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Märchen der Wirklichkeit | |
|---|---|
| Autor*in | Maxim Gorki |
| Verlag | Malik-Verlag |
| Veröffentlicht | Berlin |
Erster Teil. Italienische Märchen
Streik in Neapel
»Es gibt keine schöneren Märchen,
Als die das Leben ersinnt.«
Andersen
In Neapel streiken die Angestellten der Straßenbahn; längs der ganzen Riviera di Chiaja zieht sich eine Kette leerer Straßenbahnwagen hin, während sich auf der Piazza Vittoria ein Haufen von Wagenführern und Schaffnern angesammelt hat. Lauter fröhliche, lärmende Neapolitaner, beweglich wie Quecksilber.
Über ihren Köpfen, hinter dem Gitter des Gartens, hoch in der Luft, glänzt der dünne Strahl eines Springbrunnens gleich einer Degenscheide. Ein großer Haufen von Menschen, die nach allen Richtungen der ungeheuren Stadt fahren müssen, umringt die Straßenbahner, und alle diese Handlungsgehilfen, Gesellen, Hausierer und Näherinnen äußern böse und laut ihre Mißbilligung über die Streikenden. Zornige Worte, boshafte Sticheleien ertönen, und unaufhörlich fuchteln Hände in der Luft herum, mit denen der Neapolitaner ebenso ausdrucksvoll und beredt zu sprechen weiß, wie mit seiner nie still stehenden Zunge …
Vom Meere her weht eine leichte Brise, die ungeheuren Palmen des Stadtparks schaukeln leise ihre dunkelgrünen, fächerförmigen Blätter hin und her, während ihre Stämme den Füßen ungeheurer Elefanten gleichen und so aussehen, als wären sie aus Stein gehauen. Kleine Knaben – die halbnackten Kinder der Straßen von Neapel – springen
umher wie Sperlinge und erfüllen die Luft mit Lachen und lautem Geschrei.
Die Stadt, die einem alten Stich ähnlich sieht, ist mit heißem Sonnenlicht übergossen und tönt wie eine Orgel; die blauen Wellen des Meerbusens schlagen gleichmäßig gegen das steinige Ufer und begleiten das Murren und das Geschrei der Leute gleich einem Tamburin mit ihrem Getöse.
Die Streikenden stehen mit niedergeschlagenen Gesichtern zu einem Haufen zusammengedrängt da. Sie antworten kaum auf die gereizten Rufe der Menge, klettern auf das Parkgitter und schauen unruhig über die Köpfe der Leute hinweg die Straße hinunter wie eine Schar von Wölfen, die von Hunden umringt ist. Es ist allen klar, daß diese gleichgekleideten Leute durch einen unerschütterlichen Willen fest miteinander verknüpft sind, daß sie nicht nachgeben werden, und dieser Umstand erbittert die Menschenmenge noch mehr. Es gibt freilich unter ihr auch Philosophen, die ruhig ihre Zigarette rauchen und die allzu eifrigen Streikgegner zu beschwichtigen suchen:
»He, Signore! Was soll man aber tun, wenn es nicht zu Makkaroni für die Kinder reicht?«
In Gruppen von je zwei bis drei Personen sieht man die stutzerhaft gekleideten Beamten der Munizipalpolizei dastehen; sie haben darauf zu achten, daß die Menge den Wagenverkehr nicht störe. Sie verhalten sich völlig neutral, schauen mit demselben Gleichmut auf die Schimpfenden wie auf die Getadelten und scherzen gutmütig über diese wie über jene, wenn die Gesten und das Geschrei einen allzu hitzigen Charakter annehmen. Für den Fall ernster Zusammenstöße ist in einer schmalen
Seitengasse eine Abteilung Karabinieri aufgestellt, die kurze, leichte Gewehre in den Händen halten. Das ist eine recht unheilverkündende Menschengruppe, sie tragen einen Dreispitz, kurze schwarze Mäntel und schmale rote Hosenstreifen, die wie zwei Blutstreifen aussehen.
Das Schimpfen und Lachen, die Vorwürfe und Ermahnungen verstummen plötzlich; es geht eine Bewegung durch die Menge, eine neue Stimmung bemächtigt sich ihrer, die gleichsam alle versöhnt; die Streikenden blicken noch finsterer drein und schließen sich gleichzeitig noch enger zusammen, während in der Menge Rufe laut werden:
»Soldaten!«
Es ertönt ein spöttisches, triumphierendes Pfeifen, das sich an die Streikenden richtet; die Soldaten werden mit freudigen Rufen begrüßt; ein dicker Herr in einem grauen Sommeranzug, mit einem Panamahut auf dem Kopfe, beginnt zu tanzen und stampft mit den Füßen schwer auf das Pflaster. Die Schaffner und Wagenführer arbeiten sich langsam durch die Menge hindurch und nähern sich den Straßenbahnwagen, einige von ihnen klettern auf die Plattform des Wagens. Sie schauen jetzt noch finsterer drein und beantworten, während sie sich den Durchgang erzwingen, die feindseligen Rufe mit rauhen Worten. Es beginnt stiller zu werden. Während die Streikenden den feindlich gestimmten Menschenhaufen durchschreiten, sprengen sie ihn auseinander, so daß er sich in einzelne Partien und Gruppen auflöst und in eine weniger lärmende, menschlichere Stimmung gerät.
Vom Ufer Santa Lucia her nähern sich leichten, tänzelnden Schrittes, gleichmäßig mit den Füßen auftretend und mechanisch und einförmig den linken Arm schwenkend,
kleine, graue Soldaten. Sie scheinen wie aus Eisen gegossen und zerbrechlich wie Fabrikspielware … An der Spitze marschiert ein hübscher, langer, stämmiger Offizier mit gerunzelten Brauen und verächtlich gekräuselten Lippen, und neben ihm her hüpfend läuft ein dicker Mann im Zylinder, der unaufhörlich auf ihn einredet und fortwährend mit den Händen in der Luft herumfuchtelt.
Die Menge weicht von den Trambahnwagen zurück, – die Soldaten zerstreuen sich gleich einer grauen Perlenkette die Wagenreihe entlang und nehmen vor den Plattformen Stellung, auf denen die Streikenden stehen.
Der Mann im Zylinder und einige Personen, die ihn umringt haben, schreien und gestikulieren wie wahnsinnig mit den Armen:
»Zum letzten Male … Hört ihr's?«
Der Offizier dreht gelangweilt seinen Schnurrbart, während er den Kopf gesenkt hält. Der Mann, der ihn vorhin begleitete, läuft zu ihm hin, schwenkt seinen Zylinder und ruft ihm mit heiserer Stimme etwas zu. Der Offizier sieht ihn von der Seite an, richtet sich hoch auf, stemmt die Brust vor, – man hört ihn laute Kommandoworte sprechen. Sofort springen die Soldaten paarweise auf die Plattformen der Wagen, während die Wagenführer und Schaffner abspringen.
Der Menge erscheint das lächerlich. Es erhebt sich ein Geheul, Gepfeife und Gelächter, das aber sofort wieder erstirbt. In tiefem Schweigen beginnen die Menschen, mit langen Gesichtern, die plötzlich gealtert scheinen, und erstaunten Augen von den Wagen zurückzuweichen und sich mit ihrer ganzen Masse auf den ersten Wagen zuzuwälzen.
Hier erst erkennt man, daß zwei Schritt vom Wagen entfernt, quer über den Schienen, ein grauhaariger Wagenführer mit dem Gesicht eines Soldaten entblößten Hauptes, die Brust nach oben und die Schnurrbartenden senkrecht zum Himmel emporgerichtet, daliegt. Dicht neben ihm stürzt mit affenartiger Geschwindigkeit ein junger Bursche zu Boden, und nach ihm legen sich, langsam und ruhig, immer neue Personen auf die Erde …
Dumpf grollt die Menschenmenge; Stimmen ertönen, die erschrocken die Madonna anrufen. Einzelne fluchen mit finsterer Miene, Weiber kreischen und stöhnen, während die kleinen Knaben, von dem seltsamen Schauspiel erregt, überall wie Gummibälle herumspringen.
Der Mann im Zylinder brüllt etwas mit schluchzender Stimme; der Offizier blickt ihn an und zuckt mit den Achseln: er ist verpflichtet, die Wagenführer durch seine Soldaten zu ersetzen, aber er hat keinen Befehl erhalten, gegen die Streikenden vorzugehen.
Da stürzt der Mann im Zylinder, umringt von mehreren diensteifrigen Leuten, auf die Karabinieri zu. Diese setzen sich in Bewegung, treten hinzu, beugen sich über die auf den Schienen Liegenden und wollen sie aufheben.
Und nun beginnt ein Kampf, Unruhe und Lärm. Plötzlich aber gerät der ganze graue, verstaubte Haufen der Zuschauer in Bewegung. Er brüllt auf, heult, strömt auf die Schienen; der Mann im Panamahut reißt seine Kopfbedeckung herunter, wirft sie hoch in die Luft und legt sich als erster auf den Erdboden, klopft dem neben ihm liegenden Streikenden auf die Schulter und schreit ihm ermutigende Worte ins Gesicht.
Nach ihm beginnen unzählige fröhliche, lärmende Leute, die noch vor drei Minuten gar nicht dagewesen
waren, auf die Schienen zu sinken, fast so, als hätte man ihnen die Füße abgeschnitten. Sie stürzen lachend zu Boden, schneiden Gesichter und rufen dem Offizier etwas zu, der lachend und den hübschen Kopf schüttelnd mit dem Mann im Zylinder spricht und ihm mit den Handschuhen unter der Nase herumfuchtelt.
Inzwischen kommen immer mehr Leute hinzu, die sich auf die Schienen legen. Weiber werfen ihre Körbe und Pakete zu Boden; kleine Burschen rollen sich lachend zusammen wie frierende Hunde, anständig gekleidete Leute wälzen sich von einer Seite auf die andere im Staube herum.
Fünf Soldaten blicken von der Plattform des ersten Wagens auf den Haufen von Leibern vor den Rädern herab; sie klammern sich an den Wagenrand, werfen den Kopf zurück und lachen aus vollem Halse. Jetzt sehen sie den Spielzeugen aus Zinn gar nicht mehr ähnlich.
Nach einer halben Stunde sausen die Trambahnwagen wieder mit Gekreisch und Gequiek durch die Straßen von Neapel. Auf den Plattformen stehen fröhlich schmunzelnd die Sieger, sie gehen durch die Wagen und fragen höflich:
»Fahrscheine?«
Die Leute, die ihnen die roten und gelben Papierchen entgegenhalten, winken ihnen mit den Augen zu, lächeln und brummen gutmütig vor sich hin.
Die Kinder aus Parma
Auf dem kleinen Bahnhofsplatz in Genua hat sich ein dichter Volkshaufen versammelt. Es sind vorwiegend Arbeiter, auch viele solide gekleidete, wohlgenährte Personen sind darunter. An der Spitze des Haufens stehen die Mitglieder der städtischen Verwaltung. In der Luft flattert die schwere, kunstvoll mit Seide gestickte Fahne der Stadt und neben ihr glitzern die bunten, farbigen Fahnen der Arbeiterorganisationen. Die Quasten, Fransen, Schnüre und die Spitzen der Fahnenstangen glänzen von Gold, die Seide knistert, und wie ein halblaut singender Chor ertönt das Gesumme der feierlich gestimmten Menschenmenge.
Über ihr, auf hohem Sockel, ragt die schöne Gestalt des Kolumbus empor, dieses Träumers, der soviel leiden mußte, weil er glaubte, und der den Sieg davontrug, weil er glaubte. Auch heute noch schaut er auf die Menschen herab, als wollten seine Marmorlippen sagen:
»Nur die siegen, die da glauben!«
Rings um den Sockel, zu seinen Füßen, haben die Musikanten ihre Messingtrompeten aufgestellt, und das Messing glänzt in der Sonne wie pures Gold.
Das schwarze Marmorgebäude des Bahnhofs steht wie ein offener Halbkreis da und hat seine Flügel ausgebreitet, als wollte es die Menschen umarmen. Aus dem Portal dringt das dunkle Keuchen der Lokomotiven, Kettengeklirr,
Gepfeife und Geschrei; auf dem mit heißem Sonnenlicht übergossenen Platze ist es ruhig und drückend heiß. Auf den Balkons und an den Fenstern der Häuser stehen hellgekleidete Frauen mit Blumen in den Händen, festtäglich geputzte Kindergestalten, die selbst wie Blumen aussehen.
Da pfeift eine Lokomotive, die sich dem Bahnhof nähert. Die Menge gerät in Bewegung. Schwarzen Vögeln gleich fliegen einzelne Hüte in die Luft, die Musikanten greifen nach ihren Instrumenten, ein paar ernste, ältere Männer treten hervor, wenden sich mit dem Gesicht der Menge zu und sprechen, eifrig mit den Händen fuchtelnd, auf sie ein.
Schwer und langsam weicht die Menge auseinander und läßt einen breiten Ausgang nach der Straße zu frei.
»Wen erwartet man hier?«
»Die Kinder aus Parma.«
Dort, unten in Parma, waren die Arbeiter in den Ausstand getreten. Die Unternehmer wollten nicht nachgeben, die Lage der Arbeiter wurde immer schwieriger. Darum haben sie ihre Kinder, die schon vor Hunger zu kränkeln begannen, zu ihren Genossen nach Genua gesandt.
Hinter den Säulengängen des Bahnhofes kommt jetzt eine sonderbare Prozession von kleinen Menschen hervor; sie sind nur halb angekleidet und sehen in ihren Lumpen wie seltsame, zottige Tierchen aus. Sie marschieren zu fünf in einer Reihe, sich fest an den Händen haltend … seltsam, klein, verstaubt und sichtbar ermüdet. Ihre Gesichter sind ernst, aber die Äuglein glänzen lebhaft und klar, und als die Musik ihnen zu Ehren den Garibaldimarsch anstimmt, huscht ein fröhliches, zufriedenes
Lächeln über diese mageren, spitzen, hungrigen Gesichter.
Die Menge begrüßt diese Menschen der Zukunft mit ohrenbetäubendem Geschrei; die Banner neigen sich vor ihnen, die Trompeten schmettern. Die Kinder sind von diesem Empfange ein wenig verwirrt, sie weichen einen Augenblick zurück, aber auf einmal haben sie die Reihen geschlossen, sich zu einem Körper zusammengeballt, und Hunderte von Stimmen, die aus einer Kehle zu kommen scheinen, brechen in den Ruf aus:
»Viva Italia!«
»Es lebe das junge Parma!« schreit die Menge, die auf sie zustürzt.
»Evviva Garibaldi!« rufen die Kinder und dringen wie ein grauer Keil in die Menge hinein, um dort zu verschwinden.
In den Fenstern der Hotels, auf den Dächern der Häuser flattern, gleich weißen Vögeln, unzählige Tücher; ein Blumenregen ergießt sich von dort auf die Köpfe der Menge; fröhliche, laute Rufe ertönen.
Alles sieht festtäglich aus, alles lebt auf, selbst der graue Marmor blüht in hellen Farben.
Fahnen flattern, Hüte und Blumen fliegen durch die Luft; über den Köpfen der Erwachsenen tauchen kleine Kinderköpfe auf; kleine, braune Pfötchen fahren durch die Luft, greifen nach den Blumen und begrüßen die Menge. Und alles weit übertönend klingt ununterbrochen der machtvolle Ruf:
»Viva il socialismo!«
»Evviva Italia!«
Jedes Kind fühlt sich ergriffen, auf die Schulter der Erwachsenen gehoben, von rauhen, schnauzbärtigen Männern
an die Brust gedrückt. Die Musik ist bei dem allgemeinen Lärm, dem Lachen und Schreien kaum noch zu hören.
Man sieht Frauen durch die Menge schwirren, die die übriggebliebenen Kinder an sich nehmen wollen. Man hört sie rufen:
»Sie nehmen zwei, Annita?«
»Ja. Sie auch?«
»Und eins für die lahme Marguerita …«
Überall begegnet man fröhlich erregten, festtäglichen Gesichtern, feuchten, freundlichen Augen. Hier und da sieht man die Kinder der Streikenden bereits ein Stück Brot kauen.
»Zu unserer Zeit dachte man nicht an so etwas!« sagt ein Greis mit einer Vogelnase und einer schwarzen Zigarre im Munde.
»Und wie einfach ist das doch!«
»Ja! So einfach und so vernünftig!«
Der Alte nimmt die Zigarre aus dem Munde, betrachtet nachdenklich das eine Ende und streift seufzend die Asche ab. Gleich darauf sieht er zwei Kinder aus Parma, offenbar zwei Brüder, neben sich stehen, macht ein grimmiges Gesicht, stülpt den Hut über die Augen und breitet die Arme weit aus. Die Kinder, die ihn erst ganz ernst anblicken, schmiegen sich eng aneinander und weichen mit ängstlichem Gesicht zurück. Der Alte duckt sich plötzlich und fängt laut zu krähen an. Die Kinder lachen fröhlich auf und hüpfen mit den nackten Beinchen auf dem Pflaster herum. Der Alte steht auf, rückt den Hut zurecht und entfernt sich unsicheren Schrittes, offenbar in der Meinung, seine Schuldigkeit getan zu haben.
Ein buckliges, grauhaariges Weib, mit dem Gesicht
einer Hexe und struppigen, grauen Haaren auf dem knochigen Kinn steht am Sockel des Kolumbusdenkmals, weint und trocknet sich immer wieder die rotgeränderten Augen mit dem Ende eines verblichenen Schals ab. Sie ist häßlich, ihre Hautfarbe ist dunkel, und sie erscheint so seltsam und vereinsamt inmitten dieser freudig erregten Menschenmenge.
Tänzelnden Schrittes geht eine schwarzhaarige Genueserin vorüber; sie führt ein siebenjähriges Menschlein mit Holzpantoffeln an den Füßen und einem bis an die Schultern reichenden grauen Hut an der Hand.
Es schüttelt den Kopf, um den Hut in den Nacken zu werfen, dieser rutscht ihm immer wieder auf seine Nase herab. Die Frau reißt ihm den Hut vom Kopfe und singt laut irgendein Lied, während sie ihn lachend in der Luft schwenkt. Der Knabe hat den Kopf zurückgeworfen, er lacht übers ganze Gesicht, sieht sie an, springt dann in die Höhe, greift nach seinem Hut, und beide verschwinden in der Menge.
Ein hochgewachsener Mann mit nackten, ungeheuren Armen und einem Lederschurz hält ein sechsjähriges Mädchen auf seiner Schulter und spricht zu der neben ihm einherschreitenden Frau, die einen Knaben mit feuerrotem Haar an der Hand führt:
»Du verstehst, wenn sich dieser Brauch Eingang verschafft, wird es schwer sein, uns unterzukriegen, he?«
Und er lacht mit lauter, tiefer, triumphierender Stimme, seine kleine Last in die blaue Luft emporwerfend:
»Evviva Parma–a!«
Die Leute verschwinden, die Kinder mit sich forttragend oder -führend. Auf dem Platze bleibt nichts zurück als ein paar zerdrückte Blumen, Konfektpapier, eine
fröhliche Gruppe von blauen Dienstmännern und über ihnen die edle Gestalt des Mannes, der die neue Welt entdeckte.
Aber aus den Straßen, die gleich ungeheuren Röhren auf den Platz münden, erschallen fröhliche Rufe von Menschen, die dem neuen Leben entgegenschreiten.
Blumen des Lebens
Ein drückend heißer Tag. Irgendwo in der Ferne kracht dumpf ein Kanonenschuß, – ein weicher, eigentümlicher Ton, als wäre ein ungeheures faules Ei geplatzt. In der durch den Schuß erschütterten Luft machen sich die Gerüche der Stadt noch intensiver bemerkbar. Es riecht noch stärker nach Olivenöl, Knoblauch, Wein und heißem Staub.
Der laute Lärm eines südlichen Tages, der von dem schweren Stöhnen der Kanone übertönt wird, läßt einen Augenblick nach, als wäre er in sich zusammengesunken, und als schmiegte er sich an das glühende Straßenpflaster. Dann aber reckt er sich wieder über die Straßen der Stadt empor und strömt, gleich einem breiten, trüben Flusse, ins Meer hinaus.
Die Stadt ist feiertäglich, grell und bunt geschmückt wie das reichgestickte Meßgewand eines Priesters. In dem leidenschaftlichen Geschrei, in ihrem Stöhnen und Beben erklingt das Lied des Lebens gleich einem Psalm. Jede Stadt ist ein Tempel, der von Menschenhänden erbaut ward, jegliche Arbeit – ein Gebet, das an die Zukunft gerichtet ist.
Die Sonne steht im Zenit. Der glühende, blaue Himmel blendet das Auge, wie wenn jeder Punkt einen feurigen blauen Strahl auf Meer und Erde sendete, der tief ins Gestein der Stadt und in das Wasser eindringt. Das Meer
glänzt wie Seide voll schwerer, silberner Stickereien und singt leise, während seine grünlichen, schläfrigen Wellen kaum das Ufer berühren, das weise Lied vom Quell alles Lebens, – der Sonne.
Staubige und schwitzende Menschen eilen zum Mittagessen. Viele rennen ans Ufer, werfen schnell die grauen Kleider ab und springen ins Meer. In dem Augenblick, wo die gebräunten Körper im Wasser untersinken, scheinen sie sich in lächerlich kleine Pünktchen zu verwandeln, die wie dunkle Staubteilchen in einer großen Weinschale umherschwimmen.
Das sanfte Plätschern des Wassers, das frohe Geschrei der erfrischten Menschen, das laute Lachen und Kreischen der Kinder, – alles steigt wie ein fröhliches Sonnenopfer mit dem regenbogenfarbenen Wasserstaub der aufgewühlten Meeresfläche zur Sonne empor.
Auf der Straße, im Schatten eines großen Hauses, sitzen vier Steinsetzer, große, gedrungene, kräftige, wie aus Stein gehauene Gestalten, die sich anschicken, ihr Mittagsmahl einzunehmen. Ein eisgrauer alter Mann, der mit einer dichten Staubschicht bedeckt ist, zerschneidet ein langes Brot, wobei er eifrig darauf bedacht ist, daß nur ja kein Stück kleiner werde als das andere. Er trägt eine rote, gestrickte Kappe mit einer Troddel auf dem Kopf, die ihm beständig ins Gesicht fällt. Der Alte schüttelt sein großes Apostelhaupt, und seine lange, papageienhaft gebogene Nase zieht laut die Luft ein, während sich seine Nüstern blähen.
Neben ihm, auf den heißen Steinen, liegt ein Prachtkerl, mit offener Brust, braungebrannt und schwarz wie ein Maikäfer. Die Brotkrumen fallen ihm aufs Gesicht, er kneift faul die Augen zusammen und singt halblaut wie
im Traum etwas vor sich hin. Zwei andere sitzen mit dem Rücken an die Wand gelehnt und schlummern.
Ein Knabe mit einer großen, bauchigen Weinflasche in der einen und einem kleinen Bündel in der andern Hand nähert sich ihnen. Zurückgeworfenen Hauptes ruft er mit hellklingender Stimme und sieht nicht, daß durch das Strohgeflecht der Flasche rote, schwere Weintropfen langsam wie Rubinen auf die Erde fallen.
Der Alte sieht's, legt sofort das Brot und das Messer auf die Brust des Jünglings nieder und winkt besorgt dem Knaben: »Schneller, du Blinder! Sieh doch – der Wein!«
Der Knabe hebt die Flasche in die Höhe, fährt erschrocken zusammen und läuft schnell zu den Steinsetzern. Alle geraten in Bewegung, schreien und betasten die Flasche, während der Knabe wie ein Pfeil in den Hof hineinfliegt. Er kommt ebenso schnell wieder herausgesprungen und hält eine große, tiefe, gelbe Schüssel in der Hand.
Die Schüssel wird auf die Erde gestellt, und der Alte gießt den roten, lebendigen Strahl vorsichtig hinein. Vier Augenpaare ergötzen sich an dem Spiel der Weintropfen in der Sonne, und die trockenen Lippen der Leute zucken gierig.
Eine Frau in hellblauem Kleide geht vorüber. Ein goldigglänzender Spitzenschal bedeckt das rabenschwarze Haar, die hohen Absätze der braunen Stiefelchen klappern gleichmäßig auf dem Pflaster. Sie führt ein kleines, krauslockiges Mädchen an der Hand, das zwei rote Nelkenblüten in der Luft schwenkt. Die Kleine tänzelt neben ihr her und singt:
»O ma, o ma, o mia ma–a …«
Die Kleine bleibt hinter dem Rücken des alten Steinsetzers stehen, reckt sich in die Höhe, guckt über die
Schulter des Alten und sieht aufmerksam zu, wie der Wein in die gelbe Schale fließt, klingend, als setze er den Gesang der Kleinen fort.
Das Mädchen befreit sich aus der Hand der Mutter, reißt die Blütenblätter ab und wirft sie, das braune Händchen hoch emporreckend, in die Weinschale.
Vier Männer zucken zusammen und erheben böse den Kopf, während die Kleine händeklatschend und lachend auf dem Trottoir umherspringt. Die Mutter hascht verwirrt nach ihrer Hand, der Knabe wirft den Kopf zurück und lacht aus vollem Halse, während die Blumenblätter wie rosafarbene Kähne auf dem dunklen Weine umherschwimmen.
Der Alte zieht von irgendwoher ein Glas hervor, schöpft es mit Wein und Blumenblättern voll, erhebt sich mühsam auf die Knie und sagt, das Glas zum Munde führend, mit ruhiger, ernster Stimme:
»Tut nichts, Signora! Das Geschenk eines Kindes ist ein Geschenk des Himmels. Auf Ihre Gesundheit, schöne Signora, und auch auf deine, Kind! Werde schön wie deine Mutter und doppelt so glücklich wie sie.«
Er versenkt seinen grauen Schnurrbart in das Glas, kneift die Augen zusammen und schlürft langsam, mit den Lippen schmatzend, und die krumme Nase hin und her bewegend, die dunkle Flüssigkeit aus.
Die Mutter entfernt sich grüßend und führt die Kleine lächelnd an der Hand. Die aber springt neben ihr her, scharrt mit den Füßchen auf dem Trottoir und kneift die Augen zusammen, um sie gegen das blendende Sonnenlicht zu schützen.
»O ma–a … o mia ma–a …«
Die Steinsetzer wenden die Köpfe hin und her und blicken
bald den Wein und bald das Mädchen an; sie lächeln und unterhalten sich mit dem raschen Mundwerk der Südländer.
Inzwischen aber schaukeln die roten Blumenblätter auf der dunkelroten Oberfläche der Weinschale.
Und ringsum singt das Meer, die Stadt dröhnt, und die glühende Sonne zaubert wunderbare Märchenbilder hervor.
Es ist vollbracht
Ein blauer, ruhiger See, tief umrahmt von Bergen, die ewiger Schnee deckt. Ein dunkler Saum von Gärten schmiegt sich reich gefaltet bis ans Wasser hinab. Weiße Häuschen, die aus Zucker gegossen zu sein scheinen, blicken vom Ufer in das Wasser hinunter. Ringsum gleicht alles dem friedlichen Traum eines Kindes.
Es ist ganz früh am Morgen. Von den Berghängen steigt ein sanfter Blumengeruch empor. Eben ist die Sonne aufgegangen. Auf den Blättern der Bäume, auf den Halmen der Gräser glänzen noch Tautropfen. Wie ein großes Band zieht sich die Landstraße durch einen Engpaß hin. Sie ist mit Steinen gepflastert und scheint doch weich zu sein wie Samt, über den man mit der Hand hinstreichen möchte.
Neben einem Kieshaufen sitzt ein kohlschwarzer Arbeiter. Seine Brust ist mit einer Medaille geschmückt, sein Gesicht ist ernst, sanft und kühn.
Die bronzefarbenen Hände ruhen auf den Knien, und hoch aufgerichteten Hauptes blickt er dem Wanderer, der unter dem Kastanienbaum steht, ins Gesicht.
»Die habe ich für den Simplon bekommen, Herr! Diese Medaille habe ich für die Arbeit am Simplontunnel erhalten.«
Er senkt den Kopf und streift das hübsche Metallstück an seiner Brust mit einem liebevollen Blick.
»Ah, jede Arbeit ist schwer, bis man sie lieb gewinnt.
Dann aber wirkt sie anregend und dadurch leichter. Immerhin – es war doch schwer!«
Er nickt leicht mit dem Kopfe, zur Sonne emporblinzelnd. Plötzlich wird er lebhafter, fährt mit der Hand durch die Luft, und seine schwarzen Augen glänzen.
»Zuweilen war es sogar fürchterlich. Die Erde fühlt ja mitunter auch etwas – nicht wahr? Wir machten einen tiefen Einschnitt in den Berg, und als wir dann tief in sein Inneres eingedrungen waren, bereitete uns die Erde dadrinnen einen sehr bösen, unfreundlichen Empfang. Sie ließ uns ihren heißen Atem fühlen, bei dem uns das Herz stockte, der Kopf schwer wurde, und die Knochen schmerzten. Viele von uns haben es zu spüren bekommen. Dann schleuderte sie Steine auf die Menschen herab und begoß sie mit heißem Wasser. Ja … es war furchtbar! Zuweilen, wenn das Feuer brannte, da erschien das Wasser ganz rot, und mein Vater sagte zu mir: ›Wir haben die Erde verwundet. Sie wird uns alle verbrennen und in unserem Blute ertränken, warte nur.‹ Das war natürlich nur so ein Gerede, aber wenn man tief unten in der Erde, in dieser feuchten, dumpfen Finsternis solche Worte hört, wenn das Wasser laut aufklatscht und das Eisen am Steindamm aufkreischt, vergißt man leicht, daß so etwas nur eine Ausgeburt der Phantasie ist. Denn dort war alles phantastisch, lieber Herr: wir Menschen, die wir so klein waren, und dieser Berg, der bis in den Himmel hineinragte und doch in seinem Innern von uns aufgewühlt wurde. Man muß das alles gesehen haben, um es zu begreifen. Man muß den schwarzen Schlund gesehen haben, den wir, kleine Menschlein, in den Berg gegraben haben. Am Morgen, wenn die Sonne aufging, versanken wir in diesem Schlünde, und die Sonne blickte den Menschen, die sie verließen und in die Tiefen
der Erde hinabstiegen, traurig nach. Man muß auch unsere Maschinen und das finstere Antlitz des Bergriesen gesehen und das dumpfe Rollen in seinem Innern gehört haben, dieses Getöse beim Sprengen, das wie das Lachen eines Wahnsinnigen klang!«
Er warf einen Blick auf seine Hände, rückte die Medaille auf der blauen Arbeitsbluse zurecht und seufzte leise.
»Ja, der Mensch versteht es, zu arbeiten,« fuhr er mit unverkennbarem Stolze fort. »Ja, lieber Herr, der kleine Mensch ist eine unbesiegbare Macht, wenn er sich's vornimmt, zu arbeiten. Und glauben Sie es mir: dieser kleine Menschenwicht wird schließlich alles vollbringen, was er will. Mein Vater wollte es zuerst nicht glauben:
›Einen Berg durchbohren und sich durch ihn hindurch einen Weg von einem Land ins andere bahnen,‹ sagte er, ›das widerspricht dem Willen Gottes, der die Länder durch Bergmauern voneinander getrennt hat. Ihr werdet schon sehen, die Madonna wird uns ihren Beistand versagen.‹
Er war im Irrtum, der Alte; die Madonna steht allen bei, die sie lieben. Später dachte der Vater fast ebenso wie ich, denn er fühlte sich schließlich stärker und höher als der Berg; es gab aber eine Zeit, da er mich und die anderen, wenn er Feiertags am Tisch hinter einer Flasche Wein saß, zu überzeugen suchte.
›Kinder Gottes‹ – das war sein Lieblingswort, denn er war ein guter und gottergebener Mensch – ›Kinder Gottes, so darf man nicht gegen die Erde ankämpfen. Sie wird Rache nehmen für die Wunden, die man ihr schlägt, und sie wird Siegerin bleiben. Ihr werdet schon sehen! Wenn wir den Berg durchbohrt haben, auf sein Herz stoßen, sein Inneres berühren, wird uns das Feuer verschlingen, denn das Herz der Erde ist aus Feuer, – das wissen alle. Die
Erdrinde bearbeiten, das ist erlaubt; es ward uns geboten, ihr bei ihren Geburtswehen beizustehen, wir aber entstellen ihr Antlitz und ihre Form. Seht: je weiter wir ins Innere des Berges eindringen, desto heißer wird die Luft, desto schwerer wird uns das Atmen‹ …«
Der Arbeiter lachte leise, während er mit beiden Händen die Enden seines Schnurrbarts emporstrich.
»Und nicht nur er allein dachte so; es war wirklich so; je weiter wir vordrangen, desto heißer wurde es im Tunnel, desto mehr Leute erkrankten und stürzten zu Boden. Immer heftiger schlugen die heißen Quellen empor, das Gestein bröckelte ab, und zwei von unseren Leuten, zwei Männer aus Lugano, wurden wahnsinnig. In der Nacht aber wälzten sich viele von uns in Fieberträumen in der Baracke, stöhnten und sprangen, von einer unbestimmten Angst gepeinigt, aus den Betten.
›Habe ich nicht recht?‹ fragte der Vater, dessen Husten immer stärker und dumpfer klang, angsterfüllt. ›Habe ich nicht recht? Sie ist unbesiegbar, die Erde.‹
Und endlich legte er sich nieder, um nie wieder aufzustehen. Er war kräftig, mein Alter; mehr als drei Wochen kämpfte er mit dem Tode: hartnäckig, ohne Klage, wie ein Mann, der seinen Wert kennt.
›Meine Arbeit ist beendigt, Paolo‹, sagte er in einer Nacht zu mir. ›Nimm dich in acht und kehre nach Hause zurück. Die Madonna möge dich geleiten!‹
Dann schwieg er lange mit geschlossenen Augen und röchelnder Brust.«
Der Erzähler erhob sich, warf einen Blick auf die Berge und reckte sich so kräftig, daß seine Gelenke krachten.
»Dann,« fuhr er fort, »dann ergriff er meine Hand, zog mich an sich heran und sagte:
›Weißt du, Paolo, ich glaube doch, daß es gelingen wird: wir und die anderen, die von der entgegengesetzten Seite kommen, werden einander im Innern des Berges begegnen, wir werden uns treffen, – glaubst du daran?‹
Ich mußte gestehen, daß ich daran glaubte.
›Wohl denn, mein Sohn! So soll es auch sein: alles, was man tut, muß man voll Glauben an den guten Ausgang tun … Ich bitte dich, mein Sohn, wenn dieser Augenblick kommt, wenn die Menschen sich begegnen, – so komm an mein Grab und sprich: Vater, – es ist vollbracht! Damit ich's erfahre!‹
Das war gut, lieber Herr, und so versprach ich es ihm denn. Nach fünf Tagen starb er, zwei Tage vor dem Tode aber bat er mich und die anderen, wir möchten ihn im Tunnel an der Stelle, wo er gearbeitet hatte, begraben. Er bat sehr darum, aber ich glaube, er sprach schon im Fieber …
Wir und die anderen, die von jener Seite kamen, trafen uns dreizehn Wochen nach dem Tode des Vaters im Inneren des Berges. Es war ein toller Tag, lieber Herr, als wir dort, unter der Erde, in der Finsternis, das Lärmen der anderen Arbeiter vernahmen, das Klopfen der Männer, die uns tief unter der Erde entgegenkamen – trotz der schweren Gebirgsmassen, die uns winzige Menschlein allesamt unter sich begraben konnten!
Viele Tage hindurch hörten wir diese Laute, die mit jedem Tage deutlicher und vernehmbarer wurden. Da wurden wir von einem freudigen Siegestaumel ergriffen und arbeiteten wie böse Geister, als hätten wir keinen Körper, ohne zu ermüden, ohne erst auf Anweisungen zu warten. Oh, es war so herrlich, wie ein Tanz im Sonnenschein; bei meiner Ehre! Wir wurden alle so sanft und gut wie die
Kinder. Ach, wenn Sie wüßten, wie stark, wie unerträglich das Bedürfnis ist, dort, in der Finsternis, dort unter der Erde, wo man lange Monate hindurch gegraben hat wie ein Maulwurf, einem Menschen zu begegnen!«
Er war durch seine Erzählung ganz in Feuer gekommen. Jetzt trat er ganz nahe an den Zuhörer heran, blickte ihm tief in die Augen und fuhr leise und fröhlich fort:
»Als endlich die letzte Gesteinschicht durchbrochen war, da flammte in der Öffnung der rote Schein einer Fackel auf, ein schwarzes, von Freudentränen und Schweiß durchfurchtes Gesicht tauchte auf, dann folgten noch andere Gesichter und Fackeln, ein Siegesgeschrei und laute Freudenrufe ertönten, – oh, das war der schönste Tag meines Lebens. Wenn ich mich daran erinnere, fühle ich, daß ich nicht umsonst gelebt habe! Es war ein Stück Arbeit, eine heilige Arbeit, das sage ich Ihnen, Herr! Und als wir dann aus dem Tunnel ins Freie, in die Sonne traten, da legten sich viele von uns auf die Erde, küßten sie und weinten. Es war ein Märchen! Ja, Herr, sie küßten den besiegten Berg und küßten die Erde; erst an jenem Tage begriff ich, was sie für uns bedeutet, und gewann sie lieb wie ein Weib.
Natürlich ging ich auch ans Grab des Vaters, o gewiß, obgleich ich weiß, daß die Toten nichts hören können. Ich ging hin, denn man soll die Wünsche der Menschen ehren, die für uns gearbeitet und die nicht weniger gelitten haben als wir. Nicht wahr? So ging ich denn an sein Grab, stampfte mit dem Fuß auf die Erde und sagte, wie er es gewünscht hatte:
›Es ist vollbracht, Vater!‹ sagte ich. ›Die Menschen haben gesiegt. Es ist vollbracht, Vater!‹«
Musik der Großstadt
Der junge Musiker blickte mit seinen dunklen Augen unverwandt in die Ferne und sprach leise:
»Die Musik, die ich schreiben möchte, soll folgendes ausdrücken:
Auf dem Wege zu einer großen Stadt geht gemächlichen Schrittes ein Knabe.
Die Stadt mit ihren schweren Häusermassen liegt hingestreckt da, sie schmiegt sich an den Erdboden und stöhnt und murrt dumpf. Aus der Ferne erscheint es so, als würde sie eben von einer Feuersbrunst zerstört, denn der blutrote Schein der Abendröte ist noch immer nicht erloschen und die Kreuze auf den Kirchen, die Kirchtürme und die Windfahnen leuchten wie rotglühendes Metall.
Die Ränder der dunklen Wolken stehen gleichfalls in Flammen; die zackigen Silhouetten riesenhafter Gebäude heben sich drohend von den roten, flammenden Flecken am Horizont ab; hie und da blitzen die Fensterscheiben, gleich tiefen Wunden, auf; die ermattete, sterbende Stadt, – diese Stätte einer unermüdlichen Jagd nach dem Glück, – verblutet langsam, und ein gelblicher, beißender Brodem steigt heiß zum Himmel empor.
Der Knabe schreitet durch die Dämmerung der Felder über die graue, breite Landstraße, die sich straff wie eine Degenschneide, wie von einer mächtigen, unsichtbaren Hand gelenkt, in den Leib der Stadt bohrt. Die Bäume zu
beiden Seiten gleichen dunklen Pechfackeln, und ihre breit ausladenden Wipfel ragen unbeweglich über die schweigsame Erde empor, die erwartungsvoll daliegt.
Der Himmel ist mit Wolken bedeckt, es ist kein Stern am Himmel und auch kein Schatten zu sehen; der sinkende Abend ist still und traurig, und nur die leichten, langsamen Schritte des Knaben hallen kaum hörbar durch das finstere, müde Schweigen der schlummernden Felder.
Hinter dem Knaben aber schreitet lautlos die Nacht einher und breitet den schwarzen Mantel der Vergessenheit über das weite Land, woher er kommt.
Die Dämmerung verdichtet sich immer mehr und drückt die einsamen, verstreut auf den Hügeln daliegenden weißen und roten Häuschen, die sich demütig an die Erde schmiegen, an ihre warme Brust. Die Gärten, die Bäume, die Schornsteine, alles ringsum verschwindet in der Dunkelheit, wie erdrückt von der Finsternis der Nacht – und gleichsam erschreckt durch die kleine Gestalt mit dem Stock in der Hand, als wollten sie sich vor ihr verstecken oder mit ihr spielen.
Der Knabe aber schreitet schweigend weiter und blickt ruhig auf die Stadt, ohne seine Schritte zu beschleunigen, er, der einsame und kleine Knabe, als hätte er den Leuten da drinnen in der Stadt, wo zu seinem Empfang bereits blaue, gelbe und rote Lichter unruhig vor ihm aufstrahlen, etwas Wichtiges und längst von ihnen Erwartetes zu bringen.
Die Abendröte ist erloschen. Die Kreuze, die Wetterfahnen, die eisernen Turmspitzen sind zerschmolzen und entschwunden. Die Stadt ist zusammengeschrumpft, sie ist kleiner geworden und hat sich gleichsam noch dichter an die stumme Erde geschmiegt.
Über ihr flammt eine opalfarbige, durchsichtige Wolke auf, die ständig größer wird. Ein phosphoreszierender, gelblicher Nebel legt sich in ungleichen Schwaden über das graue Netz der eng aneinandergedrückten Häusermassen. Jetzt hat man nicht mehr den Eindruck, daß die Stadt von einer Feuersbrunst zerstört und mit Blut übergossen ist. Die ungleichen Linien der Dächer und Mauern haben etwas Märchenhaftes, Zauberisches. Allein sie scheinen unvollendet, unfertig, wie wenn der Baumeister, der diese große Stadt für die Menschen zu bauen begonnen hat, müde geworden und in Schlaf versunken wäre, wie wenn er enttäuscht alles liegen gelassen und diese Stätte verlassen, oder den Glauben verloren hätte und gestorben sei.
Und doch lebt die Stadt und ist vom quälenden Wunsche beseelt, in stolzer Schönheit zur Sonne emporgehoben zu werden. Sie träumt, und all ihre vielgestaltigen Wünsche schreien nach Glück, sie erzittert in glühendem Willen zum Leben, und in das dunkle Schweigen der sie umgebenden Felder fließen die stillen Bäche gedämpfter Laute, während der dunkle Kelch des Himmels sich immer mehr mit einem melancholischen, nebligen Licht erfüllt.
Der Knabe bleibt stehen, er hebt den Kopf, blickt ruhigen, kühnen Auges auf die vor ihm liegende Stadt, rafft sich wieder zusammen und schreitet schneller weiter.
Und die Nacht, die ihm auf den Fersen folgt, spricht mit der ruhigen, sanften Stimme einer Mutter zu ihm:
›Es wird Zeit, Knabe, geh! Sie warten auf dich …‹
Aber das kann natürlich nicht in Musik gesetzt werden!« sagte der junge Musiker nachdenklich lächelnd.
Er schwieg, faltete die Hände und rief, nicht laut, aber besorgt und liebevoll:
»Heilige Jungfrau Maria! Was erwartet ihn dort?«
Die Liebe des Fischers
Am blauen Mittagshimmel schmilzt die Sonne dahin, die Wasser und Land mit ihren heißen, vielfarbigen Strahlen übergießt. Von dem schlummernden Meer steigt opalfarbiger Nebel auf, das bläuliche Wasser glänzt wie Stahl, der kräftige Geruch des Meersalzes steigt zum öden Ufer empor.
Die Wellen schlagen träge gegen die emporgetürmten grauen Steine, rollen über sie hinweg, spielen raschelnd mit dem Geröll – die Wellenkämme sind nicht hoch, durchsichtig wie Glas und nicht mit Schaum gekrönt.
Der Berg ist von einem heißen, violetten Dunst umhüllt,; die grauen Olivenblätter glänzen wie altes Silber in der Sonne; auf den Terrassen der Gärten, die sich den Abhang entlang ziehen, funkelt aus dunklem Grün das Gold der Zitronen und Apfelsinen, lächeln dunkelrote Granatblüten und prangen Blumen; Blumen und nichts wie Blumen.
Die Sonne liebt dieses Land …
Auf den Steinen sitzen zwei Fischer. Der eine, ein alter Mann, in einem Strohhut, mit einem dicken Gesicht und grauem, borstigem Bart auf Wangen, Lippen und Kinn; seine Augen verschwinden hinter Fettpolstern, die Nase ist rot, die Hände sind von der Sonne dunkelbraun gebrannt. Den biegsamen Angelstock weit ins Meer hinausstreckend, sitzt er auf einem Stein und läßt die dicht behaarten Beine
ins grüne Wasser hinabhängen; die spielende Welle berührt sie, und schwere, funkelnde Tropfen rollen von den braunen Zehen ins Meer hinab.
Hinter dem Alten, den Ellenbogen auf einen Stein gestützt, steht ein dunkeläugiger, schlanker, brauner Jüngling, mit einer roten Kappe auf dem Kopfe, einer weißen Jacke über der gewölbten Brust und in blauen Hosen, die bis zu den Knien aufgestreift sind. Er zupft mit der rechten Hand an seinem Schnurrbart und blickt gedankenvoll in die Ferne, wo die schmalen, schwarzen Umrisse der Schifferkähne schaukeln und weit hinter ihnen ein weißes, unbewegliches Segel sichtbar ist, das wie ein Wölkchen in der Mittagshitze verschmilzt.
»Eine reiche Signora?« fragt der Alte mit heiserer Stimme, während er vergeblich die Angel anzieht.
»Ich glaube wohl,« entgegnet der Jüngling leise. »Eine Brosche, so groß; mit einem großen Stein, blau wie das Meer, und eine Uhr … Ich glaube – eine Amerikanerin …«
»Schön?«
»Freilich, sehr schlank, aber mit Augen wie Blüten, und, weißt du, sie hat einen kleinen, etwas geöffneten Mund …«
»Das ist der Mund eines ehrlichen Weibes, das nur einmal im Leben liebt.«
»Mir scheint es auch so …«
Der Alte zog die Angel aus dem Wasser, betrachtete den leeren Angelhaken mit zusammengekniffenen Augen, brummte vor sich hin und lächelte:
»Die Fische sind nicht dümmer als wir, o nein …«
»Wer angelt denn um die Mittagszeit?« sagte der Jüngling und kauerte sich nieder.
»Ich,« entgegnete der Alte und befestigte einen Köder an der Angel. Er warf die Angelschnur weit ins Meer hinaus und fragte:
»Ihr seid bis zum Morgen Kahn gefahren, sagst du?«
»Die Sonne ging schon auf, als wir am Ufer landeten,« versetzte der Junge freundlich und seufzte tief auf.
»Zwanzig Lire?«
»Jawohl.«
»Sie hätte auch mehr geben können …«
»Ja, sie hätte sehr viel geben können …«
»Worüber sprachst du denn mit ihr?«
Der Jüngling senkte traurig und ärgerlich den Kopf.
»Sie kennt kaum mehr als zehn Worte, und so schwiegen wir denn …«
»Die wahre Liebe,« sprach der Alte, während er sich zu dem anderen wandte und mit breitem Lächeln seine weißen Zähne sehen ließ, »die wahre Liebe trifft wie der Blitz mitten ins Herz, und sie ist stumm wie der Blitz … Weißt du das?«
Der junge Mann hatte einen großen Stein aufgehoben und wollte ihn ins Meer werfen. Er holte weit aus und – ließ ihn über die Schulter nach hinten fallen.
»Man begreift manchmal gar nicht, wozu die Menschen bloß verschiedene Sprachen nötig haben?«
»Man sagt, das wird späterhin aufhören,« sprach der Alte nach einigem Nachdenken.
Auf der blauen Fläche des Meeres gleitet ein weißer Dampfer lautlos in dem milchigen Nebel des fernen Horizonts vorüber wie der Schatten einer Wolke.
»Nach Sizilien!« bemerkte der Alte und nickt mit dem Kopfe.
Er holte eine lange, zerdrückte, schwarze Zigarre hervor,
brach sie in der Mitte durch und reichte dem Jünglinge eine Hälfte über die Schulter hinweg.
»Woran dachtest du, als du mit ihr zusammensaßest?«
»Der Mensch denkt immer ans Glück …«
»Deshalb ist er auch stets so dumm«, unterbrach ihn der Alte ruhig.
Sie begannen zu rauchen. In der windstillen Luft, die von dem satten Geruch des fruchtbaren Erdbodens und des kosenden Wassers erfüllt waren, stiegen blaue Rauchringe empor.
»Ich sang ihr etwas vor, und sie lächelte …«
»Nun und?«
»Du weißt doch, ich singe schlecht.«
»Jawohl.«
»Dann ließ ich die Ruder sinken und blickte sie an.«
»He – he?«
»Ich sah sie an und sprach zu mir selbst: da bin ich nun, jung und stark, während du dich langweilst. Hab mich lieb und gib mir die Möglichkeit, ein schönes Leben zu beginnen!«
»Langweilt sie sich denn?«
»Wer reist denn sonst in ein fremdes Land, wenn er reich und heiter ist?«
»Bravo!«
»Ich verspreche dir, dachte ich, ich verspreche dir im Namen der heiligen Jungfrau Maria, daß ich gut zu dir sein werde, und daß alle Leute es gut bei uns haben werden …«
»Ecco!« rief der Alte, den großen Kopf zurückwerfend, und brach in ein tiefes, von innen kommendes Lachen aus.
»Ich werde dir stets treu sein …«
»Hm …«
»Oder, dachte ich, wir bleiben eine Zeitlang zusammen, ich werde dich liebhaben, so lange du willst, dann gibst du mir Geld für einen Kahn, Fischergeräte und ein Stück Land, und ich kehre in meine schöne Heimat zurück, wo ich deiner während meines ganzen Lebens stets mit Freuden gedenken werde.«
»Das wäre nicht übel.«
»Als es dann zu tagen begann, dachte ich bereits, dies alles wäre überflüssig, ich brauchte kein Geld, sondern sie allein, wenn auch nur für diese eine Nacht …«
»Das ist einfacher …«
»Nur für eine Nacht! …«
»Ecco!« sagte der Alte.
»Mir scheint, Onkel Pietro, ein kleines Glück, – das ist doch immer etwas Anständiges …«
Der Alte schwieg, die wulstigen Lippen zusammengekniffen und den Blick unverwandt auf das grüne Wasser gerichtet. Inzwischen aber sang der Jüngling leise und traurig:
»Oh, meine Sonne …«
»Ja, ja,« sprach plötzlich der Alte kopfschüttelnd, »ein kleines Glück ist anständiger und ehrlicher, aber ein großes – ist doch besser … Die armen Leute sind schöner, aber die reichen – mächtiger … Und so geht es mit allem … mit allem!«
Es rauschen und plätschern die Wellen, die blauen Rauchwölkchen schweben wie Elfen über den Häuptern der Männer. Der Jüngling hat sich erhoben und singt leise. Er lehnt die Schulter an den grauen Felsen, hält die Arme über die Brust gekreuzt und blickt mit großen, träumerischen Augen auf das ferne Meer.
Der Alte sitzt unbeweglich, den Kopf zu Boden gesenkt, da. Er scheint zu schlummern.
Die violetten Schatten der Berge verdichten sich und werden immer milder und weicher.
»Oh, meine Sonne!« singt der Jüngling.
»Die Sonne ging auf
Noch schöner am Himmel
Noch schöner am Himmel als du!
O Sonne, Sonne!
Oh, strahle auf mich herab!«
Und es klingen die lustigen, grünen Wellen des Meeres.
Die Hochzeit
Auf einer kleinen Station zwischen Rom und Genua öffnete der Schaffner die Tür unseres Kupees und hob mit Hilfe eines rauchgeschwärzten Bahnarbeiters einen kleinen, einäugigen, alten Mann in unseren Wagen.
»Ein sehr alter Mann!« sagten beide zu gleicher Zeit und lächelten gutmütig.
Der Alte schien noch ziemlich rüstig zu sein; nachdem er den Beamten mit einer anmutigen Bewegung seiner runzligen Hand gedankt hatte, nahm er höflich und fröhlich den zerknitterten, staubigen Hut von seinem grauen Kopfe und fragte, während er die Polstersitze mit scharfem Auge musterte:
»Gestatten Sie?«
Man machte ihm sofort einen Platz frei. Er zupfte seinen blauen Leinwandanzug zurecht, seufzte erleichtert auf, legte die Hände auf die Knie und verzog seinen zahnlosen Mund zu einem gutmütigen Lächeln.
»Fahren Sie weit, Großvater?« fragte mein Gefährte.
»Oh, nur drei Stationen!« entgegnete der Alte freundlich. »Ich fahre zur Hochzeit meines Enkels.«
Einige Minuten darauf erzählte er bereits seine Geschichte. Dabei bewegte er sich hin und her, wie ein geknickter Ast an einem stürmischen Tage, und seine Rede übertönte das Rollen der Räder.
»Ich bin ein Ligurier. Wir Ligurier sind alle sehr kräftige
Leute. Sehen Sie, ich habe dreizehn Söhne und vier Töchter, und ich verrechne mich bereits, wenn ich die Zahl meiner Enkel feststellen will. Das ist schon der zweite, der heute heiratet. Das ist doch schön, nicht wahr?«
Er blickte die Anwesenden mit seinem farblosen, immer noch lustigen Auge stolz an und lächelte leise vor sich hin:
»Sehen Sie, wie viel Menschen ich dem Lande und dem König geschenkt habe!«
»Wie ich mein Auge verloren habe? Oh, das ist schon lange her! Ich war noch ein kleiner Bursche, aber ich half dem Vater schon. Er mußte einmal den Weinberg umgraben – ein harter Boden, mit vielen Steinen, der eine sorgfältige Pflege verlangte; ein Stein sprang von seiner Spitzhacke ab und traf mein Auge. Ich entsinne mich nicht mehr, ob es sehr geschmerzt hat, aber während des Mittagessens fiel mir das Auge heraus, – oh, das war furchtbar, meine Herren! Man setzte es mir wieder ein und legte warmes Brot darauf, aber das Auge war bereits tot!«
Der Alte rieb seine braune, runzlige Wange kräftig und lächelte wieder gutmütig und fröhlich.
»Damals gab es noch nicht so viele Ärzte, und die Leute führten ein viel törichteres Leben, o ja! Ob sie besser waren? Ja, das mag wohl sein …«
Sein einäugiges, lederfarbenes Gesicht, mit den tiefen Falten und den Haaren, die eine graugrüne Farbe hatten wie Schimmel, nahm einen schlauen Ausdruck an.
»Wenn man so lange gelebt hat wie ich, darf man doch aufrichtig über die Menschen sprechen, nicht wahr?«
Er hob den gekrümmten, dunklen Zeigefinger bedeutungsvoll empor, wie wenn er jemand drohen wollte.
»Also, meine Herren, ich will Ihnen etwas von den Menschen erzählen …
Als der Vater starb, war ich dreizehn Jahre alt. Ich war flink und unermüdlich bei der Arbeit – das war alles, was mir der Vater hinterlassen hatte, denn unser Haus und Feld waren wegen der auf ihnen lastenden Schulden verkauft worden. So lebte ich denn mit meinem einen Auge und meinen zwei Händen davon, daß ich überall arbeitete, wo ich Arbeit erhielt … Es war schwer, aber die Jugend fürchtet die Arbeit nicht – nicht wahr?
Als ich neunzehn Jahre alt war, traf ich ein Mädchen, das ich liebgewinnen sollte. Sie war ebenso arm wie ich, aber groß und kräftig, lebte mit ihrer Mutter zusammen, einer kranken Greisin, und arbeitete wie ich, wo sich nur immer Arbeit fand. Sie war nicht sehr schön, aber klug und gut. Dazu hatte sie eine wunderbare Stimme … Oh, welch eine Stimme! Sie sang wie eine Künstlerin, und das ist doch ein wahrer Schatz, nicht wahr, meine Herren? Auch ich sang nicht schlecht.
Wollen wir heiraten? sagte ich zu ihr, nachdem wir uns lange angeschaut hatten.
›Das wäre lächerlich, du Einauge!‹ sagte sie verdrießlich. ›Weder du, noch ich haben etwas, – wovon werden wir leben?‹
Das war die lauterste Wahrheit, wir hatten in der Tat nichts. Allein wieviel braucht man denn, wenn man jung ist und sich lieb hat? Sie wissen doch alle, meine Herren, wie wenig man nötig hat, wenn man liebt. So bestand ich denn auf meinem Willen und trug schließlich den Sieg davon.
›Ja, du magst wirklich recht haben,‹ sagte Ida endlich. ›Wenn die heilige Madonna uns jetzt hilft, wo jeder für sich lebt, wird es natürlich noch leichter für sie sein, uns zu helfen, wenn wir zusammenleben.‹
Wir verabredeten also alles und suchten den Pfarrer auf.
›Das ist doch heller Wahnsinn!‹ sagte der. ›Gibt es denn noch zu wenig Bettler in Ligurien? Der Teufel narrt euch, ihr müßt gegen seine Versuchungen ankämpfen, sonst werdet ihr teuer für eure Schwäche bezahlen!‹
Die ganze Jugend der Gemeinde lachte uns aus, die alten Leute tadelten und verurteilten uns. Aber die Jugend ist starrköpfig und hat von ihrem Standpunkt aus recht! Der Hochzeitstag brach an. Wir waren inzwischen auch nicht reicher geworden und hatten keine Ahnung, wo wir in der Hochzeitsnacht schlafen würden.
›Wir gehen ins Feld hinaus!‹ sagte Ida. ›Warum sollte es dort so übel sein? Die Madonna erweist den Menschen überall die gleiche Güte, und die Liebe ist allerorten gleich heiß, wenn die Menschen jung sind …‹
So beschlossen wir denn: die Erde sollte unser Bett sein, und der Himmel würde für unsere Kleidung sorgen!
Doch nun beginnt eine neue Geschichte. Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit, meine Herren, es ist die schönste Geschichte meines langen Lebens! Am Tage vor der Hochzeit sagte der alte Giovanni, bei dem ich lange gearbeitet hatte, zu mir – er stieß die Worte zwischen den Zähnen hervor, denn er hatte eine Pfeife im Munde, und bemerkte so ganz nebenbei, wissen Sie –, es handelte sich ja um eine Kleinigkeit:
›Hör' mal, Ugo, du könntest den alten Schafstall ausfegen und Stroh hineintragen. Wenn er auch länger als ein Jahr leer steht und trocken ist, muß man ihn dennoch gut instand setzen, wenn du mit deiner Ida dort leben willst!‹
Wir hatten also schon unser Häuschen! Ich stand singend bei der Arbeit, als der Tischler Constanzio in der Tür auftauchte:
›Du willst mit der Ida hier wohnen? Ja, aber habt ihr denn auch ein Bett? Wenn du fertig bist, könntest du zu mir hinüberspringen und dir eins holen. Ich habe grad' eins übrig.‹
Als ich zu ihm ging, schrie die böse Maria, die Krämerin:
›Diese Unglücklichen, so heiraten sie, ohne ein Laken oder ein Kissen zu haben! Du bist ja wahnsinnig, Einauge! Schicke mal deine Braut zu mir herüber …‹
Der gelähmte und von Rheumatismus und Fieber gequälte Ettore Vano rief ihr von der Tür seines Häuschens zu:
›Frage ihn doch, ob er auch Wein für seine Gäste hat? Oh, diese Menschen; was kann es Leichtsinnigeres geben als sie!‹«
Auf der Wange des alten Liguriers, in einer der tiefen Falten blitzte ein Tränlein auf. Er warf den Kopf zurück, lachte lautlos und den Kopf schüttelnd vor sich hin und fuhr wie ein Kind mit den Händen durch die Luft.
»Oh, ihr Herren!« sagte er schwer atmend und kämpfte gegen die Tränen an. »Am Hochzeitsmorgen hatten wir alles, was wir brauchten: ein Bild der Madonna, Geschirr, Wäsche, Möbel – alles, ich schwöre es Ihnen! Ida lachte und weinte zu gleicher Zeit, und ich tat dasselbe. Alles lachte: es ist doch nicht schön, am Hochzeitstage zu weinen, und alle unsere Leute lachten uns aus.
