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Lenin: zu seinem 50. Geburtstag  (Verlagsgenossenschaft „Neue Erde“)

Aus ProleWiki


Lenin: zu seinem 50. Geburtstag
Autor*inVerlagsgenossenschaft „Neue Erde“
Verfasst inWien, April 1920
Quellehttps://archive.org/details/leninzuseinem50g00leni/mode/2up?ref=ol


Lenin. Ein Lebensbild von R. W.

Es ist schwer, inmitten der welthistorischen Umwälzung, in der wir uns gegenwärtig befinden und deren Hauptträger und Lokomotive die Masse, die namenlose Masse des Proletariats ist — die Bedeutung eines einzigen Menschen, wenn auch eines solchen Führers wie Lenin, zu bestimmen und zu umschreiben. Es ist schwer aus dem ungeheuren Fragenkomplex der sich entwickelnden sozialen Revolution, eine einzige herauszugreifen und die Stellung und die Bedeutung der Gedanken, des Willens und der Gefühle des Führers zu untersuchen, den die oberflächliche Charakteristik der kleinbürgerlichen Politiker und bürgerlicher Ideologen als ausschliesslichen Schöpfer und Ursache der ganzen Bewegung bezeichnet. Es ist aber andererseits sehr schwer in der Darstellung und Schilderung der Ereignisse die monumentalen Verdienste des Hauptführers der revolutionären Ideologie zu verschweigen, des Führers, in welchem sich der Geist der Zeit, der Geist des Proletariats, sein Streben und seine Ziele vereinigte, in dessen Werken und in dessen Leben er seinen vorzüglichen Ausdruck gefunden hat. Wir beabsichtigen jedoch nicht — und es ist auch ganz unmöglich — im engen Rahmen eines kleinen Aufsatzes eine sozialpsychologische Studie über Lenin zu schreiben. Wir werden unsere Leser nur mit dem Leben dieses grossen Menschen bekanntmachen, welchen heute nicht nur das russische, sondern auch das internationale Proletariat als seinen ersten Führer, seinen Kopf und sein Herz betrachtet. Wladimir Ilitsch Uljanow (N. Lenin) ist geboren a m 10. April 1870 in Simbirsk. Sein Vater, der einer bäuerlichen Familie entstammte, war Inspektor der Volksschulen und erfreute sich einer grossen Anerkennung unter den Dorf und Stadtlehrern seines Bezirkes. Lenin erwies sich in der Schule als ein sehr fleissiger Schüler und erweckte oft die Aufmerksamkeit seiner Lehrer durch seine Tüchtigkeit und Zähigkeit, mit welcher er die ihm gestellten Aufgaben zu lösen suchte. Im Jahre 1887, als Uljanow in der achten Gymnasialklasse war, wurde sein Bruder, Alexander Ilitsch Uljanow in Petersburg gehängt, weil er an einer Verschwörung auf das Leben des Zaren Alexander III. teilgenommen hat. Dieses Ereignis machte auf den jungen Lenin einen grossen Eindruck und war wie eine revolutionäre Feuertaufe für seine künftige Tätigkeit. Nach der Beendigung der Gymnasialstudien bezog Lenin die Universität zu Kasan, da die Hochschulen der Hauptstädte, dem Bruder des gehängten Terroristen verwehrt waren. Einen Monat nach der Aufnahme in die Universität wurde er jedoch für die Teilnahme an den Demonstrationen der Studenten von der Lehranstalt ausgeschlossen und konnte erst nach vier Jahren die Erlaubnis zum Ablegen einer juridischen Prüfung bekommen. Diese 4 Jahre gingen jedoch nicht verloren; fleissig bereitete er sich für seine künftigen Aufgaben vor. Um diese Zeit hat Lenin auch in Kreisen der revolutionären Jugend verkehrt. Nach Beendigung der Universitätsstudien und Ablegung der Prüfungen blieb er in Petersburg, wo er sich — nach einer sehr kurzen Advokaturspraxis — vollständig der revolutionären Tätigkeit widmete. In Petersburg entstand damals der „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“. Die Mitglieder dieses Bundes wurden jedoch bald verhaftet und nach einer Untersuchungshaft von einem Jahr, nach Sibirien verschickt. Uljanow blieb dort 3 Jahre und verfasste viele Aufsätze auf dem Gebiete der Nationalökonomie. Nach der Rückkehr aus Sibirien ging er ins Ausland, wo er gemeinsam mit Martow, Potresow und anderen Mitgliedern der Gruppe der „Befreiung der Arbeit“ im Jahre 1900 die Zeitschrift „Der Funke“ (Iskra) begründete. „Der Funke“ sollte die Grundlage für eine Vereinigung der Ideen der verschiedenen Gruppen der russischen revolutionären Sozialisten schaffen und den Kampf der Arbeiterklasse und ihrer Partei leiten. „Der Funke“ erfüllte glänzend seine Aufgaben. Keine einzige Zeitschrift hat eine solch grosse Rolle im revolutionären Kampfe gespielt wie „Der Funke“, der heimlich nach Russland gebracht und verbreitet wurde. Von nun an befand sich der Mittelpunkt der Propaganda im Auslande, hier wurden die illegalen Broschüren herausgegeben, die Konferenzen und Kongresse abgehalten, von hier die Parteiweisungen gegeben. Nicht lange jedoch währte die Zusammenarbeit Lenins mit den kleinbürgerlich und opportunistisch gesinnten Martow und Potresow. Lenin, ein Anhänger der reinen unverfälschten sozialistischen Prinzipien, trat an die Spitze der revolutionären Gruppe, welche sich im Jahre 1903 innerhalb der Russischen Sozialdemokratischen Partei, deren linken Flügel sie bildete, unter dem Namen „Bolschewiki“ organisierte. Während der Revolution im Jahre 1905 kam Lenin nach Russland. Aber nur einen Tag konnte er in Petersburg legal wohnen und musste sich infolge der Verfolgungen der Polizei verbergen, zuerst in Petersburg, dann in Finnland. Der Sieg des Zarismus zwang ihn Russland wieder zu verlassen und sich ins Ausland zu begeben, wo er bis 1917 blieb. Und wieder begannen für Lenin schwere Tage der Wanderung und harte Zeiten der Revolutionäre im Exil. Aber nichts konnte Lenin aufhalten und niederbrechen und unaufhaltsam und unermüdlich setzte er seine Arbeit für das grosse Ideal der Befreiung der Arbeiter fort. In dieser Zeit veröffentlichte er viele Aufsätze in legalen und illegalen Zeitschriften, teils ohne Namen, teils unter verschiedenen Pseudonymen wie Tulin, W. Jljin u. v. a. In den ParteiAus dem Album der russischen Ochrana. kreisen kannte man ihn unter „Lenin“ und dieses Pseudonym ist ihm bis heute geblieben. Im Jahre 1912 übersiedelte Lenin nach Krakau, um in der Nähe Russlands zu sein und zugleich auf die Petersburger „Wahrheit“ (Prawda) einen Einfluss auszuüben. In seinen Anschauungen war Lenin immer ein konsequenter Marxist und bekämpfte jeden Verrat am revolutionären Marxismus, alle Richtungen des Opportunismus und Revisionismus, jedes Paktieren mit der Bourgeoisie. Die Richtigkeit seiner Kampflosungen bestätigte das revolutionäre Leben selbst, sie vereinigten auch immer grössere Massen unter seiner Fahne. Diese Losungen haben in der Revolution des Jahres 1917 einen glänzenden Sieg errungen. Nach dem Ausbruche des Krieges wurde Lenin, welcher damals in einem Dorfe bei Zakopane in Galizien