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Rosa Luxemburg – Karl Liebknecht – Leo Jogiches  (Karl Radek)

Aus ProleWiki


Rosa Luxemburg – Karl Liebknecht – Leo Jogiches
Autor*inKarl Radek
VerlagVerlag der Kommunistischen Internationale

In Kommission: Verlagsbuchhandlung Carl Hoym Nachf. L. Cahnbley,

Hamburg
Quellehttps://www.projekt-gutenberg.org/radek/rosakarl/rosakarl.html


Rosa Luxemburg

I.

Sie wurde in jener Periode der polnischen Geschichte geboren, wo sich Polens herrschende Klassen von allen nationalen Idealen abwandten, den Kampf um die Unabhängigkeit an den Nagel hängten und stolz erklärten, sie dienen am besten dem Vaterlande, wenn sie Kartoffeln in Spiritus verwandeln, oder billige Drillichjacken massenhaft von Lodz, dem polnischen Manchester, nach Rußland exportieren. Die Periode der sogenannten organischen Arbeit, des Obsiegens der bürgerlichen Elemente, die unter dem Schutz des Zarismus das Antlitz Polens von jedem romantischen Zug befreiten, diese Periode wurde in der Literatur, in der Presse zwar verschönert durch die Behauptungen, daß auf diese Weise Polen vom Keller bis zum Dach beleuchtet und erhellt wird; das Geschäftstreiben der Bourgeoisie wurde mit Zitaten aus Comte, mit positivistischem Firlefanz geziert. Aber in Wirklichkeit war die geistige Atmosphäre, in der Rosa Luxemburg aufgewachsen war, die kühle, kahle, hohle Atmosphäre eines Liberalismus, der auf seine wichtigsten historischen Aufgaben verzichtete, auf den Kampf gegen den feudalen Absolutismus. Und eben deshalb, weil die kulturellen, fortschrittlichen Phrasen des polnischen Liberalismus, wie er in Alexander Swientochowski seinen Bannerträger hatte, Phrasen waren, weil der polnische Liberalismus nichts anderes darstellte, als die Religion nicht einmal des Kapitals als Klasse, wie ihn Marx im kommunistischen Manifest schilderte – einer Klasse, die eine Welt umformt und bildet, eine neue Ordnung schafft – sondern die Religion jedes Kapitalisten für sich, der verschont sein will von allen öffentlichen Angelegenheiten, um desto ruhiger dem Profit nachgehen zu können, mußte sehr bald die idealistische bürgerliche Jugend gegen den Liberalismus rebellieren. Sie mußte in ihrem Drängen nach Ideen suchen, die Ideen des Kampfes waren. Eine Rückkehr zur nationalen Romantik, zum Kampf um die Unabhängigkeit war für sie unmöglich, weil die nationale Ideologie, wie sie erst im Jahre 1863 im Aufstand eine eklatante Niederlage erlitten hat, die Ideologie des untergebenden Adels war. Nicht in der Vergangenheit, in der Gegenwart und Zukunft mußte die polnische Jugend das suchen, was ihr Herz erwärmen, ihren Geist ernähren konnte. Die Idee des Sozialismus begann nach Polen vom Osten wie vom Westen einzudringen. Die Broschüren von Lassalle wirkten gemeinsam mit denen von Tschernischewski, Bakunin und der russischen Volkstümler.

Rosa Luxemburg wuchs in einem Hause auf, wo der Liberalismus als Weltanschauung warmer, humanitärer Menschen ihr entgegentrat, in einer Atmosphäre, in der nicht so sehr der Geist Bentams, wie die großen Dichter herrschten, so daß sie zum Sozialismus später nicht als zum Gegensatz dessen, was sie im Hause aufnahm, kam, sondern als zu dessen Weiterentwicklung.

Auf dem Gymnasium kam sie in Zirkel, in denen fleißig die sozialistische Literatur studiert wurde. Es war die Zeit des Wirkens der ersten größeren sozialistischen Organisation Polens, der Organisation »Proletariat«. Diese Organisation stellte eine Kreuzung der sozialdemokratischen deutschen und der blanquistischen russischen Einflüsse dar. Was ganz gewiß damals aus der Literatur dieser Organisation am meisten befruchtend auf den Geist Rosa Luxemburgs gewirkt haben muß, war nicht die taktische Position dieser Partei, nicht die Tatsache, daß diese Partei ein Gegenwartsprogramm zu schaffen suchte: das junge Mädchen hatte damals wahrscheinlich keinen Sinn für die Frage, ob man in den Sozialismus erst durch eine Periode praktischer Arbeit auf dem Boden des Kapitalismus kommen müsse, oder ob das Proletariat mit einem Sprunge aus dem Reich der kapitalistischen Unfreiheit in die Welt der sozialistischen Freiheit gelangen könnte. Was sie am meisten befruchten und beeinflussen mußte, war der scharfe Kampf, den die Organe dieser Partei ebenso gegen die national-feudale, wie kapitalistisch-liberale Weltanschauung der polnischen besitzenden Klassen ausfochten. In den Artikeln, Broschüren und Reden des genialen Vaters der polnischen sozialistischen Bewegung, des jungen Ludwig Warinski, wie in den Arbeiten der sich um ihn gruppierenden Publizisten, wie Dickstein, Mendelson, Dluski usw. wurden alle Masken von dem Gesicht der besitzenden Klassen in Polen gerissen. In diesen Artikeln vollzog sich die Ablösung der Vorkämpfer des Sozialismus – der Intellektuellen wie der Arbeiter – von der Bourgeoisie. Rosa Luxemburg, die schon als junges Mädchen sehr intensiv mit der polnischen Literatur verbunden war – sie selbst schrieb sehr talentvolle Novellen – mußte sehr ergriffen sein durch diese geistige Ueberwindung der ihr so teuren polnischen Romantiker, wie der Philosophen des Liberalismus, von denen der englische Soziologe Spencer auf sie durch seine gedankliche Schärfe einen dauernden Einfluß ausübte. Rosa Luxemburg begnügte sich schon auf dem Gymnasium nicht mit der Lektüre von sozialistischen Schriften. Als Mensch, bei dem der Gedanke immer die Tat gebar, nahm sie an der sozialistischen Propaganda und Agitation teil und wurde darum, als ihr schon die Spione nachschnüffelten, von den Freunden ins Ausland transportiert. Man mußte schon damals in den revolutionären Kreisen die zukünftige Bedeutung Rosa Luxemburgs erkannt haben; denn sie wurde von niemand anders über die Grenze gebracht als von Martin Kaspschak, den im Jahre 1905 durch die zaristische Regierung in Warschau gehenkten Führer der polnischen Sozialdemokratie. Und damals, Ende der neunziger Jahre, war Kaspschak in Warschau der faktische Leiter der inegalen Arbeiterzirkel. Er kam mit Rosa Luxemburg nach einem kleinen Grenzort, und da er sie durch die Schmuggler nicht über die Grenze bringen konnte, wandte er sich an den katholischen Pfarrer und bat ihn um Hilfe mit der Begründung, das junge Mädchen möchte ins Ausland gehen, um sich zu taufen. Der Pfarrer fragte Rosa Luxemburg, ob sie der irdischen Liebe wegen die Religion wechseln wolle. Rosa Luxemburg schwur Stein und Bein, sie wolle aus Liebe zum Christentum sich taufen lassen, woraufhin ihr der Pfarrer zum Passieren der Grenze verhalf. So kam sie nach Zürich, wo sie auf der Universität Nationalökonomie studierte und gleichzeitig sich in der energischsten Weise mit den Problemen der polnischen sozialistischen Bewegung beschäftigte.

II.

Die polnische Bewegung wuchs in dieser Zeit über die Periode des ersten Suchens und Tastens hinaus. Sie hörte allmählich auf, die Bewegung der Intellektuellen zu sein und wurde zur Arbeiter-Massen-Bewegung. Mitte der neunziger Jahre begann in Russisch-Polen eine starke Streikbewegung, in der der sogenannte »Arbeiterbund« entstand. Der Arbeiterbund unterschied sich von der ersten sozialistischen Partei Polens »Proletariat« dadurch, daß er sich bewußt auf den Boden der Massenbewegung stellte, in ihr allein den Weg zum Sozialismus sah, den individuellen Terror als Mittel des politischen Kampfes ablehnte. Dadurch, daß er in der Massenbewegung den Weg zum Siege sah, wurde der Arbeiterbund vor die Frage des Minimalprogramms gestellt. Man konnte nicht an die Arbeitermassen mit der abstrakten Losung des Sozialismus kommen, man mußte nahe, konkrete Aenderungen in der gesellschaftlichen und politischen Struktur des Staates, in dessen Rahmen man wirkte, anstreben. Dies ergab sich auch daraus, daß eine Massenbewegung sich nicht als konspirative Bewegung entwickeln konnte. Die Massen konnten gar nicht in die unterirdischen Gänge der illegalen Organisation hineingedrängt werden, sie sprengten diesen Rahmen. Sollte die Massenbewegung nicht nur in spontanen Vorstößen vor sich gehen, sollten Massenorganisationen entstehen, dann mußte in die Mauer des Zarismus Bresche geschlagen werden. Kurz gesagt: es mußte der Kampf gegen den Zarismus für eine bürgerliche Verfassung, für die Demokratie begonnen werden. An dieses Programm traten die sozialistischen Intellektuellen heran. Sie traten an dieses Programm nicht nur unter dem Druck der praktischen agitatorischen Notwendigkeiten, sondern auch unter dem Einfluß ganz neuer Tendenzen im polnischen Gesellschaftsleben heran.

In den neunziger Jahren erlebte Polen neben der Welle der Arbeiter-Massen-Bewegung auch die Wiederaufstehung der nationalistischen Tendenzen. Das durch die kapitalistische Entwicklung proletarisierte Kleinbürgertum wandte sich gegen die Bourgeoisie. Die Bourgeoisie hatte sich vollkommen nicht nur mit der Zugehörigkeit zu Rußland, sondern auch mit dem Zarismus ausgesöhnt, wenn sie nur unter seinen Fittichen gute Profite machen konnte. Das Kleinbürgertum, die Intellektuellen, eine viel zahlreichere Klasse als die Bourgeoisie, brauchten natürlich einen viel breiteren Raum für ihre Bewegung als ihn der Zarismus gewährte. Das Kleinbürgertum erstrebte doch Reformen im Land wie in der Stadt. Der Kampf für diese Reformen erforderte Ellenbogenfreiheit, war Opposition gegen den Zarismus. Während die Zugehörigkeit zu Rußland die kapitalistische Entwicklung und damit die Bourgeoisie förderte, bedeutete sie dadurch eben den Niedergang des Kleinbürgertums. Es mußte sich deshalb auf dem Boden der mehr oder minder klar aufgestellten Forderung des Kampfes um die Unabhängigkeit Polens zusammenfinden. Kurz und gut, die im Jahre 1863 aufs Haupt geschlagene feudale Unabhängigkeitsbewegung erstand von den Toten als kleinbürgerlich-oppositioneller, sozial reformerischer Nationalismus. Die sozialistischen Intellektuellen hatten sich ebenso mit der Arbeiter-Massen-Bewegung auseinanderzusetzen, die nicht in 24 Stunden vom Boden des Zarismus in den Sozialismus springen konnte, ein Uebergangsstadium der Organisation, der Aufklärung mit einem Gegenwartsprogramm erforderte, wie mit der kleinbürgerlichen nationalistischen Bewegung, die sich die Unabhängigkeit Polens und Sozialreformen zum Ziele stellte. Während das maximalistische Programm der alten Partei »Proletariat« auf dem Zusammenarbeiten mit der damals starken terroristischen Bewegung in Rußland basierte, eine sozialistische Umwälzung im Rahmen von ganz Rußland zum Ziele hatte, war jetzt die terroristische Bewegung in Rußland aufs Haupt geschlagen, vollkommen versickert, während eine Arbeiterbewegung noch nicht da war. Rußland schien der Reaktion auf unabsehbare Zeit ausgeliefert zu sein. In dieser Situation sahen die sozialistischen Intellektuellen in ihrer großen Mehrheit die Lösung des Problems in der Annahme des Programms des Kampfes um die Unabhängigkeit Polens. Durch die Uebernahme dieser Forderung ins Programm sollten gleichzeitig zwei Mücken mit einem Schlage gefangen werden; einerseits sollte die Vereinsamung des polnischen Proletariats, die durch den Stillstand in der revolutionären Bewegung Rußlands verursacht wurde, aufgehoben werden, indem das Proletariat sich praktisch mit dem polnischen Kleinbürgertum verbündete, anderseits sollte die Unabhängigkeit Polens eben das noch nicht sozialistische Staatsgebilde sein, auf dessen Boden das Proletariat in zähem Ringen den Sozialismus erobern muß. Im Jahre 1892 schlossen sich die intellektuellen sozialistischen Gruppen zu der sogenannten Polnischen sozialistischen Partei zusammen, die die Unabhängigkeit Polens als nächstes Ziel der Arbeiterbewegung zum Programm erhob.

Rosa Luxemburg, Adolf Warski, Julian Karski, Ratynski, Wesselowski und eine Reihe anderer Genossen lehnten diese Lösung, in der sie den Uebergang der polnischen Arbeiterbewegung auf den Boden des polnischen Nationalismus erkannten, in der entschiedensten Weise ab. Sie bildeten, gestützt auf die besten Arbeiterkreise in Polen, die Sozialdemokratie Russisch-Polens, gründeten als ihr Organ die »Arbeitersache«, und legten die Grundlage für die marxistische Arbeiterbewegung in Polen. Die grundsätzliche Haltung dieser Partei war in erster Linie das Werk des Geistes Rosa Luxemburgs. Vom Jahre 1893-1898 bildete der Kampf um das marxistische Programm der polnischen Arbeiterbewegung die Hauptarbeit Rosa Luxemburgs. Die Grundlage für die Lösung des Programms sah Rosa Luxemburg in der Analyse der konkreten Entwicklungstendenzen der polnischen bürgerlichen Gesellschaft. Ihre im Jahre 1897 veröffentlichte Doktordissertation über die »Industrielle Entwicklung Polens« bildete dann das Hauptarsenal der faktischen Argumente der polnischen Marxisten. In einer unübersehbaren Zahl von Artikeln, die teils in dem polnischen Parteiorgan, teils in allen Revuen des internationalen Sozialismus sich mit den Fragen auseinandersetzten, schmiedete Rosa Luxemburg die theoretischen Waffen, die taktischen und prinzipiellen Argumente gegen die Verkoppelung der Arbeiterbewegung mit dem Nationalismus, die jetzt nicht nur das Gemeingut der polnischen Kommunisten bilden, sondern die zwanzig Jahre später beim Ausbruch des großen Weltkrieges die Grundlage der kommunistischen Opposition gegen den Zusammenbruch der zweiten Internationale bilden sollten. Eben in diesen Kämpfen, in denen sich die polnische Arbeiterbewegung spaltete, wurde auch die Bezeichnung Sozialpatriotismus geprägt. Der junge polnische Sozialismus mußte bewußt die Probleme durchfechten, die dann auf einer viel höheren Stufe der Entwicklung vor der internationalen Arbeiterklasse als Lebensproblem dastanden: die Frage von dem Verhältnis der Arbeiterklasse zum nationalen Staat. Wenn man jetzt diese Auseinandersetzungen liest, wird es klar, weshalb Rosa Luxemburg und alle, die durch das Feuer der Kämpfe bei der Bildung der polnischen Sozialdemokratie gegangen waren, während der Weltkrise 1914/18 ohne Wanken ihre Position auf dem linkesten Flügel der Internationale bezogen, und weshalb die polnischen Marxisten eine solch lebendige Teilnahme an der Gründung der kommunistischen Internationale nehmen mußten.

