keine Lösung, sondern eine feige Verkleisterung der Frage. Trotzki kann gesagt haben, dass wir zum Sozialismus schreiten. Aber er hat niemals gesagt und wird, wenn er auf seinem gegenwärtigen Standpunkt verharrt, nie sagen, dass wir „mit unseren inneren Kräften die siegreiche Offensive der sozialistischen Elemente der Wirtschaft auf den Bahnen der NÖP sichern können”, dass wir somit ohne vorherigen Sieg des Sozialismus in den fortgeschrittenen Ländern Europas zum Sozialismus gelangen können. Dafür aber hat Trotzki wiederholt das Gegenteil von dem gesagt, was Sie ihm zuschreiben. Erinnern Sie sich nur an Trotzkis Rede auf der Plenartagung des ZK im April (1926), wo Trotzki die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Offensive in unserem Land, wie sie für den siegreichen Aufbau des Sozialismus notwendig ist, in Abrede stellte.
Daraus ergibt sich, dass Sie Trotzki ungewollt schöngefärbt haben, ihn sozusagen - verleumdet haben.
J. Stalin
8. Oktober 1926.
Über die Maßnahmen zur Milderung des innerparteilichen Kampfes
Seite 188 - 191
Rede in der Sitzung des Politbüros des ZK der KPdSU(B), 11. Oktober 1926
Lässt man die Kleinigkeiten beiseite, so könnte man direkt zur Sache übergehen.
Worum geht der Streit? Um das Ergebnis des innerparteilichen Kampfes, in dem die Opposition eine Niederlage erlitten hat. Den Kampf haben nicht wir begonnen, nicht das ZK, sondern die Opposition hat ihn begonnen. Das ZK hat die Opposition mehrmals von einer Diskussion abzubringen versucht, das ZK hat sie auf seinen Plenartagungen im April und im Juli von einer Diskussion im Unionsmaßstab abzubringen versucht, weil eine solche Diskussion eine Verschärfung des Kampfes, die Gefahr einer Spaltung und eine Schwächung der positiven Arbeit der Partei und der Regierungsorgane für mindestens zwei Monate bedeutet.
Kurzum, es handelt sich darum, die Ergebnisse des von der Opposition begonnenen Kampfes zusammenzufassen und die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Opposition eine schwere Niederlage erlitten hat. Es ist ebenfalls klar, dass die Empörung gegen die Opposition in den Reihen der Partei wächst. Die Frage ist jetzt die: Können wir die Führer der Opposition im ZK belassen oder nicht? Das ist jetzt die Hauptfrage. Es ist schwer, sich damit einverstanden zu erklären, dass Leute, die Schljapnikow und Medwedew unterstützen, sich bei uns im ZK befinden. Es ist schwer, sich damit einverstanden zu erklären, dass Leute, die den Kampf aller möglichen Ruth Fischer und
Urbahns gegen die Komintern, gegen unsere Partei unterstützen, im ZK verbleiben.
Möchten wir die Führer der Opposition im ZK belassen? Ich denke, ja. Aber um sie darin belassen zu können, müssen sie ihre Fraktion auflösen, ihre Fehler anerkennen und sich von den frech gewordenen Opportunisten innerhalb und außerhalb unserer Partei abgrenzen. Die Opposition muss auf diese Bedingungen eingehen, wenn sie den Frieden in der Partei will.
Welches sind unsere Bedingungen?
Der erste Punkt: offen zu erklären, dass sie sich vorbehaltlos den Beschlüssen der Parteiorgane unterwirft. Offensichtlich stößt dieser Punkt auf keine besonderen Einwände von seiten der Opposition. Früher ging es bei uns, bei den Bolschewiki, folgendermaßen zu: war ein Teil der Partei in der Minderheit geblieben, so fügte er sich nicht nur den Beschlüssen der Mehrheit, führte sie nicht nur durch, sondern vertrat offen in seinen Referaten die Beschlüsse der Partei. Das verlangen wir jetzt nicht von Ihnen, wir verlangen von Ihnen keine Referate, die jenen Standpunkt vertreten, den Sie prinzipiell nicht teilen. Wir verlangen das nicht, da wir Ihre schwierige Lage erleichtern wollen.
Der zweite Punkt: offen anzuerkennen, dass die fraktionelle Tätigkeit der Opposition ein Fehler war und die Partei schädigte. Stimmt das etwa nicht? Warum geben denn die Anhänger der Opposition die fraktionelle Tätigkeit auf, wenn sie nicht schädlich ist? Sie unterbreiten den Vorschlag, die Fraktion aufzulösen, geben die fraktionelle Tätigkeit auf, versprechen, ihre Gesinnungsgenossen, ihre Anhänger, die Mitglieder ihrer Fraktionen aufzufordern, die Waffen zu strecken. Warum? Offensichtlich, weil sie stillschweigend davon ausgehen, dass die fraktionelle Tätigkeit ein Fehler war und unzulässig ist. Warum spricht man das aber nicht offen aus? Das ist der Grund, weshalb wir verlangen, dass die Opposition offen die Unzulässigkeit ihrer fraktionellen Tätigkeit in der letzten Zeit anerkennt, anerkennt, dass die fraktionelle Tätigkeit ein Fehler war.
Der dritte Punkt betrifft die Forderung, sich von den Ossowski, Medwedew usw. abzugrenzen. Diese Forderung ist meiner Meinung nach absolut notwendig. Ich persönlich kann mir jetzt keine Mitglieder des ZK denken, die mit Ossowski, gegen dessen Ausschluss die Opposition gestimmt hat, oder mit Medwedew oder Schljapnikow einen Block bilden. Wir wollen, dass sich die Opposition von ihnen abgrenzt. Das wird dem Frieden in unserer Partei nur dienlich sein.
Der vierte Punkt: sich von Korsch, Maslow, Ruth Fischer, Urbahns, Weber und anderen abzugrenzen. Warum? Weil diese Leute erstens die gemeinste Agitation gegen die Komintern und die KPdSU(B), gegen unseren Sowjetstaat betreiben. Zweitens, weil die Führer dieser so genannten „ultralinken”, in Wirklichkeit aber opportunistischen Fraktion, Maslow und Ruth Fischer, aus der Partei und aus der Komintern ausgeschlossen worden sind. Drittens, weil sie sich alle an die Opposition innerhalb der KPdSU(B) klammern und sich mit ihr solidarisch erklären. Je schneller sich die Opposition von diesem Gerümpel abgrenzt, umso besser wird es sowohl für die Opposition als auch für die Komintern sein.
Der letzte Punkt: den fraktionellen Kampf gegen die Linie der Komintern, der von seiten verschiedener opportunistischer Gruppen innerhalb der Sektionen der Komintern geführt wird, nicht zu unterstützen.
Das sind die Bedingungen des ZK der KPdSU(B).
Jetzt über die Bedingungen, die von der Opposition gestellt werden.
Die Opposition fordert vom ZK die Erfüllung von vier Punkten.
Der erste Punkt: „Die Propagierung der Resolutionen des XIV. Parteitags und der darauffolgenden Beschlüsse der Partei muss in positiver Form erfolgen, ohne die Andersdenkenden des Menschewismus usw. zu beschuldigen.” Wie ist dieser Punkt zu verstehen? Wenn die Opposition vorschlägt, die Propaganda des ZK gegen die Opposition so weit einzuschränken, dass das Zentralkomitee, sagen wir, auf der bevorstehenden XV. Konferenz der KPdSU(B) darauf verzichtet, seine prinzipielle Linie gegen die Fehler der Opposition hervorzuheben, so können wir eine solche Bedingung nicht annehmen. Wenn es sich aber um den Ton der Kritik handelt, so kann man natürlich den Ton um einiges mildern. Was nun die Kritik der prinzipiellen Fehler der Opposition anbelangt, so muss sie unbedingt auch weiterhin geübt werden, da die Opposition sich von ihren prinzipiellen Fehlern nicht lossagen will.
Der zweite Punkt: über das Recht, seine Ansichten in seiner Parteizelle zu vertreten. Diese Forderung ist hinfällig, da die Mitglieder der Partei dieses Recht immer hatten und auch behalten werden. Seine Ansichten kann und muss man in der Zelle vertreten, aber man muss sie so vertreten, dass eine sachliche Kritik nicht in eine Parteidiskussion im Unionsmaßstab verwandelt wird.
Der dritte Punkt geht darum, dass die Angelegenheiten der aus der Partei Ausgeschlossenen revidiert werden sollen. Das ZK hat nicht den Wunsch, Leute aus der Partei auszuschließen. Ausschlüsse erfolgen, wenn es keinen anderen Ausweg gibt. Nehmen Sie Smirnow - man hat ihn ausgeschlossen; man hat ihn einige Male verwarnt, dann ausgeschlossen. Wenn er gesagt hätte, dass er seine Fehler einsieht, wenn er sich loyal verhalten hätte, so hätte man die Beschlüsse der ZKK mildern können. Aber er ist nicht nur nicht loyal, er sieht nicht nur seine Fehler nicht ein, sondern im Gegenteil, in seiner Erklärung bewirft er die Partei mit Schmutz. Es ist klar, dass man bei einem solchen Verhalten Smirnows seine Angelegenheit nicht revidieren kann.
Keinesfalls kann die Partei Beschlüsse in bezug auf solche Leute revidieren, die ausgeschlossen worden sind, ihre Fehler aber nicht einsehen.
Der vierte Punkt geht darum, dass „die Opposition vor dem Parteitag die Möglichkeit erhalten muss, vor der Partei ihre Ansichten darzulegen”. Dieses Recht der Opposition versteht sich von selbst. Der Opposition kann nicht unbekannt sein, dass das ZK laut Statut vor dem Parteitag ein Diskussionsblatt herausgeben muss. Deshalb kann man die Forderung der Opposition in diesem Fall nicht als Forderung bezeichnen, da das ZK die Notwendigkeit, vor dem Parteitag ein Diskussionsblatt herauszugeben, nicht bestreitet.
Zum erstenmal veröffentlicht.
Über den Oppositionsblock in der KPdSU(B)
Seite 192 - 208
Thesen zur XV. Unionskonferenz der KPdSU(B), angenommen von der Konferenz und bestätigt vom ZK der KPdSU(B)
„Prawda“ Nr. 247, 26. Oktober 1926.
Charakteristisch für die Periode, in der wir jetzt leben, ist, dass einerseits der Kampf zwischen den kapitalistischen Staaten und unserem Lande, anderseits der Kampf zwischen den sozialistischen Elementen und den kapitalistischen Elementen innerhalb unseres Landes komplizierter geworden ist.
Wenn die Versuche des Weltkapitals, unser Land ökonomisch einzukreisen, es politisch zu isolieren, es in verkappter Form zu blockieren und schließlich sich für die von den Arbeitern der UdSSR den kämpfenden Arbeitern des Westens und den unterdrückten Völkern des Ostens erwiesene Hilfe direkt zu rächen, Schwierigkeiten äußeren Charakters hervorrufen, so ruft der Übergang unseres Landes von der Wiederherstellungsperiode zur Periode der Umgestaltung der Industrie auf der Grundlage der modernen Technik und der im Zusammenhang damit komplizierter werdende Kampf zwischen den kapitalistischen und den sozialistischen Elementen unserer Wirtschaft Schwierigkeiten inneren Charakters hervor.
Die Partei sieht diese Schwierigkeiten und besitzt die Möglichkeit, sie zu überwinden. Die Partei ist bereits dabei, mit Unterstützung der Millionenmassen des Proletariats diese Schwierigkeiten zu überwinden, und führt das Land mit sicherer Hand auf dem Wege zum Sozialismus. Aber nicht alle Teile unserer Partei glauben an die Möglichkeit einer weiteren stetigen Vorwärtsbewegung. Gewisse, allerdings zahlenmäßig geringe, Teile unserer Partei schrecken vor den Schwierigkeiten zurück, sind von Müdigkeit und Schwankungen befallen, geraten in Verzweiflung und nähren Verfallsstimmungen, lassen sich vom Unglauben an die schöpferischen Kräfte des Proletariats anstecken und verfallen der Ideologie des Kapitulantentums.
In diesem Sinne erinnert die gegenwärtige Periode der Wende in gewissem Maße an die Periode der Wende vom Oktober 1917. Ebenso wie damals, im Oktober 1917, die komplizierte Situation und die Schwierigkeiten des Übergangs von der bürgerlichen Revolution zur proletarischen Revolution bei einem Teil der Partei Schwankungen, Defätismus und Unglauben an die Möglichkeit, dass das Proletariat die Macht ergreifen und sie behaupten kann (Kamenew, Sinowjew), hervorriefen, ebenso rufen die Schwierigkeiten des Übergangs zu einer neuen Phase des sozialistischen Aufbaus auch jetzt, in der gegenwärtigen Periode der Wende, in gewissen Kreisen unserer Partei Schwankungen, Unglauben an die Möglichkeit des Sieges der sozialistischen Elemente unseres Landes über die kapitalistischen Elemente, Unglauben an die Möglichkeit des siegreichen Aufbaus des Sozialismus in der UdSSR hervor.
Der Oppositionsblock ist der Ausdruck dieser Verfallsstimmungen, dieser defätistischen Stimmungen in den Reihen eines Teils unserer Partei.
Die Partei sieht die Schwierigkeiten und besitzt die Möglichkeit, sie zu überwinden. Um diese Schwierigkeiten aber bewältigen zu können, müssen vor allem die Verfallsstimmungen und die defätistische Ideologie, die in den Reihen eines Teils der Partei herrschen, überwunden werden.
Der Oppositionsblock, der sich in seinem Dokument vom 16.Oktober 1926 von der Fraktionsmacherei lossagt und sich von den offenkundig menschewistischen Gruppierungen innerhalb und außerhalb der KPdSU(B) abgrenzt, erklärt gleichzeitig, dass er auf seinen alten prinzipiellen Positionen verharrt, sich von seinen prinzipiellen Fehlern nicht lossagt und diese falschen Ansichten im Rahmen des Parteistatuts verteidigen wird.
Daraus folgt, dass der Oppositionsblock auch künftighin gedenkt, Verfallsstimmungen und Kapitulantentum zu nähren, dass er auch künftighin gedenkt, in der Partei seine falschen Ansichten zu propagieren.
Deshalb besteht die nächste Aufgabe der Partei darin, die prinzipielle Haltlosigkeit der grundlegenden Ansichten des Oppositionsblocks aufzudecken, ihre Unvereinbarkeit mit den Grundlagen des Leninismus klar aufzuzeigen und einen entschiedenen ideologischen Kampf gegen die prinzipiellen Fehler des Oppositionsblocks zu führen, mit dem Ziel, sie restlos zu überwinden.
I. Der Übergang der „Neuen Opposition" zum Trotzkismus in der grundlegenden Frage, in der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution
Die Partei geht davon aus, dass unsere Revolution eine sozialistische Revolution ist, dass die Oktoberrevolution nicht nur Signal, Anstoß und Ausgangspunkt für die sozialistische Revolution im Westen ist, sondern dass sie gleichzeitig erstens die Basis für die weitere Entfaltung der internationalen revolutionären Bewegung ist und zweitens die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus in der UdSSR (Diktatur des Proletariats) eröffnet, in deren Verlauf das Proletariat, bei einer richtigen Politik gegenüber der Bauernschaft, die vollendete sozialistische Gesellschaft erfolgreich aufbauen kann und wird, vorausgesetzt natürlich, dass die Macht der internationalen revolutionären Bewegung einerseits und die Macht des Proletariats der UdSSR anderseits groß genug sein werden, um die UdSSR vor einer militärischen Intervention des Imperialismus zu schützen.
Der Trotzkismus hat über den Charakter und die Perspektiven unserer Revolution völlig andere Ansichten. Obgleich der Trotzkismus im Oktober 1917 mit der Partei mitging, ging er und geht er auch weiter davon aus, dass unsere Revolution an und für sich, dem Wesen der Sache nach, keine sozialistische Revolution sei, dass die Oktoberrevolution nur Signal, Anstoß und Ausgangspunkt für die sozialistische Revolution im ‘Westen sei, dass, wenn sich die Weltrevolution verzögert und die siegreiche sozialistische Revolution im Westen nicht in allernächster Zeit erfolgt, die proletarische Macht in Rußland zusammenbrechen oder (was ein und dasselbe ist) unter dem Druck unvermeidlicher Zusammenstöße zwischen Proletariat und Bauernschaft entarten müsse.
Während die Partei bei der Organisierung der Oktoberrevolution davon ausging, dass „der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist”, dass „das siegreiche Proletariat dieses Landes sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen” kann und muss „und die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen würde” (Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S. 753]), ging der Trotzkismus, als er in der Periode des Oktober mit den Bolschewiki zusammenarbeitete, umgekehrt davon aus, dass „es aussichtslos wäre, zu glauben..., dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten könnte” (Trotzki, Bd. III, Teil 1, S. 90, „Das Friedensprogramm”, erstmalig im August 1917 erschienen).
Während die Partei davon ausgeht, dass die Sowjetunion „alles” hat, was „notwendig und hinreichend ist”, „um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten” (Lenin „Über das Genossenschaftswesen“), geht der Trotzkismus umgekehrt davon aus, dass „ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siege des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird” (Trotzki, Bd. III, Teil 1, S.93, „Nachwort” zum „Friedensprogramm”, geschrieben 1922).
Während die Partei von folgendem ausgeht: „10-20 Jahre richtiger Beziehungen zur Bauernschaft, und der Sieg ist im Weltmaßstab gesichert” (Lenin, Plan für die Broschüre „Über die Naturalsteuer“[10]), geht der Trotzkismus umgekehrt davon aus, dass das Proletariat vor dem Sieg der Weltrevolution keine richtigen Beziehungen zur Bauernschaft haben kann, dass das Proletariat, nachdem es die Macht ergriffen hat, „in feindliche Zusammenstöße nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie geraten wird, die es im Anfang seines revolutionären Kampfes unterstützt haben, sondern auch mit den breiten Massen der Bauernschaft, mit deren Beihilfe es zur Macht gekommen ist”, dass „die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung nur im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung werden finden können”. (Trotzki, „Vorwort” zu dem Buch „1905”, geschrieben 1922.)
Die Konferenz stellt fest, dass diese Anschauungen Trotzkis und seiner Gesinnungsgenossen über die grundlegende Frage, die Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution, mit den Anschauungen unserer Partei, mit dem Leninismus, nichts gemein haben.
Die Konferenz ist der Ansicht, dass solche Anschauungen den Prinzipien des wirklichen Internationalismus und der Grundlinie der Kommunistischen Internationale widersprechen, da sie die historische Rolle und die Bedeutung unserer Revolution als Basis für die weitere Entwicklung der internationalen revolutionären Bewegung herabsetzen, den Willen des sowjetischen Proletariats zum weiteren Aufbau des Sozialismus schwächen und somit die Entfaltung der Kräfte der internationalen Revolution behindern.
Die Konferenz ist der Ansicht, dass diese Anschauungen Trotzkis und seiner Gesinnungsgenossen eine direkte Annäherung an die Anschauungen der Sozialdemokratie sind, wie sie von ihrem jetzigen Führer, Otto Bauer, vertreten werden, der behauptet, dass „in Rußland, wo das Proletariat nur eine kleine Minderheit der Nation darstellt, das Proletariat seine Herrschaft nur vorübergehend behaupten kann”, dass „es sie wieder verlieren muss, sobald die bäuerliche Masse der Nation kulturell reif genug wird, selbst die Herrschaft zu übernehmen”, dass „die vorübergehende Herrschaft des industriellen Sozialismus im agrarischen Rußland nur ein Flammenzeichen ist, das das Proletariat des industriellen Westens zum Kampfe ruft”, dass „erst die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat des industriellen Westens die dauernde Herrschaft des industriellen Sozialismus” in Rußland „begründen kann”. (Siehe O. Bauer, „Bolschewismus oder Sozialdemokratie?”, in deutscher Sprache.)
Die Konferenz beurteilt deshalb dergleichen Anschauungen Trotzkis und seiner Gesinnungsgenossen als sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei in der grundlegenden Frage, in der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution.
Die wichtigste Tatsache in der Entwicklung der innerparteilichen Beziehungen in der KPdSU(B) nach dem XIV. Parteitag (der die grundsätzlichen Anschauungen der „neuen Opposition” verurteilt hat) ist der Umstand, dass die „neue Opposition” (Sinowjew, Kamenew), die früher gegen den Trotzkismus, gegen die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei gekämpft hat, auf die ideologischen Positionen des Trotzkismus übergegangen ist, dass sie ihre früheren Positionen, die Positionen der gesamten Partei, vollständig und restlos aufgegeben hat und zum Trotzkismus hinübergewechselt ist und sich jetzt mit dem gleichen Feuereifer für den Trotzkismus einsetzt, mit dem sie früher gegen den Trotzkismus auftrat.
Für den Übergang der „neuen Opposition” auf die Seite des Trotzkismus waren zwei Hauptmomente bestimmend:
a) die Müdigkeit, die Schwankungen, die dem Proletariat fremden Verfallsstimmungen und der Defätismus, die sich im Hinblick auf die neuen Schwierigkeiten der gegenwärtigen Wendeperiode der Anhänger der „neuen Opposition” bemächtigt haben, wobei die jetzigen Schwankungen und der jetzige Defätismus Kamenews und Sinowjews kein Zufall sind, sondern eine Wiederholung, ein Rückfall jener Schwankungen und Verfallsstimmungen, die sie vor neun Jahren, im Oktober 1917, angesichts der Schwierigkeiten der damaligen Periode der Wende an den Tag legten;
b) die völlige Niederlage der „neuen Opposition” auf dem XIV. Parteitag und im Zusammenhang damit das Bestreben, um jeden Preis eine Vereinigung mit den Trotzkisten herbeizuführen, um durch die Vereinigung der beiden Gruppen, der Trotzkisten und der „neuen Opposition”, die Schwäche und Losgelöstheit dieser Gruppen von den proletarischen Massen wettzumachen, um so mehr, als die ideologischen Positionen des Trotzkismus den gegenwärtigen Verfallsstimmungen der „neuen Opposition” völlig entsprachen.
Daraus ist auch die Tatsache zu erklären, dass sich der Oppositionsblock in ein Sammelbecken aller und jeglicher von der Partei und der Komintern verurteilten bankrotten Strömungen innerhalb und außerhalb der KPdSU(B) verwandelt hat, von den „demokratischen Zentralisten”[Anmerkung 45] und der „Arbeiteropposition” in der KPdSU(B) bis zu den „ultralinken” Opportunisten in Deutschland und den Liquidatoren vom Schlage eines Souvarine[Anmerkung 46] in Frankreich.
Daraus ergibt sich auch jene Skrupellosigkeit in den Mitteln und jene Prinzipienlosigkeit in der Politik, auf die sich die Existenz des Blocks der Trotzkisten und der „neuen Opposition” gründet und ohne die sie die verschiedenartigen parteifeindlichen Strömungen nicht unter einen Hut hätten bringen können.
So haben sich die Trotzkisten einerseits und die „neue Opposition” anderseits durchaus gesetzmäßig auf einer gemeinsamen Plattform sozial-demokratischer Abweichung und prinzipienloser Vereinigung der verschiedenartigen parteifeindlichen Elemente im Kampf gegen die Partei zusammengefunden und somit einen Oppositionsblock gebildet, der - in neuer Form - eine Art Rückfall in den Augustblock (1912-1914) darstellt.
II. Die praktische Plattform des Oppositionsblocks
Die praktische Plattform des Oppositionsblocks ist die direkte Fortsetzung des Grundfehlers dieses Blocks in der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution.
Die wichtigsten Besonderheiten der praktischen Plattform des Oppositionsblocks laufen auf folgende Hauptpunkte hinaus:
a) Fragen der internationalen Bewegung. Die Partei geht davon aus, dass die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder im großen und ganzen sich gegenwärtig im Zustand einer teilweisen, zeitweiligen Stabilisierung befinden; dass die gegenwärtige Periode eine Periode zwischen zwei Revolutionen ist, die die kommunistischen Parteien verpflichtet, das Proletariat auf die bevorstehende Revolution vorzubereiten; dass die Offensive des Kapitals, das vergeblich versucht, die Stabilisierung zu einer dauerhaften Stabilisierung zu machen, als Antwort den Kampf und die Vereinigung der Kräfte der Arbeiterklasse gegen das Kapital hervorrufen muss; dass die kommunistischen Parteien in den sich verschärfenden Klassenkampf eingreifen und die Angriffe des Kapitals in Gegenangriffe des Proletariats verwandeln müssen, mit dem Ziel, die Diktatur des Proletariats zu erkämpfen; dass die kommunistischen Parteien, um diese Ziele zu erreichen, die Millionenmassen der Arbeiterklasse gewinnen müssen, die immer noch den reformistischen Gewerkschaften und der II. Internationale Folge leisten; dass die Taktik der Einheitsfront somit für die kommunistischen Parteien unbedingt notwendig und bindend ist.
Der Oppositionsblock geht von völlig anderen Voraussetzungen aus. Da der Oppositionsblock nicht an die inneren Kräfte unserer Revolution glaubt und angesichts der Verzögerung der Weltrevolution in Verzweiflung gerät, gleitet er vorn Boden der marxistischen Analyse der Klassenkräfte der Revolution auf den Boden des „ultralinken” Selbstbetrugs und des „revolutionären” Abenteurertums hinab, stellt das Vorhandensein einer teilweisen kapitalistischen Stabilisierung in Abrede und gerät somit auf den Weg des Putschismus.
Daher die Forderung der Opposition, die Taktik der Einheitsfront zu revidieren und das Englisch-Russische Komitee aufzulösen, daher das Nichtverstehen der Rolle der Gewerkschaften und die Losung, die Gewerkschaften durch neue, ausgeklügelte „revolutionäre” Organisationen des Proletariats zu ersetzen.
Daher die Unterstützung der „ultralinken” Schreihälse und Opportunisten in der Kommunistischen Internationale (zum Beispiel in der deutschen Partei) durch den Oppositionsblock.
Die Konferenz ist der Ansicht, dass die Politik des Oppositionsblocks auf internationalem Gebiet den Interessen der internationalen revolutionären Bewegung nicht entspricht.
b) Proletariat und Bauernschaft in der UdSSR. Die Partei geht davon aus, dass „das höchste Prinzip der Diktatur die Aufrechterhaltung des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft ist, damit das Proletariat die führende Rolle und die Staatsmacht behaupten könne” (Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 466, russ.); sie geht davon aus, dass das Proletariat in bezug auf die Hauptmasse der Bauernschaft auf ökonomischem Gebiet, auf dem Gebiet des Aufbaus des Sozialismus ebenso der Hegemon sein kann und muss, wie es im Oktober 1917 auf politischem Gebiet, beim Sturz der Macht der Bourgeoisie und bei der Errichtung der Diktatur des Proletariats der Hegemon der Bauernschaft war; dass die Industrialisierung des Landes nur dann durchgeführt werden kann, wenn sie sich auf die allmähliche Verbesserung der materiellen Lage der Mehrheit der Bauernschaft (Dorfarmut, Mittelbauern) stützt, die den Hauptmarkt für unsere Industrie darstellt; dass in Anbetracht dessen eine Wirtschaftspolitik (Preispolitik, Steuerpolitik usw.) betrieben werden muss, die den Zusammenschluss der Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft festigt und das Bündnis zwischen der Arbeiterklasse und der Hauptmasse der Bauernschaft aufrechterhält.
Der Oppositionsblock geht von völlig anderen Voraussetzungen aus. Da er von der Grundlinie des Leninismus in der Bauernfrage abgeht, an die Hegemonie des Proletariats gegenüber der Bauernschaft beim sozialistischen Aufbau nicht glaubt und die Bauernschaft hauptsächlich als einen feindlichen Faktor betrachtet, schlägt der Oppositionsblock ökonomische und finanzielle Maßnahmen vor, die nur dazu angetan sind, den Zusammenschluss zwischen Stadt und Land zu untergraben, das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft zu zerstören und damit jegliche Möglichkeit einer wirklichen Industrialisierung zunichte zu machen. Dazugehören zum Beispiel: a) der Vorschlag der Opposition, die Verkaufspreise für Industriewaren zu erhöhen, was zwangsläufig eine Erhöhung der Einzelhandelspreise, die Verelendung der Dorfarmut und bedeutender Schichten der Mittelbauern, eine Schrumpfung des inneren Marktes, ein Zerwürfnis zwischen Proletariat und Bauernschaft, ein Fallen des Tscherwonezkurses und letzten Endes ein Sinken des Reallohns nach sich ziehen muss; b) der Vorschlag der Opposition, einen maximalen Steuerdruck auf die Bauernschaft auszuüben, was zwangsläufig Risse im Bündnis der Arbeiter und Bauern hervorrufen muss.
Die Konferenz ist der Ansicht, dass die Politik des Oppositionsblocks gegenüber der Bauernschaft den Interessen der Industrialisierung des Landes und der Diktatur des Proletariats nicht entspricht.
c) Der Kampf gegen den Parteiapparat, geführt unter der Flagge des Kampfes gegen den Bürokratismus in der Partei. Die Partei geht davon aus, dass Parteiapparat und Parteimassen ein einheitliches Ganzes bilden, dass der Parteiapparat (ZK, ZKK, die Gebietsorganisationen der Partei, die Gouvernements-, die Bezirks- und Kreiskomitees, die Büros der Zellen usw.) das führende Element der Partei als Ganzes verkörpert, dass der Parteiapparat aus den besten Vertretern des Proletariats besteht, die man kritisieren kann und muss, wenn sie Fehler begehen, die man „auffrischen” kann und muss, denen man aber nicht die Ehre abschneiden darf, wenn man nicht Gefahr laufen will, die Partei zu zersetzen und zu entwaffnen.
Der Oppositionsblock geht umgekehrt davon aus, dass er die Parteimassen dem Parteiapparat entgegenstellt; er ist bestrebt, die führende Rolle des Parteiapparats herabzumindern und seine Rolle auf die Funktionen eines Registrators und Propagandisten zu beschränken; er hetzt die Parteimassen gegen den Parteiapparat auf und diskreditiert somit den Parteiapparat, wodurch er dessen Positionen bei der Führung des Staates schwächt.
Die Konferenz ist der Ansicht, dass eine solche Politik des Oppositionsblocks, die mit dem Leninismus nichts gemein hat, nur dazu angetan ist, die Partei in ihrem Kampf gegen den Bürokratismus des Staatsapparats, für eine wirkliche Umgestaltung dieses Apparats und somit für die Festigung der Diktatur des Proletariats zu entwaffnen.
d) Der Kampf gegen das „Regime“ in der Partei, geführt unter der Flagge des Kampfes für innerparteiliche Demokratie. Die Partei geht davon aus, dass, „wer auch nur im geringsten die eiserne Disziplin der Partei des Proletariats (besonders während seiner Diktatur) schwächt, faktisch der Bourgeoisie gegen das Proletariat hilft” (Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 31, S.27 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.692]), sie geht davon aus, dass die innerparteiliche Demokratie notwendig ist, nicht um die proletarische Disziplin in der Partei zu schwächen und zu zersetzen, sondern um sie zu festigen und zu stärken, dass ohne eine eiserne Disziplin in der Partei, ohne ein strenges Regime in der Partei, das durch die Sympathie und Unterstützung der Millionenmassen des Proletariats untermauert wird, die Diktatur des Proletariats unmöglich ist.
Der Oppositionsblock geht umgekehrt davon aus, dass er die innerparteiliche Demokratie der Parteidisziplin entgegenstellt, er verwechselt die Freiheit der Fraktionen und Gruppierungen mit innerparteilicher Demokratie und ist bestrebt, eine Demokratie solcher Art auszunutzen, um die Parteidisziplin zu zersetzen und die Einheit der Partei zu untergraben. Es versteht sich, dass der Aufruf des Oppositionsblocks zum Kampf gegen das „Regime” in der Partei, der in Wirklichkeit zur Verteidigung der Freiheit der Fraktionen und Gruppierungen in der Partei führt, somit ein Aufruf ist, der von den antiproletarischen Elementen unseres Landes als Rettungsanker vor dem Regime der Diktatur des Proletariats begeistert aufgegriffen wird.
Die Konferenz ist der Ansicht, dass der Kampf des Oppositionsblocks gegen das „Regime” in der Partei, der mit den Organisationsprinzipien des Leninismus nichts gemein hat, nur dazu angetan ist, die Einheit der Partei zu untergraben, die Diktatur des Proletariats zu schwächen und den antiproletarischen Kräften im Lande, die bestrebt sind, die Diktatur zu schwächen und zugrunde zu richten, den Weg zu ebnen.
Als eins der Mittel, um die Parteidisziplin zu zersetzen und den Kampf innerhalb der Partei zu verschärfen, hat der Oppositionsblock die Methode der Diskussion im Unionsmaßstab ausgewählt; so versuchte er, sie (die Diskussion) uns im Oktober dieses Jahres aufzuzwingen. Die Konferenz erachtet es für notwendig, die Fragen, in denen Meinungsverschiedenheiten auftreten, in den theoretischen Zeitschriften unserer Partei offen zu diskutieren, und erkennt jedem Parteimitglied das Recht zu, Mängel in unserer Parteiarbeit offen zu kritisieren, erinnert aber gleichzeitig an die Worte Lenins, dass unsere Partei kein Diskussionsklub, sondern eine Kampforganisation des Proletariats ist. Die Konferenz ist der Ansicht, dass eine Diskussion im Unionsmaßstab nur dann als notwendig anerkannt werden kann, wenn: a) diese Notwendigkeit mindestens von einigen Parteiorganisationen im Gouvernements- oder Gebietsmaßstab anerkannt wird; b) wenn innerhalb des ZK keine genügend feste Mehrheit in den wichtigsten Fragen der Parteipolitik vorhanden ist; c) wenn es das ZK, ungeachtet des Vorhandenseins einer festen, auf einem bestimmten Standpunkt stehenden Mehrheit im ZK dennoch für notwendig erachtet, die Richtigkeit seiner Politik durch eine Diskussion in der Partei zu überprüfen. Dabei kann in all diesen Fällen eine Diskussion im Unionsmaßstab nur nach einem entsprechenden Beschluss des ZK begonnen und durchgeführt werden.
Die Konferenz stellt fest, dass zu dem Zeitpunkt, als der Oppositionsblock die Eröffnung einer Diskussion im Unionsmaßstab verlangte, keine einzige dieser Bedingungen gegeben war.
Die Konferenz ist deshalb der Ansicht, dass das ZK der Partei vollkommen richtig gehandelt hat, als es die Diskussion für unzweckmäßig erklärte und den Oppositionsblock wegen seiner Versuche verurteilte, der Partei eine Diskussion im Unionsmaßstab über von der Partei bereits entschiedene Fragen aufzuzwingen.
Die Konferenz fasst die Ergebnisse der Analyse der praktischen Plattform des Oppositionsblocks zusammen und stellt fest, dass diese Plattform die Abkehr des Oppositionsblocks von der Klassenlinie der proletarischen Revolution in den wichtigsten Fragen der internationalen Politik und der Innenpolitik bedeutet.
III. „Revolutionäre” Worte und opportunistische Taten des Oppositionsblocks
Eine charakteristische Besonderheit des Oppositionsblocks ist die Tatsache, dass er, obwohl er in Wirklichkeit Ausdruck der sozialdemokratischen Abweichung in unserer Partei ist, obwohl er in Wirklichkeit eine opportunistische Politik vertritt, dennoch bemüht ist, seine Reden in revolutionäre Phraseologie zu kleiden, bemüht ist, die Partei „von links” zu kritisieren, bemüht ist, sich in eine „linke” Toga zu hüllen. Dieser Umstand ist daraus zu erklären, dass die kommunistischen Proletarier, an die der Oppositionsblock ja hauptsächlich appelliert, die revolutionärsten aller Proletarier der Welt sind, dass sie, im Geiste revolutionärer Traditionen erzogen, nicht einfach offenen Kritikern von rechts Gehör schenken werden, so dass der Oppositionsblock, wenn er seine opportunistische Ware absetzen will, gezwungen ist, ihr ein revolutionäres Etikett aufzukleben, denn er weiß sehr wohl, dass man nur mit solch einem Kniff die Aufmerksamkeit der revolutionären Proletarier auf sich lenken kann.
Da der Oppositionsblock aber dennoch der Träger der sozialdemokratischen Abweichung ist, da er in Wirklichkeit eine opportunistische Politik vertritt, so geraten Worte und Taten des Oppositionsblocks ständig miteinander in Konflikt. Daher der innere Widerspruch in der Tätigkeit des Oppositionsblocks. Daher die Kluft zwischen Wort und Tat, zwischen revolutionärer Phrase und opportunistischer Tat.
Die Opposition kritisiert mit viel Geschrei die Partei und die Komintern von „links” und schlägt zugleich eine Revision der Taktik der Einheitsfront, die Auflösung des Englisch-Russischen Komitees, die Abkehr von den Gewerkschaften, ihre Ersetzung durch neue „revolutionäre” Organisationen vor, wohl in dem Glauben, mit all dem die Revolution voranzutreiben, in Wirklichkeit aber ergibt sich daraus eine Hilfe für Thomas und Oudegeest, die Loslösung der kommunistischen Parteien von den Gewerkschaften, die Schwächung der Positionen des Weltkommunismus, folglich - die Verlangsamung der revolutionären Bewegung. In Worten - „Revolutionäre”, in der Tat aber - Helfershelfer der Thomas und Oudegeest.
Die Opposition „wettert” gegen die Partei mit viel Geschrei „von links” und verlangt zugleich eine Erhöhung der Verkaufspreise für Industriewaren, wohl in dem Glauben, die Industrialisierung dadurch zu beschleunigen, in Wirklichkeit aber kann sich daraus nur eine Desorganisierung des inneren Marktes, der Zerfall des Zusammenschlusses zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft, das Fallen des Tscherwonezkurses, das Sinken des Reallohns und folglich - die Untergrabung jeglicher Industrialisierung ergeben. In Worten -Anhänger der Industrialisierung, in der Tat aber - Helfershelfer der Gegner der Industrialisierung.
Die Opposition bezichtigt die Partei, sie wolle nicht gegen den Bürokratismus im Staatsapparat kämpfen, und schlägt zugleich eine Erhöhung der Verkaufspreise vor, offenbar in dem Glauben, die Erhöhung der Verkaufspreise habe nichts mit der Frage des Bürokratismus im Staatsapparat zu tun, in Wirklichkeit aber kann dies nur zur völligen Bürokratisierung des staatlichen Wirtschaftsapparats führen, denn hohe Verkaufspreise sind das sicherste Mittel, die Industrie verkümmern zu lassen, sie in eine Treibhauspflanze zu verwandeln und den Wirtschaftsapparat zu bürokratisieren. In Worten - Gegner des Bürokratismus, in der Tat aber - Verteidiger und Schrittmacher der Bürokratisierung des Staatsapparats.
Die Opposition tritt mit viel Lärm und Geschrei gegen das Privatkapital auf und schlägt zugleich vor, die staatlichen Kapitalien aus der Zirkulation herauszuziehen und in die Industrie zu stecken, wohl in dem Glauben, dem Privatkapital damit zu schaden. In Wirklichkeit aber ergibt sich daraus in jeder Hinsicht eine Stärkung des Privatkapitals, denn die Herausziehung der staatlichen Kapitalien aus der Zirkulation, die das wichtigste Tätigkeitsfeld des Privatkapitals darstellt, muss den Handel völlig in die Hand des Privatkapitals legen. In Worten - Kampf gegen das Privatkapital, in der Tat aber - Hilfe für das Privatkapital.
Die Opposition schreit von Entartung des Parteiapparats, in Wirklichkeit aber ergibt sich, dass die Opposition, wenn das ZK die Frage des Ausschlusses eines der wirklich entarteten Kommunisten, des Herrn Ossowski, stellt, diesem Herrn gegenüber ein Maximum an Loyalität entgegenbringt und gegen seinen Ausschluss, stimmt. In Worten - gegen die Entartung, in der Tat aber - Helfershelfer und Verteidiger der Entartung.
Die Opposition schrie nach innerparteilicher Demokratie und verlangte gleichzeitig eine Diskussion im Unionsmaßstab, wohl in dem Glauben, damit die innerparteiliche Demokratie zu verwirklichen, in Wirklichkeit aber verstieß die Opposition aufs gröbste gegen jegliche Demokratie, als sie im Namen einer nichtigen Minderheit der gewaltigen Mehrheit der Partei eine Diskussion aufzuzwingen suchte. In Worten - für die innerparteiliche Demokratie, in der Tat aber - Verletzung der Grundprinzipien jeglicher Demokratie.
In der Periode des verschärften Klassenkampfs, in der wir jetzt leben, kann es in der Arbeiterbewegung nur eine Politik von den zwei möglichen geben: entweder die Politik des Menschewismus oder die Politik des Leninismus. Die Versuche des Oppositionsblocks, unter dem Deckmantel einer „linken”, „revolutionären” Phraseologie und bei Verschärfung der Kritik an der KPdSU(B) eine Zwischenstellung zwischen den beiden entgegengesetzten Linien einzunehmen, mussten dazu führen und haben auch wirklich dazu geführt, dass der Oppositionsblock in das Lager der Gegner des Leninismus, in das Lager des Menschewismus hinab glitt.
Die Feinde der KPdSU(B) und der Komintern kennen den Wert der „revolutionären” Phraseologie des Oppositionsblocks. Daher lobpreisen sie, während sie an dieser, als wertlos erkannten, Phraseologie vorübergehen, einmütig den Oppositionsblock für seine nichtrevolutionären Taten, greifen die Oppositionslosung des Kampfes gegen die Grundlinie der KPdSU(B) und der Komintern auf und machen sie zu ihrer eigenen Losung. Man kann nicht als Zufall betrachten, dass Sozialrevolutionäre und Kadetten, russische Menschewiki und deutsche „linke” Sozialdemokraten - dass sie alle es für möglich hielten, ihrer Sympathie für den Kampf des Oppositionsblocks gegen unsere Partei offen Ausdruck zu geben, wobei sie darauf spekulieren, dass der Kampf des Oppositionsblocks zur Spaltung führt, die Spaltung aber den antiproletarischen Kräften unseres Landes, den Feinden der Revolution zur Freude, den Weg ebnet.
Die Konferenz ist der Ansicht, dass die Partei ihre Aufmerksamkeit besonders darauf richten muss, dem Oppositionsblock die „revolutionäre” Maske vom Gesicht zu reißen und sein opportunistisches Wesen bloßzulegen.
Die Konferenz ist der Ansicht, dass die Partei die Einheit ihrer Reihen wie ihren Augapfel hüten muss, denn sie hält die Einheit unserer Partei für das wirksamste Gegengift gegen alle und jegliche konterrevolutionären Anschläge der Feinde der Revolution.