Wissen Sie, meine Herren, es ist verteufelt schön, wenn man von den Menschen ›unsere Leute‹ sagen darf. Noch besser aber ist es, wenn man es
fühlt, daß sie zu uns gehören, daß sie uns nahe stehen, mit uns verwandt
sind, daß sie unser Leben nicht als einen Scherz und unser Glück nicht als einen Spaß ansehen!
Das war mal eine Hochzeit! Ein wunderbarer Tag! Die ganze Gemeinde blickte auf
uns, und alles kam in unseren Schafstall, der sich plötzlich, wie im Märchen, in ein reiches Haus verwandelt hatte. Wir besaßen alles: Wein, Fleisch, Früchte, Brot, und alles aß und war lustig und vergnügt … Denn es gibt kein größeres Vergnügen, als den Menschen Gutes zu tun. Glauben Sie mir, es gibt nichts Schöneres und Lustigeres!
Auch der Pfarrer war gekommen. ›Seht,‹ sagte er mit strenger, aber gütiger Stimme, ›seht, das sind Menschen, die für euch alle gearbeitet haben, und für die ihr gesorgt habt, damit sie an diesem Tage, dem schönsten Tage ihres Lebens, froh sein dürfen. Es war eure Pflicht, so zu handeln, denn sie haben für euch gearbeitet, und die Arbeit steht höher als alles Kupfer- und Silbergeld: die Arbeit ist stets mehr wert als der Preis, den man für sie zahlt! Das Geld verschwindet, die Arbeit aber bleibt … Diese Menschen sind froh und bescheiden, ihr Leben war schwer und mühevoll, aber sie klagten nie. Sie werden noch mehr Mühsal ertragen und doch nicht jammern, denn ihr werdet ihnen in ihren schweren Stunden zur Seite stehen. Sie haben gute Hände – aber ihre Herzen sind noch besser …‹
Oh, er hat mir und Ida und der ganzen Gemeinde viel Schönes und Gutes gesagt!«
Der Alte sah uns alle der Reihe nach mit seinem einen Auge, das jung und heiß leuchtete, triumphierend an:
»Das ist meine Erzählung von den Menschen, meine Herren. – Sie ist schön, nicht wahr?«
Die Macht der Kirche
Es ist Frühling. Hell leuchtet die Sonne. Alle Leute sind fröhlich, selbst die Fensterscheiben der alten steinernen Häuser lächeln milde.
Durch die Straßen des Städtchens wogt eine festlich gekleidete Menge. Die ganze Stadt ist auf den Beinen – Arbeiter, Soldaten, Bürger, Priester, Beamte, Fischer. Alle spüren den Frühling im Blute, sprechen laut, lachen, scherzen und singen. Wie in einem großen, gesunden Körper, so schwillt in allen die Lebensfreude.
Die bunten Schirme, die Hüte der Frauen, die roten und blauen Luftballons der Kinder sehen aus wie wundersame Blüten. Und wie funkelnde Edelsteine an dem prunkvollen Gewände eines sagenhaften Königs sieht man überall lachende und frohe Gesichter von Kindern glänzen, diesen fröhlichen Herren der Welt.
Das blaßgrüne Laub der Bäume hat sich noch nicht entfaltet und saugt, zu Knospen zusammengerollt, gierig die warmen Strahlen der Sonne ein. Aus der Ferne tönt in lockenden Tönen Musik herüber.
Man hat den Eindruck, als hätten die Menschen alles Schlimme überstanden, und als wäre der gestrige Tag der letzte Tag eines schweren, bedrückenden, ihnen zum Ekel gewordenen Lebens gewesen. Heute aber sind alle wie Kinder mit heiteren Gesichtern erwacht, mit fester, froher Zuversicht und mit dem Glauben an sich und an die
Unbesiegbarkeit ihres Willens, vor dem sich alles beugen muß. Und so gehen sie nun vereinten, sicheren Schrittes der Zukunft entgegen.
Es war seltsam, niederdrückend und verstimmend, in diesem lebendigen Gewimmel froher Menschen ein trauriges Antlitz zu sehen. Am Arm eines jungen Weibes ging ein hoher, kräftiger Mann vorüber, der sicherlich nicht älter als dreißig war, aber schon völlig ergrautes Haar hatte. Er hielt den Hut in der Hand, sein runder Kopf schimmerte silbern, das hagere, gesunde Gesicht war ruhig und von ewiger Trauer überschattet. Die großen, traurigen halbgeschlossenen Augen blickten so, wie nur die Augen eines Menschen in die Welt sehen können, der einen tiefen Schmerz mit sich herumträgt und ihn nie zu vergessen vermag.
»Sieh dir dieses Paar und namentlich den Mann aufmerksam an,« sagte mein Gefährte. »Er hat eins jener Dramen erlebt, wie sie sich jetzt in den Arbeiterkreisen Norditaliens immer häufiger abzuspielen pflegen.«
Und der Genosse erzählte mir:
Dieser Mann ist ein Sozialist, Redakteur des hiesigen Arbeiterblättchens, ein früherer Stubenmaler. Eine jener Naturen, denen ihr Wissen zum Glauben wird, und deren Glauben den Wissensdurst noch stärker entfacht. Ein heftiger, gescheiter Gegner der Klerikalen, – sieh bloß, mit wie haßerfüllten Blicken die schwarzen Kuttenträger seine Gestalt verfolgen.
Vor etwa fünf Jahren, als er sich mit sozialistischer Propaganda beschäftigte, traf er in einem Zirkel, in dem er tätig war, ein Mädchen, das sofort seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Hier haben es die Frauen zu gut gelernt, stumm und unerschütterlich zu glauben. Jahrhundertelang
haben die Priester daran gearbeitet, diese Fähigkeit in ihnen zur Entwicklung zu bringen, und zwar mit vollem Erfolg. Jemand hat richtig bemerkt, daß die katholische Kirche auf dem Busen des Weibes errichtet ist. Der Madonnenkultus ist nicht nur heidnisch schön, sondern vor allen Dingen auch ein sehr kluger Kultus. Die Madonna ist schlichter, menschlicher als Christus; sie steht unserem Herzen näher, verwickelt uns nicht in Widersprüche und droht nicht mit der Hölle. Sie ist ganz Liebe, ganz Mitleid und Vergebung und vermag das Frauenherz mit Leichtigkeit fürs ganze Leben an sich zu fesseln.
Nun denn, er sah das Mädchen öfters, es wußte zu reden und zu fragen, er fühlte stets aus ihren Fragen, neben einem naiven Staunen über seine Ideen, ein unverhülltes Mißtrauen gegen ihn, ja oft sogar Furcht und Abscheu vor seinen Worten heraus. Ein sozialistischer Agitator muß in Italien oft und viel über Religion sprechen und scharfe Worte gegen den Papst und die Priester gebrauchen. Aber jedesmal, wenn er diesen Gegenstand berührte, las er in den Augen des Mädchens etwas wie Haß und Verachtung, und wenn sie etwas fragte, klangen ihre Worte feindselig, und ihre weiche Stimme war wie mit Gift getränkt. Es war klar, daß sie mit der antisozialistischen Literatur der Katholiken vertraut war, und daß sie in diesem Zirkel kein geringeres Vertrauen genoß, als er selber.
Hier in Italien behandelt man die Frauen viel einfacher und gröber als in Rußland, und bis auf die letzte Zeit haben die Italienerinnen auch in der Tat viel Anlaß dazu gegeben. Da sie für nichts Interesse hatten außer für die Kirche, standen sie der Kulturarbeit der Männer im besten Falle fremd gegenüber und begriffen ihre Bedeutung nicht.
Seine männliche Eigenliebe war verletzt, sein Ruf eines erfahrenen Agitators litt unter den Zusammenstößen mit dem Mädchen. Er wurde böse, ärgerlich und griff sie mehrfach mit Erfolg an. Sie zahlte ihm jedoch mit derselben Münze heim und nötigte ihn, da sie ihm gegen seinen Willen Achtung abtrotzte, sich auf die Vorträge in seinem Zirkel mit besonderer Sorgfalt vorzubereiten.
Daneben aber sah er stets, wenn er von der schmachvollen Gegenwart, von der Bedrückung des Menschen und der Verunstaltung seines Körpers und seiner Seele sprach, und wenn er vor den Zuhörern das Bild einer besseren Zukunft entrollte, ihr völlig verwandeltes Gesicht vor sich. Dann lauschte sie seinen Worten mit der Empörung eines klugen, kraftvollen Weibes, dem die Last des Lebens wohl bekannt ist, und mit der vertrauensvollen Gier des Kindes, das ein herrliches Märchen vernimmt, das in seiner ebenso herrlichen, feinfühligen Seele verwandte Töne anschlägt.
Das erweckte in ihm das Vorgefühl des Siegers über den starken Gegner, der ein prächtiger Gefährte und ein tapferer Vorkämpfer für die Zukunft sein konnte.
Ein Jahr fast währte dieser Zweikampf, ohne daß einer von ihnen den Wunsch verspürt hätte, dem anderen näher zu treten und den Kampf Auge in Auge fortzuführen, bis er endlich zuerst an sie herantrat:
»Fräulein, Sie sind meine ständige Gegnerin. Meinen Sie nicht, es wäre im Interesse der Sache besser, wenn wir uns näher kennen lernten?«
Sie willigte gerne ein, doch nach den ersten Worten fast entbrannte schon der Kampf zwischen ihnen. Das Mädchen verteidigte die Kirche mit der größten Heftigkeit als den einzigen Hort, wo der müde, gemarterte Mensch sich seelisch ausruhen könne; hier, vor dem Antlitz
der Madonna, seien alle, ohne Ansehen der Person, gleich viel wert und gleich elend. Er entgegnete darauf, daß die Menschen nicht ruhen dürften, sondern kämpfen müßten, daß die bürgerliche Gleichheit undenkbar sei ohne die Gleichheit der materiellen Güter, und daß sich alle die hinter der Madonna verbergen, in deren Interesse es liege, die Menschen in ihrer Dummheit und Unwissenheit zu erhalten.
Seitdem füllten diese Auseinandersetzungen ihr ganzes Leben aus. Dieser endlose, leidenschaftliche Streit wurde bei jeder Zusammenkunft fortgesetzt, und mit jedem Tage trat der schroffe unversöhnliche Gegensatz ihrer Anschauungen deutlicher hervor.
Für ihn war das Leben ein Kampf um die Ausbreitung des Wissens, um den Sieg über die Naturkräfte, ein Kampf für die Unterwerfung der geheimnisvollen Kräfte der Natur unter den Willen der Menschen. Alle Menschen mußten in gleicher Weise für diesen Kampf gerüstet sein, dessen Endziel die Freiheit und der Sieg der Vernunft war, der Sieg jener einzigen, gewaltigsten Kraft, die bewußt im Weltall wirkt. Für sie dagegen bestand das Leben in der langsamen, qualvollen Aufopferung des Menschen, in der Unterordnung der Vernunft unter jenen geheimnisvollen Willen, dessen Gesetze und Ziele nur dem Priester bekannt waren.
Betroffen fragte er sie:
»Weshalb besuchen Sie denn meine Vorträge? Was erwarten Sie vom Sozialismus?«
»Ich weiß,« entgegnete sie traurig, »daß ich sündige und mir selbst widerspreche. Aber es ist so schön, Ihnen zuzuhören und von der Möglichkeit eines allgemeinen Menschenglücks zu träumen.«
Sie war nicht sehr schön, von zierlicher Gestalt, hatte ein kluges Gesichtchen und große Augen, die sanft und zornig, freundlich und hart blicken konnten. Sie arbeitete in einer Seidenfabrik und lebte mit ihrer alten Mutter, dem lahmen Vater und der jüngeren Schwester, die eine Handwerkerschule besuchte, zusammen. Zuweilen war sie fröhlich, nicht laut, aber von einer bezaubernden Lieblichkeit. Sie hatte Museen und altertümliche Kirchen gern und geriet beim Anblick von Gemälden und Kunstgegenständen in Entzücken.
»Wie sonderbar,« sprach sie, »daß diese herrlichen Dinge einstmals in den Häusern von Privatpersonen verborgen waren und daß nur einzelne wenige Menschen das Recht hatten, ihre Schönheit zu genießen. Das Schöne muß allen zugänglich sein, nur dann ist es lebendig.«
Sie sprach oft so sonderbar, und stets schien es ihm so, als ob diese Worte einer ihm fremden Seelenstimmung entsprangen. Sie erinnerten ihn an das Stöhnen eines Verwundeten. Er fühlte, daß dieses Mädchen dem Leben und den Menschen die tiefe, sorgende und mitleidsvolle Liebe einer Mutter entgegenbrachte: er harrte geduldig aus, bis sein Glaube ihr Herz entzünden und die stille Liebe in Leidenschaft verwandeln würde; es schien ihm, daß sie seinen Worten immer aufmerksamer lausche und im Herzen bereits mit ihm einverstanden sei. Und er sprach immer feuriger von der Notwendigkeit eines unermüdlichen Kampfes um die Befreiung des Einzelmenschen, des Volkes, der Menschheit, von den alten Ketten, deren Rost sich tief in die Seelen eingefressen und sie vergiftet habe.
Als er sie einst nach Hause begleitete, sagte er ihr, er habe sie lieb, und bat sie, seine Frau zu werden. Er erschrak,
als er sah, welchen Eindruck seine Worte auf sie ausübten; sie wich zurück, als hätte er ihr einen Schlag versetzt, lehnte sich bleich, mit weit geöffneten Augen an die Wand, verbarg die Hände auf dem Rücken und sprach, fast mit Entsetzen:
»Ich ahnte, ja ich fühlte es, daß es so kommen würde, denn ich liebe Sie schon längst. Aber, o Gott, was soll nun geschehen?«
»Nun kommen die Tage des Glücks für dich und für mich, die Tage unserer gemeinsamen Arbeit,« rief er aus.
»Nein!« sagte sie, gesenkten Hauptes. »Nein, wir hätten nicht von Liebe sprechen dürfen.«
»Weshalb nicht?«
»Würdest du dich kirchlich trauen lassen?« fragte sie leise.
»Nein!«
»Dann … leb' wohl!«
Sie entfernte sich schnell. Allein er holte sie ein und fing an, ihr zuzureden. Sie hörte ihn stumm, ohne Widerrede an und sprach:
»Ich, mein Vater und meine Mutter, wir alle sind gläubige Christen und werden als solche sterben. Eine Ehe, die nur auf dem Standesamt geschlossen wird, ist für mich keine Ehe. Wenn aus solcher Ehe Kinder geboren werden, so werden sie – das weiß ich genau –, so werden sie unglücklich sein. Nur eine kirchliche Ehe heiligt die Liebe, nur sie verleiht Glück und Frieden.«
Er sah nun deutlich, daß sie nicht so leicht nachgeben würde. Aber auch er konnte natürlich nicht nachgeben. Sie trennten sich, und beim Abschied sprach das Mädchen:
»Wir wollen einander nicht quälen. Suche nicht, mir
zu begegnen … Ach, wenn du doch diesen Ort verlassen wolltest! Ich kann nicht, ich bin so arm …«
»Ich kann dir nichts versprechen,« entgegnete er.
Und nun entbrannte ein Kampf zwischen diesen zwei starken Naturen. Sie trafen sich natürlich und sogar häufiger als früher, denn sie liebten einander und suchten diese Zusammenkünfte in der geheimen Hoffnung, daß einer von ihnen die Qualen dieses unbefriedigten, emporlodernden Gefühls nicht mehr würde ertragen können. Ihre Zusammenkünfte waren voller tiefer Verzweiflung und Herzeleid; er fühlte sich jedesmal entkräftet und wie zerschlagen, und sie ging, in Tränen gebadet, zur Beichte. Er wußte das, und es schien ihm, daß die schwarze Mauer der Tonsurenträger mit jedem Tage stärker und höher wurde und sie bis zu ihrem Tode voneinander trennen würde.
Als sie einst an einem Feiertage außerhalb der Stadt spazieren gingen, entfuhr es ihm, ohne daß er ihr damit drohen wollte:
»Weißt du, es scheint mir zuweilen, ich könnte dich töten …«
Sie schwieg.
»Hast du gehört, was ich gesagt habe?«
»Ja,« entgegnete sie, ihm liebevoll ins Gesicht blickend.
Er wußte nun, daß sie eher sterben als nachgeben würde. Vor diesem »Ja« hatte er sie zuweilen umarmt und geküßt. Sie hatte sich gesträubt, aber ihr Widerstand war immer schwächer geworden, und er hatte gehofft, daß sie eines Tages unterliegen, und daß der weibliche Instinkt ihm helfen würde, sie zu besiegen. Nun aber begriff er, daß das kein Sieg, sondern eine Unterjochung sein würde, und seitdem vermied er es, das Weib in ihr zu wecken.
So durchschritt er mit ihr die dunklen Kreise ihrer Begriffe und Vorstellungen vom Leben, er entzündete alle Lichter in ihr, soweit ihm das möglich war, aber sie lauschte seinen Worten wie eine Blinde, mit einem träumerischen Lächeln in den Augen; sie sah nichts und glaubte ihm nicht.
Einst sagte sie zu ihm:
»Ich sehe zuweilen ein, daß alles, wovon du sprichst, möglich ist. Ich glaube aber, das kommt davon, daß ich dich liebe! Ich begreife alles, aber ich habe den Glauben nicht, ich kann nicht glauben! Und wenn du dich entfernst, verschwindet alles, was mit dir in Verbindung steht.«
Dies Drama währte beinahe zwei Jahre lang, bis das Mädchen zusammenbrach und erkrankte. Er ließ seine Arbeit im Stich, gab seine Tätigkeit in der Parteiorganisation auf, fing an, Schulden zu machen, vermied es, mit den Genossen zusammenzukommen und ging ständig vor ihrer Wohnung auf und nieder oder saß am Bette der Kranken. Er sah sie wie eine Kerze niederbrennen und mit jedem Tage immer fahler und durchsichtiger werden, während das krankhafte Feuer immer heller in ihren Augen loderte.
»Erzähle mir vom Leben, von der Zukunft!« bat sie ihn.
Er aber sprach von der Gegenwart und zählte absichtlich alles auf, was die Menschen zugrunde richtet und wogegen er während seines ganzen Lebens kämpfen würde. Er sprach von allem, was man aus dem menschlichen Leben ausscheiden, was man hinausschleudern müsse wie einen unnützen schmutzigen Lappen.
Sie hörte ihn schweigend an. Aber wenn ihr Schmerz
zu heftig wurde, hemmte sie seinen Redefluß, indem sie seine Hand berührte und ihm einen flehentlichen Blick zusandte.
»Muß ich … sterben?« fragte sie einst, viele Tage, nachdem der Arzt ihm gesagt hatte, sie leide an der galoppierenden Schwindsucht und ihr Zustand sei hoffnungslos.
Er antwortete nichts und ließ den Kopf sinken.
»Ich weiß, daß ich bald sterben werde,« sagte sie. »Reich' mir die Hand.«
Und als er ihr die Hand entgegenstreckte, küßte sie sie mit ihren heißen Lippen und sprach:
»Vergib mir, ich bin schuldig an dir! Ich habe mich geirrt und dir Qualen zugefügt. Ich sehe nun, da das Leben zu Ende geht, daß mein Glaube nur Furcht vor dem Unbegreiflichen war, eine Furcht, die ich trotz meines aufrichtigen Wunsches, trotz deiner Bemühungen nicht überwinden konnte. Es war nichts als Furcht, aber sie steckte mir im Blut, ich war mit ihr zur Welt gekommen. Im Denken war ich selbständig, es war dem deinen ähnlich, aber das Herz blieb ihm fremd. Ich sehe nun, du hattest recht, aber mein Herz konnte dir nicht zustimmen.«
Einige Tage darauf starb sie; während ihres Todeskampfes ergraute er, ein Mann von siebenundzwanzig Jahren.
Vor kurzem hat er die einzige Freundin jenes Mädchens, eine seiner Schülerinnen, geheiratet. Sie gehen jetzt auf den Friedhof – zu ihr. Jeden Sonntag wandern sie dort hinaus, um Blumen auf ihr Grab zu legen.
Er glaubt nicht an seinen Sieg und ist der festen Überzeugung, daß sie, als sie ihm recht gab, absichtlich die Unwahrheit sagte, nur um ihn zu trösten. Seine Gattin
ist derselben Meinung, und beide pflegen liebevoll das Andenken der Toten. Ihr trauriges Geschick spornt sie an, sie zu rächen und verleiht ihrer gemeinsamen, nie erlahmenden Tätigkeit eine besondere Unermüdlichkeit und etwas ganz besonders Umfassendes und Schönes …
Der lebendige, feiertäglich-bunte Strom der Menschen wogt im Lichte der Sonne dahin; ein fröhlicher Lärm begleitet ihn, Kinder schreien und lachen. Es ist nicht allen leicht und froh zumute, sicherlich sind viele Herzen von dumpfer Trauer erfüllt und viele Köpfe von Widersprüchen gemartert. Aber alle schreiten der Freiheit, der Freiheit entgegen!
Und je mehr die Reihen sich schließen, desto schneller kommen wir dem Ziele nahe!
Tamerlan und die Mutter
Preis sei dem Weibe, der Mutter, dem unerschöpflichen Born des allesbesiegenden Lebens.
Wir wollen vom eisernen Timurleng, dem lahmen Panther, von Sahib-i-Kiran erzählen, von dem glücklichen Eroberer, Tamerlan, wie ihn die Ungläubigen nannten, von dem Manne, der die ganze Welt zerstören wollte.
Fünfzig Jahre lang schritt er über die Erde, sein eiserner Fuß zertrat Städte und Staaten, wie der Fuß eines Elefanten wimmelnde Ameisenhaufen; wo er vorüberkam, da flössen rote Blutströme, und er errichtete hohe Pyramiden aus den Gebeinen der besiegten Völker. Er vernichtete das Leben, stritt mit dem Tode um die Macht und rächte sich an ihm, weil er ihm seinen Sohn Dschegangir geraubt hatte. Er, der Bezwinger der Welt wollte dem Tode seine Opfer entreißen, auf daß er vor Hunger und Gram verrecke!
Seit dem Tage, da sein Sohn Dschegangir starb, und das Volk von Samarkand den Bezwinger der bösen Dschets, in ein schwarzblaues Gewand gehüllt, mit Staub und Asche auf dem Haupt erblickt hatte, von jenem Tage an bis zu der Stunde, da der Tod ihn in Otrara bezwang, hat Timur dreißig Jahre lang kein einzigesmal gelächelt, – so hatte er sein Leben verbracht mit zusammengekniffenen Lippen, ohne jemals sein Haupt zu bewegen,
und sein Herz war gewappnet gegen jedes Mitleid dreißig Jahre lang!
Preis sei dem Weibe, der Mutter, der einzigen Macht, vor der sich der Tod demutsvoll beugt; – wir wollen hier die Wahrheit über die Mutter erzählen, vor der sich der Knecht und Sklave des Todes, der eherne Tamerlan, die blutige Geißel der Welt, neigte.
Das geschah also: Einst schmauste Timur-bek in dem herrlichen, mit Wolken von Rosen und Jasmin bedeckten Tal Kanigula, in jenem Tal, das von den Dichtern Samarkands »der Liebling der Blumen« genannt ward, und von wo aus man die blauen Minaretts der gewaltigen Stadt und die blauen Kuppeln der Moscheen sieht.
Fünfzehntausend runde Zelte bedecken wie ein großer Fächer die Ebene; sie gleichen Tulpen, und jedes ist mit Hunderten von Seidenflaggen geschmückt, die wie lebende Blumen auf und nieder wogen.
In ihrer Mitte erhebt sich das Zelt Gurugan-Timurs wie eine Königin unter ihren Gespielinnen. Es ist viereckig, hundert Schritt lang und ebensoviel Schritte breit, so hoch wie drei Speere. Es wird in der Mitte von zwölf mannsdicken goldenen Säulen gehalten und ist von einer blauen Kuppel überspannt, es schimmert von schwarzen, gelben und blauen Seidenstreifen; mit fünfhundert roten Schnüren ist es an dem Erdboden befestigt, vier silberne Adler prangen an den Ecken, und in der Mitte, unter der Kuppel, auf einer Erhöhung, ruht ein fünfter, – der unbesiegbare Timur-Gurugan, der König der Welt.
Ein weites Gewand aus himmelblauer Seide fällt von seinen Schultern herab; Perlen überschütten es – wohl an die fünftausend große Perlen –, eine hohe weiße Mütze mit einem Rubin an der Spitze ruht auf dem grauen,
schrecklichen Haupte, und dieses blutige Auge, das die Welt umspannt, schwankt unablässig hin und her.
Das Antlitz des Lahmen gleicht einem breiten Dolch, der rostig von Blut ist, in das er tausende Male getaucht ward; seine Augen sind klein und schmal, aber sie sehen alles, und ihr Glanz gleicht dem kalten Gefunkel des Zaramuts, des Lieblingssteines der Araber, den die Ungläubigen Smaragd nennen, und der die fallende Sucht heilt. In seinen Ohren aber funkeln Ringe aus Rubinen von Ceylon, herrlich wie die frischen Lippen einer schönen Frau.
Auf dem mit seltenen Teppichen bedeckten Fußboden stehen dreihundert goldene Krüge mit Wein und allem, was zu einem königlichen Festmahle gehört; hinter Timur sitzen die Musiker, niemand sitzt an seiner Seite, zu seinen Füßen aber lagern die blutsverwandten Könige und Fürsten und die Truppenführer, ihm zunächst jedoch – der trunkene Dichter Kermani, derselbe, der einst auf die Frage Timurs: »Kermani! Wieviel gäbst du für mich, wenn man mich dir feilböte?« dem Herrn des Todes und der Schrecken zur Antwort gab:
»Fünfundzwanzig Askeri!«
»Soviel kostet ja allein mein Gürtel, Kermani!« rief Timur erstaunt aus.
»Ich dachte ja auch nur an diesen Gürtel, nur an den Gürtel, o Herr, denn du selbst bist keinen Groschen wert!«
So sprach der Dichter Kermani zu dem König der Könige, dem blutigen Herrscher der Welt. Gepriesen sei der Name des Dichters, des Verkünders der Wahrheit, sein Ruhm glänze höher als selbst der Tamerlans!
Gepriesen seien die Dichter, die nur einen Gott haben, –
ein schönes, furchtloses, wahrhaftiges Wort! Das ist ihr Gott, den sie ewiglich verehren.
In solch einer Stunde ausgelassener Fröhlichkeit, während eines Trinkgelages, wo stolze Krieges- und Siegeserinnerungen gefeiert wurden, der Lärm der Musik und der Volksspiele ertönte, während zahlreiche bunte Gaukler vor dem Zelte des Königs umhersprangen, Athleten Ringkämpfe und kühne Fechter Kampfspiele aufführten, Seiltänzer ihre Künste zeigten und rot und grün bemalte Elefanten, die teils komisch, teils schreckenerregend aussahen, im Kampfe lagen, – in solch einer Stunde, wo die Leute Timur-Chans, trunken vor Furcht, aber auch vor Stolz, Siegesmüdigkeit, Wein und Stutenmilch, sich ungezügelter Lust ergaben, – in solch einer wilden, tollen Stunde durchriß der Schrei einer Frau den trunkenen Lärm, wie ein Blitz den Wolkenschleier, der stolze Schrei eines Adlerweibchens, – ein Laut, der der vom Tode beleidigten und deshalb grausamen Seele Timurlengs bekannt und vertraut war.
Er gab den Befehl, man solle erfahren, woher dieser freudlose Schrei käme, und man berichtete ihm, es sei ein in Lumpen gehülltes, mit Staub bedecktes Weib da, das arabisch spräche. Das Weib machte den Eindruck einer Wahnsinnigen und forderte gebieterisch, ihn, den Beherrscher dreier Weltteile, zu sehen.
»Führt sie herein!« sagte der Herrscher.
Und nun stand sie vor ihm, barfüßig, in fadenscheinige Lumpen gehüllt. Sie hatte ihr schwarzes Haar aufgelöst, um die nackte Brust zu verhüllen, ihr Antlitz schien wie aus Bronze gemeißelt, das Auge blickte gebieterisch, und die auf Timur weisende dunkle Hand zitterte nicht.
»Bist du der Besieger des Sultans Bajazet?«
»Ich bin es. Ich habe schon viele Könige besiegt und bin der Siege noch nicht müde. Was aber hast du mir zu erzählen, Weib?«
»Höre mich an!« sprach sie. »Soviel du auch vollbracht haben magst, du bist doch nur ein Mensch, ich aber bin eine Mutter! Du dienest dem Tode, ich aber zeuge neues Leben. Du hast eine Schuld gegen mich auf dich geladen, und so bin ich zu dir gekommen, damit du deine Schuld tilgest. Man hat mir gesagt, deine Losung sei: Gerechtigkeit ist Macht! Ich glaube nicht daran, gegen mich aber mußt du gerecht sein, denn ich bin eine Mutter.«
Der König war klug genug, um die Kraft zu ahnen, die sich hinter der Kühnheit dieser Worte verbarg, und sprach:
»Setz' dich nieder und sprich, ich will dich anhören!«
Sie ließ sich im engen Kreis der Könige nieder und begann:
»Ich komme weit aus Italien her, aus Salerno, du kennst den Ort nicht! Mein Vater war ein Fischer und mein Mann ebenfalls; er war sehr schön und glücklich, und er verdankte sein Glück mir! Auch einen Sohn hatte ich, den schönsten Knaben auf der Welt …«
»Wie mein Dschegangir,« flüsterte der alte Kriegsheld leise.
»Der schönste, klügste Knabe war mein Sohn! Er war sechs Jahre alt, als sarazenische Seeräuber an unserer Küste landeten. Sie erschlugen meinen Vater, meinen Gatten und viele, viele Leute und raubten mir meinen Knaben, den ich nun schon vier Jahre an allen Enden der Welt suche. Jetzt weilt er bei dir, ich weiß es, denn Bajazets Soldaten ergriffen und fingen die Seeräuber, du aber
hast Bajazet besiegt und ihm alles fortgenommen, was er besaß. Du mußt also wissen, wo mein Sohn ist; du mußt ihn mir wiedergeben!«
Alle Anwesenden brachen in Gelächter aus, und die Könige, die sich immer für sehr klug halten, sprachen:
»Sie ist wahnsinnig!« Und Timurs Freunde, die Fürsten und Feldherrn, stimmten ihnen bei, und alles lachte.
Nur Kermani blickte ernsten Angesichts auf das Weib, und Tamerlan starrte sie tief erstaunt an.
»Sie ist so wahnsinnig wie eine Mutter!« flüsterte der trunkene Dichter Kermani. Allein der König, die Weltgeißel, rief aus:
»Weib! Wie konntest du bloß aus jenem, mir unbekannten Lande hierher gelangen, über Meere und Flüsse, durch Gebirge und Wälder? Haben denn die wilden Tiere und die Menschen, die oft noch schlimmer sind als die wildesten Tiere, dir nichts getan? Du hattest ja nicht einmal eine Waffe bei dir, diese einzige Freundin der Schutzlosen, die sie nicht verrät, solange noch eine Spur von Kraft in ihren Händen ist! Ich muß alles wissen, wenn mein Erstaunen es mir nicht unmöglich machen soll, dich zu begreifen!«
Preis sei dem Weibe, Preis sei der Mutter, deren Liebe kein Hindernis kennt und deren Busen die Welt gesäugt hat! Alles Schöne im Menschen stammt von den Sonnenstrahlen und aus der Milch der Mutter, – das ist es, was uns mit Liebe zum Leben erfüllt!
Sie aber sprach zu Timurleng:
»Auf meinem Wege traf ich nur ein einziges Meer; darauf gab es viele Inseln und Fischerkähne, und wenn man etwas Liebes sucht, weht stets ein günstiger Wind.
Die Flüsse sind leicht durchschwömmen, wenn man an der Küste geboren und großgeworden ist. Und die Berge? Ich habe keine gesehen.«
Hier unterbrach sie der trunkene Kermani mit heiterer Stimme.
»Wenn man liebt, wird der Berg zum Tale!«
»Ob ich unterwegs auf Wälder gestoßen bin? Wohl, doch ich durchschritt sie leichten Fußes. Ich begegnete Ebern, Bären, Luchsen und wilden Stieren mit gesenkten Hörnern. Zweimal stieß ich auf einen Panther, der mich ebenso anblickte wie du, aber jegliches Tier hat ein Herz; ich sprach mit ihnen, wie mit dir, und sie glaubten es mir, daß ich eine Mutter bin und ließen mich seufzend ziehen, denn sie hatten Mitleid mit mir! Weißt du denn nicht, daß die Tiere ihre Kinder gleichfalls lieben und nicht weniger für ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen als wir?«
»Du hast recht, Weib!« sprach Timur. »Oft lieben sie gewaltiger und hartnäckiger als der Mensch!«
»Die Menschen,« fuhr sie fort, wie ein Kind, denn jede Mutter ist in ihrem Innern ein hundertfältiges Kind, »die Menschen sind doch stets Kinder ihrer Mutter. Jeder nennt eine Mutter sein eigen, selbst dich, Mann, hat ein Weib geboren! Du kannst Gott verleugnen, aber deine Mutter kannst du nicht verleugnen.«
»Du hast recht, Weib!« rief der furchtlose Dichter Kermani. »Eine Herde Stiere gebiert keine Kälber, ohne Sonne wachsen keine Blumen, ohne Liebe gibt es kein Glück, ohne das Weib keine Liebe, und ohne die Mutter gibt es keine Dichter und keine Helden.«
Und das Weib sprach:
»Gib mir mein Kind wieder, denn ich bin eine Mutter, und ich liebe mein Kind!«
Wir wollen uns beugen und dem Weibe Ehrfurcht erweisen, denn es hat uns einen Moses, einen Mohammed und Jesus, den großen Propheten, geboren, der von den bösen Menschen getötet ward; aber – wie Scherif-Edin sagt – er wird wieder auferstehen und Gericht halten über die Toten und die Lebendigen zu Damaskus; ja, das wird sich in Damaskus zutragen.
Beugen wir uns vor der Mutter, die uns unsere großen Männer gebiert, – Aristoteles und Firdusi und der honigsüße Saadi sind ihre Söhne. Omar Khajjam, der einem feurigen Weine gleicht, in den Gift geträufelt ward, Iskander und der blinde Homer, – sie alle sind ihre Kinder, sie alle haben ihre Milch gesogen, sie alle hat sie an ihrer Hand in die Welt geführt, als sie noch nicht größer waren als eine Tulpe – der höchste Stolz dieser Welt ist das Werk der Mütter!
Und der große Zerstörer der Städte, der lahme Timur-Gurugan, neigte sein Haupt. Lange schwieg er, dann aber sprach er, zu den Anwesenden gewandt.
»Men tangri kuli Timur! Ich, der Knecht Gottes, Timur, sage euch, was recht ist! Seht, – ich habe schon viele Jahre gelebt, die Erde ächzt unter meinen Tritten, und dreißig Jahre lang schon bin ich am Werk, mit dieser Hand dem Tod seine Ernte zu entreißen, um Rache zu nehmen an ihm, weil er meinem Sohn Dschegangir, der Sonne meines Lebens, das Lebenslicht ausgeblasen hat. Königreiche und Städte haben mit mir gekämpft, nie aber und nirgends hat der Mensch in meinen Augen einen Wert gehabt, nie und nirgends habe ich gewußt, wer er ist und was er mir auf meinem Wege bedeutet. Ich, Timur, habe nach meinem Siege über Bajazet zu diesem Könige gesprochen: ›O Bajazet, Gott schätzt die Staaten
und Menschen offenbar sehr gering ein: sieh, welchen Menschen er die Macht über sie anvertraut: du bist krumm und ich bin lahm!‹ So sprach ich damals zu ihm, als man ihn gefesselt zu mir brachte, und als er unter der Last der Ketten zusammenbrach. So sprach ich im Unglück zu ihm, und ich fühlte, daß das Leben bitter ist wie die Wermutstaude, die aus den Ruinen sproßt.
Ich, der Knecht Gottes Timur, ich sage, was recht ist! Seht, hier vor mir sitzt ein Weib, wie es ihrer unzählige gibt, sie aber hat Gefühle in mir entfacht, die mir bisher unbekannt waren. Sie spricht zu mir wie zu ihresgleichen. Sie bittet nicht, – sie fordert. Und ich sehe nun, weshalb dieses Weib so mächtig ist: sie liebt, und sie erfuhr durch die Liebe, daß ihr Kind der Funke des Lebens ist, der zur Flamme für viele Jahrhunderte werden kann. Sind nicht alle Propheten Kinder gewesen, und waren nicht alle Helden hilflos und schwach? O Dschegangir, Licht meiner Augen, vielleicht warst du dazu bestimmt, der Erde Wärme zu spenden, Glück zu säen, – ich habe sie reichlich mit Blut getränkt, bis sie fett und fruchtbar ward!«
Und lange noch saß die Geißel der Völker in Gedanken versunken da. Endlich aber sprach Timur-Chan:
»Ich, der Knecht Gottes Timur sage, was recht ist! Dreihundert Reiter sollen sich sofort nach allen Enden meines Reiches begeben, um den Sohn dieser Frau aufzufinden. Sie aber soll hierbleiben und mit mir warten, bis er hierher gebracht wird. Und wer mir das Kind auf seinem Sattel wiederbringt, den will ich glücklich machen für alle Zeiten. Bist du zufrieden, Weib?«
Sie strich das schwarze Haar aus dem Gesicht, lächelte ihm zu und neigte ihr Haupt:
»Ich bin es, o Herr!«
Da erhob sich der furchtbare Greis und verneigte sich stumm vor dem Weibe. Der Dichter Kermani jedoch sprach voll Freude:
»Was ist schöner als ein Lied von Blumen und Sternen?
Ein jeder wird gleich sagen, ein Lied von der Liebe.
Was ist schöner als die Sonne am klaren Mittag des Maitags?
Und der Verliebte wird sagen: Sie, die ich liebe.
Oh, wie schön sind die Sterne am Mitternachtshimmel, – ich weiß es!
Auch die Sonne ist schön am klaren Sommertage, – ich weiß es!
Aber die Augen meines Liebchens sind schöner als alle Blumen, – ich weiß es!
Und ihr Lächeln ist lieblicher als die Sonne, – ich weiß es!
Aber nicht gesungen ward das Lied der Lieder
Von dem Ursprung dessen, was hier lebt auf Erden.
Nicht besungen ward das Herz des Weltalls,
Das wir Menschen unsre Mutter nennen.«
Und da sprach Timurleng zu seinem Dichter:
»Recht, Kermani! Gott hat sich nicht geirrt, als er deinen Mund dazu ausersah, seine Weisheit zu preisen!«
»Ach, Gott ist selbst ein guter Dichter!« sprach der trunkene Dichter Kermani.
Und das Weib lächelte und alle Könige, Fürsten und Feldherrn; auch alle übrigen Kinder richteten ihre Augen auf die Mutter und lächelten.
Was hier erzählt ward, ist Wahrheit, jedes Wort davon ist wahr; unsere Mütter wissen es, fragt sie nur, und sie werden euch sagen:
»Ja, es ist die lauterste Wahrheit, wir sind mächtiger als der Tod, wir, die wir der Welt unablässig Dichter, Weise, Männer und Helden schenken, wir, die wir die Saat säen, aus der das Herrlichste aufgeht, dessen die Welt sich rühmt.«
Die Mutter und die Mißgeburt
Ein stiller, glühendheißer Tag, das Leben steht still wie in heiterer Ruhe erstarrt; zärtlich und sanft blickt der Himmel herab wie ein blaues, klares Auge, in dem die Sonne funkelt gleich einer feurigen Pupille.
Das Meer liegt da wie aus glattem, blauem Metall geschmiedet; die bunten Kähne der Fischer stehen unbeweglich still, als wären sie in den Halbkreis des Meerbusens eingelötet, der einen leuchtenden Glanz ausströmt wie der Himmel. Wenn eine Möwe, träge mit den Flügeln schlagend, vorüberfliegt, so sieht man im Meeresspiegel einen anderen Vogel, weißer und schöner als der in der Luft.
Fern am Horizont, im Nebel, schimmert eine violette Insel, sie scheint auf dem Wasser zu schwimmen oder in der Sonne erglühend dahinzuschmelzen, ein einsamer Fels im Meere, ein wunderbarer, hell leuchtender Stein im Geschmeide des Meerbusens von Neapel.
Das zackige, steinige Ufer senkt sich zum Meere herab, von der dunklen Pracht des lockigen Weinlaubs und dem Laubwerk der Apfelsinen-, Zitronen- und Feigenbäume umschattet und von dem matten Silber der Olivenblätter durchsetzt. Auf diesem, steil ins Meer herabstürzenden grünen Strom lächeln freundlich die goldenen, roten und weißen Blüten, und die gelben und orangefarbenen Früchte mahnen an die Sterne in einer warmen, mondlosen
Nacht, wenn der Himmel dunkel und die Luft voller Feuchtigkeit ist.
Tiefe Stille am Himmel und auf dem Meere und eine große Ruhe im Herzen; man möchte aufhorchen, wie alles Lebendige stumm die Sonnengöttin preist.
Zwischen den Gärten windet sich ein Fußpfad hindurch, auf dem eine schlanke Frau in einem schwarzen Kleide, auf dem hie und da braune Flecken bemerkbar sind, die die Sonne hineingebrannt hat, und dem man es schon von ferne ansieht, daß es geflickt ist, langsam zum Meere herabsteigt. Sie kommt barhäuptig dahergeschritten; ihr graues Haar, das ringelförmig auf die hohe Stirne, die Schläfen und die dunklen Wangen herabfällt, glänzt silbern, und es scheint, als ließe sich dieses Haar nie glattkämmen.
Ihr Gesicht hat rauhe, scharfe Konturen; wenn man es einmal gesehen hat, so behält man es für immer im Gedächtnis. Der Hauch der Antike weht uns aus diesen strengen Zügen entgegen, und wenn man den offenen, finsteren Blick ihrer Augen auf sich ruhen fühlt, so denkt man unwillkürlich an die heißen Sandwüsten des Ostens, an Deborah und Judith.
Sie hält ihr Haupt über eine rote Strickarbeit gebeugt; die stählerne Stricknadel glänzt in der Sonne, der Wollknäuel ist irgendwo im Gewande versteckt, und es sieht so aus, als entspränge der rote Faden dem Busen der Frau. Der Weg ist launisch, steil, und man hört, wie die abbröckelnden Steine nach unten rollen, aber die Frau mit dem silbergrauen Haar steigt so sicher herab, als wüßten ihre Füße selbst den Weg zu finden.
Im Dorf erzählt man sich folgendes von ihr:
Sie ist die Witwe eines Fischers, der kurz nach der Hochzeit
aufs Meer hinausfuhr, um Fische zu fangen, nicht wiederkehrte und sie allein mit einem Kinde unter dem Herzen zurückließ.
Als das Kind geboren wurde, versteckte sie es vor den Leuten; nie ließ sie sich mit dem Söhnchen auf der Straße sehen, trug es nie in die Sonne hinaus, um mit ihm zu prahlen, wie das alle Mütter gewöhnlich tun, sondern verbarg das in Lumpen gehüllte kleine Wesen im dunkelsten Winkel der Hütte, so daß lange Zeit hindurch keiner der Nachbarn wußte, wie das Neugeborene aussah, – sie sahen nichts als seinen großen Kopf mit den ungeheuren, starren Augen in dem gelben Gesicht. Sie bemerkten auch, daß die Mutter, einst ein gesundes, frisches Wesen, das ehemals tapfer und fröhlich gegen die Not angekämpft und auch andere dazu ermutigt hatte, jetzt schweigsam und verschlossen war, stets traurig und nachdenklich dasaß und mit einem sonderbar fragenden Blick in die Ferne sah.
Kurze Zeit darauf jedoch erfuhren alle den Grund, warum sie so traurig war; das Kind war eine Mißgeburt, deshalb verbarg sie es vor den Leuten, und darum fühlte sie sich so ungeheuer bedrückt.
Die Nachbarn erklärten ihr, sie verständen es natürlich sehr gut, daß ein Weib sich schämte, die Mutter einer Mißgeburt zu sein; niemand außer der Madonna wisse, ob sie an diesem grausamen Geschick schuld sei oder nicht, indessen das Kind sei doch sicherlich nicht schuld daran, und sie hätte unrecht, es des Sonnenlichtes zu berauben.
Sie folgte dem Rate der Leute und zeigte ihnen den Knaben: seine Arme und Beine waren kurz, wie die Flossen eines Fisches, der ungeheure, aufgedunsene Kopf
konnte sich kaum auf dem dünnen, schwachen Halse halten, und das Gesicht glich dem eines Greises: die Augen waren trübe, die Wangen mit Falten bedeckt, und der breite Mund schien in einem toten Lächeln erstarrt zu sein.
Die Frauen weinten, als sie das Kind sahen, während die Männer beim Anblick der Mißgeburt kaum ihren Abscheu verbergen konnten und sich finster entfernten. Inzwischen kauerte sich die Mutter auf dem Erdboden hin und verbarg ihr Haupt oder blickte die Anwesenden mit einem solchen Ausdruck an, als wenn sie eine stumme Frage an sie richten wollte, die niemand begriff.
Die Nachbarn fertigten für die Mißgeburt eine sargähnliche Kiste an, füllten sie mit Wollabfällen und Lumpen, setzten das Kind in dieses warme, weiche Nest und stellten den Kasten auf den Hof. Sie hofften insgeheim, daß die Sonne, die täglich Wunder verrichtet, hier ein neues Wunder vollbringen würde.
Aber die Zeit verging, und die Mißgeburt blieb sich immer gleich: ein ungeheurer Kopf und ein langer Leib mit vier kraftlosen Anhängseln; nur ihr Lächeln nahm immer mehr den Ausdruck unersättlicher Gier an, und der Mund füllte sich mit zwei Reihen scharfer, spitzer Zähne. Die kurzen Tatzen lernten es allmählich, die Brotstücke, die man ihr reichte, zu ergreifen und sie in den großen, heißen Mund zu stopfen.
Es war stumm; aber wenn irgendwo in der Nähe gegessen wurde und der Speisegeruch sich bemerkbar machte, dann brüllte das mißgestaltete Geschöpf dumpf; es öffnete seinen Rachen, schüttelte den schweren Kopf hin und her, und seine trüben Augen bedeckten sich mit einem Netz kleiner, roter Adern.
Es aß viel, und seine Eßgier nahm mit jedem Tage zu; unaufhörlich hörte man es brüllen; die Mutter arbeitete unermüdlich, aber meist gegen geringen Lohn; zuweilen fiel er überhaupt aus, aber sie klagte nicht und nahm nur ungern, aber stets stumm und wortlos die Hilfe der Nachbarn entgegen. War sie jedoch nicht zu Hause, so kamen die Nachbarn, durch das Gebrüll gereizt, in den Hof gelaufen und stopften Brotkrusten, Gemüse, Früchte und alles, was überhaupt genießbar war, in den unersättlichen Rachen.
»Bald wird er dich völlig ausgesaugt haben!« sagten die Leute zur Mutter. »Weshalb bringst du ihn nicht in irgendeinem Asyl oder Spital unter?«
Sie entgegnete finster:
»Laßt mich in Ruhe! Ich bin seine Mutter, ich habe ihn geboren und muß für ihn sorgen.«
Sie war schön, und mehr als
ein Mann suchte sich ihre Zuneigung zu erringen, ohne daß auch nur einer dabei Erfolg gehabt hätte. Zu einem, der ihr mehr als die anderen gefiel, sagte sie einmal:
»Ich kann nicht dein Weib sein, ich fürchte mich, ich könnte ein zweites Ungeheuer gebären, und du würdest dich seiner schämen müssen. Nein, geh, lieber!«
Der Mann versuchte es, sie umzustimmen: er erinnerte sie an die Madonna, die gerecht gegen die Mütter ist und sie für ihre Schwestern hält. Aber die Mutter der Mißgeburt entgegnete ihm:
»Ich weiß nicht, worin meine Schuld besteht, und doch bin ich so hart bestraft worden.«
Er flehte sie an, weinte und wütete, sie aber sprach:
»Woran man nicht glaubt, das darf man nicht tun. Geh!«
Und er verließ sie, zog in die Ferne und verschwand für immer.
Sie aber fuhr lange Jahre hindurch fort, diesen bodenlosen Rachen mit den ewig beschäftigten Kinnbacken zu stopfen, diesen Rachen, der die Früchte ihrer Arbeit, ihr Blut und ihr Leben verschlang. Der Kopf des Ungeheuers wurde immer größer und furchtbarer und sah schließlich einer Kugel ähnlich, die immer drohte, sich von dem kraftlosen, dünnen Halse loszureißen und, träge hin und herschwankend und sich an den Ecken des Hauses stoßend, davonzurollen.
Wer nur einen Blick in den Hof warf, der blieb betroffen und erschrocken stehen, unfähig zu begreifen, was er vor sich sah. An der von Weinlaub umrankten Mauer, auf steinernen Fliesen, wie auf einem Opferaltar, stand ein Kasten, aus dem der Kopf des Ungeheuers hervorragte, der grell von dem grünen Hintergrunde des Laubes abstach. Das gelbe, faltige, grobknochige Gesicht zog die Blicke aller Vorübergehenden auf sich; die stumpfen Augen, die aus ihren Höhlen hervorzukriechen schienen, blieben einem noch lange im Gedächtnis haften; die breite, platte Nase zuckte, die unmäßig entwickelten Backenknochen und Kiefern bewegten sich hin und her, die welken Lippen bebten, ließen zwei Reihen raubtierartiger Zähne sehen und führten gleichsam ein Leben für sich; die großen, lauernden, tierischen Ohren standen nach beiden Seiten ab, und auf diese Maske fiel ein dichter Schopf schwarzer Haare herab, die sich kräuselten, wie die Haare eines Negers.
Das Ungeheuer hielt stets etwas Eßbares in der kleinen, kurzen Hand, die der Tatze einer Eidechse glich, reckte den Kopf empor wie ein pickender Vogel und schnalzte
und schnaufte laut, während es seine Nahrung verschlang. War es satt, so fletschte es die Zähne und starrte die Leute an, während die Augen sich über dem Nasenbein zusammenzogen und einen trüben, gähnenden Fleck auf diesem halbtoten Gesicht bildeten, dessen Bewegungen an die Agonie eines Sterbenden erinnerten. War das Ungeheuer hungrig, so streckte es den Hals vor, sperrte den Rachen weit auf, bewegte die dünne, schlangenähnliche Zunge hin und her und brüllte ungeduldig.
Die Leute entfernten sich, Gebete vor sich hinmurmelnd und das Kreuz schlagend; sie fühlten sich in diesem Augenblicke an alles Böse erinnert, das sie erlebt, und an alles Unglück, das sie durchgemacht hatten.
Der alte Schmied, dessen Gedanken stets eine düstere Richtung nahmen, pflegte häufig zu sagen:
»Wenn ich diesen alles verschlingenden Rachen sehe, kommt es mir in den Sinn, daß ein ähnliches Ungeheuer auch meine Kraft verschlungen hat; es scheint mir dann, daß wir alle um der Parasiten willen leben und sterben.«
In allen Leuten erregte dieser stumme Kopf traurige Gedanken und herzbeklemmende Empfindungen.
Die Mutter des Ungeheuers schwieg und lauschte den Worten der Menschen; ihr Haar wurde schnell bleich, und das Gesicht bedeckte sich mit Falten; schon seit langer Zeit hatte sie das Lachen verlernt. Die Leute wußten, daß sie nächtelang unbeweglich in der Tür stand, als ob sie etwas erwartete. Achselzuckend bemerkten sie:
»Worauf wartet sie?«
»Trage ihn auf den Platz vor der alten Kirche!« rieten ihr die Nachbarn. »Dort kommen Ausländer vorüber, die sicherlich nicht verabsäumen werden, ihm täglich ein paar Kupfermünzen zuzuwerfen.«
Die Mutter fuhr erschrocken zusammen.
»Nein, das wäre zu furchtbar, wenn fremde Leute, die aus anderen Ländern kommen, ihn zu sehen bekämen. Was sollen sie dann von uns denken?«
»Überall gibt es Armut,« entgegnete man ihr, »das wissen alle Leute!«
Sie schüttelte abweisend den Kopf.
Allein die Ausländer kamen, von Langeweile getrieben, auch in ihren Hof; sie war meist zu Hause, sah den Ausdruck des Ekels und des Abscheus in den satten Gesichtern dieser müßigen Leute und hörte es, wie sie mit verächtlichen Mienen und zusammengekniffenen Augen über ihren Sohn sprachen. Einige verächtliche, feindselige, triumphierende Worte schmerzten sie am tiefsten.
Sie prägte sich diese fremden Laute, in denen ihr italienisches Mutterherz einen kränkenden Sinn witterte, ein, und noch an demselben Tage ging sie zu einem bekannten Kommissionär und fragte ihn, was diese Worte bedeuteten.
»Es kommt darauf an, wer sie gesprochen hat!« entgegnete er finster. »Diese Worte bedeuten: Die Italiener sterben schneller aus als alle romanischen Rassen … Wo hast du diese Lügenworte gehört?«
Sie entfernte sich, ohne ihm eine Antwort zu geben.
Am folgenden Tage geschah es, daß ihr Sohn zuviel von einer Speise aß, von Zuckungen befallen wurde und starb.
Sie saß auf dem Hofe neben dem Kasten, die Hand lag auf dem Haupte ihres Sohnes, und die arme Frau blickte jedem, der zu ihr kam, um den Verstorbenen zu sehen, fragend und erwartungsvoll ins Antlitz.
Alle schwiegen, niemand richtete eine Frage an sie,
obgleich viele den Wunsch hegten, sie zu beglückwünschen, weil sie jetzt von ihrer Sklaverei erlöst war, und sie zu trösten, weil sie ihren Sohn verloren hatte. Allein die Leute schwiegen, denn sie begreifen mitunter, daß man nicht jeden Gedanken aussprechen darf.
Lange noch sah sie den Leuten erwartungsvoll fragend ins Gesicht. Dann aber wurde sie ein ebenso schlichter und einfacher Mensch wie die anderen.
Die Mutter des Verräters
Von den Müttern kann man endlos erzählen. Einige Wochen war die Stadt von dem engen Ring der in Eisen starrenden Feinde umschlossen; in der Nacht wurden Feldfeuer angezündet, die aus der schwarzen Finsternis mit tausend roten Augen auf die Mauern der Stadt starrten. Sie loderten drohend und schadenfroh empor und weckten finstere Gedanken in der belagerten Stadt.
Von den Mauern aus sah man, daß die feindliche Schlinge sich immer fester zusammenzog; man erkannte in der Nähe der Feldfeuer die dunklen Schatten der Feinde, man hörte das Wiehern der satten Rosse, das Klirren der Waffen, das laute Lachen und den fröhlichen Gesang der siegesgewissen Belagerer. Was aber ist schmerzlicher, als das Lachen und Singen des Feindes hören zu müssen?
Alle Bäche, die die Stadt mit Wasser speisten, waren von den Feinden mit Leichen gefüllt; sämtliche Weinberge vor der Mauer waren von den Belagerern niedergebrannt, die Felder waren zertreten, die Gärten zerstört: die Stadt lag nun von allen Seiten offen da, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht von den feindlichen Kanonen und Musketen mit einem Eisen- und Bleihagel überschüttet wurde.
Finster und kampfesmüde marschierten halbverhungerte Krieger durch die Straßen der Stadt; aus den Fenstern der Häuser schallte das Stöhnen und der Fieberschrei
der Verwundeten, die Gebete der Frauen und das Weinen der Kinder. Man sprach halblaut und gedrückt miteinander und lauschte gespannt, ob der Feind nicht zum Sturme blies.
Am unerträglichsten wurde es jedoch am Abend, wenn das Stöhnen und Jammern lauter und deutlicher wurde, wenn aus den fernen Gebirgspässen schwarzblaue Schatten hervorkrochen, das feindliche Lager einhüllten und sich längs den halbzerstörten Mauern hin bewegten, während der Mond wie ein verlorenes, verbeultes Schild über den schwarzen Gebirgszacken emporstieg.
Ohne Aussicht auf Hilfe, geschwächt von Kampf und Hunger, blickten die Belagerten, deren Hoffnung mit jedem Tage zusammenschmolz, angsterfüllt auf den Mond, auf die scharfen Gebirgszacken, die schwarzen Gebirgspässe und das lärmende Lager der Feinde – alles erinnerte sie an den Tod, und kein Stern leuchtete, Hoffnung spendend, durch die Nacht.
In den Häusern fürchtete man sich, Licht zu machen, dichte Finsternis hüllte die Straßen ein, und durch diese Finsternis schlich, gleich einem Fisch in der Tiefe des Flusses, ein schweigsames Weib, den Kopf in ein dunkles Tuch gehüllt.
Die Leute, denen sie begegnete, fragten einander:
»Ist sie es?«
»Ja, sie ist es!«
Sie versteckten sich in den Torwegen oder eilten gesenkten Hauptes an ihr vorüber. Die Patrouillenführer aber warnten sie mit strenger Stimme:
»Ihr seid wieder auf der Straße, Donna Marianna! Seht Euch vor, man könnte Euch niederstechen, und niemand würde nach dem Schuldigen suchen …«
Sie richtete sich stolz empor und wartete, aber die Patrouille zog vorüber, ohne daß es jemand gewagt oder daß sich jemand entschlossen hätte, die Hand gegen sie zu erheben; die bewaffneten Leute mieden sie wie einen Leichnam, sie aber blieb im Dunkeln und wanderte still und einsam weiter durch die Straßen der Stadt, wie ein stummes, finsteres Symbol des Unheils, das die Stadt betroffen hatte; hinter ihr her aber kamen, Anklägern und Verfolgern gleich, Stöhnen und Jammern, die Gebete der Einwohner und die finsteren Gespräche der Soldaten hervorgekrochen, die alle Hoffnung auf einen Sieg verloren hatten.
Als Mutter und Bürgerin dachte sie an den Sohn und an die Heimat, denn an der Spitze der Männer, die die Stadt belagerten, stand ihr Sohn, ein schöner, fröhlicher, erbarmungsloser Jüngling, er, der noch vor kurzem ihr einziger Stolz gewesen war, den sie als wertvolles Geschenk, als segenspendende Kraft der Heimat zugedacht hatte, in der sie selbst geboren war und ihn großgezogen hatte. Hundert unzerreißbare Bande verknüpften ihr Herz mit den verwitterten Steinen, aus denen ihre Vorfahren diese Häuser und Mauern errichtet hatten, mit dem Erdboden, wo die Gebeine ihrer Blutsverwandten lagen, mit den Legenden, Liedern und Hoffnungen ihrer Nächsten. Nun aber hatte dieses Herz den Menschen verloren, der ihr am nächsten stand: von Tränen benetzt, schwankte es wie eine Wagschale auf und ab, aber vergebens suchte es, die Liebe zum Sohne und die Liebe zur Stadt gegeneinander abzuwägen, es vermochte nicht zu unterscheiden, welche Schale schwerer und welche leichter wog.
So wanderte sie nächtelang durch die Straßen der Stadt; viele Leute, die sie nicht erkannten, fuhren bei
ihrem Anblick zusammen, denn erschrocken glaubten sie in der schwarzen Gestalt eine Verkörperung des Todes zu sehen, der sie alle bedrohte; erkannten sie sie jedoch, so wandten sie sich stumm von der Mutter des Verräters ab.
Einmal traf sie in einer stillen Ecke an der Stadtmauer mit einem anderen Weibe zusammen: unbeweglich, wie aus Stein gehauen, kniete es betend vor einem Leichnam, das leiddurchfurchte Antlitz gen Himmel zu den Sternen emporgerichtet; auf der Mauer über ihrem Haupte hörte man die Wachtposten miteinander plaudern, und die Waffen stießen leise klirrend gegen das Gestein.
Die Mutter des Verräters fragte:
»Dein Mann?«
»Nein.«
»Dein Bruder?«
»Mein Sohn. Meinen Mann haben sie vor dreizehn Tagen erschlagen und diesen hier – heute!«
Die Mutter des Getöteten erhob sich vom Erdboden und sprach demütig:
»Die Madonna sieht und weiß alles, und ich segne sie!«
»Wofür?« fragte die erste.