Zu welchen Problemen galt es Stellung zu nehmen in diesen alten Kämpfen? Die polnischen Sozialpatrioten erklärten, das polnische Proletariat müsse zu seiner Entwicklung die politische Freiheit erlangen. Politische Freiheit ist unmöglich ohne Aufhebung der nationalen Unterdrückung. Selbst wenn in Rußland die bürgerliche Demokratie errungen würde, was eine sehr lange Zeit in Anspruch nehmen wird, so wird die russische Bourgeoisie die nationale Unterdrückung nicht aufheben. Aus diesem Grunde müsse das polnische Proletariat die Bildung eines unabhängigen nationalen Staates sich zur Aufgabe machen. Die Unabhängigkeit Polens entspreche dem Gesamtinteresse der polnischen Nation. Rosa Luxemburg zeigte zuerst durch ihre historische Untersuchung, daß, indem die kapitalistische Entwicklung die polnische Bourgeoisie mit der russischen vereinige, indem ein und derselbe Prozeß der Kapitalisierung Rußlands die wirtschaftlichen Interessen der polnischen wie der russischen Bourgeoisie befriedige, die Klassen, die auf dem Boden der kapitalistischen Entwicklung stehen, kein Interesse an der Bildung eines selbständigen polnischen Staates haben können. Der kapitalistische Staat ist die Organisation der Herrschaft der Bourgeoisie. Da sogar der feudal-zaristische Staat der polnischen Bourgeoisie die Ausbeutung des polnischen Proletariats wie die imperialistische Expansion nach dem Osten ermögliche, entsteht in der polnischen Bourgeoisie keine Bewegung für die Unabhängigkeit Polens. Die Unabhängigkeit erstreben nur die zum Tode verurteilten kleinbürgerlichen Klassen, die dem Rad der Geschichte, der Proletarisierung entgehen wollen, und ihre Opposition gegen die kapitalistische Zersetzung Polens, also ihre reaktionäre Opposition mit sozialreformischer Kritik und nationalistischen Losungen umhüllen. Sollte die bürgerliche Entwicklung Rußlands in Widerspruch zu den reaktionären Formen des zaristischen Regimes geraten, so werde in der Bourgeoisie Polens zwar eine Bewegung nach der liberalen Umgestaltung Rußlands, aber nicht eine für die Zertrümmerung Rußlands und für die Bildung des unabhängigen Polens entstehen. Wenn das Proletariat die Unabhängigkeit Polens als Losung aufstellen wollte, so mußte es nicht nur den Zarismus, sondern auch den Kapitalismus niederwerfen. Die Unabhängigkeit Polens, die das Minimalprogramm bilden soll, den Boden, auf dem sich das Proletariat für seinen Kampf um den Sozialismus organisieren und vorbereiten soll, diese Unabhängigkeit Polens mußte also erobert werden vor dieser Vorbereitungsperiode mit Kräften, die genügen würden, um den Sozialismus selbst zu erobern; denn falls die Arbeiterklasse Polens so stark sein würde, um ihren Willen nicht nur dem schon damals bankerotten Zarismus, sondern auch der sich erst entwickelnden jungen Bourgeoisie aufzudrängen, so könnte sie nach ihrem Siege direkt den Sozialismus einführen. Diese konkrete Kritik zeigt, daß die Losung der Unabhängigkeit Polens kein Minimalprogramm des Proletariats bildet, sondern eine utopische Losung, utopisch deshalb, weil zum Zweck der Eroberung des Ellenbogenraums für den Kampf um den Sozialismus das Proletariat eine Macht entfalten müßte, die genügen würde zur Eroberung des Sozialismus, eine Macht also, die erst durch den langen Kampf auf dem Boden der Demokratie entwickelt werden könnte. Diese historische konkrete Analyse der Losung der Unabhängigkeit Polens führte zu einer prinzipiellen Frage.

Ist die Unabhängigkeit des nationalen Territoriums praktisch für das Proletariat in seinem Befreiungskampf notwendig? Rosa Luxemburg zeigte, daß für die Bourgeoisie nicht der nationale Staat, sondern der kapitalistische notwendig ist, der ihre Interessen gegenüber der Arbeiterklasse vertritt, der ihre Expansion nach außen ermöglicht Ebenso hat die Arbeiterklasse ein Bedürfnis nicht nach der nationalen Unabhängigkeit, sondern nach bürgerlichen Freiheiten als Waffe im Kampfe für den Sozialismus. Um für den Sozialismus zu kämpfen, muß das Proletariat das Minimum politischer Freiheiten besitzen, die ihm erlauben, sich als Massenkraft zu organisieren und zu entfalten. Es braucht eine Presse, Koalitions-, Versammlungsfreiheit, es braucht Wahlrechte. Dies sind seine reellen demokratischen Bedürfnisse, nicht aber ein besonderes nationales Territorium, wie sehr man auch zugeben kann, daß es sich am leichtesten dort entwickelt, wo es bei gleichen anderen Bedingungen nicht durch den nationalen Kampf irrgeführt wird. Wenn sich also die Forderung der Unabhängigkeit als ein spekulatives und nicht wirkliches Bedürfnis der Arbeiterklasse herausstellt, so zeigt sich der Kampf um die Unabhängigkeit zusammen mit der Bourgeoisie, im Bunde mit ihr als die Unterwerfung des Proletariats unter die Bourgeoisie. Ist das Proletariat so stark, um den Sozialismus zu erobern, was nicht auf dem Boden eines einzelnen Staates geschehen kann, so wird es die Frage von den Grenzen seines Staates nicht abhängig machen von nationalen Gesichtspunkten. Die territoriale Einteilung der sozialistischen Welt, wenn sich eine solche als notwendig erweisen solle, wird nach Produktionsgebieten und nicht nach nationalen Gesichtspunkten erfolgen. Wenn aber das Proletariat zu schwach ist, um die Macht zu übernehmen, wenn also der nationale Staat ein Organ der Herrschaft der Bourgeoisie sein soll, so bedeutet der Kampf um die Bildung des nationalen Staates, wenn dies als Programmpunkt des Proletariats, als praktisches Ziel seines Kampfes gedacht ist, nichts anderes, als daß das Proletariat mit eigenen Händen das Organ seiner Unterdrückung erobern soll. Die Arbeiterklasse soll also nicht um demokratische Freiheiten als Mittel des Kampfes gegen die Bourgeoisie ringen, sondern sie soll zusammen mit der Bourgeoisie um die Bildung eines kapitalistischen Staates kämpfen, ein neues Organ ihrer Unterdrückung bilden, um erst auf seinem Boden von neuem den Kampf um die demokratischen Freiheiten als Werkzeuge ihres Befreiungskampfes zu ringen! Wenn man diese Argumentation, die wie ein roter Faden durch die Schriften Rosa Luxemburgs aus dieser Zeit geht, auf eine historische Formel zurückführt, so bedeutet sie: die Bildung der kapitalistischen Staaten ist die historische Aufgabe der Bourgeoisie, deren Organ der kapitalistische Staat ist. Die Aufgabe des Proletariats ist, auf dem Boden des schön gegebenen kapitalistischen Staates um die Demokratie zu kämpfen, mit deren Waffen ausgerüstet, das schwache Proletariat sich organisiert und aufklärt, um dann, zur entscheidenden Macht herangewachsen, den Kampf um seine Diktatur als Mittel zu seiner Befreiung zu führen. Dieser Standpunkt Rosa Luxemburgs, gewonnen als Resultat der Kämpfe um das Programm der polnischen Arbeiterklasse, sollte zwanzig Jahre später in den viel entwickelteren Bedingungen des Weltkrieges den Ausgangspunkt der Wiederaufrichtungsbestrebungen des Proletariats nach dem Zusammenbruch der II. internationale bilden. Es braucht nicht weiter ausgeführt zu werden, daß die II. Internationale diesen Standpunkt als »doktrinär« betrachtete.

III.

Nachdem sie ihre Universitätsstudien beendet hatte, erwarb sich Rosa Luxemburg die deutsche Staatsangehörigkeit durch eine Scheinehe mit dem Sohn der Familie Lübeck, bei der sie die Jahre in Zürich zubrachte und übersiedelte nach Deutschland, wo sie den Kampf gegen die sozialpatriotische Tendenz in der polnischen Arbeiterbewegung weiterführte. Ein Kampf, bei dem sie sehr heftig mit Wilhelm Liebknecht zusammenstieß, der, getreu der von der alten Demokratie übernommenen Parole der Unabhängigkeit Polens, unfähig war, die antirevolutionäre Bedeutung dieser Parole in der gegebenen historischen Situation des proletarischen Klassenkampfes zu erfassen. Die literarische und praktische Betätigung Rosa Luxemburgs an der polnischen Arbeiterbewegung Deutschlands – in Russisch-Polen war seit 1897 die sozialdemokratische Bewegung durch die zaristischen Verfolgungen für ein paar Jahre niedergeworfen – erschöpfte nicht ihre Betätigung. Sie stürzte sich in den damals eben entbrennenden Kampf der radikalen und opportunistischen Tendenzen der Internationale und nahm an ihm in einer Art und Weise teil, der sie zu einem der bekanntesten Namen des internationalen Sozialismus machte.

Zuerst in der »Leipziger Volkszeitung« und der Dresdener »Arbeiter-Zeitung«, dann auch in der »Neuen Zeit« trat Rosa Luxemburg in voller wissenschaftlicher Ausrüstung den theoretischen wie praktischen Erscheinungen des Reformismus entgegen. Der Reformismus trat in der Arbeiterbewegung nicht mit offenem Visier auf, proteusartig schillerte er in allen Farben je nach dem Lande, indem er entstand, je nach dem Milieu, indem er arbeitete. Auf dem Gebiete der Praxis kam er als nüchterner Praktiker, der nur das sieht, was mit den Händen zu betasten ist; auf dem Gebiete der Theorie trat er als Idealist auf, als der Gegner der materialistischen Einseitigkeit des Marxismus, als Verkünder des kategorischen Imperativs. An die Wand gedrückt, redete er sich immer mit Mißverständnissen aus. Er wollte damit sagen, daß er eigentlich nichts Neues, sondern nur klar zum Bewußtsein bringe, was die Arbeiterbewegung eigentlich immer war. Die Haltung der Führer der radikalen Richtung im internationalen Sozialismus dem Revisionismus gegenüber war nicht einheitlich und konnte nicht einheitlich sein, schon aus dem Grunde, weil die radikale Richtung in der Internationale selbst nicht einheitlich war. Kautsky zauderte, als Bernstein seine Zweifel an die große Glocke hängte. Er sah in dem Bernsteinschen Auftreten nichts anderes, als die Zweifel eines grüblerischen Geistes. Jules Guesde, der repräsentative Mann des französischen Marxismus, wußte der opportunistischen Theorie und Praxis von Jean Jaurés nichts anderes entgegen zu stellen, als das starre Festhalten an den Resultaten der marxistischen Lehre. Viktor Adler, der geschmeidige Führer der österreichischen Sozialdemokratie begann in dieser Zeit selbst offenkundig sich dem Opportunismus zuzuwenden. Nur der alte Plechanow sandte seine zentnerschweren Argumente und seine Anklagen in die Welt, die ebenso durch tiefe Gelehrsamkeit anzogen, wie durch die apologetische Form abstießen. Nur Rosa Luxemburg bringt in den Chorus der antirevisionistischen Stimmen eine besondere Note hinein. Methodologisch stellt das, was sie geschrieben hat, trotz des geringen Umfanges, zweifelsohne das Beste dar, was über die Verteidigung des Marxismus, was zur theoretischen Beleuchtung des Opportunismus geschrieben wurde. Nicht die Resultate der marxistischen Untersuchung verteidigte sie zuerst. Jede ihrer Darstellungen zeigte den Weg, auf dem Marx zu seinen Schlußfolgerungen gekommen ist und mit derselben Methode, mit der Marx die vergangenen Epochen der Geschichte untersucht hat, untersucht sie die neuen Fragen, an denen der Revisionismus die Unrichtigkeit des Marxismus zu demonstrieren sich unterfing. Und es zeigt sich, daß der Revisionismus deshalb den Marxismus revidieren muß, weil er ihn niemals als Methode zu handhaben verstanden hat. Die Wirklichkeit, die gegen den Marxismus sprechen sollte, zeigt sich an Hand der Analyse Rosa Luxemburgs immer als der Schwurzeuge der marxistischen Entwicklungslehre; denn nur auf Grund ihrer lassen sich die Erscheinungen erklären, die nach der Meinung der Revisionisten angeblich den Marxismus widerlegen. Trotz ihres historischen Charakters tritt in den Schriften Rosa Luxemburgs die marxistische Theorie wie ein Block aus Granit auf, als eine gesellschaftlich-historische Theorie, die man entweder ganz akzeptieren oder ganz ablehnen muß. Der Revisionismus zerfällt unter ihren Schlägen, zeigt sich in seiner wahren Gestalt als ideenloser Eklektizismus. Die idealistische Theorie der Revisionisten entpuppt sich als Ausdruck des Unvermögens, mit den Fragen der Gegenwart fertig zu werden, als theoretisches Herumtasten, das ein praktisches opportunistisches Herumpfuschen nur mühsam verdeckt. Aber Rosa Luxemburg begnügte sich nicht mit der Auflösung des theoretischen Inhaltes des Revisionismus als einer Verkoppelung und Wiederholung bürgerlicher Weltanschauungsüberreste. Wie wichtig, wie glänzend diese ihre theoretische Arbeit ist, nicht darin liegt ihr Schwerpunkt. Die besondere Note des luxemburgischen Kampfes gegen den Revisionismus besteht darin, daß sie seinen sozial-politischen Inhalt mit festem Griff an die Oberfläche zerrte, und so den Kampf gegen den Revisionismus nicht auf dem Boden theoretischer Tüfteleien, sondern als den Kampf gegen eine praktisch-bürgerliche Tendenz in der Arbeiterbewegung führt. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Rosa Luxemburg den Kampf gegen den Revisionismus führte, der ätzende Spott, mit dem sie ihn begoß, das Ungestüm, mit dem sie ihn angriff, alles dies wurde auf das Konto ihres vulkanischen revolutionären Temperamentes gesetzt. Dies ist aber ein vollkommen oberflächliches Urteil. Rosa Luxemburg kannte wie wenige die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung. Sie war ihr niemals ein Buch von Geschichten aus dem Leben und aus den Theorien der Väter verschiedener sozialistischer Systeme. Das Buch der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung zeigte ihr, daß die Meinungskämpfe in der Arbeiterbewegung immer eine tiefe soziale Grundlage hatten, daß sich in den Kämpfen um die Methode, um die Taktik, Kämpfe abspielten um das Uebergewicht in der Arbeiterbewegung einer sozialen Gruppe über die andere, wobei die opportunistische Richtung immer den dem Bürgertum am nächststehenden Teil der Arbeiterklasse darstellte. Rosa Luxemburg sah im Revisionismus die Theorie, die der Praxis nicht nur bürgerlicher, zur Partei nach dem Fall des Sozialistengesetzes in Deutschland, nach dem parlamentarischen Sieg in Frankreich und Italien zugeströmter Elemente entsprach, sondern auch der Politik einer breiten Schicht der Arbeiterklasse, die von der Welle der wirtschaftlichen Konjunktur in die Höhe gehoben, sich in der bürgerlichen Gesellschaft einzurichten begann. Indem sie den Revisionismus bekämpfte, bekämpfte sie den Versuch der Verbürgerlichung der Arbeiterbewegung, den die Parlamentarier und die Gewerkschaftsbürokratie unternahmen, gestützt auf die Stimmung des von der Konjunktur am meisten profitierenden Teils der Arbeiterklasse. Rosa Luxemburg sah in dem Revisionismus eine vorübergehende Erscheinung. Sie war überzeugt, daß die fortschreitende Verschärfung der Klassengegensätze denselben ebenso versickern lassen wird, wie sie ihn als starke Strömung an die Oberfläche gebracht hat. Aber das verleitete sie nicht zu einer Politik der brüderlichen Duldung und Mahnung. Sie wußte, daß solche Strömungen nicht im Nu abebben, sie kannte die Verwüstung, die der Opportunismus verursacht hatte und sie bekämpfte ihn mit der ganzen Leidenschaftlichkeit ihrer Seele. Allen Mahnungen gegenüber, daß es sich hier um Streitigkeiten im Lager des Sozialismus handelt, antwortete sie, es handele sich umgekehrt um den Kampf gegen die Bourgeoisie, deren Einfluß durch den Revisionismus in das Lager des Sozialismus hereingetragen werde. Und wie sie den Opportunismus im Zusammenhang mit der ganzen Vergangenheit der Arbeiterbewegung behandelte, wie sie seine verschiedenen Erscheinungsformen aus der Verschiedenheit der Struktur der Länder, in denen er kämpft, meisterhaft darzustellen verstand – in ihren Studien über die Krisen des französischen, des belgischen, nicht minder wie des deutschen Sozialismus – so verstand sie aus den Kämpfen über die Taktik der Gegenwart große Ausblicke auf die Zukunft zu gewinnen.

Die Untersuchung über die soziale Revolution, mit der sie ihre im Jahre 1899 geschriebene Kritik Bernsteins abschließt, zeigt, wie wenig für sie die Fragen der sozialen Revolution ferne und unaktuelle Fragen waren, wie nahe diese Fragen für sie verbunden waren mit dem gegenwärtigen Kampf des Proletariats. Die Art, wie sie das Problem der sozialen Revolution stellt, ist vollkommen eigenartig in der sozialistischen Literatur. Indem sie zeigt im Gegensatz zu den Revisionisten, daß ein verfrühter Sieg des Sozialismus nicht möglich ist, oder mit anderen Worten, daß die Arbeiterklasse nur durch die Verschärfung ihrer Klassenkämpfe, nur durch die Lehren der Niederlagen wie der Siege in diesen Kämpfen sich entwickeln kann zum Faktor, der die Geschicke der Welt in seine Hände nimmt, zeigt sie, daß ihr Radikalismus nicht im Warten auf den großen Kladderadatsch bestand, sondern in dem Drängen auf Verschärfung der Kämpfe, auf Austragen der Gegensätze, bis sie den Umfang und die Tiefe annehmen, die das Merkmal der sozialen Revolution bilden. Wenn man diese Phase der Entwicklung Rosa Luxemburgs zusammenfaßt, so sieht man, wie der Marxismus für sie nicht nur das Mittel der Aufklärung über die Gegenwart, sondern die Theorie ihrer Umwälzung war, die Theorie, die Rosa Luxemburg niemals als die Frage eines kleinen Kreises der Wissenden behandelte, sondern als die Frage des bewußten Kampfes der Massen. Die Rolle der Führer sah sie, wie sie aus Anlaß des Dresdener Parteitages schrieb, darin, sich überflüssig zu machen, indem die Führer den Arbeitermassen helfen, sich vermittels des Marxismus und der in seinem Geiste geleiteten Aktionen, so in der Wirklichkeit zu orientieren, daß sie imstande sind, selbst den Kampf zu führen. Die Debatten über den Revisionismus endeten mit seiner theoretischen Niederlage auf dem Dresdener deutschen Parteitag und Amsterdamer internationalen Kongreß, die sich auf den Boden des Radikalismus stellten. Die gleichzeitige Verschärfung der Wirtschaftlichen wie politischen Gegensätze zeigte die Richtigkeit der marxistischen Analyse, zeigte, daß die internationale Arbeiterklasse in eine neue Sturmperiode hineinkomme. Der russisch-japanische Krieg leitete diese Periode ein, indem er mit dem Ausbruch der russischen Revolution endete.