IV. Schlussfolgerungen
Die XV. Konferenz der KPdSU(B) zieht die Bilanz des zurückgelegten Stadiums des innerparteilichen Kampfes und stellt fest, dass die Partei in diesem Kampf ein gewaltiges ideologisches Wachstum an den Tag gelegt hat, dass sie, ohne zu schwanken, die grundsätzlichen Ansichten der Opposition zurückgewiesen und einen schnellen und entschiedenen Sieg über den Oppositionsblock errungen hat, indem sie ihn zwang, sich offen von der Fraktionsmacherei loszusagen und sich von den offenkundig opportunistischen Gruppierungen innerhalb und außerhalb der KPdSU(B) abzugrenzen.
Die Konferenz stellt fest, dass die Massen der Parteimitglieder die Versuche des Oppositionsblocks, der Partei eine Diskussion aufzuzwingen und ihre Einheit zu untergraben, damit beantwortet haben, dass sie sich noch enger um das ZK zusammengeschlossen, die Opposition dadurch isoliert und auf diese Weise die wirkliche Einheit der Reihen unserer Partei gesichert haben.
Die Konferenz ist der Ansicht, dass das ZK diese Erfolge nur mit der aktiven Unterstützung der breiten Massen der Parteimitglieder erzielen konnte, dass die Aktivität und das Bewusstsein, die die Massen der Parteimitglieder im Kampf gegen die desorganisierende Tätigkeit des Oppositionsblocks an den Tag gelegt haben, der beste Gradmesser dafür ist, dass sich das Leben der Partei nach den Grundsätzen wirklicher innerparteilicher Demokratie gestaltet und entwickelt.
Die Konferenz billigt voll und ganz die Politik des ZK in seinem Kampf für die Sicherung der Einheit und ist der Ansicht, dass die Aufgaben der Partei weiterhin in folgendem bestehen müssen:
1. darüber zu wachen, dass das Minimum des für die Einheit der Partei Erforderlichen, das erreicht worden ist, wirklich erfüllt wird;
2. einen entschiedenen ideologischen Kampf gegen die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei zu führen, den Massen klarzumachen, dass die prinzipiellen Ansichten des Oppositionsblocks falsch sind und den opportunistischen Inhalt dieser Ansichten ans Tageslicht zu ziehen, ganz gleich, in welche „revolutionären” Phrasen sie auch immer gekleidet werden mögen;
3. zu erreichen suchen, dass der Oppositionsblock anerkennt, dass seine Ansichten falsch sind;
4. die Einheit der Partei mit allen Mitteln zu wahren und alle und jegliche Versuche, die Fraktionsmacherei wieder aufzunehmen und die Disziplin zu verletzen, zu unterbinden.
„Prawda“ Nr. 247, 26. Oktober 1926.
Über die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei
Seite 209 - 265
Referat auf der XV. Unionskonferenz der KPdSU(B), 1. November 1926
„Prawda“ Nr. 256 und 266, 5. und 6. November 1926
- I. Die Etappen in der Entwicklung des Oppositionsblocks
- II. Der grundlegende Fehler des Oppositionsblocks
- III. Die politischen und organisatorischen Fehler des Oppositionsblocks
- IV. Einige Schlussfolgerungen
I. Die Etappen in der Entwicklung des Oppositionsblocks
Genossen!
Die erste Frage, die in meinem Referat berührt werden muss, ist die Frage der Entstehung des Oppositionsblocks, der Etappen seiner Entwicklung und schließlich die Frage seines bereits begonnenen Zerfalls. Dieses Thema ist meiner Ansicht nach notwendig als Einführung in das Wesen der Thesen über den Oppositionsblock.
Bereits auf dem XIV. Parteitag gab Sinowjew das Signal zur Sammlung aller oppositionellen Strömungen und zu ihrem Zusammenschluss zu einer einheitlichen Kraft. Die Genossen Konferenzdelegierten dürften sich dieser Rede Sinowjews erinnern. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass eine derartige Aufforderung in den Reihen der Trotzkisten Widerhall finden musste, die von Anfang an die Auffassung vertraten, dass es mehr oder weniger frei stehe, Gruppierungen zu bilden, und dass diese Gruppierungen sich mehr oder weniger eng zusammenschließen müssen, um den Kampf gegen die Grundlinie der Partei zu führen, die Trotzki schon längst nicht mehr befriedigt.
Das war sozusagen die Vorbereitungsarbeit zur Formierung des Blocks.
1. Die erste Etappe
Den ersten ernstlichen Schritt zur Formierung des Blocks unternahm die Opposition während des Aprilplenums des ZK[Anmerkung 48] im Zusammenhang mit den Thesen Rykows über die wirtschaftliche Lage. Damals herrschte noch kein volles Einvernehmen zwischen der „neuen Opposition” und den Trotzkisten, dass aber der Block im Rohbau bereits fertig war - darüber konnten schon keine Zweifel mehr bestehen. Die Genossen, die die Stenogramme des Aprilplenums gelesen haben, werden wissen, dass das absolut zutrifft. Im wesentlichen hatten sich beide Gruppen bereits geeinigt, es gab aber noch Vorbehalte, die sie bewogen, zu Rykows Thesen keine gemeinsamen, von der gesamten Opposition ausgehenden Abänderungsanträge, sondern zwei parallele Reihen von Abänderungsanträgen einzubringen. Die eine Reihe von Abänderungsanträgen stammte von der „neuen Opposition” mit Kamenew an der Spitze, während die andere Reihe von Abänderungsanträgen von der Gruppe der Trotzkisten stammte. Dass sie jedoch im Wesentlichen in die gleiche Kerbe hieben und dass das Plenum schon damals feststellte, es handle sich bei ihnen um eine Wiederherstellung des Augustblocks in neuer Form - das ist eine unbestreitbare Tatsache.
Worin bestanden damals die erwähnten Vorbehalte? Folgendes führte Trotzki damals aus:
„Der Mangel der Abänderungsanträge des Genossen Kamenew besteht meiner Ansicht nach darin, dass in ihnen die Frage der Differenzierung im Dorfe gewissermaßen als eine bis zu einem bestimmten Grade von der Industrialisierung unabhängige Frage behandelt wird. Die Bedeutung und das soziale Gewicht sowie das Tempo der bäuerlichen Differenzierung werden indes durch das Wachstum und das Tempo der Industrialisierung in ihrem Verhältnis zum Dorfe als Gesamtheit bestimmt.”
Das ist kein geringfügiger Vorbehalt.
In Erwiderung darauf machte Kamenew seinerseits einen Vorbehalt gegenüber den Trotzkisten.
„Es ist mir unmöglich”, sagte er, „mich ihnen in dem Teil (d. h. dem Teil der Abänderungsanträge Trotzkis zu Rykows Resolutionsentwurf) anzuschließen, der eine Einschätzung der bisherigen Wirtschaftspolitik der Partei enthält, für die ich mich hundertprozentig eingesetzt habe.”
Der „neuen Opposition” gefiel es nicht, dass Trotzki die Wirtschaftspolitik kritisierte, die Kamenew in der vorangegangenen Periode geleitet hatte. Trotzki wiederum gefiel es nicht, dass die „neue Opposition” die Fragen der Differenzierung der Bauernschaft von der Frage der Industrialisierung trennte.
2. Die zweite Etappe
Die zweite Etappe ist das Juliplenum des ZK[Anmerkung 49]
Auf diesem Plenum haben wir bereits einen in aller Form zusammengezimmerten Block, einen Block ohne Vorbehalte. Trotzki hat seine Vorbehalte fallenlassen und ad acta gelegt, ebenso wie Kamenew seine Vorbehalte hat fallenlassen und ad acta gelegt hat. Sie haben jetzt bereits eine gemeinsame „Deklaration”, die, Genossen, Ihnen allen als parteifeindliches Dokument wohlbekannt ist. Das sind die charakteristischen Merkmale der zweiten Etappe in der Entwicklung des Oppositionsblocks.
Die Zusammenzimmerung und Formierung des Blocks erfolgte in dieser Periode nicht nur auf dem Boden gegenseitigen Verzichts auf Abänderungsanträge, sondern auch auf dem Boden gegenseitiger „Amnestie”. Wir besitzen aus dieser Periode eine interessante Erklärung Sinowjews, in der es heißt, die Opposition, ihr Hauptkern vom Jahre 1923, das heißt, die Trotzkisten hätten in der Frage der Entartung der Partei recht gehabt, das heißt in der Hauptfrage der praktischen Position des Trotzkismus, die sich aus seiner prinzipiellen Position ergibt. Anderseits besitzen wir die nicht weniger interessante Erklärung Trotzkis, in der es heißt, seine „Lehren des Oktober”, die speziell gegen Kamenew und Sinowjew als Vertreter des „rechten Flügels” der Partei, der jetzt seine im Oktober begangenen Fehler wiederholt, gerichtet waren, seien ein Irrtum gewesen, der Beginn der rechten Abweichung in der Partei und der Entartung der Partei sei nicht auf Kamenew und auf Sinowjew, sondern, sagen wir, auf Stalin zurückzuführen.
Folgendes sagte Sinowjew im Juli dieses Jahres:
„Wir sagen, dass jetzt bereits kein Zweifel darüber bestehen kann, dass der Hauptkern der Opposition von 1923, wie das die Evolution in der maßgeblichen Linie der Fraktion (d. h. der ZK-Mehrheit) gezeigt hat, mit seiner ‘Warnung vor den Gefahren der Abweichung von der proletarischen Linie und vor dem bedrohlichen Anwachsen des bürokratischen Regimes des Apparats recht hatte.“
Mit anderen Worten: Wenn Sinowjew unlängst behauptet hat und wenn die Resolution des XIII. Parteitags[Anmerkung 50] festgestellt hat, dass Trotzki den Leninismus revidiert, dass der Trotzkismus eine kleinbürgerliche Abweichung darstellt - so ist das alles ein Irrtum, ein Missverständnis gewesen, nicht im Trotzkismus liegt die Gefahr, sondern im ZK.
Das ist eine ganz prinzipienlose „Amnestie” für den Trotzkismus.
Anderseits erklärt Trotzki im Juli:
„Zweifellos habe ich in den ‚Lehren des Oktober’ die opportunistischen Wandlungen in der Politik mit den Namen Sinowjews und Kamenews in Verbindung gebracht. Wie die Erfahrungen des ideologischen Kampfes im ZK beweisen, war das ein grober Fehler. Dieser Fehler erklärt sich daraus, dass ich keine Möglichkeit hatte, den ideologischen Kampf innerhalb der Siebenmannkörperschaft zu verfolgen, um rechtzeitig feststellen zu können, dass die opportunistischen Wandlungen von der Gruppe ausgingen, an deren Spitze Genosse Stalin steht und die sich im Gegensatz zu den Genossen Sinowjew und Kamenew befindet.”
Das bedeutet, dass Trotzki seine „Lehren des Oktober”, die viel von sich reden machten, offen preisgibt und damit Kamenew und Sinowjew „amnestiert”, als Gegenleistung für jene „Amnestie”, die ihm von Kamenew und Sinowjew gewährt wurde.
Ein direkter und unverhohlener prinzipienloser Kuhhandel.
Also Verzicht auf die im April gemachten Vorbehalte und gegenseitige „Amnestie” unter Preisgabe der Prinzipien der Partei - das sind die Elemente, die für die endgültige Formierung des Blocks als eines gegen die Partei gerichteten Blocks bestimmend waren.
3. Die dritte Etappe
Die dritte Etappe in der Entwicklung des Blocks bildeten die offenen Vorstöße der Opposition gegen die Partei in Moskau und Leningrad Ende September und Anfang Oktober dieses Jahres; es war zu der Zeit, als die Führer des Blocks, nachdem sie sich dort, im Süden, erholt und Kräfte gesammelt hatten, ins Zentrum zurückkehrten und zum direkten Angriff gegen die Partei übergingen. Bevor sie von den illegalen Formen des Kampfes gegen die Partei zu offenen Kampfformen übergingen, erklärten sie, wie sich herausstellt, hier im Politbüro (ich war damals nicht in Moskau): „Wir werden es euch schon zeigen, wir werden in die Arbeiterversammlungen gehen, mögen die Arbeiter sagen, wer recht hat; wir werden es euch schon zeigen.” Und sie begannen, von einer Zelle zur andern zu wandern. Die Ergebnisse dieses Vorstoßes waren, wie Ihnen bekannt ist, für die Opposition kläglich. Sie wissen, dass sie eine Niederlage erlitten hat. Aus der Presse ist bekannt, dass sich der Oppositionsblock sowohl in Leningrad als auch in Moskau, sowohl in den Industriebezirken als auch in den nichtindustriellen Bezirken der Sowjetunion bei den Massen der Parteimitglieder eine entschiedene Abfuhr geholt hat. Wieviel Stimmen die Oppositionellen erhielten, wieviel Parteimitglieder sich für das ZK aussprachen, will ich nicht wiederholen, das ist aus der Presse bekannt. Fest steht, dass der Oppositionsblock sich verrechnet hatte. Mit diesem Augenblick tritt bei der Opposition eine Wendung ein, eine Wendung in Richtung auf den Frieden innerhalb der Partei. Die Niederlage der Opposition war offenbar nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Am 4. Oktober gab die Opposition eine Friedenserklärung im ZK ab, und zum erstenmal hörten wir nach den Beschimpfungen und Anrempelungen von der Opposition Worte, wie man sie von Parteimitgliedern erwarten kann: Es sei an der Zeit, den „innerparteilichen Hader” zu beenden und eine „gemeinsame Arbeit” in die Wege zu leiten.
Die Opposition war also durch ihre Niederlage gezwungen, das zu tun, wozu das ZK sie wiederholt aufgefordert hatte - sich der Frage des Friedens in der Partei zuzuwenden.
Natürlich erklärte sich das ZK, getreu den vom XIV. Parteitag gegebenen Direktiven über die Notwendigkeit der Einheit, mit dem Vorschlag der Opposition gern einverstanden, auch wenn es wusste, dass der Vorschlag der Opposition nicht ganz aufrichtig war.
4. Die vierte Etappe
Die vierte Etappe ist die Periode, in der die bekannte „Erklärung” der Oppositionsführer vom 16. Oktober dieses Jahres ausgearbeitet wurde. Sie wird gewöhnlich als Kapitulation eingeschätzt. Ich will zu ihrer Einschätzung keine scharfen Ausdrücke gebrauchen, aber klar ist, dass diese Erklärung nicht von Siegen des Oppositionsblocks, sondern von seiner Niederlage zeugt. Die Geschichte unserer Verhandlungen will ich nicht erzählen, Genossen. Die Verhandlungen wurden mitstenographiert, und Sie haben die Möglichkeit, sich an Hand des Stenogramms einen Einblick zu verschaffen. Ich möchte nur auf einen Zwischenfall eingehen. Der Oppositionsblock schlug vor, im ersten Absatz der „Erklärung” zum Ausdruck zu bringen, dass er an seinen Auffassungen festhält, und zwar nicht schlechthin an ihnen festhält, sondern dass er „voll und ganz” auf seinem alten Standpunkt verharrt. Wir suchten den Oppositionsblock davon zu überzeugen, dass er nicht hierauf bestehen solle. Weshalb? Aus zwei Gründen.
Erstens, wenn die Oppositionellen sich mit ihrem Verzicht auf die Fraktionsmacherei zugleich auch von der Theorie und Praxis der Fraktionsfreiheit losgesagt, sich von Ossowski, von der „Arbeiteropposition”, von der Gruppe Maslow-Urbahns abgegrenzt haben, so bedeutet das, dass die Opposition sich damit nicht nur von den fraktionellen Kampfmethoden losgesagt, sondern auch gewisse politische Positionen preisgegeben hat. Kann man hiernach noch sagen, der Oppositionsblock halte „voll und ganz” an seinen falschen Auffassungen fest, er verharre auf seinem ideologischen Standpunkt? Natürlich kann man das nicht.
Zweitens haben wir der Opposition gesagt, dass es für sie selbst nicht vorteilhaft ist, in alle Welt hinauszuposaunen, dass sie, die Oppositionellen, auf ihrem alten Standpunkt verharren, ja sogar „voll und ganz” verharren, denn die Arbeiter werden mit vollem Recht sagen: „Also wollen die Oppositionellen den Kampf auch weiterhin führen, also haben sie nicht genug Prügel bekommen, also muss man sie noch weiter prügeln.” (Heiterkeit, Zurufe: „Richtig!”) Dennoch erklärten sich die Oppositionellen nicht mit uns einverstanden und nahmen nur den Vorschlag an, die Worte „voll und ganz” zu streichen, während sie den Satz, dass sie auf ihrem alten Standpunkt verharren, aufrechterhielten. Mögen sie nun die Suppe, die sie sich eingebrockt haben, selbst auslöffeln. (Zurufe: „Richtig!“)
5. Lenin und die Trage des Blocks innerhalb der Partei
Sinowjew sagte vor kurzem, das ZK habe keinen Grund, über ihren Block herzufallen, da Iljitsch Blöcke in der Partei überhaupt gutgeheißen habe. Ich muss feststellen, Genossen, dass Sinowjews Behauptung mit Lenins Standpunkt nichts gemein hat. Lenin hat niemals jegliche beliebige Blocks in der Partei gutgeheißen. Lenin war nur für Blocks auf prinzipieller Grundlage, für revolutionäre Blocks, die sich gegen die Menschewiki, die Liquidatoren, die Otsowisten richteten. Lenin hat gegen prinzipienlose und parteifeindliche Blocks innerhalb der Partei stets gekämpft. Wer wüsste nicht, dass Lenin gegen Trotzkis Augustblock als parteifeindlichen und prinzipienlosen Block drei Jahre lang, bis zum vollständigen Sieg über ihn, gekämpft hat? Iljitsch war niemals für jegliche beliebige Blocks. Iljitsch war nur für solche Blocks innerhalb der Partei, die erstens eine prinzipielle Grundlage haben und zweitens den Zweck verfolgen, die Partei im Kampf gegen die Liquidatoren, gegen die Menschewiki, gegen die schwankenden Elemente zu stärken. Die Geschichte unserer Partei kennt die Erfahrungen eines solchen Blocks der Leninisten mit den Anhängern Plechanows (das war in den Jahren 1910-1912) gegen den Block der Liquidatoren, als der parteifeindliche Augustblock entstand, dem Potressow und sonstige Liquidatoren, Alexinski und andere Otsowisten angehörten und an dessen Spitze Trotzki stand. Es gab somit einen parteifeindlichen Block, den prinzipienlosen, abenteuerlichen Augustblock, und es gab einen anderen Block, den Block der Leninisten mit den Anhängern Plechanows, das heißt mit den revolutionären Menschewiki (damals war Plechanow ein revolutionärer Menschewik). Solche Blocks ließ Lenin gelten, und wir alle lassen solche Blocks gelten.
Wenn ein Block innerhalb der Partei die Kampffähigkeit der Partei steigert und die Partei vorwärts bringt, dann sind wir für ihn, dann sind wir für einen solchen Block. Nun, aber Ihr Block, verehrte Oppositionelle, steigert dieser Ihr Block etwa die Kampffähigkeit unserer Partei, hat dieser Ihr Block etwa eine prinzipielle Grundlage? Welche Prinzipien verbinden Sie zum Beispiel mit der Gruppe Medwedews? Welche Prinzipien verbinden Sie zum Beispiel mit der Souvarine-Gruppe in Frankreich oder mit der Maslow-Gruppe in Deutschland? Welche Prinzipien verbinden Sie selbst, die „neue Opposition”, die noch vor kurzem den Trotzkismus für eine Abart des Menschewismus hielt, mit den Trotzkisten, die noch vor kurzem die Führer der „neuen Opposition” für Opportunisten hielten?
Und ferner, dient etwa Ihr Block der Partei, gereicht er ihr zum Nutzen, oder ist er nicht vielmehr gegen die Partei gerichtet? Hat er etwa die Kampffähigkeit und den revolutionären Elan unserer Partei auch nur um ein Jota gesteigert? Alle Welt weiß doch heute, dass Sie während des acht oder sechs Monate langen Bestehens Ihres Blocks bemüht waren, die Partei zurückzuzerren zur „revolutionären” Phrase, zur Prinzipienlosigkeit, dass Sie bemüht waren, die Partei zu zersetzen, sie zu lähmen und zu spalten.
Nein, Genossen, der Oppositionsblock hat nichts mit dem Block gemein, den Lenin im Jahre 1910 mit den Anhängern Plechanows gegen den Augustblock der Opportunisten geschlossen hat. Im Gegenteil, der heutige Oppositionsblock erinnert im wesentlichen an den Augustblock Trotzkis, sowohl was seine Prinzipienlosigkeit als auch was seine opportunistische Grundlage betrifft.
Durch die Organisierung eines solchen Blocks haben sich die Oppositionellen von der Grundlinie abgekehrt, die Lenin durchzuführen bestrebt war. Lenin hat uns stets gesagt, dass die richtigste Politik die prinzipienfeste Politik ist. Die Opposition dagegen hat sich dadurch, dass sie sich zu einer Gruppe zusammenschloss, auf den Standpunkt gestellt, dass die richtigste Politik eine prinzipienlose Politik sei.
Daher kann die Existenz des Oppositionsblocks nicht von langer Dauer sein, seine Zersetzung und sein Zerfall sind unausbleiblich. Das sind die Etappen in der Entwicklung des Oppositionsblocks.
6. Der Zersetzungsprozess innerhalb des Oppositionsblocks
Wie lässt sich der gegenwärtige Zustand des Oppositionsblocks charakterisieren? Man könnte ihn als Zustand des allmählichen Zerfalls des Blocks, als Zustand des allmählichen Abfalls seiner Bestandteile, als Zustand der Zersetzung des Blocks charakterisieren. Nur so kann man den gegenwärtigen Zustand des Oppositionsblocks charakterisieren. Das kann auch gar nicht anders sein, denn ein prinzipienloser Block, ein opportunistischer Block kann in unserer Partei nicht lange bestehen. Wir wissen bereits, dass die Gruppe Maslow und Urbahns vom Oppositionsblock abfällt. Wir haben gestern schon gehört, dass Medwedew und Schljapnikow die von ihnen begangenen Sünden abgeschworen haben und dem Block den Rücken kehren. Bekannt ist außerdem, dass auch innerhalb des Blocks, das heißt zwischen der „neuen” und der „alten” Opposition, Unstimmigkeiten bestehen, die auf dieser Konferenz werden zum Ausdruck kommen müssen.
Es stellt sich also heraus, dass die Oppositionellen wohl einen Block gebildet, ihn mit großem Pomp gebildet haben, dass das Ergebnis aber gerade das Gegenteil davon ist, was sie von dem Block erwartet hatten. Den Regeln der Arithmetik zufolge hätten sie natürlich ein Plus erzielen müssen, denn die Addition der Kräfte ergibt ein Plus, die Oppositionellen haben aber nicht berücksichtigt, dass es außer der Arithmetik noch die Algebra gibt, dass in der Algebra nicht jede Addition der Kräfte ein Plus ergibt (Heiterkeit), denn die Sache hängt nicht nur von der Addition der Kräfte ab, sondern auch davon, welche Zeichen vor den Summanden stehen. (Anhaltender Beifall.) So kam es, dass sie, die in der Arithmetik stark sind, sich in der Algebra als schwach erwiesen und durch die Zusammenlegung ihrer Kräfte ihre Armee nicht nur nicht vergrößert, sondern sie im Gegenteil auf ein Minimum reduziert, sie an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben.
Worin bestand die Stärke der Sinowjew-Gruppe?
Sie bestand darin, dass sie einen entschiedenen Kampf gegen die Grundlagen des Trotzkismus führte. Sobald aber die Sinowjew-Gruppe auf ihren Kampf gegen den Trotzkismus verzichtete, entmannte sie sich sozusagen selbst, beraubte sie sich ihrer eigenen Kraft.
Worin bestand die Stärke der Trotzki-Gruppe?
Sie bestand darin, dass sie einen entschiedenen Kampf gegen die Fehler Sinowjews und Kamenews im Oktober 1917 und gegen ihren Rückfall in diese Fehler in der Gegenwart führte. Sobald aber diese Gruppe auf den Kampf gegen Sinowjews und Kamenews Abweichung verzichtete, entmannte sie sich selbst, beraubte sie sich ihrer eigenen Kraft.
So ergab sich denn eine Zusammenlegung der Kräfte von Kastraten. (Heiterkeit, anhaltender Beifall.)
Es ist klar, dass hieraus nichts als Blamage entstehen konnte. Es ist klar, dass die ehrlichsten Elemente der Sinowjew-Gruppe hiernach Sinowjew ebenso den Rücken kehren mussten, wie die besten Elemente unter den Trotzkisten Trotzki verlassen mussten.
7. Worauf spekuliert der Oppositionsblock?
Welches sind die Perspektiven der Opposition? Worauf spekulieren die Oppositionellen? Ich glaube, sie spekulieren auf eine Verschlechterung der Lage im Lande und in der Partei. Sie stellen jetzt ihre Fraktionstätigkeit ein, weil heutzutage „schlechte” Zeiten für sie sind. Wenn sie sich aber nicht von ihren grundsätzlichen Anschauungen lossagen, wenn sie beschlossen haben, auf ihrem alten Standpunkt zu verharren, so folgt daraus, dass sie abwarten, auf „bessere Zeiten” warten werden, wo es ihnen, nachdem sie Kräfte gesammelt haben, möglich sein wird, erneut den Kampf gegen die Partei aufzunehmen. Darüber kann es keinerlei Zweifel geben.
Vor kurzem hat einer der Oppositionellen, der auf die Seite der Partei übergegangen ist, der Arbeiter Andrejew, interessante Dinge über die Pläne der Opposition mitgeteilt, die meiner Meinung nach auf der Konferenz erwähnt werden müssen. Folgendes hat uns hierüber Genosse Jaroslawski in seinem Referat auf dem Oktoberplenum des ZK und der ZKK berichtet:
„Andrejew, der ziemlich lange in der Opposition arbeitete, kam schließlich zu der Überzeugung, dass er nicht länger mit ihr arbeiten könne. Zu dieser Erkenntnis gelangte er hauptsächlich dadurch, dass er von der Opposition zwei Dinge zu hören bekam: erstens, dass die Opposition bei der Arbeiterklasse auf eine ‚reaktionäre’ Stimmung gestoßen sei, und zweitens, dass die ökonomische Lage nicht so schlecht sei, wie sie es angenommen hatte.”
Ich glaube, dass Andrejew, der ehedem Oppositioneller war, jetzt aber zur Partei zurückgekehrt ist, das ausgesprochen hat, was die Opposition im Innersten denkt, was sie aber nicht offen auszusprechen wagt. Die Oppositionellen merken offenbar, dass die ökonomische Lage jetzt besser ist, als sie angenommen hatten und dass die Stimmung der Arbeiter nicht so schlecht ist, wie sie es gewünscht hätten. Daher die Politik der zeitweiligen Einstellung ihrer „Tätigkeit”. Es ist klar, wenn die ökonomische Lage sich später etwas zuspitzt - wovon die Oppositionellen überzeugt sind - und wenn sich im Zusammenhang damit die Stimmung der Arbeiter verschlechtert - wovon sie gleichfalls überzeugt sind - dass sie dann nicht zögern werden, ihre „Tätigkeit” zu entfalten, ihre ideologischen Positionen, die sie nicht aufgegeben haben, auszubauen und den offenen Kampf gegen die Partei aufzunehmen.
Das, Genossen, sind die Perspektiven des Oppositionsblocks, der zerfällt, aber noch nicht zerfallen ist und wohl auch nicht so bald zerfallen wird, wenn die Partei nicht einen entschiedenen und schonungslosen Kampf gegen ihn führt.
Da aber die Oppositionellen einmal zum Kampf rüsten und „bessere Zeiten” abwarten, um den offenen Kampf gegen die Partei wieder aufzunehmen, darf auch die Partei nicht untätig zusehen. Daraus erwachsen für die Partei die Aufgaben: einen entschiedenen ideologischen Kampf gegen die falschen Anschauungen der Opposition zu führen, auf denen diese beharrt, das opportunistische Wesen dieser Ideen zu entlarven, in welch „revolutionäre” Phrasen sie auch immer gekleidet werden mögen, und es dahin zu bringen, dass die Opposition gezwungen ist, sich von ihren Fehlern loszusagen, wenn sie nicht endgültig zerschlagen werden will.
II. Der grundlegende Fehler des Oppositionsblocks
Ich komme zur zweiten Frage, Genossen, zu dem grundlegenden Fehler des Oppositionsblocks in der grundlegenden Frage, der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution.
Die grundlegende Frage, die die Partei vom Oppositionsblock trennt, ist die Frage, ob der Sieg des Sozialismus in unserem Lande möglich ist oder, was das gleiche bedeutet, welchen Charakter unsere Revolution trägt und welche Perspektiven sie hat.
Diese Frage ist nicht neu, sie wurde unter anderem auf der Aprilkonferenz des Jahres 1925, auf der XIV. Parteikonferenz, mehr oder weniger ausführlich behandelt. Sie ist jetzt, in einer neuen Situation, erneut aufgetaucht, und wir werden uns mit dieser Frage sehr eingehend beschäftigen müssen, wobei ich angesichts der Tatsache, dass Trotzki und Kamenew kürzlich auf der gemeinsamen Plenartagung des ZK und der ZKK die Beschuldigung erhoben haben, ihre Anschauungen seien in den Thesen über den Oppositionsblock falsch wiedergegeben worden, gezwungen bin, in meinem Referat eine Reihe von Dokumenten und Zitaten anzuführen, die die in den Thesen über den Oppositionsblock enthaltenen Grundsätze bestätigen. Ich bitte im Voraus um Entschuldigung, Genossen, aber ich bin gezwungen, so vorzugehen.
Wir stehen vor drei Fragen:
1. Ist der Sieg des Sozialismus in unserem Lande möglich, wenn man in Betracht zieht, dass unser Land vorläufig das einzige Land der Diktatur des Proletariats ist, das die proletarische Revolution in anderen Ländern noch nicht gesiegt, dass sich das Tempo der Weltrevolution verlangsamt hat?
2. Wenn dieser Sieg möglich ist, kann er dann als voller, als endgültiger Sieg bezeichnet werden?
3. Wenn dieser Sieg nicht als endgültig bezeichnet werden kann, welcher Voraussetzungen bedarf es dann, damit er ein endgültiger Sieg werde?
Das sind die drei Fragen, die sich unter der allgemeinen Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, das heißt in unserem Lande, zusammenfassen lassen.
1. Vorbemerkungen
Wie entschieden die Marxisten diese Frage früher, sagen wir in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, in den 50er und 60er Jahren, überhaupt in der Periode, als es noch keinen monopolistischen Kapitalismus gab, als das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus noch nicht entdeckt war und noch nicht entdeckt sein konnte, als infolgedessen die Frage des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern noch nicht unter dem Gesichtswinkel gestellt wurde, unter dem sie späterhin gestellt wurde? Wir alle, wir Marxisten, angefangen von Marx und Engels, vertraten damals die Ansicht, dass der Sieg des Sozialismus in einem einzeln genommenen Lande unmöglich sei, dass zum Siege des Sozialismus eine gleichzeitige Revolution in einer Reihe von Ländern, zumindest in einer Reihe der entwickeltsten und zivilisiertesten Länder notwendig sei. Und das war damals richtig. Zur Charakterisierung dieser Anschauungen möchte ich ein bezeichnendes Zitat aus Engels’ Entwurf „Grundsätze des Kommunismus” anführen, worin diese Frage mit aller Schärfe gestellt wird. Dieser Entwurf diente später als Grundlage für das „Kommunistische Manifest”. Er wurde im Jahre 1847 geschrieben. In diesem, erst vor einigen Jahren veröffentlichten Entwurf sagt Engels folgendes:
„Wird diese Revolution (d. h. die Revolution des Proletariats. J. St.) in einem einzigen Lande allein vor sich geben können?
Antwort: Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung mit einander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. Sie hat ferner in allen zivilisierten Ländern die gesellschaftliche Entwicklung soweit gleich gemacht, dass in allen diesen Ländern Bourgeoisie und Proletariat die beiden entscheidenden Klassen der Gesellschaft, der Kampf zwischen Beiden der Hauptkampf des Tages geworden. Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d. h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gebende Revolution sein. Sie wird sich in jedem dieser Länder rascher oder langsamer entwickeln, je nachdem das eine oder andre Land eine ausgebildetere Industrie, einen größeren Reichtum, eine bedeutendere Masse von Produktivkräften besitzt. Sie wird daher in Deutschland am langsamsten und schwierigsten, in England am raschesten und leichtesten durchzuführen sein. Sie wird auf die übrigen Länder der Welt ebenfalls eine bedeutende Rückwirkung ausüben und ihre bisherige Entwicklungsweise gänzlich verändern und sehr beschleunigen. Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben.“ (F. Engels, „Grundsätze des Kommunismus”, siehe. „Manifest der Kommunistischen Partei”, Staatsverlag, 1923, S. 317 (deutsch in Marx-Engels „Gesamtausgabe”, Berlin 1932, Erste Abteilung, Bd. 6, S. 516].)
Das wurde in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben, als es noch keinen monopolistischen Kapitalismus gab. Charakteristisch ist, dass Rußland hier nicht einmal erwähnt wird, dass Rußland überhaupt fehlt. Und das ist durchaus verständlich, da Rußland mit seinem revolutionären Proletariat, Rußland als revolutionäre Kraft damals noch nicht existierte, ja auch nicht existieren konnte.
War das richtig, was hier, in diesem Zitat, unter den Bedingungen des vormonopolistischen Kapitalismus gesagt wurde, war das in der Periode, in der Engels darüber schrieb, richtig? Ja, es war richtig.
Ist diese These heute, unter den neuen Bedingungen, den Bedingungen des monopolistischen Kapitalismus und der proletarischen Revolution, richtig? Nein, sie ist bereits nicht mehr richtig.
In der alten Periode, in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, in der vorimperialistischen Periode, als der Erdball noch nicht unter die Finanzgruppen aufgeteilt war, als die gewaltsame Neuaufteilung des bereits Aufgeteilten noch keine Lebensfrage für den Kapitalismus war, als die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen Entwicklung noch nicht so scharf ausgeprägt war und es auch nicht sein konnte, wie sie es später wurde, als die Widersprüche des Kapitalismus noch nicht jene Entwicklungsstufe erreicht hatten, auf der sie den blühenden Kapitalismus in den sterbenden Kapitalismus verwandeln und die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern eröffnen - in dieser alten Periode war Engels’ Formel unbestreitbar richtig. In der neuen Periode, in der Periode der Entwicklung des Imperialismus, da die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder zum entscheidenden Faktor der imperialistischen Entwicklung geworden ist, da die zwischen den Imperialisten unvermeidlichen Konflikte und Kriege die Front des Imperialismus schwächen und eine Durchbrechung dieser Front in einzelnen Ländern ermöglichen, da das von Lenin entdeckte Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung zum Ausgangspunkt der Theorie vom Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern geworden ist - unter diesen Bedingungen ist die alte Formel von Engels bereits nicht mehr richtig, unter diesen Bedingungen muss sie unbedingt durch eine andere Formel ersetzt werden, die besagt, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist.
Die Größe Lenins, als des Fortsetzers des Werkes von Marx und Engels, besteht gerade darin, dass er niemals sklavisch am Buchstaben des Marxismus gehangen hat. Bei seinen Untersuchungen folgte er der Weisung von Marx, der wiederholt gesagt hat, dass der Marxismus kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln ist. Lenin wusste das, er unterschied streng zwischen dem Buchstaben und dem Wesen des Marxismus und betrachtete den Marxismus nie als Dogma, sondern war bemüht, den Marxismus als grundlegende Methode auf die neuen Verhältnisse der kapitalistischen Entwicklung anzuwenden. Darin eben besteht die Größe Lenins, dass er offen und ehrlich, ohne zu schwanken, die Frage der Notwendigkeit einer neuen Formel gestellt hat, die besagt, dass der Sieg der proletarischen Revolution in einzelnen Ländern möglich ist, ohne zu fürchten, dass sich die Opportunisten aller Länder im Bestreben, ihr opportunistisches Werk mit den Namen von Marx und Engels zu rechtfertigen, an die alte Formel klammern werden.
Anderseits wäre es auch sonderbar, von Marx und Engels, so geniale Denker sie auch waren, verlangen zu wollen, dass sie 50-60 Jahre vor dem entwickelten Monopolkapitalismus alle Möglichkeiten des proletarischen Klassenkampfs, die in der Periode des monopolistischen, imperialistischen Kapitalismus zutage traten, genau voraussehen sollten.
Und das ist nicht der einzige Fall, wo Lenin, ausgehend von der Marxschen Methode, das Werk von Marx und Engels fortsetzt, ohne sich an den Buchstaben des Marxismus zu klammern. Ich denke an einen anderen, analogen Fall, nämlich an die Frage der Diktatur des Proletariats. Bekanntlich hat Marx in dieser Frage den Gedanken ausgesprochen, dass die Diktatur des Proletariats, als Zerschlagung des alten Staatsapparats und Schaffung eines neuen Apparats, des neuen proletarischen Staates, in den Ländern des Kontinents eine notwendige Etappe in der Entwicklung zum Sozialismus ist; dabei ließ er eine Ausnahme für England und Amerika gelten, wo, wie Marx erklärte, der Militarismus und Bürokratismus schwach oder überhaupt nicht entwickelt waren und daher ein anderer Weg, ein „friedlicher” Weg des Übergangs zum Sozialismus möglich gewesen wäre. Das war völlig richtig in den 70er Jahren. (Rjasanow: „Auch damals war das nicht richtig.”) Ich glaube, dass diese These in den 70er Jahren, als der Militarismus in England und Amerika nicht so entwickelt war wie später, völlig richtig war. Dass diese These richtig war, davon hätten Sie sich an Hand des bekannten Kapitels aus der Schrift des Genossen Lenin „Über die Naturalsteuer” 1831 überzeugen können, wo Lenin für das England der 70er Jahre die Entwicklung des Sozialismus auf dem Wege eines Übereinkommens zwischen Proletariat und Bourgeoisie nicht für ausgeschlossen hält, als für ein Land, wo das Proletariat die Mehrheit bildet, wo die Bourgeoisie gewohnt ist, Kompromisse zu schließen, wo Militarismus und Bürokratismus schwach waren. Diese These jedoch, die in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts richtig war, ist nach dem 19. Jahrhundert, in der Periode des Imperialismus, da England nicht weniger bürokratisch und nicht weniger militaristisch, wenn nicht militaristischer als jedes beliebige andere Land des Kontinents geworden ist, bereits nicht mehr richtig. Im Zusammenhang damit sagt Genosse Lenin in seiner Broschüre „Staat und Revolution”, dass die Einschränkung, die Marx hinsichtlich des Kontinents gemacht hat, heute wegfällt,[Anmerkung 51] da neue Bedingungen eingetreten sind, die die für England zugestandene Ausnahme gegenstandslos machen.
Darin eben besteht die Größe Lenins, dass er sich nicht vom Buchstaben des Marxismus gefangen nehmen ließ, dass er es verstand, das Wesen des Marxismus zu erfassen und, von seinem Wesen ausgehend, die Lehren von Marx und Engels weiterzuentwickeln.
So, Genossen, stand es um die Frage des Sieges der sozialistischen Revolution in einzelnen Ländern in der vorimperialistischen Periode, in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus.
2. Leninismus oder Trotzkismus
Von allen Marxisten war Lenin der erste, der den Imperialismus als eine neue, als die letzte Phase des Kapitalismus einer wirklich marxistischen Analyse unterzog, die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern auf neue Art stellte und sie in positivem Sinne entschied. Ich denke an Lenins Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus”. Ich denke an Lenins Artikel „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa”, der im Jahre 1915 erschien. Ich denke an die Polemik zwischen Trotzki und Lenin über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa oder der ganzen Welt, als Lenin zum erstenmal die These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande aufstellte.
Folgendes schrieb Lenin damals in diesem Artikel:
„Als selbständige Losung wäre jedoch die Losung Vereinigte Staaten der Welt kaum richtig, denn erstens fällt sie mit dem Sozialismus zusammen; zweitens könnte sie die falsche Auffassung von der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande und eine falsche Auffassung von den Beziehungen eines solchen Landes zu den übrigen entstehen lassen. Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein un-bedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen“... Denn, „die freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rückständigen Staaten”. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S.753].)
So schrieb Lenin im Jahre 1915.
Was ist das für ein Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus, das, unter den Bedingungen des Imperialismus wirkend, den Sieg des Sozialismus in einem Lande ermöglicht?
Als Lenin von „diesem Gesetz sprach, ging er davon aus, dass der alte, vormonopolistische Kapitalismus bereits in den Imperialismus hinüber gewachsen ist; dass sich die Weltwirtschaft unter den Bedingungen eines wütenden Kampfes der wichtigsten imperialistischen Gruppen um Territorien, um Märkte, um Rohstoffe usw. entwickelt; dass die Aufteilung der Welt in Einflusssphären der imperialistischen Gruppen bereits beendet ist; dass die Entwicklung der kapitalistischen Länder nicht gleichmäßig vor sich geht, nicht so, dass ein Land dem andern folgt oder eine parallele Entwicklung durchmacht, sondern sprunghaft, so dass einzelne Länder, die früher vorausgeeilt waren, verdrängt werden und neue Länder an die erste Stelle treten; dass eine solche Entwicklungsweise der kapitalistischen Länder unvermeidlich zu Konflikten und Kriegen zwischen den kapitalistischen Staaten um die Neuaufteilung der bereits aufgeteilten Welt führt; dass diese Konflikte und Kriege zur Schwächung des Imperialismus führen; dass die Weltfront des Imperialismus im Zusammenhang damit leicht verwundbar wird und in dem einen oder anderen Lande durchbrochen werden kann; dass infolgedessen der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern möglich wird.
Bekannt ist, dass England noch vor ganz kurzer Zeit allen anderen imperialistischen Staaten voranschritt. Bekannt ist ebenfalls, dass Deutschland späterhin England zu überholen begann und auf Kosten anderer Staaten, vor allem auf Kosten Englands, einen Platz „an der Sonne” für sich forderte. Bekannt ist, dass der imperialistische Krieg (1914-1918) gerade im Zusammenhang mit diesem Umstand ausbrach. Jetzt, nach dem imperialistischen Krieg, ist Amerika weit vorausgeeilt und hat sowohl England als auch die anderen europäischen Staaten hinter sich gelassen. Es lässt sich kaum bezweifeln, dass dieser Umstand die Gefahr neuer großer Konflikte und Kriege in sich birgt.
