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Judenmassakre | |
|---|---|
| Autor*in | Maxim Gorki |
| Verlag | J. Singer & Co. Verlag |
| Veröffentlicht | Berlin |
Judenmassakre
Aus dem Russischen übersetzt von Sonja Wermer
J. Singer & Co. Verlag
Berlin C 2
Bibliothek berühmter Autoren
Judenmassakre
Es war vor etwa fünfzehn Jahren in einer Stadt an der Wolga. An einem heißen Junitag arbeitete ich vom frühen Morgen am Ufer des Flusses, ich beteerte eine Barke, und es nahte schon die Mittagsstunde, als hinter mir irgendwo in der Vorstadt ein dumpfes, zorniges Geräusch ertönte, das wie Gebrüll gereizter, hungriger Ochsen klang. Ich war auch hungrig und wollte mit der Arbeit rascher fertig werden, weshalb ich auch anfangs diesem fernen Geräusch keine Aufmerksamkeit schenkte. Mit jedem Augenblick aber wuchs der Lärm, wie der Rauch mit dem Brande wächst.
In der schwülen Luft über der Vorstadt stand eine trübe Staubwolke. Ich schaute in jene Richtung, und es kam mir vor, als wenn disharmonische Töne die Luft schwängerten, indem sie sich mit dem Staub von der Erde erhoben. Immer dichter wurde der Staub, die Töne lauter und mannigfaltiger, die Luft zitterte, und mit ihr erbebte auch das Herz in der Vorahnung vor etwas Bösem.
Ich warf die Arbeit fort und stieg auf dem sandigen Ufer hinauf, um auszuschauen. Aus den Toren der Häuser stürzten Leute heraus; sie liefen längs der Straße irgendwohin in die Tiefe des Vorortes, ihnen nach liefen Hunde und Kinder, erschreckte Tauben flatterten über ihren Köpfen und Hühner irrten vor den Füßen umher. Hingerissen von der allgemeinen Verwirrung, begann auch ich zu laufen.
»Auf der Elisawetenskaja rauft man!« schrie jemand.
Ein Lastwagen kam den Dahinströmenden entgegen, der Kutscher peitschte mit dem Riemen wütend die Rosse und schrie aus voller Brust: »Lastträger! Man schlägt unsere Kameraden!«
Ich bog in eine enge Gasse ein und blieb stehen. Eine dichte Menschenmenge stopfte mit ihren Leibern die Gasse, daß sie wie ein Sack voll Körner aussah. Voran, irgendwo weit her, vernahm man Gebrüll und Winseln von Menschen, es klirrten die Scheiben, dumpf hämmerten schwere Schläge, etwas krachte und fiel nieder, Töne deckten einander wie Wolken im Herbst und hingen in der Luft wie eine schwere Gewitterwolke.
»Die Juden schlägt man!« sagte mit vergnügter Stimme ein honetter, sauberer Alter. »Geschieht ihnen auch recht,« fügte er hinzu, indem er seine kleinen, trockenen Händchen tüchtig rieb.
Ich stieß mich durch nach vorn, der erregenden, anziehenden Macht des Lärmes folgend. Nicht nur mich, alle lockte dieser fürchterliche Lärm, alle sog er in sich wie das Moor. Die Gesichter der Leute, die an mir vorüberjagten, waren alle erregt von heftiger, ungestümer Bosheit, alle Augen funkelten gierig, die ganze Menge schob sich nach vorn wie eine schwere, dichte Masse, bereit die Wände und Zäune, die sie beengten, umzustürzen, bereit die Vorderen vor die Füße zu werfen, über ihre Körper zu treten, sie zu erdrücken. Ich stürzte in den Hof eines der Häuser dieser Gasse, sprang über den Zaun in den anderen Hof, dann noch einmal und wieder, und ich war neuerdings in einem dichten Menschenknäuel. Der enge Hof eines großen steinernen Hauses war voll von Menschen; es sah aus, als ob sie da sieden würden, als ob die Erde unter ihnen erbebte. Wie besessen, mit hoch erhobenen Köpfen brüllten sie durcheinander; die Gesichter glühten, im geöffneten Munde glänzten die Zähne, sie schwenkten die Arme und stießen einander, versuchten aufs Dach des Wirtschaftsgebäudes zu klettern, rutschten ab, fielen hin und kletterten von neuem. Und trotz der Verschiedenartigkeit der Bewegungen schien etwas Gemeinsames in allen zu sein. Der Mensch wurde ein Teil eines gewaltigen Körpers, beseelt von der gleichen gewaltigen Macht.
Auf dem Dache des Hauses hoch über dieser dichten, durch Erbostheit zusammengeschmolzenen Menge stand neben dem Rauchfang ein magerer, alter Jude. Er riß mit den Fingern die Ziegel heraus, und indem er sie hinunterschleuderte, schrie er mit scharfer, dem Schrei einer Möwe ähnlicher Stimme. Sein langer, grauer Bart zitterte auf seiner Brust und seine weiße Hose war bedeckt mit roten Flecken. Wütende Schreie flogen hinauf:
»Schieß' ihn nieder!«
»Holt Flinten!«
»Schlag' ihn nieder mit einem Ziegel!«
»Klettere hinan!«
In den Fenstern des Hauses sah man dunkle Gestalten, die Fensterrahmen hinausschlugen und Hausgeräte in den Hof warfen. Es klirrten die Scheiben. Ein breitschultriger, lockiger Bursche schritt mit einem Spiegel zum Fenster, schob ihn durch und rief: »He! Achtung!« Und der Spiegel flog zur Erde, die Sonnenstrahlen wiedergebend. Dann schob sich der Bursche durchs Fenster. Sein breites Gesicht war nur besorgt und ernst, aber nicht erbost.
Im anderen Fenster erschien ein schwarzbärtiger Bauer mit einem Polster in den Händen; er riß ihn auf, und eine dichte, weiße Federwolke verteilte sich in der Luft.
»Es schneit, Achtung, daß euch die Nase nicht abfriert, Burschen!« rief der Bauer, als die weißen Flocken sich auf die Köpfe der Menge niedersenkten. Im Hofe brüllte man:
»Hieher, im Fasse habe ich Judenkinder gefunden.«
»Schlag' sie nieder!«
»Mit den Schädeln an die Wand!«
»He, alter Jude, kriech' nur herunter, wir haben deine Enkel gefunden! Komm nur, sonst schlagen wir deine Brut tot!«
Ein gellender Schrei eines Kindes erfüllte die Luft. Ein entsetzlicher Laut! In dem verworrenen Tosen der Menge leuchtete er blendend wie der Blitz zwischen den Wolken auf. Der Lärm schien danach geringer.
»Rühr' die Kinder nicht an!« brüllte jemand.
»Rühr' die Kinder nicht an, schlage die Großen!«
Da erscholl von neuem der Schrei eines Kindes, scharf und fein, er schnitt ins Herz und betäubte mehr als alle Töne.
»Ach, der Teufel!« schrie jemand wütend, alle anderen überschreiend.