IV.

Rosa Luxemburg nahm an den Kämpfen der russisches Revolution leidenschaftlich teil, und in ihrer Behandlung der Fragen, die die russische Revolution aufwarf, zeigte sich die Tiefe ihres Geistes, zeigte sich die Wesensart Rosa Luxemburgs als einer revolutionären Denkerin und Führerin. Die knappen Artikel, in denen sie zuerst in der Neuen Zeit die einzelnen Fragen der Revolution beleuchtete, ihre in polnischer Sprache veröffentlichten Pamphlete, die sie von Zeit zu Zeit unter dem Titel: Was weiter! in der Roten Fahne, dem Zentralorgan der polnischen Sozialdemokratie herausgab, durchleuchteten die Kämpfe immer bis auf den Grund. Niemals handelt es sich dabei für Rosa Luxemburg um die Anwendung einer Schablone, um die Aufoktroyierung von Losungen, sondern immer arbeitete sie aus der Darstellung des lebendigen Kampfes der Klassen die Taktik der Sozialdemokratie heraus. Ende des Jahres 1905 kam sie illegal nach Polen und niemand, der das Glück hatte, damals mit ihr in der Bewegung zu arbeiten, wird vergessen, wie sie an die Fragen herantrat. Wir alle, die wir damals, alles junge Burschen, zu ihr als unserer Lehrerin hinaufblickten, sind für unser Leben lang von ihrer Arbeit befruchtet worden, selbst, wo wir mit den Resultaten dieser Arbeit nicht einverstanden waren; denn die Art der Behandlung der Streitfragen der Bewegung, ob es Fragen waren, mit denen sich der internationale Sozialismus schon auseinandersetzte, denen aber Rosa Luxemburg in der neuen revolutionären Situation immer ein ganz neues Gesicht abzugewinnen wußte – so die Frage der Gewerkschaften und die der Rolle der Partei während der Revolution 1905/6 – ob es neue Fragen waren, wie die Bedeutung des Massenstreiks in der Revolution, in allem zeigte sich Rosa Luxemburg frei von jedem Dogmatismus, den man dem orthodoxen Marxismus vorwarf, zeigte sich immer als die Schülerin der Wirklichkeit. Der Marxismus war für Rosa Luxemburg niemals ein starres Resultat, sondern die immer lebendige Forschungsmethode.

In ihrer Broschüre über den Massenstreik, die sie Ende 1906 schrieb, fruktifizierte Rosa Luxemburg die Lehren der russischen Revolution für die internationale Arbeiterklasse. Diese Broschüre bedeutet die Grundlegung der neuen Phase des Sozialismus. Mit ihr beginnt die Absonderung der kommunistischen Bewegung von der Sozialdemokratie. Wenn Mehring diese Schrift Rosa Luxemburgs in der Neuen Zeit, dem offiziellen theoretischen Organ der deutschen Sozialdemokratie als geniale Anwendung der marxistischen Forschungsweise preisen konnte, ohne den Widerspruch Karl Kautskys und der anderen Koryphäen der Sozialdemokratie hervorzurufen, so zeigt die Tatsache, daß er gleichzeitig in demselben Artikel die Schrift Karl Renners über die Grundlagen der Entwicklung der österreichischen Sozialdemokratie mit hohem Lob bedachte – eine Schrift, in der die marxistische Methode für opportunistische Zwecke mißbraucht wird –, daß die sich anbahnende Trennung sogar von einem solch scharfen Geiste wie Mehring noch unbemerkt bleiben konnte. Auf dem Essener Parteitag wurde diese Trennung schon praktisch bemerkbar, als Bebel die Stellung, die die Partei in Jena im Jahre 1905 zum Massenstreik einnahm, revidierte. Auf dem Jenaer Parteitag hat die deutsche Sozialdemokratie unter dem Eindruck der russischen Revolution den Massenstreik als Waffe akzeptiert. Sie akzeptierte ihn aber nur als Verteidigungswaffe zur Abwehr gegen Angriffe auf das Wahl- und Koalitionsrecht. Das war schon ein Sieg, obwohl es schon damals für uns heutige Kommunisten feststand, daß es ungewiß ist, ob der Raub der Wahl- und Koalitionsrechte notwendigerweise zum Massenstreik führen muß, wie es möglich war, daß umgekehrt in einer gewissen Situation das Proletariat sogar offensiv mit dem Massenstreik vorgehen kann. Methodologisch blieb die Sozialdemokratie auf dem Boden, auf den sie sich in der langen Periode der friedlichen Entwicklung gestellt hat, auf dem Boden der in erster Linie parlamentarischen Bewegung. Der Massenstreik wurde nur anerkannt, als das Mittel, das diesen Boden sichert, aber politisch war der Jenaer Beschluß trotzdem ein Schritt vorwärts, denn er verlegte das Schwergewicht der Agitation auf die Massenbewegung. Inzwischen tobte zwei Jahre lang der Kampf der russischen Revolution, und er führte der lebenden Generation zum ersten Mal vor die Augen die Dynamik einer Revolution, in der große Massen kämpfen. Er zeigte, wie wenig sich die ökonomischen Kämpfe von den politischen absondern lassen, er zeigte, wie spontan der Kampf sich gestaltet, wenn einmal die Massen in Bewegung treten, und er zeigte, wie die Rolle der sozialistischen Partei in dieser Bewegung nicht darin besteht, sie zu gängeln, sondern den in Bewegung sich befindenden Massen den Sinn ihres Tuns zum Bewußtsein zu bringen und sie auf diese geistige Weise durch Lösungen, wie durch Organisation zur Vereinheitlichung des Kampfes, zu seiner Beschleunigung und seiner Verschärfung zu bringen. Aber diese großen Lehren der russischen Revolution, die für jeden ihrer Teilnehmer bestimmend für seine Auffassung wurde, blieben der deutschen sozialdemokratischen Führerschaft ein Buch mit sieben Siegeln. Wie einer der Führer der deutschen Gewerkschaften auf der Geheimkonferenz der Generalkommission, deren Protokoll durch die Syndikalisten veröffentlicht wurde, ausgeführt hat, freuten sich die opportunistischen Führer darüber, daß die russische Revolution abgeebbt war und sie somit hoffen konnten, daß auch die Erregung in der deutschen Arbeiterklasse verschwinden werde, und man imstande sein wird, weiter nach altbekanntem Muster den Kampf zu führen. Die »radikalen« Führer empfanden darüber vielleicht keine Freude; aber es war klar, daß sie die Niederlage der russischen Revolution zum Ausgangspunkt einer Mäßigungspolitik nahmen. Der Parteivorstand schloß mit der Generalkommission der deutschen Gewerkschaften ein Abkommen, in dem festgelegt wurde, daß ein Massenstreik nur auf Grund einer Vereinbarung der Generalkommission mit dem Parteivorstand stattfinden könne. Diese groteske Idee einer Anmelde- und Konzessionspflicht für den revolutionären Kampf zeigte, wie recht Rosa Luxemburg hatte, als sie auf dem Parteitag ausrief, die russische Revolution habe für die Vertreter dieser Auffassung umsonst gekämpft, sie hätten von ihr nichts gelernt. Auf dem Essener Parteitag mußte Rosa Luxemburg schon gegen Bebel kämpfen.

Die große Scheidung in dem radikalen Lager zeichnete sich schon klar ab. Noch war er nach außen unsichtbar, daß bei dieser nahenden Scheidung Karl Kautsky, der Waffengefährte Rosa Luxemburgs zum Theoretiker des Zentrums der Partei, des zwischen radikaler Tat und radikalem Wort schwankenden und stockenden Sumpfes wird. Seine im Jahre 1908 herausgegebene Broschüre »Der Weg zur Macht« schien darauf hinzudeuten, daß er sich auf die nahenden Stürme vorbereiten und mit den Radikalen gehen werde. Auch die Partei schien an dem Kurs gegen den Revisionismus festzuhalten. Die Debatte über die Budgetfrage in Nürnberg zeigte die Mehrheit der Parteibürokratie sich tummelnd auf dem hohen Roß des Radikalismus; aber bald zeigte es sich, daß es nur Schein war. Die deutsche Arbeiterklasse stand vor einer Wand. Ihre Organisationen wuchsen auf politischem wie auf wirtschaftlichem Gebiet; aber im wirtschaftlichen Kampf stand ihr gegenüber die Bourgeoisie immer mehr als eine geschlossene Phalanx. Die gewerkschaftlichen Siege durch Manöverierkunst wurden immer seltener, sie wurden durch das geschlossene kapitalistische Auftreten vereitelt. An parlamentarische Hilfe war nicht zu denken. Das Parlament trat immer reaktionärer und geschlossener der Arbeiterschaft gegenüber, wie es sich immer geschlossener auf den Boden des Imperialismus stellte, der alle Finanzkräfte des Staates in Anspruch nahm. Das Parlament war aber, selbst wenn es wollte, gegenüber den organisierten Kräften des Militarismus und der schweren Industrie ohnmächtig. In dem größten Staate Deutschlands, der Provinz Preußen, war das Großkapital wie das Junkertum hinter dem Dreiklassenwahlrecht verschanzt. Da das Dreiklassenhaus nicht nur in wichtigsten Kulturfragen ausschlaggebend war, sondern auch über das Wohl und Wehe der Hunderttausende von Berg- und Eisenbahnarbeitern zu entscheiden hatte, so richtete sich die zunehmende Unzufriedenheit der Volksmassen gegen die preußische Reaktion, während sie früher in der Hoffnung, durch Wahlsiege zum Reichstag die Reaktion niederwerfen zu können, völlig gleichgültig dem preußischen Landtag gegenüberstanden. Rosa Luxemburg, die natürlich keinen Augenblick annahm, daß durch die Aenderung des preußischen Wahlrechts eine entscheidende Verschiebung in dem Kräfteverhältnis zu Gunsten der Arbeiterklasse stattfinden könnte, verhielt sich dieser wachsenden Unzufriedenheit gegenüber nicht doktrinär. Eine Marxistin, wie sie war, fragte sie nicht nach dem Ausgangspunkt des beginnenden Kampfes, sondern suchte jeden Teilkampf, der begann, weiter zu treiben und zu verschärfen, da es um die Massenbewegung ging, wie auch die Illusion der Massen in dem Anfangsstadium sein konnte. Rosa Luxemburg suchte sich mit aller Kraft für eine revolutionäre Propaganda zur Entfaltung einer Massenstreikbewegung zur Eroberung des preußischen Wahlrechts einzusetzen. Nach ein paar Anläufen stellte sich die Parteibürokratie dem entgegen. Es zeigte sich, was für jeden Kenner der Parteiorganisation schon seit Jahren klar war: die sogenannten radikalen Parteiführer waren radikal in Worten, opportunistisch in Taten. Solange es sich um Abstimmungen im Parlament handelte, bekämpften sie den Revisionismus; denn abhängig von den aktivsten Elementen der Partei, die an den Parteiversammlungen teilnahmen, mußten sie an den radikalen Formeln und Zeremonien festhalten im Gegensatz zu den revisionistischen Führern, die aus zwei Lagern stammten, aus dem Lager der Gewerkschaftsbeamten, für die die radikale Frage eine Störung bei den Verhandlungen mit den Unternehmern war, und aus Parteiführern der kleinbürgerlichen Provinzen, die in ihrem kleinstaatlichen Techtelmechtel mit den lokalen Gewaltigen genötigt waren, auch in der Phraseologie dem Kleinbürgertum Rechnung zu tragen. Aber wo es sich um den einzig wirklichen Radikalismus, um den Appell an die Arbeitermassen, um den Versuch, ihre beginnende Bewegung vorwärts zu treiben, handelte, da versagte die Parteibürokratie im ganzen. Gewöhnt, nur parlamentarische Methoden zu gebrauchen, fürchtete sie die Massenbewegung. Wie Nikolaus I. vom Krieg behauptete, er zerstöre die Armee, so fürchteten sie, die revolutionäre Massenbewegung könnte die Organisation zerstören, die für sie das Wichtigste war. Die Gewerkschafts- und Parteibürokratie schloß sich gegen die Initiative von unten zusammen. Der preußische Wahlrechtskampf wurde abgewürgt. Die Parteibürokratie vertröstete die Massen mit dem großen Siege, der bei den Reichstagswahlen 1912 errungen werden sollte. Und indem sie an die Stelle des revolutionären Massenkampfes, der die Wand, vor der das Proletariat stand, zertrümmern sollte, den Wahlzettel schwang als den Schlüssel, der das Tor in der Wand öffnen sollte, mußte sie den letzten Schluß aus ihrer Position ziehen. Sie mußte auf die selbständige Massenaktion verzichtend, sich dem Kompromiß mit der Bourgeoisie zuwenden, den Gedanken an die Koalition mit den Liberalen bei den Wahlen 1912 aufwerten und durchführen.

Diese Selbstdemaskierung des bisher radikal scheinenden Parteiführertums war auch die Demaskierung der offiziellen Parteitheorie mit Karl Kautsky an der Spitze. Karl Kautsky, der im Jahre 1908 wie gesagt die Aera der kommenden sozialen Revolution ankündigte, tritt jetzt gegen die Massenstreikpropaganda und für die Koalition mit den Liberalen ein. Der praktische Bruch im Lager des Radikalismus, die Dreiteilung der Partei in Revisionismus, Zentrum und Linksradikalismus führte auch zur Spaltung des Lagers des Marxismus in Linksradikale und Kautskyaner. Rosa Luxemburg führte in einem großen Teil dieser Kämpfe an erster Stelle die Klinge. Ihre Polemik gegen Karl Kautsky in der Frage des Massenstreiks, in der ihr mit selbständiger, tiefgreifender Analyse Anton Pannekoek zur Seite stand, zeigte, daß der offiziöse Marxismus ebenso wenig wie die Parteibürokratie, die russische Revolution verstanden hat. Wenn Rosa Luxemburg in der russischen Revolution trotz ihrer Bedingtheit durch die besonderen sozialen Verhältnisse Rußlands die erste Repetition der sozialen Revolution sah, so suchte Kautsky alle Lehren der russischen Revolution auf das Konto der besonderen Verhältnisse zu legen und den Standpunkt Rosa Luxemburgs als mechanische Uebertragung der Erfahrungen der russischen Revolution auf ganz andere deutsche Verhältnisse zu bekämpfen. In Rußland sei die Massenbewegung spontan gewesen, weil die Arbeiterklasse unter dem Zarismus sich nicht organisieren konnte, und weil sie nicht organisiert war, weil ihre Ausbeutung viel größer war, als die der deutschen Arbeiterklasse, deshalb mußten die ökonomischen Kämpfe in Rußland mit den politischen ineinander fallen, führte Karl Kautsky aus. In Deutschland werde es ganz anders sein, hier werden die Gewerkschaften die ökonomischen Kämpfe ganz gesondert von den politischen führen. Politische Massenstreiks seien nur möglich in organisierter Form, wenn sich an ihre Spitze Partei und Gewerkschaft stellen. Die Partei und die Gewerkschaft können sich aber nicht in Abenteuer werfen, dafür stehe zuviel auf dem Spiel. Sie müssen abwarten, bis der Feind die Arbeiterklasse zum Kampf nötigt Inzwischen müssen sie alle Möglichkeiten ausnutzen, und zu denen gehöre auch das Wahlbündnis mit der Bourgeoisie. Es genügt jetzt, sich an die Klagen zu erinnern, mit denen Karl Kautsky die deutsche Revolution verfolgt, es genügt, daran zu erinnern, wie er die deutschen Arbeiter anklagt, sie führten ihre Kämpfe unorganisiert und nicht systematisch, sie seien von einer strotzenden Unwissenheit in ökonomischen Fragen, gehorchten nicht den Instanzen und ihren wissenschaftlichen Beratern, es genügt, sich an die Resultate der Koalition mit der Bourgeoisie zu erinnern, die Kautsky im November befürwortete, indem er sogar sich als jüngerer Hilfsarbeiter Herrn Solf, dem letzten Auslandsminister Wilhelms II., unterstellte, um der Pflicht enthoben zu sein, das Richtige in der Haltung Rosa Luxemburgs in ihren Kämpfen gegen Kautsky zu verteidigen. Nicht schematische Uebertragung der russischen Erfahrungen war das Zeichen des Standpunktes Rosa Luxemburgs, sondern sie gewann durch die russische Revolution das lebendige Bild einer Massenbewegung, und wieviel auch in diesem Bilde auf das Konto der russischen Verhältnisse fallen konnte, es war doch ein typisches Bild, das ihr half, die Zukunft, die Formen der Massenbewegung in den kommenden revolutionären Auseinandersetzungen zu verstehen. Und wer jetzt die Vorkriegsartikel Rosa Luxemburgs über die Rolle der Parteibürokratie nachliest, der hat in ihnen schon die Grundlagen des kommenden Zusammenbruchs des internationalen Sozialismus im Weltkrieg angezeigt. Sie sind Urkunden der Geburt der kommunistischen Bewegung Deutschlands. Sie zeigen, wie weit ihre Quellen zurückreichen. Sie zeigen, wie bodenständig der deutsche Kommunismus ist, wie sehr er in der Vergangenheit der deutschen Sozialdemokratie wurzelt. Hand in Hand mit diesen Differenzen über die innere Politik der deutschen Sozialdemokratie gingen die Differenzen über ihre auswärtige Politik. Wenn der Imperialismus die höchste Form war, in der sich die Kräfte des deutschen Kapitals zusammenballten, so ist damit gesagt, daß die deutsche Sozialdemokratie, die auf jeden Versuch der Verschärfung des Kampfes gegen den deutschen Kapitalismus verzichtete, vollkommen dem Imperialismus gegenüber versagen mußte. Da sie ihre Ohnmacht, ihre Unfähigkeit zum Kampfe gegen den Imperialismus, der die Arbeiterklasse mit voller Vernichtung bedrohte, nicht offen eingestehen konnte, so mußte sie sich, wie es jeder Schwächling tut, Illusionen über sich selbst machen. Die deutsche Sozialdemokratie suchte in ihrer Prasse, in ihrer parlamentarischen Aktion den Imperialismus als die Politik der Schwerindustrie darzustellen. Sie negierte seinen universellen Charakter als der dominierenden Politik des Kapitalismus in seiner reifsten Epoche und sie suchte den Massen einzureden, als seien einflußreiche Schichten des Weltkapitals interessiert an der Abrüstung und als könne die Arbeiterklasse durch ein Bündnis mit ihnen die Gefahr des Imperialismus bannen. Als diese Auffassung sich in der Presse und in der parlamentarischen Aktion immer mehr durchsetzte, unternahm ich in der militärischen Kommission des Kopenhagener internationalen Kongresses den Vorstoß gegen diese Auffassung. Von der ganzen Parteipresse stellte sich nur die Redaktion des Bremer und Leipziger Parteiblattes auf meine Seite. In der Diskussion, die nach dem Kopenhagener Kongreß begann, zeigte es sich sofort, daß Karl Kautsky, der bisher in schärfster Weise die Tendenzen des Imperialismus durchleuchtete, jetzt versagen mußte. Kautsky stellte sich auf die Seite der Sozialpazifisten und wurde zu ihrem Bannerträger; aber ebenso rücksichtslos stellte sich Rosa Luxemburg auf unsere Seite, die Seite der kleinen Gruppe, die die Gefahr des Sozialpazifismus bekämpfte und in ihm den gemeinsamen Boden des Reformismus und des Parteizentrums sah. Sie übertrug den Kampf sofort auf das Gebiet der politischen Aktion, indem sie während der Marokkoaffäre mit voller Energie gegen die Unaktivität des Parteivorstandes Anklagen erhob und für die Massenaktion als einziges Mittel gegen den Krieg eintrat. Im Lager des Linksradikalismus entstanden später Differenzen in der theoretischen Analyse der Triebkräfte des Imperialismus. Das Buch Rosa Luxemburgs über die Akkumulation des Kapitals, das eine scharf durchdachte originelle Theorie des Imperialismus gab, fand nicht einheitlichen Empfang unter den Theoretikern der Linksradikalen; aber in der praktischen Frage der Massenaktion, der Bekämpfung des Sozialpazifismus stand das linksradikale Lager einheitlich da, und wie in der Frage des Massenstreiks bildete sich schon damals die konkrete Auffassung, die jetzt der Kommunismus in den Fragen der Weltpolitik vertritt. Die Epoche des Weltimperialismus wurde als die Epoche der beginnenden sozialen Revolution anerkannt, gegen die feindliche Koalition des Weltkapitals die gemeinsame Front des Proletariats erstrebt, gegen die Gefahr des Krieges die Losung aufgestellt: besser den Aufstand als den Krieg.