Der Umstand, dass im Zusammenhang mit dem imperialistischen Krieg die imperialistische Front in Rußland durchbrochen wurde, dieser Umstand zeugt davon, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen der Entwicklung des Kapitalismus die Kette der imperialistischen Front nicht unbedingt in dem Lande reißen wird, wo die Industrie am stärksten entwickelt ist, sondern dort, wo diese Kette am schwächsten ist, wo das Proletariat im Kampf gegen die imperialistische Macht einen ernst zu nehmenden Verbündeten, zum Beispiel die Bauernschaft, hat, wie dies in Rußland der Fall war.
Es ist durchaus möglich, dass künftig die Kette der imperialistischen Front in einem solchen Lande wie, sagen wir, Indien reißen wird, wo das Proletariat in der machtvollen revolutionären Befreiungsbewegung einen ernst zu nehmenden Verbündeten hat.
Als Lenin von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande sprach, polemisierte er bekanntlich vor allem gegen Trotzki wie auch gegen die Sozialdemokratie.
Wie reagierte Trotzki auf Lenins Artikel und Lenins These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande?
Als Antwort auf Lenins Artikel schrieb Trotzki damals (1915) folgendes:
„Das einzige einigermaßen konkrete historische Argument gegen die Losung der Vereinigten Staaten”, sagt Trotzki, „wurde im schweizerischen ‚Sozialdemokrat’ (dem damaligen Zentralorgan der Bolschewiki, in dem auch der oben erwähnte Artikel Lenins veröffentlicht wurde. J. St.) in folgendem Satz formuliert: ‚Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus.’ Daraus zog der ‚Sozialdemokrat’ den Schluss, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich sei und dass es deshalb nicht notwendig sei, die Diktatur des Proletariats in jedem einzelnen Staat von der Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa abhängig zu machen. Dass die kapitalistische Entwicklung der verschiedenen Länder ungleichmäßig ist, ist ein völlig unbestreitbares Argument. Aber diese Ungleichmäßigkeit selbst ist überaus ungleichmäßig. Das kapitalistische Niveau Englands, Osterreichs, Deutschlands oder Frankreichs ist nicht ein und dasselbe. Aber im Vergleich zu Afrika und Asien stellen alle diese Länder das kapitalistische ‚Europa’ dar, das für die soziale Revolution reif ist. Dass kein einziges Land in seinem Kampfe auf die anderen ,warten’ soll, ist ein elementarer Gedanke, den zu wiederholen nützlich und notwendig ist, damit nicht die Idee der parallelen internationalen Tat durch die Idee der abwartenden internationalen Untätigkeit ersetzt werde. Ohne auf die anderen“ zu warten, beginnen wir den Kampf auf nationalem Boden und setzen ihn hier fort, in der vollen Überzeugung, dass unsere Initiative dem Kampf in den anderen Ländern einen Anstoß geben wird; wenn das aber nicht geschehen sollte, dann wäre es aussichtslos, zu glauben - davon zeugen sowohl die geschichtlichen Erfahrungen als auch theoretische Erwägungen -, dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten oder ein sozialistisches Deutschland in der kapitalistischen Welt isoliert bleiben könnte.“‘ (Siehe Bd. III der Schriften Trotzkis, Teil 1, S.89/90.)
So schrieb Trotzki im Jahre 1915 in der Pariser Zeitung „Nasche Slowo”,[Anmerkung 52] wobei dieser Artikel später in einem Sammelband von Trotzkis Artikeln, der im August 1917 unter dem Titel „Das Friedensprogramm” zum erstenmal erschien, in Rußland neu veröffentlicht wurde.
Sie sehen, dass sich in diesen beiden Zitaten von Lenin und Trotzki zwei völlig verschiedene Thesen gegenüberstehen. Während Lenin der Ansicht ist, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist, dass das Proletariat nach der Eroberung der Macht diese nicht nur behaupten, sondern noch weitergehen, die Kapitalisten enteignen und die sozialistische Wirtschaft organisieren kann, um den Proletariern der kapitalistischen Länder tatkräftig Hilfe zu leisten - ist Trotzki im Gegenteil der Meinung, dass, wenn die siegreiche Revolution in einem Lande nicht in allernächster Zeit den Sieg der Revolution in anderen Ländern nach sich zieht, das Proletariat des siegreichen Landes nicht einmal imstande sein werde, die Macht zu behaupten (geschweige denn die sozialistische Wirtschaft zu organisieren), denn, sagt Trotzki, es wäre aussichtslos, zu glauben, dass eine revolutionäre Macht in Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten könnte.
Das sind zwei grundverschiedene Standpunkte, zwei grundverschiedene Stellungnahmen. Lenin zufolge stellt das Proletariat, das die Macht erobert hat, eine Kraft dar, die überaus aktiv auftritt und größte Initiative entwickelt, die die sozialistische Wirtschaft organisiert und noch weiter schreitet, den Proletariern der anderen Länder zu Hilfe eilt. Trotzki zufolge verwandelt sich das Proletariat, das die Macht erobert hat, dagegen in eine halbpassive Kraft, die einer sofortigen Hilfe bedarf, die ihr nur der sofortige Sieg des Sozialismus in anderen Ländern gewähren kann, und die, in steter Angst um ihre Macht, sich wie im Biwak fühlt. Nun, wenn aber der sofortige Sieg der Revolution in anderen Ländern ausbleibt - was dann? Dann wirf die Arbeit hin. (Zuruf: „Und schlag dich seitwärts in die Büsche.”) Ja, schlag dich seitwärts in die Büsche. Das trifft ganz und gar zu. (Heiterkeit.)
Man mag sagen, diese Differenz zwischen Lenin und Trotzki gehöre der Vergangenheit an, diese Differenz hätte sich später, im Verlauf der Arbeit, auf ein Minimum verringern oder hätte sogar völlig verschwinden können. Ja, sie hätte sich auf ein Minimum verringern oder hätte sogar ganz verschwinden können. Aber leider geschah weder das eine noch das andere. Im Gegenteil, diese Differenz blieb bis zum Tode des Genossen Lenin in aller Schärfe bestehen. Sie besteht, wie Sie selbst sehen, auch heute noch. Im Gegenteil, ich behaupte, dass diese Differenz zwischen Lenin und Trotzki und die auf diesem Boden geführte Polemik die ganze Zeit hindurch andauerten, wobei die entsprechenden Artikel Lenins und Trotzkis nacheinander erschienen und eine versteckte Polemik, allerdings ohne Namensnennung, geführt wurde.
Hierzu einige Tatsachen.
Im Jahre 1921, als wir die NÖP einführten, geht Lenin erneut auf die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus ein, diesmal bereits in konkreterer Form, er behandelt die Frage der Möglichkeit der Errichtung des sozialistischen Fundaments unserer Ökonomik auf den Bahnen der NÖP. Sie werden sich erinnern, dass im Jahre 1921 bei der Einführung der NÖP ein Teil unserer Partei, insbesondere die „Arbeiteropposition”, Lenin beschuldigte, durch die Einführung der NÖP weiche er vom Wege des Sozialismus ab. Offenbar als Antwort darauf hat Lenin damals in seinen Reden und Artikeln mehrfach erklärt, dass wir mit der Einführung der NÖP nicht beabsichtigen, von unserem Wege abzuweichen, sondern ihn unter den neuen Bedingungen fortzusetzen, mit dem Ziel, das „sozialistische Fundament unserer Ökonomik”, „zusammen mit der Bauernschaft”, „unter Führung der Arbeiterklasse” zu errichten.
(Siehe „Über die Naturalsteuer” und andere Artikel Lenins zur Frage der NÖP.)
Gewissermaßen als Antwort darauf veröffentlicht Trotzki im Januar 1922 das „Vorwort” zu seinem Buch „Das Jahr 1905“, in dem er zum Ausdruck bringt, dass es ein Ding der Unmöglichkeit sei, in unserem Lande den Sozialismus zusammen mit der Bauernschaft aufzubauen, da, solange das Proletariat im Westen nicht gesiegt hat, das Leben unseres
Landes sich in feindlichen Zusammenstößen zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft abwickeln werde.
In diesem „Vorwort” sagt Trotzki folgendes:
„Das Proletariat, das die Macht erobert hat, wird in feindliche Zusammenstößel nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie geraten, die es im Anfang seines revolutionären Kampfes unterstützt haben, sondern auch mit den breiten Massen der Bauernschaft, mit deren Beihilfe es zur Macht gekommen ist. Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung werden nur im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung finden können.” (Trotzki: „Vorwort” zu dem Buch „1905”, geschrieben. 1922.)
Auch hier stehen sich, wie Sie sehen, zwei verschiedene Thesen gegenüber. Während Lenin es für möglich hält, das sozialistische Fundament unserer Ökonomik zusammen mit der Bauernschaft und unter Führung der Arbeiterklasse aufzubauen, ergibt sich dagegen bei Trotzki, dass die Führung der Bauernschaft durch das Proletariat und der gemeinsame Aufbau des sozialistischen Fundaments ein Ding der Unmöglichkeit sei, da sich das politische Leben des Landes in feindlichen Zusammenstößen zwischen der Arbeitermacht und der Mehrheit der Bauernschaft abwickeln werde, diese Zusammenstöße aber nur in der Arena der Weltrevolution aus der Welt geschafft werden könnten.
Weiter. Wir haben die Rede Lenins, die er ein Jahr später, im Jahre 1922 in der Plenarsitzung des Moskauer Sowjets hielt und in der er nochmals auf die Frage der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande zurückkommt. Er sagt:
„Der Sozialismus ist jetzt bereits keine Frage der fernen Zukunft oder irgendeines abstrakten Schemas oder irgendeines Heiligenbildes. Hinsichtlich der Heiligenbilder sind wir bei der alten, sehr schlechten Meinung geblieben. Wir haben den Sozialismus in das Alltagsleben einbezogen, und hier müssen wir uns zurechtfinden. Das eben ist die Aufgabe unserer Tage, das eben ist die Aufgabe unserer Epoche. Gestatten Sie mir, mit dem Ausdruck der Überzeugung zu schließen, dass wir, so schwer diese Aufgabe auch sein mag, so neu sie im Vergleich zu unserer früheren Aufgabe auch ist und so viele Schwierigkeiten sie uns auch bereiten mag - dass wir alle zusammen nicht morgen, wohl aber in einigen Jahren diese Aufgabe um jeden Preis lösen werden, so dass aus dem Rußland der NÖP das sozialistische Rußland werden wird.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 405, russ.)
Gewissermaßen als Antwort darauf oder vielleicht als eine Erläuterung dessen, was Trotzki in seinem oben erwähnten Zitat gesagt hat, veröffentlicht Trotzki im Jahre 1922 das „Nachwort” zu seiner Schrift „Das Friedensprogramm”, worin er sagt:
„Die im ‚Friedensprogramm’ sich mehrere Male wiederholende Behauptung, dass die proletarische Revolution im nationalen Rahmen nicht siegreich zu Ende geführt werden kann, wird wohl manchen Lesern durch die fast fünfjährige Erfahrung unserer Sowjetrepublik als widerlegt erscheinen. Eine solche Schlussfolgerung wäre aber unbegründet. Die Tatsache, dass der Arbeiterstaat sich in einem, und zwar überdies rückständigen Lande gegen die ganze Welt behaupten konnte, zeugt von der kolossalen Macht des Proletariats, die in anderen, fortgeschritteneren, zivilisierteren Ländern fähig sein wird, wahrhaft Wunder zu vollbringen. Aber wenn wir uns politisch und militärisch als Staat behauptet haben, so sind wir doch noch nicht zur Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft gekommen, ja nicht einmal an sie herangekommen... Solange in den übrigen europäischen Staaten die Bourgeoisie an der Macht steht, sind wir gezwungen, im Kampf gegen die ökonomische Isolierung eine Verständigung mit der kapitalistischen Welt zu suchen; gleichzeitig kann mit Bestimmtheit gesagt werden, dass diese Verständigung uns bestenfalls helfen kann, die einen oder die anderen ökonomischen Wunden zu heilen, den einen oder den anderen Schritt vorwärts zu tun, dass aber ein wirklieber Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siegel des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird.“ (Siehe Bd. III der Schriften Trotzkis, Teil 1, S. 92/93.)
Auch hier stehen sich, wie Sie sehen, zwei entgegengesetzte Thesen gegenüber, die These Lenins und die These Trotzkis. Während Lenin der Ansicht ist, dass wir den Sozialismus bereits in das Alltagsleben einbezogen haben und dass wir ungeachtet der Schwierigkeiten alle Möglichkeiten haben, aus dem Rußland der NOP ein sozialistisches Rußland zu machen, glaubt Trotzki dagegen, dass wir vor dem Siege des Proletariats in anderen Ländern nicht nur nicht imstande sein werden, das heutige Rußland in ein sozialistisches Rußland zu verwandeln, sondern dass wir nicht einmal einen wirklichen Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft erzielen können.
Schließlich haben wir die schriftlichen Ausführungen des Genossen Lenin in den Artikeln „Über das Genossenschaftswesen” und „Über unsere Revolution” (gegen Suchanow), die Lenin kurz vor seinem Tode schrieb und die er uns als sein politisches Vermächtnis hinterließ. Diese Ausführungen sind besonders deshalb bemerkenswert, weil Lenin in ihnen erneut auf die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande eingeht und Formulierungen gibt, die keinen Raum für irgendwelche Zweifel lassen. Folgendes sagt er in seinen Ausführungen „über unsere Revolution”:
„Unendlich schablonenhaft ist ... ihr Argument (der Helden der II. Internationale. J. St.), das sie im Verlauf der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben und das darin besteht, dass wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, dass uns, wie sich die verschiedenen ,gelehrten’ Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen. Und keinem kommt es in den Sinn, sich zu fragen: Könnte nicht ein Volk, das auf eine revolutionäre Situation gestoßen ist, eine Situation, wie sie sich im ersten imperialistischen Kriege ergeben hat, könnte sich dieses Volk, infolge der Aussichtslosigkeit seiner Lage, nicht in einen Kampf stürzen, der ihm doch wenigstens irgendwelche Aussichten eröffnete, sich nicht ganz gewöhnliche Bedingungen für eine Weiterentwicklung der Zivilisation zu erringen.”...
„Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau notwendig ist (obwohl niemand sagen kann, wie dieses bestimmte ‚Kulturniveau’ aussieht), warum sollten wir also nicht damit anfangen, auf revolutionärem Wege die Voraussetzungen für dieses bestimmte Niveau zu erringen, und dann schon, auf der Grundlage der Arbeiter- und Bauernmacht und der Sowjetordnung, vorwärts schreiten und die anderen Völker einholen.“...
„Für die Schaffung des Sozialismus, sagt ihr, ist Zivilisiertheit erforderlich. Ausgezeichnet. Nun, warum aber konnten wir nicht zuerst solche Voraussetzungen der Zivilisiertheit bei uns schaffen, wie es die Vertreibung der Gutsbesitzer und die Vertreibung der russischen Kapitalisten ist, um dann schon mit der Vorwärtsbewegung zum Sozialismus zu beginnen? In welchen Büchern habt ihr denn gelesen, dass derartige Modifikationen der üblichen historischen Ordnung unzulässig oder unmöglich seien?” (Siehe Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 33, S.437-439 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.997 bis 999].)
Und in seinen Artikeln „ Über das Genossenschaftswesen” sagt Lenin folgendes:
„In der Tat, die Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als Krämerei behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NÖP, ebenso zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist.“‘ (Siehe Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 428 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 989J.)
Wir haben also zwei Linien in der grundlegenden Frage, in der Frage der Möglichkeit des siegreichen Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande, der Möglichkeit des Sieges der sozialistischen Elemente unserer Wirtschaft über die kapitalistischen Elemente, denn, Genossen, die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande bedeutet nichts anderes als die Möglichkeit des Sieges der sozialistischen Elemente unserer Wirtschaft über die kapitalistischen Elemente - erstens die Linie Lenins und des Leninismus und zweitens die Linie Trotzkis und des Trotzkismus. Der Leninismus entscheidet diese Frage positiv. Der Trotzkismus dagegen verneint die Möglichkeit, dass der Sozialismus auf Grund der inneren Kräfte unserer Revolution in unserem Lande siegt. Während die erste Linie die Linie unserer Partei ist, stellt die zweite Linie eine Annäherung an die Anschauungen der Sozialdemokratie dar.
Deshalb heißt es auch im Entwurf zu den Thesen über den Oppositionsblock, dass der Trotzkismus eine sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei ist.
Daraus ergibt sich aber auch als unbestreitbare Tatsache, dass unsere Revolution eine sozialistische Revolution ist, dass sie nicht nur Signal, Anstoß und Ausgangspunkt für die Weltrevolution ist, sondern dass sie auch eine Basis darstellt, die Basis, die für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande notwendig und hinreichend ist.
Wir können und müssen also die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft besiegen, wir können und müssen die sozialistische Gesellschaft in unserem Lande errichten. Kann dieser Sieg aber als voller, als endgültiger Sieg bezeichnet werden? Nein, das kann er nicht. Wir können unsere Kapitalisten besiegen, wir vermögen den Sozialismus aufzubauen und ihn zu errichten, das bedeutet aber noch nicht, dass wir damit das Land der Diktatur des Proletariats vor Gefahren von außen, vor den Gefahren einer Intervention und der mit ihr verbundenen Restauration, der Wiederherstellung der alten Ordnung zu sichern vermögen, Wir leben nicht auf einer Insel. Wir leben in kapitalistischer Umkreisung. Der Umstand, dass wir den Sozialismus aufbauen und dadurch die Arbeiter der kapitalistischen Länder revolutionieren, muss uns den Hass und die Feindschaft der ganzen kapitalistischen Welt zuziehen. Anzunehmen, dass die kapitalistische Welt unseren Erfolgen an der Wirtschaftsfront, Erfolgen, die die Arbeiterklasse der ganzen Welt revolutionieren, gleichgültig zusehen könne, hieße sich einer Illusion hingeben. Solange wir uns in kapitalistischer Umkreisung befinden, solange das Proletariat nicht wenigstens in einer Reihe von Ländern gesiegt hat, können wir daher unseren Sieg nicht als endgültig betrachten, können wir folglich das Land der Diktatur des. Proletariats, welche Erfolge wir bei unserem Aufbau auch aufzuweisen haben mögen, nicht als gesichert gegen Gefahren von außen betrachten. Daher muss man, um endgültig zu siegen, erreichen, dass die gegenwärtige kapitalistische Umkreisung von einer sozialistischen Umgebung abgelöst wird, muss man erreichen, dass das Proletariat zum mindesten noch in einigen Ländern siegt. Erst dann kann unser Sieg als endgültig betrachtet werden.
Daher betrachten wir den Sieg des Sozialismus in unserem Lande nicht als Selbstzweck, nicht als etwas sich selbst Genügendes, sondern als Stütze, als Mittel, als Weg zum Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern.
Genosse Lenin schrieb hierüber folgendes:
„Wir leben”, sagt Lenin, „nicht nur in einem Staat, sondern in einem Staatensystem, und die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das andere siegen. Aber bis dieses Ende eintritt, ist eine Reihe furchtbarster Zusammenstöße zwischen der Sowjetrepublik und den bürgerlichen Staaten unvermeidlich. Das heißt, dass die herrschende Klasse, das Proletariat, wenn es herrschen will und herrschen wird, dies auch durch seine militärische Organisation beweisen muss.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 133, russ.)
Daraus geht hervor, dass die Gefahr einer militärischen Intervention besteht und noch lange bestehen wird.
Eine andere Frage ist, ob die Kapitalisten jetzt eine ernsthafte Intervention gegen die Republik der Sowjets unternehmen können. Das ist noch eine Frage. Hier hängt vieles vom Verhalten der Arbeiter in den kapitalistischen Ländern ab, von ihrer Sympathie für das Land der proletarischen Diktatur, vom Grad ihrer Ergebenheit für die Sache des Sozialismus. Dass die Arbeiter der kapitalistischen Länder jetzt unsere Revolution nicht durch eine Revolution gegen ihre eigenen Kapitalisten unterstützen können, ist einstweilen eine Tatsache. Dass die Kapitalisten aber nicht imstande sind, „ihre” Arbeiter in einen Krieg gegen unsere Republik zu hetzen, ist ebenfalls eine Tatsache. Und ohne die Arbeiter kann man heutzutage keinen Krieg gegen das Land der Diktatur des Proletariats führen, wenn der Kapitalismus nicht einer tödlichen Gefahr ausgesetzt werden soll. Davon zeugen die zahllosen Arbeiterdelegationen, die unser Land besuchen, um unsere sozialistische Aufbauarbeit zu prüfen. Davon zeugt die gewaltige Sympathie, die die Arbeiterklasse der ganzen Welt für die Republik der Sowjets hegt. Auf dieser Sympathie beruht denn auch gegenwärtig die internationale Lage unserer Republik. Ohne diese Sympathie hätten wir jetzt eine Reihe neuer Interventionsversuche, eine Unterbrechung unserer Aufbauarbeit und keine „Atempause” für eine ganze Periode.
Wenn aber die kapitalistische Welt jetzt nicht imstande ist, eine militärische Intervention gegen unser Land zu unternehmen, so besagt das noch nicht, dass sie niemals dazu imstande sein wird. Jedenfalls schlafen die Kapitalisten nicht, und sie bieten alles auf, um die internationalen Positionen unserer Republik zu schwächen und die Voraussetzungen für eine Intervention zu schaffen. Daher darf man weder Interventionsversuche noch die mit ihnen verbundene Möglichkeit einer Restauration der alten Ordnung in unserem Lande als ausgeschlossen betrachten.
Lenin hat daher Recht, wenn er sagt:
„Solange unsere Sowjetrepublik ein allein stehendes Randgebiet der ganzen kapitalistischen Welt bleibt, wäre es eine absolut lächerliche Phantasterei und Utopie, ... an das Verschwinden dieser oder jener Gefahren zu denken. Solange diese grundlegenden Gegensätze bestehen bleiben, bleiben natürlich auch die Gefahren bestehen, und man kann ihnen nicht entrinnen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 462, russ.)
Deshalb sagt Lenin auch:
„Endgültig siegen kann man nur im Weltmaßstab und nur durch die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter aller Länder.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 336, russ.)
Was bedeutet also der Sieg des Sozialismus in unserem Lande?
Er bedeutet die Erkämpfung der Diktatur des Proletariats und die Errichtung des Sozialismus, mithin die Überwindung der kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft durch die inneren Kräfte unserer Revolution.
Was bedeutet der endgültige Sieg des Sozialismus in unserem Lande?
Er bedeutet die Schaffung einer vollständigen Garantie gegen Intervention und Restaurationsversuche auf Grund des Sieges der sozialistischen Revolution wenigstens in einigen Ländern.
Wenn die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande die Möglichkeit bedeutet, die inneren Gegensätze zu überwinden, die ein Land (wir denken dabei natürlich an unser Land) durchaus überwinden kann, so bedeutet die Möglichkeit des endgültigen Sieges des Sozialismus die Möglichkeit, die äußeren Gegensätze, die Gegensätze zwischen dem Lande des Sozialismus und den Ländern des Kapitalismus, zu überwinden - Gegensätze, die nur durch die Kräfte der proletarischen Revolution in einigen Ländern überwunden werden können.
Wer diese zwei Reihen von Gegensätzen miteinander verwechselt, der ist entweder ein hoffnungsloser Wirrkopf oder ein unverbesserlicher Opportunist.
Das ist die Grundlinie unserer Partei.
3. Die Resolution der XIV. Konferenz der KPR(B)
Zum erstenmal fand diese Linie unserer Partei ihren offiziellen Ausdruck in der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz über die internationale Lage, die Stabilisierung des Kapitalismus und den Aufbau des Sozialismus in einem Lande. Ich glaube, dass diese Resolution eins der wichtigsten Parteidokumente in der Geschichte unserer Partei ist, nicht nur, weil sie eine großartige Demonstration für die Leninsche Linie in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande darstellt, sondern auch, weil sie gleichzeitig eine direkte Verurteilung des Trotzkismus bedeutet. Ich glaube, es dürfte nicht überflüssig sein, die wichtigsten Punkte dieser Resolution zu zitieren, die, so seltsam dies auch klingen mag, zu Sinowjews Referat angenommen wurde. (Bewegung im Saal.)
In dieser Resolution wird über den Sieg des Sozialismus in einem Lande folgendes ausgeführt:
„Überhaupt ist der Sieg des Sozialismus (nicht im Sinne eines endgültigen Sieges) in einem Lande unbedingt möglich.“[Anmerkung 53]
Zur Frage des endgültigen Sieges des Sozialismus wird in der Resolution gesagt:
„Das Bestehen zweier diametral entgegengesetzter gesellschaftlicher Systeme ruft die ständige Gefahr der kapitalistischen Blockade, anderer Formen des ökonomischen Druckes, der bewaffneten Intervention und der Restauration hervor. Die einzige Garantie für den endgültigen Sieg des Sozialismus, das heißt die Garantie gegen die Restauration, ist folglich die siegreiche sozialistische Revolution in einer Reihe von Ländern.”[Anmerkung 53]
Zur Frage der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft und zur Frage des Trotzkismus wird in der Resolution folgendes gesagt:
„Daraus folgt keineswegs, dass die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem so rückständigen Lande wie Rußland ohne ‚staatliche Hilfe’ (Trotzki) der in technischer und ökonomischer Hinsicht entwickelteren Länder unmöglich sei. Ein Bestandteil der trotzkistischen Theorie der permanenten Revolution ist die Behauptung, dass ‚ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siege des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird’ (Trotzki 1922) - eine Behauptung, die das Proletariat der UdSSR in der jetzigen Periode zu fatalistischer Passivität verurteilt. Gegen derartige ‚Theorien’ schrieb Genosse Lenin: ‚Unendlich schablonenhaft ist ihr Argument, das sie im Verlauf der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben und das darin besteht, dass wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, dass uns, wie sich die verschiedenen „gelehrten” Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen.’” (Aufzeichnungen über Suchanow.) (Resolution der XIV. Konferenz der KPR(B) „über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) im Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI“.)[Anmerkung 54]
Ich glaube, dass diese grundlegenden Punkte der Resolution der XIV. Konferenz keiner Erläuterung bedürfen. Klarer und präziser kann man sich gar nicht ausdrücken. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Stelle der Resolution, wo zwischen Trotzkismus und Suchanow-Richtung ein Gleichheitszeichen gesetzt wird. Was aber stellt die Suchanow-Richtung dar? Wir wissen aus Lenins bekannten Artikeln gegen Suchanow, dass diese Richtung eine Abart des Sozialdemokratismus, des Menschewismus darstellt. Das muss besonders betont werden, wenn man verstehen will, warum Sinowjew, der auf der XIV. Konferenz für diese Resolution
eintrat, sich sodann von ihr abkehrte und sich dem Standpunkt Trotzkis anschloss, mit dem er sich gegenwärtig in einem Block befindet.
Im Zusammenhang mit der internationalen Lage stellt die Resolution ferner zwei Abweichungen von der grundlegenden Linie der Partei fest, die Gefahren für die Partei heraufbeschwören können.
In der Resolution wird über diese Gefahren folgendes gesagt:
„Im Zusammenhang mit der in der internationalen Arena entstandenen Lage können unserer Partei in der gegenwärtigen Periode zwei Gefahren drohen: 1. die Abweichung zur Passivität, eine Abweichung, die einer zu weit gehenden Auslegung der manchenorts eingetretenen Stabilisierung des Kapitalismus und des verlangsamten Tempos der internationalen Revolution entspringt und die darin zum Ausdruck kommt, dass nicht genügend Impulse vorhanden sind, um trotz des verlangsamten Tempos der internationalen Revolution eine energische und systematische Arbeit zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaft in der UdSSR zu leisten, und 2. die Abweichung zur nationalen Beschränktheit, die darin zum Ausdruck kommt, dass die Verpflichtungen, die wir als internationale proletarische Revolutionäre haben, vergessen werden, dass die enge Abhängigkeit des Geschicks der UdSSR von der sich, wenn auch nur langsam, entwickelnden internationalen proletarischen Revolution unbewusst missachtet wird, dass nicht verstanden wird, dass nicht nur die internationale Bewegung die Existenz, die Festigung und Stärkung der Macht des ersten proletarischen Staates der Welt braucht, sondern dass auch die Diktatur des Proletariats in der UdSSR die Unterstützung des internationalen Proletariats braucht.“ (Resolution der XIV. Konferenz der KPR(B) „Über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) im Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI“.)
Aus diesem Zitat ist ersichtlich, dass die XIV. Konferenz, wenn sie von der ersten Abweichung sprach, die Abweichung meinte, die im Unglauben an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande zum Ausdruck kommt und die unter den Trotzkisten verbreitet ist. Wenn sie hingegen von der zweiten Abweichung sprach, meinte sie die Abweichung, die im Außerachtlassen der internationalen Perspektiven unserer Revolution zum Ausdruck kommt. Diese Abweichung ist bei einigen Funktionären, die auf dem Gebiet der internationalen Politik arbeiten und mitunter auf den Standpunkt der Schaffung von „Einflusssphären” in den abhängigen Ländern hinab gleiten, in gewissem Maße verbreitet.
Dadurch, dass die Partei als Ganzes und ihr Zentralkomitee beide Abweichungen gebrandmarkt haben, haben sie den von diesen Abweichungen ausgehenden Gefahren den Krieg erklärt.
Das sind die Tatsachen.
Wie konnte es geschehen, dass Sinowjew, der in einem speziellen Referat für die Resolution der XIV. Konferenz eintrat, sich sodann von der Linie dieser Resolution, die zugleich die Linie des Leninismus ist, abkehrte? Wie es geschehen konnte, dass er, der sich vom Leninismus abkehrte, zugleich gegen die Partei die lächerliche Beschuldigung der nationalen Beschränktheit erhob, um seine Abkehr vom Leninismus mit dieser Beschuldigung zu bemänteln - über dieses Kunststück, Genossen, will ich Ihnen jetzt berichten.
4. Der Übergang der „neuen Opposition” zum Trotzkismus
Die Differenzen der jetzigen Führer der „neuen Opposition”, Kamenew und Sinowjew, mit dem Zentralkomitee unserer Partei in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande nahmen erstmalig kurz vor der XIV. Konferenz offene Form an. Ich denke dabei an eine Sitzung des Politbüros des ZK kurz vor der Konferenz, wo Kamenew und Sinowjew den Versuch machten, in dieser Frage einen eigenartigen Standpunkt zu vertreten, der mit der Linie der Partei nichts gemein hat und sich im wesentlichen mit dem Standpunkt Suchanows deckt.
Hierüber schrieb das Moskauer Komitee der KPR(B) in seiner Antwort auf die bekannte Erklärung der ehemaligen Leningrader Spitzengruppe im Dezember 1925, das heißt 7 Monate später, folgendes:
„Noch vor kurzem haben Kamenew und Sinowjew im Politbüro den Standpunkt vertreten, dass wir infolge unserer technischen und ökonomischen Rückständigkeit nicht imstande wären, mit den inneren Schwierigkeiten fertig zu werden, es sei denn, dass uns die internationale Revolution rette. Wir aber sind, zusammen mit der Mehrheit des ZK, der Meinung, dass wir den Sozialismus bauen können, dass wir ihn bauen und den Aufbau zu Ende führen werden, ungeachtet unserer technischen Rückständigkeit, und ihr zum Trotz. Wir sind der Meinung, dass dieser Aufbau natürlich viel langsamer vor sich gehen wird, als es bei einem Sieg im Weltmaßstab der Fall wäre, aber dennoch schreiten wir vorwärts und werden vorwärts schreiten. Ebenso sind wir der Ansicht, dass der Standpunkt Kamenews und Sinowjews den Unglauben an die inneren Kräfte unserer Arbeiterklasse und der ihr folgenden Bauernmassen zum Ausdruck bringt. Wir sind der Ansicht, dass dieser Standpunkt eine Abkehr von der Leninschen Position bedeutet.” (Siehe „Antwort“.)
Ich muss bemerken, Genossen, dass Kamenew und Sinowjew nicht einmal versucht haben, diese Erklärung des Moskauer Komitees, die zur Zeit der ersten Sitzungen des XIV. Parteitags in der „Prawda” veröffentlicht wurde, zu widerlegen, und somit stillschweigend zugegeben haben, dass die vom Moskauer Komitee erhobenen Beschuldigungen den Tatsachen entsprechen.
Auf der XIV. Parteikonferenz selbst hatten Kamenew und Sinowjew die Richtigkeit der Parteilinie in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande formell anerkannt. Sie waren dazu offenbar durch den Umstand gezwungen, dass ihre Auffassungen bei den ZK-Mitgliedern keinen Anklang gefunden hatten. Darüber hinaus hat Sinowjew, wie ich bereits erwähnte, die bekannte Resolution der XIV. Parteikonferenz, die, wie Sie sich überzeugen konnten, die Linie unserer Partei zum Ausdruck bringt, sogar in einem speziellen Referat auf der XIV. Konferenz vertreten. Die nachfolgenden Ereignisse haben jedoch gezeigt, dass Sinowjew und Kamenew auf der XIV. Konferenz die Linie der Partei nur formell, nach außen hin, vertreten hatten, während sie in Wirklichkeit auf ihrem Standpunkt verharrten. Das Erscheinen von Sinowjews Buch „Der Leninismus” im September 1925 war in dieser Hinsicht ein „Ereignis”, das den Trennungsstrich zwischen jenem Sinowjew zog, der auf der XIV. Konferenz die Linie der Partei vertrat, und dem Sinowjew, der sich von der Parteilinie, vom Leninismus abkehrte und auf die ideologische Position des Trotzkismus überging.
In seinem Buch schreibt Sinowjew:
„Unter dem endgültigen Sieg des Sozialismus ist mindestens zu verstehen: 1. die Aufhebung der Klassen und folglich 2. die Abschaffung der Diktatur einer Klasse, im gegebenen Fall der Diktatur des Proletariats...” „Um noch genauer klarzustellen”, sagt Sinowjew weiter, „wie die Frage bei uns in der UdSSR im Jahre 1925 steht, muss man zweierlei unterscheiden: 1. die gesicherte Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen - diese Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen, ist natürlich auch im Rahmen eines Landes durchaus vorstellbar, und 2. die endgültige Errichtung und Festigung des Sozialismus, das heißt die Verwirklichung der sozialistischen Ordnung, der sozialistischen Gesellschaft.” (Siehe „Der Leninismus” von Sinowjew, S.291 und 293.)
Sie sehen, dass hier alles durcheinander gebracht und das Unterste zuoberst gekehrt worden ist. Sinowjews Ansicht nach bedeutet siegen, im Sinne des Sieges des Sozialismus in einem Lande, die Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn wirklich aufzubauen. Ihn zu bauen, in der Überzeugung, dass man ihn doch nicht aufbauen wird. Das nennt sich also bei Sinowjew Sieg des Sozialismus in einem Lande. (Heiterkeit.) Was die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft betrifft, so vermengt er sie mit der Frage des endgültigen Sieges und beweist dadurch, dass er die Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande in ihrer Gesamtheit überhaupt nicht versteht. Die sozialistische Wirtschaft bauen, mit dem Bewusstsein, dass man sie doch nicht aufbauen wird - so weit hat es Sinowjew gebracht.
Es braucht nicht betont zu werden, dass ein derartiger Standpunkt mit der Grundlinie des Leninismus in der Frage des Aufbaus des Sozialismus nichts gemein hat. Es braucht nicht betont zu werden, dass ein derartiger Standpunkt, der den Willen des Proletariats zum Aufbau des Sozialismus in unserem Lande schwächt und dadurch die Auslösung der Revolution in anderen Ländern hemmt, die eigentlichen Grundlagen des Internationalismus über den Haufen wirft. Das ist ein Standpunkt, der direkt an die ideologische Position des Trotzkismus heranführt und sich ihr anschließt.
Das gleiche muss über Sinowjews Reden auf dem XIV. Parteitag im Dezember 1925 gesagt werden. Jakowlew kritisierend, sagte er auf dem XIV. Parteitag folgendes:
„Man sehe nur, wie weit sich zum Beispiel Genosse Jakowlew auf der letzten Kursker Gouvernementsparteikonferenz verstiegen hat. ,Können wir’, fragt er, ,in einem Lande, wo uns von allen Seiten kapitalistische Feinde umgeben, können wir unter solchen Verhältnissen in einem Lande den Sozialismus errichten?’ Und er antwortet: ‚Auf Grund des Gesagten haben wir das Recht zu behaupten, dass wir nicht nur den Sozialismus bauen, sondern dass wir, obwohl wir einstweilen allein sind, obwohl wir einstweilen das einzige Sowjetland in der Welt, der einzige Sowjetstaat sind, den Sozialismus errichten werden.’ („Kurskaja Prawda”, Nr.279 vom 8. Dezember 1925.) Ist das etwa eine leninistische Fragestellung“, fragt Sinowjew, „riecht das etwa nicht nach nationaler Beschränktheit?” (Sinowjew, Schlusswort auf dem XIV. Parteitag.)
Demnach verdient Jakowlew, der im Wesentlichen die Linie der Partei und des Leninismus vertrat, den Vorwurf der nationalen Beschränktheit. Demnach verfällt man in nationale Beschränktheit, wenn man die in der bekannten Resolution der XIV. Konferenz verankerte Linie der Partei vertritt. Da kann man wirklich sagen: Weit hat er’s gebracht! Das ist eigentlich auch das ganze Kunststück, das Sinowjew vorführt und das darin besteht, dass er seine Abkehr vorn Leninismus mit lächerlichen, gegen die Leninisten gerichteten Beschuldigungen der nationalen Beschränktheit zu bemänteln sucht.
Daher ist es die reine Wahrheit, wenn in den Thesen über den Oppositionsblock festgestellt wird, dass die „neue Opposition” in der grundlegenden Frage, in der Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande oder - was ein und dasselbe ist - in der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution auf die Seite des Trotzkismus übergegangen ist.
Eine gewisse Sonderstellung nimmt in dieser Frage formell Kamenew ein, worauf hier hingewiesen sei. Es ist Tatsache, dass Kamenew, im Gegensatz zu Sinowjew, sowohl auf der XIV. Parteikonferenz als auch auf dem XIV. Parteitag offen seine Solidarität mit der Linie der Partei in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande erklärt hat. Dessen ungeachtet nahm der XIV. Parteitag Kamenews Erklärung nicht ernst, er glaubte ihm nicht aufs Wort, und in seiner Resolution zum Rechenschaftsbericht des ZK zählte er ihn zu der Gruppe, die sich vom Leninismus abgekehrt hat. Warum? Weil Kamenew nicht gewillt war und es nicht für notwendig hielt, die Erklärung über seine Solidarität mit der Linie der Partei durch die Tat zu bekräftigen. Was aber heißt seine Erklärung durch die Tat bekräftigen? Das heißt mit jenen brechen, die gegen die Linie der Partei kämpfen. Der Partei sind nicht wenige Fälle bekannt, wo Leute, die ein Lippenbekenntnis über ihre Solidarität mit der Partei ablegten, gleichzeitig weiterhin politische Freundschaft mit Elementen pflegten, die gegen die Partei kämpfen. Lenin pflegte in solchen Fällen zu sagen, dass solche „Anhänger” der Parteilinie schlimmer sind als Gegner der Parteilinie. Es ist zum Beispiel bekannt, dass Trotzki sich während des imperialistischen Krieges wiederholt mit den Prinzipien des Internationalismus solidarisch erklärte und seine Treue zu diesen Prinzipien versicherte. Dennoch nannte Lenin ihn damals einen „Helfershelfer der Sozialchauvinisten”. Warum? Weil Trotzki nicht gewillt war, gleichzeitig mit seinem Bekenntnis zum Internationalismus mit Kautsky und Martow, Potressow und Tschcheidse zu brechen. Und Lenin hatte natürlich Recht. Willst du, dass deine Erklärung ernst genommen wird, dann bekräftige deine Erklärung durch die Tat und kündige den Leuten, die gegen die Linie der Partei kämpfen, die politische Freundschaft.
Daher bin ich der Meinung, dass Kamenews Erklärungen über seine Solidarität mit der Linie der Partei in der Frage des Aufbaus des Sozialismus nicht ernst genommen werden können, solange er seine Worte nicht durch die Tat bekräftigen will und weiterhin im Block mit den Trotzkisten verbleibt.
5. Trotzkis Ausflüchte. Smilga. Radek
Man mag sagen: All das ist gut und richtig. Aber gibt es nicht irgendwelche Unterlagen und Dokumente, die davon zeugen, dass die Führer des Oppositionsblocks nicht abgeneigt sind, eine Schwenkung von der sozialdemokratischen Abweichung zum Leninismus zu vollziehen? Da ist zum Beispiel Trotzkis Buch „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?”. Ist dieses Büchlein nicht ein Zeichen dafür, dass Trotzki nicht abgeneigt ist, sich von seinen prinzipiellen Fehlern loszusagen? Manche sind sogar der Ansicht, Trotzki habe sich in diesem Büchlein wirklich von seinen prinzipiellen Fehlern losgesagt oder sei zumindest bemüht, sich von ihnen loszusagen. Ich sündiger Mensch werde im vorliegenden Fall von einem gewissen Unglauben geplagt (Heiterkeit) und muss sagen, dass derartige Annahmen der Wirklichkeit leider absolut nicht entsprechen.
Nehmen wir zum Beispiel die markanteste Stelle aus Trotzkis Buch „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?”:
„Die Staatliche Plankommission (Gosplan) hat den Abschlussbericht zu den ‚Kontroll’ziffern der Volkswirtschaft der UdSSR für das Wirtschaftsjahr 1925/26 veröffentlicht. All das klingt sehr trocken und sozusagen bürokratisch. Doch aus diesen trockenen statistischen Aufstellungen und aus den fast ebenso trockenen und zurückhaltenden Erläuterungen klingt die großartige historische Musik des wachsenden Sozialismus. (L. Trotzki, „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?”, Verlag „Planowoje Chosjaistwo”, 1925, S.1.)
Was ist das, die „großartige historische Musik des wachsenden Sozialismus”? Welch einen Sinn hat diese „großartige” Phrase, wenn sie überhaupt irgendeinen Sinn hat? Gibt sie eine Antwort oder wenigstens die Andeutung einer Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande? Von der historischen Musik des wachsenden Sozialismus konnte man sowohl im Jahre 1917 sprechen, als wir die Bourgeoisie stürzten, als auch im Jahre 1920, als wir die Interventionisten aus unserem Lande hinauswarfen, denn es war wirklich eine großartige historische Musik des wachsenden Sozialismus, als wir, nachdem wir die Bourgeoisie 1917 gestürzt und die Interventionisten hinausgejagt hatten, der ganzen Welt großartige, von der Kraft und Macht des wachsenden Sozialismus in unserem Lande zeugende Tatsachen vor Augen führten. Aber hat das irgendetwas mit der Frage der Möglichkeit des siegreichen Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande zu tun, oder kann das irgendetwas damit zu tun haben? Wir können - sagt Trotzki - zum Sozialismus schreiten. Können wir aber zum Sozialismus gelangen? - das ist doch die Frage. Zum Sozialismus schreiten, in dem Bewusstsein, dass man doch nicht zum Sozialismus gelangt - ist das etwa keine Dummheit? Nein, Genossen, die „großartige” Phrase Trotzkis von der Musik und dergleichen ist keine Antwort auf die Frage, sondern eine advokatenhafte Ausflucht und ein „musikalisches” Ausweichen vor der Frage. (Zurufe: „Sehr richtig!”)
