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Werke des Mengzi | |
|---|---|
| Autor*in | Mengzi |
| Verlag | Eugen Diederichs Verlag |
| Veröffentlicht | 1921 |
| Quelle | https://projekt-gutenberg.org/authors/mong-ds/books/werke/ |
Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm
Eugen Diederichs Verlag Jena 1921
Drittes bis fünftes Tausend
Vorrede
Mit den Aufzeichnungen des Mong Dsï folgt aus der konfuzianischen Literatur, nach den Gesprächen des Kung nunmehr das zweite der sogenannten »vier Bücher«. Nach mancherlei Erwägungen habe ich mich doch zu einer vollständigen Übersetzung entschlossen, da die Bedeutung des Werkes in China groß genug ist, um eine vollständige Übersicht als wünschenswert erscheinen zu lassen. Diese Übersetzung ist die erste vollständige deutsche Übersetzung.
Durch Gunst der Verhältnisse, die in Tsingtau eine Reihe der bedeutendsten chinesischen Gelehrten zusammenführten, bekam ich Gelegenheit, für meine Übersetzung nicht nur die wichtigsten schriftlichen Quellen zu Rate zu ziehen, sondern auch mündliche Anregung des früheren Leiters der Pekinger Reichsuniversität, Herrn Lau Nai Süan's, mir zunutze machen zu können. So ist zu hoffen, daß diese Übersetzung wirklich das Verständnis des Mong Dsï vermittelt, das heute in China vorhanden ist.
Die Werke des Mong Dsï bestehen aus zwei Teilen: den ersten drei Büchern, die eine Art Memoiren denkwürdiger Gespräche mit Fürsten enthalten und hauptsächlich über die Fragen der Staatsregierung handeln, und die letzten vier Bücher, die Aphorismen über alle möglichen Gebiete des Lebens enthalten. Der europäische Leser findet sich vielleicht besser in das Gedankenleben des chinesischen Meisters, wenn er die Lektüre mit den hinteren Büchern beginnt und von da aus erst zu den Stücken der ersten Hälfte übergeht. –
Einleitung
Unter den Vertretern der Lehre des Kung Dsï ist weitaus der berühmteste Mong Ko (meist Mong Dsï = Philosoph Mong genannt, woraus in Analogie zu der latinisierten Form Konfuzius der heute in Europa übliche Name Menzius geformt wurde). Obwohl zeitlich von dem Meister entfernt, so daß er in keine persönliche Berührung mit ihm kam, hat er dessen Lehren in Zeiten des Niedergangs mit großer Energie durchgesetzt. Man kann sein Verhältnis zu Kung mit dem des Paulus zu Jesus vergleichen. In diesem Vergleich liegt zugleich eine Wertung, die von der in Europa häufig üblichen abweicht. Mong Dsï ist Epigone, aber eben deshalb geht er mehr auf Detailfragen ein als Kung Dsï. Er ist rhetorischer, dialektischer. Darum kommt er dem europäischen Geschmack in vielen Dingen näher. So kann es nicht Wunder nehmen, daß er von europäischer Seite vielfach als der Genialere betrachtet worden ist, der noch über Kung zu werten sei. Der englische Missionar Legge, der die Worte des Mong Dsï mit vielem Fleiß ins Englische übersetzt hat, gibt dieser Stimmung mit unübertrefflicher Naivität Ausdruck, indem er Mong Dsï für bewundernswerter als Kung Dsï erklärt – freilich um dann nachträglich ein Stück der Bewunderung nach dem andern wieder abzutragen. Der chinesische Vergleich trifft wohl dem Wesen nach eher das Richtige, der Kung Dsï dem milden, unauffälligen, erst eingehender Betrachtung sich offenbarenden Glanz des Nephrits vergleicht, während Mong Dsï dem klar-durchsichtigen Bergkristall entspreche.
Mong Dsï war der Sohn seiner Zeit. Ein Zeitgenosse des Dschuang Dsï, mit dem er auch an literarischem Besitz vieles gemeinsam hat, hat er auf anderen Wegen als jener weltflüchtige Mystiker nach Rettung für die Menschheit gesucht. Während Dschuang Dsï diese Rettung in gänzlichem Verzicht auf die Kultur sieht, sucht Mong Dsï sie in der Reform und der Wiederherstellung der echten Kultur, wie sie durch Kungs Arbeiten aus dem Altertum gerettet war. In diesem Streben übernahm er den von Kung geschaffenen Beruf des Lehrers der Fürsten. Aber die Zeiten waren inzwischen andere geworden. So machte sich auch in des Mong Dsï Handlungsweise eine Änderung nötig.
Zu Kungs Zeiten waren die staatlichen Verhältnisse noch so weit in Ordnung, daß jedermann ohne weiteres sein geregeltes Einkommen hatte. Obwohl daher Kung auf seinen Wanderungen manche Schwierigkeiten und Nöte zu bestehen hatte, war die Frage seines Lebensunterhalts nie in die Erscheinung getreten. Er hatte sein gesichertes Einkommen, von dem er und seine Schüler lebten. Das war später anders geworden. Der Privatbesitz hatte sich mehr entwickelt. Nur die Beamten und die Untertanen der einzelnen Staaten hatten mehr oder weniger feste Einkünfte. Der freie Beruf des Lehrers der Fürsten, dem Mong Dsï ebenso wie viele sophistische Zeitgenossen huldigte, war auf Gaben und Geschenke freigebiger Mäzene unter den Fürsten angewiesen. Mong Dsï empfand diese Abhängigkeit äußerst drückend und tat, was in seinen Kräften stand, um seine Würde zu wahren und Abstand zu halten von den Wanderphilosophen, die gegen Geld die Höfe zu unterhalten wußten.
Aus diesen Verhältnissen erklärt sich manche herbe Seite in Mong Dsïs Wesen. Je schwieriger es war, diesen Abstand zu halten, desto mehr mußte er Äußerlichkeiten betonen, und so kam er oft in Situationen, wo sein Stolz fast die Form der Wunderlichkeit annimmt.
Ein anderer Zug hängt damit zusammen. Während Kungs ganze Art sich durch eine feine Zurückhaltung und bescheidene Güte auszeichnet, die ihn so liebenswert machen, ist Mong Dsï seiner ganzen Stellung nach auf den Kampf angewiesen. Daher das Pathetisch-rhetorische in seinen Reden, die Disputationen mit Andersdenkenden, die selbstbewußten Äußerungen, die Schärfe und Härte, mit der er seine Feinde verurteilt und brandmarkt, aber auch die durchsichtige Klarheit und Ausführlichkeit, die nichts für sich zurückbehält, sondern alles ausspricht, was zur Stützung und Darlegung der eigenen Lehren dient. Daher ferner auch die opportunistische Anpassung an die Situation, die unter Umständen die höchsten Maßstäbe aus dem Auge läßt, um das praktisch Erreichbare zu erreichen.
So ist er vernünftig und klar, dialektisch gewandt, oft nicht ohne Humor, immer bereit mit Zitaten aus der »heiligen Schrift«, mit Gleichnissen und erläuternden Geschichten, so daß man – das Interesse für seine Probleme vorausgesetzt – immer angeregt wird. Freilich die ästhetischen Höhen des Kung Dsï erreicht er dabei nicht. Während Kung nach Anhören der alten Musik so hingerissen war, daß er Essen und Trinken darüber vergaß, läßt sich Mong Dsï gelegentlich zu dem Ausspruch hinreißen, die alte und die leichte neue Musik kämen aufs gleiche hinaus; beide belebten ja die sozialen Seiten des menschlichen Gemüts. In solchen und ähnlichen Situationen hat die Philosophie des Mong Dsï etwas Robustes an sich, etwas vom gesunden Menschenverstand. Aber trotz alledem hat er sich auf moralischem Gebiet niemals eine Konzession zuschulden kommen lassen. Hier ist er echt und ganz und darf sich würdig seinem Meister zur Seite stellen.
Über sein Leben sind wir nicht so gut unterrichtet, wie über das des Kung. Die Nachrichten[1] widersprechen sich vielfach. Was wir mit einiger Sicherheit feststellen können, ist folgendes:
Mong Dsï, mit dem Vornamen Ko, ist in dem kleinen Staate Dsou im Jahre 372 geboren. Er stammt aus dem bekannten Adelsgeschlecht Mong Sun, das zur Zeit des Kung Dsï im Staate Lu zu den drei herrschenden Familien gehörte. Das Geschlecht hatte jedoch mit der Zeit an Einfluß verloren, und es hatte sich ein Zweig der Familie in dem südlich von Lu liegenden Dsou niedergelassen. In früher Jugend schon verlor er den Vater. Doch war seine Erziehung bei seiner edlen Mutter in den denkbar besten Händen. Die Geschichten, wie sie zweimal den Wohnplatz gewechselt, um eine Umgebung zu finden, die den Spielen des Sohnes ein gutes Vorbild zeige, und wie sie das Gewebe auf dem Webstuhl zerschnitten, als ihr Junge einst in der Schule keine Fortschritte gemacht, sind in China bis auf den heutigen Tag allbekannt. Daß Mong Ko den Unterricht des Enkels von Kung, Dsï Sï, genossen, ist schon wegen des zeitlichen Abstandes ausgeschlossen. Möglich ist die Angabe,[Anmerkung 1] daß er beim Sohne des Dsï Sï gelernt habe. Küfu, der Heimatort der Familie Kung, ist ja von Mongs Geburtsort Dsou nicht weit entfernt.[Anmerkung 2]
In seinem Eheleben scheint er – ähnlich übrigens wie Kung Dsï – wenig gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht aus der Geschichte hervor,[Anmerkung 3] daß er einst, im Begriff in sein Zimmer zu treten, seine Frau nackt habe darin sitzen sehen. Davon war er so unangenehm berührt, daß er sich von ihr scheiden lassen wollte. Seine Mutter verstand es übrigens, die Sache wieder ins Reine zu bringen, indem sie ihm zu Gemüte führte, daß der eigentliche Fehler auf seiner Seite liege, da er – entgegen den Vorschriften guter Sitte – ohne sich vorher bemerklich zu machen, ins Haus eingetreten sei, so daß seine Frau keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen, gehabt habe.
Als er seine Ausbildung vollendet hatte, bekam er bald auch selbst Schüler. Der erste, von dem berichtet wird, ist Yo Dschong Ko, den sein neunzigjähriger Großvater ihm zusandte, damit er von den mancherlei Gaben der Jünger Kungs vielleicht das eine oder andere sich aneignen könne. Einer Überlieferung[2] nach kam Mong einst mit seinen Jüngern durch Gü, wo eine Lehrhalle des Jüngers von Kung, Dsong Schen, noch zu sehen war. Er stieg empor und spielte die Zither und sang. Und seine Jünger stimmten ein, also daß die alten Leute von Gü sagten: »Schon lange haben wir nicht mehr solche Töne gehört; das ist wirklich ein Jünger des Heiligen.«
Doch war es nicht die Absicht des Mong Dsï, sich auf diese Lehrtätigkeit zu beschränken. Er fühlte vielmehr das Bedürfnis, tätig einzugreifen in den Weltlauf. Gerade da ihm sein Selbstbewußtsein[Anmerkung 4] sagte, daß er die wichtige Aufgabe zu erfüllen habe, die Lehren seines verehrten Vorgängers Kung Dsï in die Welt einzuführen, mußte ihm besonders viel daran liegen, einen Weg zu finden, um, sei es auch nur indirekt als Ratgeber eines Fürsten, zu Macht und Einfluß zu gelangen. Er sah die Zeit für besonders günstig an, um eine neue Ordnung der Dinge durchzuführen. Die alte Dynastie der Dschou, die Kung Dsï immer noch zu stützen gesucht hatte, war unwiederbringlich zusammengebrochen. Ein neues Geschlecht mußte an ihre Stelle treten. Im Vergleich mit den Schwierigkeiten, die Wen, der Begründer des Kaiserthrons der Dschou, gehabt hatte, schien die Gründung eines neuen Reiches leicht. König Wen hatte sich der geschlossenen Macht des alten Kaiserhauses gegenüber gesehen, er selbst gestützt nur auf eine kleine, zwar wohl verwaltete, aber abgelegene und unbedeutende Hausmacht. Auf Seiten der alten Kaisermacht stand noch die Autorität bedeutender Ahnen, die noch nicht weit zurücklagen, und guter Diener, die auch dem Tyrannen Dschou-Sin noch zur Seite standen. Mong Dsï sah, daß zu seiner Zeit die Verhältnisse weit günstiger lagen. Es gab eine Reihe wohl abgerundeter, militärisch mächtiger Staaten, die eine weit bessere Unterlage für eine Universalmacht abgegeben hätten als der kleine Staat, auf den die Dschou sich einstens stützen konnten. Andererseits lag die Zentralregierung vollkommen ohnmächtig zu Boden. Keinerlei Autorität stützte sie mehr. Lange Zeit war vergangen, seit der letzte Heilige auf dem Thron ins Grab gesunken war. Was die Fürsten trieben, war seit Jahrhunderten nur Gewaltpolitik gewesen, auf Kosten der eigenen und fremden Untertanen. Da mußte es leicht sein, die alten heiligen Grundsätze, die Frieden auf Erden gaben, wieder durchzuführen. Ein Hungriger ist leicht zu sättigen. Seit langem hungerte und dürstete alles Volk auf Erden nach einem gütigen Fürsten. Trat einer auf, so mußte es den Leuten zumute sein, wie einem, der an den Fersen aufgehängt ist, wenn man ihn befreit. Alles Volk würde ihm zuströmen, niemand würde es hindern können. Es galt nur den Versuch. War erst ein Fürst gefunden, der auf seine Worte hörte, so kam alles andere mit Notwendigkeit von selbst.
So trat Mong Dsï in den zweiten Abschnitt seines Lebens ein: die Wanderzeit. Es ward ihm nicht so leicht, wie die Verhältnisse es hatten scheinen lassen. Denn woran es fehlte, das war eben ein Fürst, wie er ihn brauchte. Die Fürsten der Zeit waren alle in ganz anderen Richtungen begriffen. Wie es Sï-Ma Tsiän berichtet: der Militarismus und ein kompliziertes System von Bündnissen und Gegenbündnissen war an der Tagesordnung. Es strebten alle nach Macht. Wohl ließ man sich die Lehren des Altertums als Verzierung des Lebens gerne gefallen. Wie in der Renaissancezeit Italiens gehörte es auch damals in China mit zum notwendigen Bestand eines angesehenen Staates, daß man sich einen Stab von Gelehrten hielt, die durch ihre anregenden Gespräche, durch ihre gegenseitigen Widerlegungen und Redekämpfe, wobei es an sophistischen Wortspielereien nicht fehlte, den Hof zu unterhalten wußten. Diese Weisen zogen von Hof zu Hof, je nachdem es Zeit und Umstände günstig erscheinen ließen. Eine sehr bittere, aber anschauliche Schilderung dieser Zustände gibt Dschuang Dsï X, 3:
»Heutzutage ist es soweit gekommen, daß die Leute die Hälse recken und sich auf die Zehen stellen und zueinander sprechen: ›An dem und dem Platz ist ein Weiser.‹ Sie nehmen Reisezehrung auf den Weg und eilen hin, indem sie ihre Familien und den Dienst ihrer Herren im Stiche lassen. Fußspuren führen über die Grenzen der verschiedenen Länder, und Wagengeleise ziehen sich über Tausende von Meilen hin. An all dem trägt die Schuld, daß die Fürsten die Erkenntnis hochschätzen ... So geht es nun seit Anbeginn der Weltgeschichte: man vernachlässigt das einfache, arbeitsame Volk und ergötzt sich am Geschwätz unruhiger Köpfe. Man wendet sich ab vom anspruchslosen Nichthandeln und ergötzt sich an gleißenden Ideen. Durch diese Gleißnerei kommt die Welt in Unordnung.«
Es war eine Zeit von ungemein bewegtem geistigen Leben, voll von Vorurteilslosigkeit. Ungebunden von jeglicher Tradition wurden die Probleme aufgenommen und gelöst. In vieler Hinsicht findet man verwandte Züge mit der gleichzeitigen griechischen Sophistik. Aber nicht nur philosophische Spekulationen pflegten diese Wanderphilosophen, sondern man trieb auch praktische Philosophie. Man machte die Anwendung seiner Theorien auf die Regierung und die Politik. Oft glückte einem Philosophen, der den nötigen gesunden Menschenverstand hatte, ein Rat. Er wurde reich belohnt und vertauschte den Beruf des Weisen mit dem des Staatsmanns. Su Tsin und Dschang J, die beiden berühmtesten Politiker der damaligen Zeit, die Begründer der beiden großen Bündnissysteme, die wie im modernen Europa die Staaten zu einer nord-südlichen und einer ost-westlichen Gruppe zusammenschlössen, waren beide Schüler des Meisters vom Dämonental (Gui Gu Dsï), dem sie ihre Weisheit verdankten. Alles in allem wird man aber wohl sagen können, daß selten der Dilettantismus einen solchen Einfluß auf die Politik gehabt hat – zum mindesten, was den äußeren Schein betrifft – als in dem China der damaligen Zeit.
Mong Dsï war gesonnen, aktiv in diese Bewegungen einzutreten. Allerdings mit dem stolzen Selbstbewußtsein, daß er der Welt etwas anderes zu bringen habe als scharfsinnige Gedankenkunststücke. Er wollte nichts geringeres als die Wiederherstellung des alten Ideals: »Friede auf Erden« durchsetzen. Nach seiner Überzeugung war dieses Ideal ohne weiteres zu verwirklichen, wenn man die Methoden der Heiligen der Vorzeit, wie sie zuletzt Kung Dsï zusammengefaßt und begründet hatte, anzuwenden entschlossen war. Es gab daher für ihn im Prinzip keine Konzession. Den Grundsatz, einen Fußbreit krumm zu machen, um hundert Fuß gerade zu machen, hat er nicht anerkannt.
Bald gab sich Gelegenheit zur Anwendung seiner Grundsätze. Im Jahre 322 nämlich hatte der König Hui von We ein Ausschreiben erlassen, das in sehr ehrerbietigen Ausdrücken und unter Verheißung großer Belohnung Weise an seinen Hof zu ziehen suchte. Der Staat We war einer der drei Staaten, in die sich der alte Staat Dsin aufgelöst hatte. Die Zersplitterung des Staates Dsin in die drei Teilstaaten Dschau, Han und We fand mit kaiserlicher Genehmigung im Jahre 403 statt. Damit begann eine neue Periode in der chinesischen Geschichte, die Zeit der streitenden Reiche, die bekanntlich mit der Aufsaugung der übrigen durch den halbbarbarischen Staat Tsin endigte. In jener Kampfzeit hatte der Staat We, nach seiner Hauptstadt auch Liang genannt, viel zu leiden. Unter dem Fürsten Hui, der nach Vereinbarung mit dem Staate Tsi den Königstitel angenommen hatte, erlitt der Staat mehrere große Niederlagen, bei denen der Kronprinz in Gefangenschaft geriet, der Feldherr getötet wurde und große Gebiete abgetrennt wurden. Das war der Grund für jenes Ausschreiben des Königs, dem außer Mong Dsï auch noch einige andere Philosophen folgten. Die Gespräche, die Mong Dsï mit dem König, dem guter Rat teuer war, geführt hat, sind im ersten Buch der Werke des Mong Dsï reproduziert. Andere Quellen geben eine zum Teil abweichende Darstellung. So wird zum Beispiel von einer Seite[Anmerkung 5] der Inhalt der Gespräche, die nach Mong Dsï I B, 15 mit dem Fürsten Wen von Tong geführt worden sind, ebenfalls als auf den König Hui bezüglich erwähnt. Als er nämlich gefragt habe, was sich tun lasse, da Tsin große Gebiete von We annektiert habe, da habe Mong Dsï erwidert: »Als der große König in Bin wohnte, haben ihn die Di-Barbaren angegriffen. Er brachte ihnen Tribut von Edelsteinen und Seidenstoffen dar, aber es half nichts. Der große König wollte nicht seine Leute zu Schaden kommen lassen, darum verließ er Bin und siedelte sich am Fuß des Berges Gi an. Wollt Ihr, o König, nicht auch Liang verlassen.« Der König Hui war über diese Antwort mißvergnügt.
Kein Wunder, daß der König Hui nichts mit den Ratschlägen des Mong Dsï anzufangen wußte. Das war es nicht, was er gewollt hatte. So gibt er ihm denn mehrfache Gelegenheit, seine Meinung auszusprechen, was dieser denn auch mit aller Schärfe tat. Aber es kam zu keinem Erfolg dieser Reden. Kurz darauf starb der König Hui. Sein Nachfolger Siang war, wie Mong Dsï sich bald überzeugen mußte, nicht von der Art, daß sich etwas von ihm erhoffen ließ. Mong Dsï fällte ein sehr absprechendes Urteil über ihn. Schon nach der ersten oder zweiten[Anmerkung 6] Audienz gab Mong Dsï die Sache auf und zog sich aus Liang zurück. Der König Siang befürchtete, daß er ähnlich wie manche anderen Wanderphilosophen der Zeit nach einem anderen Staate gehen werde, um dem Staate Liang zu schaden. Das Beispiel des Dschang J, der von We nach Tsin übergegangen war, war noch in frischer Erinnerung. So schickte er ihm denn einen Boten nach, um ihn zurückzuhalten. Mong Dsï ließ sich jedoch von seinem Entschluß nicht abbringen: »Danket dem König in meinem Namen und saget ihm, daß ich die Freundlichkeit, die mir sein Vater erwiesen, niemals vergessen werde.« Mit diesen Worten verneigte er sich zweimal, bestieg den Reisewagen und fuhr davon.[3]
Zu jener Zeit hatte der König Süan von Tsi eben die große Akademie am Dsï Men[Anmerkung 7] eingerichtet, für die er aus allen Gegenden berühmte Weise zu gewinnen suchte. Dahin wandte sich Mong Dsï. Ober die Persönlichkeit des Königs Süan ist uns nicht viel bekannt. Man kann sich aber aus den Werken des Mong Dsï ein ungefähres Bild von ihm machen. Er hatte etwas Großartiges in seinem Wesen, war nicht ohne edle Regungen. Impulsive Züge eines guten Herzens finden sich bei ihm, wie die Geschichte zeigt, die Mong Dsï gelegentlich erwähnt,[4] daß er Mitleid gehabt habe mit einem Ochsen, der zum Opfern geführt wurde. Auch die Vorliebe für die Gelehrten, die er mit wahrhaft mediceischer Freigebigkeit in die Tat umsetzte, zeigt das Vorhandensein eines Strebens nach Höherem; auch wird man sagen dürfen, daß er Mong Dsï während der ganzen Zeit von dessen Anwesenheit in Tsi durchaus liberal behandelt hat. Dennoch war er zu sehr in den Traditionen seines Hauses, das die Herrschaft durch Usurpation errungen hatte, befangen, als daß er weitergehende Gesichtspunkte höherer Art gehabt hätte. Seine Ideale beschränkten sich darauf, es den berühmten Fürsten der letzten Jahrhunderte, einem Huan von Tsi oder Wen von Dsin, gleichzutun. So hatte denn Mong Dsï nicht eben die günstigste Persönlichkeit für seine Zwecke an ihm gefunden. Es wird erzählt,[5] daß er dreimal zur Audienz beim König war, ohne über Politik zu reden. Er habe geäußert, er müsse erst die falschen Meinungen des Königs durch stillen Einfluß bekämpfen. Er selbst hat bei seinem
Weggang von Tsi geäußert, es sei keineswegs seine Absicht gewesen, so lange da zu bleiben.[6] Vielmehr habe er sich nur gezwungen durch des Königs Entgegenkommen zum Bleiben entschlossen, immer bereit zu gehen, wenn es die Verhältnisse erforderten.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch persönliche Erwägungen mitsprachen, um ihn zum Bleiben in Tsi zu veranlassen. Seine Mutter, die er so sehr verehrte, war hochbetagt. So mußte es für ihn wünschenswert erscheinen, nicht allzu weit von seiner Heimat – Dsou und Tsi sind Nachbarstaaten – seiner Mutter ein gesichertes Auskommen[Anmerkung 8] bieten zu können. Dennoch hatte er auch für den Staat große Hoffnungen. Seinen Jüngern, die die Hoffnung aussprachen, daß, da er Einfluß in Tsi habe, wohl gar die Zeiten der berühmten Kanzler Guan Dschung, der dem Herzog Huan zur Seite stand, und Yän Ying, der dem Herzog Ging zu Kung Dsïs Zeit die Regierung führte, wiederkehren könnten, erwiderte er: »Gestützt auf Tsi die Herrschaft der Welt zu erlangen, wäre im Handumdrehen möglich.« Die Schüler fragten weiter: »Wenn es also ist, regt Euch das nicht im Innern auf?« »Nein,« sagte Mong Dsï, »seit meinem vierzigsten Jahre habe ich die Ruhe der Seele erreicht.«
Dieser Gemütsruhe bedurfte er in der Folge sehr nötig. Denn es gab manchen Konflikt bei Hofe. Eines Tages hatte er dem König Vorstellungen gemacht, worüber dieser mißvergnügt war. Seinen Jüngern gegenüber äußerte sich Mong Dsï über den Vorfall: »Wenn man heutzutage einem Fürsten Vorstellungen macht: gleich ist er mißvergnügt. Wissen diese Leute denn nicht, daß das Gute gut ist?« Der Schüler machte eine Bemerkung, worauf Mong Dsï fortfuhr: »Wenn Blitz und Donner toben, Bäume zerspellen und den ganzen Erdkreis in Schrecken versetzen, so können sie doch nicht machen, daß ein Tauber auch nur das mindeste hört; wenn Sonne und Mond scheinen und den ganzen Erdkreis erleuchten, so können sie doch nicht machen, daß ein Blinder auch nur das mindeste sieht. Diesen Tauben und Blinden gleichen unsere Fürsten von heute.«
Auch seiner Mutter gegenüber ließ er es einst merken, daß er unter den Verhältnissen litt. Als seine Mutter ihn fragte,[7] was er habe, brach er los: »Es heißt, ein anständiger Mensch halte darauf, daß er eine seiner Würde entsprechende Stellung inne habe und nicht aus niedriger Habsucht nach Lohn geize. Nun hat man in Tsi kein Bedürfnis nach der Wahrheit, und ich möchte gehen, aber du bist alt, Mutter, so kann ich's um deinetwillen nicht. Das macht mich traurig.« Die Mutter sprach: »Die Sitte will es, daß eine Frau sich keine unbedingte Herrschaft anmaßt, sondern sich zu fügen weiß.[Anmerkung 9] Du bist erwachsen, ich bin alt. Tu du, was deine Pflicht ist; ich werde tun, was die Sitte von mir verlangt. Warum traurig sein?«
Noch ehe aber Mong Dsï zu einem Entschluß gekommen war, starb die Mutter. Mong Dsï war untröstlich. Drei Tage lang nahm er nichts zu sich und weinte ununterbrochen. Seine Jünger redeten ihm zu: »Seit alters ist es üblich, daß man mit fünfzig Jahren bei der Trauer auf seine Gesundheit acht hat.« »Was redet ihr von fünfzig Jahren,« fuhr Mong Dsï auf, »meine Mutter ist tot, und ich fühle mich verwaist wie ein Kind.«
Diese aufrichtige Trauer scheint übrigens auf weite Kreise ihres Eindrucks nicht verfehlt zu haben. Ein Anhänger des Mo Di, jenes nüchternen Philanthropen, kam, um sein Beileid zu bezeigen Als er den Mong Dsï in Tränen aufgelöst sah, da nahm er sich's zu Herzen: »Nun weiß ich erst, wie die Art der Heiligen ist.« Er wandte sich von der Schule des Mo Di ab und trat zu der Gemeinde des Kung Dsï über.[8]
Da die Familie Mong ursprünglich ihren Heimatsitz im Staate Lu hatte, wo auch wohl noch das Erbbegräbnis lag, so begab sich Mong Dsï zur Bestattung seiner Mutter nach diesem Staate. Unter Beihilfe seiner Jünger vollzog er alle Beerdigungsgebräuche mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, ohne Mühe und Kosten zu scheuen. Nach altem Brauche blieb er drei Jahre lang allen Geschäften fern, am Grabe der Mutter der Trauer pflegend. Gegen Ende dieser Zeit, im Jahr 314, kam in Lu ein neuer Fürst auf den Thron, der unter dem Namen Ping bekannt ist. Es scheint, daß es dem Schüler Yo Dschong Ko gelang, eine einflußreiche Stellung bei Hofe zu bekommen. Mong Dsï scheint große Hoffnungen auf dieses Ereignis gesetzt zu haben.[9]
Er konnte vor Freude nicht schlafen, als er die Nachricht hörte. Und in der Tat bemühte sich Yo Dschong Ko auch, den Fürsten von Lu mit Mong Dsï zusammenzubringen. Er redete mit dem Fürsten über Mong Dsï, daß er von sich aus[Anmerkung 10] sich dem Einfluß des Konfuzius geöffnet habe, so daß er Geisteskraft besitze, um den Zeitgenossen zu helfen, die Bürger zu fördern, und Methoden habe, um die Regierung der Staaten sittlich zu gestalten. Der Fürst ließ sich daraufhin bereit finden, Mong Dsï einen Besuch zu machen. Doch erhoben sich dagegen die niederen Kreaturen, die für ihre Existenz befürchteten, wenn der Fürst sich dem Ernst des Lebens zuwenden würde. Ein Günstling namens Dsang Tsang[10] wußte die Sache zu hintertreiben. Er redete dem Fürsten vor, daß Mong Dsï seine Mutter viel prächtiger bestattet habe als seinen Vater, und der Fürst ließ sich durch Ihn bestimmen, von dem Besuch bei Mong Dsï abzusehen. Natürlich war es nicht das Gewicht der vorgebrachten Gründe, die an sich sehr fadenscheinig waren, das den Fürsten bestimmte. Viel eher eine Art Beschämung. Der Fürst hatte unter Einwirkung des Yo Dschong Ko halb heimlich einer edlen Regung nachgegeben. Ohne jemand etwas zu sagen, wollte er den Weisen aufsuchen. Da sah er sich nun ertappt von dem Genossen seiner Laster, und dessen Einfluß gewinnt wieder die Oberhand über den sinnlichen Fürsten. Mong Dsï aber sieht in dem Vorfall nicht das kleinliche Spiel von Zufällen, sondern den Willen Gottes. So verläßt er Lu, abermals um eine Hoffnung ärmer.