wohnte, unter dem Verdachte der Spionage verhaftet und erst auf Intervention der polnischen und deutschen Genossen in Wien befreit. Er reiste sofort in die Schweiz, wo er energisch an der Aufklärung und Aufdeckung der wahren Kriegsursachen, des Verrats der Sozialpatrioten aller Länder und der Ursachen des Zusammenbruchs der II. Internationale arbeitete und in der Zeitschrift „Sozialdemokrat“ und später „Kommunist“ zum Kampfe gegen den Krieg durch Revolutionieren der Massen und Organisieren von Massenaktionen des Proletariats aufrief. Das Manifest des Zentralkomitees der Russischen Sozialdemokratischen Partei (Bolschewiki), veröffentlicht am 1. November 1914, enthält die grundlegenden Gedanken und Prinzipien, die später im Programm der 1. Internationale wiederholt wurden und ruft die Sozialisten aller Länder auf, den kapitalistischen Krieg in einen Bürgerkrieg umzuwandeln. Als im Jahre 1917 die Nachricht vom Siege der Revolution in Russland kam, reiste Lenin sofort nach Petersburg, um dort alle seine Kräfte der Revolution zu widmen. Und gleich am Tage der Ankunft Lenins in Petersburg (16. April 1917), während seiner Rede in der Festsitzung des Petersburger Parteikomitees der Bolschewiki, war es allen Anwesenden klar, dass ein Führer der Revolution erschienen ist, ein Führer, welcher seine Waffen nicht niederlegen, sondern siegen oder sterben wird. Eine neue, unbekannte Welt eröffnete diese Rede seinen versammelten Freunden. Zum ersten Mal wurde die Losung erhoben: „Alle Macht den Arbeiterräten!“ Mit Wutgeschrei und hasserfülltem Heulen wurde diese neue Losung von der Bourgeoisie und den verräterischen Sozialdemokraten empfangen. Die Menschewiken und die Sozialrevolutionäre wollten das Proletariat überzeugen, dass die Auffassung Lenins falsch sei und dass die Zeit für den Sieg der proletarischen Sache noch nicht gekommen sei. Und wieder zeigte sich das Leben der Revolution stärker als die Argumente seiner Feinde. Und die bürgerliche Presse? Die verstand es gut, gegen ihren Todfeind anzukämpfen. Keine Beschimpfung, keine Verleumdung war ihnen schlecht genug, um sie nicht gegen Lenin zu schleudern. Sie warfen ihm Bestechung vor, dass er Russland an Deutschland verkauft habe. Die damalige Koalitionsregierung verhaftete Trotzki, Lunatscharski, Kamenew und erliess einen Haftbefehl gegen Lenin. Aber die Petersburger Arbeiter nahmen ihn in Schutz und verhalten ihm zu einer Flucht nach Finnland. Der proletarische Sieg am 7. November 1918 stürzte die Bourgeoisie und ihre Helfershelfer. Die Regierung übernahm das Proletariat. Als die Diskussion über die Besetzung der neuen Regierungsstellen begonnen wurde, wurde der Name Lenins an erster Stelle genannt, weil vor allem er sich des allseitigen Vertrauens erfreute. Schwere Aufgaben standen vor dem Vorsitzenden der ersten sozialistischen Republik. Der Kampf mit der bürgerlich-menschewistischen Konterrevolution, der Abschluss eines Friedens, die Liquidierung des Krieges und die Schaffung einer sozialistischen Staatsorganisation sind nur ein geringer Bruchteil dessen, was Lenin zu vollbringen hatte. Fast ganz allein, entgegen den Meinungen aller seiner Parteifreunde, wusste er die Annahme des Gewaltfriedens von Brest-Litowsk durchzusetzen. Das russische Proletariat anerkannte die Ansicht Lenins, bestätigte den furchtbaren Frieden, weil es ihm glaubte, dass es nötig sei, eine Atempause zu gewinnen und, dass die deutsche und österreichische Revolution diesen Gewaltakt in Fetzen reissen wird. Und wieder hat die Revolution den Worten Lenins Recht gegeben. Die Feinde der proletarischen Revolution waren daher oft bestrebt ihn zu beseitigen. Am 30. August 1918 wurde Lenin durch einen Brustschuss schwer verwundet; sein kräftiger Organismus überstand jedoch die Operation und bald stand er wieder am Steuer der proletarischen Regierung. Am 17. März 1919 erfolgte gegen ihn ein zweites Attentat, welches misslang. Im März 1919 hat in Moskau der erste Kongress der III. Internationale stattgefurden, an dessen Arbeiten Lenin selbstverständlich einen herrvorragenden Anteil hatte. Einer der Kongressdelegierten beschreibt in der No. 3 1 (vom Jahre 1919) der Wiener tschechischen Zeitschritt „Prukopnik Svobody“ folgend den Eindruck, den die Rede Lenins auf ihm gemacht hat: „Lenin ergreift das Wort und begrüsst die Anwesenden. Jedes seiner Worte ist sicher, überzeugend. Die Worte und Gedanken fliessen in einem logischen, ununterbrochenen Zusammenhang, wie aus einer unversiegbaren Quelle. Bevor er den letzten Satz sagt, den letzten Schluss zieht, zergliedert er so genau alle Behauptungen, bespricht so ausführlich alles Für und Wieder, dass jeder der ihm im Gedanken folgt schon früher zu demselben Ergebnis kommt, welches Lenin erstrebt. Soviel hinreissender und überzeugender Kraft finden wir bei diesem grossen Philosophen der sozialen Revolution “ Wie das Verhältnis des russischen Volkes zu Lenin ist, erzählt uns Bullit, der Gesandte der Vereinigten Staaten, den die Kapitalisten zur Untersuchung der Verhältnisse nach Russland geschickt haben. Bullit schreibt : „Über die Person Lenins ist unter dem Volke eine ungewöhnliche Sage verbreitet. Die einfachen russischen Menschen betrachten ihn als einen Propheten. Überall sieht man sein Bild mit dem Bilde von Karl Marx. In Russland hört man nie seinen Namen in Verbindung mit dem Namen Trotzkis wie in andern Ländern. Lenin ist eine Kategorie für sich. Trotzki gehört zu einer niedrigeren Klasse, zu der der gewöhnlichen Sterblichen. Als ich zu Lenin kam, musste ich einige Minuten warten, weil bei ihm eine Bauerndeputation war. Sie erfuhren irgendwie, dass Genosse Lenin Hunger leide und da machten sie sich auf den Weg, durchwanderten Hunderte Werst und brachten ihm 800 Pfund Brot als Gabe ihres Dorfes. Einige Zeit zuvor brachten ihm andere Bauern Holz und einen Ofen, damit er nicht in einem ungeheizten Zimmer arbeiten müsse. Lenin ist der einzige Führer, dem solche Geschenke von den russischen Bauern übermittelt werden, und er gibt alles an die allgemeinen Magazine ab.“ Am 10. April 1920 feiert Lenin seinen 50. Geburtstag An diesem Tage wendet sich das gesamte, kämpfende Proletariat mit den herzlichsten Glückwünschen an seinen Führer, weil jedes Ereignis seines Lebens, jeder Satz und jedes Wort von ihm heute ein ungeheures Ereignis im Leben des Proletariats und der internationalen sozialistischen Bewegung bedeutet, weil Lenin heute der Erste unter den Ersten ist welche für die Zukunft und das Glück des Proletariats kämpfen, sich mit ihm freuen und mit ihm leiden.

Lenin während des Weltkrieges. Von Franz Koritschoner.