Ich bin der Meinung, dass dieses großartige und musikalische Ausweichen Trotzkis vor der Frage auf eine Stufe gestellt werden könnte mit der ausweichenden Stellung, die Trotzki seinerzeit bei der Definition des Leninismus in seiner Schrift „Der neue Kurs” einnahm. Man höre nur:
„Der Leninismus als System des revolutionären Handelns setzt einen durch Denken und Erfahrungen anerzogenen revolutionären Instinkt voraus, der auf gesellschaftlichem Gebiet das gleiche ist, wie die Muskelreaktion in der physischen Arbeit. (L. Trotzki, „Der neue Kurs”, Verlag „Krasnaja Nowj”, 1924, S. 47.)
Der Leninismus als „Muskelreaktion in der physischen Arbeit”. Nicht wahr, das ist neu und originell und tiefgründig. Haben Sie etwas davon verstanden? (Heiterkeit.) Das ist alles farbenprächtig, musikalisch und, wenn Sie wollen, sogar großartig. Nur eine „Kleinigkeit” fehlt: eine einfache und allgemein verständliche Definition des Leninismus.
Lenin hatte gerade solche Fälle, in denen sich Trotzki an musikalischen Phrasen besonders berauschte, im Auge, als er über Trotzki zum Beispiel folgende bittere, aber wahre Worte schrieb:
„Es ist nicht alles Gold, was glänzt. In den Phrasen Trotzkis gibt es viel Glanz und Getue, aber Inhalt haben sie keinen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 20, S. 307 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd.!, S. 6181.)
So verhält es sich mit Trotzkis Buch „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?”, das im Jahre 1925 erschien.
Was die spätere Zeit betrifft, zum Beispiel das Jahr 1926, so verfügen wir über ein von Trotzki unterzeichnetes Dokument vom September 1926, das keinerlei Zweifel darüber bestehen lässt, dass Trotzki auch weiterhin auf seinem von der Partei abgelehnten Standpunkt verharrt. Ich meine den Brief Trotzkis an die Oppositionellen.
In diesem Dokument heißt es:
„Die Leningrader Opposition schlug rechtzeitig Alarm wegen der Vertuschung der Differenzierung im Dorfe, wegen des Wachstums des Kulakentums und des zunehmenden Einflusses, den es nicht nur auf die elementaren Wirtschaftsprozesse, sondern auch auf die Politik der Sowjetmacht ausübt; wegen der Tatsache, dass sich in den Reihen unserer eigenen Partei unter Bucharins Schirmherrschaft eine theoretische Schule gebildet hat, die den Druck der kleinbürgerlichen Elementargewalt in unserer Wirtschaft offen zum Ausdruck bringt; die Leningrader Opposition bat sich energisch gegen die Theorie des Sozialismus in einem Lande, als gegen eine theoretische Rechtfertigung der nationalen Beschränktheit gewandt“... (Aus den Anlagen zum stenographischen Protokoll der Sitzungen des Politbüros des ZK der KPdSU(B) vom 8. und 11. Oktober 1926 zur Frage der innerparteilichen Lage.)
Hier, in diesem von Trotzki unterzeichneten Dokument ist alles gesagt: sowohl, dass die Führer der „neuen Opposition” vom Leninismus zum Trotzkismus übergegangen sind, als auch, dass Trotzki weiterhin auf seinen alten Positionen, die eine sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei darstellen, voll und ganz verharrt.
Und wie ist es nun um die anderen Führer des Oppositionsblocks, zum Beispiel um Smilga oder Radek bestellt? Ich denke, sie gehören ebenfalls zu den Führern des Oppositionsblocks. Smilga und Radek - warum sollten sie keine Führer des Oppositionsblocks sein? Wie beurteilen sie den Standpunkt der Partei, den Standpunkt des Leninismus in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande?
Folgendes führte zum Beispiel Smilga im September 1926 in der Kommunistischen Akademie aus:
„Ich behaupte”, sagte er, „dass er (Bucharin. J. St.) gänzlich im Banne der Ideologie der Wiederherstellung steht, er hält es für erwiesen, dass die ökonomische Rückständigkeit unseres Landes kein Hindernis für die Errichtung der sozialistischen Ordnung in Rußland sei... Ich glaube, dass wir, wenn wir uns mit dem sozialistischen Aufbau befassen, zweifellos den Sozialismus bauen. Es fragt sich aber, ob die Wiederherstellungsperiode zur Überprüfung, zur Revision des zentralen Punktes des Marxismus und Leninismus berechtigen kann, der besagt, dass es in einem einzelnen, technisch rückständigen Lande unmöglich ist, den Sozialismus zu errichten.” (Smilga, Rede zur Frage der Kontrollziffern, gehalten in der Kommunistischen Akademie am 26. September 1926.)
Das ist, wie Sie sehen, ebenfalls eine „Position”, die sich mit der Position des Herrn Suchanow in der grundlegenden Frage, der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution voll und ganz deckt. Trifft es etwa nicht zu, dass Smilgas Position der Position Trotzkis durchaus entspricht, die ich, und das mit vollem Recht, als Position der sozial-demokratischen Abweichung bezeichnete? (Zurufe: „Sehr richtig!”)
Kann man annehmen, dass der Oppositionsblock für derartige Reden Smilgas verantwortlich ist? Das kann man und das muss man. Hat der Oppositionsblock jemals versucht, sich von Smilga abzugrenzen? Nein, er hat das nicht versucht. Im Gegenteil, er hat Smilga bei seinen Reden in der Kommunistischen Akademie nach Kräften unterstützt.
Und da ist noch ein anderer Führer, Radek, der im Verein mit Smilga in der Kommunistischen Akademie auftrat und unsereins dort „in Grund und Boden” stampfte. (Heiterkeit.) Wir verfügen über ein Dokument, das davon zeugt, dass Radek über die Theorie der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande höhnte und spottete, dass er sie als Theorie des Aufbaus des Sozialismus „in einem Kreis” oder sogar „in einer Straße” bezeichnete, wobei er auf die ihm zugerufenen Einwände der Genossen, dass diese Theorie eine „Leninsche Idee” ist, antwortete:
„Sie haben Lenin schlecht gelesen; wenn Wladimir Iljitsch lebte, würde er sagen, dass dies eine Schtschedrinsche Idee ist. In Schtschedrins ‚Pompadouren’ (Pompadour - Typus eines bornierten und starrsinnigen Provinzgewaltigen aus dem Werk des berühmten russischen Satirikers Saltykow-Schtschedrin „Die Pompadoure und ihre Damen”. Der Übers.) gibt es einen einzigartigen Pompadour, der den Liberalismus in einem Kreis aufbaut.“ (Rede Radeks in der Kommunistischen Akademie.)
Kann man diese abgeschmackte, eines Liberalen würdige Verhöhnung der Idee des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande seitens Radeks etwas anderes nennen als einen vollständigen Bruch mit dem Leninismus? Ist der Oppositionsblock für diese Abgeschmacktheit Radeks verantwortlich? Ohne Zweifel. Warum grenzt er sich denn nicht von ihr ab? Weil der Oppositionsblock gar nicht daran denkt, seine Position der Abkehr vom Leninismus aufzugeben.
6. Die entscheidende Bedeutung der Frage der Perspektiven
unseres Aufbaus
Man mag fragen: Wozu all diese Streitigkeiten über den Charakter und die Perspektiven unserer Revolution, wozu die Streitigkeiten darüber, was in Zukunft sein wird oder was in Zukunft sein kann? Wäre es nicht besser, alle diese Streitigkeiten beiseite zu lassen und sich mit praktischer Arbeit zu befassen?
Ich bin der Meinung, Genossen, dass eine solche Fragestellung von Grund aus falsch ist.
Wir können nicht vorwärts schreiten, wenn wir nicht wissen, wohin wir schreiten müssen, wenn wir das Ziel der Bewegung nicht kennen. Wir können nicht ohne Perspektiven bauen, ohne die Gewissheit, dass wir, nachdem wir begonnen haben, unsere sozialistische Wirtschaft zu bauen, sie auch wirklich aufbauen können. Ohne klare Perspektiven, ohne klare Ziele kann die Partei den Aufbau nicht leiten. Wir können nicht nach Bernsteins Rezept leben: „Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts.” Wir, als Revolutionäre, müssen im Gegenteil unseren Vormarsch, unsere praktische Arbeit dem wichtigsten Klassenziel, dem proletarischen Aufbau, unterordnen. Tun wir das nicht, dann geraten wir unvermeidlich und unbedingt in den Sumpf des Opportunismus.
Ferner. Ohne klare Perspektiven für unseren Aufbau, ohne die Gewissheit, dass der Sozialismus errichtet werden wird, können die Arbeitermassen nicht bewusst an diesem Aufbau teilnehmen, können sie die Bauernschaft nicht bewusst führen. Ohne die Gewissheit, dass der Sozialismus errichtet werden wird, kann es keinen Willen zum Aufbau des Sozialismus geben. Wer hätte Lust zu bauen, in dem Bewusstsein, dass der Bau doch nicht vollendet wird? Daher führt ein Fehlen der sozialistischen Perspektiven für unseren Aufbau dazu, dass der Wille des Proletariats zu diesem Aufbau unvermeidlich und unbedingt geschwächt wird.
Weiter. Wird der Wille des Proletariats zum Aufbau des Sozialismus geschwächt, so muss das ein Erstarken der kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft zur Folge haben. Denn was heißt den Sozialismus bauen anderes, als die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft niederzuringen. Verfallsstimmungen und defätistische Stimmungen innerhalb der Arbeiterklasse können die Hoffnungen der kapitalistischen Elemente auf eine Restauration der alten Ordnung nur neu beleben. Wer die entscheidende Bedeutung der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus unterschätzt, der hilft den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft, der züchtet Kapitulantentum.
Und schließlich: Wird der Wille des Proletariats zum Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft geschwächt und dadurch der sozialistische Aufbau gehemmt, so muss das in allen Ländern die Auslösung der internationalen Revolution aufhalten. Es darf nicht außer acht gelassen werden, dass das internationale Proletariat unseren wirtschaftlichen Aufbau und unsere Erfolge an dieser Front verfolgt, voller Hoffnung, dass wir aus diesem Kampf als Sieger hervorgehen und dass es uns gelingt, den Sozialismus zu errichten. Die zahllosen Arbeiterdelegationen aus dem Westen, die uns besuchen und jeden Winkel unserer Aufbauarbeit durchforschen, zeugen davon, dass unser Kampf an der Front des Aufbaus wegen seines revolutionierenden Einflusses auf die Proletarier aller Länder von gewaltiger internationaler Bedeutung ist. Wer unserem Aufbau die sozialistischen Perspektiven zu nehmen versucht, der versucht, die Hoffnungen des internationalen Proletariats auf unseren Sieg zu zerstören, wer aber diese Hoffnungen zerstört, der vergeht sich gegen die elementarsten Forderungen des proletarischen Internationalismus. Lenin hatte tausendmal Recht, als er sagte:
„Jetzt wirken wir auf die internationale Revolution hauptsächlich durch unsere Wirtschaftspolitik ein. Auf die russische Sowjetrepublik sind die Augen aller gerichtet, aller Werktätigen in allen Ländern der Welt ohne jede Ausnahme und ohne jede Übertreibung... Der Kampf ist im Weltmaßstab auf dieses Gebiet übertragen. Lösen wir diese Aufgabe, dann haben wir im internationalen Maßstab bestimmt und endgültig gewonnen. Deshalb erlangen die Fragen des wirtschaftlichen Aufbaus für uns eine ganz außerordentliche Bedeutung. An dieser Front müssen wir durch eine langsame, allmähliche - rasch geht es nicht -, aber stetige Steigerung und Vorwärtsbewegung den Sieg davontragen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 413, russ.)
Daher bin ich der Meinung, dass unsere Diskussionen über die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande von größter Bedeutung sind, denn in diesen Diskussionen wird eine eindeutige Lösung der Frage nach den Perspektiven unserer Arbeit, nach den Klassenzielen dieser Arbeit, nach dem Hauptziel dieser Arbeit für die nächste Periode erarbeitet.
Daher bin ich der Meinung, dass die Frage der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus von erstrangiger Bedeutung für uns ist.
7. Die politischen Perspektiven des Oppositionsblocks
Die politischen Perspektiven des Oppositionsblocks ergeben sich aus seinem grundlegenden Fehler in der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution.
Da sich die internationale Revolution verzögert, die Opposition aber an die inneren Kräfte unserer Revolution nicht glaubt, so gibt es für sie zwei Perspektiven:
entweder die Entartung der Partei und des Staatsapparats, das faktische Ausscheiden der „besten Elemente” des Kommunismus (das heißt der Opposition) aus den Machtorganen und die Bildung einer neuen, „rein proletarischen” Partei aus diesen Elementen, einer Partei, die zu der offiziellen, nicht „rein” proletarischen Partei in Opposition steht (die Perspektive Ossowskis);
oder der Versuch, seine eigene Ungeduld als Wirklichkeit auszugeben, die Leugnung der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus und „übermenschliche”, „heroische” Sprünge und Eingriffe sowohl auf dem Gebiet der Innenpolitik (Überindustrialisierung) als auch auf dem Gebiet der Außenpolitik („ultralinke“ Phrasen und Gesten).
Ich glaube, dass von allen Oppositionellen Ossowski der kühnste und mutigste ist. Wenn der Oppositionsblock genügend Mut und Konsequenz besäße, so müsste er Ossowskis Weg einschlagen. Dass aber dem Oppositionsblock sowohl an Konsequenz als auch an Mut gebricht, gleitet er auf den Weg hinab, den die zweite Perspektive weist, auf den Weg „über-menschlicher” Sprünge und „heroischer” Eingriffe auf dem Gebiet des objektiven Verlaufs der Dinge.
Daher die Leugnung der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus, für den Westen die Losung der Abkehr von den Gewerkschaften oder sogar des Austritts aus den Gewerkschaften, die Forderung, das Englisch-Russische Komitee zu sprengen, die Forderung, unser Land womöglich in einem halben Jahr zu industrialisieren usw.
Daher das Abenteurertum in der Politik des Oppositionsblocks.
In diesem Zusammenhang gewinnt die Theorie des Oppositionsblocks (die zugleich die Theorie des Trotzkismus ist) besondere Bedeutung, die Theorie des Überspringens der Bauernschaft bei uns, in unserem Lande, bei der Industrialisierung unseres Landes, die Theorie des Überspringens des reaktionären Charakters der Gewerkschaften dort, im Westen, besonders im Zusammenhang mit dem Streik in England.
Der Oppositionsblock glaubt, dass, wenn die Partei eine richtige Linie ausgearbeitet hat, dies vollauf genüge, damit die Partei augenblicks und unverzüglich zu einer Massenpartei werde, damit die Partei augenblicks und unverzüglich die Massen in entscheidende Kämpfe führen könne. Der Oppositionsblock begreift nicht, dass eine solche Auffassung von der Führung der Massen mit der Position des Leninismus nichts gemein hat.
Waren Lenins Aprilthesen vom Frühjahr 1917 über die Sowjetrevolution[11] richtig? Ja, sie waren richtig. Warum aber hat Lenin damals nicht zum sofortigen Sturz der Kerenskiregierung aufgerufen? Warum bekämpfte er die „ultralinken” Gruppen in unserer Partei, die damals die Losung des sofortigen Sturzes der Provisorischen Regierung aufstellten? Weil Lenin wusste, dass es, um die Revolution durchführen zu können, nicht genügt, eine richtige Parteilinie zu haben. Weil Lenin wusste, dass, um die Revolution durchführen zu können, noch ein weiterer Umstand erforderlich ist, nämlich, dass sich die Massen, die breiten Arbeitermassen an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit der Linie der Partei überzeugen. Dazu aber wiederum ist Zeit erforderlich, dazu bedarf es einer unermüdlichen Arbeit der Partei unter den Massen, einer unermüdlichen Arbeit, um die Massen von der Richtigkeit der Parteilinie zu überzeugen. Eben darum gab Lenin gleichzeitig mit seinen revolutionären Aprilthesen die Losung heraus, diese Thesen „geduldig” unter den Massen zu propagieren, damit sich die Massen von ihrer Richtigkeit überzeugen konnten. Diese geduldige Arbeit nahm damals 8 Monate in Anspruch. Aber diese Monate waren revolutionäre Monate, die mindestens Jahren gewöhnlicher „konstitutioneller” Zeiten gleichkommen. Wir haben in der Oktoberrevolution gesiegt, weil wir es verstanden haben, zwischen der richtigen Linie der Partei und der Anerkennung der Richtigkeit dieser Linie durch die Massen zu unterscheiden. Das begreifen die Helden von der Opposition, die Anhänger von „übermenschlichen” Sprüngen, nicht und wollen es nicht begreifen.
War die Position der englischen Kommunistischen Partei während des Streiks in England richtig? Ja, sie war im Wesentlichen richtig. Warum ist es ihr dann nicht gelungen, die Millionenmassen der englischen Arbeiter sofort für sich zu gewinnen? Weil es ihr in der kurzen Zeit nicht gelungen ist und auch nicht gelingen konnte, die Massen von der Richtigkeit ihrer Linie zu überzeugen. Weil zwischen der Herausarbeitung der richtigen Linie der Partei und der Gewinnung der Millionenmassen für die Partei eine Zeitspanne, eine mehr oder minder lange Zeitspanne liegt, während der die Partei unermüdlich am Werke sein muss, um die Massen von der Richtigkeit ihrer Politik zu überzeugen. Diese Zeitspanne lässt sich nicht überspringen. Es ist eine Dummheit zu glauben, dass man sie überspringen könne. Nur durch geduldige politische Aufklärungsarbeit unter den Massen kann man über sie hinwegkommen und sie überwinden.
Dieses ABC der Leninschen Lehre von der Führung der Massen begreift der Oppositionsblock nicht, und hier ist eine der Quellen seiner politischen Fehler zu suchen.
Hier nur eins der zahlreichen Beispiele für die Politik der „übermenschlichen” Sprünge und verwegenen Gesten Trotzkis.
„Das russische Proletariat”, sagte seinerzeit Trotzki, „das, wenn auch nur infolge einer vorübergehenden Konjunktur unserer bürgerlichen Revolution, zur Macht gelangt ist, wird auf die organisierte Feindschaft der Weltreaktion und auf die Bereitschaft zu einer organisierten Unterstützung seitens des Weltproletariats stoßen. Die auf ihre eigene Kraft angewiesene Arbeiterklasse Rußlands wird in dem Augenblick, da sich die Bauernschaft von ihr abwendet, unvermeidlich von der Konterrevolution zerschmettert werden. Es wird ihr nichts anderes übrig bleiben, als das Schicksal ihrer politischen Herrschaft und folglich auch das Schicksal der gesamten russischen Revolution mit dem Schicksal der sozialistischen Revolution in Europa zu verbinden. Sie wird die gewaltige staatspolitische Kraft, die ihr die vorübergehende Konjunktur der russischen bürgerlichen Revolution verleiht, in die Waagschale des Klassenkampfes der gesamten kapitalistischen Welt werfen. Die Staatsmacht in der Hand, die Konterrevolution im Rücken, vor sich die europäische Reaktion, wird sie ihren Brüdern in der ganzen Welt den alten Appell zurufen, der diesmal der Appell zur letzten Attacke sein wird: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!’” (Trotzki, „Ergebnisse und Perspektiven”, S. 80.)
Wie gefällt Ihnen das: Das Proletariat muss, so erfährt man, die Macht in Rußland ergreifen, nach der Machtergreifung aber muss es sich unbedingt mit der Bauernschaft überwerfen, und nachdem sich das Proletariat nun mit der Bauernschaft überworfen hat, muss es sich in einen verzweifelten Kampf gegen die Weltbourgeoisie stürzen, „die Konterrevolution im Rücken” und vor sich „die europäische Reaktion”.
Dass dieses „Schema” Trotzkis nicht wenig „Musikalisches”, „Übermenschliches” und „verwegen Großartiges” enthält - das kann man noch zugeben. Dass es aber weder mit Marxismus etwas zu tun hat noch von revolutionärem Geist zeugt, dass wir es hier nur mit einer leeren Spielerei mit der Revolution und mit Abenteurertum in der Politik zu tun haben - darüber kann es ebenfalls keinen Zweifel geben.
Indes steht außer Zweifel, dass dieses „Schema” Trotzkis der unmittelbare Ausdruck der gegenwärtigen politischen Perspektiven des Oppositionsblocks, das Resultat und die Frucht der trotzkistischen Theorie des „Überspringens” noch nicht überholter Formen der Bewegung ist.
III. Die politischen und organisatorischen Fehler des Oppositionsblocks
Die politischen und organisatorischen Fehler des Oppositionsblocks sind eine direkte Weiterführung seines Hauptfehlers in der grundlegenden Frage, der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution.
Wenn ich von den politischen und organisatorischen Fehlern der Opposition spreche, so habe ich dabei Fragen im Auge wie die Frage der Hegemonie des Proletariats beim Wirtschaftsaufbau, die Frage der Industrialisierung, die Frage des Parteiapparats und des „Regimes” in der Partei usw.
Die Partei geht davon aus, dass in ihrer Politik überhaupt und in ihrer Wirtschaftspolitik insbesondere die Industrie von der Landwirtschaft nicht getrennt werden darf, dass die Entwicklung dieser beiden wichtigsten Wirtschaftszweige auf einer Linie verlaufen muss, die zu ihrer Koordination, zu ihrem Zusammenschluss in der sozialistischen Wirtschaft führt.
Daher unsere sozialistische Methode der Industrialisierung des Landes, die mit einer ständigen Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen verbunden ist, darunter auch der Hauptmasse der Bauernschaft als der wichtigsten Grundlage für die Entfaltung der Industrialisierung. Ich spreche von der sozialistischen Methode der Industrialisierung zum Unterschied von der kapitalistischen Methode der Industrialisierung, die mit der Verelendung der Millionenmassen der werktätigen Schichten verbunden ist.
Welches ist das entscheidende Minus der kapitalistischen Industrialisierungsmethode? Sie führt dazu, dass die Interessen der Industrialisierung den Interessen der werktätigen Massen zuwiderlaufen, dass sich die inneren Widersprüche im Lande verschärfen, dass die Millionenmassen der Arbeiter und Bauern verelenden, dass die Profite nicht für die Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der breitesten Massen innerhalb des Landes verwandt werden, sondern für die Kapitalausfuhr und für die Erweiterung der Basis der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb und außerhalb des Landes.
Welches ist das entscheidende Plus der sozialistischen Industrialisierungsmethode? Sie führt zur Einheit der Interessen der Industrialisierung und der Interessen der Hauptmassen der werktätigen Bevölkerungsschichten, sie führt nicht zur Verelendung der Millionenmassen, sondern zur Verbesserung der materiellen Lage dieser Massen, nicht zur Verschärfung der inneren Widersprüche, sondern zu ihrer Abschwächung und Überwindung, sie führt zur ständigen Erweiterung des inneren Marktes und zur Vergrößerung der Aufnahmefähigkeit dieses Marktes, wodurch eine solide innere Basis für die Entfaltung der Industrialisierung geschaffen wird.
Daher die unmittelbare Interessiertheit der Hauptmassen der Bauernschaft am sozialistischen Weg der Industrialisierung.
Daher die Möglichkeit und Notwendigkeit der Verwirklichung der Hegemonie des Proletariats gegenüber der Bauernschaft beim sozialistischen Aufbau überhaupt und bei der Industrialisierung unseres Landes im Besonderen.
Daher die Idee des Zusammenschlusses der sozialistischen Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft - vor allem durch den massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss der Bauernschaft, die Idee der führenden Rolle der Industrie gegenüber der Landwirtschaft.
Daher unsere Steuerpolitik, die Politik der Senkung der Preise für Industriewaren usw., eine Politik, die im Interesse der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Proletariat und Bauernschaft, im Interesse der Festigung des Bündnisses der Arbeiter und Bauern liegt.
Der Oppositionsblock dagegen geht davon aus, dass er die Industrie der Landwirtschaft entgegenstellt, und gelangt auf einen Weg, der zur Trennung der Industrie von der Landwirtschaft führt. Er begreift nicht und sieht nicht ein, dass man die Industrie nicht voranbringen kann, wenn man die Interessen der Landwirtschaft ignoriert, wenn man gegen diese Interessen verstößt. Er begreift nicht, dass, wenn die Industrie das führende Element der Volkswirtschaft ist, die Landwirtschaft ihrerseits die Basis bildet, auf der sich unsere Industrie entwickeln kann.
Daher die Betrachtung der bäuerlichen Wirtschaft als „Kolonie”, die der proletarische Staat „ausbeuten” müsse (Preobrashenski).
Daher die Furcht vor einer guten Ernte (Trotzki), die angeblich ein Faktor sei, der unsere Wirtschaft desorganisieren könnte.
Daher die eigenartige Politik des Oppositionsblocks, die auf die Verschärfung der inneren Widersprüche zwischen Industrie und Landwirtschaft, auf die Anwendung der kapitalistischen Methoden der Industrialisierung des Landes zusteuert.
Hören Sie sich doch zum Beispiel einmal Preobrashenski an, einen der Führer des Oppositionsblocks. In einem seiner Artikel führt er folgendes aus:
„Je rückständiger in ökonomischer Hinsicht, je kleinbürgerlicher, je bäuerlicher dieses oder jenes Land ist, das zu einer sozialistischen Organisierung der Produktion übergeht... - um so mehr wird sich die sozialistische Akkumulation auf die Ausbeutung der vorsozialistischen Wirtschaftsformen stützen müssen... Und umgekehrt, je entwickelter in ökonomischer und industrieller Hinsicht dieses oder jenes Land ist, in dem die soziale Revolution siegt... je notwendiger es für das Proletariat des betreffenden Landes ist, die Nichtäquivalenz des Austauschs seiner Produkte gegen die Produkte der Kolonien zu vermindern, das heißt, die Ausbeutung derselben einzuschränken, um so mehr wird sich das Schwergewicht der sozialistischen Akkumulation auf die Produktionsgrundlage der sozialistischen Formen hin verschieben, das heißt, um so mehr wird sich die sozialistische Akkumulation auf das Mehrprodukt der eigenen Industrie und der eigenen Landwirtschaft stützen.“ (J. Preobrashenski, Artikel „Das Grundgesetz der sozialistischen Akkumulation”, „Wjestnik Komakademii”, 1924, Nr. 8.)
Es braucht wohl nicht erst nachgewiesen zu werden, dass Preobrashenski auf den Weg der unversöhnlichen Widersprüche zwischen den Interessen unserer Industrie und den Interessen der bäuerlichen Wirtschaft unseres Landes, also auf den Weg der kapitalistischen Industrialisierungsmethoden hinab gleitet.
Ich bin der Meinung, dass Preobrashenski dadurch, dass er die bäuerliche Wirtschaft einer „Kolonie” gleichstellt und das Verhältnis zwischen Proletariat und Bauernschaft als Verhältnis der Ausbeutung zu gestalten trachtet, die Grundlagen jeglicher Möglichkeit einer sozialistischen Industrialisierung untergräbt, zu untergraben versucht, ohne das selbst zu begreifen.
Ich behaupte, dass diese Politik mit der Politik der Partei nichts gemein hat, die das Werk der Industrialisierung auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Proletariat und Bauernschaft gründet.
Das gleiche oder fast das gleiche gilt für Trotzki, der eine „gute Ernte” fürchtet und offenbar glaubt, eine gute Ernte sei eine Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes. Auf dem Aprilplenum sagte er zum Beispiel folgendes:
„Unter diesen Verhältnissen (Trotzki spricht von der gegenwärtigen Disproportion. J. St.) kann eine gute Ernte, das heißt die potentielle Zunahme der Warenüberschüsse der Landwirtschaft zu einem Faktor werden, der das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung in der Richtung zum Sozialismus nicht beschleunigt, sondern umgekehrt die Ökonomik desorganisiert, der die Beziehungen zwischen Stadt und Land und, innerhalb der Stadt selbst, zwischen den Konsumenten und dem Staat zuspitzt. Praktisch kann eine gute Ernte - bei Mangel an Industriewaren - bedeuten, dass das Getreide in zunehmendem Maße für die Herstellung von Hausbranntwein verwandt wird und die Schlangen vor den Geschäften in der Stadt wachsen. Politisch wird das den Kampf des Bauern gegen das Außenhandelsmonopol, das heißt gegen die sozialistische Industrie bedeuten.“ (Stenographisches Protokoll der Sitzungen des Aprilplenums des ZK, Abänderungsanträge Trotzkis zu Rykows Resolutionsentwurf, S.164.)
Man braucht nur diese mehr als seltsam anmutende Erklärung Trotzkis mit der Erklärung des Genossen Lenin, dass eine gute Ernte die „Rettung des Staats” bedeutet[12] - eine Erklärung, die in die Zeit des größten Warenhungers fällt - zu vergleichen, um zu erkennen, wie falsch Trotzkis Erklärung ist.
Trotzki erkennt den Grundsatz offenbar nicht an, dass die Industrialisierung bei uns nur voranschreiten kann, wenn sie von einer allmählichen Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen des Dorfes begleitet ist.
Trotzki geht offenbar davon aus, dass die Industrialisierung bei uns sozusagen mittels einer „schlechten Ernte” durchgeführt werden müsse.
Daher die praktischen Vorschläge des Oppositionsblocks, die Verkaufspreise zu erhöhen, den Steuerdruck auf die Bauernschaft zu verstärken usw., Vorschläge, die nicht zur Festigung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Proletariat und Bauernschaft, sondern zu ihrer Zerrüttung, nicht zur Schaffung der Voraussetzungen für die Hegemonie des Proletariats auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Aufbaus, sondern zur Zerstörung dieser Voraussetzungen, nicht zum Zusammenschluss der Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft, sondern zu seinem Gegenteil führen.
Einige Worte über die Differenzierung der Bauernschaft. Es ist allgemein bekannt, dass die Opposition Lärm schlägt und in Panik verfällt wegen der wachsenden Differenzierung. Es ist allgemein bekannt, dass niemand wegen des Anwachsens des privaten Kleinkapitals im Dorfe soviel Panik gemacht hat wie die Opposition. Was sehen wir aber in Wirklichkeit? Wir sehen folgendes:
Erstens geht bei uns die Differenzierung innerhalb der Bauernschaft, wie das die Tatsachen beweisen, in ganz eigenartigen Formen vor sich, und zwar nicht so, dass der Mittelbauer „weggespült wird”, sondern so, dass er erstarkt, während die extremen Pole erheblich zusammenschrumpfen, wobei solche Faktoren, wie die Nationalisierung des Grund und Bodens, der massenhafte genossenschaftliche Zusammenschluss der Bauernschaft, unsere Steuerpolitik usw., der Differenzierung selbst zwangsläufig bestimmte Grenzen setzen, bestimmte Schranken auferlegen.
Zweitens - und das ist die Hauptsache - wird das Anwachsen des privaten Kleinkapitals im Dorfe durch ein so entscheidendes Moment aufgewogen und mehr als aufgewogen, wie es die Entwicklung unserer Industrie ist, die die Positionen des Proletariats und der sozialistischen Wirtschaftsformen festigt und das wirksamste Gegengift gegen alle und jegliche Formen des Privatkapitals darstellt.
Alle diese Umstände sind der „neuen Opposition” offenbar entgangen, die nach alter Gewohnheit fortfährt, über das Privatkapital im Dorfe Lärm zu schlagen und Panik zu machen.
Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein, die Opposition an die Worte zu erinnern, die Lenin hierüber gesagt hat. Genosse Lenin sagte folgendes:
„Jede Verbesserung der Lage der Großindustrie, die Möglichkeit, einige große Fabriken in Betrieb zu setzen, festigt die Lage des Proletariats derart, dass gar kein Grund besteht, die kleinbürgerliche Elementargewalt zu fürchten, selbst wenn sie wächst. Nicht das haben wir zu fürchten, dass Kleinbürgertum und Kleinkapital wachsen. Zu fürchten haben wir, dass der Zustand des ärgsten Hungers, der Not, des Mangels an Lebensmitteln zu lange andauert, weil dieser Zustand bereits zur völligen Entkräftung des Proletariats führt und es ihm unmöglich macht, der Elementargewalt kleinbürgerlicher Schwankungen und kleinbürgerlicher Verzweiflung zu widerstehen. Das ist viel schlimmer. Bei einer Vermehrung der Produktenmenge wird eine Entwicklung des Kleinbürgertums kein großes Minus bilden, da das zur Entwicklung der Großindustrie beiträgt.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 214, russ.)
Werden die Oppositionellen je begreifen, dass ihre Panik wegen der Differenzierung und des Privatkapitals im Dorfe die Kehrseite ihres Unglaubens an die Möglichkeit des siegreichen sozialistischen Aufbaus in unserem Lande ist?
Einige Worte über den Kampf der Opposition gegen den Parteiapparat und gegen das „Regime” in der Partei.
Worauf läuft der Kampf der Opposition gegen den Parteiapparat, der den führenden Kern unserer Partei bildet, in Wirklichkeit hinaus? Es braucht wohl nicht erst nachgewiesen zu werden, dass der Kampf der Opposition auf diesem Gebiet letzten Endes auf den Versuch hinausläuft, die Parteiführung zu desorganisieren und die Partei in ihrem Kampf um die Verbesserung des Staatsapparats, um die Ausmerzung des Bürokratismus in diesem Apparat und um die führende Rolle im Staatsapparat zu entwaffnen.
Worauf zielt der Kampf der Opposition gegen das „Regime” in der Partei ab? Er zielt auf die Zersetzung der eisernen Disziplin innerhalb der Partei ab, ohne die die Diktatur des Proletariats undenkbar ist, er zielt letzten Endes auf die Erschütterung der Grundlagen der Diktatur des Proletariats ab.
Die Partei hat deshalb Recht, wenn sie behauptet, dass sich in den politischen und organisatorischen Fehlern der Opposition der Druck der nichtproletarischen Elemente auf unsere Partei, auf die Diktatur des Proletariats widerspiegelt.
Das, Genossen, sind die politischen und organisatorischen Fehler des Oppositionsblocks.
IV. Einige Schlussfolgerungen
Vor kurzem erklärte Trotzki auf der Plenartagung des ZK und der ZKK,[Anmerkung 55] die Annahme der Thesen über den Oppositionsblock durch die Konferenz müsse unvermeidlich zum Ausschluss der Oppositionsführer aus der Partei führen. Ich muss feststellen, Genossen, dass diese Erklärung Trotzkis jeglicher Grundlage entbehrt und dass sie voller Fehler ist. Ich muss erklären, dass die Annahme der Thesen über den Oppositionsblock nur den einen Zweck haben kann: die energische Bekämpfung der prinzipiellen Fehler der Opposition bis zu ihrer restlosen Überwindung.
Es ist allgemein bekannt, dass der X. Parteitag unserer Partei eine Resolution über die anarcho-syndikalistische Abweichung[13] angenommen hat. Was ist aber über die anarcho-syndikalistische Abweichung zu sagen? Man kann nicht behaupten, dass die anarcho-syndikalistische Abweichung „besser” wäre als die sozialdemokratische Abweichung. Aus der Tatsache der Annahme der Resolution über die anarcho-syndikalistische Abweichung hat jedoch bisher noch niemand den Schluss gezogen, dass die Mitglieder der „Arbeiteropposition” unbedingt aus der Partei ausgeschlossen werden müssten.
Es kann Trotzki nicht unbekannt sein, dass der XIII. Parteitag unserer Partei den Trotzkismus für eine „klar ausgeprägte kleinbürgerliche Abweichung” erklärt hat. Bisher war jedoch noch niemand der Meinung, dass die Annahme dieser Resolution unbedingt den Ausschluss der Führer der trotzkistischen Opposition aus der Partei zur Folge haben müsste.
Die entsprechende Stelle der Resolution des XIII. Parteitags lautet:
„Bei der jetzigen ‚Opposition’ haben wir es nicht nur mit einem Versuch, den Bolschewismus zu revidieren, nicht nur mit einer direkten Abkehr vom Leninismus zu tun, sondern auch mit einer klar ausgeprägten kleinbürgerlichen Abweichung. Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese ‚Opposition’ objektiv den Druck des Kleinbürgertums auf die Positionen der proletarischen Partei und auf ihre Politik widerspiegelt.” (Aus der Resolution des XIII. Parteitags.)
Möge uns Trotzki erklären, inwiefern die kleinbürgerliche Abweichung besser ist als die sozialdemokratische Abweichung. Ist es denn so schwer zu begreifen, dass die sozialdemokratische Abweichung eine Abart der kleinbürgerlichen Abweichung ist? Ist es denn so schwer zu begreifen, dass wir, wenn wir von einer sozialdemokratischen Abweichung sprechen, nur das präzisieren, was in unserer Resolution auf dem XIII. Parteitag gesagt wurde? Wir erklären keineswegs die Führer des Oppositionsblocks für Sozialdemokraten. Wir sagen nur, dass sich beim Oppositionsblock eine sozialdemokratische Abweichung geltend macht, wir machen die Opposition darauf aufmerksam, dass es noch nicht zu spät ist, sich von dieser Abweichung loszusagen, und fordern den Oppositionsblock hierzu auf.
Über den Trotzkismus wird in der bekannten Resolution des ZK und der ZKK vom Januar 1925[Anmerkung 56] folgendes gesagt:
„Seinem Wesen nach ist der gegenwärtige Trotzkismus eine Falsifizierung des Kommunismus im Sinne einer Annäherung an die ‚europäischen’ Vorbilder des Pseudomarxismus, das heißt letzten Endes im Sinne der ‚europäischen’ Sozialdemokratie.” (Aus der Resolution des Plenums des ZK und der ZKK vom 17. Januar 1925.)
Ich muss erwähnen, dass beide Resolutionen im Wesentlichen der Feder Sinowjews entstammen. Aber weder die Partei als Ganzes noch Sinowjew insbesondere haben daraus den Schluss gezogen, dass die Führer der trotzkistischen Opposition aus der Partei ausgeschlossen werden müssten.
Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein zu erwähnen, was Kamenew über den Trotzkismus, den er dem Menschewismus gleichstellte, gesagt hat. Hören Sie bitte:
„Der Trotzkismus war immer die wohlanständigste, die verhüllteste und die zum Betrug gerade des revolutionär eingestellten Teils der Arbeiter geeignetste Form des Menschewismus.” (Sammelband von Artikeln „Für den Leninismus”. L. Kamenew, „Partei und Trotzkismus”, S.51.)
Alle diese Tatsachen sind Trotzki nicht weniger bekannt als jedem von uns. Es hat jedoch noch niemand die Frage aufgeworfen, Trotzki und seine Gesinnungsgenossen auf Grund der Resolutionen, sagen wir, des XIII. Parteitags auszuschließen.
Darum hin ich der Meinung, dass Trotzkis Erklärung auf der Plenartagung des ZK und der ZKK unaufrichtig und voller Falsch ist.
Als das Oktoberplenum des ZK und der ZKK die Thesen über den Oppositionsblock im wesentlichen billigte, hatte es damit nicht Repressalien im Auge, sondern die Notwendigkeit eines ideologischen Kampfes gegen die prinzipiellen Fehler der Opposition, von denen sich die Opposition immer noch nicht lossagt und die sie auch künftighin im Rahmen des Statuts zu verfechten gedenkt, wie sie in ihrer „Erklärung” vom 16.Oktober mitteilt. Die Plenartagung des ZK und der ZKK ging bei der Annahme der Thesen von dem Standpunkt aus, dass der Kampf gegen die prinzipiellen Fehler der Opposition das einzige Mittel zu ihrer Überwindung und die Überwindung dieser Fehler der einzige Weg zur wirklichen Einheit in unserer Partei ist. Dadurch, dass die Partei den Oppositionsblock zerschlagen und ihn gezwungen hat, seine Fraktionsmacherei aufzugeben, hat sie das Minimum dessen erreicht, was für die Einheit in der Partei erforderlich ist. Das ist gewiss nicht wenig. Aber das genügt noch nicht. Zur Erzielung der vollen Einheit muss noch ein weiterer Schritt getan und erreicht werden, dass sich der Oppositionsblock von seinen prinzipiellen Fehlern lossagt, damit die Partei und der Leninismus vor Angriffen und Revisionsversuchen bewahrt bleiben.
Das ist die erste Schlussfolgerung.
Nachdem die Mitgliedermassen der Partei die prinzipielle Position des Oppositionsblocks abgelehnt und die Versuche der Opposition, eine neue Diskussion zu entfachen, vereitelt haben, erklärten sie: Jetzt ist nicht die Zeit für Geschwätz, es ist an der Zeit, unmittelbar an die sozialistische Aufbauarbeit zu gehen. Daher die Schlussfolgerung: Weniger Geschwätz, mehr schöpferische, positive Arbeit, vorwärts, an die sozialistische Aufbauarbeit!
Das ist die zweite Schlussfolgerung.
Und die dritte Schlussfolgerung ist die, dass sich die Partei im Prozess des innerparteilichen Kampfes und bei der Abwehr der Angriffe der Opposition fester denn je auf der Grundlage der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus zusammengeschlossen hat.
Das ist die dritte Schlussfolgerung.
Eine Partei, die sich auf der Grundlage der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus zusammengeschlossen hat - das ist gerade der Hebel, den wir jetzt so nötig brauchen, um den sozialistischen Aufbau in unserem Lande voranbringen zu können.
Diesen Hebel haben wir uns im Kampf gegen den Oppositionsblock geschmiedet.
Der Kampf hat unsere Partei auf der Grundlage der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus um ihr ZK zusammengeschlossen. Der Konferenz obliegt es, diese Geschlossenheit durch die, wie ich hoffe, einstimmige Annahme der ihr vom Zentralkomitee unterbreiteten Thesen in aller Form zu bekräftigen.
Ich zweifle nicht daran, dass die Konferenz ihre Aufgabe in Ehren erfüllen wird. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall, alle Delegierten erheben sich. Ovation.)
Schlusswort zu dem Referat "Über die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei"
Seite 266 - 318
3. November 1926
„Prawda” Nr. 262, 12. November 1926.