Neunundfünfzig Jahre alt war er inzwischen geworden, als er seine Schritte nach dem Staate Tsi zurücklenkte. Der König Süan kam ihm abermals sehr freundlich entgegen. Mong Dsï wurde zum Königlichen Ratgeber[Anmerkung 11] ernannt. Gerade um jene Zeit waren in Yän, dem nördlichen Nachbarstaat von Tsi, in der heutigen Provinz Tschïli, Unruhen ausgebrochen. Der dortige Fürst, ein törichter Schwächling, war mit seinem Sohne, dem Thronfolger, zerfallen und in die Hände seines Kanzlers geraten, der die Schwäche seines Herrn ausnützte, um ihm die Zügel aus den Händen zu nehmen. Er ließ durch befreundete Wanderlehrer dem Fürsten zureden, daß er das Beispiel der alten heiligen Herrscher befolge, wenn er unter Übergehung seines Erben sein Reich dem Würdigsten, dem Kanzler abtrete. Die Folge dieser Torheit auf der einen und Gemeinheit auf der andern Seite war gänzliche Verwirrung der öffentlichen Verhältnisse.
Der König von Tsi hielt den Zeitpunkt zum Eingreifen in die Angelegenheiten des nördlichen Nachbarstaates für geeignet. Unter der Hand ließ er auch den Mong Dsï um seine Meinung in der Sache fragen. Dieser redete unbedenklich zu: der König von Yän sowohl wie der Minister Dsï Dschï hätten ihre Kompetenzen überschritten bei dieser gesetzwidrigen Übertragung der Staatsgewalt.[Anmerkung 12]
Darauf wurde eine kriegerische Aktion eingeleitet. Die Truppen des Königs von Tsi fanden keinerlei nennenswerten Widerstand, so daß in ganz kurzem der König von Tsi im Besitz des Landes war, dessen König und Minister beide[11] bei dieser Invasion ums Leben kamen.
Abermals zog der König Süan den Mong Dsï zu Rate, als es sich nun um die Frage handelte, ob Yän von Tsi annektiert werden solle. Mong Dsï macht die Entscheidung von der Volksstimmung in Yän abhängig. Das Altertum biete Beispiele für die entgegengesetzten Entschließungen, je nach der in der Bevölkerung vorhandenen Gesinnung. Habe der König das Volk von Yän bei einer Annexion auf seiner Seite, so könne er sie unbedingt wagen. Andernfalls sei davon abzuraten. Der König entschloß sich für die Annexion, und zwar ging es dabei, wie es scheint, nicht ganz ohne Härten ab. Namentlich scheinen die heiligen Geräte auch weggeführt worden zu sein, so daß Yän auch äußerlich in direkte Abhängigkeit von Tsi geriet. Diese Vergrößerung eines einzelnen Staates auf Kosten des Bestandes eines der alten Lehensreiche konnten die übrigen Staaten nicht ohne weiteres mit ansehen. Dschau, Tschu und We machten Miene zugunsten des Staates Yän einzuschreiten. Für Mong Dsï war die Lage inzwischen vollkommen klar geworden. Er riet dringend, die Annexion wieder rückgängig zu machen und in Übereinstimmung mit den Leuten von Yän ihnen einen Fürsten zu setzen. Das sei der einzige Weg, Yän als befreundeten Grenzstaat zu bewahren und kriegerische Verwicklungen größeren Stils zu vermeiden.
Der König konnte sich hierzu nicht entschließen. Die Verwicklungen zogen sich in die Länge, bis nach zwei Jahren in Yän eine Volkserhebung stattfand, in deren Verlauf der Sohn des umgekommenen Fürsten auf den Thron erhoben wurde. Tsi mußte nun der Sache, so unliebsam es war, den Lauf lassen, da ein energisches Eingreifen bei der feindlichen Haltung der Nachbarstaaten ausgeschlossen erscheinen mußte.
Zu spät kam der König zu der Erkenntnis, daß er besser Mong Dsïs Rat befolgt hätte. Es gewährt einen Einblick in die Art der Höflinge seiner Umgebung, wie sofort sich einer findet, der dem König durch eine sophistische Unterredung mit Mong Dsï, durch die dieser ins Unrecht gesetzt werden sollte, seine bessere Einsicht wieder verdunkelt.
Mißvergnügt weist Mong Dsï die Berufung auf den Fürsten von Dschou, das gepriesene Vorbild Kungs, der auch einmal einen politischen Mißgriff gemacht habe, zurück. Selbst wenn die Alten Fehler gemacht, so hätten sie sie zu bessern gewußt. Heutzutage aber lasse man sich gehen, ja man suche seine Fehler obenhin noch zu beschönigen. Mong Dsï erkannte, daß in dieser Umgebung seinem Einfluß dauernde Schranken gezogen sein mußten. Er beklagte sich: »Kein Wunder, daß der König nicht zur Einsicht kommt. Wenn eine Pflanze auch noch so leicht fortkommt, sie kann nicht gedeihen, wenn auf jeden Sonnentag zehn Tage Frost folgen. Ich sehe den Fürsten nur selten. Kaum bin ich weg, so drängen sich die Frostbringer herzu. Wie kann ich ihn da zum Keimen bringen!« Damit nahm er seinen Abschied. Der Fürst machte einen schwachen Versuch, ihn durch Angebot einer Sinekure zu halten, doch ließ sich Mong Dsï begreiflicherweise nicht darauf ein.
Die Erfahrung, die ihn schließlich zum Weggang aus Tsi veranlaßte, war nicht die einzige ihrer Art. Schon die ganze Zeit über hatte Mong Dsï mit Hofschranzen zu kämpfen gehabt. Namentlich einer, namens Wang Huan, ein hochmütiger und arroganter Mensch, scheint ihm sehr auf die Nerven gefallen zu sein, um so mehr, als er amtlich ziemlich viel mit ihm zu tun hatte. Die Stellen in Mong Dsïs Werken, die von ihm handeln – offenbar konnte Mong Dsï die gemachten Erfahrungen auch später noch nicht vergessen – zeigen auf Seiten des Weisen gegenüber dem Minister nur das eben noch zulässige Mindestmaß von Wohlwollen. Zum Abschiedsmahl gab es noch einen Zusammenstoß zwischen den beiden. Der Minister trinkt ihm zu und verlangt ein Abschiedsgedicht von ihm – offenbar ein Akt schlecht verhehlten Hohnes. Mong Dsï zahlt ihm heim mit einem Zitat aus den Gesprächen Kungs, wo dieser sich über den Verkehr mit einem minderwertigen Menschen mit den Worten rechtfertigt: »Heißt es nicht: Was wirklich fest ist, mag gerieben werden, ohne daß es abgenutzt wird? Heißt es nicht: Was wirklich weiß ist, mag angeschwärzt werden, ohne daß es dunkel wird?«
Der Abschied fiel ihm indessen nicht leicht. Er war sich bewußt, daß trotz aller Enttäuschungen, die er in Tsi erlebt hatte, hier noch immer der Platz war, wo am ehesten Hoffnung vorhanden war, seine Gedanken zu verwirklichen. Am Grenzort blieb er dreimal über Nacht, immer in der stillen Hoffnung, der König werde in sich gehen und ihm auf eine befriedigende Weise die Rückkehr ermöglichen. Er äußert zwar einem Jünger gegenüber, der ihn fragt, warum er so lange in Tsi geblieben sei, daß dieser lange Aufenthalt wider seine eigentliche Absicht zustande gekommen sei, worauf der Schüler erwidert, es sei verständlich, daß der Meister sich in Tsi nicht wohl gefühlt habe, denn der Fürst habe sich zwar den Anschein zu geben gewußt, als sei er dem Guten zugetan, ohne doch innerlich eine entsprechende Stellung einzunehmen.
Endlich sieht Mong Dsï, daß keine Aussicht auf Rückkehr mehr vorhanden ist, und nun verläßt er das Land, nicht ohne Äußerungen herber Verbitterung darüber, daß es dem Himmel noch nicht gefallen habe, die Ordnung auf Erden herstellen zu lassen.
In Tsi gingen die Dinge, wie es vorauszusehen war. Der alte König Süan starb noch im selben Jahr, in dem Mong Dsï das Land verließ. Unter seinem Nachfolger mehrten sich die Wirren, und nach manchen Wechselfällen ging er elend zugrunde.[Anmerkung 13]
Mong Dsï wandte sich zunächst nach Sung. Dort hatte er manche Zusammenkunft mit Fachgenossen, auf die er im Sinne der höchsten Gesichtspunkte einzuwirken versuchte. Auch von Seiten der Regierung wurde er direkt und indirekt um Rat angegangen. Er verhielt sich durchaus zurückhaltend. Der Fürst hatte sich den Titel König angeeignet und machte zunächst vielversprechende Anfänge. Doch traute ihm Mong Dsï offenbar von Anfang an nicht viel Gutes zu. Er behielt mit dieser Beurteilung recht. Wie auch die römische Kaisergeschichte Fälle zeigt, so folgte auf die guten Anfänge ein um so üblerer Fortgang. Der König von Sung verfiel in Zäsarenwahnsinn und fiel als Opfer seines blindwütenden Rasens.
In Sung besuchte den Mong Dsï der Thronfolger von Tong, einem kleinen Ländchen im Inneren Chinas. Der junge Mann, der offenbar schon früher, als Mong Dsï in staatlicher Mission anläßlich eines Trauerfalls von Tsi nach Tong kam, von diesem tiefere Eindrücke erhalten hatte, machte auf einer Reise nach dem Südstaate Tschu – sowohl auf dem Hin- als auf dem Rückweg – einen Abstecher nach Sung, um den Weisen aufzusuchen. Mong Dsï ging im Lauf der Zeit in seine Heimat Dsou zurück, nicht ohne von den Fürsten von Sung und Süo[Anmerkung 14] anerkennende Ehrengaben empfangen zu haben. Auch in Dsou wurde er ehrenvoll empfangen. Er hatte einige Audienzen bei seinem Landesvater, ohne daß daraus jedoch weitere Folgen entsprungen wären. Das Gebiet war allzu geringfügig, als daß selbst beim besten Willen durch bloße Tugend des Fürsten ein Weltreich daraus zu machen war. Auch nach Yän, dem nordischen Staate, bekam er einen Ruf, doch leistete er ihm keine Folge. Er trug offenbar kein Verlangen, seine in Tsi gemachten Erfahrungen durch weitere gleichartige zu vermehren.[12]
Nur einmal noch ließ er sich bewegen, aus seiner Zurückgezogenheit hervorzutreten, als nämlich der Thronfolger von Tong, der ihn in Sung besucht hatte, nach dem Tode seines Vaters auf den Thron kam. Die erste Tat des neuen Fürsten Wen war es, daß er einen Vertrauten zu Mong Dsï schickte, um ihn nach den Beerdigungsgebräuchen fragen zu lassen. Und als Mong Dsï ihm Auskunft zuteil werden ließ, da ging er noch einen Schritt weiter: er setzte die Lehren des Meisters trotz dem Widerstand der routinierten Hofleute, die von solch altväterischen Gewohnheiten nichts wissen wollten, energisch durch und machte sich dadurch einen guten Namen in der ganzen Umgebung. Auf die Bitten dieses Fürsten ging Mong Dsï – wie es scheint für mehrere Jahre – nach Tong und stand ihm mit seinem Rat zur Seite. Sehr viel Wohlwollen scheinen die Höflinge dem Meister nicht entgegengebracht zu haben. Einmal muß er sich sogar gegen den Verdacht wehren, daß einer seiner Schüler einen alten Schuh gestohlen haben könnte.
Trotz dem guten Willen des Fürsten ist es aber auch in Tong zu keinem wirklichen Erfolg gekommen. Der Staat lag zu sehr eingerahmt zwischen den Großstaaten Tschu und Tsin und ihren großpolitischen Systemen. Außerdem scheint der Fürst seine Liberalität auch auf allerlei andere »Weise« ausgedehnt zu haben. Von Süden her drangen damals sehr starke barbarische Einflüsse nach China vor. Jene zynischen Philosophensekten, die unter Berufung auf den Göttlichen Landmann »Schen Nung« Rückkehr zur Natur und Einfachheit predigten, sind deutliche Zeichen der beginnenden Barbarisierung der chinesischen Gesellschaft.
Mong Dsï hat das Aufkommen solcher Sekten in Tong miterlebt und hat sich sehr scharf mit ihnen auseinandergesetzt, nicht ohne deutlichen Hinweis auf ihre kulturelle Minderwertigkeit. Auch der bekannte Freund und Gegner des Dschuang Dsï, der Sophist Hui Dsï, scheint in Tong mit Mong Dsï in Berührung gekommen zu sein. Mong Dsï war offenbar noch in Tong, als der Fürst Wen starb,[13] über dessen Beerdigung er Ratschläge erteilt. Höchstwahrscheinlich hat er sich nach dessen Tod nicht mehr länger in Tong aufgehalten, sondern ist nach Dsou zurückgekehrt, um in Gemeinschaft mit seinen Jüngern die Ergebnisse seines Lebens und seiner Arbeiten schriftlich niederzulegen.
Mong Dsï starb am Tag der Wintersonnenwende des Jahres 289. Seine Landsleute haben so um ihn getrauert, daß sie die Feier des Sonnenwendfestes darüber versäumten, eine Unterlassung, die allmählich zur Gewohnheit wurde.
Die Lehren
Die Lehren des Mong Dsï sind keine anderen als die seines Meisters Kung. Er will gar nichts anderes, als diese Wahrheiten, die von den Heiligen des Altertums, den Herrschern Yau und Schun, dem König Tang, dem König Wen und zuletzt dem ungekrönten Herrscher Kung von Generation zu Generation überliefert und nun auf ihn gekommen sind, weiterbringen auf die Nachwelt. Er nimmt dabei eine Weiterwirkung des Geistes über die Jahrhunderte hinweg an, durch die auch er, ohne den Meister Kung gesehen zu haben, doch dessen Lehren empfangen habe.
Diese Lehren beschäftigen sich für ihn in erster Linie mit der Ordnung der Welt. Hierin stimmt er durchaus mit Kung überein. Nur daß entsprechend dem fortgeschrittenen Verfall die Lehre von der Ordnung der Welt eine andere Tonart erhält. Für Kung hatte es sich noch darum gehandelt, das Bestehende zu erhalten. Er ist sozusagen konservativ-legitimistisch gesinnt. Dennoch hatte er den Verfall nicht aufhalten können. Er hat auch unter den Fürsten seiner Zeit keinen gefunden, der dem sinkenden Königshause der Dschou beigesprungen wäre und so die Welt gerettet hätte. Statt dessen war die Welt aus den Fugen gegangen. Der Stern des alten Königshauses war verblaßt. Ihm war nicht mehr zu helfen. An seine Stelle war – ähnlich wie in Europa an die Stelle des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation die modernen Großmächte – eine Reihe von Militärstaaten getreten, die im gegenseitigen Kampfe lagen. Mong Dsï hat diese Situation insofern anerkannt, als er die Fürsten, die ihn um Rat fragten, ermahnte, die Weltherrschaft an sich zu bringen. Nur blieb er dabei, daß dieser Erfolg einzig und allein durch moralische Mittel, durch ein mildes und weises Regiment zu erreichen sei. Er wird nicht müde, auf die Vorbilder der alten Heiligen zu verweisen, die ebenfalls aus kleinen Anfängen heraus die Weltherrschaft gewonnen hätten.
Ebenso wie Mong Dsï dem alten Königshause, dessen schwacher Schatten noch in der Luft schwebte, durchaus gleichgültig gegenüberstand, bereit, einen neuen Anfang, wo sich die Möglichkeit bot, zu unterstützen, so stand er auch den Landesfürsten seiner Zeit mit sehr demokratischen Gesinnungen gegenüber. Bald genug hatte er erkannt, daß auf den Thronen seiner Zeit kein Heiliger war, sondern daß es sich zwischen ihnen nur um relative Unterschiede handelte. So hat er denn ihnen gegenüber aus seiner Geringschätzung kein Hehl gemacht. Während Kung den Fürsten seiner Zeit, auch wenn sie weit vom Ideal entfernt waren, doch stets den ihrem Stand gebührenden Respekt zu zollen bereit war, hat es Mong Dsï offen ausgesprochen, daß, wer den Großen raten wolle, sie erst tüchtig verachten lernen müsse. Und auch in der Theorie hat er die Unwichtigkeit der Person des Herrschers gegenüber von Land und Volk mehr als einmal ausgesprochen, was ihm von seifen mancher Fürsten der späteren Zeit Abneigung und Tadel eingetragen hat. Wenn umgekehrt in neuester Zeit dem Mong Dsï ein Lob aus diesen seinen radikalen Äußerungen entsprang, so ist das gänzlich unverdient. Denn niemals kam ihm der Gedanke an den Staat als Republik in den Sinn. Gegen die Auflösung des monarchischen Prinzips, wie sie aus den Lehren eines Yang Dschu als Konsequenz hervorzugehen schien, hat er ebenso kräftig Front gemacht, wie gegen die Auflösung der Familienbande durch den Philanthropen Mo Di. Nicht gegen die Monarchie als Institution hat er polemisiert – die galt ihm als sakrosankt –, sondern nur gegen unwürdige Träger der Krone.
Auf moralischem Gebiet geht er ebenfalls mehr ins einzelne als Kung. Während für den Meister das Ideal in der sittlichen Menschenliebe, der Humanität als solcher befaßt war, kennt Mong Dsï ein doppeltes Ideal: Liebe und Pflicht. Inwieweit er dazu durch die doppelte Front der Anhänger des Mo Di, deren Lehren ihm wider die Liebe zu gehen schienen, und der des Yang Dschu, dessen Lehren die Pflicht aufhoben, bestimmt war, mag dahingestellt bleiben. Genauer definiert ist ihm die Liebe mehr eine ruhende Charaktereigenschaft – das weite Haus der Welt – während die Pflicht der Inbegriff der Normen des Handelns – der große Weg der Welt – ist. An die Seite dieser beiden Begriffe treten dann gelegentlich Ordnung des Ausdrucks und Weisheit als die beiden übrigen Grundtugenden des Menschen. Die Pflege dieser Tugenden wird dadurch erleichtert, daß sie als allgemeine
Richtungen bzw. Tendenzen jedem Menschen angeboren sind. Insofern ist der Mensch wesentlich gut, da das eigentliche Wesen des Menschen von Gott stammt. Berühmt sind die Gespräche, in denen Mong Dsï die Güte des ursprünglichen Menschenwesens verteidigt hat. Bekanntlich ist in diesem Stück auch die orthodoxe konfuzianische Richtung zum Teil andere Wege gegangen. Ein Sün King lehrte die wesentliche Unvollkommenheit der menschlichen Natur, die erst durch Kultur vervollkommnet werden müsse, was er in den tendenziös zugespitzten Satz: »Der Mensch ist von Natur bös« zusammengefaßt hat, während Han Yü zur Zeit der Tang-Dynastie (vielleicht beeinflußt durch persische Gedanken?) drei Arten von menschlichen Naturen – die den Pneumatikern, Psychikern und Hylikern entsprechen – angenommen hat, die dann später noch weiter detailliert wurden. Erst in der Sung-Zeit kam die Lehre des Mong Dsï, wenn auch modifiziert durch psychologische Erwägungen, wieder zu Ehren, um bis auf die neueste Zeit ihren Platz behalten zu haben.
Man würde Mong Dsï unrecht tun, wenn man an seine Anschauung mit dem Begriffsapparat des Pelagianischen Streites oder mit den christlichen Lehren vom Sündenfall herantreten wollte. Die Lehre von dem Sündenfall und der Unfreiheit der menschlichen Natur, wie sie in der christlichen Kirche ausgebildet wurde, ist wesentlich religiös orientiert. Mong Dsï dagegen bereitet durch seine Auffassung den Boden für ein mutiges Vorwärtsschreiten auf der Bahn ethischer Entwicklung. Es gibt für ihn keinen wesentlichen Unterschied unter den Menschen. Was ein Heiliger wie Schun erreicht hat, kann jeder erreichen, wenn er nur so handelt, wie Schun gehandelt hat. Daß, empirisch betrachtet, die Menschen im allgemeinen weit entfernt von sittlicher Vollkommenheit sind, hat Mong Dsï sehr wohl gewußt und hat auch nach Gründen dafür gesucht. Denn er war weit entfernt von den naturalistischen Theorien seiner Zeit, daß die Natur eben einfach ausgelebt werden müsse, unbeeinflußt von den Erwägungen von Gut und Böse. Vielmehr war für ihn das Gute ein Ideal, das im Kampf gewonnen werden muß. Dieser Kampf ist eine Rückkehr des verloren gegangenen Herzens. Wieso dieses Herz verloren gehen kann, obwohl es doch in jedem Kind als gut vorhanden ist, darüber hat er sich nicht eindeutig ausgesprochen. Es finden sich Andeutungen, daß die sinnliche Natur des Menschen es ist, die durch ihre Begehrungen vom Weg des Ideals abführt. Darum muß auch die sinnliche Seite in Kultur genommen werden. Nicht durch strenge Askese, sondern durch vernunftgemäße harmonische Leitung, die jedem Teil die seiner Bedeutung entsprechende Berücksichtigung zukommen läßt Diese Seite der Lehre, die an sich schon eine Fortbildung der Kungschen Anschauungen bedeutet, fand dann namentlich zur Sung-Zeit eine weitere Ausbildung im einzelnen. Die Paulinischen Kämpfe zwischen Gesetz und Gnade haben Mong
Dsï keine Schwierigkeiten bereitet. Da seine Ethik, trotz Anerkennung einer höchsten göttlichen Vorsehung im wesentlichen immanent orientiert ist, so hat er für die Forderung einer Gerechtigkeit im absoluten Sinn gar kein Verständnis. Wenn ein Mensch schlecht ist, und Fehler hat, so braucht er sich einfach zu bessern, und alles ist wieder gut. Ein gebesserter Fehler bedingt keine Schuld. Bessern kann sich aber jeder, der will. Darum ist Mong Dsï entschiedener Optimist. Er will keinem Menschen den Weg zum Guten verbaut wissen.
Ein Vergleich dieser Punkte mit den Aussprüchen des Kung Dsï zeigt eine Weiterbildung der Gedankenarbeit, eine Ausführung ins Detail und psychologische Unterbauung, während grundsätzlich Mong Dsï durchaus auf dem Boden des Meisters steht. Höchstens, daß durch Verschiedenheit des Temperaments gelegentlich verschiedene Betonungen auf einzelne Seiten der Lehre fallen, was aber nur dazu dient, das Bild zu beleben.
Die Werke
Von Mong Dsï sind uns heute sieben Bücher erhalten. Die ersten drei enthalten, einigermaßen chronologisch geordnet, die Reden und Gespräche, die er der Reihe nach an den Höfen von Liang, Tsi und Tong geführt hat. Die übrigen vier Bücher enthalten gemischte Aphorismen verschiedenen Inhalts. Man darf der Überlieferung Glauben schenken, daß namentlich die großen zusammenhängenden Stücke der ersten drei Bücher, die Mong Dsïs Staatslehre in großer Ausführlichkeit enthalten, seiner eigenen Feder entstammen. Vielleicht sind die späteren Teile des Werks Aufzeichnungen der Schüler, von denen es hieß, daß sie gemeinsam mit ihm die Redaktion besorgt haben. Doch bleibt die Produktion bei diesen sieben Büchern nicht stehen. Unzweifelhaft nach seinem Tode kamen noch vier kleinere Bücher – ungefähr je nur ein Fünftel der früheren – zustande, die vermutlich in echter Gestalt gegenwärtig wieder vorhanden sind. Die Gründe, die in ihnen eine ganz späte Fälschung sehen wollen, sind nicht stichhaltig. Auch schließen sie sich in Ton und Ausdruck an den übrigen Text an. So haben wir sie für die Biographie des Mong Dsï unbedenklich mit verwandt. Wie man sieht, fügen sie sich dem Zusammenhang lückenlos ein und beleben das Bild. Immerhin erhalten sie außer einzelnen Anekdoten keinen Gedanken, der nicht in den übrigen Werken auch schon auf die eine oder andere Weise zum Ausdruck gekommen wäre, so daß man es nicht weiter zu bedauern braucht, daß diese Abschnitte mit der Zeit in den Hintergrund traten.
Mong Dsï hat mit seinem literarischen Nachlaß mehr Glück gehabt als mit seiner Schule. Als er starb, waren schon die ersten Spuren der Auflösung aller Verhältnisse zu sehen, die in der Herrschaft des halbbarbarischen Staates Tsin zwei Jahre nach seinem Tode gipfelte. In den Unruhen dieser
Jahre, besonders da der bekannte Tsin Schï Huang Di auch aktiv gegen die Gelehrten vorging, scheint sich die von ihm gegründete Schule zerstreut zu haben. Seine Schriften jedoch, noch jeder klassischen Auszeichnung entbehrend, führten unter den vielen anderen »Philosophen« ein verborgenes Dasein, so daß sie der bekannten Bücherverbrennung, wie man annehmen darf, entgingen. Selbstverständlich hat der Text dennoch im Lauf der Jahrhunderte manches zu leiden gehabt.
Kommentiert wurde Mong Dsï, auch nachdem er unter der Han-Dynastie wieder zu Ehren gekommen war, verhältnismäßig wenig. Am bekanntesten unter den früheren Kommentaren ist der von Dschau Ki, einem Mann aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, der viele wechselvolle Schicksale durchgemacht und die unwillkommene Muße einer Verbannung für die Arbeit an Mong Dsï benützte. Nach ihm kam Mong Dsï wohl allmählich zu Ehren, doch war es den Gelehrten der Sung-Dynastie, vorzüglich Dschu Hi
Der beste Kommentar zu Mong Dsï ist: »Mong Dsï Dschong I von Dsïau Sün«, ferner: »Eine textkritische Ausgabe des Mong Dsï von Yüan Yüan«, beide in dem Sammelwerk Huang Tsing Ging Giä enthalten. Sie wurden für die vorliegende Übersetzung hauptsächlich benutzt., vorbehalten, ihm zu der Stellung zu verhelfen, die er heute als das bekannteste und meist zitierte unter den vier heiligen Büchern, die das chinesische neue Testament ausmachen, einnimmt. Noch zu Beginn der Ming-Dynastie hatten seine freien Äußerungen über die Fürsten den Zorn des Herrschers Hung Wu, eines früheren Buddhistenmönchs, heraufbeschworen. Doch ließ dieser von seinem Zorn ab, als er andere Stellen des Buches las, die ihm imponierten. Seitdem blieb Mong Dsïs Stellung unangetastet. Selbst zur Zeit der jüngsten Revolution wurde er, wie schon erwähnt, mit mehr Wohlwollen betrachtet als andere klassische Bücher.
Von vollständigen Übersetzungen in europäische Sprachen sind hervorzuheben:
S. Couvreur, Les Quatre Livres, Ho Kien Fou 1895.
James Legge, The Chinese Classics Vol. II, The Works of Mencius.
D. E. Faber hat ein ausführliches System des Mong Dsï in Deutsch und Englisch herausgegeben, das einen großen Teil des Textes, wenn auch vollständig aus dem Zusammenhang gelöst, in Übersetzung gibt.
H. Mootz endlich hat das erste Buch ins Deutsche übersetzt und mit Erläuterungen versehen unter dem Titel: Die chinesische Weltanschauung, dargestellt auf Grund der ethischen Staatslehre des Philosophen Mong dse, herausgegeben.
Chronologische Tabelle
Geboren 372 v. Chr. in Dsou.
322 in Liang, der Hauptstadt von We, bei König Hui.
319 verläßt Mong Dsï nach einer Unterhaltung mit König Siang den Staat We und geht nach Tsi.
317 Tod der Mutter. Reise nach Lu wegen der Beerdigung.
316. 315 in Lu während der Trauerzeit. (In dieser Zeit könnte die Anstellung des Schülers Yo Dschong Dsï in Lu und dessen vereitelter Versuch, den Fürsten Ping und Mong Dsï zusammenzubringen, stattgefunden haben.)
314 zurück nach Tsi. Unternehmung des Staates Tsi gegen den Staat Yän.