»Am Schädel?«
»Die Füße traf er!«
»Geschickt, der alte Teufel!«
»Antip, komm, wir klettern hinauf und stoßen den Juden hinunter.«
Zwei riesengroße Lastträger stießen die Menge auseinander, gingen zu dem Wirtschaftsgebäude und kletterten auf das Dach hinauf.
In einem Fenster des Hauses erschien wieder der ernste, rotfratzige Bursche. Er strengte sich sehr an, irgendeinen Kasten oder eine Kiste durch das Fenster zu schieben, und schrie hinunter:
»Brüder, Achtung auf das Geschirr!« . . .
Die Kiste ging nicht durchs Fenster, da zog sie der Bursche zurück und verschwand für einen Augenblick; dann kam er wieder ans Fenster und begann zu heulen wie ein Wolf:
»Aus dem W–e–g–e!«
Ein Haufen Teller fiel vom Fenster herab, dann kam, blitzend im Sonnenschein, ein Samowar. Die Leute liefen auseinander, bedeckten die Köpfe mit den Händen und lachten aus vollem Halse. Ein rothaariger, dicker Junge ergriff den Samowar, hob ihn hoch über den Kopf, schleuderte ihn dann zu Boden und begann mit den Füßen darauf zu treten.
Vom Dache hörte man entsetzliches Wehgeschrei . . .
Alle erhoben die Köpfe. Das Eisen der Dachrinne rasselte . . . Plötzlich erschien am Rande des Daches etwas Großes, blieb einen Augenblick in der Luft erbebend hängen, dann winselte es, heulte, riß ab und flog hinunter. Ein weiches, widerliches Klatschen . . .
Ich lief davon, und hinter mir hörte ich frohlockendes, wildes Gebrüll.
»Ah . . . ah . . . ah . . .«
»Aha . . . a . . .«
»Hinuntergeschleudert! Ah . . . ah . . .«
Auf der Gasse zerbrachen die Leute Sessel, Tische, zerschlugen Koffer, zerrissen lachend allerlei Gewänder. In der Luft schwebten Flaumfedern, aus den Fenstern zweier Häuser flogen zu den Füßen der Leute Polster, Körbe, Möbelstücke, Fetzen, und die Menge, ganz toll im Drange zu zerstören, ergriff diese Sachen, zerriß, zerbrach und zerschlug sie. Zwei Frauen mit wirrem Haar, verschwitzt, mit roten Gesichtern, hielten irgendeine Kiste fest und zerrten jede in ihrer Richtung. Sie schrieen einander etwas zu, Federn und Flaumen kreisten um ihre Köpfe, sie rissen beide weit den Mund auf, aber ihre Stimmen wurden erstickt vom Krachen des Holzes, vom Heulen und Brüllen der Menge und von winselnden, entsetzlichen Schreien, die aus den Fenstern des Hauses ertönten.
Ein großer Bauer ging an mir vorüber, mit zerrissenem Hemd, ohne Mütze. Das Haar war zerzaust, über das schmutzige Gesicht floß dickes, fast schwarzes Blut. Er fuchtelte mit den Händen und lächelte stumpf mit dem zufriedenen Lächeln eines satten Tieres. Er schritt auf eine Laterne zu und begann daran zu rütteln, indem er sich mit der Brust an das Holz stemmte. Die Laterne schwankte und fiel zu Boden.
»Zerschlage sie!« rief ihm ein anderer Bauer zu, indem er hinzulief. Auch er faßte sie und rüttelte sie.
Von irgendwo warf sich ein Mädchen in die Menge, wie eine Taube in eine Rauchwolke – das Kleid zerrissen, das Haar aufgelöst. Sie lief, den Kopf zurückgeworfen, und die Augen in ihrem blassen Gesicht waren unglaublich groß.
»Haut die Jüdin!« brüllte jemand. Und das Mädchen verschwand in der dichten Menge wie ein Stäubchen Zucker unter einer Unmasse von Fliegen. Über ihr kochte irgendein dunkler Brei aus Menschenleibern, in der Luft sausten Fäuste, man hörte wollüstiges Krächzen und weiche, klatschende Schläge. Zynische Späße, Schimpfworte, ein Zischen wie von Schlangen, alles vermengte sich zu einem hämischen und schadenfrohen Klang.
»Auseinander, ihr Leute!«
»Seliman fährt!«
So schrie die Menge, die irgendwas auf dem Pflaster schleifte. Sie zog einen Menschen oder die Leiche eines Menschen, einen halbnackten, ausgetrockneten Körper, gedrückt, zerrissen, ganz mit Schmutz und Blut bedeckt. Um Selimans Füße war ein Strick gewunden, daran zogen ihn die Leute auf dem Pflaster, und ein breiter Blutstreifen blieb auf dem Wege.
Magere, lange Arme badeten in diesem, und zwischen den Armen, dort, wo sie in die Schultern einwachsen, schlug ein verunstalteter, blutiger, geschundener Klumpen auf die Steine. Ein Junge lief zu dem Körper hin, sprang hinauf, und die Füße versanken in dem Bauch wie in Teig; der Bursche schwenkte die Arme und fiel hin, allgemeines Gelächter erregend.
Seliman war ein reicher Lieferant, ich sah ihn früher öfter; aber was ich jetzt sah, war weder einem Lieferanten noch überhaupt einem Menschen ähnlich.
Abgestumpft von all dem, was ringsum geschah, erstickend vor Staub, drehte ich mich in der Menge wie ein Holzspan im Wasser und schaute auf alles, wie auf einen fürchterlichen Traum. Da, auf der Dachrinne, hoch über der Erde, blieb ein weißer Rock hängen. Ein altes Weib, auf den Zehenspitzen stehend, will ihn erreichen und hebt ihre knochige, dunkle Hand. Neben ihr setzt ein bärtiger Lastträger eine Samtmütze auf den Kopf. Kleine Jungen huschen zwischen den Füßen Erwachsener, heben Splitter eines Spiegels auf, und einer hüpft um eine in der Luft fliegende Feder, die er fangen will.
Den Säbel in der Scheide schwenkend, läuft ein Polizeimann. Man lacht und schreit ihm nach:
»Haltet ihn!«
»Fangt den Pharao!«
Jemand wirft dem Laufenden eine gebrochene Kiste vor die Füße, und der Polizeimann fällt, sich überstürzend, zu Boden.
Lautes Lachen dröhnt in der Luft.
Ich blicke unter meine Füße und sehe ein Stück blutiger Haut mit einem Büschel von Haaren.
»He da! Leute! Hieher!« Dieser Ruf tönt vom Hofe, und die dichte Menge rollt wie eine Welle in das Tor hinein.
Die Menschen brüllen, heulen, grunzen.
»H–au–t, h–au–aut sie!« klingt es in der Luft.
Im Innern des Hauses, im zweiten Stockwerk, arbeitet jemand mit dem Brecheisen, das Mauerwerk zwischen zwei Fenstern zerstörend. Auf die Gasse fallen Ziegel, Kalk, weißer Staub fliegt. Eine Tasse fällt aus dem Fenster; sie kreist unentschlossen in der Luft und fällt auf den Kopf eines dicken Weibes. Dieses kreischt auf und hockt nieder.