V.

Der Krieg brach aus. Die Arbeitermassen standen unschlüssig da. Ein Teil von ihnen, verbunden mit dem Kapitalismus durch eine kleinbürgerliche Existenz, fühlte sich für die Geschicke des Vaterlandes verantwortlich, das er auch für sein Vaterland hielt. Der andere Teil stand und wartete auf die Parole der Partei. Er hatte nicht genügend selbständige revolutionäre Kraft, um sich ohne Führer zu erheben, ja auch nur um gegen den Krieg zu protestieren. Die Partei aber verhielt sich zuerst unentschlossen. Auf ihrem Banner las man nur die Parole: Genossen, laßt euch nicht provozieren! Aber nach ein paar Tagen der Unentschlossenheit hat die Partei die Parole gefunden: sie bekannte sich nicht dazu, was sie immer sagte, wie die Haasesche Formel am 4. August lautete, sondern sie bekannte sich dazu, was sie in dem letzten Jahrzehnt tat. Sie bekannte sich zu ihrer Kampfunfähigkeit, sie bekannte sich zu den Banden, die sie mit der Bourgeoisie vereinigten. Die internationale, völkerbefreiende Sozialdemokratie, oder wie es sonst in den pathetischen Resolutionen der Parteitage hieß, wurde die Kriegsdrommete, und die Arbeitermassen, die der Imperialismus auf die Schlachtfelder zog, kriegten für ihre Leiden das Opium der Parteiversicherung, daß sie nicht für die Sache des Kapitals, sondern für die der Arbeiterklasse sterben. In der Reichstagsfraktion zeigte sich bald, wie faul der offizielle Linksradikalismus war. Alles Bittere, alles Aetzende, was Rosa Luxemburg über die Parteibudiker, Parteisekretäre, Parteiredakteure radikaler Art jemals geschrieben hatte, alles das wurde von der Wirklichkeit übertrumpft. Der nackte Verrat grinste in der Gestalt der Fraktion den proletarischen Massen entgegen. Er lähmte die paar Mann, die entschlossen waren das Minimum zu tun, öffentlich den Krieg zu brandmarken, die Kredite abzulehnen. Und die Lähmung, die einen Liebknecht am 4. August ergriff, sie ergriff auch die besten Kreise der Arbeiterklasse. Man hatte das Gefühl, daß es vollkommen unnütz ist, gegen den Zusammenbruch der Partei zu schreiben. Man hatte doch fünfzig Jahre für den revolutionären Sozialismus geschrieben, und was hat es geholfen? Rosa Luxemburg war ein paar Tage von wilder Verzweiflung gepackt. In den Kreisen ihrer Freunde fürchtete man um sie, da sie schwer herzkrank war. Aber sie raffte sich sofort wieder auf und begann als eine der ersten den Kampf gegen den Verrat. Sie reiste in ganz Deutschland herum, suchte die abgerissenen Fäden wieder aufzunehmen, orientierte sich über die Möglichkeiten der Situation. Sie begann auch bald in der Presse – es stand ihr nur das kleine Gothaer Parteiblatt zur Verfügung – den Kampf gegen all die betörenden Phrasen, die die Regierungssozialisten zur Verwirrung der Massen gebrauchten. Der Standpunkt, den Rosa Luxemburg vom ersten Tage des Krieges an vertrat, war für sie selbstverständlich. Er war schon zwanzig Jahre früher in den programmatischen Auseinandersetzungen des polnischen Sozialismus gewonnen.

Der Krieg drohte mit der Vernichtung der nationalen Unabhängigkeit einzelner Staaten. Wer auf dem Boden stand, daß das Proletariat ein besonderes Interesse an der Existenz eines nationalen Staates hat, der mußte für die nationale Verteidigung eintreten. Die Verteidigung der nationalen Unabhängigkeit eines Staates bedeutete, wie die Dinge einmal in der Wirklichkeit standen, die Bedrohung der nationalen Unabhängigkeit der anderen Staaten, deren Bewahrung vom nationalistischen Standpunkt doch ein Lebensinteresse des Proletariats des anderen Landes war, vom sozialpatriotischen Standpunkt – diese Bezeichnung, die auf dem polnischen Boden in den Programmkämpfen des polnischen Sozialismus im Jahre 1893 entstand, bekam jetzt internationale Bedeutung – bestand hier ein unlösbarer Widerspruch zwischen den Interessen des Proletariats einzelner Länder. Jedes von ihnen hatte ein Interesse an der Verteidigung der Unabhängigkeit seines Landes und jedes wurde in der imperialistischen Wirklichkeit zum Werkzeug der Zertrümmerung der Unabhängigkeit des anderen Landes. Die wankenden Elemente des Sozialismus suchten diesem Widerspruch zu entgehen, indem sie vor der Wirklichkeit die Augen schlossen, und als ihr Ziel den Kriegsschluß ohne Sieger und Besiegte erklärten. Die Sozialpatrioten, die sich in Sozialimperialisten verwandelten, erklärten sich nicht nur dafür, daß der Leib näher sei als das Hemd, sondern sie erklärten, die eventuelle Unterjochung anderer Völker bilde einen historischen Fortschritt, liege im Interesse des Proletariats, indem sich durch diese Unterjochung auf dem politischen Gebiet dieselbe Konzentration vollzöge, wie auf dem ökonomischen Gebiete durch die Trusts. Vom marxistisch-kommunistischen Standpunkt, der durch die theoretische Arbeit Rosa Luxemburgs gewonnen war, lösten sich die Fragen ganz anders. Wenn die nationale Unterdrückung eines Teiles des Weltproletariats durch die Bourgeoisie eines Erobererlandes für dieses Proletariat ein Stück seiner politischen Entrechtung bildet, gegen die gekämpft werden muß, so ist sie ebenso ein Stück der politischen Entrechtung für das Proletariat der siegreichen Nationen. Denn dieselben Organe, die z. B. im Interesse der deutschen Bourgeoisie die belgischen Proletarier im Falle eines deutschen Sieges unterdrücken würden, würden auch das deutsche Proletariat unterdrücken. Die Rettung davor lag aber nicht in dem Siege der Entente, die, wie der Ausgang des Krieges zeigt, jetzt das deutsche Proletariat politisch, ökonomisch und national ausbeutet und unterdrückt und dazu eine Maschine schaffen muß, die auch die Ententeproletarier unterdrücken wird. Auf der früheren Stufe der historischen Entwicklung bildete die einzig mögliche Lösung der Kampf um die Demokratie in dem siegreichen Lande, gemeinsam geführt von dem Proletariat der siegreichen und besiegten Nation. Diese Lösung war unvollkommen, wie jede Lösung auf dem Boden des Kapitalismus. Denn der Kapitalismus läßt eine wirkliche Demokratie nicht zu, also auch keine wirkliche Aufhebung der nationalen Unterdrückung. In den welthistorischen Bedingungen des Krieges 1914/18, wo schon die objektive Möglichkeit der Verwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in die proletarische besteht, bildet die soziale Revolution, die Zertrümmerung des kapitalistischen Staates, die Bildung der proletarischen Staaten, die keine Ausbeutung kennen, auf jede nationale Unterdrückung verzichten können, die historische Lösung. Nicht nationale Verteidigung der kapitalistischen Länder, sondern soziale Revolution, Diktatur des Proletariats, Bund der proletarischen Staaten, das war die Antwort, die vom kommunistischen Standpunkt aus zu geben war, und Rosa Luxemburg gab diese Antwort 1914. Sie konnte sie ohne Wanken geben; denn dieser Standpunkt war vorbereitet durch die theoretische Arbeit ihrer Jugend. Aber es handelte sich nicht um eine propagandistische Vertretung einer Theorie, eines Standpunktes, sondern es handelte sich um den Kampf, es handelte sich darum, allen Gefahren trotzend, in die Massen zu gehen, eine revolutionäre illegale Organisation zu schaffen. Dies schien angesichts der friedlich legalen Gewöhnung der deutschen Genossen eine fast unmögliche Aufgabe. Als ich im November 1914 nach der Schweiz ging, um dort die »Berner Tagwacht« für die Rolle eines ausländischen Organs der deutschen Opposition zu gewinnen, und nach meiner Rückkehr mit dem Genossen Franz Mehring die Einzelheiten der illegalen Nachrichtenübermittlung verabredete, erzählte mir Franz Mehring, Rosa Luxemburg fürchte, daß die Deutschen, wenn sie sich auf Konspiration einlassen, noch leichter in die Hände der Polizei laufen, als wenn sie offen ihre Dinge machen. Aber wo der revolutionäre Wille ist, werden auch alle technischen Hindernisse überwunden. Der Kreis um Rosa Luxemburg wurde zum Träger der radikalen deutschen Opposition. Trotz der ununterbrochenen Verhaftungen, trotz dem Mangel an materiellen Mitteln, verstand er den überwiegenden Teil der früheren linksradikalen Opposition in der Partei um sich zu sammeln und illegal zu verbinden. Wenn Liebknechts Auftreten im Reichstag das Signal des Kampfes nach außen war, so war es das Auftreten von Rosa Luxemburg in Hunderten von Parteiversammlungen, und die schriftliche illegale Propaganda, die von ihr im Anfang des Jahres 1915 organisiert wurde, die die linksradikale Opposition in der Partei zusammenfaßte. Der Kampf ging nach zwei Fronten. Er richtete sich ebenso gegen die Vertreter der offiziellen, sozialdemokratischen Politik, gegen die Männer des 4. August, wie gegen die angeblich Oppositionellen, gegen die Haase und Ledebour, die zwar am 4. August in der Fraktion als Gegner der Kreditbewilligung auftraten, aber sich mit allen Kräften gegen eine offene Opposition in der Partei stemmten, indem sie die Fahne der Parteieinheit schwenkten, die »Gefahr der Spaltung« an die Wand malten. Der Kampf richtete sich mit voller Wucht gegen den Theoretiker dieser Auch-Opposition, gegen Karl Kautsky, der sogar nach dem vollkommenen Zusammenbruch seiner Politik sich nicht aufzuraffen wußte, sondern umgekehrt mit seiner Phrase von der Internationale, dem Instrument des Klassenkampfes im Frieden und des Friedens im Kriege, seine vollkommene Unfähigkeit zur revolutionären Umkehr, bekundete. Der Kreis Rosa Luxemburgs schuf sich das zu den Massen sprechende Organ in einer Flugblattliteratur und in den sogenannten Spartakusbriefen, das klärende Organ in der Internationale, das jedoch sofort nach seinem Erscheinen konfisziert, zu existieren aufhörte, der Gruppe Rosa Luxemburgs aber den Namen der »Internationalen Gruppe« verlieh. Die Regierung wußte natürlich von der Tätigkeit Rosa Luxemburgs. Aber da sie trotz aller Häscher sie nicht in ihre Netze einfangen konnte, ließ sie sie kurz und bündig einsperren zur Verbüßung der Strafe, die ihr von dem Frankfurter Gericht wegen ihrer Militarismusreden aufgebumst worden war, obwohl diese Strafe nach dem klaren Wortlaut des Amnestieerlasses aufgehoben war. Rosa Luxemburg verschwand hinter den Gefängnisgittern, und, mit kurzen Unterbrechungen, sollte sie im Gefängnis bleiben, bis der Zusammenbruch des deutschen Imperialismus, bis die Novemberereignisse die Tore ihres Gefängnisses sprengten. Aber keine Ueberwachungskünste konnten Rosa Luxemburg davon zurückhalten, ihren kämpfenden Genossen zu helfen. Die Juniusbroschüre, wie unzählige Artikel über alle entscheidenden Fragen der Bewegung wurden im Gefängnis geschrieben und von den Freunden Rosa Luxemburgs aus dem Gefängnis geschmuggelt. Dies war nur möglich, weil Rosa Luxemburg durch ihr warmes Menschentum, durch ihr einfaches menschliches Verhältnis zu den Wärterinnen wie zu all den Opfern des Kapitalismus, mit denen sie zusammen eingepfercht war, eine Atmosphäre der freundschaftlichen Teilnahme und Liebe um sich schuf. Abgeschnitten von der Welt, angewiesen auf sehr spärliche Informationen über die Lage in Rußland, war sie voller Angst um die Geschicke der russischen Revolution. Sie fürchtete, daß es dem deutschen Imperialismus gelingen wird, die russische Revolution zu erdrosseln und von diesem Standpunkt aus stand sie der Taktik der Bolschewiki in der Friedensfrage kritisch gegenüber. Aber während die Kautsky, die sich jetzt unter die Fittiche der Luxemburgischen Kritik des Bolschewismus verschanzen wollen, nicht den Finger rührten, um die deutsche Arbeiterklasse zum wirklichen revolutionären Kampf zu bewegen, dessen Fehlen die gefährliche Situation schuf, in der sich die russische Revolution außenpolitisch befand, endete die Luxemburgische Kritik immer in dem Appell an die deutschen Arbeiter, die sie verantwortlich machte für all die Gefahren, in denen sich die russische Revolution befand. Und deshalb wußten wir immer, wenn wir die Artikel Rosa Luxemburgs im Spartakus lasen, daß wir trotz ihrer Kritik an uns, mit ihr in der Tat einig waren; denn sie suchte in Deutschland die Pflicht zu erfüllen, die wir in Rußland erfüllten. Als die Novemberrevolution ihr die Tore des Gefängnisses öffnete, waren die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihr und uns zu Ende, wodurch am besten bewiesen war, daß sie nicht prinzipieller Natur waren. Mit größter Energie stürzte sie sich trotz ihrer schwachen Gesundheit in die Bewegung. Sie erfüllte in ihr die erste Rolle eines Revolutionärs. Sie begann mit eiserner Energie und flammender Leidenschaft den Kampf gegen die Illusionen der Novemberrevolution, gegen die Illusionen der Demokratie, für die Losungen der russischen Revolution, für die Diktatur des Proletariats und die Räteherrschaft einzutreten. Wenn die Hilferding und Kautsky damals ihr Starenlied von der schablonenhaften Uebertragung der russischen Erfahrungen auf Deutschland von neuem begannen, so ist ihnen dies Lied bald im Halse stecken geblieben, als die Unabhängigen Sozialdemokraten im November den Warnungen Rosa Luxemburgs kein Gehör gaben, durch die Mehrheitssozialisten mißbraucht, politisch im Januar zusammenbrachen, und sich auf den Boden der »russischen Losungen« zu retten suchten. Das Programm des Spartakusbundes, das Anfang Dezember veröffentlicht, in gemeißelten Sätzen lapidarisch den Beginn des Kampfes des deutschen Proletariats um die Diktatur theoretisch einleitete, war von Rosa Luxemburg geschrieben. Sie war die Seele der Roten Fahne, des Organs der deutschen Revolution, und Ende Dezember half sie, der Konstituierung des deutschen Kommunismus als besondere Partei organisatorische Form zu geben. Wie klar sie den Weg vor sich sah, zeigte ihre programmatische Rede auf dem Parteitag, zeigte die Tatsache, daß sie die jungen, vorwärtsstürmenden Kolonnen vor Ueberschwang warnte, indem sie für die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung eintrat. Sie sah, daß der Weg zum Siege in Deutschland viel schwieriger sein, viel länger dauern wird als in Rußland, und fremd der revolutionären Phrase zog sie daraus offen die Konsequenz, ohne zu fürchten, daß ihr irgendein Rühle Opportunismus vorwerfen könnte.