312 Aufruhr in Yän. Mong Dsï verläßt Tsi und geht nach Sung.
311 der Kronprinz von Tong, der nachmalige Fürst Wen, besucht Mong Dsï in Sung. Mong Dsï geht über Siä nach seiner Heimat Dsou.
ca. 301 läßt Fürst Wen von Tong, der inzwischen seinen Vater verloren hatte und auf den Thron gekommen war, Mong Dsï nach den Beerdigungsgebräuchen fragen, und infolge davon ging Mong Dsï wohl für einige Jahre nach Tong. Nachdem dort auch allerlei Sekten aufgekommen waren, zog er sich endgültig ins Privatleben zurück, um sich literarischer Tätigkeit zu widmen.
Buch I. Liang Hui Wang
1. Vom Schaden des Nützlichkeitsstandpunkts
Mong Dsï trat vor den König Hui von Liang.[Anmerkung 15]
Der König sprach: »Alter Mann, tausend Meilen waren Euch nicht zu weit, um herzukommen, da habt Ihr mir wohl auch einen Rat, um meinem Reich zu nützen.«
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Warum wollt Ihr durchaus vom Nutzen reden, o König? Es gibt doch auch den Standpunkt, daß man einzig und allein nach Menschlichkeit und Recht fragt. Denn wenn der König spricht: Was dient meinem Reiche zum Nutzen? so sprechen die Adelsgeschlechter: Was dient unserm Hause zum Nutzen? und die Ritter und Leute des Volks sprechen: Was dient unserer Person zum Nutzen? Hoch und Niedrig sucht sich gegenseitig den Nutzen zu entwinden, und das Ergebnis ist, daß das Reich in Gefahr kommt. Wer in einem Reich von zehntausend Kriegswagen[Anmerkung 16] den Fürsten umzubringen wagt, der muß sicher selber über tausend Kriegswagen verfügen. Wer in einem Reich von tausend Kriegswagen den Fürsten umzubringen wagt, der muß sicher selber über hundert Kriegswagen verfügen. Von zehntausend Kriegswagen tausend zu besitzen, von tausend Kriegswagen hundert zu besitzen, das ist an sich schon keine geringe Macht. Aber so man das Recht hintansetzt und den Nutzen voranstellt, ist man nicht befriedigt, es sei denn, daß man den anderen das Ihre wegnehmen kann. Auf der anderen Seite ist es noch nie vorgekommen, daß ein liebevoller Sohn seine Eltern im Stich läßt, oder daß ein pflichttreuer Diener seinen Fürsten vernachlässigt. Darum wollet auch Ihr, o König, Euch auf den Standpunkt stellen: ›Einzig und allein Menschlichkeit und Recht!‹ Warum wollt Ihr durchaus vom Nutzen reden?«
2. Geteilte Freude ist doppelte Freude
Mong Dsï trat vor den König Hui von Liang. Der König stand an seinem Parkweiher und sah den Schwänen und Hirschen zu. Er sprach: »Hat der Weise auch eine Freude an solchen Dingen?«
Mong Dsï erwiderte: »Der Weise erst vermag sich dieser Dinge ganz zu freuen. Ein Unweiser, selbst wenn er sie besitzt, wird ihrer nicht froh. Im Buch der Lieder[Anmerkung 17] heißt es:
›Als er den Wunderturm ersonnen,
Ersonnen und den Plan gemacht,
Hat alles Volk sich dran begeben;
Kein Tag – und alles war vollbracht
Anhub er mit: »Nicht hastet euch!«
Doch alles Volk kam, Kindern gleich.
Im Wunderpark der König war,
Wo Hirsche ruhten Paar bei Paar,
Gar fette Hirsche, glatt von Haar,
Und weiße Vögel glänzten klar.
Der König war am Wunderteiche;
Wie wimmelte der Fische Schar!‹
So hat der König Wen durch die Arbeit seines Volks einen Turm und einen Teich gebaut, und das Volk war in heller Freude darüber und nannte seinen Turm den ›Wunderturm‹ und seinen Teich den ›Wunderteich‹ und freute sich dessen, daß er Hirsche und Rehe, Fische und Schildkröten hatte. Die Männer des Altertums freuten sich mit dem Volk gemeinsam; darum konnten sie sich wirklich freuen. Andererseits heißt es im Schwur des Tang,[Anmerkung 18] (daß die Untertanen des Tyrannen Giä, der in seinem Hochmut sich der Sonne verglichen, von solchem Haß gegen ihn erfüllt waren, daß sie sprachen:) ›Wenn nur diese Sonne zugrunde geht. Und wenn wir auch mit ihr gemeinsam vernichtet werden‹. Das Volk (des Tyrannen Giä) wollte lieber noch, als daß er am Leben blieb, mit ihm zusammen vernichtet werden. Mochte er Türme und Teiche, Vögel und Tiere besitzen: er konnte ihrer einsam doch nimmermehr froh werden.«
3. Wie kann ein Fürst die Weltherrschaft erlangen?
König Hui von Liang sprach: »Ich gebe mir mit meinem Reiche doch wirklich alle Mühe. Wenn diesseits[Anmerkung 19] des gelben Flusses Mißwachs herrscht, so schaffe ich einen Teil der Leute nach der anderen Seite und schaffe Korn nach dieser Seite. Tritt Mißwachs ein in dem Gebiet jenseits des Flusses, handle ich entsprechend. Wenn man die Regierungsmaßregeln der Nachbarstaaten prüft, so findet man keinen Fürsten, der sich soviel Mühe gäbe wie ich. Und doch wird das Volk der Nachbarstaaten nicht weniger und mein Volk nicht mehr. Wie kommt das?«
Mong Dsï erwiderte: »Ihr, o König, liebt den Krieg. Darf ich ein Gleichnis vom Krieg gebrauchen? Wenn die Trommeln wirbeln[Anmerkung 20] und die Waffen sich kreuzen, und die Krieger werfen ihre Panzer weg, schleppen die Waffen hinter sich her und laufen davon, so läuft der eine vielleicht hundert Schritte weit und bleibt dann stehen, ein anderer läuft fünfzig Schritte weit und bleibt dann stehen. Wenn nun der, der fünfzig Schritte weit gelaufen ist, den anderen, der hundert Schritte gelaufen ist, verlachen wollte, wie wäre das?«
Der König sprach: »Das geht nicht an. Er lief nur eben nicht gerade hundert Schritte weit, aber weggelaufen ist er auch.«
Mong Dsï sprach: »Wenn Ihr, o König, das einseht, so werdet Ihr nicht mehr erwarten, daß Euer Volk zahlreicher werde als das der Nachbarstaaten. Wenn man die Leute,[Anmerkung 21] während sie auf dem Acker zu tun haben, nicht zu anderen Zwecken beansprucht, so gibt es so viel Korn, daß man es gar nicht alles aufessen kann. Wenn es verboten ist, mit engen Netzen in getrübtem Wasser zu fischen, so gibt es so viel Fische und Schildkröten, daß man sie gar nicht alle aufessen kann. Wenn Axt und Beil nur zur bestimmten Zeit in den Wald kommen, so gibt es soviel Holz und Balken, daß man sie gar nicht alle gebrauchen kann. Wenn man das Korn, die Fische und Schildkröten gar nicht alle aufessen kann, wenn man Holz und Balken gar nicht alle aufbrauchen kann, so schafft man, daß das Volk die Lebenden ernährt, die Toten bestattet und keine Unzufriedenheit aufkommt: Wenn die Lebenden ernährt werden, die Toten bestattet werden und keine Unzufriedenheit aufkommt: das ist der Anfang zur Weltherrschaft.
Wenn jeder Hof von fünf Morgen mit Maulbeerbäumen umpflanzt wird, so können sich die Fünfzigjährigen in Seide kleiden. Wenn bei der Zucht der Hühner, Ferkel, Hunde und Schweine die rechte Zeit beobachtet wird, so haben die Siebzigjährigen Fleisch zu essen. Wenn einem Acker von hundert Morgen nicht die zum Anbau nötige Zeit entzogen wird, so braucht eine Familie von mehreren Köpfen nicht Hunger zu leiden. Wenn man dem Unterricht in den Schulen Beachtung schenkt und dafür sorgt, daß auch die Pflicht der Kindesliebe und Brüderlichkeit gelehrt wird, so werden Grauköpfe und Greise auf den Straßen keine Lasten mehr zu schleppen haben. Wenn die Siebziger in Seide gekleidet sind und Fleisch zu essen haben und das junge Volk nicht hungert noch friert, so ist es ausgeschlossen, daß dem Fürsten dennoch die Weltherrschaft nicht zufällt. Wenn aber Hunde und Schweine den Menschen das Brot wegfressen, ohne daß man daran denkt, dem Einhalt zu tun, wenn auf den Landstraßen Leute Hungers sterben, ohne daß man daran denkt, ihnen aufzuhelfen, und man dann noch angesichts des Aussterbens der Bevölkerung sagt: nicht ich bin schuld daran, sondern das schlechte Jahr, so ist das gerade so, als wenn einer einen Menschen totsticht und sagt: nicht ich hab' es getan, sondern das Schwert. Wenn Ihr, o König, nicht mehr die Schuld sucht bei schlechten Jahren, so wird das Volk des ganzen Reichs Euch zuströmen.«
4. Der rechte Landesvater
König Hui von Liang sprach: »Ich will gelassen Eure Belehrung annehmen.«
Mong Dsï erwiderte: »Ob man Menschen mordet mit einem Knüppel oder einem Messer: ist da ein Unterschied?«
Der König sprach: »Es ist kein Unterschied.«
»Ob man sie mordet mit einem Messer oder durch Regierungsmaßregeln: ist da ein Unterschied?«
Der König sprach: »Es ist kein Unterschied.«
Da hub Mong Dsï an: »In der Hofküche ist fettes Fleisch und in den Ställen fette Pferde; in den Gesichtern der Leute wohnt die Not, auf dem Anger draußen wohnt der Tod: das heißt, die Tiere anleiten, Menschen zu fressen. Die Tiere fressen einander, und die Menschen verabscheuen sie darum. Wenn nun ein Landesvater also die Regierung führt, daß er nicht vermeidet, die Tiere anzuleiten, Menschen zu fressen: Worin besteht da seine Landesvaterschaft? Meister Kung hat einmal gesagt: ›Wer zuerst bewegliche Menschenbilder[Anmerkung 22] fertigte – um sie den Toten mit ins Grab zu geben – gab es für den denn keine Zukunft zu bedenken?[Anmerkung 23]
Darum, daß er das Ebenbild des Menschen zu diesem Zweck mißbrauchte. Was würde er erst gesagt haben von einem, der seine Leute Not leiden und verhungern läßt!«
5. Rüstung zur Rache
König Hui von Liang sprach: »Unser Reich[Anmerkung 24] war eins der mächtigsten auf Erden, das wißt Ihr ja, o Greis. Doch seitdem es auf meine Schultern kam, wurden wir im Osten besiegt von Tsi, und mein ältester Sohn ist dabei gefallen. Im Westen verloren wir Gebiet an Tsin, siebenhundert Geviertmeilen. Im Süden erlitten wir Schmach durch Tschu. Ich schäme mich darob und möchte um der Toten willen ein für allemal die Schmach reinwaschen, Wie muß ichs machen, daß es mir gelingt?«
Mong Dsï erwiderte: »Und wäre auch ein Land nur hundert Meilen im Geviert,[Anmerkung 25] man kann damit die Weltherrschaft erringen. Wenn Ihr, o König, ein mildes Regiment führt über Eure Leute, Strafen und Bußen spart, Steuern und Abgaben ermäßigt, so daß die Felder tief gepflügt und ordentlich gejätet werden können, daß die Jugend Zeit hat zur Pflege der Tugenden der Ehrfurcht, Brüderlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Treue, daß sie zu Hause ihren Eltern und Brüdern und im öffentlichen Leben ihren Fürsten und Oberen dienen – dann könnt Ihr ihnen Knüppel in die Hand geben, um damit die starken Panzer und scharfen Waffen der Herren von Tsin und Tschu zu zerschlagen.
Jene Fürsten rauben ihren Leuten die Zeit, daß sie nicht pflügen und jäten können, um Nahrung zu schaffen für ihre Eltern. Die Eltern leiden Frost und Hunger, Brüder, Weib und Kind sind fern voneinander zerstreut. Jene Fürsten treiben ihre Leute in Fallen und ertränken sie. Wenn Ihr, o König, dann hingeht und sie bekämpft, wer wird Euch da feindlich entgegentreten? Darum heißt es: »Der Milde hat keine Feinde«. Ich bitte Euch, o König, zweifelt nicht daran.«
6. Mildes Regiment ist wie Regen auf dürres Land
Mong Dsï trat vor den König Siang[Anmerkung 26] von Liang.
Als er herauskam, sagte er zu den Leuten: »Ich blickte nach ihm: er sah nicht aus wie ein Fürst. Ich nahte mich ihm: aber ich entdeckte nichts Ehrfurchtgebietendes an ihm. Unvermittelt fragte er: ›Wie kann die Welt gefestigt werden?‹
›Sie wird gefestigt durch Einigung‹, erwiderte ich.
›Wer kann sie einigen?‹
›Wer keine Lust hat am Menschenmord, der kann sie einigen,‹ erwiderte ich.
›Wer kann da mittun?‹
Ich erwiderte: ›Es gibt niemand auf der Welt, der nicht mittun würde. Habt Ihr, o König, schon das sprossende Korn beobachtet? Im Hochsommer,[Anmerkung 27] wenn es trocken ist, da stehen die Saaten welk. Wenn dann am Himmel fette Wolken aufziehen und in Strömen der Regen herniederfällt, so richten sich mit Macht die Saaten wieder auf. Daß es also geschieht, wer kann es hindern? Nun gibt es heute auf der ganzen Welt unter den Hirten der Menschen keinen, der nicht Lust hätte am Menschenmord. Wenn nun einer käme, der nicht Lust hätte am Menschenmord, so würden die Leute auf der ganzen Welt alle die Hälse recken[Anmerkung 28] und nach ihm ausspähen. Und wenn er wirklich also ist, so fallen die Leute ihm zu, wie das Wasser nach der Tiefe zufließt, in Strömen. Wer kann es hindern?‹«
7. Der Opferstier und die Weltherrschaft
König Süan[Anmerkung 29] von Tsi fragte: »Kann ich etwas von den Taten der Fürsten Huan von Tsi und Wen von Dsïn[Anmerkung 30] zu hören bekommen?«
Mong Dsï erwiderte: »Unter den Jüngern des Meister Kung gab es keinen, der über die Taten Huans und Wens redete. Darum ist auf die Nachwelt keine Überlieferung von ihnen gekommen, und ich habe nie etwas von ihnen gehört. Wollen wir nicht statt dessen davon reden, wie man König der Welt wird?«
Der König sprach: »Welche Eigenschaften muß man haben, um König der Welt sein zu können?«
Mong Dsï sprach: »Wer sein Volk schützt, wird König der Welt: niemand kann ihn hindern.«
Der König sprach: »Ja, wäre denn ein Mann wie ich imstande, sein Volk zu schützen?«
Mong Dsï sprach: »Ja.«
Der König sprach: »Woher weißt du, daß ich dazu imstande bin?«
Mong Dsï sprach: »Ich habe von Hu Hai[Anmerkung 31] erzählen hören, der König habe einst in seinem Saal gesessen, da sei einer, der einen Ochsen führte, unten am Saal vorbeigekommen. Der König habe ihn gesehen und gefragt: ›Wohin mit dem Ochsen?‹ Man habe erwidert: ›Er soll zur Glockenweihe[Anmerkung 32] geschlachtet werden.‹ Da habe der König gesagt: ›Laßt ihn laufen. Ich kann es nicht mit ansehen, wie er so ängstlich zittert, wie einer, der unschuldig zum Richtplatz geführt wird.‹ Man habe erwidert: ›Soll dann die Glockenweihe unterbleiben?‹
Der König habe gesagt: ›Sie darf nicht unterbleiben. Nehmt ein Schaf statt seiner.‹ – Ich weiß nicht, ob es so sich zugetragen hat.«
Der König sprach: »Es ist so gewesen.«
Mong Dsï sprach: »Diese Gesinnung genügt, um König der Welt zu werden. Die Leute dachten alle, es sei nur Sparsamkeit von Euch gewesen; aber ich weiß bestimmt, daß Ihr es nicht habt mit ansehen können.«
Der König sprach: »Ach, gibt es wirklich solche Leute? Allein so unbedeutend und gering mein Reich auch ist, ich brauche doch an einem Ochsen nicht zu sparen. Ich habe es wirklich nicht mit ansehen können, daß er so ängstlich zitterte, wie einer, der unschuldig zum Richtplatz geführt wird. Darum habe ich statt seiner ein Schaf nehmen lassen.«
Mong Dsï sprach: »Und doch habt Ihr nicht anders[Anmerkung 33] gehandelt, als wenn Ihr wirklich nur so sparsam gewesen wäret, wie die Leute meinten. Ihr habt statt eines großen Tieres ein kleines nehmen lassen. Woher hätten jene es besser wissen sollen! Wenn ihr Mitleid hattet mit der Unschuld, die zum Richtplatz geführt wurde: was ist da schließlich für ein Unterschied zwischen einem Ochsen und einem Schaf?«
Der König lächelte und sprach: »Wahrhaftig! Was hab' ich nur dabei gedacht! Ohne daß es mir um den Wert zu tun gewesen wäre, habe ich doch ein Schaf statt des Ochsen nehmen lassen. Da haben die Leute ganz recht, wenn sie sagen, ich sei sparsam.«
Mong Dsï sprach: »Es tut nichts. Es war dennoch ein Zeichen von Milde. Ihr saht den Ochsen, aber hattet das Schaf nicht gesehen. Es geht dem Gebildeten mit den Tieren nun einmal so: wenn er sie lebend gesehen hat, kann er nicht zusehen, wie sie getötet werden, und wenn er sie hat schreien hören, bringt er es nicht über sich, ihr Fleisch zu essen. Das ist ja auch der Grund, warum der Gebildete sich von der Küche fernhält.«
Der König war erfreut und sprach: »Im Buch der Lieder[14] heißt es:
›Anderer Leute Sinn
Vermag ich zu ermessen.‹
Das geht auf Euch, Meister. Obwohl es meine eigne Tat war, habe ich mich dennoch vergeblich darüber besonnen, wie ich es eigentlich gemeint habe. Ihr, Meister, sprecht es aus und habt genau meine innerste Gesinnung getroffen. Inwiefern paßt nun diese Gesinnung dazu, König der Welt zu sein?«
Mong Dsï sprach: »Wenn jemand Euch berichten würde: ›Ich besitze zwar genügend Stärke, um dreißig Zentner zu heben, aber nicht genug, um eine Feder zu heben; ich bin helläugig genug, um die Spitze eines Flaumhaars[Anmerkung 34] zu untersuchen, aber einen Heuwagen sehe ich nicht‹: würdet Ihr das hingehen lassen?«
Der König verneinte.
Mong Dsï fuhr fort: »Nun ist Eure Milde so groß, daß sie sich selbst auf Tiere erstreckt, und doch reicht ihre Wirkung nicht bis zu Eurem Volk. Wie ist denn das nur? Allein, daß jener die Feder nicht aufhebt, kommt davon, daß er seine Stärke nicht ausübt; daß der andere den Heuwagen nicht sieht, kommt daher, daß er seine Scharfsichtigkeit nicht ausübt; daß Eure Leute keines Schutzes genießen, kommt daher, daß Ihr Eure Gnade nicht ausübt. Darum, daß Ihr nicht König der Welt seid, ist Unterlassung, nicht Unfähigkeit.«
Der König sprach: »Wodurch unterscheiden sich Unterlassung und Unfähigkeit in ihrer Äußerung voneinander?«
Mong Dsï sprach: »Wenn einer den Großen Berg[Anmerkung 35] unter den Arm nehmen soll und damit übers Nordmeer springen und er sagt, das kann ich nicht, so ist das wirkliche Unfähigkeit; wenn aber einer sich vor Älteren verneigen[Anmerkung 36] soll und er sagt, das kann ich nicht, so ist das Unterlassung, nicht Unfähigkeit. Damit, daß Ihr, o König, auf das Königtum der Welt verzichtet, seid Ihr nicht in der Lage eines Menschen, der mit dem Großen Berg unterm Arm übers Nordmeer springen soll. Damit, daß Ihr, o König, auf das Königtum der Welt verzichtet, seid Ihr in der Lage eines Menschen, der eine Verbeugung machen soll. Behandle ich meine älteren Verwandten wie es dem Alter gebührt, und lasse das auch den Alten der andern zugute kommen; behandle ich meine jüngeren Verwandten wie es der Jugend gebührt, und lasse das auch den Jungen der andern zugute kommen; so kann ich die Welt auf meiner Hand sich drehen lassen.[15]
In dem Buch der Lieder[Anmerkung 37] heißt es:
›Sein Beispiel leitete die Gattin
Und reichte auf seine Brüder weiter,
Bis es auf Haus und Land wirkte.‹
Mit diesen Worten ist gemeint: Richte dich einfach nach deinem eignen Gefühl und tue den andern darnach. Darum: Güte, die weiter wirkt, reicht aus, die Welt zu schützen, Güte, die nicht weiter wirkt, vermag nicht einmal Weib und Kind zu schützen. Warum die Menschen der alten Zeit den andern Menschen so sehr überlegen sind, ist einzig und allein die Art, wie sie es verstanden, ihre Taten weiter wirken zu lassen. Nun ist Eure Güte groß genug, um sich selbst auf die Tiere zu erstrecken, und doch kommt ihre Wirkung nicht Euren Leuten zugute. Wie ist denn das nur?
Man bedarf einer Wage, um zu erkennen, ob etwas leicht oder schwer ist. Man bedarf eines Maßstabs, um zu erkennen, ob etwas lang oder kurz ist. So ist's mit allen Dingen und mit dem Herzen ganz besonders. Ich bitte Euch, o König, es einmal zu wägen. Panzer und Waffen zu fördern, Ritter und Knechte zu gefährden, Übelwollen Euch zuzuziehen von seiten der Mitfürsten: braucht Ihr das, um froh zu werden in Eurem Herzen?«
Der König sprach: »Nein. Wie sollte ich daran Freude haben! Das alles sind nur Mittel zur Erreichung meines höchsten Wunsches.«
Mong Dsï sprach: »Darf man hören, was Euer höchster Wunsch ist?«
Der König lächelte und sagte nichts.
Mong Dsï sprach: »Ist es etwa, daß Ihr Mangel habt an Fett und Süßigkeiten für Euern Gaumen, an leichtem und warmem Pelzwerk für Euern Leib, oder etwa daß Ihr der bunten Farben nicht genug habt, um die Augen zu ergötzen, an Klängen und Tönen nicht genug habt, um die Ohren zu erfreuen, oder habt Ihr nicht genug Knechte und Mägde, die Eurer Befehle gewärtig vor Euch stehen? Alle Eure Diener, o König, haben genug von diesen Dingen, sie Euch darzubringen; darum kann es Euch also wohl nicht zu tun sein?«
Der König sprach: »Nein, darum ist es mir nicht zu tun.«
Mong Dsï sprach: »O, dann läßt sich erraten, was Euer höchster Wunsch, o König, ist! Euer Wunsch ist es, Euer Land zu erweitern, die Fürsten von Tsin[Anmerkung 38] und Tschu als Vasallen an Euren Hof zu ziehen, das Reich der Mitte zu beherrschen und die Barbarenländer rings umher in die Hand zu bekommen. Diesen Euren Wunsch erfüllen zu wollen mit den Mitteln, die Ihr anwendet, ist aber gerade so, als wollte man auf einen Baum klettern, um Fische zu suchen.«
Der König sprach: »Sollte es so schlimm sein?«
Mong Dsï sprach: »Womöglich noch schlimmer! Klettert man auf einen Baum, um Fische zu suchen, so findet man wohl keine Fische, aber es hat weiter keine üblen Folgen. Aber diesen Euren Wunsch erfüllen zu wollen mit den Mitteln, die Ihr anwendet, das führt, wenn es mit vollem Ernst geschieht, sicher zu üblen Folgen.«
Der König sprach: »Laßt hören!«
Mong Dsï sprach: »Wenn der Kleinstaat Dsou[Anmerkung 39] mit der Großmacht Tschu Krieg führt: Wer, denkt Ihr, wird gewinnen?«
Der König sprach: »Tschu wird gewinnen.«
Mong Dsï sprach: »So steht es also fest, daß der Kleine nicht den Großen angreifen darf, daß die Minderzahl nicht die Mehrzahl angreifen darf, daß der Schwache nicht den Starken angreifen darf. Nun ist das ganze Land innerhalb der vier Meere tausend Geviertmeilen groß, und dem Staate Tsi gehört der neunte Teil. Mit einem Neuntel die übrigen acht unterwerfen zu wollen, wodurch unterscheidet sich das von dem Unterfangen des Kleinstaats Dsou, der die Großmacht Tschu bekämpfen wollte? Wäre es nicht besser, zur wahren Wurzel zurückzukehren? Wenn Ihr, o König, bei der Ausübung der Regierung Milde walten laßt, so daß alle Beamten auf Erden an Eurem Hofe Dienst zu tun begehren, alle Bauern in Euren Ländern zu pflügen begehren, alle Kaufleute in Euren Märkten ihre Waren zu stapeln begehren, alle Wanderer auf Euren Straßen zu gehen begehren, daß alle auf Erden, die etwas gegen ihren Herrscher haben, herbeizueilen und ihn vor Eurer Hoheit anzuklagen begehren: daß es also geschieht, wer kann es hindern?«
Der König sprach: »Ich bin zu unklar, um diesen Weg gehen zu können. Ich wünschte, daß Ihr, Meister, meinem Willen zu Hilfe kommt und mir durch Eure Belehrung Klarheit verschafft. Bin ich auch unfähig, so bitte ich doch, Ihr wollet es einmal versuchen.«
Mong Dsï sprach: »Ohne festen Lebensunterhalt dennoch ein festes Herz zu behalten, das vermag nur ein Gebildeter. Wenn das Volk keinen festen Lebensunterhalt hat, verliert es dadurch auch die Festigkeit des Herzens. Ohne Festigkeit des Herzens aber kommt es zu Zuchtlosigkeit, Gemeinheit, Schlechtigkeit und Leidenschaften aller Art. Wenn die Leute so in Sünden fallen, hinterher sie mit Strafen verfolgen, das heißt dem Volke Fallstricke stellen. Wie kann ein milder Herrscher auf dem Thron sein Volk also verstricken? Darum sorgt ein klarblickender Fürst für eine geordnete Volkswirtschaft, damit die Leute einerseits genug haben, um ihren Eltern zu dienen, und andererseits genug, um Weib und Kind zu ernähren, also daß in guten Jahren jedermann satt zu essen hat und selbst in üblen Jahren niemand Hungers zu sterben braucht. Dann mag man auch mit Ernst an die Hebung des Volkes gehen, denn es ist den Leuten leicht zu folgen. Heutzutage aber ist es so um die Volkswirtschaft bestellt, daß die Leute auf der einen Seite nicht genug haben, um ihren Eltern zu dienen, und auf der anderen Seite nicht genug, um Weib und Kinder zu ernähren. Selbst in einem guten Jahr ist jedermann in Not, und kommt ein übles Jahr, so sind die Leute nicht sicher vor dem Hungertode. Unter solchen Verhältnissen sind sie nur darauf bedacht, ihr Leben zu fristen, besorgt, es möchte ihnen nicht hinausreichen. Da haben sie wahrlich keine Muße, Ordnung und Recht zu pflegen. Wenn Ihr den Wunsch habt, o König, das durchzuführen, so kommt es nur darauf an, zur wahren Wurzel zurückzukehren.«[Anmerkung 40]
Abschnitt B: 1. Über die Pflege der Musik
Dschuang Bau[Anmerkung 41] suchte den Mong Dsï auf und sprach: »Als ich heute beim König war, sprach er mit mir von seiner Liebe zur Musik. Ich wußte nicht, was ich darauf erwidern sollte. Er sagte nämlich: ›Was ist von der Liebe zur Musik zu halten?‹«
Mong Dsï sprach: »Wenn der König nur wirklich die Musik recht liebt, so kann aus dem Staat Tsi noch etwas werden.«
Tags darauf trat er vor den König und sprach: »Ist es wahr, daß Eure Hoheit mit Dschuang Bau über die Liebe zur Musik gesprochen haben?«
Der König errötete und sprach: »Der Liebe zur ernsten, alten Musik bin ich nicht fähig, ich liebe eben nur die leichte, weltliche Musik.«
Mong Dsï sprach: »Wenn Eure Hoheit nur wirklich die Musik recht lieben, so kann aus dem Staate Tsi noch etwas werden. Ob es alte oder neue Musik[Anmerkung 42] ist, darauf kommt es dabei nicht an.«
Der König sprach: »Kann man etwas Näheres darüber hören?«
Mong Dsï sprach: »Was macht mehr Freude: die Musik einsam zu genießen oder sie mit andern gemeinsam zu genießen?«
Der König sprach: »Schöner ist's mit andern gemeinsam.«
Mong Dsï sprach: »Was macht mehr Freude: die Musik mit wenigen oder mit vielen gemeinsam zu genießen?«
Der König sprach: »Schöner ist's mit vielen.«
Mong Dsï sprach: »Ich bitte mit Eurer Hoheit über wahre Freude an der Musik reden zu dürfen. Wenn z. B. ein König Musik macht und die Leute, die den Klang der Glocken und Pauken und die Töne der Flöten und Pfeifen vernehmen, mit schmerzendem Kopf und mit umflorter Stimme[Anmerkung 43] zueinander sprechen: ›Weshalb doch bringt die Liebe unseres Königs zur Musik uns in diese äußerste Not, also daß Vater und Sohn sich nimmer sehen, daß Brüder, Weib und Kind getrennt und zerstreut sind?‹ oder wenn z. B. ein König eine Jagd abhält und die Leute, die den Lärm der Wagen und Pferde hören und die schmucken Fahnen und Banner sehen, mit schmerzendem Kopf und mit umflorter Stimme zueinander sprechen: ›Weshalb doch bringt die Liebe unseres Königs zur Jagd uns in diese äußerste Not, also daß Vater und Sohn sich nimmer sehen, daß Brüder, Weib und Kind getrennt und zerstreut sind?‹ so hat das keinen anderen Grund, als daß er nicht versteht, mit seinem Volk seine Freuden zu teilen. Wenn aber z. B. ein König Musik macht und die Leute, die den Klang der Glocken und Pauken und die Töne der Flöten und Pfeifen vernehmen, mit fröhlichen Herzen und heiteren Mienen zueinander sprechen: ›Unser König scheint gesund und wohl zu sein, daß er so musizieren kann‹; oder wenn z. B. ein König eine Jagd abhält und die Leute, die den Lärm der Wagen und Pferde hören und die schmucken Fahnen und Banner sehen, alle mit fröhlichen Herzen und heiteren Mienen zueinander sprechen: ›Unser König scheint gesund und wohl zu sein, daß er so jagen kann‹; so hat das keinen andern Grund, als daß er mit dem Volk seine Freuden zu teilen versteht. Ein König nun, der mit seinem Volke seine Freuden teilt, der wird der König der Welt.«
2. Der königliche Park
König Süan von Tsi fragte den Mong Dsï und sprach: »König Wens[16] Park soll 70 Geviertmeilen groß gewesen sein. Ist das wahr?«
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Die Überlieferung hat es so.«
Der König sprach: »War er wirklich so groß?«
Mong Dsï sprach: »Ja, und dem Volk war er doch noch zu klein.«
Der König sprach: »Mein Park ist nur 40 Geviertmeilen groß, und dem Volk ist er dennoch zu groß. Wie kommt das nur?«
Mong Dsï sprach: »König Wens Park war 70 Geviertmeilen groß, aber wer Gras oder Reisig sammeln wollte, durfte hinein; wer sich einen Fasan oder einen Hasen schießen wollte, durfte hinein. So besaß er ihn mit seinem Volk gemeinsam, und daher war es ganz in der Ordnung, daß er dem Volk zu klein war. Als ich an die Grenzen Eures Reiches kam, da erkundigte ich mich erst nach den wichtigsten staatlichen Verboten, ehe ich wagte einzutreten. Ich vernahm, daß innerhalb des Vorstadtbezirks ein Park sei, 40 Geviertmeilen groß. Wer darin einen Hirsch oder ein Reh töte, der werde bestraft, als habe er einen Menschen getötet. Auf diese Weise sind die 40 Geviertmeilen eine große Fallgrube mitten im Land. Daß das den Leuten zu groß ist, ist das nicht auch ganz in der Ordnung?«
3. Die Liebe zur Tatkraft
König Süan von Tsi befragte den Mong Dsï und sprach: »Gibt's eine Norm für den Verkehr mit Nachbarstaaten?«
Mong Dsï erwiderte: »Gewiß! Entweder man muß gütig sein, damit man als Großer dem Kleinen dienen kann. Huf diese Weise hat Tang[Anmerkung 44] dem Go gedient und König Wen[Anmerkung 45] den Kun-Barbaren. Oder man muß weise sein, damit man als Kleiner dem Großen dienen kann. Auf diese Weise hat der Große König[17] den Hunnen gedient und Gou Tsiän[Anmerkung 46] dem Staate Wu. Wer als Großer einem Kleinen dienen kann, ist fröhlich in Gott;[Anmerkung 47] wer als Kleiner einem Großen dienen kann, der fürchtet Gott. Wer fröhlich ist in Gott, vermag die Welt zu schirmen; wer Gott fürchtet, vermag sein Reich zu schirmen. Im Buch der Lieder[18] steht:
›Ich fürchte Gottes Majestät,
Um seine Gunst mir zu bewahren.‹«
Der König sprach: »Das ist fürwahr ein großes Wort. Aber ich habe einen Fehler: ich liebe die Tatkraft.«
Mong Dsï erwiderte: »Ich bitte Eure Hoheit, nicht kleinliche Tatkraft zu lieben.[Anmerkung 48]
Ans Schwert zu schlagen und mit wilden Blicken zu sprechen: wie darf der Kerl es wagen, mir entgegenzutreten! Das ist die Tatkraft des kleinen Mannes, der sich mit einem einzelnen herumschlägt. Ich bitte Eure Hoheit, die Sache größer zu fassen. Im Buch der Lieder[19] heißt es:
›Der König, zürnend aufgefahren,
In Ordnung stellt er seine Scharen,
Zu wehren eingedrung'nen Scharen,
Dschous Wohl zu sichern vor Gefahren
Und allem Reich entsprechend zu gebaren.‹
Das war die Tatkraft des Königs Wen. Der König Wen brauchte nur ein einziges Mal zu zürnen, um allem Volke auf Erden Frieden zu geben.