»Die Kosaken!«
»Lauft, Brüder!«
»Die Kosaken kommen!«
Im Eingang der Sackgasse erscheinen Pferdeschnauzen, blaue Kosakenmützen, Peitschen, und eine laute, singende Stimme kommandiert:
»Drei in die Reihe! Trab! M–a–rsch!«
Ein Haufen Ziegel fällt auf das Pflaster. Die Zwischenwand ist durchgebrochen, und sogleich wird durch das gräßliche Loch in der Wand des Hauses ein riesiger Kasten langsam durchgeschoben. Er erzittert, wie unwillig gleitet er an der Wand, streift das Gesimse, dreht sich dann in der Luft und zerschmettert krachend auf den Pflastersteinen. In der Luft schwirrt ein unaufhörliches Getöse, als ob ein unsichtbarer, stürmischer Fluß in ihr fließen würde, das Bett zerstörend in seinem Lauf, schäumend vor Zorn, in wilder Wut . . .
Unter Peitschenschlägen und Pferdestößen läuft die Menge wie eine Herde von Schafen, dumm und blind. Sie könnten sich in den Höfen verstecken, über die Zäune springen, aber alle laufen längs der Gasse irgendwohin, Köpfe, Schultern und Rücken den Peitschenhieben preisgebend. Ein kräftiger, lockiger Lastträger wendet sich plötzlich um, schlägt mit der Faust aus aller Kraft auf den Kopf eines Pferdes und verschwindet dann in der engen Masse der Kosaken. Über der Stelle, wo er verschwunden, sieht man lange noch die Peitschen schwingen, die Luft durchkreuzend.
Die Kosaken reiten weiter, Steigbügel an Steigbügel, eine starre Mauer. Und die Menschen laufen, versprengt, einander stoßend.
»Die Ziegel auf die Kosaken!« ruft jemand von oben.
Vor die Füße der Pferde wirft sich ein Weib, halbnackt, blutig. Sie erschien von irgendwo, als ob sie aus der Erde gekommen wäre. Sie faßt den Fuß eines Kosaken und drückt sich an ihn mit Geheul.
»Laufe!«
»Bleibt stehen!«
»Haut die Kosaken!«
Die Menge brüllt und läuft unaufhaltsam wie ein Bergstrom. Man hört dumpfe Tritte, wie ein Echo der aufschlagenden Hufeisen. Schwer bewegen sich die Pferde zwischen den Trümmern von Möbeln und Fetzen, die das Pflaster bedecken. Die Pferde bäumen sich . . . Die Menge bleibt auch stehen, die Gesichter den Kosaken zugewendet.
»Halbeskadron! Vorwärts!«
Die Menge brüllt dumpf und wartet. Aber ihr im Rücken, am Ende der Gasse, erscheinen jetzt Polizei und Kosaken zu Fuß . . . Dann beginnen die Leute über die Zäune zu springen, flüchten in die Höfe, und die Kosaken fangen sie . . .
Vor einigen Augenblicken waren diese Menschen Tiere, die ohne Erbarmen und ohne Besinnung Menschen mordeten, die ebenso unglücklich waren wie sie selbst, und jetzt sind diese Tiere – Feiglinge, und man schlägt sie ebenso ohne Erbarmen und ohne Besinnung, und sie laufen feig und schändlich vor den Schlägen . . .
Am Abend desselben Tages ging ich am Marktplatz an dem Pikett Kosaken vorüber und hörte, wie einer zum andern sagte:
»Vierzehn Juden soll man zerrissen haben.«
Und der andere rauchte seine Pfeife und erwiderte nichts auf die Worte des Kameraden.
Am Weihnachtsabend
Einst saß ich mit irgendeinem Menschen in einer Schenke und aus Langweile forderte ich ihn auf, mir ein Geschichtchen aus seinem Leben zu erzählen. Mein Gesellschafter war ein unglaublich abgerissenes und abgewetztes Subjekt. Er sah aus, als habe er sein ganzes Leben lang sich nur durch enge Stellen durchzwängen und überall mit seinem Körper anstreifen müssen, weshalb auch sein Anzug zu Fetzen wurde und der Körper irgendwohin verschwand, als wäre er von dem Knochengerüste abgerissen worden. Dieser Mensch war dünn, eckig und vollkommen kahlköpfig; auf seinem gelben Schädel wuchs kein einziges Haar. Die Wangen waren eingefallen, die Backenknochen bildeten zwei spitze Winkel und die Haut auf ihnen war so straff gespannt, daß sie sogar glänzte, während sie sonst am ganzen Gesicht von feinen Runzeln durchschnitten war. Aber seine Augen blickten keck und klug; die knorpelige lange Nase zuckte beständig ironisch, und die Rede dieses Menschen floß glatt aus seinem Munde, der von einem harten und roten Schnurrbart halbbedeckt war. Mir kam vor, daß sein Leben sehr interessant sein müsse.
»Meine Geschichte wollen Sie hören?« fragte er mich mit heiserer Stimme. »Ja, ja . . . Ich werde wohl erzählen müssen, wenn Sie mich bewirten . . . Doch die ganze Geschichte – das geht nicht – ich habe ein überaus langes Leben durchlebt! . . . Es ist langweilig zuzuhören und nicht gar unterhaltend zu erzählen . . . Aber ein Stückchen, so irgendeine Anekdote – das geht schon! Wünschen Sie? Schön! Aber Sie werden noch ein paar Fläschchen Bier bestellen – für die Mühe. Denn, wissen Sie, manchmal ist es für einen Menschen vielleicht ebenso unangenehm, sich in die Vergangenheit zu versenken, wie in eine Spülichtgrube hinunterzusteigen . . .
Dieses Geschichtchen, mein Herr, wird Ihnen kaum bedeutend und für Ihren schriftstellerischen Zweck verwendbar erscheinen. Aber für mich ist es . . . mir gefällt es. Die Sache, wie Sie zu sehen geruhen, ist ganz einfach und besteht in folgendem:
Einst, am Weihnachtsabend war es, da steckten wir – ich und mein Kamerad Jaschka Sizow – den ganzen Tag auf der Gasse. Wir boten unsere Dienste zum Tragen der Pakete den Damen an. Aber die Damen erhörten uns nicht, sie stiegen in Wagen ein und fuhren davon – woraus Sie ersehen können, daß wir beide kein Glück hatten. Wir haben auch gebettelt und haben auf diese Weise etwas zusammengebracht: Ich – neunundzwanzig Kopeken, von denen sich ein Zehnkopekenstück, das mir irgendein Herr auf der Stiege des Bezirksgerichtes gab, als falsch erwies, und Jaschka – ein auch sonst viel talentvollerer Bursche als ich es bin, – war gegen Abend ein wirklich reicher Mann: Er hatte elf Rubel sechsundsiebzig Kopeken. Diese Summe gab ihm, wie er sagte, irgendeine Dame auf einmal, und da war die Dame noch so großmütig und gütig, ihm nicht nur das Geld, sondern auch die Börse zu schenken und auch das Taschentuch dazu. Das kommt schon vor, wissen Sie. Manchmal gerät der Mensch aus Güte in einen solchen Zustand, daß er wie nicht recht gescheit ist, und Sie geradezu erdrücken will durch seine Güte, nur um Ihrer los zu werden . . .