Es war am Vorabend des imperialistischen Krieges, als das Zentral-Komitee der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiter Partei, als die Führer der Bolschewiki einen Kongress nach Galizien einberiefen. Mit energischer, sicherer Hand hatte einst Lenin seine Partei aufgerichtet, abhold jeglichem Opportunismus war er vorwärts geschritten, unbeirrt von den demagogischen Phrasen der Menschewiki. Lenin war es gewesen, der einst der Überschätzung des rein wirtschaftlichen Kampfes entgegengetreten war, im Kampfe gegen die Ökonomisten, der 1905 den Boykott der ersten Duma proklamierte, im Streite wider die Menschewiki, als die Wogen der Revolution Russland durchbrandeten. Lenin war es gewesen, der die Bundesgenossenschaft mit den landarmen Bauern propagierte während die Menschewiki verblendet die unsichere Bundesbruderschaft der Bourgeoisie zu erlangen hofften. Lenin war es gewesen, der nach dem Zusammenbruche der Arbeiterdelegiertenräte, nach der Niederwerfung des Proletariates, nach der Zertrümmerung seines Koalitionsrechtes die Teilnahme an den Dumawahlen gegen die Atschowisten durchsetzte. Lenin war es gewesen, der in Epochen der revolutionären Flut, wie es sein Heldenkampf in Moskau bewiesen, als auch in Zeiten der Ebbe der Bewegung zielklar den Arbeitern die Richtung wies. Als die Reaktion nach dem Zusammenbruche der Revolution jegliche Betätigung der Arbeiter unterband und kleinmütige Zweifler die Duldung der Behörden erkaufen wollten, durch Liquidierung, durch Auflösung der illegalen Organisation, da tönte Lenins Kampfruf den Liquidatoren entgegen. Trotz aller Einigungsversuche des Zentrums hielt Lenin an der Auschliessung der Liquidatoren fest. Mochte die Einheit des Proletariates in Trümmer gehen, die Einheit der revolutionären Kampffront musste sich durchsetzen, wenn das Proletariat unter dem Zwange der Notwendigkeit zur Erkenntnis kam. Nicht nach Augenblickserfolgen bestimmte der Führer der russischen Arbeiter seine Taktik. So hat er sich auch bewährt, als der imperialistische Krieg entbrannte. Während Plechanov die Kriegsziele der Entente verfocht, während Parvus in den Dienst des deutschen Imperialismus trat, erliess er ein Manifest an die Arbeiter Russlands. Er erklärte sich weder für die Entente noch für die Mittelmächte, er verfocht die Interessen der dritten Mächtegruppe, die noch nicht mit eigenen Zielen auf den Kampfplan zu treten wagte, die Ideen des Proletariats. „Den Kampf aufzunehmen gegen den Zarismus“, rief er den Arbeitern seines Landes zu, „ist unsere Aufgabe. Mit aller Macht und bewaffneter Hand“. Möchten die deutschen Sozialisten dasselbe tun, um ihren Zarismus zu überwinden ! Die Arbeiter Russlands folgten nicht seinem Rufe. Die Proletarier, die noch wenige Tage zuvor, als Poincare nach Petersburg gekommen war, gegen den Imperialismus demonstrierten, die mit Löwenmut sich gegen die Ordnungsknechte des Zaren wandten, versagten, als die Scheidemänner die verräterische Parole des Burgfriedens proklamierten. Verrat gellte es durch die Reihen der russischen Arbeiter, die bisher in den deutschen Proletariern von ihnen unerreichte Muster erblickt hatten. Verwirrung riss ein in die Reihen der Kampfgewohnten. Scheidemanns Burgfrieden hatte die russische Revolution gelähmt. Die Munitionskomitees zur Hebung der Produktion von Kriegsmaterial wurden wohl von den ßolschewiki sabotiert, doch die Menschewiki und selbst ihr linker Flügel, der einst den Pfaden Trotzkys gefolgt war, traten in die Komitees ein, um „die Lage der Arbeiterklasse zu heben“. Unterdessen waren die imperialistischen Kriegsmassnahmen auch bei den Mittelmächten zum höchsten Ausdrucke gelangt. In Galizien verbrüderte sich die polnische Schlachta mit der österreichischen Korruption. Zahllose Revolutionäre wurden verhaftet, zum Eintritt in die Legionen gepresst oder interniert. Lenin wurde als russischer Spion (!) ins Gefängnis geworfen. Erst der Intervention Viktor Adlers gelang seine Freilassung. „Sind Sie auch dessen gewiss“, sagte Minister Heinold zu Adler, „dass Herr Lenin wirklich ein Feind des Zarismus ist?“ Worauf ihm Adler j gemütlich schlagfertig erwiderte: „0, Exzellenz, ein viel zuverlässigerer als Sie ; denn Sie sind es doch erst seit August dieses Jahres“. Lenin ging nach Zürich und versuchte von dort aus, die schwachen revolutionären Kräfte zu sammeln. Ein „unpolitisches“ Organ der russischen Krankenkassen vereinte die dem Klassenkampfe treu gebliebenen Elemente und wurde zum inoffiziellen Organ der Bolschewiki. Als zu Z i m m e r w a 1 d die ‘dem imperialistischen Kriege ablehnend gegenüberstehenden Gruppen zu gemeinsamer Tagung zusammentraten, war es Lenin, der offen auf die Trennung der II. Internationale hinwirkte. Die Abtrennung von den Sozialpatrioten auf nationalem wie internationalem Masstabe, die Schaffung einer neuen, einer III. Internationale war die Forderung aller revolutionären Klassenkämpfer. Hatte die Zimmerwalder Konferenz, von ihrem linken Flügel vorwärtsgepeitscht, gegen die Sozialverräter und Ministersozialisten Stellung genommen, so blieb denncch die Tatsache zu verzeichnen, dass noch viele Gruppen und Parteien nicht die Errichtung einer neuen, sondern die Galvanisierung der alten Internationale zu einem Scheinleben als Ziel sich gesetzt hatten. Schwankend zwischen der Burgfriedensparole der Imperialisten und der Klassenkriegsprognose Lenins, entschieden sich die Mannen des Sumpfes der Zimmerwalder Rechten zu einer Taktik des Ab\vartens, einer Taktik theoretischer Revolutionsdrohungen und praktischer Unterstützung der Regierungen. Die Trennung vom Sumpfe musste daher Lenins nächste Parole sein. So wie die bolschewikische Partei ihre Reihen rein erhalten hatte, vermochte die ihr verbündete Partei von Polen und Litauen ohne Kompromisse vorzugehen; in einer Konferenz zu Wien-Döbling hatte sich kurz vor dem Kriege die lettische Partei auf dem Boden der Bolschewiki gestellt. In der Schweiz hatte eine entschiedene Oppositionsbewegung gegen die Mobilisierungskredite eingesetzt, ungestüm forderten die radikalen Arbeiter die Entfernung des patriotischen, reformistischen Grütlibundes aus den Reihen der Partei. Auch in Deutschland schied sich eine kleine Gruppe von der schwankenden Opposition und bildete die Int. S o z. Deutschlands, während die Gefolgsmannen Haases in den Reihen der alten Partei verblieben, bis sie aus ihr hinausgetreten wurden. Auch unter den Syndikalisten Frankreichs ging eine mächtige Bewegung vor sich; die revolutionären Elemente entfernten sich immer mehr vom Gedankengange ihrer patriotisch verseuchten Führer. In Skandinavien trat der Jugendverband an die Seite der Zimmerwalder Linken, in Holland bildete sich ein Soz. Rev. Kartell, dem die marxistischen Tiibunisten die Richtung wiesen, ln Serbien verharrten die Genossen auf ihrem energischen Klassenkampfstandpunkte. Auch in anderen Ländern, wie in Oesterreich, bildeten sich kleine Aktionskomitees, welche den Bruch mit den Sozialverrätern herbeiführen wollten. Als die zweite Zimmerwalder Konferenz zu Kiental zusammentrat, waren die Gegensätze zwischen den imperialistischen Führern, die Gegensätze zwischen Revolution und Burgfrieden, Revolutionären und Resolutionären verschärft worden. Hatte noch in Zimmerwald Lenin nicht auf die Unterstützung der breiten Arbeitermassen seines Landes rechnen können, hatte er damals vielleicht neuerdings die Empfindung, welcher er einst Ausdruck verliehen, fühlen müssen, nahezu allein zu stehen, so hatte sich seither das Blatt gewendet. „Und wenn ich allein stehe, so werde ich ausrufen: Ich bin die unteilbare russische Sozialdemokratie.