Das Urkundenbuch[20] sagt:
›Als der Himmel die Menschen geschaffen, da machte er ihnen Herrscher, da machte er ihnen Lehrer. Seine Absicht war, daß sie Gehilfen Gottes seien, darum verlieh er ihnen die Länder der Welt. Schuld oder Unschuld ruht allein auf ihnen. Wer wagt auf Erden ihren Willen zu mißachten?‹
Daß ein Tyrann als einzelner der ganzen Welt sich entgegensetze, empfand König Wu[Anmerkung 49] als Schmach. Das war die Tatkraft des Königs Wu. Der König Wu brauchte nur ein einziges Mal zu zürnen, um allem Volk auf Erden Frieden zu geben. Wenn nun Eure Hoheit auch nur ein einziges Mal zu zürnen braucht, um allem Volk auf Erden Frieden zu geben, so wird das Volk nur darum besorgt sein, daß Eure Hoheit etwa die Tatkraft nicht lieben möchte.«
4. Im Schneepalast
Der König Süan von Tsi empfing den Mong Dsï im Schneepalast.[Anmerkung 50]
Der König sprach: »Hat der Weise auch eine Freude an solchen Dingen?«
Mong Dsï erwiderte: »Gewiß! Es gibt Leute, die tadeln ihre Herren, wenn sie selbst solche Dinge nicht haben können. Wer seinen Herren tadelt, weil er solche Dinge nicht bekommt, der ist zu tadeln. Ein Herr des Volkes aber, der seine Freuden nicht mit seinem Volke teilt, ist ebenfalls zu tadeln. Wenn ein Fürst teilnimmt an den Freuden seines Volkes, so wird das Volk auch teilnehmen an seinen Freuden. Wenn ein Fürst teilnimmt an den Leiden seines Volkes, so wird das Volk auch teilnehmen an seinen Leiden. Daß einer, der sich freut mit der ganzen Welt und leidet mit der ganzen Welt, nicht König der Welt würde, das ist noch nie geschehen ...«[Anmerkung 51]
5. Das Lichtschloß. Liebe zum Besitz und zur Frauenschönheit
König Süan von Tsi befragte den Mong Dsï und sprach: »Jedermann rät mir, das Lichtschloß[Anmerkung 52] abzubrechen. Soll ich es nun abbrechen oder soll ich es sein lassen?«
Mong Dsï erwiderte: »Das Lichtschloß ist eines großen Königs Schloß. Wenn Eure Hoheit als König der Welt herrschen wollen, so braucht Ihr es nicht abzubrechen.«
Der König sprach: »Darf man hören, wie man als König der Welt herrschen muß?«
Mong Dsï erwiderte: »König Wen herrschte einstens über das Land Ki. Da brauchten die Bauern nur ein Neuntel des Landes für ihn zu pflügen. Die Familien der Staatsdiener behielten ein dauerndes Einkommen. An den Grenzpässen und auf den Märkten wurde eine regelmäßige Aufsicht geübt, doch keine Abgaben erhoben. Fischfang und Jagd waren unbehindert. Verbrechen wurden nicht an den Angehörigen geahndet.
Ein alter Mann, der keine Gattin mehr hat, heißt ein Witwer; eine alte Frau, die keinen Gatten mehr hat, heißt eine Witwe; alte Leute ohne Söhne heißen Einsame; junge Kinder ohne Vater heißen Waisen. Diese vier sind die Elendesten unter allen Menschen, denn sie haben niemand, bei dem sie Hilfe suchen können. Der König Wen ließ bei der Ausübung der Herrschaft Milde walten. Darum sorgte er zuerst für diese Vier. Im Buch der Lieder[21] heißt es:
›Und halten's noch die Reichen aus, –
Weh', wer allein steht und verlassen.‹«
Der König sprach: »Fürwahr, trefflich sind diese Worte!«
Mong Dsï sprach: »Wenn sie Eurer Hoheit trefflich scheinen, warum tut Ihr nicht danach?«
Der König sprach: »Ich habe einen Fehler; ich liebe den Besitz.«
Mong Dsï erwiderte: »Der Herzog Liu[Anmerkung 53] liebte einst auch den Besitz. Im Buch der Lieder[22] heißt es von ihm:
›Er sammelte, bewahrte auf,
Dörrfleisch, Getreide kam zuhauf.
In Beuteln, Säcken hob man's auf.
Durch Einung wollt er Ruhm erteilen.
Bewehrt mit Bogen und mit Pfeilen,
Mit Schilden, Speeren, Äxten, Beilen,
Macht er sich fertig, fortzueilen.‹
So hatten die Zurückbleibenden gefüllte Scheunen, und die Ausziehenden hatten Mundvorrat. Darauf erst konnte er sich daran machen, auszuziehen. Wenn Eure Hoheit den Besitz lieben, so teilt ihn mit Euren Leuten. Dann ist das kein Hindernis dafür, König der Welt zu werden.«
Der König sprach: »Ich habe noch einen Fehler; ich liebe die Frauenschönheit.«
Mong Dsï erwiderte: »Der Große König[23] liebte einst auch die Frauenschönheit, und er war infolge davon seiner Gattin zugetan. Im Buch der Lieder[Anmerkung 54] heißt es von ihm:
›Altfürst Dan Fu, beim Morgengrauen
Auf flücht'gem Roßgespann zu schauen,
Kam längs der Westgewässer Auen
Bis an des Ki-Bergs untre Gauen;
Da kam er hin mit Giang, der Frauen,
Um dort mit ihr sich anzubauen.‹
Zu jenen Zeiten gab's in den inneren Gemächern[Anmerkung 55] keine unbefriedigten Frauen und draußen keine ledigen Männer. Wenn Eure Hoheit Frauenschönheit lieben, dann laßt Eure Leute auch ihr Teil haben. Dann ist das kein Hindernis dafür, König der Welt zu werden.«
6. Der König in Verlegenheit
Mong Dsï redete mit dem König Süan von Tsi und sprach: »Wenn unter Euren Dienern einer ist, der Weib und Kind seinem Freunde anvertraute und auf Reisen ging in ferne Lande,[24] und wenn er heimkommt, da hat der andere seine Frau und Kinder frieren und hungern lassen: was soll mit jenem Mann geschehen?«
Der König sprach: »Er soll verworfen werden.«
Mong Dsï fuhr fort: »Wenn der Kerkermeister[25] nicht imstande ist, seinen Kerker in Ordnung zu halten, was soll mit ihm geschehen?«
Der König sprach: »Er soll entlassen werden!«
Mong Dsï fuhr fort: »Wenn Unordnung im ganzen Lande herrscht, was soll da geschehen?«
Der König wandte sich zu seinem Gefolge[Anmerkung 56] und redete von anderen Dingen.
7. Mitwirkung des Volks bei der Regierung
Mong Dsï trat vor den König Süan von Tsi und sprach: »Wenn man von einem alten Reiche spricht, so meint man damit nicht, daß hohe Bäume drinnen sind, sondern daß es Diener hat, die ihre Erfahrung vererben. Eure Hoheit haben keine vertrauten Diener. Von denen, die gestern vor Euch standen, wußtet Ihr nicht, daß sie heute schon entlassen sein würden.«[Anmerkung 57]
Der König sprach: »Wie konnte ich wissen, daß sie unfähig waren, so daß ich mich fern von ihnen hätte halten können?«
Mong Dsï sprach: »Der Landesfürst muß die Würdigen befördern, gleich als könnte es gar nicht anders sein. Nur mit größter Vorsicht darf er einen Niedrigen einem Höheren vorziehen, einen Fremden einem Vertrauten vorziehen. Wenn alle Höflinge von einem sagen: er ist würdig, so genügt das noch nicht; wenn alle Minister sagen: er ist würdig, so genügt das noch nicht; wenn alle Leute im Reiche sagen: er ist würdig, dann erst mag der Fürst ihn prüfen, und wenn er selber sieht, daß er würdig ist, dann mag er ihn berufen. Wenn alle Höflinge von einem sagen: er ist unbrauchbar, so höre man nicht darauf; wenn alle Minister sagen: er ist unbrauchbar, so höre man nicht darauf; wenn alle Leute im Volke sagen: er ist unbrauchbar, dann erst mag der Fürst ihn prüfen, und wenn er selber sieht, daß er unbrauchbar ist, dann mag er ihn entfernen. Wenn alle Höflinge von einem sagen: er ist des Todes schuldig, so höre man nicht darauf; wenn alle Minister sagen: er ist des Todes schuldig, so höre man nicht darauf; wenn alle Leute im Volke sagen: er ist des Todes schuldig, dann erst mag der Fürst ihn prüfen, und wenn er selber sieht, daß er des Todes schuldig ist, dann mag er ihn töten lassen. So heißt es dann, daß die Bürger ihn getötet haben. So nur vermag man Vater[Anmerkung 58] seines Volkes zu sein.«
8. Verscherzte Königswürde
König Süan von Tsi befragte den Mong Dsï und sprach: »Es heißt, daß Tang den König Giä verbannt; daß König Wu den Dschou Sin getötet habe. Ist das wahr?«
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Die Überlieferung hat es so.«
Der König sprach: »Geht das denn an, daß ein Diener seinen Fürsten mordet?«
Mong Dsï sprach: »Wer die Liebe raubt, ist ein Räuber; wer das Recht raubt, ist ein Schurke. Ein Schurke und Räuber ist einfach ein gemeiner Kerl. Das Urteil der Geschichte lautet, daß der gemeine Kerl Dschou Sin hingerichtet worden ist; ihr Urteil lautet nicht, daß ein Fürst ermordet worden sei«.[Anmerkung 59]
9. Notwendigkeit der Bildung als Vorbereitung für den Staatsdienst
Mong Dsï trat vor den König Süan von Tsi und sprach: »Wenn Ihr ein großes Schloß bauen wollt, so laßt Ihr den Werkmeister sicher nach großen Bäumen suchen, und wenn der Werkmeister große Bäume findet, so seid Ihr zufrieden und haltet dafür, daß sie ihren Zweck erfüllen. Wenn dann beim Bearbeiten der Zimmermann sie zu klein macht, so werdet Ihr böse und haltet dafür, daß sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Wenn nun ein junger Mensch sich durch Lernen darauf vorbereitet, was er, erwachsen, ausüben will, und Eure Hoheit sprechen zu ihm: ›Laß einmal dein Lernen beiseite und folge mir nach!‹ Was ist davon zu halten? Angenommen, hier wäre ein kostbarer, aber noch roher Stein, er mag zweihunderttausend Lot[Anmerkung 60] schwer sein, man müßte dennoch erst einen Steinschneider kommen lassen, um ihn zu schneiden und zu glätten. Wenn es sich aber um die Ordnung eines Reiches handelt, da sollte es angehen, zu sagen: ›Laß einmal dein Lernen beiseite und folge mir nach!‹? Was berechtigt dazu, es hier anders zu machen, als bei einem Edelstein, den man dem Steinschneider übergibt, um ihn zu schneiden und zu glätten?«.[Anmerkung 61]
10. Wann darf man einen Staat annektieren?
Der Staat Tsi hatte den Staat Yän[Anmerkung 62] angegriffen und besiegt. Da befragte der König Süan den Mong Dsï und sprach: »Die einen raten mir, den Staat Yän nicht zu annektieren, die anderen raten mir, es zu tun. Wenn ein Staat mit zehntausend Kriegswagen einen anderen gleich starken Staat angreift und ihn in fünfzig Tagen vollkommen in der Hand hat, so ist das ein Erfolg, der durch Menschenkraft allein nicht zu erreichen war. Annektiere ich ihn nicht, so wird sicher Unheil vom Himmel über mich[Anmerkung 63] kommen. Wenn ich ihn nun annektiere, was dann?«
Mong Dsï erwiderte: »Wenn das Volk von Yän mit der Annexion einverstanden ist, so mögt Ihr ihn annektieren. Auch im Altertum kam diese Handlungsweise vor. König Wu ist ein Beispiel dafür. Wenn das Volk von Yän mit der Annexion nicht einverstanden ist, so annektiert ihn nicht. Im Altertum kam auch diese Handlungsweise vor. König Wen ist ein Beispiel dafür. Ihr habt mit einem Staat von zehntausend Kriegswagen einen gleich starken Staat angegriffen, und seine Einwohner brachten Speise in Körben und Suppe in Töpfen Eurem Heer entgegen aus keinem anderen Grunde, als weil sie hofften, durch Euch von einer Not befreit zu werden, so schlimm wie Wasser und Feuer. Wenn Ihr nun noch tiefere Wasser und noch heißere Feuer über sie bringt, so wird die einfache Folge sein, daß sie auch von Euch sich abwenden.«
11. Rücksicht auf das Volk des besiegten Staates
Der Staat Tsi hatte Yän angegriffen und annektiert. Da hielten die anderen Landesfürsten einen Rat, wie sie Yän zu Hilfe kämen. König Süan sprach: »Die Fürsten schmieden viele Pläne, mich anzugreifen. Wie soll ich ihnen begegnen?«
Mong Dsï erwiderte: »Ich habe wohl gehört, daß einer, der nur siebzig Meilen Land besaß, die Herrschaft über die ganze Welt in die Hand bekam. Tang ist ein Beispiel dafür. Ich habe noch nie gehört, daß einer mit tausend Meilen sich vor anderen fürchtet.
Im Buch der Urkunden heißt es:[26] ›Sobald Tang begonnen hatte mit seinem Angriff auf Go, fiel alle Welt ihm zu. Wenn er sich nach Osten wandte und das Land unterwarf, so waren die Grenzvölker im Westen unbefriedigt. Wenn er sich nach Süden wandte und das Land unterwarf, so waren die Grenzvölker im Norden unbefriedigt. Sie alle sprachen: ›Warum nimmt er uns zuletzt dran?‹‹
Das Volk sehnte sich nach ihm, wie man sich in großer Dürre nach Wolken und Regenbogen sehnt. Die Leute gingen auf den Markt wie gewöhnlich, die Bauern unterbrachen ihre Arbeit nicht. Er richtete wohl den Fürsten hin, aber tröstete das Volk. Wie wenn ein Regen zu seiner Zeit herniedergeht, also war das Volk hocherfreut. Im Buch der Urkunden heißt es: ›Wir harren unseres Herrn. Kommt unser Herr, so werden wir wieder leben‹.
Nun hat der Herrscher von Yän sein Volk bedrückt, Eure Hoheit gingen hin und griffen ihn an. Das Volk war der Meinung, daß Ihr es retten wolltet aus Feuers- und Wassersnot. So brachten sie Essen in Körben und Suppe in Töpfen Euren Heeren entgegen. Aber wenn Ihr die kräftigen Männer tötet und die unmündigen Kinder in Bande legt; wenn Ihr den Reichstempel zerstört und seine kostbaren Geräte wegführt, wie sollte das hingehen?
Die Welt ist ohnehin in Furcht vor der Macht des Staates Tsi. Wenn Ihr nun abermals Euer Gebiet verdoppelt habt, ohne ein mildes Regiment einzuführen, so werden dadurch die Waffen der ganzen Welt gegen Euch in Bewegung gesetzt. Eure Hoheit mögen schleunigst den Befehl ausgeben, daß dem Staate Yän seine Gefangenen, alt und jung, zurückgeschickt werden und daß seine kostbaren Geräte an Ort und Stelle bleiben, darauf mit allem Volk von Yän beraten und ihm einen Fürsten setzen und dann es sich selbst überlassen. So wirds vielleicht noch möglich sein, das Unheil abzuwenden.«
12. Wie man das Volk für seine Herren günstig stimmt
Der kleine Staat Dsou[Anmerkung 64] lag mit dem Staate Lu in Streit. Da befragte der Herzog Mu den Mong Dsï und sprach: »Dreiunddreißig meiner Beamten sind ums Leben gekommen, und unter dem Volke fand sich niemand, der für sie zu sterben bereit war. Will ich mit Hinrichtungen vorgehen, so kann ich mit Hinrichten gar nicht fertig werden. Stehe ich von Hinrichtungen ab, so denken die Leute, sie können schadenfroh zusehen, wie ihre Vorgesetzten getötet werden, ohne etwas für ihre Rettung zu tun.«
Mong Dsï erwiderte und sprach: »In üblen Jahren und Hungerszeiten, da sah es in Eurem Volke also aus, daß die Alten und Schwachen sich in den Straßengräben vor Hunger krümmten, während die Kräftigen zerstreut waren in alle Winde. Tausende waren in dieser Not, während in den fürstlichen Scheunen Korn die Fülle war und alle Vorratskammern und Schatzhäuser voll waren. Unter den Beamten war keiner, der Euch Bericht erstattet hätte. So rücksichtslos und grausam waren die Oberen gegen das niedere Volk.
Meister Dsong hat gesagt: ›Hüte dich, hüte dich! Was von dir ausgeht, fällt auf dich zurück.‹ Diesmal nun kam für das Volk der Tag der Vergeltung. Ihr, o Fürst, habt keinen Grund, Euch zu beklagen. Übt ein mildes Regiment aus, so wird das Volk anhänglich sein an seine Oberen und für seine Vorgesetzten in den Tod gehen.«
13. Bis zum letzten Mann
Herzog Wen von Tong[Anmerkung 65] befragte den Mong Dsï und sprach: »Tong ist ein kleines Land und liegt mitten zwischen den beiden Großstaaten Tsi und Tschu. Soll ich mich nun an Tsi anschließen oder an Tschu?«
Mong Dsï erwiderte: »Diese Pläne sind zu hoch für mich. Doch wenn's nicht anders sein kann:
Eine Auskunft weiß ich: Macht Eure Gräben tiefer und Eure Wälle höher und verteidigt sie gemeinsam mit Eurem Volk bis zum letzten Atemzug. Wenn das Volk Euch nicht im Stiche läßt, so läßt sich das durchführen.«
14. Ubi bene, ibi patria
Herzog Wen von Tong befragte den Mong Dsï und sprach: »Der Staat Tsi ist im Begriff, den Grenzort Süo zu befestigen. Ich bin in großer Sorge. Was ist zu machen?«
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Einst wohnte der Große König[Anmerkung 66] im Lande Bin. Die wilden Grenzstämme machten ihre Einfälle, da verließ er das Land und ließ sich nieder am Fuße des Ki-Berges. Nicht aus freiem Willen siedelte er sich dort an, sondern der Not gehorchend. Wenn einer wirklich das Gute tut, so wird unter seinen Söhnen und Enkeln sicher einer sein, der König der Welt wird. Der Edle sorgt dafür, eine Grundlage zu schaffen und seinen Nachkommen zu hinterlassen, auf der sich weiterbauen läßt. Ob das Werk vollendet wird, das steht beim Himmel. Was gehen Euch die anderen an? Seid stark im Guten. Das ist alles.«
15. Weichen oder Bleiben
Der Herzog Wen von Tong befragte den Mong Dsï und sprach: »Tong ist ein kleiner Staat. Ich mag mir Mühe geben, wie ich will, um den großen Nachbarstaaten zu dienen, ich werde ihnen doch nicht entgehen. Was ist da zu machen?«
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Einst wohnte der Große König im Lande Bin, und die wilden Grenzstämme machten ihre Einfälle. Da brachte er ihnen Pelze dar und Seidenzeug, doch es half ihm nichts. Da brachte er ihnen Hunde dar und Pferde, doch es half ihm nichts. Da brachte er ihnen Perlen dar und Edelsteine, doch es half ihm nichts. Darauf versammelte er die Ältesten des Landes und teilte es ihnen mit. Er sprach: ›Was jene Wilden wollen, das ist mein Land. Ich habe sagen hören: Der Edle bringt nicht durch das, wodurch er die Menschen erhalten soll, die Menschen in Schaden. Meine Kinder, was tut's, wenn ihr nun keinen Herrn mehr habt? Ich will weggehen.‹ So verließ er Bin, überstieg den Berg Liang, baute eine Stadt am Fuße des Berges Ki und wohnte daselbst. Da sprachen die Leute von Bin: ›Das ist ein guter Mensch! den dürfen wir nicht verlieren.‹ Und sie folgten ihm nach in solchen Scharen, als ginge es zu einem Markte.
Oder aber kann man sagen: ›Das Erbe der Vergangenheit muß für künftige Geschlechter gewahrt werden. Es ist nicht etwas, worüber der Einzelne frei verfügen könnte. Lieber sterben, als es preisgeben!‹
Ich bitte Eure Hoheit, unter diesen beiden Möglichkeiten zu wählen.«
16. Der Weise und der Günstling
Der Herzog Ping von Lu[Anmerkung 67] war im Begriff auszufahren. Da trat sein Günstling Dsang Tsang bittend zu ihm und sprach: »Wenn Eure Hoheit sonst ausfuhren, so wieset Ihr immer Eure Beamter an, wohin Ihr wolltet. Heute ist der Wagen schon angespannt, und die Beamten wissen noch nicht, wohin es geht. Darf ich darnach fragen?«
Der Herzog sprach: »Ich bin im Begriff, den Meister Mong aufzusuchen.«
Er sprach: »Wahrlich, Ihr erniedrigt Euch mit Eurem Tun, indem Ihr einem gemeinen Manne entgegengeht. Denkt Ihr, er sei ein Weiser? Ordnung und Recht geht von den Weisen aus. Aber Meister Mong hat für seine Mutter mehr getrauert als für seinen Vater. Ihr müßt ihn nicht besuchen.«
Der Herzog sagte: »Gut.«
Da trat Yüo Dschong Dsï zu dem Fürsten hinein und sprach: »Warum wollen Eure Hoheit den Mong Ko nicht besuchen?«
Er sprach: »Es hat mir jemand gesagt, daß Meister Mong für seine Mutter mehr getrauert hat als für seinen Vater, darum ging ich nicht hin, ihn aufzusuchen.«
Jener sprach: »Was meinen Eure Hoheit denn mit diesem ›mehr‹? Hat er für seinen Vater getrauert wie für einen einfachen Gelehrten und für seine Mutter wie für einen Minister? Hat er für seinen Vater nur drei Opfergefäße aufgestellt und für seine Mutter fünf?«
Der Fürst sprach: »Nein, ich meine damit, daß der Sarg und Sarkophag, die Leichenkleidung und die Grabtücher schöner waren.«
Jener sprach: »Das ist nicht ein ›mehr‹ an Trauer; das zeigt nur, daß er erst arm war und später reich.«
Yüo Dschong Dsï trat darauf vor Mong Dsï und sprach: »Ich habe dem Fürsten von Euch erzählt, und der Fürst wollte deshalb kommen, um Euch aufzusuchen. Aber unter seinen Günstlingen ist einer, namens Dsang Tsang, der hat den Fürsten verhindert. Darum ist der Fürst schließlich doch nicht gekommen.«
Mong Dsï sprach: »Wenn einer geht, so ist immer einer da, der ihn veranlaßt. Wenn einer bleibt, ist immer einer da, der ihn verhindert. Aber Gehen oder Bleiben liegt nicht in der Macht der Menschen. Daß ich den Fürsten von Lu nicht getroffen habe, ist Fügung des Himmels. Wie hätte der Sohn Dsangs es bewirken können, daß ich ihn nicht getroffen habe!«
Buch II. Gung-Sun Tschou
Abschnitt A: 1. Die Möglichkeit des Wirkens
Gung-Sun Tschou[Anmerkung 68] befragte den Mong Dsï und sprach: »Wenn Ihr, Meister, in Tsi die amtliche Laufbahn ergriffet, da wäre wohl eine Wiederholung der Taten eines Guan Dschung[Anmerkung 69] und Yän Dsï zu erhoffen?«
Mong Dsï sprach: »Du bist doch ein echter Mann aus Tsi. Kennst Guan Dschung und Yän Dsï und nichts weiter. Es fragte einmal jemand den Dsong Si:[Anmerkung 70] ›Wer ist größer: Ihr oder Dsï Lu?‹ Da sprach Dsong Si bestürzt: ›Vor Dsï Lu hatte selbst mein Vater Respekt.‹ Jener fuhr fort: ›Wer ist größer: Ihr oder Guan Dschung?‹ Da stieg dem Dsong Si der Ärger ins Gesicht und er sprach unwillig: ›Wie magst Du mich mit Guan Dschung in eine Linie stellen? Dieser Guan Dschung: so völlig hat er seinen Fürsten in der Hand gehabt, so lange hat er die Staatsregierung geführt, und was er an Leistungen zustandegebracht hat, war so gering. – Wie magst Du mich mit dem in eine Linie stellen?‹ Du siehst nun, daß ein Dsong Si nicht gewillt war, die Rolle eines Guan Dschung zu spielen, und Du denkst, ich trachte darnach?«
Jener sprach: »Guan Dschung verschaffte seinem Fürsten die Vorherrschaft. Yän Dsï verschaffte seinem Fürsten eine bedeutende Stellung. Und dennoch sollte es nicht der Mühe wert sein, es ihnen gleich zu tun?«
Mong Dsï sprach: »Als Herr von Tsi König der Welt zu werden, müßte im Handumdrehen möglich sein.«
Jener sprach: »Wenn es sich also verhält, so mehren sich noch meine Bedenken. Da war König Wen, ein Mann voll Geist und Kraft. Er starb erst mit hundert Jahren. Dennoch gelang es ihm noch nicht, sich durchzusetzen in der Welt. Es bedurfte der Fortführung durch seine Söhne, den König Wu und den Herzog Dschou, ehe der große Wurf gelang. Wenn es aber so etwas Leichtes ist, König der Welt zu werden, so wäre es nicht der Mühe wert, den König Wen zum Vorbild zu nehmen!«
Mong Dsï sprach: »Wer wollte es dem König Wen gleichtun! Von Tang[Anmerkung 71] bis auf Wu Ding[Anmerkung 72] waren sechs oder sieben würdige und heilige Herrscher an der Arbeit gewesen und die Welt war im Besitz des Hauses Yin seit langem. Lange dauernde Zustände lassen sich nur schwer ändern. Noch Wu Ding hatte die Fürsten an seinem Hof versammelt und besaß die Welt, als drehte sie sich in seiner Hand. Der Tyrann Dschou Sin war von Wu Ding zeitlich noch nicht weit entfernt. Noch waren die alten Familien, die früheren Sitten, die herrschenden Gebräuche, die guten Ordnungen vorhanden; noch gab es einen Grafen We,[Anmerkung 73] einen We Dschung, einen Prinzen Bi Gan, einen Grafen Ki, einen Giau Go, alles würdige Männer, die mit vereinten Kräften jenem zur Seite standen. Darum dauerte es lange, ehe er die Weltherrschaft verlor. Jeder Zoll Erde war in seinem Besitz, jeder Bürger war sein Untertan. Außerdem hat König Wen mit einem Besitz von nur hundert Geviertmeilen angefangen. Darum hatte er so große Schwierigkeiten.