Als Jaschka mir von der wahrhaft christlichen Handlung dieser Dame erzählte, sah er aus irgendeinem Grunde immer um sich: Er wollte wohl noch einmal der guten Seele für ihre reichliche Gabe danken . . . Und er trieb mich hastig an:
»Heida, heida rascher! . . .«
Wir liefen ohnehin, was wir konnten. Mit meinem ganzen Wesen, mit jedem Teilchen meines durchfrorenen Körpers, eilte ich, in die Wärme zu kommen. Der Wind wehte, er wirbelte den Schnee vom Wege auf und schleuderte ihn von den Dächern hinab; kalte und spitzige Stacheln flogen in der Luft und fielen hinter den Kragen. Die Fratze wurde wie mit Messern geschabt und der Hals war so durchfroren, daß er wie ein Finger dünn zu sein schien und bei einer unvorsichtigen Bewegung zu brechen drohte, so daß ich ihn fortwährend zwischen den Schultern versteckte, aus Angst, daß der Kopf verloren gehen könnte. Wir beide waren nicht nach der Saison gekleidet, aber Jaschka war es vor Glück warm und mir vor Neid nur noch kälter . . .
Ich bin, wissen Sie, kein Glückspilz, der Teufel soll mich holen . . . Ein einziges Mal in meinem Leben wurde mir ein Samowar geschenkt, und auch der war mit heißem Wasser gefüllt; deshalb habe ich mir auch, als ich mit ihm lief, den Fuß mit dem Wasser abgebrüht; und dann mußte ich mich etwa ein und einhalb Wochen im Gefängnisspital kurieren. Und ein anderes Mal . . . Doch das gehört nicht zur Sache . . .
Nun also: So lief ich mit Jaschka die Straße entlang und er phantasierte:
»Großartig werden wir den Festtag feiern! Für die Wohnung werden wir bezahlen . . . Da hast du, Hexe! Ja, ja . . . Ein Viertel Schnaps . . . Vielleicht einen Schinken dazu? Hm . . . ein Schinken wäre wohl nicht übel! U–u! Der wird aber gar teuer sein? . . . Weißt du nicht, wie teuer der Schinken – im Preise steht?« Ich wußte es nicht. Aber ich kannte den inneren Wert des Schinken und wir beschlossen, ihn zu erwerben; wir verabredeten in jenen Laden zu gehen, in dem mehr Menschen sein werden. Wenn es in einem Laden eng vor vielen Käufern ist, dann ist schon gewiß, daß die Waren dort gut sind – ergo, wie die Lateiner zu sagen pflegten, kann man die Sachen nach Geschmack auswählen . . . »Einen Schinken, bitte!« schrie Jaschka und zwängte sich in die Menge der Käufer hinein. – »Zeigen Sie mir einen Schinken . . . nicht groß, aber gut . . . Sie entschuldigen schon. Sie haben mich auch in die Seite gestoßen . . . Ich verstehe ganz gut, wer da ungezogen ist . . . aber auch das ist mir bekannt, daß man hier unmöglich höflich sein kann . . . Ich kann nichts dafür, daß es hier unbequem eng ist . . . Wa–as? Ich habe Ihre Tasche betastet? . . . Entschuldigen Sie! Das war Ihre Hand, die meiner begegnete, als sie zu mir in die Brusttasche gekrochen ist . . . Ich kaufe für Geld, Sie auch, folglich haben wir beide gleiches Recht . . .«
Jaschka benahm sich im Laden so, als ob er gekommen wäre, um eine ganze Partie Schinken zu kaufen, etwa dreihundert Stück. Ich aber benützte diesen Wirrwarr und erschwang mit meinen bescheidenen Mitteln eine Schachtel Marmelade, eine Flasche Olivenöl und zwei große gekochte Würste. »Nun, jetzt haben wir auch einen Feiertag!« freute sich Jaschka. »Das wird ein Schmaus sein! . . .« Er hüpfte im Gehen, schnüffelte hörbar mit seinem »Pförtchen«, wie seine dicke und breite Nase genannt wurde. Und seine grauen Äuglein glänzten vor Freude. Auch ich freute mich . . .
Dann und wann schmackhaft zu essen – ist ein großes Vergnügen für kleine Leute.
***
Und nun, mein Herr, bewegen wir uns unserem Hause entgegen, und der Sturmwind treibt uns an. Wir wohnten zu jener Zeit am Ende der Stadt, in einer Kellerwohnung, bei einer gottesfürchtigen alten Frau, einer Krämerin auf dem Trödelmarkt. In jenen Gegenden war es stets öde und menschenleer, im Winter nach sechs Uhr abends war keine Seele in den Straßen anzutreffen. Und wenn schon irgendeine Gestalt sich zeigte, so trug sie sicher das Herz in den Sohlen.
Wir laufen also und sehen plötzlich einen Menschen vor uns gehen. Er geht und wackelt sichtbar betrunken. Jaschka stößt mich an und flüstert:
»Im Pelz! . . .«
Und einem Menschen im Pelz zu begegnen, wissen Sie, ist aus dem Grunde erfreulich, weil der Pelz keine Knöpfe hat und sich besonders leicht herunternehmen läßt. Wir gehen also hinter diesem Menschen und finden – der Mensch ist breitschulterig und groß gewachsen. Er murmelt etwas. Wir überlegen.
Da bleibt er plötzlich stehen, so daß wir unsere Nasen fast auf seinen Rücken stoßen – er bleibt stehen, schwingt die Hände nach oben und brüllt mit gesundester Baßstimme:
»Ich bin de–er, den niemand li–iebt . . .«
Als hätte er es aus einer Kanone geschossen! Wir fuhren beide zurück. Doch er hatte uns schon bemerkt. Er stellte sich mit dem Rücken zum Zaune – ein erfahrener Mann! – und fragte:
»Wer seid ihr, Spitzbuben?«
»Bettelbrüder,« erwiderte Jaschka bescheiden.
»Bettler! das ist recht . . . Denn auch ich bin arm . . . an Kraft . . . Wohin geht ihr?«
»In unser Loch!« sagte Jaschka.
»Ich gehe mit euch! Wohin sollte ich auch sonst gehen? Ich wüßte nicht wohin . . . Bettler! Nehmet mich mit! Ich sättige euch und gebe euch zu trinken . . . Nehmet mich bei euch auf . . . seid freundlich zu mir!«
»Lade ihn nur ein!« flüsterte mir Jaschka zu.
Ich hörte in der brüllenden Stimme dieses Menschen die Töne eines Betrunkenen, aber ich hörte noch etwas in ihr – das Heulen und Brüllen eines tief verwundeten kranken Herzens. Ich habe einen feinen Instinkt für Dramen, ich war seinerzeit Souffleur in einem Theater . . . Und ich begann den brüllenden Mann eifrig zu uns zu laden . . .
»Ich komme! Ich komme zu euch, ihr Bettler!« rief er mit voller Kraft seiner breiten Brust.