»Jetzt, wo er im ehrenhaften Kampfe für die Heimat gestorben ist, kann ich sagen, daß ich Furcht hatte um ihn: er war leichtsinnig und liebte es zu sehr, lustig zu leben, daher hatte ich Angst, er könnte deswegen die Stadt verraten, wie der Sohn Mariannas, der Führer unserer Feinde; verflucht sei er, und verflucht der Schoß, der ihn getragen hat!«
Marianna verhüllte ihr Gesicht und wandte sich ab. Am nächsten Morgen jedoch erschien sie vor den Verteidigern der Stadt und sprach:
»Tötet mich, weil mein Sohn euer Feind ward, oder öffnet mir das Tor, auf daß ich mich zu ihm begebe …«
Die Krieger entgegneten:
»Du bist ein Mensch, und die Heimat muß dir teuer sein; dein Sohn ist eben so sehr dein Feind, wie der unser aller.«
»Ich bin seine Mutter, ich liebe ihn und fühle mich schuldig, weil er geworden ist, was er ist.«
Sie aber berieten, was sie mit ihr tun sollten, und erklärten:
»Unsere Ehre verbietet es uns, dich um der Schuld deines Sohnes willen zu töten; wir wissen, daß nicht du ihm diesen furchtbaren Gedanken eingeben konntest, und wir begreifen, wie sehr du darunter zu leiden hast. Aber die Stadt bedarf deiner auch als Geisel nicht: dein Sohn kümmert sich nicht um dich, wir glauben sogar, daß dieser Teufel dich vergessen hat. Das sei deine Strafe, wenn du eine solche verdient zu haben glaubst! Das erscheint uns furchtbarer als der Tod!«
»Ja!« sprach sie. »Das ist furchtbarer als der Tod!«
Sie öffneten ihr das Tor und blickten ihr lange von den Wällen der Stadt nach. Sie schritt über den heimatlichen Boden, den ihr Sohn mit Blut getränkt hatte; sie schritt langsam dahin, ihre Füße mühsam von diesem Boden ablösend, sie neigte sich vor den Toten, die als Verteidiger der Stadt gefallen waren und stieß haßerfüllt die zerbrochenen Waffen mit dem Fuß weg, denn die Mütter hassen die Waffen der Angreifer und segnen nur die, die dazu dienen, das Leben zu schützen.
Sie schien einen bis zum Rande gefüllten Kelch unter ihrem Mantel zu tragen, und es war fast, als fürchte sie sich, seinen Inhalt zu verschütten; je mehr sie sich entfernte,
desto kleiner wurde sie, und den Leuten, die ihr von den Wällen nachblickten, erschien es so, als verschwänden mit ihr zugleich die Trauer und die Trostlosigkeit, die auf der Stadt lasteten.
Sie sahen, wie sie auf halbem Wege haltmachte, die Kapuze zurückschlug und lange nach der Stadt zurückblickte. Inzwischen hatte man sie im feindlichen Lager bemerkt, und nun näherten sich ihr vorsichtig ein paar schwarze Gestalten.
Sie gingen auf sie zu und fragten sie, wohin sie ginge.
»Euer Anführer ist mein Sohn!« sprach sie, und keiner von den Soldaten zweifelte an der Wahrheit ihrer Worte. Sie schritten neben ihr her und priesen die Klugheit und Tapferkeit ihres Sohnes. Sie hörte sie stolz und erhobenen Hauptes an und wunderte sich nicht, – ihr Sohn konnte nicht anders als tapfer und klug sein!
Und nun stand sie vor ihm, den sie bereits neun Monate vor seiner Geburt gekannt und nie aus ihrem Herzen verbannt hatte. Er stand in Samt und Seide gekleidet vor ihr, und an seinen Waffen funkelten kostbare Edelsteine. Alles war, wie es sein mußte, – sie sah ihn vor sich, wie sie ihn unzählige Male im Traume gesehen hatte: reich, berühmt und von allen geliebt.
»Mutter!« sprach er und küßte ihre Hände. »Du bist zu mir gekommen, du hast mich also verstanden. Morgen will ich diese verfluchte Stadt erstürmen!«
»In der du geboren wurdest?« mahnte sie ihn.
Von seinen Erfolgen berauscht und von der Gier nach noch größerem Ruhme aufgepeitscht, erwiderte er mit der ganzen zügellosen Kühnheit der Jugend:
»Ich bin in der Welt und
für die Welt geboren, um sie in Erstaunen zu setzen! Um deinetwillen habe ich
diese Stadt geschont –, sie peinigt mich wie ein Dorn im Fuße und hindert mich, den Weg zum Ruhme so geschwind zu durchmessen, wie ich es wünsche. Doch nun will ich schon morgen dies eigensinnige Nest zerstören!«
»Wo jeder Stein dich kennt und dich an deine Kindheit mahnt?«
»Die Steine sind stumm, wenn der Mensch sie nicht zum Sprechen bringt. Mögen die Berge von mir erzählen –, das ist mein Wunsch!«
»Und die Menschen?«
»O Mutter, die habe ich nicht vergessen. Auch ihrer bedarf ich, denn nur im Gedächtnis der Menschen erringen die Helden ihre Unsterblichkeit.«
»Ein Held ist der,« sprach sie, »der im Kampf mit dem Tode neues Leben hervorbringt, ist der, der den Tod besiegt …«
»Nein!« widersprach er. »Die Zerstörer der Städte sind ebenso berühmt wie ihre Begründer. Wir wissen nicht, ob Äneas oder Romulus Rom gegründet haben, und doch kennen wir die Namen Alarichs und anderer Helden, die diese Stadt zerstörten, genau.«
»Die die Namen aller überlebt hat,« mahnte die Mutter.
Und er sprach zu ihr bis zum Sonnenuntergang, sie unterbrach seine wahnsinnigen Reden immer seltener und senkte das stolze Haupt immer tiefer auf die Brust.
Die Mutter ist das schaffende Prinzip, sie schützt das Bestehende; in ihrer Gegenwart von Zerstörung sprechen, heißt gegen sie ankämpfen. Er aber wußte es nicht und verleugnete den Zweck ihres Lebens.
Eine Mutter ist stets eine Feindin des Todes, und die Hand, die den Tod in die Häuser der Menschen hineinträgt,
ist allen Müttern verhaßt und feindlich. Allein ihr Sohn erkannte das nicht, geblendet von dem kalten, herztötenden Schimmer des Ruhms.
Er wußte auch nicht, daß eine Mutter ein ebenso kluges wie erbarmungsloses und furchtloses Tier sein kann, wenn es sich um das Leben handelt, das sie, die Mutter, erzeugt und behütet.
Sie saß nach vorne gebeugt da und blickte durch die offene Leinwand des reichen Feldherrnzeltes nach der Stadt, wo sie zum ersten Male die süßen Schauer der Empfängnis, die schmerzlichen Zuckungen des Gebärens verspürt hatte; bei der Geburt des Kindes, das nun das Zerstörungswerk vollbringen wollte.
Die purpurnen Strahlen der Sonne färbten die Türme und Wälle der Stadt blutrot, die Fensterscheiben funkelten unheilverkündend, die ganze Stadt schien aus hundert Wunden zu bluten; die Strahlen verblichen, die Stadt ward dunkel wie ein Leichnam, und Begräbnisfackeln gleich flammten die Sterne über ihr auf.
Sie versetzte sich in die dunklen Häuser zurück, wo man sich fürchtete, Licht zu machen, um nicht die Aufmerksamkeit der Feinde auf sich zu lenken, in die finsteren, vom Leichengeruch geschwängerten Straßen, die mit dem Flüstern todesbanger Leute angefüllt zu sein schienen, – sie sah alles und alle; wie ein Blick ihres eigenen Ichs stand die Stadt vor ihr, stumm ihres Beschlusses harrend, und sie fühlte sich in diesem Augenblick als die Mutter aller Stadtbewohner.
Nun senkten sich von den schwarzen Bergesgipfeln Wolken herab und stürmten gleich Flügelrossen der dem Tode geweihten Stadt entgegen.
»Vielleicht werden wir schon jetzt zum Sturm blasen,«
sprach der Sohn und prüfte seine Degenscheide, »wenn nur die Nacht dunkel genug ist! Wenn die Sonne leuchtet und der Waffenglanz die Augen blendet, ist das Morden schwer, und viele Stöße gehen fehl!«
»Komm her zu mir,« sprach die Mutter, »lehne den Kopf an meine Brust und ruhe dich aus. Entsinnst du dich, wie gut und fröhlich du warst, als du noch Kind warst, und wie alle dich lieb hatten?«
Er folgte ihrem Rufe, kniete vor ihr nieder und schloß die Augen:
»Ich liebe nichts als den Ruhm und dich, weil du mich geboren als den, der ich bin!«
»Und die Frauen?« fragte sie, über ihn gebeugt.
»Es gibt ihrer viele, und man hat sie schnell satt wie alles Süße.«
Und sie fragte ihn zum letzten Male:
»Wünschst du dir keine Kinder?«
»Wozu? Damit man sie mir tötet? Ein Mensch, der mir gleicht, wird sie töten, mich würde das sehr schmerzen, aber ich werde dann sicherlich schon zu alt und zu schwach sein, um sie zu rächen.«
»Du bist schön, doch unfruchtbar wie der Blitz,« sprach sie aufseufzend.
Er lächelte:
»Ja, wie der Blitz …«
Und er entschlummerte wie ein Kind, an die Mutterbrust gelehnt.
Sie bedeckte ihn mit ihrem schwarzen Mantel und stieß ihm den Dolch in die Brust. Er zuckte zusammen und hauchte im selben Augenblick sein Leben aus, – die Mutter wußte zu gut, wo das Herz ihres Sohnes schlug. Dann aber ließ sie den Leichnam zu den Füßen der fassungslosen
Wache niedersinken und wandte ihr Antlitz der Stadt zu:
»Ich habe für die Heimat getan, was ich konnte, als Mutter aber bleibe ich mit meinem Sohne vereint! Es ist zu spät für mich, einen anderen zu gebären, und keinem sonst ist mein Leben nütze.«
Und sie stieß sich den Dolch, der noch warm von dem Blute ihres Sohnes war, mit fester Hand in die Brust. Sie traf auch sicher in ihr eigenes Herz – denn wenn es schmerzt, trifft man es leicht, stößt man nicht daneben.
Der Tod des Fischers
Die Zikaden zirpen.
Tausend Metallsaiten scheinen sich durch das dichte Olivenlaub dahinzuziehen; der Wind wiegt die harten Blätter, die die Saiten berühren, hin und her, und die leichten, unablässig erklingenden Töne füllen die Luft mit heißen, betäubenden Lauten. Das ist noch keine Musik, aber es scheint, daß unsichtbare Hände hundert verborgene Harfen stimmen und man fortwährend gespannt erwartet, daß nach einem Augenblick des Schweigens ein gewaltiger Hymnus zu Ehren der Sonne, des Himmels und des Meeres erschallen wird.
Ein frischer Wind bläst vom Meere her; die Bäume neigen ihre Wipfel und steigen gleichsam von dem Abhang zum Ufer herab. Dumpf und gleichmäßig schlagen die Wellen ans Ufergestein; das ganze Meer ist mit weißen, lebendigen Flocken bedeckt, als hätten sich zahllose Vogelschwärme auf diese blaue Fläche niedergelassen; sie schwimmen alle nach einer Richtung, verschwinden, tauchen in die Tiefe, erscheinen wieder auf der Oberfläche und singen kaum hörbar. Am Horizont schaukeln, zwei großen Vögeln gleich, zwei Schiffe mit gehißten, dreiteiligen Segeln, die die Wasserflocken zu sich heranzulocken scheinen, – alles zusammen erinnert an einen längstvergessenen Traum, der keine Ähnlichkeit mit dem Leben hat.
»Die Nacht wird stürmisch werden!« spricht ein alter Fischer, der tief im Schatten auf einer kleinen, mit Geröll bedeckten Landzunge sitzt.
Die Brandung hat Büschel roten, goldigen und grünen Seetangs ans steinige Ufer geworfen; der Tang verdorrt in der Sonne und auf den heißen Steinen, die salzige Luft ist von herbem Jodgeruch erfüllt. Krause Wellen hüpfen eine nach der anderen über die Landzunge.
Der alte Fischer sieht auch einem großen, grauen Vogel ähnlich: ein kleines, verschrumpftes Gesicht, eine gebogene Nase, runde und offenbar sehr scharfe Augen, die kaum hinter den dunklen Hautfalten erkennbar sind, und krallenartig gebogene, trockene, fast unbewegliche Finger.
»Vor einem halben Jahrhundert, Signore,« spricht der Alte, und seine Worte ahmen den Rhythmus des Wellenklangs und des Zikadengesangs nach, »da brach einmal ein ebenso lachender, fröhlicher Tag an wie heute. Mein Vater war vierzig, ich, ich sechzehn Jahre alt; ich war verliebt, Sie wissen: – das ist unvermeidlich, wenn man sechzehn Jahre alt ist, und wenn die Sonne scheint.
›Komm, laß uns Perzonen fischen gehen, Guido,‹ sagte mein Vater. Sie müssen nämlich wissen, Signore, Perzonen, das sind sehr feine, schmackhafte Fische mit rosafarbenen Flossen, man nennt sie auch zuweilen Korallenfische, weil sie tief unten, bei den Korallen zu finden sind. Man verankert das Boot und fängt sie mit einer kleinen Angel und einem schweren Senkblei. Das ist ein schöner Fisch.
Wir stachen, voller Hoffnung auf einen guten Fang, in die See. Mein Vater war ein kräftiger Mann und ein erfahrener Fischer, aber kurz vorher hatte er gekränkelt:
die Brust schmerzte ihn, und die Finger an den Händen waren vom Rheumatismus gekrümmt – er hatte an einem kalten Wintertage gearbeitet und sich diese Krankheit der Fischer geholt.
Das ist ein schlauer, tückischer Wind, der jetzt so freundlich vom Ufer her weht, als wollte er uns ganz zärtlich ins Meer hinaustreiben. Doch da, da schleicht er sich hinterrücks heran und stürzt sich plötzlich auf einen, als hätte man ihn beleidigt. Im Nu ist die Barke losgerissen und fliegt, zuweilen kielaufwärts, im Winde dahin, während Sie selbst schon im Wasser liegen. Sie finden nicht einmal Zeit zu einem Fluch oder zu einem Stoßgebet und sind schon vom Strudel erfaßt und werden von der Strömung fortgetrieben. Ein Räuber ist ehrlicher als dieser Wind. Übrigens sind die Menschen immer ehrlicher als die Naturgewalten.
Dieser Wind also stürzte sich plötzlich wie ein Lump und ein Feigling auf uns; es war ganz nahe am Ufer, nur vier Kilometer weit davon. ›Guido,‹ rief mein Vater und griff mit seinen kranken Fingern nach den Rudern. ›Halte dich fest, Guido! Den Anker los!‹
Bevor ich aber den Anker lichten konnte, erhielt der Vater einen Stoß vor die Brust – der Sturm entriß ihm die Ruder – und er stürzte bewußtlos zu Boden. Ich fand nicht Zeit, ihm zu helfen, das Boot konnte jeden Augenblick kentern. Am Anfang geht alles schnell: als ich mich an die Ruder setzte, waren wir bereits von kochendem Gischt umgeben, und wir wurden von allen Seiten vom Winde fortgetrieben, der uns ganz wie ein Priester mit Spritzwellen übergoß, nur noch eifriger als er, und keineswegs zu dem Zweck, um uns von unseren Sünden reinzuwaschen.
›Die Sache ist sehr ernst, mein Sohn!‹ sagte mein Vater, der aus seiner Ohnmacht erwacht war, mit einem Blick nach dem Ufer. ›Das wird lange anhalten, mein Lieber.‹
Wenn man jung ist, glaubt man nur ungern an eine Gefahr; ich machte den Versuch, zu rudern, und tat alles, was im Augenblick der Gefahr auf dem Meere getan werden muß, wenn dieser Wind, der Odem der bösen Geister, einem tausend Gräber gräbt und unentgeltlich das Totenlied singt.
›Sitz ruhig, Guido,‹ sprach mein Vater lächelnd und schüttelte sich die Wassertropfen vom Kopfe. ›Welchen Zweck hat es, das Meer mit Streichhölzern aufzuwühlen? Spare deine Kraft, mein Sohn, sonst wird man dich zu Hause vergebens erwarten.‹
Die grünen Wellen schleuderten unsere Nußschale in die Höhe wie einen Kinderball, sie schauten, haushoch aufspritzend, zu uns ins Boot hinein, sie brüllten und tobten, während wir in tiefe Abgründe hinabsausten oder auf weiße Bergkämme emporgehoben wurden; inzwischen entschwand das Ufer immer mehr unseren Blicken und schien in demselben Takt wie unsere Barke auf- und abzutanzen. Da sagte mein Vater zu mir:
›Du wirst vielleicht aufs Festland zurückkehren, ich nicht! Höre nun zu, was ich dir jetzt sagen werde …‹
Und er begann zu erzählen, was ihm von den Gewohnheiten der verschiedenen Fischgattungen bekannt war: – wo, wann und wie man sie am besten fangen könnte.
›Vielleicht sollten wir lieber beten, Vater?‹ fragte ich, als ich mir über den Ernst unserer Lage klar wurde; unsere Situation war der zweier Kaninchen inmitten einer ungeheuren
Schar weißer Hunde zu vergleichen, die uns von allen Seiten umstanden und ihre Zähne, fletschten.
›Gott sieht alles!‹ sprach er. ›Er sieht voraus, daß Leute, die für die Erde geschaffen sind, auf dem Meere zugrunde gehen werden, und er versteht, daß einer von ihnen, voller Hoffnung auf Rettung, dem Sohne mitteilen muß, was er weiß. Die Erde und die Menschen bedürfen der Arbeit und nicht der Gebete, Gott weiß das …‹
Nachdem er mir alles erzählt hatte, was er von der Arbeit wußte, begann er mir Ratschläge zu geben, wie man unter den Menschen leben soll.
›Ist denn jetzt die Zeit, mir Ratschläge zu geben?‹ fragte ich. ›Auf dem Festlande hast du das nie getan!‹
›Dort war uns der Tod nie so nahe wie hier …‹
Der Sturm heulte wie ein Tier, die Wellen tobten gegen das Boot, der Vater mußte schreien, wenn ich seine Worte verstehen sollte.
›Benimm dich stets so, als ob es keinen Menschen gäbe, der besser und der schlechter ist als du, – das ist das Richtige! Der Adlige und der Fischer, der Priester und der Soldat, – alle bilden einen einzigen Körper, und du bist ein ebenso notwendiges Glied dieses Körpers, wie die anderen. Tritt nie an einen Menschen heran, wenn du mehr Schlechtes als Gutes von ihm denkst; setze stets mehr Gutes bei ihm voraus, – das ist das Richtige. Die Menschen geben den anderen stets das, was man von ihnen verlangt.‹
Das alles sagte mein Vater natürlich nicht in fließender Rede, sondern in kurzen, abgehackten Worten, die wie Kommandorufe klangen; die Wellen warfen uns hin und her, herauf und herunter, und ich hörte diese Worte durch das Heulen des Sturmes und das Brüllen des Meeres.
Vieles trug der Wind davon, ehe es bis an mein Ohr gelangte, vieles begriff ich nicht, – man ist nicht zum Lernen aufgelegt, Signore, wenn jeder Augenblick den Tod in sich birgt! Ich war von Furcht und Schrecken ergriffen, denn zum ersten Male sah ich das Meer in einem solchen Aufruhr, und ich fühlte dem Sturme gegenüber meine Ohnmacht. Wenn ich später an diese Stunden zurückdachte, hatte ich ein Gefühl, das noch heute in meinem Herzen lebendig ist.
Heute noch sehe ich den Vater deutlich vor mir: er sitzt auf dem Boden der Barke und klammert sich mit den kranken Händen an die Wände des Bootes, – den Hut hatten die Wellen fortgespült, die von allen Seiten auf ihn eindrangen und hageldicht auf seinen Kopf und seine Schultern herabsausten; er schüttelt das Wasser herunter und ruft mir von Zeit zu Zeit laut schnaubend etwas zu. Er war ganz zusammengeschrumpft vor Nässe, während die Augen vor Furcht oder vielleicht auch vor Schmerz weitgeöffnet waren. Ich glaube jedoch, es war vor Schmerz.
›Hörst du mich?‹ schrie er. ›He, hörst du mich?‹
Bisweilen antwortete ich:
›Ich höre!‹
›Denke daran: – alles Gute kommt vom Menschen.‹
›Wohl!‹ antwortete ich.
Nie hatte er früher so mit mir gesprochen. Er war fröhlich und gut gegen mich gewesen, es war mir aber so vorgekommen, als betrachte er mich mit Spott und Mißtrauen und als behandle er mich wie ein Kind. Bisweilen hatte mich das verletzt, denn die Jugend ist sehr eitel und empfindlich.
Seine Worte beschwichtigten sicherlich meine Furcht, deshalb entsinne ich mich ihrer wohl so genau.«
Der alte Fischer schwieg, blickte auf das schaumbedeckte Meer hinaus, lächelte vor sich hin und sprach, mit den Augen zwinkernd:
»Auf Grund meiner Menschenkenntnis, Signore, weiß ich, daß Erinnerung und Erkenntnis dasselbe sind, je besser man aber die Wirklichkeit erkennt, um so mehr Gutes findet man in ihr, – es ist schon so, glauben Sie mir!
Ich sehe noch sein feuchtes, liebes Gesicht mit den mächtigen Augen vor mir, die mich so ernst, gütig und ausdrucksvoll anblickten, daß ich die Überzeugung gewann, ich würde an diesem Tage nicht zugrunde gehn. Ich fürchtete mich, ich wußte aber, daß ich nicht untergehen würde.
Unser Boot kenterte natürlich, und wir fanden uns beide in dem kochenden Strudel, in dem Gischt, der die Augen trübe macht, und inmitten scharfkantiger Wellen wieder, die uns hin und her schleuderten und gegen den Kiel der Barke warfen. Wir hatten schon früher alles Bewegliche an den Bootswänden befestigt und hielten die Tauenden in den Händen; solange unsere Kraft reichte, konnten wir nicht von der Barke weggerissen werden, es war aber schwer, sich über Wasser zu halten. Einige Male wurden wir beide auf den Kiel hinaufgeschleudert, aber sofort wieder heruntergeschwemmt. Das Schlimmste ist in einer solchen Lage, daß man die Besinnung verliert, daß einem Augen und Ohren mit Wasser angefüllt werden und daß man dazu noch recht viel von dem feuchten Naß schlucken muß.
Unser Kampf währte sieben Stunden lang, als der Wind plötzlich umschlug, nach dem Ufer hinblies und auch uns dorthin trieb. Voller Freude schrie ich dem Vater
zu, er solle sich festhalten, auch er schrie mir etwas zu, ich verstand aber nur die Worte:
›Das Boot zerschellt …‹
Er dachte an die Klippen am Ufer; die waren aber noch weit, und ich schenkte seinen Worten keinen Glauben. Aber er kannte die Verhältnisse besser: wir flogen zwischen den Wasserbergen dahin, an unsere Nährmutter festgesaugt wie Schnecken, mit zahlreichen Beulen, die wir infolge der Stöße gegen die Barke davongetragen, und fast aller Kraft und der Sprache beraubt. Das währte recht lange; als aber die dunklen Uferhänge hervortraten, spielte sich alles mit geradezu schwindelnder Schnelligkeit ab. Die Klippen schienen hin und her zu schwanken, kamen immer näher, und jetzt beugten sie sich über das Wasser, bereit, auf unsere Köpfe herabzustürzen; eins, zwei – wir werden von den weißen Wellen in die Luft geschleudert, unsere Barke knirscht wie eine zertretene Nußschale, ich werde fortgerissen, sehe die zackigen, schwarzen Felsenriffe mit ihren messerscharfen Graden, hoch über mir fliegt kopfüber der Vater vorüber, um dann auf diese Teufelskrallen herabzustürzen. Zwei Stunden später etwa fand man ihn mit gebrochenem Rückgrat und zerschmettertem Schädel. Die Wunde am Kopfe war fürchterlich, ein Teil des Gehirns war fortgespült, ich entsinne mich aber der rotgeäderten grauen Stücke in der Wunde, die wie Marmor oder blutiger Schaum aussahen. Er war entsetzlich zugerichtet, über und über mit Wunden bedeckt, aber das Antlitz war rein und ruhig und die Augen fest und wohl verschlossen.
Wie es mir ergangen war? Oh, ich war auch übel zugerichtet. Besinnungslos wurde ich an das Ufer getragen. Der Sturm hatte uns nach dem Festlande, hinter Amalfi,
an eine fremde Küste getrieben, die jedoch auch von Fischersleuten bewohnt war; derartige Vorfälle sind für sie nichts Neues, das macht sie nur besser: die Menschen, die einen gefahrvollen Beruf haben, sind stets gütig.
Mir scheint, ich habe den Vorfall mit dem Vater und das, was ich einundfünfzig Jahre im Herzen getragen habe, nicht so wiederzuerzählen vermocht, wie ich das alles empfinde. Dazu wären ganz besondere Worte oder vielleicht gar Lieder erforderlich, aber wir sind einfache Leute, den Fischen ähnlich, und können uns nicht so schön und bedeutungsvoll ausdrücken, wie wir es gerne möchten! Man weiß und empfindet stets mehr, als man zu sagen vermag.
Das Wichtigste hierbei ist, daß mein Vater in seiner Todesstunde, der er nicht mehr entrinnen zu können glaubte, von keiner Furcht gepackt wurde und meiner nicht vergaß, sondern Kraft und Zeit fand, mir alles mitzuteilen, was er für wichtig hielt. Siebenundsechzig Jahre habe ich nun hinter mir, und ich kann guten Gewissens behaupten, daß alles richtig war, was er mir eingeprägt hat!«
Der Alte nahm seine ehemals rote, jetzt aber braune gestrickte Mütze vom Kopfe, zog seine Pfeife hervor, beugte seinen kahlen, bronzefarbenen Schädel nach vorne und sprach mit besonderem Nachdruck:
»Es hat alles seine Richtigkeit, lieber Herr! Die Menschen sind so, wie man sie sehen will: blickt man sie mit gütigen Augen an, so hat man's gut, und auch sie werden hierdurch besser. Das ist so einfach!«
Der Wind wurde immer frischer, die Wellen höher, spitzer und weißer; auf dem Meere schienen Vögel aufzutauchen, die eilig davonschwammen, während die beiden
Schiffe mit den dreiteiligen Segeln bereits hinter dem blauen Horizont verschwunden waren.
Die steilen Uferhänge der Insel sahen aus, als hätte sie die Brandung mit weißen Spitzen geschmückt; wild brausen und plätschern die blauen Wogen, und mit unermüdlicher Leidenschaft zirpen die Zikaden.
Die klugen Frauen
An dem Tage, als dies geschah, blies der Schirokko, ein feuchter Wind, der aus Afrika herüberkommt. Ein schlimmer Wind: er fällt einem auf die Nerven, verdirbt einem die Stimmung, und das war auch der Grund, daß die Fuhrleute Giuseppe Cirotta und Luigi Meta miteinander in Streit gerieten. Der Streit war entbrannt fast ohne daß man's merkte, niemand wußte, wer ihn vom Zaune gebrochen hatte; die Leute sahen bloß, wie Luigi dem Giuseppe an die Brust sprang und seinen Hals zu umklammern suchte, während sein Gegner den dicken roten Hals einzog und geduckten Hauptes die schwarzen, kräftigen Fäuste schwang.
Man trennte sie sofort und fragte:
»Um was handelt es sich?«
Blaurot vor Zorn schrie Luigi:
»Dieser Stier soll vor allen Leuten wiederholen, was er von meiner Frau gesagt hat!«
Cirotta wollte sich entfernen. Er kniff mit verächtlicher Miene seine kleinen Äuglein zusammen, schüttelte den kleinen, schwarzen Kopf und weigerte sich, die Beleidigung zu wiederholen. Da rief der andere laut:
»Er sagt, er habe die Liebe meiner Frau gekostet.«
»Hehe!« meinten die Leute. »Das ist kein Scherz, das muß ernstlich untersucht werden. Ruhe, Luigi! Du bist hier fremd. Deine Frau ist eine der Unsrigen. Wir alle
kannten sie als Kind, und wenn du beleidigt bist, fällt ihre Schuld, offen gesagt, auch auf uns alle zurück.«
Man nahm nun Cirotta ins Gebet:
»Hast du das gesagt?«
»Nun ja,« gestand er.
»Und hast du wahr gesprochen?«
»Wer hat mich je bei einer Lüge ertappt?«
Cirotta war ein anständiger Mensch, ein guter Familienvater, – die Angelegenheit nahm eine schlimme Wendung. Die Leute standen verlegen und nachdenklich da. Luigi ging nach Hause und sprach zu seiner Concetta:
»Ich reise fort von hier, ich will nichts mehr von dir wissen, wenn du mir nicht beweisen kannst, daß dieser Halunke dich verleumdet hat!«
Sie weinte natürlich, aber Tränen sind keine Rechtfertigung; Luigi stieß sie von sich, und so blieb sie allein, mit einem kleinen Kinde, ohne Geld und Brot zurück.
Die Weiber nahmen sich ihrer an, vor allem Caterina, die Gemüsehändlerin, eine kluge Füchsin, wissen Sie, ein alter Sack, der mit Fleisch und Knochen vollgestopft ist und hie und da Falten wirft.
»Signore,« rief sie, »ihr wißt schon, daß die Ehre von uns allen mitbetroffen ist. Es ist kein leichtsinniger Streich, der in einer allzu hellen Mondnacht ausgeheckt ward, hier steht das Schicksal zweier Mütter auf dem Spiel, nicht wahr? Ich nehme Concetta zu mir ins Haus, sie wird bei mir bleiben, bis wir die Wahrheit ans Licht gebracht haben.«
Und so geschah es. Dann rückten Caterina und die dürre Hexe Lucia, deren Stimme drei Meilen weit zu vernehmen ist, dem armen Giuseppe auf den Leib. Sie riefen ihn zu sich und begannen, seine Seele nach allen Seiten zu zerren und auszuwinden wie einen alten Lappen.
»Nun, mein Guter, sag' mal, hast du sie viele Male besessen, die Concetta nämlich?«
Der dicke Giuseppe blies die Backen auf, überlegte und erwiderte:
»Einmal.«
»Das hätte man auch sagen können, ohne lange nachzudenken,« bemerkte Lucia, wie zu sich selber.
»Ist das an einem Abend, in der Nacht, oder am Morgen passiert?« fragte Caterina, genau so wie ein Richter.
Giuseppe entschloß sich, ohne nachzudenken, für den Abend.
»War es noch hell?«
»Ja,« entgegnete der Dummkopf.
»So hast du also ihren Körper gesehen?«
»Aber natürlich!«
»Nun, so sag', wie sieht er aus?«
Jetzt begriff er, wozu diese Fragen an ihn gerichtet wurden, und sperrte den Mund auf, wie ein Sperling, dem ein Korn im Hals stecken geblieben ist. Er murmelte etwas Unverständliches und geriet in eine solche Wut, daß seine großen Ohren sich blaurot färbten.
»Was soll ich darauf sagen? Ich habe sie ja nicht so genau untersucht wie ein Arzt.«
»Ißt du Früchte, ohne dich an ihnen zu freuen?« fragte Lucia. »Hast du aber vielleicht etwas Merkwürdiges an Concetta bemerkt?« fragte sie weiter, und die Schlange winkte ihm mit den Augen zu.
»Es geschah alles so schnell, daß ich wirklich nichts bemerkt habe.«
»Dann hast du sie nicht besessen!« rief Caterina, die eine freundliche Frau war, im Notfalle aber auch sehr streng sein konnte. Mit einem Wort, sie verwickelten ihn
dermaßen in Widersprüche, daß der Bursche zuguterletzt seinen häßlichen Kopf zu Boden senkte und ein Geständnis ablegte.
»Es ist nichts geschehen, ich habe es nur aus Bosheit gesagt!«
Die Weiber waren durchaus nicht erstaunt.
»Das dachten wir auch,« sagten sie, entließen den Missetäter und übergaben die Sache den Männern, die darüber zu Gericht sitzen sollten.
Am folgenden Tage trat unser Arbeiterverband zusammen. Cirotta stand vor Gericht unter der Anklage, eine Frau verleumdet zu haben, und der alte Giacomo Fasca, der Schmied, hielt eine Rede, die nicht schlecht war.
»Bürger, Genossen, liebe Leute! Wir machen selbst Anspruch auf Gerechtigkeit und müssen deshalb auch gegeneinander gerecht sein. Alle Leute sollen sehen, daß wir den hohen Wert dessen, was wir beanspruchen, auch erkennen, und daß die Gerechtigkeit für uns kein leeres Wort ist, wie für unsere Herren. Da steht ein Mann, der eine Frau verleumdet, einen Genossen beleidigt, eine Familie zugrunde gerichtet und über eine andere Herzeleid gebracht hat, indem er seiner Gattin Qualen der Eifersucht und der Schmach bereitete. Wir müssen streng gegen ihn sein. Was beantragt ihr?«
Siebenundsechzig Männer erklärten einmütig:
»Hinaus mit ihm aus der Gemeinde!«
Aber fünfzehn andere fanden, daß diese Strafe zu hart sei. Es entbrannte ein Streit. Es entstand ein fürchterliches Geschrei, – handelte es sich doch um das Schicksal eines Menschen, und nicht bloß eines einzigen, denn er war verheiratet, hatte eine Frau und drei Kinder, – und was
hatten Frau und Kinder verbrochen? Er besaß ein Haus, einen Weinberg, zwei Pferde, hielt vier Esel für ausländische Touristen, – dies alles hatte er sich mit seiner Hände Arbeit erworben, es hatte wahrlich nicht wenig Mühe gekostet. Der arme Giuseppe hockte einsam im Winkel, finster, wie der Teufel im Kreise seiner Kinder. Er saß vornübergebeugt auf dem Stuhl, den Kopf zu Boden gesenkt, und drehte den Hut in den Händen. Schon hatte er das Band heruntergerissen, allmählich riß er auch die Ränder ab, seine Finger aber zuckten und bebten wie die eines Geigenspielers. Und als man ihn fragte, was er zu sagen habe, erhob er sich, richtete sich mühsam auf und sagte:
»Ich bitte um Schonung! Niemand ist sündlos. Mich von dem Boden vertreiben, auf dem ich länger als dreißig Jahre gelebt, auf dem meine Vorfahren gearbeitet haben, – das wäre nicht gerecht!«
Die Weiber sprachen auch gegen die Ausweisung. Endlich schlug Fasca folgendes vor:
»Ich glaube, Freunde, er ist genügend bestraft, wenn wir ihm die Verpflichtung auferlegen, Luigis Weib und Kind zu unterhalten. Er soll ihr die Hälfte der Summe zahlen, die Luigi verdient hat.«
Man stritt noch lange hin und her, bis man sich endlich auf diesen Vorschlag einigte. Giuseppe Cirotta war sehr zufrieden, daß er so glimpflich davongekommen war, während die andern froh waren, daß weder das öffentliche Gericht, noch das Messer mitgesprochen hatten, und daß die Angelegenheit im eigenen Kreise erledigt worden war. Wir haben es nicht gern, Signore, wenn die Zeitungen über unsere Angelegenheiten schreiben, und noch dazu in einer Sprache, in der es so wenig verständliche Worte gibt, wie ein Greis Zähne im Munde hat, oder wenn die Richter,
fremde Leute, die das Leben nur schlecht kennen, in einem Ton von uns sprechen, als wären wir Wilde und sie Engel, die nie Wein und Fisch gekostet, noch ein Weib berührt haben! Wir sind einfache Leute und sehen das Leben einfach an.
So wurde denn beschlossen: Giuseppe Cirotta hat Luigi Metas Weib und deren Kind zu ernähren. Aber die Angelegenheit war damit noch nicht erledigt. Als Luigi erfuhr, daß Cirotta gelogen hatte, während seine Signora unschuldig war, und als auch er unser Urteil vernahm, schrieb er seinem Weibe kurz:
»Komm zu mir, wir wollen gut miteinander leben. Nimm keinen Centesimo von diesem Menschen, und hast du schon etwas genommen, so wirf ihm das Geld ins Gesicht. Ich bin unschuldig. Konnte ich denn annehmen, daß ein Mann lügen würde, wo es sich um Liebe handelte?«
An Cirotta schrieb er folgenden Brief:
»Ich habe drei Brüder, und wir vier haben geschworen, daß wir dich wie einen Hammel abschlachten, wenn du die Insel jemals verläßt und in Sorento, Castellamare, Torre oder wo es auch sei, ans Land gehst. Erfahren wir davon, so töten wir dich, denke daran! Dies ist so wahr wie das, daß die Mitglieder deiner Gemeinde brave, ehrliche Leute sind. Meine Signora bedarf deiner Unterstützung nicht. Selbst mein Schwein würde dein Brot verschmähen. Bleib auf deiner Insel, bis ich dir sage: – geh jetzt!«
So schrieb ihm Luigi. Man sagt, Cirotta habe diesen Brief unserem Richter gezeigt und ihn gefragt, ob man Luigi nicht wegen seiner Drohung verurteilen könne! Der Richter soll ihm hierauf erwidert haben:
»Natürlich könnte man das, – dann aber werden Sie sicherlich von seinen Brüdern getötet; sie kommen dann
hierher und schneiden Ihnen den Hals ab. Ich rate Ihnen, warten Sie lieber! Das ist besser. Der Zorn ist nicht so wie die Liebe, er hält nicht lange an …«
Es ist wohl möglich, daß der Richter so etwas gesagt hat, er ist ein guter, kluger Mann und verfaßt schöne Verse; ich glaube aber nicht, daß Cirotta ihn aufgesucht und ihm den Brief gezeigt hat. Nein, Cirotta ist trotz alledem ein anständiger Bursche, er kann keine solche Taktlosigkeit begangen haben, alle hätten ihn deswegen ausgelacht und verspottet.
Wir sind einfache Arbeitsleute, Signore, wir führen unser eigenes Leben, wir haben unsere eigenen Begriffe und Anschauungen und haben das Recht, das Leben nach unserm eigenen Ermessen einzurichten, wie es am besten für uns scheint.
Ob wir Sozialisten sind? Oh, mein Freund, ich glaube, der Arbeitsmann wird als Sozialist geboren, und obgleich wir keine Bücher lesen, so erkennen wir doch die Wahrheit an ihrem Duft; sie riecht ja so kräftig, die Wahrheit, und stets in gleicher Weise – nach dem Schweiße der Arbeit.
Bauern und Soldaten
Vor der Tür einer weißen Kantine, die hinter einem alten Weinberg hervorlugt, im Schatten des schweren, von Winden und kleinen Chinarosen durchwebten Weinlaubs sitzen der Maler Vincenzo und der Schlosser Giovanni bei einer Flasche Wein. Der Maler ist klein, gedrungen und hat eine schwarze Gesichtsfarbe; aus seinen dunklen Augen leuchtet das weiche, sinnende Lächeln des Träumers; seine glattrasierte Oberlippe und die Wangen haben eine bläuliche Farbe, und doch gibt dieses Lächeln dem Gesicht etwas Kindliches und Naives. Der Mund ist klein und zart wie der eines Mädchens, die Hände sind schmal und fein; die gelenkigen Finger spielen mit einer goldfarbenen Rose, die er mit geschlossenen Augen an die vollen Lippen preßt.
»Vielleicht … ich weiß nicht … vielleicht …« spricht er leise und schüttelt den feinen Kopf, dessen rötliche Locken auf die feine Stirn herabfallen.
»Ja, ja, je höher nach Norden, desto energischer werden die Menschen!« behauptet Giovanni, ein breitschultriger Junge mit einem großen Kopf und schwarzen Locken. Sein Gesicht ist kupferrot, die Nase von der Sonne verbrannt und mit weißen Schuppen bedeckt; die Augen sind groß und gutmütig wie die eines Stieres, und an der linken Hand fehlt der Daumen. Die braunen Finger mit den
stumpfen Nägeln umspannen das Weinglas, und er fährt mit seiner Baßstimme fort:
»Mailand und Turin sind treffliche Werkstätten, wo neue Menschen geformt und wo ein neuer Geist geboren wird. Nur noch kurze Zeit, – und die Welt wird anständig und vernünftig sein!«
»Ja,« sagt der kleine Maler zustimmend. Er erhebt das Glas, sucht mit dem Weinglas einen Sonnenstrahl einzufangen und singt halblaut vor sich hin:
»Wie warm ist die Welt für froher Jugend Lust!
Doch wenn das Alter naht, wird's kühl in unserer Brust!«
»Je höher nach Norden, sag' ich, desto besser geht's mit der Arbeit. Die Franzosen sind schon nicht so faul wie wir, dann kommen die Deutschen und endlich die Russen, – das sind Menschen!«
»Ja.«
»Rechtlos, in steter Gefahr, ihre Freiheit und ihr Leben einzubüßen, haben sie doch ein gewaltiges Werk vollbracht, – nur ihnen ist es zu verdanken, daß der ganze Osten zu neuem Leben erwacht ist!«
»Ein Land von Helden!« bemerkte der Maler gesenkten Hauptes. »Ich möchte dort leben …«
»Du?« ruft der Schlosser, mit der Hand auf das Knie schlagend. »Du würdest dich ja dort in einer Woche in ein Stück Eis verwandeln.«
Beide brachen in ein gutmütiges Lachen aus.
Ringsum funkeln die blauen und goldenen Blüten, flammende Strahlenbündel flimmern in der Luft, im durchsichtigen Glas der Flasche und der Schalen funkelt der Almandiwein, von ferne dringt das sanfte Gurgeln der Meereswellen herüber.
»Ach, lieber Vincenzo,« sagt der Schlosser mit breitem Lächeln, »beschreibe doch mal in Versen, wie ich Sozialist geworden bin, du kannst das doch so gut.«
»Nein,« sagt der Maler, während er Wein in die Schalen gießt und dem roten Strahl zulächelt, »du hast mir diese Geschichte niemals erzählt. Die Haut sitzt dir so fest auf den Knochen, daß ich stets dachte, du wärst in ihr geboren!«
»Ich wurde nackt und dumm geboren, wie du und alle anderen Leute; in der Jugend schwärmte ich von einer reichen Heirat; während der Militärzeit büffelte ich, um das Offiziersexamen abzulegen, erst als ich dreiundzwanzig Jahre alt geworden war, erkannte ich, daß nicht alles auf der Welt gut ist und daß man sich schämen muß, dahinzuleben wie ein Dummkopf!«
Der Maler stützte den Ellbogen auf den Tisch, bog den Kopf zurück und blickte zum Berge empor, wo hart am Abhänge gewaltige Fichten stehen und ihre mächtigen Zweige schütteln.
»Wir, das heißt unsere Kompanie, wurden nach Bologna geschickt, wo Bauernunruhen ausgebrochen waren. Die einen verlangten eine Herabsetzung des Pachtzinses, die anderen jammerten und forderten eine Lohnerhöhung, und diese wie jene schienen mir im Unrecht zu sein, denn, so dachte ich, was sind das für Dummheiten: die Herabsetzung der Pachten und die Steigerung der Löhne müssen doch die Grundbesitzer ruinieren! Mir als Städter erschienen diese Forderungen unsinnig, und ich war um so wütender, als wir bei der Hitze fortwährend aus einem Ort in den anderen gehetzt wurden und in der Nacht Wache hatten. Diese Bauern, siehst du, zerbrachen die Maschinen der Gutsherren und fanden Gefallen daran,
Getreide in Brand zu setzen und alles Hab und Gut der Grundherren zu zerstören.«
Er trank langsam seinen Wein aus und fuhr immer lebhafter fort:
»Sie gingen wie die Schafe in dichten Haufen über die Felder, stumm, ernst und drohend. Wir trieben sie auseinander, drohten ihnen mit unseren Bajonetten und stießen sie zuweilen mit den Kolben; sie aber zerstreuten sich ohne Furcht und Hast nach allen Richtungen, um sich gleich darauf wieder zu sammeln; es war langweilig wie bei einer Messe, und die Sache schleppte sich von Tag zu Tag hin wie ein Fieber. Unser Unteroffizier Luoto, ein braver Junge aus den Abruzzen, der gleichfalls ein Bauer war, quälte sich sehr: er sah gelb und abgemagert aus und sprach nicht nur einmal zu uns:
›Es steht schlecht, Jungens. Gott verfluche mich! Man wird wahrscheinlich schießen müssen!‹
Dieses Gekrächze verdarb unsere Stimmung noch mehr. Hierzu kam noch, daß hinter jeder Ecke, an jedem Hügel oder Baum die Köpfe der eigensinnigen Bauern auftauchten, deren böse Blicke uns von allen Seiten betasteten. Die Leute kamen uns natürlich nicht besonders freundlich entgegen.«
»Trink doch!« sprach der kleine Vincenzo und schob dem Gefährten ein volles Glas zu.
»Hab' Dank und ein Hoch auf die tapferen Leute!« rief der Schlosser mit seinem dröhnenden Baß, trank den Wein aus, wischte sich mit der Hand den Schnurrbart und fuhr fort:
»Eines Tages stand ich auf einem kleinen Hügel an einem Olivenhain und bewachte die Bäume, die von den Bauern beschädigt worden waren. Am Fuße des Hügels
arbeiteten zwei Männer, ein Greis und ein Jüngling, sie gruben einen Graben. Es war heiß, die Sonne brannte, daß man sich wünschte, bei den Fischen zu sein; ich starb vor Langweile und betrachtete wütenden Blickes die Bauern. Um die Mittagsstunde stellten sie die Arbeit ein und holten Brot. Hol' euch der Teufel, denke ich. Plötzlich spricht der Alte, der mir bis dahin keinen Blick zugeworfen hatte, einige Worte zu dem Jungen. Der schüttelt ablehnend den Kopf, worauf der Alte ihm laut und böse zurief: ›Geh'!‹ Der Junge kommt mit dem Weinkrug in der Hand auf mich zu und spricht nicht sehr freundlich: ›Der Vater glaubt, Sie wollen trinken und bietet Ihnen Wein an!‹ Es war eine dumme Situation, aber schließlich war's doch angenehm. Ich lehnte ab und nickte dem Alten dankend zu, worauf dieser, mit einem Blick zum Himmel, bemerkte: ›Trinken Sie nur, Signore, trinken Sie! Wir bieten diesen Trunk dem Menschen und nicht dem Soldaten und hoffen ja gar nicht, daß unser Wein den Soldaten besser machen wird!‹ Hol' dich der Teufel mit deinen bissigen Bemerkungen, dachte ich, trank drei Schluck Wein, bedankte mich, und die beiden da unten begannen ihre Mahlzeit. Bald darauf wurde ich von dem Salernitaner Ugo abgelöst, dem ich leise zuflüsterte, die beiden Bauern seien brave Leute. Am Abend desselben Tages, als ich vor der Scheune Wache stand, fiel mir ein Dachziegel auf den Kopf, wobei mein Kopf zwar nur wenig, dafür aber meine Schulter so stark verletzt wurde, daß mir die linke Hand wie leblos vom Rumpfe herabhing.«
Der Schlosser lachte mit weitgeöffnetem Munde und zusammengekniffenen Augen laut auf.
»Dachziegel, Steine und Stöcke«, rief er lachend,
»hatten damals an jenem Orte die Eigenschaft lebender Wesen erlangt, und diese Eigenmächtigkeit der unbelebten Gegenstände war die Ursache, daß unsere Köpfe mit recht kräftigen Beulen bedacht wurden. Es brauchte nur irgendwo ein Soldat zu stehen oder vorüberzugehen, so sprang plötzlich ein Knüppel vom Boden auf, oder es fiel ebenso unerwartet ein Stein vom Himmel herab. Wir waren darüber natürlich wütend!«
Die Augen des kleinen Malers nahmen einen traurigen Ausdruck an, das Gesicht wurde blaß, und er sprach leise:
»Man schämt sich stets, solche Dinge zu hören …«
»Was soll man tun? Die Menschen nehmen nur langsam Vernunft an … Ich rief also um Hilfe, und man brachte mich in ein Haus, wo schon ein anderer lag, der im Gesicht von einem Stein verletzt worden war. Ich fragte ihn, wie sich das zugetragen hatte, worauf er mir mit grimmigem Lächeln entgegnete: ›Ein altes Weib, Kamerad, eine alte graue Hexe hat mich verletzt!‹ Hat man sie verhaftet? fragte ich. ›Ich habe gesagt, ich wäre selbst hingefallen und hätte mich verletzt. Der Kommandeur glaubt mir nicht, ich sah es an seinen Augen. Aber nicht wahr, man kann doch nicht eingestehen, daß man von einem alten Weib verletzt worden ist, he? Teufel noch mal, es geht ihnen selbst an den Kragen, da versteht es sich von selbst, daß sie uns nicht leiden mögen.‹ So, so! dachte ich. Bald darauf erschien der Arzt in Begleitung zweier Damen. Die eine war sehr schön, eine Blondine und offenbar Venezianerin, der anderen entsinne ich mich nicht mehr. Sie untersuchten meine Wunde, die natürlich nur unbedeutend war, legten mir einen Verband auf und entfernten sich.«
Der Schlosser runzelte die Stirn, verstummte und rieb
sich kräftig die Hände; der Gefährte goß wieder die Gläser voll und hob die Flasche in die Höhe, und der Wein funkelte in der Luft wie ein roter lebendiger Strahl.
»Wir beide setzten uns ans Fenster,« fuhr der Schlosser finster fort, »und zwar so, daß die Sonne uns nicht beleuchtete. Plötzlich vernahmen wir die zarte Stimme der Blonden, die mit der Freundin und dem Arzt durch den Garten ging. Sie sprachen französisch, was ich recht gut verstehe.
›Haben Sie bemerkt,‹ sprach sie, ›was für Augen er hat? Er ist natürlich auch ein Bauer und wird vielleicht, wenn er die Uniform ausgezogen hat, gleichfalls Sozialist werden, wie alle bei uns. Und Leute mit solchen Augen wollen die ganze Welt erobern, das ganze Leben umgestalten, uns wegjagen und alles zerstören, nur damit eine blinde, langweilige Gerechtigkeit triumphiere!‹
›Dumme Kerls!‹ bemerkte der Arzt. ›Halb Kinder, halb Tiere!‹
›Tiere? – ja, aber was finden Sie Kindliches an ihnen?‹
›Ach, diese Träume von der allgemeinen Gleichheit …‹
›Stellen Sie sich das einmal vor: ich soll diesem Burschen mit den Stieraugen und dem anderen mit dem Vogelgesicht gleichgestellt werden! Wir alle: Sie, ich, meine Freundin, – wir sollen mit all diesen Leuten mit dem Plebejerblut auf einer Stufe stehen! Mit diesen Leuten, die man nur dazu verwenden kann, um ähnliche Leute wie sie, das heißt ebensolche Tiere, zu bändigen …‹
Sie sprach noch lange und mit großer Leidenschaft weiter. So, Signora? dachte ich. Es war nicht das erste Mal, daß ich sie gesehen hatte, und du weißt doch, daß niemand mit einer solchen Leidenschaft an das Weib denkt wie der Soldat. Ich hatte sie mir sanft, klug, gutherzig
vorgestellt, und ich war von der Vorstellung durchdrungen, die Aristokraten stünden in geistiger Hinsicht hoch über allen anderen Menschen.
Ich fragte meinen Kameraden, ob er diese Sprache verstände. Nein, er verstand sie nicht. Ich übersetzte ihm hierauf die Worte des blonden Fräuleins. Der Junge geriet in eine fürchterliche Wut und sprang wie ein Teufel im Zimmer umher, wobei sein nicht verbundenes Auge Blitze schleuderte. ›So, so!‹ murmelte er. ›Sie nutzt mich bloß aus, ohne mich für einen Menschen zu halten! Um ihretwillen lasse ich mich in meiner Menschenwürde kränken, und sie streitet sie mir überhaupt ab! Um ihr Eigentum zu schützen, setze ich das Heil meiner Seele auf das Spiel.‹
Er war ein kluger Bursche und fühlte sich wie ich auf das tiefste verletzt. Am folgenden Tage sprachen wir bereits ohne jede Rücksicht von der Dame, während Luoto nur brummte und uns den Rat gab: ›Nehmt euch in acht, Kinder! Vergeßt nicht, ihr seid Soldaten, es gibt noch etwas wie Disziplin!‹
Nein, das vergaßen wir nicht. Aber sehr viele von uns, oder ehrlich gesagt, fast alle wurden taub und blind, und die Bauern, diese braven Kerle, nutzten unsere Taubheit und Blindheit vortrefflich aus. Sie gewannen den Kampf. Sie hielten sich uns gegenüber ausgezeichnet; die Blonde hätte viel von ihnen lernen können, so zum Beispiel wie man ehrliche Leute achten muß. Als wir den Ort verließen, den wir mit der Absicht, Blut zu vergießen, betreten hatten, erhielten viele von uns Blumen geschenkt. Als wir das letzte Mal durch das Dorf marschierten, wurden wir nicht mit Steinen und Dachziegeln, sondern mit Blumen überschüttet. Ja, mein Freund, und ich glaube, wir haben
es verdient. Ein unfreundliches Willkommen läßt sich leicht vergessen, wenn einem ein guter Abschied bereitet wird.«
Er lachte fröhlich:
»Das mußt du in Verse bringen, Vincenzo …«
Der Maler wiegte nachdenklich lächelnd das Haupt.
»Ja, das würde sich vortrefflich für eine kleine poetische Erzählung eignen. Ich denke, das könnte mir gelingen. Wenn man über die fünfundzwanzig hinaus ist, ist man ein schlechter Lyriker.«
Er warf die welke Blüte, die er in der Hand hielt, weg, pflückte eine neue und fuhr fort:
»Hat der Mensch den Weg durchschritten, der von der Mutterbrust bis zur Brust der Geliebten führt, so muß er weiter, zu einem anderen Glück fortschreiten …«
Der Schlosser schwieg und nahm einen Schluck Wein. Unten hinter den Weinbergen rauscht leise das Meer. Blumenduft schwimmt durch die heiße Luft.
»Diese Sonne macht uns zu faul und zu weich,« murmelt der Schlosser.
»Die lyrischen Gedichte wollen mir nicht mehr gelingen,« sagt Vincenzo, die feinen Augenbrauen runzelnd, »ich bin sehr unzufrieden mit mir …«
»Hast du etwas Neues gedichtet?«
Der Maler antwortet nicht sogleich:
»Ja, gestern, auf dem Dache des Hotels Como.«
Und er rezitiert halblaut und träumerisch, mit singender Stimme:
»Den altersgrauen Fels und das öde Gestade
Grüßt mild ein Strahl der sinkenden herbstlichen Sonne;
Es stürzt auf die finsteren Klippen sich gierig die Welle
Und spült die Sonne hinweg in die kalten azurnen Fluten;
Das Kupferrot der Blätter, die der Herbstwind vom Baume geschüttelt,
Glänzt hell im schäumenden Naß wie toter Vögel Gefieder,
Der blaue Himmel blickt traurig, und finster dräuen die Wogen,
Die Sonne nur lächelt allein und senkt sich gehorsam hernieder.«
Beide schweigen lange, der Maler blickt gesenkten Hauptes zu Boden, während der große, schwerfällige Schlosser lächelt und sagt:
»Man kann alles schön schildern, das Beste aber ist ein schönes Wort über einen guten Menschen, ist ein Lied von der Güte des Menschen.«
Der Bucklige
Durch den dunkelgrünen, aus Weinreben gewebten Vorhang flutet das Sonnenlicht auf die Hotelterrasse, – goldene Fäden durchziehen die Luft. Auf den grauen Steinfliesen und auf den weißen Tischdecken bilden sich seltsam verschlungene Schatten. Hält man lange den Blick auf sie geheftet, so scheint es einem, als seien es Verse, die man bald lesen lernen und deren verborgenen Sinn man bald erraten wird. Die Weintrauben funkeln in der Sonne wie Perlen oder Chrysolit, und das Wasserglas auf dem Tisch glänzt wie ein blauer Diamant.
In dem Gang zwischen den Tischen liegt ein kleines Spitzentuch. Sicherlich hat eine Dame es fallen lassen, eine Dame von göttlicher Schönheit, – anders ist es nicht denkbar an diesem Tage voll heißer Lyrik, an dem alles verschwindet, was an den langweiligen Alltag erinnert, und alles wie vor Scham an der Sonne zerfließt.
Es herrscht eine tiefe Stille; nur die Vögel zwitschern im Garten; die Bienen fliegen summend von einer Blüte zur andern, und dort irgendwo auf der Höhe, von den Weinbergen, steigt ein heißes Lied zum Himmel empor. Zwei Menschen singen: ein Mann und eine Frau, auf jeden Vers folgt eine Minute des Stillschweigens, und dies verleiht dem Gesang einen besonderen Ausdruck und eine seltsame Weihe.
Doch nun kommt eine Dame aus dem Garten und
schreitet die breiten Marmorstufen empor; es ist eine alte, hochgewachsene Frau mit einem dunklen, strengen Gesicht, gerunzelten Brauen und dünnen Lippen, die fest zusammengekniffen sind, als hätten sie eben ein strenges Nein gesprochen.
Ihre hageren Schultern sind in einen breiten, langen, mantelähnlichen Überwurf aus goldiger Seide mit Spitzenbesatz gehüllt; das graue Haar des unverhältnismäßig kleinen Kopfes ist mit einem schwarzen Spitzenschleier bedeckt; in der einen Hand hält sie den langen Stock eines roten Schirmes, in der anderen eine mit Silber ausgelegte Handtasche aus schwarzem Sammet. Fest und aufrecht wie ein Soldat schreitet sie durch das feine Strahlengewebe, mit ihrem Schirm laut auf die Fliesen des Fußbodens stoßend. Von der Seite betrachtet, hat ihr Gesicht ein noch strengeres Aussehen; die Nase ist nach unten gebogen, das scharf hervortretende Kinn trägt eine große, graue Warze, die gewölbte Stirn steigt steil über den Augen empor, in deren Höhlen, in einem Netz von Falten, die Augen verborgen liegen. Sie sitzen so tief, daß die alte Frau den Eindruck einer Blinden macht.
Hinter ihr taucht, wie ein Enterich watschelnd, der quadratische Körper eines Buckligen auf; sein großer, unter seiner Last nach unten sinkender Kopf ist mit einem weichen grauen Hut bedeckt. Der Bucklige steigt geräuschlos die Treppe empor. Seine Hände stecken in den Westentaschen, was seine Figur noch breiter und eckiger erscheinen läßt. Er hat einen weißen Anzug und weiße Schuhe mit weichen Sohlen an. Sein Mund steht offen und hat einen krankhaften Zug, die Zähne stehen schief und die Oberlippe ist mit einem dünnen, harten, dunklen Schnurrbart bedeckt, der aus Draht gemacht zu sein
scheint und dessen Enden starr nach allen Seiten auseinanderstarren; er atmet oft und mühsam, seine Nase bewegt sich hin und her, während der Schnurrbart unbeweglich bleibt. Beim Gehen kehrt er die kurzen Beine häßlich nach außen, während seine ungeheuren Augen gelangweilt und müde zu Boden blicken.
Der kleine Körper ist mit vielen schweren Schmuckgegenständen bedeckt: der Goldfinger der linken Hand ist mit einem breiten goldenen Ring mit einer Gemme verziert, an einem schwarzen Bande, das die Uhrkette ersetzt, hängt eine große goldene Berlocke mit zwei Rubinen, und im blauen Halstuch steckt ein enormer Opal, der Unglücksstein.
Jetzt betritt noch eine dritte Person langsam die Terrasse, eine kleine, rundliche alte Frau mit einem gutmütigen roten Gesicht und lebhaften Augen, allem Anscheine nach ein lustiges, schwatzhaftes Wesen.