In Tsi gibt es ein Sprichwort: ›Alle Klugheit und Weisheit ist umsonst, wenn man die Lage nicht zu nutzen weiß, gleichwie Pflug und Hacke nichts ausrichten, wenn man die rechte Zeit nicht trifft.‹ In jetziger Zeit ist das alles viel leichter. Die Herrscher der Häuser Hia, Yin und Dschou hatten zur Zeit ihrer größten Blüte nicht über tausend Meilen im Geviert Land. Tsi hat also das nötige Landgebiet. Man hört im ganzen Lande von einem Dorf[Anmerkung 74] zum andern den Hahnenruf und das Hundegebell. Tsi hat also auch die nötige Bevölkerung. Der Herr von Tsi bedarf keiner Vergrößerung seines Landes, keiner Vermehrung seines Volkes. Übt er ein mildes Regiment, so wird er König der Welt, und niemand kann ihn hindern. Außerdem gab es noch keine Zeit, in der so selten ein wahrer Herrscher aufgestanden wäre wie in unsrer. Es gab noch keine Zeit, wo das Volk so sehr unter grausamem Regiment zu leiden hatte, wie in unserer. Ein Hungriger ist leicht zu speisen, ein Durstiger ist leicht zu tränken. Meister Kung hat gesagt: ›Geistiger Wert wird rascher bekannt als ein Befehl, der durch Postreiter verbreitet wird.‹ Wenn in heutiger Zeit ein Großstaat mildes Regiment übt, so ist das Volk erleichtert, wie wenn man einen, der mit dem Kopf nach unten aufgehängt[27] ist, aus seiner Lage befreit. Darum könnte man im Dienst eines Mannes, der auch nur halbwegs den Alten gleicht, sicher die doppelten Ergebnisse zustandebringen. Es liegt einfach an der Zeit.«
2. Die Ruhe des Gemüts
Gung-Sun Tschou fragte den Mong Dsï: »Wenn Ihr, Meister, ein hohes Amt in Tsi erhieltet, das Euch die Möglichkeit gäbe, Eure Lehren durchzuführen, so wäre es nicht zu verwundern, wenn Ihr das Land aus seinem jetzigen Zustand zur Vorherrschaft oder selbst zum Königtum der Welt führtet. Werdet Ihr durch diese Aussicht in Eurem Gemüt bewegt oder nicht?«
Mong Dsï sprach: »Nein, seit meinem vierzigsten Jahr habe ich die Ruhe des Gemüts erreicht.«
Der Schüler sprach: »Da übertrefft Ihr ja den berühmten Mong Ben[Anmerkung 75] noch weit.«
Mong Dsï sprach: »Das ist nicht schwer. Gau Dsï[28] hat sogar noch früher als ich die Ruhe des Gemüts erlangt.«
Der Schüler sprach: »Gibt's einen Weg zur Ruhe des Gemüts?«
Mong Dsï sprach: »Ja. Be-Gung Yu[Anmerkung 76] handelte also, um seine Tatkraft zu steigern: er rieb sich nicht erst die Haut, wenn er geschlagen ward, und zuckte nicht erst mit der Wimper. Sondern wenn ihm von jemand auch nur ein Haar gekrümmt ward, empfand er es so schimpflich, als wäre er auf offenem Markt geschlagen worden. Er ließ es sich nicht bieten von einem Bauern in härenem Gewand und ließ es sich ebensowenig bieten vom Fürsten eines großen Staates. Es galt ihm ganz gleich, den Fürsten eines großen Staates oder einen Menschen in härenem Gewand zu erstechen. Er hatte keine Scheu vor hohem Stand. Traf ihn ein übles Wort, er erwiderte es sicher.
Mong Schï Schä[Anmerkung 77] steigerte seine Tatkraft auf andere Art: er sprach: ›Siegen oder Nichtsiegen gilt mir gleich. Wollte man erst den Feind abschätzen, ehe man drauf geht; wollte man sich um den Sieg bekümmern, ehe man ins Treffen geht; da müßte man vor einem großen Heer sich scheuen. Ich vermag nicht unter allen Umständen zu siegen. Was ich vermag, ist, keine Furcht zu kennen.‹
Mong Schï Schä war wie Meister Dsong; Be-Gung Yu war wie Dsï Hia. Welcher von diesen beiden Meistern die bessere Tatkraft hätte, wüßte ich nicht. Doch verstand Mong Schï Schä besser die Beschränkung aufs Wichtigste, nämlich die eigene Gesinnung.
Meister Dsong sagte einst zu seinem Schüler Dsï Siang: ›Du liebst die Tatkraft? Ich habe einst vom Meister Kung etwas gehört, wie man zu großer Tatkraft kommt: ›Wenn ich mich prüfe und bin nicht im Recht, könnte ich dann, selbst wenn mein Gegner nur ein Bauer im härenen Gewand ist, ihm furchtlos gegenübertreten? Wenn ich mich prüfe und ich bin im Recht, so trete ich auch Hunderttausenden entgegen.‹‹ Mong Schï Schä wahrte wohl seine Kraft, aber Meister Dsong verstand es noch besser, sich auf das Allerwichtigste – sein Gewissen – zu beschränken.«
Der Schüler sprach: »Darf ich etwas Näheres erfahren über Eure Art der Ruhe des Gemüts und die des Gau Dsï?«
Mong Dsï sprach: »Gau Dsï hatte den Grundsatz: ›Wofür ich keinen Ausdruck in Worten finde, das suche ich nicht im Gemüt zu ergründen. Was mir im Gemüt nicht entgegenkommt, das suche ich nicht durch Aufwand von Lebenskraft zu erreichen.‹ Der Satz: ›Was mir im Gemüt nicht entgegenkommt, das suche ich nicht durch Aufwand von Lebenskraft zu erreichen‹ geht an. Der andere Satz aber: ›Wofür ich keinen Ausdruck in Worten finde, das suche ich nicht im Gemüt zu ergründen‹ ist unzulässig.
Der Wille ist der Leiter der Lebenskraft, die Lebenskraft durchdringt den Leib. Der Wille setze das Ziel, die Lebenskraft folge nach. Darum heißt es: ›Mache deinen Willen fest und schone deine Lebenskraft‹.«
Der Schüler sprach: »Wie sind die beiden Sätze: ›Der Wille setze das Ziel, die Lebenskraft folge nach‹ und ›Mache deinen Willen fest und schone deine Lebenskraft‹ zu vereinigen?«
Mong Dsï sprach: »Ist der Wille gesammelt, so bewegt er die Lebenskraft. Ist die Lebenskraft gesammelt, so bewegt sie ihrerseits den Willen. So ist hastiges Laufen eine Äußerung der Lebenskraft, aber es wirkt zurück und erregt das Gemüt.«
Der Schüler sprach: »Darf ich fragen, worin Ihr jenem überlegen seid, Meister?«
Mong Dsï sprach: »Ich kenne mich aus in den Worten der Menschen, und ich verstehe es, meine flutende Lebenskraft durch das Gute zu steigern.«
Der Schüler sprach: »Darf ich fragen, was mit der flutenden Lebenskraft gemeint ist.«
Mong Dsï sprach: »Darüber läßt sich schwer reden. Was man unter Lebenskraft versteht, das ist etwas höchst Großes, höchst Starkes. Wird sie durch das Rechte genährt und nicht geschädigt, so bildet sie die Vermittlung zwischen unsichtbarer und sichtbarer Welt. Was man unter Lebenskraft versteht, gehört zusammen mit der Pflicht und mit dem Sinn des Lebens. Ohne diese beiden muß sie verkümmern. Sie ist etwas, das durch dauernde Pflichtübung erzeugt wird, nicht etwas, das man durch eine einzelne Pflichthandlung an sich reißen könnte. Wenn man bei seinen Handlungen sich nicht innerlich wohlfühlen kann, so muß jene Kraft verkümmern. Darum sage ich, daß Gau Dsï das Wesen der Pflicht nicht versteht, weil er sie für etwas Äußerliches hält. Sicherlich bedarf es – zur Pflege der Lebenskraft – der Arbeit, aber man soll dabei nicht nach dem Erfolg schielen. Das Gemüt soll das Ziel nicht vergessen, aber dem Wachstum nicht künstlich nachhelfen wollen. Man darf es nicht machen wie jener Mann aus Sung. Es war einmal ein Mann in Sung, der war traurig darüber, daß sein Korn nicht wuchs, und zog es in die Höhe. Ahnungslos kam er nach Hause und sagte zu den Seinigen: Heute bin ich müde geworden, ich habe dem Korn beim Wachsen geholfen. Sein Sohn lief schnell hinaus, um nachzusehen, da waren die Pflänzchen alle welk.
Es gibt wenige Leute auf der Welt, die nicht dem Korn beim Wachsen helfen wollen. Es gibt Leute, die denken, es komme nichts dabei heraus, und sich gar nicht um die ganze Sache kümmern. Die gleichen denen, die das Korn nicht von Unkraut säubern wollten. Die aber, die dem Korn beim Wachstum helfen wollten, nützen ihm nicht nur nichts, sondern schädigen es sogar.[Anmerkung 78]
Der Schüler sprach: »Was heißt, sich auskennen in den Worten der Menschen?«
Mong Dsï sprach: »Höre ich einseitige Reden, so merke ich, was sie verdecken. Höre ich ausschweifende Reden, so merke ich, welche Fallen sie stellen. Höre ich falsche Reden, so merke ich, wovon sie abweichen. Höre ich ausweichende Reden, so merke ich, aus welcher Verlegenheit sie kommen ...«[Anmerkung 79]
Der Schüler sprach: »Da seid Ihr ja wohl ein Heiliger, Meister?«
Mong Dsï sprach: »Ach, was sind das für Worte! Dsï Gung[Anmerkung 80] fragte einst den Meister Kung: ›Seid Ihr ein Heiliger, Meister?‹ Da erwiderte Meister Kung: ›Ein Heiliger zu sein, geht über meine Kraft. Ich strebe ohne Überdruß und lehre ohne zu ermüden.‹ Dsï Gung sagte darauf: ›Streben ohne Überdruß ist Weisheit, Lehren ohne zu ermüden ist Güte. Ihr vereinigt Weisheit und Güte, da seid Ihr wirklich ein Heiliger, Meister.‹
Also nicht einmal Meister Kung verweilte bei dem Gedanken, ein Heiliger zu sein! Was sind das für Worte!«
Der Schüler fuhr fort: »Ich habe einst sagen hören, Dsï Hia, Dsï Yu und Dsï Dschang[29] hätten jeder ein Stück von einem Heiligen besessen, Jan Niu,
Min Dsï und Yän Yüan hätten jeder alle Stücke eines Heiligen gehabt, aber in kleinem Maßstäbe. Darf ich fragen, zu welchen Ihr Euch rechnet, Meister?«
Mong Dsï sprach: »Lassen wir das!«
Der Schüler fragte: »Was ist von Be-I und I-Yin zu halten?«
Mong Dsï sprach: »Sie gingen verschiedene Wege. Be-I [Anmerkung 81] hatte den Grundsatz: Wer nicht sein Fürst war, dem diente er nicht; wer nicht sein Untertan war, von dem wollte er nichts. War Ordnung, so stellte er sich ein. War Verwirrung, so zog er sich zurück.
I-Yin hatte den Grundsatz: Wem ich diene,[Anmerkung 82] der ist mein Fürst; wen ich brauche, der ist mein Untertan. War Ordnung, so stellte er sich ein. War Verwirrung, so stellte er sich gleichfalls ein.
Meister Kung hatte den Grundsatz: Wenn es recht war, ein Amt zu haben, so übernahm er das Amt. Wenn es recht war, aufzuhören, so hörte er auf. Wenn es recht war, zu warten, so wartete er. Wenn es recht war, zu eilen, so eilte er.
Sie alle waren Heilige der alten Zeit. Und ich fühle mich nicht imstande, es ihnen gleichzutun. Aber was ich möchte, das ist, von Meister Kung lernen.«
Der Schüler sprach: »Sind also Be-I und I-Yiri dem Meister Kung gleichzustellen?«
Mong Dsï sprach: »Nein, seit Menschen auf Erden leben, hat es noch nie einen gegeben wie Meister Kung.«
Der Schüler sprach: »Hatten sie dann wenigstens mit ihm gemeinsame Züge?«
Mong Dsï sprach: »Ja. Sie alle wären imstande gewesen, wenn sie auch nur ein kleines Land von hundert Meilen im Geviert zu beherrschen gehabt hätten, die Fürsten des Reiches um sich zu versammeln und die Weltherrschaft zu erlangen. Aber die Erlangung der Weltherrschaft durch eine einzige ungerechte Tat, durch Tötung eines einzigen Unschuldigen zu erkaufen, das würden sie alle verschmäht haben. Darin stimmen sie mit ihm überein.«
Der Schüler sprach: »Darf ich fragen, wodurch er sich von ihnen unterschied?«
Mong Dsï sprach: »Die Jünger Dsai Wo, Dsï Gung und Yu Jo besaßen genügende Weisheit, um einen Heiligen zu erkennen. So hoch sie ihn auch schätzen mochten, sie würden sich nie dazu herbeigelassen haben, ihm aus persönlicher Vorliebe Schmeichelhaftes nachzusagen.
Dsai Wo nun sagte: ›Meiner Ansicht nach ist unser Meister weit würdiger als Yau und Schun.‹
Dsï Gung sprach: ›An den Lebensordnungen, die einer geschaffen, erkennt man seine Regierungsart, aus der Musik, die einer geschaffen, hört man sein geistiges Wesen heraus. Wenn man nach Hunderten von Geschlechtern unter diesem Gesichtspunkt die Könige der Vorzeit vergleichend nebeneinanderstellt, wird keiner diesem Maßstab entgehen: Seit Menschen auf Erden leben, hat es niemand gegeben wie unsern Meister.‹
Yu Jo sprach: ›Er sollte nur ein gewöhnlicher Mensch sein? Wenn das Kilin mit den Tieren, der Phönix mit den Vögeln, der Große Berg mit Hügeln und Ameisenhaufen, wenn der Gelbe Fluß und das Meer mit Straßengräben von derselben Art sind, so ist auch der Heilige mit den gewöhnlichen Menschen von derselben Art. Unter allen, die ihre Artgenossen übertrafen und hervorragten über die allgemeine Oberfläche, war keiner so groß wie Meister Kung‹«[Anmerkung 83]
3. Herrschaft der Gewalt und des Geistes
Mong Dsï sprach: »Wer sich auf Gewalt stützt und äußerlich Milde heuchelt, wird Führer der Fürsten. Er muß aber ein großes Reich besitzen. Wer sich auf Geisteskräfte stützt und Milde übt, wird König der Welt. Ein König hängt nicht ab von der Größe seines Reichs. Tang hatte siebzig Meilen im Geviert, der König Wen hatte hundert. Wer durch Gewalt die Menschen unterwirft, der unterwirft sie nicht in ihren Herzen, sondern nur weil sie ihm nicht an Gewalt gewachsen sind. Wer durch Geisteskräfte sich die Menschen unterwirft, dem jubeln sie im Herzen zu und sind ihm wirklich untertan, wie die 70 Jünger[Anmerkung 84] dem Meister Kung untertan waren. Das ist gemeint, wenn es im Buch der Lieder heißt:
›Von Aufgang und von Niedergang,
Von Mittag und von Mitternacht
Ward nur auf Huldigung gedacht‹.«[Anmerkung 85]
4. Die Quelle von Glück und Unglück
Mong Dsï sprach: »Milde bringt Ehre, Härte bringt Schmach. Wer nun die Schmach haßt und dennoch bei der Härte verweilt, der gleicht dem Menschen, der Feuchtigkeit haßt und dennoch in den Niederungen weilt. Wenn man die Schmach haßt, so gibt's nichts Besseres, als Geisteskraft schätzen und die Gebildeten ehren. Wenn die Würdigen auf dem Platze
sind und die Fähigen im Amt, bekommt Staat und Familie Muße. Wer unter diesen Verhältnissen Verwaltung und Gesetz in Klarheit bringt, den werden auch Großmächte scheuen. Das ist gemeint, wenn es im Buch der Lieder heißt:[30]
›Bevor am Himmel schwarz die Regenwolken hingen,
Sah man mich Maulbeerfasern bringen
Und fest um Tür und Fenster schlingen.
Und jetzt, du niedriges Geschlecht,
Wagt Einer Schmach auf mich zu bringen?‹
Meister Kung sprach: ›Der dies Lied gemacht, der weiß den rechten Weg. Wer Land und Haus in Ordnung bringen kann, wer wird auf den Schmach zu bringen wagen?‹ Wenn nun aber Staat und Familie Muße haben und man benützt diese Zeit, um sich dem Vergnügen und der Untätigkeit hinzugeben, so heißt das, selbst das Unglück herbeiziehen. Glück und Unglück wird alles von den Menschen selber herbeigezogen.
Das ist damit gemeint, wenn es im Buch der Lieder heißt:[31]
Und in dem Abschnitt Tai Gia im Buch der Urkunden,[Anmerkung 86] wo es heißt:
›Schickt der Himmel Unheil, das läßt sich abwenden. Bringt man selbst Unheil über sich, so kommt man nicht mit dem Leben davon.‹«
5. Fünf Wege zum Frieden und zur Weltherrschaft
Mong Dsï sprach: »Wenn einer die Würdigen ehrt und die Fähigen anstellt, so daß die Besten und Weisesten im Amte sind, so sind alle Ritter[Anmerkung 87] auf Erden froh und wünschen an seinem Hofe Dienst zu tun. Wenn einer die Märkte zwar beaufsichtigen läßt,[Anmerkung 88] aber keine Grundsteuer erhebt, so sind alle Kaufleute auf Erden froh und wünschen auf seinen Märkten ihre Güter zu stapeln. Wenn einer an den Pässen die Durchreisenden[Anmerkung 89] zwar aufschreiben läßt, aber keine Abgaben von ihnen erhebt, so sind alle Wanderer auf Erden froh und wünschen auf seinen Straßen zu wandern. Wenn einer die Bauern zu gegenseitiger Hilfe[Anmerkung 90] anhält, aber keine Steuern von ihnen erhebt, so sind alle Bauern auf Erden froh und wünschen auf seinen Fluren zu pflügen. Wenn einer von denen, die Gebäudesteuer[Anmerkung 91] zahlen, nicht auch noch Kopfsteuer und Fronleistungen verlangt, so ist alles Volk auf Erden froh und wünscht sein Volk zu werden.
Wenn einer wirklich diese fünf Stücke durchführt, so blickt das Volk der Nachbarstaaten zu ihm empor wie zu Vater und Mutter. Vater und Mutter aber angreifen zu lassen durch ihre Kinder, das ist etwas, das, seit es Menschen gibt auf Erden, noch niemand fertig gebracht hat. Darum hat er keinen Feind auf Erden. Wer keinen Feind auf Erden hat, ist Gottes Knecht.[Anmerkung 92]
Daß ein solcher nicht König der Welt würde, ist noch niemals vorgekommen«.
6. Das Mitleid
Mong Dsï sprach: »Jeder Mensch hat ein Herz, das anderer Leiden nicht mit ansehen kann.[Anmerkung 93]
Die Könige der alten Zeit zeigten ihre Barmherzigkeit darin, daß sie barmherzig waren in ihrem Walten. Wer barmherzigen Gemüts barmherzig waltet, der mag die beherrschte Welt auf seiner Hand sich drehen lassen. Daß jeder Mensch barmherzig ist, meine ich also: Wenn Menschen zum erstenmal ein Kind erblicken, das im Begriff ist, auf einen Brunnen zuzugehen, so regt sich in aller Herzen Furcht und Mitleid. Nicht weil sie mit den Eltern des Kindes in Verkehr kommen wollten, nicht weil sie Lob von Nachbarn und Freunden ernten wollten, nicht weil sie üble Nachrede fürchteten, zeigen sie sich so.
Von hier aus gesehen, zeigt es sich: ohne Mitleid im Herzen ist kein Mensch,[Anmerkung 94] ohne Schamgefühl im Herzen ist kein Mensch, ohne Bescheidenheit im Herzen ist kein Mensch, ohne Recht und Unrecht im Herzen ist kein Mensch, Mitleid ist der Anfang[Anmerkung 95] der Liebe, Schamgefühl ist der Anfang des Pflichtbewußtseins, Bescheidenheit ist der Anfang der Sitte, Recht und Unrecht unterscheiden ist der Anfang der Weisheit. Diese vier Anlagen besitzen alle Menschen, ebenso wie sie ihre vier Glieder besitzen. Wer diese vier Anlagen besitzt und von sich behauptet, er sei unfähig, sie zu üben, ist Räuber an sich selbst. Wer von seinem Fürsten behauptet, er könne sie nicht üben, ist ein Räuber an seinem Fürsten.
Wer diese vier Anlagen in seinem Ich besitzt und sie alle zu entfalten und zu erfüllen weiß, der ist wie das Feuer, das angefangen hat zu brennen, wie die Quelle, die angefangen hat zu fließen. Wer diese Anlagen erfüllt, der vermag die Welt zu schirmen, wer sie nicht erfüllt, vermag nicht einmal seinen Eltern zu dienen.«
7. Wichtigkeit des Berufs
Mong Dsï sprach: »Warum sollte ein Pfeilmacher an sich weniger Liebe haben als ein Panzerschmied? Aber der Pfeilmacher muß darauf bedacht sein, die Menschen zu verletzen, ein Panzerschmied muß darauf bedacht sein, die Menschen vor Verletzungen zu schützen. Ebenso steht es mit dem Gesundbeter und dem Sargmacher.[Anmerkung 96]
Darum ist die Wahl des Berufes etwas, das wohl beachtet werden muß.
Meister Kung sprach: ›Gute Menschen machen die Schönheit eines Platzes aus. Wer die Wahl hat und nicht unter guten Menschen weilt, wie kann der wirklich weise genannt werden?‹[Anmerkung 97]
Liebe ist der höchste göttliche Adel und der Menschen friedliches Heim. Unbehindert von außen nicht die Liebe erstreben, das ist Mangel an Weisheit. Ohne Liebe, ohne Weisheit, ohne Sitte, ohne Pflichtgefühl – so sind die Sklaven. Sklave sein und sich der Sklaverei schämen, ist, wie wenn ein Bogenmacher sich des Bogenmachens schämte, oder ein Pfeilmacher sich des Pfeilmachens schämte. Wer Scham empfindet, tut am besten, Liebe zu üben. Der gütige Mensch macht's wie der Schütze.[Anmerkung 98] Der Schütze nimmt sich erst zusammen, dann schießt er los. Hat er geschossen und nicht getroffen, so grollt er nicht dem Sieger, sondern sucht die Schuld allein bei sich.«
8. Gemeinschaft im Guten
Mong Dsï sprach: »Dsï Lu freute sich, wenn man ihm seine Fehler sagte. Yü verneigte sich, wenn er gute Worte hörte. Der Große Schun war noch größer als diese: er verstand es, mit andern sich zusammenzuschließen im Gutestun.[Anmerkung 99]
Er verleugnete sich selbst und richtete sich nach den andern.
Freudig anerkannte er, was sich bei andern an Gutem fand. Von den Zeiten an, da er noch hinter dem Pfluge ging, da er Gefäße formte und Fischfang trieb, bis zu der Zeit, da er Herrscher ward: immer hat er die andern anerkannt. Wer anerkennt, was er bei andern an Gutem findet, der fördert sie im Guten. Darum kennt der Edle nichts Größeres als andere zu fördern im Guten.«
9. Verschiedene Heiligkeit: Be-I und Liu Hia Hui
Mong Dsï sprach: »Be-I diente niemand, der nicht sein Fürst war; wer nicht sein Freund war, mit dem verkehrte er nicht. Er ging nicht an den Hof eines schlechten Fürsten und redete nicht mit schlechten Menschen. An eines schlechten Fürsten Hof zu kommen, mit einem schlechten Menschen zu reden, wäre ihm ebenso arg gewesen, als mit Feierkleidung angetan in Kot und Asche zu sitzen. So weit ging er in seinem Hasse des Gemeinen, daß, wenn er mit einem Bauern auf der Straße reden wollte und er sah, daß dessen Hut nicht richtig saß, er ihn stehen ließ, ohne ihn zu beachten – gleich als würde er dadurch befleckt. Wenn ihm Fürsten auch die schönsten Anerbietungen machten: er nahm sie nicht an. Der Grund, warum er sie nicht annahm, war auch, daß es ihm nicht reinlich dünkte, hinzugehen.
Liu Hia Hui[32] schämte sich nicht eines unreinen Fürsten; ein niedriges Amt schien ihm nicht zu gemein. Wurde er befördert, so verdunkelte er nicht verdienstvolle Männer und ließ nicht ab von seinem Wege. Wurde er vernachlässigt und abgesetzt, so murrte er nicht, kam er in Gefahr und Mißerfolg, so regte er sich nicht auf. So sprach er: ›Du bist du, ich bin ich. Wenn du auch nackt und bloß an meiner Seite stehst, wie kannst du mich beflecken?‹ Darum verkehrte er ganz harmlos mit solchen Menschen, ohne sich selbst zu verlieren. Hielt man ihn zurück, so blieb er. Der Grund, warum er blieb, wenn man ihn zurückhielt, war, daß er es nicht für Pflicht der Reinlichkeit hielt, zu gehen.«
Mong Dsï sprach: »Be-I war zu beschränkt, Liu Hia Hui war zu gleichgültig. Beschränktheit und Gleichgültigkeit ist, was der Edle meidet.«
Abschnitt B: 1. Bedingungen des Siegs
Mong Dsï sprach: »Die Gunst der Zeit[Anmerkung 100] ist nichts gegen den Vorteil der Lage. Der Vorteil der Lage ist nichts gegen die Einigkeit der Menschen. Gesetzt: eine kleine Stadt, drei Meilen im Geviert, und eine Vorstadt von sieben[Anmerkung 101] Meilen wird wohl belagert und bestürmt, doch wird sie nicht eingenommen. Um sie belagern und angreifen zu können, muß man die Gunst der Zeit auf seiner Seite haben; nimmt man sie dennoch nicht, so kommt es daher, weil die Gunst der Zeit nichts hilft gegen den Vorteil der Lage. Gesetzt: alle Mauern seien hoch, alle Gräben seien tief, Wehr und Waffen seien stark und scharf, die Kornvorräte seien alle reichlich, und doch muß man den Platz aufgeben und ihn räumen, so kommt es daher, weil der Vorteil der Lage nichts hilft gegen die Einigkeit der Menschen.