“ Diese stolzen Worte haben ihn vorwärts geführt von Erfolg zu Erfolg. „Die praktischeste Politik ist doch die Politik der Revolution.“ Lenin war es, der den Nachweis erbrachte, dass die Politik des Opportunismus, die Politik der kleinen Reformen utopistisch sei, er war es, der den Arbeitern es klar zu machen wusste, dass im Zeitalter des Imperialismus der Klassenkampf zum Klassenkrieg sich verschärfe, die Diktatur der Bourgeoisie gebrochen werden müsse, durch die besondere Repressionsgewalt der Arbeiterklasse. „Wollt ihr einen kurzen Arbeitstag, wollt ihr Land und Frieden: Macht Revolution!“ Es ist erklärlich, dass die Kautskyaner mit Lenins entschlossener Kampfpolitik nichts gemein haben konnten. Als die Zimmerwalder Rechten Kautsky, den geistigen Vater des Sumpfes, zur Kientaler Tagung einzuladen gedachten, erklärte Lenin, nicht mit Kautsky an einer Beratung teilnehmen zu wollen. Nach langen Diskussionen kapitulierte die Zimmerwalder Mehrheit vor Lenins überlegenem Genie. Lenins Thesen wurden mit kleinen Veränderungen angenommen. Der Kampf gegen den Geist der Lüge, den Geist des Opportunismus und der opportunistischen II. Internationale war aufgenommen worden. Die Kientaler Konferenz war die Kriegserklärung an die überlebte Taktik der Sozialpatrioten und Sozialpazifisten. Die Grundlage zur III. Internationale war gelegt. Wohl fanden die meisten der schwankenden Elemente wieder zurück ins Lager der Sozialpatrioten, um schliesslich endgültig durch das Verlassen der gelben Internationale jeglichen internationalen Halt zu verlieren und verzweifelnd nach dem Idole einer Vereinigung aller „Sozialisten“ zu streben. Aus dem kleinen Häuflein der Zimmerwalder Linken ist ein mächtiger Heerbann geworden, dem alle revolutionären Kräfte der Arbeiterbewegung sich beigesellen. Aus dem Zusammenbruche der sozialen Demokratie, wie der Syndikalisten, aus dem Verrate Scheidemanns, wie Jonhoux, ist die kommunistische Internationale entstanden. Mochte noch in der Erklärung der Zimmerwalder Linken zu Kiental die Forderung der demokratischen Republik enthalten sein, längst hat die Bewegung die Kinderschuhe vertreten. Stark und kampfgerüstet zieht sie zum Streite zur Erringung der proletarischen Diktatur. Lenins Worte zu Kiental aber werden dem Weltproletariate voranleuchten in den schweren Kämpfen, die ihm bevorstehen : „Wendet die Waffen gegen euren gemeinsamen Feind, die kapitalistischen Regierungen. Dies ist die frohe Friedensbotschaft, die die Internationale bringt.“ — „Die Aktion der Arbeiterklasse ist vor die Wahl gestellt: Kampf um den Sozialismus oder Verelendung.“

Zur Charakteristik der Persönlichkeit Lenins. Von George Lansbury.

Ich feierte meinen Geburtstag, indem ich Lenin besuchte, den Ministerpräsidenten der ersten Sowjetrepublik Russlands. Ich gebe meine persönlichen Eindrücke über diesen Mann — den meistgehassten un^. meistgeliebten der Welt — wieder, weil seine Persönlichkeit eine so ungeheure Rolle in der Revolution spielt. Ich werde später einen wörtlichen Bericht der Aeusserungen Lenins geben, die er mir gegenüber über wirtschaftliche und politische Gegenstände gemacht hat. Ich bin mit Staatsmännern aus aller Herren Länder ** zusammengekommen und kenne jene sehr gut, die unser eigenes Land regieren. Es gibt keinen unter ihnen, der an Gewandtheit und Kenntnissen* an Ehrlichkeit und Mut den Mann überragen kann, der heute das Haupt und der Führer Russlands ist. Wir waren nie vorher zusammengekommen, aber vom ersten Augenblick an standen wir gegenseitig auf freundschaftlichem und vertrautem Fusse. Er sprach ganz offen und ohne Rückhalt über private und öffentliche Angelegenheiten. Es war klar, dass er nichts zu verbergen hat. Er hat nichts von dem Wesen oder den Manieren gewöhnlicher Staatsmänner an sich, versucht nicht, sie nachznahmen. Er lebt im Kreml in einem der weiten Gebäude, ich glaube, einem Gerichtsgebäude, deren es dort eine Menge gibt; aber seine eigene Umgebung ist vollkommen einfach und auf Arbeit zugeschnitten. Man findet keine männlichen Bedienten oder was man Lakaien nennt, nur ein paar Buchhalter und Stenotypisten, die für die Arbeit in seinem Departement gebraucht werden. Es scheint mir, dass er jede Minute seiner wachen Stunden arbeitet. Bevor die Telephone ausgeschaltet wurden, vergingen nicht zwei oder drei Minuten, ohne dass er angerufen wurde. Er ist -so einfach . wie ein Arbeiter gekleidet. Natürlich beschaute ich ihn begierig, um die Diamanten zu sehen, von denen die kapitalistische Presse so viel geredet hat, aber ach, ich sah keine! In der Tat, ich hatte bei meinem Aufenthalt in Moskau nicht einen einzigen Diamanten gesehen. Die Bilder, die ich von Lenin gesehen habe, geben keine richtige Vorstellung von seinem Gesichtsausdruck. Er ist etwa 50 Jahre alt, von mittlerer Grösse und hält sich ein wenig gebückt. Er hat schöne Augen, die einem gerade ins Gesicht sehen, manchmal mit einem forschenden Ausdruck, als ob ei* versuchte, unausgesprochene Gedanken hinter den Worten zu entdecken. Sie haben auch den Ausdruck fürsorgender Güte und man hat den Eindruck, dass er Kinder gerne haben muss. Aber sein hervorstechendster Zug — so hervorstechend, dass er besonders erwähnt werden muss, ist sein eiserner Wille und seine Entschlossenheit. Er hat eine tiefe Verachtung für uns alle, die wir Kompromisse eingehen möchten und kann nur Menschen gebrauchen, die gewillt sind, alles für die Sache zu wagen. Er glaubt, dass der rascheste Weg, den Wechsel herbeizuführen, für alle, die den internationalen Sozialismus wollen, darin besteht, stets und ohne alle Rücksichten auf persönliche Erwägungen zu reden und zu handeln. Er führt durfch, was er predigt., Er kam mir wie ein Mann vor, der ebenso gelassen zum Tode gehen würde wie zu einer Kabinettssitzung. Aber bei aller seiner Ruhe glaube ich, dass er sehr zornig sein kann, wenn die Umstände es verlangen. Hauptmann Sadoul, der mutige. Franzose, der in seiner eigenen Heimat zum Tode verurteilt wurde, weil er die Verrätereien der Alliierten und ihre Beziehungen zu Sowjet-Russland unerschrocken aufdeckte, sagte kürz-r lieh zu mir: „Die russischen Kommunisten sind für die sozialistische Bewegung, was die Gesellschaft Jesu für die Römische Kirche war — durch den Geist und die Entschlossenheit, mit der die Kommunisten gewillt sind, sich für die Sache zu opfern, die sie so sehr lieben.