Sie gehen auf den Eingang des Hotels zu, wie die Menschen auf den Bildern Hogarths: – häßlich, traurig, komisch, wie wenn ihnen alles unter dieser Sonne fremd wäre; es ist fast so, wie wenn alles trüb und dunkel wird, wo sie erscheinen.
Es ist ein holländisches Geschwisterpaar, der Vater war Bankier und handelte mit Brillanten. Wenn man den spöttischen Erzählungen über die Leute glauben darf, so muß ihr Schicksal höchst seltsam gewesen sein.
Der Bucklige war ein stilles, unscheinbares, nachdenkliches Kind. Spielsachen hatte er nicht gerne, und dieser Umstand erregte bei niemand Befremden außer bei der Schwester. Vater und Mutter waren der Meinung, ein mißgestalteter Mensch müsse so sein, nur das Mädchen, das um vier Jahre älter war als der Bruder, fühlte sich durch sein Wesen heftig beunruhigt.
Sie leistete ihm fast den ganzen Tag Gesellschaft, suchte ihn auf jegliche Art und Weise aufzuheitern, zum Lachen zu bringen und zum Spielen zu veranlassen. Er baute Pyramiden aus dem ihm gereichten Spielzeug, und nur selten erschien durch die Bemühungen der Schwester ein gezwungenes Lächeln auf seinem Gesicht. In der Regel jedoch sah er die Schwester mit demselben unfrohen Blick aus seinen großen Augen an, mit dem er alles andere betrachtete; dieser Blick lähmte ihren Eifer und versetzte sie in Zorn.
»Untersteh' dich nicht, mich so anzublicken!« schrie sie, mit den Füßen stampfend. »Sonst wirst du, wenn du groß bist, ein Idiot werden!« Sie kniff und schlug ihn, während er die langen Hände emporstreckte, den Kopf duckte und sich ihrer zu erwehren suchte. Aber er lief nie fort und beklagte sich nie wegen der Schläge, die er von ihr erhielt.
Später jedoch, als er, wie sie meinte, bereits begreifen konnte, was ihr klar geworden war, ermahnte sie ihn:
»Wenn du eine Mißgeburt bist, so mußt du klug und vernünftig sein, sonst werden alle Leute, Vater, Mutter und ich, sich deiner schämen! Selbst die Dienstboten werden sich schämen, daß es in einem so reichen Hause einen solchen mißgestalteten Zwerg gibt. In einem reichen Hause müssen alle schön oder gescheit sein, – hast du verstanden?«
»Ja,« entgegnete er ernst, indem er den großen Kopf zur Seite neigte und den dunklen Blick seiner leblosen Augen auf die Schwester richtete.
Die Eltern konnten sich nicht genug über die Art freuen, wie Tochter und Sohn miteinander verkehrten, und lobten in seiner Gegenwart stets ihr gutes Herz. Allmählich
wurde sie ganz unmerklich die allgemein anerkannte Gespielin des Buckligen, sie lehrte ihn, mit dem Spielzeug hantieren, half ihm bei seinen Aufgaben und las ihm Geschichten über Prinzen und Feen vor.
Allein noch immer schichtete er das Spielzeug zu einem hohen Haufen auf, als schwebte ihm ein unbekanntes Ziel vor, das er erreichen wollte. Er lernte schlecht, war unaufmerksam beim Unterricht, und nur die Märchenwunder entlockten ihm zuweilen ein schüchternes Lächeln. Einmal fragte er seine Schwester:
»Gibt es bucklige Prinzen?«
»Nein.«
»Und bucklige Ritter?«
»Natürlich nicht.«
Der Knabe seufzte tief auf, sie aber legte ihre Hand auf sein struppiges Haar und sagte, um ihn zu trösten:
»Aber die klugen Zauberer sind immer bucklig.«
»Ich werde also ein Zauberer werden,« sagte er resigniert. Nach einer kurzen Weile fragte er wieder:
»Und sind die Feen immer schön?«
»Immer.«
»So wie du?«
»Vielleicht! Ich glaube sogar noch viel schöner,« ergänzte sie aufrichtig.
Als er acht Jahre alt geworden war, bemerkte die Schwester, daß er stets, wenn sie an Neubauten vorübergingen oder vorbeifuhren, die Arbeit der Leute mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte und seine stummen Augen fragend auf die Schwester richtete.
»Interessiert dich das?« fragte sie ihn.
»Freilich,« entgegnete er einsilbig wie immer.
»Weshalb?«
»Ich weiß es nicht.«
Einmal gab er aber doch eine Art Erklärung:
»Solche kleine Leute und solche winzige Ziegelsteine – und hierauf solche ungeheure Häuser. Hat man die ganze Stadt so gebaut?«
»Natürlich.«
»Auch unser Haus?«
»Gewiß!«
Sie sah ihn an und erklärte mit großer Bestimmtheit:
»Du wirst ein berühmter Architekt werden, ja, das wirst du!«
Man kaufte ihm eine Menge hölzerner Bauklötze, und von diesem Augenblick an erwachte eine unbezähmbare Leidenschaft für das Bauen in ihm. Tagelang saß er auf dem Fußboden seines Zimmers, errichtete schweigend hohe Türme, die krachend zusammenstürzten, und fuhr doch immer in seiner Arbeit fort, die ihm so zum Bedürfnis wurde, daß er sogar während des Mittagessens einen Bau aus Messern, Gabeln und Serviettenringen aufzuführen suchte. Sein Blick war tiefer, konzentrierter geworden, die Hände schienen lebendiger zu werden, bewegten sich in einemfort hin und her und betasteten jeden Gegenstand, den sie erreichen konnten.
Auf Spaziergängen konnte er nun stundenlang vor einem Neubau stehen bleiben und das langsame Wachsen des ungeheuren Baues verfolgen; seine Nase zog gierig den Staub der Ziegelsteine und den Geruch des kochenden Kalkes ein, die Augen nahmen den Ausdruck gespannten Nachdenkens an, er hörte nicht, wenn man ihn zum Weitergehen aufforderte.
»Komm!« mahnte die Schwester, indem sie ihn am Ärmel zupfte.
Er neigte den Kopf und ging weiter, doch konnte er sich nicht enthalten, immer wieder zurückzublicken.
»Du wirst ein Baumeister werden, nicht wahr?« fragte die Schwester, um ihn immer wieder in diesem Gedanken zu bestärken.
»Gewiß.«
Eines Tages begann der Vater, der nach dem Mittagsmahl im Salon saß und auf den Kaffee wartete, davon zu sprechen, es sei jetzt Zeit, die Spielsachen beiseite zu legen und ernsthaft ans Lernen zu denken. Da aber fragte die Tochter in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete:
»Ich hoffe, Papa, du denkst doch nicht, ihn in eine Lehranstalt zu schicken?«
Der glattrasierte, große Mann mit den vielen Diamanten und Schmuckgegenständen zündete sich langsam eine Zigarre an.
»Weshalb nicht?«
»Du weißt doch, weshalb!«
Der Bucklige entfernte sich geräuschlos aus dem Zimmer, da über ihn gesprochen wurde; er ging langsam hinaus und hörte noch, wie die Schwester sagte:
»Man wird ihn ja dort auslachen!«
»Aber natürlich!« warf die Mutter mit ihrer tiefen Stimme, die an den feuchten Herbstwind erinnerte, ein.
»Solche wie er muß man vor der Welt verbergen!« rief das Mädchen erregt.
»Ach ja, mit ihm kann man keine Ehre einlegen!« fiel die Mutter zustimmend ein. »Aber wieviel Verstand steckt doch in diesem Köpfchen!«
»Ihr mögt recht haben!« bemerkte der Vater.
»Wieviel Verstand …«
Der Bucklige war wieder zurückgekehrt und stand in der Tür:
»Ich bin gar nicht dumm …«
»Wir wollen sehen,« bemerkte der Vater, während die Mutter beteuerte:
»Aber niemand hat ja etwas Ähnliches behauptet …«
»Du wirst zu Hause unterrichtet werden,« erklärte die Schwester, ihn neben sich hinsetzend. »Du wirst alles lernen, was ein Architekt wissen muß, – ist dir das recht?«
»Ja, du wirst schon sehen!«
»Was werde ich sehen?«
»Daß es mir recht ist.«
Sie war nur um einen halben Kopf höher als er, trotzdem beherrschte sie alle im Hause, selbst den Vater und die Mutter. Damals war sie fünfzehn Jahre alt. Er sah einer Krabbe ähnlich, während sie mit ihrer zierlichen, schlanken, kräftigen Gestalt wie eine gütige Fee erschien, deren Machtwort das ganze Haus beherrschte, und unter deren Schutz der kleine Bucklige sich begeben mußte.
Und nun kamen allerhand kalte, höfliche Leute zu ihm, die ihm irgend etwas erklärten und Fragen an ihn richteten, während er gleichgültig eingestand, er begreife die Wissenschaften nicht; und da sein Kopf voll eigener Gedanken steckte, sah er kalt und fremd über die Lehrer hinweg. Es war allen klar, daß seine Gedanken etwas Ungewöhnliches an sich hatten. Er sprach nur wenig, aber zuweilen stellte er sonderbare Fragen:
»Was geschieht mit den Leuten, die nichts tun wollen?«
Der Lehrer, ein Mann von guter Erziehung, der in seinem schwarzen, zugeknöpften Rock den Eindruck eines Priesters und eines Soldaten machte, entgegnete:
»Solchen Leuten passiert alles nur erdenklich Schlimme. Viele von ihnen werden zum Beispiel Sozialisten.«
»Danke!« bemerkte der Bucklige, der die Lehrer kühl und korrekt, wie ein Erwachsener behandelte. »Was ist ein Sozialist?«
»Im besten Falle – ein Phantast und ein Faulpelz, im allgemeinen jedoch – ein moralischer Krüppel, dem jeder Begriff von Gott, Besitz und Natur fremd ist.«
Die Lehrer antworteten stets kurz und bestimmt; ihre Antworten blieben für immer im Gedächtnis des Knaben haften.
»Kann auch eine alte Frau ein moralischer Krüppel sein?«
»Aber natürlich, unter ihnen …«
»Auch ein kleines Mädchen?«
»Jawohl. Das ist eine Eigenschaft, die angeboren ist …«
Die Lehrer urteilten folgendermaßen über ihn:
»Er hat nur schwache Fähigkeiten für die Mathematik, aber ein großes Interesse für moralische Fragen …«
»Du redest zu viel,« sprach die Schwester zu ihm, als sie von seinen Unterhaltungen mit den Lehrern erfuhr.
»Sie reden mehr als ich.«
»Du betest auch zu wenig.«
»Gott wird mir meinen Buckel nicht gerade machen …«
»Wie, du trägst dich mit solchen Gedanken!« rief sie erstaunt. Schließlich erklärte sie ihm:
»Ich vergebe dir diesmal, du sollst aber aufhören, dich mit diesen Gedanken zu beschäftigen, verstehst du mich?«
»Ja.«
Sie trug jetzt schon lange Kleider, während er dreizehn Jahre alt war.
Seitdem gab es häufig Unannehmlichkeiten; fast jedesmal,
wenn sie sein Arbeitszimmer betrat, fielen ihr irgendwelche Holzstücke, Bretter und Werkzeuge vor die Füße und trafen bald ihre Schultern, bald ihren Kopf oder sie fielen ihr auf die Hände. Der Bucklige warnte sie stets, – sein Warnungsruf kam aber in der Regel zu spät.
Eines Tages sprang sie bleich und wütend auf ihn zu.
»Du tust das absichtlich, du Unhold!« schrie sie und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht.
Er sank zu Boden; dann aber fragte er, auf dem Fußboden kauernd, ohne Tränen und ohne Erregung:
»Wie kannst du so etwas von mir denken? Du liebst mich doch, – nicht wahr? Du liebst mich doch?«
Sie lief stöhnend aus dem Zimmer, um nach einer Weile zurückzukehren.
»Siehst du … früher kam so etwas nicht vor …«
»Früher sah es hier auch anders aus,« entgegnete er ruhig, mit einer großen Handbewegung: in den Zimmerecken waren Bretter und Kästen aufgetürmt, alles hatte ein chaotisches Aussehen, die Hobelbank und die Drehbank waren mit Holzklötzen bedeckt.
»Weshalb hast du dir soviel von diesem unnützen Zeug angeschafft?« fragte sie, indem sie sich voller Ekel und Mißtrauen umsah.
»Das wirst du schon sehen!«
Er hatte bereits angefangen zu bauen: ein Kaninchenhäuschen, eine Hundehütte, eine Mausefalle. Die Schwester verfolgte seine Arbeit voller Eifer und berichtete bei Tische stolz darüber. Der Vater nickte zustimmend mit dem Kopfe:
»Jeder fängt klein an, das ist immer so!«
Die Mutter umarmte ihren Sohn.
»Verstehst du nun, wie sehr du ihr für ihre Sorge um dich danken mußt?«
»Ja,« entgegnete der Bucklige.
Als er mit der Mausefalle fertig war, rief er seine Schwester zu sich ins Zimmer und zeigte ihr den plumpen Apparat:
»Das ist kein Spielzeug mehr, das kann ich mir patentieren lassen. Sieh', wie einfach und stark der Apparat konstruiert ist. Berühre diese Stelle.«
Das Mädchen berührte die Falle, irgend etwas klappte zusammen, sie schrie wild auf, während der Bucklige um sie herumsprang und murmelte:
»Oh, das war nicht die richtige Stelle …«
Die Mutter lief herbei, Diener kamen auch herbeigerannt. Man zerbrach die Mausefalle und befreite den zerquetschten, blau angelaufenen Finger des Mädchens, das ohnmächtig hinausgetragen wurde.
»Ich werde alles hinauswerfen lassen,« schrie die Mutter, »ich verbiete dir …«
Am Abend wurde der Bucklige zur Schwester gerufen.
»Das hast du absichtlich getan! Du haßt mich! Weshalb?«
Er schüttelte seinen Buckel und entgegnete leise und ruhig:
»Du hast einfach die unrichtige Hand in die Falle gesteckt.«
»Du lügst!«
»Wozu sollte ich denn deine Hände verunstalten wollen? Es ist ja doch nicht einmal die Hand, mit der du mich geschlagen hast …«
»Paß' auf, du Unhold, du bist nicht klüger als ich!«
»Ich weiß es.«
Er sah nicht danach aus, als ob er die Schwester bemitleidete
und sich für schuldig hielt. Sein eckiges Gesicht war vollkommen ruhig wie immer, seine Augen blickten gedankenvoll. Es schien unmöglich, daß er boshaft und verlogen sein konnte.
Nach diesem Vorfall besuchte sie ihn nicht mehr so oft wie früher. Mitunter erhielt sie Besuch von ihren Freundinnen, lebhaften, libellengleichen Mädchen in bunten Kleidern, die in den großen, etwas kühlen und finsteren Zimmern lustig umhertollten. Die Bilder, die Statuen, die Blumen und die vergoldeten Verzierungen, – alles erhielt durch sie einen wärmeren Anstrich. Zuweilen kam die Schwester mit ihnen in das Zimmer des Buckligen. Sie streckten ihm schüchtern die kleinen Fingerchen mit den rosigen Nägeln entgegen und berührten seine Hand so vorsichtig, als fürchteten sie sich, sie zu zerbrechen. Im Gespräch waren sie besonders freundlich und zuvorkommend gegen ihn und betrachteten erstaunt, aber ohne Interesse seine bucklige Gestalt, die tief zwischen seinen Instrumenten, Zeichnungen, Holzstücken und Hobelspänen versteckt war. Er wußte, daß alle diese Mädchen ihn einen »Erfinder« nannten – dies hatte die Schwester ihnen erzählt –, und daß man die Erwartung auf ihn setzte, er werde den Namen seines Vaters berühmt machen. Jedenfalls sprach die Schwester mit aller Bestimmtheit davon.
»Er ist allerdings häßlich, aber ungemein klug,« wiederholte sie oft.
Sie war jetzt neunzehn Jahre alt und bereits verlobt, als der Vater und die Mutter während einer Vergnügungsfahrt umkamen. Sie befanden sich auf einer Jacht, die von dem betrunkenen Steuermann eines amerikanischen Frachtschiffes in den Grund gebohrt wurde, und ertranken; sie
hätte eigentlich auch mitfahren sollen, war aber wegen eines plötzlich einsetzenden Zahnwehs zu Hause geblieben.
Als die Nachricht vom Tode der Eltern eintraf, lief sie, ihr Zahnweh vergessend, mit gerungenen Händen im Zimmer umher und schrie:
»Nein, nein, das ist unmöglich!«
Der Bucklige stand in der Tür, hüllte sich in die Falten der Portiere, sah die Schwester aufmerksam an und sprach, während er seinen Buckel hin und her bewegte:
»Vater war so rund und so aufgedunsen, – ich begreife nicht, wie er ertrinken konnte …«
»Schweig', du hast niemand lieb!« schrie die Schwester.
»Ich kann bloß keine süßen, zärtlichen Redensarten machen.«
Der Leichnam des Vaters wurde nicht gefunden, die Mutter war jedoch bereits tot, als sie ins Wasser fiel. Man hatte sie herausgefischt, und nun lag sie im Sarge, zerbrechlich und trocken wie der abgestorbene Zweig eines alten Baumes, dem sie schon bei Lebzeiten ähnlich gewesen war.
»Nun sind wir beide allein zurückgeblieben,« sprach die Schwester nach der Beerdigung streng und traurig zu dem Buckligen und wies ihn mit ihren scharfen Augen von sich. »Wir werden es schwer haben! Wir verstehen nichts von den Dingen und können sehr viel verlieren. Wie schade, daß ich nicht schon jetzt heiraten kann!«
»Oh!« rief der Bucklige aus.
»Was willst du damit sagen?«
Er überlegte einen Augenblick.
»Wir sind allein.«
»Du sagst das, als freuest du dich darüber?«
»Ich freue mich über nichts!«
»Schade! Du hast überhaupt wenig Ähnlichkeit mit einem lebendigen Menschen.«
Am Abend kam gewöhnlich ihr Verlobter, ein kleines, semmelblondes, lebhaftes Männlein mit einem buschigen Schnurrbart und einem sonnengebräunten, runden Gesicht zu ihr; er lachte unablässig, den ganzen Abend über, und konnte wahrscheinlich auch den ganzen Tag über lachen. Die Verlobung war bereits öffentlich bekannt gegeben. Für das junge Paar wurde in einer der schönsten Straßen der Stadt ein neues Haus gebaut. Der Bucklige war noch nie auf diesem Bau gewesen und liebte es nicht, wenn man darüber sprach. Der künftige Schwager klopfte ihm mit seiner kleinen, vollen, mit Ringen bedeckten Hand auf die Schulter und sprach lachend:
»Du müßtest hingehen und dir den Bau ansehen, he? Was denkst du darüber?«
Er schlug mehrfach und unter allen erdenklichen Vorwänden die Einladung aus. Endlich gab er nach und begab sich mit der Schwester und ihrem Verlobten dorthin. Als er mit ihm bis auf das obere Stockwerk des Gerüstes hinaufgeklettert war, stürzten sie beide ab, der Bräutigam fiel in eine Kalkgrube, der Bucklige – auf das untere Gerüst, wo er mit seinen Kleidern hängen blieb, bis die Maurer ihn herunterholten. Er kam mit einem verrenkten Arm und Bein und einem zerschlagenen Gesicht davon, der Verlobte der Schwester aber hatte sich das Rückgrat gebrochen und an einer Seite den Leib aufgerissen.
Die Schwester wälzte sich in konvulsivischen Zuckungen am Boden und krallte sich mit ihren Fingern an ihm fest. Sie weinte lange Zeit – mehr als einen Monat lang – über ihren Bräutigam; sie war jetzt ihrer Mutter ähnlich
geworden: lang und hager, und ihre Stimme klang rauh und kalt.
»Du bist mein Unglück!«
Er schwieg und senkte die Augen zu Boden. Die Schwester ging jetzt ganz in Schwarz gekleidet, ihre Augenbrauen bildeten eine gerade Linie, und wenn sie den Bruder ansah, preßte sie die Zähne so fest zusammen, daß ihre Backenknochen stark hervortraten. Er war stets bestrebt, ihr aus dem Wege zu gehen und arbeitete in einemfort einsam und verschlossen an seinen Zeichnungen. So lebte er bis zu dem Tage, an dem er mündig wurde; von diesem Tage an begann ein offener Kampf zwischen ihnen, dem sie ihr ganzes Leben opferten, und der sie durch unzerreißbare Bande gegenseitiger Kränkungen und Beleidigungen aneinander knüpfte.
An dem Tage, an dem der Bucklige mündig wurde, sprach er im Tone eines Erwachsenen zu ihr:
»Es gibt weder böse Zauberer noch gute Feen, es gibt nur Menschen, böse und einfältige Menschen, und alles, was über das Gute gesagt wird, ist ein bloßer Traum! Ich aber will, daß dieser Traum zur Wirklichkeit werde. Entsinnst du dich, wie du mir einmal sagtest, in einem reichen Hause müsse alles schön, klug und gescheit sein? In einer reichen Stadt muß auch alles schön sein. Ich will deshalb ein Stück Land außerhalb der Stadt kaufen und will dort ein Haus für mich und alle mißgestalteten Geschöpfe bauen, die mir ähnlich sehen. Ich will sie alle aus dieser Stadt hinausführen, wo sie es so schwer haben, und wo sie solchen Leuten wie dir nur unangenehm sind …«
»Nein,« rief sie, »das wirst du selbstverständlich nicht tun! Das ist ein wahnsinniger Gedanke!«
»Das ist – dein Gedanke!«
Sie stritten kalt und ruhig miteinander, wie zwei Menschen, die sich ewiglich hassen und nicht genötigt sind, ihren Haß zu verbergen.
»Es ist eine beschlossene Sache!« erklärte er.
»Nicht bei mir.«
Er entfernte sich, nach einiger Zeit erfuhr die Schwester, das Stück Land sei angekauft, und die Arbeiter hätten bereits begonnen, den Grund für das Fundament zu graben und Ziegelsteine, eiserne Träger, sowie hölzerne Balken nach der Baustelle zu schaffen.
»Du hältst dich wohl noch immer für einen dummen Jungen?« fragte die Schwester. »Glaubst du, daß das nur ein Scherz ist?«
Er schwieg.
Einmal wöchentlich fuhr die Schwester, das weiße Pferd selber lenkend, in ihrem Wägelchen zur Stadt hinaus; schlank, hager und stolz fuhr sie langsam an der Baustelle vorüber und sah kalt zu, wie das rote Fleisch der Ziegelsteine durch die eisernen Längsbalken zusammengefügt und von gelben Holzbalken wie von Nervenfäden durchschnitten wurde. Sie sah von Ferne die krabbenähnliche Gestalt des Bruders, mit zerknülltem Hut, grau und verstaubt, mit dem Spazierstöckchen in der Hand auf dem Gerüst herumklettern. Zu Hause betrachtete sie unverwandt sein lebhaftes Gesicht mit den dunklen Augen, die nun viel weicher und klarer geworden waren.
»Ja,« sprach er leise, »ich habe doch recht getan! Mein Werk ist für euch wie für uns in gleichem Maße eine Wohltat! Es ist doch was Wunderbares um das Bauen, – mir scheint, ich werde mich bald für einen glücklichen Menschen halten können …«
»Glücklich?« fragte sie, indem sie ihr Auge mit einem
rätselhaften Blick über seinen verkrüppelten Körper schweifen ließ.
»Ja! Weißt du auch, daß die Menschen, die da arbeiten, ganz anders sind als wir und ganz besondere Gedanken in einem wecken … Wie wohl muß es einem Menschen zumute sein, wenn er die Straßen einer Stadt durchschreitet, in der er Dutzende von Häusern errichtet hat! Unter den Arbeitern gibt es viele Sozialisten; das sind meist nüchterne Leute, die tatsächlich ihr besonderes Ehrgefühl haben … Zuweilen scheint es mir, daß wir unser Volk sehr schlecht kennen …«
»Du redest recht sonderbar,« bemerkte sie.
Der Bucklige lebte auf und wurde mit jedem Tage gesprächiger.
»Eigentlich geht ja alles, wie du es gewünscht hast,« sagte er zu der Schwester. »Ich bin auf dem Wege, ein weiser Zauberer zu werden, der die Stadt von ihren mißgestalteten Einwohnern befreit, und du könntest, wenn du wolltest, die Rolle einer wohltätigen Fee spielen! Weshalb antwortest du nicht?«
»Wir sprechen noch darüber,« entgegnete sie, während ihre Hand mit der Uhrkette spielte.
Eines Tages sagte er in einem Tone zu ihr, der ihr völlig fremd war:
»Ich bin vielleicht mehr in der Schuld bei dir, als du bei mir …«
Sie war aufs höchste erstaunt.
»Ich – in der Schuld? Bei dir?«
»Warte ein wenig. Bei meiner Ehre, ich bin weniger schuldig, als du glaubst! Du weißt ja, ich kann mich nur mit Mühe fortbewegen, vielleicht habe ich ihn damals gestoßen, aber es war keine böse Absicht dabei, nein,
glaube mir's! Meine Schuld war weit größer, als ich deine Hand, mit der du mich geschlagen hattest, verletzen wollte …«
»Lassen wir das!«
»Mir scheint,« murmelte der Bucklige, »man sollte gütiger sein! Ich glaube, das Gute ist kein leerer Traum, sondern etwas Erreichbares …«
Der gewaltige Bau da draußen hinter der Stadt machte außerordentliche Fortschritte; er breitete sich immer mehr auf dem fruchtbaren Boden aus und reckte sich zu dem ewig grauen, regenschwangeren Himmel empor.
Eines Tages erschien eine Abordnung von offiziellen Persönlichkeiten auf dem Bau. Nachdem sie alles besichtigt und sich halblaut miteinander beraten hatten, verboten sie, den Bau weiter fortzusetzen.
»Das ist dein Werk!« schrie der Bucklige und stürzte auf die Schwester los. Er umkrallte ihren Hals mit seinen kräftigen Händen, da kamen plötzlich fremde Leute herbeigelaufen, die die Schwestern von ihm befreiten.
»Sie sehen, meine Herren,« sprach sie, »er ist in der Tat geistig nicht ganz normal! Es ist daher notwendig, ihn unter Vormundschaft zu stellen! Das Leiden hat bereits mit dem Tode des Vaters eingesetzt, den er leidenschaftlich geliebt hat. Fragen Sie unsere Dienstboten, – sie wissen alle, daß er krank ist. Bis jetzt haben diese guten Leute geschwiegen, denn die Ehre des Hauses, in dem viele seit ihrer Kindheit leben, liegt ihnen am Herzen. Auch ich habe mein Unglück verheimlicht, – man hat ja nicht gerade Grund, darauf stolz zu sein, daß man einen wahnsinnigen Bruder hat …«
Bei diesen Worten wurde sein Gesicht blau, die Augen drohten aus den Höhlen zu kriechen, sein ganzer Körper
wurde starr, und schweigend versenkte er seine Nägel in die Hände der Leute, die ihn umklammert hielten. Die Schwester fuhr fort:
»Und nun zu diesem teuren Bau, den ich der Stadt zum Geschenk machen will, damit hier eine psychiatrische Anstalt auf den Namen meines Vater gegründet wird …«
Er kreischte laut auf, verlor das Bewußtsein und wurde hinweggetragen.
Die Schwester ließ den Bau mit derselben Geschwindigkeit zu Ende führen, mit der er ihn begonnen hatte, und als dann die Anstalt eröffnet wurde, wurde der Bucklige als erster Patient dort untergebracht. Sieben Jahre lang hat er dort zugebracht, genug, um sich in einen vollkommenen Idioten zu verwandeln; er leidet nun an Melancholie, während die Schwester in dieser Zeit gealtert ist und die Hoffnung, je Mutter zu werden, aufgegeben hat. Als sie sich endlich überzeugt hatte, daß ihr Feind so gut wie tot war und nie mehr auferstehen werde, nahm sie ihn zu sich in Pflege.
Und so kreisen sie nun wie ein erblindetes Vogelpaar um den Erdball; freudlos und hoffnungslos schweift ihr Blick ringsum über alles, und sie sehen nichts vor sich außer ihrem eignen Ich.
Passagiere der ersten Klasse
Das blaue Wasser scheint so dick zu sein wie Butter, die Schiffsschraube bohrt sich weich und fast unhörbar hindurch. Das Deck unter den Füßen zittert kaum, nur der zum klaren Himmel emporstrebende Mast bebt und die straffgespannten Trossen singen leise. Man gewöhnt sich aber an dieses Beben und bemerkt es nicht, und es scheint, als ruhe der weiße, schlanke Dampfer gleich einem Schwane unbeweglich auf der glatten Meeresfläche. Um das Wasser sich bewegen zu sehen, muß man über Bord schauen: man sieht, wie die grünlich glitzernde Welle von den weißen Schiffswänden zurückgeworfen wird; sie krümmt sich, eilt in breiten, weichen Falten davon, glänzt in der Sonne wie Quecksilber und murmelt schläfrig.
Der Morgen bricht an, das Meer ist noch nicht völlig erwacht, am Himmel sind die rosigen Farben der Morgenröte noch nicht verblaßt, aber wir haben bereits die Insel Gorgona passiert, – ein rauhes, mit Wald bedecktes, einsames Felseneiland, dessen Spitze ein runder, grauer Turm ziert, mit einem Haufen weißer Häuschen, die am schlummernden Wasser stehen. Ein paar kleine Kähne fliegen an den Wänden unseres Schiffes vorüber, – Bewohner der Insel, die auf Sardinenfang ausgehen. Man behält nichts als das gleichmäßige Plätschern der langen Ruder und die schlanken Gestalten der Fischer in Erinnerung – sie
rudern im Stehen und wippen vor und zurück, als verneigten sie sich vor der aufgehenden Sonne.
Hinter dem Schiffe zieht ein breiter Streifen grünlichen Schaumes hin, über den Möven gemächlich dahinstreichen; zuweilen taucht plötzlich ein Vogel auf, der, starr und gerade wie eine Zigarre, geräuschlos über das Wasser hinfliegt, um schnell wie ein Pfeil ins Meer zu schießen.
In der dämmerigen Ferne tauchen die mit violetten Bergen gekrönten Ufer Liguriens aus dem Meere empor; noch zwei – drei Stunden, und das Schiff wird von dem engen Hafen des marmorreichen Genua verschlungen sein.
Immer höher steigt die Sonne, die einen heißen Tag verspricht.
Zwei Stewards sind aufs Verdeck hinauf geeilt; der eine ist jung, schlank, behend, ein Neapolitaner mit einem unfaßbaren Ausdruck im beweglichen Gesicht, der andere mittleren Alters, mit grauem Schnurrbart, schwarzen Augenbrauen, silbernem Borstenhaar auf dem runden Schädel, gebogener Nase und ernsten, klugen Augen. Lachend und scherzend decken sie eilig den Kaffeetisch und laufen schnell davon. An ihrer Stelle kommen die Passagiere – einer nach dem anderen – aus den Kajüten hervorgekrochen: ein Dicker mit einem kleinen Kopf und verschwommenen Zügen, rotbackig und doch traurig, mit müde herabgezogenen, schwellend roten Lippen; ein Mann mit grauem Backenbart, von hohem Wüchse, mit einer Gestalt, die wie gebügelt erscheint, kaum erkennbaren Augen und einer knopfartigen Nase auf dem gelben, flachen Gesicht; nach ihnen stolpert ein rothaariger runder Mann aufs Verdeck; er hat ein Bäuchlein, einen kriegerisch aufgezwirbelten
Schnurrbart, trägt die Tracht eines Hochtouristen und einen federgeschmückten Hut. Alle drei stellen sich an der Bordwand auf, der dritte schließt melancholisch die Augen und sagt:
»Wie still es ist, he?«
Der Mann mit dem Backenbart steckt die Hände in die Taschen, spreizt die Beine und sieht nun aus wie eine geöffnete Schere. Der Rothaarige zieht seine goldene Uhr, die die Größe des Perpendikels einer Wanduhr hat, aus der Tasche, sieht nach, wie spät es ist, streift den Himmel und das Verdeck mit prüfendem Blick und beginnt zu pfeifen, indem er die Uhr hin und her schwenkt und mit dem Fuße den Takt schlägt.
Sodann erscheinen zwei Damen, – eine junge, volle, mit porzellanfarbenem Gesicht, sanften, milchblauen Augen und scheinbar gemalten, dunklen Brauen, von denen eine höher liegt als die andere; die andere, älter, spitznasig, hat volles, aber verblichenes Haar, ein großes, schwarzes Mal auf der linken Wange und trägt zwei goldene Ketten am Halse, eine Lorgnette und zahlreiche Berlocken an dem Gürtel des grauen Kleides.
Der Kaffee wird serviert. Die junge Dame setzt sich schweigend an den Tisch und beginnt das schwarze Getränk einzuschenken, indem sie darauf achtet, daß ihre bis zum Ellenbogen entblößten Arme sich auf besondere Art runden. Der Dicke nimmt seine Tasse in die Hand und seufzt:
»Das wird ein heißer Tag …«
»Du begießt dich mit Kaffee,« bemerkt die ältere Dame.
Er beugt den Kopf nach unten, wobei Kinn und Wangen noch mehr ineinanderfließen, stellt die Tasse auf den
Tisch, wischt sich die Kaffeetropfen mit dem Taschentuch von den grauen Beinkleidern und trocknet sich das schweißbedeckte Gesicht ab.
»Ja!« sagt der Rothaarige plötzlich besonders laut, indem er ein scharrendes Geräusch mit seinen kurzen Beinen macht. »Ja, ja! Wenn schon unsere Radikalen sich über das Banditenunwesen zu beklagen anfangen, so …«
»Hör' auf zu schwätzen, Iwan!« unterbricht ihn die ältere Dame. »Erscheint denn Lisa nicht an Deck?«
»Sie fühlt sich nicht wohl,« entgegnet die Jüngere mit wohltönender Stimme.
»Das Meer ist doch ruhig …«
»Ach, wenn eine Frau sich in einem solchen Zustande befindet …«
Der Dicke lächelt und schließt beseeligt die Augen.
Hinter dem Deck schlagen die Delphine auf dem ruhigen Meeresspiegel Purzelbäume. Der Herr mit dem Backenbart betrachtet sie aufmerksam und erklärt:
»Die Delphine sehen aus wie Schweine.«
Der Rothaarige gibt seine Zustimmung zu erkennen.
»Hier gibt es überhaupt viel Schweinereien.«
Die spitznasige Dame hält die Tasse an die Nase, beriecht den Kaffee und macht eine Gebärde des Ekels:
»Abscheulich!«
»Und die Milch, he?« unterstützt sie der Dicke, erschrocken mit den Augen blinzelnd.
Die Dame mit dem Porzellangesicht flötet:
»Alles so schmutzig, so schmutzig! Und alle sehen aus wie Juden …«
Der Rothaarige flüstert dem Herrn mit dem Backenbart fortdauernd etwas ins Ohr. Er spricht hastig, die Worte verschluckend, als sage er dem Lehrer eine gut
gelernte Lektion auf und tue sich etwas darauf zugute. Sein Zuhörer fühlt sich geschmeichelt und interessiert, er wiegt den Kopf von rechts nach links, und der Mund bildet auf seinem flachen Gesicht eine weite Öffnung wie eine Spalte auf einem trocknen Brett. Bisweilen will er etwas sagen, dann beginnt er mit einer eigentümlichen, rauhen Stimme:
»Bei mir im Gouvernement …«
Weiter kommt er jedoch nicht, sondern neigt den Kopf aufmerksam an die Lippen des Rothaarigen.
Der Dicke seufzt tief:
»Wie du summst, Iwan …«
»Na, – geben Sie mir Kaffee!«
Der Rothaarige rückt geräuschvoll an den Tisch heran, während sein Partner bedeutungsvoll spricht:
»Iwan hat Ideen …«
»Du hast dich nicht ausgeschlafen,« bemerkt die ältere Dame, indem sie den Herrn mit dem Backenbart durch die Lorgnette betrachtet. Jener fährt sich mit der Hand über das Gesicht und betrachtet seine Handfläche:
»Mir scheint, mein Gesicht ist mit Puder bedeckt. Glaubst du nicht auch?«
»Ach, Onkel!« ruft die junge Dame. »Das ist ja eine Eigentümlichkeit des schönen Italiens! Hier trocknet die Haut fürchterlich aus!«
Die ältere Dame wendet sich an sie:
»Hast du bemerkt, Lydia, wie schlecht der Zucker hier ist?«
Jetzt betritt ein starker Herr mit grauem, lockigem Haar, einer großen Nase, lustigen Augen und einer Zigarre im Munde, das Verdeck. Die am Schiffsbord stehenden Stewards verbeugen sich ehrfurchtsvoll vor ihm.
»Guten Tag, Jungs, guten Tag!« spricht er, wohlwollend nickend, mit lauter, etwas heiserer Stimme.
Die Russen verstummen, schielen zu ihm hinüber; der Iwan mit dem großen Schnurrbart erklärt halblaut:
»Ein verabschiedeter Militär, man sieht es auf den ersten Blick …«
Der Mann mit dem grauen Haar bemerkt die auf ihn gerichteten Blicke, nimmt die Zigarre aus dem Munde und verbeugt sich höflich vor den Russen. Die ältere Dame wirft den Kopf hochmütig zurück, hält die Lorgnette vor die Augen und mustert ihn herausfordernd; der Mann mit dem Schnurrbart gerät in Verwirrung, wendet sich ab, reißt die Uhr aus der Tasche und läßt sie schwingen wie einen Pendel. Nur der Dicke erwidert den Gruß, indem er das Kinn gegen die Brust drückt. Der Italiener ist durch diese Antwort betroffen, er schiebt die Zigarre nervös in den Mundwinkel und fragt den alten Steward halblaut:
»Sind das Russen?«
»Jawohl, gnädiger Herr! Ein russischer Gouverneur mit seiner Familie …«
»Was für gute Gesichter sie haben …«
»Ein sehr gutes Volk …«
»Die besten unter den Slawen natürlich …«
»Ein wenig nachlässig, würde ich sagen …«
»Nachlässig? Wirklich?«
»Mir scheint es so, – nachlässig anderen Leuten gegenüber.«
Der Dicke errötet und erklärt halblaut, mit breitem Lächeln.
»Man spricht von uns …«
»Was?« fragt die Ältere mit geringschätziger Miene.
»Die besten unter den Slawen seien wir, sagen sie.« Der Dicke schmunzelt.
»Speichellecker sind sie,« erklärt die Dame, während der rothaarige Iwan die Uhr in die Tasche steckt, sich mit beiden Händen die Schnurrbartenden aufzwirbelt und wegwerfend erklärt:
»Verglichen mit uns sind sie alle von einer erstaunlichen Unwissenheit …«
»Man lobt dich,« bemerkt der Dicke, »und du findest, daß dies aus Dummheit geschieht …«
»Unsinn, ich spreche doch nicht darüber, sondern ganz allgemein … Ich weiß selbst, daß wir die besten von den Slawen sind …«
Der Herr mit dem Backenbart, der die ganze Zeit über das Spiel der Delphine verfolgt hat, seufzt tief auf und bemerkt kopfschüttelnd:
»Welch' ein dummer Fisch!«
Zwei Herren nahen sich dem Italiener mit dem grauen Haar, ein Alter, in einem schwarzen Gehrock mit einer Brille, und ein langhaariger, bleicher Jüngling mit einer hohen Stirn und dichten Augenbrauen. Sie stellen sich alle drei an die Bordwand, etwa fünf Schritte von den Russen entfernt, und der Grauhaarige sagt leise:
»Wenn ich die Russen sehe, denke ich an unser Messina …«
»Erinnern Sie sich, wie wir die russischen Matrosen in Neapel empfangen haben?« fragt der Jüngling.
»Ja! Die in ihren Wäldern werden diesen Tag nicht vergessen!«
»Haben Sie die Medaille gesehen, die zu Ehren der russischen Matrosen geprägt wurde?«
»Mir gefällt die Ausführung nicht.«
»Sie sprechen von Messina,« berichtet der Dicke den Seinigen.
»Und dabei lachen sie!« ruft die junge Dame empört. »Merkwürdig!«
Die Möwen haben das Schiff erreicht; eine von ihnen ist mit ihren krummen Flügeln an der Bordwand hängen geblieben, weil sie zu weit ausgeholt hat, und die junge Dame wirft ihr Biskuits zu. Die Vögel schnappen die Stücke auf, schießen hinter die Bordwand herunter, um mit gierigem Geschrei wieder in die blaue Leere über dem Meere emporzuschnellen. Den Italienern wird Kaffee gereicht, und sie beginnen die Vögel gleichfalls mit Biskuits zu füttern. Die Dame runzelt streng die Stirne:
»Was für Affen!«
Der Dicke lauscht dem lebhaften Gespräch der Italiener und berichtet wieder:
»Es ist kein Militär, sondern ein Kaufmann; er spricht von dem Getreidehandel mit Rußland und meint, daß sie auch Petroleum, Holz und Kohle bei uns einkaufen könnten.«
»Ich habe auf den ersten Blick erkannt, daß er kein Militär ist,« erklärt die ältere Dame.
Der Rothaarige flüstert dem Herrn mit dem Backenbart wieder etwas ins Ohr; dieser hört zu und verzerrt den Mund zu einer skeptischen Grimasse. Der junge Italiener spricht indes, nach der russischen Gesellschaft schielend:
»Wie schade, daß wir das Land dieser großen, blauäugigen Leute so wenig kennen!«
Die Sonne steht schon recht hoch und brennt heftig vom Himmel herunter; die Meeresfläche liegt in ihrem blendenden Glänze vor uns; rechts in der Ferne tauchen Berge und Wolken aus dem Wasser empor.
»Anette,« sagt der Herr mit dem Backenbarte, den Mund bis zu den Ohren hinaufziehend, »hör' mal, welch ein Mittel dieser spaßige Iwan ersonnen hat, um die Aufrührer auf dem Lande auszurotten; ein sehr geistreiches Mittel!«
Er wiegt sich auf dem Stuhle hin und her und beginnt langsam und langweilig zu erzählen, als übersetze er seine Rede aus einer fremden Sprache:
»Er sagt, der Landkommissar am Ort müsse an allen Dorffeiertagen und Jahrmärkten auf Staatskosten Knüppel und Steine für die Bauern besorgen, und den Bauern gleichzeitig unentgeltlich je nach der Zahl der Anwesenden zehn, zwanzig oder fünfzig Eimer Schnaps, die gleichfalls aus Staatsmitteln anzuschaffen sind, liefern. Mehr braucht man nicht, sagt er!«
»Ich verstehe nicht!« sagt die ältere Dame erstaunt. »Soll das ein Scherz sein?«
Der Rothaarige fällt schnell ein:
»Aber nein, ich meine es ganz ernst! Denken Sie nur, ma tante …«
Die junge Dame öffnet die Augen weit und zuckt die Achseln.
»Welch ein Unsinn! Den Leuten Schnaps zu saufen geben, wenn sie schon ohnedies …«
»Nein, warte, Lydia!« schreit der Rothaarige und springt vom Stuhle auf. Der Herr mit dem Backenbart lacht lautlos mit weit geöffnetem Munde und biegt den Oberkörper hin und her.
»Bedenk' doch nur das eine: die Banditen, die sich vollgesoffen haben, werden einander mit Stöcken und Steinen die Schädel blutig schlagen. Das ist ja klar!«
»Warum denn einander?« fragt der Dicke.
»Soll das ein Scherz sein?« fragt die ältere Dame noch einmal.
Der Rothaarige schlägt die Arme auseinander und erklärt eifrig:
»Wenn die Behörden sie zur Ruhe bringen, schreien unsere Liberalen und Radikalen über Grausamkeiten und Greueltaten. Es muß also ein Mittel gefunden werden, es so einzurichten, daß sie sich gegenseitig zur Ruhe bringen! Nicht wahr?«
Der Dampfer neigt sich plötzlich auf die Seite, die volle Dame greift erschrocken nach der Tischkante; das Geschirr klirrt; die ältere Dame legt dem Dicken die Hand auf die Schulter und fragt streng:
»Was ist das eigentlich?«
»Wir wenden eben …«
Immer höher und klarer steigen die Ufer aus dem Wasser empor, gekrönt von ganz in Gärten versinkenden, tief in Nebel gehüllten Hügeln. Das graublaue Gestein blinkt aus den Weinbergen hervor, weiße Häuschen liegen in den dichten Erdwolken versteckt, die Fensterscheiben funkeln in der Sonne, und das Auge beginnt schon helle Flecken zu unterscheiden; ganz vorn an der Küste, zwischen Felsen versteckt, erhebt sich ein kleines Häuschen, dessen Fassade dem Meere zugewendet und mit einer schweren Fülle lilaroter Blumen bedeckt ist; darüber ergießen sich breite Bäche roter Geranien, die von den terrassenförmig abstürzenden Felsen herabzufließen scheinen. Die Farben sind hell und weich, das Ufer lockt zärtlich und gastlich, die sanften Silhouetten der Berge laden uns zu sich, in den Schatten der Gärten.
»Wie eng hier alles ist!« seufzt der Dicke. Die ältere Dame sieht ihn mit einem unversöhnlichen Blick an und
betrachtet dann das Ufer durch die Lorgnette, kneift die dünnen Lippen zusammen und wirft steif den Kopf zurück.
Auf dem Verdeck sind bereits zahlreiche braune Leute in leichter Sommerkleidung erschienen; die russischen Damen blicken verächtlich auf sie herab, wie Königinnen auf ihre Untertanen.
»Wie sie mit den Händen gestikulieren,« klagt die Jüngere. Der Dicke verteidigt sie schnaufend:
»Das ist eine Eigenheit ihrer Sprache, sie ist arm an Worten und macht diese Gesten zur Notwendigkeit.«
»O Gott, o Gott!« seufzt die Ältere. Dann fragt sie nach kurzem Nachdenken:
»Gibt es in Genua viele Museen?«
»Ich glaube, nur drei,« erwidert der Dicke.
»Und wie heißt jener Friedhof?« fragt die Jüngere.
»Campo Santo. Und natürlich auch Kirchen.«
»Die Fiaker sind gewiß ebenso schlecht wie in Neapel?«
»So wie in Moskau.«
Der Rothaarige und der Bärtige haben sich erhoben und reden mit besorgten Gesichtern an der Bordwand aufeinander ein.
»Was erzählt der Italiener?« fragt die ältere Dame, während sie ihr üppiges Haar in Ordnung bringt. Ihre Ellenbogen sind spitz, die Ohren groß, gelb und verwelkten Blättern ähnlich. Der Dicke lauscht aufmerksam und ehrerbietig der lebhaften Erzählung des lockigen Italieners.
»Es gibt bei den Russen anscheinend ein sehr altes Gesetz, meine Herren, ein Gesetz, das den Juden den Besuch von Moskau verbietet. Das ist offenbar ein Überrest des Despotismus. Sie kennen ja Iwan den Schrecklichen;
es gibt ja sogar in England viele veraltete Gesetze, die noch heute nicht abgeschafft sind. Vielleicht aber hat mich jener Jude auch nur irregeführt. Mit einem Wort, er hatte aus irgendeinem Grunde nicht das Recht, Moskau, die Stadt der Zaren und der Heiligtümer, zu besuchen …«
»Und bei uns in Rom«, bemerkt der Jüngling spöttisch, »ist ein Jude Bürgermeister, obgleich Rom viel älter und heiliger ist als Moskau.«
»Und er führt eine prächtige Klinge gegen den heiligen Vater, wir wünschen ihm Erfolg dazu,« ruft der Alte mit der Brille und klatscht laut in die Hände.
»Weshalb schreit der Alte so?« fragt die Dame und läßt die Hände sinken.
»Sofort! Unsinn … Sie sprechen neapolitanischen Dialekt …«
»Der Jude kam also nach Moskau,« fährt der Italiener fort, »und da er keine Unterkunft finden konnte, ging er zu einer Straßendirne, jawohl, meine Herren, das hat er mir erzählt …«
»Fabeln!« bemerkt der Alte kategorisch und macht eine zweifelnde Handbewegung.
»Aufrichtig gesagt, ich glaube es auch nicht.«
»Das ist natürlich Unsinn!«
»Und was geschah weiter?«
»Sie lieferte ihn der Polizei aus, nahm ihm aber zuerst Geld ab, wie wenn sie ihm wirklich zu Willen gewesen wäre …«
»Pfui, wie abscheulich!« ruft der Alte empört. »Der Mann hat wohl nur eine schmutzige Phantasie. Ich kenne die Russen von der Universität her, das sind so gute, liebe Jungen …«
»Aber hören Sie doch nur, wie sonderbar.«
»Ach, man kann viel erzählen!«
Der dicke Russe wischt sich den Schweiß von der Stirn und berichtet den Damen, langsam und gleichmütig:
»Er erzählte eine jüdische Anekdote.«
»Mit solch einem Feuer?« lächelt die junge Dame, während die andere ausruft:
»Diese gestikulierenden Leute mit ihrer lärmenden Unterhaltung haben etwas Langweiliges …«
In der Ferne taucht die Stadt aus dem Meere empor; hinter den Hügeln treten die Häuser hervor, die, sich immer enger aneinander schmiegend, eine ununterbrochene Mauer bilden, die wie aus Elfenbein geschnitzt die Sonnenstrahlen zurückwirft.
»Es sieht hier aus wie vor Jalta,« bemerkt die junge Dame kategorisch und erhebt sich. »Ich gehe zu Lisa.«
Langsam und wiegenden Ganges schiebt sie ihren großen, in ein blaues Gewand gehüllten Körper über das Verdeck. In dem Augenblick, wo sie an der Gruppe der Italiener vorbeikommt, unterbricht der alte Herr das Gespräch und ruft halblaut aus:
»Welch' wunderbare Augen!«
»Ja,« bestätigt der Alte, »so stelle ich mir die Basilea vor!«
»Basilea, die Byzantinerin?«
»Ich denke sie mir als Slawin …«
»Sie sprechen von Lydia,« berichtet der Dicke.
»Was?« fragt die alte Dame. »Wohl nur Plattheiten?«
»Sie sprechen von ihren Augen. Sie bewundern sie …«
Die Dame macht ein verächtliches Gesicht …
Die Kupferteile des Dampfers glänzen und funkeln in der Sonne, schnell und zärtlich schmiegt er sich ans Ufer;
die dunklen Umrisse der Mole werden sichtbar, hinter ihr strebt ein Wald von Masten empor, hie und da hängen helle, farbige Flaggenfetzen unbeweglich herab; der schwarze Rauch schmilzt in der Luft dahin; Ölgeruch und Kohlenstaub dringen zugleich mit dem Arbeitslärm des Hafens und dem vielstimmigen Getöse der Großstadt zu uns herüber.
Der Dicke bricht plötzlich in ein helles Lachen aus.
»Weshalb lachst du?« fragt die Dame, die grauen, farblosen Augen zusammenkneifend.
»Die Deutschen werden sie vernichten, bei Gott. Sie werden sehen!«
»Weshalb freut dich das?«
»So …«
Der Herr mit dem Backenbart hält den Blick starr zu Boden gesenkt und fragt den Rothaarigen laut und jedes Wort abwägend:
»Wäre das eine angenehme Überraschung für dich oder nicht?«
Der Rothaarige schweigt und dreht wütend an seinem Schnurrbart herum.
Der Dampfer verlangsamt seine Fahrt. Das trübe, grüne Wasser schluchzt und plätschert klagend an den weißen Schiffswänden empor; die Marmorhäuser, die hohen Türme, die durchbrochenen Terrassen spiegeln sich nicht in der Flut. Der dunkle, mit zahlreichen Schiffen angefüllte Rachen des Hafens tut sich auf, um uns zu verschlingen.
Ingenieur und Arbeiter
Ein hagerer, glattrasierter, hellgekleideter Herr, der äußerlich einem Amerikaner glich, nahm an einem eisernen Tischchen an der Tür des Restaurants Platz.
»Ga–ar–çon!« rief er gemächlich …
Ringsum ist alles mit weißen und goldenen Akazienblüten bedeckt; auf allem liegt der Glanz der Sonnenstrahlen; Erde und Himmel sind von der friedlichen Heiterkeit des Frühlings erfüllt. Kleine Esel mit zottigen Ohren klappern mit ihren Hufen auf dem Straßenpflaster; schwerfällige Pferde ziehen gemächlich einher, Fußgänger schreiten langsam vorüber, und man sieht deutlich, wie sich alles, was lebt, im Sonnenlicht, in der vom Akazienduft erfüllten Luft wohlfühlt.
Die Kinder, die Herolde des Frühlings, eilen in ihren Kleidchen, die die Sonne in hellen Farben aufleuchten läßt, vorüber, und wiegenden Ganges folgen ihnen bunt gekleidete Frauen, die an einem Sonnentage ebenso unentbehrlich sind, wie die Sterne am nächtlichen Himmel.
Der hellgekleidete Herr hat ein sonderbares Äußere: er macht den Eindruck, als müßte er erst vor kurzem sehr schmutzig gewesen sein und wäre nun eben erst von oben bis unten gewaschen worden, und zwar so gründlich, daß alles Grelle und Charakteristische an ihm für immer heruntergespült ist. Mit verblichenen glanzlosen Augen betrachtet er seine Umgebung, als zähle er die Sonnenflecken
auf den Häusern, auf der dunklen Straße und auf der bunten Menge, die sich über den breiten Steinfliesen fortbewegt. Die welken Lippen pfeifen leise und sorgsam eine seltsam traurige Melodie; die langen Finger der weißen Hand trommeln auf dem Tischrande herum, wobei ihre Nägel trübe aufleuchten, während die andere Hand mit dem gelben Handschuh auf dem Knie den Takt dazu schlägt. Seine Züge verraten Klugheit und Entschlossenheit – wie schade, daß ihnen etwas so Trübes, Schweres ihre Eigenart geraubt hat.
Mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung stellt der Kellner eine Tasse Kaffee, ein Fläschchen grünen Likör und einige Biskuits vor ihn auf den Tisch hin. In diesem Augenblick nimmt ein breitbrüstiger Mensch mit achatfarbenen Augen am Nachbartisch Platz. Hals, Wangen und Hände sind von Ruß geschwärzt, die ganze Gestalt ist eckig und von stählerner Kraft wie der Hebel einer gewaltigen Maschine.
Der Blick des saubergekleideten Herrn schweift müde über sein Gesicht; er bemerkt es, erhebt sich leicht grüßend und spricht:
»Guten Tag, Herr Ingenieur!«
»Bah! Sind Sie wieder da, Trama?«
»Jawohl, Herr Ingenieur …«
»Gibt's wieder was, he?«
»Wie steht es mit Ihrer Arbeit, Herr Ingenieur?«
»Ich glaube, mein Freund,« bemerkte der Ingenieur mit feinem Lächeln, »man darf sich nicht bloß mit Fragen unterhalten …«
Der andere schob laut lachend seinen Hut in den Nacken.
»Ja freilich! Aber, auf mein Wort, ich möchte es so gerne erfahren …«
In diesem Augenblick blieb plötzlich ein scheckiger, struppiger Esel vor einem Kohlenwägelchen auf der Straße stehen, streckte den Hals vor und ließ ein Klagegeschrei ertönen. Offenbar mißfiel ihm aber heute seine Stimme, er brach verwirrt bei der höchsten Note ab, schüttelte die zottigen Ohren, senkte traurig den Kopf und lief mit den Hufen auf dem Pflaster klappernd weiter.
»Ich warte mit derselben Ungeduld auf Ihre Maschine, wie auf ein neues Buch, aus dem ich was lernen könnte …«
Der Ingenieur schlürfte seinen Kaffee:
»Ich verstehe diesen Vergleich nicht ganz.«
»Glauben Sie nicht, daß die Maschine die physische Kraft des Menschen ebenso freimacht, wie ein gutes Buch seinen Geist?«
»Ach so meinen Sie! … Ja, das kann schon sein … jawohl …«
Dann setzte er die leere Kaffeeschale auf den Tisch und wandte sich direkt an den anderen:
»Sie werden natürlich wieder mit der Agitation beginnen?«
»Ich habe schon begonnen …«
»Wiederum Streiks, Unruhen?«
Jener zuckte die Achseln und lächelte weich:
»Wenn es ohne dies ginge …«
Eine schwarzgekleidete alte Frau mit dem ernsten Gesicht einer Nonne bot dem Ingenieur stumm einen Veilchenstrauß an. Er nahm zwei und reichte seinem Gegenüber einen davon hin.
»Sie sind ein tüchtiger Kopf, Trama, wie schade, daß Sie ein Idealist sind …«
»Ich danke für die Blumen und für das Kompliment … Sie sagten: wie schade?«
»Ja, denn in Wirklichkeit sind Sie ein Dichter, und Sie sollten was lernen, um ein tüchtiger Ingenieur zu werden …«
Trama lächelte leicht, wobei er seine weißen Zähne sehen ließ:
»Oh, Sie haben recht! Ein Ingenieur ist ein Dichter, das habe ich während unserer gemeinsamen Arbeit erfahren …«
»Sie sind sehr liebenswürdig …«
»Und dann dachte ich mir stets: was sollte den Herrn Ingenieur hindern, ein Sozialist zu werden? Ein Sozialist muß gleichfalls ein Stück Dichter sein …«
Beide lachten und prüften sich gegenseitig mit klugen Blicken. Man konnte sich kaum einen merkwürdigeren Kontrast als den zwischen diesen beiden Menschen denken: der eine – ein trockener, nervöser, glanzloser Mann mit verblichenen Augen, der andere – ein Stück Erz, das scheinbar erst eben aus der Schmiede kam und noch nicht ordentlich poliert war.
»Nein, Trama, ich würde es vorziehen, meine eigene Werkstatt zu haben und darin drei Dutzend solcher Burschen wie Sie. He! Dann wollten wir was Ordentliches leisten …«
Er trommelte mit den Fingern leicht auf der Tischplatte und steckte seufzend die Blumen in das Knopfloch.
»Weiß der Teufel,« rief Trama erregt aus, »was für Kleinigkeiten uns am Leben und Schaffen hindern!«
»Sie nennen die Geschichte der Menschheit eine Kleinigkeit, Meister Trama?« bemerkte der Ingenieur mit einem feinen Lächeln. Der Arbeiter riß den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn in der Luft und versetzte lebhaft und eifrig:
»Ach was, die Geschichte meiner Vorfahren?«
»
Ihrer Vorfahren?« wiederholte der Ingenieur, indem er das erste Wort durch ein sardonisches Lächeln unterstrich.
»Ja,
meiner Vorfahren! Oder ist das etwa eine Anmaßung meinerseits? Nun gut! Sind Giordano Bruno, Vico und Magini nicht meine Vorfahren? Lebe ich nicht in ihrer Welt, genieße ich nicht, was ihr großer Geist ringsum ausgesät?«
»Ach, Sie fassen es so auf?«
»Alles, was die Toten der Welt hinterlassen haben, gehört auch mir!«
»Natürlich,« gestand der Ingenieur mit ernstem Gesicht zu.
»Alles, was vor mir, was vor uns geschaffen wurde, ist ja das Erz, aus dem wir unseren Stahl schmieden müssen. Nicht wahr?«
»Aber gewiß! Das ist ja klar!«
»Denn auch ihr Gelehrten lebt ebenso wie wir Arbeiter auf Kosten der Geistesarbeit, die die Vergangenheit geleistet hat.«
»Ich bestreite das nicht,« entgegnete der andere und senkte den Kopf; neben ihm stand ein in graue Lumpen gehüllter Knirps, mit einem Strauß Krokusblüten in den schmierigen Fingern, und wiederholte in einem fort:
»Kaufen Sie mir die Blumen ab, Signore …«
»Ich habe schon welche …«
»Blumen hat man nie genug …«
»Brav, Kleiner!« rief Trama. »Gib auch mir zwei davon …«
Der Knabe reichte ihm die Blumen; er lüftete leicht den Hut und überreichte sie dem Ingenieur.
»Bitte!«
»Ich danke.«
»Ein herrlicher Tag heute, nicht wahr?«
»Ja, das fühle ich auch, trotz meiner fünfzig Jahre …«
Er sah sich gedankenvoll um, kniff die Augen zusammen und seufzte tief.