Darum heißt es: Ein Volk läßt sich nicht abschließen durch stark bewachte Grenzen. Ein Reich ist nicht fest durch die Steilheit von Berg und Tal. Die Welt wird nicht in Scheu gehalten durch die Schärfe von Waffen und Wehr. Wer auf rechtem Wege wandelt, der findet viele Hilfe, wer den rechten Weg verloren, dem helfen wenige. Von wenigen unterstützt zu sein führt schließlich dazu, daß die eignen Verwandten abfallen. Von vielen unterstützt zu sein führt schließlich dazu, daß die ganze Welt gehorcht. Wenn einem der Gehorsam der ganzen Welt zur Seite steht und seinem Gegner selbst die Verwandten untreu werden: es gibt wohl Edle, die auch dann noch vom Kampfe abstehen;[Anmerkung 102] kämpfen sie aber, so ist der Sieg ihnen sicher.«
2. Männerstolz vor Fürstenthronen
Als Mong Dsï eben im Begriffe war, zu Hofe[Anmerkung 103] zu gehen, um den König zu sehen, kam ein Bote vom König, durch den er sagen ließ: »Ich hatte im Sinne, Euch persönlich aufzusuchen, doch bin ich erkältet und darf mich nicht dem Wind aussetzen. Morgen früh sehe ich meinen Hofstaat bei mir, ich weiß nicht, ob ich Euch da auch sehen darf.«
Mong Dsï erwiderte: »Unglücklicherweise bin ich krank, so daß ich nicht zu Hofe kann.«
Am andern Tag ging er aus, um einen Beileidsbesuch in dem Hause Dung-Go zu machen.
Sein Jünger Gung-Sun Tschou sprach: »Gestern habt Ihr Krankheit halber dem König abgesagt. Heute macht Ihr Beileidsbesuche. Ob das nicht doch unangängig ist?«
Mong Dsï sprach: »Gestern war ich krank; heute geht es mir wieder gut. Was sollte mich da abhalten, Beileidsbesuche zu machen?«
Der König sandte einen Boten, um nach dem Befinden des Mong Dsï zu fragen. Auch kam ein Arzt.
Da erwiderte Mong Dschung Dsï (ein Verwandter des Mong Dsï): »Als gestern der Befehl des Königs kam, war er etwas unpäßlich, so daß er nicht zu Hofe konnte. Heute geht es ihm wieder etwas besser, und er ist zu Hofe geeilt. Er muß wohl eben um diese Zeit dort ankommen.«
Dann sandte er einige Leute, die den Mong Dsï unterwegs überreden sollten, ehe er heimkomme, unter allen Umständen zu Hofe zu gehen.
Mong Dsï, dem nichts anderes übrig blieb, ging zu dem Minister Ging Tschou und blieb bei ihm über Nacht.
Ging Tschou sprach: »Im Hause Vater und Sohn, im Staate Fürst und Untertan: das sind die heiligsten Beziehungen der Menschen. Zwischen Vater und Sohn herrscht die Liebe, zwischen Fürst und Untertan herrscht die Achtung. Ich habe wohl die Achtung gesehen, mit der der König Euch behandelt, aber ich habe nichts bemerkt, wodurch Ihr dem König Achtung zeigtet.«
Mong Dsï sprach: »Ach, was sind das für Reden! Unter den Leuten von Tsi gibt es keinen, der mit dem König über Pflicht und Liebe redet. Halten sie etwa Pflicht und Liebe nicht für etwas Schönes? Jawohl, aber sie sprechen bei sich: Dieser Mann ist nicht der Mühe wert, daß man mit ihm über Pflicht und Liebe redet. Eine größere Mißachtung als dies gibt es überhaupt nicht. Ich dagegen wagte nicht, dem König etwas vorzuführen außer den Lehren eines Yau und Schun. So gibt es also in ganz Tsi niemand, der dem König solche Achtung erwiese wie ich.«
Ging Tschou sprach: »Nein, so war es nicht gemeint. Aber im Buch der Ordnungen heißt es: ›Wenn der Vater ruft, dann gilt kein zögerndes Ja. Wenn des Fürsten Befehl einen ruft, dann darf man nicht warten, bis erst der Wagen angespannt ist‹. Ihr wäret tatsächlich im Begriff, zu Hofe zu gehen; als Ihr aber hörtet, daß Ihr vom König befohlen seiet, da habt Ihr Eure Absicht nicht ausgeführt. Das muß doch so erscheinen, als sei es mit der Ordnung nicht im Einklang.«
Mong Dsï sprach: »Davon kann keine Rede sein. Meister Dsong hat einmal gesagt: ›Die Herren von Dsin und Tschu sind unermeßlich reich. Sie haben ihren Reichtum; ich habe meine Sittlichkeit; sie haben ihren Rang; ich habe meine Gerechtigkeit: Warum sollte ich unzufrieden sein?‹ Hat er damit nicht recht gehabt? Hier handelt es sich um denselben Grundsatz wie den, von dem Meister Dsong gesprochen. Drei Dinge sind es, denen auf Erden Ehrfurcht gezollt wird: der Rang ist das eine, das Alter ist das andere, der geistige Wert ist das dritte. Bei Hofe geht der Rang vor; im täglichen Leben geht das Alter vor; gilt es, der Welt zu helfen und dem Volke vorzustehen, so geht der geistige Wert vor. Wie sollte, wer eins von diesen besitzt, die beiden andern mißachten dürfen? Darum wird ein Fürst, dem Großes zu vollbringen bestimmt ist, sicher auch Diener haben, die er nicht zu Hofe befehlen kann, sondern die er selber aufsucht, wenn er mit ihnen zu beraten wünscht. Wer noch nicht so weit ist in der Ehrfurcht vor geistigem Wert und der Freude an der Wahrheit, der ist nicht imstande, Großes zu vollbringen. So betrug sich Tang gegen I-Yin: erst lernte er von ihm, dann machte er ihn zu seinem Beamten, darum ward er ohne Mühe König der Welt. Herzog Huan machte es Guan Dschung gegenüber ebenso: erst lernte er von ihm, dann machte er ihn zu seinem Beamten, darum erlangte er ohne Mühe die Vorherrschaft unter den Fürsten. Heute sind auf der Welt die Länder gleich groß, und die Fürsten sind ihrem geistigen Wert nach auf derselben Stufe.
Daß keiner es weiter bringt als die andern, hat keinen anderen Grund, als daß sie alle gerne Leute zu Beamten machen, die ihnen folgen, und nicht gerne Leute zu Beamten, denen sie zu folgen haben. Tang stand zu I-Yin, und Herzog Huan stand zu Guan Dschung so, daß sie nicht wagten, sie zu Hofe zu befehlen. Selbst ein Guan Dschung ließ sich nicht zu Hof befehlen; wie sollte das erst einer tun, der Höheres erstrebt als Guan Dschung?«
3. Annahme und Ablehnung von Geschenken
Tschen Dschen[Anmerkung 104] fragte und sprach: »Früher, in Tsi, hat Euch der König als Geschenk hundert Pfund feines Silber geschickt, und Ihr nahmt es nicht an. In Sung sandte man Euch siebenzig Pfund, und ihr nahmet sie an. In Süo sandte man Euch fünfzig Pfund, und Ihr nahmet sie an. Wenn es früher richtig war, das Geschenk nicht anzunehmen, so ist es nun unrichtig, es anzunehmen. Ist es aber jetzt richtig, das Geschenk anzunehmen, so war es früher unrichtig, es nicht anzunehmen. Ihr müßt bei einem von beiden verharren, Meister!«
Mong Dsï sprach: »Ich handelte jedesmal richtig. Als ich in Sung war, hatte ich eine weite Reise vor. Einem Abreisenden macht man ein Geschenk an Wegzehrung. Das Geschenk kam mir zu mit der Bezeichnung als Wegzehrung. Warum hätte ich nicht annehmen sollen?
Als ich in Süo war, hatte ich im Sinn, mich gegen feindliche Angriffe vorzusehen. Die Gabe kam mir zu mit der Erklärung des Fürsten: ›Ich höre, Ihr wollt Euch gegen Angriffe schützen; die Gabe soll ein Beitrag sein zum Ankauf von Waffen.‹ Warum hätte ich nicht annehmen sollen?
In Tsi dagegen war kein Anlaß da. Ohne Anlaß aber einen beschenken, heißt ihn kaufen. Wo gibt es einen anständigen Menschen, der sich durch Kauf gewinnen läßt!«
4. Verantwortlichkeit
Mong Dsï kam nach Ping[Anmerkung 105] Lu und sagte zu dem Amtmann: »Wenn einer unter Euren Hellebardenträgern an einem Tage dreimal seinen Posten verließe, würdet Ihr ihn entlassen oder nicht?«
Der Amtmann sprach: »Ich würde nicht erst aufs dritte Mal warten.«
Mong Dsï sprach: »So? Aber es ist auch recht häufig vorgekommen, daß Ihr nicht auf dem Posten wäret. In schlimmen Jahren der Teurung, da gab es unter Euren Leuten Greise und Schwache, die sich vor Hunger in den Gräben wälzten, und junge Leute, die in alle Winde zerstreut waren, zu Tausenden.«
Der Amtmann sprach: »Dafür zu sorgen steht nicht mir zu.«
Mong Dsï sprach: »Angenommen, es hat einer die Rinder und Schafe eines andern übernommen, um sie für ihn zu weiden, so sucht er gewiß grasreiche Weideplätze für sie. Wenn er aber grasreiche Weideplätze sucht und nicht findet, wird er dann die Herden ihrem Besitzer wieder zustellen, oder wird er einfach dabeistehen und zusehen, wie sie sterben?«
Der Amtmann sprach: »Wenn es also ist, so lag die Schuld an mir.«
Tags darauf trat Mong Dsï vor den König und sprach: »Von den Amtleuten Eurer Hoheit kenne ich fünf, aber nur Kung Gü Sin bringt es fertig, seine Fehler zu erkennen.« Darauf erzählte er den Vorfall dem König.
Der König sprach: »Wenn es also ist, so lag die Schuld an mir.«
5. Verantwortung im Amt und Freiheit ohne Amt
Mong Dsï sagte zu Tschi Wa:[Anmerkung 106] »Daß Ihr Ling Kiu aufgegeben habt und um die Stelle als Strafrichter gebeten, scheint vernünftig, weil man da eher dem Fürsten etwas sagen kann. Nun sind darüber schon mehrere Monate vergangen: habt Ihr noch nichts zu sagen gehabt?«
Darauf machte Tschi Wa dem König Vorstellungen, und als sie nicht angenommen wurden, gab er sein Amt auf und ging.
Da sprachen die Leute von Tsi: »Der Rat, den er dem Tschi Wa gab, war gut. Ob er ihn aber selbst befolgt, das weiß man nicht.«
Gung-Du Dsï[Anmerkung 107] teilte es dem Mong Dsï mit.
Der sprach: »Ich habe gehört: Wenn einer ein Amt inne hat und kann nicht handeln, wie es sein Amt verlangt, so soll er gehen. Wenn einer die Pflicht zu reden hat und kann nicht reden, was er muß, so soll er gehen. Ich habe kein Amt inne, ich habe keine Verpflichtung zu reden: kann ich nicht bleiben oder gehen, ganz wie es mir beliebt und ohne jeden Zwang?«
6. Mit einem Unwürdigen unterwegs
Mong Dsï hatte einst ein hohes Amt[Anmerkung 108] in Tsi. Da ward er nach Tong gesandt, um beim Tode des dortigen Fürsten das Beileid des Königs von Tsi auszudrücken. Es ward ihm der Amtmann von Go, der unwürdige Wang Huan,[Anmerkung 109] zur Hilfe mitgegeben. Früh und spät war der um ihn, aber auf dem Wege zwischen Tsi und Tong redete Mong Dsï kein Wort mit ihm über die Erledigung der Geschäfte.
Gung-Sun Tschou sprach: »Die Stellung eines Ministers ist nicht gering, der Weg von Tsi nach Tong ist nicht nahe. Ihr habt ihn zweimal gemacht und habt mit ihm kein Wort gewechselt über die Erledigung der Geschäfte. Wie ist das?«
Mong Dsï sprach: »Da er ja alles schon selber besser zu wissen schien: was hätte ich da mit ihm reden sollen?«
7. Beerdigung der Mutter
Mong Dsï ging von Tsi nach Lu,[Anmerkung 110] um seine Mutter zu beerdigen. Als er nach Tsi zurückkam, machte er Halt in Ying. Da bat der Schüler Tschung Yü, eine Frage stellen zu dürfen, und sprach: »Damals habt Ihr mich trotz meiner Untauglichkeit mit der Aufsicht über die Herstellung des Sarges beauftragt. Die Arbeit war dringend, und ich wagte keine Fragen zu stellen. Heute nun möchte ich mir eine Frage erlauben: War das Holz des Sarges nicht etwas zu schön?«
Mong Dsï sprach: »Im Altertum gab es keine Vorschriften für Sarg und Sarkophag. Im Mittelalter wurde der Sarg sieben Zoll dick gemacht und der Sarkophag entsprechend. So hielten es alle, vom Sohn des Himmels an bis auf den Mann aus dem Volk. Es war nicht nur darum, daß sie durch einen schönen Anblick des Menschen Herz befriedigen wollten. Wenn es ihnen unmöglich gemacht ward, so fühlten sie sich beunruhigt; wenn sie nicht das Geld dazu hatten, so fühlten sie sich beunruhigt; wenn sie es machen konnten und das Geld dazu hatten, befolgten die Alten alle diesen Brauch. Warum sollte nur ich nicht also tun?
Und ferner: sollte es unserem Herzen denn gar keine Beruhigung gewähren, wenn wir dafür sorgen, daß die Erde nicht in Berührung kommt mit den Körpern derer, die der Auflösung entgegengehen? Ich habe gehört: Der Edle ist um alles in der Welt nicht knickerig gegen seine Eltern.«
8. Der Angriff auf Yän
Schen Tung[Anmerkung 111] fragte von sich aus den Mong Dsï und sprach: »Kann der Staat Yän angegriffen werden?«
Mong Dsï sprach: »Ja, Dsï Kuai – der frühere Fürst – durfte den Staat Yän nicht einem anderen geben. Dsï Dschï – der jetzige Fürst – durfte Yän von Dsï Kuai nicht annehmen. Angenommen, Ihr hättet einen Diener, der Euch gefiele, und Ihr sagtet dem König nichts davon, sondern gäbet ihm von Euch aus Euer Einkommen und Rang, und jener Mann würde, ebenfalls ohne Befehl des Königs, von sich aus es von Euch annehmen: Würde das gehen? Jene aber haben es eben so gemacht.«
Der Staat Tsi griff nun Yän an.
Jemand fragte den Mong Dsï: »Ist es wahr, daß Ihr dem Staate Tsi geraten habt, Yän anzugreifen?«
Er sprach: »Niemals! Schen Tung hat gefragt, ob der Staat Yän angegriffen werden könne. Ich habe ihm geantwortet, er könne es. Darauf gingen sie hin und griffen ihn an. Wenn er mich aber gefragt hätte, wer ihn angreifen könne, so würde ich ihm geantwortet haben: wer als Knecht Gottes handelt, der kann ihn angreifen.
Angenommen, es handle sich um einen Mörder, und es fragt jemand: Soll der Mann getötet werden? So würde man ihm antworten: Ja, er soll. Wenn er dann fragte: Wer soll ihn töten? So würde man ihm antworten: Wer Strafrichter ist, der soll ihn töten.
Wie aber hätte ich dazu kommen sollen, zu raten, daß ein Yän das andere angreift?«
9. Empörung von Yän. Die Schuld des Königs
Die Leute von Yän empörten sich. Der König von Tsi sprach: »Ich schäme mich sehr vor Mong Dsï.«[Anmerkung 112]
Tschen Gia sprach: »Eure Hoheit brauchen sich nicht deshalb zu bekümmern! Wer, denken Eure Hoheit, sei gütiger[Anmerkung 113] und weiser: der Herzog von Dschou oder Ihr?«
Der König sprach: »Ach, was redest du da!«
Jener sprach: »Der Herzog von Dschou beauftragte seinen älteren Bruder Guan Schu,[Anmerkung 114] das Land Yin zu beaufsichtigen. Guan Schu stützte sich auf Yin und empörte sich. Hat jener es nun im voraus gewußt und ihm dennoch den Auftrag gegeben, so war er nicht gütig. Hat er es nicht gewußt und ihm den Auftrag gegeben, so war er nicht weise. Wenn also selbst ein Herzog von Dschou nicht vollkommen war an Güte und Weisheit: wie wollte man es von Eurer Hoheit erwarten? Ich bitte, den Mong Dsï besuchen zu dürfen, um ihm das zu erklären.«
So trat er denn vor Mong Dsï und sprach: »Was war der Herzog von Dschou für ein Mann?«
Mong Dsï sprach: »Ein Heiliger der alten Zeit.«
Jener sprach: »Ist es wahr, daß er den Guan Schu beauftragt hat, das Land Yin zu beaufsichtigen, und daß Guan Schu, auf Yin gestützt, sich empörte?«
Mong Dsï bejahte.
Jener sprach: »Wußte der Herzog von Dschou, daß jener sich empören werde, und hat er ihn dennoch angestellt?«
Mong Dsï sprach: »Er wußte es nicht.«
Jener sprach: »Dann kann ein Heiliger also auch Fehler machen?«
Mong Dsï sprach: »Der Herzog von Dschou war der jüngere Bruder, Guan Schu war der ältere Bruder: mußte also nicht der Herzog von Dschou jenen Fehler begehen? Außerdem machten es die Herren in alten Zeiten so, daß sie die Fehler, die sie begangen hatten, verbesserten. Die heutigen Herren aber geben sich den Fehlern hin, die sie machen. Wenn die Herren der alten Zeit einen Fehler machten, so war es wie eine Sonnen- oder Mondfinsternis. Jedermann konnte ihn bemerken. Aber nachdem sie ihn verbessert hatten, sah das Volk wie vorher zu ihnen empor. Aber die Herren von heutzutage geben sich nicht allein ihren Fehlern hin, sondern sie suchen sogar noch Ausreden dafür.«
10. Vergeblicher Versuch, Mong durch Reichtum in Tsi zu halten
Mong Dsï hatte sein Amt in Tsi aufgegeben und sich zurückgezogen. Da suchte der König den Mong Dsï auf und sprach: »Einst wünschte ich Euch zu sehen,[Anmerkung 115] aber es war nicht möglich. Als es mir dann zuteil wurde, an Eurer Seite zu stehen, war ich mit meinem ganzen Hofe hocherfreut. Nun wollt Ihr mich wieder verlassen und Euch zurückziehen. Darf ich wohl hoffen auf ein künftiges Wiedersehen?«
Mong Dsï erwiderte: »So sehr ich es wünschte, ich wage nicht darum zu bitten.«
Tags darauf sagte der König zu Schï Dsï:[Anmerkung 116] »Ich habe im Sinn, dem Mong Dsï inmitten der Landeshauptstadt ein Haus zu geben und seinen Jüngern zum Unterhalt jährlich 10 000 Maß Getreide, damit alle Adeligen und Bürger ein Vorbild haben, zu dem sie emporsehen können. Wollt Ihr nicht ihm in meinem Namen davon sagen?«
So veranlaßte Schï Dsï den Tschen Dsï,[Anmerkung 117] es dem Mong Dsï anzusagen.
Tschen Dsï sagte die Worte des Schï Dsï dem Mong Dsï an.
Mong Dsï sprach: »Ja, dieser Schï Dsï kann natürlich nicht wissen, daß es nicht geht. Angenommen, ich begehrte wirklich Reichtum; auf 100 000 Maß[Anmerkung 118] verzichten und 10 000 annehmen: heißt das Reichtum begehren? ...[Anmerkung 119]
Wenn man selbst nicht mehr gebraucht wird bei der Regierung, so soll man es unterlassen, noch seine Schüler in Amt und Würden zu bringen. Reichtum und Ehre zu begehren, ist ja allgemein menschlich, aber geht es denn, daß man sich inmitten von Reichtum und Ehre einen besonderen Hügel macht?
In alter Zeit tauschten die Leute, die auf den Markt gingen, gegen die Dinge, die sie hatten, andere ein, die sie nicht hatten. Es waren Aufseher da, die sie in Ordnung hielten. Nun war einmal ein minderwertiger Geselle, der stets sich einen besonderen Hügel aussuchte. Er stieg hinauf und blickte rechts und links, um den ganzen Gewinn des Marktes einzuheimsen. Jedermann hielt das für gemein, und so machten sie sich denn daran, ihn zu besteuern. Die Besteuerung der Kaufleute hat bei diesem minderwertigen Gesellen ihren Anfang genommen.«
11. Vergeblicher Versuch, Mong zurückzuholen
Als Mong Dsï den Staat Tsi verließ, da übernachtete er in dem Grenzort Dschou. Da kam ein Mann, der wollte ihn im Namen des Königs zum Bleiben überreden. Während dieser aber dasaß und redete, gab Mong Dsï keine Antwort, sondern stützte die Arme auf seinen Tisch und schlief.[Anmerkung 120]
Der Besucher wurde mißvergnügt und sprach: »Ich habe die Nacht fastend[Anmerkung 121] verbracht, ehe ich zu reden wagte, und nun schlaft Ihr und hört mir nicht einmal zu. Ich bitte, künftig meinen Besuch nicht mehr erwarten zu wollen.«
Mong Dsï sprach: »Setzt Euch, ich will ohne Rückhalt mit Euch reden. Der Herzog Mu[Anmerkung 122] von Lu hatte seinerzeit immer einen Vertreter zur Seite des Dsï Sï, sonst hätte er ihn nicht zu halten vermocht, und Leute wie Siä Liu und Schen Siang hatten wenigstens Leute zur Seite des Herzogs, die ihre Sache vertraten, sonst hätten sie sich auch nicht halten lassen. Wenn Ihr nun in Euren Erwägungen um meinetwillen, der ich doch ein älterer Mann bin, nicht dafür sorgt, daß ich wie ein Dsï Sï behandelt werde: habt Ihr da mich als Älteren schlecht behandelt, oder habe ich als Älterer Euch schlecht behandelt?«
12. Warum Mong Dsï zögerte
Mong Dsï hatte Tsi verlassen.
Da sagte Yin Schï[Anmerkung 123] zu den Leuten: »Wenn er nicht gewußt hat, daß man aus unserem König keinen Heiligen wie Tang und Wu machen kann, so war er unvernünftig. Hat er aber gewußt, daß es nicht geht, und ist doch gekommen, so hat er sich einfach in der königlichen Gnade sonnen wollen. Tausend Meilen weit ist er gekommen, um vor den König zu treten. Weil er es nicht nach Wunsch getroffen hat, ist er wieder gegangen. Dabei hat er noch an der Grenze dreimal übernachtet, ehe er Dschou verließ. Was ist das für ein zögerndes Wesen! Das gefällt mir nicht!«
Der Schüler Gau Dsï[Anmerkung 124] erzählte das dem Mong Dsï wieder.
Der sprach: »Dieser Yin Schï kennt mich nicht! Daß ich tausend Meilen weit herkam, um vor den König zu treten, das war mein eigener Wunsch. Daß ich es nicht getroffen habe und wieder ging: wie wäre das mein Wunsch gewesen! Ich tat's, weil ich nicht anders konnte. Drei Tage weilte ich in Dschou, ehe ich die Grenze überschritt, und es wollte mir noch zu eilig dünken. Vielleicht konnte der König die Sache noch ändern. Änderte er sie, so ließ er mich sicher zurückholen. Ich überschritt die Grenze, und der König schickte niemand nach mir. Da erst ließ ich meinem Entschluß zur Heimkehr freien Lauf. Aber trotz alledem! Wie könnte ich den König aufgeben! Der König ist ein Mann, der wohl dazu gebracht werden kann, Gutes zu wirken. Wenn der König mich gebraucht hätte, so wäre nicht nur das Volk von Tsi zur Ruhe gekommen: alles Volk auf Erden wäre zur Ruhe gekommen. Vielleicht macht es der König noch wieder gut. Ich hoffe täglich darauf.
Warum sollte ich es machen, wie solch ein kleiner Geselle, der, wenn er seinem Fürsten Vorstellungen macht und kein Gehör findet, gleich aufbraust und rot vor Zorn im Gesicht wegläuft und den ganzen Tag mit aller Kraft voranmacht, ehe er innehält zum Übernachten!«
Yin Schï hörte davon und sprach: »Ich war doch wirklich zu gering!«
13. Verzweiflung
Als Mong Dsï den Staat Tsi verließ, befragte ihn der Schüler Tschung Yü[Anmerkung 125] unterwegs und sprach: »Ihr seht mißvergnügt aus, Meister! Früher habe ich Euch sagen hören: ›Der Edle murrt nicht wider Gott und grollt nicht den Menschen‹.«
Mong Dsï sprach: »Das war zur damaligen Zeit, heute ist es wieder anders. Alle fünfhundert Jahre muß ein König der Welt erscheinen, und dazwischen müssen wenigstens Männer da sein, die in ihrem Geschlechte[Anmerkung 126] Ordnung schaffen. Seit der Begründung des Hauses Dschou sind nun über siebenhundert Jahre verflossen. Die Zahl der Jahre ist also schon überschritten; prüfen wir die Verhältnisse der Zeit, so ist die Möglichkeit vorhanden. Aber Gott will noch nicht, daß Friede und Ordnung auf Erden herrscht. Wenn er Frieden auf Erden wollte, wer ist dann außer mir sonst in diesem Geschlecht vorhanden, die Welt zu ordnen? Wie sollte ich da nicht mißvergnügt sein?«
14. Warum Mong in Tsi kein Gehalt nahm
Als Mong Dsï den Staat Tsi verließ, machte er Rast in Hiu. Gung-Sun Tschou befragte ihn und sprach: »Im Amt zu sein, ohne Gehalt anzunehmen: ist das der Weg der Alten?«
Mong Dsï sprach: »Nein. Aber als ich in Tschung den König zu sehen bekam, da hatte ich gleich, als ich von ihm herauskam, die Absicht, wieder wegzugehen. Ich wollte nicht zweideutig[Anmerkung 127] erscheinen. So nahm ich kein Gehalt an. Nachher ergab es sich, daß ich zum Ratgeber[Anmerkung 128] ernannt wurde; dieser Pflicht konnte ich mich dann nicht entziehen. Daß ich aber so lange in Tsi geblieben bin, war nicht meine Absicht.«
Buch III. Tong Wen Gung
Abschnitt A: 1. Ermunterung des Thronfolgers von Tong
Der Herzog Wen von Tong[Anmerkung 129] reiste, als er noch Thronfolger war, nach Tschu. Er kam durch Sung und besuchte den Mong Dsï. Mong Dsï redete von der Güte der menschlichen Natur und erwähnte dabei immer die heiligen Herrscher Yau und Schun.
Als der Thronfolger von Tschu zurückkam, besuchte er abermals den Mong Dsï.
Mong Dsï sprach: »Beunruhigen Euch[Anmerkung 130] meine Worte, Prinz? Der Weg ist Einer. Das ist alles.
Tschong Giän[Anmerkung 131] sagte einst vom Herzog Ging von Tsi: ›Jener ist ein Mensch, ich bin auch ein Mensch. Warum sollte ich mich durch ihn einschüchtern lassen?‹
Yän Yüan[Anmerkung 132] sagte einst: ›Wer ist Schun? Wer bin ich? Wer tätig ist, wird es auch so weit bringen.‹ Gung-Ming I[Anmerkung 133] sagte: ›Der heilige König ist mein Lehrer, und ich glaube, daß der Herzog von Dschou mich nicht irreführt.‹
Die Herrschaft Tong hat rund nur etwa fünfzig Meilen im Geviert. Dennoch kann man einen gutregierten Staat daraus machen. Es heißt im Buch der Urkunden:[Anmerkung 134] ›Wenn die Arznei nicht erst eine Betäubung hervorruft, wird seine Krankheit nicht geheilt‹.«
2. Trauer um den alten Fürsten
Herzog Ding von Tong war entschlafen.[Anmerkung 135] Der Thronfolger sprach zu Jan Yu:[Anmerkung 136] »Einst hat Mong Dsï mit mir gesprochen in Sung. Das habe
ich nie in meinem Herzen vergessen. Heute nun, da ich die traurige Pflicht habe, meinen Vater zu bestatten, möchte ich Euch senden, um den Mong Dsï zu befragen, ehe ich ans Werk gehe.«
Jan Yu kam nach Dsou und befragte den Mong Dsï.
Mong Dsï sprach: »Seid mir willkommen! Die Trauer um die Eltern ist allerdings etwas, dem man sich ganz widmen muß. Dsong Dsï sprach:[Anmerkung 137] ›Sind die Eltern am Leben, ihnen dienen, wie es sich geziemt; nach ihrem Tode sie bestatten, wie es sich geziemt, und ihnen opfern, wie es sich geziemt: das mag man Kindesehrfurcht nennen‹. Der Fürsten[Anmerkung 138] Bräuche habe ich nicht gelernt. Immerhin, ich habe gehört, daß eine Trauerzeit von drei Jahren, Kleidung aus grobem, ungesäumtem Tuch und einfache Nahrung ohne Fleisch, vom Himmelssohne bis hernieder auf den Mann des Volkes seit alten Zeiten[Anmerkung 139] immer üblich ist.«
Jan Yu brachte den Bescheid zurück. Es ward bestimmt, drei Jahre Trauer einzuhalten. Die Anverwandten und die Beamten waren alle nicht einverstanden. Sie sprachen: »In Lu,[Anmerkung 140] dem Reiche unserer Ahnen, hat unter den früheren Fürsten keiner so gehandelt; unter den früheren Fürsten unseres Landes hat gleichfalls keiner so gehandelt. Es geht nicht an, daß Ihr nun plötzlich alles anders machen wollt. Auch steht geschrieben:[Anmerkung 141] ›Bei Bestattung und Opfern folge den Ahnen‹. Das heißt also, wir sollen uns ans Überkommene halten.«
Da sprach der Fürst zu Jan Yu: »Ich habe früher nicht der Bildung gelebt, ich liebte Wagenrennen und Kampfspiele. Darum sehen mich die Verwandten und Beamten nicht für voll an. Ich fürchte der Wichtigkeit der Sache nicht gewachsen zu sein. Frage für mich bei Mong Dsï an.«
Jan Yu kam abermals nach Dsou und befragte den Mong Dsï.