VI.

Rosa Luxemburg fiel am Beginn des langen Martyrerwegs, der der Weg des deutschen Proletariats zur Macht ist. Sie wird der deutschen Arbeiterklasse nicht mehr mit ihrem Rat helfen, der nicht aus der Situation geboren, sondern die ganze Vergangenheit der Arbeiterbewegung, alle ihre Lehren berücksichtigend, die Gegenwart an Hand der Vergangenheit klärt, um die Zukunft vorzubereiten. Das aufpeitschende, anfeuernde Wort Rosa Luxemburgs, dem die Massen mit religiösem Eifer zuhörten, weil sie hinter ihm die große Seele der Kämpferin sahen, die bereit war, für jedes ihrer Worte zu sterben, wird nicht mehr erschallen. Aber die Schriften Rosa Luxemburgs, die herauszugeben die deutschen Kommunisten – trotz aller Arbeit – Zeit und Muße finden müssen, bilden den Schatz, der solange dem deutschen und internationalen Proletariat die größten Dienste leisten kann, solange es um seine Befreiung ringt. Was Rosa Luxemburg dem deutschen und internationalen Proletariat war und ist, liegt nicht in der Vergangenheit, es liegt erst in der Zukunft, wenn breite Kreise der Kommunisten ihre gesammelten Schriften auf sich einwirken lassen werden, wenn sie in sich ihren Geist aus diesen Schriften aufnehmen. Es handelt sich nicht darum, daß wir Kommunisten jede ihrer Auffassung teilen. Anton Pannekoek hat ihr Buch über die Akkumulation des Kapitals, der Schreiber dieser Worte hat sich kritisch gegen den positiven Teil der Juniusbroschüre gewandt; aber niemand, der im Namen des Kommunismus sprechen will, der kommunistisch denkt, wird diese Schriften aus der Hand legen, ohne das Bewußtsein, daß mit Rosa Luxemburg der größte, tiefste theoretische Kopf des Kommunismus gestorben ist, daß sie unsere Führerin ist, von der die kommunistischen Arbeiter noch Jahrzehnte lang zu lernen haben werden. Wie Rosa Luxemburg immer wieder darauf hinwies, daß es sich nicht um die einzelnen Resultate der Marxschen Analyse, sondern um die Marxsche Methode handele, so müssen wir die Schriften und Lehren Rosa Luxemburgs behandeln. Nicht der einzelnen ihrer Schlußfolgerungen, sondern der Methode wegen bilden sie eine Schule des Kommunismus. Aber auch von einem anderen Standpunkt aus sind sie von der größten Bedeutung. Dadurch, daß Rosa Luxemburg ebenso sehr in der polnischen, russischen, wie in der deutschen Arbeiterbewegung wurzelte, dadurch, daß sie durch ihre intime Kenntnis der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung ebenso in den Fragen des französischen, wie englischen Sozialismus zu Hause war, ist sie die Vertreterin der Internationalität der kommunistischen Bewegung und ihr Verlust ist nicht nur der Verlust der Führerin des deutschen Kommunismus, er ist der Verlust einer der hervorragendsten Vermittlerin des Verständnisses der Internationalität unserer Bewegung. Und noch von einem anderen Standpunkt aus ist das Lebenswerk Rosa Luxemburgs von einer außerordentlichen Bedeutung. Eben dadurch, daß sie praktisch an zwei verschiedenen Bewegungen teilnahm, die sich auf verschiedenen Stufen der Entwicklung befanden, mußte sie nicht retrospektiv, sondern aktiv die Probleme aller Phasen der internationalen Arbeiterbewegung durchdenken. Wenn ihre Schriften gesammelt vorliegen werden, wird man in ihnen historisch aneinander gereiht, direkt alle Probleme des internationalen Sozialismus vor sich haben. In den Kämpfen um das Programm des polnischen Sozialismus durchdachte sie die Frage der Ablösung des Proletariats von der Bourgeoisie. In den Kämpfen mit dem Revisionismus durchdachte sie die Frage des Kompromisses der selbständigen Arbeiterpartei mit der Bourgeoisie. In den Fragen der russischen Revolution und in den Kämpfen um den Massenstreik in Deutschland rollte sie die Frage der Mobilmachung des Proletariats zum Kampf um die Macht vor uns auf. Ihre Artikel am Vortage der deutschen Revolution und in der deutschen Revolution, führen uns geistig in die Probleme der Weltrevolution.

Rosa Luxemburg war nicht nur die Denkerin und die Kämpferin des deutschen Kommunismus; nichts was menschlich ist, war ihr fremd. Und diese große Menschlichkeit Rosa Luxemburgs, die jeden anzog, der mit ihr in Berührung stand, diese Menschlichkeit wurde gekrönt, indem sie für die Sache, für die sie ihr Leben lang stritt, im Kampfe fiel. Als die Januarbewegung niedergeschlagen wurde, dachte Rosa Luxemburg keinen Augenblick an die Flucht, keiner der Genossen, die sie kannten, wagte ihr den Gedanken an die Flucht nahezulegen. Es kostete genug Mühe, sie zu überreden, sich versteckt zu halten. Da die Massen bluteten, wollte sie nicht an sich denken. Sie starb auf dem Posten und ihr Blut wird für die Sache zeugen, der sie diente. Es wird ihrer Stimme ein Gehör verschaffen, wie sie sie nicht haben würde, wäre sie lebendig unter uns geblieben. Wie ein Symbol liegt sie auf der Schwelle der proletarischen deutschen Revolution. Sie sagt dem deutschen Proletariat, wer für sie gekämpft hat, sie sagt dem deutschen Proletariat, in wem die sterbende kapitalistische Welt ihren gefährlichsten Feind sah. Sie sagt dem deutschen Proletariat, unter wessen Fahne allein es siegen kann. Der blutige, zerfetzte Leichnam Rosa Luxemburgs ist die Fahne des deutschen Kommunismus. Die Berliner Arbeiter zogen in Hunderttausenden hinter diesem von den Schergen der Konterrevolution verborgenen Leichnam, und die Todesfeier für Rosa Luxemburg wird alljährlich zeigen, wie groß die Massen derer sind, die ihren Ruf aus dem Grabe vernehmen.

Karl Liebknecht

I.

Ihr habt seinen toten Körper, dessen Wunden gegen die Sozialistenverräter zum Himmel schreien, mit euren Tränen benetzt, mit der roten Fahne der proletarischen Weltrevolution habt ihr ihn zugedeckt und ihn in euren Herzen aufgebahrt, damit er dort für immer bleibe. Millionen von euch wissen von ihm nicht mehr, als daß er in der schwarzen Nacht, die nur vom Aufblitzen der Kanonen erhellt wurde, mit einer kleinen Schar aus dem Schützengraben aufbrach, um für den Frieden zu streiten, daß er, von den Mächtigen ins Gefängnis geworfen, standhaft jede Pein aushielt, und, kaum von Ketten befreit, das Banner des Kampfes von neuem erhob und mit ihm in der Hand gefallen ist, gefallen an der Schwelle eines neuen Lebens.

Ich will aber, daß jeder Proletarier über Liebknecht mehr wisse, daß er ihn liebe, nicht nur als blutüberströmtes Sinnbild eines Märtyrers, sondern so, wie er im Leben war, mit seinen Fehlern und Vorzügen, nicht als »ausgeklügelt Buch«, sondern als »Mensch mit seinem Widerspruch«. Der Mensch Liebknecht soll unser großes Vorbild sein, ein Vorbild für unsere Jugend, die kämpfen lernen soll, ein Vorbild für unsere Frauen, die sich vom Leben nicht erdrücken lassen sollen, ein Vorbild für unsere wetterharten Männer, wenn sie von Zweifeln heimgesucht werden. Es ist die Zeit noch nicht gekommen, an eine ausführliche Lebensbeschreibung Karl Liebknechts zu gehen. In seinem Trauerhause herrschen noch die Soldaten der deutschen Konterrevolution, und da ich diese Worte schreibe, ist eine Einsicht in die hinterlassenen Papiere nicht möglich, ja, illegal mich selbst verbergend, kann ich nicht einmal die gedruckten Dokumente sammeln. Aber ich glaube, daß ich sein reiches Leben in seiner Eigenart übersehe, und ich will es euch hier schildern, euch über ihn das sagen, was ich sagen würde, wenn ich am Tage der Totenfeier in Moskaus weißen Mauern wäre.

... An Liebknechts Wiege wurden Heldenlieder gesungen ... Die ersten Eindrücke, die der Knabe empfing, waren die Verfolgungen des Sozialistengesetzes. Die deutsche Bourgeoisie und die Hohenzollern suchten die ersten sozialistischen Regungen des deutschen Proletariats im Keime zu ersticken. Wer die verbrecherische Lehre verbreitete: »verprassen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben,« wer die Armen und Entrechteten weckte, für den gab es keine ruhige Arbeitsstätte, der mußte verfolgt von Ort zu Ort wandern, nirgends vor Häschern sicher.

Wilhelm Liebknecht blieb auf dem Posten und stellte den Kampf für den Sozialismus auch dann nicht ein, als es wieder galt, durch Leiden zu bezeugen, daß man für die Befreiung der Menschheit lebt. Karl mag als Kind sich oft gefragt haben, wonach die fremden Herren in der Wohnung seines Vaters schnüffeln, weshalb Leute heimlich nachts ins Haus kommen, still flüsternd wie Diebe: gute Menschen mußten es sein, da sie, von den Eltern freundlich empfangen, ihm, dem Kleinen, über das schwarze Köpfchen streicheln. So wuchs er auf in den Jahren der Verfolgung als Sohn des Soldaten der Revolution. Soldat, Kämpfer der Revolution zu sein, das war die Gabe, die ihm in seine Wiege gelegt wurde.

Das Sozialistengesetz fiel. Der wachsende erstarkende Kapitalismus hatte gleichzeitig auch die Arbeiterklasse zahlenmäßig verstärkt, und mit dem Wachstum der Arbeiterklasse wuchs die deutsche Sozialdemokratie trotz aller Verfolgungen. Es begann der »neue Kurs«, der Versuch, die Arbeiterklasse durch soziale Zugeständnisse zu gewinnen, und obwohl er äußerlich bald einem neuen scharfen Kurs wich, so war doch der Sinn dieser Epoche der, daß, während der erstarkende Kapitalismus den Massen der qualifizierten Arbeiter erträglichere Lebensbedingungen gewährte, er sie dadurch vom scharfen revolutionären Kampf zurückhielt. Nach außen hin bekam der Sozialismus »rote Backen«. Die Parteiorganisationen wuchsen, die Gewerkschaften blühten auf. In den Zahlabenden und auf den Parteitagen wurden revolutionäre Resolutionen angenommen. In der Praxis aber wurde der Kampf nur für kleine Verbesserungen der materiellen Lage der Arbeiter, nicht für die revolutionären Umwälzungen geführt. Und da Taten für den Charakter einer Partei ebenso maßgebend sind, wie sie den Charakter eines Menschen bestimmen, so wurde die Sozialdemokratie eine Partei der Reform und nicht der Revolution, mochte sie noch so revolutionäre Worte gebrauchen.

Karl Liebknecht, der in der Zeit dieser Mäßigung und Versteinerung der Partei zum Jüngling heranwuchs, der mit größter Anteilnahme die politischen und sozialen Ereignisse verfolgte, wenn er auch damals noch nicht aktiv in die Politik eingriff, war gleichsam schon erblich gegen diese Verbürgerlichung und Mechanisierung des revolutionären Geistes gesichert. Im Hause Wilhelm Liebknechts lebten die Traditionen des Jahres 1848, die Ueberlieferung der Revolution und des Kampfes um die Republik.

Es fiel mir schon vor zehn Jahren auf, als ich zum ersten Male Gelegenheit hatte, die deutsche Parteiführerschaft kennen zu lernen, daß Karl Liebknecht der einzige der »bodenständigen« Führer war, für den der Republikanismus kein rein theoretisches Bekenntnis, sondern eine praktische aktuelle Frage war. Und das Zweite, was in die Augen sprang, war die Tatsache, wie wenig versteinert er in der Auffassung war, daß die Entwicklung langsam sein werde, daß weder die staatlichen noch die sozialen Verhältnisse in absehbarer Zeit in Fluß geraten werden. Dabei handelte es sich bei ihm keineswegs nur um das theoretische Abwägen der Kräfte, die das ruhige, »friedliche« Europa bald in Aufruhr würden bringen können. Die Situation war noch nicht revolutionär, es galt zu den Massen zu gehen, um sie zu wecken. Und da tritt wieder ein charakteristischer Zug Liebknechts zutage. Vor dem Kriege wurde oft gegen ihn eingewendet, er sei sehr »breit« in seinen Auffassungen, jede Form der Betätigung sei ihm lieb, wenn sie auch »prinzipiell« nicht von größerer Bedeutung sei. Die Grundlage dieser Anklage bildete die in Deutschland ungewöhnliche Lebendigkeit Liebknechts, die ihm nicht erlaubte, auf Grund irgend welcher doktrinären Erwägungen, auf irgendein Mittel zur Beeinflussung der Arbeiter zu verzichten. So erklärt sich auch sein Eingreifen in die Bewegung für den Austritt aus der Kirche. Er hatte ein gutes Auge für neue Bedürfnisse, für neue, sich anbahnende Bewegungen.

Als er in die Politik eingriff, zeigten sich die ersten Zeichen des auch in Deutschland erstarkenden Imperialismus, das Hinausgreifen des Kapitals über die »vaterländischen Grenzen« nach neuen Profitjagdgründen. Die Partei ahnte die daraus entstehenden Kriegsgefahren, aber nur Liebknecht sah sie bildlich lebendig, als den Moloch, der seine Arme nach Millionen proletarischer Jünglinge ausstreckt. So war er einer der wenigen, die zu der bedrohten Jugend eilten, um sie gegen diese Gefahren aufzurufen. Die Partei verpönte die besondere antimilitaristische Agitation. Sie erklärte, die Erziehung der proletarischen Jugend müsse sie von selbst gegen den militaristischen Geist bewaffnen, und der gesamte Kampf des Proletariats gegen den Kapitalismus sei gleichzeitig ein Kampf gegen den Militarismus. Aber Liebknecht fühlte das Falsche in diesen »grundsätzlichen« Erwägungen. Er sah, daß die »Erziehung« der proletarischen Jugend allein nicht genüge, sondern daß die Jugend auch besonders gegen den Militarismus aufgerüttelt werden müsse. Er wußte wohl, daß der Militarismus nur zusammen mit dem Kapitalismus durch die proletarische Revolution zertrümmert werden kann, aber er verstand, wie wichtig es für diese Revolution ist, den in Soldatenkleider eingezwängten jungen Proletariern klar zu machen, daß ihre Befreiung vom Militarismus nur ein Teil des allgemeinen proletarischen Befreiungskampfes sein könne. Die Parteiführer schüttelten die Köpfe über die Sonderaktionen dieses »Brausekopfes«, aber der junge Liebknecht hielt zähe an seiner Sache fest. Sein revolutionäres Gefühl trieb ihn unabwendbar dazu.

Das Bewußtsein der drohenden internationalen Gefahr stärkte in Liebknecht die ererbten Gefühle des Internationalismus. Er war einer der wenigen in Deutschland, die das lebhafteste Bedürfnis hatten, zu wissen, wie es in den Bruderparteien steht, nicht nur in Frankreich oder Rußland, sondern selbst in einer beliebigen kleinen Balkanpartei.