- I. Über einige allgemeine Fragen
- II. Kamenew säubert Trotzki den Weg
- III. Heilloses Durcheinander, oder Sinowjew über revolutionären Geist und Internationalismus
- IV. Trotzki fälscht den Leninismus
- V. Die praktische Plattform der Opposition, die Forderung der Partei
- VI. Das Fazit
I. Über einige allgemeine Fragen
1. Der Marxismus ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln
Genossen! In meinem Referat habe ich gesagt, dass der Marxismus kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln ist, dass die bekannte Formel von Engels aus den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts seinerzeit richtig war, dass sie aber jetzt nicht mehr genügt. Ich habe gesagt, dass sie deshalb durch die Formel Lenins ersetzt werden muss, die besagt, dass unter den neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus und des Klassenkampfs des Proletariats der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern durchaus möglich und wahrscheinlich ist.
Gegen meine Ausführungen wurden im Verlauf der Diskussion Einwände erhoben. Besonders befleißigte sich hierin Sinowjew. Ich sehe mich daher gezwungen, erneut auf diese Frage einzugehen und sie ausführlicher zu behandeln.
Ich glaube, Sinowjew hat die „Grundsätze des Kommunismus“ von Engels nicht gelesen, und wenn er sie gelesen hat, so hat er sie nicht verstanden, sonst hätte er keine Einwände erhoben, sonst hätte er der Tatsache Rechnung getragen, dass es die Sozialdemokratie ist, die sich jetzt in ihrem Kampf gegen den Leninismus an die alte Formel von Engels klammert, sonst hätte Sinowjew begriffen, dass man, wenn man in die Fußtapfen der Sozialdemokratie tritt, sich gewissen Gefahren der „Entartung” aussetzt.
Folgendes sagt Engels in seinen „Grundsätzen des Kommunismus”,[14] in denen die einzelnen Thesen in Form von Fragen und Antworten behandelt werden:
„Frage: Wird die Abschaffung des Privateigentums mit einem Schlage möglich sein?
Antwort: Nein, eben sowenig wie sich mit einem Schlag die schon bestehenden Produktivkräfte soweit werden vervielfältigen lassen, als zur Herstellung der Gemeinschaft nötig ist. Die aller Wahrscheinlichkeit nach eintretende Revolution des Proletariats wird also nur allmählich die jetzige Gesellschaft umgestalten und erst dann das Privateigentum abschaffen können, wenn die dazu nötige Masse von Produktionsmitteln geschaffen ist.
Frage: Welchen Entwicklungsgang wird diese Revolution nehmen?
Antwort: Sie wird vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung, und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen.“
Es handelt sich hier offensichtlich um den Sturz der Bourgeoisie und die Erkämpfung der Diktatur des Proletariats. Sie wissen, Genossen, dass dieser Punkt bei uns bereits verwirklicht worden ist, verwirklicht in weitestem Maße. (Zurufe: „Das stimmt!”, „Sehr richtig!”)
Ferner:
„Die Demokratie würde dem Proletariat ganz nutzlos sein, wenn sie nicht sofort als Mittel zur Durchsetzung weiterer, direkt das Privateigentum angreifender und die Existenz des Proletariats sicherstellender Maßregeln benutzt würde. Die hauptsächlichsten dieser Maßregeln, wie sie sich schon jetzt als notwendige Folgen der bestehenden Verhältnisse ergeben, sind folgende:
1. Beschränkung des Privateigentums durch Progressivsteuern, starke Erbschaftssteuern, Abschaffung der Erbschaft der Seitenlinien (Brüder, Neffen usw.), Zwangsanleihen usw.”
Sie wissen, dass diese Maßnahmen bei uns durchgeführt worden sind, beziehungsweise in weitestem Maße durchgeführt werden. Ferner:
„2. Allmähliche Expropriation der Grundeigentümer, Fabrikanten, Eisenbahnbesitzer und Schiffsreeder, teils durch Konkurrenz der Staatsindustrie, teils direkt gegen Entschädigung in Assignaten.”
Sie wissen, dass diese Maßnahmen bei uns gleichfalls schon in den ersten Jahren unserer Revolution durchgeführt worden sind. Ferner:
„3. Konfiskation der Güter aller Emigranten und Rebellen gegen die Majorität des Volks.”
Sie wissen, dass wir bereits genug und übergenug konfisziert haben, so dass man gar nicht weiter gehen kann. (Heiterkeit.) Ferner:
„4. Organisation der Arbeit oder Beschäftigung der Proletarier auf den Nationalgütern, Fabriken und Werkstätten, wodurch die Konkurrenz der Arbeiter unter sich beseitigt, und die Fabrikanten, solange sie noch bestehen, genötigt werden, denselben erhöhten Lohn zu zahlen wie der Staat.”
Es ist bekannt, dass wir uns auf diesem Wege befinden, dass wir auf diesem Wege eine Reihe von Siegen erringen und dass dieser Punkt im Wesentlichen bereits erfolgreich verwirklicht wird.
Ferner:
„5. Gleicher Arbeitszwang für alle Mitglieder der Gesellschaft bis zur vollständigen Aufhebung des Privateigentums. Bildung industrieller Armeen besonders für die Agrikultur.”
Sie wissen, dass wir in der Periode des Kriegskommunismus durch Organisierung von Arbeitsarmeen versucht haben, diesen Weg zu gehen. Doch haben wir auf diesem Wege keine bedeutenden Ergebnisse erzielt. Wir haben dann versucht, dieses Ziel auf Umwegen zu erreichen, und es besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass wir auf diesem Gebiet entscheidende Erfolge erzielen werden.
Weiter:
„6. Zentralisierung des Kreditsystems und Geldhandels in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und Unterdrückung aller Privatbanken und Bankiers.”
Auch das, Genossen, ist, wie Sie sehr wohl wissen, bei uns im wesentlichen bereits verwirklicht.
Weiter:
„7. Vermehrung der Nationalfabriken, Werkstätten, Eisenbahnen und Schiffe, Urbarmachung aller Ländereien und Verbesserung der schon urbargemachten, in demselben Verhältnis, in welchem sich die der Nation zur Verfügung stehenden Kapitalien und Arbeiter vermehren.”
Sie wissen, dass auch diese Sache bei uns verwirklicht wird und voranschreitet, wozu sowohl die Nationalisierung des Grund und Bodens, als auch die Nationalisierung der Hauptzweige der Industrie entscheidend beitragen.
Ferner:
„8. Erziehung sämtlicher Kinder, von dem Augenblicke an, wo sie der ersten mütterlichen Pflege entbehren können, in Nationalanstalten und auf Nationalkosten.”
Dieser Punkt wird bei uns verwirklicht, ist aber bei weitem noch nicht restlos verwirklicht, da wir infolge der Verwüstungen durch Krieg und Intervention noch nicht in der Lage sind, die Erziehung aller Kinder im Lande auf Kosten des Staates zu übernehmen.
Ferner:
„9. Errichtung großer Paläste auf den Nationalgütern als gemeinschaftliche Wohnungen für Gemeinden von Staatsbürgern, welche sowohl Industrie wie Ackerbau treiben und die Vorteile sowohl des städtischen wie des Landlebens in sich vereinigen, ohne die Einseitigkeiten und Nachteile Beider Lebensweisen zu teilen.”
Es handelt sich offenbar um die Wohnungsfrage in großem Maßstab. Sie wissen, dass wir diese Sache vorantreiben, und wenn die Frage im Wesentlichen noch nicht gelöst ist und so bald wohl auch nicht gelöst werden wird, so aus dem Grunde, weil wir eine zerrüttete Industrie als Erbe übernommen haben und noch nicht genügend Mittel für einen groß angelegten Wohnungsbau aufgebracht haben noch aufbringen konnten.
Ferner:
„10. Zerstörung aller ungesunden und schlecht gebauten Wohnungen und Stadtviertel.”
Dieser Punkt gehört mit zum vorangegangenen Punkt, und daher gilt das, was über den vorangegangenen Punkt gesagt wurde, auch für diesen Punkt.
Ferner:
„11. Gleiches Erbrecht für uneheliche wie für eheliche Kinder.”
Mir scheint, dass diese Angelegenheit bei uns sozusagen zufrieden stellend erledigt wird.
Schließlich der letzte Punkt:
„12. Konzentration alles Transportwesens in den Händen der Nation.” Sie wissen, dass diese Sache bei uns bereits vollständig verwirklicht ist. Das, Genossen, ist das Programm der proletarischen Revolution, das Engels in seinen „Grundsätzen des Kommunismus” aufgestellt hat.
Sie sehen, Genossen, dass unsere Revolution dieses Programm bereits zu neun Zehntel verwirklicht hat.
Ferner:
„Frage: Wird diese Revolution (von der oben gesprochen wurde. J. St.) in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können?
Antwort: Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. Sie hat ferner in allen zivilisierten Ländern die gesellschaftliche Entwicklung soweit gleich gemacht, dass in allen diesen Ländern Bourgeoisie und Proletariat die beiden entscheidenden Klassen der Gesellschaft, der Kampf zwischen Beiden der Hauptkampf des Tages geworden. Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d. h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein.“ ... (Siehe F. Engels, „Grundsätze des Kommunismus“.)
So liegen also die Dinge, Genossen.
Engels sagte, dass die proletarische Revolution, die das oben angeführte Programm zu verwirklichen hat, in einem einzelnen Lande nicht vor sich gehen könne. Die Tatsachen aber beweisen, dass wir unter den neuen Bedingungen des Klassenkampfs des Proletariats, unter den Bedingungen des Imperialismus, eine solche Revolution in einem einzelnen Lande, in unserem Lande, im Wesentlichen bereits durchgeführt und ihr Programm zu neun Zehntel verwirklicht haben.
Sinowjew mag sagen, dass wir mit der Durchführung dieses Programms, mit der Durchführung dieser Punkte einen Fehler begangen haben. (Heiterkeit.) Es ist sehr wohl möglich, dass wir uns mit der Durchführung dieser Punkte eine gewisse „nationale Beschränktheit” zuschulden kommen ließen. (Heiterkeit.) Das ist sehr wohl möglich. Eins steht jedoch fest, dass das, was Engels in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, unter den Verhältnissen des vormonopolistischen Kapitalismus, für ein einzelnes Land für undurchführbar und unmöglich hielt, unter den Verhältnissen des Imperialismus, in unserem Lande, durchführbar und möglich geworden ist.
Engels würde sich, wenn er noch lebte, natürlich nicht an die alte Formel klammern, sondern er würde im Gegenteil unsere Revolution aus vollem Herzen begrüßen und sagen: „Zum Teufel mit allen alten Formeln, es lebe die siegreiche Revolution in der UdSSR!” (Beifall.)
Nicht so die Herren aus dem Lager der Sozialdemokraten. Sie klammern sich an die alte Formel von Engels und verschanzen sich hinter ihr, um sich den Kampf gegen unsere Revolution, gegen die Bolschewiki zu erleichtern. Das ist natürlich ihre Sache. Schlecht ist nur, dass Sinowjew sich befleißigt, diese Herrschaften nachzuahmen, und dabei den Weg der Sozialdemokratie beschreitet.
Wenn ich die Formel von Engels zitiert und sie ausführlich dargelegt habe, so bin ich von drei Erwägungen ausgegangen:
Erstens wollte ich durch die Gegenüberstellung der Formel Lenins von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande und der Formel von Engels, die in der extremsten und schärfsten Form den Standpunkt der Marxisten der alten Periode zum Ausdruck bringt, größtmögliche Klarheit in der Frage schaffen;
zweitens wollte ich den Reformismus und Antirevolutionarismus der Sozialdemokratie, die ihren Opportunismus mit der Berufung auf die alte Formel von Engels zu bemänteln sucht, entlarven;
drittens wollte ich beweisen, dass Lenin der erste war, der die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande gelöst hat.
Man muss anerkennen, Genossen, dass gerade Lenin und kein anderer es war, der die Wahrheit entdeckte, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist. Man darf Lenin nicht absprechen, was ihm zu Recht gebührt. Man darf die Wahrheit nicht fürchten, man muss den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen, man muss den Mut haben, offen auszusprechen, dass Lenin der erste Marxist war, der die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande auf neue Art gestellt und sie in positivem Sinne gelöst hat.
Ich will damit keineswegs sagen, dass Lenin als Denker über Engels oder Marx gestanden habe. Ich will damit nur zwei Dinge sagen.
Erstens: Man darf von Engels oder Marx, so geniale Denker sie auch gewesen sind, nicht verlangen, dass sie in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus alle Möglichkeiten des Klassenkampfs des Proletariats und der proletarischen Revolution, die erst ein halbes Jahrhundert später, in der Periode des entwickelten monopolistischen Kapitalismus, zutage traten, hätten voraussehen sollen.
Zweitens: Es ist nicht zu verwundern, dass Lenin als genialer Schüler von Engels und Marx die neuen Möglichkeiten der proletarischen Revolution unter den neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus zu erkennen vermochte und somit die Wahrheit entdeckte, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist.
Man muss es verstehen, zwischen Buchstaben und Wesen des Marxismus, zwischen einzelnen Lehrsätzen und der Methode des Marxismus zu unterscheiden. Lenin ist es deshalb gelungen, die Wahrheit zu entdecken, dass der Sozialismus in einem Lande siegen kann, weil er den Marxismus nicht für ein Dogma hielt, sondern für eine Anleitung zum Handeln, weil er nicht sklavisch am Buchstaben hing, sondern es verstand, das Wesentliche, das Grundlegende im Marxismus zu erfassen.
In seiner Schrift „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus” sagt Lenin darüber folgendes:
„Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln, pflegten Marx und Engels zu sagen, und der schwerste Fehler, das schwerste Verbrechen solcher ‚patentierten’ Marxisten wie Karl Kautsky, Otto Bauer u. a. besteht darin, dass sie das nicht begriffen, dass sie in den wichtigsten Augenblicken der Revolution des Proletariats nicht verstanden, nicht vermocht haben, diese Theorie anzuwenden.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 52 (deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 716].)
Das ist der Weg, der Weg von Marx, Engels und Lenin, den wir gehen und den wir auch in Zukunft gehen müssen, wenn wir konsequente Revolutionäre bleiben wollen.
Der Leninismus hat sich als Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution behauptet, weil er diesen Weg ging und diesen Weg auch weiter verfolgt. Von diesem Wege abweichen heißt in den Sumpf des Opportunismus geraten. Von diesem Wege abgleiten heißt in das Schlepptau der Sozialdemokratie geraten, was auch im vorliegenden Fall mit Sinowjew geschehen ist.
Sinowjew sagte hier, Marx und Engels hätten später die alte Formel von Engels abgeschwächt und die Möglichkeit gelten lassen, dass die proletarische Revolution auch in einzelnen Ländern beginnen könne. Er führte das Zitat von Engels an, dass „der Franzose anfangen und der Deutsche das Werk zu Ende führen werde”.[Anmerkung 57] Das alles ist richtig. Das weiß heutzutage bereits jeder Schüler einer Partei- und Verwaltungsschule. Aber nicht darum handelt es sich jetzt. Eine Sache ist es zu sagen: Fange mit der Revolution an, in der allernächsten Zeit wird dich die siegreiche Revolution in anderen Ländern unterstützen, wobei du im Falle eines Sieges in den anderen Ländern auf den Sieg rechnen kannst. Das ist eine Sache. Eine ganz andere Sache ist es zu sagen: Fange mit der Revolution an und führe sie weiter in dem Bewusstsein, dass, selbst wenn der Sieg der Revolution in anderen Ländern in der nächsten Zeit ausbleibt, die Kampfbedingungen jetzt, in der Periode des entwickelten Imperialismus, derart sind, dass du dennoch siegen kannst, um dann die Revolution in anderen Ländern zu entfachen. Das ist eine andere Sache.
Und wenn ich die alte Formel von Engels zitiert habe, so habe ich das nicht getan, um an der Tatsache vorüberzugehen, dass Engels und Marx diese scharfe und extreme Formel später abgeschwächt haben, sondern
a) um durch die Gegenüberstellung der beiden gegensätzlichen Formeln Klarheit in der Frage zu schaffen;
b) um den Opportunismus der Sozialdemokratie bloßzulegen, die sich hinter der alten Formel von Engels zu verschanzen sucht;
c) um zu zeigen, dass Lenin der erste gewesen ist, der die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande auf neue Art gestellt und sie in positivem Sinne gelöst hat.
Wie Sie sehen, Genossen, hatte ich Recht, als ich sagte, dass Sinowjew die „Grundsätze des Kommunismus” nicht gelesen hat, und wenn er sie gelesen hat, dass er sie nicht verstanden hat, da er die alte Formel von Engels auf sozialdemokratische Weise behandelt und somit auf den Weg des Opportunismus hinab geglitten ist.
2. Einige Bemerkungen Lenins über die Diktatur des Proletariats
Ich sagte ferner in meinem Referat, dass wir in der Frage der Diktatur des Proletariats unter den Verhältnissen des entwickelten Imperialismus einen mehr oder minder analogen Fall haben. Ich sagte, dass Marx in der Frage der Diktatur des Proletariats, worunter die Zerschlagung des alten, bürgerlichen Staatsapparats und der Aufbau eines neuen, proletarischen Apparats zu verstehen ist, seinerzeit (in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts) eine Ausnahme gelten ließ für England und wohl auch für Amerika, wo Militarismus und Bürokratismus damals noch wenig entwickelt waren und wo damals die Möglichkeit bestehen konnte, die politische Herrschaft des Proletariats auf anderen, auf „friedlichen” Wegen zu erringen. Ich sagte, dass es damals richtig war, wenn Marx diese Ausnahme oder Einschränkung für England und Amerika gelten ließ, dass es Lenins Ansicht nach aber falsch und unangebracht wäre, wenn man sie auch heute noch, unter den Bedingungen des entwickelten Imperialismus, da Militarismus und Bürokratie in England und Amerika ebenso ins Kraut geschossen sind wie in anderen Ländern, gelten ließe.
Gestatten Sie, Genossen, dass ich mich auf Marx berufe. In einem seiner Briefe an Kugelmann schrieb Marx im April 1871:
„...Wenn Du das letzte Kapitel meines ,Achtzehnten Brumaire’ nachsiehst, wirst Du finden, dass ich als nächsten Versuch der französischen Revolution ausspreche, nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen..., und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinents. Dies ist auch der Versuch unsrer heroischen Pariser Parteigenossen.” (Ich zitiere aus dem Buch Lenins „Staat und Revolution”, Bd. XXI, S. 394 (4. Ausgabe, Bd. 25, S. 3861387, deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 185).)
So schrieb Marx im Jahre 1871.
An dieses Zitat haben sich bekanntlich die Sozialdemokraten aller Schattierungen geklammert und in erster Linie Kautsky, der behauptete, dass die gewaltsame Revolution des Proletariats gar nicht die unbedingt erforderliche Methode der Entwicklung zum Sozialismus sei, dass unter der Diktatur des Proletariats nicht unbedingt die Zerschlagung des alten, bürgerlichen Staatsapparats und der Aufbau eines neuen, proletarischen Apparats zu verstehen sei, dass der friedliche Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus eben der Weg sei, für den das Proletariat kämpfen müsse.
Wie reagierte Genosse Lenin darauf? Er schrieb darüber in seinem Buch „Staat und Revolution” folgendes:
„Es ist von Interesse, zwei Stellen aus der angeführten Betrachtung von Marx besonders hervorzuheben. Erstens beschränkt er seine Schlussfolgerung auf den Kontinent. Das war 1871 verständlich, als England noch das Muster eines rein kapitalistischen Landes war, aber eines Landes ohne Militarismus und in hohem Grade ohne Bürokratie. Marx schloss daher England aus, wo eine Revolution und selbst eine Volksrevolution ohne die Vorbedingung der Zerstörung der ‚fertigen Staatsmaschine’ damals möglich zu sein schien und möglich war.
Jetzt, im Jahre 1917, in der Epoche des ersten großen imperialistischen Krieges, fällt diese Einschränkung von Marx fort. Sowohl England als auch Amerika, die größten und letzten Vertreter angelsächsischer ‚Freiheit’ in der Welt, im Sinne des Fehlens von Militarismus und Bürokratismus, sind vollständig in den allgemeinen europäischen, schmutzigen, blutigen Sumpf der bürokratisch-militärischen Institutionen hinab gesunken, die sich alles unterordnen, die alles erdrücken. Jetzt bildet sowohl für England als auch für Amerika die Zerbrechung, die Zerstörung der ‚fertigen Staatsmaschine’ (die dort in den Jahren 1914 bis 1917 die ‚europäische’ allgemein-imperialistische Vollkommenheit erreicht hat) die ‚Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution’.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 387 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 186].)
Sie sehen, dass wir es hier mit einem Fall zu tun haben, der dem Fall mehr oder weniger analog ist, über den ich im Zusammenhang mit der alten Formel von Engels über den Sieg des Sozialismus berichtet habe.
Die Einschränkung beziehungsweise Ausnahme, die Marx für England und Amerika gelten ließ, hatte ihre Berechtigung, solange es in diesen Ländern keinen entwickelten Militarismus und keine entwickelte Bürokratie gab. Diese Einschränkung fiel Lenins Ansicht nach unter den neuen Verhältnissen des monopolistischen Kapitalismus fort, als sich Militarismus und Bürokratie in England und Amerika nicht weniger, wenn nicht gar mehr entwickelt hatten als in den Ländern des europäischen Kontinents.
Daher ist die gewaltsame Revolution des Proletariats, die Diktatur des Proletariats, in ausnahmslos allen imperialistischen Staaten die unumgängliche und unbedingte Voraussetzung für die Entwicklung zum Sozialismus.
Daher verteidigen die Opportunisten aller Länder, die sich an die von Marx bedingt gemachte Einschränkung klammern und gegen die Diktatur des Proletariats ins Feld ziehen, nicht den Marxismus, sondern ihre eigene, opportunistische Sache.
Lenin kam zu dieser Schlussfolgerung, weil er es verstand, zwischen Buchstaben des Marxismus und Wesen des Marxismus zu unterscheiden, weil er den Marxismus nicht als Dogma, sondern als Anleitung zum Handeln betrachtete.
Es wäre sonderbar, wollte man verlangen, dass Marx alle und jegliche Möglichkeiten der zukünftigen Entwicklung des Kapitalismus und des Klassenkampfs auf Jahrzehnte hinaus hätte voraussehen sollen. Es wäre aber noch sonderbarer, wollte man sich darüber wundern, dass Lenin diese Möglichkeiten unter den neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus, als diese Möglichkeiten zutage getreten waren und sich in einem mehr als ausreichenden Maße entwickelt hatten, erkannte und verallgemeinerte.
Hier wurde, ich glaube, von Rjasanow eingeworfen, die von Marx für England und Amerika gemachte Einschränkung sei nicht nur unter den gegenwärtigen Bedingungen des Klassenkampfs falsch, sondern sie sei auch unter den Bedingungen falsch gewesen, als Marx diese Einschränkung machte. Ich bin mit Rjasanow nicht einverstanden. Ich denke, Rjasanow irrt sich. Jedenfalls ist Lenin hierüber anderer Meinung, da er ganz eindeutig erklärte, dass Marx Recht hatte, als er für das England und Amerika der 70er Jahre eine solche Einschränkung gelten ließ.
In seiner Schrift „über die Naturalsteuer” schreibt Genosse Lenin darüber folgendes:
„Als wir im ZEK mit Bucharin stritten, bemerkte er unter anderem: In der Frage der hohen Gehälter für die Spezialisten stehen ,wir’ ,rechts von Lenin’, denn wir sehen hier keinerlei Abweichung von den Prinzipien, eingedenk der Worte von Marx, dass es unter gewissen Umständen für die Arbeiterklasse am zweckmäßigsten wäre, ,die ganze Bande auszukaufen’ (nämlich die Bande der Kapitalisten, d. h. bei der Bourgeoisie das Land, die Fabriken, die Werke und sonstigen Produktionsmittel auszukaufen). Das ist eine außerordentlich interessante Bemerkung.” „...Man versuche, sich in den Gedanken von Marx hineinzudenken. Die Rede war von dem England der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, von der Kulminationsperiode des vormonopolistischen Kapitalismus, von einem Lande, das damals am wenigsten Militarismus und Bürokratie kannte, einem Land, in dem damals die Möglichkeit eines ,friedlichen’ Sieges des Sozialismus im Sinne des ,Auskaufs’ der Bourgeoisie durch die Arbeiter am meisten vorhanden war. Und Marx sagte: Unter gewissen Umständen werden es die Arbeiter keineswegs ablehnen, die Bourgeoisie auszukaufen. Marx band sich - und den künftigen Führern der sozialistischen Revolution - nicht die Hände in bezug auf die Formen, die Methoden, die Art und Weise der Umwälzung, denn er wusste sehr gut, was für eine Unmenge neuer Probleme dann erstehen wird, wie sich im Laufe der Umwälzung die gesamte Situation ändern, wie oft und wie stark sie sich im Laufe der Umwälzung ändern wird. Nun, und ist es denn in Sowjetrußland nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat, nach der Unterdrückung des militärischen Widerstandes und der Sabotage der Ausbeuter nicht augenscheinlich, dass einige Bedingungen sich nach der Art gestaltet haben, wie sie vor einem halben Jahrhundert in England möglich gewesen wären, wenn es damals friedlich begonnen hätte, zum Sozialismus überzugehen? Die Unterordnung der Kapitalisten unter die Arbeiter hätte damals in England durch folgende Umstände gewährleistet werden können: 1. durch das völlige überwiegen der Arbeiter, der Proletarier in der Bevölkerung, da eine Bauernschaft nicht vorhanden war (in England waren in den 70er Jahren Anzeichen vorhanden, die auf außerordentlich rasche Erfolge des Sozialismus unter den Landarbeitern hoffen ließen); 2. durch die ausgezeichnete Organisiertheit des Proletariats in den Gewerkschaften (England war damals in dieser Hinsicht das erste Land der Welt); 3. durch das verhältnismäßig hohe Kulturniveau des Proletariats, das durch die Schule einer jahrhundertelangen Entwicklung der politischen Freiheit gegangen war; 4. durch die lange Gewohnheit der ausgezeichnet organisierten Kapitalisten Englands - damals waren sie die bestorganisierten Kapitalisten der Welt (jetzt hat Deutschland dieses Primat übernommen) -, politische und wirtschaftliche Fragen durch Kompromisse zu lösen. Infolge eben dieser Umstände konnte damals der Gedanke entstehen, dass eine friedliche Unterordnung der Kapitalisten Englands unter seine Arbeiter möglich sei... Marx hatte im höchsten Grade recht, als er die Arbeiter lehrte, dass es wichtig sei, die Organisation der Großproduktion gerade im Interesse der Erleichterung des Übergangs zum Sozialismus zu erhalten, und dass der Gedanke durchaus zulässig sei, die Kapitalisten gut zu bezahlen, sie auszukaufen, wenn (als Ausnahme: England war damals eine Ausnahme) die Umstände sich so gestalten, dass sie die Kapitalisten zwingen, sich friedlich zu fügen und in kultivierter, organisierter Weise, unter der Bedingung des Auskaufs, zum Sozialismus überzugehen.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 315-317 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 832-834].)
Offensichtlich hat hier Lenin Recht und nicht Rjasanow.
3. Über die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder
Ich sagte in meinem Referat, dass Lenin das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder entdeckt und begründet hat, dass Lenin, ausgehend von diesem Gesetz, ausgehend von der Tatsache der Zunahme und Verschärfung der Ungleichmäßigkeit, zur Idee der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande gekommen ist. Trotzki und Sinowjew wandten sich gegen diesen Leitsatz. Trotzki sagte, dieser Leitsatz Lenins sei theoretisch falsch. Und Sinowjew erklärte im Verein mit Trotzki, dass die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung früher, in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, größer gewesen sei als heute, in der Periode des monopolistischen Kapitalismus, dass man die Idee der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande nicht mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der kapitalistischen Entwicklung in Zusammenhang bringen dürfe.
Dass sich Trotzki gegen Lenins bekannten theoretischen Satz von dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung wendet, nimmt nicht wunder, denn es ist bekannt, dass dieses Gesetz Trotzkis Theorie der permanenten Revolution über den Haufen wirft.
Außerdem gleitet Trotzki hier unverkennbar auf einen philisterhaften Standpunkt ab. Er verwechselt hier die ökonomische Ungleichheit der einzelnen Länder in der Vergangenheit - eine Ungleichheit, die nicht immer eine sprunghafte Entwicklung dieser Länder zur Folge hatte und auch nicht zur Folge haben konnte - mit der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung in der Periode des Imperialismus, in der die ökonomische Ungleichheit zwischen den Ländern geringer ist, als sie in der Vergangenheit war, die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung aber unvergleichlich größer ist als früher und schärfer zutage tritt als früher, wobei diese Ungleichmäßigkeit un-bedingt und unvermeidlich zu einer Sprunghaftigkeit der Entwicklung führt, dazu führt, dass die industriell zurückgebliebenen Länder in mehr oder weniger kurzer Zeit die vorausgeeilten Länder überholen und somit zwangsläufig die Voraussetzungen für gewaltige imperialistische Kriege und für die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande geschaffen werden.
Es braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden, dass eine derartige Vermengung zweier verschiedenartiger Begriffe nicht von einem hohen „theoretischen” Niveau Trotzkis zeugt noch zeugen kann.
Ich kann aber Sinowjew nicht begreifen, der doch ein Bolschewik war und einige Ahnung vom Bolschewismus hatte. Wie kann man behaupten, die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung sei früher größer gewesen als jetzt, unter den Bedingungen des monopolistischen Kapitalismus, ohne Gefahr zu laufen, in den Sumpf des Ultraimperialismus und des Kautskyanertums zu geraten? Wie kann man behaupten, die Idee des Sieges des Sozialismus in einem Lande hänge nicht mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung zusammen? Ist denn etwa nicht bekannt, dass Lenin diese Idee gerade aus dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung herleitete? Wovon zeugen zum Beispiel folgende Worte Lenins:
„Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S. 753].)
Wovon geht das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung aus? Es geht von folgendem aus:
1. Der alte, vormonopolistische Kapitalismus hat sich zum monopolistischen Kapitalismus, zum Imperialismus, entwickelt, ist in diesen umgeschlagen;
2. die Aufteilung der Welt in Einflusssphären der imperialistischen Gruppen und Mächte ist bereits beendet;
3. die Entwicklung der Weltwirtschaft vollzieht sich unter den Bedingungen eines verzweifelten, auf Tod und Leben geführten Kampfes der imperialistischen Gruppen um Märkte, um Rohstoffe, um die Erweiterung der alten Einflusssphären;
4. diese Entwicklung geht nicht gleichmäßig, sondern sprunghaft vor sich, so, dass die vorausgeeilten Mächte von den Märkten verdrängt werden und neue Mächte in den Vordergrund rücken;
5. diese Entwicklungsweise wird dadurch bedingt, dass die einen imperialistischen Gruppen die Möglichkeit haben, in schnellstem Tempo ihre Technik zu entwickeln, ihre Waren zu verbilligen und Märkte an sich zu reißen, was auf Kosten der anderen imperialistischen Gruppen geht;
6. periodische Neuaufteilungen der bereits aufgeteilten Welt werden somit zu einer absoluten Notwendigkeit;
7. diese Neuaufteilungen können somit nur auf gewaltsamem Wege vorgenommen werden, durch Überprüfung der Macht dieser oder jener imperialistischen Gruppe mittels Gewalt;
8. dieser Umstand muss zwangsläufig zu verstärkten Konflikten und zu gewaltigen Kriegen zwischen den imperialistischen Gruppen führen;
9. eine solche Lage führt unvermeidlich zur gegenseitigen Schwächung der Imperialisten und ermöglicht die Durchbrechung der imperialistischen Front in einzelnen Ländern;
10. die Möglichkeit der Durchbrechung der imperialistischen Front in einzelnen Ländern schafft günstige Voraussetzungen für den Sieg des Sozialismus in einem Lande.
Was ist für die Verschärfung der Ungleichmäßigkeit und die entscheidende Bedeutung der ungleichmäßigen Entwicklung unter den Bedingungen des Imperialismus bestimmend?
Zwei Hauptumstände:
erstens, dass die Aufteilung der Welt unter den imperialistischen Gruppen beendet ist, dass es auf der Welt keine „freien” Gebiete mehr gibt und dass zur Herstellung eines ökonomischen „Gleichgewichts” die Neuaufteilung des Aufgeteilten vermittels imperialistischer Kriege eine absolute Notwendigkeit ist;
zweitens, dass die noch nie dagewesene kolossale Entwicklung der Technik im weitesten Sinne des Wortes es den einen imperialistischen Gruppen erleichtert, andere imperialistische Gruppen im Kampf um die Eroberung von Märkten, im Kampf um die Besitzergreifung von Rohstoffquellen usw. zu überholen und ihnen den Rang abzulaufen.
Aber erst in der Periode des entwickelten Imperialismus gelangten diese Umstände zu voller Entwicklung und erreichten ihren Höhepunkt. Und es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn erst in der Periode des Imperialismus konnte die Aufteilung der Welt beendet werden, und die kolossalen technischen Möglichkeiten stellten sich erst in der Periode des entwickelten Imperialismus ein.
Dadurch ist auch die Tatsache zu erklären, dass, wenn früher England in industrieller Hinsicht an der Spitze aller Staaten stehen und den ersten Platz jahrhundertelang behaupten konnte, Deutschland später, in der Periode des monopolistischen Kapitalismus, nur etwa zwei Jahrzehnte brauchte, um damit zu beginnen, England den Rang abzulaufen, während Amerika noch weniger Zeit brauchte, um die europäischen Staaten zu überholen.
Wie kann man nach alledem behaupten, die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung sei früher größer gewesen als jetzt, die Idee der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande stehe nicht mit dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus in der Periode des Imperialismus im Zusammenhang?
Ist etwa nicht klar, dass nur theoretisierende Philister die frühere ökonomische Ungleichheit der Industrieländer mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung verwechseln können, das erst in der Periode des entwickelten monopolistischen Kapitalismus mit besonderer Kraft und Schärfe wirkt?
Ist etwa nicht klar, dass nur völlige Ignoranz auf dem Gebiet des Leninismus Sinowjew und seine Freunde zu den mehr als sonderbaren Einwänden gegen Lenins bekannte Leitsätze veranlassen konnte, die mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder im Zusammenhang stehen?
II. Kamenew säubert Trotzki den Weg
Was ist der eigentliche Sinn der Ausführungen Kamenews auf dieser Konferenz? Wenn man von einigen Bagatellen und von Kamenews üblicher Diplomatie absieht, so liegt der Sinn seiner Ausführungen darin, Trotzki die Verteidigung seines Standpunkts, den Kampf gegen den Leninismus in der grundlegenden Frage, der Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, zu erleichtern.
Zu diesem Zweck hat sich Kamenew der „Mühe” unterzogen, den Beweis zu führen, dass Lenins grundlegender Artikel (1915), der von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande handelt, sich angeblich nicht auf Rußland beziehe, dass Lenin, als er von dieser Möglichkeit sprach, nicht Rußland, sondern andere kapitalistische Länder im Auge gehabt habe. Kamenew hat sich dieser zweifelhaften „Mühe” unterzogen, um Trotzki, dessen „Schema” der Artikel Lenins aus dem Jahre 1915 vernichtet und vernichten musste, den Weg zu säubern.
Grob gesagt, hat Kamenew sozusagen die Rolle eines Hausknechts Trotzkis übernommen (Heiterkeit), der ihm den Weg säubert. Der Direktor des Lenin-Instituts in der Rolle eines Hausknechts Trotzkis - das ist natürlich ein trauriger Anblick, nicht weil die Arbeit eines Hausknechts etwas Schlechtes wäre, sondern weil Kamenew, der zweifelsohne ein Mann von Bildung ist, glaube ich, sich mit einer anderen, qualifizierteren Arbeit befassen könnte. (Heiterkeit.) Er hat jedoch diese Rolle freiwillig übernommen, was natürlich sein volles Recht ist, und dagegen lässt sich nichts machen.
Wir wollen nun sehen, ob Kamenew dieser mehr als sonderbaren Rolle gerecht geworden ist.
Kamenew erklärte in seiner Rede, dass die von Lenin in seinem Artikel vom Jahre 1915 aufgestellte Grundthese, die These, die für die gesamte Linie unserer Revolution und unseres Aufbaus bestimmend war, dass diese These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande sich nicht auf Rußland beziehe und auch nicht beziehen könne und dass Lenin, als er von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande sprach, nicht Rußland, sondern nur andere kapitalistische Länder im Auge gehabt habe. Das ist unglaublich und ungeheuerlich, das sieht einer direkten Verleumdung des Genossen Lenin sehr ähnlich, aber Kamenew kümmert es augenscheinlich nicht, wie die Partei über eine derartige Verfälschung Lenins urteilt. Er ist nur um eins besorgt: Trotzki um jeden Preis den Weg zu säubern.
Wie versucht er nun, diese sonderbare Behauptung zu begründen?
Er erklärt, Genosse Lenin habe zwei Wochen nach dem erwähnten Artikel die bekannten Thesen[Anmerkung 58] über den Charakter der bevorstehenden Revolution in Rußland aufgestellt, worin er gesagt habe, die Aufgabe der Marxisten erschöpfe sich darin, den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland zu erringen; Lenin sei, als er dies sagte, davon ausgegangen, die Revolution in Rußland müsse in ihrer bürgerlichen Phase stecken bleiben und könne nicht in die sozialistische Revolution hinüberwachsen. Nun, da aber Lenins Artikel über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande nicht von der bürgerlichen Revolution, sondern von der sozialistischen Revolution handelt, so sei es klar, dass Lenin in diesem Artikel nicht Rußland im Auge haben konnte.
Demnach hat also Lenin Kamenew zufolge den Schwung der russischen Revolution wie ein linker bürgerlicher Revolutionär oder wie ein Reformist vom Schlage der Sozialdemokraten aufgefasst, die der Meinung sind, dass die bürgerliche Revolution nicht in die sozialistische Revolution hinüberwachsen dürfe, die der Meinung sind, dass zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Revolution eine lange geschichtliche Zwischenzeit, eine lange Pause, eine Zeitspanne von wenigstens einigen Jahrzehnten liegen müsse, in deren Verlauf der Kapitalismus weiter gedeihen, das Proletariat aber dahinvegetieren werde.
Demnach wäre es so, dass Lenin im Jahre 1915, als er seinen Artikel schrieb, nicht daran dachte, nicht gewillt war und nicht danach strebte, nach dem Siege der bürgerlichen Revolution unverzüglich von dieser zur sozialistischen Revolution überzugehen.
Sie werden sagen, dass dies unglaublich und ungeheuerlich ist. Ja, diese Behauptung Kamenews ist tatsächlich unglaublich und ungeheuerlich. Aber Kamenew lässt sich dadurch nicht beirren.
Gestatten Sie, dass ich einige Dokumente anführe, die davon zeugen, dass Kamenew die Auffassung des Genossen Lenin in dieser Frage gröblich verfälscht.
Schon im Jahre 1905, als der Schwung der russischen Revolution noch nicht so mächtig war noch sein konnte, wie er späterhin, im Ergebnis des imperialistischen Krieges, im Februar 1917 wurde, schrieb Genosse Lenin über den Charakter der russischen Revolution folgendes:
„Von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Maßgabe unserer Kraft, der Kraft des klassenbewussten und organisierten Proletariats, den Übergang zur sozialistischen Revolution beginnen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 9, S. 213 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S. 541].)
Dieses Zitat ist einem Artikel Lenins entnommen, der im September 1905 erschien.
Hat Kamenew von der Existenz dieses Artikels Kenntnis? Ich denke, der Direktor des Lenin-Instituts muss von seiner Existenz Kenntnis haben.
Es ergibt sich somit, dass Lenin sich den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution nicht als Abschluss des Kampfes des Proletariats und der Revolution überhaupt vorstellte, sondern als erste Etappe und Übergangsstufe zur sozialistischen Revolution.
Aber vielleicht hat Lenin späterhin seine Auffassung über den Charakter und den Schwung der russischen Revolution geändert? Nehmen wir ein anderes Dokument. Ich denke an einen Artikel Lenins, der im November 1915 erschien, drei Monate nach Erscheinen des grundlegenden Artikels des Genossen Lenin über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande. Darin heißt es:
„Das Proletariat kämpft - und wird selbstlos weiterkämpfen - für die Eroberung der Macht, für die Republik, für die Konfiszierung der Ländereien, das heißt für die Heranziehung der Bauernschaft, für die Ausschöpfung ihrer revolutionären Kräfte, für die Beteiligung der ,nichtproletarischen Volksmassen’ an der Befreiung des bürgerlichen Rußlands vom militärisch-feudalen ,Imperialismus’ (= Zarismus). Und diese Befreiung des bürgerlichen Rußlands vom Zarismus, von der Herrschaft der Gutsbesitzer über den Boden, wird das Proletariat unverzüglich, ausnutzen, nicht um den wohlhabenden Bauern in ihrem Kampf gegen die Landarbeiter zu helfen, sondern um die sozialistische Revolution, im Bunde mit den Proletariern Europas zu vollbringen,” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 382/383, russ.)
Wie Sie sehen, ging Lenin sowohl hier als auch in dem vorhergehenden Zitat, sowohl im Jahre 1905 als auch im Jahre 1915, in gleicher Weise davon aus, dass die bürgerliche Revolution in Rußland in die sozialistische Revolution hinüberwachsen muss, dass der Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland die erste Etappe der russischen Revolution ist, die notwendig ist, um unverzüglich zu ihrer zweiten Etappe, zur sozialistischen Revolution, übergehen zu können.
Nun, und wie ist es um die Thesen Lenins vom Jahre 1915 bestellt, auf die sich Kamenew in seiner Rede berief und in denen von den Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland die Rede ist? Widersprechen nicht diese Thesen der Idee des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution? Natürlich nicht. Im Gegenteil, diesen Thesen liegt gerade die Idee des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution, die Idee des Hinüberwachsens der ersten Etappe der russischen Revolution in die zweite Etappe, zugrunde. Erstens sagt Lenin in diesen Thesen gar nicht, dass der Schwung der russischen Revolution und die Aufgaben der Marxisten in Rußland mit dem Sturz des Zaren und der Gutsbesitzer, mit den Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution erschöpft seien. Zweitens beschränkt sich Lenin in diesen Thesen auf die Kennzeichnung der Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution, weil er diese Revolution als erste Etappe und als nächste Aufgabe der russischen Marxisten betrachtet. Drittens geht Lenin davon aus, dass die russischen Marxisten die Lösung ihrer Aufgaben nicht mit der zweiten Etappe beginnen sollen (wie das Trotzki nach dem Schema „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung” vorgeschlagen hat), sondern mit der ersten Etappe, mit der Etappe der bürgerlich-demokratischen Revolution.
Gibt es hier irgendeinen Widerspruch, oder auch nur die Spur eines Widerspruchs zu der Idee des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution? Es ist klar, dass das nicht der Fall ist.
Es ergibt sich, dass Kamenew ganz offensichtlich Lenins Standpunkt verfälscht hat.