Mong Dsï sprach: »So ist's. Doch soll er es nicht bei den anderen suchen. Meister Kung sprach:[Anmerkung 142] ›Stirbt der Fürst, so führt der Kanzler die Regierung, der Thronfolger ernährt sich von dünnem Reis, sein Angesicht verfärbt sich zu tiefem Schwarz, er begibt sich auf seinen Platz und weint. Dann ist unter allen Beamten und Dienern keiner, der es wagte, nicht zu trauern, wenn er ihnen mit seinem Beispiel vorangeht. Was die Oberen lieben, das lieben die Unteren sicher noch mehr. Das Wesen des Herrschers ist wie der Wind, das Wesen der Leute ist wie das Gras. Das Gras muß sich beugen, wenn der Wind darüber kommt.‹ Die Sache steht beim Thronfolger.«
Jan Yu brachte den Bescheid zurück. Der Thronfolger sprach: »Ja, es steht wirklich bei mir.«
Er verweilte bis zur Beerdigung im Trauerzelt. Und kein Gebot oder Verbot erließ er während dieser Zeit. Alle Beamten und Verwandten sagten von ihm, daß er die Bräuche verstehe. Als die Bestattung war, da kamen von allen Seiten her die Leute, um ihn zu sehen. Seine Mienen waren so bekümmert, seine Tränen so echt, daß alle Leidtragenden damit zufrieden waren.
3. Ratschläge für die Regierung
Der Herzog Wen von Tong befragte den Mong Dsï über die Leitung des Staates.
Mong Dsï sprach: »Die Geschäfte des Volkes darf man nicht vernachlässigen. Im Buch der Lieder
Fußnoten
- ↑ Mong Dsï Wai Schu.
- ↑ Eine Quelle weiß zu berichten, daß Mong als ganz kleiner Junge mit Dsï Sï zusammengetroffen sei, der seine Bedeutung sofort erkannt und seinen Sohn auf ihn aufmerksam gemacht habe.
- ↑ Liä Nü Dschuan.
- ↑ Vgl. Mong Dsï II A, 14. 2, wo Mong Dsï es seinem Jünger Gung-Sun Tschou gegenüber zwar bescheiden ablehnt, als Heiliger bezeichnet zu werden – unter Berufung übrigens auf Kung, der das auch getan habe –, aber es sich energisch verbittet, mit Guan Dschung, dem berühmten Staatsmann von Tsi, auch nur verglichen zu werden. Auf die Frage, welchem der bedeutendsten Jünger Kungs er sich gleichstelle, bricht er das heikle Thema ab, ohne anzudeuten, daß er sich etwa weniger fühle als die Jünger Kungs.
- ↑ Sin Lun. Das ist textkritisch von Bedeutung, weil die drei Kapitel I B 13. 14. 15 bei Mong Dsï den Zusammenhang unterbrechen. Das Wahrscheinlichste ist, daß Kap. 15 sich ursprünglich auf Liang bezog – die Einleitung ist im jetzigen Zustand nichtssagend – während 13 und 14, auf Tong bezüglich, ursprünglich an anderem Platze (Buch III) standen. Die Ähnlichkeit mit Kap. 15 hat dann einerseits veranlaßt, daß dieses auch den Unterredungen mit Wen von Tong zugewiesen wurde, und andererseits, daß Kap. 13 und 14 mit ihm zusammengestellt wurden, wobei dann die drei so verbundenen Kapitel an den Schluß von I B zwischen die Erlebnisse in Dsou und Lu gestellt wurden. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß das Beispiel des großen Königs, der vor den Barbaren wich, auf die Situation besonders gut paßte.
- ↑ Nach »Wai Schu« soll Mong Dsï' noch eine zweite Audienz beim König Siang gehabt haben, in der dieser ihn über den Krieg fragte. Mong Dsï habe erwidert: »Der Krieg ist eine gefährliche Sache; davon verstehe ich nichts« und sei abgereist, ohne auf den Versuch des Königs, ihn durch einen Boten zurückholen zu lassen, weiter zu achten. – Nach Mong Dsï I A, 6 fand nur eine Audienz statt, deren Verlauf aber im wesentlichen übereinstimmend berichtet wird.
- ↑ Dsï Men, wörtlich Korntor.
- ↑ Ob Mong Dsï in Tsi Gehalt bezog oder nicht, ist nicht ganz klar. An verschiedenen Orten finden sich Anspielungen darauf, so in Liä Nü Dschuan und Hau Schï Wai Dschuan, dem die folgenden Ausführungen entnommen sind; doch finden sich bei Mong Dsï selbst mehrere Stellen, in denen er bestreitet, Gehalt bezogen zu haben.
- ↑ Wörtlich: »dreifache Unterordnung befolgt«, nämlich als Kind unter die Eltern, verheiratet unter den Gatten, als Witwe unter den Sohn.
- ↑ Vgl. Kuang Wen Süan. Dieser Ausdruck fällt gegen eine Unterweisung des Mong Dsï durch Dsï Sï ins Gewicht.
- ↑ Die Stelle hatte den Rang eines Ministerialpostens, doch ohne Einfluß auf die Staatsgeschäfte. Es war mehr ein Ehrentitel, verbunden mit einem entsprechenden Einkommen. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß Mong Dsï die Stelle schon bei seinem ersten Aufenthalt in Tsi inne hatte.
- ↑ Das Beispiel des heiligen Yau war insofern nicht anwendbar, als der Staat Yän Lehensstaat war, sein Fürst also de jure nicht das souveräne Verfügungsrecht besaß. Außerdem hatten die Heiligen der Vorzeit das Reich »dem Würdigsten« hinterlassen, weil ihre Söhne nicht die Zuneigung des Volkes hatten. Das Gegenteil davon war in Yän der Fall.
- ↑ In jenen Wirren spielte die Stadt Tsimo, die zu dem Staate Tsi gehörte, eine bedeutende Rolle. Sie war eine der zwei Städte, die allein den Feinden zu trotzen vermochten.
- ↑ Es war Tiän Ying, der damals in Süo saß.
- ↑ Liang ist die Hauptstadt von We, einem Staat im Westen des damaligen China, der Heimat des Dschuang Dsï. Der Staat We, der wohl zu unterscheiden ist von dem in den Gesprächen des Konfuzius häufig genannten, chinesisch anders geschriebenen Staate We im Osten, ist entstanden bei der Teilung des Staates Dsin im heutigen Schansi in die Staaten We, Dschau und Han. Der König Hui von We hatte ein Ausschreiben erlassen, um Weise aus allen Ländern an seinen Hof zu ziehen. Diesem Ausschreiben folgte auch Mong Dsï im Jahre 322 v. Chr. (vgl. Sin Lun. Die früher angenommene Zahl 336 ist falsch. Damals konnte Mong unmöglich schon als »alter Mann« angeredet werden).
- ↑ 10 000 Kriegswagen standen dem Kaiser zur Verfügung, 1000 den größeren Landesfürsten, 100 den großen Adelsgeschlechtern. Die geschilderten Vorgänge sind alles Beispiele aus der Zelt des Niedergangs der Dschoudynastie.
- ↑ Das Lied steht im Schï Ging III, 8 und bezieht sich auf den König Wen von Dschou. Die Übersetzung ist nach Viktor v. Strauß gegeben.
- ↑ Schwur des Tang, vgl. Schu Ging III, 1. 3. Der Tyrann Giä, der letzte Herrscher der Hiadynastie, hatte, als er von der Unzufriedenheit des Volkes hörte, den Ausspruch getan: »Solange die Sonne am Himmel nicht vernichtet wird, solange werde ich auch nicht untergehen.« Das Volk bezieht sich auf diesen Ausspruch und sagt: »Wenn nur diese (schi sonst = Zeit) Sonne untergeht, so sind wir es zufrieden, gemeinsam mit dir (an Giä gerichtet) zugrunde zu gehen.« Eine andere Übersetzung, die in den Zusammenhang des Schu Ging noch besser paßt, faßt die Worte des Volks als Anrede an den Befreier Tang auf: »Diesen Tag muß der große Zusammenbruch kommen, wir wollen mit dir gemeinsam ihn vernichten.« Doch scheint Mong Dsï die andere Auffassung vertreten zu haben.
- ↑ Der Staat We war ursprünglich auf der Südseite des gelben Flusses. Erst nach seiner Vergrößerung bekam er Land auf der Nordseite (»diesseits«). Da auf der Nordseite in alter Zeit die Reichshauptstadt war, heißt sie »diesseits«, »innerhalb«.
- ↑ Der Trommelschlag war das Zeichen zum Angriff, die Becken (Gongs) gaben das Zeichen zum Rückzug.
- ↑ Im folgenden gibt Mong Dsï die Schilderung der idealen Regierung, den »Pfad der Könige«. Mong Dsï unterscheidet sich dadurch von Kung Dsï, daß dieser noch das Recht des herrschenden Hauses Dschou aufrecht erhielt, während für Mong Dsï jeder Territorialfürst die Möglichkeit der Weltherrschaft hatte. Sobald einer es verstünde, die rechten Prinzipien durchzuführen, fiele ihm das ganze Reich zu. Mong ist in dieser Hinsicht durchaus Realpolitiker.
- ↑ In alter Zeit gab man den Toten aus Stroh gemachte Puppen mit ins Grab (vgl. Laotse, Das Buch vom Sinn und Leben, Nr. 5, 1. Teil). Kung Dsï spricht hier von Verbesserungen dieser Totengaben, die später aufkamen. Man machte diese Puppen so, daß sie sich bewegen konnten und lebenden Menschen glichen. Er hat diese Sitte verurteilt, weil er fürchtete, sie könne zu Menschenopfern für die Toten führen. Solche Menschenopfer sind dann in späterer Zeit bei fürstlichen Begräbnissen häufig vorgekommen. (Noch zur Mingzeit wurde mit dem Kaiser ein großes Gefolge dem Tode geopfert. Erst die Mandschus hoben diese Unsitte auf. Die Frage, inwieweit in uralter Zeit das Töten von Menschen als Totenopfer üblich war, kann hier außer Betracht bleiben.)
- ↑ Die gewöhnliche Übersetzung ist: »der müsse ohne Nachkommen geblieben sein!« als Fluch gedacht; aber der grammatikalische Zusammenhang führt auf unsere Übersetzung.
- ↑ Wörtlich: »Das Reich Dsin.« Dieses Reich, das von den Herren von Dschau, Han und We aufgeteilt wurde, gehörte früher zu den mächtigsten Staaten Chinas. We war von den drei Teilstaaten der bedeutendste, darum legt der König seinem Staate den Gesamtnamen Dsin bei. Tsi kam dem Staate Dschau, der von We angegriffen war, zu Hilfe. In den dabei entstehenden Kämpfen geriet der Kronprinz von We, der das Heer befehligte, in Gefangenschaft von Tsi und starb dort (340 v. Chr.). Tsin war der aufstrebende westliche Staat, in dem ein Fürst unter dem Namen Tsin Schï Huang später das ganze Reich eroberte. Die hier erwähnte Niederlage fällt ins Jahr 361. Tschu war ein halb barbarischer Staat im Süden am Yangtse. Dschau Yang von Tschu griff We um 323 an.
- ↑ Anspielung auf den König Wen von Dschou. Vgl. Buch II, A, 1.
- ↑ Siang war der Sohn und Nachfolger des Königs Hui von We. Das Gespräch fiel in das Jahr 319. Mong war so enttäuscht, daß er unmittelbar darauf We verließ und nach Tsi ging.
- ↑ Wörtlich: im siebten und achten Monat. Die Zeitrechnung der Dschoudynastie begann das Jahr nach dem Wintersolstiz. Siebter und achter Monat sind daher etwa Juni und Juli, der Anfang der »Regenzeit« für Nordchina. Sie entsprechen dem heutigen fünften und sechsten Monat in China.
- ↑ Vielleicht liegt in der Polemik des Dschuang Dsï in Buch X, 3, pag. 71 eine Beziehung auf Mong Dsï und seinen Aufenthalt in We. Vgl. die Stelle: »Heutzutage ist es soweit gekommen, daß die Leute die Hälse recken und sich auf die Zehen stellen und zueinander sprechen: An dem und dem Platz ist ein Weiser ... An all dem trägt die Schuld, daß die Fürsten in falscher Weise Erkenntnis hochschätzen.«
- ↑ Es wird von manchen Kommentatoren angenommen, daß Mong Dsï erst in Tsi und dann in We gewesen sei, doch läßt sich auf diese Weise die Chronologie nicht richtigstellen. In Wirklichkeit ging er von We nach Tsi (über seine Heimatstadt Dsou, wo er seine Mutter besuchte). König Süan von Tsi regierte von 320-302 v. Chr. (nicht, wie die gewöhnliche Chronologie will, 342-324).
- ↑ Huan von Tsi (684-643) und Wen von Dsin († 628) waren die zwei berühmtesten der fünf Fürsten, die zeitweise die Hegemonie im Reich hatten (vgl. Lim Yü XIV, 16). Mong schätzt sie gering und will daher das Gespräch auf sein beliebtes Thema bringen: die Beherrschung der Welt durch wahrhaft königliche Grundsätze.
- ↑ Hu Hai war ein Höfling aus der Umgebung des Königs.
- ↑ Neu gegossene Glocken wurden mit dem Blut eines Opfertieres bestrichen und dadurch geweiht, daß ihr Schall zum Himmel dringe (vgl. Dschou Li, Tiän Guan).
- ↑ Wir haben grammatikalisch nach dem Wortlaut übersetzt. Die chinesischen Kommentare gehen von der anderen Bedeutung von i = für anders, d. h. sonderbar halten, »sich wundern« aus und konstruieren: »Wundert Euch nicht, o König, daß die Leute Euch für sparsam hielten!« Doch widerspricht dem m. E. das »wu«, das meist die Bedeutung von lateinisch »non«, nicht von »ne« hat. Auch wird der Zusammenhang klarer.
- ↑ Wörtlich Herbsthaar. Gemeint ist das im Herbst wachsende Winterhaar der Tiere. Der Ausdruck kommt auch bei Dschuang Dsï vor.
- ↑ Der Große Berg ist der Taischan. Der Taischan ebenso wie das Nordmeer (Golf von Tschili) waren in der Nähe von Tsi. Das Beispiel scheint eine sprichwörtliche Redensart gewesen zu sein. Es kommt auch bei Mo Di vor.
- ↑ Die Zeichen heißen wörtlich: »einen Zweig abbrechen«; doch ist diese Bedeutung sinnlos. Die älteren chinesischen Kommentare geben dafür teils die von uns gegebene Erklärung (dschï »Zweig« hier für dschï »Glied, Körper«, dschä »beugen«, den Körper beugen und sich verneigen).
- ↑ Schï Ging III, 1, 6 v. 2 bezieht sich dort auf den König Wen.
- ↑ Tsin im Westen und Tschu im Süden waren die mächtigsten Staaten des damaligen China.
- ↑ Dsou, die Heimat des Mong, war ein Miniaturstaat in der Nähe von Lu. Heute ist es ein Kreis von Schantung.
- ↑ Wiederholung des Schlußabschnitts von Nr. 3: »Wenn jeder Hof ...« mit einer unwesentlichen Abweichung am Schluß.
- ↑ Dschuang Bau war ein Minister in Tsi. Die Geschichte spielt im unmittelbaren Anschluß an die vorige. Der König ist ebenfalls König Süan von Tsi.
- ↑ Wörtlich: »Die heutige Musik ist wie (yu »von« hier = yu »wie«) die alte Musik.« Diese Konnivenz gegen die Schwäche des Königs unter dem Gesichtspunkt »der Zweck heiligt das Mittel« unterschied den Mong von Kung. Die neue Musik ist unzweifelhaft die Musik von Dschong, die Kung verhaßt ist (vgl. Lun Yü XV, 10). Mong Dsï geht im Verlauf des Gesprächs dazu über, das Zeichen yo »Musik« in seiner anderen Bedeutung (lo = Freude) zu gebrauchen, eine sophistische Spielerei, die einigermaßen an die Sophisten in Liä Dsï II, 21 erinnert. Selbstverständlich ist auf seiten Mongs der größere moralische Ernst.
- ↑ Wörtlich: »Mit verstopfter Nase«. Dies wird meist übersetzt: »Mit zusammengezogenen Brauen«. Wir schließen uns an die Deutung von Man Si Ho an.
- ↑ Über den hier erwähnten Vorfall vgl. III, B, 5, wo die Sache ausführlich erzählt ist.
- ↑ Von den chinesischen Kommentaren wird auf Schï Ging III, 1, 3, v. 8 verwiesen. Sie sind sich über den historischen Hergang nicht ganz einig. Offenbar handelt es sich um eine Etappe auf dem Wege des Hauses Dschou vom barbarischen Westen herein nach China.
- ↑ Gou Tsiän war ein König des Staates Yüo, der mit Wu im Kampfe lag, und als er besiegt wurde, sich selbst als Diener dem König von Wu anbot.
- ↑ Chinesisch: tiän Himmel. Hier ist die Übersetzung mit »Gott« das unmittelbar Gegebene, zumal da sich auch sonst in der alten chinesischen Literatur Instanzen dafür finden. Vgl. zur Sache Laotse, Taoteking, Abschn. 61.
- ↑ Auch hier wieder eine Instanz für die pädagogische Anpassung des Mong an die Äußerungen der Fürsten, die er beeinflussen will.
- ↑ König Wu, der Sohn des Königs Wen von Dschou, der die Herrschaft über das Reich tatsächlich angetreten hat unter Beseitigung des Dschou Sin, des Tyrannen aus der Yindynastie.
- ↑ Der Ort dieses Palastes wird heute noch gezeigt in Tsingdschou-fu in Schantung. Ob mit Recht oder nicht, ist schwer zu entscheiden.
- ↑ Im Folgenden kommt ein Abschnitt aus »Yän Dsï Tschun Tsiu« über eine Unterredung des Fürsten Ging von Tsi mit seinem Minister Yän Dsï, der hier wahrscheinlich interpoliert ist.
- ↑ Ming Tang »die lichte Halle« am Fuße des Taischan war zur Dschouzeit als kaiserliches Absteigequartier und Audienzhalle erbaut. Außer diesem Lichtschloß gab es noch vier andere am Fuße der anderen heiligen Berge. Dort wurde auch der König Wen verehrt. Vgl. Hiau Ging. Der König von Tsi hatte den Platz erobert. Man riet ihm, das Lichtschloß abzureißen, einerseits um nicht einen Rest kaiserlicher Würde in seinen Grenzen zu haben, andererseits um nicht als Usurpator zu erscheinen, wenn er ein Kaiserschloß für sich benutze. Mong ist in letzterer Hinsicht ganz ohne Skrupel und weicht weit ab von Kung.
- ↑ Der Herzog Liu war der eigentliche Begründer des Hauses Dschou.
- ↑ Vgl. Schï Ging III, 1, 3 v. 2. Übersetzung von Strauß. Dan Fu ist der Name des »Großen Königs«. Seine Frau war eine geborene Giang. Hier ist uns ein sehr lebhaftes Bild vom Eindringen der Dschou in China erhalten.
- ↑ Empfehlung der Monogamie für einen Fürsten, wie sie in der chinesischen Literatur nicht häufig ist.
- ↑ Das Gefolge (die »Rechts und Links«) stand ein wenig hinter dem König, daher der Ausdruck »gu« = »nach rückwärts sehen«.
- ↑ Umstellung der grammatikalischen Struktur: »gin jï bu dschï ki wang yä« für »bu dschï ki gin jï dschï wang«. Diese Umstellung kommt zuweilen vor.
- ↑ Wörtlich: »Vater und Mutter«.
- ↑ Aussprüche wie der vorliegende, die sehr radikal klingen, machen den Mong zum begünstigten Klassiker der Republik China. In Wirklichkeit liegt der Radikalismus mehr nur in der Ausdrucksweise. Sachlich ist die Bezeichnung des Dschou Sin als »gemeiner Kerl«, das heißt »Privatmann«, schon im Schu Ging vorgebildet. Über Tang und König Wu vgl. I, A, Anm. 4, und I, B, Anm. 14.
- ↑ Das Gewicht »I« wird teils = 20 Lot, teils = 24 Lot angegeben.
- ↑ Vgl. Lun Yü XI, 24. Der letzte Satz ist in der Form: »der Nephrit, nicht geglättet, wird kein Gerät« in den Dreizeichenklassiker, die chinesische Fibel der letzten Jahrhunderte, übergegangen. Auch hier heißt es statt »Edelstein« im Text wörtlich »Yü« = Nephrit, Jade.
- ↑ Yän lag im Norden des Staates Tsi, in der heutigen Provinz Tschïli.
- ↑ Der Sinn ist: Daß ich mit Yän so leicht fertig geworden, das ist Gottes Finger; nehme ich den Staat nicht in Besitz, so widerstrebe ich Gottes Absicht und ziehe mir Unheil zu. Was also ist zu tun? Mong schiebt diese Anschauung zurück und stellt auch hier den Grundsatz der Volkssouveränität auf. Der Erfolg ist nur ein Zeichen der Mißstimmung des Volks von Yän gegen seinen Herrscher. Damit ist für die Frage der Berechtigung der Annexion nichts ausgesagt. Immerhin widerspricht Mong nicht in abstracto, weshalb er dann von manchen für die Handlungsweise von Tsi verantwortlich gemacht worden ist. Es handelt sich auch hier wieder um einen fehlgeschlagenen Versuch des Weisen, einem Fürsten durch seinen Rat zur Weltherrschaft zu verhelfen. Die Situation in Yän war wie folgt: Der offenbar törichte König Kuai wollte dem Großen Yau es gleich tun und gab den Thron an seinen schlechten Minister Dsï Dschï ab (314 v. Chr.). Die Unruhen, die infolge davon entstanden, benützte Tsi zu einem Überfall, der auch vollständig gelang, da die Bevölkerung von Yän auf der Seite von Tsi stand, von dem sie Befreiung erhoffte. Der Usurpator Dsï Dschï wurde in Stücke gehackt, der Ex-König Kuai getötet. Aber Tsi annektierte das Land und ließ sich viele Grausamkeiten zu Schulden kommen. Infolge davon kam es zu einem Aufstand der Bevölkerung von Yän, die übrigen Fürsten drohten sich einzumischen. Mong Dsï verließ Tsi 312 v. Chr.
- ↑ Dsou ist der Heimatstaat des Mong, das heutige Dsou Hiän in Schantung. Die Begegnung fand vermutlich statt, als Mong auf dem Wege von We nach Tsi unterwegs seine Mutter in Dsou besuchte (319).
- ↑ Tong war ein kleiner Staat zwischen Tschu im Süden und Tsi im Norden. Die hier und in den folgenden zwei Abschnitten genannten Unterhaltungen fallen wohl in das Jahr 300.
- ↑ Der »Große König«, der Großvater des Königs Wen von Dschou. Vgl. zu dieser Geschichte den nächsten Abschnitt. Bin ist im Westen, der Aufenthaltsort der Dschous vor ihrer Niederlassung am Ki-Berge.
- ↑ Diese mißglückte Begegnung mit dem Fürsten von Lu fällt in das Jahr 315. Nachdem Mong seine Mutter zum letztenmal im Jahre 318 in Tsi bei sich gesehen hatte, starb sie in Lu. Im Jahre 317 verließ Mong daher Tsi zum erstenmal wieder und ging nach Lu zur Beerdigung seiner Mutter. Dort blieb er der Sitte gemäß drei Jahre. Als die Trauerzeit zu Ende war, wollte der Fürst von Lu ihn auf den Rat seines Ministers Yüo Dschong, eines Schülers von Mong, aufsuchen, ohne jedoch seinem Günstling davon zu sagen. Der hatte die Sache jedoch bemerkt und wußte die Begegnung zu hintertreiben. Der Grund, daß Mong seine Mutter prächtiger beerdigte als seinen Vater (wörtlich: »Die zweite Beerdigung war prächtiger als die frühere«), ist nicht nur aus den hier gegebenen Instanzen nichtig, sondern vor allem, weil Mong beim Tode seines Vaters erst im dritten Jahre stand. Zu der Art, wie Mong sich mit dem Ereignis abfindet, vgl. Lun Yü VII, 22; IX, 5; XIV, 38.
- ↑ Gung-Sun Tschou war ein Schüler des Mong aus dem Staate Tsi. In Tong Dschou, Be Gung Tsun, ist sein Grab erhalten.
- ↑ Guan Dschung (I-Wu) war der Kanzler des Herzogs Huan von Tsi. Vgl. Lun Yü III, 22; XIV, 10, 17, 18; Liä Dsï V, 7; VI, 3; VII, 1, 7; Yän Dsï (Yän Ping Dschung), Zeitgenosse des Kung, Kanzler unter Herzog Ging von Tsi. Vgl. Lun Yü V, 16. Beides waren sozusagen Nationalhelden von Tsi.
- ↑ Dsong Si ist nach den einen Kommentaren der Enkel, nach den anderen der zweite Sohn des Konfuziusschülers Dsong Dsï. Dsï Lu ist der wegen seines Mutes bekannte Konfuziusjünger, der in den »Gesprächen« häufig vorkommt.
- ↑ Tang, der Begründer der Schangdynastie, ca. 1766 v. Chr. Wu Ding, der zwanzigste Herrscher der Schangdynastie, die inzwischen (durch Pan Gong 1401) in Yin umgenannt war, kam 1324 v. Chr. auf den Thron. Die Schätzung der »würdigen und heiligen« Herrscher von Tang bis Wu Ding ist von Mong recht hoch gegriffen. Dschou Sin kam 1154, also 150 Jahre nach Wu Ding, auf den Thron.
- ↑ Tang, der Begründer der Schangdynastie, ca. 1766 v. Chr. Wu Ding, der zwanzigste Herrscher der Schangdynastie, die inzwischen (durch Pan Gong 1401) in Yin umgenannt war, kam 1324 v. Chr. auf den Thron. Die Schätzung der »würdigen und heiligen« Herrscher von Tang bis Wu Ding ist von Mong recht hoch gegriffen. Dschou Sin kam 1154, also 150 Jahre nach Wu Ding, auf den Thron.
- ↑ Der »Graf We«, We Dsï Ki, der älteste Sohn des Di Yi, des vorletzten Herrschers der Yindynastie. We Dschung Yän war sein zweiter Sohn. Da aber zur Zeit ihrer Geburt ihre Mutter noch Nebenfrau war, hatten sie kein Erbrecht. Dschou Sin, der dritte Sohn, der nach der Beförderung seiner Mutter zur Kaiserin zur Welt kam, folgte seinem Vater auf den Thron. We Dsï wurde später mit dem Staate Sung belehnt, damit die Opfer für die Ahnen der Yindynastie weitergeführt würden. Er hat dann seinem jüngeren Bruder We Dschung die Erbfolge hinterlassen, was der Erbfolgeordnung der Yin entsprach, im Gegensatz zu der Erbfolge der Erstgeborenen, die unter der Dschoudynastie üblich war. Der Prinz Bi Gan wurde wegen seiner Mahnungen getötet, um zu sehen, ob das Herz eines Heiligen wirklich sieben Öffnungen habe; der Graf von Ki, ein Onkel des Tyrannen, mußte sich wahnsinnig stellen. Giau Go war ein treuer Beamter der Yindynastie. Von den Genannten werden auch in Lun Yü XVIII, 1 We Dsï, Bi Gan und Ki Dsï als die drei Stützen der Yindynastie genannt.
- ↑ Ein Zeichen der dichten Bevölkerung. Vgl. Laotse, Taoteking, II, 80. Diese Verhältnisse treffen in Schantung heute noch zu.
- ↑ Mong Ben war ein Held aus We. Es wird von ihm erzählt, daß er im Wasser vor keinem Drachen, auf dem Lande vor keinem Rhinozeros oder Tiger ausgewichen sei. Er war so stark, daß er einem Ochsen die Hörner ausreißen konnte.
- ↑ Der Doppelname Be-Gung (Nordhausen) kommt sowohl in Tsi als in We vor. (Zum letzteren vgl. Dschuang Dsï XX, 3, Be-Gung Schä.) Der Sinn hier ist, daß dieser Be-Gung Yu so rasch war, empfangene Verletzungen zu vergelten, daß er nicht erst den natürlichen Reflexbewegungen des Schmerzes Raum gab. Vgl. dazu das Verhalten des Odysseus, als er von dem Freier Antinoos mit dem Schemel geworfen wird.
- ↑ Mong Schä oder Mong Schï Schä war vermutlich aus Tsi. Während Be-Gung Yu die Tapferkeit in der Überwindung aller äußeren Feinde sieht, sieht sie Mong Schä in der eigenen Furchtlosigkeit, unabhängig vom äußeren Erfolg. Der Vergleich mit den beiden Konfuziusjüngern Dsï Hia und Dsong Schen weist auf dieselbe Linie. Dsï Hia ist der Vertreter des »multa«, Dsong Sehen der des »multum«. In dem Wort des Kung, das Dsong Schen seinem Schüler gegenüber zitiert (nicht in Lun Yü), geht die Innerlichkeit des Mutes noch einen Schritt weiter zu seiner moralischen Berechtigung.