Seine Reisen nach Amerika und Frankreich, sein nahes Verhältnis zu den russischen Genossen entsprangen dem Bewußtsein, wie unermeßlich wichtig es ist, die internationalen Beziehungen zu pflegen. Und wie eingehend, wie unermüdlich ließ er auf der Reise zum internationalen Kongreß in Kopenhagen, die wir von Berlin aus gemeinsam mit Leo Trotzki machten, sich über die verwickelten russischen Fragen belehren: Man wußte, für Liebknecht ist die Internationale kein formelles Bündnis verschiedener Parteien, sondern sie ist sein wirkliches Vaterland, wie es später die Leitsätze der Spartakusgruppe sagten. Die wertvollsten politischen Eigenschaften Liebknechts mußten ihn schon vor dem Kriege bei einem Teil der Führer unbeliebt machen, während sie ihm Popularität in den Arbeitermassen und in der Internationale schufen. Er sprang zu sehr aus dem Rahmen der deutschen Parteien heraus, als daß er von den kleinen Geistern nicht des Ehrgeizes beschuldigt werden sollte. Dazu kamen noch seine menschlichen Eigenschaften, durch die er ebenfalls von dem vorgeschriebenen Typus eines würdigen Parteiführers abwich. Er liebte das Leben; ungehemmt und unbekümmert griff er nach ihm, wo es ihn lockte. Es steckte so wenig Philistertum in diesem Knaben Absalom, so wenig von Heuchelei, so viel von kindlicher Freude am Leben, daß viele darüber den tiefen Ernst, die Milde und Feinheit seines Wesens übersahen. Ich werde nie vergessen, wie wir einmal bei einem Spaziergang im Gespräch auf Peer Gynt gerieten. Er kannte das Drama in der Uebersetzung von Passarge, und ich erzählte ihm von den Feinheiten der Morgensternschen Uebertragung. Er kam zu mir und las drei Stunden lang – es war schon weit nach Mitternacht – die Uebersetzung Morgensterns. Als er zu jener Szene kam, in der Peer Gynt im Säuseln der Blätter die Lieder, die er nicht gesungen, die Tränen, die er nicht geweint, die Kämpfe, die er nicht gefochten, klagen hört, klagen über ein Leben, das nicht ganz war, da strafften sich in Liebknechts Gesicht die Züge, und er sagte: »Die verfluchte halbe Zeit, und trotzdem kann man, muß man ein ganzes Leben führen.« So war er vor dem Kriege, ein zündender Agitator, ein tatkräftiger Politiker, ein Feuerkopf, lebhaft und lustig, ein Liebling der Frauen, ein Mensch, gut – wie die Polen sagen – zum Kämpfen und zum Kneipen. In jeder Geste war er der Sohn seines Vaters, des großen Volksführers, des großen, lebendigen Menschen, der lachen konnte wie ein Kind.

Es kam der Krieg, und sein Feuer schmiedete aus allen diesen Elementen des Liebknechtschen Temperaments und Charakters den Helden der deutschen Arbeiterklasse.

II.

Der Krieg kam. Mit den ersten Nachrichten gelangte das Gerücht ins Ausland, Liebknecht sei zusammen mit Rosa Luxemburg füsiliert worden. Diese Nachricht eilte der Wirklichkeit voraus, sie zeigte aber, daß im Auslande Freund und Feind wußte, von wem der Kampf gegen die Mächte des Krieges zu erwarten sei. Liebknecht war durch diese sich überstürzenden Ereignisse aufgewühlt. An der Schwelle des heroischen Abschnitts seines Lebens zahlte er den letzten Pflichtzoll der Partei, deren revolutionäre Macht sein zerronnener Traum war. Der Glaube, der 4. August werde nur eine traurige Episode bleiben, veranlaßte ihn, die Disziplin zu wahren und auf den offenen Protest gegen den Krieg am 4. August zu verzichten. Nach einigen Tagen sah er ein, daß er einen großen Fehler begangen hatte. Er näherte sich Rosa Luxemburg, deren streng theoretisch festgelegte Linie seiner breiten suchenden Natur fremd war, und es entstand zwischen beiden, trotz aller Unterschiede der Wesensart, ein Bund auf Leben und Tod. In den ersten Wochen des Krieges versuchen sie, sich an die Arbeitermassen zu wenden; die Regierung verbietet die öffentlichen Versammlungen. Liebknecht ist entschlossen, bei der zweiten Kreditabstimmung das Banner der Rebellion zu erheben. Er versucht ein gemeinsames Vorgehen der vierzehn Abgeordneten, die in der Reichstagsfraktion gegen die Annahme der Kriegskredite auftraten, zu erreichen. Sie versagen. Liebknecht, dem die Feiglinge später vorwarfen, er handle nur aus Eitelkeit, um als einziger zu glänzen, rang bis zum letzten Augenblick, um aus der Schar der wankenden Kollegen wenigstens zwei, wenigstens einen, auf den Weg des gemeinsamen Kampfes mit sich zu ziehen. Es war ein Jammer, zu sehen, wie er, obgleich er alle Mittel der intellektuellen und moralischen Beeinflussung anwandte, doch in einer Fraktion von über hundert Mann keinen Menschen zu erschüttern, keinem beizubringen vermochte, daß es galt, mit allen faulen Kompromissen zu brechen. Es zeigte sich, wie sehr letzten Endes der Zusammenbruch der Führerschaft ein moralisches Problem war. Liebknecht blieb allein. Seine Züge verhärteten sich, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. Er entschloß sich, allein vorzugehen, trotz des Abratens der Freunde. In jener Stunde sah ich, wie in Liebknecht die letzten Zweifel zerrannen, die letzte Weichheit zerrann, wie sich in ihm die große moralische Kraft auslöste, die ihn bis zum Tode nicht verließ: die eiserne Entschlossenheit, den Weg dem Wiedererwachen des Sozialismus zu bahnen, selbst wenn es gelten sollte, alle Speere mit der eigenen Brust aufzufangen.

Der Kampf um die in den Schmutz getretene Fahne des Sozialismus wurde in der vollen Oeffentlichkeit aufgenommen. Die gesamte Presse suchte Liebknecht niederzuwerfen, teils durch Verleumdungen, teils durch Bagatellisierung seiner Tat. Er sollte terrorisiert werden durch Drohungen und durch Suggestion, daß er sich nutzlos opfere. Doch Tausende nahmen Stellung für ihn. Die Erklärung über die Motive seiner Sonderabstimmung wurde von tausend Arbeitern abgeschrieben und vervielfältigt; sie ging von Hand zu Hand, sie weckte das Verantwortungsgefühl und verband Männer und Frauen zum Kampfe. Liebknecht wurde zum Mittelpunkt der entschiedenen Opposition. Ende Dezember 1914, als ich in die Schweiz kam, wurde mir in vollem Umfange klar, wie fruchtbar seine Tat international wirkte. Sie war das erste weithin sichtbare Zeichen, daß es in Deutschland revolutionäre Kräfte gab. Lenin, dieser Mann ohne jede Phrase, der vielleicht am schärfsten die Tiefe des Zusammenbruches der Internationale ausmaß, verstand sofort, daß der Entschluß, das Banner der Rebellion gegen die gesamte Fraktion zu erheben, eine Entscheidung ist, die das Signal zu unvergänglichen Taten gibt. Liebknechts Name wurde in der wachsenden Avantgarde des russischen Proletariats einer der geliebtesten, und nicht anders war es in Frankreich, in Italien. Barbusse hat ihm in seinem »Feuer« ein Denkmal gebaut, das des einzigen Deutschen, der wie ein Stern in der dunklen Nacht dem letzten Posten des französischen Sozialismus leuchtete ... Als im Oktober 1915 die versprengten Teile der kämpfenden Ueberreste der alten Internationale sich in Zimmerwald versammelten und Ledebour im Namen seiner Anhänger (der späteren Unabhängigen) auf Angriffe von links erklärte, es gäbe keine Fraktion Liebknecht, da rief ihm Trotzki unter dem lebhaften Beifall der Franzosen und Italiener zu: »Für uns gibt es nur die Fraktion Liebknecht.«

Durch die Denunziationen der sozialpatriotischen Presse genötigt, in der Schweiz zu bleiben, sah ich Liebknecht in diesen Jahren nicht wieder. Aber aus jedem seiner Spartakusbriefe, aus jeder seiner »kleinen Anfragen« schaute mir das im Kampfe verhärtete Gesicht entgegen. Er war bereit, die letzten Konsequenzen zu ziehen ... Auf einen konspirativen Brief, in dem wir ihn baten, sich nicht zu sehr zu exponieren, antwortete er mir auf einer Postkarte aus Litauen mit einem Wort seines geliebten Euripides:

»Und liebe die Sonne nicht zu sehr

und nicht zu sehr die Sterne«.

Er verschwieg die folgenden Worte des Dichters:

»und folge mir ins dunkle Grab«;

denn jede Pose war ihm, dessen Leben eine heroische Tat wurde, fremd. Wer Liebknecht vor dem Krieg und während des Krieges kannte, der sah und konnte direkt mit Händen fassen, wie die unerhörte Verantwortung, die auf ihm lastete, aus einem frohen Menschen, der das Leben liebte und deshalb Vielen Vieles zu verzeihen verstand, einen eisernen unerbittlichen Kämpfer machte, wie ihn die Zeit verlangte. Wer ihn vor dem Kriege und im Kriege kannte, merkte förmlich, wie sein Charakter sich metallisch verhärtete.

Als die Nachricht von seiner Verhaftung auf dem Potsdamer Platz kam, fragten viele Freunde im Ausland, weshalb er in seiner exponierten Stellung an Demonstrationen teilnahm. Viele sahen darin ein Zeichen großer innerer Erregung, die ein Führer beherrschen können müsse. Was ihn auf die Straße getrieben hatte, war aber eben Pflichtbewußtsein. Das Vertrauen zu dem sozialdemokratischen Worte war, dank dem Verrat der Sozialdemokratie, so tief gesunken, daß, wer eine neue revolutionäre Macht bilden wollte, sich auf den geistigen Generalstabsdienst hinter der Feuerfront nicht begrenzen durfte. Der »Leichtsinn« Liebknechts war tiefe Klugheit und sein Zuchthausmartyrium hat für die Revolution mehr getan, als das »vorsichtige« Wirken einer ganzen Partei tun konnte. Die Zelle des Armierungssoldaten Karl Liebknecht wurde zum Zentrum einer ausströmenden moralischen Kraft, die keine Isolierungskunst der Regierung eindämmen konnte. Das »Ich hab's gewagt«, schallte hinaus in die Welt, feuerte zur Nachahmung an.

Es brach die russische Revolution aus, die erste Armee des Imperialismus meuterte, die erste des Sozialismus begann sich zu bilden. Als wir in Brest-Litowsk mit dem Grafen Mirbach und dem General Hoffmann am Verhandlungstisch saßen, da sprachen wir über ihre Köpfe hinweg mit dem Zuchthaussträfling und den Seinen. Das deutsche Proletariat antwortete auf unsern Ruf. Der Januarstreik brach aus. Keiner von uns nahm an, daß dies der Sieg sei, daß der deutsche Imperialismus nachgeben würde, und trotzdem lehnte Trotzki jedes Kompromiß ab. Es galt, trotz der größten Gefahr, dem deutschen Proletariat zu zeigen, daß wir ihm vertrauen. Es galt, dem Weltproletariat zu zeigen, daß uns der deutsche Imperialismus zerschmettern kann, aber daß wir freiwillig mit ihm keine Kompromisse schließen. Später, als wir doch genötigt wurden, den Frieden zu schließen, das Brester Kreuz auf uns zu nehmen und zurückzuweichen, da fragten wir uns oft in Unruhe: verstehen Liebknecht und die Seinen unsere Lage und Taktik? Und Liebknecht erzählte mir später, welche Qualen er im Zuchthaus litt, als er dachte, daß alle unsere Opfer nutzlos sein könnten, daß die deutsche Arbeiterklasse vielleicht nicht zeitig genug aufstehen würde, um sich mit uns zu verbinden. Er fürchtete, daß wir mit unseren Zugeständnissen zu weit gehen würden, und rief aus dem Zuchthaus seine Freunde an, zu handeln, damit uns der letzte bittere Kelch erspart bleibe.

Aus Angst vor der nahenden Revolution ließ ihn die am Rande des Bankerotts stehende Regierung des deutschen Imperialismus frei. Sein erster Gang war in die russische Botschaft. In der Nacht nach seiner Befreiung teilte uns Bucharin durch Fernschreiber mit, Karl sei mit uns vollkommen einig. Die Freude der russischen Arbeiter über Liebknechts Befreiung läßt sich nicht aussprechen. Hätte er damals zu uns kommen können, kein König ist jemals so empfangen worden, wie Liebknecht von den russischen Arbeitern empfangen worden wäre.

Als ich Ende Dezember nach Deutschland kam und nach vier Jahren Liebknecht wieder die Hände drücken konnte, sagte er ruhig, ohne die geringste Enttäuschung: »Wir sind erst am Anfang, der Weg wird noch lang sein.« Und wir waren mit Rosa Luxemburg und ihm einig, daß man die Entfernung bis zum Ziel nur abkürzen kann durch unermüdliche Agitation, Propaganda und Aktion. Wer miterlebt hat, wie die beiden vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiteten, wie sie entschlossen die letzten Bande zerschnitten, die sie mit der Welt der Halbheiten noch verbanden, indem sie die Kommunistische Partei Deutschlands gründeten, wer es erlebte, wie sie inmitten des revolutionären Taumels die eigenen Anhänger vor Ueberspanntheiten warnten, der konnte tiefes Vertrauen zur kommunistischen Bewegung Deutschlands fassen.

Liebknecht sollte die neue Zeit nicht erleben. Die erste Welle der proletarischen Revolution trug ihn weiter, als er wollte, riß ihn mit sich. Im Sturm sah er die Entfernung nicht genügend scharf. Als der Januaraufstand niedergeworfen war und die sozialpatriotische Regierung nach ihm fahndete, wagte niemand, ihm den Gedanken an die Flucht nur nahezulegen, obwohl es klar war, daß seine Verhaftung Todesgefahr barg. Er wollte sich der Pogromhetze entgegenwerfen. An dem Tage, an dem ihn die Mörderkugel erreichte, regte er den Gedanken an, in den nächsten Tagen öffentliche Versammlungen einzuberufen. Da fiel er in die Hände der Schergen, die in ihm und Rosa Luxemburg die deutsche, die internationale Revolution treffen wollten. Er fiel in der ersten Phase des Kampfes, voll Zuversicht und Siegesbewußtsein. Er fiel, wie er lebte: auf der Kampfesposition gefangen genommen. Und wir, die wir ihn nahe kannten in seinen Vorzügen und Schwächen, die wir den unermeßlichen Verlust verstehen, den die Revolution erlitt, da aus ihren Reihen dieser eiserne Kämpfer gerissen wurde, wir sagen an seinem Grabe: »Für uns wird er ein Muster sein für die Treue dem Sozialismus gegenüber, für den Opferwillen und für den Mut, ohne den die Revolution nicht siegen kann!« Liebknecht beseelte die tiefe Einsicht nicht nur in die objektive Notwendigkeit des Kommunismus, sondern die noch tiefere persönliche Sehnsucht, nach dem vollen harmonischen Leben, das nur auf dem Boden des Kommunismus möglich ist und diese Sehnsucht entsprang einer unermeßlichen Liebe und Güte, einem Mitgefühl mit jeder leidenden Kreatur, einer Hilfsbereitschaft, ohne die der Sozialismus ein Schemen ist. Die Oeffentlichkeit kennt nur Liebknecht, den heroischen Kämpfer. Breite Kreise der Proletarier, die sich an ihn als Rechtsanwalt wandten, die bei ihm menschliche Hilfe fanden, liebten ihn als Menschen, Der Kämpfermut Liebknechts war die Vereinigung seiner Liebe zu jedem Menschen und der Einsicht, daß in der Zeit, in der wir leben, man nicht helfen kann dem individuellen Leid, ohne den Kampf auf Leben und Tod für den Sozialismus zu beginnen. In diesem jetzt tobenden Kampfe fiel er. Und ihm werden Tausende in den Märtyrertod folgen, bis die nackte, hungernde, mit Wunden bedeckte Menschheit ihrer Märtyrer in Liebe zu gedenken, Muße haben wird. Soldat der Revolution nannte sich sein Vater. Karl Liebknecht ist die Ehre zugefallen, diesen Titel mit seinem Tode im Kampfe zu erwerben. Die Sowjetrepublik hat für ihre tapfersten Söhne das Zeichen des »Roten Sternes« gestiftet. Legt es am Grabe Liebknechts nieder, und möge jeder unserer Freunde keine größere Ehre kennen, als die, durch Erringung dieses Zeichens sich Karl Liebknechts Geiste anzunähern, der den Weg ging, den wir bis zu Ende schreiten wollen, auch wenn jeder von uns sich den Roten Stern erst auf der Bahre erwerben sollte.

Berlin, den 18. Januar 1919.