Wir haben aber außer den von Lenin verfassten Dokumenten noch andere Zeugen, die gegen Kamenew sprechen. Wir haben außerdem lebende Zeugen, wie zum Beispiel Trotzki, wie unsere XIV. Parteikonferenz und schließlich, so sonderbar das auch klingen mag, wie Kamenew und Sinowjew selbst.
Bekanntlich erschien Lenins Artikel über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande im Jahre 1915. Bekanntlich beantwortete Trotzki, der damals gegen Genossen Lenin in der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande polemisierte, diesen Artikel sogleich, das heißt auch noch im Jahre 1915, mit einem speziellen kritischen Artikel. Was sagte Trotzki damals, im Jahre 1915, in seinem kritischen Artikel? Wie beurteilte er den Artikel des Genossen Lenin? Fasste er ihn so auf, dass Lenin, als er vom Siege des Sozialismus in einem Lande sprach, nicht Rußland im Auge gehabt habe, oder aber fasste er ihn irgendwie anders auf, sagen wir, so wie wir ihn heute alle auffassen? Hier eine Stelle aus diesem Artikel Trotzkis:
„Das einzige einigermaßen konkrete historische Argument gegen die Losung der Vereinigten Staaten wurde im schweizerischen ‚Sozialdemokrat’ (dem damaligen Zentralorgan der Bolschewiki, in dem auch der oben erwähnte Artikel Lenins veröffentlicht wurde. J. St.) in folgendem Satz formuliert: ‚Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus.’ Daraus zog der ‚Sozialdemokrat’ den Schluss, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich sei und dass es deshalb nicht notwendig sei, die Diktatur des Proletariats in jedem einzelnen Staat von der Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa abhängig zu machen... Dass kein einziges Land in seinem Kampfe auf die anderen ‚warten’ soll, ist ein elementarer Gedanke, den zu wiederholen nützlich und notwendig ist, damit nicht die Idee der parallelen internationalen Tat durch die Idee der abwartenden internationalen Untätigkeit ersetzt werde. Ohne auf die anderen zu warten, beginnen wir den Kampf auf nationalem Boden und setzen ihn hier fort, in der vollen Überzeugung, dass unsere Initiative dem Kampf in den anderen Ländern einen Anstoß geben wird; wenn das aber nicht geschehen sollte, dann wäre es aussichtslos, zu glauben - davon zeugen sowohl die geschichtlichen Erfahrungen als auch theoretische Erwägungen -, dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten’ oder ein sozialistisches Deutschland in der kapitalistischen Welt isoliert bleiben könnte.“ (Siehe Trotzkis Schriften, Bd. III, Teil 1, S.89190.)
Es ergibt sich, dass Trotzki Lenins Artikel damals nicht so auffasste, wie Kamenew ihn jetzt „aufzufassen” bemüht ist, sondern so, wie er von Lenin gemeint war, wie ihn die Partei auffasst und wie wir alle ihn auffassen, sonst hätte Trotzki seine Polemik gegen Lenin nicht mit dem Argument bezüglich Rußlands bekräftigt.
Es ergibt sich, dass Trotzki hier, in diesem Zitat, gegen seinen jetzigen Bundesgenossen, gegen Kamenew, Zeugnis ablegt.
Warum aber ist er dann auf dieser Konferenz nicht gegen Kamenew aufgetreten? Warum hat Trotzki hier nicht offen und ehrlich erklärt, dass Kamenew Lenin ganz offensichtlich verfälscht? Glaubt Trotzki denn, dass sein Stillschweigen in diesem Fall als Beispiel ehrlicher Polemik gelten kann? Trotzki ist hier eben deshalb nicht gegen Kamenew aufgetreten, weil er offenbar nicht in das zweifelhafte „Geschäft” einer direkten Verleumdung Lenins verstrickt werden wollte - diese schmutzige Arbeit hat er Kamenew überlassen.
Welche Stellung aber nimmt die Partei, zum Beispiel die XIV. Parteikonferenz, zu dieser Frage ein? In der Resolution der XIV. Parteikonferenz, in der die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande behandelt wird, heißt es hierzu:
„Aus der ,Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung, die ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus ist’, folgerte Genosse Lenin mit Recht zweierlei: a) die Möglichkeit des ,Sieges des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande’, und b) die Möglichkeit, dass diese wenigen Länder oder sogar dieses eine Land nicht unbedingt die Länder des am stärksten entwickelten Kapitalismus sein werden (siehe insbesondere die Aufzeichnungen über Suchanow). Die Erfahrung der russischen Revolution hat bewiesen’, dass dieser ursprüngliche Sieg in einem Lande nicht nur möglich ist, sondern dass bei einer Reihe günstiger Umstände dieses erste Land der siegreichen proletarischen Revolution sich (bei gewisser Unterstützung durch das internationale Proletariat) auf lange Zeit behaupten und festigen kann, auch dann, wenn diese Unterstützung nicht die Form direkter proletarischer Revolutionen in anderen Ländern annimmt.” (Aus der Resolution der XIV. Parteikonferenz „über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) im Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI“.[15])
Es ergibt sich, dass die Partei als Ganzes, vertreten durch ihre XIV. Konferenz, gegen Kamenew Zeugnis ablegt, gegen seine Behauptung, Lenin habe in seinem Artikel über den Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht Rußland im Auge gehabt. Sonst hätte die Konferenz nicht gesagt, „die Erfahrung der russischen Revolution hat bewiesen”, dass Lenins bekannter Artikel über den Sieg des Sozialismus in einem Lande richtig ist.
Es ergibt sich, dass die XIV. Parteikonferenz den Artikel des Genossen Lenin so aufgefasst hat, wie er von Lenin gemeint war, wie ihn Trotzki auffasste und wie wir ihn alle auffassen.
Wie aber verhielten sich Kamenew und Sinowjew zu dieser Resolution der XIV. Parteikonferenz? Ist es etwa nicht Tatsache, dass der Resolutionsentwurf von einer Kommission, der Sinowjew und Kamenew angehörten, ausgearbeitet und einstimmig angenommen wurde? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Kamenew auf der XIV. Parteikonferenz, die die oben erwähnte Resolution einstimmig annahm, den Vorsitz führte und dass Sinowjew das Referat zu dieser Resolution hielt? Wie konnte es geschehen, dass Kamenew und Sinowjew für diese Resolution in allen ihren Punkten stimmten? Ist denn nicht klar, dass Kamenew Lenins Artikel, aus dem ein Zitat direkt in die Resolution der XIV. Parteikonferenz aufgenommen wurde, damals anders auffasste, als er ihn jetzt „aufzufassen” bemüht ist? Welchem Kamenew soll man nun glauben: dem, der als Vorsitzender der XIV. Parteikonferenz für die Resolution der XIV. Parteikonferenz gestimmt hat, oder dem, der jetzt auf der XV. Parteikonferenz die Rolle des Hausknechts Trotzkis spielt?
Es ergibt sich, dass der Kamenew der XIV. Parteikonferenz gegen den Kamenew der XV. Parteikonferenz Zeugnis ablegt.
Weshalb aber schweigt Sinowjew und versucht nicht, Kamenew zu korrigieren, der ganz offensichtlich sowohl Lenins Artikel vom Jahre 1915 als auch die Resolution der XIV. Parteikonferenz verfälscht? Ist es etwa nicht Tatsache, dass kein anderer als Sinowjew die Resolution über den Sieg des Sozialismus in einem Lande auf der XIV. Parteikonferenz verteidigte?
Es ergibt sich, dass Sinowjew hier keine ganz saubere Weste hat. (Zurufe: „Eine ganz und gar unsaubere.”) Wo bleibt denn hier die ehrliche Polemik?
Es ergibt sich, dass Kamenew und Sinowjew jetzt nichts an einer ehrlichen Polemik gelegen ist.
Und die Schlussfolgerung? Die Schlussfolgerung ist die, dass Kamenew es nicht verstanden hat, die Rolle eines Hausknechts Trotzkis zu spielen. Er hat die Hoffnungen Trotzkis getäuscht.
III. Heilloses Durcheinander, oder Sinowjew über revolutionären Geist und Internationalismus
Ich komme zu Sinowjew. Während Kamenew sich in seiner ganzen Rede befleißigt, Trotzki den Weg zu säubern, übernahm Sinowjew die Aufgabe, den Beweis dafür zu erbringen, dass die Führer der Opposition die einzigen Revolutionäre und einzigen Internationalisten auf der ganzen Welt seien.
Untersuchen wir seine „Argumente”.
Er knüpft an die Worte Bucharins an, dass man bei der Behandlung von Fragen inneren Charakters (Aufbau des Sozialismus) methodologisch von den Fragen äußeren Charakters absehen müsse; er vergleicht dann diesen Satz Bucharins mit den Thesen über den Oppositionsblock, in denen von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande die Rede ist und gelangt zu dem Schluss, dass Bucharin und das ZK, das die Thesen im wesentlichen bestätigt hat, somit die internationalen Aufgaben unserer Revolution, die Interessen der internationalen Revolution angeblich außer acht lassen.
Stimmt das alles? Das alles ist Unsinn, Genossen. Das ganze Geheimnis besteht darin, dass Sinowjew in Fragen der Methodologie schwach ist, dass er die einfachsten Dinge nicht auseinander halten kann und seine eigene Verworrenheit für die Wirklichkeit ausgibt. Bucharin sagt, man dürfe die Fragen des Aufbaus des Sozialismus nicht mit den Fragen der Schaffung einer Garantie gegen Interventionen in unser Land, die inneren Fragen nicht mit den äußeren Fragen verwechseln. Bucharin sagt keineswegs, dass die inneren Fragen mit den äußeren, den internationalen Fragen, nicht im Zusammenhang stünden. Er sagt lediglich, dass man die Fragen der ersten Kategorie nicht mit den Fragen der zweiten Kategorie durcheinander bringen darf. Das ist eine grundlegende und elementare Forderung der Methodologie. Wen trifft denn die Schuld, wenn Sinowjew die elementaren Fragen der Methodologie nicht begreift?
Wir gehen davon aus, dass unser Land zwei Gruppen von Gegensätzen aufweist: innere Gegensätze und äußere Gegensätze. Die inneren Gegensätze bestehen vor allem im Kampf zwischen den sozialistischen und den kapitalistischen Elementen. Wir sagen, dass wir diese Gegensätze aus eigener Kraft überwinden können, dass wir die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft besiegen, die Hauptmassen der Bauernschaft in den sozialistischen Aufbau einbeziehen und die sozialistische Gesellschaft errichten können.
Die äußeren Gegensätze bestehen im Kampf zwischen dem Land des Sozialismus und der kapitalistischen Umwelt. Wir sagen, dass wir diese Gegensätze nicht aus eigener Kraft beseitigen können, dass zur Beseitigung dieser Gegensätze der Sieg des Sozialismus, zumindest in einigen Ländern, notwendig ist. Eben deshalb sagen wir auch, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht Selbstzweck ist, sondern Stütze, Mittel und Instrument für den Sieg der proletarischen Revolution in allen Ländern.
Ist das alles richtig? Möge Sinowjew den Beweis erbringen, dass das falsch ist.
Es ist Sinowjews Pech, dass er den Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen von Gegensätzen nicht sieht, dass er sie heillos durcheinanderbringt und seine eigene Verworrenheit für „wahren” Internationalismus ausgibt, in der Meinung, dass man, wenn man bei der Untersuchung von Fragen inneren Charakters methodologisch von den Fragen äußeren Charakters absieht, die Interessen der internationalen Revolution außer acht lässt.
Das ist lächerlich genug, aber man muss sich darüber klar werden, dass es nicht überzeugend ist.
Was die Thesen betrifft, die angeblich das internationale Moment unserer Revolution außer acht lassen, so braucht man diese Thesen nur durchzulesen, um zu erkennen, dass sich Sinowjew wiederum verheddert hat. In den Thesen wird folgendes gesagt:
„Die Partei geht davon aus, dass unsere Revolution eine sozialistische Revolution ist, dass die Oktoberrevolution nicht nur Signal, Anstoß und Ausgangspunkt für die sozialistische Revolution im Westen ist, sondern dass sie gleichzeitig erstens die Basis für die weitere Entfaltung der internationalen revolutionären Bewegung ist und zweitens die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus in der UdSSR (Diktatur des Proletariats) eröffnet, in deren Verlauf das Proletariat, bei einer richtigen Politik gegenüber der Bauernschaft, die vollendete sozialistische Gesellschaft erfolgreich aufbauen kann und wird, vorausgesetzt natürlich, dass die Macht der internationalen revolutionären Bewegung einerseits und die Macht des Proletariats der ‘UdSSR anderseits groß genug sein werden, um die UdSSR vor einer militärischen Intervention des Imperialismus zu schützen.“
Sie sehen, dass dem internationalen Moment in den Thesen voll und ganz Rechnung getragen worden ist.
Ferner: Sinowjew, und im Verein mit ihm Trotzki, führen Zitate aus Lenins Werken an, in denen es heißt, dass der „vollständige Sieg der sozialistischen Revolution in einem Lande undenkbar ist, dass er die aktivste Zusammenarbeit zumindest einiger fortgeschrittener Länder erfordert”, und gelangen sonderbarerweise zu dem Schluss, dass die Errichtung des Sozialismus in einem Lande über die Kräfte des Proletariats unseres Landes gehe. Aber das ist doch ein heilloses Durcheinander, Genossen! Hat die Partei jemals gesagt, dass der vollständige Sieg, der endgültige Sieg des Sozialismus in unserem Lande möglich sei und von den Kräften des Proletariats eines Landes errungen werden könne? Wo und wann wurde das gesagt - das möge man uns zeigen. Sagt denn die Partei nicht, und hat sie nicht stets ebenso wie Lenin gesagt, dass der vollständige, endgültige Sieg des Sozialismus nur nach dem Siege des Sozialismus in einigen Ländern möglich ist? Hat denn die Partei nicht Dutzende und Hunderte Male erklärt, dass man den Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht mit dem vollständigen, endgültigen Sieg des Sozialismus verwechseln darf?
Die Partei ist stets davon ausgegangen, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande die Möglichkeit bedeutet, den Sozialismus in diesem Lande zu errichten, wobei diese Aufgabe mit den Kräften eines Landes gelöst werden kann, dass der vollständige Sieg des Sozialismus dagegen die Garantie gegen Intervention und Restauration bedeutet, wobei diese Aufgabe nur unter der Voraussetzung des Sieges der Revolution in einigen Ländern gelöst werden kann. Wie kann man nach alledem die eine und die andere Aufgabe so heillos durcheinander bringen? Wen trifft denn da die Schuld, wenn Sinowjew, und im Verein mit ihm Trotzki, den Sieg des Sozialismus in einem Lande und den vollständigen, endgültigen Sieg des Sozialismus so heillos durcheinander bringen? Sie sollten doch wenigstens die bekannte Resolution der XIV. Parteikonferenz durchlesen, worin diese Frage mit einer Genauigkeit behandelt wird, die selbst schon für einen Schüler der Partei- und Verwaltungsschule befriedigend sein dürfte.
Sinowjew, und im Verein mit ihm Trotzki, führen aus Lenins Werken eine Reihe von Zitaten aus der Periode des Brester Friedens an, in denen es heißt, dass der äußere Feind unsere Revolution niederschlagen kann. Aber ist es denn so schwer zu begreifen, dass diese Zitate nichts mit der Frage der Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande zu tun haben? Genosse Lenin sagt, dass wir gegen die Möglichkeit von Interventionen nicht gesichert sind, und das trifft absolut zu. Hat denn aber unsere Partei jemals gesagt, dass wir unser Land allein aus eigener Kraft vor der Interventionsgefahr zu sichern vermögen? Hat denn die Partei nicht behauptet, und behauptet sie nicht auch weiterhin, dass nur der Sieg der proletarischen Revolution in einigen Ländern uns eine Garantie gegen eine Intervention zu bieten vermag? Wie kann man auf Grund dessen behaupten, die Errichtung des Sozialismus in unserem Lande gehe über die Kräfte des Proletariats unseres Landes? Ist es nicht an der Zeit, damit aufzuhören, die äußeren Fragen, die Fragen des direkten Kampfes gegen die Weltbourgeoisie, mit den Fragen des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande, mit den Fragen des Sieges über die kapitalistischen Elemente in unserem eigenen Lande bewusst zu vermengen?
Ferner. Sinowjew führt ein Zitat aus dem „Kommunistischen Manifest” an: „Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung” (d. h. des Proletariats. Der Übers.], vergleicht dieses Zitat mit dem Zitat aus einem Manuskript des Genossen Lenin, dass „für den Sieg des Sozialismus die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter einiger fortgeschrittener Länder notwendig sind”, und gelangt zu dem Schluss, dass unsere Partei angeblich gegen diese allgemein gültigen und unbestreitbaren Sätze verstoßen und die internationalen Voraussetzungen für den Sieg der proletarischen Revolution außer acht gelassen habe. Nun, ist das etwa nicht lächerlich, Genossen? Wo und wann hätte unsere Partei die entscheidende Bedeutung der internationalen Anstrengungen der Arbeiterklasse und die internationalen Voraussetzungen für den Sieg der Revolution in unserem Lande jemals unterschätzt? Was ist denn die Komintern anderes als der Ausdruck der Vereinigung der Anstrengungen der Proletarier nicht nur der fortgeschrittenen Länder, sondern auch aller Länder der Welt sowohl im Interesse der Weltrevolution als auch im Interesse der Entwicklung unserer Revolution? Und wer anders als unsere Partei hat die Initiative zur Gründung der Komintern ergriffen, und wer anders als unsere Partei ist ihr Vortrupp? Und was ist die Politik der Einheitsfront der Gewerkschaften anderes als die Vereinigung der Anstrengungen der Arbeiter nicht nur der fortgeschrittenen Länder, sondern überhaupt aller Länder? Wer kann bestreiten, dass unsere Partei bei der Durchführung der Politik der Einheitsfront der Gewerkschaften der ganzen Welt eine Rolle von erstrangiger Bedeutung spielt? Ist es etwa nicht Tatsache, dass unsere Revolution die Entwicklung der Revolution in allen Ländern stets unterstützt hat und auch weiterhin unterstützt? Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Arbeiter aller Länder durch ihre Sympathie für unsere Revolution und durch ihren Kampf gegen die Interventionsversuche unsere Revolution unterstützt haben und auch weiterhin unterstützen? Was ist das anderes als die Vereinigung der Anstrengungen der Arbeiter aller Länder im Interesse des Sieges unserer Revolution? Und der Kampf der englischen Arbeiter gegen Curzon im Zusammenhang mit der bekannten Note?[Anmerkung 59] Und die Unterstützung der englischen Bergarbeiter durch die Arbeiter der UdSSR? Ich könnte, Genossen, nötigenfalls noch eine Reihe bekannter Tatsachen dieser Art anführen.
Wo werden hier die internationalen Aufgaben unserer Revolution außer Acht gelassen?
Worin besteht nun das ganze Geheimnis? Das ganze Geheimnis besteht hier darin, dass Sinowjew versucht, an die Stelle der Kardinalfrage, der Frage der Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande ohne staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat, der Kardinalfrage, ob die proletarische Macht in Rußland unter den gegenwärtigen internationalen Bedingungen einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten kann - die Frage der gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier aller Länder im Interesse des Sieges des Sozialismus in unserem Lande zu setzen.
Trotzki, Sinowjews gegenwärtiger Lehrmeister, sagt:
„Es wäre aussichtslos, zu glauben..., dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten könnte.” (Trotzki, Bd. III, Teil 1, S. 90.)
Trotzki, Sinowjews gegenwärtiger Lehrmeister, sagt:
„Ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat wird die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein, die Macht zu behaupten und ihre zeitweilige Herrschaft in eine dauernde sozialistische Diktatur zu verwandeln. Daran darf man nicht einen Augenblick zweifeln.” (Siehe „Unsere Revolution”, S. 278.)
Folglich setzt Sinowjew an die Stelle der Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande unter der Voraussetzung des Sieges des Proletariats in Europa („staatliche Unterstützung durch das europ. Proletariat“) die Frage der gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter Europas und Rußlands.
Darum handelt es sich, und darum geht unser Streit.
Sinowjew versucht, durch Anführung von Zitaten aus Lenins Werken und aus dem „Kommunistischen Manifest” an die Stelle der einen Frage eine andere Frage zu setzen.
Das ist das ganze Geheimnis der Sinowjewschen Exerzitien bezüglich des „Außerachtlassens” der internationalen Aufgaben unserer Revolution durch unsere Partei.
Das ist das ganze Geheimnis der Sinowjewschen Taschenspielertricks, des Wirrwarrs und Durcheinanders, das in seinem Kopfe herrscht.
Und diesen heillosen Wirrwarr, diese Verworrenheit und dieses Durcheinander in seinem Kopf gibt Sinowjew in seiner „Bescheidenheit“ für den dem Oppositionsblock eigenen „wahren” revolutionären Geist und „wahren” Internationalismus aus.
Ist das alles nicht lächerlich, Genossen?
Nein, um in unserer Zeit ein Internationalist und Revolutionär zu sein, muss man als Mitglied der Partei unsere Partei, die zugleich der Vortrupp der Komintern ist, mit allen Mitteln stärken und mit aller Kraft unterstützen. Die Oppositionellen aber richten sie zugrunde und diskreditieren sie.
Um in unserer Zeit ein Internationalist zu sein, muss man die Kommunistische Internationale mit allen Mitteln stärken und mit aller Kraft unterstützen. Die Oppositionellen aber zersetzen sie und richten sie zugrunde, indem sie die Maslow und Souvarine, und wie sie alle heißen, unterstützen und instruieren.
Es ist an der Zeit zu begreifen, dass man nicht Revolutionär und Internationalist sein kann, wenn man mit unserer Partei, die der Vortrupp der Kommunistischen Internationale ist, auf dem Kriegsfuß steht. (Beifall.)
Es ist an der Zeit zu begreifen, dass die Oppositionellen, nachdem sie der Komintern den Krieg erklärt haben, aufgehört haben, Revolutionäre und Internationalisten zu sein. (Beifall.)
Es ist an der Zeit zu begreifen, dass die Oppositionellen keine Revolutionäre und Internationalisten sind, sondern nur von Revolution und Internationalismus schwätzen. (Beifall.)
Es ist an der Zeit zu begreifen, dass sie keine Revolutionäre der Tat sind, sondern Revolutionäre der marktschreierischen Phrasen und der Filmleinwand. (Heiterkeit, Beifall.)
Es ist an der Zeit zu begreifen, dass sie keine Revolutionäre der Tat sind, sondern Kinorevolutionäre. (Heiterkeit, Beifall.)
IV. Trotzki fälscht den Leninismus
1. Trotzkis Taschenspielertricks oder die Frage der „permanenten Revolution”
Ich komme zu Trotzkis Rede.
Trotzki hat erklärt, die Theorie der permanenten Revolution habe mit der zur Erörterung stehenden Frage nach dem Charakter und den Perspektiven unserer Revolution überhaupt nichts zu tun.
Das ist, gelinde gesagt, sehr sonderbar. Wieso? Ist etwa die Theorie der permanenten Revolution nicht die Theorie von den Triebkräften der Revolution? Trifft es etwa nicht zu, dass die Theorie der permanenten Revolution vor allem von den Triebkräften unserer Revolution handelt? Was aber ist die Frage nach dem Charakter und den Perspektiven unserer Revolution anderes als die Frage nach den Triebkräften dieser Revolution? Wie kann man behaupten, die Theorie der permanenten Revolution habe mit der zur Erörterung stehenden Frage überhaupt nichts zu tun? Das trifft nicht zu, Genossen. Das ist ein Kniff, ein Taschenspielertrick. Das ist ein Versuch, die Spuren zu verwischen. Das ist ein Versuch, Versteck zu spielen. Vergebliches Bemühen! Versuchen Sie nicht, Versteck zu spielen - sich zu verstecken wird Ihnen doch nicht gelingen!
An einer anderen Stelle seiner Rede versuchte Trotzki darauf „anzuspielen”, dass er der Theorie der permanenten Revolution schon längst keine ernste Bedeutung mehr beimesse. Und Kamenew hat in seiner Rede „zu verstehen gegeben”, dass Trotzki wahrscheinlich gar nicht abgeneigt sei, sich von der Theorie der permanenten Revolution abzukehren, sofern er sich nicht bereits von ihr abgekehrt habe.
Es geschehen noch Zeichen und Wunder.
Wollen wir die Frage untersuchen: Trifft es zu, dass die Theorie der permanenten Revolution nichts mit der zur Erörterung stehenden Frage zu tun hat, und wenn das nicht zutrifft, kann man dann Kamenew glauben, dass Trotzki der Theorie der permanenten Revolution keine Bedeutung beimesse und sich schier von ihr losgesagt habe?
Wenden wir uns den Dokumenten zu. Ich habe vor allem einen 1925 in der Presse veröffentlichten Brief Trotzkis an Genossen Olminski vom Dezember 1921 im Auge - einen Brief, von dem Trotzki niemals abzurücken versucht hat, von dem er bis auf den heutigen Tag weder direkt noch indirekt abgerückt ist und der infolgedessen volle Gültigkeit behält. Was aber wird in diesem Brief über die permanente Revolution gesagt?
Hören Sie bitte:
„Ich bin keineswegs der Meinung, dass ich in meinen Differenzen mit den Bolschewiki in allem Unrecht hatte. Ich hatte Unrecht - und zwar gründlich - in der Einschätzung der menschewistischen Fraktion, als ich ihre revolutionären Möglichkeiten überschätzte und hoffte, dass es gelingen werde, ihren rechten Flügel zu isolieren und unschädlich zu machen. Dieser fundamentale Fehler rührte jedoch daher, dass ich an beide Fraktionen, sowohl an die bolschewistische als auch an die menschewistische, vom Standpunkt der Idee der permanenten Revolution und der Diktatur des Proletariats heranging, während in jener Periode sowohl die Bolschewiki als auch die Menschewiki den Standpunkt der bürgerlichen Revolution und der demokratischen Republik vertraten. Ich nahm an, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Fraktionen grundsätzlich nicht allzu tiefe Wurzeln hätten, und hoffte (diese Hoffnung habe ich wiederholt in Briefen und in Referaten zum Ausdruck gebracht), dass der Verlauf der Revolution selbst beide Fraktionen zu dem Standpunkt der permanenten Revolution und der Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse gelangen lassen werde, was im Jahre 1905 zum Teil auch geschehen ist. (Vorwort des Genossen Lenin zu Kautskys Artikel über die Triebkräfte der russischen Revolution und die ganze Richtung der Zeitung ,Natschalo’.)
Ich glaube, dass meine Einschätzung der Triebkräfte der Revolution unbedingt richtig war, wohingegen die Schlussfolgerungen, die ich daraus in bezug auf die beiden Fraktionen zog, unbedingt falsch waren. Nur der Bolschewismus konzentrierte in seinen Reihen dank seiner unversöhnlichen Linie die wirklich revolutionären Elemente sowohl der alten Intelligenz als auch der fortgeschrittenen Schicht der Arbeiterklasse. Nur dank der Tatsache, dass es dem Bolschewismus gelang, diese revolutionär zusammengeschlossene Organisation zu schaffen, wurde eine so rasche Wendung von der revolutionär-demokratischen Position zur revolutionär-sozialistischen Position möglich.
Auch jetzt könnte ich mühelos meine polemischen Artikel gegen die Menschewiki und Bolschewiki in zwei Kategorien einteilen: Die einen sind der Analyse der inneren Kräfte der Revolution, ihren Perspektiven gewidmet (im polnischen theoretischen Organ Rosa Luxemburgs, ‚Neue Zeit’), und die anderen sind der Einschätzung der Fraktionen der russischen Sozialdemokraten, ihrem Kampf u. a. gewidmet. Die Artikel der ersten Kategorie könnte ich, ohne eine Korrektur an ihnen vorzunehmen, auch jetzt herausgeben, da sie mit der Position unserer Partei, beginnend mit dem Jahre 1917, voll und ganz übereinstimmen. Die Artikel der zweiten Kategorie sind augenscheinlich fehlerhaft, und es würde sich nicht lohnen, sie neu herauszugeben.” (Siehe „Lenin über Trotzki”, 1925, mit einem Vorwort des Genossen Olminski.)
Und was ergibt sich demnach?
Es ergibt sich demnach, dass sich Trotzki in Organisationsfragen geirrt hat, dass er aber in Fragen der Einschätzung unserer Revolution, in der Frage der permanenten Revolution, Recht hatte und Recht behält.
Es kann Trotzki allerdings nicht unbekannt sein, dass Lenin bis zu seinem Lebensende gegen die Theorie der permanenten Revolution gekämpft hat. Aber dadurch lässt er sich nicht beirren.
Es ergibt sich demnach ferner, dass beide Fraktionen, sowohl die Menschewiki als auch die Bolschewiki, zur Theorie der permanenten Revolution hätten gelangen müssen, dass aber in Wirklichkeit nur die Bolschewiki zu dieser Theorie gelangt sind, da sie über eine revolutionär zusammengeschlossene Organisation der Arbeiter und der alten Intelligenz verfügten, und sie sind auch nicht sofort zu dieser Theorie gelangt, sondern erst „beginnend mit dem Jahre 1917”.
Es ergibt sich demnach schließlich, dass die Theorie der permanenten Revolution „mit der Position unserer Partei, beginnend mit dem Jahre 1917, voll und ganz übereinstimmte”.
Urteilen Sie nun selbst: Sieht das danach aus, als ob Trotzki der Theorie der permanenten Revolution keine große Bedeutung beimisst? Nein, es sieht nicht danach aus. Im Gegenteil, wenn die Theorie der permanenten Revolution tatsächlich, „beginnend mit dem Jahre 1917”, mit der Position der Partei übereinstimmte, so kann man daraus nur die eine Schlussfolgerung ziehen, dass Trotzki dieser Theorie entscheidende Bedeutung für unsere gesamte Partei beimaß und weiter beimisst.
Was aber heißt „übereinstimmte”? Wie konnte Trotzkis Theorie der permanenten Revolution mit der Position unserer Partei übereinstimmen, wenn feststeht, dass unsere Partei, vertreten durch Lenin, die ganze Zeit hindurch gegen diese selbe Theorie gekämpft hat?
Eins von beiden: Entweder hatte unsere Partei keine eigene Theorie und wurde erst später, durch den Lauf der Dinge, gezwungen, Trotzkis Theorie der permanenten Revolution zu übernehmen, oder sie hatte ihre eigene Theorie, diese Theorie aber wurde, „beginnend mit dem Jahre 1917”, durch Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, ohne dass man es merkte, verdrängt.
Diese „Unklarheit” hat Trotzki dann später in seinem „Vorwort” zu dem im Jahre 1922 geschriebenen Buch „Das Jahr 1905” geklärt. Nachdem Trotzki das Wesen der Theorie der permanenten Revolution dargelegt und die Einschätzung unserer Revolution unter dem Gesichtswinkel der Theorie der permanenten Revolution analysiert hat, gelangt er zu folgendem Schluss:
„Diese Einschätzung hat, wenn auch mit einer Unterbrechung von 12 Jahren, ihre volle Bestätigung gefunden.” (Trotzki, „1905”, „Vorwort“.)
Mit anderen Worten: Die von Trotzki im Jahre 1905 „konstruierte” Theorie der permanenten Revolution hat im Jahre 1917, 12 Jahre später, „ihre volle Bestätigung gefunden”.
Wie aber konnte sie ihre Bestätigung finden? Und die Bolschewiki - was ist aus ihnen geworden? Sollten sie wirklich in die Revolution gezogen sein, ohne überhaupt eine eigene Theorie gehabt zu haben, sollten sie zu nichts weiter fähig gewesen sein, als die revolutionäre Intelligenz, die revolutionären Arbeiter zusammenzuschließen? Und außerdem, auf welcher Grundlage haben sie die Arbeiter zusammengeschlossen, auf Grund welcher Prinzipien? Die Bolschewiki hatten doch wohl irgendeine Theorie, eine Einschätzung der Revolution, eine Einschätzung der Triebkräfte der Revolution aufzuweisen? Sollte unsere Partei wirklich keine andere Theorie als die Theorie der permanenten Revolution gehabt haben?
Urteilen Sie selbst: Da haben wir Bolschewiki nun gelebt und uns entwickelt ohne Perspektiven und ohne eine revolutionäre Theorie; so haben wir gelebt von 1903 bis 1917; dann aber, „beginnend mit dem Jahre 1917”, haben wir, ohne es selbst zu merken, die Theorie der permanenten Revolution geschluckt und sind auf die Beine gekommen. Zweifelsohne - eine interessante Mär. Wie aber konnte das geschehen, ohne dass wir es merkten, ohne Kampf, ohne Erschütterung innerhalb der Partei? Wie konnte das so einfach, so mir nichts, dir nichts geschehen? Zumal, da bekannt ist, dass Lenin und seine Partei gegen die Theorie der permanenten Revolution seit dem ersten Tage ihres Entstehens gekämpft haben?
Übrigens klärt Trotzki diese „Unklarheit” in einem anderen Dokument. Ich meine Trotzkis „Anmerkung” zu seinem im Jahre 1922 geschriebenen Artikel „Unsere Meinungsverschiedenheiten”.
Die entsprechende Stelle aus diesem Artikel Trotzkis lautet:
„Wenn die Menschewiki, ausgehend von der Abstraktion: ,’Unsere Revolution ist eine bürgerliche Revolution’ zu der Idee der Anpassung der gesamten Taktik des Proletariats an das Verhalten der liberalen Bourgeoisie, die Eroberung der Staatsmacht durch sie einbegriffen, gelangen - so gelangen die Bolschewiki, ausgehend ebenfalls von der reinen Abstraktion: ,demokratische, und nicht sozialistische Diktatur’ zu der Idee der bürgerlich-demokratischen Selbstbeschränkung des Proletariats, in dessen Händen sich die Staatsmacht befindet. Allerdings besteht zwischen ihnen in dieser Frage ein sehr bedeutsamer Unterschied: Während die antirevolutionären Seiten des Menschewismus sich bereits jetzt in aller Schärfe geltend machen, drohen die antirevolutionären Züge des Bolschewismus erst im Falle des revolutionären Sieges zu einer gewaltigen Gefahr zu werden.” (Trotzki, „1905”, S.285.)
Es stellt sich heraus, dass nicht nur der Menschewismus seine antirevolutionären Seiten hatte, sondern dass auch der Bolschewismus nicht frei von „antirevolutionären Zügen” war, die „erst im Falle des revolutionären Sieges zu einer gewaltigen Gefahr zu werden” drohten.
Haben denn die Bolschewiki sich später von den „antirevolutionären Zügen” des Bolschewismus frei gemacht, und wenn ja, auf welche Weise?
Diese „Unklarheit” klärt Trotzki in der „Anmerkung” zu dem Artikel „Unsere Meinungsverschiedenheiten”.
Hören Sie bitte:
„Das war bekanntlich nicht der Fall, da der Bolschewismus unter der Führung des Genossen Lenin (nicht ohne inneren Kampf) die Auswechslung seines ideologischen Rüstzeugs in dieser wichtigen Frage im Frühjahr 1917, d. h. vor .der Eroberung der Macht, vornahm.” (Trotzki, „1905”, 5.285.)
Also „Auswechslung des Rüstzeugs” der Bolschewiki, „beginnend mit dem Jahre 1917”, auf Grund der Theorie der permanenten Revolution, dadurch Rettung der Bolschewiki vor den „antirevolutionären Zügen des Bolschewismus”, endlich die Tatsache, dass die Theorie der permanenten Revolution somit „ihre volle Bestätigung gefunden hat” - das ist Trotzkis Schlussfolgerung.
Was aber ist aus dem Leninismus geworden, aus der Theorie des Bolschewismus, aus der bolschewistischen Einschätzung unserer Revolution, ihrer Triebkräfte usw.? Entweder haben sie nicht „ihre volle Bestätigung gefunden”, oder sie haben überhaupt keine „Bestätigung gefunden”, oder aber sie sind in Dunst und Rauch aufgegangen und haben zwecks „Auswechslung des Rüstzeugs” der Partei der Theorie der permanenten Revolution Platz gemacht.
Also, es waren einmal Bolschewiki, die „beginnend” mit dem Jahre 1903, die Partei schlecht und recht „zusammenschlossen”, die aber keine revolutionäre Theorie hatten, die, „beginnend” mit dem Jahre 1903, durch viele Irrungen und Wirrungen gingen und sich irgendwie bis zum Jahre 1917 durchschlugen; dann aber, als sie Trotzki mit der Theorie der permanenten Revolution in der Hand erblickten, beschlossen sie, ihr „Rüstzeug auszuwechseln”, und büßten nach „Auswechslung des Rüstzeugs” die letzten Reste des Leninismus, der Leninschen Revolutionstheorie, ein und erreichten damit eine „völlige Übereinstimmung” der Theorie der permanenten Revolution mit der „Position” unserer Partei.
Das ist eine sehr interessante Mär, Genossen. Das ist, wenn Sie wollen, einer jener erstklassigen Taschenspielertricks, wie man sie im Zirkus sehen kann. Wir befinden uns aber nicht im Zirkus, sondern auf einer Konferenz unserer Partei. Und wir haben Trotzki doch nicht als Zirkuskünstler engagiert. Was sollen also all diese Taschenspielertricks?
Wie beurteilte Genosse Lenin Trotzkis Theorie der permanenten Revolution? In einem seiner Artikel, in dem er sich über diese Theorie lustig macht und sie „originell” und „wunderbar” nennt, schreibt er folgendes:
„Die Klassenverhältnisse in der bevorstehenden Revolution klarzustellen, ist die Hauptaufgabe einer revolutionären Partei... Diese Aufgabe wird von Trotzki in ‚Nasche Slowo’ nicht richtig gelöst; er wiederholt seine ‚originelle’ Theorie aus dem Jahre 1905 und will sich keine Gedanken darüber machen, aus welchen Gründen das Leben volle zehn Jahre an dieser wunderbaren Theorie vorbeigegangen ist.
Die originelle Theorie Trotzkis übernimmt von den Bolschewiki den Appell zum entschlossenen revolutionären Kampf des Proletariats und zur Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, von den Menschewiki aber die ,Negierung’ der Rolle der Bauernschaft” ... Dadurch „hilft Trotzki in Wirklichkeit den liberalen Arbeiterpolitikern in Rußland, die unter der ,Negierung’ der Rolle der Bauernschaft den mangelnden ‘Willen verstehen, die Bauern zur Revolution aufzurütteln!” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 3811382, russ.)
Es ergibt sich somit, dass Lenin in der Theorie der permanenten Revolution eine halbmenschewistische Theorie sah, die die revolutionäre Rolle der Bauernschaft in der russischen Revolution ignoriert.
Unbegreiflich ist nur, wie diese halbmenschewistische Theorie mit der Position unserer Partei, wenn auch erst „beginnend mit dem Jahre 1917”, „voll und ganz übereinstimmen” konnte.
Und wie beurteilt unsere Partei die Theorie der permanenten Revolution? In der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz wird darüber folgendes gesagt:
„Ein Bestandteil der trotzkistischen Theorie der permanenten Revolution ist die Behauptung, dass ‚ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siege des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird’ (Trotzki 1922) - eine Behauptung, die das Proletariat der UdSSR in der jetzigen Periode zu fatalistischer Passivität verurteilt. Gegen derartige ,Theorien’ schrieb Genosse Lenin: ,Unendlich schablonenhaft ist ihr Argument, das sie im Verlauf der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben und das darin besteht, dass wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, dass uns, wie sich die verschiedenen ,gelehrten’ Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen.” (Aufzeichnungen über Suchanow.) (Resolution der XIV. Parteikonferenz.[16])
Es ergibt sich somit, dass die Theorie der permanenten Revolution mit der gleichen Suchanow-Richtung zusammenfällt, die Genosse Lenin in seinen Aufzeichnungen „über unsere Revolution” als Sozialdemokratismus brandmarkt.
Unbegreiflich ist nur, wie es geschehen konnte, dass unsere bolschewistische Partei ihr Rüstzeug zugunsten einer solchen Theorie „auswechseln” konnte.
Kamenew hat in seiner Rede „zu verstehen gegeben”, dass Trotzki im Begriff sei, sich von seiner Theorie der permanenten Revolution abzukehren, und hat zur Erhärtung dessen folgende mehr als zweideutige Stelle aus Trotzkis jüngstem Brief an die Oppositionellen vom September 1926 zitiert:
„Wir gehen davon aus, dass Wladimir Iljitsch, wie die Erfahrung unwiderlegbar gezeigt hat, in allen nur halbwegs grundsätzlichen Fragen, in denen jemand von uns mit Lenin Differenzen hatte, unbedingt recht gehabt hat.”
Kamenew hat jedoch verschwiegen, dass Trotzki gleich danach in demselben Brief folgendes erklärte, was seine vorhergegangene Erklärung vollständig umstößt:
„Die Leningrader Opposition hat sich energisch gegen die Theorie des Sozialismus in einem Lande, als gegen eine theoretische Rechtfertigung der nationalen Beschränktheit, gewandt.” (Siehe Trotzkis Brief, September 1926. - Anlage zum stenographischen Protokoll der Sitzungen des Politbüros des ZK der KPdSU(B) vom B. und 11. Oktober 1926.)
Welche Bedeutung kann die erste, zweideutige und absolut unverbindliche Erklärung Trotzkis haben in Anbetracht seiner zweiten Erklärung, die die erste vollständig umstößt?
Was ist die Theorie der permanenten Revolution? Die Verneinung der Leninschen „Theorie des. Sozialismus in einem Lande”.
Was ist die Leninsche „Theorie des Sozialismus in einem Lande”? Die Verneinung der Trotzkischen Theorie der permanenten Revolution.
Ist es nicht klar, dass Kamenew, indem er die erste Stelle aus Trotzkis Brief zitierte und die zweite verschwieg, versuchte, unsere Partei irrezuführen und zu betrügen?
Unsere Partei lässt sich aber nicht so leicht betrügen.