»Ich glaube, Ihre Nerven müssen das Spiel der Sonnenstrahlen besonders stark fühlen, nicht nur, weil Sie jung sind, sondern weil Sie, wie ich sehe, das Leben mit anderen Augen betrachten als ich, nicht wahr?«
»Ich weiß nicht,« lachte der Arbeiter, »aber das Leben ist schön!«
»Weil es viel verspricht?«
Die Skepsis des Ingenieurs schien Trama zu verletzen. Er stülpte den Hut auf und fuhr lebhaft fort:
»Alles ist im Leben schön, was mir gefällt! Hol's der Teufel, mein lieber Ingenieur, für mich sind die Worte nicht nur Laute und Buchstaben; wenn ich ein Buch lese, wenn ich ein Bild betrachte, wenn ich etwas Schönes in mir aufnehme, so habe ich ein Gefühl, als hätte ich das alles selber geschaffen!«
Beide lachten, der eine laut und offen, mit zurückgeworfenem Kopf und weit vorgestreckter Brust, als prahlte er mit seiner Fähigkeit, zu lachen; der andere kaum hörbar und glucksend, und die mit Goldplomben durchsetzten Zähne entblößend, die den Eindruck erweckten, als hätte er soeben Gold gekaut und hätte dabei vergessen, sich die grünlich schimmernden Zähne zu putzen.
»Sie sind ein braver Bursche, Trama. Ich freue mich immer, Sie zu sehen. Wenn Sie nur nicht revoltieren wollten,« fügte er augenzwinkernd hinzu.
»Oh,
das tue ich stets …«
Der Arbeiter legte sein Gesicht in ernste Falten und fragte, indem er seine schwarzen tiefen Augen zusammenkniff:
»Ich hoffe, wir haben uns damals vollständig korrekt benommen?«
Der Ingenieur erhob sich achselzuckend.
»O ja, ja! Aber wissen Sie, – diese Geschichte hat dem Betrieb siebenunddreißigtausend Lire gekostet …«
»Es wäre vernünftiger gewesen, man hätte sie schon früher in die Lohnsumme eingeschlossen …«
»Hm! Sie sind ein schlechter Rechner, Trama. Vernünftiger? Jedes Tier hat seine eigene Vernunft.«
Er reichte dem Arbeiter seine hagere, gelbe Hand zum Abschied.
»Und dennoch wiederhole ich: Sie sollten lernen, lernen …«
»Das tue ich ja in einem fort.«
»Sie könnten ein tüchtiger Ingenieur werden, Sie haben das Zeug dazu …«
»Oh, was das betrifft, so stört es mich jetzt auch nicht.«
»Adieu, Meister Eigensinn.«
Der Ingenieur schritt mit seinen langen, dünnen Beinen langsam unter den Akazienbäumen und in dem Gewirr der Sonnenstrahlen dahin und zog sorgfältig den rechten Handschuh über seine dünnen Finger. Der kleine blauschwarze Kellner, der dem Gespräch an der Tür des Restaurants gelauscht hatte, näherte sich dem Arbeiter, der in seinem Geldbeutel nach ein paar Kupfermünzen suchte.
»Er ist stark gealtert, unser berühmter …«
»Oh, der steht noch seinen Mann! Er hat viel Feuer unter seinem Schädel.«
»Wo werden Sie nächstens sprechen?«
»Wieder auf der Arbeiterbörse. Haben Sie mich sprechen hören?«
»Dreimal, Genosse …«
Sie trennten sich mit einem kräftigen Händedruck; der eine schlug die entgegengesetzte Richtung ein, wie der Ingenieur, während der andere, gedankenvoll vor sich hinsummend, die Tische abzuräumen begann.
Eine Gruppe Schulkinder, Knaben und Mädchen, mit weißen Schürzen, kamen auf dem Fahrdamm vorübermarschiert. Lautes Gelächter und fröhlicher Lärm stoben von ihnen wie Funken nach allen Seiten auseinander; die vorderen zwei bliesen laut auf Papiertrompeten, während die Akazien eine Wolke von weißen Blüten auf sie herabfallen ließen. Stets, besonders aber im Frühling, verfolgt man die Kinder gierig mit den Blicken, und man möchte ihnen laut und fröhlich zurufen:
»He, ihr Menschlein! Hoch lebe eure Zukunft …«
Tragödien des Alltags
Wenn sich die Lebensverhältnisse so gestalten, daß einer von uns auf dem Grund und Boden seiner Väter kein Brot mehr findet und, von der Not getrieben, blutenden Herzens nach Südamerika auswandert, das dreißig Tagereisen weit von der Heimat entfernt ist, – was wollt ihr von solch' einem Menschen?
Mag er sein, wer er will! Wie ein Kind, das von der Mutterbrust gerissen wird, hat er keine Freude an dem Wein der Verbannung, der sein Herz mit Heimweh vergiftet und es auftreibt wie einen Schwamm. Und wie ein Schwamm saugt dies der Heimat beraubte Herz alles Böse in sich auf, und gebiert dunkle Gefühle.
Bei uns in Calabrien heiraten die jungen Leute, noch ehe sie über den Ozean gehen. Vielleicht tun sie es, um ihre Heimatliebe durch die Liebe zum Weibe noch mehr zu bekräftigen. Denn das Weib weckt in uns ebenso die Sehnsucht wie die Heimat, und nichts bietet dem Mann in der Fremde einen so sicheren Schutz, wie die Liebe, die ihn zurückruft zu seiner heimatlichen Scholle und in die Arme seiner Geliebten.
Aber eine solche Heirat der jungen Leute, die von der Not über den Ozean getrieben werden, bildet fast immer den Prolog zu einem furchtbaren Drama, in dem Schicksal, Blut und Rache die Hauptrollen spielen. Erst vor kurzem spielte sich in Senercia, einer Gemeinde, die an den Ausläufern der Apenninen liegt, folgende Begebenheit ab.
Der Ursprung dieser Geschichte, die so einfach und so furchtbar ist, als wäre der Stoff aus der Bibel geschöpft, liegt schon fünf Jahre zurück, erst heute aber hat sie ihren Abschluß gefunden. Vor fünf Jahren lebte in dem kleinen Gebirgsdörfchen Senercia, im Hause ihrer Schwiegereltern, eine schöne Frau namens Emilia Bracco, deren Mann nach Amerika ausgewandert war. Sie war eine gesunde, tüchtige Arbeiterin, mit einer herrlichen Stimme und von fröhlichem Wesen; sie lachte und scherzte gerne, und da sie ein wenig mit ihrer Schönheit kokettierte, erweckte sie bei den Dorfburschen und Forsthütern ein leidenschaftliches Verlangen, sie zu besitzen.
Sie trieb Scherz und Spiel mit Worten, wußte aber stets ihre Frauenehre zu wahren; ihr Lachen erweckte viel süße Hoffnungen, aber niemand konnte sich rühmen, Emilia überwunden zu haben.
Ihr wißt jedoch: niemand in der ganzen Welt ist so neidisch wie der Teufel und ein altes Weib. Emilia lebte mit ihrer Schwiegermutter zusammen, der Teufel aber ist überall da, wo etwas Böses geschehen kann.
»Du bist«, sprach die Alte, »viel zu lustig, obwohl dein Gatte abwesend ist, ich muß ihm das einmal schreiben. Gib acht, ich beobachte jeden deiner Schritte; vergiß nicht, daß deine Ehre die unsrige ist …«
Anfangs versuchte Emilia die Schwiegermutter mit freundlichen Worten zu überzeugen, daß sie ihren Mann liebte und daß sie sich nichts vorzuwerfen hätte. Die Alte wurde jedoch immer maßloser in ihren beleidigenden Verdächtigungen, bis sie der Teufel so weit brachte, daß sie überall die verleumderische Behauptung auszustreuen begann, ihre Schwiegertochter hätte jedes Schamgefühl verloren.
Als Emilia davon erfuhr, erschrak sie heftig und flehte die Hexe an, sie nicht mit ihrem Klatsch zugrunde zu richten. Sie schwur ihr, sie habe sich nicht im geringsten gegen ihren Gatten vergangen und habe selbst im Traum nicht das Verlangen, ihn zu hintergehen. Allein die Alte glaubte ihr nicht.
»Ich kenne das,« sprach sie, »ich bin auch einmal jung gewesen und weiß, welchen Wert diese Schwüre haben! Nein, ich habe meinem Sohn schon geschrieben, daß er schleunigst zurückkommen und seine Ehre reinwaschen möge!«
»Du hast ihm schon geschrieben?« fragte Emilia leise.
»Jawohl!«
»Nun gut …«
Unsere Männer sind eifersüchtig wie die Araber. Emilia wußte, was ihr bei der Rückkehr des Gatten bevorstand.
Am folgenden Tage ging die Alte in den Wald, um Reisig zu sammeln. Emilia folgte ihr mit der Axt, die sie unter dem Rock versteckt hatte, und stellte sich dann selber, als die Mörderin ihrer Schwiegermutter, den Karabinieri.
»Ich will lieber eine Mörderin sein, als für ehrlos gelten, wenn ich ehrlich bin!« sprach sie.
Das Gericht über Emilia verwandelte sich in einen Triumph für sie: fast alle Bewohner von Senercia traten als Zeugen für sie auf, und viele sprachen mit Tränen in den Augen zu den Richtern:
»Sie ist unschuldig, sie geht schuldlos ihrem Untergang entgegen!«
Nur Seine Ehrwürden, der Erzbischof Cocci, entschloß sich, seine Stimme gegen die Unglückliche zu erheben.
Er wollte nicht an ihre Unschuld glauben, sprach von der Notwendigkeit, die alten Überlieferungen im Volke hochzuhalten, warnte die Leute vor dem Fehlurteil, das die Griechen, von der Schönheit des leichtsinnigen Weibes bezaubert, gegen Phryne gefällt hatten, kurz, er sprach so, wie er zu sprechen verpflichtet war, und vielleicht war es ihm zuzuschreiben, daß Emilia zu vier Jahren einfacher Gefängnishaft verurteilt wurde.
Ganz ähnlich wie Emilias Mann lebte auch der demselben Dorfe entstammende Donato Guarnacia jenseits des Ozeans, während sein junges Weib daheim der freudelosen Arbeit Penelopes oblag und Lebensträume spann, ohne wirklich zu leben.
Eines Tages, – dies geschah vor etwa drei Jahren, – erhielt Donato einen Brief von seiner Mutter, in dem diese ihm schrieb, seine Frau Teresa habe sich seinem Vater, ihrem Gatten, hingegeben und lebe mit ihm in blutschänderischer Ehe. Man sieht: wieder hatten ein altes Weib und der Teufel ein Bündnis miteinander geschlossen!
Der junge Guarnacia reiste mit dem ersten Dampfer nach Neapel und platzte wie eine Bombe in das Elternhaus hinein.
Seine Frau und der Vater stellten sich überrascht, er jedoch, ein rauher, mißtrauischer Bursche, verhielt sich anfangs vollkommen ruhig; er hatte von Emilia Braccos Geschichte gehört und wollte sich zuerst von der Richtigkeit der Denunziation überzeugen. Nachdem er sein Weib herzlich geliebkost hatte, erneuerten sie für eine Zeitlang den Honigmond ihrer Liebe und feierten noch einmal das leidenschaftliche Fest der Jugend.
Die Mutter kam zu ihm, um ihm Gift ins Ohr zu träufeln, er aber unterbrach sie:
»Genug! Ich will mich selbst von der Wahrheit deiner Worte überzeugen, störe mich nicht dabei!«
Er wußte, daß man einem Beleidigten nicht glauben darf, und wenn es die eigene Mutter ist.
Fast der halbe Sommer verlief ruhig und friedlich, und vielleicht wäre auch das ganze Leben so verlaufen, wenn nicht der Vater, während einer kurzen Abwesenheit des Sohnes der Schwiegertochter nachzustellen begonnen hätte. Sie widersetzte sich den Belästigungen des lasterhaften Alten, und dies weckte seine Wut: er hatte den Genuß des jungen Frauenleibes zu plötzlich aufgeben müssen, daher beschloß er, sich an ihr zu rächen.
»Du stürzt dich in den Abgrund!« drohte er ihr.
»Du auch!« entgegnete sie.
Bei uns werden nicht viel Worte gemacht. Am folgenden Tage sprach der Alte zu dem Sohn:
»Ist es dir bekannt, daß dein Weib dir untreu gewesen ist?«
Der Sohn blickte ihm erblassend ins Gesicht:
»Habt Ihr Beweise?«
»Jawohl! Die Leute, die ihre Umarmungen genossen haben, sagten mir, sie habe am Unterleibe ein großes Muttermal, – das trifft doch zu?«
»Gut,« sprach Donato, »da Ihr, mein Vater, mir sagt, daß sie schuldig ist, so wird sie sterben!«
Der Vater nickte ihm schamlos Beifall zu.
»Ganz recht! Lasterhafte Weiber müssen totgeschlagen werden!«
»Auch die Männer …« bemerkte Donato, sich entfernend.
Er trat vor sein Weib und legte ihr die starken Hände auf die Schultern …
»Höre, ich weiß, daß du mich betrogen hast. Im Namen der Liebe, die vor und nach deinem Verrat in uns lebendig war, sage mir – mit wem?«
»Ah!« schrie sie auf. »Du hast das nur von deinem verfluchten Vater erfahren können, er allein …«
»Er?« fragte der Bauer mit blutunterlaufenen Augen.
»Er hat mich mit Gewalt und durch Drohungen überwältigt, aber – nun will ich dir die ganze Wahrheit sagen …«
Sie hielt erregt inne, – der Mann hielt sie gepackt und schüttelte sie:
»Sprich!«
»Ach, ja, ja, ja,« flüsterte sie voll Verzweiflung, »wir haben es beide wie Mann und Frau miteinander gehalten, – dreißig-, vierzigmal …«
Donato stürmte ins Haus, ergriff die Flinte und lief ins Feld hinaus, wo sich der Vater befand. Dort sagte er ihm, was ein Mann dem andern in einem solchen Augenblick sagen kann, knallte ihn mit zwei Schüssen nieder, spie auf den Leichnam und zerschmetterte ihm mit dem Kolben den Schädel. Man sprach davon, er habe noch lange mit dem Toten seinen Spott getrieben: er sei ihm auf den Rücken gesprungen und habe einen Rachetanz auf ihm ausgeführt.
Danach ging er zu seinem Weibe, lud das Gewehr und sprach:
»Tritt vier Schritt zurück und sprich dein Gebet!«
Sie brach in Tränen aus und flehte ihn an, er möge sie am Leben lassen.
»Nein,« sprach er, »ich handle, wie die Gerechtigkeit
es vorschreibt und wie du hättest handeln müssen, wenn ich der Schuldige gewesen wäre …«
Er knallte sie wie einen Vogel nieder und stellte sich danach selbst den Behörden. Als er hierauf die Dorfstraße passierte, machte die Menge ihm Platz, und viele sprachen:
»Du hast gehandelt wie ein ehrlicher Mann, Donato.«
Vor dem Gericht verteidigte er sich mit der finsteren Energie und der plumpen Beredsamkeit einer ursprünglichen Natur:
»Ich nehme mir ein Weib, damit aus meiner und ihrer Liebe ein Kind entsprieße, in dem wir beide fortleben sollen, sie und ich! Liebt man, – so gibt es keinen Vater und keine Mutter mehr, nur die Liebe bleibt bestehen, die ewig leben möge! Die Weiber und Männer aber, die sie in den Schmutz ziehen, mögen von dem Fluch der Unfruchtbarkeit, furchtbarer Krankheiten und eines qualvollen Todes betroffen werden …«
Die Verteidiger baten die Geschworenen, die Tat als einen Totschlag, begangen im Jähzorn und in der Erregung anzusehen. Die Geschworenen jedoch sprachen Donato unter dem Beifall des Publikums frei. Donato kehrte mit dem Nimbus eines Helden nach Senercia zurück, wo man ihn als einen Mann begrüßte, der die alten Volksüberlieferungen von der Blutrache, durch die jede Ehrverletzung gesühnt werden muß, aufs strengste befolgt hatte.
Kurze Zeit nach Donatos Freisprechung wurde auch seine Landsmännin Emilia Bracco aus dem Gefängnis entlassen. Es war gerade während der trübsten Winterszeit, vor dem Weihnachtsfest, wo alle Leute den Wunsch haben, im Kreise der Ihrigen, unter dem warmen Dache des
Elternhauses zu weilen. Nur Emilia und Donata waren einsam; ihr Ansehn war nicht derart, daß es die Achtung der Leute erweckte: ein Mörder bleibt doch ein Mörder, er kann Staunen hervorrufen, er kann freigesprochen werden, wie aber soll man ihn lieben? Beide hatten Blut an den Händen und tiefe Wunden im Herzen, beide waren in ein schweres Gerichtsdrama verwickelt gewesen, – was Wunder, daß die beiden vom Schicksal Gezeichneten sich miteinander befreundeten und den Entschluß faßten, sich gegenseitig ihr zerstörtes Leben zu verschönen; beide waren noch jung und sehnten sich nach Liebe und Zärtlichkeit.
»Welchen Zweck hat es,« fragte Donato Emilia nach den ersten Küssen, »welchen Zweck hat es, daß wir hierbleiben, inmitten dieser schaurigen Erinnerungen?«
»Wenn mein Mann zurückkehrt, schlägt er mich tot, denn jetzt habe ich ihm in der Tat in Gedanken die Treue gebrochen.«
Sie beschlossen, weit übers Meer zu gehen, sobald sie sich das Reisegeld gespart haben würden. Es wäre ihnen vielleicht in der Tat gelungen, irgendwo in der weiten Welt ein wenig Glück und einen stillen Winkel für sich zu finden, wenn sich nicht Leute gefunden hätten, die anders dachten, als sie.
»Wir können einen Mord verzeihen, der aus Leidenschaft verübt worden ist,« hieß es; »wir haben einem Verbrechen unsern Beifall gegeben, der die beschmutzte Ehre reinwaschen sollte; verletzten aber diese Leute jetzt nicht dieselben Traditionen, in deren Namen sie so viel Blut vergossen haben?«
Diese strengen und finsteren Urteile, Nachklänge des rauhen Altertums, ertönten immer lauter und vernehmbarer
und gelangten endlich der Serafina Amato, der Mutter Emilias, zu Ohren. Die, ein stolzes, starkes Weib, das sich auch heute noch, trotz ihrer fünfzig Jahre, die Schönheit der Gebirgsbewohnerin bewahrt hat, wollte diesen Gerüchten anfangs keinen Glauben schenken und wies sie beleidigt zurück:
»Das ist eine Verleumdung,« sprach sie zu den Leuten. »Habt ihr vergessen, was meine Tochter für ihre Ehre erduldet hat?«
»Nein, nicht wir, sie hat das vergessen!«
Serafina, die in einem anderen Dorfe lebte, begab sich darauf zu ihrer Tochter und sprach:
»Ich will nicht, daß man über dich reden soll, wie man jetzt über dich spricht. Was du früher getan hast, war trotz des vergossenen Blutes anständig und ehrenhaft, und so soll es bleiben, ein Vorbild für alle Leute!«
Die Tochter brach in Tränen aus:
»Die ganze Welt steht den Menschen offen, aber was haben die Menschen vom Leben, wenn sie nicht leben können, wie sie wollen?«
»Frag' den Priester, wenn du so dumm bist, das nicht selbst zu wissen.«
Die Mutter ging darauf zu Donato und warnte ihn mit allem Nachdruck:
»Laß meine Tochter in Frieden, sonst ergeht es dir schlecht!«
»Höre,« flehte der junge Mann sie an, »ich habe diese Frau, die ebenso unglücklich ist wie ich, für ewig liebgewonnen! Erlaube mir, daß ich sie fortführe von hier, unter einen anderen Himmel, und alles wird noch gut werden!«
Mit diesen Worten goß er jedoch nur Öl ins Feuer.
»Ihr wollt fliehen?« schrie die Alte voll Wut und Verzweiflung. »Nein, das geschieht nimmermehr!«
Sie trennten sich wie gereizte Tiere, brüllend und einander mit feurigen Augen messend.
Von diesem Tage an spürte Serafina den beiden Verliebten nach, wie ein Jagdhund dem Wilde. Dies hinderte die beiden freilich nicht, sich in der Nacht verstohlen zu treffen, denn die Liebe ist ebenso schlau und erfinderisch wie ein Wild.
Einst gelang es aber der Alten, zu belauschen, wie ihre Tochter und Donato sich über den Fluchtplan beratschlagten. In diesem schlimmen Augenblick entschloß sie sich zu einer furchtbaren Tat.
Am folgenden Sonntag versammelte sich das Volk in der Kirche, um die Messe zu hören; vorne standen die Weiber in hellen Feiertagsröcken und Tüchern, hinter ihnen knieten die Männer; auch die beiden Verliebten waren erschienen, um die Madonna um ihren Segen zu bitten.
Serafina Amato erschien später als alle anderen in der Kirche; sie war gleichfalls sonntäglich gekleidet, und hatte eine breite, buntgestickte Schürze vorgebunden, unter der sie die Axt verborgen hielt.
Langsamen Schrittes, ein Gebet auf den Lippen, trat sie vor das Bild des Erzengels Michael, des Schutzheiligen von Senercia, beugte die Knie vor ihm, und berührte seine Hand mit der ihrigen, um sie dann an die Lippen zu führen. Darauf näherte sie sich unbemerkt dem auf den Knien liegenden Verführer ihrer Tochter und ließ das Beil zweimal auf seinen Kopf herabsausen, ein blutiges römisches V als Zeichen der Vendetta auf ihm zurücklassend.
Ein Wirbel des Entsetzens ergriff die Anwesenden, die schreiend und jammernd dem Ausgange zustürzten; viele sanken bewußtlos zu Boden, viele weinten wie die Kinder, während Serafina gleich der Nemesis des Dorfes, wie eine Göttin der Gerechtigkeit mit der Axt in der Hand sich über den armen Donato und ihre bewußtlos niedergesunkene Tochter emporrichtete.
So stand sie eine Zeitlang da, und als die Leute wieder zur Besinnung kamen, und sie ergriffen, begann sie laut zu beten und hob die in wilder Freude aufleuchtenden Augen zum Himmel empor.
»Heiliger Michael, hab' Dank! Du warst es, der mir die Kraft verliehen hat, die besudelte Ehre meiner Tochter zu rächen!«
Als sie erfuhr, daß Donato noch lebte und auf einem Stuhl nach der Apotheke getragen worden war, wo seine furchtbaren Wunden verbunden werden sollten, begann sie zu zittern und sprach, die in Wahnsinn und Angst erstarrten Augen verdrehend:
»Nein, nein, ich glaube an Gott; er wird sterben, dieser Mensch! Ich habe ihm furchtbare Wunden beigebracht, meine Hände fühlten es; Gott ist gerecht, – dieser Mensch muß sterben …«
Bald findet das Gericht gegen diese Frau statt, die zweifellos zu einer schweren Strafe verurteilt werden wird. Wie kann aber ein Mensch, der sich berechtigt fühlt, einem anderen Schläge zu versetzen und Wunden beizubringen, selbst durch einen Schlag eines Besseren belehrt werden? Das Eisen wird ja nicht weicher, wenn man es mit dem Hammer bearbeitet.
Das menschliche Gericht spricht zu dem Menschen:
»Du bist schuldig!«
Der Mensch antwortet »ja« oder »nein«, und alles bleibt wie es war.
Im übrigen muß ich euch sagen, meine lieben Signori, der Mensch soll wachsen und sich vermehren, wo der Schöpfer seine Saat ausgestreut hat, und wo die Erde und das Weib ihn mit liebendem Arm umfangen.
Der Fischer und das Meer
Der alte Giovanni Tuba hatte schon in früher Jugend das Festland um des Meeres willen im Stiche gelassen. Diese weite, blaue Fläche, die bald still und zärtlich blickt wie ein sanftes Mädchen, bald wild und gärend stürmt wie das entzündete Herz eines leidenschaftlichen Weibes; diese Wüste, die eine Welt von sonnenlosen Geschöpfen in ihrem Schoße birgt, während sie droben im lebendigen, goldenen Licht nur strahlende Schönheit und bestrickenden Glanz gebiert; dieses arglistige Meer, das ewig etwas Märchenhaftes vorgaukelt und unwiderstehlich in seine Fernen lockt, hat viele schon dem steinigen, stummen Festlande entrissen, das ständig befruchtendes Naß vom Himmel und schöpferische Arbeit vom Menschen verlangt und ach! so wenig Freude und Lust dafür schenkt.
Noch als Knabe hatte Tuba bei der Arbeit im Weinberge, der von grauen Mauern geschützt, zwischen Feigen- und Olivenbäumen, im dunklen Grün der Apfelsinen und im Gewirr der Granaten am Abhang des Berges sich hinzog, inmitten der grellen Sonnenstrahlen, der dampfenden Erde und der heiß duftenden Blumen, mit geweiteten Nüstern auf das blaue Meer hinausgestarrt. Er blickte dorthin wie ein Mensch, unter dessen Füßen der Boden schwand; die salzige Seeluft umnebelte ihm die Sinne, er wurde zerstreut, faul und ungehorsam, wie alle, die vom Meere umstrickt und in die Ferne gelockt werden, wie alle, die mit ganzer Seele das Meer liebgewonnen haben …
An Feiertagen, in der ersten Morgenfrühe, wenn die Sonne noch nicht hinter den Bergen bei Sorrento ganz emporgestiegen und der Himmel rosig angehaucht war wie eine Pfirsichblüte, jagte Tuba, zerzaust wie ein Schäferhund, wie ein Bündel knochenloser, elastischer Muskeln von Stein zu Stein springend, mit Fischangeln auf dem Rücken, den Berg hinunter, dem Meere zu. Mit seinem breiten, sommersprossigen Gesicht lachte er ihm von weitem entgegen, wenn durch den süßen Atem der erwachenden Blüten das scharfe Aroma, das leise Rauschen der Wellen zu ihm drang, die dort unten gegen das Ufergestein schlugen und wie Nymphen lockten …
Nun hängt er über dem Rand des rötlichgrauen Felsens, baumelt mit den bronzefarbenen Beinen über dem Abhang und senkt die pflaumengroßen, schwarzen Augen in das durchsichtige, grüne Naß. Welch' wunderbare Welt, schöner als alle Märchen, sieht er durch dieses flüssige Glas! Goldigroten Seetang sieht er auf dem Meeresgrunde, zwischen Felsenriffen, die mit Teppichen bedeckt scheinen, und aus dem wirren Gesträuch des Seetangs schwimmen buntfarbige Violen, diese lebenden Blüten des Meeres, empor; wie trunken kommt der Barsch hervor, mit stumpfen Äuglein, fein gezeichneter Nase und einem blauen Fleck auf dem Bauche; Goldfische jagen vorüber, kleine schwarze Fischlein, lustige Teufelchen, durchschneiden die Wogen, und gleich silbernem Geschirr glänzen die Meerbrassen und anderen Schönheiten der Meerestiefe – wer kennt ihre Zahl! – in der Sonne; sie sind alle schlank und durchtrieben und bevor sie den Wurm am Angelhaken schlucken, zwicken und rupfen sie ihn mit ihren kleinen Zähnchen von allen Seiten.
Wie Vögel in der Luft schwimmen Flohkrebse in diesem
hellen, sonnigen Wasser umher. Einsiedlerkrebse kriechen auf den Felsenriffen, ihre buntgeschmückten Behausungen hinter sich herschleppend; langsam bewegen sich die blutroten Meeressterne fort; stumm schaukeln die Glocken der lilablauen Medusen; hie und da streckt sich der bösartige, mit scharfen Zähnen versehene Kopf einer Muräne zwischen dem Gestein hervor; ein bunter, rotgesprenkelter Schlangenleib ringelt sich, gleichsam eine Hexe im Märchen, auf dem Felsen; noch furchtbarer und grausiger aber ist das Bild, wenn plötzlich ein grauer Seepolyp wie ein schmutziger Lappen auftaucht und einem Raubvogel ähnlich sich auf einen Punkt hinstürzt; daneben schwimmt in gemächlichem Tempo eine Languste, ihre langen Bartfäden bewegend; noch eine Unzahl anderer Wunder lebt in diesem durchsichtigen Wasser, unter einem Himmel, ebenso klar, aber noch viel öder als das Meer.
Die See aber atmet wie ein lebendiges Wesen, gemessen hebt und senkt sich ihre blaue Brust. Die grünen, weißgekrönten Wellen schlagen gegen den Felsen, sie spielen, plätschern und wollen bis an die herabhängenden Beine des Burschen hinaufspringen; zuweilen gelingt es ihnen, Tuba zuckt zusammen, lächelt, und die Wellen lachen, laufen gleichsam erschreckt zurück, um sich gleich wieder auf den Felsen zu stürzen. Ein Sonnenstrahl senkt sich tief, die Brust der Wellen durchschneidend, in das Wasser hinein und bildet einen hellglänzenden Lichttrichter. Die Seele schläft und träumt hier einen süßen Traum; sie denkt nicht, sie wünscht nichts, sie nimmt nur stumm und freudig alles ringsum in sich auf; auch in ihr wogen lichtdurchtränkte Wellen auf und ab, und allumfassend ist sie schrankenlos frei wie das Meer.
So brachte Tuba seine Feiertage zu, später zog es ihn
aber auch an Werktagen hinaus, denn wenn der Mensch sein Herz an das Meer verschenkt, wird er selbst zu einem Teilchen von ihm. Schließlich überließ Tuba sein Stückchen Land dem Bruder und zog mit einer Schar Genossen, deren Sinn gleichfalls in die Ferne ging, an die Küsten Siziliens, um dort Korallenfischerei zu treiben. Es ist eine schwere, aber herrliche Arbeit; man läuft zehnmal täglich Gefahr zu ertrinken, aber wieviel Schönes sieht man auch, wenn man aus den blauen Wellen das schwere Netz emporzieht, halbkreisförmig, mit eisernen Spitzen am Rande, in dem sich, wie Gedanken im Schädel, Lebewesen mannigfachster Form und Farbe regen, und, das begehrte Geschenk des Meeres, die rosigen Verästelungen der kostbaren Korallen emporragen.
So ward für immer dem Festlande ein Mensch entrissen, den das Meer in seine Fesseln geschlagen hatte. Auch die Frauen liebte er nur wie im Traume, kurz und wortlos, denn er wußte nur darüber zu sprechen, was ihm wohl vertraut war, – über Fische und Korallen, über das Spiel der Wellen und die Tücken des Windes, über die großen Schiffe, die in weite, unbekannte Fernen hinauszogen. Er war sanftmütig auf dem Festlande, ging vorsichtig und argwöhnisch umher, war den Menschen gegenüber stumm wie ein Fisch, betrachtete alles mit den scharfen Augen des Fischers, der gewohnt ist, verräterische Tiefen vor sich zu sehen und ihnen zu mißtrauen. Auf dem Meere jedoch zeichnete er sich durch eine stille Heiterkeit aus, er war aufmerksam zu den Kameraden und flink wie ein Delphin.
Wie geschickt aber auch der Mensch sein Leben auserwählt hat, es währt nicht länger als einige Jahrzehnte. Als der mit Salzwasser durchtränkte Tuba die Achtzig
überschritten hatte, gehorchten ihm die Arme nicht mehr, – sie waren vom Rheumatismus gelähmt und hatten genug gearbeitet! Die gekrümmten Beine hielten kaum den gebückten Körper aufrecht. Traurig betrat der verwitterte Greis seine Insel und stieg den Berg hinauf, zu der Hütte seines Bruders, zu dessen Kindern und Enkeln, die viel zu arm waren, um gut zu sein. Jetzt konnte der alte Tuba ihnen nicht mehr wie früher schmackhafte Fische zum Geschenk bringen, diese Zeit war nun vorbei.
Dem Alten fiel der Aufenthalt unter diesen Leuten immer schwerer, die allzu aufmerksam jeden Bissen Brot zählten, den er mit seiner krummen braunen Tatze in den zahnlosen Mund schob. Bald sah er ein, daß er hier überflüssig war. Trübsal ergriff ihn, sein Herz zog sich in unbekannter Trauer zusammen, noch tiefer gruben sich die Falten in seine Haut ein, und in den Knochen sagte sich ein fremder Schmerz an. Tagelang, vom Morgen bis zum Abend, saß er auf den Steinen vor dem Eingang der Hütte und blickte mit seinen alten Augen auf das leuchtende Meer hinaus, wo sein Leben zerschmolzen war, auf dieses blaue, funkelnde Meer, schön wie ein Traum.
Fern von ihm lag das Meer, und schwer war es für den Alten, zur Küste hinabzusteigen. Aber eines Tages faßte er den Entschluß und kroch in den stillen Abendstunden wie eine zertretene Eidechse über die scharfen Steine zum Meer hinab. Als er die Wellen erreichte, begrüßten sie ihn mit vertrautem Gemurmel, – freundlicher als die Menschen, – und schlugen plätschernd an das Ufergestein. Der Alte sank auf die Knie, blickte hinauf zum Himmel und in die weite Ferne, betete kurz und wortlos für die Menschen, die ihm sämtlich fremd geblieben waren, zog seine zerfetzten Kleider aus, die nie zu ihm gepaßt,
schüttelte den grauen Kopf, ging ins Wasser hinein und schwamm, die Augen zum Himmel gerichtet, in die Ferne, wo der dunkelblaue Himmelvorhang den schwarzen Samt der Meereswellen berührte, und die Sterne so niedrig hingen, daß man sie scheinbar mit den Händen ergreifen konnte.
In stillen Sommernächten ist das Meer ruhig wie die Seele eines Kindes, das von den Spielen des Tages ermüdet ist; kaum atmend schlummert es und sieht gewiß wunderbare Traumbilder vorüberziehen. Schwimmt man nachts in dem schweren warmen Wasser, springen blaue Funken unter den Händen empor, ein blauer Flammenkreis breitet sich ringsum aus, und die Seele des Menschen schmilzt langsam in diesem Feuer, das sanft und zart ist wie ein Märchen der Mutter.
Der Vater
In heiliger Ruhe geht die Sonne auf, und von den Felsen der Insel steigt ein graublauer Nebel empor, gesättigt mit dem süßen Duft der goldgelben Blüte des Ginsters.
Inmitten einer dunklen, schläfrigen Wasserfläche hingelagert sieht die Insel unter der blauen Himmelskuppel einem Opferaltar des Sonnengottes ähnlich.
Soeben sind die Sterne erloschen, aber noch glänzt die hellfunkelnde Venus, einsam in den kalten Höhen, hinter einer durchsichtigen Schicht leichter Wölkchen verschwindend. Die rosig angehauchten Wolken flammen im Feuer des ersten Sonnenstrahls auf, und in dem ruhigen Schoß des Meeres spiegeln sie sich wie Perlmutter wider, die aus den blauen Tiefen emporgetaucht ist.
Die Gräser und die Blumenblättchen, beschwert mit silbernem Tau, strecken sich sehnsüchtig der Sonne entgegen. Helle Tautropfen hängen an den Stielen, füllen sich und fallen auf den Erdboden, der nach heißem Schlaf in Schweiß gebadet ist. Man möchte das leise Klingen beim Aufschlagen der Tropfen hören und ist traurig, daß man das nicht kann.
Die Vögel sind erwacht; sie flattern und singen im Laub der Olivenbäume, von unten her aber ertönen die tiefen Seufzer der See, die unter den Küssen der Sonnenstrahlen erwacht ist.
Und dennoch ist es still ringsum; die Menschen schlafen noch, und in der Frische des Morgens ist der Duft der Blüten und Gräser stärker vernehmbar als Töne und Geräusche.
Aus der Tür eines von Weinlaub überwucherten weißen Häuschens, das wie ein Boot aus grünen Wellen hervorlugt, tritt Ettore Cecco, ein Einsiedler, mit langen Affenarmen, dem nackten Schädel eines Weisen und einem mit Runzeln und Falten bedeckten Antlitz in den sonnigen Morgen hinaus.
Langsam hebt er die braune haarige Hand zur Stirne empor, blickt lange auf den sich rosig färbenden Himmel und dann nach allen Seiten hin. Vor ihm ergießt sich eine Flut goldigen und smaragdenen Lichtes in allen Schattierungen über das graue, lilafarbene Gestein der Insel; rosafarbene, gelbe und rote Blüten leuchten überall hervor; das dunkle Antlitz des Alten zittert in gutmütigem Lächeln; er nickt zufrieden mit dem runden, schweren Kopf.
Als trüge er eine schwere Last auf dem Rücken, so steht er da, den Oberkörper ein wenig gebeugt, die Beine breit auseinandergestreckt. Ringsum aber kündigt sich immer lauter und froher der junge Tag an; heller glänzt das Grün der Weinberge, lauter zwitschern die Buchfinken und Zeisige, im Gesträuch der Brombeere, Waldrebe und Wolfsmilch schlagen Wachteln an, irgendwo pfeift die Amsel, elegant und sorglos wie ein Neapolitaner.
Der alte Cecco streckt die langen, müden Arme über den Kopf empor, dehnt und reckt sich, als wollte er nach unten fliegen, zum Meer, das wie Wein in einer Schale vor ihm ruht.
Dann setzt er sich auf einen Stein vor der Tür, zieht eine Postkarte aus der Tasche, hält sie weit von sich, kneift die Augen zusammen und betrachtet die Schrift, lautlos die Lippen bewegend. Auf seinem großen, schon lange nicht rasierten, wie mit Silber bedeckten Gesicht ruht jetzt ein neues Lächeln, in dem sich Liebe, Trauer und Stolz eigenartig vereinen.
Auf dem Stück Pappe vor ihm sind zwei breitschulterige Burschen in blauer Farbe abgebildet. Sie sitzen Schulter an Schulter nebeneinander und lächeln frohgemut, beide kraushaarig und großköpfig wie der alte Cecco. Über ihnen steht in großer, deutlicher Druckschrift:
Arturo und Enrico Cecco,
zwei edle Kämpfer für die Interessen
ihrer Klasse. Sie organisierten 25 000
Textilarbeiter, deren Wochenlohn sechs
Dollars betrug, und wurden dafür ins
Gefängnis gesperrt.
Ein Hoch den Kämpfern für
die soziale Gerechtigkeit!
Der alte Cecco kann nicht lesen, auch ist die Inschrift in einer fremden Sprache verfaßt. Aber er errät den Inhalt, jedes Wort scheint ihm bekannt und klingt laut und tönend in seinen Ohren.
Diese blaue Karte hat dem Alten viel Unruhe und Sorgen bereitet. Er erhielt sie vor etwa zwei Monaten und erriet sofort instinktiv, daß etwas nicht in Ordnung war. Werden doch die Bilder der Armen nur dann veröffentlicht, wenn sie gegen die Gesetze verstoßen.
Cecco steckte die Karte in die Tasche, sie lastete aber wie ein Stein auf seiner Seele und bedrückte ihn mit jedem Tage immer mehr. Schon mehrmals wollte er die Karte dem Priester zeigen, aber die Erfahrung seines langen Lebens hatte ihn von der Richtigkeit des Spruches überzeugt: »Möglich, daß der Priester Gott die Wahrheit über die Menschen berichtet, den Menschen jedoch sagt er sie nie.«
Der erste, den er nach dem rätselhaften Sinn der Karte befragte, war ein blonder Künstler, ein langer, hagerer Ausländer, der oft zu Ceccos Häuschen kam, seine Staffelei aufstellte und sich zum Schlafen niederlegte, den Kopf in dem viereckigen Schatten des begonnenen Bildes versteckend.
»Herr,« fragte er den Künstler, »was haben diese Menschen begangen?«
Der Künstler betrachtete die lustigen Gesichter der Burschen und sagte:
»Wahrscheinlich irgendeinen lustigen Streich …«
»Was steht denn darüber aufgedruckt?«
»Das ist englisch. Außer dem Engländer kennt diese Sprache nur Gott und meine Frau, wenn sie in diesem Falle die Wahrheit spricht. In allen anderen Fällen tut sie es nicht …«
Der Künstler war schwatzhaft wie ein Zeisig und konnte offenbar über nichts ernst sprechen. Der Alte ging finster von ihm fort und erschien am folgenden Tage bei der Frau des Künstlers, einer dicken Dame, die in ein weites, durchsichtiges, weißes Gewand gehüllt im Garten in der Hängematte lag, vor Hitze zerschmolz und mit ihren blauen Augen wütend zum Himmel emporsah.
»Diese Leute sind ins Gefängnis gesperrt,« erklärte sie ihm in gebrochenem Italienisch.
Dem Alten zitterten die Beine, als bebe die ganze Insel unter einem plötzlichen Erdstoß. Dennoch fand er die Kraft zu einer zweiten Frage:
»Haben sie einen Diebstahl oder einen Mord begangen?«
»Oh, weder das eine, noch das andere. Sie sind einfach Sozialisten.«
»Was ist das, – Sozialisten?«
»Das gehört schon zur Politik,« sagte die Dame mit ersterbender Stimme und schloß die Augen.
Cecco wußte, daß die Ausländer ein einfältiges Volk sind, noch dümmer als die Kalabrier, er wollte aber die Wahrheit über seine Kinder erfahren und wartete deshalb geduldig, bis die Signora wieder ihre großen, schläfrigen Augen öffnete. In diesem Augenblick wies er mit dem Finger auf die Karte und fragte:
»Ist das ehrlich?«
»Ich weiß nicht,« entgegnete sie ärgerlich. »Ich sagte dir schon, das ist Politik, verstehst du nun?«
Nein, er verstand nichts. Die Politik machten die Minister und die reichen Leute in Rom, um die Steuerlast der Armen zu erhöhen. Seine Jungen aber waren Arbeiter, prächtige Burschen, die in Amerika lebten, – was hatten sie mit der Politik zu tun?
Die ganze Nacht saß er bei Mondenschein und mit dem Bildnis seiner Kinder in den Händen, das ihm nun schwarz erschien und noch finsterere Gedanken einflößte. Am folgenden Morgen entschloß er sich, den Geistlichen zu befragen. Der schwarze Mann im Priestergewand entgegnete ihm kurz und streng:
»Die Sozialisten sind Menschen, die Gottes Willen leugnen. Das genügt dir zu wissen.«
Und noch strengeren Tones rief er dem sich entfernenden Alten nach:
»Du solltest dich in deinen Jahren schämen, dich um solche Dinge zu kümmern …«
»Gut, daß ich ihm nicht das Bild gezeigt habe,« dachte Cecco.
Nach drei Tagen begab er sich zu dem Barbier, einem Stutzer und Windbeutel. Von diesem Burschen, der stark war wie ein Esel, hieß es, er verkaufe seine Liebe für Geld an alte Amerikanerinnen, die angeblich hierher kamen, um die Schönheiten des Meeres zu genießen, die es aber in Wirklichkeit auf Abenteuer mit armen Burschen abgesehen hatten.
»Gott – Allmächtiger!« rief dieser verdorbene Mensch aus, als er die Karte sah, und seine Wangen färbten sich rot. »Das sind Arturo und Enrico, meine Kameraden! Oh, ich beglückwünsche Euch von ganzem Herzen, Vater Ettore, Euch und mich! Nun habe ich noch zwei berühmte Landsleute, soll ich nicht stolz sein darauf?«
»Sprich keinen Unsinn,« warnte der Alte. Aber jener schrie, mit den Händen fuchtelnd:
»Das ist ausgezeichnet!«
»Was steht auf der Karte aufgedruckt?«
»Ich kann es nicht lesen, ich bin aber überzeugt, daß es die Wahrheit ist. Arme Kerle müssen große Helden sein, damit man endlich die Wahrheit über sie sagt!«
»Schweig still, ich bitte dich!« rief Cecco und entfernte sich, wütend mit seinen Holzpantinen über das Pflaster klappernd.
Er ging zu einem russischen Signore, von dem es hieß, er sei ein guter, ehrlicher Mensch. Er trat ein, setzte sich
an das Lager, auf dem das Leben des Russen langsam erlosch, und fragte:
»Was ist hier über diese Leute aufgedruckt?«
Der Russe kniff die vor Krankheit farblos gewordenen, traurigen Augen zusammen, las mit schwacher Stimme die Inschrift auf der Karte und wandte sich mit gütigem Lächeln an den Alten, der nun bat:
»Signore, Sie sehen, ich bin sehr alt und werde schon bald zu meinem Gotte abgerufen werden. Wenn die Madonna mich fragt, was ich mit meinen Kindern getan, werde ich ihr alles wahrheitsgemäß und ausführlich erzählen müssen. Das sind meine Söhne, die hier auf der Karte abgebildet sind, ich begreife aber nicht, was sie getan und weshalb sie ins Gefängnis gesperrt sind.«
Der Russe sprach darauf ernst und einfach:
»Sagt der Madonna, Eure Kinder hätten das Hauptgebot ihres Sohnes erfüllt: sie lieben ihre Nächsten in werktätiger Liebe …«
Eine Lüge kann nicht einfach ausgesprochen werden: sie erfordert Phrasen und Ausschmückungen. Der Alte schenkte deshalb dem Russen Glauben und drückte kräftig dessen kleine Hand, die die Arbeit nicht kannte.
»Es ist also keine Schande für sie, daß sie im Gefängnis sind?«
»Nein,« sprach der Russe, »Sie wissen ja, die Reichen kommen nur dann ins Gefängnis, wenn sie zu viel Böses getan und es nicht zu verbergen verstanden haben. Die Armen jedoch kommen in den Kerker, wenn sie auch nur ein wenig Gutes haben tun wollen. Sie sind ein glücklicher Vater, das sage ich Ihnen.«
Und noch lange sprach er mit seiner schwachen Stimme zu Cecco; er erzählte ihm, wie die ehrlichen Menschen
kämpfen, die die Armut, die Dummheit und all das Furchtbare, Böse besiegen wollen, das von Dummheit und Armut in die Welt gebracht wird …
Die Sonne brennt am Himmel wie eine feurige Blume und streut den Goldstaub ihrer Strahlen auf die grauen Felsen, aus deren Falten smaragdene Gräser und himmelblaue Blumen sich der Sonne entgegenstrecken. Die goldenen Lichtfunken flammen auf und erlöschen in den vollen Tropfen des kristallenen Taus.
Der Alte verfolgt aufmerksam, wie alles ringsum die lebendige Kraft des Lichtes einsaugt, wie die Vögel arbeitsam umherschwirren, ihre Nester bauen und singen. Er denkt an seine Söhne, die jenseits des Ozeans im Gefängnis der großen Stadt sitzen. Das ist schlecht für ihre Gesundheit, sehr schlecht …
Sie sind aber im Gefängnis, weil sie ehrliche Burschen sind, genau so wie ihr Vater sein Leben lang. Das ist gut für sie und für ihn.
Und das braune Antlitz des Alten zerschmilzt in stolzem Lächeln.
»Die Erde ist reich, der Mensch arm, die Sonne gut, der Mensch böse. Mein Leben lang dachte ich daran, sprach es aber nicht aus, und sie errieten die Gedanken des Vaters. Sechs Dollars in der Woche, das sind vierzig Lire, – oho! Sie aber fanden, daß das zu wenig ist, und fünfundzwanzigtausend eben solcher Burschen wie sie stimmten ihnen bei: dies ist zu wenig für einen Menschen, der gut leben will …«
Der Alte ist überzeugt, daß die verborgenen Gedanken seines Herzens in seinen Söhnen groß geworden sind. Er
ist stolz darauf; da er aber weiß, wie wenig die Menschen den von ihnen selbst täglich geschaffenen Märchen Glauben schenken, spricht er darüber nicht.
Nur bisweilen, wenn sein altes Herz übervoll ist von den Gedanken an die Zukunft seiner Kinder, erhebt sich der alte Cecco, biegt den arbeitsmüden Rücken gerade, sammelt die letzten Kräfte und schreit heiser in die Ferne hinaus, an seine Kinder weit übers Meer:
»Vaglio–o!«
Die Sonne lächelt, sich immer höher über das dichte, weiche Wasser des Meeres erhebend, und die Leute in den Weinbergen antworten dem Alten:
»Oi–i!«
Nuncia und Nina
Mit Recht ist das Sankt Jakobsviertel stolz auf seinen Springbrunnen, an dem schon der unsterbliche Giovanni Boccaccio bei einem heiteren Gespräch sich auszuruhen pflegte, und der mehr als einmal von dem berühmten Salvatore Rosa gemalt worden war, dem Freunde des Tommaso Aniello – oder Masaniello, wie das Volk ihn nannte, für dessen Freiheit er kämpfte und starb. Masaniello wurde auch in unserm Viertel geboren.
In unserm Viertel kamen zur Welt und lebten überhaupt sehr viele bedeutende Menschen; in früheren Zeiten gab es ihrer mehr als heutzutage, und man bemerkte sie auch eher. Aber jetzt, wo alle herumlaufen und sich mit Politik beschäftigen, ist es schwer, die andern zu überragen; und auch die Seele entfaltet sich nur mühselig, wenn man sie in Zeitungspapier einwickelt.
Bis zum Sommer des vorigen Jahres war auch die Gemüsehändlerin Nuncia der Stolz des Viertels. Sie war der lustigste Mensch in der ganzen Welt und die Allerhöchste in unserm Winkel, – über dem die Sonne immer etwas länger steht, als über den andern Stadtteilen. Der Springbrunnen ist natürlich auch heute noch derselbe wie immer; immer gelber werdend im Laufe der Zeit, wird er noch lange die Fremden durch seine drollige Anmut in Erstaunen setzen, die Marmorkinder bleiben ewig jung und werden nie müde von ihren Spielen.
Unsere liebe Nuncia aber starb vorigen Sommer auf der
Straße, während sie tanzte; nur selten stirbt ein Mensch auf diese Weise, und darum mag es schon interessant sein, davon zu hören.
Sie war zu lustig und zu gutherzig, um friedlich mit ihrem Mann leben zu können. Er konnte das lange nicht begreifen, er regte sich auf, fluchte, fuchtelte mit den Armen, drohte mit dem Messer, einmal machte er auch Gebrauch davon und stieß es jemand in die Seite; aber die Polizei liebt solche Spaße nicht, und nachdem Stefano ein bißchen im Gefängnis gesessen hatte, wanderte er nach Argentinien aus; Klimawechsel ist sehr gesund für böse Leute.
Mit dreiundzwanzig Jahren wurde Nuncia Witwe, sie hatte ein fünfjähriges Töchterchen zu versorgen, und alles, was sie besaß, waren zwei Esel, ein Gemüsegarten und ein Wägelchen; ein fröhlicher Mensch braucht nicht viel, all dies genügte ihr vollkommen. Sie konnte tüchtig arbeiten, und es gab sehr viele, die gern bereit waren, ihr zu helfen; und wenn sie einmal kein Geld hatte, um irgendeine Arbeitsleistung zu bezahlen, so zahlte sie mit ihrem Lachen, ihren Liedern und allem anderen, was immer mehr geschätzt wird als Geld.
Nicht alle Frauen billigten ihren Lebenswandel und natürlich auch nicht alle Männer; doch da sie ein ehrliches Herz hatte, ließ sie die Verheirateten in Ruhe, ja sie verstand es sogar, sie mit ihren Frauen zu versöhnen. Sie pflegte zu sagen:
»Wer aufhört, eine Frau zu lieben, der versteht nicht wahrhaft zu lieben.«
Der Fischer Arturo Lano, der in seiner Jugend in einem Seminar gewesen war und Priester werden wollte, dann aber den Weg zum Priesterrock und zum Paradies verlor, indem er sich auf das Meer, in die Schenken und überall dorthin, wo es lustig ist, verirrte, dieser Lano nun, der es meisterhaft verstand, unanständige Lieder zu dichten, sagte ihr einmal:
»Du glaubst wohl, daß die Liebe eine ebenso schwere Wissenschaft ist wie die Theologie?«
Sie erwiderte:
»Die Wissenschaften kenne ich nicht, aber deine Lieder – alle.« Und sie sang ihm, der so rund war, wie ein Faß, eines seiner Lieder vor:
»Ja, so geht es nun einmal:
Frühling war es gerade …«
Da lachte er natürlich, und seine klugen Äuglein verschwanden in seinen roten, dicken und fetten Backen.
So lebte sie, froh und zufrieden, vielen eine Freude und allen angenehm; sogar ihre Freundinnen söhnten sich mit ihr aus; sie sahen ein, daß der Charakter eines Menschen in seinem Fleisch und Blute sei, sie dachten daran, daß selbst die Heiligen sich nicht immer überwinden konnten. Und schließlich – der Mann …
Zehn Jahre lang strahlte Nuncias Stern, sie war von allen als die Schönste und als die beste Tänzerin des Viertels anerkannt, und wäre sie noch ein Mädchen gewesen, so wäre sie sicher zur Königin des Marktes gewählt worden, was sie auch ohnedies in den Augen aller war.
Sogar den Ausländern zeigte man sie, und viele von ihnen wollten sich gern mit ihr unter vier Augen unterhalten; darüber lachte sie immer wie toll.
»In welcher Sprache wird sich denn dieser mit allen Wassern gewaschene Signore mit mir unterhalten?«
»In der Sprache klingender Münzen, Dummchen,« redeten ihr solide Leute zu, aber sie antwortete:
»Fremden kann ich nur Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten verkaufen.«
Es kam vor, daß Leute, die ihr aufrichtig zugetan waren, sie eindringlich zu bereden suchten:
»Einen Monat vielleicht, Nuncia, und du bist reich! Überleg dir das einmal, denk daran, daß du eine Tochter hast … «
»Nein,« erwiderte sie dann, »ich liebe meinen Körper und kann ihn nicht beleidigen! Ich weiß, man muß nur einmal etwas gegen seinen Willen tun, dann verliert man schon für immer die Achtung vor sich selbst …«
»Aber, du weigerst dich doch bei anderen nicht!«
»Bei den Unsrigen! Und auch nur, wenn ich will.«
»Ach, was soll das heißen: die Unsrigen?«
Sie wußte es:
»Die Menschen, unter denen meine Seele aufgewachsen ist und die sie verstehen.«
Aber trotzdem hatte sie ein Verhältnis mit einem Waldhüter aus England gehabt, einem sehr eigenartigen, schweigsamen Menschen, der unsere Sprache aber sehr gut kannte. Er war jung, hatte aber schon graues Haar und eine Narbe quer über das ganze Gesicht; er hatte das Gesicht eines Räubers, aber die Augen eines Heiligen. Die einen erzählten, daß er Bücher schriebe, die andern behaupteten, er sei Spieler. Einmal fuhr sie mit ihm sogar fort, irgendwohin nach Sizilien, und als sie zurückkam, war sie ganz schmal geworden. Er wird wohl kaum reich gewesen sein, Nuncia hatte weder Geld noch Geschenke von ihm bekommen. Und dann lebte sie wieder unter den Ihrigen, lustig wie immer und allen Freuden zugänglich.
Aber einmal an einem Feiertag, als alle aus der Kirche kamen, bemerkte jemand ganz verwundert:
»Schau einer an! Die Nina sieht ja bald genau so wie ihre Mutter aus!«
Und das war wahr wie ein Maientag: unbemerkt von allen war Nuncias Tochter ein ebenso strahlender Stern geworden wie ihre Mutter. Sie war erst vierzehn Jahre alt; aber hochgewachsen,
mit üppigem Haar und stolzen Augen, erschien sie viel älter und schon ganz fraulich.
Selbst Nuncia war erstaunt, als sie sie betrachtete:
»Heilige Madonna! Willst du denn schöner werden als ich, Nina?«
Lächelnd antwortete das Mädchen:
»Nein, nur ebenso wie du, das genügt mir vollkommen.«
Und da sahen die Leute zum ersten Male, wie das Gesicht dieser fröhlichen Frau traurig wurde, und abends sagte sie zu ihren Freundinnen:
»So ist nun unser Leben! Man hat seinen Becher noch nicht zur Hälfte ausgetrunken, und schon streckt sich eine neue Hand danach aus.«
Zuerst war natürlich nicht die geringste Spur einer Nebenbuhlerschaft zwischen Mutter und Tochter zu bemerken. Nina war bescheiden, zurückhaltend, blickte durch die Wimpern auf die Welt und öffnete vor Männern nur ungern den Mund; die Augen der Mutter dagegen brannten immer gieriger, und immer lockender klang ihre Stimme.
In ihrer Nähe flammten die Menschen auf, wie Segel in der Morgendämmerung, wenn der erste Sonnenstrahl sie berührt. Und es ist wahr: für viele war Nuncia der erste Strahl der Liebe; viele trugen in sich ein Gefühl stiller Dankbarkeit, wenn sie sie auf der Straße sahen, neben ihrem kleinen Wagen, schlank wie eine Tanne und mit einer Stimme, die bis zu den Dächern emporflog. Schön war sie auch auf dem Markte, wenn sie hinter ihrem leuchtendbunten Gemüsehaufen stand, als Hintergrund die weiße Kirchenwand, – wie das Bild eines großen Künstlers. Ihr Platz befand sich vor der Sankt Jakobskirche, links von der Treppe; drei Schritte von ihm ist sie auch gestorben. Da steht sie also, und glüht und brennt. Wie fröhliche Funken sprühen ihre lustigen Scherze,
ihr Lachen und ihre Lieder, von denen sie Tausende kennt, über die Köpfe der Menge.
Sie verstand es, sich so zu kleiden, daß ihre Schönheit dadurch noch gewann. So wie guter Wein in einem guten Glase: je durchsichtiger das Glas, desto besser zeigt es die Seele des Weines; die Farbe vervollständigt den Geruch und Geschmack, vervollständigt jenes rote Lied, das wir trinken, um der Seele ein wenig von dem Blut der Sonne einzuflößen. Der Wein, o Gott! Die ganze Welt mit ihrem Lärm und Trubel wäre keinen Eselshuf wert, wenn der Mensch nicht die süße Möglichkeit hätte, seine arme Seele mit einem guten Glase roten Weines zu laben, der Wein wird euch lehren, die Welt, in der es ja wirklich genug Greuel gibt, zu Heben und ihr zu verzeihen … Schaut nur durch euer Glas auf die Sonne, der Wein wird euch solche Märchen erzählen …
So steht nun Nuncia in der Sonne und entzündet heitere Gedanken und den Wunsch, ihr zu gefallen; man schämt sich vor einer schönen Frau, ein unscheinbarer Mensch zu sein, und man möchte dann immer sich selbst übertreffen. Viel Gutes hat Nuncia vollbracht, viele Kräfte hat sie zum Leben erweckt. Das Gute entzündet immer den Wunsch zum Besseren.
Ja, aber immer öfter erscheint neben der Mutter die Tochter, zurückhaltend wie eine Nonne, wie das Messer in der Scheide. Die Männer schauen, vergleichen sie miteinander, und manche begreifen vielleicht, was eine Frau manchmal fühlt, und wie weh ihr das Leben tut.
Die Zeit vergeht, immer schneller werden ihre eiligen, kleinen Schritte. Wie goldene Stäubchen im roten Strahl der Sonne, so tauchen die Menschen im rollenden Rad der Zeit auf, um rasch wieder zu verschwinden. Immer öfter zieht Nuncia ihre dichten Brauen zusammen; sich auf die Lippen
beißend, blickt sie ihre Tochter an: so beobachtet ein Spieler den andern, um seine Karten zu erraten …
Es vergehen ein, zwei Jahre, immer näher kommt die Tochter der Mutter, und immer weiter rückt sie von ihr ab. Schon können alle sehen, daß die Burschen nicht mehr wissen, wen von den beiden sie freundlicher anschauen sollen. Und die guten Freundinnen – Freundinnen heben einen dort zu kitzeln, wo es juckt – fragen:
»Na, Nuncia, deine Tochter stellt dich wohl in den Schatten?«
Lachend antwortete dann die Frau:
»Große Sterne sieht man auch, wenn der Mond scheint.«
Als Mutter war sie stolz auf die Schönheit ihrer Tochter, als Frau mußte sie neidisch auf ihre Jugend sein: Nina hatte sich zwischen sie und die Sonne gestellt; es kränkte die Mutter, im Schatten zu stehen.