- ↑ Die Kommentatoren sind unter sich uneins, in welchem Sinne die Aussprüche des Gau Dsï gemeint sind. Die älteren fassen sie mit Beziehung auf die anderen: »Wenn ich Worte höre, die mir nicht angenehm sind, so frage ich nicht, wie sie gemeint sind; wenn ich einer Gesinnung begegne, die mir nicht freundlich ist, so frage ich nicht darnach, mit welcher Kraft sie sich äußert.« Die späteren Kommentare fassen es subjektiv: »Wofür ich keinen Ausdruck finde, danach suche ich nicht in meinem Herzen (ich lege es einfach beiseite). Was ich in meinem Herzen nicht erreiche, an dessen Erreichung setze ich nicht meine animalische Kraft.« Für die zweite Auffassung spricht die Art, wie Gau Dsï in VI, A die Sätze, die er dem Mong Dsï gegenüber nicht durchbehaupten kann, einfach fallen läßt. Die ganze Abhandlung ist wohl ein Versuch des Mong Dsï, sich über das taoistische Problem der Pflege des Lebens von seinem Standpunkt aus zu äußern. Auf die Taoisten mit ihrem »Nichthandeln« geht die Bemerkung über die Leute, die bei der Pflege der Lebenskraft gar nichts tun, wie die, die das Unkraut wachsen lassen. Andererseits bringt er gegen Leute wie Gau Dsï die Geschichte von dem Mann aus Sung – dem Land der Parabeln (vgl. Liä Dsï und Dschuang Dsï) – der dem Getreide beim Wachsen helfen will. Das Problem, über das zu reden dem Mong Dsï nicht besonders leicht gefallen zu sein scheint, ist das Verhältnis von Geist und psychischer Energie. Die Pflege dieser Kraft geschieht durch moralisches Leben und zwar nicht durch einzelne Handlungen, sondern einen gewohnheitsmäßigen, zum Charakter sich entwickelnden Habitus. Dieses gewohnheitsmäßige pflichtmäßige Handeln entspricht aber eben der inneren guten Anlage, ist dem Menschen naturgemäß. Es ist nicht, wie Gau Dsï das auffaßt, etwas Willkürliches.
- ↑ Der Text ist hier offenbar etwas verderbt, wie die aus III, B, 9 in den Zusammenhang versprengten Worte zeigen. Außer diesen Worten findet sich noch folgender Passus: »Dsai Wo und Dsï Gung waren geschickt im Reden; Jan Niu, Min Dsï und Yän Yüan sprachen gut und handelten tugendhaft. Meister Kung vereinigte die Eigenschaften der Schüler, und dennoch sagte er: ›Im Reden bin ich nicht geschickt‹.« Die genannten Namen sind die der bekanntesten Konfuziusjünger, die in Lun Yü häufig vorkommen. Die Kommentatoren sind sich darüber uneinig, ob diese Worte von Mong Dsï oder, was besser in den Zusammenhang paßt, von Gung-Sun Tschou gesprochen werden. Übrigens bergen sie auch textliche Unklarheiten, weshalb wir es vorgezogen haben, sie aus dem Zusammenhang zu streichen.
- ↑ Dieses Gespräch findet sich in dieser Form nicht in den Lun Yü. Doch vergleiche man Lun Yü VII, 2 und 33, wo vielleicht nur eine andere Version desselben Überlieferungsstoffes vorliegt. Solche Vergleiche sind übrigens sehr interessant, weil sie einen Blick eröffnen in den Zustand der konfuzianischen Schultradition vor der schriftlichen Fixierung.
- ↑ Be I und Schu Tsi, die beiden Prinzen von Gu Dschu aus dem Ende der Yindynastie, starben Hungers auf dem Schou-Yang-Berge 1122 v. Chr. I Yin, der Minister des Vollenders Tang, des Begründers der Yindynastie, und seines Enkels und Nachfolgers Tai Gia starb 1720 v. Chr.
- ↑ ch: »Wie sollte der, dem ich diene, nicht mein Fürst sein?«
- ↑ Zu der Verehrung des Meisters Kung vgl. Maß und Mitte (Dschung Yung) 30-32; Lun Yü XIX, 23-25. Um diese Hochschätzung zu verstehen, muß man die Stellung Kungs im Mittel- und Wendepunkt der chinesischen Kultur in Betracht ziehen. Diese Aussprüche des Mong Dsï zeigen aber auch, wie verkehrt die neuerdings hervortretenden Bestrebungen sind, den Mong Dsï auf Kosten Kung Dsïs zum Nationalheiligen zu stempeln.
- ↑ Siebenzig ist die traditionelle Zahl der Jünger Kungs.
- ↑ Vgl. Schï Ging III, I, 9 v. 6 bezieht sich dort auf die Könige Wen und Wu.
- ↑ Schu Ging IV, V, II, 3. Tai Gia ist der Enkel und Nachfolger Tangs.
- ↑ Die »Ritter« (Schï), lat. Equites, sind die Beamtenklasse. Es sind Leute, die sich nie von Leier und Schwert trennen, die gentlemen des alten China.
- ↑ Hier scheint der Text nicht in Ordnung zu sein, da zwei einander entgegengesetzte Besteuerungsarten vorgeschlagen sind, 1. Gebäudesteuer (tschen) ohne Warensteuer (dschang), 2. Platzsteuer (fa) ohne Gebäudesteuer (tschen). Vgl. I, B, 5, und I, A, 7.
- ↑ Nach Dschou Li XV, 11, wurde die Abgabe an den Pässen nur in schlechten Jahren erlassen. Möglicherweise ist hier der Text in Dschou Li korrupt.
- ↑ Nämlich bei der Bestellung des für den Fürsten ausgesonderten öffentlichen Landes. Es handelt sich hier um die Fron, die die Bauern von acht benachbarten Feldern auf dem neunten, königlichen, zu leisten hatten.
- ↑ Der Sinn ist dunkel. Es handelt sich wohl darum, daß die Kaufleute, welche Gebäudesteuern (tschen) bezahlten und nicht das Feld bebauen konnten, nicht auch noch zu den Strafsteuern für nachlässige Bauern herangezogen werden sollten.
- ↑ Wörtlich: »Des Himmels Diener (tiän li).«
- ↑ Vgl. I, A, 7. Dieses Mitleid ist nach Mong die natürliche Grundlage aller Tugenden, die angeborene Güte menschlicher Natur.
- ↑ Die Übersetzung: »Wer kein Mitleid im Herzen hat, der ist kein Mensch (sondern ein Tier)«, nach der es sich um eine Beschimpfung anders Gearteter handelte, ist nicht dem Text bei Mong entsprechend.
- ↑ »duan« Anfang, hier soviel wie »die Möglichkeit«, das »potentielle« Vorhandensein.
- ↑ Das chinesische Wort »dslang« bedeutet an sich nur Handwerker, hier nach Dschau Ki prägnant gemeint.
- ↑ Vgl. Lun Yü IV, 1. Wie in der Anmerkung dort bereits bemerkt, hat Mong Dsï eine andere Auffassung. Er faßt li (sonst = Platz, Wohnort) = gü verweilen. Der Sinn des Ganzen wäre demnach: »Bei einer Lebensstellung ist die Möglichkeit zur Betätigung der Liebe das Schönste. Wer die Wahl hat und nicht einen Beruf wählt, in dem er Liebe üben kann, wie kann der weise genannt werden?« Vgl. die folgende Erklärung.
- ↑ Vgl. die Bemerkungen Kungs über das Bogenschießen in Lun Yü III, 7, 16.
- ↑ Die grammatikalische Struktur ist ziemlich diffizil. Der Sinn ist unzweifelhaft der, daß der Konfuziusjünger Dsï Lu zwar dem Guten nachstrebte, aber dabei noch die eigene Person im Auge hatte, der Große Yü die der anderen, und daß für Schun sozusagen das Gute die Lebensluft war, in der er mit den anderen gemeinsam lebte. Der Unterschied von Mein und Dein fiel hierin für ihn weg. Er trat mit seiner Person zurück und förderte dadurch die Aktivität der anderen im Guten. Die Sage berichtet von seiner Anziehungskraft auf die Menschen, daß, wo er sich niederließ, sei es auf dem Li-Berge zum Pflügen, sei es am Gelben Fluß als Töpfer, sei es am Donnersee zum Fischen, in seiner Umgebung immer Städte entstanden.
- ↑ Wörtlich: »Die Zeit des Himmels kommt dem Vorteil der Erde nicht gleich. Der Vorteil der Erde kommt der Einigkeit der Menschen nicht gleich.« Es handelt sich wohl um ein altes Sprichwort, das auch von We Liau und Sün Dsï zitiert wird. Mong Dsï macht die Anwendung auf die Bedingungen, die wichtig sind zur Erlangung der Weltherrschaft.
- ↑ Die Kommentare bemerken, daß hier wohl ein Irrtum vorliege. Die Vorstadt einer Stadt von drei Meilen (Li) könne höchstens fünf Meilen groß sein.
- ↑ Anspielung auf den König Wen.
- ↑ Die Geschichte spielt während des Aufenthaltes Mongs in Tsi. Er hatte keine Anstellung. Daher konnte er der Sitte nach von sich aus den König besuchen; doch hatte der König nicht das Recht, ihn, der als Gast im Lande weilte, zu Hof zu befehlen. Obwohl Mong eben von sich aus zu Hofe wollte, und andererseits die Art, wie der König ihn rufen läßt, sehr höflich ist, hält er es dennoch mit seiner Würde als Weiser und Reformator nicht vereinbar, dem Ruf des Königs Folge zu leisten. Daher schützt er Krankheit vor. Um den König nicht in Zweifel zu lassen, daß es nur eine vorgeschützte Krankheit war, geht er an dem Tage, an dem er zu Hof geladen war, aus, um in der Familie Dung-Go (»Ostheim«, einem entfernten Zweig des fürstlichen Hauses) einen Besuch zu machen. Sein Sohn (oder Neffe?) Mong Dschung Dsï ist zu Hause, und als er die Boten des Königs empfängt, sucht er seinen Vater durch eine Ausrede zu entschuldigen und ihn hinterher durch Boten überreden zu lassen, die Sache durch Erscheinen bei Hof wieder gut zu machen. Mong Dsï geht nun natürlich erst recht nicht. Um dem König beizubringen, worum es sich handelt, geht er zu dem Minister Ging Tschou, von dem er sicher war, daß er seine Worte dem König hinterbringen werde. Die ganze Geschichte gibt einen guten Einblick in die chinesische Handlungsweise in solchen Fällen, die von der europäischen sehr stark abweicht. Man vergleiche hierzu das analoge Verhalten Kungs, Lun Yü XVII, 20.
- ↑ Tschen Dschen ist ein Schüler des Mong. Die Geschichte ist in das Jahr 312 zu verlegen. Die Wanderlehrer pflegten von den Fürsten, durch deren Länder sie kamen, freiwillige Gaben zu bekommen, von denen sie sich nährten. Der Abschnitt zeigt, welchen Wert Mong darauf legte, daß bei solchen Geschenken das Dekorum gewahrt wurde.
- ↑ Das Erlebnis fällt vermutlich in die Zeit der Reise von Liang nach Tsi (319). Ping Lu war eine Exklave von Tsi, in der Nähe des heutigen Yändschoufu in Südwestschantung.
- ↑ Tschi Wa war ein hoher Beamter in Tsi. Er hatte zunächst die Grenzstadt Ling Kiu (im heutigen Dung Tschang Fu, Schantung) inne, bewarb sich dann um das Amt eines Strafrichters bzw. obersten Aufsehers des Gefängniswesens (vgl. I, B, 6, dort mit Kerkermeister übersetzt). Als solcher hatte er Gelegenheit, dem Fürsten Vorstellungen zu machen, wenn die Verhältnisse im Volke zu viele Strafen nötig machten.
- ↑ Gung-Du ist der Name eines Schülers von Mong, der ihm die Spottreden der Leute von Tsi hinterbringt. Daß Mong so lange in Tsi blieb, hat seinen Grund darin, daß er hier trotz allem die meisten Hoffnungen hatte, etwas fertig bringen zu können. Der Abschnitt fällt wohl früher als der nächste, in dem er ein Amt in Tsi angenommen hatte, vermutlich Ende 314 oder Anfang 313.
- ↑ Der Abschnitt fällt in das Jahr 313. Damals hatte Mong ein Ehrenamt (King = Minister) in Tsi. Der Auftrag, im Namen des Königs in Tong das Beileid anläßlich des Todes des dortigen Fürsten auszudrücken, scheint ebenfalls mehr ein Ehrenamt für Mong gewesen zu sein. Jedenfalls wurde ihm die Erfüllung durch Mitsendung des unwürdigen Günstlings Wang Huan sehr verbittert. Da Wang alles zu wissen vorgibt und nicht fragt, hält sich Mong auf dem ganzen Wege in Reserve. Über den Staat Tong vgl. Buch III.
- ↑ Der Abschnitt fällt in das Jahr 313. Damals hatte Mong ein Ehrenamt (King = Minister) in Tsi. Der Auftrag, im Namen des Königs in Tong das Beileid anläßlich des Todes des dortigen Fürsten auszudrücken, scheint ebenfalls mehr ein Ehrenamt für Mong gewesen zu sein. Jedenfalls wurde ihm die Erfüllung durch Mitsendung des unwürdigen Günstlings Wang Huan sehr verbittert. Da Wang alles zu wissen vorgibt und nicht fragt, hält sich Mong auf dem ganzen Wege in Reserve. Über den Staat Tong vgl. Buch III.
- ↑ Dieser Vorfall gab dem Günstling des Fürsten von Lu Anlaß, dem Mong den Vorwurf zu machen, er habe bei der Beerdigung seiner Mutter zu viel Pracht aufgewandt (I, B, 16). Der Schüler Tschung Yü wartet die drei Jahre Trauerzeit ab, die Mong in Lu verbringt, und wagt sich erst dann mit seiner Frage hervor, als Mong nach Tsi zurückkommt.
- ↑ Schen Tung war ein hoher Beamter aus der Umgebung des Königs Süan von Tsi. Mong war damals als Ehrengast in Tsi. Die Chronologie ist bei Si-Ma-Tsiän, der auf Mong Dsï keine Rücksicht nimmt, gänzlich in Unordnung. Nach ihm fiele der Vorgang unter den König Min von Tsi. Alles wird glatt, wenn wir die Chronologie der Bambusannalen akzeptieren, die mit Mong vorzüglich stimmen. Danach fällt die Expedition gegen Tsi in das siebente Jahr des Königs Süan (314 v. Chr.). Es ist dieselbe, von der I, B, 10 die Rede war. Der König Kuai von Yän war 320 auf den Thron gekommen und hatte – wie er meinte, in Nachahmung von Yau, wie Mong hier urteilt, in anmaßender Weise, ohne Rücksicht auf den Kaiserlichen Lehensherrn – den Thron an seinen Minister Dsï Dschï abgetreten, woraus in Yän Unruhen entstanden, in die Tsi eingriff. Mong lehnt die Verantwortung für das Vorgehen von Tsi ab, weil es nicht die moralische Berechtigung dazu gehabt habe.
- ↑ Der König schämte sich, weil er den Rat, den Mong Dsï ihm gegeben hatte (vgl. I, B, 10 u. 11), nicht befolgt hatte und die üblen Folgen nun ans Licht kamen. Der Höfling Tschen Gia weiß aber eine Ausrede. Selbst der Heilige Fürst von Dschou, der Bruder des Königs Wu, das Idealbild eines Herrschers nach Mong Dsï, hat auch mit Aufständen zu kämpfen gehabt. Wie kann man da einem gewöhnlichen Sterblichen einen Vorwurf machen, wenn ihm so etwas vorkommt?
- ↑ Güte (Jen, Sittlichkeit) und Weisheit (Dschï) sind die beiden Eigenschaften, die vereint die Heiligkeit ausmachen.
- ↑ Der historische Sachverhalt ist nicht ganz klar. König Wen hatte 10 Söhne; gut bezeugter Überlieferung nach war Fa, der nachmalige König Wu, der zweite, Dan, der nachmalige Fürst von Dschou, der dritte. Guan Schu (Hiän) wäre demnach ein jüngerer Bruder gewesen. Als König Wu den Tyrannen Dschou Sin getötet hatte, verlieh er einen kleinen Staat Sang an die Nachkommen der Yindynastie, damit die Opfer für deren Vorfahren nicht unterbrochen würden. Zur Beaufsichtigung dieses Staates wurden jedoch einige Glieder der eigenen Familie bestimmt. Es ist das noch ein Akt des Königs Wu, so daß Tschen Gia nicht Recht hatte, als er diese Handlung auch dem Fürsten Dschou zuschrieb. Die Brüder schienen jedoch, während der Regentschaft des Fürsten Dschou für den unmündigen Sohn des Königs Wu, Fronde gemacht zu haben. Sie warfen ihm vor, daß er seinen jungen Neffen, den Kaiser, benachteiligen wolle. Schließlich gingen sie zur offenen Empörung über, die vom Fürsten Dschou mit rigoroser Strenge niedergeworfen wurde. Trotzdem dieses Ereignis der Schmerz seines Lebens blieb, konnte er nicht anders vorgehen, wenn die neue Dynastie nicht in den Wurzeln ihrer Existenz gefährdet werden sollte. Mong führt zur Entschuldigung des Fürsten Dschou an, daß Guan Schu der ältere Bruder gewesen sei, dem jener schon aus Pietät alles Gute zutrauen mußte.
- ↑ Dieses erste Beisammensein bezieht sich wohl auf den ersten Aufenthalt des Mong in Tsi im Jahre 319, der durch die Trauerzeit in Lu unterbrochen wurde (317-315), worauf der zweite Aufenthalt in Tsi von 315-312 folgte. Auf das Ende dieses Aufenthaltes fallen die Ereignisse der verschiedenen Abschnitte am Schluß des zweiten Buches. Mong hatte die Ehrenstellung eines »King« (Minister), die er ohne Gehalt bekleidet hatte, aufgegeben und sich zunächst ins Privatleben zurückgezogen. Doch zögerte er offenbar, Tsi zu verlassen, in der Hoffnung, der König könne vielleicht doch noch für seine Lehren gewonnen werden. In dieser Hoffnung sah er sich enttäuscht. Der König suchte ihn zwar zu halten, aber nicht, indem er ihm zu folgen versprach, sondern indem er ihm materielle Verbesserungen seiner Lage in Aussicht stellte.
- ↑ Schï Dsï ist ein Mann aus der Umgebung des Königs. Das Angebot des Königs, das Schï Dsï überbringen sollte, war freigebig. Die Fürsten des damaligen China liebten es, ähnlich wie die Renaissancefürsten Italiens, Gelehrte an ihren Hof zu ziehen. Sï-Ma Tsiän erwähnt, daß am »Korntor« (Dsï men), der Hauptstadt von Tsi, an die Tausend solcher Wandersophisten beherbergt wurden; Mong sollte offenbar etwas besser gestellt werden als diese Scharen. Tschen Dsï ist Mongs Jünger, Tschen Dschen, der in II, B, 3 erwähnt ist.
- ↑ Schï Dsï ist ein Mann aus der Umgebung des Königs. Das Angebot des Königs, das Schï Dsï überbringen sollte, war freigebig. Die Fürsten des damaligen China liebten es, ähnlich wie die Renaissancefürsten Italiens, Gelehrte an ihren Hof zu ziehen. Sï-Ma Tsiän erwähnt, daß am »Korntor« (Dsï men), der Hauptstadt von Tsi, an die Tausend solcher Wandersophisten beherbergt wurden; Mong sollte offenbar etwas besser gestellt werden als diese Scharen. Tschen Dsï ist Mongs Jünger, Tschen Dschen, der in II, B, 3 erwähnt ist.
- ↑ 100 000 Maß war das Gehalt eines Ministers (King), auf das Mong Dsï offenbar seinerzeit verzichtet hatte, sich mit einem Ehrenamt begnügend.
- ↑ Hier scheint der Text verderbt zu sein. Ganz unvermittelt steht der Satz: »Gi-Sun sprach: ›Sonderbar‹, Dsï Schu war zweifelhaft« mitten im Zusammenhang. Gi-Sun und Dsï Schu werden als Jünger Mongs genannt; möglich, daß der Satz nach oben gehört, hinter »Tschen Dsï sagte die Worte des Schï Dsï dem Mong Dsï an«. Eine derartige Verlagerung könnte bei der Umschreibung des Textes von den Bambustafeln der alten Zeit auf die Rollen leicht vorgekommen sein. Die Ausführungen des Mong waren dann zur Zerstreuung der Zweifel seiner Schüler gegeben. Die Auskunft, ein Zitat des Mong anzunehmen: »Gi-Sun (das wäre dann ein Glied der Gi-Sun-Familie in Lu zu Kungs Zeit) sprach: ›Ein seltsamer Mensch war Dsï Schu I‹« (wobei das I = zweifelhaft zum Namen gezogen wird!) ist sehr gezwungen. Namentlich muß der genannte Dsï Schu I erst künstlich hergestellt werden. Man wird daher die vorliegende Emendation der Übersetzung von Legge und Couvreur, die beide Dschu Hi folgen, empfehlen dürfen.
- ↑ Diese Haltung des Mong war absichtlich, um den Beamten zum Fragen zu veranlassen.
- ↑ Tsi = Dschai. Andere Übersetzung: »Ich habe mich lange ehrerbietig vorbereitet« ...
- ↑ Herzog Mu von Lu regierte von 409-377 v. Chr. Der Enkel des Kung Dsï, Dsï Sï, weilte als hochgeehrter Lehrer in Lu. Der Fürst hatte immer einen Vertreter in seiner Nähe, um seine Lehren in Empfang zu nehmen. Siä Liu war ein Weiser aus Tsi, Schen Siang war der Sohn des Konfuziusjüngers Dsï Dschang. Beide waren ebenfalls zu jener Zeit in Lu und hatten wenigstens ihrerseits einen Vertreter beim Fürsten, der für Durchführung ihrer Ratschläge sorgte. Die Meinung Mongs ist nun: »Statt daß man in Tsi ebenfalls Anstalten trifft, für Durchführung meiner Lehren zu sorgen, will man mich nur veranlassen, zurückzukehren, damit gleichsam die ganze Schuld des Bruches mir zuschiebend. Darin liegt eine schlechte Behandlung, die ich mir nicht gefallen lassen kann.« Dennoch gab er die Hoffnung nicht auf, sondern wartete in Dschou, dem südwestlichen Grenzort von Tsi, drei Tage, ob der König sich nicht eines Besseren besinne. Vergebens!
- ↑ Yin Schï, ein sonst nicht genannter Mann aus Tsi.
- ↑ Gau Dsï ist der bei Dschau als zwölfter Jünger genannte.
- ↑ Tschung Yü ist der bei Dschau als fünfter genannte Jünger.
- ↑ Mong macht hier den Unterschied zwischen berufenen Heiligen auf dem Thron, die für Jahrhunderte hinaus die Weltordnung festlegen, wie Yau, Tang, Wen usw. (Schong Jen) und den Würdigen (Hiän Jen), die wenigstens in ihrem Geschlecht die »Namen in Ordnung bringen«. (Über das in Ordnung bringen der Namen vgl. Franke, Von der Richtigstellung der Bezeichnungen, und Lun Yü XIII, 3). Zu den letzteren rechnet sich Mong offenbar selbst. Und zwar weiß er sich als den einzigen in seinem Geschlecht, darum die Verzweiflung, als er keinen Fürsten findet, der auf seine Lehren hört.
- ↑ Nach Dschau wäre zu erklären: »Ich hatte zwar die Absicht, wieder zu gehen, doch wollte ich nicht so abrupt abreisen, um nicht den Anschein einer scharfen Verurteilung des Königs zu geben. Darum blieb ich zwar zunächst, aber ohne Gehalt, um mir den Rücktritt jeder Zeit zu ermöglichen.«
- ↑ Dieser Posten eines Ratgebers war, wie aus dieser Stelle deutlich hervorgeht, ein unbezahltes Ehrenamt.
- ↑ Der Herzog Wen von Tong, der hier als Kronprinz auftritt, ist derselbe wie der in I, B, 13-15 erwähnte. Der hier erzählte Vorfall ist wesentlich früher. Er schließt sich an die Abreise Mongs aus Tsi an und fällt ins Jahr 311.
- ↑ Die Beunruhigung könnte darin liegen, daß die Vorbilder eines Yau und Schun zu unerreichbar und hoch seien. Demgegenüber betont Mong, daß der Weg Einer ist, daß, was jene von Natur hatten, auch durch Anstrengung errungen werden könne.
- ↑ Tschong Giän, der etwas anders geschrieben auch bei Huai Nan Dsï erwähnt wird, war ein Held wie etwa Mong Ben. Seine Worte: »Jener ist ein Mensch«, beziehen sich nach Dschau auf den Herzog Ging von Tsi, vor dem er sich nicht scheute.
- ↑ Yän Yüan, der Lieblingsschüler Kungs, steckt sich seine Ziele höher.
- ↑ Gung Ming I ist ein Schüler des Konfuziusjüngers Dsong Schen, der zu Dsï Dschangs Beerdigung gebeten wurde. Er nahm den König Wen und den Herzog von Dschou zu Vorbildern.
- ↑ Vgl. Schu Ging IV, 8, 1, 8 (Schuo Ming Piän), von Wu Ding gebraucht. Dschau erwähnt, die Stelle sei aus einem Paralipomenon zum Schu Ging.
- ↑ Der Tod des alten Fürsten von Tong fällt ins Jahr 301, also zehn Jahre nach dem vorigen Abschnitt.
- ↑ Jan Yu ist der Erzieher des Fürsten. Mong Dsï war zu jener Zeit von Sung in seine Heimat zurückgekehrt.
- ↑ Dieses Zitat steht als Ausspruch Kungs in Lun Yü II, 5.
- ↑ Die »Fürsten« sind hier mit Verachtung genannt. Ihre Bräuche sind die schlechten Sitten der Verfallszeit. Ihnen gegenüber appelliert Mong an das Altertum.
- ↑ Wörtlich: »Seit den drei Dynastien«, d. h. seit historischer Zeit.
- ↑ Das Haus von Tong leitet sich von einem Seitenzweig des Hauses Dschou her; die Bräuche von Lu, wo der Herzog von Dschou herrschte, waren maßgebend für alle Staaten, die zur Dschoufamilie gehörten. Es ist natürlich nicht wahr, daß der Herzog von Dschou die dreijährige Trauerzeit nicht eingehalten. Die lockeren Sitten waren erst später aufgekommen.
- ↑ Wo das steht, ist nicht gesagt: »Dschï« heißt einfach Aufzeichnung, Lokalchronik.
- ↑ Dieses Zitat findet sich in dieser Gestalt in Lun Yü nicht. Es ist eine erweiterte Kombination von Lun Yü XIV, 18 u. XII, 14. Auch hier ein Beweis, daß der Text der Lun Yü zu Mongs Zeit noch nicht feststand.
- ↑ Über die genauere Begründung vgl. Jahrbuch für Chinaforschung Bd. 1.
- ↑ Mong Dsï Wal Schu.
- ↑ Wai Schu.
- ↑ Buch I A, 7.
- ↑ Sün Dsï.
- ↑ Mong Dsï II B, 14.
- ↑ Vgl. Liä Nü Dschuan.
- ↑ Mong Dsï Wai Schu.
- ↑ Buch VI B, 13.
- ↑ Mong Dsï I B, 14.
- ↑ Vgl. Dschan Guo Dse.
- ↑ vgl. Wai Schu.
- ↑ Vgl. Wai Schu.
- ↑ Vgl. Schï Ging II, 4, 4 v. 4.
- ↑ Vgl. Lun Yü III, 11.
- ↑ Vgl. I, A, 2.
- ↑ Über den »Großen König«, den Großvater des Königs Wen, s. Abschnitt 15.
- ↑ Schï Ging IV, 1,1.
- ↑ Schï Ging III, 1,7, v. 5. Übersetzung von Strauß.
- ↑ Vgl. Schu Ging V, 1, Abschnitt 1, 7. Doch ist der Text bei Mong sehr stark abweichend.
- ↑ Schï Ging II, 4, 8. v. 13 mit einer kleinen Abweichung.
- ↑ Schï Ging III, 11, 4. Übersetzung von Strauß.
- ↑ Vgl. Abschnitt 15.
- ↑ Wörtlich: nach Tschu.
- ↑ Vgl. Dschou Li, Herbstbeamte, wo das Amt genannt ist.
- ↑ Schu Ging IV, II, 6. Der Text weicht etwas ab. Die hier erwähnte Geschichte ist dieselbe wie III, B, 5.
- ↑ Vgl. Dschuang Dsï III, 4: »Lösung der Bande durch Gott«.
- ↑ Über den Philosophen Gau Dsï, den Gegner des Mong, vgl. Buch VI, A, 1 ff.
- ↑ Über die hier genannten Jünger Kungs vgl. Lun Yü XI, 2.
- ↑ Vgl. Schï Ging I, XV, 2 v. 2, mit leichter Abweichung im Text. Dort von einem kleinen Vogel gesagt, der vorsorglich sein Nest instand setzt.
- ↑ Vgl. Schï Ging III, I, 1 v. 6. Leider war hier die Übersetzung von Strauß unbrauchbar.
- ↑ Über Liu Hia Hui vgl. Lun Yü XV, 13; XVIII, 2, 8.