2. Jonglieren mit Zitaten, oder Trotzki fälscht den Leninismus
Haben Sie darauf geachtet, Genossen, dass Trotzkis ganze Rede mit den verschiedensten Zitaten aus Lenins Werken gespickt ist? Man liest diese aus verschiedenen Artikeln Lenins herausgerissenen Zitate, und man weiß nicht recht, worauf es Trotzki vor allem ankommt: darauf, mit ihnen seine eigene Position zu bekräftigen, oder darauf, Genossen Lenin bei „Widersprüchen zu ertappen”? Die eine Gruppe von Zitaten, die er aus Lenins Werken anführte, besagt, dass die Gefahr einer Intervention nur im Falle des Sieges der Revolution in einigen Ländern überwunden werden kann; damit glaubte er offenbar, die Partei „zu entlarven”. Er hat jedoch nicht begriffen oder will nicht begreifen, dass diese Zitate nicht gegen die Position der Partei, sondern für ihre Position und gegen Trotzkis Position sprechen, denn die Einschätzung, die die Partei der Bedeutung der äußeren Gefahr gibt, steht voll und ganz im Einklang mit Lenins Linie. Die andere Gruppe von Zitaten, die er anführte, besagt, dass der vollständige Sieg des Sozialismus ohne den Sieg der Revolution in einigen Ländern unmöglich ist; mit diesen Zitaten versucht er in jeder Weise zu jonglieren. Er hat jedoch nicht begriffen oder will nicht begreifen, dass man den vollständigen Sieg des Sozialismus (Garantie gegen eine Intervention) nicht in einen Topf werfen darf mit dem Sieg des Sozialismus überhaupt (Errichtung der sozialistischen Gesellschaft), er begreift nicht oder will nicht begreifen, dass diese Zitate aus Lenins Werken nicht gegen die Partei, sondern für die Partei und gegen Trotzkis Position sprechen.
Trotzki hat zwar eine Menge verschiedenster, gar nicht zur Sache gehörender Zitate angeführt, aber auf Lenins grundlegenden Artikel über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande (1915) einzugehen, war er nicht gewillt, offenbar in der Meinung, dass Kamenew ihn durch seine Ausführungen vor einer Stellungnahme zu diesem Artikel glücklich bewahrt habe. Es kann jedoch jetzt als endgültig erwiesen gelten, dass es Kamenew nicht gelungen ist, seine Rolle mit Erfolg zu spielen, und dass der Artikel des Genossen Lenin seine uneingeschränkte Gültigkeit behält.
Trotzki hat ferner eine Stelle aus einem bekannten Artikel des Genossen Lenin zitiert, worin es heißt, dass es zwischen ihnen in der Bauernfrage, was die Tagespolitik anbetrifft, keine Meinungsverschiedenheiten gibt. Er hat aber vergessen zu sagen, dass dieser Artikel Lenins die Frage der Meinungsverschiedenheiten, die zwischen Trotzki und Lenin in der Frage der Bauernschaft im Zusammenhang mit der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande bestehen, nicht nur ungelöst lässt, sondern sie nicht einmal berührt.
Daraus erklärt sich denn auch, weshalb Trotzkis Operieren mit Zitaten zu einem leeren Jonglieren mit Zitaten geworden ist.
Trotzki hat versucht, den Beweis zu erbringen, dass seine Position mit Lenins Position in der Frage der Möglichkeit der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande auf Grund der inneren Kräfte unserer Revolution „übereinstimmt”. Wie aber lässt sich Unbeweisbares beweisen?
Wie lässt sich Lenins These, dass „der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist”[17] mit Trotzkis These vereinbaren, dass es „aussichtslos wäre, zu glauben ..., dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten könnte”?
Wie lässt sich ferner Lenins These, dass „das siegreiche Proletariat dieses Landes (eines Landes. J. St.) sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen würde“,[18] mit Trotzkis These vereinbaren, dass „ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein wird, die Macht zu behaupten und ihre zeitweilige Herrschaft in eine dauernde sozialistische Diktatur zu verwandeln”?
Wie lässt sich schließlich Lenins These, dass „nur eine Verständigung mit der Bauernschaft die sozialistische Revolution in Rußland retten kann, solange die Revolution in den anderen Ländern nicht eingetreten ist”,[19] mit Trotzkis These vereinbaren, dass „die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung nur im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung werden finden können”?
Und weiter: Wodurch unterscheidet sich Trotzkis Position in der Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande eigentlich von der Position des Menschewiks O. Bauer, nämlich, dass „in Rußland, wo das Proletariat nur eine kleine Minderheit der Nation darstellt, das Proletariat seine Herrschaft nur vorübergehend behaupten kann”, dass „es sie wieder verlieren muss, sobald die bäuerliche Masse der Nation kulturell reif genug wird, selbst die Herrschaft zu übernehmen”, dass „erst die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat des industriellen Westens die dauernde Herrschaft des industriellen Sozialismus” in Rußland „begründen kann”?
Ist etwa nicht klar, dass Trotzki Bauers Position näher steht als Lenins Position? Und trifft es etwa nicht zu, dass Trotzkis Position die Position der sozialdemokratischen Abweichung ist, dass Trotzki dem Wesen der Sache nach den sozialistischen Charakter unserer Revolution leugnet?
Trotzki hat versucht, seine These von der Unmöglichkeit, die proletarische Macht einem konservativen Europa gegenüber zu behaupten, mit Spekulationen solcher Art zu begründen, dass das gegenwärtige Europa nicht konservativ, sondern mehr oder weniger liberal sei und dass, wenn Europa wirklich konservativ wäre, das Proletariat unseres Landes die Macht nicht behaupten könnte. Aber ist es denn so schwer zu begreifen, dass sich Trotzki hier restlos und endgültig verheddert hat? Als was soll man zum Beispiel das heutige Italien oder England oder aber Frankreich bezeichnen - als konservativ oder als liberal? Was ist das heutige Nordamerika - ein konservatives oder ein liberales Land? Und welche Bedeutung kann diese „spitzfindige” und lächerliche Hervorhebung des Unterschieds zwischen einem konservativen und einem „liberalen” Europa für den Bestand und die Unversehrtheit unserer Republik haben? Haben etwa das republikanische Frankreich und das demokratische Amerika in der Periode Koltschaks und Denikins nicht ebenso an der Intervention gegen unser Land teilgenommen wie das monarchistische und konservative England?
Besonders viel Platz hat Trotzki der Frage des Mittelbauern eingeräumt. Er hat eine Stelle aus Lenins Werken aus der Periode von 1906 zitiert, worin Lenin die Möglichkeit voraussagt, dass ein Teil der Mittelbauern nach dem Siege der bürgerlichen Revolution zur Konterrevolution abschwenkt, womit Trotzki offenbar zu beweisen suchte, dass dieses Zitat mit seiner Position in der Frage der Bauernschaft nach dem Siege der sozialistischen Revolution „übereinstimmt”. Es ist nicht schwer zu begreifen, dass Trotzki hier Dinge miteinander vergleicht, die sich nicht miteinander vergleichen lassen. Trotzki ist geneigt, die Mittelbauernschaft als ein „Ding an sich”, als etwas Beständiges und ein für allemal Gegebenes zu betrachten. Die Bolschewiki haben jedoch niemals eine solche Ansicht gegenüber der Mittelbauernschaft vertreten.
Trotzki hat offenbar vergessen, dass die Bolschewiki in bezug auf die Hauptmasse der Bauernschaft über drei Pläne verfügen: Der erste Plan gilt für die Periode der bürgerlichen Revolution, der zweite Plan gilt für die Periode der proletarischen Revolution, und der dritte Plan gilt für die Periode nach der Festigung der Sowjetmacht.
In der ersten Periode sagten die Bolschewiki: Zusammen mit der gesamten Bauernschaft, gegen den Zaren und die Gutsbesitzer bei Neutralisierung der liberalen Bourgeoisie, für die bürgerlich-demokratische Revolution.
In der zweiten Periode sagten die Bolschewiki: Zusammen mit der armen Bauernschaft, gegen Bourgeoisie und Kulaken bei Neutralisierung der Mittelbauernschaft, für die sozialistische Revolution. Was aber bedeutet die Neutralisierung der Mittelbauernschaft? Das bedeutet, dass das Proletariat die politische Aufsicht über die Mittelbauernschaft hat, dass es ihr nicht traut und alle Maßnahmen trifft, damit sie sich nicht seiner Macht entzieht.
In der dritten Periode, in der Periode, in der wir jetzt leben, sagen die Bolschewiki: Zusammen mit der Dorfarmut, im festen Bündnis mit dem Mittelbauern, gegen die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft in Stadt und Land, für den Sieg des sozialistischen Aufbaus.
Wer diese drei Pläne, diese drei verschiedenen Linien, die drei verschiedene Perioden unserer Revolution widerspiegeln, miteinander vermengt, der versteht nichts von Bolschewismus.
Lenin hatte absolut Recht, als er sagte, dass nach dem Siege der bürgerlichen Revolution ein Teil der Mittelbauern zur Konterrevolution abschwenken werde. Und das war auch der Fall, zum Beispiel in der Periode der „Ufaer Regierung”,[Anmerkung 60] als ein Teil der Mittelbauern des Wolgagebiets zur Konterrevolution, zu den Kulaken, abschwenkte, während ein großer Teil der Mittelbauern zwischen Revolution und Konterrevolution hin und her schwankte. Und das konnte auch gar nicht anders sein. Der Mittelbauer wäre eben kein Mittelbauer, wenn er nicht abwartete und schwankte: „Wer kann wissen, wer siegen wird, da ist es schon besser, man wartet ab.” Erst nach den ersten ernstlichen Siegen über die innere Konterrevolution, und besonders nach der Festigung der Sowjetmacht, begann der Mittelbauer, sich entschieden der Sowjetmacht zuzuwenden, da er offenbar zu dem Schluss gekommen war, dass es ohne Staatsmacht nicht geht, die bolschewistische Staatsmacht aber stark und die Zusammenarbeit mit dieser Macht der einzige Ausweg ist. Gerade in dieser Periode sprach Genosse Lenin die prophetischen Worte: „Wir sind in das Stadium des sozialistischen Aufbaus eingetreten, wo es gilt, konkret, detailliert, auf Grund der Erfahrung der Arbeit im Dorfe überprüfte, grundlegende Regeln und Anweisungen auszuarbeiten, nach denen wir uns richten müssen, um uns in bezug auf den Mittelbauern auf den Boden eines festen Bündnisses zu stellen.“ (Rede auf dem VIII. Parteitag, 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 1241125, russ.)
So ist es um die Frage der Mittelbauern bestellt.
Trotzkis Fehler besteht darin, dass er an die Frage der Mittelbauernschaft metaphysisch herangeht, dass er die Mittelbauernschaft als „Ding an sich” betrachtet und somit die Frage verwirrt, den Leninismus entstellt und fälscht.
Schließlich handelt es sich gar nicht darum, dass es zwischen Proletariat und einem bestimmten Teil der Mittelbauern noch Widersprüche und Konflikte geben kann und geben wird. Nicht darin bestehen die Meinungsverschiedenheiten zwischen Partei und Opposition. Es handelt sich bei unseren Meinungsverschiedenheiten darum, dass die Partei es für möglich hält, diese Widersprüche und möglichen Konflikte mit den eigenen Kräften unserer Revolution vollständig zu überwinden, während Trotzki und die Opposition der Ansicht sind, dass diese Widersprüche und Konflikte „nur im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats” überwunden werden können.
Trotzki jongliert mit Zitaten und versucht, diese Meinungsverschiedenheiten irgendwo in einer Ecke verschwinden zu lassen. Ich habe aber bereits gesagt, dass es nicht gelingen wird, unsere Partei zu betrügen.
Und die Schlussfolgerung? Die Schlussfolgerung ist die, dass man Dialektiker und kein Gaukler sein soll. Sie hätten, verehrte Oppositionelle, bei Genossen Lenin Dialektik lernen sollen, Sie hätten seine Werke lesen sollen - das hätte Ihnen zum Nutzen gereicht. (Beifall, Heiterkeit.)
3. „Kleinigkeiten” und Kuriositäten
Trotzki hat mir, als Verfasser der Thesen, zum Vorwurf gemacht, dass darin von der Revolution „an und für sich”, als von einer sozialistischen Revolution gesprochen wird. Trotzki ist der Ansicht, dass eine solche Behandlung der Revolution Metaphysik sei. Ich kann dem keinesfalls beistimmen.
Weshalb wird in den Thesen von der Revolution „an und für sich”, als von einer sozialistischen Revolution gesprochen? Weil dadurch der ganze Unterschied hervorgehoben wird, der in der Einschätzung unserer Revolution zwischen den Ansichten unserer Partei und den Ansichten der Opposition besteht.
Worin besteht dieser Unterschied? Darin, dass die Partei unsere Revolution als sozialistische Revolution betrachtet, als eine Revolution, die eine gewisse selbständige Kraft darstellt und fähig ist, den Kampf gegen die kapitalistische Welt aufzunehmen, während die Opposition unsere Revolution als Gratisbeilage zu der künftigen proletarischen Revolution im Westen, einer Revolution, die noch nicht gesiegt hat, betrachtet, als „Zugabe” zur künftigen Revolution im Westen, als etwas, was keine selbständige Kraft besitzt. Man braucht nur die von Lenin gegebene Einschätzung der proletarischen Diktatur in unserem Lande mit der vom Oppositionsblock gegebenen Einschätzung zu vergleichen, um den ganzen Abgrund zwischen beiden zu erkennen. Während Lenin die proletarische Diktatur als eine Kraft einschätzt, die die größte Initiative zu entfalten vermag und die nach der Organisierung der sozialistischen Wirtschaft zur direkten Unterstützung des Weltproletariats, zum Kampf gegen die kapitalistische Welt übergehen muss, betrachtet die Opposition dagegen die proletarische Diktatur in unserem Lande als eine passive Kraft, die „einem konservativen Europa gegenüber” in steter Angst um ihre Macht lebt.
Ist etwa nicht klar, dass das Wort „Metaphysik” nur in Umlauf gesetzt wurde, um die Blöße der von der Opposition gegebenen sozialdemokratischen Einschätzung unserer Revolution zu verdecken?
Trotzki hat ferner davon gesprochen, dass ich die ungenaue und unrichtige Formulierung der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande, die ich in meinem Buch „Über die Grundlagen des Leninismus” im Jahre 1924 gegeben habe, durch eine andere, genauere und richtigere Formulierung ersetzt habe. Darüber ist Trotzki offenbar unzufrieden.
Warum, aus welchem Grunde - das hat er allerdings nicht gesagt. Was kann denn Schlechtes daran sein, dass ich eine ungenaue Formulierung korrigiert und durch eine genaue ersetzt habe? Ich halte mich durchaus nicht für unfehlbar. Ich denke, es kann für die Partei nur ein Gewinn sein, wenn ein Fehler, den dieser oder jener Genosse begangen hat, von ihm anerkannt und danach korrigiert wird. Was will Trotzki eigentlich damit sagen, wenn er diese Tatsache betont? Vielleicht will er dem guten Beispiel folgen und sich endlich aufraffen, seine zahlreichen Fehler zu korrigieren? (Beifall, Heiterkeit.) Nun, ich bin bereit, ihm dabei zu helfen, wenn meine Hilfe hier gebraucht wird, ich bin bereit, ihm nachzuhelfen und ihn zu unterstützen. (Beifall, Heiterkeit.) Trotzki verfolgt aber offenbar hierbei ein anderes Ziel. Wenn das zutrifft, dann muss ich sagen, dass sein Versuch ein Versuch mit untauglichen Mitteln ist.
Trotzki hat in seiner Rede versichert, dass er gar kein so schlechter Kommunist sei, als den ihn die Vertreter der Parteimehrheit hinzustellen pflegen. Er hat eine ganze Menge von Stellen aus seinen Artikeln zitiert, die davon zeugen, dass er, Trotzki, den „sozialistischen Charakter” unserer Arbeit anerkannt habe und weiterhin anerkennt, dass er den „sozialistischen Charakter” unserer staatlichen Industrie nicht in Abrede stelle usw. usf. Sieh mal einer an, was für eine Neuigkeit! Das fehlte gerade noch, dass Trotzki den sozialistischen Charakter unserer Arbeit, unserer staatlichen Industrie usw. in Abrede stellte. Diese Tatsachen werden heutzutage von allen anerkannt, sogar von der New-Yorker Börse, sogar von unseren NÖP-Leuten, ganz abgesehen von O. Bauer. Jetzt sieht ein jeder, Feind wie Freund, dass wir die Industrie nicht so aufbauen wie die Kapitalisten, dass wir in die Entwicklung unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens gewisse neue Elemente hineinbringen, die mit dem Kapitalismus nichts gemein haben.
Nein, verehrte Oppositionelle, nicht darum handelt es sich jetzt.
Die Sache hat jetzt eine ernstere Bewandtnis, als es dem Oppositionsblock scheinen mag.
Es handelt sich jetzt nicht um den sozialistischen Charakter unserer Industrie, sondern darum, die sozialistische Wirtschaft als Ganzes zu errichten, trotz der kapitalistischen Umkreisung, trotz der inneren und äußeren Feinde, die auf den Untergang der proletarischen Diktatur lauern. Es handelt sich darum, dem Leninismus zum vollen Triumph in unserer Partei zu verhelfen.
Es geht jetzt nicht um Kleinigkeiten und Kuriositäten. Mit Kleinigkeiten und Kuriositäten kann man heute die Partei nicht abspeisen. Die Partei verlangt jetzt mehr von der Opposition.
Entweder Sie zeigen sich Manns genug und bringen es fertig, sich offen und ehrlich von Ihren prinzipiellen Fehlern loszusagen, oder Sie tun das nicht, und dann geschieht Ihnen recht, wenn die Partei Ihre Position als Position der sozialdemokratischen Abweichung qualifiziert.
Eins von beiden.
Die Oppositionellen haben die Wahl zu treffen. (Zurufe: „Richtig!” Beifall.)
V. Die praktische Plattform der Opposition die Forderungen der Partei
Nach dem Jonglieren mit Zitaten haben die Führer der Opposition sodann versucht, zu den Meinungsverschiedenheiten praktischer Natur überzugehen. Trotzki und Kamenew wie auch Sinowjew haben den Versuch gemacht, diese Meinungsverschiedenheiten zu formulieren, wobei sie zugleich behaupteten, dass nicht die theoretischen, sondern die praktischen Meinungsverschiedenheiten von Bedeutung seien. Ich muss jedoch feststellen, dass sich keine einzige der von der Opposition auf dieser Konferenz gegebenen Formulierungen unserer Meinungsverschiedenheiten durch Objektivität oder Vollständigkeit auszeichnet.
Sie wollen wissen, worin unsere praktischen Meinungsverschiedenheiten bestehen, Sie wollen wissen, was die Partei von Ihnen verlangt? So hören Sie:
1. Die Partei kann und wird nicht länger dulden, dass Sie jedesmal, wenn Sie in der Minderheit bleiben, auf die Straße laufen, eine Krise in der Partei ankündigen und Unruhe in der Partei stiften. Das wird die Partei nicht länger dulden. (Zurufe: „Richtig!” Beifall.)
2. Die Partei kann und wird nicht dulden, dass Sie, die Sie schon keine Hoffnung mehr haben, die Mehrheit in unserer Partei zu bekommen, allerlei unzufriedene Elemente auflesen und um sich sammeln, die Ihnen als Material für eine neue Partei dienen sollen. Das kann und wird die Partei nicht dulden. (Beifall.)
3. Die Partei kann und wird nicht dulden, dass Sie, die Sie den führenden Apparat der Partei verunglimpfen und das Regime in der Partei durchbrechen, die eiserne Disziplin in der Partei durchbrechen, alle und jegliche von der Partei verurteilten Strömungen unter der Flagge der Freiheit der Fraktionen um sich vereinigen und zu einer neuen Partei formieren. Die Partei wird das nicht dulden. (Beifall.)
4. Wir wissen, dass wir auf dem Wege des Aufbaus des Sozialismus auf große Schwierigkeiten stoßen. Wir sehen diese Schwierigkeiten, und wir haben die Möglichkeit, sie zu überwinden. Wir würden es nur begrüßen, wenn uns die Opposition bei der Überwindung dieser Schwierigkeiten in irgendeiner Weise helfen würde. Aber die Partei kann und wird nicht dulden, dass Sie diese Schwierigkeiten auszunutzen versuchen, um unsere Lage zu verschlechtern, um über die Partei herzufallen, um Attacken gegen die Partei zu reiten. (Beifall.)
5. Die Partei weiß besser als sämtliche Oppositionen zusammengenommen, dass das Fortschreiten der Industrialisierung und die Errichtung des Sozialismus nur möglich ist, wenn sich die materielle und kulturelle Lage der Arbeiterklasse ständig verbessert. Die Partei trifft alle Maßnahmen und wird alle Maßnahmen treffen, um die materielle und kulturelle Lage der Arbeiterklasse ständig zu verbessern. Aber die Partei kann und wird nicht dulden, dass die Opposition auf die Straße läuft und demagogisch erklärt, der Arbeitslohn müsse sofort um 30-40 Prozent erhöht werden, obwohl sie ganz genau weiß, dass die Industrie eine derartige Erhöhung des Arbeitslohnes gegenwärtig nicht verträgt, obwohl sie ganz genau weiß, dass derartige demagogische Erklärungen nicht den Zweck haben, die Lage der Arbeiterklasse zu verbessern, sondern den Zweck, unter den rückständigen Schichten der Werktätigen Unzufriedenheit zu schüren, Unzufriedenheit zu organisieren und sie gegen die Partei, gegen die Avantgarde der Arbeiterklasse, zu lenken. Die Partei kann und wird das nicht dulden. (Zurufe: „Richtig!” Beifall.)
6. Die Partei kann und wird nicht dulden, dass die Opposition auch weiterhin fortfährt, die Grundlagen des Zusammenschlusses der Arbeiter und Bauern, die Grundlagen des Bündnisses der Arbeiter und Bauern zu untergraben, indem sie die Idee der Erhöhung der Verkaufspreise und der Verstärkung des Steuerdrucks auf die Bauernschaft propagiert und das Verhältnis zwischen Proletariat und Bauernschaft nicht als Verhältnis der ökonomischen Zusammenarbeit, sondern als Verhältnis der Ausbeutung der Bauernschaft durch den proletarischen Staat „zu konstruieren” versucht. Die Partei kann und wird das nicht dulden. (Beifall.)
7. Die Partei kann und wird nicht dulden, dass die Oppositionellen auch weiterhin fortfahren, ideologische Verwirrung in der Partei zu stiften, unsere Schwierigkeiten zu übertreiben, defätistische Stimmungen zu nähren, die Idee der Unmöglichkeit der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande zu propagieren und dadurch die Grundlagen des Leninismus zu untergraben. Die Partei kann und wird das nicht dulden. (Zurufe: „Richtig!” Beifall.)
8. Die Partei kann und wird nicht dulden - wenn das auch nicht nur ihre Angelegenheit ist, sondern Angelegenheit aller Sektionen der Komintern -, dass Sie auch weiterhin fortfahren, die Arbeit der Komintern zu stören, ihre Sektionen zu zersetzen und die Führung der Komintern zu diskreditieren. Die Partei kann und wird das nicht dulden. (Beifall.)
Darin bestehen unsere praktischen Meinungsverschiedenheiten.
Das ist das Wesen der politischen und praktischen Plattform des Oppositionsblocks, und das ist es, wogegen unsere Partei heute kämpft.
Trotzki, der in seiner Rede einige Punkte dieser Plattform darlegte und sich über die anderen geflissentlich ausschwieg, fragte: Was ist denn hieran sozialdemokratisch? Eine sonderbare Frage! Ich aber frage: Was ist denn hieran, an dieser Plattform des Oppositionsblocks, kommunistisch? Was ist denn hieran nicht sozialdemokratisch? Ist etwa nicht klar, dass die praktische Plattform des Oppositionsblocks auf der Linie der Abkehr vom Leninismus, auf der Linie der Annäherung an die Sozialdemokratie liegt?
Sie wollten wissen, was die Partei von Ihnen verlangt, verehrte Oppositionelle - jetzt wissen Sie, was sie von Ihnen verlangt.
Entweder Sie erfüllen diese Bedingungen, die zugleich die Voraussetzungen für die völlige Einheit unserer Partei sind, oder Sie tun das nicht - und dann wird Sie die Partei, die Sie gestern geschlagen hat, morgen vollends zu zerschlagen beginnen. (Beifall.)
VI. Das Fazit
Was ist das Fazit, was sind die Ergebnisse unseres innerparteilichen Kampfes?
Ich bin im Besitze eines von Trotzki unterzeichneten Dokuments vom September 1926. Dieses Dokument ist insofern bemerkenswert, als hier gewissermaßen versucht wird, die Ergebnisse des innerparteilichen Kampfes vorwegzunehmen, als es eine gewisse Prognose und eine gewisse Skizzierung der Perspektiven unseres innerparteilichen Kampfes enthält. In diesem Dokument heißt es:
„Die vereinigte Opposition hat im April und im Juli gezeigt, und sie wird im Oktober zeigen, dass die Einheitlichkeit ihrer Anschauungen unter dem Einfluss der groben und unloyalen Hetze nur gefestigt wird, und die Partei wird begreifen, dass nur auf dem Boden der Anschauungen der vereinigten Opposition ein Ausweg aus der gegenwärtigen schweren Krise möglich ist.” (Siehe Trotzkis Brief an die Oppositionellen, September 1926. - Anlage zum stenographischen Protokoll der Sitzungen des Politbüros vom B. und 11. Oktober 1926.)
Sie sehen, das ist fast wie eine Wahrsagung. (Zuruf: „Aber nur - fast.”) Das ist fast wie eine Prophezeiung rein marxistischen Typs - eine Voraussage auf volle zwei Monate. (Heiterkeit.)
Natürlich enthält sie einige Übertreibungen. (Heiterkeit.) Es wird hier zum Beispiel von der gegenwärtigen schweren Krise unserer Partei gesprochen. Aber wir sind gottlob gesund und munter und haben die Krise nicht einmal bemerkt. Eine gewisse Krise ist allerdings vorhanden, aber keine Krise der Partei, sondern eine Krise einer gewissen Fraktion, genannt Fraktion des Oppositionsblocks. Man soll aber nicht die Krise einer kleinen Fraktion für die Krise einer Millionenpartei ausgeben.
In Trotzkis Dokument wird ferner gesagt, der Oppositionsblock festige sich und werde sich in Zukunft noch mehr festigen. Ich denke, dass hier ebenfalls einiges übertrieben ist. (Heiterkeit.) Die Tatsache lässt sich doch nicht leugnen, dass der Oppositionsblock in Zersetzung begriffen ist, dass sich die besten Elemente von ihm abspalten, dass er an seinen inneren Widersprüchen erstickt. Ist es etwa nicht Tatsache, dass sich zum Beispiel Genossin Krupskaja vom Oppositionsblock abkehrt? (Stürmischer Beifall.) Ist das Zufall?
In Trotzkis Dokument wird schließlich gesagt, nur auf dem Boden der Anschauungen der vereinigten Opposition sei ein Ausweg aus der gegenwärtigen Krise möglich. Ich denke, dass Trotzki hier ebenfalls einiges übertrieben hat. (Heiterkeit.) Es kann den Oppositionellen nicht unbekannt sein, dass die Partei sich nicht auf dem Boden der Anschauungen des Oppositionsblocks, sondern im Kampf gegen diese Anschauungen, auf dem Boden der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus vereinigt und zusammengeschlossen hat. Die Übertreibung in Trotzkis Dokument ist ganz offensichtlich.
Wenn man aber von all diesen Übertreibungen, die sich Trotzki in seinem Dokument zuschulden kommen lässt, absieht, so bleibt, wie mir scheinen will, von der ganzen Prognose eigentlich nichts übrig, Genossen. (Allgemeine Heiterkeit.)
Wie Sie sehen, ist das Fazit gerade das Gegenteil von dem Fazit, das uns Trotzki in seiner Prognose skizziert hat.
Ich komme zum Schluss, Genossen.
Sinowjew prahlte eine Zeitlang damit, dass er es verstehe, sein Ohr an die Erde zu drücken (Heiterkeit), und wenn er es an die Erde drücke, dann vernehme er die Schritte der Geschichte. Es mag sehr wohl sein, dass dem wirklich so ist. Aber eins muss immerhin festgestellt werden, dass Sinowjew, der es versteht, sein Ohr an die Erde zu drücken und die Schritte der Geschichte zu vernehmen, manchmal einige „Kleinigkeiten” nicht vernimmt. Es mag sein, dass die Opposition es tatsächlich versteht, das Ohr an die Erde zu drücken und so großartige Dinge zu vernehmen wie die Schritte der Geschichte. Jedoch muss festgestellt werden, dass die Opposition, obwohl sie so großartige Dinge zu vernehmen versteht, es nicht verstanden hat, die „Kleinigkeit” zu vernehmen, dass die Partei der Opposition schon längst den Rücken gekehrt hat und dass die Opposition gestrandet ist. Das haben sie nicht vernommen. (Zurufe: „Richtig!”)
Was aber folgt daraus? Daraus folgt, dass die Ohren der Opposition augenscheinlich nicht in Ordnung sind. (Heiterkeit.)
Daher mein Ratschlag: Verehrte Oppositionelle, kurieren Sie Ihre Ohren! (Stürmischer, lang anhaltender Beifall. Die Konferenz bringt stehend dem Genossen Stalin eine Ovation dar.)
Über die Perspektiven der Revolution in China
Seite 319 - 334
Rede in der chinesischen Kommission des EKKI, 30. November 1926
Zeitschrift „Kommunistitscheski Internazional”, (Die Kommunistische Internationale) Nr. 13 (71), 10. Dezember 1926.
Genossen!
Bevor ich zur Frage selbst komme, halte ich es für notwendig, zu erklären, dass das Material zur chinesischen Frage, das mir zur Verfügung steht, nicht erschöpfend genug ist, um ein vollständiges Bild der Revolution in China entrollen zu können. Daher sehe ich mich gezwungen, mich auf einige allgemeine Bemerkungen prinzipiellen Charakters zu beschränken, die mit der Frage nach der Hauptrichtung der chinesischen Revolution in direktem Zusammenhang stehen.
Mir stehen die Thesen Petrows, die Thesen Mifs, zwei Referate Tan Ping-schans und die Bemerkungen von Rafes zur chinesischen Frage zur Verfügung. Ich glaube, dass alle diese Dokumente trotz ihrer Vorzüge mit dem einen großen Mangel behaftet sind, dass sie nämlich eine ganze Reihe grundlegender Fragen der Revolution in China umgehen. Ich glaube, dass man das Augenmerk vor allem auf diese Mängel richten muss. Daher werden meine Bemerkungen zugleich kritischen Charakter tragen.
I. Der Charakter der Revolution in China
Lenin sagte, dass für die Chinesen bald ihr Jahr 1905 kommen wird. Manche Genossen haben das so aufgefasst, als ob sich bei den Chinesen haargenau das gleiche wiederholen müsse, was sich bei uns in Rußland im Jahre 1905 abgespielt hat. Das ist falsch, Genossen. Lenin hat keineswegs gesagt, dass die chinesische Revolution eine Kopie der russischen Revolution von 1905 sein werde. Lenin hat lediglich gesagt, dass für die Chinesen ihr Jahr 1905 kommen wird. Das bedeutet, dass die chinesische Revolution außer den mit der Revolution des Jahres 1905 gemeinsamen Zügen noch ihre eigenen spezifischen Besonderheiten aufweisen wird, die der Revolution in China ihr besonderes Gepräge geben werden.
Was sind das für Besonderheiten?
Die erste Besonderheit besteht darin, dass die chinesische Revolution, die eine bürgerlich-demokratische Revolution ist, zugleich auch eine nationale Befreiungsrevolution ist, die mit ihrer Spitze gegen die Herrschaft des fremdländischen Imperialismus in China gerichtet ist. Dadurch unterscheidet sie sich vor allem von der Revolution in Rußland im Jahre 1905. Die Sache ist die, dass die Herrschaft des Imperialismus in China nicht nur in seiner militärischen Macht zum Ausdruck kommt, sondern vor allem darin, dass die Hauptfäden der Industrie in China, die Eisenbahnen, die Fabriken und Werke, die Bergwerke, die Banken usw., sich in der Verfügungsgewalt oder unter der Kontrolle der fremdländischen Imperialisten befinden. Hieraus folgt aber, dass die Fragen des Kampfes gegen den fremdländischen Imperialismus und seine chinesischen Agenten eine bedeutsame Rolle in der chinesischen Revolution spielen müssen. Dadurch wird die chinesische Revolution unmittelbar mit den Revolutionen der Proletarier aller Länder gegen den Imperialismus verknüpft.
Die zweite Besonderheit der chinesischen Revolution besteht darin, dass die nationale Großbourgeoisie in China äußerst schwach ist, dass sie unvergleichlich schwächer ist als die russische Bourgeoisie der Periode von 1905. Das ist auch verständlich. Wenn die Hauptfäden der Industrie in den Händen fremdländischer Imperialisten zusammenlaufen, so kann die nationale Großbourgeoisie in China nicht anders als schwach und rückständig sein. In dieser Hinsicht ist Mifs Bemerkung über die Schwäche der nationalen Bourgeoisie in China als eins der charakteristischen Kennzeichen der chinesischen Revolution völlig richtig. Daraus folgt jedoch, dass die Rolle des Initiators und Führers der chinesischen Revolution, die Rolle des Führers der chinesischen Bauernschaft, unvermeidlich dem chinesischen Proletariat und seiner Partei zufallen muss.
Auch die dritte Besonderheit der chinesischen Revolution darf nicht übersehen werden, die darin besteht, dass neben China die Sowjetunion existiert und sich entwickelt, deren revolutionäre Erfahrungen und deren Hilfe den Kampf des chinesischen Proletariats gegen den Imperialismus und gegen die mittelalterlich-feudalen Überreste in China erleichtern müssen.
Das sind die grundlegenden Besonderheiten der chinesischen Revolution, die ihren Charakter und ihre Richtung bestimmen.
II. Der Imperialismus und die imperialistische Intervention in China
Der erste Mangel der unterbreiteten Thesen besteht darin, dass sie die Frage der imperialistischen Intervention in China umgehen oder unterschätzen. Wenn man die Thesen aufmerksam liest, könnte man meinen, im Grunde genommen finde in China gegenwärtig gar keine imperialistische Intervention statt, sondern lediglich ein Kampf der Bewohner des Nordens gegen die Bewohner des Südens beziehungsweise einer Gruppe von Generalen gegen eine andere Gruppe von Generalen. Dabei ist man geneigt, unter Intervention einen Zustand zu verstehen, wo die Tatsache vorliegt, dass fremdländische Truppen in chinesisches Gebiet einmarschieren, und wenn diese Tatsache nicht vorliegt, so handle es sich auch nicht um eine Intervention.
Das ist ein schwerer Irrtum, Genossen. Eine Intervention erschöpft sich keineswegs mit dem Einmarsch von Truppen, und der Einmarsch von Truppen stellt keineswegs die wesentliche Besonderheit der Intervention dar. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen der revolutionären Bewegung in den kapitalistischen Ländern, da ein direkter Einmarsch fremdländischer Truppen eine Reihe von Protesten und Konflikten hervorrufen kann, trägt die Intervention elastischeren Charakter und nimmt verkapptere Form an. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen zieht es der Imperialismus vor, durch Organisierung eines Bürgerkriegs im Innern des abhängigen Landes zu intervenieren, durch Finanzierung der konterrevolutionären Kräfte gegen die Revolution, durch moralische und finanzielle Unterstützung seiner chinesischen Agenten gegen die Revolution. Den Kampf Denikins und Koltschaks, Judenitschs und Wrangels gegen die Revolution in Rußland wollten die Imperialisten als einen ausschließlich inneren Kampf hinstellen. Aber wir alle wussten, und nicht nur wir, sondern die ganze Welt wusste, dass hinter diesen konterrevolutionären russischen Generalen die Imperialisten Englands und Amerikas, Frankreichs und Japans standen, ohne deren Unterstützung ein ernsthafter Bürgerkrieg in Rußland ganz unmöglich gewesen wäre. Dasselbe gilt auch für China. Der Kampf Wu Pei-fus und Sun Tschuan-fangs, Tschang Tsolins und Tschang Tsun-tschans gegen die Revolution in China wäre einfach unmöglich, wenn diese konterrevolutionären Generale nicht von den Imperialisten aller Länder inspiriert, wenn sie nicht von ihnen mit Geld, Waffen, Instrukteuren, „Beratern” usw. versorgt würden.
Worin besteht die Stärke der Kantoner Truppen? Darin, dass sie in ihrem Kampf um die Befreiung vom Imperialismus von einer Idee, von Pathos beseelt sind, darin, dass sie China die Befreiung bringen. Worin besteht die Stärke der konterrevolutionären Generale in China? Darin, dass die Imperialisten aller Länder, die Besitzer von Eisenbahnen, Konzessionen, Fabriken und Werken, Banken und Handelshäusern in China, hinter ihnen stehen.
Daher kommt es nicht allein, oder nicht einmal so sehr auf den Einmarsch fremdländischer Truppen an, sondern auf die Unterstützung, die die Imperialisten aller Länder der Konterrevolution in China zuteil werden lassen. Eine Intervention mit fremden Händen - das ist jetzt das Wesen der imperialistischen Intervention.
Daher ist die imperialistische Intervention in China eine unbestreitbare Tatsache, gegen die auch die chinesische Revolution mit ihrer Spitze gerichtet ist.
Wer daher die Tatsache der imperialistischen Intervention in China umgeht oder unterschätzt, der umgeht oder unterschätzt das Wichtigste und Wesentlichste in China.
Man sagt, es seien gewisse Anzeichen dafür vorhanden, dass die japanischen Imperialisten den Kantonern und der chinesischen Revolution überhaupt „Wohlwollen” entgegenbringen. Man sagt, dass die amerikanischen Imperialisten in dieser Hinsicht den japanischen nicht nachstehen. Das ist Selbstbetrug, Genossen. Man muss verstehen, zwischen dem Wesen der Politik der Imperialisten, darunter auch der japanisch-amerikanischen, und der Maskierung dieser Politik zu unterscheiden. Lenin hat des Öfteren gesagt, dass man Revolutionären mit dem Knüppel, mit der Faust schwer beikommen kann, dass sie aber mitunter auf Liebenswürdigkeiten sehr leicht hereinfallen. Diese von Lenin ausgesprochene Wahrheit sollte man nie vergessen, Genossen. Jedenfalls ist klar, dass die japanisch-amerikanischen Imperialisten die Bedeutung dieser Wahrheit recht gut kapiert haben. Daher muss man streng unterscheiden zwischen Liebenswürdigkeiten sowie Komplimenten an die Adresse der Kantoner und der Tatsache, dass gerade die Imperialisten, die am freigebigsten mit Liebenswürdigkeiten sind, sich am zähesten an „ihre” Konzessionen und Eisenbahnen in China klammern, die sie um keinen Preis aufzugeben gewillt sind.
III. Die Revolutionäre Armee in China
Die zweite Bemerkung zu den unterbreiteten Thesen betrifft die Frage der revolutionären Armee in China. Die Sache ist die, dass die Frage der Armee in den Thesen umgangen wurde oder unterschätzt wird. (Zwischenruf: „Richtig!”) Darin liegt der zweite Mangel der Thesen. Das Vordringen der Kantoner nach Norden wird gewöhnlich nicht als weitere Entfaltung der chinesischen Revolution betrachtet, sondern als Kampf der Kanton-Generale gegen Wu Pei-fu und Sun Tschuan-fang, als Kampf um die Vorherrschaft der einen Generale gegenüber den anderen Generalen. Das ist ein schwerer Irrtum, Genossen. Die revolutionären Armeen in China bilden den wichtigsten Faktor im Kampf der chinesischen Arbeiter und Bauern um ihre Befreiung. Ist es etwa ein Zufall, dass die Situation in China bis Mai oder Juni dieses Jahres als Herrschaft der Reaktion gewertet wurde, die nach der Niederlage der Armeen Feng Yu-hsiangs einsetzte, dass aber dann, im Sommer dieses Jahres, die siegreichen Kantoner Truppen nur nach dem Norden vorzudringen und Hupe zu besetzen brauchten, und schon änderte sich das Bild von Grund aus zugunsten der Revolution? Nein, das ist kein Zufall. Denn das Vordringen der Kantoner bedeutet einen Schlag gegen den Imperialismus, einen Schlag gegen seine Agenten in China, es bedeutet Versammlungsfreiheit, Streikfreiheit, Pressefreiheit, Freiheit der Organisierung für alle revolutionären Elemente in China überhaupt und für die Arbeiter im besonderen. Darin liegen die Besonderheit und die gewaltige Bedeutung der revolutionären Armee in China.
Früher, im 18. und 19. Jahrhundert, begannen die Revolutionen gewöhnlich so, dass das Volk, größtenteils unbewaffnet oder schlecht bewaffnet, sich erhob und mit der Armee des alten Regimes zusammenstieß, einer Armee, die es zu zersetzen oder wenigstens teilweise auf seine Seite herüberzuziehen versuchte. Das ist die typische Form der revolutionären Explosionen in der Vergangenheit. Dasselbe spielte sich auch bei uns in Rußland im Jahre 1905 ab. In China haben die Dinge einen anderen Verlauf genommen. In China steht den Truppen der alten Regierung kein unbewaffnetes Volk gegenüber, sondern ein bewaffnetes Volk, vertreten durch seine revolutionäre Armee. In China kämpft die bewaffnete Revolution gegen die bewaffnete Konterrevolution. Das ist eine der Besonderheiten und einer der Vorzüge der chinesischen Revolution. Darin liegt eben auch die besondere Bedeutung der revolutionären Armee in China.
Daher ist die Unterschätzung der revolutionären Armee ein nicht zu duldender Mangel der unterbreiteten Thesen.
Daraus aber folgt, dass die Kommunisten Chinas der Arbeit in der Armee besondere Aufmerksamkeit zuwenden müssen.
Erstens müssen die Kommunisten Chinas die politische Arbeit in der Armee auf jede Weise verstärken und erreichen, dass die Armee zum wirklichen und mustergültigen Träger der Idee der chinesischen Revolution wird. Das ist besonders deshalb notwendig, weil sich den Kantonern jetzt alle möglichen Generale zugesellen, die mit der Kuomintang nichts gemein haben, die sich ihnen als der Kraft zugesellen, die die Feinde des chinesischen Volkes zerschmettert, und die, indem sie sich den Kantonern zugesellen, Zersetzung in die Armee tragen. Man kann solche „Bundesgenossen” nur neutralisieren oder zu wirklichen Kuomintanganhängern machen, wenn man die politische Arbeit verstärkt und eine revolutionäre Kontrolle über sie organisiert. Ohne das kann die Armee in die schwierigste Lage geraten.
Zweitens müssen die chinesischen Revolutionäre, darunter auch die Kommunisten, unmittelbar darangehen, das Kriegswesen zu studieren. Sie dürfen das Kriegswesen nicht als etwas Untergeordnetes betrachten, denn das Kriegswesen in China bildet jetzt den wichtigsten Faktor der chinesischen Revolution. Die chinesischen Revolutionäre, also auch die Kommunisten, müssen das Kriegswesen studieren, um allmählich aufzurücken und in der revolutionären Armee diese oder jene führenden Posten bekleiden zu können. Darin liegt die Gewähr dafür, dass die revolutionäre Armee in China den richtigen Weg geht, dass sie direkt zum Ziele schreiten wird. Ohne das können Schwanken und Wanken in der Armee unvermeidlich werden.