“ Und am Ende ist der Geist, mit dem die Menschen die Dinge tun, worauf es ankommt. In allem, was einen wahren Führer ausmacht, ist Lenin für die sozialistische Bewegung, was Ignatius Loyola für die Gesellschaft Jesu war. Das dominierende Ziel seines Lebens ist, die Arbeiter aus dem Joch der Lohnsklaverei und des Kapitalismus zu befreien und die Internationale aufzurichten. Er ist die Verkörperung des berühmten Wortes: „Die Welt ist meine Heimat, alle Menschen sind meine Brüder, das Gute zu tun, ist meine Religion.“ Lenin als einen Menschen zu betrachten, der Blutvergiessen liebt, ist lächerlich. Diese zweieinhalb Jahre erbitterter Kämpfe waren für die Führer der Revolution eine Periode furchtbarer Anspannung, besonders für Lenin, der neben allem andern noch zwei Kugeln eines Attentäters im Körper herumträgt. Dessen ungeachtet war er frisch und fröhlich wie ein Knabe, machte Scherze und lachte über sie, als ob er keime Sorgen hätte. Wir sprachen über die Bewegung in England, diskutierten über die Diktatur des Proletariats und den Parlamentarismus, unsere Führer und den gegenwärtigen und zukünftigen Kampf, und in den meisten Punkten stimmten wir überein. Ueber Greuel sprachen wir nur sehr wenig. Je länger ich hier bin, desto mehr empfinde ich es als eine Beleidigung für die, deren Gast ich bin, wenn ich weiter über Greuel spreche, an denen sie ebenso unschuldig und für die sie ebensowenig verantwortlich sind, wie ich. Vor einigen Tagen traf ich mit einem höheren Geistlichen zusammen, der fliessend englisch sprach. Wir waren allein und konnten natürlich frei miteinander reden. Er sagte mir, dass Lenin und seine Freunde alles, was in ihrer Macht steht, tun, um die Ordnung zu erhalten und in keiner Weise verantwortlich gemacht werden könnten für die Ausschreitungen, die hier und da begangen worden sein mögen. Er sprach auch in Worten grosser Hochachtung von Lenin. Lenin ist, wie ich schon sagte, der bestgehasste und gleichzeitig der am meisten geliebte Mensch auj Erden. Ich weiss jetzt und verstehe, wie es kommt, dass die russischen Arbeiter in ihrer Revolution trotz Krieg, Seuchen und Hungersnot durchgehalten haben. Sie sind mit grossen Führern gesegnet, die bewiesen haben, dass die Macht sie nicht verdirbt, dass es sie nicht lockt, das Wesen, die Manieren und die Lebensweise der Klassen anzunehmen, die sie ihrer Macht entkleidet haben; die, auserwählt zu dienen, die Diener des Volkes geblieben £ind. Sie haben die Gefahren und Leiden mit dem gemeinen Volk geteilt. Ihr aller Führer ist dieser Mann, Lenin, mit seinem scharf gezeichneten russischen Bauerngesicht, der Mann, der mit seinem unbeugsamen Mut für sein Volk in seinem Jahrhunderte alten Kampf üms Brot charakteristisch ist, sie alle lenkt, in hellen wie in dunklen Tagen. Ich schreibe so über ihn, nicht weil wir in allen Dingen übereinstimmen — in einigen grundlegenden Fragen stimmen wir nicht überein sondern weil ich glaube, in ihm einen hervorragenden Menschen zu erkennen, und weil ich Taten wie Worte zu schätzen verstehe. Lenin hat sich als ein grosser, selbstloser Soldat und Führer in der Sache erwiesen, für die zu leben, zu kämpfen und zu sterben mir wert erscheint — für die Aufrichtung der wahren Internationale durch die Ersetzung des Kapitalismus durch den Sozialismus. In den alten Tagen waren die zaristischen Despoten bekannt als „Väterchen des russischen Volkes“. Heute© ist Lenin für Russland das Symbol einies neuen Geistes, nicht des Despotismus, sondern der Freiheit. Männer und Frauen lieben ihn und würden, wenn nötig, für ihn sterben, nicht, weil er ihr Herrscher ist (er ist kein Herrscher in irgend einem Sinn des Wortes), sondern, weil er ihr Kamerad ist, ihr Sprachrohr, der Vorkämpfer der sozialen und ökonomischen Freiheit, und weil er in dem Kampf, den Russland durchmacht, sich mit Liebe und Seele und Geist in deren Dienst gestellt hat, ohne Wunsch oder Hoffnung auf persönliche Belohnung oder Macht. Als wir uns trennten, bat er mich, seine herzlichsten Wünsche allen Genossen und Freunden in der englischen Bewegung zu übermitteln und ihnen zu sagen, dass er zuversichtlich hofft, dass Linnen kurzem die Internationale der Arbeiter der ganzen Welt aufgerichtet sein wird.

Aus Gesprächen mit Lenin. Von Arthur Ransome.

Wie immer auch seine Feinde über ihn denken mögen, selbst sie können nicht leugnen, dass Wladimir lljitsch Uljanow (Lenin,) eine der grössten Persönlichkeiten seiner Zeit ist. Es bedarf keiner weiteren Erklärung dafür, dass ich Bruchstücke einer Unterhaltung wiedergebe, die mir sein Wesen zu charakterisieren scheinen. Er sprach über den Mangel an Denkern in der englischen Arbeiterbewegung und erzählte mir, dass er bei irgendeiner Versammlung Shaw hatte sprechen hören. Shaw war seiner Meinung nach „ein ehrlicher Kerl unter lauter Heuchlern“ und viel weiter links stehend als die übrigen. Er hatte noch nicht von „The perfect Wagnerite“ gehört, interessierte sich aber sehr, als ich ihm den Inhalt des Buches andeutete und wandte sich heftig zu jemand, der uns unterbrach, mit der Behauptung, Shaw wäre ein Hanswurst. „Für die Bourgeoisie eines bürgerlichen Staates mag er ein Hanswurst sein, in einer vo'utiori würde man ihn jedoch nie dafür halten.“ Er fragte mich, ob Sidney Webb bewussterweise für die kapitalistischen Interessen arbeitete. Als ich erwiderte, dass er dies sicherlich nicht täte, antwortete er: „Dann ist sein Fleiss grösser als sein Verstand. Sicherlich besitzt er grosse Kenntnisse.“ Er war völlig davon überzeugt, dass England am Vorabend einer Revolution stünde. Meine Einwendungen liess er nicht gelten. „Vor drei Monaten noch dachte ich, letzten Endes hätte die ganze Welt das Zentrum der Reaktion in England zu bekämpfen. Heute denke ich anders. In England sind die Dinge weiter gediehen als in Frankreich, vorausgesetzt, dass die Nachrichten über die Ausdehnung der Streiks der Wahrheit entsprechen.“ Ich wies auf die geographischen und wirtschaftlichen Umstände hin, die den Erfolg einer heftigen Revolution in England zweifelhaft erscheinen Hessen. Ihm gegenüber sprach ich dieselbe Vermutung aus, die ich zu Bucharin geäussert hatte, nämlich, dass eine unterdrückte Bewegung in England für Russland weit schlimmere Folgen hätte als unsere traditionelle Kompromissmethode. Er stimmte mir ohneweiteres zu, bemerkte jedoch: „Das ist schon richtig, aber Sie können nicht eine Revolution aufhalten . . . wenn auch Ramsay Mac Donald dies bis zum letzten Augenblick versuchen wird. Streiks und Sowjets — sobald diese Dinge festen Fuss fassen, wird nichts mehr die Arbeiter von ihnen abbringen können. Und haben einmal die Sowjets ihre Tätigeit begonnen, müs’sen sie früher oder später die ausschliessliche Gewalt erlangen. Dann aber natürlich wird die Sache in England sehr viel schwerer sein. Ein grosser Teil der Bevölkerung besteht aus Kaufleuten und Industriellen. Diese würden sich solange widersetzen, bis die Arbeiter sie niedergezwungen haben. Russland war in der Tat das einzige Land, wo die Revolution ihren Anfang nehmen konnte. Und dennoch haben selbst wir noch nicht die Schwierigkeit mit unseren Bauern überwunden.