Lano dichtete ein neues Liedchen, dessen erster Vers lautete:
»Wär' ich ein Mann, ich würde schon
Die Tochter dazu zwingen,
Wie ich's in ihrem Alter tat,
Ein schönes Kind zur Welt zu bringen.«
Nuncia wollte dieses Lied nicht singen. Es ging das Gerücht um, daß Nina schon mehr als einmal zur Mutter gesagt habe:
»Wir könnten viel besser leben, wenn du vernünftiger wärest.«
Und dann kam der Tag, wo die Tochter zur Mutter sagte:
»Mama, du verdeckst mich zu sehr vor den Menschen. Ich bin doch kein kleines Kind mehr und will auch etwas vom Leben haben! Du hast viel und lustig gelebt, – ist nicht endlich auch für mich die Zeit gekommen?«
»Was ist denn los?« fragte die Mutter und senkte schuldbewußt die Augen: sie wußte schon, was los war.
Enrico Borbone war aus Australien zurückgekehrt, er war Holzhauer gewesen in diesem wunderbaren Land, wo jeder mit Leichtigkeit eine Menge Geld verdienen konnte. Er war zurückgekehrt, um sich in der Heimatssonne zu wärmen und wollte dann wieder dorthin zurück, wo man um soviel freier leben konnte. Er war sechsunddreißig Jahre alt, war bärtig, stark und lustig, und er konnte so wunderbar von seinen Abenteuern, von seinem Leben im Urwald erzählen. Alle hielten seine Erzählungen für Märchen, aber Mutter und Tochter glaubten daran.
»Ich weiß, daß ich Enrico gefalle,« sagte Nina, »aber du spielst mit ihm, du machst ihn leichtsinnig, und das stört mich.«
»Ich verstehe,« sagte Nuncia. »Gut, du sollst dich nicht bei der Madonna über deine Mutter beklagen müssen.«
Und diese Frau trat ehrlich von jenem Manne zurück, den sie, das sahen alle, lieber mochte als viele andere.
Es ist ja bekannt, daß ein leichter Sieg den Sieger noch eingebildeter macht, und wenn der Sieger noch dazu ein Kind ist, so ist es schon ganz schlimm!
Nina benahm sich jetzt ihrer Mutter gegenüber nicht so, wie Nuncia es verdiente. Und einmal, am Sankt Jakobstag, einem Feiertage unsres Viertels, als alle lustig und vergnügt waren, und Nuncia schon herrlich die Tarantella getanzt hatte, sagte die Tochter zu ihr in Gegenwart aller:
»Tanzt du nicht zuviel? Ist das in deinem Alter nicht schädlich? Du mußt dein Herz schonen!«
Alle, die diese ungezogenen, aber in freundlichem Tone gesagten Worte hörten, wurden ganz stumm. Nuncia stemmte die Arme an die schlanken Hüften und rief aufgebracht:
»Mein Herz? Du machst dir Sorgen darum? Das ist
nett, mein Kind, ich danke dir! Aber wir wollen doch einmal sehen, wessen Herz stärker ist!«
Nach kurzer Überlegung schlug sie vor:
»Wir wollen dreimal von hier bis zum Brunnen laufen, hin und zurück, ohne auszuruhen natürlich.«
Vielen kam dieses Wettrennen sehr komisch vor, manche fanden es höchst skandalös, aber die Mehrzahl nahm aus Achtung vor Nuncia ihren Vorschlag ganz ernsthaft auf und zwang Nina, die Herausforderung der Mutter anzunehmen.
Man wählte Schiedsrichter, bestimmte eine Rekordgrenze, – alles, wie bei einem Pferderennen, genau und ausführlich. Es gab viele Frauen und Männer, die aus vollem Herzen der Mutter den Sieg wünschten, sie segneten und der Madonna gute Gelübde ablegten, wenn sie Nuncia helfen, ihr genügend Kraft geben würde.
Nun stehen also Mutter und Tochter nebeneinander, ohne sich anzublicken, es dröhnt ein dumpfer Schlag auf das Tamburin, und sie stürzen beide davon. Wie zwei große, weiße Vögel fliegen sie die Straße entlang auf den Marktplatz zu, die Mutter in einem roten Kopftuch, die Tochter in einem hellblauen.
Schon nach wenigen Minuten war es klar, daß die Tochter der Mutter nicht an Leichtigkeit und Ausdauer gleichkommen konnte; Nuncia lief so leicht und schön, als trüge die Erde sie, wie eine Mutter ihr Kind; die Menschen begannen, ihr aus den Fenstern und von der Straße Blumen zuzuwerfen, und gaben ihren Beifall durch Händeklatschen und Zurufe kund. Nachdem sie die Strecke erst zweimal gelaufen waren, hatte sie schon einen Vorsprung von vier Minuten: wie zerschlagen, außer Atem und ganz in Tränen sank Nina auf die Stufen der Kirchentreppe, sie konnte nicht mehr laufen.
Frisch und munter wie eine Katze beugte sich Nuncia über sie, mit den andern mitlachend:
»Mein Kind,« sagte sie, während sie mit ihrer kraftvollen Hand das aufgelöste Haar des Mädchens streichelte, »mein Kind, du mußt wissen, daß das stärkste Herz beim Vergnügen, bei der Arbeit und in der Liebe das Herz der Frau ist, die das Leben schon kennt, und das Leben wirst du erst kennen, wenn du schon weit über dreißig sein wirst … Mein Kind, nimm es dir nicht zu Herzen!«
Und ohne sich nach dem Laufe auszuruhen, wollte Nuncia wieder die Tarantella tanzen:
»Wer hat Lust?«
Enrico trat hervor, nahm seinen Hut ab, und mit einer tiefen Verbeugung hielt er lange seinen Kopf ehrerbietig vor dieser prächtigen Frau gesenkt.
Unter den summenden, brummenden Schlägen des Tamburins flammte der feurige Tanz auf, berauschend wie alter, starker, dunkler Wein; wie eine Schlange drehte und wand sich Nuncia, mit ihrem ganzen Wesen erfaßte sie diesen Tanz der Leidenschaft, und es war ein großer Genuß, zu sehen, wie dieser herrliche, unbesiegbare Körper lebte und vibrierte.
Lange tanzt sie und mit vielen. Die Männer werden müde, aber sie ist unermüdlich, und Mitternacht ist schon längst vorbei, als sie ausruft:
»Na, Enri, noch ein letztes Mal!« – Sie beginnt mit ihm langsam den Tanz, ihre Augen sind weit geöffnet und ihr liebevolles Leuchten verspricht viel; aber plötzlich wirft sie mit einem kurzen Schrei die Arme in die Luft und stürzt wie gefällt zu Boden.
Der Arzt sagte, sie sei an einem Herzschlag gestorben.
Wahrscheinlich …
Der alte Fischer erzählt …
Die Insel schläft, in tiefe Stille gehüllt, das Meer schläft auch, als wäre es gestorben, es ist, als hätte jemand mit starker Hand diesen schwarzen, seltsam geformten Stein vom Himmel auf die Brust des Meeres herabgeworfen und jedes Leben darin getötet.
Wenn man weit draußen vom Meere, dort wo der goldene Bogen der Milchstraße das dunkle Wasser berührt, auf die Insel blickt, so erscheint sie wie ein breitstirniges Tier: den zottigen Rücken gekrümmt, hat es sich mit seinem riesigen Rachen ans Meer festgesaugt und trinkt schweigend das ölglatte Wasser.
Diese totenstillen, schwarzen Nächte kommen im Dezember sehr häufig vor; sie sind so seltsam still, daß man gar nicht anders als flüsternd oder halblaut sprechen kann; man hat das Gefühl, daß ein lauter Ton das stören könnte, was da vielleicht im Geheimen in der steinernen Stille, unter dem blauen Samt des nächtlichen Himmels heranreift.
Und halblaut sprechen auch die beiden Menschen, die an dem steinigen, zerklüfteten Ufer der Insel sitzen; der eine ist ein Zollwächter in einer schwarzen, gelb eingefaßten Jacke, mit einem kurzen Gewehr auf dem Rücken; er muß aufpassen, daß die Bauern und Fischer nicht das Salz sammeln, das sich in den Ritzen der Steine bildet; der andere ist ein alter Fischer mit einem dunklen, wie bei
einem Spanier ausrasierten Gesicht, mit einem silberweißen Backenbart, der von den Ohren bis an die Nase reicht; seine Nase ist groß und krumm wie bei einem Papagei.
Die Steine sehen aus wie versilbert und vom Meer oxydiert.
Der Soldat ist jung und spricht natürlich von dem, womit man in seinen Jahren am meisten beschäftigt ist. Der Alte antwortet nur ungern, bisweilen sogar ärgerlich:
»Wer wird denn im Dezember Heben? Um diese Zeit werden doch schon die Kinder geboren.«
»Ja aber! Wenn man jung ist, dann wartet man doch nicht.«
»Man muß warten.«
»Hast du gewartet?«
»Ich bin doch nicht Soldat gewesen, mein Freund, ich habe gearbeitet, und alles, was der Mensch durchmachen muß, habe ich seiner Zeit durchgemacht.«
»Ich verstehe nicht.«
»Später wirst du's verstehen …«
Nicht weit vom Ufer spiegelt sich der hellblaue Sirius im Wasser; wenn man den trüben Lichtfleck auf dem Wasser lange betrachtet, so sieht man dicht daneben eine Korkboje, die rund ist wie ein menschlicher Kopf und ganz unbeweglich daliegt.
»Warum legst du dich nicht schlafen?«
Der Alte machte seinen alten, fadenscheinigen Mantel auf und sagte hüstelnd:
»Wir haben doch Netze ausgeworfen. Siehst du die Boje?«
»Aha!«
»Vor drei Tagen wurde das Netz einer Gesellschaft losgerissen und ganz und gar in Unordnung gebracht.«
»Die Delphine?«
»Jetzt im Winter? Aber nein. Vielleicht ein Haifisch, ein Tümmler, … wer kann's wissen?«
Unter den Füßen irgendeines Tieres löste sich ein kleiner Stein und rollte raschelnd durch das trockene Gras den Abhang hinab zum Meere, wo er mit hellem Klang im Wasser aufschlug.
Die schweigsame Nacht nahm dieses leise Geräusch gut auf und hob es liebevoll aus ihrer Tiefe hervor, als wollte sie es sich für lange Zeit einprägen.
Der Soldat singt leise ein spöttisches Liedchen:
»›Warum mögen alte Leute wohl schlecht schlafen?
Errat es mal, Umberto, überleg' dir's doch!‹
›Weil sie in den jungen Jahren
Zuviel Wein getrunken haben …‹«
»Bei mir stimmt das aber nicht,« brummte der Alte.
»›Warum schlafen schlecht die Alten?
Nun, Berguito, sag' es mir!‹
›Weil sie, als sie jung noch waren,
Nicht so liebten, wie sie sollten …‹«
»Ein feines Lied, Onkel Pascale, nicht wahr?«
»Das wirst du ja selber merken, wenn du erst sechzig bist … wozu fragst du da?«
Lange saßen sie schweigend in der friedlichen Nacht, dann nahm der Alte die Pfeife aus dem Mund, klopfte sie an einem Stein aus, lauschte den harten, kurzen Schlägen und sagte:
»Ihr Jungen könnt gut lachen, aber ich weiß nicht, ob ihr so zu lieben versteht, wie man in alten Zeiten liebte.«
»Ach! Ein altes Lied! … Man liebt immer gleich, glaube ich.«
»Glaubst du! Mußt es ja wissen. Dort, hinter dem Berge, wohnt die Familie Senzamane. Laß dir mal von ihnen die Geschichte des Großvaters Carlo erzählen. Das wird deiner Frau nützlich sein.«
»Was soll ich fremde Leute fragen, du kannst mir die Geschichte doch auch erzählen.«
Unsichtbar fliegt ein Nachtvogel vorbei, ein eigenartiges, seltsames Geräusch vibriert in der Luft, als reibe man mit einem Wolltuch eilig die trockenen Steine ab.
Die Dunkelheit auf der Erde wird immer dichter, feuchter und wärmer, der Himmel wird immer tiefer, und immer heller funkeln die Sterne im silbernen Nebel der Milchstraße.
»Früher wurden die Frauen viel höher geschätzt.«
»Na? Nicht das ich wüßte.«
»Die Menschen haben viel Krieg geführt.«
»Da gab es ja viele Witwen.«
»Und dann die Seeräuber, die Soldaten, und fast alle fünf Jahre neue Herrscher in Neapel, da mußte man die Frauen schon hinter Schloß und Riegel halten.«
»Das könnte jetzt auch nichts schaden.«
»Sie wurden geraubt wie die Hühner.«
»Wenn sie auch den Füchsinnen ähnlicher waren.«
Der Alte verstummte und zündete seine Pfeife an; eine weiße Rauchwolke hing in der unbewegten Luft. Das Feuer flammte auf und beleuchtete die krumme, dunkle Nase und den kurz geschnittenen Schnurrbart darunter.
»Na und weiter?« fragte der Soldat mit schläfriger Stimme.
»Wenn man zuhört, muß man schweigen.«
Der Sirius flimmert und flackert so stark, als wolle der stolze Stern den Glanz aller andern verdunkeln. Das Meer
ist mit Goldstaub besät, und dieser kaum merkbare Widerschein des Himmels belebt die schwarze, schweigende Fläche, verleiht ihr einen schimmernden, durchsichtigen Glanz. Es ist, als blickten aus der Tiefe des Meeres tausende phosphoreszierende Augen in den Himmel …
»Ich höre ja zu,« unterbrach der Soldat ungeduldig das beleidigte Schweigen des Fischers, und bedächtig, mit halblauter Stimme, begann der Alte seine Erzählung:
»Vor hundert Jahren etwa lebten dort auf dem Berge, wo die dichten Kiefern stehen, die Griechen Ekellani. Der bucklige Alte war ein Zauberer und Schmuggler und sein Sohn Aristido ein Jäger; damals gab es noch Ziegen auf der Insel. Die reichste Familie hier bei uns waren zu der Zeit die Gagliardis. Jetzt tragen sie den Namen ihres Großvaters Senzamane. Die Hälfte aller Weinberge gehörte ihnen, sie hatten acht Weinkeller und mehr als tausend Fässer. Damals wurde unser Weißwein sogar in Frankreich hoch geschätzt, wo man, wie ich gehört habe, nichts außer Wein zu schätzen versteht. Diese Franzosen sind ja alle Spieler und Trinker. Sie haben doch sogar den Kopf ihres Königs dem Teufel verspielt.«
Der Soldat begann leise zu lachen, und wie als Antwort darauf, hörte man ganz in der Nähe das Wasser plätschern; mit gereckten Hälsen lauschten sie beide gespannt.
»Der Seeteufel versucht wohl den Köder an den Haken.«
»Weiter.«
»Ja … also die Gagliardis. Es waren drei Brüder. Die Geschichte erzählt von dem mittleren, Carlone wurde er genannt wegen seines riesigen Mundes und seiner gewaltigen Stimme. Er liebte ein armes Mädchen, Julia, die Tochter des Schmiedes, die sehr klug war, – starke Menschen sind eigentlich nie klug. – Irgend etwas zögerte ihre
Heirat hinaus, und sie dachten sehnsüchtig an ihren Hochzeitstag, aber der Sohn des Griechen war nicht untätig, ihm gefiel Julia auch. Er hatte sich lange um ihre Gunst beworben, hatte aber keinen Erfolg und beschloß, das Mädchen zu entehren. Er rechnete damit, daß Carlone sie verlassen und er dann ein leichtes Spiel haben würde. Zu jenen Zeiten war man strenger als heute.«
»N–na, ich weiß ja nicht.«
»Lasterhaftigkeit ist ein Vergnügen der Reichen, und wir sind alle hier arm,« sagte der Alte streng; und als spreche er zu sich selber, fuhr er fort:
»Einmal, als das Mädchen die abgeschnittenen Weinreben sammelte, tat der Sohn des Griechen, der den Pfad oberhalb der Wand ihres Weinberges entlangging, als wäre er fehlgetreten, stürzte herunter und fiel gerade vor ihren Füßen zur Erde. Als gute Christin beugte sie sich über ihn, um zu sehen, ob er sich nicht verletzt hatte. Vor Schmerz stöhnend bat er sie:
›Ruf' niemand zu Hilfe, Julia, ich bitte dich! Ich habe Angst, daß dein eifersüchtiger Verlobter mich tötet, wenn er mich neben dir sieht. Ich will mich nur ein wenig ausruhen, dann gehe ich.‹
Er legte den Kopf auf ihren Schoß und stellte sich ohnmächtig; erschrocken rief sie um Hilfe, aber als die Leute herbeieilten, sprang er, plötzlich kerngesund, aber scheinbar sehr verlegen, auf die Füße, begann von seiner Liebe zu reden, von seinen ehrlichen Absichten, schwur, daß er die Schande des Mädchens durch eine Heirat wieder gutmachen würde, mit einem Worte, er stellte die Sache so dar, als wäre er, durch Julias Liebkosungen ermüdet, auf ihrem Schoße eingeschlafen. Die einfältigen Leute glaubten ihm, trotz des Zornes des Mädchens; sie vergaßen
ganz, daß sie ja selbst um Hilfe gerufen hatte; niemand wußte, daß der Charakterzug des Griechen die Schlauheit ist. Der Teufel hat die Griechen deshalb getauft, damit sie alle Angelegenheiten der Christen um so besser in Verwirrung bringen können. Das Mädchen schwur, daß der Grieche lüge; aber er überredete die Leute, daß Julia sich schäme, die Wahrheit zu sagen, da sie die schwere Hand Carlones fürchte. Er behielt die Oberhand, und das Mädchen wurde wie wahnsinnig. Man fesselte sie, da sie sich mit einem Stein in der Hand auf die Menschen stürzte, und dann kehrten alle zur Stadt zurück. Carlone, der ihr Schreien schon gehört hatte, eilte ihr entgegen, aber als man ihm sagte, was geschehen war, fiel er mitten in der Menge auf die Knie. Dann sprang er auf, schlug seine Braut mit der linken Hand ins Gesicht und begann mit der Rechten den Griechen zu würgen; die Leute konnten ihn kaum losreißen.«
»Dumm war der Bursche,« brummte der Soldat …
»Der Verstand eines ehrlichen Menschen ist in seinem Herzen! Ich habe schon gesagt, daß die Geschichte sich im Winter abspielte, einige Tage vor dem heiligen Weihnachtsfest. Zu diesem Fest beschenkt man sich bei uns gegenseitig mit Wein, Obst, Fisch und Geflügel, alle schenken, und am meisten bekommen natürlich die Ärmeren. Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise Carlone die Wahrheit erfuhr, aber er erfuhr sie jedenfalls, und am ersten Feiertage bekamen der Vater und die Mutter Julias, die nicht einmal in die Kirche gegangen waren, nur ein einziges Geschenk: einen kleinen Korb mit Tannenzweigen und darin die abgehackte linke Hand des Carlone Gagliardi, jene Hand, die Julia geschlagen hatte. Alle drei stürzten entsetzt zu ihm, sie trafen ihn auf den Knien vor
der Tür seines Hauses, seine Hand war mit einem blutigen Lappen umwickelt, und er weinte wie ein Kind.
›Was hast du bloß gemacht?‹ fragten sie ihn.
Er erwiderte:
›Ich habe das getan, was ich tun mußte: der Mensch, der meine Liebe mit Schmach bedeckt hat, darf nicht länger leben, ich habe ihn getötet … Die Hand, die meine unschuldige Geliebte geschlagen hat, hat mich mit Schmach bedeckt, ich habe sie abgehauen … Ich bitte dich, Julia, verzeih' mir jetzt, und auch die Deinigen bitte ich …‹
Sie verziehen ihm natürlich, aber es gibt ja ein Gesetz, das die Lumpen schützt: zwei Jahre saß Gagliardi wegen des Griechen im Gefängnis, und es kam den Brüdern teuer zu stehen, Carlone von dort wieder herauszuholen.
Dann heiratete er Julia, und sie lebten beide glücklich bis ins hohe Alter. Sie begründeten eine neue Familie auf der Insel, die Handlosen, die Senzamane.«
Der Alte schwieg und sog angestrengt an seiner Pfeife.
»Die Geschichte gefällt mir aber nicht,« sagte der Soldat leise. »Dieser Carlone ist ja ein Wilder … Das ist doch so dumm, alles …«
»Dein Leben wird nach hundert Jahren auch sehr dumm erscheinen,« sagte der Alte nachdrücklich, blies eine große Rauchwolke in die Luft, die in der Dunkelheit ganz weiß erschien, und fügte hinzu:
»Wenn sich nur jemand daran erinnern wird, daß du auf der Welt gewesen bist.«
Wieder durchbrach das Plätschern des Wassers die Stille, aber jetzt war es stärker und hastiger. Der Alte warf den Mantel ab, sprang auf und verschwand so schnell, als wäre er in das dunkle Wasser gefallen, das sich am Ufer bläulich wie das Silber der Fischschuppen kräuselte.
Ein Abschied
In samtnen Gewändern schreitet die Nacht aus den Feldern in die Stadt, mit goldnen Lichtern wird sie empfangen; zwei Frauen und ein Jüngling gehen auf die Felder hinaus, als kämen sie der Nacht entgegen, langsam verklingen hinter ihnen die Geräusche des von der Arbeit des Tages ermüdeten Lebens.
Leise hallen die Schritte auf den dunklen Steinplatten der alten Straße, die schon von Roms fremdstämmigen Sklaven gepflastert worden war; in der weichen Stille klingt weich und überzeugend die Stimme der Frau:
»Sei nicht hart zu den Menschen.«
»Findest du denn, Mutter, daß ich es bin?« fragt der Jüngling nachdenklich.
»Du streitest zu heftig, zu heiß.«
»Weil ich meine Wahrheit heiß liebe.«
An der linken Seite des Jünglings geht das Mädchen. Ihre Holzpantinen klappern auf den Steinen; ihr Gesicht ist – wie bei einer Blinden – zum Himmel gewandt. Dort oben leuchtet der große Abendstern, tiefer unter ihm glüht die Abendröte, und dunkel wie nicht angezündete Fackeln heben sich zwei Pappeln von dem Rot ab.
»Sozialisten sperrt man oft ins Gefängnis,« sagt seufzend die Mutter.
Der Sohn erwidert ruhig:
»Das wird man schon lassen! Es ist ja doch zwecklos.«
»Ja, aber bis dahin.«
»Es gibt und wird auch keine Gewalt geben, die das junge Herz der Welt töten könnte!«
»Das sind Worte für ein Lied, mein Junge.«
»Millionen Stimmen singen dies Lied, und immer aufmerksamer lauscht das Leben! Schau: hättest du etwa früher mich oder Paolo so lieb und geduldig angehört, wie du es jetzt tust?«
»Ja, ja, – aber sieh, jetzt hat der Streik dich gezwungen, deine Heimatstadt zu verlassen.«
»Sie ist zu klein für zwei, soll Paolo hierbleiben. Und den Streik haben wir doch gewonnen.«
»Gewonnen!« wiederholte das Mädchen mit klangvoller Stimme. »Du und Paolo …«
Sie bricht ab und lacht leise. Eine kurze Zeit gehen sie schweigend weiter. Vor ihnen erhebt sich allmählich ein dunkler Hügel mit den Ruinen eines Gebäudes; über ihnen breitet ein duftender Eukalyptusbaum träumend seine zarten Zweige aus. Und als die drei den Baum erreicht hatten, schien es, als erbebten seine Zweige leise.
»Da ist Paolo!« sagt das Mädchen.
Eine dunkle, hohe Gestalt hat sich von den Ruinen gelöst und steht mitten auf der Straße.
»Du hast ihn wohl mit dem Herzen gesehen,« fragt der Jüngling lachend.
Wie ein Echo ertönt es vorn:
»Gehst du?«
»Ja, hier sind die Meinen! Ihr braucht mich nicht weiter zu begleiten, das ist nicht nötig. Ich habe ja nur fünf Stunden bis Rom, und ich gehe ja mit Absicht zu Fuß, damit ich unterwegs meine Gedanken sammeln kann.«
Sie bleiben stehen. Der Hohe nimmt den Hut ab und spricht mit brüchiger Stimme:
»Mach dir keine Sorgen um deine Mutter und deine Schwester. Es wird schon alles gut gehen.«
»Ich weiß. Auf Wiedersehen, Mutter!«
Sie schluchzt, stöhnt leise, dann hört man drei herzhafte Küsse und eine männliche Stimme sagt:
»Geh jetzt nach Hause und ruh dich gut aus. Du hattest genug Aufregung in diesen stürmischen Tagen. Geh, es wird schon alles gut werden! Paolo wird dir, statt meiner, ein guter Sohn sein! Na, Schwesterchen …«
Wieder hört man das Geräusch von Küssen und das Reiben der Füße auf den Steinen, die lauschende nächtliche Stille gibt wie ein Spiegel jeden Laut wieder.
Die vier Gestalten, von der Dunkelheit umhüllt, haben sich zu einem großen Körper vereinigt und können sich lange nicht voneinander losreißen. Dann trennen sie sich schweigend: drei gleiten langsam den Lichtern der Stadt entgegen, eine geht mit schnellen Schritten westwärts. Die Abendröte ist schon erloschen, und im blauen Himmel funkeln die Sterne.
»Leb wohl!« erklingt es leise und traurig durch die Nacht.
Aus der Ferne erwidert eine frische Stimme:
»Leb wohl! Sei nicht traurig, bald sehen wir uns wieder …«
Hart klappern die Holzpantinen des Mädchens; die etwas heisere Stimme spricht tröstende Worte:
»Ihm wird nichts zustoßen, Donna Filomena, daran können Sie glauben wie an die Gnade Ihrer Madonna! Er hat viel Verstand und ein tapferes Herz, er versteht selbst zu lieben und zwingt auch die anderen, ihn zu lieben. Und die Liebe zu den Menschen, das sind doch die Flügel, auf denen der Mensch sich über alles emporschwingt.«
Immer näher glänzen durch die Dunkelheit die bescheidenen,
blassen Lichter der Stadt; auch die Worte des hohen Mannes sprühen wie Funken.
»Wenn der Mensch in seinem Herzen das Wort trägt, das die Welt vereinigt, so findet er überall Menschen, die ihn hoch schätzen werden, – überall!«
Dicht an die Stadtmauer gedrängt steht eine kleine, weiße Schenke mit niedrigem Dach. Einladend blickt das erleuchtete Fenster in der Tür auf die Vorübergehenden. Vor ihr lärmen an drei Tischchen dunkle Gestalten, seufzen die Saiten einer Gitarre, zittert nervös die metallische Stimme einer Mandoline.
Als die drei die Tür erreichen, verstummt die Musik, die Stimmen werden leiser, einige Gestalten erheben sich.
»Guten Abend, Genossen!« sagt der Hohe.
Freudig erwidern zahlreiche Stimmen:
»Guten Abend, Genosse Paolo! Kommst du zu uns? Ein Glas Wein vielleicht?«
»Nein … Danke.«
Die Mutter sagt seufzend:
»Dich haben die Unsern auch sehr gern.«
»Die Unsern, Donna Filomena?«
»Ach du, lach nicht! Ich bin doch meinem Volke keine Fremde. Alle lieben euch: dich und ihn.«
Der Hohe faßt das Mädchen unter den Arm und sagt:
»Alle und – noch eine! Nicht wahr?«
»Ja!« sagt das Mädchen still. »Natürlich.«
Die Mutter beginnt leise zu lachen:
»Ach, Kinder! Wenn man euch so sieht und hört, dann glaubt man wirklich: Ihr werdet es besser haben als wir.«
Und die drei verschwinden in einer Straße der Stadt, die eng und zerzaust ist, wie der Ärmel eines alten, abgetragenen Kleides …
Der Unheimliche
Schon seit dem Morgen rauschte der Regen in Strömen herab, aber gegen Mittag versiegten die Wolken. Vorher eine dichte, dunkle Decke, wurden sie jetzt heller, durchsichtiger; der Wind zerriß sie in dunstige Fetzen und trieb sie aufs Meer hinaus; dort ballten sie sich wieder zu einer blaugrauen Masse zusammen und warfen einen dunklen Schatten auf das durch den Regen beruhigte Meer.
Im Osten ist der Himmel dunkel und von Blitzen durchzuckt, über der Insel aber strahlt in vollem Glänze die herrliche Sonne.
Wenn man von weitem, vom Meere her, auf die Insel schaut, so gleicht sie einer prächtigen Kirche an einem Feiertage: reingewaschen, mit bunten Blumen reichgeschmückt, mit schimmernden Regentropfen besät, wie Topase glänzen sie auf dem gelbgrünen, jungen Weinlaub, wie Amethyste auf den Trauben der Glyzinien, wie Rubinen auf dem Purpur der Geranien und wie Smaragde im Gras, im dichten Grün der Büsche und auf dem Laub der Bäume.
Es ist so still, wie immer nach einem Regen; kaum hört man das leise Raunen des Baches, der sich unsichtbar zwischen den Steinen und unter den Wurzeln der Wolfsmilch, der Brombeersträucher und der duftenden, zerzausten Waldrebe hinschlängelt. Unten rauscht sanft das Meer.
Hoch empor ragen die goldenen Pfeile des Ginsters, sie schwanken leise unter der Last der Tropfen, die sie lautlos von ihren seltsam geformten Blüten abschütteln.
Auf saftig grünem Hintergrund wetteifern die hellvioletten Glyzinien mit den blutroten Geranien und Rosen, der rötlich-gelbe Brokat der Wolfsmilch mit dem dunklen Samt der Schwertlilien und Levkojen; alles ist so hell und farbig, man hat das Gefühl, daß die Blumen singen, wie Geigen, Flöten und leidenschaftliche Celli.
Die feuchte Luft ist würzig und betäubend wie alter, starker Wein.
Unter dem grauen Felsen, der durch Explosionen zerrissen und zerborsten und in den Spalten mit fettglänzendem Eisenoxyd überzogen ist, zwischen den gelben und grauen Steinen, die den säuerlichen Geruch des Dynamits ausströmen, sitzen vier Steinbrecher und essen; es sind kräftige Männer in feuchtgeschwitzten Lumpen.
Bedächtig und mit Appetit essen sie aus einer großen Schüssel das feste Fleisch des mit Kartoffeln und Tomaten in Olivenöl gebratenen Tintenfisches und trinken der Reihe nach direkt aus der Flasche den roten Wein.
Zwei von ihnen sind rasiert und sehen sich ähnlich wie Brüder, ja sogar wie Zwillinge; der dritte ist klein, einäugig und krummbeinig und erinnert mit seinen hastigen Bewegungen an einen alten, gerupften Vogel; der vierte ist ein breitschulteriger, bärtiger Mensch in mittleren Jahren mit einer gebogenen Nase und stark ergrautem Haar.
Er bricht große Stücke vom Brot ab, mit denen er seinen vom Wein feuchten Schnurrbart glättet, dann steckt er sie in seinen dunklen Mund und sagt, während er gleichmäßig die behaarten Kinnbacken bewegt:
»Das sind Märchen, Lügen! Ich habe nichts Schlimmes getan …«
Seine braunen Augen unter den dichten Brauen blicken unlustig, spöttisch; seine Stimme ist heiser und schwer, er redet langsam und ungern. Der Hut, das behaarte Räubergesicht, die großen Hände, der blaue Anzug sind mit weißem Steinmehl bestäubt; er wird es wohl sein, der die Löcher für die Dynamitladungen in den Felsen bohrt.
Seine drei Kameraden hören aufmerksam, ohne ihn zu unterbrechen, zu, aber sie heften ihre Blicke auf ihn, als wollen sie sagen:
»Weiter!«
Und er erzählt, während er seine ergrauten Brauen bewegt:
»Dieser Mensch, er hieß Andrea Grasso, kam wie ein Dieb nachts zu uns ins Dorf; er sah aus wie ein Bettler, sein Hut hatte dieselbe Farbe wie seine Schuhe und war ebenso zerrissen. Er war gierig, schamlos und grausam. Sieben Jahre später zogen alte Leute als erste den Hut vor ihm, und er nickte kaum mit dem Kopf. Und auf vierzig Meilen im Umkreis waren alle seine Schuldner.«
»Ja, solche Leute gibt es,« sagte der Krummbeinige und schüttelte seufzend den Kopf.
Der Erzähler blickte ihn an und fragte spöttisch:
»Bist du ihnen schon begegnet?«
Der Alte machte schweigend eine Handbewegung; die Rasierten lächelten beide zugleich; der mit der Adlernase trank einen Schluck Wein und fuhr fort, während er mit den Augen den Flug eines Falken im blauen Himmel verfolgte.
»Ich war dreizehn Jahre alt, als er mich und einige andere anstellte, um Steine für das Haus, das er sich bauen ließ,
zu schleppen. Er ging mit uns grausamer um als mit Tieren, und als mein Freund Luchino ihm das sagte, antwortete er: ›Der Esel gehört mir, du bist mir aber ganz fremd, warum soll ich Mitleid mit dir haben?‹ Diese Worte trafen mich bis ins Innerste, und ich begann ihn aufmerksamer zu beobachten. Ich sah, daß er mit allen brutal und zynisch umging; ob es ein alter Mann war oder eine Frau, das war ihm ganz gleich. Und wenn achtbare Leute ihm sagten, daß das schlecht sei von ihm, so antwortete er lachend: ›Als ich arm war, hat auch mit mir keiner Mitleid gehabt.‹ Er verkehrte nur mit den Priestern, den Karabinieri und den Polizeibeamten; die anderen Leute sahen ihn nur in den Tagen ihrer bittersten Not, wenn er mit ihnen machen konnte, was er wollte.
»Ja, solche Leute gibt es,« wiederholte der Krummbeinige leise, und alle drei blickten ihn teilnahmsvoll an; einer der beiden Rasierten reichte ihm die Weinflasche; der Alte nahm sie, hob sie gegen das Licht und sagte, bevor er sie an die Lippen setzte:
»Ich trinke auf das heilige Herz der Madonna! –
Er pflegte oft zu sagen: ›Die Armen haben immer für die Reichen gearbeitet und die Dummen für die Klugen, und so soll es auch immer sein.‹«
Der Erzähler verzog den Mund zu einem Lächeln und streckte die Hand nach der Flasche aus, – sie war leer. Er warf sie achtlos auf die Steine, wo die Hämmer und die Hacken herumlagen und ein Stück Zündschnur sich wie eine Schlange am Boden ringelte.
»Mir – ich war ja noch so jung – und meinen Kameraden war es besonders schmerzlich, solche Worte zu hören: sie töteten alle unsre Hoffnungen und Wünsche auf ein besseres Leben. Einmal nun trafen mein Freund Luchino
und ich ihn abends auf dem Felde, als er langsam dahinritt und sagten ihm höflich aber mit Nachdruck: ›Wir bitten Sie, besser zu den Menschen zu sein.‹«
Die Rasierten begannen laut zu lachen, auch der Einäugige lächelte ein wenig, und der Erzähler seufzte tief auf.
»Ja, natürlich, es war dumm! Aber die Jugend ist ehrlich Die Jugend glaubt an die Macht des Wortes. Ich werde euch sagen: die Jugend ist das Gewissen des ganzen Lebens.«
»Na und er?« fragte der Alte.
»Er schrie uns ziemlich tapfer an: ›Laßt das Pferd los, ihr Nichtsnutze!‹ Und er drohte uns beiden mit dem Revolver. Wir sagten ihm: ›Sie brauchen keine Angst vor uns zu haben, Grasso, Sie brauchen auch nicht so wütend zu sein, wir geben Ihnen ja nur einen Rat!‹«
»Das ist gut!« sagte einer von den Rasierten, der andere nickte zustimmend; der Krummbeinige preßte die Lippen zusammen und begann mit seinem krummen Finger aufmerksam einen Stein zu betasten.
Sie waren mit dem Essen fertig. Der eine begann mit einer dünnen Gerte die glasklaren Wassertropfen von den Grashalmen zu schlagen, der andere beobachtete ihn und reinigte sich inzwischen die Zähne mit einem dürren Halme. Es wurde immer trockener und heißer. Immer kürzer wurden die Schatten. Das Meer rauschte leise, und langsam fielen die ernsten Worte:
»Diese Begegnung hatte schlimme Folgen für Luchino. Sein Vater und sein Onkel waren Grassos Schuldner. Der arme Luchino wurde immer magerer, preßte seine Lippen fest zusammen, und seine Augen gefielen den Mädchen nicht mehr. ›Ach,‹ sagte er mir einmal, ›das haben wir damals
dumm gemacht. Worte können nichts bewirken, wenn man sie einem Wolf sagt!‹ Mir fiel ein: ›Luchino ist imstande, ihn zu ermorden.‹ Es tat mir leid um den Burschen und seine liebe Familie. Und ich war doch ein einsamer und armer Mensch. Damals war gerade meine Mutter gestorben.«
Der Steinbrecher mit der Adlernase strich glättend mit seinen von Kalk ganz weißen Händen über seinen Bart, auf dem Zeigefinger seiner linken Hand glänzte ein heller Silberring, der sehr schwer zu sein schien.
»Meine Tat hätte für die Menschen sehr nützlich sein können, wenn ich sie bis zu Ende durchgeführt hätte, aber ich bin zu weichherzig. Als ich einmal Grasso auf der Straße traf, folgte ich ihm und sagte ihm kurz: ›Sie sind ein schlechter und habsüchtiger Mensch, es ist schwer für die Menschen, mit Ihnen zu leben; wenn Sie jemandem einen Stoß versetzen, so wird er vielleicht nach dem Messer greifen. Ich sage Ihnen: verlassen Sie uns, gehen Sie fort.‹ ›Du bist dumm, Kleiner!‹ sagte er, aber ich blieb hartnäckig. Er fragte lachend: ›Wieviel soll ich dir geben, damit du mich in Ruhe läßt, genügt dir eine Lira?‹ Das war sehr kränkend, aber ich beherrschte mich. ›Ich sage Ihnen, gehen Sie fort!‹ Ich ging an seiner linken Seite, Schulter an Schulter mit ihm. Ohne daß ich es merkte, hatte er sein Messer hervorgeholt und stieß es mir in die Seite. Aber mit der linken Hand kann es nicht so gefährlich werden, und so drang mir das Messer auch nur etwa zolltief in die Brust. Ich schleuderte ihn natürlich zu Boden und trat ihn mit den Füßen, so wie man es mit Schweinen tut. ›Du gehst also!‹ sagte ich zu ihm, als er auf dem Boden herumkroch.«
Die Rasierten blickten ihn mißtrauisch an und senkten
die Augen. Der Krummbeinige saß gebückt da und knotete die Lederriemen seiner Schuhe zusammen.
»Am nächsten Morgen, als ich noch schlief, kamen die Karabinieri und führten mich zum Marschall, einem Gevatter des Grasso. ›Du bist ein ehrlicher Mensch, Ciro,‹ sagte er, ›und du wirst doch nicht leugnen, daß du diese Nacht Grasso ermorden wolltest.‹ Ich sagte, daß das nicht wahr sei, aber in solchen Sachen haben sie ja ihre eigenen Ansichten. Zwei Monate saß ich im Gefängnis bis zur Gerichtsverhandlung, und dann wurde ich zu einem Jahr und acht Monaten verurteilt. ›Gut,‹ sagte ich zu den Richtern, ›aber ich betrachte die Sache noch nicht als abgeschlossen!‹«
Er holte zwischen den Steinen eine noch ganz volle Flasche hervor, steckte ihren Hals zwischen seinen Schnurrbart und trank in langen Zügen: sein behaarter Adamsapfel bewegte sich gierig, seine Barthaare sträubten sich. Streng und schweigend beobachteten ihn drei Augenpaare.
»Es ist langweilig, davon zu sprechen,« sagte er, während er die Flasche den Kameraden weiterreichte und seinen bespritzten Bart glättete.
»Als ich ins Dorf zurückkehrte, sah ich bald, daß ich hier nicht bleiben durfte: alle hatten Angst vor mir. Luchino erzählte mir, daß das Leben im letzten Jahre noch schlimmer geworden sei. Der arme Kerl sah so trostlos aus wie ein halbverkohlter Baum. ›So, so,‹ dachte ich – und ging zu Grasso; er erschrak sehr, als er mich sah. ›So,‹ sagte ich, ›ich bin zurückgekehrt, jetzt mußt du gehen!‹ Er griff nach seinem Gewehr und schoß, aber es war nur mit Schrot geladen, und außerdem zielte er auf die Beine. Ich fiel nicht einmal hin. ›Wenn du mich auch getötet hättest, so wäre ich aus dem Grab zu dir gekommen, ich
habe der Madonna geschworen, daß ich dich von hier vertreiben werde. Du bist halsstarrig, – und ich bin es auch.‹ Wir wurden handgemein, und ich brach ihm zufällig den Arm. Ich wollte es nicht, aber er ging als erster auf mich los. Leute liefen zusammen, ich wurde abgeführt. Diesmal saß ich drei Jahre und neun Monate im Gefängnis. Als die Frist abgelaufen war, redete mein Aufseher, der die ganze Geschichte kannte und mich sehr gern hatte, mir sehr zu, nicht wieder nach Hause zurückzukehren, sondern nach Apulien zu seinem Schwager zu gehen und mich bei ihm als Arbeiter zu verdingen; sein Schwager hatte dort sehr viel Land und einen Weinberg. Aber ich konnte mein Vorhaben natürlich nicht mehr ändern. Ich kehrte nach Hause zurück mit der festen Absicht, nichts Überflüssiges zu reden, denn ich hatte eingesehen, daß von zehn Worten neun überflüssig waren. Nur ein Gedanke erfüllte mich: ›Geh fort!‹ Es war Sonntag, als ich ins Dorf kam; ich ging direkt in die Kirche zur Messe. Grasso war auch dort, er bemerkte mich sofort, sprang auf und begann laut zu schreien: ›Dieser Mensch ist gekommen, um mich totzuschlagen, ihr Leute, der Teufel hat ihn nach meiner Seele geschickt!‹ Man umringte mich, ehe ich ihn auch nur berührt hatte, ehe ich ihm gesagt hatte, was ich wollte. Aber es war auch nicht mehr nötig, er sank auf die Steinfliesen, – der Schlag hatte ihn getroffen, seine ganze rechte Seite und seine Zunge waren gelähmt. Sieben Wochen später ist er gestorben … Das ist alles. Und die Leute erzählen solche Märchen von mir … sie sind sehr unheimlich, aber gar nicht wahr.«
Er verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln, warf einen Blick auf die Sonne und sagte:
»Es ist Zeit anzufangen.«
Die drei Leute erhoben sich langsam und ohne Eile, der mit der Adlernase starrte die rotbraunen, fettglänzenden Felsspalten an und wiederholte:
»Wir wollen weiterarbeiten.«
Die Sonne steht im Zenit und hat alle Schatten verzehrt.
Die Wolken am Horizont haben sich auf das Meer gesenkt, dessen Fläche noch blauer und noch ruhiger geworden ist.
Pepe
Pepe ist ungefähr zehn Jahre alt; er ist dünn und schmächtig und beweglich wie eine Eidechse; bunte Lumpen baumeln von seinen schmalen Schultern; durch die zahllosen Löcher sieht man die von Sonne und Schmutz gebräunte dunkle Haut.
Er gleicht einem dürren Hälmchen, – der vom Meere wehende Wind trägt es, spielt mit ihm. Vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang springt Pepe über die Felsen und Steine der Insel, vom frühen Morgen bis zum späten Abend hört man einmal da, einmal dort sein unermüdliches Stimmchen:
»O, du herrliches Italien,
Mein Italien! …«
Alles beschäftigt ihn: die Blumen, die sich im reichen Fluß über die gute Erde ergießen, die Eidechsen zwischen den lila schimmernden Steinen, die Vögel in dem wie geschnitzten Laub der Oliven, in dem malachitgrünen Spitzengeflecht der Weinranken, die Fische in den dunklen Gärten auf dem Meeresgrunde und die Ausländer in den engen, winkligen Gassen der Stadt: da ist der dicke Deutsche mit dem vom Säbel zerhackten Gesicht; der Engländer, der an einen Schauspieler erinnert, welcher gewöhnt ist, immer die Rolle eines Menschenfeindes zu spielen; der Amerikaner, der sich hartnäckig, aber vergeblich bemüht, es dem Engländer gleichzutun, und der unnachahmliche
Franzose, der so geräuschvoll ist wie eine Kinderklapper.
»Was für ein Gesicht der hat!« sagt Pepe zu seinen Freunden und zeigt mit seinen alles sehenden Augen auf den Deutschen, der so aufgeblasen ist, daß ihm sogar die Haare zu Berge stehen. »Sein Gesicht ist ja so groß wie mein Bauch!«
Pepe mag die Deutschen nicht, er lebt die Gedanken und Stimmungen der Straße, des Marktplatzes, der kleinen, dunklen Läden, in denen die Leute Wein trinken, Karten spielen, die Zeitungen lesen und dabei über Politik reden.
»Uns armen Südländern«, pflegen sie zu sagen, »sind die Slawen vom Balkan viel näher und angenehmer als unsere lieben Bundesgenossen, die uns für unsre Freundschaft mit dem Wüstensand Afrikas belohnt haben.«
Immer öfter wiederholen das die einfachen Menschen des Südens, und Pepe hört alles und vergißt nichts.
Mit schläfrigen Schritten geht der Engländer die Straße entlang, seine Beine sehen aus wie eine Schere. Vor ihm läuft Pepe und trällert ein trauriges Liedchen oder irgend etwas aus einer Totenmesse:
»Vor kurzem ist mein Freund gestorben,
Gar traurig ist meine Frau …
Und ich verstehe gar nicht
Den Kummer meiner Frau!«
Pepes Freunde schlagen weiter hinten Purzelbäume vor Vergnügen und verstecken sich wie die Mäuse im Gebüsch in den Ecken, wenn der ruhige Blick aus den farblosen Augen des Fremden sie trifft.
Von Pepe kann man viele interessante Geschichten erzählen.
Einmal gab ihm irgendeine Signora den Auftrag, einen Korb mit Äpfeln aus ihrem Garten einer Freundin als Geschenk von ihr zu bringen.
»Wirst dir einen Soldo verdienen!« sagte sie. »Das kann dir ja nicht schaden.«
Bereitwillig stellte er sich den Korb auf den Kopf und ging, aber erst am Abend kehrte er zurück, um sich seinen Soldo zu holen.
»Du hast dich ja nicht sehr beeilt,« sagte die Frau.
»Aber ich bin trotzdem sehr müde, liebe Signora!« antwortete Pepe und seufzte. »Es waren doch mehr als zehn Stück!«
»In dem bis oben vollen Korb? Zehn Äpfel bloß?«
»Jungen, Signora.«
»Na, und die Äpfel?«
»Zuerst die Jungen: Michele, Giovanni …«
Sie wurde wütend, packte ihn an den Schultern und begann ihn zu schütteln.
»Antworte gefälligst, hast du die Äpfel hingebracht?«
»Bis zum Marktplatz, Signora! Aber hören Sie doch, wie gut ich mich benommen habe: zuerst machte ich mir nicht das geringste aus ihren Spötteleien; meinetwegen, dachte ich, sollen sie mich mit einem Esel vergleichen, ich werde mir alles gefallen lassen aus Achtung vor der Signora, vor Ihnen, Signora. Aber als sie anfingen, sich über meine Mutter lustig zu machen, da sagte ich mir: na wartet, ihr werdet was erleben. Ich stellte den Korb hin und – gute Signora, das hätten Sie sehen müssen, wie geschickt und sicher ich auf diese Bengel zielte, da hätten Sie aber gelacht!«
»Sie haben meinen Korb geplündert!?« schrie die Frau.
Pepe antwortete mit einem betrübten Seufzer:
»O nein. Aber die Äpfel, die die Jungen nicht trafen, sind an den Wänden und Mauern zerplatzt, und die andern haben wir aufgegessen, nachdem ich gesiegt und mit meinen Feinden Frieden geschlossen hatte.«
Die Frau schrie und schimpfte noch lange und überschüttete Pepe mit allen Flüchen und Verwünschungen, die sie nur kannte, er hörte aufmerksam und ergeben zu, schnalzte von Zeit zu Zeit mit der Zunge und rief manchmal mit leiser Aberkennung:
»Huch, fein gesagt! Das sind aber Worte!«
Und als sie schließlich müde wurde und wegging, rief er ihr nach:
»Wirklich, Sie hätten sich nicht so aufgeregt, wenn Sie gesehen hätten, wie fein ich mit den herrlichen Äpfeln aus Ihrem Garten die dreckigen Köpfe dieser Lausejungen traf. – Nein, wenn Sie das bloß gesehen hätten, Sie hätten mir dann sicher zwei Soldi statt des versprochenen einen gegeben!«
Die ungeschliffene Frau begriff aber den bescheidenen Stolz des Siegers nicht. Sie drohte ihm nur mit ihrer geballten Faust.
Pepes Schwester – zwar bedeutend älter, aber nicht klüger als er – war seit kurzem Dienstmädchen in der Villa eines reichen Amerikaners; sie mußte dort die Zimmer aufräumen. Sie bekam bald rosige Backen, war immer sauber gewaschen und begann rund und voll zu werden wie eine reife Birne im August.
Ihr Bruder fragte sie einmal:
»Kriegst du jeden Tag zu essen?«
»Zwei- und dreimal, wenn ich Lust habe,« sagte sie stolz.
»Könntest deine Zähne etwas schonen!« riet ihr Pepe. Dann dachte er nach und fragte:
»Ist dein Herr sehr reich?«
»Der? Ich denke, der ist reicher als der König!«
»Na, den Blödsinn kannst du deiner Großmutter erzählen! Sag' mal, wieviel Hosen hat dein Herr?«
»Das kann man schwer sagen.«
»Zehn?«
»Vielleicht auch mehr.«
»Geh' mal und hol' mir eine recht warme und nicht zu lange Hose,« sagte Pepe.
»Wozu?«
»Du siehst doch, was für eine ich habe?«
Das war ziemlich schwer zu sehen: auf Pepes Beinen war von seinen Hosen sehr wenig übrig geblieben.
»Ja,« gab die Schwester zu, »du müßtest eine neue haben! Aber er könnte doch meinen, daß wir sie gestohlen haben?«
Pepe sagte mit Nachdruck:
»Man muß nicht denken, daß die Menschen dümmer sind als wir! Wenn man, wo viel da ist, ein wenig wegnimmt, so ist das kein Diebstahl, sondern einfach eine Teilung!«
»Aber das ist doch Unsinn!« widersprach die Schwester, aber Pepe überredete sie bald. Und als sie eine gute, hellgraue Hose in die Küche brachte, die ein wenig länger war als der ganze Körper Pepes, da wußte er gleich, was zu tun war:
»Gib' mal ein Messer her,« sagte er.
Bald hatten die beiden aus den Hosen des Amerikaners einen sehr bequemen Anzug für den Jungen gemacht: es war ein etwas zu breiter, aber sehr behaglicher Sack, der
an den Schultern mit Bindfaden befestigt wurde, die man um den Hals binden konnte, und die Taschen ergaben ausgezeichnete Ärmel.
Sie hätten ihn ja noch schöner und bequemer machen können, aber die Gattin des Besitzers der Hose störte sie: sie erschien plötzlich in der Küche und begann sie mit den schlimmsten Schimpfworten zu überschütten, die sie in allen Sprachen gleich mangelhaft gebrauchte, wie es die Amerikaner ja meistens tun.
Pepe konnte auf keinerlei Weise ihren Redefluß dämmen, er verzog das Gesicht, legte die Hand ans Herz, griff sich verzweifelt an den Kopf, seufzte müde, aber sie beruhigte sich nicht eher, als bis ihr Mann erschien.
»Was ist los?« fragte er.
Und da sagte Pepe:
»Signore, ich bin sehr erstaunt über das Geschrei, das Ihre Signora erhebt, ich bin sogar Ihretwegen etwas gekränkt. Soweit ich verstehe, denkt sie, daß wir die Hosen verdorben haben, aber ich versichere Ihnen, daß sie mir ausgezeichnet passen! Sie denkt wahrscheinlich, daß ich Ihr letztes Paar Hosen genommen habe, und daß Sie sich kein anderes kaufen können …
Der Amerikaner hörte ihn ruhig an und bemerkte dann:
»Na, und ich denke, daß man die Polizei holen muß, mein Junge.«
»So–oo?« Pepe war sehr erstaunt. »Warum denn?«
»Um dich ins Gefängnis zu bringen.«
Das betrübte Pepe sehr; er fing fast an zu weinen, aber er beherrschte sich und sagte mit Würde:
»Wenn Ihnen das Spaß macht, Signore, wenn Sie gerne Leute ins Gefängnis sperren, dann natürlich! Aber ich hätte das nicht gemacht, wenn ich viele Hosen hätte und
Sie keine einzige! Ich hätte Ihnen zwei, vielleicht auch drei abgegeben; wenn man auch eigentlich nicht drei Hosen auf einmal anziehen kann! Besonders an einem heißen Tag«
Der Amerikaner begann zu lachen; manchmal sind ja auch reiche Leute lustig.
Dann bewirtete er Pepe mit Schokolade und schenkte ihm einen Franken. Pepe prüfte die Münze mit den Zähnen und bemerkte würdevoll:
»Ich danke Ihnen, Signore! Ich glaube, die Münze ist echt!«
Am reizendsten ist Pepe, wenn er irgendwo ganz allein zwischen den Felsen steht und nachdenklich ihre Risse und Spalten betrachtet, als könne er darin die geheimnisvolle Lebensgeschichte der Steine lesen. In solchen Augenblicken sind seine lebhaften Augen weit geöffnet, sein Blick ist verschleiert, die schmalen Hände hält er auf dem Rücken, und sein Kopf ist leicht geneigt, er schwankt leicht wie der Kelch einer Blume. Er summt leise vor sich hin, denn er muß immer singen.
Lieb ist er auch, wenn er die Blumen beobachtet: in lilafarbenen Strömen ergießen sich die Glyzinien über die Mauer, und vor ihnen steht der Junge hoch emporgereckt, als wolle er etwas heraushören aus dem leisen Raunen der seidigen Blütenblätter, wenn der Atem des Meereswindes sie berührt.
Er schaut und singt:
»Fiorino-o … Fiorino-o …«
Aus der Ferne hört man wie Schläge auf ein riesiges Tamburin das dumpfe Seufzen des Meeres. Schmetterlinge flattern über den Blumen. Pepe hat den Kopf erhoben
und folgt ihnen mit den Augen, die er zum Schutz gegen die Sonne zusammenkneift. Er lächelt als älterer Erdenbewohner etwas neidisch und traurig, aber doch so lieb.
»Cio!« schreit er und klatscht in die Hände, um eine smaragdgrüne Eidechse zu verscheuchen.
Wenn das Meer glatt wie ein Spiegel daliegt und der weiße Schaum der Brandung nicht auf den Steinen haftet, setzt sich Pepe auf irgendeinen Stein und blickt mit seinen scharfen Augen in das durchsichtige Wasser: ruhig gleiten die Fische durch den Tang, blitzschnell huschen die Garnelen vorbei, unbeholfen kriecht ein Krebs durch das Seegras. Und über dem blauen Wasser klingt durch die Stille leise die helle, träumerische Stimme des Knaben.
»Oh, Meer … Meer …«
Die Erwachsenen sagen von ihm:
»Das wird ein Anarchist werden!«
Aber die besseren unter ihnen, die mehr Verständnis für ihre Mitmenschen haben, sind andrer Meinung:
»Pepe wird unser Dichter sein.«
Der Tischler Pasqualino, ein Greis mit einem Silberkopf und einem Gesicht wie von einer alten römischen Münze, der weise und von allen verehrte Pasqualino aber sagt:
»Die Kinder werden besser sein als wir und werden ein besseres Leben haben!«
Sehr viele glauben ihm.
Zweiter Teil. Russische Märchen
Der Philosoph
Ein junger Mann war sehr häßlich und wußte das. Deshalb sprach er zu sich selbst:
»Ich bin klug. Ich will ein großer Weiser werden. Bei uns ist das höchst einfach.«
Und er begann dicke Bücher zu lesen. Denn er war nicht etwa dumm, und wußte ganz genau, daß man Weisheit am besten durch Zitate aus Büchern beweist.
Also las er soviel kluge Bücher wie nötig waren, um sich die Augen zu verderben; dann hob er stolz die vom vielen Lesen gerötete Nase und erklärte aller Welt:
»Nein, bitte! Ich lasse mich nicht anführen. Ich sehe schon, – das Leben ist lediglich eine mir von der Natur gestellte Falle.«
»Und – die Liebe?« fragte der Geist des Lebens.
»Danke verbindlichst. Gottlob bin ich kein Dichter. Ich lasse mich nicht für ein Stückchen Käse in den eisernen Käfig der ›unabweislichen Pflichten‹ sperren.«
Immerhin war er nicht allzu begabt. Darum beschloß er, Philosophieprofessor zu werden.
Er begab sich zum Unterrichtsminister und erklärte:
»Eure Hohe Exzellenz, ich kann Vorlesungen über die Tatsache halten, daß das Leben völlig sinnlos ist, und daß man sich den Eingebungen der Natur nicht unterwerfen darf.«
Der Minister überlegte: ist der Mann brauenbar oder nicht?
Dann fragte er:
»Aber den Befehlen der Obrigkeit muß man sich doch unterwerfen?«
»Unbedingt muß man das!« antwortete der Philosoph und neigte ehrerbietig seinen von den vielen Büchern arg mitgenommenen Kopf. »Denn unsere menschlichen Leidenschaften …«
»Nun eben! Also, dann hinauf aufs Katheder! Gehalt: sechzehn Rubel. Nur, – falls ich plötzlich verfügen sollte, die Naturgesetze doch anzuerkennen, dann bitte ich mir aus: keine freien Meinungen äußern! Das dulde ich nicht.«
Er überlegte und sagte mit trübseliger Stimme:
»Wir leben in einer Zeit, in der wir im Interesse der Unversehrtheit des Staates möglicherweise nicht nur das Bestehen der Naturgesetze, sondern sogar ihre Zweckmäßigkeit werden anerkennen müssen, – teilweise wenigstens.«
»In zwei Teufels Namen!« rief der Philosoph in Gedanken. »Wenn ihr soweit kommt, ja dann …«
Aber laut sagte er lieber nichts.
Er tat also so: allwöchentlich stieg er aufs Katheder und erzählte einer Schar krausköpfiger Jünglinge:
»Meine Herren! Der Mensch ist äußerlich beschränkt und ist innerlich ebenfalls beschränkt. Die Natur ist ihm feind, das Weib ist nur ein blindes Werkzeug der Natur, – und aus allen diesen Gründen ist unser Leben völlig sinnlos.«
Er gewöhnte sich daran, so zu denken, ließ sich oft von der Begeisterung hinreißen und sprach dann schön und
aufrichtig. Die jugendlichen Studentchen klatschten ihm begeistert Beifall; er nickte ihnen, höchst befriedigt, mit dem kahlen Schädel freundlich zu; seine rötliche Nase glänzte rührend, und alles ging ausgezeichnet.
Weil ihm das Wirtshausessen nicht bekam – wie alle Pessimisten litt er an schlechter Verdauung –, heiratete er und speiste dann neunundzwanzig Jahre lang zu Hause. Unter der Arbeit, ohne es selbst recht zu merken, zeugte er vier Kinder, – dann starb er.
Dem Sarge folgten ehrerbietig und trauervoll seine drei Töchter mit ihren jungen Ehemännern und sein Sohn, ein Dichter, der in alle schöne Frauen der Welt verliebt war. Die Studenten sangen das »Ewige Gedenken«, – sie sangen sehr laut und fröhlich, aber schlecht. Am Grabe sprachen die Kollegen des Professors in blumigen Reden von dem abgerundeten metaphysischen System des Verstorbenen. Alles war sehr ordentlich und feierlich, es gab geradezu rührende Momente.
»Ja, nun ist der Alte tot!« sagte bei Verlassen des Kirchhofs ein Student zu den Kameraden.
»Er war ein Pessimist,« äußerte ein anderer.
Und ein dritter fragte:
»Ach? Wirklich?«
»Ein Pessimist war er, und konservativ.«
»Sieh einer an, der Glatzkopf! Das ist mir gar nicht aufgefallen …«
Ein vierter Student, ein armer Teufel, erkundigte sich eifrig:
»Ob wir zum Totenschmaus eingeladen werden?«
Sie wurden eingeladen.