Wir gingen in einer Reihe mit ihm, und er sagte zu uns:
»Wißt ihr, wer ich bin? Ich bin ein Mensch, der vor dem Feiertage flieht! Ich bin der Steuerinspektor Gontscharow, Nikolaj Dimitriewitsch, der also bin ich! Ich habe eine Frau zu Hause, Kinder . . . zwei Söhne . . . und ich liebe sie . . . Dort sind Blumen, Bilder, Bücher . . . Alles das ist mein . . . Alles – ist schön . . . Behaglich und warm ist es bei mir zu Hause. Wenn alles das, was ich zu Hause habe, euer wäre . . . ihr hättet lange gebraucht, alles vertrinken zu können . . . Ihr seid Schweine, selbstverständlich . . . und Trunkenbolde . . . Aber ich, ich bin kein Trunkenbold, wenn ich auch jetzt betrunken bin . . . Ich bin betrunken, weil mir schwül ist . . . An Feiertagen ist mir immer eng und schwül . . . Ihr könnt das nicht verstehen . . . Das ist – eine tiefe Wunde . . . das ist mein Leid . . .«
Ich hörte ihm mit großem Interesse zu. Wenn ich einen großen kräftigen Menschen sehe, scheint es mir immer, dieser Mensch sei unglücklich. Das Leben ist für Kleine, Schwächliche, Magere, Lumpige geschaffen. Geben Sie einen Stör in einen Sumpf – er krepiert – krepiert ganz bestimmt. Und Frösche, Blutegel und jeder andere Schund kann in reinem fließenden Wasser nicht leben. Mich interessierte dieser Mensch sehr . . .
Und nun brachten wir ihn zu uns, in unseren Keller und haben dadurch unsere Wirtin nicht wenig erschreckt. Sie dachte, daß wir ihn zu uns geführt hätten, um ihn zu berauben, und wollte die Polizei von dieser unserer Absicht in Kenntnis setzen. Wir beruhigten die Alte, indem wir sie ersuchten, unsere mageren Gestalten zu betrachten und ihn – diesen Koloß, mit langen Armen, breiter Fratze und breiter Brust . . . Er hätte uns und die Alte erwürgen können und wäre nicht einmal in Schweiß geraten. Dann wurde die beruhigte Alte in die Schenke befohlen und wir drei setzten uns zu Tische.
***
Wir saßen in unserer Miniaturhöhle und tranken langsam in Erwartung des Feiertages. Unser Gast legte den Pelz ab und blieb ohne Weste, nur im Hemde. Er saß uns gegenüber und brüllte.
»Ihr seid augenscheinlich Spitzbuben, das fühle ich, ihr lügt, daß ihr Bettler seid, für Bettler seid ihr zu jung . . . Und auch eure Augen – sind zu frech . . . Aber wer immer ihr seid, mir ist es einerlei! Ich weiß, daß ihr euch des Lebens nicht schämt, – das ist es! Und ich schäme mich! Ich bin vom Hause fort aus Scham . . .«
Wissen Sie, mein Herr, es gibt eine nervöse Krankheit, Veitstanz wird sie genannt. Also, es gibt Menschen, deren Gewissen an dieser Krankheit leidet. Und ich habe gesehen, daß der Inspektor zu diesen Menschen gehörte . . .
»Bei mir zu Hause – lebt alles, alles auf so ordentlichem Fuße. Und es ist furchtbar widerlich – auf ordentlichem Fuße zu leben. Alles ist hingestellt und aufgehängt, ein für allemal, und alles ist so angewachsen an seine Stelle, daß selbst ein Erdbeben nicht imstande wäre, alle diese Sessel, Bilder, Etageren zu verschieben . . . Sie trieben Wurzeln in den Fußboden und in die Seele meiner Frau . . . sie, die Hölzernen und Leblosen, wuchsen in unser Leben hinein und ich selbst kann ohne sie nicht leben. Aus Gewohnheit an all dem hölzernen Schund wird man selbst hölzern. Man gewöhnt sich an ihn, man sorgt um ihn, man bemitleidet ihn, der Teufel möge ihn holen. Er wächst und beengt euch, er verdrängt die Luft aus dem Zimmer, und läßt euch nicht frei aufatmen. Jetzt hat sich diese Armee von Gewohnheiten zum Feiertage aufgeputzt, sich blank und sauber gemacht und glänzt. Widerlich glänzt sie. Sie lacht mich aus . . . Ja! Sie weiß ja: Einst hatte ich drei Stück im ganzen: eine Schlafbank, einen Sessel und einen Tisch. Auch Herzens Porträt war da . . . Jetzt habe ich hundert Möbelstücke . . . Sie fordern, daß Menschen darauf sitzen sollen, die ihrem Werte angemessen sind . . . Nun, es kommen zu mir auch wohlhabende Menschen, um darauf zu sitzen . . .«
Der Inspektor trank ein Glas Schnaps und sprach dann weiter:
»Das sind alles sehr ordentliche Menschen, halbtote Menschen, fromme Kühe, die aufgezogen werden mit den süßen Gräsern von den Wiesen der russischen Literatur . . . Mir ist es unaussprechlich langweilig mit ihnen, ich ersticke von dem Dufte ihrer Reden . . . Ich weiß schon alles, was sie mir sagen können und, daß sie nichts tun können, um lebendiger und interessanter zu werden, weiß ich auch. U–u! Die Stumpfheit ihrer Seelen macht diese Menschen entsetzlich . . . Alle sind sie schwerfällig, riesengroß, und auch ihre Worte sind schwer wie Steine . . . Sie können einen Menschen erdrücken . . . Wenn sie zu mir ins Haus kommen, scheint mir immer, daß man mich mit Ziegeln umgibt, um mich einzumauern . . . Ich hasse sie . . . Aber ich kann sie nicht hinausjagen, und deshalb fürchte ich mich vor ihnen . . . Nicht ich bin es, der sie anzieht . . . Ich bin ein mürrischer, schweigsamer Mensch . . . Sie kommen einfach deshalb, weil sie auf meinen Möbeln sitzen wollen . . . Doch, die Möbel können auch nicht hinausgeworfen werden: meine Frau liebt sie . . . Meine Frau existiert auch nur der Möbel halber, bei Gott! Sie selbst ist hölzern worden . . .«
Der Inspektor lachte, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Und Jaschka, dem es wahrscheinlich furchtbar langweilig war, das Gejammer des Inspektors anzuhören, benützte die Pause und sagte:
»Hätten Euer Wohlgeboren doch dieses Möbel an dem Weibe in Stücke geschlagen . . .«
»Nun – und dann?«
»Das heißt . . . sehen Sie, auf einmal – hinaus mit allem!«
»Narr du!«
Er schüttelte den berauschten Kopf, ließ ihn dann auf die Brust sinken und sagte einfach: »Furchtbar zuwider ist es mir! Und wie einsam bin ich! Morgen ist Feiertag . . . Ich aber kann nicht . . . ich kann nicht zu Hause sein . . . Ich kann absolut nicht!«
»Bleiben Sie eine Zeitlang bei uns zu Gast!« schlug Jaschka vor.
»Bei euch?«
Der Inspektor sah sich um – unser Quartierchen war durch und durch von Rauch und Schmutz durchtränkt.