IV. Der Charakter der zukünftigen Macht in China
Die dritte Bemerkung bezieht sich darauf, dass die Frage nach dem Charakter der zukünftigen revolutionären Macht in China in den Thesen nicht oder nicht genügend berücksichtigt worden ist. Mif ist in seinen Thesen dicht an diese Frage herangekommen, und das ist sein Verdienst. Aber nachdem er einmal dicht herangekommen war, bekam er es mit der Angst zu tun und traute sich nicht, die Sache zu Ende zu führen. Mif glaubt, die zukünftige revolutionäre Macht in China werde eine Macht des revolutionären Kleinbürgertums unter Führung des Proletariats sein. Was bedeutet das? Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre waren zur Zeit der Februarrevolution 1917 ebenfalls kleinbürgerliche Parteien und in gewissem Grade revolutionär. Bedeutet dies, dass die zukünftige revolutionäre Macht in China eine sozialrevolutionär-menschewistische Macht sein wird? Nein, das bedeutet es nicht. Warum? Weil die sozialrevolutionär-menschewistische Macht dem Wesen der Sache nach eine imperialistische Macht war, während die zukünftige revolutionäre Macht in China nichts anderes als eine antiimperialistische Macht sein kann. Hier besteht ein grundlegender Unterschied.
Die MacDonald-Regierung war sogar eine „Arbeiter“macht, aber sie war zugleich eine imperialistische Regierung, denn sie beruhte auf der Aufrechterhaltung der imperialistischen Macht Englands, sagen wir, in Indien und Ägypten. Die zukünftige revolutionäre Macht in China wird gegenüber der MacDonald-Regierung den Vorzug haben, dass sie eine antiimperialistische Macht sein wird.
Es handelt sich nicht nur um den bürgerlich-demokratischen Charakter der Kantoner Regierung, die den Keim der zukünftigen allchinesischen revolutionären Macht bildet, sondern es handelt sich vor allem darum, dass diese Macht eine antiimperialistische Macht ist und gar nichts anderes sein kann, dass jedes weitere Vordringen dieser Macht einen Schlag gegen den Weltimperialismus bedeutet, folglich auch einen Schlag zugunsten der internationalen revolutionären Bewegung.
Lenin hatte recht, als er sagte, dass, wenn früher, vor Anbruch der Epoche der Weltrevolution, die nationale Befreiungsbewegung ein Teil der allgemeindemokratischen Bewegung war, die nationale Befreiungsbewegung jetzt, nach dem Siege der Sowjetrevolution in Rußland und nach Anbruch der Epoche der Weltrevolution, ein Teil der proletarischen Weltrevolution ist.
Diese Besonderheit hat Mif nicht berücksichtigt.
Ich glaube, dass die zukünftige revolutionäre Macht in China ihrem Charakter nach im Allgemeinen der Macht ähneln wird, von der bei uns im Jahre 1905 die Rede war, das heißt, sie wird eine Art demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sein, mit dem Unterschied jedoch, dass sie eine vorwiegend antiimperialistische Macht sein wird.
Sie wird eine Übergangsmacht sein, die zur nichtkapitalistischen oder, genauer gesagt, zur sozialistischen Entwicklung Chinas hinüberleitet.
In dieser Richtung muss die Revolution in China verlaufen.
Dieser Entwicklungsweg der Revolution wird durch drei Umstände erleichtert:
erstens dadurch, dass die Revolution in China als nationale Befreiungsrevolution mit ihrer Spitze gegen den Imperialismus und seine Agenten in China gerichtet sein wird;
zweitens dadurch, dass die nationale Großbourgeoisie in China schwach ist, schwächer, als die nationale Bourgeoisie in Rußland in der Periode von 1905 war, was die Sache der Hegemonie des Proletariats, die Sache der Führung der chinesischen Bauernschaft durch die proletarische Partei erleichtert;
drittens dadurch, dass die Revolution in China sich unter Verhältnissen entwickeln wird, die es ermöglichen, die Erfahrungen und die Hilfe der siegreichen Revolution in der Sowjetunion auszunützen.
Ob dieser Weg ganz bestimmt und unbedingt zum Siege führen wird - das hängt von vielen Umständen ab. Eins ist jedenfalls klar, dass der Kampf gerade für diesen Weg der Entwicklung der chinesischen Revolution die Hauptaufgabe der chinesischen Kommunisten ist.
Daraus ergibt sich die Aufgabe der Kommunisten Chinas hinsichtlich der Stellung zur Kuomintang und zur zukünftigen revolutionären Macht in China. Man sagt, die chinesischen Kommunisten müssten aus der Kuomintang austreten. Das wäre falsch, Genossen. Der Austritt der chinesischen Kommunisten aus der Kuomintang wäre gegenwärtig der größte Fehler. Der ganze Verlauf der chinesischen Revolution, ihr Charakter, ihre Perspektiven sprechen eindeutig dafür, dass die chinesischen Kommunisten in der Kuomintang verbleiben und dort ihre Arbeit verstärken müssen.
Kann aber die chinesische Kommunistische Partei an der zukünftigen revolutionären Regierung teilnehmen? Sie kann nicht nur, sie muss sogar an ihr teilnehmen. Der Verlauf der Revolution in China, ihr Charakter, ihre Perspektiven sprechen beredt dafür, dass sich die chinesische Kommunistische Partei an der zukünftigen revolutionären Regierung Chinas beteiligen muss.
Das ist eine der Garantien, die notwendig sind, damit die Hegemonie des chinesischen Proletariats in der Tat verwirklicht wird.
V. Die Bauernfrage in China
Die vierte Bemerkung betrifft die Frage der Bauernschaft in China. Mif glaubt, dass man sofort die Losung der Bildung von Sowjets, und zwar von Bauernsowjets im chinesischen Dorf aufstellen müsse. Ich denke, das ist ein Fehler. Mif eilt voraus. Man kann auf dem flachen Lande keine Sowjets ins Leben rufen und die Industriezentren Chinas dabei umgehen. Indes steht die Frage der Organisierung von Sowjets in den Industriezentren Chinas jetzt nicht auf der Tagesordnung. Außerdem darf nicht außer acht gelassen werden, dass die Sowjets nicht außerhalb des Zusammenhangs mit der Gesamtsituation betrachtet werden dürfen. Sowjets, in diesem Fall Bauernsowjets, könnten nur dann organisiert werden, wenn China eine Periode des maximalen Aufschwungs der Bauernbewegung durchmachte, die das Alte zerbricht und eine neue Macht schafft, und unter der Voraussetzung, dass die Industriezentren Chinas den Damm bereits durchbrochen haben und in die Phase der Bildung der Sowjetmacht eingetreten sind. Kann man sagen, dass die chinesische Bauernschaft und die chinesische Revolution überhaupt in diese Phase bereits eingetreten sind? Nein, das kann man nicht. Jetzt von Sowjets sprechen heißt daher vorauseilen. Daher muss man jetzt nicht die Frage der Bildung von Sowjets, sondern die Frage der Bildung von Bauernkomitees stellen. Ich meine von den Bauern gewählte Bauernkomitees, die imstande sind, die Grundforderungen der Bauernschaft zu formulieren, und die alle Maßnahmen ergreifen werden, um die Verwirklichung dieser Forderungen auf revolutionäre Weise durchzusetzen. Diese Bauernkomitees müssen den Kern bilden, um die sich die Revolution im Dorfe entfalten wird.
Ich weiß, dass es unter den Kuomintangleuten und selbst unter den chinesischen Kommunisten Leute gibt, die eine Entfaltung der Revolution im Dorfe nicht für möglich halten, da sie befürchten, dass die Hereinziehung der Bauernschaft in die Revolution die antiimperialistische Einheitsfront untergraben werde. Das ist ein gewaltiger Irrtum, Genossen. Die antiimperialistische Front in China wird umso stärker und mächtiger sein, je schneller und gründlicher die chinesische Bauernschaft in die Revolution hineingezogen wird. Die Verfasser der Thesen, besonders aber Tan Ping-schan und Rafes haben völlig Recht, wenn sie behaupten, dass die sofortige Befriedigung einer Reihe der dringendsten Forderungen der Bauern die unerlässliche Voraussetzung für den Sieg der chinesischen Revolution ist. Ich denke, dass es an der Zeit ist, mit jener Trägheit und „Neutralität” gegenüber der Bauernschaft aufzuräumen, die in der Tätigkeit gewisser Kuomintangelemente zu beobachten sind. Ich denke, dass sowohl die Kommunistische Partei Chinas als auch die Kuomintang, also auch die Kantoner Regierung, unverzüglich von Worten zu Taten übergehen und die Frage der sofortigen Befriedigung der lebenswichtigsten Forderungen der Bauernschaft stellen müssen.
Welche Perspektiven sich in dieser Hinsicht eröffnen und bis zu welcher Grenze man gehen kann und soll - das hängt vom Verlauf der Revolution ab. Ich denke, dass man letzten Endes auf die Nationalisierung des Grund und Bodens hinsteuern muss. Jedenfalls können wir auf eine Losung, wie die Losung der Nationalisierung des Grund und Bodens, nicht ein für allemal verzichten.
Welche Wege und Bahnen haben die chinesischen Revolutionäre einzuschlagen, um die Millionenmassen der Bauernschaft Chinas für die Revolution zu mobilisieren?
Ich denke, dass man unter den gegebenen Verhältnissen nur von drei Wegen sprechen kann.
Der erste Weg - das ist der Weg der Bildung von Bauernkomitees und des Eindringens der chinesischen Revolutionäre in diese Komitees, um auf die Bauernschaft einzuwirken. (Zwischenruf: „Und die Bauernbünde?”) Ich glaube, dass sich die Bauernbünde um die Bauernkomitees gruppieren oder dass die Bauernbünde sich in Bauernkomitees verwandeln werden, die mit diesen oder jenen für die Durchsetzung der bäuerlichen Forderungen notwendigen Machtbefugnissen ausgestattet sind. Über diesen Weg habe ich bereits gesprochen. Aber dieser Weg genügt nicht. Es wäre lächerlich, wollte man glauben, dass es hierfür in China genügend Revolutionäre gäbe. China hat eine Bevölkerung von rund 400 Millionen. Davon sind etwa 350 Millionen Chinesen. Davon sind mehr als neun Zehntel Bauern. Wer da glaubt, einige Zehntausende chinesische Revolutionäre könnten diesen Ozean der Bauernschaft ausschöpfen, der befindet sich in einem Irrtum. Also müssen noch andere Wege eingeschlagen werden.
Der zweite Weg - das ist der Weg der Einwirkung auf die Bauernschaft durch den Apparat der neuen revolutionären Volksmacht. Es steht außer Zweifel, dass sich in den neuen befreiten Provinzen eine neue Macht nach dem Muster der Kantoner Regierung bilden wird. Es steht außer Zweifel, dass diese Macht und der Apparat dieser Macht, wenn sie die Revolution wirklich vorantreiben wollen, auf die Befriedigung der dringlichsten Forderungen der Bauernschaft werden bedacht sein müssen. Die Aufgabe der Kommunisten und der Revolutionäre Chinas überhaupt besteht nun darin, in den Apparat der neuen Macht einzudringen, diesen Apparat den Bauernmassen näher zu bringen und den Bauernmassen zu helfen, mit Hilfe dieses Apparats ihre dringendsten Forderungen zu befriedigen, sei es durch Wegnahme der Ländereien der Gutsbesitzer, sei es durch Herabsetzung der Steuern und des Pachtzinses - je nach den Umständen.
Der dritte Weg ist der Weg der Einwirkung auf die Bauernschaft durch die revolutionäre Armee. Ich habe schon von der gewaltigen Bedeutung gesprochen, die der revolutionären Armee in der chinesischen Revolution zukommt. Die revolutionäre Armee Chinas ist die Kraft, die als erste in die neuen Provinzen eindringt, die als erste mit den breitesten Massen der Bauernschaft in Berührung kommt und aus deren Verhalten der Bauer vor allem Rückschlüsse zieht auf die neue Macht, auf ihre schlechten beziehungsweise guten Eigenschaften. Von der Haltung der revolutionären Armee, von ihrem Verhalten gegenüber der Bauernschaft und gegenüber den Gutsbesitzern, von ihrer Bereitschaft, den Bauern zu helfen, hängt vor allem ab, wie sich die Bauernschaft zur neuen Macht, zur Kuomintang und zur Revolution in China überhaupt stellt. Wenn man berücksichtigt, dass sich nicht wenige zweifelhafte Elemente der revolutionären Armee Chinas angebiedert haben, dass diese Elemente die Physiognomie der Armee verschlechtern können, dann kann man verstehen, welch große Bedeutung die politische Physiognomie der Armee und, ich möchte sagen, ihre Bauernpolitik in den Augen der Bauernschaft haben. Daher müssen die Kommunisten Chinas und überhaupt die Revolutionäre Chinas alle Maßnahmen treffen, um die bauernfeindlichen Elemente der Armee zu neutralisieren, der Armee ihren revolutionären Geist zu bewahren und dafür zu sorgen, dass die Armee den Bauern hilft und sie für die Revolution mobilisiert.
Man sagt, dass die revolutionäre Armee in China mit offenen Armen empfangen wird, dass aber später, wenn die Armee Quartier bezogen hat, eine gewisse Enttäuschung eintritt. Dasselbe war auch bei uns in der Sowjetunion während des Bürgerkriegs der Fall. Das erklärt sich daraus, dass die Armee, wenn sie neue Provinzen befreit und dort Quartier bezieht, gezwungen ist, sich so oder so auf Kosten der dort wohnenden Bevölkerung zu verpflegen. Uns sowjetischen Revolutionären gelang es gewöhnlich, dieses Minus dadurch auszugleichen, das wir bemüht waren, die Bauern mit Hilfe der Armee gegen die Gutsbesitzerelemente zu unterstützen. Auch die chinesischen Revolutionäre müssen lernen, dieses Minus dadurch auszugleichen, dass sie mit Hilfe der Armee eine richtige Bauernpolitik durchführen.
VI. Das Proletariat und die Hegemonie des Proletariats in China
Die fünfte Bemerkung betrifft die Frage des chinesischen Proletariats. Ich denke, dass in den Thesen die Rolle und die Bedeutung der Arbeiterklasse Chinas nicht genügend hervorgehoben werden. Rafes fragt: Auf wen sollen sich die chinesischen Kommunisten orientieren - auf die Linken oder auf das Zentrum der Kuomintang? Sonderbare Frage. Ich denke, die chinesischen Kommunisten müssen sich vor allem auf das Proletariat orientieren und müssen die Führer der Befreiungsbewegung in China auf die Revolution orientieren. Nur dann wird die Frage richtig gestellt sein. Ich weiß, dass es unter den chinesischen Kommunisten Genossen gibt, die die Streiks der Arbeiter für die Verbesserung ihrer materiellen und rechtlichen Lage als unerwünscht ansehen und den Arbeitern abraten, in den Streik zu treten. (Zuruf: „Das war in Kanton und Schanghai der Fall.”) Das ist ein großer Fehler, Genossen. Das ist eine schwerwiegende Unterschätzung der Rolle und des spezifischen Gewichts des Proletariats in China. Das muss in den Thesen als unbedingt negative Erscheinung festgehalten werden. Es wäre ein großer Fehler, wenn die chinesischen Kommunisten die gegenwärtige günstige Situation nicht dazu benutzen würden, um den Arbeitern zu helfen, ihre materielle und rechtliche Lage zu verbessern, und sei es auch durch Streiks. Wozu haben wir denn eine Revolution in China? Ein Proletariat, dessen Söhne bei Streiks von den Agenten des Imperialismus gepeitscht und gefoltert werden, kann nicht die führende Kraft sein. Dieses mittelalterliche Übel muss um jeden Preis ausgerottet werden, um unter den Proletariern Chinas das Kraftgefühl und das Gefühl der eigenen Würde zu entwickeln und sie zur Führung der revolutionären Bewegung zu befähigen. Ohne das ist an einen Sieg der Revolution in China gar nicht zu denken. Daher muss den wirtschaftlichen und rechtlichen Forderungen der Arbeiterklasse Chinas, die auf eine ernstliche Verbesserung ihrer Lage abzielen, in den Thesen ein gebührender Platz eingeräumt werden. (Zuruf: „Davon ist in den Thesen die Rede.”) Ja, davon ist in den Thesen die Rede, aber leider sind diese Forderungen nicht nachdrücklich genug gestellt.
VII. Die Frage der Jugend in China
Die sechste Bemerkung betrifft die Frage der Jugend in China. Es ist sonderbar, dass diese Frage in den Thesen nicht berücksichtigt worden ist. Indes ist die Frage der Jugend in China jetzt von außerordentlich großer Bedeutung. In den Referaten Tan Ping-schans wurde diese Frage behandelt, aber leider nicht mit genügendem Nachdruck. Die Frage der Jugend ist jetzt in China von erstrangiger Bedeutung. Die studierende Jugend (die revolutionären Studenten), die Arbeiterjugend, die Bauernjugend - sie alle stellen eine Kraft dar, die, wenn man sie unter den ideologischen und politischen Einfluss der Kuomintang (Anmerkung. Unter den damaligen Bedingungen war eine solche Politik richtig, da die Kuomintang damals einen Block der Kommunisten und der mehr oder minder linken Vertreter der Kuomintang darstellte, der eine antiimperialistische revolutionäre Politik durchführte. Späterhin wurde diese Politik aufgegeben, da sie nicht mehr den Interessen der chinesischen Revolution entsprach, weil die Kuomintang der Revolution den Rücken kehrte und später zum Zentrum des Kampfes gegen die Revolution wurde; die Kommunisten brachen mit der Kuomintang und traten aus ihr aus.) bringt, bewirken könnte, dass die Revolution in Siebenmeilenstiefeln voranschreitet. Es darf nicht außer acht gelassen werden, dass niemand das imperialistische Joch so gründlich und so lebhaft verspürt und dass niemand die Notwendigkeit des Kampfes gegen dieses Joch so brennend und so schmerzlich empfindet wie die Jugend in China. Dieser Umstand muss von der chinesischen Kommunistischen Partei und den chinesischen Revolutionären weitgehendst berücksichtigt werden im Sinne einer weitgehendsten Verstärkung der Arbeit unter der Jugend. Die Jugend muss in den Thesen zur chinesischen Frage ihren Platz finden.
VIII. Einige Schlussfolgerungen
Ich möchte einige Schlussfolgerungen ziehen - hinsichtlich des Kampfes gegen den Imperialismus in China und hinsichtlich der Bauernfrage.
Es steht außer Zweifel, dass die chinesische Kommunistische Partei sich jetzt nicht auf die Forderung nach Annullierung der ungleichen Verträge beschränken kann. Für diese Forderung ist jetzt sogar ein solcher Konterrevolutionär wie Tschang Hsüe-liang. Es liegt auf der Hand, dass die chinesische Kommunistische Partei weitergehen muss.
Ferner muss als Perspektive die Frage der Nationalisierung der Eisenbahnen gestellt werden. Das ist notwendig, und darauf muss man hinsteuern.
Ferner muss die Perspektive der Nationalisierung der wichtigsten Fabriken und Werke ins Auge gefasst werden. Dabei erhebt sich vor allem die Frage der Nationalisierung der Unternehmungen, deren Besitzer durch besondere Feindseligkeit und besondere Aggressivität gegenüber dem chinesischen Volke hervortreten. Sodann muss die Bauernfrage vorangebracht und mit der Perspektive der Revolution in China verbunden werden. Ich denke, dass man letzten Endes auf die Enteignung der Gutsbesitzerländereien zugunsten der Bauern und auf die Nationalisierung des Grund und Bodens hinsteuern muss.
Alles Übrige versteht sich von selbst.
Das, Genossen, sind all die Bemerkungen, die ich machen wollte.
Zeitschrift „Kommunistitscheski Internazional” (Die Kommunistische Internationale) Nr. 13 (71), 10. Dezember 1926.
Fußnoten
- ↑ Gemeint ist die tiefgehende wirtschaftliche und politische Krise in Deutschland im Herbst 1923. Im Lande entfaltete sich eine machtvolle revolutionäre Bewegung, es begann der Massenübertritt der Arbeiter von der Sozialdemokratie zur Kommunistischen Partei. In Sachsen und Thüringen bildeten sich Arbeiterregierungen, auf die Tagesordnung trat die Frage der unverzüglichen Organisierung proletarischer Räte und der Machtergreifung durch die Kommunisten. In Hamburg fand ein bewaffneter Aufstand der Arbeiter statt. Die revolutionäre Bewegung in Deutschland erlitt eine Niederlage, wonach sich im Lande die bürgerliche Reaktion verstärkte.
- ↑ Es handelt sich um die nationalen Befreiungskriege in Marokko und Syrien (1925-1926) gegen den französischen Imperialismus. Diese Kriege kosteten Frankreich über eine Milliarde Franken.
- ↑ Gemeint ist die der Partei der Bolschewiki feindliche Gruppe der „linken Kommunisten”. (über die „linken Kommunisten” siehe „Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang”, S. 206-209 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S. 269-273] und W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 46-53, 57 bis 62, 65-101, 293-319, russ.)
- ↑ Die gesamtrussische Parteikonferenz im Jahre 1908 - die V. Konferenz der SDAPR - fand vom 3. bis zum 9. Januar 1909 (21. bis 27. Dezember 1908) in Paris statt. Auf der Konferenz führten Lenin und die Bolschewiki einen Kampf an zwei Fronten: gegen die Liquidatoren-Menschewiki und gegen die Otsowisten - die „Liquidatoren von links”. Auf Vorschlag Lenins verurteilte die Konferenz entschieden das Liquidatorentum der Menschewiki und Otsowisten und legte die taktische Linie der Bolschewiki in der Periode der Reaktion fest. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil I, 1941, S. 125-132, russ., „Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang“, S. 129-131 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S. 169-171].)
- ↑ Dieses „Vorwort“ war die Einleitung zu der Arbeit „Zu den Fragen des Leninismus“, die von J. W. Stalin im Januar 1926 an Stelle eines Vorworts zu dem Sammelband „Fragen des Leninismus“ geschrieben wurde. Der Sammelband erschien im Februar 1926.
- ↑ Von Sinowjew hervorgehoben. J. St.
- ↑ Von Sinowjew hervorgehoben. J. St.
- ↑ Von mir hervorgehoben. J. St.
- ↑ Von mir hervorgehoben. J. St.
- ↑ Von mir hervorgehoben. J. St.
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- ↑ Von mir hervorgehoben, J. St.
- ↑ Von mir hervorgehoben, J. St.
- ↑ Von mir hervorgehoben, J. St.
- ↑ Von mir hervorgehoben, J. St.
- ↑ Gemeint ist die Rede J. W. Stalins „Zur Frage des Proletariats und der Bauernschaft”, gehalten am 27. Januar 1925 auf der XIII. Gouvernementskonferenz der Moskauer Organisation der KPR(B), als die Frage der Arbeit auf dem Lande behandelt wurde. (Siehe J. W. Stalin, „Werke”, Bd. 7, S. 25 bis 33 [deutsche Ausgabe S. 22-28].)
- ↑ In Nr. 3 der Zeitschrift „Bolschewik” vom 15. Februar 1926 wurde J. W. Stalins Arbeit „Zu den Fragen des Leninismus” veröffentlicht. (Siehe den vorliegenden Band, S. 12-81.) „Bolschewik” - theoretische und politische Halbmonatszeitschrift des ZK der KPdSU(B), erscheint seit April 1924.
- ↑ Das VI. erweiterte Plenum des Exekutivkomitees der Komintern tagte vom 17. Februar bis zum 15. März 1926 in Moskau. Das Plenum behandelte die Berichte des Exekutivkomitees der Komintern und der Kommunistischen Partei Großbritanniens sowie die Referate: über die nächsten Aufgaben der Kommunisten in der Gewerkschaftsbewegung, über die Ergebnisse der II. Beratung zu Organisationsfragen und die Berichte der zwölf Kommissionen, die während der Plenartagung tätig waren. Besondere Aufmerksamkeit widmete das Plenum der Frage der Aufgaben der Kommunisten im Kampf um die revolutionäre Einheit der internationalen Gewerkschaftsbewegung auf der Grundlage der Taktik der Einheitsfront. J. W. Stalin wurde zum Mitglied des Präsidiums, zum Mitglied der politischen Kommission, der Kommission für den Osten und der französischen Kommission sowie zum Vorsitzenden der deutschen Kommission des Plenums gewählt.
- ↑ Unter dem Jahr „1923” ist die tief greifende revolutionäre Krise in Deutschland vom Herbst 1923 zu verstehen.
- ↑ „Bulletin Communiste“ - Halbmonatszeitung, Organ des rechten Flügels der Kommunistischen Partei Frankreichs; wurde in Paris herausgegeben. Die erste Nummer der Zeitung erschien im Oktober 1925. Die Zeitung stellte ihr Erscheinen nach ihrer fünfzehnten Nummer (im Januar 1926) ein, in der auch die parteifeindliche Erklärung des rechten Flügels der französischen Kommunistischen Partei veröffentlicht worden war.
- ↑ Das Plenum des ZK der KPdSU(B) tagte vom 6. bis zum 9. April 1926. Am 9. April hielt J. W. Stalin in der Morgensitzung des Plenums eine Rede zum Referat „über die wirtschaftliche Lage und die Wirtschaftspolitik”, und in der Abendsitzung ein Referat über den Arbeitsplan des Politbüros und des Plenums des ZK der KPdSU(B) für das Jahr 1926. (Die Beschlüsse der Plenartagung siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S. 91-102, russ.)
- ↑ Gemeint ist die vom Plenum des ZK der KPdSU(B) am 9. April 1926 angenommene Resolution „Über die Organisierung des Getreidebeschaffungsapparats für die Erntekampagne 1926/1927”. (Die Resolution siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S.97-100, russ.)
- ↑ Der Text dieses Briefes wurde in dem Sammelband J. Stalin, „Der Marxismus und die nationale und koloniale Frage”, Moskau 1934, S. 172/173 (russ.) auszugsweise veröffentlicht.
- ↑ Der Generalstreik in England fand vom 3. bis zum 12. Mai 1926 statt. An dem Streik beteiligten sich über fünf Millionen organisierter Arbeiter aller wichtigsten Zweige der Industrie und des Verkehrswesens.
- ↑ Gemeint ist der bewaffnete Umsturz, der von Pilsudski vom 12. zum 13. Mai 1926 vollzogen wurde. Das Ergebnis des Umsturzes war die Errichtung eines Regimes der Diktatur Pilsudskis und seiner Clique, die allmählich die Faschisierung des Landes vollzogen.
- ↑ Nachdem das Präsidium des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion die Nachricht vom Generalstreik in England erhalten hatte, beschloss es auf der Sitzung am 5. Mai 1926, an der Vertreter der Zentralkomitees der Gewerkschaftsverbände teilnahmen, alle Gewerkschaftsmitglieder in der UdSSR aufzurufen, ein Viertel eines Tagelohns zur Unterstützung der streikenden Arbeiter Englands abzuführen, und überwies dem Generalrat der englischen Trade-Unions am gleichen Tage 250000 Rubel. Am 7. Mai überwies der Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion dem Generalrat weitere 2 Millionen Rubel, die von den Arbeitern der UdSSR gesammelt worden waren. Am 9. Mai teilte der Generalrat dem Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion mit, dass er sich weigert, dieses Geld sowie jegliche andere Hilfe der Arbeiter der UdSSR anzunehmen.
- ↑ Es handelt sich um die vom VI. erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Komintern am 15. März 1926 angenommenen Thesen „Die nächsten Probleme der internationalen kommunistischen Bewegung”. (Siehe „Das VI. erweiterte Plenum des Exekutivkomitees der Komintern. Thesen und Resolutionen”, Staatsverlag, 1926, S.4-39, russ.)
- ↑ Sejmfraktionen - Gruppierungen im polnischen Sejm, dem Unterhaus des polnischen bürgerlichen Parlaments, dem wichtigsten gesetzgebenden Organ Polens. Die Deputierten des Sejms zerfielen 1926 in mehr als 30 Fraktionen, die die Interessen der verschiedenen Klassen und Zwischenschichten der polnischen Gesellschaft vertraten.
- ↑ Gemeint ist der Artikel Ernst Thälmanns „Über die Taktik der Kommunistischen Partei Polens”, der in Nr. 123 der „Prawda” vom 30. Mai 1926 veröffentlicht wurde.
- ↑ Das Englisch-Russische Einheitskomitee wurde auf Initiative des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion auf der englisch-sowjetischen Gewerkschaftskonferenz, die vom 6. bis zum 8. April 1925 in London tagte, gebildet. Dem Englisch-Russischen Komitee gehörten die Vorsitzenden und Sekretäre des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion und des Generalrats des englischen Kongresses der Trade-Unions und außerdem je drei Mitglieder aus jeder dieser Organisationen an. Wegen der verräterischen Politik der reaktionären Führer der englischen Trade-Unions hörte das Komitee im Herbst 1927 auf zu existieren.
- ↑ Die gemeinsame Plenartagung des ZK und der ZKK der KPdSU(B) fand vom 14. bis zum 23. Juli 1926 statt. Das Plenum behandelte die Mitteilung des Politbüros über die von ihm im Zusammenhang mit dem englischen Generalstreik und den Ereignissen in Polen und China gefassten Beschlüsse sowie die Referate: über die Ergebnisse der Neuwahlen der Sowjets, zur Angelegenheit Laschewitsch u. a. und über die Einheit der Partei, über den Wohnungsbau, über die Getreidebeschaffungskampagne. Auf der Plenartagung sprach J. W. Stalin zu der Mitteilung des Politbüros über die von ihm im Zusammenhang mit den Ereignissen in England, Polen und China gefassten Beschlüsse, zu dem Referat des Präsidiums der ZKK der KPdSU(B) zur Angelegenheit Laschewitsch u. a. und über die Einheit der Partei und zu anderen Fragen. Das Plenum billigte die Tätigkeit des Politbüros des ZK und der Delegation der KPdSU(B) im EKKI in internationalen Fragen und fasste eine Reihe von Beschlüssen zu den wichtigsten Fragen des Staats- und Wirtschaftsaufbaus, des innerparteilichen Lebens und der Lage der Arbeiter. Das Plenum schloss Sinowjew aus dem Politbüro des ZK aus. (Die Resolutionen des Plenums siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S. 103-121, russ.)
- ↑ Gemeint ist die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale, die im Juli 1919 auf einem internationalen Kongress in Amsterdam gegründet wurde. Der Internationale gehörten die reformistischen Gewerkschaften der meisten Länder Westeuropas sowie die Amerikanische Arbeitsföderation an. Die Amsterdamer Internationale betrieb eine reformistische Politik, arbeitete im Internationalen Arbeitsamt und in den verschiedenen Kommissionen des Völkerbunds offen mit der Bourgeoisie zusammen, kämpfte gegen die Einheitsfront in der Arbeiterbewegung und verhielt sich der Sowjetunion gegenüber feindselig, was zur Folge hatte, dass ihr Einfluss in der Arbeiterbewegung zurückging. Während des zweiten Weltkriegs stellte die Amsterdamer Internationale faktisch ihre Tätigkeit ein. Im Zusammenhang mit der Gründung des Weltgewerkschaftsbundes wurde die Amsterdamer Internationale im Dezember 1945 aufgelöst.
- ↑ Sassenbach und Oudegeest - Sekretäre der reformistischen Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale, Führer des rechten Flügels der Internationale.
- ↑ Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 24, S. 216 (russ.).
- ↑ „Arbeiteropposition” - parteifeindliche anarcho-syndikalistische Gruppe innerhalb der KPR(B), an deren Spitze Schljapnikow, Medwedew und andere standen. Die Gruppe hatte sich in der zweiten Hälfte des Jahres 1920 formiert und führte einen Kampf gegen die Leninsche Parteilinie. Der X. Parteitag der KPR(B) verurteilte die „Arbeiteropposition” und erklärte die Propaganda der Ideen der anarcho-syndikalistischen Abweichung für unvereinbar mit der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei. Späterhin schlossen sich die Tiberreste der zerschlagenen „Arbeiteropposition” mit dem konterrevolutionären Trotzkismus zusammen.
- ↑ „Sozialistitscheski Wjestnik” (Der sozialistische Bote) - Zeitschrift, Organ der menschewistischen weißen Emigranten, das von Martow im Februar 1921 gegründet wurde; erschien bis März 1933 in Berlin, von Mai 1933 bis Juni 1940 in Paris, und erscheint gegenwärtig in Amerika. Der „Sozialistitscheski Wjestnik” ist ein Sprachrohr reaktionärster imperialistischer Kreise.
- ↑ Die Konferenz der Vertreter der Britischen Föderation der Bergleute und des Verbands der Bergarbeiter der UdSSR fand am 7. Juli 1926 in Berlin statt. Die Konferenz behandelte die Frage der Fortsetzung der Hilfskampagne für die englischen Bergleute, die gegen die Aussperrung kämpften. Die Konferenz nahm den Aufruf „An die Arbeiter der ganzen Welt” an, der die Aufforderung enthielt, den englischen Bergleuten tatkräftige Unterstützung zu erweisen, und erklärte es für notwendig, das Englisch-Russische Einheitskomitee schnellstens einzuberufen. Zur Aufrechterhaltung der gegenseitigen Verbindung und zur Verwirklichung der Einheit der revolutionären Aktionen des Verbands der Bergarbeiter der UdSSR und der internationalen Föderation der Bergleute erklärte es die Konferenz für notwendig, ein englisch-sowjetisches Komitee der Bergarbeiter zu bilden.
- ↑ Der Aufruf des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion „An das gesamte internationale Proletariat” wurde anlässlich des Verrats erlassen, den die reformistischen Führer der Arbeiterpartei und des Generalrats der Trade-Unions Englands an dem Generalstreik der englischen Arbeiter begangen hatten. Der Aufruf wurde vom IV. Plenum des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion am 7. Juni 1926 angenommen und in Nr. 130 der „Prawda” vom 8. Juni 1926 veröffentlicht.
- ↑ Helden des „schwarzen Freitags” - die reaktionären Führer der englischen Gewerkschaften der Eisenbahner (Thomas), der Bergarbeiter (Hodges) und der Transportarbeiter (Williams), die den auf den 15. April 1921 zur Unterstützung der streikenden Bergarbeiter festgesetzten Streik der Eisenbahner und Transportarbeiter vereitelten. Der Tag, an dem der Streik vereitelt wurde - Freitag, der 15. April 1921 - wurde von den englischen Arbeitern als „schwarzer Freitag” bezeichnet.
- ↑ „The Daily Worker” - Zeitung, Zentralorgan der (kommunistischen) Arbeiterpartei der USA. Von Januar 1922 bis Januar 1927 erschien die Zeitung in Chikago und danach in New York zunächst unter dem Titel „Worker” und von Januar 1924 unter dem Titel „Daily Worker”
- ↑ „The New Leader” - Wochenzeitung, Organ der so genannten sozialistischen Partei Amerikas, deren erste Nummer im Januar 1924 erschien.
- ↑ Die Thesen „Über den Oppositionsblock in der KPdSU(B)“ wurden von J. W. Stalin im Auftrag des Politbüros des ZK der KPdSU(B) zwischen dem 21. und dem 25. Oktober 1926 verfasst. Nachdem die Thesen vom Politbüro gebilligt worden waren, wurden sie am 26. Oktober von dem vereinigten Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B) behandelt und angenommen. Am 3. November wurden die Thesen einstimmig von der XV. Unionsparteikonferenz als Beschluss der Konferenz angenommen und am gleichen Tage von dem vereinigten Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B) bestätigt. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil II, 1941, S. 148-155, russ.)
- ↑ „Demokratische Zentralisten“ - parteifeindliche Gruppe innerhalb der KPR(B), an deren Spitze Sapronow und Ossinski standen. Die Gruppe entstand in der Periode des Kriegskommunismus. Die Gruppe der „demokratischen Zentralisten“ verneinte die führende Rolle der Partei in den Sowjets; sie trat gegen die individuelle Leitung und die persönliche Verantwortlichkeit der Direktoren in der Industrie, gegen die Leninsche Linie in Organisationsfragen auf und forderte die Freiheit der Fraktionen und Gruppierungen in der Partei. Der IX. und der X. Parteitag verurteilten die „demokratischen Zentralisten“ als parteifeindliche Gruppe. Im Jahre 1927 wurde die Gruppe der „demokratischen Zentralisten“ zusammen mit den Anführern der trotzkistischen Opposition durch den XV. Parteitag der KPdSU(B) aus der Partei ausgeschlossen.
- ↑ „Liquidatoren vom Schlage eines Souvarine“ - Anhänger des Trotzkisten Boris Souvarine - eines ehemaligen Mitglieds des ZK der Kommunistischen Partei Frankreichs. Im Jahre 1926 wurde Souvarine vom VII. erweiterten Plenum des EKKI wegen konterrevolutionärer Propaganda gegen die Sowjetunion und die Kommunistische Internationale aus der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen.
- ↑ Die XV. Konferenz der KPdSU(B) fand vom 26. Oktober bis zum 3. November 1926 statt. Die Konferenz behandelte die Fragen: die internationale Lage, die wirtschaftliche Lage des Landes und die Aufgaben der Partei, die Ergebnisse der Arbeit der Gewerkschaften und ihre nächsten Aufgaben, die Opposition und die innerparteiliche Lage. Die Konferenz billigte die Politik des ZK und nahm einstimmig die Thesen des Referats J. W. Stalins „Ober den Oppositionsblock in der KPdSU(B)” an, in denen der trotzkistisch-sinowjewistische Oppositionsblock als sozialdemokratische Abweichung in den Reihen der bolschewistischen Partei, als Hilfstrupp der II. Internationale in der internationalen Arbeiterbewegung charakterisiert wird. Die Konferenz bekräftigte und vollendete die Sache der Ausrüstung der Partei mit der Idee des Sieges des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion und rief zum entschiedenen Kampf für die Einheit der Partei, für die Entlarvung des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks auf.
- ↑ Gemeint ist das Plenum des ZK der KPdSU(B), das vom 6. bis zum 9. April 1926 tagte.
- ↑ Gemeint ist das vereinigte Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B), das vom 14. bis zum 23. Juli 1926 tagte.
- ↑ Gemeint ist die Resolution „Über die Ergebnisse der Diskussion und über die kleinbürgerliche Abweichung in der Partei”, die von der XIII. Konferenz der KPR(B) angenommen, vom XIII. Parteitag der KPR(B) bestätigt und in die Beschlüsse des Parteitags aufgenommen wurde. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil I, 1941, S. 540-545, russ.)
- ↑ [Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 387 (deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.186]].
- ↑ „Nasche Slowo” (Unser Wort) - menschewistisch-trotzkistische Zeitung, die von Januar 1915 bis September 1916 in Paris erschien.
- ↑ 53,0 53,1 Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S. 29 (russ.).
- ↑ Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S. 29/30 (russ.).
- ↑ Gemeint ist das vereinigte Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B), das am 23. und am 26. Oktober 1926 stattfand. Das Plenum behandelte die Frage der Ergänzung des ZK im Zusammenhang mit dem Tode F. E. Dzierzynskis, Fragen, die der XV. Unionsparteikonferenz zur Behandlung unterbreitet werden sollten, die Mitteilung des Politbüros des ZK und der ZKK im Zusammenhang mit dem Beschluss des Politbüros vom 4. Oktober über die Fraktionstätigkeit des trotzkistisch-sinowjewistischen Oppositionsblocks nach dem vereinigten Juliplenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B) und die Thesen J. W. Stalins „Ober den Oppositionsblock in der KPdSU(B)”. Auf der Plenartagung ergriff J. W. Stalin am 26. Oktober das Wort zur Verteidigung der Thesen.
- ↑ Gemeint ist die Resolution, die auf der gemeinsamen Plenartagung des ZK und der ZKK der KPR(B) am 17. Januar 1925 zur Mitteilung J. W. Stalins über die Resolutionen der Ortsorganisationen der Partei im Zusammenhang mit dem Auftreten Trotzkis angenommen wurde. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil 1, 1941, S. 636-641; J. W. Stalin, „Werke”, Bd. 7, S. 6-10 [deutsche Ausgabe S. 5-8].)
- ↑ Es werden die Worte Lenins aus dem Referat „Über die Tätigkeit des Rats der Volkskommissare” auf dem III. Allrussischen Sowjetkongress zitiert. (Siehe W.I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 429, russ.) Siehe ebenfalls den Brief von Engels an Paul Lafargue vom 2. Juni 1894 (K. Marx und F. Engels, „Werke”, Bd. XXIX, S. 311, russ.).
- ↑ Gemeint ist der Artikel W. I. Lenins „Einige Thesen” (siehe „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 366-368, russ.).
- ↑ Es handelt sich um die Note des englischen Außenministers Curzon vom 8. Mai 1923, in der mit einer neuen Intervention gegen die UdSSR gedroht wurde.
- ↑ „Ufaer Regierung” - konterrevolutionäre Organisation, die sich als „Allrussische provisorische Regierung” (Direktorium) bezeichnete. Sie wurde am 23. September 1918 in Ufa auf einer Beratung von Vertretern der weißgardistischen „Regierungen”, von Menschewiki, Sozialrevolutionären und ausländischen Interventen gebildet und bestand bis 18. November 1918.
- ↑ Siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 6, S. 69-188 [deutsche Ausgabe S. 62 bis 166].
- ↑ Siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 6, S. 358-401 [deutsche Ausgabe S. 320 bis 358].
- ↑ Siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 7, S. 90-132 [deutsche Ausgabe S. 77 bis 114].
- ↑ Siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 7, 5.156-211 [deutsche Ausgabe S. 135 bis 182].
- ↑ Lenin, Werke-Ausgabe, Dietz-Verlag Berlin, Band 33, Seite 453 ff.
- ↑ Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S.47-53 (russ.).
- ↑ Siehe K. Marx und F. Engels, „Ausgewählte Briefe”, 1947, S. 105 [deutsch in „Briefwechsel”, Bd. II, S.420--422].
- ↑ Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 24, S. 123 (russ.).
- ↑ Siehe W. I. Lenin, „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 428 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 989].
- ↑ W.I. Lenin, „Plan und Konspekte für die Broschüre ‚Über die Naturalsteuer’„ (siehe „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 299-307, russ.).
- ↑ Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 24, S.1-7 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.7-11].
- ↑ Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 204 (russ.).
- ↑ Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil I, 1941, S. 366-368 (russ.).
- ↑ Siehe K. Marx und F. Engels, „Manifest der Kommunistischen Partei”, Anhang, 1939, S. 75-97 [deutsch in „Gesamtausgabe”, Berlin 1932, Erste Abteilung, Bd. 6, S. 503-522].
- ↑ Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S. 27128 (russ.).
- ↑ Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S. 29130 (russ.).
- ↑ Siehe W.I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. 1, S. 753].
- ↑ Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S. 753].
- ↑ Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 192 (russ.).