“ Ich warf ein, dass meiner Meinung nach Russland insofern begünstigt gewesen war, als . das Land Raum genug zum Rückzug bietet. „Ja,“ antwortete er, „die Entfernungen retteten uns. Die Deutschen fürchteten sie zu einer Zeit, als sie uns wirklich vernichten konnten, und die Alliierten aus Dankbarkeit für unsere Zerstörung ihnen einen Frieden zugestanden hätten. Eine Revolutkm in England dagegen bietet keine Rückzugsmöglichkeiten.“ Von den Sowjets sagte er: „Im Anfang glaube ich, sie würden eine rein russische Einrichtung bleiben, jetzt steht aber fest, dass sie überall, wenn auch unter verschiedenen Namen, der Revolution als Werkzeuge dienen werden.“ Er sprach die Ueberzeugung aus, dass man mir in England nicht gestatten würde, die Wahrheit über Russland zu berichten. Als Beispiel für dise Annahme erzählte er mir, auf welche Weise Oberst Robins in Amerika zum Schweigen gebracht worden war. Betreffs Robins fragte er: „Fühlte er wirklich so freundschaftlich für die Sowjetregierung, wie er sich den Anschein gab?“ Ich antwortete: „Ja, wenn auch nur als Sportsmann, der Mut uqd Kühnheit in schwierigen Situationen bewundert.“ Ich zitierte Robins Ausspruch: „Ich kann doch nicht gegen ein Kind Vorgehen, mit dem ich sechs Monate lang zusammengesessen habe. Käme jedoch in Amerika eine bolschewistische Bewegung, so würde ich jederzeit für eine Unterdrückung derselben kämpfen.“ „Nun,“ sagte Lenin, „er ist ein ehrlicher Kerl, der weiter sieht als die meisten andern. Ich hatte den Mann immer gern.“ Er lachte herzhaft über den Vergleich mit dem Kind und sagte: „Dieses Kind hat mehrere Millionen Menschen, die ebenfalls mit ihm zusammensassen.“ Er erzählte, er hätte in einei englischen sozialistischen Zeitung gelesen, dass man Vergleiche aufstellt zwischen seinen eigenen Theorien und denjenigen eines Amerikaners namens Daniel] de Leon. Daraufhin lieh ich mir von Reinstein einige Flugschriften de Leons (Reinstein gehört der Partei an, die det Leon in Amerika gegründet hat), las sie zum erstenmal und war erstaunt, als ich sah, wie weitgehend und in wie früher Zeit de Leon dieselben Gedankengänge verfolgt hatte wie die Russen. Seine Theorie, dass die Vertretung nach Industriebezirken, nicht aber nach Landbesitz gewählt werden müsste, enthielt bereits den Keim zum Sowjet-System. Er erinnerte sich, de Leon bei einer internationalen Konferenz gesehen zu haben. De L$on machte keinen besonderen Eindruck: „Ein grauhaariger alter Mann, der ganz unfähig war, vor einer solchen Zuhörerschaft zu reden.“ Augenscheinlich aber ist -er, trotzdem man es ihm nicht ansah, ein grosser Denker, da seine Flugschriften vor den Erfahrungen der russischen Revolution von 1905 geschrieben sind. Einige Tage später bemerkte ich, dass Lenin einige Sätze de Leons in den Entwurf zu dem neuen Programpi der Kommunistischen Partei aufgenommen hatte, um ihn damit zu ehren. Wir sprachen von den Lügen, die über Russland verbreitet werden, und er sagte mir, wie interessant es sei, zu beobachten, dass sie meistens auf Entstellungen der Wahrheit, nicht aber auf reinen Erfindungen beruhten. Als Beispiel erzählte er die kürzlich passierte Geschichte (die er bereits widerrufen hatte). „Kennen Sie ihren Ursprung?“ fragte er. „Ich wünschte am Telephon einem Freunde ein glückliches Neues Jahr und sagte: Hoffentlich begehen wir im neuen Jahr weniger Dummheiten als wir im alten begangen haben! Irgend jemand hörte das und erzählte es jemand anderem. Darauf verkündete eine Zeitung: Lenin sagt, wir begehen Dummheiten. Auf diese Weise fand die Geschichte Verbreitung.“ Mehr denn je machte mir Lenin den Eindruck, vollkommen glücklich zu sein. Auf meinem Heimweg vom Kreml versuchte! ich, irgend einen Menschen seines Cha' rakters ausfindig zu machen, der über das gleiche fröhliche Temperament verfügte. Aber ich kannte keinen. Dieser kleine kahlköpfige, runzlige Mann ist bald hier, bald dort, lacht über dies oder jenes und ist doch immer bereit, jedem, der ihn darum angeht, ernsthafte Ratschlage zu erteilen, so tief durchdachte Ratschläge, dass sie seine Anhänger weit mehr verpflichten als ein Befehl. Jede seiner Runzeln ist vom Lachen, nicht aber vom Kummer gezeichnet. Ich glaube, der Grund hierfür liegt darin, daß er der erste grosse Führer ist, der die Bedeutung seiner eigenen Persönlichkeit vollkommen negiert. Ihm fehlt jeglicher persönlicher Ehrgeiz. Mehr noch, als Marxist glaubt er an die Massenbewegung, die mit oder ohne ihn niemals zum Stillstand kommen kann. Er glaubt an die elementaren Kräfte, die das Volk treiben, und sein Glaube an sich selbst besteht nur darin, dass er die Richtung dieser Kräfte zu berechnen imstande ist. Er glaubt nicht, dass irgend ein Mensch die Revolution, die er für unvermeidlich hält, aufhalten oder überhaupt machen kann. Seiner Meinung nach kann die russische Revolution nur vorübergehend misslingen, und zwar durch Umstände, die sich der Kontrolle der Menschen entziehen. Er ist vollkommen frei, in einer Weise frei, wie nie ein grosser Mann zuvor. Nicht das, was er sagt, flösst so grosses Vertrauen ein, sondern vielmehr seine fühlbare Freiheit, seine absolute Selbstentäusserung. Seine Philosophie befähigt ihn, nicht einen Augenblick es für möglich zu halten, dass der Fehler eines Einzelnen alles zerstören könnte. Jedenfalls ist er selbst der Exponent, nicht aber die Ursache der Ereignisse, die für immer mit seinem Namen verknüpft sein werden. Das letztemal besuchte ich Lenin am Tage nach einer Truppenschau auf dem Roten Platz. Das erste, was er sagte, war: „Ich fürchte sehr, dass die Jingos in England und Frankreich die gestrigen Begebenheiten für weitere Aktionen gegen uns benutzen werden. Wie können wir die Russen i(n Ruhe lassen, wenn sie die ganze Welt in Brand stecken4, werden sie sagen. Darauf möchte ich antworten: Wir sind im Krieg, meine Herren, und ebenso wie Sie während Ihres Krieges bestrebt waren* in Deutschland Revolution zu machen., und Deutschland seinerseits sich bemühte, in Irland und Indien Unruhen zu stiften, ergreifen wir, während wir uns noch im Kriege mit Ihnen befinden, die Massnahmen, die uns zu Gebote stehen. Wir haben Ihnen mitgeteilt, dass wir bereit sind, Frieden zu schliessen.“ Er sprach von Tschitscherins letzter Note und erklärte^ dass er alle Hoffnungen auf sie setze. Irgendwo habe Balfour geäussert: „Das Feuer muss sich selbst verzehren.