»Bei euch ist es auch widrig . . . Aber hört einmal, ihr Teufel! . . . Wollen wir ins Hotel übersiedeln? Wollt ihr morgen? Und dann werden wir saufen! Gut? Und wir werden Nachdenken, wir werden nachdenken, wie man leben müßte! Wollt ihr? Bei Gott, man muß doch endlich aufhören dieses ordentliche Leben zu führen, hoch an der Zeit ist es! Ja? Aber ihr seid ja Lumpen, für euch ist das unverständlich.«
»Ich begreife schon, um was es sich handelt!« sagte ich dem Inspektor.
»Du? Wer bist du?« fragte er.
»Ich bin auch ein Mensch, der einst ordentlich gewesen ist,« sagte ich.
»Auch ich habe den Reiz des ungestörten friedlichen Lebens genossen. Auch mich preßten die Kleinigkeiten aus dem Leben hinaus. Sie preßten, sie drängten meine Seele hinaus und alles, was in mir war . . . Ich sehnte mich, wie Sie sich jetzt sehnen. Ich begann zu trinken und wurde ein Säufer . . . ich habe die Ehre mich vorzustellen.«
Der Inspektor sah mich starr an und betrachtete mich in düsterem Schweigen lange wohlgefällig. Ich sah, wie seine dicken roten Lippen unter dem buschigen Schnurrbart mit Ekel zuckten und gar nicht schmeichelhaft für mich rümpfte er die Nase.
»Ganz?« fragte er plötzlich.
»Ganz und omnia, mea mecum porto!« bestätigte ich.
»Wer bist du denn eigentlich?« fragte er mich noch immer betrachtend.
»Ein Mensch . . . Jedes Gesindel ist ein Mensch und auch umgekehrt.« Ich verstand früher die Kunst, in Aphorismen zu sprechen, sehr gut.
»Sehr weise,« sagte der Inspektor, ohne den Blick von mir zu wenden.
»Wir sind auch ein gebildetes Volk,« sagte bescheiden Jaschka. »Wir können Ihnen vollkommen entsprechen . . . Einfache Menschen, aber ohne Verstand. Und verschiedene luxuriöse Möbel haben wir auch nicht gern. Wozu sollen sie auch? Der Mensch sitzt doch nicht mit der Fratze auf dem Sessel. Sie sollten sich mit uns befreunden.«
»Ich?« sagte der Inspektor. Er war plötzlich nüchtern worden.
»Ja, Sie! Wir werden Ihnen morgen solche Lebensgeheimnisse entdecken . . .«
»Reich mir den Pelz!« befahl plötzlich der Inspektor Jaschka und stellte sich auf die Füße. Und er stand sehr fest auf den Füßen.
»Wohin wollen Sie denn?« fragte ich.
»Wohin?«
Er blickte mich mit seinen großen Kalbsaugen ängstlich an und erbebte, als überliefe ihn ein Schauer.
»Ich, – nach Hause.«
Ich schaute sein langgewordenes Gesicht an und sagte nichts mehr.
Es ist für jedes Vieh vom Schicksal ein Stall vorbereitet, der seiner Natur entspricht, und wie auch das Vieh mit den Hinterfüßen ausschlage, es kommt doch an seinen Platz . . . ha . . . ha . . . ha!
So ging also der Inspektor . . . Wir hörten, wie er dann aus vollem Halse brüllte: »Kutscher!«
Mein Gesellschafter verstummte und begann mit vorsichtigem Schlucken das Bier zu trinken. Nachdem er ein Glas getrunken hatte, begann er zu pfeifen und mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen.
»Nun und weiter?« fragte ich.
»Weiter? Nichts . . . Sie haben wohl noch etwas erwartet? . . .«
»Ja – das Fest . . .«
»Ach so! . . . Ja, ein Fest gab es . . . Ich habe vergessen Ihnen zu erzählen, daß der Inspektor dem Jaschka die Börse schenkte . . . Es fanden sich 26 Rubel und Kopeken darin . . . Ein Fest gab es . . .«
Das Lied der Blinden
An einem Sommerabend irrte ich einst durch die schiefen engen Gassen der Vorstadt inmitten kleiner Häuschen, die vor Alter verfallen waren, und guckte durch die offene Tür in eine Schenke hinein, in der ich zu meiner Verwunderung zahlreiche Leute ganz still sitzen sah.
Ich besah mir die Schenke – ein kleines Zimmerchen mit schiefer Diele und gesenkter Decke; im Halbdunkel unterschied ich zerzauste Köpfe, Kattunhemden ohne Gürtelspangen, entblößte Füße oder solche in alten Schuhen und in der Ecke neben einem Tischchen eng aneinandergepreßt eine Gruppe von fünf oder sechs Personen. Eine von ihnen redet mit dicker, heiserer Stimme:
»Und bei mir zu Hause, da wächst eine Pappel, die ist ganz anders als die euren da – gerade ist sie, wie eine Kerze vor 'nem Heiligenbild.«
Ich trat über die Schwelle – zwei Männer warfen mir einen Blick zu und wandten sich schweigend nach der Richtung, woher die Stimme kam. Der alte Kneipenwirt, der hinter dem Schenktisch saß, erhob sich lautlos, – ich ersuchte leise um eine Flasche Bier.
»Bei mir zu Hause ist alles anders, alles ist lieb . . . nur die Armut ist geradeso wie hier . . .«
»Die ist überall gleich . . .« sagte eine andere Stimme.
Ich saß an einem Tische unter dem Fenster, und sah mir die Leute an und über ihre Köpfe hinweg das Gesicht dessen, der die Pappel erwähnt hatte. Auch ich liebe die Pappeln, – sie steigen so gerade zum Himmel empor.
Es war ein Weib, das von ihnen gesprochen hatte. Sie war etwas angeheitert; ihre dicken Lippen lächelten mit dem selig-wehmütigen Lächeln eines Menschen, der sich an etwas Schönes erinnert hat. Groß und voll, stemmte sie sich schwerfällig mit der Brust an den Tisch und mit geschlossenen Augen und traurig den Kopf wiegend sprach sie:
»Nirgends ist's einem so wohl, als daheim . . .«
»Der Arme hat seine Heimat dort, wo er Brot hat,« versetzte einer mit dünner Stimme.
Ein Mann, der gegenüber dem Weibe saß, schenkte ein Glas Branntwein ein und schob es ihr hin.
»Trink aus!«
Es war ein hochgewachsener, hagerer Mensch mit einem Wald schwarzer Haare, in einem zerrissenen Hemde und offenen Kragen. Er hatte große Augen, die er ruhelos nach allen Richtungen rollte; unaufhörlich glättete er seinen schwarzen, dichten zerzausten Bart. Neben ihm saß ein stämmiger, rothaariger Bursche mit einem Soldatenschnurrbart und einem Riemen am Kopfe, dem Anscheine nach ein Bäcker. Als dritter saß dem Weibe gegenüber der mir bekannte Klempner Njuschka. Er war sehr betrunken, schlummerte leicht und betrachtete das Weib durch die Wimpern, die schwer über seine trüben Pupillen hinabfielen. Bisweilen öffnete er den Mund wie ein schläfriger Fisch und murmelte dabei:
»So sing doch, sing doch!«
Die anderen, etwa sechs Personen, verschwammen im Halbdunkel und in den Wolken des Tabakqualmes. Alle saßen unbeweglich und tranken schweigend Branntwein und Bier; dann und wann nur schleuderte einer ein Wort in die Luft hinaus, das einem kleinen Vogel gleich aus einer Ecke des Zimmers in die andere flog.