Leo Jogiches

Er liegt begraben neben Liebknecht und Rosa Luxemburg und obwohl er durch die Freundschaft eines Lebens mit Rosa Luxemburg verbunden war, an all ihren geistigen Arbeiten teilnahm, obwohl er die letzten vier Jahre seines Lebens im Kampf für die deutsche Revolution stand, der deutschen Arbeiterbewegung drei Jahrzehnte eng geistig verbunden war, so hatte ganz gewiß niemand von uns daran gedacht, daß er in den Reihen der deutschen Revolution fallen, auf deutschem Boden seine Ruhe finden wird. Das Leben Leo Jogiches, der in Litauen geboren war, gehörte dem polnischen Proletariat. Und in ihm hat die polnische Arbeiterrevolution den besten Führer verloren. Weil dem so ist, konnten die deutschen Genossen trotz ihrer großen Liebe zu Leo, trotz der Autorität, die er unter den deutschen Kommunisten besaß, nicht seinen Nekrolog schreiben. Sie kannten nur seine letzten Jahre, nicht aber seinen Werdegang. Indem ich es unternehme, seinen Werdegang zu schildern, erfülle ich eine Pflicht, die ich lachend vor vielen Jahren auf mich nahm, ohne zu ahnen, daß so bald die Stunde kommen könnte, wo ich sie zu erfüllen genötigt sein werde. Jogiches, in dessen Schule ich die publizistischen Sporen erwarb, erzählte mir oft von seiner Jugend, von seinen vielen Kämpfen, und ich sagte ihm immer: »Leo, das muß ich in Ihrem Nekrolog unterbringen.« Er, der Lebenslustige und Lebensgläubige, schalt immer, er werde mir noch einen Nekrolog schreiben. Es ist anders gekommen. Nun liegt er auf deutschem Boden. Die polnischen Kommunisten, deren Partei, die frühere Sozialdemokratie Russisch-Polens, in erster Linie Jogiches durch seine eiserne Energie, durch sein organisatorisches Talent, durch seine politische Weitsichtigkeit gebaut hat, konnte nur einen Gruß zu seinem Begräbnis senden. Die Faust der Regierung Pilsudskis, der Regierung, die von denselben Sozialpatrioten in den Sattel gehoben wurde, mit denen Jogiches sein Leben lang kämpfte, erlaubte dem polnischen Proletariat bei der Nachricht von dem Märtyrertode Jogiches nicht, seiner am Tage seines Begräbnisses würdig zu gedenken. So sei sein Leben hier erzählt: den polnischen Arbeitern zur Erinnerung, den deutschen zum Verständnis, wie es kam, daß dieser russische Revolutionär, der der Organisator des polnischen Proletariats wurde, den deutschen Arbeitern die unvergänglichsten Dienste im Kampf um ihre Befreiung leisten konnte.

Jogiches wurde in Wilna geboren, und dort an dieser Völkergrenze, wo auf dem Rücken des litauischen Bauerntums lange der polnische Schlachzize mit dem russischen Tschinownik um die Macht gekämpft hat, wo nach dem Jahre 1863 Murajeff, der Henker, jeden Funken politischen Lebens austrat, hat Jogiches das Gymnasium besucht. Es war keine günstige geistige Atmosphäre, die ihn umgab. Die polnische Jugend, in deren Herzen die Erinnerungen an die Massakers des Jahres 1863, an die Niederwerfung des polnischen Aufstandes lebten, sie hatte die stillen Kapellen, in denen sie in tiefstem Geheimnis vor den zaristischen Spionen der alten Nationalkämpfe gedachte, Josef Pilsudski, der jetzige Präsident der polnischen Regierung, der frühere Führer der polnischen Sozialpatrioten, ist in dieser Atmosphäre jener Zeit in Wilna aufgewachsen. Die russische Jugend stammte zum großen Teil aus Beamtenfamilien und war von einem servilen Strebertum erfüllt. Die revolutionären Ideen, die aus Rußland kamen, fanden nur unter der jüdischen Jugend, der auch Jogiches angehörte, Verbreitung. In den Kreisen, in denen Jogiches zusammen mit dem glänzenden französischen Publizisten, dem Genossen Rappoport aufwuchs, wurde leidenschaftlich die russische Publizistik der sechziger und siebziger Jahre, die russische geheime revolutionäre Literatur studiert. Es war die Zeit des Kampfes der russischen Terroristen, der Narodnaja Wolja, der nicht nur die Herzen der russischen Jugend, sondern sogar eines Marx mit Enthusiasmus erfüllte. Niemals in der Geschichte wurden so viel reine menschliche Liebe, so viel Unbeugsamkeit der Befreiung eines Volkes von einer kleinen intellektuellen Schicht zum Opfer gebracht, wie in diesen heroischen Zeiten des russischen Volkstümlertums. Jogiches war Volkstümler, aber bevor er noch als Mann in den Kampf treten konnte, brach die Bewegung zusammen, die mit den schwachen Händen der Intellektuellen das alte Gebäude des Zarismus niederzuwerfen suchte, um einen Bauernsozialismus einzuführen. Die Niederlage der Narodnaja Wolja war nicht nur eine äußere. Die Geschichte zeigte, daß die Kräfte der Intellektuellen zu schwach waren, daß das Bauerntum kein selbständiger revolutionärer Faktor sein konnte, daß es durch den Kapitalismus zersetzt, seine frühere primitiv-kommunistische Organisation langsam verliert. Eine große Entmutigung ergriff die Kreise der Revolutionäre, die ihre Hoffnungen zertrümmert sahen und keine neuen Elemente fanden, auf die sie sich von neuem stützen könnten. Im Auslande begann, damals in Rußland wenig bekannt, eine kleine Gruppe von Schriftstellern, Plechanow, Paul Axelrod, Wjera Sassulitsch durch ihre Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse Rußlands der verzweifelten Intelligenz zu zeigen, daß dieselbe historische Entwicklung, die die Narodnaja Wolja, das terroristische Volkstümlertum, zur Ohnmacht verurteilt hatte, einen neuen Faktor entstehen läßt, der mit ganz anderen Aussichten auf Erfolg den Kampf gegen den Zarismus, den Kampf für den Sozialismus aufnehmen kann: die Arbeiterklasse. Die Broschüre Plechanows über den Sozialismus und den politischen Kampf (1881) und sein Buch »Unsere Streitfragen«, das im Jahre 1883 erschien, fand in Rußland nur geringen Widerhall. Einerseits war die kapitalistische Entwicklung Rußlands so wenig fortgeschritten, daß – wie einmal Jogiches später lachend sagte, Plechanow jeden Proletarier statistisch ausrechnen mußte – anderseits stießen die Schlußfolgerungen, die Plechanow unterschoben wurden, die revolutionäre Jugend ebenso ab, wie die, die er selbst machte. Wenn der Kapitalismus selbst die Elemente des zukünftigen Kampfes bildet, sagten die einen, dann bleibt nichts anderes zu tun übrig, als entweder den Kapitalismus zu unterstützen oder passiv zuzusehen. Die anderen wieder erklärten, der Kampf um eine bürgerliche Verfassung, auf den Plechanow als nächste Etappe hinwies, sei nicht die Sache des Sozialismus und lehnten die nüchterne Feststellung Plechanows und seiner Freunde, daß ohne diesen Kampf die Arbeiterklasse überhaupt unfähig ist, um den Sozialismus zu kämpfen, als eine »marxistische Schrulle« ab. Jogiches nahm als einer der wenigen die marxistische Orientierung an. Durch eigene eingehende Beschäftigung mit der Literatur der Volkstümler – es muß noch irgendwo das Manuskript seiner sehr guten Arbeit über die nationalökonomischen Ideen der russischen Volkstümler bestehen, die er ein paar Jahre später in der Zeit seines Züricher Aufenthaltes geschrieben hat – nahm er die marxistische Lösung der russischen Frage an. Um sich dem Militärdienst zu entziehen, der ihm als politisch Komprommitierten mit eventl. Versetzung in die Strafbataillone drohte, rückte er nach der Schweiz aus, wo er sich der Gruppe Plechanow anschloß. Ein Mann von ausgesprochener praktischer Veranlagung, begnügte er sich nicht mit theoretischen Studien, die er sehr intensiv betrieb, sondern gab seine persönlichen Geldmittel her, um eine Broschüren-Reihe herauszugeben, die die wichtigsten Dokumente des Marxismus den russischen Arbeitern und Intellektuellen zugänglich machen sollte. Gleichzeitig suchte er organisatorische Verbindung mit den in Rußland wirkenden Zirkeln zu schaffen, die Arbeit weiterzuführen, für die Leo Deutsch nach Sibirien wandern mußte. Als kantige Persönlichkeit konnte er schwer mit dem Kreise um Plechanow auskommen. Plechanow hatte eine so überragende Stellung in diesem Kreise, daß, solange keine Massenbewegung bestand, keine andere aktive Persönlichkeit neben ihm aufkommen konnte. Eine Massenbewegung gab es damals in Rußland noch nicht.

Der nach Taten lechzende Jogiches wandte seine Aufmerksamkeit der polnischen Arbeiterbewegung zu, die weit über den Charakter einer propagandistischen Zirkelbewegung gewachsen war. Er trat in Beziehungen zu Rosa Luxemburg, Julian Karski, Adolf Warski, die die eben entstandene Sozialdemokratie Russisch-Polens im Auslande repräsentierten und die »Sprawa Robotnicza« als Organ ihrer Partei herausgaben. Mit eiserner Energie erlernte er in kurzer Zeit die polnische Sprache so perfekt, daß er später die Manuskripte von uns allen, die wir geborene Polen waren, nach Russifizismen abjagte, und bei jedem Streit uns die Grammatik von Krinski oder die Stilistik von Chomjelowski an den Kopf schmiß. Jogiches wurde in kurzer Zeit nicht nur der Leiter der polnischen Organisation, sondern auch der Inspirator der politischen Kampagnen der polnischen Sozialdemokratie. Er kannte in kurzer Zeit die polnische Geschichte, die polnische Literatur, und es war für mich, als ich mit Jogiches bekannt wurde, geradezu frappierend, wie weitgehend seine Kenntnisse der alten polnischen Literatur waren. Wenn einer von uns, um eine Grobheit im Druck sagen zu können, den größten Grobian der polnischen Literatur, Nikolaus Rej, einen Dichter aus dem 16. Jahrhundert, zitierte, so konnte uns auch Jogiches hier mit einer uns noch unbekannten Sache überraschen. Den polnischen Sozialpatrioten war die Existenz Jogiches sehr bald bekannt und schon im Jahre 1893 warnte Ignatz Daszynski vor der »unbekannten Hand«, die die Sozialdemokratie Russisch-Polens leite, womit er zu verstehen geben wollte, daß dieser Moskal (Russe), der sich in die polnische Bewegung »eindränge«, ganz gewiß ein zarischer Agent sei. Der »Moskowiter« lachte später noch oft verschmitzt und erklärte, er habe sich das polnische Staatsbürgerrecht durch Prügel erworben, die er den polnischen Sozialpatrioten habe zukommen lassen. Im Jahre 1897 wurde durch zahlreiche Arreste die Organisation der polnischen Sozialdemokratie zertrümmert. Jogiches, der inzwischen nach Berlin umzog, widmete sich Studien über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, über die Geschichte des Marxismus, wobei er seiner praktischen Natur folgend, jede Einzelheit auch der praktischen Politik der deutschen Arbeiterklasse gründlich studierte. Er nahm lebhaftesten Anteil an allen Kämpfen gegen den Opportunismus, und beeinflußte im regsten geistigen Verkehr die literarische Tätigkeit Rosa Luxemburgs. Er selbst war kein Schriftsteller, obwohl Rosa Luxemburg, wenn man über die Federscheu Jogiches sprach, immer an die Ueberzeugung der Hindu erinnerte, der Affe sei eigentlich Mensch, der sich nur als Affe verstelle; daß Jogiches sich verstelle, wenn er selbst nicht schreibe, war der Eindruck eines jeden, der mit ihm als Redakteur zu tun hatte. Denn Jogiches wußte im Handumdrehen jedem Artikel die dem Ziel entsprechende Form zu geben, den politischen Punkt über das J zu setzen. Er beeinflußte die literarische Tätigkeit Rosa Luxemburgs nicht nur formell, sein außerordentlich starker Kritizismus erlaubte ihm, sofort den schwachen Punkt jeder Position zu erkennen, und wie Rosa selbst erzählte, fand er immer bei der Lektüre eines ihrer Manuskripte sofort den Punkt heraus, wo ihr Standpunkt nicht vollkommen fertig und bis zu Ende entwickelt war. Diese seine Meisterschaft zeigte sich mit dem Wiederaufleben der Bewegung in Russisch-Polen im Jahre 1901, als die in Polen wirkenden Genossen sich an ihn, Rosa Luxemburg, Karski und Warski mit der Aufforderung wandten, eine Revue zu gründen, die die Theorie und Praxis der Partei beleuchten sollte. Die Sozialdemokratische Rundschau, die unter seiner Leitung bis zur Revolution des Jahres 1905 erschien, war trotz ihres kleinen Umfanges zweifelsohne die beste marxistische Revue, die jemals erschien. Eine ganze Generation polnischer Sozialisten wuchs unter Einfluß dieses Organs auf, in dem Jogiches die Probleme des europäischen Sozialismus durch seine besten Vertreter behandeln ließ. Er zeigte die Internationale den polnischen Sozialisten nicht wie es die Zeloten taten, die glaubten, die Internationale zu stärken, indem sie ihre Schwächen vertuschten. Er ließ uns Junge im Geiste alle Kämpfe des europäischen Sozialismus durchkämpfen. Gleichzeitig führte die Revue in glänzender Form den Kampf weiter, den Rosa Luxemburg im Jahre 1893 angefangen hatte. Während Rosa Luxemburg in ihren theoretischen Artikeln ihre berühmten Waffengänge gegen den polnischen Sozialpatriotismus führte, gab Adolf Warski in meisterhafter Weise in seinen Leitartikeln die Analyse der sich ändernden politischen Situation in Polen, die Analyse ihrer treibenden Kräfte und Rosa Luxemburg wie Adolf Warski bekannten immer mit Freude, daß die Schärfe dieser Artikel, ihre scharfe Punktierung zum großen Teil immer auf die geistige Mitarbeit von Leo Jogiches zurückzuführen war. Das theoretische Organ der Partei war als Ganzes seines Geistes Kind.

Als die Revolution in Russisch-Polen begann und es unmöglich war, von Berlin aus die Partei zu leiten, übersiedelte Jogiches zuerst nach Krakau, dem literarischen Hauptquartier der Partei, von wo er oft illegal nach Warschau ging, um im Sommer des Jahres 1905 nach Warschau zu übersiedeln. Er wurde sofort zum Zentralpunkt der Partei. Ich hatte als Zwanzigjähriger das Glück, zum Teil sein literarischer Sekretär, zum Teil als junger Mitarbeiter diesem großen Organisator bei der Arbeit zuzusehen, und wenn die Revolution des Jahres 1905 mir zeigte, was revolutionäre Massenpolitik ist, so zeigte mir die Arbeit mit Jogiches, was es bedeutet, in der Revolution die Partei zu leiten. Jogiches dachte nicht nur scharf die Linien der Entwicklung, die kommenden Etappen der Bewegung durch, sondern er dachte in der konkretesten Form die nächsten Aufgaben der Partei durch. Er inspirierte nicht nur die politischen Kampagnen der Partei, mit denen er jedes Wort, daß in der Zeitung gedruckt wurde, verband, sondere er suchte immer die Horizonte der Organisatoren so zu erweitern, daß sie sich immer bewußt waren, welche organisatorischen Aufgaben die politische Situation an sie stellt. Auch jetzt, wo wir tägliche Organe hatten, deren Chefredakteur er war, schrieb er sehr wenig. Aber das, was er schrieb, war nicht geschrieben, sondern gemeißelt. Niemand, der die Revolution des Jahres 1905 mitgemacht hat, wird den Leitartikel an der Spitze der ersten Nummer der Warschauer »Volkstribüne« vom November 1905 vergessen, wo in zweihundert Zeilen sozusagen der Abriß der Geschichte des modernen Polens gegeben war, und aus ihm heraus mit Worten wie in Granit gemeißelt, die Aufgaben der Arbeiterklasse entwickelt wurden. Leo Jogiches war ein Meister der Verteilung der Kräfte der Partei. Er wußte jede Kraft zu benutzen, jedem wies er die Stelle zu, in der er am besten der Partei dienen konnte und jede Bemerkung, die er uns Jungen über unsere schriftstellerischen Anfänge machte, war eine politische Schule. Er zeigte uns immer, daß jede Zeile, die man schreibt, einem konkreten politischen Zweck dienen muß, daß die revolutionäre Journalistik keine Literatur, sondern der Kampf mit der Feder in der Hand sei. Und er zeigte, daß eine revolutionäre Zeitung nicht eine Sammlung von Artikeln und Notizen sein darf, sondern ein Kampforgan ist, dessen verschiedene Teile von verschiedenen Menschen fabriziert werden, aber alle einem konkreten Ziel dienen.