“ Dem wird nicht so sein. Aber das einfachste Mittel, in Russland wieder normale Verhältnisse einzuführen, wäre natürlich ein Frieden mit den Alliierten. „Ich glaube sicher, das wir uns verständigen könnten, wenn sie im Prinzip überhaupt wollen. England und Amerika wären vielleicht bereit, wenn Frankreich sie nicht hindern würde* Aber eine Intervention im grossen Masstabe ist kaum noch denkbar. Sie müssen doch eingesehen haben, dass sie Russland niemals so beherrschen können wie Indien und dass, wenn sie Truppen hierher senden, dies dasselbe Resultat hätte, als wenn sie sie auf eine kommunistische Universität schickten.“ Ich sprach über die allgemeine Feindseligkeit, die der russischen Propaganda im Ausland entgegengebracht wird. Lenin: „Sagt ihnen, sie' sollen ihre Länder mit chinesischen Mauern umgeben, sie haben ihre Zollbeamten, ihre Grenzen, ihre Küstenbewachung. Sie können jeden Bolschewisten ausweisen. Revolution beruht nicht auf Propaganda. Solange die Bedingungen zu einer Revolution nicht vorhanden sind, kann keine Propaganda dieselbe beschleunigen oder hindern. Der Krieg hat in allen Ländern diese Vorbedingungen geschaffen. Ich bin überzeugt, dass, wenn Russland heute in den Ozean versenkt würde und überhaupt nicht existierte, die Revolution im übrigen Europa trotzdem weitergehen würde. Wenn Russland zwanzig Jahre lang unter Wasser bliebe, so würden die Forderungen der kaufmännischen Angestellten in England trotzdem nicht um einen Schilling, nicht um eine Stunde verringert werden können.“ Ich sagte ihm, was ich schon so oft gesagt habe, nämlich, dass ich an eine Revolution in England nicht glaube. Lenin: „Bei uns sagt man, dass ein Mann Typhus haben kann und sich doch noch auf den Füssen hält. Vor zwanzig oder vielleicht dreissig Jahren hatte ich einen versteckten Typhus. Ich ging einige Tage damit herum, ehe ich zusammenbrach. Nun, England, Frankreich und Italien sind von der Seuche bereits ergriffen. Es scheint Ihnen, als wäre England noch unangetastet. Aber die Bazillen sind bereits vorhanden.“ Ich erwiderte, dass, ebenso wie sein Typhus nur latent gewesen war, auch die Unruhen in England, auf die er anspiele eine misslungene Revolution sein könnten, die im Sande verläuft. Ich erzählte ihm vonuiem ungewissen, zusammenhanglosen Charakter der Streiks, die Opposition der Durchschnittsliberalen erinnere mich in vielem an das Russland von 1905, nicht aber an dasjenige von 1917. Lenin: „Ja, das Ist möglich, vielleicht kommt jetzt eine Lehrzeit, in der die englischen Arbeiter ihre politischen Forderungen erkennen lernen und vom Liberalismus zum Sozialimus übergehen. Der Sozialismus ist sehr schwach in England. Ihre sozialistischen Bewegungen, Ihre sozialistischen Versammlungen als ich in England war, verfolgte ich mit gespannter Aufmerksamkeit alles, was vorging. Aber für ein Land mit einer so grossen Arbeiterbevölkerung waren die Versammlungen kläglich, ganz einfach kläglich. Eine Handvoll Menschen an einer Strassenecke eine Versammlung in irgend einem Zimmer einem Schulzimmer kläglich. Aber Sie müssen den grossen Unterschied zwischen dem Russland von 1905 und dem heutigen England berücksichtigen. In Russland wurde unser erster Sowjet während der Revolution errichtet. Ihre kaufmännischen Angestelltenkomitees existieren jedoch schon seit Langem. Sie haben zwar kein Programm, keine Leitung, aber die Opoosition, der sie sich eines Tages gegenübersehen werden, wird ihnen ein Programm aufzwingen.“ Er sprach von dem erwarteten Besuch der Berner Delegation und fragte mich, ob ich Macdonald kenne, dessen Namen in den letzten Telegrammen denjenigen von Henderson ersetze. Er sagte: „Ich freue mich sehr, wenn Macdonald statt Henderson kommt. Natürlich ist Macdonald kein Marxist im eigentlichen Sinne, aber er interessiert sich wenigstens für seine Theorien und man kann ihm Zutrauen, dass er sich bemühen wird, alles zu verstehen, was hier vorgeht. Mehr verlangen wir gar nicht.“ Dann unterhielten wir uns über einen Gegenstand, der mich sehr interessiert, nämlich, auf welche Weise, ganz abgesehen vom Krieg, die kommunistischen Theorien fast unmerklich während des schwierigen Prozesses ihrer praktischen Verwirklichung gemässigt werden. Wir sprachen über die Veränderungen in der Arbeiterkontrolle, die jetzt sehr verschieden ist von jener wilden Komiteewirtschaft, die zuerst jede Arbeit fast unmöglich machte. Dann sprachen wir über die Antipathie der Bauernschaft gegenüber der zwangsweisen Einführung des Kommunismus und wie auch dieser Plan ganz beträchtlich verändert worden ist. Ich fragte ihn, wie er sich die Beziehungen zwischen den Kommunisten der Städte und den am Besitz hängenden Bauern dächte. Und ob nicht grosse Gefahr bestände, dass die Antipathie zwischen beiden vergrössert würde. Ich betonte, wie sehr ich es bedauerte, so bald abreisen zu müssen, ohne die Widerstandsfähigkeit der kommunistischen Theorien durch den unvermeidlichen Zusammenstoss mit der Landbevölkerung auf die Probe gestellt zu sehen. Lenin erklärte mir, dass in Russland zwischen armen und reichen Bauern scharf unterschieden werden müsste. „Die einzige Opposition, der wir hier in Russland begegnen, rührt direkt oder indirekt von den reichen Bauern her. Sobald die Armen von der politischen Vorherrschaft der Reichen befreit sind, bekommen wir sie auf unsere Seite, und zwar als die ungeheure Majorität.“ Ich sagte, dass es in der Ukraine, wo der Landbesitz viel gleichmässiger unter die Bauern verteilt sei, ganz anders wäre. Lenin: „Nein. Dort in der Ukraine werden Sie eine sehr gemässigte Anwendung unserer Politik finden. Was immer auch geschehen mag, der Bürgerkrieg in der Ukraine wird wahrscheinlich viel erbitterter sein, als irgendwo anders, weil dort der Instinkt für den Besitz bei den Bauern viel weiter entwickelt ist und Minorität und Majorität mehr ausgeglichen sind.“ Er fragte mich, ob ich jetzt nach Hause reisen wolle und schlug mir vor, nach Kiew zu fahren, um dort die Revolution so genau Kennen zu lernen, wiei es mir in Moskau gelungen war. Ich erwiderte ihm, wie sehr mich der Gedanke bedrücke dass dies mein letzter Besuch in Russland sein könne da ich das Land fast ebenso sehr liebe wie mein eigenes. Lachend machte er mir das Kompliment, dass ich, obwohl Engländer, den Sinn der Revolution erfasst hätte, und dass er sich freuen würde, mich wieder zu sehen.“ Erinnerungen an Lenin. Von Charles Rappaport. Es war im Jahre 1902. Sein Buch: „Was tun?“ fiel mir in die Hände. Besser gesagt, „Was tun?