Weil der verstorbene Professor bei Lebzeiten allerhand gute Bücher geschrieben hatte, in denen er mit viel
Wärme sehr schön die völlige Zwecklosigkeit des Lebens darlegte, wurden seine Bücher viel gekauft und gern gelesen. Man kann sagen, was man will: der Mensch liebt nun doch einmal das Schöne!
Seine Familie war gut versorgt, – Pessimismus ist eine sichere Sache! – das Totenmahl fiel großartig aus, und der arme Student schmauste vorzüglich, wie nur selten. Als er heimging, dachte er schmunzelnd:
»Nein, – auch Pessimismus kann Nutzen bringen.«
Der Sänger des Todes
Jewstignej Sakiwakin lebte lange still und bescheiden dahin, schüchtern und neidisch. Da, mit einemmal, wurde er plötzlich berühmt.
Das kam so. Eines Tages, nach einer üppigen Zecherei, war er seine letzten sechs Zehner los. Als er am nächsten Morgen, sehr verstimmt, mit schwerem Kopfe erwachte, setzte er sich an seine gewöhnliche Arbeit, – Reklamegedichte für ein »Anonymes Beerdigungs-Institut« zu verfertigen.
Er setzte sich also hin, vergoß reichlich Schweiß und schrieb dann sehr überzeugend:
»Schlägt man dich auf den Nacken oder auf den Kopf –
Ganz gleich, du mußt hinab ins dunkle, kühle Grab.
Ob du ein braver Mensch, ob du ein Schurke bist,
Man trägt dich doch hinaus zum Friedhof einst.
Sprichst du die Wahrheit oder lügst du frech, –
Es bleibt sich alles gleich; auch du mußt einmal sterben.«
Und so weiter in dieser Art, anderthalb Ellen lang …
Er brachte seine Arbeit ins Bureau des Beerdigungs-Instituts. Aber – man nahm das Gedicht nicht an.
»Entschuldigen Sie,« hieß es da, »aber so etwas können wir unmöglich drucken. Viele Verstorbene würden das sehr übelnehmen und sich vielleicht noch im Grabe umdrehen. Lebende aber braucht man nicht an den Tod zu
erinnern: die werden mit Gottes Hilfe schon von selbst sterben.«
Sakiwakin ärgerte sich.
»Der Teufel mag euch holen! Um eure Verstorbenen seid ihr besorgt; ihr errichtet ihnen Denkmäler und lest ihnen Totenmessen … Aber einen Lebenden laßt ihr verhungern …«
In ganz jämmerlicher Stimmung wanderte er durch die Straßen. Da sah er plötzlich ein Aushängeschild, – in schwarzen Buchstaben auf weißem Grunde stand zu lesen: »Ernte des Todes«.
»Da ist ja noch ein Beerdigungs-Institut! Und ich wußte das gar nicht,« dachte Jewstignej erfreut.
Aber es stellte sich heraus, daß es kein Beerdigungs-Institut war, sondern nur die Redaktion einer neuen parteilosen Zeitschrift für die Jugend und zur Selbstbildung. Sakiwakin wurde von dem Herausgeber und Schriftleiter Mokej Goworuchin – dem Sohne des berühmten Talgsieders und Seifenfabrikanten –, einem sehr lebhaften und regen, wenn auch etwas kränklichen jungen Manne, äußerst liebenswürdig empfangen.
Mokej sah sich das Gedicht an. Es gefiel ihm.
»Ihre Eingebungen«, sagte er, »sind gerade jenes neue, bisher von niemand ausgesprochene Wort der neuen Poesie, nach dem ich auf der Suche bin wie ein Argonaut …«
Das war natürlich alles nur dummes Zeug und stammte von dem Wanderkritiker Lasar Syworotka, der sich durch unablässiges Gequatsche einen großen Namen gemacht hatte.
Mokej sah Jewstignej mit einnehmendem Blick an und wiederholte:
»Dieser Stoff kommt uns sehr gelegen. Ich muß Sie aber darauf aufmerksam machen, daß wir Gedichte nicht umsonst drucken können!«
»Ich wünsche auch sehr, daß sie mir Honorar dafür zahlen,« gestand Jewstignej.
»Ich – Ihnen? Für Ihre Verse? Sie machen wohl Witze?« grinste Mokej. »Verehrter Herr, wir haben unser Schild erst vorgestern ausgehängt, und man hat uns bereits neunundsiebzig Klafter Verse eingesandt! Und zwar alle mit vollem Namen unterzeichnet.«
Doch Jewstignej ließ nicht locker, und sie einigten sich auf fünf Kopeken für die Zeile.
»Nur weil Ihre Verse wirklich sehr gerissen sind,« erklärte Mokej. »Sie müssen sich aber noch ein Pseudonym ausdenken. Sakiwakin – das klingt nicht gut. So etwa, – zum Beispiel – Smertjaschkin?
Abgeleitet von »smertj«, der TodWie? Das wäre der richtige Stil.«
»Ganz gleich,« sagte Jewstignej. »Vor allem hätte ich gern mein Honorar, ich habe großen Hunger …«
Er war ein sehr harmloser Mensch.
Einige Zeit später erschien sein Gedicht auf der ersten Seite des ersten Heftes der neuen Zeitschrift, unter dem Titel: »Stimme ewiger Wahrheit«.
Seit diesem Tage nun suchte der Ruhm Jewstignej heim. Das Publikum las seine Gedichte und freute sich:
»Das ist sehr richtig, was er da schreibt, der verflixte Kerl! Und wir leben so hin, rackern uns ab mit allerhand, und haben dabei überhaupt noch nicht bemerkt, daß unser ganzes Leben, bei Lichte besehen, eigentlich gar keinen Sinn hat. Tüchtiger Kerl, der Smertjaschkin!«
Er wurde jetzt zu großen Gesellschaften eingeladen, zu Hochzeiten, Beerdigungen und Leichenschmäusen. Seine Gedichte aber brachten alle modernen Zeitschriften, zu fünfzig Kopeken die Zeile, und auf literarischen Abenden deklamierten vollbusige Damen mit berückendem Lächeln Smertjaschkins »Poesien«:
»Täglich verletzt uns das Leben hienieden,
Allseits bedroht uns der Tod;
Von allen Seiten gesehen
Sind Opfer wir nur der Verwesung.«
»Bravo–o! Bravo–o!« schrien die Zuhörer.
»Am Ende bin ich tatsächlich ein Dichter?« grübelte Jewstignej und wurde dabei allmählich etwas überheblich. Er kaufte sich schwarze, buntgemusterte Socken und dazu passende Krawatten, trug schwarz-weißgestreifte Hosen und verdrehte beim Sprechen schmachtend die Augen:
»Oh, wie schal, wie banal ist das alles …«
Er hielt Grabreden und gebrauchte dabei ganz besonders düstere Worte.
Allerhand Kritiker waren um ihn herum und halfen ihm beim Vertun seiner Honorare. Sie redeten auf ihn ein:
»Versenke dich weiter in dein Inneres, Jewstignej! Wir halten zu dir!«
Und tatsächlich, als er ein Buch erscheinen ließ – »Leichenreden der Träume und Grabschriften der Begierden. Poesien von Jewstignej Smertjaschkin« –, bemerkten die Kritiker äußerst wohlwollend das tiefe Grabesdüster der Gemütsverfassung des Dichters. Vor lauter Freude beschloß Jewstignej zu heiraten. Er begab sich zu einer ihm
bekannten modernen Jungfrau, namens Nimfodora Sawalaschkina, und sprach also zu ihr:
»Oh, häßlich ruhmlos Unansehliche! …«
Sie hatte das längst erwartet, sank an seine Brust und gurrte, in Wonne vergehend:
»Mit dir Hand in Hand geh ich gern in den Tod! …«
»O du der Vernichtung Geweihte! …« rief Jewstignej aus.
Nimfodora aber, von heißer Leidenschaft tödlich getroffen, erwiderte:
»O du spurlos Entschwindender! …«
Rasch aber kehrte sie wieder völlig ins Leben zurück und fuhr fort:
»Wir müssen unser Leben aber unbedingt stilgemäß einrichten.«
Jewstignej war allerhand gewöhnt und begriff.
»Natürlich bin ich über alle Vorurteile unendlich erhaben,« sagte er. »Aber wenn du so wünschest, lassen wir uns in einer Leichenkapelle trauen.«
»Ob ich es wünsche? O ja. Und alle Brautführer sollen sich gleich nach unserer Hochzeit erschießen!«
»Alle werden nicht darauf eingehen. Aber Kukin könnte es tun, der hat schon siebenmal versucht, sich zu erschießen.«
»Und der Priester muß uralt sein, – weißt du, so einer, der sicher am nächsten Tage stirbt.«
So träumten sie gar stilvoll, bis aus kaltem Grabesraume, allwo Myriaden erloschener Sterne begraben sind und erstarrte Planeten im Totentanze kreisen, – bis in dieser Einöde eines abgrundtiefen Friedhofes entschlafener Welten das traurige Antlitz des Mondes erschien und mürrisch die alles Lebendige verschlingende
Erde bestrahlte … Oh, dieser grausige Glanz des gestorbenen Mondes – dem Glimmen faulenden Holzes vergleichbar – erinnert gefühlvolle Herzen stets daran, daß des Daseins Sinn nur Verwesung ist, Verwesung …
Jewstignej kam derartig in Stimmung, daß er vollkommen mühelos ein Gedicht von sich gab und in schwarzem Flüstertone dem künftigen Skelett der Geliebten ins Ohr hauchte:
»O horch! – wie ehrlich pocht der Finger
Des Todes an das Dach des Sarges!
Ich höre seinen Ruf gar deutlich
Durch stumpfen Alltags schales Chaos.
Das Leben wehrt sich, ruft verlogen,
Und lädt zu seinem Trug die Menschen.
Doch wir zwei wollen nicht vermehren
Die Zahl der Sklaven, die es knechtet.
Uns kaufst du nicht mit süßer Lüge!
Wir wissen wohl: ein Augenblick nur,
Ein kranker, kurzer, ist das Leben;
Sein wahrer Sinn liegt doch im Sarge …«
»Wie tot das klingt!« sprach Nimfodora hingerissen. »Wie grabhaft dumpf!«
Sie verstand all solche Kunststücke vorzüglich.
Vierzig Tage später heirateten sie in der Kirche zu »St. Nikolaus auf dem Gepfähl«, einem alten, von selbstzufriedenen Gräbern eines überfüllten Friedhofes umringten Gotteshause. Um den Stil zu wahren, wirkten zwei Totengräber als Trauzeugen mit; die Brautführer waren stadtbekannte Selbstmordkandidaten; als Brautjungfern hatte die Braut drei hysterische Weiber geladen, von denen eine schon einmal Essigsäure getrunken hatte; die beiden andern planten dasselbe: eine hatte gar einen
feierlichen Eid geleistet, am neunten Tage nach der Hochzeit ein Ende mit sich zu machen.
Als sie die Kirche verließen, öffnete ein Brautführer – ein junger Mensch mit Pickeln im Gesicht, der die Wirkung des Salvarsans an sich erprobte – den Kutschenschlag und sprach mit dumpfer Stimme:
»Hier stehet euer Katafalk …«
Die junge Frau, im weißen Kleide mit schwarzem Brautschleier, starb fast vor Wonne. Smertjaschkin musterte feuchten Auges die Anwesenden und fragte den Brautführer:
»Sind auch Berichterstatter da?«
»Sogar Photographen …«
»Nicht bewegen, Nimfodorotschka! …«
Die Berichterstatter hatten sich aus Hochachtung für den Dichter als Träger von Trauerfackeln kostümiert, der Photograph als Henker. Die Leute aus der Stadt aber – denen ist es ja immer völlig gleichgültig, was es zu gaffen gibt, wenn sie nur einen Spaß dabei haben –, die Leute meinten beifällig:
»Quel chic!«
Sogar ein ewig Hunger leidendes Bäuerlein stimmte ihnen bei:
»Charmant!«
»Ja–a,« sagte Jewstignej zu seiner jungen Frau während des Hochzeitsmahles, das im Gasthof gegenüber dem Kirchhof stattfand. »Sehr hübsch haben wir unsere Jugend zu Grabe getragen. Das darf man wirklich einen Sieg über das Leben nennen.«
»Du vergißt hoffentlich nicht, daß alles meine Idee war?« fragte Nimfodora zärtlich.
»Deine Idee! Ach, – wirklich?«
»Natürlich.«
»Nun, ganz gleich:
Ich und du, ein Leib und eine Seele,
Eins sind wir nunmehr für alle Ewigkeit;
Weise hat der Tod uns so befohlen:
Sklaven sind wir, seine Satelliten …«
»Trotzdem werde ich dir keinesfalls gestatten, meine Individualität zu unterdrücken!« warnte sie ihn in bezauberndem Tone. »Außerdem spricht man ›Satelliten‹ glaube ich, mit zwei T und zwei L. Übrigens passen Satelliten hier wohl überhaupt nicht recht …«
Smertjaschkin versuchte sie noch einmal mit Versen zu besiegen:
»Ja, was ist denn unser Ich,
Liebe Sterbliche?
Ob's ein Ich gibt oder nicht
Bleibt sich einerlei.
Sei du tätig oder träge,
Nimmermehr wirst du unsterblich.«
»Nein, das müssen wir wohl andern überlassen,« erwiderte sie ergeben.
Nach zahlreichen Scharmützeln dieser und ähnlicher Art hatte Smertjaschkin mit einemmal ein Kindchen, ein kleines Mädel. Nimfodora befahl:
»Bestell' eine Wiege in Form eines Sarges!«
»Ist das nicht vielleicht doch ein bißchen zu stark, Nimfotschka?«
»Nein, nein, bitte! Wir müssen streng unsern Stil innehalten, wenn du nicht willst, daß Kritik und Publikum dir Zwiespältigkeit und Unaufrichtigkeit vorwerfen.«
Nimfodora entpuppte sich als eine sehr wirtschaftliche Dame: sie salzte selbst Gurken ein, sammelte gewissenhaft
alle Besprechungen der Gedichte ihres Mannes, vernichtete die abfälligen und gab die lobenden auf Kosten der Verehrer des Dichters als Einzelbändchen heraus.
Vom guten Essen wurde sie eine üppige Frau; ihre Augen waren stets traumumwölkt und erweckten in Personen männlichen Geschlechts leidenschaftliches Begehren, sich dem Geschick zu unterwerfen. Sie stellte einen Hauskritiker an, einen sehnigen, rothaarigen Kerl, der immer neben ihr sitzen mußte, durchbohrte mit ihrem nebelhaften Blick sein Herz, deklamierte mit gemacht näselnder Stimme die Gedichte ihres Mannes und fragte überzeugt:
»Ist das nicht tief? Ist das nicht stark?«
Anfänglich knurrte der Mensch nur; später schrieb er allmonatlich flammende Aufsätze über Smertjaschkin, der mit unnachahmlicher Versenkung in den bodenlosen Abgrund des schwarzen Geheimnisses eindringe, das wir kläglichen Menschen »Tod« nennen, – Smertjaschkin aber habe mit reiner Liebe das lichte Kind liebgewonnen. Seine bernsteinhelle Seele habe sich durch die Erkenntnis der Zwecklosigkeit des Daseins nicht verdunkelt, er habe vielmehr dieses Entsetzen in stille Freude gewandelt, in einen wonnevollen Aufruf zur Vernichtung der grenzenlosen Banalität, die wir blinden Seelen »Leben« nennen.
Mit der wohlwollenden Hilfe des Rothaarigen – der seinen Überzeugungen nach Mystiker und Ästhet, von Beruf aber Barbier war und Prochartschuk hieß – erreichte Nimfodora, daß Jewstignej einwilligte, seine Gedichte auch öffentlich vorzutragen. Er bestieg also die Rednerbühne, bewegte die Knie nach rechts und links, musterte mit weißen Schafsaugen die Zuhörer, wackelte
mit dem eckigen Kopf, auf dem allerhand bastfarben Zotteln wucherten, und kündete apathisch:
»Wir sind im Leben wie auf einem Bahnhof,
Grad' vor der Abfahrt in das dunkle Jenseits.
Je weniger Gepäck wir mit uns führen,
Je leichter und behaglicher die Reise!
Wir wollen sinnlos und in Einfalt leben.
Sei leer! Denn bist du leer, wirst du auch rein sein.
Kurz ist der Weg zum Friedhof von der Wiege!
Der Tod führt die Maschine unsres Lebens! …«
»Bravo–o!« johlte hochbefriedigt das versammelte Publikum. »Bravo-o!«
Zueinander aber sprachen sie:
»Der versteht zu reden, der Spitzbube! Wenn er auch so ausgesogen aussieht.«
Leute, die wußten, daß Smertjaschkin früher für ein Beerdigungs-Institut geschrieben hatte, bildeten sich natürlich ein, er singe alle seine Lieder nur als Reklame für das Institut. Aber weil ihnen ja im Grunde genommen doch alles völlig gleichgültig war, hielten sie den Mund, denn sie sagten sich vor allen Dingen das eine:
»Irgendwie muß sich jeder Mensch sein Brot verdienen.«
»Vielleicht bin ich aber wirklich ein Genie?« dachte Smertjaschkin, dem Beifallsgebrüll der Zuhörer lauschend. »Eigentlich weiß ja kein Mensch, was ein Genie ist. Manche behaupten, Genies seien Halbverrückte … Und wenn es so ist …«
Traf er Bekannte, so erkundigte er sich nicht etwa nach ihrem Befinden, sondern fragte:
»Wann gedenken Sie zu sterben?«
Dadurch gewann er noch mehr Popularität.
Seine Frau aber richtete sich ihren Salon in der Form eines Grabgewölbes ein: sie stellte grünliche Sofas auf, die aussahen wie Grabhügel und hängte Reproduktionen von Goya an die Wände, – nur von Goya und von Wiertz!
Sie prahlte:
»Bei mir spürt man sogar im Kinderzimmer einen Hauch des Todes. Die Kinder schlafen in kleinen Särgen, die Wärterin trägt Nonnenkleidung, – wissen Sie, einen schwarzen Sarafan mit weißer Stickerei: Schädel, Knochen und so, sehr interessant. Jewstignej, zeig' den Damen das Kinderzimmer! Und Sie, meine Herren, bitte ins Schlafzimmer!«
Und mit einem bezaubernden Lächeln zeigte sie die Einrichtung ihres Schlafzimmers. Über dem Bett, das aussah wie ein Sarkophag, befand sich ein schwarzer Baldachin mit Silberfransen, gehalten von aus Eichenholz geschnitzten Totenköpfen; als Ornament dienten kleine Skelette, die mit Grabwürmern spielten.
»Jewstignej«, erklärte sie, »ist so von seiner Idee besessen, daß er sogar im Totenhemde – schläft …«
Einige Besucher waren sehr erstaunt:
»Schlä–äft?«
Sie lächelte trübe.
Aber Jewstignejka war im Grunde seines Herzens ein ehrlicher Kerl. Manchmal kam ihm unwillkürlich der Gedanke:
»Wenn ich auch ein Genie bin, – was hat das auf sich? Die Kritik schreibt über Smertjaschkins Einfluß, über seine Schule, und ich … ich glaube gar nicht daran!«
Prochartschuk erschien, ließ seine Muskeln spielen, sah ihn an und fragte:
»Hast du was geschrieben? Du mußt viel mehr schreiben, Freundchen! Alles übrige besorge ich schon mit deiner Frau … Sie ist eine brave Frau, ich habe sie sehr lieb.«
Das hatte Smertjaschkin schon längst gemerkt; aber weil er nie Zeit hatte und auch weil er seine Ruhe sehr liebte, tat er nichts dagegen.
Manchmal setzte sich Prochartschuk in einen recht bequemen Sessel und erzählte sehr ausführlich:
»Wenn du ahntest, Freund, wieviel Hühneraugen ich habe, und was für welche! Nicht einmal Napoleon hat solche Hühneraugen gehabt …«
»Ach, du Armer!« seufzte Nimfodora. Smertjaschkin aber trank seinen Kaffee und dachte:
»Wie richtig doch jemand gesagt hat: für Frauen und Kammerdiener gibt es keine großen Männer!«
Selbstverständlich war er im Urteil über seine Frau ebenso im Unrecht, wie jeder Mann. Denn sie weckte mit viel Eifer seine Energie.
»Stegnyschko,« sagte sie liebevoll, »ich glaube, du hast gestern schon wieder nichts geschrieben? Du läßt es immer häufiger an Talent mangeln, mein Lieber! Geh, arbeite, – ich schick' dir Kaffee …«
Er ging, setzte sich an den Schreibtisch und machte plötzlich ein ganz neuartiges Gedicht:
»Wieviel Quatsch und wieviel Blödsinn
Schrieb' ich schon, o Nimfodora,
Nur für Lappen, nur für Pelze,
Nur für Hüte, Spitzen, Röcke!«
Doch er erschrak und erinnerte sich jäh:
»Die Kinder! …«
Er hatte drei Kinder. Sie mußten in schwarzen Samt gekleidet werden; täglich um zehn Uhr vormittags kam ein prächtiger Leichenwagen, und sie fuhren fort, um auf den Friedhof spazieren zu gehen. Alles das kostete viel Geld.
Und Smertjaschkin dichtete mißmutig Vers auf Vers:
»Fetten Leichendunst verbreitet
Auf der ganzen Welt der Tod,
Hält in seinen Klau'n das Leben,
Wie ein Schaf der Aar umkrallt.«
»Weißt du, Stegnyschko,« sagte Nimfodora liebevoll, »ich finde, das ist nicht ganz … Ja, wie soll ich sagen? Wie soll ich das sagen, Masja?«
»Es ist eigentlich nicht wie von dir, Jewstignej,« erklärte Prochartschuk mit Baßstimme und viel Sachkenntnis. »Du bist nun einmal der Dichter der ›Hymnen des Todes‹, – also schreib gefälligst Hymnen! …«
»Das ist eben eine neue Etappe meines Erlebens!« entgegnete Smertjaschkin.
»Ach, Bester, was heißt: Erleben?« redete ihm seine Frau gut zu. »Wir wollen doch nach Jalta reisen, und ausgerechnet jetzt kommst du mit solchen Schrullen!«
Und Prochartschuk mahnte mit Grabesstimme:
»Was hast du versprochen?«
»Beachte bitte: die Worte ›kak owza w‹ (wie ein Schaf) erinnern unwillkürlich an den Namen des Ministers Kokowzow. Das kann als politische Anspielung aufgefaßt werden. Das Publikum ist töricht und Politik ist banal.«
»Also gut, ich will es nicht wieder tun«, sprach Jewstignej.
»Ich will es nicht wieder tun! Es ist ja einerlei, das ist ja doch alles Quatsch.«
»Beachte bitte, daß deine Gedichte letzthin nicht nur bei deiner Frau Befremden erregen!« warnte Prochartschuk.
Eines Tages beobachtete Smertjaschkin, wie sein fünfjähriges Töchterchen Lisa im Garten spazierte, und er schrieb:
»Ein kleines Mädel durch den Garten läuft,
Ihr weißes Händchen keck die Blümlein bricht.
Du kleines Mädel, brich die Blümlein nicht,
Die Blümlein sind so lieb und nett wie du!
Du liebes, kleines Mädel! Schwarz und stumm
Schleicht leise hinter dir der Tod einher.
Du bückst zur Erde dich; es hebt der Tod
Die Sense, fletscht die Zähne, lacht und harrt …
Du kleines Mädel tötest Blumen hier,
Zwecklos, als wärest Schwester du dem Tod.
Doch er mit scharfer Sense – ewig scharf! –
Er mordet Kindlein, Kindlein lieb wie du …«
»Aber das sind ja Sentimentalitäten, Jewstignej!« rief Nimfodora empört. »Erbarm' dich, was wird aus dir? Was machst du mit deinem Talent?«
»Ich will nicht mehr!« erklärte Smertjaschkin finster.
»Was willst du nicht?«
»Das alles … Tod, Tod … Ich habe die Sache satt! Das Wort allein ist mir schon widerwärtig!«
»Entschuldige bitte, – aber du bist ein Narr!«
»Meinethalben. Kein Mensch weiß, was eigentlich ein Genie ist. Und ich kann einfach nicht mehr … Zum Teufel mit der ganzen Grabesstimmung und all dem … Ich bin doch schließlich ein Mensch …«
»Ach soo?« machte Nimfodora spöttisch. »Du bist bloß ein Mensch?«
»Ja. Ich liebe alles Lebende …«
»Aber die moderne Kritik hat doch bewiesen, daß ein Dichter sich mit dem Leben, wie überhaupt mit dem Banalen und Trivialen, nicht abgeben darf!«
»Kritik?!« brüllte Smertjaschkin. »Halt's Maul, du schamloses Weib! Ich habe gesehen, wie die moderne Kritik dich da hinter dem Schrank abgeküßt hat.«
»Das war Begeisterung über deine Verse.«
»So? Und daß unsere Kinder rote Haare haben, – kommt das vielleicht auch von der Begeisterung?«
»Was bist du für ein fader Kerl! Das kann sehr wohl ein Resultat rein geistiger Beeinflussung sein.«
Und plötzlich sank sie in einen Sessel und erklärte:
»Ach, ich halt's nicht mehr aus, mit dir zu leben.«
Jewstignejka freute sich; gleichzeitig aber bekam er auch einen Schreck.
»Du hältst es nicht mehr aus?« fragte er voll Hoffnung und Angst. »Und die Kinder?«
»Jeder die Hälfte.«
»Die Hälfte von dreien?!«
Doch sie bestand auf dem Ihren. Dann erschien Prochartschuk. Als er erfuhr, um was es sich handle, wurde er sehr böse und sagte zu Jewstignej:
»Ich hatte gedacht, du wärest ein großer Mensch. Aber du bist weiter nichts als ein winziges Mannsbild.«
Dann suchte er Nimfodoras Hüte zusammen. Während er finster dieser Beschäftigung oblag, sagte sie ihrem Manne die Wahrheit:
»Du bist erledigt, du Jammermensch. Du hast kein Talent mehr, gar nichts … Hörst du, gar nichts!«
Sie schluckte ihre ehrliche Entrüstung hinunter und schloß:
»Du hast überhaupt nie etwas gehabt. Wenn ich nicht gewesen wäre und Prochartschuk, dann hättest du dein ganzes Leben lang Reklamegedichte gemacht, du Spulwurm du! Du Schuft, o du Räuber meiner Jugend und meiner Schönheit …«
In Augenblicken großer Erregung wurde sie immer schönrednerisch.
Sie ging auch wirklich fort und eröffnete bald danach unter Prochartschuks Leitung das »Schönheits-Institut von Madame Gizanne aus Paris. Spezialität: gründliche Beseitigung von Hühneraugen.«
Prochartschuk aber veröffentlichte selbstverständlich einen Schmähartikel – »Düstere Vision« –, in dem er haarscharf darlegte, daß Jewstignej nicht nur kein Talent habe, sondern daß man sogar daran zweifeln dürfe, ob ein Dichter dieses Namens überhaupt existiere. Falls er aber existiere und das Publikum ihn anerkenne, so sei das lediglich Verschulden einer übereilten, unvorsichtigen und überaus leichtfertigen Kritik.
Jewstignej grämte sich eine Zeitlang, dann sah er – der Russe tröstet sich rasch! – daß die Kinder ernährt werden mußten.
Er warf seine ganze Vergangenheit und alle Todespoesie hinter sich und nahm die altgewohnte Tätigkeit wieder auf: er schrieb lustige Anpreisungen für das »Neue Beerdigungs-Institut« und redete dem Publikum gut zu:
»Lange, wonnevoll und heiter
Leben gerne wir auf Erden.
Einmal aber kommt die Parze,
Schneidet ab des Lebens Faden.
Solche Wahrheit wohl erwägend,
Ohne Hast, von allen Seiten,
Offerieren wir Bedienung
Bester Art in Todesfällen.
Alles ist bei uns gar prächtig,
Nichts verschlissen, nichts veraltet.
Liebe Leute, werdet Kunden
Unsres ›Neuen Institutes!‹
Mogilnaja 16«
So kehrten alle wieder auf die ihnen angemessenen Pfade zurück …
Das Begräbnis des Dichters
Es war einmal ein ehrgeiziger Dichter.
Wenn man ihn schalt, meinte er, man schelte ihn wider Gebühr und zu hart. Und lobte man ihn, so fand er, man lobe ihn zu wenig und nicht gescheit. So lebte er in steter Unzufriedenheit bis zu dem Tage, da er sterben mußte.
Er legte sich ins Bett und begann zu schimpfen:
»Nun also, – ist es gefällig?« Zwei Romane sind noch ungeschrieben, und Material habe ich liegen für zehn Jahre. Der Teufel hole diese Naturgesetze und alles übrige. Zu dumm! Es wären so schöne Romane geworden. Da hat man sich diese idiotische allgemeine Pflicht – zu sterben – ausgedacht! Als ob es nicht anders ginge. Und es kommt immer zur unrechten Zeit: meine Erzählung ist auch noch nicht fertig …«
Er war zornig, die Krankheit bohrte in seinen Knochen und flüsterte ihm in die Ohren:
»Du hast gebebt, was? Warum hast du gebebt? Hast nicht geschlafen des Nachts, wie? Warum hast du nicht geschlafen? Hast getrunken aus Kummer, was? Und vor Freude auch?«
Er machte ein finsteres Gesicht, – schließlich sah er ein, daß doch nichts zu machen war. Er ließ seine Romane Romane sein und starb. Es war ihm sehr peinlich, aber – er starb.
Also gut. Man wusch ihn, kleidete ihn anständig an, strich ihm das Haar glatt, legte ihn auf den Tisch. Er reckte sich wie ein Soldat – Hacken zusammen, Fußspitzen auseinander –, ließ die Nase hängen und lag dann friedlich da. Er fühlte jetzt nichts mehr und dachte nur:
»Seltsam! Ich fühle überhaupt nichts mehr. Zum erstenmal im Leben. Meine Frau weint. Schön, jetzt weinst du, – aber manchmal bist du wegen Kleinigkeiten fast die Wände hinaufgekrochen. Mein Junge plärrt. Sicher wird ein Taugenichts aus ihm. Kinder von Dichtern werden eigentlich immer Taugenichtse, soweit ich gesehen habe. Das muß wohl auch so ein Naturgesetz sein. Wieviel solche Gesetze es doch gibt!«
So lag er da, grübelte und wunderte sich über seine eigene Gleichgültigkeit. Daran war er gar nicht gewöhnt.
Dann trugen sie ihn auf den Kirchhof. Da, plötzlich, kam ihm zu Bewußtsein, daß seinem Sarge nur ganz wenig Leute folgten.
»Nein, das ist mir doch zu dumm!« sprach er zu sich selbst. »Wenn ich auch nur ein ganz kleiner Dichter gewesen bin, – aber der Literatur sollte man doch etwas mehr Achtung erweisen!«
Er spähte aus dem Sarge: wirklich, nur neun Personen – die Angehörigen nicht eingerechnet – gingen mit, darunter zwei Bettler und der Laternenanzünder mit seiner Leiter über der Schulter.
Der Dichter war ganz empört.
»So eine Saubande!«
Und diese Kränkung erregte ihn derartig, daß er plötzlich auferstand, unbemerkt aus dem Sarge hüpfte – er war nicht sehr groß – und in einen Barbierladen
eilte, wo er sich den Bart abnehmen ließ und von dem Barbier ein unter dem Arm geflicktes schwarzes Jackett für seinen Anzug eintauschte. Er machte ein würdig-bekümmertes Gesicht und sah ganz wie lebend aus, – nicht wiederzuerkennen!
Mit der seinem Beruf eigenen Wißbegier fragte er den Barbier:
»Wundern Sie sich denn gar nicht über diese seltsame Sache?«
Der aber strich sich nur nachsichtig den Schnurrbart.
»Aber ich bitte Sie,« antwortete er. »Wir leben doch in Rußland! Wir sind an alles gewöhnt …«
»Nun immerhin … Ein Toter, der sich plötzlich umkleidet …«
»Die Mode unserer Zeit, Herr. Außerdem – was sind Sie für ein Toter? Nur äußerlich, – aber sonst, Gott geb's jedem so! Heutzutage ist mancher Lebendige sehr viel weniger lebendig als Sie!«
»Sehe ich nicht sehr gelb aus?«
»Ganz im Geist unserer Epoche, so wie es sich gehört! Hier ist eben Rußland, – wir haben's alle gelb im Leben …«
Man weiß ja, Barbiere sind immer große Schmeichler und die liebenswürdigsten Menschen auf der Welt.
Der Dichter verabschiedete sich und lief rasch seinem Sarge nach, von dem lebhaften Wunsche beseelt, zum letzten Male der Literatur seine Achtung zu erweisen. Er holte den Zug ein, und so waren es jetzt zehn Leidtragende, also mehr Ehre für den Dichter. Die Vorübergehenden wunderten sich:
»Schau, schau, wie man einen Dichter zu Grabe geleitet. Ei, ei, ei!«
Und einsichtige Leute, die ihren Geschäften nachgingen, dachten im Vorbeigehen nicht ohne Stolz:
»Da sieht man doch, daß die Literatur immer tieferes Verständnis im Lande findet.«
Der Dichter schritt also hinter seinem eigenen Sarge her, als sei auch er ein Verehrer der Literatur und ein Freund des Verstorbenen. Er plauderte mit dem Laternenanzünder.
»Sie kannten den Verstorbenen?«
»O ja. Ich habe viel Nutzen von ihm gehabt.«
»Angenehm zu hören.«
»Ja. Die Arbeit von unsereins wird ja schlecht bezahlt; wir sind wie die Spatzen: wo etwas hinfällt, picken wir es auf.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Verstehen Sie das bitte ganz einfach, Herr.«
»Einfach?«
»Nun ja. Natürlich, gewissermaßen ist es ja Sünde; aber ganz ohne Schliche und Kniffe kommt man nicht durchs Leben.«
»Hm? Das ist Ihre feste Überzeugung?«
»Ja, unbedingt. Gerade vor seinem Fenster steht eine Laterne. Er saß aber jede Nacht auf, bis zum frühen Morgen, – nun, da habe ich die Laterne nie angezündet, sein Fenster gab genug Licht. Diese eine Laterne war also reiner Gewinn für mich! Ein nützlicher Mensch war er.«
So plauderte der Dichter gemächlich mit diesem und jenem und kam schließlich zum Kirchhof. Hier mußte er eine Rede auf sich selbst halten, weil alle andern Leidtragenden gerade Zahnschmerzen an dem Tage hatten. Denn diese Geschichte spielt ja in Rußland, wo jeder
Mensch dauernd irgendwelche Schmerzen oder Beschwerden hat.
Er hielt also eine gar nicht üble Rede, die später sogar lobend in der Zeitung erwähnt wurde:
» Ein Herr aus dem Publikum, dem Aussehen nach ein Bühnenkünstler, hielt am Grabe eine warm empfundene Rede. Allerdings überschätzte und übertrieb er, nach unserer Meinung, die zweifellos mehr als bescheidenen Verdienste des Verstorbenen, eines Dichters der alten Schule, der bemüht war, ihre sattsam bekannten Mängel, den naiven Didaktismus und das viel beredete ›bürgerliche Weh‹ zu überwinden; – aus der Rede klang jedoch deutlich das Gefühl seiner Liebe zur Kunst des Wortes …«
Als alles geziemend erledigt war, legte sich der Dichter wieder in seinen Sarg und dachte höchst befriedigt:
»Nun ist alles erledigt. Es war sehr schön und würdig, ganz so wie es sich gehört …«
Und dann starb er erst richtig.
So sollte jeder Mensch seinen Beruf achten, auch wenn es die Literatur ist!
Das nationale Gesicht
Es war einmal ein vornehmer Herr, der hatte sein halbes Leben schon hinter sich. Da plötzlich fühlte er, daß ihm irgend etwas fehlte, und er machte sich große Sorge deswegen.
Er betastete sich: anscheinend war alles heil und an der richtigen Stelle; sogar der Bauch war sehr üppig entwickelt. Er schaute in den Spiegel: Nase, Augen, Ohren und alles andere, was ein ernsthafter Mensch haben muß, war da. Er zählt seine Finger nach: es waren zehn; er zählte die Zehen: auch zehn. Aber trotzdem, irgend etwas fehlte!
»Eigentümliche Sache!«
Er fragte seine Gattin um Rat:
»Was meinst du, Mitrodora, – ist bei mir alles in Ordnung?«
Sie antwortete überzeugt:
»Ja, alles!«
»Mir kommt es aber so vor …«
Sie war ein frommes Weib und riet ihm:
»Wenn es dir so vorkommt, dann bete leise: ›Gott stehe auf und zerstreue seine Feinde!‹ …«
Seine Freunde fragte er das Gleiche. Die Freunde antworteten allerhand und musterten ihn argwöhnisch, als mutmaßten sie etwas in ihm, was strengste Ablehnung verdiene.
»Was ist das nur?« grübelte der Herr und wurde ganz trübsinnig dabei.
Er überdachte seine Vergangenheit. Anscheinend war alles in Ordnung. Er war früher einmal Sozialist gewesen und hatte die Jugend aufgehetzt; dann hatte er all das aufgegeben, und jetzt trat er mit Füßen, was er einst selbst gesät. Kurzum, – er lebte wie alle Menschen, ganz der Zeitstimmung und ihren Anregungen gemäß.
Lange grübelte er. Plötzlich hatte er es:
»Herrgott! Ich habe ja kein nationales Gesicht!«
Er stürzte zum Spiegel. Tatsächlich, – er hatte ein ganz unbestimmtes Gesicht, das fast wirkte wie eine blindlings, ohne Satzzeichen gedruckte Seite einer Übersetzung aus einer fremden Sprache, von einem unsorgfältigen, ungebildeten Übersetzer: niemand versteht, wovon die Seite eigentlich handelt, – ob sie verlangt, die eigene Seele der Volksfreiheit zum Opfer zu bringen, oder ob sie die unbedingte, restlose Anerkennung des Staates fordert?
»Hm, das ist ja eine tolle Sache!« dachte der Herr und kam schnell zu der Einsicht: »Nein, das geht nicht. Mit solchem Gesicht kann man nicht existieren …«
Er wusch sich nun tagtäglich mit einer ganz teuren Seife. Es half aber nichts: die Haut glänzte zwar, doch die Unbestimmtheit blieb. Er schleckte sich das Gesicht mit der Zunge ab – seine Zunge war nämlich sehr lang und gelenkig, denn der Herr war journalistisch tätig –, aber auch die Zunge brachte ihm keinen Nutzen. Dann versuchte er japanische Massage und bekam lauter Beulen, wie nach einer derben Prügelei. Aber Bestimmtheit des Gesichtsausdrucks stellte sich nicht ein.
Lange quälte er sich, ohne jeden Erfolg. Er nahm lediglich anderthalb Pfund ab. Da, plötzlich, hörte er zu
seinem Glück, der Pristaw
Vorsteher eines PolizeireviersHerr v. Judenfresser sei ein bemerkenswerter Kenner der nationalen Aufgaben. Er begab sich zu ihm und sagte:
»So und so, Euer Wohlgeboren, – könnten Sie mir nicht in meiner schwierigen Lage behilflich sein?«
Der Pristaw fühlte sich natürlich geschmeichelt, daß ein gebildeter Mann, der noch vor kurzem staatsfeindlicher Gesinnung verdächtig war, ihn jetzt so vertrauensvoll um Rat fragte, wie er sein Gesicht ändern könne. Er lachte laut und schrie freudig:
»Nichts ist einfacher, mein Lieber. Sie müssen sich nur an die Fremdstämmigen heranmachen, mein Goldener, dann kommt wahres Gesicht sofort zum Vorschein.«
Da freute sich der Herr, – ein Stein rollte ihm vom Herzen! Er kicherte sehr loyal und wunderte sich über sich selbst:
»Daß ich nicht selbst darauf gekommen bin!«
»Ja, das ist ja so einfach!«
Sie trennten sich als dicke Freunde. Der Herr eilte sofort auf die Straße, stellte sich an einer Ecke auf und wartete. Als er einen Juden nahen sah, sprang er auf ihn zu und machte ihm Vorhaltungen:
»Wenn du«, sagte er, »ein Jude bist, dann mußt du eben Russe werden! Und wenn du nicht selbst willst, dann …«
Die Juden aber sind, wie man aus allen Witzen weiß, sehr nervöse und ängstliche Leute. Dieser Jude war außerdem launisch und hatte nichts übrig für Pogrome. Deshalb drehte er sich um, gab dem Herrn einen derben Hieb auf die linke Backe und begab sich dann zu seiner Familie.
Der Herr stand da, lehnte sich an die Wand, rieb sich die Backe und dachte:
»Nun, das Zeigen des nationalen Gesichts ist aber mit recht unbehaglichen Empfindungen verbunden! Doch sei's so! Nekrassow war ein schlechter Dichter, er hat aber trotzdem sehr richtig gesagt:
»Nichts wird umsonst uns gegeben,
Opfer verlangt unser Schicksal …«
Plötzlich kam ein Kaukasier des Weges, ein gänzlich kulturloser, heißblütiger Mensch, wie ja auch alle Witze beweisen. Er schlenderte daher und gröhlte etwas in seiner Sprache:
»Mizchales sakles mingrule-e …«
Der Herr sprach ihn an:
»Nein,« sagte er, »erlauben Sie mal! Wenn Sie auch Georgier sind, sind Sie doch gleichzeitig Russe. Sie sollen nicht Ihre mingrelische Hütte lieben, sondern das, was man Ihnen befiehlt, und das Gefängnis sogar ohne Befehl …«
Der Georgier ließ den Herrn in horizontaler Lage liegen und ging weiter, um kachetischen Wein zu trinken. Der Herr aber lag und überlegte:
»Nein, aber so was! Nun gibt es auch noch Tataren, Armenier, Baschkiren, Kirgisen, Mordwinen, Litauer, – Herrgott, so viele! Und das ist noch nicht einmal alles: dann kommen noch unsere eigenen … unsere Slawen …«
In dem Augenblick ging ein Ukrainer vorbei und sang etwas Aufrührerisches in seiner Sprache.
»Nein«, sagte der Herr und erhob sich wieder auf die Füße. »Wollen Sie bitte so liebenswürdig sein und von heute an richtig russisch sprechen! Sie gefährden sonst nämlich die Einheit des Reiches …«
Lange erzählte er dem Ukrainer allerhand, und der hörte zu; denn wie aus allen Sammlungen kleinrussischer
Witze unwiderleglich hervorgeht, sind die Ukrainer ein etwas langsames Volk; sie tun ihre Sache ohne jede Hast.
Der Herr aber war sehr klebrig …
Mitleidige Leute hoben ihn später auf und fragten ihn:
»Wo wohnen Sie?«
»In Großrußland.«
Sie schafften ihn natürlich auf die Polizeiwache.
Unterwegs betastete er sein Gesicht und fühlte nicht ohne Stolz, wenn auch unter Schmerzen, daß es sehr viel breiter geworden war. Er dachte:
»Ich glaube fast, jetzt habe ich es …«
Man brachte ihn vor Herrn v. Judenfresser. Der war sehr human zu seinen Leuten: er ließ den Polizeiarzt holen, und als der erschien, flüsterten sie ganz erstaunt miteinander, dann brachen alle in lautes Lachen aus, was ja eigentlich nicht zu dem Geschehnis paßte.
»Der erste Fall in meiner Praxis,« flüsterte der Arzt. »Ich weiß gar nicht, wie ich das verstehen soll?«
»Was mag das nur bedeuten?« dachte der Herr und fragte:
»Nun, wie steht es?«
»Das alte Gesicht ist ganz weg,« antwortete Herr v. Judenfresser.
»Hat sich denn mein Gesicht im allgemeinen verändert?«
»Zweifellos. Nur, wissen Sie …«
Der Doktor aber sagte tröstend:
»Sie haben jetzt so ein Gesicht, verehrter Herr, daß sie eigentlich – Hosen darüber ziehen müßten …«
Und so blieb es auch für sein ganzes Leben.
Eine Moral hat diese Geschichte nicht.
Der Geschichtsfreund
Ein anderer Herr suchte immer gern Rechtfertigung in den Tatsachen der Geschichte. Wenn ihn die Lust ankam, irgend etwas zusammen zu schwätzen, befahl er rasch einem dafür geeigneten Menschen:
»Jegorka, geh, klaub' mir passende Tatsachen aus der Geschichte heraus, zum Beweise, daß sie sich nie wiederholt. Und umgekehrt auch …«
Jegorka war sehr gerissen und klaubte flink alles zusammen. Der Herr schmückte sich mit historischen Tatsachen, je nachdem wie die Umstände es erforderten; er bewies alles, was zu beweisen war, und war einfach unverwundbar.
Er war aber nebenbei auch ein unzufriedener Nörgler. Zu einer gewissen Zeit waren alle Menschen bei uns unzufriedene Nörgler und erzählten sich gegenseitig sehr frech:
»Die Engländer haben ihr Habeas Corpus, und wir haben nur behördliche Verfügungen!«
Und sie höhnten mit viel Scharfsinn über diesen Unterschied zwischen den beiden Völkern.
Sie erzählten einander solche Dinge, ließen dann ihr bürgerliches Weh fahren, setzten sich hin und spielten Karten bis zum dritten Hahnenschrei. Als die Hähne den Morgen kündeten, befahl der Herr:
»Jegorka, klaub' mir etwas ganz Besonderes heraus, was dem Augenblick entspricht!«
Dann stellte sich Jegorka in Positur, hob den Finger und rezitierte vielsagend:
»Im heiligen Rußland krähn die Hähne schon,
Im heiligen Rußland graut der Morgen bald …«
»Richtig!« sagten die Herren. »Unbedingt, – es muß Tag werden.«
Und gingen zur Ruhe …
Also gut. Aber plötzlich wurde das Volk sehr unruhig. Der Herr bemerkte es und fragte:
»Jegorka, weshalb murrt das Volk?«
Jegorka meldete sehr befriedigt:
»Das Volk verlangt ein menschliches Leben …«
Da ward der Herr stolz:
»Aha! Wer hat das immer schon gesagt? Ich habe das gesagt. Fünfzig Jahre lang haben meine Vorfahren und ich gepredigt, es sei Zeit für ein menschliches Leben. Was?«
Und er kam in Eifer und hetzte Jegorka dauernd umher.
»Klaub' mir Tatsachen aus der Agrargesetzgebung in Europa … aus den Evangelien, über die Gleichheit der Menschen … aus der Kulturgeschichte, über die Entstehung des Privateigentums … Flink!«
Jegorka freute sich. Schweißbedeckt rannte er herum. Alle Bücher zerriß er, nur die Einbände blieben übrig. Haufenweise schleppte er dem Herrn anregendes Beweismaterial herbei. Der Herr belobte ihn:
»Gib dir rechte Mühe! Wenn wir erst die Konstitution haben, mach' ich dich zum Redakteur einer liberalen Zeitung.«
Und er wurde sehr dreist und redete persönlich vor ganz vernünftigen Bauern:
» Dann gab es noch«, sagte er, »die Gracchen in Rom … Und in England … In Deutschland … In
Frankreich … Und das war alles historisch bedingt. – Jegorka – Tatsachen her!«
Er bewies an der Hand von Tatsachen, daß jedes Volk die Pflicht hat, nach der Freiheit zu streben, – auch wenn die Obrigkeit nicht danach strebt.
Die Bauern freuten sich natürlich und brüllten:
»Gehorsamsten Dank!«
Alles verlief sehr gut und freundschaftlich, in christlicher Liebe und in gegenseitigem Vertrauen. Aber plötzlich fragten die Bauern:
»Und wann gehen Sie weg?«
»Weg? Wohin?«
»Weg von hier.«
»Weg von wo?«
»Von unserm Land.«
Und sie lachten über den sonderbaren Kauz. Alles versteht er, nur gerade das Allereinfachste kann er nicht begreifen!
Sie lachten. Aber der Herr war böse …
»Erlaubt mal!« sagte er. »Warum soll ich denn weggehen, wenn das Land doch mir gehört?«
Aber die Bauern glaubten ihm nicht.
»Wieso gehört es dir? Du hast doch eben selbst gesagt, daß es nur Gott gehört, und daß noch vor Jesus Christus etliche Gerechte das schon wußten.«
Er verstand sie nicht, und sie verstanden ihn nicht. Der Herr gab wieder Jegorka einen Rippenstoß:
»Jegorka, lauf, klaub' mir aus allen Geschichtsbüchern …«
Aber Jegorka antwortete ihm in dreistem Tone:
»Ich habe alle Geschichtsbücher in Beweise für das Gegenteil zerrissen.«
»Das ist ja gelogen, du frecher Nörgler.«
Aber es war doch wahr. Der Herr lief in seine Bibliothek und sah, daß von den Büchern nur noch die leeren Deckel und Rücken da waren. Er geriet ordentlich in Schweiß bei dem Anblick und rief tief bekümmert seine Vorfahren an:
»Wer hat euch bloß auf den Gedanken gebracht, so einseitig Geschichte zu machen? Da habt ihr was angerichtet, ächma! Was ist das für eine Geschichte, zum Teufel?«
Die Bauern blieben bei der alten Leier:
»Du hast uns das so wunderschön bewiesen,« sagten sie, »also jetzt mach', daß du fortkommst. Sonst jagen wir dich weg …«
Jegorka aber ging ganz zu den Bauern über, und wenn er den Herrn traf, schnaubte er sogar los:
»Habeas Corpus!! Jawohl … Libera-al!! Jawohl …«
Es war ganz schlimm. Die Bauern fingen an, Lieder zu singen, und fuhren vor lauter Freude einen Heuschober des Herrn in ihre eigenen Höfe ein.
Da, plötzlich, fiel dem Herrn ein, daß er noch etwas in Reserve hatte. Im Zwischengeschoß bei ihm saß seine Urgroßmutter und wartete auf den unausbleiblichen Tod. Sie war schon so steinalt, daß sie alle menschlichen Worte vergessen hatte, – sie konnte nur noch sagen:
»Nichts gibt's …«
Seit dem Jahre 1861
1861 – das Jahr der Bauernbefreiungkonnte sie nichts anderes mehr sagen.
Er eilte zu ihr, in großer Erregung der Gefühle, sank ihr in kindlicher Ehrerbietung zu Füßen und rief:
»Mutter der Mütter, du bist die lebende Geschichte …«
»Nichts gibt's …«
»Ja aber – was soll ich tun?«
»Nichts gibt's …«
»Sie werden mein Hab und Gut plündern? …«
»Nichts gibt's …«
»Soll ich gegen meinen inneren Wunsch den Gouverneur benachrichtigen?«
»Nichts gibt's …«
Er gehorchte der Stimme der lebenden Geschichte und sandte im Namen der Urgroßmutter ein rührendes Telegramm um Hilfe. Er selbst trat zu den Bauern hinaus und verkündete:
»Ihr habt die Alte erschreckt. Sie hat nach Soldaten geschickt. Seid aber ganz ruhig, euch geschieht nichts; ich gestatte nicht, daß euch die Soldaten etwas tun.«
So kamen also dräuende Krieger zu Rosse angesprengt. Es war mitten im Winter, die Pferde waren unterwegs sehr heiß geworden und zitterten jetzt; Reif setzte sich an. Dem Herrn taten die Pferde leid, und er brachte sie bei sich auf dem Gutshof unter, – er brachte sie bei sich unter und sprach zu den Bauern:
»Das Heu, das ihr nicht ganz berechtigterweise bei mir weggeholt habt, das bringt rasch zurück, für die Pferdchen, – die Tiere haben ja doch keine Schuld, nicht wahr?«
Das Militär war hungrig, es verzehrte alle Hähne im Dorfe und stellte sich still um den Herrn herum auf. Jegorka ging natürlich schleunigst wieder auf die Seite des Herrn über, und der Herr benutzte ihn wie früher für seine Geschichtsforschungen: er kaufte neue Bücher und befahl alle Tatsachen schwarz zu überschmieren, die zum Liberalismus verleiten konnten, und denjenigen, die man nicht überschmieren konnte, einen neuen Sinn beizulegen.
Was machte das Jegorka groß aus? Er war zu allem imstande: rein aus guter Gesinnung befaßte er sich jetzt sogar mit Pornographie. Aber ein heller Punkt blieb doch in seiner Seele. Während er ängstlich und gewissenhaft das Geschichtsbuch verschmierte, schrieb er Klagegedichtchen, die er unter dem Pseudonym B. K. – das bedeutete »Besiegter Kämpfer« – drucken ließ:
»O Morgenbote, roter Hahn!
Weshalb verstummt' dein stolzer Ruf?
Ich sehe, abgelöst hat dich
Der finstere Kauz.
Die Zukunft wünscht nicht unser Herr,
Vergangenheit herrscht wieder jetzt …
Gebraten wurdest du, o Hahn,
Und dann – verspeist …
Wann lockt's zum Leben wieder uns?
Und wer wird uns am Morgen krähn?
Ach, wenn es keinen Hahn mehr gibt, –
Verschlafen wir!«
Die Bauern aber beruhigten sich natürlich rasch, lebten friedlich weiter und machten aus Langerweile zotige Liedchen:
»Äch, … Mutter!
Das Frühjahr kommt, –
Stöhnen wir ein Weilchen
Und verhungern dann!«
Ja, – die Russen sind ein lustiges Volk …
Die Juden
In einem fernen Lande, einem andern Reiche, lebten Juden, – ganz gewöhnliche Juden für Pogrome, Verleumdungen und andere Staatsnotwendigkeiten.
Es herrschte daselbst folgendes System: sowie die bodenständige Bevölkerung Unzufriedenheit mit ihren Lebensbedingungen zeigte, ertönte von Seiten der wohlgeborenen Herren aus den Warten der öffentlichen Ordnung der hoffnungsfroh lockende Ruf:
»Volk, schare dich um den Sitz der Macht!«
Das Volk wurde herangezogen, und die Herren suchten es abzulenken.
»Was soll die Unruhe?«
»Ihr wohlgeborenen Herren, wir haben nichts zu fressen.«
»So? Aber Zähne habt ihr wohl noch im Maul?«
»Ein paar haben wir noch.«
»Seht ihr! Ihr wißt also immer noch etwas vor der Obrigkeit zu verbergen.«
Fanden die wohlgeborenen Herren, daß die Unruhen durch endgültiges Ausschlagen der Zähne zu dämpfen waren, dann griffen sie unverweilt zu diesem Mittel. Sahen sie aber, daß dadurch auch keine harmonischen Verhältnisse herzustellen waren, so versuchten sie mit listigen Reden der Sache auf den Grund zu gehen:
»Was wollt ihr eigentlich?«
»Mehr Land hätten wir gerne …«
Manche aber hatten so wenig Verständnis für die Interessen des Staates, daß sie noch weiter gingen und greinten:
»Ein paar Reformen hätten wir gerne. So, daß unsere Zähne, Rippen und Eingeweide sozusagen unser persönliches Eigentum wären, und niemand sie ohne Grund anrühren dürfte …«
Da begannen die wohlgeborenen Herren ihnen ins Gewissen zu reden:
»Ach, Brüder! Wozu solche Träumereien? Es ist gesagt: nicht vom Brote allein lebet der Mensch, und es ist ferner gesagt: für einen Geprügelten gibt man zwei Ungeprügelte.«
»Und die sind damit einverstanden?«
»Wer?«
»Die Ungeprügelten.«
»Herrgott! Natürlich. Im Jahre 1903, nach Mariä Himmelfahrt, baten die Engländer, zu uns kommen zu dürfen. Ja. Sie baten: ›Schickt alle eure Leute nach Sibirien und setzt uns auf ihr Land; wir zahlen euch pünktlich die Steuern und trinken jährlich, Mann für Mann, zwölf Eimer Wodka. Und überhaupt …‹ – ›Nein,‹ sagten wir. ›Wozu das? Unser Volk ist ein braves, friedfertiges, gehorsames Volk, wir kommen mit ihm schon aus …‹ Wißt ihr was, Kinder, regt euch nicht zwecklos auf, verhaut lieber ein bißchen die Juden, was? Wozu sind die sonst gut?«
Die bodenständige Bevölkerung überlegte lange und sah schließlich: was Vernünftiges ist doch nicht zu erreichen; man muß schon tun, was die Obrigkeit befiehlt, und es wurde beschlossen:
»Nun, denn man los, Kinder. In Gott's Namen …«
Sie schlagen ein halbes Hundert Häuser kurz und klein, prügeln ein paar Juden tot, lassen dann, müde von der Arbeit, von ihren Wünschen ab, und – die Ordnung hat wieder einmal triumphiert! …
Außer den wohlgeborenen Herren, der bodenständigen Bevölkerung und den zur Ablenkung von Unruhen und zur Dämpfung der Volksleidenschaften benötigten Juden gab es in diesem Staate noch gewisse wackere Leute, die sich nach jedem Progrom in voller Zahl – sechzehn Mann hoch – versammelten und der Gemeinde einen schriftlichen Protest einreichten:
»Obwohl die Juden auch russische Untertanen sind, sind wir dennoch der Überzeugung, daß es nicht angebracht ist, sie gänzlich auszurotten. Wir erklären deshalb hiermit unsere entschiedene Mißbilligung einer übermäßigen Vernichtung lebender Menschen. – Humanistow. Fitojedow. Iwanow. Kusajgubin. Toropygin. Ossip Trojeuchow. Grochalo. Figofobow. Kirill Mefodijew. Slowotekow. Kapitolina Kolymskaja. Oberstleutnant a. D. Nepejpiwo. Privatdozent Narym. Chlopotunski. Pritulichin. Grischa Budustschew, siebenjähriger Knabe.«
Das geschah nach jedem Pogrom, nur mit dem Unterschied, daß Grischa allmählich älter wurde, und daß die Kolymskaja für Narym unterzeichnen mußte, der ganz plötzlich nach der gleichnamigen Stadt abgereist war
Narym – berüchtigter Verbannungsort in Sibirien.
Manchmal kam aus der Provinz ein Echo auf solche Proteste.
»Drücke Zustimmung und Einverständnis aus«, telegraphierte Rasdergajew aus Dremow. Satorkanny in Miamlin schloß sich an, und in Okurow »Samogrysow und andere«, – wobei man ganz genau wußte, daß er sich »die anderen« der besseren Wirkung halber selbst ausgedacht hatte, denn es gab in Okurow überhaupt keine »anderen«.
Wenn die Juden solche Proteste lasen, weinten sie noch viel bitterlicher. Eines Tages machte einer von ihnen, ein sehr gerissener Mensch, den Vorschlag:
»Wißt ihr was? Nein? Also: vor dem nächsten Pogrom verstecken wir alles Papier, alle Schreibfedern und alle Tinte! Dann wollen wir mal sehen, was die machen, die sechzehn samt dem Knaben Grischa.«
Die Leute hielten gut zusammen. Gesagt, getan. Sie kauften alles Papier und alle Federn auf und versteckten sie; alle Tinte aber gossen sie ins Schwarze Meer, und setzten sich hin und warteten.
Nun, lange brauchten sie nicht zu warten. Die Erlaubnis traf ein, der neue Pogrom wurde veranstaltet. Die Juden lagen bald in den Spitälern, die Humanisten aber liefen in ganz Petersburg herum und suchten nach Papier und Federn. Aber es gab kein Papier und keine Federn, außer in den Kanzleien der wohlgeborenen Herren, und die gaben nichts heraus.
»Seht mal an!« sagten sie. »Wir wissen schon, wozu ihr das braucht? Nein, nein, ihr werdet schon ohne das auskommen.«
Chlopotunski flehte:
»Ja aber, was sollen wir denn da tun?«
»Ach was!« antworteten die. »Ihr habt uns oft genug mit euren Protesten belehrt. Denkt selbst darüber nach …«
Grischa – er war jetzt schon über 43 Jahre alt – weinte:
»Is will aber plotestieren …«
Aber es war eben nichts da, um drauf zu schreiben!
Figofobow kam finster grübelnd auf einen Gedanken:
»An die Zäune sollte man es schreiben …«
Jedoch in Petersburg gibt es keine richtigen Bretterzäune, nur Lattengitter.