»Du gehst zum Beispiel auf den Jahrmarkt,« erzählte das Weib, »da singen die Blinden – wie wohl tut's, es mit anzuhören! Wie wohl!«
Bei dem anderen Fenster, mir gegenüber, saß am Tische ein Mann, dessen Gesicht dem eines Küsters ähnlich war. Lange Haare fielen ihm auf die Schultern und auf den runden Rücken; ein verfilzter, roter Bart breitete sich fächerartig über die Brust aus. In dem Übermaß der Haare erschien sein Gesicht klein und mißgestaltet. Er trug einen schwarzen, ganz verdrückten Rock und ein gestärktes Hemd, das auch verdrückt und schmutzig war. Unter dem Bart guckte das Ende des aufgelösten Krawattenknotens hervor. Sein linkes Auge war bläulich unterlaufen und geschwollen und das rechte war starr auf das Weib gerichtet.
»Ich war dort,« sagte er plötzlich mit dumpfer, brüllender Stimme und schlug mit der Fläche seiner riesengroßen Hand auf den Tisch.
Alle drehten sich um, und das Weib reckte den Hals ihm entgegen.
»Ich war in Kiew . . . in Belocerkow . . . und in vielen anderen Städten, deren Namen ich mich nicht mehr entsinne. Alles habe ich gesehen, alles gekannt, wovon du sprichst. Der Djneper . . . heisa, du mein breiter Djneper! Ich hab's gesungen, als ich im Opernchor war.«
Seine tiefe Grabesstimme hallte machtvoll durch den Raum; mit der Luft zugleich sog die Brust sie ein und ihr traurig-hoffnungsloser Klang erfüllte mich mit Schwermut.
»Weib, setze dich her, ich bewirte dich mit Bier.«
Der schwarze hagere Mann stand auf und erklärte:
»Das gibt es nicht! Ich bewirte sie . . .«
»Einerlei, du oder ich. Es ist einerlei.«
»So s–sing doch,« ächzte der Klempner.
Das Weib blickte freundlich den Mann mit dem blaugeschlagenen Auge an und sagte:
»Wenn Sie dort waren, wissen Sie selbst . . .«
»Das Herz des Einfältigen, Weib, gleicht einem zerschlagenen Gefäße – es hält kein Wissen fest . . . so sprach Jesus, Sohn Sirachs . . . Kannst du singen, Weib? Ich gebe dir zwanzig Kopeken.«
Er begann unbeholfen mit der Hand seine Hosentasche abzutasten.
»Wird schon auch ohne Sie bezahlt!« rief verächtlich der schwarze Mann mit den unruhigen Augen.
»Einerlei! Alles ist einerlei! Du, ich, sie . . . wir alle sind wie der Unrat des Esels in der Wüste auf dem Wege nach Jerusalem . . .«
Der Rothaarige blickte drohend den Philosophen an, zog den Tabaksbeutel aus der Tasche und hob ihn in die Höhe. Es klimperte Geld darin.
»Hast's gesehen?« fragte der Rote und steckte den Beutel wieder in die Tasche.
Das Weib schloß die Augen, wiegte den Kopf hin und her und sagte:
»Als hätt ich's vor meinen Augen . . . sie sitzen am Wege auf der Erde, die liebe Sonne sticht auf den Kopf und der Wind übersät sie mit Staub . . .«
»Wahr ist's! Ich erinnere mich!« rief der Mann mit dem blaugeschlagenen Auge, als hätte er einen Hammer niedersausen lassen.
Ringsherum stehen viele Menschen; sie bilden einen lebendigen Zaun . . . Und die Blinden singen.
Der großen Brust des Weibes entrang sich ein tiefer, bebender Ton:
»Mü–ütter–er–chen! . . .«
»Wahr ist's!« brüllte der einstige Opernchorsänger und schlug von neuem mit der Hand auf den Tisch.
»Verzeihen Sie . . . so stören Sie doch nicht!« schrie der schwarze Mann aufgeregt. – »Ich bin selbst ein Sänger. Und wenn ich auch keine Ochsenstimme habe wie Sie, – ich stelle allezeit noch meinen Mann . . .«
»Narr!« versetzte der Mann mit der Ochsenstimme. »Was zürnest du? Ist es dir nicht bekannt: ›Die Rede des Einfältigen ist wie eine Last auf dem Wege, und im Munde des Dummen – ist sein Herz, – des Weisen Mund aber ist in seinem Herzen.‹«
Der Rothaarige blinzelte seinem Kameraden zu, stieß ihn mit dem Ellbogen in die Seite und stülpte die Hemdärmel hinauf; der schwarze hagere Mann aber preßte die Zähne fest aneinander und ballte die Fäuste.
Aus der Ecke hervor erklang eine dünne Stimme:
»Wenn Sie ein gebildeter Mann sind, mein Herr, so stören Sie die Leute in ihrem Vergnügen nicht . . . Sie führen schöne Worte im Munde und schimpfen . . . das ziemt sich nicht.«
Das Weib öffnete die Augen, seufzte und schloß sie wieder. Dann warf sie den Kopf zurück, legte eine Hand auf die Brust und begann mit tiefer, starker, dem Schmettern einer ehernen Trompete gleichender Stimme zu singen:
»O, habt doch Erba–a–rmen mit den armen Blinden,
Die wir nicht arbei–ei–beiten können . . .
Denn unsere Augen können nicht se–ehen.«
Alle in der Schenke waren still geworden. Der schwarze Mann hatte sich niedergesetzt und bewegte im Takt zu der eintönigen Weise die Hand. Er wandte sich bedeutungsvoll um, hob einen Finger in die Höhe und lispelte:
»Sch . . .«
Allein es bedurfte dessen nicht. Alle saßen unbeweglich, wie hinfällige Greise, die sich in der Sonne wärmen. Der Mann im Überrock reckte den Hals, schob sich näher zu dem Weibe und horchte, gleichsam erstarrt, aufmerksam hin. Eines seiner Augen erschien mir im Halbdunkel ungeheuer groß und schwarz, wie erloschene Kohle, das andere war klein und leuchtete in lebhafter Spannung.
»O–o, nicht sehen sie die Welt Go–otte–es.«
»O–o, die helle So–o–nne sehn sie nicht!«
»Ha–abt Erba–armen mit den armen Blinden.«
Die Weise des Sanges klang eintönig, einem Schluchzen gleich. Sie bestand aus zwei Noten etwa, aus nur zwei Noten. Sie waren in der Melodie angeordnet wie Zähne an einer langen eisernen Säge, doch ihre monotone Bewegung schuf eine Musik, die mit durchdringendem Weh ins Herz schnitt.