Und wie in der Zeitung, wie in der Parteileitung, so war er in der Organisation. Leider wurde er der Organisation im März 1906 entrissen. Er war zwar so konspirativ, daß nach einem Witz, der in Parteikreisen kursierte, er selbst nicht wußte, wo er wohne, trotzdem wurde er zusammen mit Rosa Luxemburg verhaftet. 24 Stunden nach seiner Verhaftung kriegte ich aus dem Sammelgefängnis des Warschauer Rathauses zwei Briefe. Einen Brief von einem Freunde, der erzählte, er habe Leo Jogiches auf dem Korridor des Gefängnisses getroffen, und Leo habe ihm sofort einen Skandal gemacht, als er erklärte, er sei nur deshalb verhaftet worden, weil er mit Freunden in einem Kaffeehaus zusammenkam; Leo sagte ihm, daß, wenn er nichts zu tun hätte, hätte er die Pflicht, sich auszuschlafen, um desto besser arbeiten zu können, aber nicht ins Kaffee zu laufen. So seufzte man unter Leos Tyrannei sogar im Gefängnis. Gleichzeitig bekam ich einen Brief von Leo Jogiches, in dem er über die ganze nächste Arbeit der Zeitung disponierte. Er erklärte mir geographisch, wo und in welcher Schublade irgend ein Material stecke, was mit dem Material zu geschehen habe, und vergaß am Schluß nicht, mich dafür verantwortlich zu machen, daß der Korrektor keinen Druckfehler im Blatt zurücklasse. In den vielen Monaten, wo Leo Jogiches hinter Schloß und Riegel saß, fragte ich mich bei jedem Artikel, den ich schrieb, wie würde Leo die Sache anzufassen raten. Leo Jogiches wurde nach strenger Isolierung in der Untersuchungshaft zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, wobei zur Strafverschärfung sehr viel seine stolze Haltung vor Gericht beigetragen hat. Als er ins Zuchthaus überführt wurde, erhielt einer unserer Genossen einen Besuch des Gefängniswärters, der Leo Jogiches zu bewachen hatte. Durch sein Verständnis für Menschenbehandlung hatte er den Zuchthauswärter so weit gebracht, daß dieser es unternahm, an seiner Befreiung mitzuarbeiten. Es wurden die notwendigen Schlüssel fabriziert, Leo kriegte Kleider eines Gefängniswärters und entsprang aus dem Zuchthaus. Er hatte als erste Zufluchtstätte die Wohnung eines mit der Partei sympathisierenden Arztes zugewiesen erhalten; als er aber sah, welche große Angst der Arzt hatte, schmiß er die Türe der Zufluchtsstätte hinter sich zu und kam unangemeldet auf die konspirative Wohnung, in der sich die Redaktion des Zentralorgans der Partei, der »Roten Fahne«, befand. Lachend sagte er uns, der Gedanke, der ihn von der Flucht zurückgehalten habe, sei nicht die Furcht davor gewesen, daß im Falle des Mißlingens sich seine Strafe mechanisch verdoppele, sondern, daß er unsere literarische Produktion von den vielen Monaten durchzulesen haben wird. Wir freuten uns so, daß er frei war, daß wir ihm diese Schnoddrigkeit nicht übelnahmen. Es gelang ihm, über die Grenze nach Berlin zu entkommen, wo er einstweilen verblieb. Auf dem Londoner Parteitag der russischen Sozialdemokratie, deren Teil die polnische war, wurde Jogiches in das Zentralkomitee der russischen Sozialdemokratie gewählt. Er übersiedelte nach Finnland, wo ich ihn nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis wiedersah. Wenn Leo Jogiches nachgesagt wurde, daß er kalt im Verhältnis zu den Genossen war, so ist das der Gegensatz zur Wahrheit. Er war im Kampf rücksichtslos und schonte dann auch seine früheren Freunde nicht; aber wer von den Freunden ihm menschlich nahestand, für den wußte er bis ins kleinste zu sorgen. Als ich nach Terjoki kam, sorgte er wie ein Vater für meine Einrichtung. Vergaß sogar nicht von Zeit zu Zeit mir Konfitüren zu bringen. Was ihn nicht störte, später in der Zeit der Spaltung der Partei zu versuchen, mir nach allen Regeln der Kunst das Genick zu brechen. Neben seinen starken Seiten, die ihm ein unsterbliches Blatt in der Geschichte des polnischen Sozialismus geben, hatte er natürlich als starke, rücksichtslose Natur auch ebenso starke Schattenseiten.

Weil er Unermeßliches zu leisten wußte, hatte er ein außerordentliches Machtgefühl. Die polnische Sozialdemokratie als Arbeiterbewegung hatte dank der Unterbrechung in ihrer organisatorischen Existenz durch die Arreste 1896 bis 1901 mit Ausnahme des Kreises der Gründer der Partei nur ganz junge Intellektuelle, denen Jogiches natürlich in jeder Hinsicht überlegen war. Wenn in der Partei Meinungsverschiedenheiten entstanden, und sich junge Intellektuelle zu Wortführern von Bestrebungen machten, die in der Organisation existierten, so übersah Jogiches, daß es nicht Marotten dieser jungen Genossen waren, die nicht genügend parierten, sondern daß die Differenzen in der Parteimitgliedschaft selbst basierten. Er sah in jeder Opposition in der Partei eine Rebellion gegen sich. Wenn dies schon in der Zeit der revolutionären Massenbewegung Friktionen schuf, so wurde es zur Quelle der Spaltung, als die Partei nach der Niederlage der ersten russischen Revolution vollkommen illegal wurde, in den unterirdisches Gängen fast erstickte. Die Differenzen kamen scharf zum Ausdruck schon auf dem illegalen Parteitag in Prag im Jahre 1908, dessen Zentralpunkt das ausgezeichnete Referat Leo Jogiches über die politische Lage und die politischen Aufgaben der Partei war. Diese Differenzen wurden noch verschärft, als nach unserer Flucht aus Finnland der Parteivorstand in Berlin lebte, und von hier aus die Leitung der legalen und illegalen Parteipresse, wie der Organisation in der Hand hatte. Wie sehr auch die Partei durch die Massenarreste, durch den Niedergang der Revolution geschwächt war, die Arbeiter haben sich in den Jahren der Revolution eine Selbständigkeit angewöhnt, die die Leitung der Partei von Berlin aus unmöglich machte und auch wir, die jungen Parteioffiziere, hatten inzwischen eine fünfjährige Erfahrung der Massenbewegung hinter uns. Die Diktatur einer noch so starken Persönlichkeit hatte sich überlebt. Leo verstand nicht nachzugeben. Der Kampf verschärfte sich immer mehr, nahm die erbittertsten Formen an, artete in die gröbsten persönlichen Anschuldigungen aus und endete mit der Spaltung der Partei im Jahre 1912. Der Kampf, der sich zwischen den beiden feindlichen Teilen der bisher wie ein Granitblock einheitlichen Sozialdemokratie Russisch-Polens und Litauens entspann, war politisch wenig fruchtbar; aber er zeitigte ein Resultat: obwohl alle Gründer der Partei auf seiten Leo Jogiches standen, obwohl auf seiner Seite die Autorität Rosa Luxemburgs stand, wurde er praktisch auf dem polnischen Boden geschlagen. Die Warschauer Arbeiter standen, wie es der Ausgang der Wahlen zu den Krankenkassen des Jahres 1914 zeigte, auf Seiten der sogenannten Spaltungsorganisation. In diesem Kampf ging es natürlich sehr tumultuarisch zu, aber heute hoch kann ich mich; darauf berufen, daß ich in meiner Abwehrbroschüre, in der ich in dem Kampf um meine politische Existenz ganz gewiß mit meinem früheren Lehrer und damaligen Hauptfeind nicht unsanft umspringen konnte, bedingungslos seine große historische Bedeutung für die Bewegung anerkannte. In dem Aufruf, der im Auftrage der Warschauer Organisation nach der Spaltung erschien, sagten wir unter anderem, Leo und seine Freunde hätten eine so große Aufklärungsarbeit unter dem polnischen Proletariat geleistet, daß es sich sogar durch sie nicht mehr irreführen lassen wird. Und weil wir eine so hohe Meinung von den Verdiensten und Fähigkeiten Jogiches hatten, waren wir gewiß, daß, wenn die sachlichen Streitpunkte durch die Entwicklung erledigt sein werden, wir mit ihm wieder zusammen arbeiten können. Es ist anders gekommen.

Der Krieg brach aus und Jogiches wurde durch seine Fronten von dem polnischen Proletariat getrennt. Er lebte in Berlin; aber das bedeutete nur, daß er seine Kräfte der deutschen Bewegung widmete. Solange Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht frei waren und die Opposition sich erst zu rühren begann, blieb er im Hintergrunde. Er half nur Liebknecht, Luxemburg, Mehring, Karski, sich über die Aufgaben, über die Lage zu orientieren. Die Stunde seiner Tat schlug, als Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hinter den Mauern des Gefängnisses verschwanden und inzwischen die oppositionelle Stimmung in der Arbeiterschaft wuchs. Leo Jogiches wurde zum Organisator des Spartakusbundes, und wenn diese Organisation während des Krieges immer wachsende Massen der Arbeiterschaft zur Aktion anspornte, wenn sie ein Netz der illegalen Verbindung auszubauen wußte, so war es zweifelsohne in erster Linie das Verdienst der Unerschrockenheit und der organisatorischen Fähigkeiten Leos. Seine Kenntnisse Deutschlands – er beherrschte vollständig die deutsche Sprache und kannte jede Einzelheit des deutschen politischen Lebens mindestens ebenso gut wie die führenden deutschen Genossen – erlaubten ihm, zwei Jahre lang während der größten Hatz illegal politisch zu wirken. Die politische Polizei wußte ausgezeichnet aus Zuflüsterungen von mehrheitssozialistischen Kreisen, daß irgend ein »geheimnisvoller Ausländer« der Hauptorganisator des Spartakusbundes war. Sie hetzte hinter ihm herum, während er genötigt war, nicht nur mit Hunderten von Genossen konspirativ zu verkehren, sondern sich sogar mit den Druckern herumzuschlagen, bei denen er den Spartakus druckte. Und wie ich später zu meiner Freude von Genossen, die ihm dabei geholfen haben, erfuhr, hat er sich so wenig geändert, daß bei seinen homerischen Kämpfen mit den Druckereibesitzern jede Mark mehr, mit der sie ihm bei dem Druck der geheimen Sachen übers Ohr hauen wollten, den Gegenstand stundenlanger Kämpfe bildete. Leo Jogiches war nämlich der Meinung, daß, wenn der Bourgeois des Profites wegen revolutionäre Schriften druckt, dies ihn noch nicht berechtigte, einen höheren Profit aus der Sache herauszuholen, als ihn ein anständiger Schieber auf andere Weise erlangen konnte. »Wir existieren doch nicht dazu, damit die Schweinekerle an uns reich werden«, erklärte er immer, wenn ihn die Freunde von der Verschärfung der Gegensätze zu den Druckern zurückhalten wollten. Es ist die Sache der deutschen Genossen, die mit ihm in dieser Zeit arbeiteten, von diesem Kampf zu erzählen. Ich hatte nur aus der Ferne in Zürich oder Stockholm die Möglichkeit, aus einem besonders scharf pointierten Aufruf oder Artikel im Spartakus festzustellen: hei, er lewet ja noch. Als die russische Revolution siegte, und es uns nicht gelungen war, eine persönliche Aussprache mit den Führern des Spartakusbundes herbeizuführen, wußten wir doch, daß Leo »frei« ist, und daß, was eine revolutionäre Partei in Deutschland machen kann, getan wird. Denn, wenn auch Leo Jogiches, der früher als Mitglied des Zentralkomitees der russischen Sozialdemokratie immer mit den Bolschewiki ging, später durch die Spaltung der Partei in Gegensatz zu ihnen geriet, so wußten wir, daß er seine Pflicht als internationaler Sozialist, den die Geschichte auf den verantwortungsvollsten Posten des Führers der ersten revolutionären Organisation des neuen auf den Schlachtfeldern entstehenden Deutschlands gestellt hat, erfüllen wird. Und als wir in Brest-Litowsk die Nachrichten von dem Januarstreik in Berlin bekamen, da waren unsere Gedanken bei Leo Jogiches. Da wußten wir, daß dort, allen Gefahren trotzend, die deutschen Genossen ein Mann beratet, der mit unseren Kämpfen mit allen Fasern seines Herzens verbunden war. Nach dem Januarmassenstreik gelang es der Polizei, Leo Jogiches habhaft zu werden und ihn bis zum Ausbruch der Revolution im Gefängnis zu halten, Anfang November 1918 kriegten wir durch Stockholm ein Telegramm, daß neben den Unterschriften von Luxemburg und Liebknecht die lakonische Unterschrift Leo trug. Und wieder sagten wir uns erfreut: da steht er wieder in der Werkstatt

Als ich nach Berlin kam, da waren es Lobhymnen und Verwünschungen, die ich über Leo Jogiches vernahm, der wieder einmal in seiner Löwentatze die ganze Parteiarbeit hielt und sich bei einem Teil der Partei tiefste Liebe und Verehrung erwarb, während die andern von seinen oft wenig sanften Manieren nicht sprechen konnten, ohne einen roten Kopf zu kriegen. Durch seine Zimmer im Büro des Spartakusbundes marschierte tagtäglich die ganze Partei durch. Jeder Delegierte von der Provinz wurde in diese Retorte gebracht und kam mit der Meinung je nach seinem Temperament heraus, daß entweder die Parteiorganisation sich in ausgezeichneten Händen befinde, oder daß sie unter einer Diktatur ächze. Würde die Kugel eines Noskeschergen nicht seinem Leben ein Ende bereitet haben, seine Kraftnatur bitte ganz gewiß noch einen schweren Kampf auszufechten, bis er verstanden hätte, daß eine breite revolutionäre Bewegung anders organisatorisch behandelt werden muß, als eine kleine illegale Partei.

Daß er sich an die Situation anzupassen begann, merkte ich sofort aus der neuen Art, wie er mir entgegenkam, als wir uns bei der Arbeit trafen. Er hatte schon gelernt, fremde literarische Persönlichkeiten au respektieren, und er würde ganz gewiß nach vielen Prügeln, die er selbst ausgeteilt und auch empfangen hätte, das Maß der Leitung anerkannt haben, das eine große Bewegung erträgt. Während der Januarunruhen wurde er verhaftet. Als er aus dem Gefängnis geflüchtet war, fand er Liebknecht und Luxemburg nicht mehr unter den Lebenden. Er sprach nichts darüber; aber jeder, der ihn nahe kannte, sah, wie sehr ihn der Schlag getroffen hatte. Wir haben, als ich als Vertreter des Zentralkomitees der russischen Kommunisten im Dezember in Berlin eintraf, kein Wort über unsere alten persönlichen Kämpfe gewechselt. Jetzt, angesichts der Leiche Rosa Luxemburgs, wo jeder, der mit der Geschichte der Sozialdemokratie Russisch-Polens verbunden war, sich vereinsamt fühlte, begann er sonderbar zögernd das Gespräch über die alten Kämpfe mit den Worten: »Rosa ist tot, wir müssen alle näher aneinander rücken.« ... Und als die Hetze gegen mich begann, und auf den Straßen die Plakate mit dem Preis auf meinen Kopf erschienen, suchte er mich mit allen Mitteln zu überreden, mich in eine stille Provinzstadt zurückzuziehen. Ich fragte ihn, ob er denn nicht für sich fürchte, es liege doch auf der Hand, daß die Sozialpatrioten, die seine Rolle ausgezeichnet kannten, jetzt die Waffen, mit denen sie Rosa und Karl umgebracht haben, gegen ihn richten würden. Er hoffte auf seine Kunst eines alten Konspirators und sagte mir mahnend: »Sie haben mir versprochen, meinen Nekrolog zu schreiben, ich möchte nicht den Ihrigen schreiben.« Das war unser letztes Gespräch in der Nacht vom 11. auf den 12. Februar. Am 12. Februar war ich verhaftet, und sechs Wochen später erfuhr ich aus einer Notiz der »Voss. Zeitung«, daß Jogiches bei einem »Fluchtversuch« aus dem Moabiter Kriminalgericht erschossen wurde. Jeder, der die eiserne Ruhe Jogiches kannte, wußte von vornherein, daß es eine Legende ist; daß die Agenten der Noskeregierung ihn erschossen haben, weil sie wußten, daß sie mit dem Hauptorganisator des Spartakusbundes zu tun hatten.

Leo Jogiches' Grab befindet sich auf deutschem Boden, und die deutschen Proletarier werden das Andenken bewahren an den Mann, der in ihrer schwersten Stunde, obwohl ihnen fremd von Nation, ihnen größere Treue bewahrte als Männer, die sich jahrzehntelang deutsche Arbeiterführer nannten. Sie werden an ihn denken, als den Mann, der in der Nacht der schwärzesten Reaktion die Erfahrung eines kampfreichen Lebens in ihren Dienst gestellt hat, der ihnen geholfen hat, ihre erste Kampforganisation zu bauen. Aber wie sehr wir polnischen und russischen Kommunisten uns eins fühlen mit der deutschen kommunistischen Bewegung, so werden wir, wenn einst die polnischen Arbeiter ihren Boden von dem Parasitenpack befreit haben, die deutschen Arbeiter bitten, uns doch einen der beiden Großen, die aus der polnischen Bewegung herausgewachsen, ein Leben lang zusammen im Kampfe standen – Leo oder Rosa – zurückzugeben. Der Gedanke gebärt die Tat; aber die Tat ist näher der Erde als der Gedanke und deshalb gehört Leo Jogiches der polnischen Erde, die er als Organisator der polnischen Sozialdemokratie tief durchpflügt hat Rosa Luxemburg ist nicht auf polnischem Boden groß geworden. Sie ist ein Kind deutscher Geisteskultur. Sie gehört der internationalen Arbeiterklasse. Ihr Freund Leo ist in den Kämpfen des polnischen Proletariats, an seiner Spitze groß geworden, und so werden die deutschen Genossen ihn uns gönnen müssen, damit wir einst ihm ein Denkmal stellen können auf den Abhängen der Warschauer Zitadelle, wo die Gebeine seines Freundes Martin Kapschack ruhen, des Mannes, der sein Vorläufer in der Organisation der polnischen Arbeiterklasse war. Wir aber, die wir mit ihm zusammengearbeitet haben, werden ihm nicht nur als großen revolutionären Kämpfer ein liebevolles Andenken bewahren, sondern als den Menschen, der »kein ausgeklügelt Buch«, sondern »ein Mensch mit seinem Widerspruch« war. Aber ein großer Mensch »nimmt alles nur in allem«, wie es bei einem großen Menschen notwendig ist.

März 1919.