Sie liefen also in die Umgebung hinaus, bis weit hinter die Schlachthäuser: da fanden sie endlich einen alten Bretterzaun. Kaum hatte aber Humanistow mit Kreide den ersten Buchstaben angemalt, da erschien, wie vom Himmel gefallen, ein Schutzmann und mahnte:
»Was soll denn das heißen? Kleinen Jungen haut man für solche Schmierereien den Hintern voll! Aber Sie sehen doch aus wie gesetzte Herren. Ei, ei, ei!«
Natürlich hatte der Schutzmann kein Verständnis für sie; er hielt sie für Schriftsteller von der Sorte, die gemäß Paragraph 1001 [Der russische »Unzuchtparagraph«] schreiben! Aber sie wurden verlegen und gingen alle nach Hause.
So verlief dieser Pogrom ohne Protest, und die humanen Leute kamen um ihr Vergnügen.
Mit Recht behaupten Leute, die Verständnis für Rassenpsychologie haben, die Juden seien ein sehr schlaues Volk!
Die beiden Spitzbuben
Es waren einmal zwei Spitzbuben. Einer hatte schwarze Haare, der andere rote; aber beiden ging es schlecht: bei Armen zu stehlen schämten sie sich, und an die Reichen kamen sie nicht heran. So lebten sie dahin, hauptsächlich darauf bedacht, ins Gefängnis zu kommen, um vom Staat verpflegt zu werden.
Bald brachen schlimme Tage an für die beiden Lumpen. Ein neuer Gouverneur, Herr v. Pest, kam in die Stadt, sah sich um und erließ den Befehl:
»Vom heutigen Tage an haben alle Einwohner russischen Glaubens, ohne Unterschied des Geschlechts, Alters und Berufes, ohne Widerrede dem Vaterlande zu dienen.«
Die Kumpane des Schwarzen und des Roten überlegten eine Weile, seufzten und liefen dann auseinander: die einen wurden Spitzel, andere Patrioten, die Geschicktesten beides zugleich. Der Rote und der Schwarze aber blieben allein zurück, ganz vereinsamt und allgemein verachtet. So lebten sie eine Woche lang nach der Reform, bis sich ihnen die Bäuche zusammenzogen. Schließlich hielt es der Rote nicht mehr aus und sagte zu seinem Genossen:
»Wanka, komm, wir wollen auch dem Vaterland dienen!«
Der Schwarze ward verlegen, schlug die Augen nieder und antwortete:
»Ich schäme mich …«
»Wenn schon! Viele, denen es vorher viel besser ging als uns, sind auch darauf eingegangen.«
»Denen drohte aber die Strafkompanie.«
»Laß gut sein! Heutzutage lehren sogar die Dichter: ›Leb' wie du willst, sterben mußt du doch …‹«
Sie stritten lange und konnten sich nicht einigen.
»Nein,« sagte der Schwarze. »Tu es meinethalben; ich bleibe lieber Spitzbube.«
Und er ging weiter seinem Berufe nach. Er stiebitzte einen Wecken beim Bäcker, aber noch bevor er ihn aufessen konnte, wurde er schon gefaßt, durchgehauen und zum Friedensrichter gebracht, der ihm in aller Form staatliche Verpflegung besorgte. Der Schwarze saß zwei Monate, futterte sich ein bißchen auf, kam wieder heraus und besuchte den Roten.
»Nun, wie geht's?«
»Ich diene dem Staate.«
»Was machst du denn?«
»Ich vertilge Kinder.«
Der Schwarze hatte keine Ahnung von Politik und fragte erstaunt:
»Warum denn?«
»Zur Beruhigung des Landes. Es ist Befehl gekommen für alle: Ruhe halten!« erklärte der Rote und schaute verdrießlich drein.
Der Schwarze schüttelte den Kopf und kehrte zu seiner Arbeit zurück. Bald steckte man ihn wieder zur Verpflegung ins Gefängnis. Die Sache war ganz einfach, und er behielt sein reines Gewissen.
Kaum war er frei, da ging er wieder zu seinem Genossen. Die beiden hatten sich gern.
»Vertilgst du immer noch?«
»Gewiß doch …«
»Tut es dir nicht leid?«
»Ich suche mir immer die skrophulösen aus …«
»Einfach der Reihe nach kannst du es wohl nicht?«
Der Rote sagte gar nichts, er tat nur einen schweren Seufzer und wurde ganz blaß und gelb.
»Wie machst du denn das?«
»Nun, so … Man fängt sie irgendwo, bringt sie zu mir und befiehlt mir, die Wahrheit aus ihnen herauszuholen. Es ist aber nichts aus ihnen herauszulocken, weil sie immer sterben … Ich verstehe es anscheinend nicht …«
»Sag' mal, – wozu tut man das eigentlich?« fragte der Schwarze.
»Das Staatsinteresse verlangt es,« antwortete der Rote. Seine Stimme zitterte, und Tränen standen in seinen Augen.
Der Schwarze überlegte – der Gefährte tat ihm sehr leid –, ob sich nicht ein freier Beruf für ihn finden lasse.
Plötzlich fuhr er auf:
»Hör mal, – hast du dir dabei Geld zusammengestohlen?«
»Natürlich! Schon aus Gewohnheit …«
»Also, dann gib eine Zeitung heraus!«
»Weshalb?«
»Du inserierst Gummiartikel …«
Das gefiel dem Roten. Er schmunzelte.
»Damit keine Kinder mehr kommen?«
»Natürlich! Wozu müssen die erst auf die Welt kommen? Nur um zu leiden?«
»Das ist wahr. Wozu aber die Zeitung?«
»Um dem Geschäft ein Mäntelchen umzuhängen, dummer Kerl!«
»Wenn aber die Mitarbeiter nicht einverstanden sind?«
Der Schwarze pfiff nur laut …
»Noch schöner! Heutzutage bieten sich die Mitarbeiter den Abonnenten lebendig als Prämien an …«
So beschlossen sie also. Der Rote gab eine Zeitung heraus – »unter Mitarbeit der besten literarischen Kräfte« –, eröffnete in der Redaktion eine ständige Ausstellung von Pariser Artikeln und richtete in den Räumen darüber, um den Anstand zu wahren, ein Absteigequartier für vornehmes Publikum ein.
Die Geschäfte gingen gut. Der Rote lebte behaglich und wurde dick, die Obrigkeit war zufrieden mit ihm, und auf seinen Visitenkarten stand zu lesen:
| Ernst Obenauf
Schriftleiter und Herausgeber der Zeitung » Hier und dort«, Begründer und Direktor der »Süßen Erholung für bei der Bekämpfung von Gesetzmäßigkeiten ermattete Staatsbeamte.« Ebenda Verkauf von Präservativs en gros und en détail. |
Als der Schwarze das nächstemal aus dem Gefängnis kam, ging er zum Tee zu seinem Freund. Der Rote aber bewirtete ihn mit Champagner und prahlte:
»Ja, mein Lieber, ich wasche mich jetzt sogar nur noch mit Champagner. Tatsächlich!«
Er kniff die Augen zu vor Behagen und sagte gerührt:
»Das ist schön. Du hast mich auf den richtigen Weg gebracht. So etwas ist wirklich Dienst am Vaterland. Alle sind zufrieden.«
Der Schwarze freute sich auch:
»Nun, dann laß es dir gut gehen! Unser Vaterland ist recht anspruchslos.«
Der Rote wurde rührselig und lud den Gefährten ein:
»Wan, komm zu mir als Berichterstatter!«
Der Schwarze lachte:
»Nein, Liebster, ich glaube, ich bin wohl zu konservativ. Ich will lieber Spitzbube bleiben wie bisher …«
Eine Moral hat die Geschichte nicht. Nicht ein Körnchen.
Der Feuerländer
Einst war die Obrigkeit matt geworden im Kampfe mit den Andersdenkenden und wünschte endlich einmal auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Sie erließ strengsten Befehl:
»Es wird hierdurch angeordnet, alle Andersdenkenden festzustellen, sie ohne jede Rücksichtnahme aus jederlei Verhüllungen ans Licht zu ziehen und nach der Feststellung mit den unterschiedlichen dazu geeigneten Mitteln restlos auszurotten.«
Die Ausführung dieses Befehles übertrug die Obrigkeit einem vertragsmäßig angestellten Vernichter lebender Wesen beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen namens Oronti Sterwenko, der früher Hauptmann in Diensten seiner Majestät des Königs der Feuerländer gewesen war, und sie wies Oronti 16 000 Rubel für besagte Zwecke an.
Oronti wurde zu diesem Amt nicht etwa berufen, weil man nicht auch daheim geeignete Leute gefunden hätte, sondern weil er ein ganz unnatürlich schreckliches Aussehen hatte: er war so behaart, daß er in jedem Klima nackt gehen konnte, und hatte oben und unten je zwei Reihen Zähne, vierundsechzig Stück genau gezählt. Dadurch hatte er sich besonderes Vertrauen bei der Obrigkeit erworben.
Doch trotz all dieser Eigenschaften grübelte er grimmig:
»Wie soll ich die herausfinden? Sie sagen doch nie etwas!«
Tatsächlich, – die Einwohner dieser Stadt waren gut gedrillt; einer fürchtete sich immer vor dem andern, sie hielten sich gegenseitig für Spitzel und sagten überhaupt nichts aus. Sogar mit ihren Mamas redeten sie nur in verabredeten Worten einer fremden Sprache:
»N'est-ce pas?«
»Maman, es ist Zeit zu essen, n'est-ce pas?«
»Maman, wollen wir heute nicht ins Kino gehen, n'est-ce pas?«
Als Sterwenko genug nachgedacht hatte, fand er doch einen Weg, geheime Pläne zu entdecken. Er wusch seine Haare mit Wasserstoffsuperoxyd und rasierte sich an den notwendigen Stellen, so daß er blond wurde und ein trübseliges Aussehen bekam. Dann zog er einen Anzug von melancholischer Farbe an und war nicht wieder zu erkennen!
Abends ging er auf die Straße und wandelte sinnend einher. Wenn er sah, daß ein Bürger, der Stimme der Natur gehorchend, irgendwo hinschlich, fiel er von der linken Seite über ihn her und flüsterte herausfordernd:
»Genosse, sind Sie etwa zufrieden mit Ihrem Dasein?«
Der Bürger verlangsamte zunächst seinen Schritt, als denke er an etwas; sowie er aber in der Ferne einen Polizisten erblickte, offenbarte er sich sofort:
»Schutzmann, halt ihn! …«
Sterwenko sprang dann wie ein Tiger über den Zaun und grübelte, in den Brennesseln hockend:
»So kriege ich sie nicht. Sie handeln dem Gesetz gemäß, die Teufel!«
Doch indessen schmolz das angewiesene Geld zusammen.
Er kleidete sich lustiger und stellte den Bürgern auf andere Weise nach, – trat dreist an jemand heran und fragte:
»Mein Herr, möchten Sie Polizeispitzel werden?«
Der Bürger erkundigte sich dann vielleicht kaltblütig:
»Wieviel Gehalt gibt es?«
Andere aber lehnten höflich ab:
»Vielen Dank. Aber ich bin bereits engagiert!«
»Hm, ja,« grübelte Oronti. »Da soll man sie nun fassen!«
Und das angewiesene Geld wurde derweilen wie von selbst immer weniger.
Dann sah er sich einmal den »Verein zur Nutzbarmachung hohler Eier« näher an. Aber es stellte sich heraus, daß er unter der hohen Fuchtel von drei Bischöfen und einem Gendarmeriegeneral stand und nur einmal im Jahre tagte, und zwar jedesmal mit besonderer Erlaubnis aus Petersburg. Oronti wurde mißlaunig und sein angewiesenes Geld erkrankte sozusagen an der galoppierenden Schwindsucht.
Nun wurde er aber böse.
»Also gut!«
Er machte keine Umstände mehr. Er trat auf einen Bürger zu und fragte ihn ohne jede Vorrede:
»Sie sind mit Ihrem Dasein zufrieden?«
»Vollkommen!«
»So. Aber die Obrigkeit ist unzufrieden! Bitte sehr …«
Sagte aber jemand: »Ich bin unzufrieden«, – dann hieß es natürlich:
»Festnehmen!«
»Aber ich bitte …«
»Wa–as?«
»Ich bin ja nur damit unzufrieden, daß die Obrigkeit nicht energisch genug ist.«
»Ach? So! Festnehmen! …«
Auf die Weise brachte er in drei Wochen zehntausend Personen zusammen, sperrte sie zuerst ein, wo sich die Möglichkeit bot, und ließ sie dann aufhängen, jedoch, aus Sparsamkeitsrücksichten, auf Kosten der Bürger selbst.
Alles ging soweit gut. Doch eines Tages ritt die hohe Obrigkeit auf Hasenjagd und sah draußen vor der Stadt außergewöhnlich reges Leben: ein Bild friedlicher Betätigung der Bürger, die einander anschuldigten, sich gegenseitig aufhängten und einscharrten. Sterwenko lief indes mit einem Stab in der Hand zwischen ihnen herum und trieb sie an:
»Ein bißchen flink! Du Braunkopf da, flott, flott! Sie Verehrter, was glotzen Sie noch? Die Schlinge ist fertig, – immer rein mit dem Kopf, halten Sie die andern gefälligst nicht auf! Du Bengel, warum drängst du dich vor deinen Papa vor? Meine Herren, keine Übereilung, Sie kommen alle dran … Jahrelang haben die Leute auf Beruhigung des Landes gewartet, nun könntet ihr auch noch die paar Minuten warten. Kerl, wohin? Flegel! …«
Die Obrigkeit saß auf dem Rücken eines feurigen Rosses, schaute zu und dachte:
»Der hat aber eine Menge zusammengebracht! Tüchtiger Kerl! Darum sind auch in der Stadt alle Fenster fest geschlossen …«
Plötzlich sah der hohe Herr seine eigene Tante mit den Füßen über der Erde baumeln. Da wunderte er sich sehr.
»Wer hat das angeordnet?«
Sterwenko stellte sich sofort vor.
»Ich, Exzell«
Der hohe Herr sprach:
»Nun, mein Lieber, du scheinst ein großer Narr zu sein. Gewiß vertust du ganz unnütz Staatsgelder. Bring mir deine Abrechnung!«
Sterwenko brachte die Abrechnung. In der stand zu lesen:
»In Ausführung des Befehles zur Ausrottung aller Andersdenkenden habe ich an derartigen Personen beiderlei Geschlechts festgestellt und in Haft gebracht: 10 107.
Davon
| Niedergemacht | 729 | beiderlei | Geschlechts |
| gehenkt | 541 | " | " |
| unheilbar beschädigt | 937 | " | " |
| vorher gestorben | 317 | " | " |
| sich selbst | 63 | " | " |
| " | " | ||
| Im ganzen ausgerottet | 1876 | " | " |
| Gesamtkosten (7 Rubel das Stück gerechnet) | 16 884 Rubel | ||
| Mithin zusätzlich verausgabt | 884 Rubel | ||
Die hohe Obrigkeit war geradezu entsetzt, zitterte am ganzen Leibe und stammelte:
»Zu–sätzlich verausgabt! Ach, du Feuerländer! Dein ganzes Feuerland mitsamt seinem König und dir ist noch keine 800 Rubel wert! Überleg' mal, wenn du schon solche Bissen schlucken willst, was soll ich denn da tun? Und ich stehe zehnmal höher als du! Bei solchem Appetit reicht ja Rußland keine drei Jahre mehr aus! Du willst nicht allein leben, – begreife das gefälligst! Außerdem hast du 380 Menschen zuviel angeschrieben. Die ›vorher Gestorbenen‹ und die, die ›sich selbst‹, gehören doch nicht dazu. Und du Räuber stellst sie auch in Rechnung!«
»Exzellenz,« rechtfertigte sich Oronti, »ich habe sie doch aber lebensüberdrüssig gemacht!«
»Und warum rechnest du sieben Rubel für jeden? Wahrscheinlich sind auch wer weiß wieviel vollkommen Unbeteiligte dabei? Wir hatten ja überhaupt nur 12 000 Einwohner in der Stadt. Nein, mein Guter, du kommst vor Gericht …«
Wirklich wurde eine strenge Untersuchung der Tätigkeit des Feuerländers eingeleitet und dabei stellte sich heraus, daß er 916 Rubel Staatsgelder unterschlagen hatte.
Man richtete Oronti streng aber gerecht, verurteilte ihn zu drei Monaten Haft und verdarb ihm so die ganze Karriere. So verschwand der Feuerländer auf drei Monate …
Ja, es ist nicht so leicht, der Obrigkeit alles recht zu machen!
Widerstrebet nicht dem Übel!
Ein gutmütiger Mensch grübelte und grübelte lange: was sollen wir tun?
Und er faßte den Beschluß:
»Ich werde dem Übel nicht mit Gewalt widerstreben, ich werde es durch Geduld überwinden.«
Er war ein Mensch von Charakter: er faßte den Beschluß, setzte sich hin und duldete.
Aber die Späher des Hegemonen meldeten sofort, als sie das erfahren hatten:
»Einer der unter Aufsicht stehenden Einwohner hat plötzlich angefangen, sich regungslos und stumm zu verhalten, offensichtlich in der Absicht, den Vertreter der Obrigkeit irre zu führen, als sei er überhaupt nicht vorhanden.«
Der Hegemon wurde wütend.
»Was? Wer ist nicht vorhanden? Ich, die Obrigkeit, bin nicht vorhanden? Vorführen!«
Als der Mann vorgeführt war, wurde befohlen:
»Untersuchen!«
Man untersuchte ihn und nahm ihm alles Wertvolle ab: die Taschenuhr, den Verlobungsring aus Dukatengold, – man stocherte ihm auch die Goldplomben aus den Zähnen, nahm ihm die neuen Hosenträger weg, schnitt alle Knöpfe ab und meldete dann:
»Erledigt, Hegemon!«
»Nun, wie ist es? Nichts?«
»Nichts. Alles Überflüssige haben wir ihm abgenommen.«
»Und im Kopf?«
»Im Kopf hat er anscheinend auch nichts.«
»Laßt ihn herein.«
Der Einwohner trat also beim Hegemon ein, und schon an der Art, wie er sich die Hosen hochhielt, erkannte der Hegemon klar, daß er allen Zufällen des Lebens völlig gefaßt entgegen sah. Aber um einen herzerschütternden Eindruck zu machen, brüllte der Hegemon doch grimmig los:
»Aha, bist du da?!«
Der Mann gestand demütig:
»Ja, ich bin ganz da.«
»Was soll das heißen? Wie?«
»Ich tue ja gar nichts, Hegemon! Ich habe lediglich beschlossen, durch Dulden zu siegen …«
Da wurde der Hegemon aber borstig und schrie:
»Schon wieder? Schon wieder siegen?«
»Ich will ja – das Böse …«
»Maul halten!«
»Ich meine ja nicht Sie.«
Das glaubte ihm der Hegemon nicht.
»Nicht mich? Wen denn?«
»Mich selbst.«
Da staunte der Hegemon.
»Wart' mal! Worin besteht das Böse?«
»Darin, daß man sich ihm widersetzt.«
»Red' keinen Unsinn!«
»Bei Gott! …«
Der Hegemon geriet geradezu in Schweiß.
»Was ist nur mit ihm?« grübelte er und sah ihn an. Er überlegte und fragte:
»Was willst du eigentlich?«
»Gar nichts will ich.«
»Also wirklich gar nichts?«
»Gar nichts! Gestatten Sie mir nur, durch mein persönliches Beispiel das Volk Geduld zu lehren.«
Wieder überlegte der Hegemon und biß sich auf den Schnurrbart. Er hatte eine träumerische Seele, er schwitzte gern genießerisch lallend im Dampfbade und war überhaupt geneigt, stets alle Freuden des Lebens auszukosten. Das einzige, was er durchaus nicht leiden konnte, war Widerstand und Verstocktheit, gegen die er mit erweichenden Mitteln vorging, indem er Knorpel und Knochen der Widersetzlichen in Brei verwandelte. Aber in Stunden, die nicht mit dem Auskosten der Freuden des Lebens und dem Weichmachen der Einwohner besetzt waren, träumte er sehr gern von Weltfrieden und Erlösung der Seele.
Er betrachtete den Bürger und begriff nicht.
»Wie wars noch vor kurzem! Und jetzt plötzlich!«
Dann kamen ihm milde Gefühle und er fragte seufzend:
»Wie ist denn das gekommen mit dir? Was?«
Der Bürger antwortete:
»Evolution ist es! Es hat sich so entwickelt …«
»Hm, ja, mein Lieber. So ist das Leben! Mal so, mal anders. Alles ist unvollkommen … Wir schwanken immer hin und her, aber auf welche Seite wir uns legen sollen, wissen wir nicht, – wir können keine Wahl treffen. Ja, ja …«
Und der Hegemon seufzte noch einmal: er war auch um
sein Vaterland besorgt, er lebte doch von ihm! Allerhand gefährliche Gedanken bestürmten ihn.
»Es ist ja sehr angenehm, einen sanften und stillen Bürger zu sehen. Gewiß! Wenn aber plötzlich alle aufhören, Widerstand zu leisten, müssen da nicht auch alle Tagegelder und Reisevergütungen aufhören? Die Gratifikationen können ebenfalls darunter leiden! … Aber nein, das ist ja nicht möglich, daß er so ganz ausgetrocknet ist: er verstellt sich nur, der Gauner! Ich muß ihn auf die Probe stellen. Wie könnte ich ihn wohl verwenden? Als Polizeispitzel? Sein ganzer Gesichtsausdruck ist so verlottert; diese Charakterlosigkeit läßt sich nie maskieren, und mit seiner Redegabe scheint es auch schwach bestellt zu sein. Als Henker? Dazu ist er wohl zu schwächlich …«
Schließlich kam ihm ein Gedanke, und er sagte zu seinen Leuten:
»Steckt den Narren in die dritte Feuerwehrabteilung! Er mag die Pferdeställe ausmisten.«
So geschah es auch. Ohne Murren mistete der Bürger die Pferdeställe aus. Gerührt beobachtete der Hegemon seine arbeitsfrohe Geduld, und in ihm wuchs Vertrauen zu diesem Bürger.
»Wenn alle so wären!«
Nach kurzer Probezeit näherte er ihn seiner Person und Heß ihn eine eigenhändig gefälschte Abrechnung über Verausgabung und Eingang verschiedener Summen abschreiben. Der Bürger schrieb sie stillschweigend ab.
Der Hegemon war völlig gerührt, er vergoß beinahe Tränen.
»Nein, er ist doch ein nützliches Wesen, wenn er auch schreiben kann.«
Er rief den Bürger vor sein Angesicht und sprach:
»Ich vertraue dir. Gehe hin und verkünde deine Lehre! Aber, sieh dich vor!«
Der Bürger wanderte über Märkte und Messen, durch große und kleine Städte und verkündete überall:
»Was tut ihr?«
Und die Menschen sahen: dieser Mann flößte Vertrauen ein und besaß ungewöhnliche Sanftmut. Sie beichteten ihm, jeder, wessen er sich schuldig fühlte, und enthüllten ihm selbst ihre geheimsten Träume: einer wollte gern straflos stehlen, ein anderer lieber betrügen, ein dritter einen Mitmenschen verleumden. Und sie allesamt – als wahre Russen – wollten möglichst allen Anforderungen des Lebens aus dem Wege gehen und aller Pflichten ledig sein.
Er sprach zu ihnen:
»Laßt das lieber alles! Denn es ist gesagt: ›Jedes Dasein ist Leiden, aber zum Leiden wird es nur durch Wünsche und Begierden. Folglich, um das Leiden zu vernichten, muß man die Begierden vernichten.‹ So ist es. Wir müssen aufhören zu wünschen, und alles wird sich selbst vernichten. Glaubt mir!«
Die Menschen freuten sich natürlich: das war so richtig und einfach. Jeder legte sich lang da hin, wo er gerade stand. Es wurde frei und still im Lande …
Über kurz oder lang fand der Hegemon, es sei doch allzu ruhig um ihn her, beinahe unheimlich. Aber er redete sich noch Mut ein.
»Sie verstellen sich nur, die Halunken!«
Nur die Insekten verrichteten weiter ihre natürlichen Pflichten; sie vermehrten sich in ganz unnatürlicher Weise und wurden immer frecher in ihrem Tun.
»Alles ist so stumm!« dachte der Hegemon, bog und krümmte sich und kratzte sich überall.
Dann rief er einen diensttuenden Kavalier von den Bürgern der Stadt.
»Hier – befreie mich von den lästigen …«
Der aber antwortete:
»Ich kann nicht.«
»Wa–as?«
»Ich kann es tatsächlich nicht. Wenn sie auch sehr lästig sind, – aber sie sind doch lebende Wesen, und …«
»Ich werde gleich einen Toten aus dir machen!«
»Wie Sie wollen …«
Und so war es mit allem. Alle sprachen einmütig: »Wie Sie wollen« –, aber wenn er befahl, seinen Willen auszuführen, gab es tödliche Verdrossenheit. Des Hegemonen Palast zerfiel; Ratten bevölkerten ihn, fraßen alle Akten auf, vergifteten sich daran und verreckten. Der Hegemon versank immer mehr in »Nichtstun«, – er lag nur auf dem Diwan herum und träumte von der Vergangenheit. Schön war das Leben damals! Die Bürger widersetzten sich verschiedenartig den behördlichen Verfügungen; manche mußte man mit dem Tode strafen, und es gab dann Gedenkfeiern mit Plinsen und anderer guter Bewirtung! Ein andermal versuchte ein Bürger etwas zu unternehmen: man mußte hinfahren, um es zu verbieten, und es setzte Reisegelder! Man meldete an zuständiger Stelle, »in dem mir anvertrauten Bezirk sind alle Einwohner ausgerottet«, – dann gab es Gratifikationen und es wurden neue Einwohner geschickt! …
So träumte der Hegemon von der Vergangenheit. Aber seine Nachbarn, die Hegemone anderer Völker, lebten weiter so, wie sie immer gelebt hatten. Ihre Bürger
widersetzten sich einander, so gut jeder konnte, und wo es angebracht war; bei ihnen gab es Lärm, Tumult und Bewegung aller Art, aber trotzdem geschah ihnen nichts: alles schlug immer zum Guten aus und, überhaupt, das Leben war interessant bei ihnen.
Plötzlich begriff der Hegemon:
»Alle Heiligen! Der Mensch hat mich ja ganz schändlich hineingelegt!«
Er sprang auf, lief im Lande umher, puffte und knuffte alle Leute, zauste sie an den Haaren und befahl:
»Aufstehen! Wacht auf! Hoch mit euch!«
Jetzt war ihm alles gleich …
Er packte sie am Kragen, – aber ihre Kragen waren verfault und hielten nicht mehr.
»Teufel!« schrie der Hegemon in höchster Unruhe. »Was tut ihr? Seht eure Nachbarn an. Da, – sogar China …«
Die Bürger rührten sich nicht und blieben stumm auf der Erde liegen.
»Herrgott!« grämte sich der Hegemon. »Was soll ich nur tun?«
Dann versuchte er es mit List. Er beugte sich zu einem Bürger nieder und flüsterte ihm ins Ohr:
»He, Bürger! Das Vaterland ist in Gefahr! Wirklich, also ich schwöre es dir, – in ernstester Gefahr! Steh auf, – wir müssen uns widersetzen … Es heißt, jede eigene Betätigung soll jetzt gestattet werden … Bürger!«
Aber der Bürger war schon am Vermodern und knurrte nur:
»Mein Va–va–Vaterland ist in Gott.«
Andere blieben ganz stumm, wie beleidigte Tote …
»Verdammte Fatalisten!« schrie der Hegemon ganz
verzweifelt. »Steht auf! Jeder Widerstand ist jetzt erlaubt …«
Einer, der früher ein großer Spaßvogel und Maulheld gewesen war, richtete sich ein wenig auf, sah ihn an und sprach:
»Widerstand? Gegen was? Es ist ja gar nichts mehr da …«
»Aber das Ungeziefer …«
»Daran haben wir uns schon gewöhnt!«
Des Hegemonen Geist wurde jetzt endgültig irre. Er trat in die Mitte seines Landes und brüllte, mit Entsetzen in der Stimme:
»Ich gestatte alles, liebe Leute! Rettet euch! Tut etwas! Alles gestatte ich! Freßt euch meinethalben gegenseitig!«
Stille und selige Ruhe ringsum …
Da begriff der Hegemon, daß alles aus war!
Er schluchzte laut auf, vergoß heiße Tränen, raufte sich die Haare und rief:
»O Mitbürger! Liebe Leute! Was soll ich denn tun? Etwa selbst Revolution machen? Besinnt euch! Es ist doch historische Notwendigkeit, nationales Erfordernis … Ich kann doch nicht selbst und ganz allein Revolutionmachen! Ich habe ja nicht einmal mehr die nötige Polizei dazu, – das Ungeziefer hat sie aufgefressen …«
Aber die plinkten nur mit den Augen. Sie hätten sich pfählen lassen, ohne zu piepsen.
So starben sie alle still und stumm, – als letzter der verzweifelte Hegemon.
Woraus folgt, daß auch im Dulden gewisse Grenzen innegehalten werden müssen.
Mitja und der neue Mensch
Endlich dachten die weisesten der Bürger einmal über alles nach.
»Was ist das nur? Wohin man sieht, – rundum ist alles nichts wert …«
Sie überlegten gründlich und kamen zu dem Schluß:
»Alles kommt davon, daß wir keine
Persönlichkeit haben. Wir müssen unbedingt ein zentrales Denkorgan schaffen, das von jedweden Abhängigkeiten unbedingt frei ist und fähig, sich über alles zu erheben und sich an die Spitze zu stellen. Etwa wie der Bock in einer Hammelherde …«
Jemand warf ein:
»Haben wir nicht eigentlich gerade genug unter zentralen Persönlichkeiten zu leiden gehabt?«
Das gefiel den andern nicht.
»Das klingt doch so politisch, so nach ›bürgerlichem Weh‹ …«
Einer beharrte aber:
»Ja, ganz ohne Politik geht es nicht; die macht sich doch überall fühlbar. Ich weiß natürlich, daß es in den Gefängnissen zu eng ist, daß man sich in der Katorga überhaupt kaum umdrehen kann, und daß eine Erweiterung unserer Rechte unentbehrlich ist …«
Aber man entgegnete ihm streng:
»Das ist alles Ideologie, verehrter Herr. Damit muß Schluß gemacht werden … Was wir brauchen, ist der neue Mensch, – weiter nichts …«
Und flugs begannen sie, den neuen Menschen zu schaffen, auf die Art, die in den Überlieferungen der heiligen Väter angegeben ist: sie spuckten auf die Erde, rührten um und beschmierten sich bis an die Ohren mit Dreck. Aber die Ergebnisse waren recht dürftig. In ihrem krampfhaften Eifer zertraten sie alle seltenen Blumen auf der Erde und vernichteten auch alle nützlichen Gewächse. Sie mühten sich, schwitzten, strengten sich an. Aber es kam nichts dabei heraus, außer häßlichen Reden; sie beschuldigten sich gegenseitig der Unfähigkeit zu schöpferischer Betätigung. Sogar die Elemente verloren durch diesen Übereifer die Geduld: die Winde wehten, der Donner grollte, wollüstige Hitze versengte die aufgeweichte Erde oder Sturzregen gingen nieder, und die ganze Atmosphäre war voll schwerer Gerüche: man konnte kaum atmen!
Doch von Zeit zu Zeit klärt sich das dunkle Durcheinander der Elemente etwas, und siehe, eine neue Persönlichkeit erscheint auf Gottes Welt!
Allgemeiner Jubel erhebt sich, aber, o weh, – er währt nur kurze Zeit und wandelt sich bald in schweren Zweifel.
Denn wenn auf Bauernland eine neue Persönlichkeit erwächst, wird aus ihr unverzüglich ein gerissener Kaufmann, der ins Leben hinaustritt und den Ausländern das Vaterland in Stücken zu 45 Kopeken verkauft, mit dem heißen Begehren, womöglich den ganzen Bezirk zu verschleißen, mit allem lebenden Inventar und allen Denkorganen.
Wenn auf Kaufmannsland ein neuer Mensch, geformt wird, kommt er als Degenerierter zur Welt oder will Bureaukrat werden. Auf adligen Ländereien erwachsen – wie es auch früher immer war – Geschöpfe, die am liebsten sämtliche Staatseinkünfte schlucken möchten. Und auf dem Lande der Kleinbürger und Kleinbesitzer wuchern als dichtes Dorngestrüpp allerhand Spitzel, Nihilisten, Passivisten und ähnliches Gesindel.
»Aber das besitzen wir doch alles schon in hinreichender Menge!« gestanden sich die weisen Bürger ein und überlegten sehr ernstlich:
»Vielleicht ist uns ein technischer Irrtum beim Erschaffen unterlaufen. Aber welcher?«
Sie saßen und grübelten, und der Dreck ringsum wallte wie Meereswogen, o Herrgott!
Sie machten sich gegenseitig Vorwürfe:
»Selderej Lawrowitsch, Sie spucken zu viel und zu sehr nach allen Seiten!«
»Ihnen fehlt nur der Mut dazu, Kornischon Lukitsch.«
Jedoch die neugeborenen Nihilisten, von denen jeder einzelne tat, als sei er der Recke Waska Buslajew, bezeigten gegenüber allen andern Verachtung und brüllten:
»Ach, ihr Gemüse, ihr! Zerbrecht euch den Kopf, wie es am besten ist, – wir helfen euch dann, auf alles zu speien …«
Und sie spuckten und spuckten …
So herrschten allgemeine Verdrossenheit, gegenseitige Erbitterung und – Dreck.
Da kam, die Schule schwänzend, Mitja Korotyschkin, genannt die Stählerne Klaue, vorbei. Er war Schüler der zweiten Klasse des Gymnasiums von Miamlin und berühmt
als großer Sammler ausländischer Briefmarken. Mitja sah, wie diese Leute in ihrer Pfütze saßen, hineinspuckten und tief über etwas nachdachten.
»Das wollen Erwachsene sein, – solche Schmutzferkel!« dachte Mitja mit der seinen jungen Jahren eigenen Frechheit.
Er blickte erst genauer hin, ob auch kein pädagogisches Element unter ihnen sei. Als er nichts derartiges wahrnahm, fragte er:
»Warum seid ihr denn in die Pfütze gekrochen, Onkels?«
Einer von den Bürgern fühlte sich beleidigt und begann zu streiten:
»Wo ist hier eine Pfütze? Das ist lediglich ein Ebenbild des Urchaos!«
»Und was tut ihr dadrin?«
»Wir wollen den neuen Menschen schaffen. Solcher Kerle, wie du einer bist, sind wir überdrüssig.«
Mitja war interessiert.
»Und nach wessen Bilde?«
»Was heißt das? Wir wollen einen machen nach niemandes Bilde. Mach' daß du weiter kommst!«
Weil Mitja noch ein in die Geheimnisse der Natur gänzlich uneingeweihtes Kind war, freute es ihn natürlich, bei einer solchen wichtigen Handlung dabei sein zu können, und er schlug harmlos vor:
»Ach, macht doch einen mit drei Beinen!«
»Warum denn?«
»Der muß sehr drollig laufen.«
»Geh weg, Bengel!«
»Oder einen mit Flügeln? Das wäre ulkig! Macht doch einen mit Flügeln, ja? Der könnte dann alle Lehrer entführen, wie der Kondor in den ›Kindern des Kapitäns
Grant‹. Das heißt, der Kondor raubt allerdings keinen Lehrer. Aber schöner wäre es, einen Lehrer …«
»Bengel, du redest Unsinn, und zwar sehr argen Unsinn. Denk' lieber an das Gebet vor und nach dem Unterricht.«
»Wenn der Lehrer in die Schule geht, müßte der ihn dann – schwupps! – hinten am Kragen packen und durch die Luft wegschleppen, – wohin, das wäre ja gleich! Der Lehrer zappelt mit den Beinen und verliert alle seine Bücher. Und die müßte er nie wiederfinden …«
»Bengel! Geh, hab' Achtung vor alten Leuten!«
»Und von oben schreit er seiner Frau zu: ›Leb' wohl, ich fahre auf gen Himmel, wie Elias und Henoch.‹ Und sie kniet unten, mitten auf der Straße, und jammert: ›Ach Männchen, du mein liebes Lehrerchen!‹ …«
Sie wurden schließlich böse.
»Scher' dich! Dummes Zeug schwatzen schon genug Leute. Außerdem bist du noch viel zu jung dazu!«
Und sie jagten ihn weg. Er lief ein Stückchen, dann blieb er stehen, überlegte und fragte:
»Wollt ihr das im Ernst?«
»Natürlich …«
»Es wird wohl nichts?«
Sie seufzten finster und sagten:
»Nein. Laß uns in Ruhe …«
Da ging Mitja noch weiter weg, streckte ihnen die Zunge heraus und neckte sie.
»Ich weiß warum … Ich weiß warum …«
Sie liefen ihm nach. Er rannte weg. Aber weil sie es gewohnt waren, aus einem Lager ins andere überzulaufen, holten sie ihn bald ein und zausten und schüttelten ihn tüchtig.
»Ach du … Du willst ältere Leute necken?«
Mitja heulte und flehte:
»Onkels … Ich schenke euch eine Sudan, – die habe ich doppelt … Ein Federmesser schenke ich euch …«
Aber sie machten ihm Angst mit dem Direktor.
»Liebe Onkels! Auf Ehre, ich will euch nie wieder necken. Und ich weiß wirklich, warum ihr den neuen Menschen nicht machen könnt …«
»Sprich!«
»Laßt mich ein bißchen los!«
Sie ließen ihn, hielten ihn aber an beiden Händen fest. Da sagte er ihnen:
»Onkels! Das ist nicht die richtige Erde hier! Die Erde hier eignet sich nicht dazu, Ehrenwort! Ihr könnt spucken, soviel ihr wollt, es kommt nichts dabei heraus! … Denn als Gott den Adam machte nach seinem Ebenbilde, gehörte die Erde noch niemandem. Aber jetzt gehört die Erde irgendjemandem. Deshalb gehört auch jeder Mensch immer irgend jemandem … Am Spucken liegt es nicht …«
Das verdutzte sie derartig, daß sie seine Hände freigaben. Mitja riß aus, und als er ein Stückchen weggelaufen war, legte er die Faust an den Mund und brüllte:
»Komantschen, rothäutige! Iroke–esen, ihr!«
Sie aber setzten sich wieder einmütig in ihre Pfütze, und der Weiseste von ihnen sprach:
»Meine Herren Kollegen, fahren wir mit unserer Tätigkeit fort … Vergessen wir diesen Lümmel, – zweifellos war das ein verkleideter Sozialist …«
Ach Mitja, lieber Kerl …
Vom Volk der Iwanytsche
Es war einmal ein bemerkenswertes Volk, – die Iwanytsche! Was man denen auch antat, – sie wunderten sich über nichts!
Sie lebten eng umringt von den »Umständen«, die von allen Naturgesetzen völlig unabhängig waren. Diese »Umstände« machten mit den Iwanytschen alles, was sie wollten und konnten, – sie zogen ihnen sieben Felle über die Ohren und fragten dann grimmig:
»Wo ist das achte?«
Ohne sich zu wundern, antworteten die Iwanytsche demütig den Umständen:
»Das ist noch nicht gewachsen, Eure Exzellenzen! Warten Sie bitte noch ein Weilchen …«
Die Umstände aber warteten ungeduldig auf das Wachsen des achten Felles und prahlten schriftlich und mündlich vor ihren Nachbarn:
»Unsere Bevölkerung ist sehr zum Gehorsam veranlagt. Man kann mit ihr machen, was man will, sie wundert sich über nichts. Bei uns ist es nicht so wie zum Beispiel bei euch.«
So lebten also die Iwanytsche, arbeiteten ein bißchen, zahlten Steuern und Abgaben und gaben Schmiergelder, wem sie zukamen. In der von solchen Beschäftigungen freien Zeit beklagten sie sich untereinander:
»Schwer haben wir es, Brüder.«
Die Klügeren aber sagten voraus:
»Es wird noch viel schwerer werden!«
Manchmal fügte auch einer noch zwei, drei Wörtchen hinzu, und von einem solchen Manne sagten die andern dann ehrerbietig:
»Der hat den Punkt aufs I gesetzt.«
Die Iwanytsche gingen sogar soweit, daß sie ein großes Haus in einem Garten mieteten und besondere Leute hineinsetzten, die sich tagtäglich in der Redekunst übten und Punkte auf die I's setzten.
So an die 400 Mann versammelten sich in diesem Hause. Vier von ihnen aber fingen an, Punkte zu machen wie die Fliegen. Sie machten soviel Punkte wie von der Polizei – aus Neugier – erlaubt wurden und prahlten im ganzen Lande:
»Wir machen jetzt mächtig Geschichte.«
Aber die Polizei sah in dieser Betätigung einen Skandal. Und als sie einmal einen Punkt über einen andern Buchstaben machen wollten, erklärte die Polizei sehr energisch:
»Bitte gefälligst das Alphabet nicht zu verhunzen! Macht, daß ihr nach Hause kommt.«
Sie wurden weggejagt. Doch sie trösteten einander, ohne sich zu wundern:
»Das macht nichts. Alle diese Gemeinheiten tragen wir, jenen zur ewigen Beschämung, ins Buch der Geschichte ein.«
Die Iwanytsche aber versammelten sich jetzt insgeheim zu zweien oder zu dreien in ihren Wohnungen und flüsterten, – auch ohne sich zu wundern:
»Unsere Erwählten hat man wieder der Gabe des Wortes beraubt!«
Die Dreisten und die Heißsporne raunten sich zu:
»Für die Umstände ist eben kein Gesetz geschrieben.«
Überhaupt trösteten sich die Iwanytsche gern mit Sprichwörtern. Wenn einer von ihnen wegen einer zufälligen Nichtübereinstimmung mit den Umständen ins Gefängnis gesteckt wurde, philosophierten sie demütig:
»Was deines Amtes nicht ist, da lasse deinen Vorwitz!«
Und manche von ihnen sagten schadenfroh:
»Schuster, bleib bei deinen Leisten!«
So lebten die Iwanytsche, so lebten sie und erlebten es auch schließlich, daß alle Punkte auf die Is gesetzt waren. Da hatten die Iwanytsche nichts mehr zu tun!
Da sahen aber auch die Umstände ein, daß das alles doch zu nichts führte, und sie erließen im ganzen Lande ein sehr strenges Gesetz:
»Von heute an ist es allenthalben verboten, Punkte auf die Is zu setzen, und es dürfen fortan keinerlei Punkte, ausgenommen diejenigen der Zensur, unter den Bürgern in Gebrauch sein. Übertreter dieses Verbotes unterliegen den von den strengsten Paragraphen des Strafgesetzbuches angedrohten Strafen.«
Da wurden die Iwanytsche ganz toll! Was tun?
Was anderes hatten sie nie gelernt, sie konnten nur das eine, – und das war nun auch verboten!
Also versammelten sie sich insgeheim zu zweien in dunklen Winkeln, und überlegten im Flüsterton, wie die Poschechonier [Fußnote: Poschechonien, das Land der Narren, das russische Schilda] in der Anekdote:
»Iwanytsch! Wenn nun aber? … Das heißt, Gott behüte, der Herr bewahre uns!«
»Was denn?«
»Ich meine ja nicht etwa, daß es mal so kommt … Wenn aber doch …«
»Gott mag wissen, was kommt … Aber so etwas, – nein, um nichts in der Welt! Ja nicht! … Du meinst also …«
»Ich habe nichts gesagt! … Ich meine gar nichts! …«
Und weiter konnten sie keine Worte sagen …
Die Diplomaten
Auf einer Seite der Erde wohnten die Kusmitsche, auf der andern die Lukitsche. Dazwischen floß ein Strom.
Die Erde ist ja leider nur eng, und die Menschen sind habsüchtig und neidisch: um jeden Quark gibt es gleich Schlägerei unter den Leuten. Es muß nur jemandem etwas nicht in den Kram passen, – sofort wird Hurra gebrüllt und der andere bekommt eins aufs Maul.
Dann geht die Prügelei los; sie besiegen sich gegenseitig, und schließlich soll Gewinn und Verlust ausgerechnet werden. Sie rechnen und rechnen; aber, so wunderlich es auch ist – denn sie glauben doch, sie haben sich gut geschlagen: immer feste druff! –, es stellt sich heraus: sie haben nur Schaden von der Sache.
Die Kusmitsche grübeln nach:
»Solch Kerl, solch Lukitsch, ist höchstens seine sieben Kopeken wert; aber ihn kalt machen kostet uns einen Rubel sechzig. Was heißt das?«
Auch die Lukitsche überlegen:
»Ein lebendiger Kusmitsch ist doch auch nach genauester Taxe nicht einen Groschen wert, und jetzt macht es neunzig Kopeken, ihn umzubringen!«
»Ja, wie kommt denn das?«
Und aus lauter Angst voreinander beschließen sie:
»Wir müssen viel besser rüsten, – dann geht der Krieg schneller und das Totschlagen wird billiger.«
Aber die ehrbare Kaufmannschaft bei ihnen haut sich die Taschen voll und schreit:
»Söhne des Landes! Auf, schützt das Vaterland! Das Vaterland darf hohe Opfer verlangen!«
Sie rüsteten ungeheuerlich, wählten den passenden Augenblick, und dann ging's los – mit dem gegenseitigen Ausrotten!
Sie kämpften, kämpften, besiegten einander, räuberten, – endlich soll wieder Gewinn und Verlust ausgerechnet werden … Aber es ist wirklich zum Tollwerden!
»Ja, da muß doch aber«, sagen die Kusmitsche, »bei uns etwas nicht in Ordnung sein! Neulich konnten wir noch einen Lukitsch für einen Rubel sechzig totmachen, und jetzt kommt uns jeder Umgebrachte auf sechzig Rubel das Stück!«
Trübselig sitzen sie da! Aber den Lukitschen ist auch nicht lächerlich zumute.
»Faule Sache! Soviel Geld kostet der Krieg! Die ganze Geschichte kann einem zum Halse herauswachsen.«
Sie haben aber dicke Schädel und beschließen:
»Wißt ihr, wir müssen eben vor allem die Mordwaffentechnik weiter vervollkommnen!«
Aber die ehrsame Kaufmannschaft bei ihnen haut sich die Taschen voll und brüllt:
»Söhne des Landes! Das Vaterland ist in Gefahr!«
Und in aller Stille treiben sie die Preise für Schuhzeug immer höher und höher.
Also die Lukitsche und die Kusmitsche vervollkommneten die Mordwaffentechnik, besiegten sich gegenseitig,
räuberten und machten sich daran, Gewinn und Verlust auszurechnen: es ist wieder rein zum Heulen!
Ein lebendiger Mensch hat doch überhaupt keinen Wert, und dabei wird es immer teurer, einen von ihnen tot zu machen!
In friedlichen Tagen jammern sie sich gegenseitig vor.
»Die Sache wird noch unser Ruin!« sagen die Lukitsche.
»Auf den Hund kommen wir dabei!« stimmen die Kusmitsche zu.
Aber als einmal irgendwo eine Ente im Wasser falsch untergetaucht war, ging die Prügelei doch wieder los.
Und die ehrbare Kaufmannschaft bei ihnen haut sich die Taschen voll und jammert:
»Es ist ein wahres Elend mit dem blöden Geld! Man kann noch soviel zusammenscharren und hat doch nie genug!«
Sieben Jahre lang führten die Kusmitsche mit den Lukitschen Krieg, schlugen aufeinander los, wie die Wilden, zerstörten sich die Städte, brannten alles nieder, – sogar fünfjährige Kinder mußten schon Maschinengewehre bedienen. Schließlich kam es so weit, daß manche nur noch ihr Schuhzeug hatten, andern blieb überhaupt nichts, – nur die Halsbinden. Splitternackt liefen die Heldenvölker herum.
Sie besiegten einander, räuberten, – dann gingen sie daran, Gewinn und Verlust auszurechnen: alle beide waren sie da wie vor den Kopf geschlagen! Sie blinzeln mit den Augen und brummen:
»Kinder, Kinder! Nein, wißt ihr, das Mordhandwerk wird denn doch wohl zuviel für unseren Geldbeutel! Seht ihr, jetzt kostet uns jeder totgemachte Kusmitsch
schon runde hundert Rubel. Nein, wir müssen die Sache wohl anders machen …«
Sie hielten Rat, und dann zog die ganze Gesellschaft hinaus an den Fluß. Am andern Ufer steht schon der Feind, die ganze Horde.
Natürlich herrscht erst Verlegenheit, sie gucken sich an und schämen sich ein bißchen. Ein Weilchen drücken sie sich so herum, dann rufen sie hinüber:
»Was wollt ihr denn?«
»Wir? – Gar nichts! Und ihr?«
»Wir auch nichts.«
»Wir sind nur gekommen, den Fluß ansehen …«
»Wir auch …«
Sie stehen da, kratzen sich; die einen schämen sich, die andern seufzen vor sich hin.
Dann rufen sie wieder:
»Habt Ihr Diplomaten?«
»Jawohl! Und ihr?«
»Wir auch …«
»Aha! Seht ihr wohl!«
»Na, – was meint ihr?«
»Ja, schließlich, uns ist es recht!«
»Und uns? … Ja, uns auch …«
Sie hatten sich verstanden, ersäuften ihre Diplomaten im Fluß und dann fingen sie an, ganz verständig zu reden:
»Wißt ihr, weshalb wir hergekommen sind?«
»Das können wir uns denken!«
»Also, weshalb?«
»Ihr wollt euch mit uns vertragen.«
Die Kusmitsche wundern sich.
»Wie habt ihr das nur so erraten können?«
Da grinsen die Lukitsche und sagen:
»Ja, wir sind ja selbst deshalb da! Solch Krieg ist doch schrecklich teuer.«
»Ja, das ist wirklich wahr!«
»Wißt ihr, ihr seid zwar Gauner, aber na, wir wollen doch Frieden halten, ja?«
»Eigentlich seid ihr ja auch Spitzbuben, aber es soll uns schon recht sein!«
»Also wollen wir fortan in Freundschaft leben, – weiß der Himmel, es wird billiger sein!«
»Gut, abgemacht!«
Da wurden sie alle vergnügt. Sie tanzten und sprangen wie die Verrückten, zündeten Feuer an, machten sich gegenseitig die Mädels abspenstig, stahlen sich die Pferde, fielen sich in die Arme und grölten:
»Ach, Brüderherzen, es ist doch schön so, nicht? Eigentlich seid ihr ja, sozusagen, ihr Bande …«
Und die Kusmitsche antworteten:
»Ihr lieben Leutchen, wir sind alle ein Herz und eine Seele. Ihr Kerle seid ja natürlich eigentlich … Na, ihr wißt schon, was … Aber na, es ist schon gut!«
Seit der Zeit leben die Kusmitsche und die Lukitsche ruhig und friedlich. Das Kriegshandwerk haben sie ganz an den Nagel gehängt, und sie beräubern sich gegenseitig mitsachten, gutbürgerlich.
Ja, und die ehrbare Kaufmannschaft, nun, die lebet, wie immer, nach dem Gebote Gottes.
Wanka, der Schläfer
Friedlich lag Wanka, der störrische Mensch, im Schuppen; er hatte sich müde gearbeitet und abgerackert und ruhte aus. Da kommt der Bojar dahergelaufen und brüllt:
»Wanka, steh auf!«
»Wa–rum?«
»Auf, Moskau retten!«
»Was ist los mit Moskau?«
»Der Pole ist drüber her.«
»Sieh an, dieser Halunke …«
Wanka ging hin retten. Aber da schreit ihn der Teufel Bolotnikow [Fußnote: Iwan Bolotnikow, Führer aufständiger Bauern (1607 ertränkt)] an:
»Dummkopf, weshalb setzt du für die Bojaren unnütz deine Kräfte ein. Bedenk' doch!«
»Ich bin nicht gewöhnt zu denken, für mich denken bestens die heiligen Väter Mönche,« antwortete Wanka. Er rettete also Moskau; dann kehrte er nach Hause zurück. Da sieht er: der Schuppen ist nicht mehr da!
Er seufzte:
»Ach, diese Spitzbuben!«
Er legte sich auf die rechte Seite, um recht schön zu träumen. So lag er zweihundert Jahre. Da kommt der Dorfschulze gerannt:
»Wanka, steh auf!«
»Wa–as ist?«
»Auf, Rußland retten!«
»Wer tut ihm was?«
»Bonapart mit zwölf Völkern!«
»Sieh mal an … Der Verfluchte!«
Er ging hin retten. Aber der Teufel Bonapart flüstert ihm zu:
»Warum mühst du dich für die Herren, Wanka? Wäre es nicht endlich Zeit für dich, Wanjuschka, die Leibeigenschaft los zu werden?!«
»Sie werden mich schon von selbst freilassen,« antwortete Wanka. Er rettete also Rußland und kehrte nach Hause zurück. Da sieht er: auf der Hütte ist kein Dach mehr.
Er seufzte:
»Ach, diese Hunde! Alles rauben sie.«
Er ging zu seinem Herrn und fragte:
»Wie ist das, bekomme ich gar nichts für die Rettung Rußlands?«
Der Herr aber fragte ihn:
»Wenn du willst, peitsche ich dich durch.«
»Nein, lieber nicht. Danke!«
Er arbeitete und schlief noch hundert Jahre. Schöne Träume hatte er, aber nichts zu fressen. Hatte er Geld, dann versoff er's. Hatte er keins, so dachte er:
»Ächma, jetzt wär's schön, eins zu trinken.«
Da kommt der Büttel angestürzt und schreit:
»Wanka, steh auf!«
»Was ist schon wieder?«
»Auf, Europa retten!«
»Was hat es denn?«
»Der Deutsche ist drüber her.«
»Daß die immer so unruhig sind, dieser und jener! Sollten doch in Frieden leben …«
Er ging hin und fing an zu retten. Da riß ihm der Deutsche ein Bein ab. Wanka kehrte mit einem Bein nach Hause zurück. Da sieht er: seine Hütte ist nicht mehr da, die Kinder sind verhungert, seine Frau zieht für den Nachbar den Wasserwagen.
»Das ist eine Bescherung!« staunte Wanka und hob die Hand, um sich den Nacken zu kratzen: – er hatte aber gar keinen Kopf mehr.
Matriona, die Dulderin
Es war einmal eine Frau, sagen wir, Matriona. Sie arbeitete für einen fremden Onkel, sagen wir Nikita, und für seine Verwandten und seine zahlreichen Leute.
Es ging der Frau schlecht. Onkel Nikita beachtete sie überhaupt nicht, obwohl er vor den Nachbarn prahlte:
»Meine Matriona hat mich sehr lieb. Ich tue mit ihr, was ich will. Ein musterhaftes Arbeitstier ist sie, gehorsam wie ein Gaul.«
Aber Nikitas betrunkene Leute behandelten Matriona dauernd sehr schlecht. Sie bestahlen sie, prügelten sie oder beschimpften sie einfach, rein aus Langerweile. Unter sich aber sagten sie ebenfalls:
»Tüchtiges Weib, unsere Matriona! Sie kann einem manchmal beinahe leid tun.«
Aber obwohl sie es in Worten gut meinten mit ihr, fuhren sie in der Tat doch fort, sie zu mißhandeln und zu berauben.
Außer diesen bösen Leuten umgaben Matriona auch viele unnütze Menschen, die Mitgefühl hatten mit ihrer Langmut und Geduld. Sie beobachteten sie von der Seite und sagten gerührt:
»Oh, du Dulderin, du Arme!«
Einige waren geradezu verzückt und riefen:
»Dich kann man gar nicht mit der Elle abmessen, so groß bist du! Und mit dem Verstand kann man dich nicht erfassen, an dich kann man nur glauben!«
Matriona aber arbeitete Tag für Tag, Jahr für Jahr, wie eine Bärin, und ganz ohne Sinn und Zweck: soviel sie auch erarbeitete, die Leute des Onkels nahmen ihr alles wieder weg. Ringsum war Trunkenheit, Weiber, Unzucht und jegliche Gemeinheit, – man konnte kaum atmen.
So lebte sie, arbeitete und schlief. Aber in freien Minuten härmte sie sich im Stillen:
»Herrgott! Alle lieben mich, alle sind mir gut, aber ein wirklicher Mann kommt nicht! Wenn doch ein wirklicher Mann käme, mich in seine starken Arme nähme, mich lieb hätte mit aller Kraft, als Weib, – ich würde ihm ja solche Kinder gebären, Herrgott!«
Sie weinte, – weiter konnte sie nichts tun.
Der Schmied machte sich an sie heran. Aber er gefiel Matriona nicht: er sah so unzuverlässig aus, war so verräuchert, er hatte einen frechen Charakter und redete ganz unverständlich, so als prahle er:
»Nur, wenn sie sich meinen Ideen hingeben,« sagte er, »können Sie in das nächste Stadium der Kultur übergehen, Matriona …«
Sie antwortete ihm:
»Nun, was redest du, Väterchen, was soll das! Ich verstehe nicht einmal, was du sagst. Außerdem bin ich groß und stark, und dich sieht man ja kaum!«
So lebte sie. Allen tat sie leid, und sie tat sich selbst auch leid. Aber bei alledem kam nichts Vernünftiges heraus.
Da plötzlich – erschien ein Held. Er kam, verjagte Onkel Nikita und alle seine Leute, und erklärte Matriona:
»Von heute an bist du ganz frei, und ich bin dein Retter, so wie der Heilige Georg auf einem alten Kopekenstück.«
Matriona schaute sich um: – tatsächlich, sie war frei! Natürlich freute sie sich darüber.
Aber der Schmied erklärte gleichfalls:
»Ich bin auch dein Retter!«
»Das sagt er aus Eifersucht,« dachte sich Matriona. Laut aber sagte sie:
»Natürlich. Du auch, Väterchen!«
So lebten sie alle drei, lustig und zufrieden. Jeden Tag gab's eine Hochzeit oder ein Begräbnis. Jeden Tag wurde Hurra geschrien. Mokej, des Onkels Arbeiter, fühlte sich als Republikaner. Hurra! Jalitorowsk und Narym erklärten sich zu Vereinigten Staaten. Auch – Hurra!
So zwei Monate lebten sie wie ein Herz und eine Seele, sie ersoffen beinahe in der Freude, wie Fliegen in einem Topf mit Kwas. Aber plötzlich – im heiligen Rußland geschieht immer alles plötzlich –, plötzlich wurde der Held übellaunig.
Er saß bei Matriona und fragte:
»Wer hat dich befreit? Ich?«
»Nun, natürlich, du, mein Lieber!«
»Nun also?«
»Na und ich?« fragte der Schmied.
»Du auch …«
Ein Weilchen später fragte der Held wieder:
»Wer hat dich befreit. Ich oder nicht ich?«
»Herrgott,« sagte Matriona. »Gewiß doch, du, du selbst!«
»Nun also, vergiß das nicht!«
»Und ich?« fragte der Schmied.
»Nun, du auch … Ihr beide …«
»Beide?« sagte der Held, seinen Schnurrbart streichend. »Hm … Ich, – ich weiß nicht …«
Und er fragte Matriona andauernd:
»Habe ich dich gerettet, dummes Weib, oder nicht?«
Und immer strenger:
»Bin ich dein Retter? Oder wer?«
Matriona sah, der Schmied war finsteren Blickes beiseite gegangen und tat seine Arbeit, die Diebe stahlen, die Kaufleute handelten, – alles ging wieder auf die alte Weise, wie zur Zeit des Onkels. Aber der Held quält sie und fragt andauernd:
»Was bin ich für dich?«
Und schlägt sie hinter die Ohren und zaust sie am Zopfe.
Matriona küßt ihn, redet ihm gut zu, spricht freundliche Worte zu ihm:
»Ach, du mein lieber italienischer Garibaldi, o du mein englischer Cromwell, du mein französischer Bonaparte!«
Aber nachts weinte sie leise vor sich hin:
»Herrgott, Herrgott! Ich hatte gedacht, es würde wirklich etwas geschehen. Und das ist nun dabei herausgekommen!«
*
Ich gestatte mir daran zu erinnern, daß das ein Märchen ist.