»Habt Erba–ar–men, ihr Menschen Go–ottes . . .«
Es klang aus den Tönen des Liedes die unsagbare Pein des Menschen, der die Sonne sehen will und es nicht vermag, das jammervolle Stöhnen der Hoffnungslosigkeit.
»O–o, wir se–e–h–en nicht, wohin wir gehen.«
Die Stimme des Weibes versinnbildlichte treffend die dumpfe Verzweiflung eines Menschen, der durch die Finsternis in Banden geschlagen ist. Die Worte in ihrem Liede klangen abgerundet; sie zitterten konvulsivisch in der Anstrengung, den Schmerz und die Gewalt des Gefühls wiederzugeben, das sie ausdrücken wollten . . .
In der Kneipe war es still. Die volle Stimme des Weibes erfüllte das ganze Zimmer, umhüllte alle in der Schenke gleichsam mit einer düstern Woge und floß in einem breiten, zitternden Strome durch die offene Tür auf die Straße.
Ich blickte auf die gesenkten Köpfe der Menschen, auf ihre Körper, die von dem Liede und dem Dunkel umhüllt waren, und durch das Fenster auf den Himmel. Die Sonne war untergegangen, und im Westen erglühte der Himmel in leuchtend rotem Lichte. Im Feuer der untergehenden Sonne verschwamm eine seltsam geformte kleine Wolke, die einem gewaltigen Vogel mit ausgespannten Flügeln glich. Auf dem purpurnen Vorhang am Horizont zeichneten sich scharf die schwarzen Bäume, und die Wolke, die einem Vogel glich, schien zu ihren Zweigen hinunterzusinken. Auf dem Felde war es still und öde. Nur durchsichtige Schatten glitten über die Erde hin, sie kamen verstohlen rechts und links von der Sonne her, die tief in die Erde versunken war. Die dumpfe, bebende Stimme des Weibes erfüllte mich, wie Wasser ein Gefäß erfüllt, und mir schien, auch alle anderen seien voll der schluchzenden Töne. Alle saßen unbeweglich, alle schwiegen. Nur einmal erklang die heisere Stimme des betrunkenen Njuschka:
»Wa–arum heult sie?«
Allein seine Stimme ging im Gesang unter, wie ein Stein in einem tiefen Bache, wo auch der Klang des Auffallens kaum zu hören ist.
»O–o, heilige Mu–utter Gott–e–es, o–o, wo–ofür hast du uns so be–str–aft,« sang das Weib und wiegte den Kopf im Takt zu dem Liede. Es war, als betete sie, und die Finger ihrer an die Brust gepreßten Hand bewegten sich, als berührte sie straff gespannte, den Menschen verborgene Saiten in ihrem Herzen.
Ich sah, wie der rothaarige Bauer, der einen Riemen auf dem Kopfe hatte, die Hand zu dem Weibe hinstreckte und ein großes Fünfkopekenstück vor ihr niederlegte. Er legte es nieder und – bekreuzigte sich.
Ohne die Augen zu öffnen, betastete das Weib die Münze mit der Hand, nahm sie zwischen die Finger, klopfte mit ihr leise auf den Tisch und legte sie wieder an dieselbe Stelle. Der Rothaarige seufzte auf, bewegte sich und ließ von neuem den Kopf sinken.
Die Dunkelheit in der Schenke wuchs immer mehr und mehr, auch die Macht des Liedes der Blinden wuchs. In mir erweckte dieses Lied ein wunderliches, großes und banges Gefühl. Es tat mir leid um alle: um die Blinden, die Sehenden, um mich selbst, um all das, was ich in meinem Leben gesehen hatte. Auch ich hätte von manchem singen mögen. Ich blickte zum Himmel, auf den purpurnen Widerschein der Sonne, die von der Erde dahinzog, und dachte voll Bangigkeit: Wird sie wieder aufgehen? . . .
Und noch andere wunderliche Gedanken entstanden in meinem Kopfe . . . Der unsäglich traurige Gesang schien in meinem ganzen Körper zu beben, ich hörte nichts außer ihm und er klang so, als weinten alle in der Schenke.
Jetzt hatte sich zu der Stimme des Weibes eine zweite gesellt, noch dumpfer als die ihre. Sie klang nicht laut, keine Worte begleiteten sie, nur Töne, dem fernen Donnerrollen gleich. Die tiefe, volle Flut der Töne breitet sich in der Luft aus wie ein Sammetstreifen; die Scheiben klirren in den Fenstern; die Worte des Weibes stützen sich auf sie, sie wachsen empor in diesen Tönen, die das Erdreich für sie bilden . . . Nun ist's, als summten zwei Trompeten in der Luft – die eine, die größere, gab der Melodie das Leitmotiv, die andere, die kleinere, fügte düsteres Weinen, grauenvolle Worte hinzu. Und in der Ärmlichkeit der Klänge lag etwas seltsam Trauriges, das die Seele schmerzhaft zusammenpreßte . . .
»Blind sind die A–au–gen, blind ist die Se–ele,
O . . . o . . . Und keine Tränen gibt es, um zu wei–ei–nen.«
»O–o–o!« tönt das düstere Echo in der Luft.
Das sang der langhaarige Mann mit dem blaugeschlagenen Auge. Er saß zusammengekauert und reckte den Hals dem Weibe entgegen; seine Haare fielen auf seine Wangen, auf sein ganzes Gesicht nieder und ließen es verschwinden. Die Enden seiner Krawatte schaukelten hin und her, als baumle um den Hals dieses Menschen eine Schlinge.
»Ha–abt Erba–armen, ihr gu–uten Menschen . . .« erklang es klagend in der Schenke.
»Genug!« rief der schwarze Mann und schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Schweig!« versetzte mit brüllender Stimme der Mann mit dem blaugeschlagenen Auge.
Das Weib schien die beiden Rufe nicht gehört zu haben. Ohne die Augen zu öffnen, spielte sie mit den Fingern auf der Brust, wiegte den Kopf und sang:
»He–elfet, die ihr an Gott gla–aubt. O–o–o!« hallte das Echo nach.
Ich erhob mich von meinem Platze, warf das Geld für das Bier hin und ging raschen Schrittes aus der Schenke, in der es schon ganz dunkel und schwül geworden war, hinaus auf die Straße, ging hinaus auf das Feld, wo die Reflexe des Sonnenunterganges noch nicht erloschen waren und ringsum alles in tiefer Stille lag. Gierig sog ich die Luft ein, ich ging, atmete und blickte auf den Himmel, die ersten Sterne erwartend.
Jetzt breitet sich vor mir ein weiter, gerader Weg in die Ferne aus, gegen Sonnenuntergang. Auf beiden Seiten stehen unbeweglich traurige Birken, die auf etwas zu horchen scheinen; kein Zweigchen regt sich. Ein Nachtvogel schwebt geräuschlos in der Luft vorbei. Der schwarze Vogel tauchte unmerklich auf, wie Erinnerungen in der Seele auftauchen und verschwand in dunkler Ferne.
Ich ging immer weiter, leise erlosch vor mir die Abendröte und in meiner Brust ertönte ein dumpfes Echo:
»Blind sind die Augen, blind ist die Se–ele. He–elfet, o he–elfet, die ihr an Gott gla–aubt . . .«