“ ist kein Buch, sondern eine Hinrichtung — eine Hinrichtung des von Bernstein vertretenen „sozialistischen“ Reformismus und des syndikalitstischen Reformismus, der, in Russland, von Boris Kritschewsky gepredigt wurde. Dieses glänzende Pamphlet enthält im Keim die ganze Taktik Lenins. Es ist der Kampf auf Leben und Tod gegen zwei Fronten: gegen die kapitalistische Bourgeoisie und gegen den Opportunismus, ob in sozialistischem oder in syndikalistischem Gewände. Man sieht in diesem Buche auch ein organisatorisches Genie. Lenin begnügt sich nicht mit allgemeinen Richtlinien, er schlägt auch eine ganze Reihe praktischer Massnahmen vor, um die Partei aus der Lethargie zu wecken, in die sie das Versagen der terroristischen Taktik gestürzt hatte. Er fordert die Bildung von Gruppen „berufsmässiger Revolutionäre“, das heisst von Menschen, die nur für und durch die Revolution leben. Er will sich aller Fragen des Tages bedienen, um sie zur Grundlage revolutionärer Kämpfe zu machen. Schon hier spielt die Agrarfrage eine wichtige Rolle. Der Zarismus wird als ein Ueberbleibsel des Feudalismus dargestellt. Damit der Kapitalismus zur Entfaltung gelange und die Grundlage für den modernen Klassenkampf biete, muss er durch die Revolution den Zarismus stürzen. Lenin bekämpft den „Oekonomismus“ der Gruppe um Kritschewsky zugunsten des revolutionären, politischen und sozialistischen Kampfes. Er will die Bauern durch Vergrösserung ihres Grundbesitzes für die Revolution gewinnen. Das Buch „Was tun?“ hatte in den revolutionären Kreisen lebhaften Widerhall gefunden. Alte Revolutionäre, wie Paul Axelrod, machten Vorbehalte, aber sie verbündeten sich mit Lenin, der damals Redakteur der in Genf herausgegebenen „L’Etincelle“ war, die den Kampf gegen die opportunistische Gefahr führte. Um den Opportunismus zu bekämpfen, konnte man sich nicht in Streitigkeiten mit Lenin einlassen. Die persönliche Bekanntschaft Lenins machte ich gelegentlich einer Konferenz in Paris, ungefähr um dieselbe Zeit. Was mich bei dem gegenwärtigen Führer der Sowjetregierung überraschte, war die Reinheit und die Kraft seiner Ideen. Zum erstenmal in meinem Leben hörte ich aus dem Munde eines orthodoxen Marxisten die Worte „bewaffneter Aufstand“; für die Marxisten der alten Schule war jeder Ruf zur Revolution veralteter „Blanqursmus“. Um 1903 kam dann die Spaltung zwischen Martoff — Axelrod und Lenin und seinen Freunden. Lenin hatte sie mit Hilfe einer unbeträchtlichen Mehrheit (eine oder zwei Stimmen, wenn ich nicht irre) herbeigeführt. Dies ist der Ursprung des „Bolschewismus“, der, sprachlich, nichts anderes als Mehrheit bedeutet. Da ich für die Einigung eintrat, schloss ich mich weder den Bolschewiki noch den Menschewiki an. Der russische Sox zialismus, der kein einziges Mittel besass, legal zu arbeiten und von dem zaristischen Banditentum verfolgt war, konnte sich, meiner Meinung nach, nicht den Luxus einer Spaltung erlauben, die ihn zur Untätigkeit verdammen musste. Und ich ergriff später mit Freude die Gelegenheit, mich mit Plechhanoff solidarisch zu erklären, der. gleichfalls für di'e Einigung arbeitete. Doch es war die Einigung auf dem Boden der Linken. Trotz der äusserlichen Einigkeit, ging nun der Kampf der Richtungen um so schärfer weiter. Jede Redaktionssitzung des Parteiorgans wurde zu einer wahren Schlacht zwischen Lenin — Zinovieff und Martoff — Dan. Ich lernte damals Lenin näher kennen. Seine Arbeitskraft war bewunderungswürdig. Er war gleichzeitig der erste Theoretiker seiher Richtung, Redakteur, Organisator und ein unermüdlicher Redner. Er besass eine ausserordentliche Stärke des Willens. Hier eine Tatsache, die davon Zeugnis ablegt: Eine Gruppe seiner Anhänger, Lunartscharsky, Bogdanoff und andere wollten versuchen, die marxistische Lehre mit den Theorien von Ernst Mach in Uebereinstimmung zu bringen. Lenin witterte eine Gefahr für die Reinheit der Theorie und besonders für die Taktik. Und er stürzte sich, im Alter vqji 40 Jahren, auf das Studium der Philosophie. Er arbeitete sich durch eine ganze philosophische Bibliothek hindurch und verfasste eine philosophische Abhandlung, in der er schonungslos die philosophischen Irrtümer seiner Freunde aufzeigt. Jeder, der die Schwierigkeiten des philosophischen Studiums kennt, wird diesen Charakterzug Lenins 2u schätzen wissen, der sich zum Philosophen machte, um die theoretische Einigkeit seiner Partei zu retten. Als leidenschaftlicher Freund reiner und durchsichtiger Verhältnisse, betrachtete Lenin die Vereinigung entgegengesetzter Elemente — der Bolschewiki und der Menschewiki — als unerträgliches Joch. Er brach, zum zweitenmale, die Einigkeit der Partei. Ich konnte ihm nicht Recht geben. Denn, gemeinsam mit Plechhanoff, war Lenin der unbestrittene Leiter der Partei und ihrer Organe. Er verliess also eine Stellung, die mir sehr günstig schien. Und seine gegenwärtigen Freunde dachten damals wie ich. (Unter anderen: Lunartscharsky und Trotzky.) Aber die spätere Entwicklung zeigte die völlige Unvereinbarkeit zweier Richtungen, von denen die eine die strikte Verfechtung des Klassenkampfgedankens ohne jedes Kompromiss ist und die andere — trotz aller schönen Worte — in der Tat auf die Klassenharmonie und die Preisgabe des Sozialismus hinauslief. Die Geschichte der Revolution von 1917 — 1918 hat das bewiesen. Die Mehrheit der Menschewiki schloss sich dem demokratischen Block an und wurde unter Führung Kerenskis in seinem Sturze mitgerissen. Die Taktik Lenins besteht nicht darin, die Gegensätze und die Brüche zu verschleiern, sondern sie zu ihrem äussersten Ausdruck zu bringen. Wenn er einen Schwankenden sich gegenüber sieht, so lässt er ihn, statt seine Hand zu nehmen und ihn zur Linken zu führen, nach rechts fallen und gibt ihm obendrein einen Stoss. Es gibt Situationen, in denen es einen übermenschlichen Willen und eine Klarsichtigkeit ohnegleichen erfordern muss, der Tendenz zur Wiederversöhnung zu widerstehen. So war es am Vorabend der Oktoberrevolution. Die allernächsten Freunde Lenins, Zinovieff, Lunatscharsky, Rykoff, waren für ein Bündnis mit den linken Flügeln der anderen sozialistischen Parteien; sie traten mit einem wahren Skandal aus dem Zentralkomitee der Partei aus. Lenin blieb gleichsam alleini Er blieb fest. Die Situation war völlig undurchsichtig. Niemand konnte wissen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Kerenski und die Kosaken waren noch obenauf. Die deutschen Heere fielen in Russland ein. Die Entente drohte. Lenin hat Recht behalten, es ist ihm gelungen: die Freunde sind zurückgekehrt, die Feinde sind besiegt. Ich suche vergeblich nach einem Beispiel in der Geschichte. Ich finde es nicht. Man kann gegen die Taktik Lenins Einwände erheben. Man kann ihm eine andere, zweckmässigere Taktik Vorhalten. Aber unabhängig von unseren taktischen Erwägungen bleibt vor der Person Lenins kein anderer Eindruck als dieser: Ecce homo! Hier ist ein Mensch! Fügen wir hinzu: der Mensch einer Klasse, die nur ihre Ketten zu verlieren hat und eine Welt zu gewinnen. Man könnte den Menschen zerschmettern, aber man zerschmettert nicht die proletarische Klasse, denn ihr gehört die Zukunft . . .

Fußnoten